Hinweise zur Transkription

Im Original in Antiqua gesetzter Text ist so ausgezeichnet.

Weitere Hinweise zur Transkription finden sich am [Ende des Buches].


Herrn de Charreards
deutsche Kinder

Die Geschichte einer Familie

von

Josephine Siebe


Carl Flemming und C. T. Wiskott A.-G.

Berlin


Schwester und Bruder zu eigen


Flemmings Bücher für jung und alt

Herausgegeben von Börries, Freiherrn von Münchhausen

Große Reihe Band 7

Die Abbildungen zeichnete Fritz Schiementz, den Umschlag Wilhelm Repsold. Alle Rechte, besonders das der Übersetzung, vorbehalten. Copyright 1922 by Carl Flemming und C. T. Wiskott A.-G., Berlin W 50


[1. Kapitel.]

»Itze kommense!«

Bubenstimmen gellten laut durch das in der Mittagsglut träge ruhende Dorf. Mädelstimmen tönten nach, waren heller, höher, sie drangen in die Häuser ein und jach erhob sich da und dort lautes Rufen. Fragen und Gegenfragen sprangen von Haus zu Haus, Holzpantoffeln klapperten, Türen, Fenster wurden aufgetan, neugierige Gesichter schauten, und selbst der alte Pfarrer sah müde aus dem Fenster seiner Wohnstube.

Und wieder gellten die Bubenstimmen laut. »Nune biegense um de Ecke!«

Der alte Lemnitzer Karl schrak zusammen in seinem Ofenwinkel, in dem er seine Tage verdrömelte. Verdattert richtete er sich auf. »Sind's Schweden?«

»Niche doch, Vater, die kommen nune nie mehr. Hab nur niche Bange, die Pösener Herrschaft kommt itze gefahren.«

»Die Schweden, die Schweden!« lallte der Alte verzagt. »Da passe du nur druff, die finden wieder her.«

»Es tut dir niemand mehr was!« Frau Katarine Merfen, des Alten verwitwete Tochter, strich mitleidig dem Vater über das verstörte Gesicht. »Se ham uns genug getan.« »Gotte doch ganz genug.« Und einen Augenblick schwankte die große, blonde Frau, und ihre Augen hatten den Schreckensblick von damals, als die Schweden auf »friedlichem« Durchzug in das Dorf gekommen waren. »Itze ist lange Friede,« sagte sie gut zu dem Alten, und wiederholte feierlich: »Friede.«

»Das Wasser vor drei Jahren war 'n Anzeichen, sie kommen wieder,« brummelte der Alte stöhnend. Er war völlig versponnen in das trübe Erleben der Vergangenheit, ihm schimmerte keine Gegenwartshoffnung mehr, kein Tagerleben machte ihn mehr froh.

Die Tochter trat an das Fenster. Draußen auf der Landstraße rollte schwankend, schwerfällig ein Reisewagen daher. Groß war er und ungefüge. Der neue Besitzer des dem Dorfe Bucha nahen Gutes Pösen, Monsieur Anthoine de Charreard, saß darinnen, schlank, vornehm; neben ihm seine junge Frau Sophia Christine.

Es war ein recht zaghaftes Weiberseelchen, was da in einer Ecke des Wagens fast versank. Sophia Christine war nie sonderlich lebhaft gewesen, bedrückt, verschüchtert war sie bisher durch ihre Tage gegangen, aber seitdem ihr Vater, der herzogliche Geheime Rat Ries in Jena ihr stolz den früheren Hofmeister der Herzöge von Weimar, Kammerjunker Anthoine de Charreard, als künftigen Gemahl vorgestellt hatte, war sie ganz verstummt. Aus übergroßer Liebe zu dem Manne, und aus Verwunderung darüber, daß ihr stillverschwiegenes Sehnen Erfüllung gefunden hatte.

Dem schönen Kammerjunker war die zierliche Frau, die da neben ihm im Wagen saß, bisher herzlich gleichgültig gewesen. Er ersehnte Freiheit von dem drückenden Zwang des Hoflebens, ersehnte, Herr auf eigener Scholle zu sein. Darum, nicht um der Frau willen, die er freien sollte, hatte er dem Plan seiner fürstlichen Freundin, die er heimlich Feindin nannte, der Gemahlin des Herzogs Bernhard von Jena zugestimmt. Die Herzogin Marie stammte aus Frankreich wie er, und als er einst die junge Herzogin von Tremouville kennen gelernt, war sie ihm lieb geworden. Das war vergangen, es gelüstete ihn nicht danach, der Narr der übermütigen, hoffärtigen Dame zu sein, und als sie ihm in einer bösen Laune eine Bürgerliche, die liebliche Jungfer Ries zur Gemahlin vorgeschlagen, hatte er ja gesagt. Niemand ahnte ja, wie der schönste Mann von Jena des Treibens müde war, das am Hofe herrschte.

Seit dem Tage, da Gaston de Charreard mit seinem Sohn und seiner Frau in das von Kriegsstürmen durchtoste Deutschland geflüchtet war, weil der hugenottische Edelmann des allmächtigen Richelieus Rache fürchten mußte, hatte der junge Anthoine wenig Ruhe in seinem Leben gehabt. Armut, oft Not, Lagerleben, Hofleben: hierhin und dorthin getrieben war er im Wirrsal der Zeit, bis er endlich durch Vermittlung seines Paten, des Herzogs von Tremouville und Thours, am Hofe zu Weimar Unterkunft als Hofmeister der beiden jüngsten Prinzen gefunden hatte.

Und nun lag die Unruhe hinter ihm und er sollte eingehen in den Frieden, er sollte seine feste Heimat finden. Ein Haus und eine Frau.

»Da sinse!« Aus dem Hause des Hannes Schurks drängten sich vier Kinder. Alle strohblond, rotbäckig; aus aufgerissenen Blauaugen starrten sie den Wagen an, zwei die Finger im Mund, zwei in der Nase. Allen vier Strohköpfchen aber mißlang die Verneigung, zu der Frau Anne-Marie Schurks, die Mutter, sie durch Püffe und halblaute Scheltworte aufforderte, so gründlich, daß die vier untereinander purzelten, als wäre der Sturmwind in sie hineingefahren. Sophia Christine sah es, und ein ganz holdes Lächeln lief über ihr Gesicht, und dies Lächeln sahen die Kindsmutter und Frau Katarine Merfen zu gleicher Zeit, und die Merfin redete in das Zimmer hinein: »Die wird gut, Vater.«

Die Kindsmutter sagte das auch, als sie ihre Vier, die Kleinen sacht, die größeren mit Püffen und Verweisen, wieder auf die Beine stellte. Es redeten viele im Dorf das gleiche Wort mit erleichtertem Herzen. Denn den Buchaer Bauersleuten war es nicht gleichgültig, wer auf Pösen saß. Das Gut war Kirchlehen, und jede zweite Woche mußte der Pfarrer von Bucha in der kleinen Hauskapelle des Gutes Gottesdienst halten. Dagegen hatte kein Buchaer etwas einzuwenden, auch das Hingehen hätten sie gern getan, nur mußte es in Kirchsachen heißen, gleich zu gleich, und weil der letzte Besitzer, der Herr von Nesselrode, nie die kleine Dorfkirche aufgesucht hatte, war man andauernd gekränkt gewesen. Bis dann beim letzten Schwedeneinfall, Anno 1647, die Not so groß wurde, daß in dem übermenschlichen Jammer Gekränktsein und Groll unterging. Den Herrn von Nesselrode hatten sie erschlagen, von sechs Bauernhäusern und einem Dorf, das zu Pösen gehörte, war ein einziger Hof übriggeblieben, und der kleine Buchaer Teich vor dem Pfarrhaus war rot gewesen vom vergossenen Blut. Und dabei hatte kein Einwohner den Durchziehenden sich feindlich gezeigt.

An diese vergangene Not, an all die Hoffnungen, die sich an sein Dasein knüpften, dachte der Herr de Charreard nicht. Der blinzelte träge, schlafumfangen in die helle Mittagssonne hinaus. Seine Frau dagegen sah jedes Haus, jeden Baum und Zaun, jedes Kind auf der Gasse: alles was lief, rannte, flatterte und gackerte. Wie ein Kind freute sie sich an allem Gegenständlichen, verglich alles mit dem dunklen Heimatgäßchen und dem feierlichen steifen Zuhause ohne Mutterwärme. Als sie ein paar Blumen am Wegrand blühen sah, erfaßte sie eine unbändige Lust, diese zu pflücken. Sie beugte sich weit hinaus, dachte, sie möchte dem Kutscher ein Haltegebot zurufen, und dann erschrak sie doch, als plötzlich der Wagen mit einem Ruck anhielt.

Herr de Charreard erwachte jäh aus seinem Halbschlaf. War das Ziel erreicht?

Doch nirgends war ein Haus zu erblicken, und er entsann sich, daß bei einem Ritt, dem einzigen, den er, bei trübem Winterwetter dazu, in die neue Heimat unternommen, der Weg sich tief gesenkt hatte.

Der Kutscher war abgestiegen, er trat an den Wagenschlag und fragte mit einem gutmütigen Klang in der Stimme: »Wollen Gnaden enmal aussteigen?«

»Aussteigen! Mon Dieu, ist Er toll geworden?«

»Ich heeße nich Mongieh, ich heeße Jakob. Und mit dem Aussteigen ist's wegen dem Umfallen. Manchmal fällt er, weil's runner gieht! Un manchmal nicht, wie das so ist!«

»Der Wagen?« Monsieur Anthoine de Charreard krauste die Stirn, und der Kutscher sah ihn bedenklich an. Aber da steckte schon die liebliche Frau den Kopf auf ihrer Sitzseite hinaus und rief mit heller Freude: »Ach ja, gehen!«

Anthoine de Charreard stieg aus, er sah nun auch, daß der Weg steil war; er hatte Altersfurchen, und bergab laufende Wasser hatten tiefe Rinnsale gegraben. Rechts stieg der Berg an, links ging es steil hinab, Wacholderbüsche standen da und dünnstämmige Pappeln. Tiefer sah man in die Kronen alter Linden, zur Seite ein Stück zerfallene Mauer mit Brandspuren, ein grüner Schleier darüber, allerlei liebes, feines Unkraut breitete sich schon über eine zerstörte Wohnstätte.

»Wir müssen gehen, ma chère, der Weg ist nicht agréable.« Herr Anthoine de Charreard half seiner jungen Frau aus dem Wagen, dann reichte er ihr die Fingerspitzen. Sophia Christine legte schüchtern ihre Finger an seine und so standen sie beide, als wollten sie zum Tanz antreten.

Sie merkten es bald, der lehmige Weg voller Schrammen und Risse war kein Tanzboden, drei Schritte, und Herr de Charreard rief unwillig: »Impossible.« Er sah seine junge Frau kummervoll an und sah zu seinem grenzenlosen Erstaunen ein heiteres Glänzen in den schönen Augen. »Blumen, ach Blumen,« rief Sophia Christine kindlich froh. Sie löste ihre Hand rasch aus der des Mannes, raffte ganz flink ihr Kleid zusammen und pflückte ein paar Adonisröschen, eine blaue Glockenblume und wilde Kamillen, die sie zierlich zum Strauße fügte.

Und als hätte ihr das bunte Kraut Schwungkraft gegeben, mit so leichter Anmut schritt sie heiter den Berg abwärts, ihr Fuß fand sicher den Weg, aber auf halber Höhe blieb sie stehen. Sie sah in die grüne blühende Lindenherrlichkeit hinein. Sie atmete den Duft, der schwer und süß die Luft erfüllte, und sah die blühenden Linden umdrängt, umsummt von Hunderten von Bienen. Die feinen Stiele der Blätter erzitterten, so heftig war der Ansturm des fleißigen, kleinen Volkes.

Sophia Christine stieg auf einen Wegstein. Was sie da hörte und sah, war ihr eine fremde Musik, noch nie gesehenes Leben. Wie die kleinen Tiere hin- und herflogen, manche ganz beschwert von gelbem Blütenstaub, wie sie emsig sich in die Blumen einbohrten, das war Arbeit und Mühe. Sophia Christine wußte nicht viel vom Tun der Bienen, aber sie sah den rastlosen Fleiß, und unwillkürlich knüpfte sie ein Band von diesem tätigen Leben zu ihrem Leben hin. Und eine junge, frohe Arbeitsfreude ergriff sie. Sie tat einen Hupfer, landete ein wenig schwankend auf dem Weg und wandte ihr Gesicht jetzt ohne alle Scheu dem vornehmen Gemahl zu und rief: »So möchte ich werden!«

»Wie, Madame? Sie träumen wohl!« Herr Anthoine de Charreard sah zum erstenmal recht die holdselige Anmut seiner jungen Frau, darüber ging ihm seine feierliche Steifheit etwas verloren: er trat neben Sophia Christine, die hurtig wieder den Stein erstieg und ihrem Mann das summende, blühende Sommerwunder der Lindenkronen wies.

