Kasperle auf Burg Himmelhoch
Kasperle
auf Burg Himmelhoch
Eine lustige Geschichte
von
Josephine Siebe
Verfasserin von „Kasperle auf Reisen“
Mit farbigem Decken- und Vollbild von Ernst Kutzer
und zahlreichen Scherenschnitten von
Therese Bredt
Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
Nachdruck verboten
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
Inhalt
[Erstes Kapitel. Der Kasperlemann erzählt]
[Zweites Kapitel. Bei den Waldhausleuten]
[Drittes Kapitel. Kasperles Brief]
[Viertes Kapitel. Die Reise nach dem Schloß der Gräfin Rosemarie]
[Fünftes Kapitel. Die Ankunft]
[Sechstes Kapitel. Hochzeit und Reise]
[Siebentes Kapitel. In der Haubenschachtel]
[Achtes Kapitel. Die erste Nacht auf Burg Himmelhoch]
[Neuntes Kapitel. Das traurige Marlenchen]
[Zehntes Kapitel. Eine neue Freundin]
[Elftes Kapitel. Kasperles Krankheit]
[Zwölftes Kapitel. Es geistert im Schloß]
[Dreizehntes Kapitel. Das Nest auf der Ulme]
[Vierzehntes Kapitel. Das traurige Marlenchen lernt lachen]
[Fünfzehntes Kapitel. »Geh zum Teufel!«]
Erstes Kapitel
Der Kasperlemann erzählt
„Bimmelimbim, hollahe, ich bin da!“ so rief unverdrossen ein Mann, der vor einem kleinen, mit einem roten Vorhang verhüllten Kasperletheater stand. Das Budchen befand sich auf einem großen Platz, auf dem es noch viele andere Buden gab, denn in dem Städtchen Wutzelheim war Schützenfest; dazu waren Karussellmänner und Schaubudenleute von weither gekommen. Um das Kasperlebudchen herum drängten sich die Kinder. Es sollte, so wurde gesagt, ein besonders lustiges Kasperle sein, das da spielte, und das
Zusehen war billig. Für einen Pfennig konnte man lange stehen, und manchmal konnte man sogar ausreißen, ohne den Pfennig zu bezahlen. Aber das taten nur wenige, die meisten gaben gewichtig ihren Pfennig hin, man mußte doch Kasperle belohnen.
Immer wieder tönte das Bimmelimbim des Budenbesitzers, immer mehr Kinder liefen herzu. Endlich ging der rote Vorhang auf, und Kasperle steckte seine große, große Nase heraus und fragte: „Seid ihr alle da?“
„Ja!“ scholl es im Chor.
„Hm!“ Kasperle seufzte, schwang ein Beinchen über die Brüstung und fragte trübselig: „Ihr denkt nun wohl, ich werde kaspern?“
„Ja,“ schrien die Kinder, und ein paar Ungeduldige drängten: „Fang doch an, sonst müssen wir zum Abendbrot nach Hause!“ Es war aber erst drei Uhr nachmittags, und das Kasperle lachte etwas. „Abwarten und Tee trinken!“ rief es. „Erst muß ich euch eine Geschichte erzählen. Wollt ihr sie wissen?“
„Ja, ja,“ ertönte es von unten herauf.
„Na, dann paßt mal auf! Glaubt ihr, daß ich lebendig bin?“
Die Kinder lachten, ein paar kleine sagten schüchtern ja, die größeren aber riefen alle: „Nä, du bist von Holz“ — „Von Blech,“ rief sogar ein Mädel.
„So,“ brummte Kasperle, „na, das glaube ich doch nicht!“ Dabei schlug er mit seinen hölzernen Armen und Beinen an die Bretterwand des Budchens. Es krachte laut, und die Kinder schrien alle: „Das klingt wie Holz, du bist von Holz.“
„So, gut, also ich bin von Holz. Es gibt aber ein ganz putzlebendiges Kasperle, glaubt ihr das?“
„Nä,“ brüllten wieder die Kinder, „so was gibt’s nicht.“
„Doch, so etwas gibt’s, und das Kasperle sieht aus wie ich, nur ist es viel, viel größer, so groß wie der da.“ Und Kasperle streckte seinen Holzarm aus und zeigte auf Gottfried Schlippermilch, der etwa acht Jahre alt war.
„Nä,“ schrie Gottfried entrüstet, „das ist nicht wahr! Ich bin nicht wie ’n Kasperle.“
„Doch, es ist wahr, und nun kommt meine Geschichte.“
„Nä, das ist nicht wahr!“ Gottfried war sehr entrüstet, daß er Ähnlichkeit mit einem Kasperle haben sollte, und seine Kameraden mußten ihm erst ein Weilchen gut zureden, bis er schließlich sich beruhigte und still wurde.
Kasperle beugte sich weit vor und begann: „Ja, denkt euch, es gibt ein lebendiges, flinkes, lustiges Kasperle, und das wohnt seit vielen Jahren in einem Waldhaus. Das Häuschen gehört einem Kasperleschnitzer, der auch mich geschnitzt hat, und darum sehe ich so aus wie das putzlebendige Kasperle.“
„I nä!“ schrien ein paar Buben erstaunt, und Kasperle nahm flink eine alte Kartoffel und warf sie dem dicken Hansjörg an die Nase. Klatsch! Das knallte nur so.
„Stille sein!“ schrie Kasperle. „Was ich erzähle, ist wahr!“
Hansjörg rieb sich erschrocken seine Nase, und er klappte vor lauter Angst seinen Mund nun gar nicht mehr zu, doch auch die andern schwiegen ein wenig erschrocken, und Kasperle fuhr fort zu erzählen: „Das lebendige Kasperle hat einmal ewig lange geschlafen, vielleicht achtzig Jahre und noch länger. Da hat es in einem alten Schrank gesteckt, und niemand wußte es. Meister Friedolin, der Kasperleschnitzer, aber hat eines Tages in dem Schrank herumgekramt und dabei das schlafende Kasperle entdeckt. Wie das ans Licht gekommen ist, ist’s aufgewacht.“
„Was hat’s denn da gemacht?“ Ein Stimmlein klang hell aus dem Kindergewühl heraus, und diesmal warf Kasperle keine Kartoffel, es drohte nur mit seiner steifen Holzhand, gab aber doch Antwort. „Dummheiten hat’s gemacht, nichts wie Dummheiten. Das Waldhaus hat es bald auf den Kopf gestellt, und dann ist es ausgerissen.“
Viele Ahs und Ohs ertönten. Die Kinder sahen sich um, ob
gar das Kasperle hierher ausgerissen wäre, ein paar Buben aber schrien laut: „Das ist fein!“ — „Potz Wetter! Was sagt ihr da?“ schrie Kasperle empört. „Fein, fein! Na, ich danke. Frech war es, so frech wie eure Nasen. Und wie hat sich das Kasperle aufgeführt, o jegerle! Erst ist’s in ein Dorf gelaufen, — Protzendorf heißt es — nachdem es ein paar Büblein Hosen und Jacke weggenommen, hat sich dort als Gänsejunge verdingt und dabei die armen Gänse halb tot gehütet; dann hat es den braven Schäfer Damian und seinen Bruder Florian schlimm geärgert, und nachher ist’s wieder ausgerissen.“
„Fein!“ schrien wieder ein paar Buben. Diesmal warf Kasperle wütend ein paar trockene Kienäpfel von oben herab. Klatsch, klatsch! Einen bekam Drehers Frieder an die Nase, der andere hopste auf drei Köpfen herum, immer von einem zum andern.
„Das ist frech!“ schrien sie wieder.
