Kasperle auf Reisen

Eine lustige Geschichte
von
Josephine Siebe

Mit vier farbigen Vollbildern von Karl Purrmann

Vierte Auflage

Verlag von Levy & Müller in Stuttgart

Nachdruck verboten
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart

Inhalt

[Erstes Kapitel. In Meister Friedolins Haus]

[Zweites Kapitel. Der alte Schrank]

[Drittes Kapitel. Was am Waldsee geschah]

[Viertes Kapitel. In Protzendorf beim Bauer Strohkopf]

[Fünftes Kapitel. Gänse hüten]

[Sechstes Kapitel. Kasperle im Schloß]

[Siebentes Kapitel. Rosemarie]

[Achtes Kapitel. Ein neues Heimathaus]

[Neuntes Kapitel. Kasperle in der Schule]

[Zehntes Kapitel. Eine neue Gefahr]

[Elftes Kapitel. Abenteuer über Abenteuer]

[Zwölftes Kapitel. Kasperle wird ein Gespenst]

[Dreizehntes Kapitel. Der bunte Garten]

[Vierzehntes Kapitel. Die Reise mit Herrn Severin]

[Fünfzehntes Kapitel. Wieder daheim im Waldhaus]

Erstes Kapitel
In Meister Friedolins Haus

Mitten im Walde stand irgendwo vor etwa hundert Jahren ein altes Haus. Wie alt es war, wußte niemand ganz genau; die Leute in der Umgegend sagten, ein paar hundert Jahre könne es schon stehen. Früher war der Wald drum herum groß und weit gewesen, man hatte sich recht darin verlaufen können. Dann waren die Dörfer näher gerückt, am Rande war viel abgeholzt worden, und vom uralten Häuschen führten schließlich drei Straßen ins Land.

Überall da, wo die Straßen endeten, lag ein Dorf, im Osten Schönau, im Süden Lindendorf und im Westen war eins, das die Leute Protzendorf nannten. Dort wohnten lauter sehr reiche Bauern, die arg hochmütig waren. Mit den Bewohnern der andern Dörfer verkehrten sie gar nicht, und die Kinder aus Protzendorf kamen auch nie zum Waldhäuschen gelaufen. Das taten die Kinder aus den andern Dörfern nämlich sehr gern, denn im Waldhäuschen lebte ein Holzschnitzer, der gar

wunderliche, schnurrige Dinge schnitzte. „Kasperleschnitzer“ hieß er in der Umgegend; er schnitzte emsig den ganzen lieben Tag lauter Kasperlepuppen, und seine kleine Frau Annettchen zog die Puppen an. Da saß manchmal eine bunte Gesellschaft auf der Holzbank im Waldhäuschen, und die Kinder aus Schönau und Lindendorf kamen oft gelaufen, sich die Kasperlepuppen anzusehen. Sie erfuhren es immer, wenn wieder eine Anzahl Puppen zum Verschicken in die weite Welt fertig waren. Liebetraut, des Kasperleschnitzers Pflegetochter, kam dann geschwind in eins der Dörfer gelaufen und sagte es den Kindern, denn das Mädchen war mit allen Kindern gut Freund. Ja, manchmal hängte Liebetraut vor eins der kleinen Fenster im Waldhäuschen einen roten Vorhang; dann spielte sie mit den Puppen den Kindern etwas vor, und das ganze kleine Waldhaus war umjauchzt von Lachen. Den Kindern wurde das Abschiednehmen von den Kasperlepuppen immer sehr schwer, doch die wurden in eine große Kiste gepackt, reisten in die weite Welt hinaus, und keine kehrte mehr ins Waldhaus zurück.

In Lindendorf und Schönau wußten die Leute nicht viel davon, daß der Kasperleschnitzer eigentlich ein berühmter Mann war. Aber auf den Jahrmärkten und Messen im weiten deutschen Land und darüber hinaus, da war sein Name bekannt, und jeder, der ein Kasperletheater besaß, schätzte sich glücklich, wenn er Puppen hatte, die von dem Meister Friedolin geschnitzt waren. Alle sagten es, weit und breit seien keine lustigeren und

vergnüglicheren Puppen zu finden. Und angezogen waren sie — ei Potzwetter! Frau Annettchen und Liebetraut wußten für die Kittelchen und Mützchen immer wieder etwas Neues zu ersinnen, ganz wundernett putzten sie die Puppen heraus.

Es ging friedlich und fröhlich zu im kleinen Waldhaus. Reichtümer gab’s nicht darin, aber Hunger brauchten die Bewohner auch nie zu leiden. Meister Friedolin selbst war ein stiller Mann; er saß von früh bis spät bei seiner Schnitzarbeit, aber er hörte es gern, wenn seine Frau Annettchen lachte und Liebetraut sang. Von draußen rauschten die Bäume herein, der Vögel Stimmen erschallten, und Frau Annettchen sagte manchmal: „So schön wie bei uns ist es nirgends.“

Die blonde Liebetraut war auch ein rechtes Sonnenkind. Woher sie gekommen, wußte niemand; ein Wanderbursch hatte eines Tages im Herbst ein kleines Bündel ins Waldhaus gebracht und gesagt: „Hier, Frau, das habe ich draußen auf der Straße gefunden.“ Aus dem Bündelchen hatten Frau Annette zwei große, blaue Augen angestrahlt, und da hatte die gleich gerufen: „O so ein liebes, trautes Kindle! Das möchte ich gleich behalten!“ Und beim Behalten war es geblieben. Niemand wußte, wem das Kind gehörte, niemand kannte seine Eltern. Da taufte der Pfarrer in Schönau die Kleine auf den Namen Liebetraut, und Meister Friedolin und Frau Annette wurden ihre Eltern. Das war aber schon lange her, inzwischen war Liebetraut ein

hübsches, großes Mädchen geworden, an dem seine Pflegeeltern eine rechte Herzensfreude hatten.

Meister Friedolin bei der Arbeit

Auch Liebetraut fand, im Waldhäuschen sei es am allerschönsten in der Welt. Mit den Kasperlepuppen hatte sie immer ihren besonderen Spaß. Sie sagte oft: „Schade, daß sie nicht lebendig sind!“ Und wie sie das einmal wieder sagte, an einem rechten Wintertag war es, — draußen schneite es in großen Flocken, alle Wege waren schon verschneit, und um das Waldhäuschen brauste der Sturm — da sagte plötzlich der sonst so stille Friedolin: „Einen lebendigen Kasper hat mein Ur-Ur-Urgroßvater besessen.“

Darob mußte Liebetraut herzhaft lachen. Aber der Meister belehrte sie ganz ernsthaft: „Nein, nein, Kind, darüber ist nicht zu lachen, das ist wahr. Du weißt es doch, daß mein Ur-Ur-Urgroßvater schon ein Holzschnitzer war und hier im Waldhause gewohnt hat. Der hat nun freilich keine Kasperlefiguren geschnitzt, sondern Heiligenbilder und feine, schöne Dinge für den Hausrat.“

„Wie die Uhr,“ rief Liebetraut dazwischen. Sie schaute auf die alte Kastenuhr, die ein zierliches Schnitzwerk umrankte. Da gab’s Bäume und Blumen und allerlei Getier des Waldes.

Der Meister Friedolin nickte. „Ja freilich,“ sagte er, „die Uhr hat mein Ahn geschnitzt und sonst noch allerlei für Kirchen und Schlösser. Er war ein angesehener Mann, und sein Schnitzwerk hatte großen Ruf. Da ist er denn auch manchmal über Land gegangen und hat

da und dort wochenlang gearbeitet; auf manchem großen Schloß ist er gewesen. Er hat alleweil gesagt, schön sei das schon, auf einem Schloß wohnen, aber er bleibe doch lieber in seinem Waldhaus.

Und einmal, da ist er wiederum auf der Heimreise gewesen, und weil er solche Sehnsucht nach zu Hause gehabt, hat er sich recht gesputet. Der Wald, der damals unser kleines Haus umgab, war viel größer als jetzt. Bei Nachtzeit ist es nicht recht geheuer darin gewesen, und es hat sich selten jemand getraut, in der Dunkelheit durch den Wald zu gehen. Mein Ahn aber hat gedacht: Ach was, mitten im Wald liegt ja mein Haus, bis dahin werde ich schon kommen! Es ist ganz heller Mondschein gewesen, wie Silber ist es an den hohen Bäumen heruntergeflossen, und die Waldwiesen haben ordentlich geglänzt. Da, in dieser stillen Helle, hat mein Ahn auf einmal ein sonderbares Geräusch gehört; als ob jemand lachte, so hat es geklungen. Er ist stillgestanden und hat sich umgeschaut, und auf einmal sieht er einen ganz wunderfitzigen kleinen Kerl auf einer Lichtung immer Purzelbäume schlagen. Flink ist er hingegangen, und schwipp — schwapp hat er das Kerlchen am Hosenboden gepackt. Das war nun allerdings ein närrischer Kumpan, den er da erwischt hatte. So groß wie ein Büble von sieben bis acht Jahren ist er gewesen. Das Bürschchen hat eine große Hakennase gehabt und einen riesengroßen Mund. Auf dem Kopf hat es eine feuerrote Zipfelmütze getragen mit lauter goldenen Glöckchen dran; dazu

hat der kleine Kerl ein ganz buntes Kleid angehabt, das aber so zerrissen gewesen ist, als hätte er’s schon fünfzig Jahre auf dem Leibe.

‚Wer bist denn du?‘ hat mein Ahn gefragt.

Der kleine Kerl hat erst sein Gesicht ganz wunderlich verzogen und zum Antworten so recht keine Lust gezeigt. Doch weil mein Ahn ihn mit einem gar festen Griff hielt, hat er ihm endlich doch Auskunft gegeben. Er sei ein echtes, rechtes, lebendiges Kasperle, hat er gesagt. Hoch im Norden habe er bei einem berühmten Magier gelebt, der dort in einer alten Stadt ein uraltes Haus besessen habe. Der Magier habe ihn immer fest verschlossen gehalten und oft seinen rechten Spaß an ihm gehabt. Aber das einsame Leben in dem uralten Hause sei ihm, dem Kasperle, langweilig geworden, und eines schönen Tages, als der Magier nicht alles fest verschlossen gehabt habe, sei er ausgerissen. Seit vielen Jahren treibe er sich nun in der Welt herum; jahrelang sei er Hofnarr bei einem Fürsten gewesen, dann habe er auf Messen und Märkten sein Wesen getrieben.

Mein Ahn dachte bei sich: Ein richtiges Kasperle zu finden ist ein schönes Ding, den nimmst du mit heim. Und er nahm den Kleinen, der auch ganz gutwillig folgte, mit sich in das Waldhaus. Dort hat das Kasperle nun viele Jahre gelebt. Mein Ahn hat angefangen nach seinem Gesicht Puppen zu schnitzen, und weil das Kasperle die sonderbarsten und merkwürdigsten Gesichter ziehen konnte, sind die Puppen ganz besonders gut

geraten. Bald wollten viele Leute solche Kasperlepuppen haben, und als schließlich mein Ahn starb und sein Sohn an seine Stelle trat, gab der es auf, anderes Schnitzwerk zu machen, sondern schnitzte nur noch Kasperlepuppen. So ist es dann auch geblieben. Der Sohn lernte immer vom Vater die Kunst, und wenn ich selbst einen Sohn hätte, sollte mir der auch Kasperleschnitzer werden.“

Meister Friedolin schwieg, und Liebetraut fragte ganz aufgeregt: „Aber das Kasperle, Vater, wo ist denn das Kasperle geblieben?“

Der Meister schnippelte nachdenklich an einer Puppe herum. „Ja, wenn ich das wüßte!“ brummelte er. „Mein Großvater selig hat’s noch gewußt; aber der ist eines Tages so schnell verstorben, und mein Vater ist damals noch ein ganz kleiner Junge gewesen, da hat er das Geheimnis nicht erfahren. Mein Großvater soll’s einem Freund gesagt haben, aber wer der gewesen ist und wohin der gekommen ist, das weiß kein Mensch. Jedenfalls, ich hab’ das Kasperle mein Lebtag nicht gesehen und mein Vater selig auch nicht.“

„O wie schade!“ rief Liebetraut. „Wie wäre das lustig und vergnüglich, hätten wir ein richtiges Kasperle hier!“

Der Meister schmunzelte. „Das glaube ich wohl, du Tollkopf,“ sagte er, „das könnte dir gefallen, ihr kaspertet den ganzen lieben langen Tag hier im Häuschen herum!“

„Jetzt kommt er schon wieder!“ unterbrach auf einmal Frau Annettchen das Gespräch. Sie schaute ordentlich etwas ärgerlich zum Fenster hinaus; der Gast, der draußen ankam, schien ihr gar nicht zu gefallen. Aus einem Schlitten, der vor der Haustür hielt, stieg ein dicker Mann in einem Pelzrock; der schüttelte sich erst draußen etwas den Schnee ab, dann kam er in das Häuschen. Er öffnete die Tür zur Wohnstube und schrie laut und sehr freundlich „guten Tag“ hinein.