Sie standen beide, sahen, wie die Bienen auf und ab flogen, die Blüten sich bogen; dem Herrn de Charreard kam dabei der Gedanke, daß er früher immer an eine vornehme Frau gedacht hatte, die mit ihm zu Hofe gehen sollte. Kein Hausbienchen. Aber nun sah er den Wind in den Locken seiner jungen Frau spielen, er sah ihr frohes Kinderlächeln, und ganz sanft umfaßte er sie, hob sie von dem Stein herunter und sagte: »Wir wollen heimgehen, Madame!«

Und wieder legte Sophia Christine ihre Hand nur lose in die des Mannes und dann gingen sie sacht nebeneinander den Weg abwärts unter den tief schattenden Linden dahin. Bis sich der Weg ein wenig bog und die junge Frau einen hellen Freudenruf ausstieß.

Im Tal lag ein stattliches Anwesen. Freilich das Dach des Wohnhauses und die Ställe waren schadhaft; aber vor dem Haus blühte auch eine mächtige Linde, wilder Wein und Efeu rankten sich an den Mauern hoch, in einem kleinen Terrassengärtchen glühten Rosen; Sonne und Himmelsblau gaben dem Bild Farbe und Freude. Hinter dem Hause stieg ein mit Nußbäumen bepflanzter Berg empor, gegenüber krönte Nadel- und Laubwald die Höhen, und durch das Tälchen rann ein kleiner Bach so heiterschnell wie Kinder laufen.

Sophia Christine dachte an das düstere Haus in Jena, in dem sie an der Seite eines harten Vaters eine freudlose Jugend verlebt hatte. Und hier war Glanz auf Wiesen und Wegen, Glanz auf den Höhen, Glanz über dem Haus. Ein sommerfrohes Summen und Singen erfüllte die Luft, und Herr Anthoine de Charreard sah in den Augen seines Weibes den Widerschein alles Sommerglanzes und da strömte auch ihm aus dem stillen Tal Heimatfrieden entgegen. Jetzt hielt er die Hand seiner Frau nicht mehr, als schritte er mit ihr zum höfischen Tanz, er hielt sie fest umschlossen, und so gingen sie beide schweigend dem Hause zu.

Am Wegende gackerte eine Henne. Goldbraun, behäbig, zehn Küchlein umpiepsten sie. Und Sophia Christine vergaß, daß es für eine Madame de Charreard, Gattin des Kammerjunkers Monsieur Anthoine de Charreard, nicht schicklich war, auf dem Boden zu hocken wie ein Spielkind. Sie kniete nieder, breitete ihr Kleid weit aus und ließ mit einem kinderfrohen Locken Glucke und Küchlein in diesen Hafen laufen. »Und sie gehören uns,« rief die junge Frau mit einem innigen Sington in der Stimme.

»Ja, sie gehören uns, Sophia Christine.« Auch der Mann vergaß den höfischen Umgangston, sein Herz redete, da kam der Name weich und zärtlich heraus. »Doch nun komm, sie erwarten uns am Hause.«

Vor dessen Tür drängte sich ein Häuflein Menschen zusammen. Drei Mägde, die eine ältlich, ein Hofverwalter, und neben dem Knecht standen noch zwei Männer und drei Frauen. Die waren von der jenseitigen Höhe von dem Dorfe Zimmritz gekommen, es waren die letzten Anwohner des einst zu dem Gute gehörigen Dorfes, das die Schweden völlig zerstört hatten. Sie standen hager, gebeugt da, aber wie die junge, liebliche Frau so daherkam, ein Lächeln auf den Lippen, fanden auch sie ein karges Lächeln, war es doch, als wehe ihnen der Sommerwind eine lichte Wolke entgegen.

Und Sophia Christine, die bis daher das schweigsamste Jüngferlein auf der Welt gewesen war, fand warme, gute Worte, als sie in die von Gramlinien durchzogenen Gesichter blickte und die harte Hand des Hofverwalters ihre Rechte umschließen fühlte. In ihrem Herzen sprang ein Quell auf, und eine Anmut kam in Wort und Blick, die das verschüchterte Kind daheim nie besessen hatte. Auch Anthoine de Charreard fühlte Wärme, Freude in sich, auch er, dessen Hochmut einst manchen gekränkt, redete ohne Herablassung, mit heiter sicherer Würde zu den Leuten.

Steife, stelzbeinige, seltsam verschnörkelte Glückwünsche mußten die Beiden aushalten, feierliche Verzierungen waren den Sätzen beigefügt, aber es schwang immer ein guter Unterton mit und die Begrüßung gab beiden Parteien, den neuen Besitzern, den Dienstleuten und Anwohnern, das Gefühl, es wird mit uns zusammenstimmen.

Zuletzt durchzitterte eine ganz leise Ungeduld Sophia Christines Herz. Die galt dem Haus. Das lockte sie, die Kühle, die ihr aus dem weiten Flur entgegenströmte, die geschlossenen Türen, die dicken Mauern, alles hatte einen besonderen Reiz für sie, und sie zog den Mann mit heiterer Schelmerei hinein, als die alte Magd Röse ernsthaft fragte: »Darf ich Gnaden das Haus zeigen?«

»Ach ja, ach ja!« Das Haus ansehen, das eigene Haus, die neue Heimat.

Die Zimmer und Flure waren niedrig, aber geräumig. Nach dem Hof hinaus lagen zwei Zimmer und ein kleiner Festsaal. In dem standen fremd, gar nicht dem Raume sich einfügend, ein paar weißlackierte, mit rotem Damast überzogene Stühle neben einem alten Eichenschrank. Die Stühle hatte die Herzogin Marie gesandt. Den Schrank hatte der Geheime Rat Ries aus dem Nachlaß der alten Frau von Nesselrode erstanden. Die Bilder der letzten Nesselrodes hingen noch an den Wänden, ein paar Zinkkannen standen auf dem Schrank. Ein wunderliches Gemisch von Prunk und Ärmlichkeit bildete auch die Einrichtung der anderen Stuben. Drei, vier neue Stücke, das andere aus dem Nachlaß erstandenes, zum Teil hundert und mehr Jahre altes Hausgerät. Es hatte keine liebevolle Hand Herrn Anthoine de Charreard und seinem jungen Weibe das Heim bereitet. Sie flatterten wirklich wie ein paar verflogene Vögel in ein fremdes Nest, fühlten aber doch rasch die Wärme des Nestes. Und Sophia Christine ging mit der hellen Freude einer ganz jungen Frau durch alle Räume des Hauses. Oben im obern weiten Flur blieben sie vor einem grünen Schrank stehen, er zeigte die Zahl 1618.

»Damals hat's angefangen, das Unglück,« sagte die alte Magd leise, »den hat unsere alte Gnädige mitbekommen, als sie geheiratet hat.«

Sophia Christine strich linde über das Holz, nickte versonnen und fragte: »Wo liegt die Frau begraben?«

»In der Kapelle. Beide.«

Ach ja, es war eine Kapelle im Hause. »Wir wollen hineingehen,« sagte Sophia Christine fromm. Sie faßte nach der Hand des Mannes und ging still neben der alten Beschließerin die Treppe hinab. Vom unteren Flur bog ein schmaler Gang ab. Der führte nach der Kapelle. Die Magd öffnete das schmale Türlein, das nach einer kleinen Empore führte. In der Wand war ein Loch, und das Holzgetäfel schien locker. Die Magd schob es zurück, eine kleine Kammer, fensterlos und muffig, wurde sichtbar. »Darin haben wir alle gelegen, als die Schweden hier waren,« redete die Alte dumpf in die Dunkelheit hinein. »Herregott, Herregott, war das eine Angst! Wenn sie uns gefunden hätten, wär's uns gegangen wie dem Lemnitzer, dem sie Jauche in den Hals gegossen haben, bis er schier verplatzt ist. Unsere alte, gnädige Frau hat den Husten gehabt, da hat sie zum Heine gesagt: ›Mach mich tot, mach mich tot, ich verrate euch sunsten.‹ Wir han ihr'n Bett übergelegt und han gedacht, sie verstickt uns, aber sie ist am Leben geblieben. Der Herr unser Gott hab' sie selig, sie war gut zu Mensch und Vieh.«

Die Rede sank Sophia Christine tief ins Herz. Frommes Bitten quoll in ihr empor: Gott, gib mir auch eine solche Nachrede: »Gut zu Mensch und Vieh.«

Und dann gingen die Eheleute von der Empore hinab in die kleine Kapelle und die Magd ließ sie allein: »Itze müssen die alleine sein mit dem Herrgott,« sagte sie draußen.

Allein mit Gott, sie waren es beide.

Die Kapelle war klein, schmucklos. Ein dürftig ausgestatteter Altar, ein paar welke Kränze an der der Tür gegenüberliegenden Wand, ein paar Bänke zur Seite und an der Decke ein Gottesauge.

Eine Schwalbe flatterte ängstlich hin und her, sie war durch ein kleines, offenstehendes Lukchen an einem der bunten, spitzbogigen Fenster hereingeflattert, huschte ängstlich über Altar und Kanzel hinweg und fand den Ausweg nicht. Da öffnete Sophia Christine die Tür, um die Gefangene hinauszulassen, und ein breiter Strom Sonne floß in die Kapelle. In seinem Glanz knieten Anthoine de Charreard und sein junges Weib vor dem Altar nieder, waren still, und ihre Herzen waren voll Dank.

Hand in Hand traten sie beide aus dem Hause, traten auf den Hof, und da sah Sophia Christine rechts einen losen Zaun, der einen Garten vom Hofe schied, dahinter blühte es rosig, und des Mannes Hand festhaltend, lief sie auf den Zaun zu und rief jauchzend: »Da blühen Rosen, Rosen. Ach wir haben Rosen. Viele Rosen.«


[2. Kapitel.]

Herr Anthoine de Charreard hatte sich das Leben eines deutschen Gutsherrn sehr viel leichter, viel heiterer und abwechslungsreicher gedacht. Er spürte es bald, Arbeit würde seine Tage ausfüllen, rastlose Arbeit, die ihn frühe rief und ihn bis zum Abend begleitete.

Das Kirchlehen Pösen, einst ein stattlicher Besitz, auf dem die ritterlichen Herren von Scheiding gesessen hatten, war halb verfallen. Die Ställe schadhaft, einer ganz niedergebrannt, zum Dach regnete es herein oder schien die Sonne ins Haus, je nach des Wetters Laune. Vieh stand nur wenig in den Ställen; es waren nur ein paar magere, kümmerliche Tiere, es fehlte an Futter- und Brotgetreide, es fehlte eigentlich an allem. Und wie im Haus und auf dem Hofe, so sah es auch auf den Feldern aus. Vor drei Jahren war in der Gegend eine große Wasserflut niedergegangen, die hatte Schutt und Steine auf die Felder gespült, hatte vernichtet, was in den letzten Jahren nach dem großen Kriege mühsam aufgebaut worden war.

Ein Landsitz für heitere Feste, frohe Gesellschaft war das Gut wahrlich nicht. Es war wie ein Hohn, wenn die junge Hausfrau in dem kleinen Saal, in dem die seidenüberzogenen Stühle standen, auf und ab ging, nachsinnend, womit sie in aller Welt nur in den nächsten Wochen den Tisch bestellen sollte.

Dazu war Herr de Charreard kein Landwirt. Er konnte fechten, reiten, jagen, verstand sich auf die Kriegskunst und konnte zierliche Wortgewinde flechten, wenn es galt, ein Hoffest zu verschönen, doch von Ackerbau und Viehzucht verstand er kein Tipfelchen. Auch fehlte es an Geld, um die Schäden auszubessern. Der Geheime Rat Ries hatte seiner Tochter den Leinenschrank gefüllt, er hatte ihr dürftigen Hausrat mitgegeben und fünfundzwanzig Taler für Not- und Sorgentage, damit meinte er genug getan zu haben.

An einem warmen Sommerabend nun ging ein schweres Gewitter über dem stillen Tal nieder. Sophia Christine verschlief Donner und Blitz, so müde war sie von ungewohnter Arbeit, aber als sachte von der Decke herab ein Rinnsälchen in ihr Bett lief und der Regen dachte, nach dem Hausboden muß es doch noch eine Stube zum Hineinlaufen geben, da weinte die junge Frau bitterlich.