„Ih, frech war Kasperles Ausreißen!“ zeterte oben das Kasperle. „Und frech war es, was er dann tat. Dem Grafen von Singerlingen ist er hinten auf den Wagen aufgesprungen; so ist er mit in ein Schloß gefahren, dort ist er in die Schlagsahne gefallen und hat sich in des Herzogs, unseres Herzogs, Bett gelegt.“
„Fein!“ schrien wieder ein paar Buben, aber da drohte Kasperle: „Ihr werdet eingesperrt.“
Da verstummten die Schreier flink, und Kasperle erzählte weiter: „Unser guter Herzog August Erasmus war damals bei dem Grafen von Markfeld zu Gaste, eine Hochzeit wurde im Schloß gefeiert, und da hat das Kasperle herumgespukt. Die kleine Gräfin Rosemarie — sie ist jetzt eine schöne junge Dame und wird nächstens einen Grafen heiraten — hat den kleinen Unnützling aus Mitleid erst in ihr Puppenbett gesteckt, dann ihm geholfen, daß er ausreißen konnte.“
„Fein, fein!“ brüllten wieder die Kinder. Da wurde Kasperle wütend, er schrie: „Potztausend! Das hättet ihr wohl auch getan?“
„Ja, ja!“ jauchzten die Kinder. „Er soll nur kommen, wir helfen ihm schon!“
Einige Augenblicke war Kasperle muckstill; der Kasperlemann, der hinter dem roten Vorhang stand, fuhr sich mit seinem schwefelgelben Schnupftuch über das Gesicht. Er ärgerte sich. „So ist nun das Kindervolk! Da reise ich von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, bin auf Schützenfesten, überall und immer, wenn ich erzähle: ‚Kasperle ist ausgerissen‘, schreien die dummen Kinder: ‚Fein, fein!‘ — Haue müßten sie alle haben!“
„Kasperle soll weiterreden,“ verlangten die Kinder vor dem Budchen.
Da ließ der Kasperlemann das hölzerne Kasperle wieder zappeln. Er steckte aber selbst seinen Kopf heraus und erzählte weiter: „Trotzdem die Landjäger aufpaßten, gelang es dem schlimmen lebendigen Kasperle doch, zu entkommen. Hoch hinauf in die Berge in das Dorf Waldrast hat er sich geflüchtet, und der Schullehrer dort hat sich seiner gar liebreich angenommen. Aber als Dank hat Kasperle nichts wie Dummheiten gemacht.“
„Was hat er denn getan?“ Hansjörg drängte sich ganz vor, und klatsch! schlug ihm Kasperle mit dem Bein an die Nase.
„Au!“ Hansjörg brüllte, die andern schrien: „Sei doch still! Wir wollen hören, wie’s weiter geht. Was hat Kasperle gemacht?“
„Nichts als Unsinn, und vor allem hat er die Base Mummeline im Schulmeisterhaus schlimm geärgert. Die hat aber herausgekriegt, daß es mit dem Kasperle nicht richtig war, und da sind Landjäger nach Waldrast gekommen, die haben Kasperle fangen wollen, denn der Herr Herzog August Erasmus hatte eine hohe Belohnung dem versprochen, der Kasperle fangen würde.“
„O jemine! Die haben ihn wohl gefangen?“
„I bewahre! Stille doch, Kinder! Ausgerissen ist — —“
„Hurra, hurra!“
Der Kasperlemann ärgerte sich mehr und mehr, die Kinder
jauchzten immer lauter, und von den andern Buden schauten die Leute neugierig herüber. „Beim Kasperle geht’s mal wieder lustig zu,“ sagten sie.
„Stille, Kinder! Sonst erzähle ich nicht weiter,“ schrie der Kasperlemann.
„Ach ja doch, bitte, bitte, wohin ist Kasperle gelaufen?“
„Erst auf den Kirchturm; da hat er die Glocken geläutet, so daß sie alle im Dorf gedacht haben, es brenne, und in der Verwirrung und in der Dunkelheit ist — ritsch ratsch! — das Kasperle ausgerissen.“
„Hurra, Kasperle soll leben!“
„Tut er ja auch,“ brummte der Kasperlemann. „Und gut hat er dann eine Weile gelebt; in des Herzogs Jagdschloß hat er beinahe die Räucherkammer leergegessen mit seinem Freund, dem Geißbuben Michele. Das Michele hat dem Kasperle in das Schloß hinein geholfen, und als da der Herzog August Erasmus unversehens gekommen ist, hat sich Kasperle in eine verborgene Kammer geflüchtet, und alle im Schloß haben gedacht, es spuke ein Gespenst darin.“
„Uje, das ist aber fein! Ich will auch mal Gespenst sein,“ schrie Hansjörg.
„Ich auch, ich auch! Gespenst sein, ist fein,“ echote es. „Morgen spielen wir Gespenster!“
„Wie hat er es denn als Gespenst gemacht?“
Das schwätzte laut vor dem Budchen durcheinander, und der Kasperlemann brummte: „So dumm bin ich nicht, euch das zu verraten. Wer spukt, kriegt was auf den Hosenboden, und nun still! Wer redet, bekommt einen Nasenstüber.“
Da waren die Kinder wieder muckstill, und der Kasperlemann erzählte weiter: „Na, kurz und gut, sie haben es im Schloß herausgekriegt, wo das Gespenst war, und da hat es Kasperle mit der Angst gekriegt und ist durch einen geheimen Gang entflohen. Vorher
aber hat der Bösewicht dem Herzog noch einen schweren Geldbeutel auf den Magen geworfen.“
„War Geld drinnen?“ Hansjörg riß seinen Mund wieder sperrangelweit auf, und der Kasperlemann brummte: „Schafskopf, natürlich! Von was wäre er sonst schwer gewesen! Wer jetzt aber noch ein Wort dazwischenredet, muß drei Pfennige zahlen.“
„Ich hab’ nur einen Pfennig!“ jammerte Minchen Hirsebrei.
„Na, dann halt den Schnabel! — Also, hört zu! Das Michele hat dann Kasperle wieder geholfen. Der ist ausgerissen, und wißt ihr, wohin er geraten ist?“
„Nä!“ schrien die Kinder.
„Nach Torburg.“
„Wir wollen ihn sehen, wir wollen ihn sehen!“ kreischten die Kinder; Torburg lag im Tal; nur eine Stunde weit war es von Wutzelheim entfernt.
„Donnerwetter, bleibt doch da!“ Der Kasperlemann erschrak ordentlich. Alle Kinder wollten davonlaufen, und er saß dann da und hatte keine Pfennige.
„Er ist ja nicht mehr dort,“ rief er darum schnell.
„Ach so!“ jammerten die Wutzelheimer Kinder enttäuscht.