Sein Gruß wurde sehr kühl erwidert; Liebetraut lief gleich davon, und die sonst so freundliche Frau Annettchen sagte gar nichts. Das schien indes Herrn Pumpel, der ein Händler und Hausierer war, gar nicht anzufechten. Er setzte sich auf einen Stuhl und fing an, mit seiner lauten, lärmenden Stimme allerlei zu erzählen, dies und das von seinen Fahrten, von seinen Geschäften, was er alles kaufte und verkaufte, und da sagte auf einmal Frau Annettchen ganz laut und streng: „Unsere alten Schränke kriegen Sie aber doch nicht, Herr Pumpel. In unserem Häuschen wird nichts gerührt und gerückt, solange mein Mann und ich leben.“

„Na, na, na!“ brummte Herr Pumpel, er zwinkerte mit den Augen und sah aus wie jemand, der sich eben sehr geärgert hat.

„Gelt, Friedolin,“ rief Frau Annettchen, „unsere Schränke kriegt Herr Pumpel nicht?“

„I wo!“ Der Meister schüttelte bedächtig den Kopf. „Ich hab’ einmal nein gesagt, und dabei bleibt’s.“

Da wußte Herr Pumpel, er war wieder einmal vergeblich gekommen, und nach ein paar Augenblicken nahm er Abschied und fuhr brummend und verstimmt wieder davon.

Kaum war er zum Zimmer hinaus, da steckte Liebetraut den Kopf zur Türe herein und fragte froh: „Ist er wieder weg? Hat er wieder die alten Schränke gewollt?“

Frau Annette bejahte, und dann redeten die drei Bewohner des Waldhäuschens von Herrn Pumpel und warum der in aller Welt nur ihre alten, wurmstichigen Schränke kaufen wollte. Schon sein Vater hatte das gewollt, aber da hatte Meister Friedolins Vater nein gesagt, und jetzt sagte Meister Friedolin auch nein.

Die Schränke, um die es ging, standen im Obergeschoß des Häuschens. Sie waren uralt, zeigten ein wenig Schnitzwerk, waren aber von keiner besonderen Schönheit. Sie hatten wohl immer schon an ihrem Platz gestanden und sollten weiter dort stehen, mochte Herr Pumpel so viel darum gefahren kommen, wie er wollte.

„Gut, daß er wieder weg ist,“ rief Liebetraut. Sie rückte ihr Stühlchen dicht neben Meister Friedolins Platz, nahm ein schwefelgelbes Puppenröckchen in die Hand, um daran zu nähen, und bat: „Vater Friedolin, erzähl’ noch was von deinem Ahnen, der das Kasperle fand.“

Und Meister Friedolin schnitzte und erzählte dazu, Frau Annettchen und Liebetraut nähten, und alle drei

fanden wieder einmal, nirgends auf der ganzen Welt könnte es schöner sein als in ihrem uralten Waldhäuschen.

Zweites Kapitel
Der alte Schrank

Herr Pumpel fuhr ganz bitterböse davon. Er ärgerte sich gewaltig, daß er die alten Schränke nicht hatte haben können. Er brummte und schalt darob so viel, daß sein Kutscher dachte: Was er nur an den alten Schränken hat? Immer wieder fährt er danach; ich denke beinahe, es wird etwas Besonderes damit sein. Vielleicht steckt ein verborgener Schatz drin, denn sonst fährt doch wirklich kein vernünftiger Mensch bei einer solchen Kälte in den Wald.

Es war wirklich sehr, sehr kalt, und es blieb noch viele Tage so. Auf einmal aber kam der Tauwind; der fing ein gewaltiges Blasen an, und da schmolz der Schnee und lief davon — heidi, weg war er! Um das Waldhäuschen sauste und brauste es mächtig in diesen Tagen, aber Liebetraut lief trotz dem Sturm immer wieder vor die Türe, steckte ihre kleine Nase hinaus und rief jubelnd: „Es riecht nach Frühling; ganz gewiß, er kommt bald.“ Und dann patschte sie einmal draußen im feuchten Walde herum, und als sie wiederkam, brachte sie für Mutter Annettchen die ersten Schneeglöckchen mit.

Das gab eine Freude im Waldhäuschen! Ein richtiges kleines Fest wurde es, denn auf den Frühling freuten sich die Waldhausleute immer. Und diesmal ließ sich der Frühling gar nicht wie sonst manchmal sehr lange bitten. Er kam ganz geschwinde angezogen, und bald konnte Frau Annettchen sagen: „Nun heizen wir nicht mehr, jetzt wärmt schon die Frühlingsluft.“ Da wurden alle Fenster weit aufgemacht, und durch einen Schlitz zwischen zwei großen Tannen guckte die liebe Sonne gerade in das Häuschen hinein. Wunderherrlich war es! Liebetraut lief alle Tage und pflückte Frühlingsblumen. Damit füllte sie lauter bunte Töpfchen, und wenn die Kinder aus Schönau und Lindendorf gelaufen kamen, dann gefiel es ihnen noch besser als sonst im Waldhäuschen. Putzniedlich fanden sie es und wären am liebsten gleich drin geblieben.

An einem dieser schönen Frühlingstage war es, da saß der Meister Friedolin noch fleißiger als sonst an seinem Arbeitstisch. Es sollte in den nächsten Tagen eine Kiste Kasperlepuppen in die weite Welt gehen, und einige Figuren mußte er vorher noch fertig schnitzen. Wie er so recht mitten in der Arbeit war, brach ihm an seinem Schnitzmesser die Spitze ab. Das war nun wirklich ärgerlich. Obgleich gerade Frau Annettchen vom Frühling redete, brummelte er doch eine ganze Weile, bis er sich endlich erhob, um aus dem Vorratsschrank ein neues Schnitzmesser zu holen. Er stieg die alte Treppe hinauf, die unter jedem Schritt ächzte und

krachte, just als wollte sie etwas aus vergangenen Zeiten erzählen. Oben auf dem halbdunklen Flur des oberen Stockwerkes standen ein paar alte große Schränke. Das waren die, welche Herr Pumpel so gerne hatte haben wollen. In diesen Schränken wurde seit langen, langen Zeiten alles verwahrt, was Meister Friedolin zu seiner Kasperleschnitzerei brauchte.

An diesem hellen Frühlingstag flitzte die Sonne auch durch das kleine Flurfenster; die beiden Schränke bekamen einen Schein von ihrem Lichte ab. Das kam dem Meister Friedolin sehr zu passen. Er öffnete erst den einen Schrank, und als er das Gesuchte darin nicht fand, tat er den andern auf. Weil es gerade so hell war, kramte er ein bißchen in den Schränken herum. Er sah nach, ob dies und das noch da war, und dabei fiel ihm auf einmal in dem einen Schrank auf, daß auf der einen Seite ein Spältchen offen war. Na nu, dachte er, der Schrank wird wohl altersschwach und platzt noch gar! Er schob, zog ein bißchen an dem Spalt, und da ging auf einmal ein Türlein auf, und der Meister Friedolin sah zu seinem Erstaunen in einem schmalen Fach eine Figur stehen, die war etwa so groß wie ein sieben- bis achtjähriger Bub. Die hatte er doch noch nie gesehen! Der Meister schüttelte erstaunt den Kopf. Wo kam das Ding nur auf einmal her? Endlich aber faßte er danach und zog die Puppe aus dem Fach heraus. Und wie er sie so anfaßte, war es ihm, als rühre sich die Gestalt. Er stellte sie flink auf die

Erde und sah sich das Ding an. „Nein, so etwas!“ rief er. „Das ist ja wirklich ein Kasperle!“

Der Meister macht einen Fund

Kaum hatte er das gesagt, da fing der kleine Kerl an sich zu schütteln und zu bewegen, er nickte mit dem Kopf, hob die Arme, und eine dicke, dicke Staubwolke ging von ihm aus.

„Hatzi — hatzi — hatzi!“ Der Meister nieste, der sonderbare kleine Kerl nieste, und Frau Annettchen, die das unten hörte, rief: „Friedolin, du kriegst wohl einen Schnupfen?“

Die Stimme von unten schien das Männlein aus dem Schranke ganz munter zu machen. Er fing auf einmal an zu lachen, und hops — hallo! lief es die Treppe hinab. Der Meister Friedolin starrte dem Dinge höchlichst verwundert nach. Er konnte sich die Sache gar nicht erklären. Und niesen mußte er immer wieder, er nieste und nieste, und inzwischen polterte unten das kleine seltsame Ding in die Wohnstube hinein.

Frau Annettchen schrie laut auf vor Entsetzen, und Liebetraut, die gerade mit Blumen in der Hand in das Zimmer trat, ließ die erschrocken fallen. „O du meine Güte,“ rief Frau Annettchen, „was ist denn das für ein Popanz!“

Der kleine Kerl blieb mitten in der Stube stehen, er sah sich rund um, schüttelte den Kopf, und wieder flog eine dichte Staubwolke auf. „Hatzi, hatzi!“ nieste er, Frau Annettchen nieste, Liebetraut nieste, und Meister Friedolin kam niesend in die Stube. „Hallo, da ist

das Ding!“ rief er und packte den wunderlichen Gesellen. „Jemine, das sieht ja beinahe wie ein Kasperle aus!“

„Ich bin doch Kasperle!“ sagte der Kleine kläglich. „Wo ist denn die Madame Erdmute und der Meister Ephraim?“

„Was schwätzt du da?“ Meister Friedolin schlug sich plötzlich mit der Hand vor die Stirn. „Das waren ja meine Urgroßeltern. Heiliger Bimbam, ich glaube gar, das ist das verschwundene Kasperle! Du,“ — er schüttelte den Kleinen, daß der Staub nur so herumflog, — „besinne dich mal: wie bist du denn in den Schrank gekommen, und was hast du drin gemacht?“

„Ich hab’ doch geschlafen!“ Der Kleine gähnte laut. Und auf einmal fing es in ihm an ganz erschrecklich zu knurren; das rumpelte und pumpelte wie die Wackersteine im Magen des schlimmen Wolfes. „Oh, oh, oh,“ jammerte er, „ich hab’ solchen Hunger, ach, so schrecklichen Hunger.“

„Um Himmels willen,“ schrie Frau Annettchen, „der stirbt ja noch vor Hunger! Wer weiß, wie lange der nichts gegessen hat!“

„Kann sein bald hundert Jahre,“ murmelte Meister Friedolin. „Nu, nu, das ist doch nicht möglich, daß der so lange im Schranke gesteckt hat!“

„Hunger, au, au, ich hab’ so schrecklichen Hunger!“ schrie der kleine Gast, und da rannten Mutter Annettchen und Liebetraut erschrocken in die Küche und brachten herbei, was nur da war. Brot, Wurst, Butter, Milch,

und alles stopfte der wunderliche Geselle in seinen großen Mund. Er schluckte und schluckte, wurde zusehends dicker, bis er endlich beide Backen aufblies und sehr vergnügt rief: „Ich kann nicht mehr!“

„Na, das ist ein Glück!“ sagte Meister Friedolin. „So eine Esserei hab’ ich mein Lebtag nicht gesehen. Aber nun sag mir mal, du —“

„Kasperle heiß ich,“ rief der Kleine.