Und Herr Anthoine seufzte und schrieb am nächsten Tag einen beweglichen Bittbrief an seinen Schwiegervater, und Sophia Christine fügte an den hochzuverehrenden, hochgeliebten Herrn Vater die alleruntertänigste Bitte um Hilfe hinzu.

Die Antwort kam bald, sie brachte bittere Enttäuschung.

Der Geheime Rat Ries gedachte sich nochmals zu vermählen mit einer Frau Sibylle von Hellfeld. Diese hatte Sophia Christine schon in deren Kindheit alles gebrannte Herzeleid zugefügt. Er bedauerte sehr, nicht helfen zu können, schrieb aber, er hätte submissest dero Gnaden der Frau Herzogin das Schreiben alleruntertänigst überreicht und allergnädigst Hilfe versprochen bekommen.

Noch am gleichen Tage überbrachte ein reitender Bote dem Herrn de Charreard zweihundert Taler, der Brief dazu war aber so demütigend für den stolzen Herrn, daß dieser das Geld seiner Frau in den Schoß warf und davonrannte. Marie de Tremouville rächte sich dafür, daß Anthoine de Charreard zu stolz gewesen war, ihren Pudel und Hausnarren zu spielen. Sie sandte ihm das Geld wie ein Almosen.

Sophia Christine hörte zitternd den Zorn ihres Mannes toben. Das war nicht mehr der feine, höfliche Herr, und sie spürte zum ersten Mal: sie war nicht seines Stammes.

Und dann verging Stunde um Stunde und Herr Anthoine kehrte nicht heim. Über dem stillen Tal glühte schon die Abendsonne, als Frau Sophia Christine ihren Mann suchen ging. Der Weg führte sie durch den Leutragrund, und dabei gelangte sie an das einzige noch stehende Bauernhaus; auf halbem Wege zum Walde lag es. An dem kleinen Haus verließ die junge Frau der Mut, so allein weiterzugehen in den sinkenden Abend hinaus. Scheu klopfte sie bei den Bauersleuten an, die sie erst einmal flüchtig gesehen hatte.

In der niederen, holzgetäfelten Stube saß der Rabenvater, er las in einer Bibel, und neben ihm saß stille die Rabenmutter und spann.

Die alten Leute wurden nach ihrem Namen so genannt, denn Rabeneltern waren sie, weiß der allmächtige Himmel, nicht gewesen. Nur schwer geprüfte, hart geschlagene, arme Eltern. Drei schöne, blühende Kinder hatten die Soldaten aus Übermut mit fortgeschleppt. Wohin? Niemand wußte es. Nur den Jüngsten, der damals ein Büblein von fünf Jahren gewesen war, den hatte die Mutter im Hühnerstall bergen können.

»Herr erhöre mein Gebet und vernimm mein Flehen um deiner Wahrheit willen,« tönte die Stimme des Bauern drinnen in der dämmrigen Stube.

Und draußen am Fenster stand holdselig wie der Frühling Sophia Christine in ihrer Herzensnot, und ihr zages Klopfen wurde noch einmal von dem dröhnenden Wort übertönt: »Erlöse mich um deiner Gerechtigkeit willen!«

»O du lieber Heiland,« rief innen plötzlich die Rabenmutter, »da steht ja die gnädigste Frau vom Schlosse und weint.«

Ja, Sophia Christine weinte, und es erschien ihr auf einmal ganz selbstverständlich, daß sie all ihre Not der alten, schlichten Frau in den Schoß schüttete, so wie ein Kind sein zerbrochenes Spielzeug: »Nun hilf mir du.«

Sophia Christine war nach dem frühen Tode ihrer Mutter ein einsames Kind gewesen und durch die Strenge des Vaters ein verschüchtertes Kind geworden. Ihr Seelchen war immer verschlossen geblieben, nie hatte eine Frau sie mütterlich im Arm gehalten, wie es jetzt die alte Bäuerin tat. Und der Madame de Charreard kam das gar nicht seltsamlich vor, daß sie der alten Bäuerin ihre große, große Angst um den Gemahl verriet.

Die Rabeneltern hatten ihn reiten sehen, und der große, blonde Bursche, der als Büblein im Hühnerstall gesteckt hatte, erbot sich, gleich nach dem Walde zu gehen. Vielleicht fand er die Pferdespur.

»Ich gehe mit,« rief Sophia Christine in ihrer großen Herzensangst.

»Das is niche gut. Der Christian setzt seine Beine schneller, das schafft besser.« Der Rat der Frau war verständig, und die Jüngere fügte sich der klugen Rede. Sie ließ sich in die Stube führen, und wie sie den alten Bauer am Tisch stehen sah, seine Hände fest über der Bibel gefaltet, und er sie mit seinen eigentümlich hellen Falkenaugen ansah, bat sie unwillkürlich: »Ach, lest doch weiter.« Sie schluckte an ihren Tränen.

Der Rabenvater nickte. Seine Stimme dröhnte, er las den Psalm bis zum elften Vers und Sophia Christine saß still neben der alten Frau und ihre Tränen waren versiegt, als der Bauer schloß: »Herr, erquicke mich um Deines Namens willen; führe meine Seele aus der Not, um Deiner Gerechtigkeit willen. Amen!«

»Amen.« Sophia Christines Stimme klang mit denen der alten Leute zusammen, da fiel ein Schatten dunkel in die Stube, draußen stand Anthoine de Charreard. Der junge Christian hielt sein Pferd.

Ein Lächeln lief über das Gesicht des Mannes, als er den Freudenblick seines Weibes sah. Er grüßte ganz heiter, als wäre nichts gewesen, und er, der sich bisher etwas kühl von diesen Leuten zurückgehalten hatte, trat auch in die niedrige Stube. Freilich, seine Stimme klang herablassend, er nahm den angebotenen Platz auf der langen Bank ein, trank auch die Milch, die die Rabenmutter ihm reichte, es war zu spüren, es war ein Fremder in der Stube. Immerhin fragte er höflich nach Leben und Sitten, der Rabenvater gab Antwort.

Knapp die Fragen, karg die Gegenrede. Dann lief das Gespräch aus der Gegenwart in die Vergangenheit zurück. Da stand die Rabenmutter auf und ging still hinaus. »Sie kann's niche ertragen,« murmelte der Alte.

»Was denn?«

»Das von den Kindern.« Kaum ein Dutzend Worte brauchte der Alte und schauernd durchlebten Anthoine de Charreard und sein junges Weib die Nacht mit, in der rote Glut über dem Tal gelegen und die Soldaten die schönen, jungen Töchter und blonden Buben mitgenommen hatten. Wohin, Gott wußte es! In Elend und Verderben hinein. Sechzehn Jahre waren es her, seit der schreckliche Wrangel das Thüringer Land durchzogen hatte nach Franken hinein. Der Schluß war's, aber unser Gott im Himmel weiß es, ein höllischer Schluß.

Schweigen herrschte in der Stube. Bis sich die Türe auftat und die Bäuerin hereintrat. Anthoine de Charreard, der es besser gelernt hatte, als sein tieferbleichtes Weib, ein Gespräch in ein anderes Rinnsal zu lenken, begann von Feld- und Hauswirtschaft zu reden. Ein wenig obenhin nur. Was konnte ihm der alte Bauer auch sagen. Doch er stutzte bald. Er merkte es, er war an einen gekommen, der mehr wußte als was ein Pferd und ein Pflug ist. Der Rabenvater wußte Bescheid. Nicht auf den paar Stücken Land allein, die ihm gehörten, sondern auch auf der Pösener Gemarkung. Der alten Frau von Nesselrode hatte er oft mit Rat beigestanden. Aber er drängte seinen Rat nicht auf und Herr Anthoine de Charreard mußte manche Frage tun. Der Rabenvater ließ sich die Worte aus dem Munde ziehen. Zäh, bedachtsam, mit Pausen setzte er eins neben das andere und nach einer Stunde wußte Herr Anthoine de Charreard, daß er noch weniger von der Landwirtschaft verstand, als er geahnt hatte. Es war beschämend. Aber als er in die falkenhellen Augen des Rabenvaters blickte, da las er darin nicht Spott über sein Nichtwissen, sondern den ehrlichen Willen, zu helfen.

»Wir müssen gehen, Sophia Christine, es ist spät geworden.« Der Gutsherr stand auf, er streckte dem Alten die Hand hin und sagte ganz einfach: »Jetzt weiß ich, wo ich mir Rat holen kann, wenn ich den brauche.«

»Wenn der gnädige Herr mich braucht, ich bin alleweil bereit,« gab der Rabenvater zurück.

»Auf gute Nachbarschaft!« Sophia Christine wunderte sich selbst über ihr Wort, aber da ihr Mann lächelte, kam wieder das frohe Läuten in ihr junges Herz, das sie zuerst vernommen, als sie beide unter der blühenden Linde gestanden hatten am Tage des Einzuges. –

Die Sonne war gesunken, aber noch lag das Tal in warmem, rotem Glanz. Die Grillen zirpten, der Abendwind harfte lind in den Bäumen und ferne glänzte das Haus herüber, das die Leute Schloß nannten, und das doch nur ein gutes, festes Familienhaus war.

Herr de Charreard und seine Frau gingen Hand in Hand ihrer Heimat zu. Unterwegs erzählte der Mann, wo er gewesen war. An einer Wassermühle im Grund war er vorbeigeritten, einen einsamen Waldweg entlang, bis zu einem Dorf. »Dürrenkleina« hatten es seine Bewohner genannt, von da hatte er den Blick frei gehabt nach dem Saaletal hinab.

»Ich sah auch nach Jena hin, meine liebe Hausfrau du,« schloß er die Erzählung.

»Mit Sehnsucht?« fragte Sophia Christine scheu.

»Nein, die empfand ich nicht.« Anthoine de Charreard atmete tief auf. »Es ist ein schönes Stück Land, das uns gehört, Sophia Christine,« sagte er ernst. »Aber es ist Land, das harte Arbeit braucht. In Arkadien leben wir nicht, mein Weib. Lust und Freude wird uns karg bemessen sein. Arme Sophia Christine, es ist ein rechtes Bettelbrot, das du erheiratet hast.«

»Gott segne uns das liebe Brot!« Sophia Christine rief es froh. »Ich heiratete die Armut nicht. Wir haben eine Heimat und – es ist Friede.« Ihre Stimme sank, sie hörte wieder den alten Bauern erzählen. Und halb zu sich selbst sprach sie: »Wir müssen sehr gut sein zu den Leuten, die zu uns gehören, sie haben sehr viel gelitten.«

Herr Anthoine de Charreard hörte an dem Wort vorbei. Das Gutsein war Frauensache. Seine Gedanken umspannten die Arbeit. Er baute, säete, pflanzte, legte Gärten an, richtete alles stattlich in Gedanken auf. Es war ihm dabei zumute wie als ganz jungen Burschen im ersten Gefecht, eine Lust zur Tat schrie in ihm. Damals hatte er zerstört, gedankenlos, und er hatte das Zerstören als Wonne empfunden, jetzt dachte er an ein Aufbauen, und er spürte, die Freude würde stärker sein. Er nahm ein kleines Jagdhorn, das er beim eiligen Fortreiten unwillkürlich über seine Schulter gehängt hatte, und blies hinein. Das Pferd hob den Kopf und wieherte. Da schwang sich Herr Anthoine in den Sattel, hob seine Frau zu sich empor und blies wieder in das Horn. Wie Jubel klang es, so ritten sie beide zum Hof hinein und es war ihnen beiden wie eine rechte Heimkehr.


[3. Kapitel.]

Sophia Christine brauchte das Gutsein gegen die Leute, gegen die Bewohner der nachbarlichen Dörfer Bucha und Schorba nicht zu lernen, sie, die Scheue, fand auf einmal die Sprache, die die Leute verstanden. Sie redete mit ihnen von vergangener Qual und gegenwärtiger Not, von den kargen Freuden ihres bäuerlichen Lebens, und ihr Wort war Hoffnung, ihr Blick Zuversicht, ihr Lächeln Trost, ihr Kommen Freude. Und so ausgefüllt mit Arbeit auch ihre Tage waren, immer gelang es ihr noch ein Einschiebsel an Zeit zu machen, um eine Klage zu hören, einen Rat zu geben. Die Ratlose, die kleine, scheue Frau wurde bald Beraterin. Wie sie es fertig brachte, war selbst ihrem Mann ein Rätsel.