„Wo ist er dann?“ Hansjörg drängte sich wieder ganz nahe an das Budchen, und klitsch! bekam er einen Backenstreich, aber tüchtig. Kasperle schlug mit seinem Holzbein derb zu, und Hansjörg brach in ein Jammergeheul aus: „Ich sag’s meinem Vater! Ich sag’s meiner Mutter, Kasperle hat mir gehaut!“
„Sei doch nicht dumm!“ Die andern Kinder zerrten Hansjörg, der davonlaufen wollte, zurück, und der Kasperlemann fuhr zu erzählen fort: „Also, in Torburg wohnte ein alter Gärtner, Meister Helmer, in einem wunderschönen Garten, der nahm das Kasperle als Gärtnerburschen an. Dort hat er ein Weilchen gelebt, bis ich eines Tages nach Torburg kam und erfuhr, Kasperle sei dort. Nun hatte der Herzog August Erasmus eine noch höhere Belohnung
ausgesetzt; die wollte ich mir verdienen und Kasperle fangen und —“
„Pfui!“ Bums sauste ein Holzpantoffel in die Kasperlebude hinein, schlug dem hölzernen Kasperle ein Stück von seiner Nase ab und traf des Kasperlemannes Bauch. Da schrie der nun auch und jammerte laut. Fritze Dünnebein aber, der den Pantoffel geworfen hatte, reckte sich stolz auf: „Warum haste Kasperle fangen wollen!“ brüllte er. „Das war böse.“
„Du Dummkopf!“ Der Holzpantoffel kam zurück, aber er traf Fritze nicht; der fing ihn auf, steckte wieder seinen Fuß hinein und sagte patzig: „Ich geb’ dir keinen Pfennig, weil du Kasperle gefangen hast.“
„Dumm, dumm, dumm!“ schrie der Kasperlemann. „Ich hab’ ihn doch nicht gefangen! Da ist nämlich der Meister Severin gekommen, ein Geiger und Instrumentenmacher, der allen Instrumenten eine Seele geben kann, der hat ritsch, ratsch das Kasperle genommen und es in einen schwarzen Kasten gesteckt und es in das Waldhaus zurückgetragen.“
„Hurra, das ist fein! Der Meister Severin gefällt uns,“ brüllten die Kinder. Hansjörg aber fragte bedächtig: „Und wo ist’s Kasperle nu?“
„Na, im Waldhaus!“
„Immer noch?“
„Ja, freilich! Jetzt hat er Angst; wenn er nämlich von des Herzogs Landjäger erwischt wird, ergeht es ihm übel. Dann wird er ins Loch gesteckt.“
„Er soll dort bleiben,“ kreischten die Kinder.
„Nein, er soll nicht dort bleiben,“ rief der Kasperlemann grimmig, „ich will ihn fangen. Unser guter Herzog August Erasmus hat jetzt immer so arg das Zipperlein, und er möchte einen solchen Spaßmacher haben, der ihm die Langeweile vertreibt; da hat er die Belohnung erhöht, er will gern das Kasperle haben.“
Die Kinder sahen sich an. Na, als Spaßmacher im herzoglichen Schloß leben, das mußte doch für ein Kasperle ganz lustig sein. Sie fragten etwas erstaunt: „Geht Kasperle net hin?“
„I bewahre, fällt ihm nicht ein! Der fürchtet sich vor dem Herzog und bleibt im Waldhaus bei Meister Friedolin und Mutter Annettchen.“
„Und der Meister Severin?“
„Der lebt auch im Waldhaus. Der hat die schöne Liebetraut geheiratet, Meister Friedolins Pflegetochter. Alle leben sie vergnügt zusammen, und unser Herzog kann das Kasperle nicht fangen.“
Das erschien den Kindern doch seltsam. Ein Herzog, der Landjäger hatte, der konnte doch Kasperle aus dem Waldhaus holen lassen, wenn er wußte, wo er war. Hansjörg fragte darum: „Warum holt er ihn net?“
„Weil das Landhaus im Lande des Fürsten Johann Jakob Joseph Jeremias XXXIX. steht, und das ist unsers Herzogs Feind. Der sagt: ‚Kasperle kann bleiben, wo er ist, der Herzog August Erasmus soll ihn nicht bekommen.‘“
„Und das Michele?“ fragte Minchen Hirsebrei mit feinem Stimmlein. „Hütet das noch die Geißen?“
„Dumm, dumm, dumm!“ Der Kasperlemann schüttelte sich ärgerlich. „Die Geschichte, die ich euch erzählt habe, ist geschehen, als ihr alle noch kaum auf der Welt gewesen seid. Das Michele ist inzwischen groß und stattlich geworden und ein weltberühmter Geiger. Meister Severin hat ihm eine Geige geschenkt, die eine wunderbar zarte Seele hat, und dann hat er ihn unterrichtet. Jetzt reist Michele von Land zu Land, er spielt an Königshöfen und in großen Städten und —“
Da schwieg der Kasperlemann auf einmal und die Kinder brüllten: „Und, und, was ist und?“
„Ach, papperlapapp, das versteht ihr nicht! Jetzt gebt mal eure Pfennige her! Die Geschichte ist aus.“
„Nä, noch net!“ Hansjörg stellte sich breitbeinig vor das Budchen hin und fragte: „Ich muß noch wissen, ob nun Kasperle auch so groß wie Michele geworden ist.“
„Unsinn, du Quatschpeter! Ein Kasperle wächst nicht, das bleibt immer nur so groß wie ein kleiner Junge,“ brummte der Kasperlemann. „Nun raus mit den Pfennigen!“
„Leben die Leute in Waldrast noch?“ rief Fritz Dünnebein.
„Freilich, freilich, selbst die Base Mummeline!“
„Und wen heiratet die Gräfin Rosemarie?“ Ein kleines blondes Mädelchen, das Agathchen Morgenschön, stellte sich auf die Fußspitzen, damit es unter den langen Buben auch gesehen werde.
„Die schöne junge Gräfin Rosemarie heiratet den Grafen von Singerlingen,“ brummte der Kasperlemann. „Der ist freilich schon ein bißchen alt für sie, aber weil ihre Eltern gestorben sind, will der Herzog, der ihr Vormund ist, sie verheiraten.
Sie will den Grafen gar nicht gern, aber sie muß ihn halt nehmen.“
Da hielt sich Agathchen Morgenschön das Schürzlein vor die Augen, sie brach in Tränen aus und rief klagend: „Die arme, arme Gräfin Rosemarie!“
„Ach, potz Wetter, laß das Geflenne! Was geht dich die Gräfin Rosemarie an!“ schrie der Kasperlemann. „Raus mit den Pfennigen!“
Da erhob sich plötzlich auf dem Platz ein lauter Lärm, Stimmen schwirrten auf: „Haltet ihn, haltet ihn!“ Und da es keinen Löwen in Wutzelheim zu halten gab, mußte es jemand anders sein. Die Kinder drehten sich alle blitzschnell um, da sahen sie, wie sich ein Affe von Bude zu Bude schwang. Der war aus der Tierbude entflohen.
„Haltet ihn, haltet ihn!“ ertönte es wieder.
Der Affe saß auf einem Leinwanddach und grinste von oben herab. Da vergaßen die Kinder alle miteinander den Kasperlemann und sein Kasperle, sie vergaßen aber auch, ihre Pfennige zu zahlen, sie rannten alle nach der Bude hin, auf der das Äffchen saß; selbst Agathchen Morgenschön vergaß die liebliche Gräfin Rosemarie, die den alten Grafen von Singerlingen heiraten mußte.
Vergeblich rief der Kasperlemann den Kindern nach: „Meine Pfennige, meine Pfennige!“
Husch, husch, war der Platz vor dem Budchen leer. Verdutzt sah der Kasperlemann den Kindern nach.
„Das ist doch ein unnützes Gesindel, dies Kindervolk!“ brummte er ärgerlich. „Alle meine schönen Pfennige sind futsch.“ Er nahm
seine Klingel und ließ sie laut tönen: „Bimmlimbim, bimmelimbim!“
Aber ach, du lieber Himmel, keine Bubenbeine, keine Mädelfüße kamen angelaufen! Über den weiten Platz hin tönte das Rufen und Schreien: „Haltet ihn, haltet ihn, fangt den Affen!“
Der sprang von Bude zu Bude, geriet schließlich an die Kletterstange
und kletterte hinauf. Hurra, da wollten gleich zehn Buben ihm nach, aber der Mann neben der Kletterstange wehrte ab. „Gemach, gemach, immer langsam voran! Hansjörg, klettere du zuerst!“
Da kletterte Hansjörg, und als er beinahe oben war, warf ihm der Affe einen oben angebundenen Groschenwecken platsch ins Gesicht.