„Also gut, du Kasperle, wie bist du in den Schrank gekommen?“

Kasperle riß seine Augen weit auf, den Mund dazu, dann seufzte er, schüttelte sich wieder und murmelte: „Ich weiß nicht.“

„Aber besinn dich doch,“ mahnte der Meister, „du mußt es doch wissen!“

Kasperle sah sich in der Stube um, fremd und erstaunt, doch plötzlich erblickte er die große alte Kastenuhr und schrie: „Die hat der Meister gemacht.“

Den Waldhausleuten wurde es ganz unheimlich. War der schnurrige Kauz nun wirklich das Kasperle, das einst mit den Urahnen zusammengelebt hatte? Wie war es in den Schrank gekommen? Hatte es wirklich so viele, viele Jahre geschlafen?

„Besinn dich doch!“ sagte Meister Friedolin.

„Ich weiß nicht.“ Kasperle suchte wieder, das Nachdenken schien ihm arge Mühe zu machen. Ganz traurig wurde darüber sein Schelmengesicht. „Ich weiß nicht,“ sagte er nur immerzu kläglich. Und wieder

schüttelte er sich heftig, und dabei fiel ein großer vergilbter Zettel von seinem Kittel ab.

Liebetraut hob den geschwinde auf. Sie blickte drauf und rief: „Da steht etwas über Kasperle, hier, Vater, sieh!“

Meister Friedolin nahm den Zettel, setzte bedächtig seine Brille auf und las: „Wer dies Kasperle findet, der soll es fein sorgsam hüten, bis es aufwacht, sintemalen es ein echtes Kasperle ist. Mein Lehrjunge Johann Heinrich Pumpel hat böswilligerweise dem Kasperle einen Schlaftrunk gegeben, ein Wunderelixier, das einstens mein Großvater aus dem Lande Italien mitgebracht hat. Davon kann einer viele, viele Jahre in Schlaf sinken. Nach Ablauf der Zeit wacht er dann lebendig wieder auf. Doch ist es ein Teufelszeug, und es weiß jetzt kein Mensch mehr, wie es gemacht wird. Das Kasperle schläft nun schon die vierte Woche, und weil ein Gerede in der Gegend ist, ich hätte einen Zauber im Haus, schließe ich es lieber in den Schrank ein. Dieses schreibe ich auf, weil niemalen ein Mensch weiß, wie seines Lebens Gang ist, und es könnte sein, das Kasperle geriete einst in fremde Hände. Der Pumpel hat seinen Teil gekriegt, mehr Haue, als ihm lieb war; er wird wohl zeitlebens daran denken. Mein Sohn soll das Geheimnis wissen, der soll es wieder seinem Sohne sagen und so fort, bis einmal das Kasperle wach wird. Es soll auch jeder gut und freundlich zu dem Kasperle sein, ihm kein Leid tun. Nur muß man es sorgsam

hüten, denn das Kasperle bekommt manchmal, sonderlich im Frühling, eine törichte Lust auszureißen, und es könnte ihm schlimm ergehen in der weiten Welt, doch bekommt es immer wieder Sehnsucht nach dem Waldhaus.“

„Das hat der Meister Ephraim, der Urgroßvater, geschrieben,“ sagte Meister Friedolin, als er fertig gelesen hatte. „Und nun weiß ich auch, warum der Händler Pumpel so gern den Schrank wollte; der wußte, wer drin steckte. Das echte Kasperle, nein so etwas! Und geschlafen hat es fast neunzig Jahre.“

„Ein Wunder, wirklich ein Wunder!“ Frau Annettchen war die Geschichte ordentlich unheimlich, und sie sah das Kasperle mißtrauisch von der Seite an.

Dieses nickte immer vor sich hin, ein bißchen nachdenklich und ein bißchen betrübt, und Liebetraut fühlte plötzlich tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Sie trat zu ihm, streichelte ihn sanft und sagte freundlich: „Ein neues Kittelchen muß er aber haben; da seht nur, seins ist ja ganz morsch.“

Kasperle blickte zu dem schönen Mädchen auf, und er sah die Güte in ihren Augen strahlen; da gewann er sie lieb. Er lehnte sich an sie an und bettelte: „Näh’ mir gleich ’nen Kittel! Ich will dir auch immer folgen.“

Liebetraut fielen die Worte des Meisters Ephraim ein, und sie fragte schnell: „Immer folgen und auch nicht ausreißen?“

„Nein, nicht ausreißen,“ versprach Kasperle treuherzig.

„Gibst du dein Wort, kleines Kasperle?“ Liebetraut hielt des Kleinen Hand fest, und der nickte wieder und beteuerte: „Ich reiße nicht aus, aber — ich will auch nicht mehr in den Schrank.“

„I bewahre, da kommst du nicht mehr hinein!“ sagte Meister Friedolin. Der hatte nämlich sein Schnitzmesser genommen und begann der Puppe, die er schnitzte, Kasperles Gesicht zu geben, wie der flehend zu Liebetraut emporsah. Hei, wie das ging! So flink war das Schnitzen noch nie gegangen. Der Meister dachte bei sich: Ei, nun sollen Meister Friedolins Kasperlepuppen erst recht auf Messen und Märkten gefallen!

Das Kasperle aber rieb sich jetzt den letzten Schlaf aus den Augen, und je mehr es sich umsah, desto besser gefiel es ihm wieder im Waldhaus. Da schoß es plötzlich vor Freude einen Purzelbaum, hopp! hoch über Mutter Annettchen hinweg. Und ehe die kleine Frau noch wußte, wie ihr geschah, saß das Kasperle schon auf ihrem Wandbrett und begann mit den schönen blanken Zinntellern Fangeball zu spielen.

„Warte, du Irrwisch!“ schalt Mutter Annettchen, und dann tat sie einen Seufzer. „I, da haben wir ja einen rechten Kobold im Haus!“

Ein Kobold war nun Kasperle gerade nicht, aber ein unnützer Schelm war er. Das merkten die Waldhausleute gleich am ersten Tag. Das polterte, klirrte und krachte nur so im kleinen Haus, mal saß Kasperle oben, mal unten. Er kroch in alle Ecken, und fand er

ein Stück vom uralten Hausrat, erhob er ein großes Geschrei. Viel zu erzählen, wie es damals gewesen war, wußte er freilich nicht, das hatte er alles verschlafen. Nur die Sachen erkannte er wieder und die Namen wußte er noch. Frau Annettchen nannte er immer Madame Erdmute. Der gefiel das gar nicht. Ihr war das Kasperle überhaupt etwas gar zu wild, und sie war froh, als es Zeit war, schlafen zu gehen. Sie mahnte: „Ins Bett, ins Bett! Abends Licht verbrennen und morgens die Sonne unnütz scheinen lassen, ist Verschwendung. Flink, ins Bett!“

Da erhob Kasperle ein großes Geschrei. „Ich will nicht schlafen gehen, ich will nicht schlafen gehen! Ich habe doch fast neunzig Jahre geschlafen und bin nicht mehr müde.“

„Potzwetter, das muß ich sagen, neunzig Jahre, da sollte einer wirklich ausgeschlafen haben!“ sagte der Meister. „Kasperle mag aufbleiben.“

„Allein aufbleiben? I du meine Güte, der möchte eine nette Wirtschaft anrichten! Das geht nicht,“ meinte Mutter Annettchen.

„Ich will mit aufbleiben, ich nähe gleich seinen Kittel fertig.“ Liebetraut war schon dabei, für Kasperle ein neues Röcklein zu nähen.

Erst sah Mutter Annettchen etwas bedenklich drein, das Aufbleiben mochte ihr nicht recht gefallen. Aber Meister Friedolin meinte, so schlimm wäre das nicht, und ein ordentlicher Kittel täte Kasperle wirklich not.

So durfte denn Liebetraut aufbleiben. Die Pflegeeltern gingen zu Bett, und das zappelige Kasperle versprach, es würde stille sein und nicht Tische, Stühle und Schränke und sonst allerlei umwerfen. Es setzte sich in eine Sofaecke und schaute ganz brav zu, wie Liebetraut nähte. „Mach’ einen Kittel, wie ihn kleine Menschenjungen tragen,“ bettelte er.

„Warum denn?“ Liebetraut sah den Kleinen erstaunt an. Da schlitzte der ein wenig die Augen zu und brummelte: „Es brauchen doch nicht alle zu sehen, daß ich ein Kasperle bin!“

„O Kasperle,“ rief Liebetraut, „ich merke es schon, du denkst ans Ausreißen! Das wird also nichts. Du bekommst einen richtigen bunten Kasperlekittel. Da, die grasgrünen, feuerroten und himmelblauen Flecke kommen alle darauf.“

Kasperle brummte und schmollte ein bißchen, als aber Liebetraut mahnte: „Denk’ an dein Versprechen!“ da hing er die Nase und wurde still. Er sah gleich ganz tiefbetrübt aus, und Liebetraut sagte mitleidig: „Erzähle mir was, Kasperle!“

„Erzähle du mir was, Liebetraut!“ rief Kasperle. „Ach bitte, bitte, bitte, Kasperle hört schrecklich gern Geschichten!“

„Na, dann paß’ auf!“ sagte Liebetraut, und sie begann feine, liebe Geschichten zu erzählen, vom Wald, von Blumen, Bäumen, von schelmischen Waldgeistlein und lieben, lustigen Menschenkindern. Sie erzählte und

erzählte, und wenn sie einmal etwas innehielt, gleich schrie Kasperle: „Mehr, mehr!“

Aber dann merkte Liebetraut auf einmal, daß Kasperle ganz still war. Da ließ sie ihre Arbeit sinken, blickte auf und sah — Kasperle war eingeschlafen. Sie lachte leise vor sich hin. Na, dachte sie, wenn einer neunzig Jahre geschlafen hat und kann dann noch nicht eine Nacht wachen, das ist schon ein kleiner Faulpelz! Sie selbst nähte emsig weiter, merkte es gar nicht, daß draußen der helle Tag heraufzog, und gerade als sie den letzten Stich tat, öffnete sich die Türe und Mutter Annettchen trat ein. „Aber Mädchen,“ rief diese, „die Lampe ist ja ganz niedergebrannt und —“

„Kasperle ist eingeschlafen,“ sagte Liebetraut, sie hob das fertige Kittelchen hoch, „und ich bin fertig.“

„Gott sei Dank, daß der kleine Irrwisch doch noch schlafen kann!“ Mutter Annettchen lachte. „Ich hatte schon Angst,“ redete sie weiter, „er würde nun neunzig Jahre keine Nacht mehr schlafen mögen. Wir hätten ihn dann wirklich in den Schrank sperren müssen.“

„Ich will nicht in den Schrank gesperrt werden,“ schrie Kasperle erschrocken. Der war bei den letzten Worten aufgewacht. Und vor Schrecken schoß er gleich einen Purzelbaum über den Tisch hinweg. Hops, bums! Da purzelte er dem Meister Friedolin, der eben aus der Schlafkammer kam, an den Magen, und der gute Meister rief erschrocken: „Uff! Na, man merkt, daß ein Kasperle im Hause ist!“

Drittes Kapitel
Was am Waldsee geschah

Eine ganze Woche war das Kasperle schon im Waldhaus, und es hatte schon mehr dumme Streiche gemacht als zehn Buben in einem Jahr.

Lieber Himmel, was richtete der kleine Kerl alles an! Immer saß er irgendwo, wo er nicht sitzen sollte. Einmal kletterte er in den Geschirrschrank, einmal fiel er in der Vorratskammer in die Milch, dann wieder zog er das Ofenloch auf, und eine Rußwolke flog durch die Stube, oder er brachte Frau Annettchens Näharbeit auseinander, daß die Flicken überallhin verstreut wurden. Manchmal drohte Meister Friedolin: „Warte, ich stecke dich in den Schrank!“ Aber wenn Kasperle dann so jämmerlich weinte und greinte, tat es dem Meister immer wieder leid.