Sophia Christine ließ ihr Herz raten, und wo das versagte, den einzigen Freund, den sie in Jena besaß, den Magister Albertinus. Der war einst ihr Lehrer gewesen für eine kurze Spanne Zeit, er war der einzige, der ihrem liebearmen Leben ein wenig Glanz und Freude gegeben hatte. An ihn schrieb die kleine Frau eines Tages, als in Pösen eine Kuh erkrankt war, denn ihrer Meinung nach wußte Magister Albertinus alles, was einer nur wissen kann. Und der Magister sandte ihr eine Flasche Lebenselixier, das half der Kuh auf die Beine, ob sie nicht von selbst aufgestanden wäre, wußte niemand.

Wenige Tage später kam der Magister anspaziert, er trug in einem Felleisen eine ganze Apotheke zusammen. Seltsame Mittel, auch ein Büchlein Rezepte brachte er der Madame de Charreard und dazu die Neuigkeit, daß man im Schloß Monsieur Anthoine arg vermisse. Die Neuigkeit warf Sophia Christine zum Fenster hinaus, die mochte sie gar nicht hören, aber die Fläschchen und Büchsen stellte sie in den alten Schrank der Nesselrodes und das kleine Buch nahm sie mit warmem Danke an.

Der Hausherr lachte ein wenig über diese Alchymisterei, wie er es nannte, aber seine Frau ließ sich nicht beirren. Sie gab da ein Tränklein, dort eine Latwerge, und weil die Bauern ein eisenfester Schlag waren, schadeten die Mixturen nichts und der gute Glaube half zum Gesundwerden.

Monsieur de Charreard hatte über den Heilkram des Magisters gelacht, das Wort, man vermisse ihn im Schloß, warf er nicht wie seine Frau zum Fenster hinaus. Er dachte daran, dachte mehr und mehr darüber nach, und eines Tages ritt der Herr von Pösen, von einem Reitknecht begleitet, nach Jena. Die junge Frau stand unter der Linde und ihre Augen waren dunkel von Tränen.

Und wie sie so stand und in die Ferne sah und ihre Sehnsucht auf grauem Rößlein dem Gatten nachritt, kam der Hofverwalter, er wollte dies und das wissen, wie die Arbeit eingerichtet werden sollte, und Frau de Charreard wußte es nicht.

Da dachte sie an den Rabenvater, und wie sie ging und stand lief sie den Wiesenabhang hinab und kam bald heiß und verwirrt auf dem stillen Hofe an.

Vieler Worte brauchte es nicht. Der alte Bauer mit den eigentümlich hellen Augen verstand sie gleich, er hatte Zeit, er hatte den Willen zu helfen, und er half.

Fünf Tage lang war das Haus ohne Herrn, und niemand merkte es. Nach fünf Tagen kam Herr de Charreard zurück, ein wenig blaß und müde und herzhaft verdrossen. Des Herzogs Bernhard Bruder war da gewesen, und es hatte ein scharfes Trinken gegeben. Und als der Hausherr heimritt, wieder unter den nun längst verblühten Linden dahin, kam ihm sein Einzug in den Sinn, und er fühlte, er hatte seine junge Hausfrau zu bald alleingelassen. Auch an die Arbeit dachte er, und daß nun wohl eine ziemliche Verwirrung entstanden sein würde.

Er hielt sein Pferd an. Sein Diener war noch ein gutes Stück zurück und mit leiser Trauer über sich selbst sah der Mann in das friedliche Tal hinab. Da kam ihm des Wegs der alte Rabenvater entgegen. Der grüßte ehrerbietig und doch mit viel Würde in seiner Haltung.

»Wo kommt Er her?« Des Gutsherrn Stimme klang mißmutig. Der Alte hatte etwas in Blick und Gebärde, das ihn reizte. Wie der Werktag selbst, der vollgerüttelte ehrliche Arbeitstag sah er aus, und da er nicht gleich antwortete und doch über Pösener Grund ging, herrschte Monsieur Anthoine ihn schärfer an: »Wo kommt Er her, rede Er doch?«

»Vom Mähen drüben am Hähnchen,« antwortete der Alte gelassen und zeigte mit der Hand nach dem Waldberg hinüber. Wirklich, da stand das Kornfeld nicht mehr in goldner Flut, in Garben stand es aufgeschichtet.

Dem Gutsherrn stieg es heiß ins Gesicht. »Wer hat's Ihm geheißen?« schrie er den Bauer an.

»Die gnädige Frau!« Der Rabenvater sah mit seinen hellen Augen klar dem Herrn ins Gesicht. »Gnaden haben nicht gewußt, was zu tun war für die Knechte, und da haben Gnaden mich geholt, wie mich die gnädige Frau von Nesselrode oft geholt haben.«

Anthoine de Charreard sah verlegen an dem alten Bauern vorbei. Er wußte es plötzlich, es war jetzt keine Zeit für einen Landmann, davonzureiten; schon wollte er dem Pferde die Sporen geben und ohne Wort und Gruß an dem Alten vorbeitraben, doch es war, als hielten dessen helle Augen ihn fest, er sagte: »Also Dank für die Hilfe – ich frage morgen mal bei Ihm nach.« Er nickte dem Bauern zu und ritt heimwärts. Sein Reitknecht hatte ihn inzwischen erreicht und als er vor das Haus ritt, meinte er, die Türe müsse sich auftun und Sophia Christine ihm mit Jubel entgegeneilen. Doch nichts geschah, im Haus blieb es still, auf dem Hof gackerten nur ein paar Hühner. Er stieg ab und öffnete die Haustüre, kühl wehte es ihm entgegen und seine Stimme dröhnte im weiten Flur.

Da öffnete sich denn freilich flugs die Seitentüre, zwei Mägde kamen angelaufen, sie knixten, sahen verlegen drein, eine hielt die Schürze vor das Gesicht, denn sie alle hatten eine ungeheure Ehrfurcht vor dem feinen und schönen Gutsherrn.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe Herr Anthoine aus dem Gestammel heraushörte, seine Frau wäre in der kleinen Hauskapelle. Ach so, es war ja morgen Sonntag und der, an dem der Prediger aus Bucha die Andacht hier hielt. Das kam ihm in den Sinn, als er mit gedämpftem Schritt zu der Kapelle ging. Als er die Tür zu der Empore auftat, sah er seine Frau auf den Altarstufen sitzen. In ein paar Zinnkannen blühten die letzten lichtroten Malven auf dem kleinen Altar, sie standen im Glanz der hereinfallenden Sonne, und auch das Gesicht Frau Sophia Christines war vom hellen Licht umflossen. Herr Anthoine de Charreard staunte seine junge, zarte Frau an. Es lag ein fremder, schöner Ausdruck auf ihren Zügen, das Kindhafte, Scheue war verschwunden, als lägen Jahre zwischen ihrem letzten Zusammensein, nicht fünf Tage, so war es.

Sophia Christine hob den Kopf. Sie hatte die Schritte vernommen und wußte, wer da kam. Ein Lächeln grüßte den Mann. Kein Mißmut, kein Ärger über sein langes Fortbleiben, und als er, beschämt fast von der sanften Güte, die Treppe hinabstieg und sich eilte, die Frau zu grüßen, strahlten ihm ihre Augen entgegen, und sie sagte schlicht und fromm: »Gott will uns ein großes Glück geben, lieber Mann, er will uns ein – Kind schenken.«

Das einfache Wort zwang den Mann auf die Knie neben seine Frau. Sie sprachen froh zusammen von kommenden Tagen, von ihrer Lust und ihrer Freude, und Herr Anthoine sagte: »Gibt Gott uns einen Sohn, so wird er hoffentlich heimkehren können nach Frankreich.«

Sophia Christine schüttelte sacht den Kopf, sie antwortete sanft, ohne Widerspruch in der Stimme: »Ich wünsche meinen Kindern keine schönere Heimat als dieses stille Tal.«

»Du kennst sie nicht, die schönen Ufer der Loire, du kennst nicht meine schöne Heimat. Du würdest sie diesem –« er stockte – sein Blick ging zur offenen Türe hinaus und er sagte das Wort ›armselig‹ nicht. Er sah drüben den Berg ansteigen, oben von dunklem Wald gekrönt, er hörte den Bach klingen und sah den Himmel blau über dem Tale stehen, und er dachte an die Flucht und an die Heimatlosigkeit seiner Jugend, und er umschloß nur fest die Hand Sophia Christines. Schweigend saßen sie beisammen im Glanz der Sonne, sie hörten ihre Herzen reden. –


Es rann noch mancher Tropfen Regen in das einsame Tal hinab und schwellte den Bach, noch viele Arbeitsstunden kamen und noch mancher Sorgentag. Es wurde Herbst, der Winter kam, endlose Wochen, in denen Pösen eingeschneit lag. Endlich brausten die Frühlingsstürme um das Haus, und Herr de Charreard ging über den Speicher mit dem alten Rabenvater und der sagte: »Knapp wird's zulangen.«

Der goldene Feldsegen war nicht allzu reich gewesen, es galt zu sparen an allem, was zu des Lebens Notdurft gehörte. Noch hatte der neue Besitzer nicht mehr Vieh anschaffen können, und es gehörte der ganze hoffnungsfrohe Mut Sophia Christines dazu, um jeden Morgen heiter zu grüßen. Ihr Mann verzagte leichter. Ein paarmal ritt er im Mißmut nach Jena, doch war seine Abwesenheit immer nur kurz, und wenn er wiederkam und von den Linden aus das Haus im Grunde liegen sah, war es doch immer Heimatfreude, die ihn bewegte. Und dann kam er einmal von einem Hoffeste heim, zu dem der Herzog ihn so dringlich geladen hatte, daß er nicht fern bleiben konnte, und als er in sein Horn blies um seine Ankunft zu melden, kam Sophia Christine nicht wie sonst, ihn zu grüßen.

Es war schon Frühling. Grüne Seidenfahnen wehten über Baum und Sträucher. Die Schwalben tanzten in der silberklaren Luft, die Erde strömte erfrischten Atem aus und Herr Anthoine de Charreard vergaß ganz die grünen Loireufer, so stark war das Gefühl: »Hier bist du zu Hause.«

Aber seine Frau kam nicht. Und in den Augen der Dienstleute las er sorgenvolles Teilnehmen.

Da fragte er nicht, er suchte und fand Sophia Christine im Prunkgemach des Hauses. Vor ihr auf dem Tisch standen zwei silberne Becher, lag bescheidener Schmuck und ein paar Gevattergulden. Alles in allem kein Reichtum, ein dürftiges Silberschätzlein, und die Stirne der jungen Frau war sorgenvoll gekraust. Doch brach die helle Freude hervor, als sie den Heimgekehrten erblickte. »Ist meine liebe Hausfrau eine Schatzsucherin geworden?« fragte der Gutsherr heiter, »was soll die Aufhäufung unseres Silberschatzes?«

Es waren keine Kinderaugen mehr, Sorgenaugen waren es, die den Mann anschauten. »Wir müssen das verkaufen,« flüsterte Sophia Christine. Sie legte flink noch einen goldenen Ring dazu, den sie von ihrer Mutter hatte. »Wir reichen nicht mit dem Brotgetreide bis zur Ernte und –« Es war eigentlich viel, was im Hause fehlte. Zu viel für das armselige Schätzlein. Doch diesmal wußte der Herr de Charreard besseren Rat. Er hatte des Herzogs Erlaubnis erhalten, auf das Gut zweihundert Taler aufzunehmen. Freilich das Geld mußte verzinst werden, immerhin, der Rabenvater hatte gesagt, es würde ein gutes Jahr werden, alle Zeichen dafür wären vorhanden. Da kamen die Eheleute wohl aus der Not heraus. Der Geheime Rat Ries hatte versprochen, sich nach einem umzutun, der wohl das Geld geben würde. Er hatte gemeint, der Amtsschosse der Leuchtenburg, die bei dem Städtchen Kahla lag, Herr Heinrich Rudolph, würde es leihen können und es auch gerne tun.

Das war freilich Trost. Und frohgemut packte Frau Sophia Christine ihr Silberschätzlein wieder zusammen, und als ihr Mann wehmütig sagte: »Arme Frau,« da rief sie: »Reich, nenn mich doch reich.«


[4. Kapitel.]

Es wurde ein rechtes Frühlingsbüblein, das seinen Einzug in einer Mainacht auf Pösen hielt.

»Mein Sohn,« sagte Herr de Charreard stolz. »Ein Charreard!«

»Mein Kind,« sagte die junge Mutter, denn ihr war es gleich, ob Bube oder Mädel da neben ihr lag als schönstes Gottgeschenk.