Da verlor Hansjörg das Gleichgewicht und sauste samt dem Wecken von oben herunter.
Fritze Dünnebein und Klaus Brenner ging es nicht besser. Ein Bube nach dem andern versuchte sein Heil, aber auf einmal besann sich oben das Äfflein und ließ Gottfried Schlippermilch, der vorher sehr wichtig getan und gesagt hatte: „Ich schaff’s schon,“ ziemlich nahe kommen, dann ritsch, ratsch! fuhr es dem Buben in die Haare, daß es dem himmelangst wurde. Er schrie und zappelte, und als ihn das Äffchen los ließ, plumpste er wie ein dicker, reifer runder Apfel von oben herab, mitten in die Zuschauer hinein.
Da lag auf einmal nicht Gottfried allein am Boden, sondern
noch etliche andere auch, sogar der dicke Herr Bürgermeister saß unversehens da. Der schalt weidlich über den Affen und die Buben, aber er wußte auch nicht, wie der Affe herunterzuholen war. Darum sagte er, der Nachtwächter müsse sich unten an die Stange stellen und aufpassen, die ganze Nacht hindurch; wenn der Affe Hunger bekäme, würde er schon herabkommen.
Das fanden alle sehr gescheit. Einstweilen blieben freilich noch die Kinder an der Stange stehen und warteten, bis ihnen ihre Mäglein knurrten, als säße in jedem ein hungriger Wolf. Da rannten sie geschwinde heim. Der Kasperlemann ließ wieder seine Klingel ertönen, aber die Pfennige blieben alle in den Kindertaschen stecken. Es war schon schlimm. Und dabei ahnte der Kasperlemann nicht einmal, daß die Kinder von seiner schönen Geschichte sagten: „Sie ist ja gar nicht wahr! Er hat uns nur etwas vorgeflunkert; ein lebendiges Kasperle das gibt es ja gar nicht!“
Nur Agathchen Morgenschön lief zur Bude hin und wollte ihren Pfennig abgeben, aber da hatte schwuppdewupp der Kasperlemann gerade zugeschlossen. Ganz bitterböse war er und dachte: Daran ist nur das unnütze lebendige Kasperle schuld! Na, wenn ich das erst fange!
Es gab nämlich wirklich ein richtiges lebendiges Kasperle, und der Kasperlemann hatte den Kindern eine wahre Geschichte erzählt. Wenn sie es auch nicht glaubten, wahr war die Geschichte doch.
Zweites Kapitel
Bei den Waldhausleuten
In Wutzelheim schien den Kindern an diesem Abend allen der Mond auf die Näslein. Er stand nämlich voll und rund am dunkelblauen Nachthimmel. Der gute Mond sah aber noch mehr als die Kinder von Wutzelheim in ihren Betten liegen, die ihre Arme, Beinchen und Nasen aus ihren weißen oder rotkarierten Federnesten heraussteckten, der gute Mond sah auch auf eine grüne blühende Waldwiese nieder. Und auf die schaute er mit besonderer Lust herab, denn was er da sah und hörte, gefiel ihm besonders wohl.
Ein Stückchen von der Grenze des Landes entfernt, in dem Herzog August Erasmus regierte, lag ein Häuschen im Walde, vor dem breitete sich eine Wiese aus und ringsum standen riesenhohe, uralte Tannen. In dem Häuschen aber wohnten der Puppenschnitzer Meister Friedolin und seine Frau Annettchen, sowie seine Tochter Liebetraut mit ihrem Mann, dem Meister Severin. Es war alles so, wie es der Kasperlemann in Wutzelheim erzählt hatte.
An diesem Abend saßen die Bewohner des Waldhauses alle still auf der Wiese, sogar die Kinder der schönen Frau Liebetraut, das Zwillingspärchen Rose und Marie, waren noch auf. Die waren erst vier Jahre alt. Herr Severin und Frau Liebetraut hatten schon ganz traurig gedacht, sie bekämen keine Kinder, da hatte ihnen Gott doch noch die lieblichen Mädelchen geschenkt. Sie lauschten alle ganz still, denn an eine Tanne gelehnt stand da Michele und spielte Geige. Neben ihm aber hockte Kasperle, das richtige, lebendige Kasperle.
Michele war kein kleines Büble mehr wie einst, als ihn Herr Severin mitgenommen hatte, er war ein großer, schöner Jüngling. In der Welt draußen nannten sie ihn den berühmten Geiger Michael. Daheim im Waldhaus, denn das Waldhaus war auch seine Heimat geworden, war er aber für alle noch das Michele.
Wenn Michele draußen in der Welt in Königsschlössern und Festsälen gespielt hatte und heimkehrte ins Waldhaus, dann galt sein erster Gruß dem Kasperle, denn das lief ihm jedesmal schon weit entgegen.
Kasperle war noch immer ein kleiner wilder Unnütz, und manchmal, wenn Michele wieder ein Stück gewachsen war, dann grämte er sich wohl über sein Kleinbleiben. Doch Michele lachte ihn aus und sagte neckend:
„Ob groß, ob klein,
Mein Freund mußt du sein.“
Kasperle antwortete dann stets:
„Bleib ich auch ein kleiner Wicht,
Mein Michele vergess’ ich nicht.“
Und wenn Kasperle noch so toll und übermütig war, sobald das Michele auf seiner Geige spielte, dann wurde er muckstill und saß da wie in einer Kirche.
Aber Michele spielte auch wunderschön! Herr Severin, der doch ein großer Meister und Micheles Lehrer war, sagte: „Er spielt, wie der Wald rauscht, der Bach plätschert, die Vögel singen; so wie er spielt keiner jetzt auf der Welt.“
Und in dieser hellen Mondnacht spielte Michele schöner als je. Am Nachmittag war er heimgekommen, und das Kasperle war ihm wie immer entgegengesprungen. Aber gleich hatte Kasperle gemerkt, dem Freunde fehlte etwas. Und als Michele jetzt spielte, da dachte das unnütze, törichte Kasperle: „Ach, des Michele Herz weint!“
„So hat er noch nie gespielt,“ sagte Herr Severin leise zu seiner schönen Frau Liebetraut.
Der flossen die Tränen in den Schoß. Leise rannen sie wie Regentropfen herab. Ach, dachte sie wie Kasperle, des Michele Herz weint ja!
Die Bäume rauschten nicht mehr, die Vögel, die vorher noch gezwitschert und getschilpt hatten, schwiegen. Ein paar Rehe traten aus dem Walddunkel heraus, alles lauschte dem Spiel des Michele.
Und als der den Bogen sinken ließ, konnte man die Gräser zittern hören, so stille war es im Walde.
Die Waldhausleute saßen an diesem Abend lange auf der Wiese. Der Mond vergaß das Weiterwandern beinahe, so gut gefiel es ihm
wieder einmal. Auch war der alte Bursch etwas neugierig, er hätte gern gehört, was Michele erzählte. Der redete von großen Städten, in denen er gespielt hatte, auch von Schlössern und vornehmen Leuten. Und endlich sagte er: „Bei dem Fürsten von Wolkenburg habe ich auch gespielt und weißt du, wer da war, Kasperle?“
„Der Herzog!“ schrie Kasperle. Er fiel vor Schreck beinahe hintenüber, denn vor dem Herzog August Erasmus, den er einmal als Gespenst arg erschreckt hatte, und der noch immer aufpassen ließ, ob das Kasperle nicht über die Grenze lief, hatte er eine Heidenangst.