Am wenigsten schalt Liebetraut auf Kasperle; dabei hatte ihr der unnütze kleine Strick schon manchen Schabernack gespielt. Freilich war er danach immer wieder zutraulich und umschmeichelte Liebetraut, da konnte ihm die nicht böse sein. Sie redete auch immer wieder den Pflegeeltern zu, und Meister Friedolin und Mutter Annettchen hatten doch wieder ihren Spaß an dem unnützen Schelm.

Das Waldhäuschen war klein, und Kasperle ging

es wie einst vor bald hundert Jahren: es wurde ihm langweilig darin. Und weil er allein nicht in den Wald gehen durfte, bekam er erst recht Sehnsucht danach. Er dachte mehr und mehr, wie schön es doch wäre, wenn er einmal wieder die weite Welt durchstreifen könnte.

Liebetraut merkte wohl Kasperles Sehnsucht, und sie mahnte an jedem Tag: „Denk’ an dein Versprechen!“ Da nickte Kasperle und seufzte dazu und dachte bei sich: Es wäre ganz gut, wenn man ein Versprechen ins Wasser werfen oder es im Ofen verbrennen könnte, damit es weg wäre.

Einmal, an einem besonders schönen Frühlingstag, ging Liebetraut nach Schönau. Sie hatte allerlei einzuholen, denn das Pfingstfest stand dicht vor der Tür. Frau Annettchen kramte und wirtschaftete im Häuschen herum, alles sollte zu dem Feste blitzsauber sein; dabei war ihr das Kasperle recht im Wege, denn das wuselte wie ein Irrwisch durch die Stuben. Mal war es da, mal war es dort, einmal warf es den Scheuereimer um, dann fuhr es mit dem Besenstiel durch eine Fensterscheibe, und Frau Annettchen wurde recht böse auf den Unnützling. Schließlich rief sie ärgerlich: „Geh zum Meister!“

Das ließ sich Kasperle nicht zweimal sagen. Er lief flugs hinaus und suchte hinter dem Hause Meister Friedolin auf. Der stand dort und strich seine neuen Kasperlepuppen an. In Reih’ und Glied waren die auf Holzpfählen aufgestellt, eine sah drolliger aus als

die andere, denn Meister Friedolin hatte sie alle nach dem kleinen lebendigen Kasperle geschnitzt.

„Heio,“ schrie Kasperle, „das bin ich!“ Und flink tippte er die erste Puppe an die Nase, da blieb sein Fingerlein kleben, weil die Farbe noch naß war.

„Ungeschick, du!“ schalt Meister Friedolin ungeduldiger als sonst. „Marsch, geh, du hast hier nichts zu suchen!“

Da lief Kasperle tiefbetrübt davon. Er lief wieder in das Haus hinein, er lief wieder hinaus und dachte bei sich: Wenn sie mich wegschicken, dann gehe ich; dann gilt auch mein Versprechen Liebetraut gegenüber nicht. Und ganz eilfertig rannte er ein Stück in den Wald hinein. Das gefiel ihm gar gut. Die Vögel sangen und zwitscherten in den Bäumen; die rauschten leise, und unten am Boden blühten feine, zarte Waldblumen. Kasperle stapfte lustig davon. Ein Weg war da, über den glitzerte die Sonne, ein anderer verlor sich im tiefen Schatten. Einen Augenblick überlegte Kasperle, welchen Weg er gehen sollte. Er schlug schließlich den Schattenweg ein und kam dabei bald an einen kleinen Waldsee. Der war von Wasserlilien umstanden, und in ihm badeten zu Kasperles größtem Erstaunen ein paar Buben. Die platschten höchst vergnügt im kühlen Wasser herum, und Kasperle wäre am liebsten mit hineingestiegen, doch fürchtete er sich etwas vor dem Wasser und vor den Buben. Darum schlich er nur vorsichtig an dem Rande entlang, und dabei entdeckte

er die Sachen, die die Buben ausgezogen hatten. Heio, dachte er, das ist fein! Jetzt werf’ ich meinen Kasperlekittel fort und zieh’ Jacke und Hose von den Buben an, dann laufe ich in die weite Welt. In seiner Freude vergaß er ganz und gar sein Liebetraut gegebenes Versprechen. Er kroch hinter einen Busch, zog sich ein Paar Höslein und eine blaue Jacke heran und schlüpfte hinein. Die Büblein, denen die Sachen gehörten, mußten ebenso groß wie Kasperle sein, denn dem paßte beides wie angegossen. Er hatte einen ungeheuren Spaß an der Geschichte, und als er fertig war, warf er sich in das Gras und quiekte vor Vergnügen.

Wenn die Buben im Weiher nicht selbst so gelärmt hätten, dann hätten sie Kasperles Lachen hören müssen. Aber die spritzten sich, tauchten auf und tauchten unter und merkten nichts von allem, was am Ufer geschah. Sie sahen nicht, wie auf einmal ein Bube durch den Wald lief; erst eine Weile später, als sie aus dem Wasser stiegen, merkten sie, was geschehen war. Da suchte der Fritz seine Hosen und fand sie nicht, und als Peterle in sein Jäcklein schlüpfen wollte, ja, da konnte er viel danach ausblicken, nirgends war es zu finden. Nur der Christophel hatte seine Sachen beisammen, und da blähte der sich auf wie ein Fröschlein und schalt die beiden liederlich. „Sucht nur!“ schrie er. „Wer weiß, wo ihr alles hingeworfen habt! Ich hab’ mein Zeug ordentlich beisammen.“

Das ging nun Fritz und Peterle doch über den

Spaß. Sie meinten nun nicht anders, als der Christophel habe ihnen die Sachen versteckt, und für einen solchen Schabernack, dachten sie, muß einer Prügel haben. Und eins, zwei, drei fielen sie über den Christophel her. Doch der war nicht faul und wehrte sich tapfer. Plumps, pardauz! lagen sie auf einmal alle drei im Grase und rauften sich. Sie schrien dabei, daß die Vögel beinahe vor Schreck von den Bäumen fielen und eine besonders dicke Froschmadame im Weiher ohnmächtig wurde. Da erhoben die Frösche zornig ihre Stimmen, und wer weiß, was nicht noch alles geschehen wäre, wenn nicht der Herr Förster, der durch den Wald ging, den Lärm gehört hätte. Der war flink zur Stelle; er sah die raufenden Buben und besann sich nicht lange, wie da Frieden zu stiften sei. Hopp! stand der Fritz auf den Beinen, und klatsch! hatte er einen Katzenkopf, und ehe Peterle und Christophel sich noch recht besonnen hatten, war es ihnen genau so gegangen. Erschrocken blieben alle drei steif und kerzengerade vor dem Förster stehen und vergaßen das Ausreißen.

„Na, warum habt ihr euch denn gehauen?“ fragte der Förster schmunzelnd. „Es ist euch wohl nicht warm genug?“

Ei potztausend, warm war es den dreien schon, trotz dem langen Bade vorher! und jedem brannte ein Bäcklein hochrot, denn der Förster hatte eine feste Hand. Dessen rascher Ärger aber war schnell verraucht, er sah die drei Schelme lachend an, und die fanden den Mut,

ihm ihr Mißgeschick zu erzählen. Fritz und Peterle verklagten Christophel, der verteidigte sich heftig, und beinahe wären die drei Freunde sich wieder in die Haare gefahren. Aber der Förster runzelte bedenklich die Stirn, er packte Christophel fest an den Schultern und fragte: „Hast du Jacke und Hosen versteckt?“

„Nein!“ Christophel sah mit seinen himmelblauen Augen den Förster treuherzig an, und der wußte da gleich, der Bube hatte die Wahrheit gesagt. Aber wo waren die Sachen? Etwa gestohlen, hier in seinem Walde, den er zu behüten hatte? Dem Förster schien das ganz unmöglich zu sein, er brummelte: „Vielleicht habt ihr die Sachen gar nicht angehabt?“

„Aber meins waren doch Hosen!“ rief Fritz entrüstet.

Na freilich, ohne Hosen konnte jemand nicht gut von Schönau bis in den Wald laufen, der Förster sah das ein. Doch unnütze Buben konnten wohl ihren Kameraden den Streich gespielt haben, darum sagte er: „Lauft nur flink heim; es wird euch irgend so ein unnützer Bengel aus Spaß die Sachen genommen haben.“

„Aber ohne Hosen kann ich nicht heim!“ schrie das Fritzle, diesmal sehr kläglich.

War das eine verzwickte Geschichte! Der Förster sann nach. In seinem Hause waren drei Buben groß geworden, sie waren jetzt schon in die Welt hinausgezogen, aber seine Frau bewahrte wohl etliche Bubensachen auf. An seinem Haus nach Schönau vorbei war es zwar ein Umweg, aber bis zu ihm ging es durch

den Wald; da konnte einer schon mal ohne Höslein laufen. Höchstens lachten die Vögel und die Bäume über das sonderbare Menschenkind. Der Förster hieß also die Buben ihm folgen, Fritzle ohne Hosen, Peterle ohne Jacke, und Christophel ging zum Trost mit.

Die Frau Försterin sah zwar recht erstaunt drein über die Gäste, die da ihr Mann anbrachte. Sie hatte aber ein gutes, mitleidiges Herz und hatte auch wirklich von ihren nun schon groß gewordenen Buben allerlei Sachen da. Die holte sie vor, und es fanden sich richtig Höslein für das Fritzle und für Peterle eine Jacke. Weil die Jacke blanke Knöpfe hatte und an den Hosen ein Paar grün und rot gestickte Träger hingen, waren beide mit dem Tausch wohl zufrieden, und Christophel bedauerte es beinahe, daß er alle seine eigenen Sachen noch hatte. Die gute Försterin sagte nämlich: „Wenn sich Hosen und Jacke nicht finden, dann mögt ihr in Gottes Namen diese behalten!“

Die Buben schieden vergnügt vom Försterhaus, sie kamen sich mit ihrem Abenteuer höchst wichtig vor, und als sie in der Nähe von Schönau Liebetraut trafen, erzählten sie der, was ihnen begegnet sei. Und Liebetraut sagte wie der Förster: „Da haben euch ein paar einen Schabernack gespielt; ein paar rechte Taugenichtse müssen es gewesen sein.“

Nun gab es in Schönau schon etliche Buben, denen so ein Streich zuzutrauen war, und Fritz, Peterle und Christophel setzten auch gleich beim ersten Dorfhaus

sehr vorwurfsvolle Mienen auf, und sie erzählten jedem, der es nur hören wollte, was ihnen geschehen war. Da sagte wohl einer, der Jaköble vom Müller könnte es gewesen sein, ein anderer riet auf den tollen Hans, und die drei Buben waren noch nicht lange daheim, da ging schon ein Geklatsch und Getratsch durch das Dorf, das arg war. Zuletzt freilich konnten alle Buben beweisen, wo sie gewesen waren, und Fritz, Peterle und Christophel hätten beinahe von ihren entrüsteten Kameraden Haue gekriegt. Doch söhnten sie sich wieder miteinander aus, weil sie lieber alle zusammen über die sonderbare Geschichte schwätzten. Ganz Schönau regte sich darüber auf, wer es gewesen sein könnte.