Drei Tage hatte Sophia Christine eine ungestörte Freude an dem kleinen schreienden, zappelnden Menschenwesen, dann schritt die Sorge in das Haus. Diesmal trug sie die Gestalt eines herzoglichen Reitknechtes und stand in einem feierlichen, äußerst huldvollen Schreiben. Herzog Bernhard meldete sich mit seiner Gemahlin und einigen wenigen Herren und Damen des Hofes zur Taufe auf Pösen an. Seine Gemahlin habe den Wunsch, den »kleinen Franzosen« selbst aus der Taufe zu heben. Sonntag Rogate würden die hochfürstlichen Taufgäste eintreffen. ›Sie verhofften,‹ hieß es in dem Schreiben, ›ihrem Treugeliebten Ehemaligen Hofmeister, dem Herrn Kammerjunker, Herrn Anthoine de Charreard und seiner viellieben Ehefrau Sophia Christine, geborene Riesin, eine sonderliche Freude zu bereiten.‹

Ach du lieber Himmel, fürstliche Taufgäste und alle Vorratskammern leer!

Die zweihundert Taler sollten erst Johanni gezahlt werden. Bis dahin hatten einige Bauern in dem Flecken Magdala sich zur Hergabe von Brotgetreide bereit erklärt. Aber mit Brot allein waren fürstliche Gäste nicht zufrieden.

»Wir fischen,« sagte Herr Anthoine, der bedrückt am Bett seines Weibes saß. »Die Forellen sind jetzt gut. Und schlachten unsere jungen Hühnchen.« Über Sophie Christines blasse Wangen liefen Tränen. Ihre jungen Kückelchen, ihren Stolz, mußte sie hergeben. Oh, welche Hoffnungen hatte die junge Frau an die kleine Schar geknüpft, sie hatte sie schon alle als dicke gewichtige, aufgeplusterte goldgelbe Hennen gesehen, die jeden Tag das Nest voll Eier legten. Gute Hausfreundinnen sollten es werden. Aber Forellen und junge Hühner, Salat aus dem Garten und Brot genügten nicht für einen Taufschmaus, da mußte Kuchen gebacken werden, dazu gehörten Eier, Butter, alles, was so knapp wie nur möglich auf Pösen war.

Woher in aller Welt dies nehmen?

Sophia Christine dachte wieder an den kleinen Schatz und Herr de Charreard dachte auch daran, und er sagte aus seinen sorgenden Gedanken heraus: »Es geht nicht anders.« Er wollte noch etwas von Standespflicht hinzufügen, da tat sich die Tür auf und die ganze weibliche Dienerschaft lugte herein und alle sagten sie wie aus einem Munde: »Itze sind sie da!«

»Wer denn?« Sophie Christine dachte erschrocken, der Herzog Bernhard mitsamt Gemahlin und Hofstaat wäre eingetroffen; der Besuch, ihre leeren Vorratskammern, das noch unverkaufte Silberschätzlein, alles strudelte ihr im Kopf durcheinander und sie sagte hilflos: »Aber sie wollten doch erst am Sonntag Rogate kommen.«

»Nee, so lange warten die niche!« Die alte Röse drängte sich vor, sie sah ordentlich ein bißchen gekränkt drein. »Nee, heute sind's die Buchschen, de Schorbschen kommen erst morgen, es muß alles rechte gehen.«

Und die Bäuerinnen von Bucha, alle, die Kinder hatten oder zu denen einmal ein Kind Mutter gesagt hatte, kamen herein. Voran die alte Rabenmutter, die das größte Mutterleid zu tragen hatte, und jede Bäuerin trug einen weiß verdeckten Henkelkorb. Aus dem einen krähte, aus dem andern gackerte es, denn jede brachte eine Gabe dar. Die alte Rabenmutter sprach den Glückwunsch, sprach ihn in einem singenden leiernden Ton, denn so erheischte es Anstand und Sitte. Und verschnörkelt und feierlich waren Satz und Rede.

Herr Anthoine de Charreard war zuerst in den Hintergrund des Zimmers vor den andrängenden Frauen geflüchtet, doch die alte Röse, die sonst eine demütige Ehrfurcht vor dem schönen feinen Mann bezeigte, gab ihm diesmal einen sanften Rippenstoß. Sie tat es freilich in tiefster Demut, aber das Stößlein sagte dem Herrn doch, daß augenblicklich sein Platz neben dem Bett seiner Frau war, und er merkte, die anderen Frauen waren der gleichen Meinung.

Die Rabenmutter begann ihr Sprüchlein noch einmal vorzutragen. Die Frauen standen alle mit gefalteten Händen und dann beugten sie alle die Knie zur Verneigung vor dem Bett der jungen Frau.

Es war wie im Dornröschenmärlein, in dem die guten Feen alle kommen, nur fehlte hier die böse Fee; es waren lauter gute Wünsche und Gaben, die die Buchschen dem kleinen Anthoine darbrachten. Nahrhafte Gaben. Einen Hahn, zwei Hennen, ein paar junge Küchlein, Eier, Butter, eine Speckseite, es fehlte nicht an Wurst und Käse, auch nicht an einem Säcklein Mehl. Und unter den Frauen war eine, die brachte zwei Eier. Sophia Christine aber wußte, die Frau hatte nur ein Huhn und von den wenigen Eiern, die ihr das schwärzliche Huhn legte, hatte sie die beiden abgespart. Sauber lagen sie in frisches Grün gebettet da, und ein wenig ängstlich sah die Alte auf die liebliche Hausfrau, fand sie die Gabe nicht zu schlecht?

Da tat Sophia Christine etwas, das gegen Sitte und Herkommen verstieß. Sie hielt keine feierliche Danksagung, sie faßte zuerst die Hand der Rabenmutter und dann Hand um Hand, der Alten aber mit den beiden Eiern strich sie noch einmal linde über die welke Hand. Dabei liefen ihr die Tränen über das Gesichtchen, und es war schon gut, daß ihr Anthoine es etwas besser verstand, eine feierliche Dankrede zu halten. Er redete höflich und herzlich zugleich, stand würdevoll und vornehm vor den Frauen. Denen tat es wohl, Händedrücke und Tränen waren gut, die schwungvollen, feierlichen Worte aber gehörten dazu; da Röse wußte, daß ein Würzebier auch dazu gehörte, hatte sie vorgesorgt. So verlief denn der Besuch recht in den vorgeschriebenen Formen und die »Buchschen« verließen zufrieden mit leeren Handkörben das Haus und versicherten, morgen würden die Schorbschen kommen.

Dann wird unsere Speisekammer voll werden, dachte der Hausherr. Ein heimliches Lachen kam ihn an. Er hatte sich noch nie so um eine leere Vorratskammer gesorgt, und als er gefreit hatte, da hatte er gemeint, in ein recht wohlhäbiges Leben hineinzugeraten. Er hatte das auch manchmal gesagt, hatte etwas übermütig der Herzogin Marie gegenüber betont, er wäre des Hoflebens und des Dienstes bei ihr satt und wolle nun ein freies Herrenleben führen. Da wußte er plötzlich, warum die Herzogin ihren Gatten angetrieben hatte, ihn mit der Jungfer Riesin zu verheiraten. In Not und Sorge sollte er hinein, weil er nicht ihr Narr hatte sein wollen. Oh ja, die Landsmännin hatte sich gerächt. War es ihr gelungen? Anthoine de Charreard sah auf sein junges Weib nieder, und er sagte: »Sie gedachten es böse mit uns zu machen, Gott aber hat es gut gemacht.«

Sophia Christine nickte ihm zu. Und dann schloß sie müde die Augen und träumte, ihr Bübchen im Arm, von kommenden Zeiten.

Herr Anthoine aber verließ das Haus, er stieg den abwärts führenden Weg hinab und gelangte an des Baches Quelle, er wollte ein wenig nach den Forellen sehen, denn eine gute Forellenfischerei war des Gutes Stolz. Und wie er an dem schmalen Wasser stand, das hell über große Steine rann, vergaß er die Fische. Er dachte an das stolze Schloß an der Loire, an der Charreards einstigen Besitz. Kein Charreard hatte wohl noch um den Taufschmaus für den Erben sorgen müssen. Bei Gott, dachte der Herr Anthoine wieder, ich bin in ein recht klägliches Leben hineingeraten. Möge meinem Sohn es besser ergehen, unser König wird es wohl besser mit seinen treuen Untertanen im Sinn haben, als der böse Kardinal Richelieu, dann soll mein Sohn wieder den Namen Charreard zu Ehren bringen.

Der Gutsherr vergaß die Fische, aufrecht, hochmütig ging er dem Hause zu, und als er mit der Feierlichkeit früherer Tage an das Bett seiner Frau trat, die ihr Bübchen im Arme hielt, fand er ihr Gesicht ganz überströmt von Tränen.

Über diesen Tränen vergaß Herr Anthoine das Schloß an der Loire und allen Glanz der Charreards. Betroffen fragte er nach dem Kummer der kleinen Frau Sophia Christine. »Ach,« schluchzte sie, »ich bin ja so froh, so froh, nun brauchen unsere Küchlein nicht geschlachtet zu werden.«

Das war wirklich nicht nötig. Am nächsten Tage kamen die Schorbaer Bäuerinnen mit nicht minder reichen Gaben, und so konnte man denn auf Pösen dem Sonntag Rogate mit Ruhe entgegensehen. Denn die alte Röse führte den Hausherrn selbst in den allerletzten Keller. Tief im Winkel verborgen lag da, aus guten Zeiten stammend, noch ein Fäßchen Wein, an ihm war aller Kriegslärm vorbeigezogen. »Gut, daß es zuletzt die Schweden nicht auch noch durch ihre höllischen Gurgeln gejagt haben,« sagte die Alte. »Denn ob Wein aus protestantischem Hause oder aus einem katholischen Keller, denen ist das so gleich gewesen, wie es ihnen war, woher sie raubten, wen sie mordeten.«

Herr Anthoine de Charreard bezeigte wenig Lust, sich von den vergangenen Kummertagen erzählen zu lassen, er stieg vergnügt ans Tageslicht empor, um seiner Frau von dem Fund zu berichten, und er fand wieder ein betrübtes, verzagtes Weiberseelchen. Ein wenig Aprilwetter war schon die kleine Frau in diesen Tagen. Frau Sophia Christine hatte, so gut sie es konnte, Gäste und Eßgeschirr nacheinander an den Fingern abgezählt, und es fehlten mehr Teller als im Dornröschenschloß, ach, es fehlte so viel. Ihr Mann sah ein, daß dies schon eine Not war. Er wußte aber Rat. Am nächsten Morgen fuhr er selbst nach Jena, um bei seinem Schwiegervater und den übrigen Verwandten seiner Frau das notwendige Hausgerät zu erborgen. Er bekam alles, ja sogar die schweren, einst mit eigener Lebensgefahr erretteten, silbernen Prunkleuchter gab eine Muhme her, denn die Kunde, daß das fürstliche Paar selbst zur Taufe kommen wollte, erregte ganz Jena. Sämtliche Frauenzimmer redeten nur von der Taufe. Und Sophia Christine wurde so viel und mit solcher Ehrerbietung von allen Vettern, Muhmen und Basen genannt, daß diese Überfülle von Hochachtung die kleine Frau gewiß sehr bedrückt hätte.

Doch glücklicherweise ahnte sie nichts davon. Sie hielt mit Röse und der Rabenmutter eine sehr eindringliche Eßberatung ab. Das Ergebnis war, nachdem Sophia Christine ein noch von ihrer Mutter stammendes Rezeptbüchlein zugezogen hatte, daß man trotz aller Spenden ein speckfettes Ferkel schlachten müsse. In dieses sollte eine Gans gesteckt werden, in diese ein Huhn, in das Huhn eine Taube, in die Taube, was gerade daherflog, auch ein Spatz, wenn es sein mußte. Und dann ein Zungenmüßlein, Torten und Pasteten. Frau Sophia Christine tat bei jedem Gericht, das ihr einfiel, einen bitterschweren Seufzer, aber glücklicherweise sagte die alte Röse immer: »Es langt zu. Da bruche wir niche bange zu sein.«

Und es reichte und wurde ein prächtiges Mahl. Ein Tauftag voll Erdenpracht und Himmelsglanz. Nur ein paar weiße Flatterwolken wehten über den blauen Himmel. In der kleinen Pösener Hauskapelle dufteten große Sträuße, ein buntfarbiges Kranzgewinde schlang sich um die Sessel, die für den Herzog Bernhard und seine Gemahlin hingestellt worden waren. Die Herzogin staunte über das festliche Gepränge, das nach Reichtum ausschaute. Die scheue heimliche Armut, das bange Sorgen der Eheleute, die Quellen der Hilfe ahnte sie nicht. Sie sah nur, was da war, und weil sie den stolzen Landsmann in einer kärglichen Armseligkeit geglaubt hatte, war sie doppelt überrascht.