„Nein,“ sagte Michele traurig, „der nicht, aber die schöne Gräfin Rosemarie war da, die nächstens den Grafen von Singerlingen heiraten wird.“
Nun fiel Kasperle doch steif wie ein Stock hin. Denn was zuviel ist, ist zuviel, und daß die schöne Gräfin Rosemarie, die ihm einst als Kind geholfen hatte zu entfliehen, den alten Grafen von Singerlingen heiraten sollte, das ging über seine Nase.
„Ist nicht wahr!“ schrie er.
„Ist doch wahr!“ sagte Michele, und wieder war es, als ob sein Herz weinte.
„Ist dumm!“ Kasperle streckte vor Wut die Beine in die Luft.
„Wer ist dumm? Was ist dumm?“ fragte Michele.
„Sie ist dumm, dumm, erzdumm!“ kreischte Kasperle.
Aber da rief Michele zornig: „Die schöne Rosemarie ist nicht dumm. Aber sie muß den Grafen von Singerlingen heiraten, der Herzog August Erasmus, der ihr Vormund ist, will es.“
„Hach!“ Kasperle überschlug sich dreimal, und dann hämmerte er mit den Fäusten auf dem Waldboden herum. „Ich mach dem Herzog wieder Schrecken, ich setz mich ihm als Gespenst auf den Magen, ih — ih — ih!“
Fuchsteufelswild war das Kasperle, und Michele drohte: „Nimm du dich nur in acht! Der Herzog hat jetzt das Zipperlein, da hat er
gesagt, er möchte dich als Spaßmacher haben. Wer dich findet, soll dich fangen.“
„Hach, ich geh nicht zu ihm!“ Kasperle kreischte so laut, daß die Vögel, die nun eingeschlafen waren, in ihren Nestern munter wurden.
„Dann mußt du auch nicht immer so nahe an die Grenze laufen,“ sagte Herr Severin, „dort bauen sie jetzt sogar ein Wachthäuschen und wehe, wenn sie dich erwischen!“
Kasperle senkte seine große Nase. Die Geschichte war ihm bänglich. Vor dem Herzog August Erasmus und seinen Landjägern hatte er große Angst. Eigentlich war Kasperle ein kleiner Ausreißer, der himmelgern einmal durch die Welt wutschte, aber seit er alle die Geschichten erlebt hatte, die der Kasperlemann in Wutzelheim erzählte, traute er sich nicht mehr weit vom Waldhaus weg. Und wenn einer nur des Herzogs Namen nannte, gleich bekam Kasperle Bauchweh vor Angst.
Über dem Gerede, daß der Herzog ihn von neuem verfolge, hatte Kasperle des Freundes weinendes Herz ganz vergessen, aber als nun Herr Severin bat: „Spiele uns noch ein Schlußlied!“ und Micheles Geige so schmerzlich tönte, wurde es ihm ganz wind und weh. Sein kleines Kasperleherz brach fast vor Mitgefühl, und er war nachher beim Gutenachtsagen ganz still.
Im Waldhaus gab es nicht allzu viele Zimmer, und Michele, der doch ein weltberühmter Künstler war und in der Welt draußen reich und vornehm wohnte, mußte, wenn er heimkam, im Waldhaus immer noch in seinem alten Bubenkämmerchen mit Kasperle
zusammen hausen. Aber das tat Michele gern. Als Kind hatte er bei einem Bauern auf dem Heuboden seine Liegestatt gehabt und nichts besessen als ein Höslein und zwei Hemden. Daran und wie ihn durch Kasperle Meister Severin gefunden und ihn zu einem großen Künstler gemacht hatte, mußte er immer denken, wenn er ins Waldhaus kam. „Mein liebes Waldhaus!“ sagte er immer.
Auch heute stieg er ins Bubenkämmerchen hinauf; das lag unter dem Dach, und die volle, helle Mondscheibe stand vor dem kleinen Fenster. Da brauchte man nicht Licht anzuzünden, Michele sah beim Mondenlicht, daß Kasperle traurig dreinsah, und Kasperle sah das von Michele.
Es mochte ein Weilchen aber keiner anfangen zu fragen. Endlich tat das Kasperle einen kellertiefen Seufzer und fragte: „Michele, was hast?“
„Kasperle, was hast du?“
„Hach, ich hab’ zuerst gefragt!“ schrie Kasperle und schoß über sein Bett einen Purzelbaum hinweg und kam gerade auf des Michele Magen zu sitzen.
„Magenweh hab’ ich,“ schrie der. „Au, bist du schwer!“
Da rutschte Kasperle auf den Bettrand und fragte noch einmal, und sein kleines, unnützes Gesicht sah dabei ganz traurig aus: „Michele, was hast?“
„Mir tut das Herz weh,“ antwortete Michele.
„Warum tut’s weh? Sitzt was Schlimmes drinnen?“
„Ja, eine sitzt drinnen, die wird bald einen andern heiraten.“
„Hach!“ schrie Kasperle, „ich weiß, wer es ist: Rosemarie.“
„Ja, die Gräfin Rosemarie.“ Michele seufzte schwer. Und dann erzählte er, wie er die schöne Gräfin Rosemarie am Fürstenhofe gesehen habe, und er habe sie gar nicht anzusprechen gewagt. Aber da habe sie ihn auf einmal leise gefragt: „Ist Herr Michael, der berühmte Geiger, nicht des Kasperles Michele?“
Da waren sie vertraut mitsammen geworden. Er hatte ihr vom
Waldhaus erzählen müssen und von Kasperle, und sie waren beide glücklich mitsammen gewesen. Auf einmal aber sei der Herzog August Erasmus gekommen, mit ihm der Graf von Singerlingen, und da sei eins, zwei, drei Verlobung gefeiert worden, und in vier Wochen sollte Hochzeit sein. Michele aber hatte die schöne Gräfin Rosemarie nur noch einmal gesehen, da hatte er gespielt, und sie hatte dagesessen und die Tränen waren in ihren Schoß gefallen.
„Seitdem weint meine Geige immer, wenn ich spiele,“ sagte Michele, „und viele Menschen weinen mit. Das kommt, weil ihr Herr Severin eine so zarte Seele gegeben hat.“
„Ich geh’ als Gespenst zum Herzog,“ kreischte Kasperle. Er trommelte wütend auf der Bettdecke herum.
Michele aber erwiderte: „Kasperle, das hilft nichts. Die schöne Rosemarie wird Frau Gräfin von Singerlingen, und ich muß einsam bleiben mit meinem traurigen Herzen.“
Kasperle schluchzte laut. Der Freund tat ihm zu leid, und er sagte: „Michele, ich helf’ dir.“
„Wie denn, Kasperle?“
Ja, wie denn? Wenn Kasperle das nur gleich gewußt hätte! „Ich entführe Rosemarie,“ schrie er endlich.
„Da mußt du erst ins Schloß gelangen, und das ist schwer. Da gibt es viele Wächter und Hunde, an denen du vorbei mußt. Und jetzt läßt der Herzog sogar noch überall Kasperles aufstellen, die aussehen wie du, überall an Weg und Pfad, auf Grenzsteinen, an Schlagbäumen setzt er Kasperlepuppen hin, darunter steht: ‚Wer einen, der lebendig ist und so aussieht, fängt, der bekommt hunderttausend Taler.‘“
„Huuuh!“ Kasperle riß nun aber seinen Mund sperrangelweit auf. „Das ist zuviel!“ schrie er.