Auch Liebetraut dachte auf ihrem Heimweg an die seltsame Begebenheit, und wie sie so durch den stillen Wald schritt, schaute sie sich unwillkürlich um, als könnte sie die verlorenen Sachen der beiden Buben erspähen. Dabei sah sie auf einmal im Gebüsch etwas hängen, wie ein großer, bunter Lappen sah es aus. Und da Liebetraut nicht furchtsam war, ging sie beherzt näher, und wie sie so dicht an den Büschen stand, rief sie laut: „Kasperle, aber Kasperle, was machst du hier?“

Doch es kam keine Antwort, und nun erst sah Liebetraut: es war nur Kasperles Kittel, der da zwischen den Büschen hing. Der Wind blähte ihn ein wenig auf, darum schien es, als stecke noch das Kasperle drin. Doch von dem war weit und breit keine Spur zu erblicken. Liebetraut fielen die Buben ein, die um Hose

und Jacke geklagt hatten, und ein ganz schlimmer Verdacht stieg in ihr auf. Wenn Kasperle ausgerissen war? Sie nahm hastig den Kittel vom Strauche und rannte, so schnell sie nur konnte, dem Waldhäuschen zu. Sie riß dort die Tür auf, stürmte in die Stube und rief ihrer Mutter zu: „Wo ist Kasperle?“

„Draußen beim Vater,“ antwortete Frau Annettchen, die eben das Abendessen richtete.

Da rannte Liebetraut zu Meister Friedolin. Der strich just seine letzte Kasperlepuppe an und sah ganz erstaunt drein, als Liebetraut nach Kasperle fragte. „Der ist doch drin, ist doch wieder ins Haus gelaufen!“

Doch Kasperle war nicht drin, er war auch nicht draußen. Liebetraut suchte das ganze Haus ab, sie guckte in alle Winkel und Ecken, öffnete alle Kästen und Schränke und rief zärtlich den Namen des kleinen Schelms. Doch der gab keine Antwort, er war und blieb verschwunden. Liebetraut rannte in den Wald hinaus, Meister Friedolin folgte ihr, sie suchten und riefen, doch kein Kasperle war zu finden. Die Sonne war schon längst untergegangen, die Vögel schliefen bereits in ihren Nestern, da tönten immer noch die rufenden Stimmen durch den Wald: „Kasperle, Kasperle, komm doch wieder!“

Der Mond kam herauf, er warf silbernen Schein auf das Waldhäuschen, und als er so hineinblickte, sah er drinnen drei Menschen traurig am Tisch sitzen, und alle drei klagten betrübt: „Unser Kasperle ist ausgerissen!“ Sie dachten nicht mehr an die vielen Dummheiten,

die der unnütze kleine Schelm gemacht hatte, sie dachten nur daran, daß sie ihn liebgehabt hatten. Liebetraut hielt die Hände vor das Gesicht, sie weinte bitterlich um ihren schlimmen kleinen Kameraden. „Ach Kasperle, Kasperle,“ klagte sie, „warum hast du uns nur verlassen! Und wie wird es dir in der Welt ergehen!“

Viertes Kapitel
In Protzendorf beim Bauer Strohkopf

Wo aber war das Kasperle hingelaufen?

Das war in Fritzles Hosen und Peterles Jacke vergnügt in den Wald gerannt, froh über seine neue Freiheit. In seiner Freude vergaß der Strick alles Gute, was er im Waldhäuschen gehabt hatte, und er beschloß, in die weite Welt zu wandern. Und weil er wußte, daß auf den Straßen, die nach Schönau und Lindendorf führen, manchmal Menschen daherkamen, die im Waldhaus einsprachen, rannte er den Weg nach Protzendorf entlang. Der wurde von den Bewohnern der anderen Dörfer gern vermieden, und Kasperle traf auch wirklich an diesem schönen, sonnigen Tag keinen Menschen darauf. Vor Freude über das Gelingen seiner Flucht begann er auf dem Wege Purzelbäume zu schlagen. Wie eine Kugel fast rollte er die Straße entlang, und beinahe wäre er so nach Protzendorf hineingepurzelt.

Doch da lag ein großer Stein auf dem Wege; an dem stieß sich Kasperle, es krachte ordentlich, und ein Weilchen blieb der kleine Kerl erschrocken liegen. Doch der Stein sagte nichts, es kam auch niemand, da rappelte sich Kasperle auf und sah sich um. Vor ihm, ein wenig tiefer im Tale, lag Protzendorf. Stattlich und wohlhäbig sah es aus, aus den Essen stieg Rauch empor, denn die Protzendorfer Bäuerinnen buken alle miteinander Pfingstkuchen.

Kasperle reckte seine große Nase in die Luft und schnupperte. Hm, das roch fein! Und gleich fühlte er auch ein gewaltiges Rumpeln in seinem Mäglein, und er sperrte seinen übergroßen Mund auf wie ein junger Rabe seinen Schnabel. Doch es fiel keiner Protzendorfer Bäuerin ein, etwa zu kommen und dem Kasperle frischen Kuchen zu bringen. Das gab es nicht. Kasperle seufzte zwar sehr, schließlich aber stand er doch auf, reckte und streckte sich und trabte dann ins Dorf hinein.

Der dicke Bauer Matthias Strohkopf, der reichste Mann von Protzendorf, hatte an diesem Tage früh Feierabend gemacht. Er tat das oft, denn er war so faul, daß selbst die Protzendorfer, die alle ein bißchen träge waren, ihn den „faulen Matthias“ nannten. Der Bauer saß vor seiner Haustüre, neben sich auf einem Tisch hatte er sein Vesperbrot stehen. Er stopfte gerade ein Butterbrot in den Mund, und dazu blickte er auf einen Teller mit frischen Kuchen, den seine Frau ihm just gebracht hatte.

Da kam Kasperle anspaziert. Der sah den dicken Bauer und den frischen Kuchen, und da der Kuchen ihm wohlgefiel, besann er sich nicht lange, lief herzu und steckte eins, zwei, drei! ein Stück in den Mund und noch eins, und ehe der Bauer Strohkopf sich von seinem Erstaunen erholt hatte, war der halbe Teller leergegessen.

Potztausend noch mal! So etwas war dem Bauer sein Leben lang noch nicht widerfahren. „Du Frechdachs!“ schrie er, hob seine dicke Hand und wollte Kasperle schlagen. Doch der nicht faul, tat einen Sprung über Tisch und Bauer hinweg und blieb ein paar Schritte entfernt auf der Erde sitzen. „Ich hatt’ so argen Hunger!“ klagte er, und dabei schnitt er ein so jämmerliches verschmitztes Gesicht, daß „der faule Matthias“ trotz seinem Ärger lachen mußte. So einen wunderfitzigen, schnurrigen kleinen Kerl hatte er noch nie gesehen. „Woher kommst du denn?“ schrie er ihn an.

Da rutschte Kasperle auf Fritzles Hosenboden ein Stückchen näher und klagte: „Von weit, weit, weit her! Bin ein armes, verlassenes Büble, hab’ niemand mehr auf der weiten Welt.“

Und so kläglich sah dabei das schlimme Kasperle drein, daß der dicke Bauer ganz gerührt wurde. Er brummte zwar: „Das ist noch kein Grund, um andern den Kuchen wegzufressen,“ aber er winkte doch mit der Hand, Kasperle solle näherkommen.

Der kleine Strick kam auch heran. Er ließ die Nase hängen, als könnte er nie ein Wässerlein trüben. Doch wie seine kleinen schwarzen Spatzenaugen glitzerten und funkelten, das sah der Bauer Strohkopf nicht. Der sagte gnädig: „Du bist zwar sehr frech vornhin gewesen, doch will ich’s dir nicht nachtragen. Ich brauche gerade einen Gänsejungen, dazu will ich dich meinetwegen nehmen. Gelt, das hättest du dir nicht träumen lassen, daß der reiche Strohkopf dich aufnimmt?“

Da sperrte Kasperle nun wirklich seinen Mund wie ein Scheunentor auf, denn was ein Gänsejunge war, das wußte er nicht. Er sagte nicht ja und nicht nein, und der dicke Bauer fragte auch nicht weiter. Der dachte, wenn einer als Gänsejunge zum Strohkopf kommt, der kann froh sein. Potzhundert noch mal, das ist eine Ehre! — Und weil gerade sein Großknecht Florian aus dem Hause kam, rief er dem zu: „Florian, wir haben einen neuen Gänsejungen. Da, nimm ihn mit!“

Der gute Florian nun tat seinen Mund eigentlich nur zum Essen auf. Er dachte auch: Mit einem Gänsejungen macht man nicht viel Umstände. Und schwipp, schwapp! packte er Kasperle beim Genick und zog ihn mit sich. Er zerrte ihn zum Gänsestall, tat den auf, brummte: „Da!“ schob Kasperle hinein und schloß die Türe hinter ihm zu. Die müssen sich erst befreunden, dachte Florian; bis zum Nachtessen ist dazu Zeit.

Da saß nun Kasperle im Gänsestall, und seine

weißen und grauen Schützlinge umringten ihn schnatternd. Das gefiel dem kleinen Kerl ganz und gar nicht. In einem Gänsestall war er noch niemals gewesen, und als die Gänse ihre Schnäbel so weit auftaten und gar so arg schnatterten, begann er sich zu fürchten. Er schnitt fürchterliche Gesichter, und weil die Gänse auch noch nie ein lebendiges Kasperle gesehen hatten, kam ihnen der Gast in ihrem Stall höchst sonderbar vor. Sie schnatterten immer lauter, dem Kasperle wurde es himmelangst, und er sah sich nach Rettung um. In einer Ecke des Stalles stand ein hohes Gestell, wie ein Schrank sah es fast aus, und Kasperle, nicht faul, schwang sich hinauf. In den einzelnen Fächern des Gestelles aber saßen dicke, brave Gänse auf ihren Nestern und brüteten. Die erschraken nun gewaltig, als Kasperle ihren Nesterschrank erkletterte. Zischend fuhren sie von ihren Nestern auf, Kasperle erschrak und hielt sich an dem leichten Gestell fest. Das wankte, und pardauz! fiel es um. Da lag Kasperle, da lagen Nester und Eier, und zischend und schnatternd fuhren die Gänse wütend auf Kasperle los. So etwas! Sie im Brüten zu stören, das war doch unerhört! Zwack, biß eine Kasperle ins Bein, zwick, die andere ins Ohr, zisch, hieb eine ihm mit dem Schnabel über die Nase. Kasperle brüllte, die Gänse schnatterten lauter und lauter, — es war ein Höllenlärm.

„Jemine, was ist im Gänsestall los?“ rief draußen auf dem Hof die Magd Karline. Sie dachte: Es ist

vielleicht gar ein Marder eingebrochen, und rasch rannte sie herbei, riß die Türe auf und sah in allem Wirrwarr das schreiende Kasperle am Boden sitzen. Seinen Mund hatte er ungeheuerlich weit aufgerissen, und Karline klappte erschrocken die Türe zu. „Ein Kobold, ein Kobold ist im Gänsestall!“ schrie sie draußen.

Der Lärm hatte die Bäuerin herbeigelockt, Berta, die Jungmagd, kam an, Florian lief herzu, und der stürzte in den Gänsestall hinein und zerrte das schreiende Kasperle heraus.

„Herrje, was ist das?“ rief die Bäuerin. Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und Berta kicherte in ihre Schürze hinein. „Wie der aussieht!“ sagte sie.

„Ein Kobold ist’s, ein Popanz!“ kreischte Karline.

„Nä, unser neuer Gänsejunge ist’s, und jetzt kriegt er Haue,“ brummte Florian, Und klitsch, klatsch, schlug er auf Kasperle ein. Ein Spaß war es nicht, wenn Florian zuschlug. Kasperle verging Hören und Sehen, er brüllte ganz mörderlich, und endlich kam auch der dicke Bauer selbst herbei und wollte wissen, was geschehen war. Da redeten seine Frau und die drei Mägde durcheinander, Kasperle kreischte, im Stall schnatterten die Gänse, Florian aber zeigte nur auf den Stall. „Nachsehen!“ brummte er. Und klitsch klatsch, klitsch klatsch, prügelte er weiter auf Kasperle los, bis die Bäuerin ihm endlich den Kleinen entriß. „Du zerschlägst ihn ja ganz!“ schalt sie.

„Der hat’s verdient!“ knurrte Florian.