Dazu Sophia Christine! Die war nicht mehr scheu und ungewandt wie einst, sie fühlte sich auf sicherem Heimatboden stehen, dies Gefühl und ihr junges Mutterglück verliehen ihr eine anmutige Würde. Sie war freilich einfach gekleidet, aber sie sah doch festlich und schön aus, und die Herzogin Marie in ihrer dunklen Schönheit, die das neueste Pariser Gewand trug und so gekleidet war wie die Damen am Hofe des jungen Königs Ludwig XIV., vermochte nicht die junge Madame de Charreard zu verdunkeln.

Dazu der Sonnenglanz draußen, die Schönheit des stillen Tales. – Der Herzog Bernhard sagte sein Wiederkommen zu, aber die Herzogin kniff ein wenig die dunklen Augen zusammen. Scharf zogen sich die Falten am Mund herab. Da wußten ihre Damen, sobald wurde der Besuch nicht wiederholt. Sie drängte auch zum Aufbruch und übersah dabei das leise Aufleuchten in den braunen Augen der jungen Frau. Vielleicht wäre sie sonst geblieben. Da hätte sie dann freilich an manches, was im Hause fehlte, ihren Spott hängen können.

Als der Abend sank, eine Mondnacht mit lindem Glanz heraufdämmerte, rollten die Wagen mit den Gästen davon; nur ein paar Verwandte Sophia Christines blieben noch. Die aber waren so geblendet von dem fürstlichen Glanz, daß die alte Base Anna Sabine – jene, die die Silberleuchter hergegeben hatte – ihrer Nichte diese für künftige Zeiten als Erbe versprach.

Ein paar Tage später herrschte wieder die alte Stille in Pösen, aber auch wieder der Mangel. Nach reichen Tagen gab es sehr knappe Mahlzeiten und Herr Anthoine de Charreard freute sich mehr als über den fürstlichen Besuch über den des Herrn Heinrich Rudolph, der von Leuchtenburg her an einem Nachmittag in den Hof einritt und das versprochene Darlehen brachte. Ja, er war nicht ohne Stolz, als Herr Rudolph lobte, wie gute Ordnung unter dem neuen Herrn herrsche. »Ich bin an den Schlägen am Eselsberg vorbeigeritten,« sagte der, »dort wächst ein gutes Korn, das gibt kein Notjahr.«

Daß dieser Herr sich zum Bleiben entschloß, freute Frau Sophia Christine herzlich. Sie hörte still den Reden der beiden Männer zu, spürte wohl, daß ihr Gemahl die Lehren des andern mit Aufmerksamkeit annahm. So lauschte sie, bis der Herr Rudolph von seinen eigenen häuslichen Verhältnissen sprach. Von der Frau, die ihm gestorben war, von dem jungen Heinrich Wilhelm von Draksdorf, den er mit seinem eigenen Kinde erzog.

»Die beiden müssen uns besuchen,« rief Frau Sophia Christine warm. Und wehmütig klang es hinterher: »Ein Kind ohne Mutter, wie traurig ist das.«

Doch dann beruhigte sie sich, als sie hörte, daß eine Verwandte des Hausherrn, Jungfer Elisabeth Scheitlin, die Büblein mütterlich behüte. Aber sacht wuchs doch in ihrem Herzen ein Blümlein auf, in dessen Kelch die Namen der Mutterwaisen standen. Sie schenkte schnell den noch nie gesehenen Kindern Liebe vom Überfluß ihres reichen Herzens.


[5. Kapitel.]

Nach der Taufe des kleinen Anthoine verstummte nun freilich der Festjubel auf dem Gute für längere Zeit. Der Verkehr mit Jena wurde nicht allzu lebhaft fortgesetzt. Die Herzogin vergaß den Landsmann ein wenig, sie schob ihn beiseite wie ein überflüssiges Stück Hausrat; freilich immer mit dem Gedanken, er wäre doch noch einmal zu brauchen.

Auf Pösen lebten sie still ihre Tage weiter. Zu dem kleinen Anthoine gesellten sich zwei Schwestern, und gerade kam noch ein Büblein an, als in Jena eine kleine Prinzessin in der Wiege lag. Der Gutsherr fuhr zur Taufe hin, die mit soviel Glanz und Prunk gefeiert wurde, als wäre nicht noch große Armut im Lande. Das Kind erhielt in der Taufe den Namen Elisabeth Marie und ihre Mutter sagte gnädig zu Monsieur Anthoine de Charreard, eine seiner Töchter solle nach etlichen Jahren Gespielin der Prinzessin werden und mit ihr zusammen aufwachsen.

Herr de Charreard war zu sehr Hofmann, um sich für diese Gnade nicht alleruntertänigst zu bedanken und von seiner großen, dankbarsten Freude zu sprechen. Dabei wußte er doch, Frau Sophia Christine würde dies ein großes Herzeleid sein. Ein wie viel größeres Herzeleid die Frau gerade in den Stunden durchlitt, ahnte er nicht. Bisher war wohl die Sorge manchmal auf leisen Füßen durch das Haus gehuscht, aber immer hatte sie vor der jungen Frau lebensmutigem Lächeln die Flucht ergriffen, nun aber kam das Leid und klopfte an. Hart, schwer, unbarmherzig.

Der kleine Gaston starb.

Ganz rasch verlöschte das kleine Lebenslicht und Frau Sophia Christine wollte vor Kummer schier vergehen. Doch da kam die alte Rabenmutter zu ihr. Eine welke, müde Frau war sie, und als sie das tote Bübchen sah, gingen ihre Augen hinweg zu den drei größeren Kindern, und sie sagte schlicht: »Euer Gnaden sind noch reich, sehr reich.«

Und Sophia Christine führte still den Reichtum ihres Hauses, ihre drei schönen Kinder ihrem Manne entgegen, als er heimkam, und auch er sagte: »Ja, wir sind noch reich, sehr reich.«

Die drei Kinder trauerten wohl dem kleinen Bruder ein paar Tage nach, aber allzu tief war der Kummer noch nicht, er vermochte nicht ihr heiteres Kinderleben zu trüben. Es war ein lustiges Dreigespann, das in Pösen aufwuchs. Anthoine, Anton, wie ihn seine Mutter gern nannte, war besinnlich und stiller, am lebhaftesten war die ältere Schwester. Dorothea Louise, die Louison. Auch ein wenig stiller wieder Johanna Sybille, die Jeannette genannt wurde. Aber alle drei zusammen erfüllten sie Haus und Garten mit lautem lustigem Lärm, und wenn Sophia Christine dies frohe Kinderlachen auftönen hörte, dann begann immer der warme Strom der Freude in ihrem Herzen zu rauschen.

Ihr Mann, ihre Kinder, ihr Haus im stillen Tal waren ihre Welt; die Weite draußen lockte sie nicht, die war nicht so groß wie ihr Glück. Der einzige Schatten, der dies helle Glück manchmal trübte, war das Bemühen ihres Mannes, besonders den Sohn zu einem echten Franzosen zu erziehen. Mit ihm sprach er nur französisch, und der kleine Anthoine bekam sehr viel von dem einstigen Glanz der Charreards zu hören. Doch die Loire war weit und das Bächlein, die Leutra genannt, war nahe, also spielte der Bube mit den Schwestern am Bach und der kam ihm mindestens so gewaltig vor wie die Loire.

Und wie herrlich war es, am Bach entlang zu laufen, manchmal sogar innen von Stein zu Stein zu springen, bis endlich der Rabenhof erreicht war. Dort gab es ein eiliges Klettern am losen Gartenzaun des Rabenvaters entlang, und auf einmal tauchten vor dem Fenster des Bauernhauses drei lachende Kindergesichter auf und über das düstere Gesicht des Rabenvaters glitt ein heller Schein. Seine Stimme hatte noch einen leisen Frohklang, wenn er rief: »Mutter se sind doe!«

Dann kam die Rabenmutter, und die drei Charreards saßen vergnügt als Ehrengäste auf der Wandbank. Ein Glas Milch, ein Stückchen Käsebrot, ein paar Nüsse dünkte ihnen ein Festessen zu sein. Daheim gab es außer den Mahlzeiten nichts, und die drei waren doch etwas wie Spätzlein, es schmeckte ihnen immer.

Und dann gab es eine Unterhaltung. Seltsam genug. Zu den drei Schelmen redeten die alten Leute von ihrem abgrundtiefen Leid, von der vergangenen Not, und Jeannettchen konnte kaum richtig reden, als sie das erstemal von den entführten Kindern hörte und das Trostwort sprach: »Sie komme vielleicht wieder.«

»Nach über zwanzig Jahren!«

Der Rabenvater schüttelte den Kopf. Die Rabenmutter wischte sich über die Augen. Ja, in den ersten Jahren hatten sie noch an ein Wiederkommen geglaubt, aber jetzt nicht mehr. Doch war es wunderlich. Jedesmal wenn Jeannettchen ihr kindliches Trostwort sagte, sank ein leiser Hoffnungsstrahl in die Herzen der beiden Alten. Und um dieser leisen zitternden Hoffnung willen erzählten sie immer wieder die Geschichte.

Frau Sophia Christine sorgte sich nicht um ihre Kinder, wenn die vom Wäldchen an der Quelle bis zum Rabenhof liefen, nur den Weg in den Wald, der dahinter lag, verbot sie ihnen. Aber gerade der Wald lockte die drei mit Märchenzauber. Er begann hinter dem Mühlholz; es lag da still und einsam eine Wassermühle im Grunde, und bei dem Müller und seiner jungen Frau mochten die drei auch gern sein. Es gab da im Hause ein paar semmelblonde Hemdenmätzchen, denen die Merfnerin in Bucha Großmutter war. Und wie bei den Rabeneltern wurden die drei Geschwister auch in der Mühle immer gastlich aufgenommen, aber leider war die Mühle Grenze. Und der Müller, ein durch bittere Jugenderlebnisse hart gewordener Mann, sagte immer streng: »Weiter wird niche gegangen, sonst –« und seine Handbewegung verhieß nichts Gutes.

Als die drei Charreards nun einmal daheim von des Müllers Drohung erzählten, brauste Herr Anthoine auf. Es wäre unerhört, meinte er, Herrenkindern so zu drohen, doch Frau Sophia Christine sagte heiter: »Ich hab ihn gebeten, auf unsere Kinder zu achten. Er tut's eben nach seiner Weise. So weiß ich wenigstens, sie gehen nicht in den Wald.«

Anthoine war neun Jahre alt, seine Schwestern sieben und acht Jahre, als dieses Gespräch stattfand. Der Wald, ach, der Wald, warum man nur da nicht hinein sollte?

Am Nachmittag zogen die drei wieder an die Quelle hinab. Aus einer unbeschreiblichen Angst heraus rief Frau Sophia Christine: »Geht nicht zu weit.«

Es war ein Junitag voll unerhörter Schöne. Vogelsang, blühende Blumen und Sonnenglanz. Da lockte der Bach, es lockte darin von Stein zu Stein zu hüpfen, es lockten Vergißmeinnicht, die pflückbereit am Rande blauten, und es lockte auch den Rabeneltern ins Fenster zu sehen.

Doch wenn man jemand besuchen will, muß der zu Hause sein, und die alten Leute waren an dem schönen Tag schon morgens zu ihren Verwandten nach Schorba gepilgert. Der Rabensohn aber schaffte hinter dem Hause auf einer bergansteigenden Wiese. Er hörte nicht das Klopfen an den Fensterscheiben, sah nicht drei Augenpaare sehnsüchtig in die leere Stube blicken.

Nun blieben noch die Müllersleute. Obgleich dem Buben das Wort des Vaters von den Herrenkindern im Ohre sang, fand er doch, ein Besuchlein in der Mühle, in der man so schön auf Böden und Speichern herumklettern konnte, wäre ganz vergnüglich. Er zog also mit den Schwestern die Straße weiter, die sich abwärts senkte. Dort im Schatten des bergansteigenden Nußholzes lag am rauschenden Bach die Mühle. Gegenüber erhob sich steil und kahl der Eselsberg, und vor den Ankommenden stieg schöner dichter Tannenwald empor. Ein paar mächtige Tannen standen am Rande, wie große ernste Wächter.