„Ja, viel ist’s schon, und du kannst dir denken, wie arg alle Leute aufpassen, um dich zu fangen.“
Kasperle nickte trübselig. Das war nun arg schlimm! Er dachte, daß neulich der böse Bäcker aus Protzendorf am Waldhaus vorbeigefahren war und gerufen hatte: „Komm mit, Kasperle, ich fahr’ dich ein Stück!“ Ja, und beinahe wäre er der Einladung gefolgt. O jemine, da wäre er bös hereingefallen!
„Aber woher hat der Herzog denn alle Kasperles?“ fragte er plötzlich.
„Die hat der gute Meister Friedolin selbst geschnitzt.“ Michele streichelte seinen kleinen Freund. „Alle Kasperlemänner haben bei ihm neue Puppen bestellt; die hat ihnen dann der Herzog für viel, viel Geld abgekauft.“
„Ich bleib’ im Waldhaus und gehe keinen Schritt mehr raus,“ rief Kasperle ängstlich.
„Ja, das tu nur!“
„Aber Rosemarie!“ Auf einmal fiel die dem Kasperle wieder ein, er rief: „Ich helfe dir.“
„Ach, mir kann niemand helfen!“ klagte Michele. „Und meine Geige wird immer, immer weinen müssen.“
„Nä,“ schrie Kasperle, „ich helfe dir, ich weiß noch nicht wie, aber über Nacht ist’s gedacht.“
Und dann stieg Kasperle in sein Bett, denn allemal, wenn er über etwas nachdenken wollte, fand er es am besten, im Bett zu liegen oder draußen unter einer der großen, uralten Tannen. Viel dachte das Kasperle ja gerade nicht nach. Wenn es sagte: „Ich will’s mir überlegen,“ und im Bett lag, dann rasselte das nachher gleich fürchterlich: das Kasperle schlief und schnarchte.
An diesem Abend aber blieb es still im Bubenstübchen, in dem nun auch wieder der berühmte Geiger Michael lag. Der seufzte manchmal tief, und dann steckte Kasperle seine Nase tief, tief in die Kissen hinein und seufzte auch.
Und der Mond schüttete seine silbernen Strahlen in die kleine Kammer. Ach, hätten darauf doch lauter gute und absonderlich kluge Einfälle gesessen! Wunderbar war es aber, immer wenn der Mond so recht hell schien, dann meinte Kasperle ein weißes Haus zu sehen, einen Garten mit bunten Blumen, und in dem Garten saß er, sah froh zu dem Hause hin und dachte: Endlich bin ich daheim! Und dann kamen etliche Kasperlebuben und Kasperlemädels angehüpft, die riefen: „Endlich bist du wieder auf unserer Insel!“
Wie sonderbar das war! Auch heute sah Kasperle das weiße Haus und den bunten Garten vor sich, und dabei lag er doch im Bett und dachte darüber nach, wie er dem Michele helfen könnte.
Kasperle schlug die Augen wieder auf. Der Mond sah noch immer in das Kammerfenster hinein, er lachte ordentlich. Und auf einmal, er wußte kaum, wie es geschehen, stieg Kasperle leise, leise aus dem Bett, kletterte auf das Fenster, kletterte hinaus, schwang sich draußen auf das Dach, und da saß er im vollen Mondenlicht auf dem Dach des Waldhauses.
Wie schön das war! Licht floß an den hohen Tannen herab,
glitzerte unten auf der Waldwiese, und die Bäume rauschten geheimnisvoll. Und wie Kasperle so saß und in den Wald hineinsah, blickte er auch die drei Wege entlang, die von den Dörfern Lindendorf, Schönau und Protzendorf nach dem Waldhaus führten.
Auf dem Wege aber, der von Protzendorf herkam, wanderte ein Mann. Komisch war das, der Mann ging gebückt, blieb manchmal stehen und schaute sich dann um, als ob er irgend etwas vorhätte und sich nicht recht traute.
Warum nur Flock nicht bellt! dachte Kasperle, und gerade da kam Flock angerannt. „Wauwauwau!“ bellte er laut, aber da warf ihm der Mann etwas hin und schnapp! griff Flock danach. Wahrhaftig, es sah wie eine große Wurst aus! Und Flock vergaß rasch
das Bellen. Kasperle dachte: Na, warte du, du bist mir ein schöner Wächter!
Himmel, und was geschah nun!
Kasperle legte sich vor Schreck platt auf das Dach. Er sah nämlich, wie der Mann sich an das Waldhaus heranschlich, eine Leiter nahm und diese gerade an das offene Kammerfenster lehnte, aus dem Kasperle vor einem Weilchen herausgeklettert war.
Ja, und potztausend, der Mann war der Schäfer Damian ohne Maul aus Protzendorf! Den hatte Kasperle einst arg gekränkt auf seiner kunterbunten Reise in die Welt hinaus, von der der Kasperlemann den Kindern in Wutzelheim erzählt hatte. Und jetzt wollte ihn Damian heimlich rauben, ganz sicher wollte er das!
Ei, das soll dir schlecht bekommen! dachte Kasperle. Er rutschte auf dem Dach entlang, leise, ganz leise, und als Damian gerade in das Kammerfenster gewutscht war, gab er von oben der Leiter einen Stoß und fing ein mörderliches Geschrei an: „Michele, Michele, zur Hilfe!“
Damian, der in dem Kämmerchen stand, erschrak, er hörte das Schreien und sah plötzlich, wie jemand aus dem Bett aufstand, der groß und kräftig war, gar nicht so klein wie das Kasperle.
Michele hörte Kasperles Rufen, sah den fremden Mann in der Kammer und ripsch, rupsch nahm er einen Stuhl und schlug den Damian ohne Maul um die Ohren. Kasperle aber hatte auf dem Dach eine Latte gefunden; mit der rutschte er wieder in die Kammer, und klitsch, klatsch schlug er Damian auf den Hosenboden.
Der wußte gar nicht, wie ihm geschah, er wollte ausreißen, denn die beiden in der Kammer bedrängten ihn hart, und dazu schrien alle beide, daß das ganze Haus munter wurde. Man hörte Rufen, Schritte polterten, und da hatte Damian ohne Maul das Fenster erreicht und potz Kuckuck! — weg war die Leiter.
Plumps! fiel Damian von oben herab. Er fiel mit der Nase in etwas Nasses, daß es hoch aufspritzte. Meister Friedolins rote
Kasperlefarbe war es, die da unter dem Fenster stand, und weil er wieder eine Anzahl Kasperle anmalen wollte, hatte er gleich ein bißchen viel in einer flachen Schüssel angerührt.
Pfui, wie das roch und schmeckte!
Damian ohne Maul erhob sich stöhnend. Er witschte und spuckte, und da packten ihn kräftige Hände. Meister Friedolin war es und Herr Severin. Michele war auch dazu gekommen, und das Kasperle drosch mit seinem Holzscheit vergnügt auf Damians Hosenboden herum, als wäre das ein Teppich, den er ausklopfen sollte.
Da hatte Damian ohne Maul auf einmal ein Maul. Das riß er sehr weit auf, er schrie mörderlich, bat, man solle ihn laufen lassen, und drehte und wand sich. Hops, hops sprang Kasperle um ihn herum, es war schon recht unangenehm für Damian.