„Ja zum Kuckuck, der hat’s verdient!“ schrie der Bauer Strohkopf. Er hatte inzwischen im Gänsestall gesehen, was Kasperle angerichtet hatte, und er wollte schon mithauen. Doch die Bäuerin hielt mitleidig seine Hand fest, ihr tat das arme Kasperle leid. Und dem dicken Bauer erging es wieder sonderbar. Als der dem Kasperle so recht in sein klägliches Gesicht sah, legte sich sein Ärger, ja er mußte lachen; das Kasperle sah zu drollig aus. Und auf einmal erging es den andern auch so, sie mußten lachen; selbst Florian grinste.

Das arme Kasperle mochte seinen Rücken noch so viel reiben und noch so betrübt seufzen, es wurde doch nur ausgelacht. Da dachte es an Liebetraut; die hätte nicht gelacht, nur freilich jetzt würde sie traurig sein, weil es sein Versprechen nicht gehalten hatte und fortgelaufen war. Kasperle ließ die Nase hängen; ach nein, zurücklaufen konnte er nun nicht mehr ins Waldhaus! Und vor der dunklen Nacht, allein im Walde, fürchtete er sich auch, und so folgte er still der Bäuerin ins Haus, und als ihm drinnen ein so gutes Düftlein nach frischem Kuchen entgegenzog, da wurde er gleich wieder vergnügt. Heisa, es war doch ganz fein beim reichen Bauer Strohkopf, und das Gänsehüten war gewiß nicht so schwer!

Beim Abendessen in der großen Wohnstube saß der neue Gänsejunge ganz unten am langen Tisch. Oben saßen der Bauer und die Bäuerin, neben ihnen

Florian, dann kamen Karline und die andern Knechte und Mägde. Sie waren alle fleißig gewesen, und sie dachten eigentlich alle nur an das Essen. Erst sah keines recht den neuen Gänsejungen an, bis Berta plötzlich leise lachte. Da blickte der Paul neben ihr auf, und er sah unwillkürlich auch den neuen Gänsejungen an. Nein, so ein spaßiger kleiner Kerl, wie das war! Paul lachte ganz laut, und da blickten auch Karline und Mine auf, und alle sahen Kasperle an, wie der seinen Mund auf- und zuklappte, und mit einem Male lachten alle am Tisch, am lautesten aber lachte der dicke Bauer selbst. Und kaum merkte Kasperle, daß alle über ihn lachten, flink fing er an, Gesichter zu schneiden. Er zappelte auf seinem Stuhl hin und her und kasperte, bis sogar der schweigsame Florian mitlachte. Die Bäuerin bekam Angst, dem Bauer könnte der Bauch platzen, so sehr lachte der. Sie mahnte ein paarmal: „Hör’ auf, lach’ dich nicht krank!“ Aber dann lachte sie selbst wieder laut und lauter. Zuletzt fiel Karline unter den Tisch, und Paul purzelte mit seinem Stuhl um. Da nahm Florian Kasperle am Jackenzipfel und rief: „Jetzt ist’s genug für heute, sonst platzt wirklich noch wer!“ Und Florian zog Kasperle aus der Stube, brachte ihn in eine kleine, kleine Kammer, die ein vergittertes Fensterlein hatte und in der gerade Platz für ein Bett war. Kasperle durfte hineinkriechen; das tat er gern, und er kümmerte sich gar nicht mehr darum, daß Florian brummte: „Morgen mußt du Gänse hüten.“

„Rrrrrrrrr!“ Florian drehte sich erschrocken um. Was war denn das auf einmal? „Rrrrr!“ klang es wieder, und nun merkte Florian: der neue Gänsejunge war es, der so ganz erschrecklich schnarchte. „Dummheit ist’s,“ brummelte Florian und schüttelte den Kleinen. Er konnte aber viel rütteln und schütteln, Kasperle schnarchte nach Kasperleart wie eine große Säge: „Rrrrr! Rrrrr!“

„Hol’ ihn der Fuchs! Mit dem ist’s nicht richtig,“ knurrte Florian. Und er verriegelte sorgfältig die Kammer; er traute dem Kasperlein nicht recht und dachte bei sich, der Bauer hätte gut einen andern Gänsejungen annehmen können.

Fünftes Kapitel
Gänse hüten

Am nächsten Morgen weckte Florian Kasperle in aller Herrgottsfrühe, und als Kasperle nur knurrte und murrte und nicht gleich zum Aufstehen bereit war, goß ihm Florian schwapps einen Krug Wasser über den Kopf. Da sprang nun freilich Kasperle flink heraus, und als er den langen Florian mit seinem bärbeißigen Gesicht vor sich stehen sah, begann er sich schrecklich zu fürchten. Ganz brav und still tat er alles, was der ihm sagte; er folgte ihm zum Gänsestall und stand dort wie ein armes Sünderlein, als seine schnatternden

Feindinnen alle nacheinander aus dem Stalle spazierten. Florian gab ihm einen langen Stab in die Hand und sagte: „Geh, hüt’! Kannst mit dem Schäfer gehen!“

Der Schäfer nun war ein Bruder des Florian, noch viel stiller und brummiger als dieser. Er hieß Damian, und im Dorf nannten sie ihn nur „Damian ohne Maul“. Und Damian tat auch an diesem Morgen seinen Mund nicht auf, er winkte nur, und das Kasperle folgte ihm mit seinen Gänsen. Es ging zum Dorf hinaus über Wiesen, da kam ein lustiges Bächlein gerannt, und hier stieß Damian seinen Stock auf den Boden. Flugs machte Kasperle, der dachte, das gehöre dazu, es ihm nach. Aber als Damian mit seinen Schafen weiterzog, da folgte er ihm wieder. Erst merkte es Damian gar nicht, bis die Gänse gar zu laut schnatterten. Unwirsch drehte er sich um und zeigte stumm mit seinem Stock nach dem Bächlein. Kasperle erhob ebenso geschwind seinen Stab und zeigte auch hin. Da wurde „Damian ohne Maul“ fuchswild. Nun mußte er am frühen Morgen reden. Das war doch wirklich zu anstrengend! „Dort bleiben!“ brüllte er Kasperle an. Der Kleine erschrak, er taumelte nach rückwärts, und die Gänse, denen er beinahe auf ihre Füße trat, nahmen dies gewaltig übel. Sie schnatterten zornig los und wollten ihrem Hirten erst gar nicht folgen. Doch Kasperle hatte jetzt mit seinem langen Stock mehr Mut, er fuchtelte damit grimmig in der Luft herum und schnitt dazu ein bitterböses Gesicht.

Da bekamen die Gänse Angst, und sie spazierten ganz brav, eine hinter der andern, dem Bächlein zu. Dort schnatterten sie vergnügt, sie meinten, nun könnten sie schmausen und sich gütlich tun. Doch Kasperle meinte das gar nicht. Dem hatte es gefallen, wie die Gänse so brav vor ihm hergelaufen waren, und er gedachte sich ein Späßlein zu machen. Er begann die Gänse zu jagen. Kaum stand eine, schwipp! traf sie der lange Stab. Die guten Tiere mochten schnattern, soviel sie wollten, rundum und wieder rundum jagte sie ihr Hirte.

Er selbst hopste und sprang dabei, als sollte er seinen Gänsen etwas vorkaspern. Die armen Gänse konnten kaum noch laufen, ihr Schnattern wurde immer kläglicher, aber schwipp, schwipp! traf Kasperles langer Stab sie, und weiter ging es, immer rundum, rundum.

„Damian ohne Maul“ pflegte sonst sich um weiter nichts als seine Schafe zu kümmern. Heute aber dachte er doch an den neuen Gänsejungen, weil sein Bruder ihm gesagt hatte: „Paß auf!“ Und da er nicht allzuweit seine Schafe weidete, ging er einmal nachsehen.

Ei potzwetter! Das war ein Spiel, das er da sah! Kasperle hopste rundherum, die Gänse rannten rundherum, Damian aber sah wohl, daß denen das Rennen wenig gefiel. Dabei sollten die armen Watschelchen nun fett werden!

Schwipp, schwipp! Kasperle schlug die dickste Gans gerade auf den Kopf. Da packte ihn jemand am Hosenboden. Und „Damian ohne Maul“ hielt sich

nicht mit Reden auf. Nun machte sein Stock schwipp, schwipp, und Kasperle spürte das sehr genau, er schrie mörderlich, und die Gänse schauten mit weit offenen Schnäbeln zu. Eia, es ging ihrem kleinen Hirten gar übel! Wenn die älteste Gans hätte reden können, sie hätte jetzt gewiß das Sprüchlein gesagt:

„Was du nicht willst, daß man dir tu’,
Das füg’ auch keinem andern zu!“

Endlich meinte Damian, sein Stock wäre nun lange genug auf Kasperle herumgewippt. Kasperle fand, viel viel zu lange, und er heulte jämmerlich, als „Damian ohne Maul“ ihn ins Gras setzte. Der sagte wieder nichts, aber so klug war das Kasperle schon, um zu wissen, was die Prügel bedeutet hatten. Ganz verdattert blieb er still im Grase sitzen, und weil die Gänse alle müde und hungrig waren, dachten sie nicht ans Fortlaufen. Es ging darum ganz friedlich am Bächlein zu. Kasperle streckte sich lang aus, er hielt seinen Stock kerzengerade in die Luft und nahm sich vor, er würde bald weiter in die Welt hineinlaufen.

In Protzendorf hatten sich die Leute von dem putzigen Gänsejungen des Bauern Strohkopf erzählt, und zwei Buben waren blitzneugierig, den zu sehen. Die beiden hießen August, und weil des einen Vater der Windmüller und der des andern der Wassermüller war, wurden beide im Dorf nur Windgustel und Wassergustel genannt. Unnütz waren alle beide, und gute

Freunde waren sie auch. Ihre Väter zankten sich manchmal, der eine schalt auf den Wind, der andere auf das Wasser, aber Windgustel und Wassergustel machten alle ihre Dummheiten zusammen. An diesem Pfingstsonnabend nun gingen sie Kasperle suchen. Vielleicht wußte der Späße und Dummheiten, die sie noch nicht kannten.

Sie fanden Strohkopfs neuen Gänsejungen im Grase liegen, und als sie ihn anriefen, tat er erst, als höre er sie nicht, aber Windgustel und Wassergustel wußten schon, wie man einen Buben zum Reden bringt. Sie zogen ihn an seinen Beinen auf dem Rasen entlang; da sprang Kasperle auf mitten in seine Gänse hinein.

Himmel, erschraken die! Sie dachten: Nun geht das Rundumgelaufe wieder los. Doch statt dessen gab es ein lautes Gelächter. Windgustel und Wassergustel fanden nämlich das herumspringende Kasperle höchst komisch, und Windgustel dachte gleich: Uje, könnte ich doch so feine Gesichter schneiden!

Am Lachen merkte Kasperle, daß die beiden nicht als Feinde gekommen waren, und blitzschnell verwandelte sich sein böses Gesicht in ein sehr vergnügtes. Nach zwei Minuten waren die drei die allerbesten Kameraden, obgleich die beiden Dorfbuben dachten, einen so sonderbaren Jungen hätten sie noch nie gesehen. Was konnte der für Grimassen machen, wie Arme und Beine verrenken! Da mußte einer schon wirklich ein solcher

Sauertopf sein wie „Damian ohne Maul“, um nicht zu lachen, doch Windgustel und Wassergustel waren keine Sauertöpfe, die lachten, beinahe barsten sie auseinander. Und nachher schimpften sie. Kasperle erzählte ihnen nämlich von dem Schäfer, und da sagten die beiden Unnützlinge, das sei von dem grob gewesen, und das mit den Gänsen sei fein. „Mach’s noch mal!“ bat Windgustel.