Doch das Mühlrad klapperte nicht. Schweigen lag über dem stillen Grunde; da auch die Vögel mittagmüde ihr Zwitschern eingestellt hatten, mischte sich mit dem Rauschen des Baches nur das Summen der Bienen und Zirpen der Insekten. Die Müllersleute waren auf einer Wiese hinter dem Hause, verdeckt von Gebüsch, und so meinten die Kinder, sie wären auch weggegangen.

Das war nun freilich eine Enttäuschung!

Anthoine krauste die Stirn nachdenklich. Wenn man auf Abenteuer ausgeht und erlebt gar nichts, so ist das halt bitter. Jeannettchen wollte weinen, aber Louison rief keck: »Dann gehen wir in den Wald!«

Es ist verboten! Allen dreien klang das Wort im Herzen. Jeannettchen kreischte erschrocken: »Nein, da sind böse Tiere.«

»Ach wo!« In Anthoine erwachte männlicher Mut. Was schadete denn das, so ein bißchen an den Waldrand zu gehen. Seine Freunde – er nannte die älteren Buben stolz Freunde – Adrian Rudolf und Heinrich Wilhelm von Draksdorf ritten doch immer durch den Wald, wenn sie von der Leuchtenburg zu Besuch kamen. Also gefährlich konnte es nicht sein. Sie rühmten sogar immer die große Schönheit des Weges. »Komm!« Anton faßte Jeannettchens Hand, und weil der große Bruder den Weg ungefährlich fand, ging die Kleine mit. Louison aber sprang von Blume zu Blume, wollte Schmetterlinge fangen, sie fand das Waldgehen gar nicht unheimlich.

Neben den Tannen lief eine Schlucht in den Wald hinein, ein schmaler Weg war da, den verfolgten die Kinder, sie freuten sich an den vielen bunten, noch nie gesehenen Blumen, die hier blühten. Auch ein Schmetterling von besonderer Schöne flog vor ihnen her, einmal saß er da, einmal dort. Sie rannten ihm nach und waren auf einmal tief im Walde drinnen. »Wir müssen heimgehen,« rief Anthoine, »kommt schnell.«

Ein seltsamer Laut ließ die Kinder aufhorchen. Es trapste dumpf etwas daher. Pferdegetrappel war es, das hörten sie wohl.

Sie blieben tief erschrocken stehen. Wer kam da an?

Die sonst so kecke Louison flüsterte zitternd: »Schweden.« Das Wort war für sie der Inbegriff alles Grauens.

»Nicht doch, die kommen nicht mehr.« Anthoine nahm all seinen Mut zusammen. Er flüsterte den Schwestern zu: »Wir kriechen ins Gebüsch, flink, duckt euch.«

Sie duckten sich alle drei im Unterholz zusammen, das raschelte und knackte, und einer hörte es wohl. Ein Kriegsmann war es, der daherritt. Buntfarbig war sein Kleid, blau und gelb, eine rote Schärpe darüber, von dem riesengroßen Hut wallte eine blaue Feder herab, und eine prunkvolle Schaumünze hing dem Mann um den Hals. Das Gesicht war wettergebräunt, die Waffen, wie alles, was er trug, sahen schon zum Fürchten aus, und den drei Kindern schlug bange das Herz. Sie meinten freilich, sie hätten sich gut versteckt, doch da hielt plötzlich der Reiter vor dem Schlupfwinkel und schrie sie mit rauher Stimme an: »Hollahe, was sind das da für seltsame Vögel. Vorkommen!« – Er sagte nichts weiter, doch Klang und Miene drohten, und die drei wagten in ihrer Angst gar nicht an ein Ausreißen zu denken. Louison und Jeannettchen brachen in ein lautes Jammergeschrei aus, Anthoine bewahrte noch ein Restlein Mut, er packte die Schwestern an den Händen, als könnte er sie so schützen.

Der Reiter legte plötzlich die Hand vor die Augen, als die drei so vor ihm standen. Er sah ein Bild vor sich: ein blonder Bube, zwei blonde Mädels, alle drei zitternd vor Angst, und er hörte das Johlen und Schreien einer rohen Menge, als ein Soldat die älteste ergriff und rief: »Die ist mein.«

»Woher seid ihr denn?«

Merkwürdig, des Reiters Brummbaß klang plötzlich um vieles milder. Anthoine gab Antwort, seine Stimme flatterte wie ein armer, gefangener Vogel. »Weil die Rabeneltern nicht da waren, sind wir in den Wald gegangen.«

Die Rabeneltern! – Der Mann zog die Augen finster zusammen. »Gehört ihr zu denen?«

Anthoine schüttelte den Kopf. »Nach Pösen,« stammelte er.

»Die Rabenmutter sagt, sie hat uns lieb.« Louison schrie das Wort heraus in ihrer herzbeklemmenden Angst.

Der Reiter nickte ihr ganz freundlich zu. »Da muß ich euch wohl zu ihnen bringen,« sagte er. »Komm, sitz auf!«

Ein geller, dreistimmiger Angstschrei ertönte, aber da saß Louison schon auf dem Pferd. Noch ein Griff und Jeannettchen klammerte sich an die Schwester an.

»Nicht wegnehmen,« schrie Anthoine und hing sich halbtot vor Angst an das Sattelzeug des Reiters.

»Schrei nicht, Bube,« sagte der. »Ich tu euch nichts. Wart, ich steig ab, da kannst du aufsitzen, ich führe das Pferd!«

Wieder war in Stimme und Wort ein gutes Klingen, und Anthoine verstummte. Auch die Schwestern schwiegen, als der Bruder so ganz behaglich neben sie gesetzt wurde. Da hockten sie alle drei auf dem Pferd. Der fremde Mann ging neben ihnen, er fragte dies und das, es klang den Kindern wie ein Märchen, sie hörten Namen, die sie noch nie gehört hatten. »Wißt ihr, ob Kunoldts Liese noch in Jägerndorf lebt?« fragte der Fremde.

Die Kinder machten runde Augen. Der Bube flüsterte scheu: »Da steht doch nichts mehr!«

»Was steht nicht mehr?«

»Das Dorf. Der Herr Papa sagt, es wäre ganz verbrannt – von den Schweden.«

Wieder fuhr sich der Fremde mit der Hand über die Augen. Louison sah ihn erstaunt an und plötzlich rief sie: »Du siehst aus wie Rabens Christian.«

»Lebt der noch?« Ein Frohlocken war es. Die Kinder nickten eifrig, und dann erzählten sie alles, was sie von den Rabeneltern, von Haus und Hof wußten, und immer mehr fragte der Fremde, mehr und mehr wollte er wissen. Bis Louison plötzlich die Hände nachdenklich zusammenschlug und rief: »Ich weiß was.«

»Nun, was weiß die kleine Jungfer?«

»Ich weiß, daß du Rabenmutters Nikolaus bist. Jeannettchen sagt immer, der kommt wieder.«

Da war just der Wald zu Ende. Die Mühle lag im Grunde und der Fremde ließ stumm das Pferd trotten, und sagte auf einmal: »Wie sieht denn die Rabenmutter aus?«

Das wußten die Kinder nicht zu sagen. Sie blickten sich verlegen an, bis Louison ein Wort der Mutter einfiel, sie rief mit ihrem hellen Stimmchen: »Wie das liebe Herzeleid.«

Der Mann legte da seinen Kopf an den Hals des Pferdes, und ein seltsam schluchzender Ton kam aus seiner Kehle. Den Kindern wurde Angst, nur Louison tatschte sanft des Reiters Arm. Sie war aber auch froh, daß in der Ferne das Haus der Rabeneltern auftauchte, und zeigte mit dem Fingerlein dahin: »Dort steht die Rabenmutter.«

Sie war es, und der Fremde vergaß die drei auf dem Pferd, er stürzte vor, und dann lag der Mann vor der alten Frau auf den Knien und rief: »Mutter, Mutter!«

Der Nikolaus war wieder heimgekommen!

Vater und Bruder liefen herzu. Die Kinder zappelten auf dem Pferde herum, Jeannettchen, die meinte, wenn jemand anders weint, muß man mitweinen, schluchzte zum Erbarmen, und auch Louisons Tränlein flossen. Anthoine aber saß stolz auf dem Roß. Er hielt die Schwestern fest, und obgleich das Pferd ganz geduldig stillhielt, hatte er doch das Gefühl, ein ganz besonderer Held zu sein.

»Die Kinder müssen heim,« sagte die Rabenmutter auf einmal.

Der Wachtmeister Nikolaus Rabe hob die drei vom Pferd. Er streichelte sie ganz sacht und sagte, in seinem Mantelsack hätte er auch schöne Dinge für brave Kinder. Jetzt sollten sie nach Hause gehen, morgen würde er nach Pösen kommen und ihnen wunderbare Sachen erzählen.

Das war freilich den Kindern nur halb recht. Sie wären herzensgern geblieben, doch der Rabenvater sah ernsthaft drein. »Gut, daß es der Nikolaus war, der euch gefunden hat, es hätte euch schlimm ergehen können.«

Da bekamen die drei Schelme doch nachträglich eine schreckliche Angst. Und den halben Weg rannten sie vor Angst, den andern halben Weg vor Eifer, um in Pösen ihr Abenteuer zu berichten.

Was sie dort erzählten, war nun freilich so seltsam, daß Frau Sophie Christine zuerst fast das Schelten über das In-den-Wald-Laufen vergaß. Nachher holte sie es jedoch nach, denn die gute Mutter verstand auch das Strengsein zur rechten Zeit. Nur schlimm war die Strafe an dem Tage nicht, denn Frau Sophia Christines Mitfreude am Glück der alten Bauersleute war zu groß. Ein Kind kehrt wieder heim aus dem Weltgetriebe, sang es im Herzen der kleinen Frau. Ach, sie ahnte noch nichts von dem Bangen um der eigenen Kinder Verlorensein in der weiten Welt.


[6. Kapitel.]

Das Heimkommen des Nikolaus Rabe brachte das stille Tal in Aufregung. Vom Gutshaus aus lief noch am gleichen Tage eine Magd nach Bucha, eine nach Schorba, und die alte Rose beneidete fast den Knecht Klaus, der die Kunde in die weitere Umgegend tragen sollte.

Am nächsten Tag in aller Morgenfrühe erschienen vor dem Bauernhaus schon Besucher, aber den Nikolaus bekamen sie noch nicht zu sehen, der war schon nach Pösen gegangen, um dem Gutsherrn selbst seine Erlebnisse zu erzählen, und die alte Mutter hatte ihn begleitet. Ein wunderlich verworrenes Leben hatte der Bauernjunge in der Welt draußen geführt, ehe er wieder heimgefunden hatte. Noch ehe er aber zu erzählen begann, fragte Sophia Christine zaghaft: »Und die Mädchen?«

Da neigte die alte Bäuerin still den Kopf auf die gefalteten Hände und sagte fromm: »Ich harrete des Herrn und er neigte sich zu mir und hörete mein Schreien.« Der Nikolaus aber erzählte. »Ein Hauptmann, der doch ein linschen Erbarmen noch mit den verschleppten Kindern hatte, schützte die Mädchen vor der Roheit seiner Soldaten. Sie mußten neben seinem Pferd gehen. Ich aber wußt wohl, lang kann er sie nit hüten; und wie wir bei Rotenstein drunten an die Saale kamen, sehe ich, wie mich die Anne Margarete ansieht. Ganz ruhig, als wollte sie sagen: ›Niklas, sei tapfer.‹ Sie war unsere Älteste. Sie hielt die kleine Kathrine an der Hand und hat lang gemerkt, daß ein paar Kerle sie dem Hauptmann haben fortreißen wollen. Wüste Kerle!

Auf einmal hör' ich Geschrei, sehe, wie alle zur Saale rennen. Da sind die Mädchen, ehe die Kerle sie greifen konnten, in ihrer Angst hineingesprungen. Ich habe sie nit mehr gesehen, denn das Wasser ging hoch in dieser Nacht, sie sind wohl gleich untergegangen.