Herr Severin und Michele hielten ihn schließlich fest, und Herr Severin fragte: „Was wolltest du stehlen?“
„Mich!“ — Klitsch, klatsch! — „Mich, mich!“ schrie Kasperle. „Das ist Damian ohne Maul, der hat mich stehlen wollen.“
Da senkte Damian beschämt den Kopf und sagte kläglich, der Herzog August Erasmus habe so eine große
Belohnung ausgeschrieben; die habe er sich verdienen und wirklich das Kasperle stehlen wollen. Der Kasperlemann, der ihn dazu ansgestiftet, der habe ihm verraten, wo Kasperles Kammer sei.
„Ei, das sind ja schöne Geschichten!“ rief Meister Friedolin. „Solange ich im Waldhaus wohne, ist so ein schlechter Mensch noch nicht dagewesen.“
„Ich bin nicht schlecht, — au, au!“ schrie Damian, denn Kasperle schlug noch immer auf ihn los. Da faßte Michele Kasperles Hand und sagte: „Nun hat er genug. Die Geschichte wird unserem Fürsten Johann Jakob Joseph Jeremias gemeldet und dem Bauer Strohkopf in Protzendorf dazu, da wird der Damian schon seine Strafe bekommen.“
Dem langen Damian wurde es himmelangst, und er, der sonst am Tag kaum drei Worte sprach, bettelte und bat jetzt kläglich, man möchte ihn nicht verraten, er würde Kasperle auch immer beschützen, wenn es einmal in Gefahr geriete.
Der Damian jammerte so, daß Kasperle geschwind vor lauter Mitgefühl ein jämmerliches Geheul anfing und flehte: „Laßt ihn los, ach bitte, bitte, bitte!“
„Na meinetwegen!“ brummte Meister Friedolin, Herrn Severin war es auch recht, und Frau Liebetraut streichelte Kasperle und sagte: „Das ist mal recht von dir, daß du den Damian losbittest!“
Da durfte der heimwärts ziehen, die Leute im Waldhaus sagten ihm zu, sie würden ihn nicht anklagen, und Damian versprach nochmals heilig und teuer, wenn er einmal dem Kasperle helfen könne, würde er es tun. Zu guter Letzt gab ihm Kasperle noch die Hand, und Damian trollte sich von dannen.
Im Waldhaus gingen alle in ihre Betten, auch Kasperle kroch hinein, und jetzt lockte und rief ihn der Mond nicht mehr. Der war weiter gewandert, fing schon an, blaß vor Ärger zu werden, denn er sah den neuen Tag heraufziehen, und er fand, er könnte ganz gut einmal die Sonne vertreten und am Tage scheinen. Doch die wollte
sich das nicht gefallen lassen. Auf einmal war sie da, die Vögel sangen ihr jubelnd entgegen, im Bubenkämmerlein aber lag Kasperle noch immer mit offenen Augen im Bett. Und gar nicht froh sah er aus, sondern höchst betrübt. Ihm war nämlich eingefallen, wie er dem Michele helfen könnte. Aber das war ein schweres Werk, fast zu schwer für ein Kasperle!
Drittes Kapitel
Kasperles Brief
Der Kasperlemann in Wutzelheim kriegte seine Pfennige nicht, und er kehrte den Wutzelheimer Kindern erbost den Rücken. Ehe die am nächsten Morgen aufstanden, war der Kasperlemann samt seinem Budchen, das er auf einen Eselkarren geladen hatte, schon auf und davon gezogen. Weg war er. Niemand wußte wohin, niemand hatte ihn wegfahren sehen. In Wutzelheim sagten sie, so etwas tue man doch nicht, wenn einer einmal zum Schützenfest komme, dann müsse er auch bis zum Schluß bleiben. Aber alles Reden half nichts, der Kasperlemann war weg und blieb weg. Die Kinder fuhren für ihre Pfennige Karussell, das war auch lustig.
Unterdessen aber rollte des Kasperlemanns Wäglein dem Schlosse zu, in dem die schöne Gräfin Rosemarie wohnte. Der Graf von Singerlingen hatte nämlich einen Boten geschickt, der Kasperlemann möchte flink dorthin kommen. Mit Prunk und Pracht sollte die Hochzeit gefeiert werden, der Herzog wollte dazu kommen, und um den Gästen einen Spaß zu bereiten, hatte der Graf von Singerlingen gemeint, ein Kasperlespiel wäre sehr lustig und unterhaltsam.
In acht Tagen sollte die Hochzeit stattfinden. Die schöne Rosemarie ging mutterseelenallein durch den Wald, der sich östlich vom Schlosse hinzog. Sie dachte traurig daran, daß sie nun den alten Grafen von Singerlingen heiraten sollte und doch den Geiger Michael von Herzen liebhatte. In den Bäumen sangen die Vögel,
die feinen, zarten Waldblumen drehten alle dem schönen Mädchen ihre Gesichtchen zu, und die hohen Bäume rauschten; wie ein liebes, lindes Trösten klang es. Ach, dachte Rosemarie, wenn mir doch jemand helfen möchte! Ich bin so mutterseelenallein in der Welt. Sie setzte sich auf einen umgeschlagenen Baumstamm und begann bitterlich zu weinen.
Da kam ein Wanderbursch vorbei, der sang vergnügt vor sich hin:
„Nur tapfer sein,
Nur net verzagt!
Der Sonne Schein
Blinkt wieder, wenn’s tagt.
Trallalala, Trallalala!
Meine Fiedel soll klingen
Lieblich und fein,
Ein Lied will ich singen
Wie’s Waldvögelein.
Trallalala, Trallalala!
Drum zieh ich hinaus,
Die Fiedel zieht mit;
Im Wald steht ein Haus,
Da sag’ ich meine Bitt’.
Trallalala, Trallalala!“
Auf einmal entdeckte der Wanderbursch die schöne Rosemarie, und er fragte mitleidig: „Warum weint Ihr, schönes Fräulein?“
„Weil mir das Herz weh tut,“ antwortete Rosemarie. „Aber sage, wohin ziehst du? Wo ist das Haus im Walde, und was für eine Bitte wirst du dort sagen?“
„Ei,“ erwiderte der Wanderbursch, „mir tut’s arg leid, daß Euch das Herz weh tut, schöne Gräfin! Aber wartet nur, ich werde kommen und Euch helfen. Ich ziehe ins Waldhaus, das liegt hinter dem Herzogtum; dort wohnt der Meister Severin, der kann allen Instrumenten eine Seele geben, zu dem will ich meine Fiedel bringen. Und der Herr Michael ist dort, der der allerberühmteste Geiger ist, den will ich bitten, er soll mir zeigen, wie man so wunderschön spielt. Und dann komme ich zurück und spiele Euch etwas vor; da werdet Ihr froh werden und wieder lachen.“
Rosemarie seufzte nur bei diesen Worten, und sie fing noch bitterlicher zu weinen an. Dem Wanderburschen tat sie arg leid, und er dachte: Ich will flink laufen, damit meine Fiedel eine Seele bekommt und ich die arme schöne Rosemarie recht trösten kann.
Und er rannte spornstreichs davon, um nur ja recht schnell in das Waldhaus zu kommen.
In seinem Eifer sah der Wanderbursch gar nicht, daß die schöne Gräfin Rosemarie nur noch bitterlicher weinte. Er lief wie ein Hase, und als er auf der Landstraße eine schnelle Post fahren sah, sprang er hinten auf und dachte: So komme ich gewiß heute noch ins Waldhaus.
Ein bißchen länger dauerte es aber doch. Die Post hielt sehr lange an einem Wirtshaus, und erst am zweiten Tag kam er nach Protzendorf. Dort fragte er den ersten besten, der ihm begegnete, nach dem Weg, der zum Waldhaus führe. Das war nun gerade der Schäfer Damian. Der schrie gleich los: „Ich leid’s net, ich hab’s versprochen, das Kasperle zu beschützen.“ Und er hob drohend seinen langen Schäferstab gegen den Wanderbursch.