„Erst nachsehen, wo der Damian ist,“ rief Wassergustel. Er sprang auf, sah nach und kam nach einem Weilchen grinsend zurück und verkündete den Kameraden: „Er schläft.“

Das war schon ein rechtes Glück für die Gänse. Kasperle wollte nämlich gern dem schlafenden Damian einen Streich spielen, und alle drei ließen die Gänse, wo sie bleiben wollten, und schlichen sich zum Schäfer. Der lag nun wirklich unter einem großen Feldbirnbaum und schlief, und ein Stückchen weiter weideten die Schafe, von Flick, dem treuen Hund, bewacht.

Die drei Freunde standen vor Damian, schauten ihn an und überlegten, was sie ihm wohl antun könnten.

„Einen Frosch aufs Gesicht setzen,“ schlug Windgustel vor.

„Ihm die Knöpfe abschneiden,“ sagte Wassergustel.

Kasperle aber sah den kleinen Abhang hinter dem Birnbaum; da konnte sich einer verstecken, und er dachte: Ich schlage Purzelbaum über ihn weg, gerade über seinen Bauch. Kasperles Äuglein glitzerten vor lauter

Schelmerei, er wollte gerade den Kameraden sagen, was er, vorhatte, als plötzlich Flick laut bellte. Der sah es wohl: die drei, die da neben seinem Herrn standen, hatten nichts Gutes im Sinn.

Hui, da bekamen die drei Schelme aber Beine! Rutsch, sausten sie den Abhang hinab, weg waren sie! und als „Damian ohne Maul“ erwachte, sah er sich erstaunt um. Warum hatte denn sein treuer Flick so laut und warnend gebellt? Umsonst tat Flick doch so etwas nicht! Vielleicht galt es gar dem Gänsejungen, dem schlimmen Strick. Der Schäfer stand auf und ging nachschauen, und da fand er alle drei Buben ganz still und einmütig am Bachrand sitzen. Kasperle hatte seine Rute in der Hand wie ein richtiger Gänsejunge. Die Gänse selbst aber weideten still auf dem Rasen. Es sah alles sehr friedlich aus, und Damian kehrte wieder um.

An diesem Abend trieb Kasperle seine Gänse heim, als hätte er schon immer Gänse gehütet, und der Großknecht Florian, der ihn kommen sah, dachte: Na, vielleicht wird’s mit ihm! Nur — sein Gesicht ist gar zu unnütz. Und dann sah er, wie sein Bruder Damian den Kopf schüttelte, und das war immer ein schlimmes Zeichen.

Windgustel und Wassergustel hatten Kasperle versprochen, sie wollten ihm morgen am Feiertag das ganze Dorf zeigen, jeden Winkel darin, denn sie dachten: Bauer Strohkopf läßt doch sicher am Feiertag seine Gänse im Stall. Aber Florian trieb Kasperle wieder in aller

Herrgottsfrühe aus dem Bett. Er dachte: Ein Gänsejunge, der einen Tag im Dienst ist, der braucht keinen Feiertag; Feiertagskuchen ist genug.

Als Kasperle noch halb verschlafen auf den Hof stolperte, hielt dort schon Damian mit der Herde. Dem taten die Schafe leid; warum sollten die um den schönen Frühlingstag kommen? Also zogen beide wieder einträchtig hinaus, und am Bächlein hob Damian drohend den Stock; da hob auch Kasperle flugs den seinen empor und machte genau so ein drohendes Gesicht wie der Schäfer. Das war dem doch zu toll. So ein Frechling, der ihn noch verhöhnen wollte! Er sprang auf Kasperle zu, der nicht faul, wutschte ihm zwischen den langen Beinen durch, und plumps! lag „Damian ohne Maul“, so lang er war, im Bächlein. Das spritzte hoch auf, die Gänse flohen vor Schreck, und Flick kam eiligst herbei, um zu sehen, was eigentlich seinem Herrn geschehen war. Kasperle aber trieb seine Gänse, so schnell er konnte, ein Stücklein abwärts. Er rannte, die armen Watschelchens mußten auch rennen, bis er an einen leeren Schuppen kam. Dahinein trieb er die Gänse, pflockte die Türe von außen fest zu, und dann lief er selbst einmal wieder in die weite Welt hinein. Gänsejunge sein hatte er satt.

Doch „Damian ohne Maul“ war rasch hinter dem Ausreißer her. Er sah von weitem, wie Kasperle die Gänse versteckte. Da machte er noch längere Schritte, und Kasperle hörte ihn kommen und merkte wohl, er

mochte flink Purzelbaum schlagen, mochte sich rollen und kugeln, Damian erwischte ihn doch. Er sprang eine Böschung hinauf, oben ging die Landstraße entlang. Vielleicht gelang ihm da die Flucht. Aber Damian kam näher und näher, doch da zur rechten Zeit rollte ein schöner Wagen heran. Vier Pferde waren davor gespannt, neben dem Kutscher saß ein stattlicher Diener, und Kasperle besann sich nicht lange, er sprang, so rasch er konnte, hinten auf dem Wagen auf. Da gab es freilich nur einen schmalen Sitz, aber besser war es schon so, als dem Damian in die Hände zu fallen.

Der Schäfer schrie laut dem Wagen nach, er rannte auch noch ein Stück hinterdrein, aber niemand hörte auf ihn. Eine Biegung kam, — weg waren Wagen und Kasperle, und Damian kehrte zornig zu seinen Schafen zurück. Die mußten nun mit den Gänsen zusammen weiden. Mittags ging’s heim, und auf dem Hofe rief „Damian ohne Maul“ zornig: „Ausgerissen!“

„Wer? Ein Schaf?“ fragte der Bauer, der das gerade hörte.

„Nein!“ Damian schüttelte den Kopf. „Kasper!“

„Ausgerissen? Mein neuer Gänsejunge?“ Der Bauer riß die Augen weit auf. Wie war denn so etwas möglich? Bei ihm riß doch sonst niemand aus! „Warum denn?“ fragte er. „Erzähl’ doch!“

Zum Feiertag auch noch eine Geschichte erzählen müssen, das war zuviel für Damian. Er schüttelte den

Kopf und tippte an seine Stirne; das sollte heißen, bei Kasperle sei es nicht richtig. Dann ging er und legte sich in sein Bett und verschlief den schönen Pfingstnachmittag.

Windgustel und Wassergustel aber erhoben ein großes Geschrei, als sie von dem Verschwinden ihres neuen Freundes hörten. Sie redeten laut, nur Damian sei daran schuld, und klagten, wie der den armen Kasper gehauen habe; das Rundumjagen der Gänse verschwiegen sie. Der Bauer Strohkopf wurde bitterböse auf den Schäfer, und bis zum dritten Feiertag sagten alle im Dorf, „Damian ohne Maul“ habe den armen kleinen Waisenjungen gar so schlecht behandelt. Nur Florian sagte es nicht.

Doch am dritten Feiertag, den man in Protzendorf noch recht behaglich feierte, geschah etwas Seltsames. Es kam ein Mann mit einem grünen Wäglein angefahren, der stellte geschäftig mitten auf dem Dorfplatz ein Kasperletheater auf, aber eins, das sich sehen lassen konnte. Auf dem größten Jahrmarkt hätte es sein Besitzer zeigen können, so schön war es. Die Puppen waren ziemlich groß und sehr prächtig angezogen; am allerbesten gefiel aber allen das Kasperle. Wie der anfing, seine Späße zu machen, staunten alle; auch die Erwachsenen kamen hinzu, und auf einmal rief da der Bauer Strohkopf: „Das ist ja mein Gänsejunge!“

Vorstellung in Protzendorf

Potzwetter ja! Jetzt sahen es die andern alle:

das war Kasper, der Gänsejunge; genau so hatte er ausgesehen, wenn er abends am Tisch seine Gesichter schnitt.

Da kletterte der Räuberhauptmann im Kasperletheater empor, und nun schrien Windgustel und Wassergustel: „Das ist er auch!“ Genau so bitterböse hatte Kasperle dreingesehen, als er am Wasser gelegen hatte. Es war zu sonderbar, alle Puppen glichen etwas dem Gänsejungen. Die Zuschauer umdrängten immer aufgeregter die kleine Bude, und der Kasperlemann hörte hinten den Lärm. Er kam heraus und fragte, was geschehen sei, und da erfuhr er die Geschichte von der wunderlichen Ähnlichkeit. Der dicke Bauer Strohkopf erzählte von dem ausgerissenen Gänsejungen.

Hei, da spitzte der Kasperlemann seine Ohren! „Er ist’s, er ist’s!“ schrie er laut. „Den muß ich fangen! Wohin ist er gelaufen? Schnell, schnell, sagt’s!“ Der Kasperlemann packte „Damian ohne Maul“ beim Jackenknopf. Da erhob der die Hand, zeigte nach Westen, brummelte „Hm!“ und mehr war nicht aus ihm herauszubekommen.

Der dicke Bauer Strohkopf aber schrie: „Ha, nun merk’ ich: Ausgerissen war der Strick! Wo stammt er denn her? Was hatte er denn ausgefressen?“

Da erzählte der Kasperlemann den staunenden Protzendorfern die Geschichte von Kasperle, der so viele, viele Jahre im Schrank geschlafen habe, und wie ihn Meister Friedolin wiedergefunden. Er selbst, sagte er,

kenne den Namen des Meisters Friedolin schon lange; der sei unter den Puppenspielern im Lande weit und breit berühmt. Vor einiger Zeit nun habe er neue Puppen gebraucht, und als er die gekauft, sei ihm aufgefallen, daß diese noch viel, viel besser gewesen seien als früher. Da habe er gedacht, er sollte doch einmal diesen geschickten Meister Friedolin aufsuchen. Und weil er jetzt gerade in der Nähe gewesen sei, habe er gestern im Waldhäuschen vorgesprochen. Alle darin seien sehr traurig gewesen, und auf sein Befragen habe ihm Meister Friedolin von dem wiedergefundenen und verlorenen Kasperle erzählt. Der liefe nun in fremden Hosen und fremder Jacke in der weiten Welt herum, und er selbst habe sich vorgenommen, den Ausreißer zu suchen und dem Meister zurückzubringen, denn dahin gehöre er.

„Ist recht,“ schrie der Bauer Strohkopf. „Sucht ihn nur, und nachher muß ihn mir der Meister Friedolin manchmal borgen. Hähä, hähä! So hab’ ich in meinem Leben nicht gelacht wie über den schnurrigen Kauz!“

„Na ja, er ist doch auch ein richtiges Kasperle!“ sagte der Puppenspieler. „Der versteht das Kaspern schon!“

Und der war ihr Freund gewesen! Windgustel und Wassergustel sahen sich an. Ein bißchen gruselig war ihnen eigentlich die Geschichte, aber dann erklärten sie doch beide: „Wir helfen suchen, wir ziehen mit dem Kasperlemann.“

Schwapp! bekam Windgustel von seinem Vater einen Katzenkopf, und Wassergustels Mutter stieß ihren Buben an: „Biste närrisch? Du bleibst zu Hause und gehst in die Schule.“

Der Windmüller sagte das gar nicht, aber sein Bube merkte schon, was er dachte. Also blieben die beiden daheim, der Kasperlemann aber packte sein Krämchen zusammen und zog davon, um Kasperle zu suchen. Der Bauer Strohkopf rief ihm noch nach: „Ich geb’ ’n Taler fürs Finden.“ Dem tat es doch bitter leid, daß Kasperle nicht mehr am Tisch seine Späße machte.

Sechstes Kapitel
Kasperle im Schloß

Kasperle fuhr inzwischen sehr vergnügt durch das Land. Der lustige Sitz gefiel ihm gut, und je schneller es ging, desto froher wurde er. Da konnte ihn Meister Friedolin nicht so leicht finden und vor allem nicht Damian. Vor dem schweigsamen Schäfer hatte er nämlich arg viel Angst. Wenn Leute dem Wagen begegneten, dann nickte und winkte Kasperle, und die Leute nickten und winkten wieder, und der Herr Graf, der im Wagen saß, nickte auch freundlich, und er wunderte sich, daß die Leute immer so lachten. Kinder liefen wohl immer noch ein Stückchen hinterdrein, weil

der lustige kleine Kerl, der da hinten aufsaß, ihnen gar so gut gefiel.