»Gott sei gelobt,« flüsterte die alte Bäuerin, »daß sie niche untergegangen sin in der Welt draußen. Das Saalewasser ist reine.«

Und dann erzählte der Heimgekehrte weiter von seinem unsteten Wanderleben. Nach Schweden hatten sie ihn mitgenommen. Er wäre nicht ungern dort im Lande geblieben, aber sein Hauptmann hatte sich von den Generalstaaten anwerben lassen; er hatte zur See gegen die Engländer gekämpft, dann wieder im schwedischen Heere, er war dann mit gegen den König Ludwig von Frankreich ins Feld gezogen. Nach dem Aachener Frieden hatte ihn aber eine heftige Sehnsucht befallen, doch die Heimat seiner Jugend wiederzusehen. Er wußte freilich nicht recht, wo eigentlich das kleine Haus lag, dem er entstammte. Hatte er in der Welt draußen die Namen Bucha, Pösen, Schorba genannt, dann hatten ihn die Menschen ausgelacht. Bis einer ihn mal frug, wie denn der Fluß hieße, in dem seine Schwestern ertrunken wären. Nikolaus hatte lange nachdenken müssen, schließlich war ihm doch der Name eingefallen, und da war er das Saaletal von Franken herwärts gezogen. Bis zu dem Städtchen Kahla war ihm alles ganz fremd erschienen, dort hatte er auf einmal die Leuchtenburg auf ihrem runden Kegel gesehen und nun den Heimweg gefunden.

»Aber vielleicht wärst du doch falsch geritten, wenn du uns nicht gesehen hättest,« erklang da zutraulich Louisons Stimmchen. Sie schmiegte ihre kleine Hand in die Kriegsmannsfaust, tat es zu einer langen Freundschaft.

Anthoine und seine Schwestern waren bald des Nikolaus unzertrennliche Kameraden. Ihnen mußte er immer wieder von seinen bunten Weltfahrten erzählen, und immer, wenn er es tat, flehte Louison: »Geh nicht wieder weg. Gelt, nun bleibst du hier?«

Ach, die kleine Louison ahnte gar nicht, welch treues Herz sie gewonnen hatte. Ans Weggehen dachte der Nikolaus auch gar nicht. Ans Daheimbleiben und Heiraten viel mehr. Doch ehe er, der ein hübsches Geldchen mitgebracht hatte, zu einem Weib und einem Hof gelangte, wendete sich das Schicksal der kleinen Louison, es riß sie heraus aus dem heiteren Leben im stillen Tal, trennte sie von der Heimat.

Schöne Sommerwochen vergingen.

Im Tälchen hatten sie noch immer vom Nikolaus und seinen Fahrten zu reden, als eines Morgens in der Frühe, als noch ein zarter Dunstschleier über Wiesen und Wald hing, ein Bote von Jena in das Tal einritt. Er meldete den Besuch der Herzogin Marie an, die mit der kleinen Prinzessin Elisabeth Marie kommen wollte.

Beim ersten Blick auf das liebenswürdig gnädige Handschreiben wußte es Sophia Christine: das bringt mir Unheil. Ihr Herz tat einen so schweren Schlag wie noch nie, seit dem Tode des kleinen Gaston. Sie preßte die Hände zusammen, als ihr Mann ein wenig aufgeregt von der Bewirtung sprach.

Diesmal war die Speisekammer nicht leer auf Pösen, Frau Sophia Christine war wirklich ein Bienchen geworden, das eintrug für Wintersnot, so viel es nur gab. Nur ein paar Helferinnen fehlten, dazu mußten die Kinder flink nach Bucha laufen und einen weiblichen Küchenrat aufbieten. Das Verhältnis mit den dortigen Bauern war durch der Frau von Charreard immergleiche Freundlichkeit ein sehr gutes, Dorf und Gut nahmen Anteil eins an des andern Ergehen. Es kamen auch flink ein paar Helferinnen, und da es seit zwei Jahren eine junge Pfarrersfrau gab, kam die auch zur Hilfe mit.

Herr Anthoine sah zufrieden, wie im Hause alles rüstig und lebendig an der Arbeit war, er sah das ohnehin blitzsaubere Saalzimmer noch blitzsauberer werden, und er sah mit Bewunderung seine zierliche Hausfrau als häuslichen Generalfeldmarschall alles anordnen. Wirklich, er war ein reicher und glücklicher Mann! Reichtum und Glück, beides waren für ihn Weib und Kinder, und es trieb ihn, dies Sophia Christine zu sagen, aber gerade als er es tun wollte, kamen ein paar Mägde angelaufen mit einer dringlichen Küchenfrage, da ließ er das gute Wort ungesprochen. Es sollte ihn noch bitter reuen.

Die Herzogin kam, die kleine Prinzessin Elisabeth Marie mit ihr, ein paar Hofdamen, zwei Kammerherren begleiteten sie. Und die Herzogin war von besonderer Freundlichkeit, sie ließ sich die Kinder vorstellen, und die kleine Louison, die braunes, lockiges Haar und die großen strahlenden Augen der Mutter hatte, schien ihr ganz besonders zu gefallen. Sie tat die freundliche Frage: »Möchtest du an den Hof kommen, schöne Kleider tragen und mit meinem kleinen Fräulein spielen?«

Ach, höfisches Wesen hatte Frau Sophia Christine ihren Kindern nicht beigebracht. Louison hob das Näslein keck, sah die kleine blasse, seltsam verträumt ausschauende Prinzessin an und antwortete zum grenzenlosen Entsetzen ihres Vaters und zur ganz heimlich lachenden Freude der Mutter: »Nein, das möchte ich nicht. Ich will den Adrian heiraten und auf der Leuchtenburg wohnen. Vielleicht auch den Niklas Rabe, wenn er keine Frau findet. Oder alle beide.«

»Ei, ma petite sieht sich früh nach einer Mariage um. Und gleich zwei Freier. Wer ist denn Adrian und wer Niklas?«

»Kindergeschwätz,« sagte Herr de Charreard ärgerlich.

Doch die Herzogin, die ihres einstigen Freundes Verlegensein wohl bemerkte, hielt Louison fest und fragte nach den beiden Freiern. Und Louison gab Antwort, unbekümmert um des Vaters gefurchte Stirn, unbekümmert um das verhaltene Kichern der Hofdamen. Von Adrian Rudolf sagte sie nur den Namen, ihren neuesten Freund Nikolaus Rabe aber beschrieb sie sehr lebendig, beschrieb ihn mit zärtlicher Bewunderung.

»Fi donc, einen Landsknecht!«

»Kindergeschwätz!« rief der Vater nochmals unwirsch, aber da sagte plötzlich in das allgemein verhaltene Lachen hinein die Prinzessin ganz ernsthaft: »Ach, der Niklas muß schön sein, den möchte ich auch heiraten.«

Nun lachten alle. Selbst die Herzogin lachte mit. Sie strich leicht über ihres Kindes Wange und sagte kühl: »Du heiratest einen großen Prinzen.«

Doch die kleine Elisabeth Marie, der es ganz besonders gut auf Pösen gefiel, rief: »Ach nein, ich möchte dann lieber den Anthoine, der gefällt mir.« Und sie streckte dem dunkellockigen Buben das Händchen hin, da war auch für ein Leben eine Freundschaft geschlossen.

Die Herzogin brach das Gespräch ab. An dem stillen Jeannettchen sah sie vorbei. Und dann war sie liebenswürdig und herablassend, und Frau Sophia Christine wußte doch, sie will unser Glück stören. Zeitig am Nachmittag brachen die Gäste wieder auf, und schon im Wagen sitzend, sagte die Herzogin: »Louison kann mein kleines Fräulein begleiten. Monsieur de Charreard wird uns doch auch den Weg weisen.«

Sophia Christine erblaßte tief. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie das Kind selbst in den Wagen hob. »Sie wird mir genommen,« schrie es in ihr, und sie strich mit der Hand segnend über das liebliche Gesicht. »Gott schütze dich!«

Louison hörte nicht der Mutter Herz weinen. Die Fahrt in dem schönen Wagen neben dem blassen Prinzeßchen kam ihr sehr vergnüglich vor. Sie breitete ordentlich wie eine kleine Dame ihr Kleid aus, als wäre das Leinenkleid von Brokat, und ihr strahlendes Gesichtchen war das letzte, was die Mutter für lange Zeit von ihrem Kinde sah.

Monsieur de Charreard gab seiner fürstlichen Landsmännin das Geleite. Er hoffte, sie würde ihn unterwegs entlassen, aber daran dachte die Herzogin nicht. Sie sah ihn lächelnd neben ihrem Wagen reiten, und bei dem Dorf Ammerbach, das Jena schon nahe war, fragte sie ihn, ob er nicht so weiter ihr Begleiter sein wolle. Als Herr Anthoine sie etwas verwundert anschaute und nicht gleich die rechte Antwort fand, erzählte sie ihm, sie würde nach Paris reisen, um ihre Verwandten zu sehen. Zu ihrem Begleiter habe der Herzog ihn auserwählt, er käme auf diese Weise einmal in sein Vaterland, und König Ludwig, dessen Höflichkeit gegen Damen bekannt sei, würde nichts tun, was ihren Begleiter kränken könne, wenn er auch ein Flüchtling wäre.

Nach Frankreich zurückkehren, Paris sehen, den Traum seines Lebens!

Als der Wagen in Jena einfuhr, hatte Monsieur de Charreard, der Gutsherr von Pösen, sein stilles Glück im Tal vergessen; er sagte ja zu allem, was die Herzogin ihm vorschlug, er sagte auch ja zu dem Verbleiben seiner kleinen Tochter am Hofe. Es war wie ein Rausch über ihn gekommen, er duldete es, daß die Herzogin selbst noch ein Brieflein an die zurückgebliebene Frau sandte, eins, in dem sie höhnisch von dem großen Glück schrieb, das dem Hause Charreard an diesem Tage erblüht sei. »Morgen reise ich heim und Sophia Christine wird einsehen, daß ich nicht nein sagen kann,« dachte der Mann.

Louison weinte sich in den Schlaf. Ihre Sehnsucht nach der Mutter und den Geschwistern war groß, aber niemand kümmerte sich um dieses junge Leid. Die diensttuende Kammerfrau erzählte ihr von den schönen Kleidern, die sie bekommen würde. Aber was kümmerte sich das Landkind um Putz und Tand? Es verlangte wild nach den Lieben daheim und sagte zuletzt trotzig und doch zuversichtlich: »Der Niklas holt mich schon heim, der tut es gewiß.«

Monsieur de Charreard selbst dachte an diesem Abend nicht viel an die Seinen. Aus Weimar war Herzog Wilhelm gekommen, ein junger Landsmann, Raoul de St. Laurent, war mit ihm eingetroffen, da wurde von vergangenen Zeiten und von der bevorstehenden Reise gesprochen. Raoul de St. Laurent schilderte Paris in glühenden Farben, er redete sich heiß, und Herr Anthoine übersah dabei die freche Zudringlichkeit des jungen Herrn, der an einem deutschen Fürstenhof über die Deutschen spottete, der nur ein Land in der Welt gelten ließ, Frankreich.

In Pösen wartete Sophia Christine bang Stunde um Stunde auf Mann und Kind. Sie saß einsam unter der Linde und sah die Nacht kommen. Der Himmel war hell, der Sterne gewaltiges Heer glänzte daran. Aber die Sterne waren weit und das Leid war nahe. Sophia Christine faltete die Hände, sie wollte beten, aber es war nur ein flehendes Stammeln, was über ihre Lippen kam. »Gott, lieber Herre Gott hilf!« Und dabei wußte sie nicht einmal, in welcher Not ihr Gott helfen sollte. Sie ahnte nur die Gefahr, kannte nicht ihr Gesicht.

Und wie sie so saß, ganz eingehüllt in den Frieden der warmen hellen Nacht, hörte sie von fern Hufschlag, sah ein Licht aufglitzern. »Anthoine!« Sie lief dem Kommenden entgegen, meinte, es müsse der Gatte sein, aber dann erschrak sie, als eine fremde Stimme herrisch fragte: ob hier das Kirchlehen Pösen, der Besitz des Monsieur de Charreard liege?

Es war gut, daß die alte Röse in gleicher Herzensangst vor kommendem Unheil im Hauswinkel gehockt hatte. Trotz der vielen Arbeit des Tages lief die Alte doch wie ein Wiesel und plötzlich stand sie, eine Laterne in der Hand, neben ihrer Herrin und sagte barsch, um ihre Angst zu verbergen: »Was will Er?«

Der Mann reckte sich auf seinem Pferd und gab hochmütig Bescheid. Er legte den Brief der Herzogin in Sophia Christinens zitternde Hand, und diese wußte, es war Leid, was ihr der Mann brachte. Sie hielt sich aber aufrecht, stand fein und vornehm vor dem aufgeblasenen Diener, und als er sagte, eine Antwort brauche er nicht, nickte sie und sagte gelassen: »Röse, gib ihm einen Trunk, dann mag er heimreiten.«