Der dachte: Ei, bei dem Schäfer scheint’s nicht richtig zu sein! Und weil er keinen so langen Stock hatte, lief er flink davon.
So kam er schneller an die Grenze, als Damian dachte. Und weil er gerade im Laufen war, lief er auch an der Schildwache vorbei, ehe die sich noch recht besonnen hatte, wer wohl der Wanderer sein könnte.
Nachher rief der Landjäger, der Wache stand, flink einen zweiten aus dem Häuschen heraus, und alle beide schrien: „Hollahe, nicht davonlaufen!“ aber da war der Wanderbursch schon am Waldhaus.
Vor dem Waldhaus schlug Kasperle Purzelbaum, einen, noch einen, schnell und schneller. Der Wanderbursch blieb verdutzt stehen, und auf einmal schlug ihm Kasperle mit seinem Bein an die Nase.
„Au!“ schrie der Wanderbursch und hielt sich seine Nase fest.
„Au!“ kreischte Kasperle und steckte seinen Fuß in den Mund.
Beide schauten sich an, und beide fragten zu gleicher Zeit: „Wer bist du denn?“
Kasperle, der nun schon wußte, es war besser, keinem Fremden
zu sagen, er sei ein echtes, rechtes Kasperle, grinste nur, der Wanderbursch aber erzählte: „Ich heiße Jörgel und suche den Meister Severin und Herrn Michael.“
„Hach!“ schrie Kasperle. „Wo kommste denn her?“
„Von weit her,“ sagte Jörgel. „Aber weißt du, vor ein paar Wochen hab’ ich einen Kasperlemann gesehen, dessen Kasperle sah genau so aus wie du.“
„Hach!“ schrie Kasperle wieder und schnitt ein fürchterliches Gesicht. „Dumm, dumm wenn du nichts weiter gesehen hast!“
„Ei, was bist du für ein frecher kleiner Kerl!“ rief Jörgel gekränkt. „Nennst mich dumm, und dabei bin ich noch einmal so lang wie du und gewiß noch einmal so gescheit wie du. Und gesehen habe ich schon allerlei, gestern zum Beispiel im Walde die schöne Gräfin Rosemarie. Die saß da und weinte, und sie sagte, ihr Herz täte ihr weh. Na, ist das auch dumm?“
Kasperle gab keine Antwort. Er streckte sich auf einmal lang aus, lag da ganz steif, verdrehte die Augen, und dem Jörgel wurde himmelangst. Er wollte schon ins Waldhaus laufen und Hilfe holen, denn er dachte: Der schnurrige kleine Kerl stirbt hier unversehens auf der Waldwiese. Doch da richtete sich Kasperle auf und rief:
„Bleib hier und kein Wort darfste von Rosemarie sagen! O jegerl, o jegerl, ich armes, armes Kasperle! Nun muß ich es doch tun.“
Und flugs fing das Kasperle so schrecklich zu heulen an, daß es alle im Waldhaus hörten. Michele und die schöne Frau Liebetraut kamen gleich angerannt, und die dachten gar, der Wanderbursch hätte Kasperle etwas zuleide getan. Michele schalt heftig auf den armen Jörgel ein, doch da schrie Kasperle: „Er hat nichts getan. O jemine, o jemine, mein Bäuchle, mein Bäuchle!“
Da hob Frau Liebetraut das Kasperle empor, trug es in das Haus, legte es in sein Bett, und das törichte Kasperle klagte nur immer: „Mein Bäuchle tut weh, mein Bäuchle!“ Und dabei war es doch sein kleines Kasperleherz, das ihm vor lauter Mitgefühl so bitter weh tat. Er wollte ja so gern Michele und der schönen Rosemarie helfen, wußte auch, wie er es wohl anfangen könnte, aber — aber schwer war es, sehr, arg schwer.
Kasperle lag in seinem Bett und heulte. Jörgel saß unten und Herr Severin fing an, auf seiner Geige zu spielen. Das klang süß und fein durch das Haus, und dann nahm Michael die Geige und spielte darauf, und da schwiegen die Vögel im Walde, die Bäume stellten das Rauschen ein, alles lauschte, so lieblich und zart zugleich klang es.
Kasperle hörte das Spielen, und plötzlich kletterte er aus seinem Bett heraus und ging an des Michele Schreibzeug. Der mußte oft Briefe in die Welt senden, und er hatte einen ganzen Berg Briefpapier daliegen. Von diesem suchte sich Kasperle den allerschönsten Bogen heraus, und weil er, seit er in Waldrast in die Schule gegangen war, etwas schreiben konnte, fing er an, einen Brief zu schreiben. Auf, ab, kreuz, quer — die Buchstaben standen da wie die Halme eines Roggenfeldes, wenn Hagel darüber hingegangen ist. Zuletzt malte Kasperle mit ungeheuren Buchstaben seinen Namen darunter, und dann war der Brief fertig.
Kleckslein gab es etliche. Wen störte das? Kasperle nicht.
Der tat den Brief in einen Umschlag und verbarg ihn in seinem Wämslein. Und dann ging er auf Kasperleart die Treppe hinab, er schlug einen Purzelbaum und war schneller unten, als ein Sperling fliegt.
Weil alle im Hause auf Micheles Spiel hörten, achtete niemand auf das Kasperle. Das flitzte davon; heidi! weg war es. Es rannte durch den Wald, den Weg entlang, der nach Protzendorf führte. Fein sorgsam hielt es sich aber im Gebüsch verborgen, und als es endlich Stimmen hörte, kletterte es flink auf eine hohe Tanne. Von dort aus erblickte Kasperle das neue Grenzwächterhaus; er sah zwei Grenzwächter vor der Türe sitzen, die redeten miteinander und schauten immer nach rechts und nach links, um heute ja niemand mehr zu verpassen.
Kasperle nahm den Brief, wickelte ihn um einen Stein, den er sich mitgenommen hatte, knotete sein Taschentuch darum und warf alles den Grenzwächtern vor die Füße.
Bums! fiel das Päckchen vor beiden nieder. Die schauten sich verdutzt um, sie sahen aber niemand und nichts. Kasperle war rasch von der Tanne halb heruntergeglitscht. Er konnte aber gerade noch die beiden Wächter sehen. Die knoteten das Tüchlein auf, fanden den Brief und lasen erstaunt: „An Härzog Aukuhst Ehrasssmuhs fon Kasperle.“
„Potztausend!“ riefen beide. „Das ist aber mal ein dummer Streich!“ Weil Kasperle den Umschlag nicht geschlossen hatte, konnten sie auch lesen, was in dem Brief stand.
„Hähr Härzog iich Kasperle wil bai diech gomen un fiel Schbaasen magen wen Krefin Rohsemarie heurathen dut main Freund Michele. Un ich reisse niemalen auhs, nuhr wen du sackst: gäh sum Teifele Kasperle. Dan gäht Kasperle — ahber for immer. Schmaise auch ainen Briff übber die Gränze miht dain Wort. Dann gomd bästimt
Kasperle.“
„Je, je, je! Ist das nun ein richtiger Brief, oder ist’s ’n Schabernack?“ meinte der eine Wächter, und der andere brummelte: „Hm, hm, so’n Geschreibe könnte schon ein Kasperle fertig bringen!“
Und dann legten alle beide die Finger an die Nasen und überlegten, ob sie den Brief dem Herzog bringen sollten.
„Ja,“ sagte der eine.
„Nein,“ rief der andere.
„Recht — nein,“ antwortete der erste.