Dorf reihte sich an Dorf, immer weiter ging die Fahrt. Einmal fuhr der Wagen auch durch den Wald. Da rauschten die Bäume und die Vögel sangen. Kasperle sah in der Ferne ein kleines Haus liegen, und er dachte an das Waldhäuschen und an Liebetraut. Aber so schnell ihm der Gedanke kam, so schnell lief er ihm auch wieder davon. Es kam nämlich jemand angegangen, mit seinen kleinen Mauseohren hörte Kasperle die Schritte. Der da kam, war ein sehr würdiger gelehrter Herr, der an diesem Pfingstsonntag in den einsamen Wald gegangen war, um über ein sehr gelehrtes Buch nachzudenken. Als er den Wagen kommen sah, blieb er stehen, und weil er ein höflicher Herr war, grüßte er höflich, und der Herr Graf dankte ebenso höflich und beugte sich dabei auch noch aus dem Wagen heraus. Und da sah er, wie der gelehrte Herr zurückwich und entsetzt die Hände hob, als erblicke er ein Gespenst.

Na, was war denn das? Der Graf wunderte sich ungemein, Kasperle aber zappelte vor Vergnügen auf seinem Sitz hin und her. Er hatte nämlich dem würdigen Herrn soeben eine lange Nase gezogen und dazu sein Räubergesicht gemacht. Da konnte einer schon erschrecken.

Der gelehrte Herr starrte auch noch eine Weile ganz verdattert dem Wagen nach. Er dachte: Dies

war doch der Graf von Singerlingen! Was fällt denn dem ein, sich so einen Kobold auf seinen Wagen zu setzen! Unerhört so etwas!

Da war der Wald zu Ende, ein Dorf kam, und über dem stieg auf mäßiger Anhöhe ein helles Schloß empor. Von seinen Türmen flatterten Fahnen lustig im Winde, und die Fenster glitzerten und blinkten im Sonnenschein. Im Schloß war morgen Hochzeit; zu der fuhr der Graf. Es war schon mancher schöne Wagen an diesem Tage zum Schloß hinaufgerollt, und die Dorfkinder harrten darum alle an der Straße; sie waren neugierig, wer noch angefahren käme. Als der Wagen des Grafen von Singerlingen vorbeirollte, gab es plötzlich ein lautes Lachen auf der Dorfstraße, und schreiend und jauchzend stürmten alle Kinder hinterdrein. Die Pferde wurden fast scheu bei dem Gebrüll, und der Graf schüttelte in seinem Wagen immer mehr den Kopf. Das war doch sonderbar heute! Der Kutscher und der Diener ärgerten sich, aber alle drei merkten doch nichts von Kasperle, der hinten aufsaß.

Der Kutscher des Grafen dachte, als sie dem Schlosse immer näher und näher kamen: Vor einem Schloß muß man gut vorfahren. Er ließ darum erst die Pferde etwas langsam gehen, damit sie sich ausruhen konnten, dann zuletzt trieb er sie an. Sie fuhren im Trab vor dem Schlosse vor, ruck, da hielten sie.

An so etwas hatte Kasperle freilich nicht gedacht. Der hatte gemeint, das Gefahre ginge so weiter, und

bei dem jähen Ruck verlor er darum das Gleichgewicht und sauste in weitem Bogen von seinem Sitz herab.

Vor dem Schloß stand Rosemarie, die Tochter des Schloßherrn, in einem rosenfarbenen Kleid. Die hatte dem Grafen von Singerlingen einen schönen Willkomm sagen sollen; sie schrie statt dessen aber laut: „Da fällt ein Junge vom Wagen!“

Kasperle war mitten in ein schönes Blumenbeet hineingefallen. Da blieb er drin liegen, steif und starr, und rührte sich nicht. Der Graf von Singerlingen aber rief erstaunt: „Wo ist denn der hergekommen?“

„Vom Wagen ist er gefallen,“ sagte das kleine Rosenmädchen. „Ach, und nun ist er tot!“

„Der hat hinten aufgesessen; so was machen Jungens schon,“ brummelte der alte Diener des Grafen. „Darum haben die Leute auch so über uns gelacht. Und tot ist er sicher nicht.“

Nein, tot war Kasperle nicht, aber etwas verdöst, und als ihn zwei Diener aufhoben, machte er ein so schrecklich dummes Gesicht, daß alle um ihn herum lachten.

Der Graf, dem das Schloß gehörte, seine Frau, die Gäste, alle kamen und staunten das dumme, dumme Kasperle an. Der Graf von Singerlingen aber betrachtete ihn durch sein Augenglas und sagte immerzu: „Komisch, sehr komisch!“

Wo er herkäme, wollte der Schloßherr wissen. Kasperle kniff die Augen zusammen, machte ein sehr

betrübtes Gesicht und erzählte genau wie dem dicken Bauer, daß er ein armes verlassenes Waisenbüble sei und in die weite Welt hinaus wolle.

O du Schelm! dachte der alte Diener, dem das Kasperle nicht geheuer vorkam. Er hätte auch gern seinen Herrn vor dem Kleinen gewarnt, aber dem Grafen ging es wie dem dicken Bauer Strohkopf, ihm gefiel das Kasperle ungemein. Er bat darum die Schloßfrau, sie möchte den Kleinen aufnehmen bis zu seiner Heimfahrt. Das sagte ihm die Gräfin zu, bei sich dachte sie freilich: Wo er schlafen soll, weiß ich nicht. Es waren so viele Gäste im Schloß, um die Hochzeit der ältesten Grafentochter mitzufeiern, und in einer Stunde sollte auch noch ein richtiger Herzog kommen. Da war jeder Winkel besetzt, und in der ganzen Nachbarschaft hatte die Gräfin Betten borgen müssen. Sie sagte aber zu einem Diener, er solle den Kleinen zur Hausverwalterin führen, die würde schon für ihn sorgen.

Die wird sich über den Knirps freuen! dachte der Diener. Er nahm Kasperle am Arm und führte ihn etwas unwirsch in die große Vorküche, in der gerade Frau Emma, die Hausverwalterin, die Kuchen ansah, die aus der Backstube gekommen waren.

Fein, hier gefällt’s mir! dachte Kasperle und schnupperte vergnügt herum. Wie die Kuchen gut rochen! Ja, so ein Schloß war noch besser als ein Bauernhaus. Doch Frau Emma sagte nicht: „Fein!“ und nicht: „Der gefällt mir,“ als sie Kasperle sah,

sondern sie rief sehr geärgert: „Was soll ich mit dem Popanz? So einen Jungen habe ich überhaupt noch nicht gesehen. Weg mit ihm, den kann ich hier nicht gebrauchen! Er mag meinetwegen helfen Kartoffeln schälen.“

„Mag ich nicht,“ rief Kasperle, aber da wurde Frau Emma gleich sehr böse, und sie befahl zornig: „Er soll Kartoffeln schälen!“

Und schwups! nahm eine Magd Kasperle und zerrte ihn in einen Nebenraum hinein. Dort saßen drei junge Dirnen, zu denen sagte sie: „Da ist einer, der soll euch helfen.“

„Der uns helfen?“ Die drei kicherten laut, und dann nahm eine eine riesenweite Küchenschürze, band die Kasperle um, die zweite reichte ihm eine Schüssel, die dritte gab ihm ein Messer in die Hand, und alle drei riefen: „Nun hilf uns!“

Ei, da waren sie aber an einen flotten Helfer geraten! Potztausend, das ging! Schnippel schnappel, schnippel schnappel! Hierhin flog ein Stück Kartoffel, dahin eins; Kasperle hatte gleich die ganze Kartoffel zerschnitten. Und dann wickelte er sich die Küchenschürze um die Beine, warf Schüssel und Messer auf die Erde und schrie: „Ich hab’ Hunger!“

Die Mägde lachten. Aber dann liefen gleich zwei, um etwas für das Kasperle zu holen, die dritte aber streichelte ihn und fragte, woher er käme. Und dann schmauste Kasperle und erzählte, und zuletzt schnitt er

Gesichter. So etwas hatten die drei Mägde noch nie gesehen.

Als Frau Emma nach einem Weilchen in die Nähe der Türe kam, lauschte sie ärgerlich. So ein Gelächter! Zornig tat sie die Türe auf. Da saßen die drei Mägde, lachten und lachten, und Kasperle kasperte auf dem Küchentisch herum. Die Kartoffeln aber waren alle ungeschält. Frau Emma verstand keinen Spaß. Sie fuhr drein wie ein Hagelwetter, und die Mägde duckten erschrocken die Köpfe. Das Kasperle aber trieb die Frau aus dem Raum. „Geh, hilf Geschirr waschen!“ herrschte sie ihn an. „Da hinein!“ Sie schob den Kleinen in einen großen Raum, in dem gewaschen und geputzt wurde.

Hier führte die Herrschaft die alte Liesetrine, und die machte gleich ein schiefes Gesicht, als sie den kleinen Helfer sah. „So einen Dreikäsehoch kann ich nicht brauchen,“ schrie sie. „Raus mit ihm, raus! Der schlägt mir nur alles kaputt.“

Na, dachte Kasperle gekränkt, versuchen kann sie es doch erst mit mir! Und er wollte zeigen, wie geschickt er sei. Er nahm also flink ein reines Tuch, von denen ein großer Stoß auf einem Tisch lag, dann wollte er von einem Gestell einen Teller nehmen, um ihn säuberlich zu putzen. Er hatte oft gesehen, wie Liebetraut das machte. Da schrie die alte Liesetrine: „Halt, halt, vergreif’ dich nicht dadran! Die Teller —“ Klirr, da sausten sämtliche Teller von oben herab, noch

ehe Liesetrine mit ihrer Warnung fertig war. Heisa, gab das eine Aufregung! Liesetrine klagte: „Die allerbesten Teller sind es, die allerbesten!“ Ein paar Mägde schnatterten durcheinander, und da tat sich auch noch die Türe auf, und ein Diener streckte den Kopf herein und fing an über den Lärm zu schelten. Von der andern Seite guckte Frau Emma durch ein Schiebefensterchen und schalt auch.

In all dem Lärm entwischte Kasperle ganz heimlich. Husch, war er draußen! Er drückte sich an der Wand entlang und geriet in einen halbhellen, kühlen Gang. Hier verhallte der Lärm etwas, und Kasperle sah, daß vier Türen auf den Gang mündeten. Jede hatte ein kleines Fensterchen, und Kasperle konnte gerade, auf den Zehen stehend, hindurchsehen. Ei potztausend, war das fein, was er da erblickte! Er sah in die Speisekammern des Schlosses hinein, in denen die leckersten Dinge standen. Dem kleinen Schelm lief das Wasser im Munde zusammen; er merkte jetzt erst, wie hungrig er war. Er klinkte an einer Türe, an der andern, an der dritten, — sie waren alle verschlossen; die vierte aber ging auf, die hatte Frau Emma in der Eile dieses Tages nicht zugeschlossen. Und gerade in dieser Kammer standen die süßen Speisen: Fruchtschalen, Kuchen und Torten.

Kasperle besann sich nicht lange. Er fing an zu schlecken und zu lecken. Wie das schmeckte! Viel, viel besser, dachte er, als das Käsebrot beim Bauer Strohkopf.

In einer Ecke stand ein ganzer Kübel Schlagsahne. Kasperle wußte erst nicht, was dieser weiße Schaum war, und weil er im Waldhäuschen einmal neugierig an Seifenschaum geleckt hatte, dachte er, es könnte wohl etwas Ähnliches sein. Aber naschhaft, wie er war, steckte er doch sein Fingerlein hinein und versuchte. Das war fein. Er schleckte den Finger ab, tauchte wieder ein, steckte die ganze Hand hinein, und weil der Kübel etwas hoch stand, kletterte er schließlich auf den Rand, um besser lecken zu können.

Da sagte auf einmal draußen jemand: „Was ist denn das? Hier steht ja eine Türe auf!“

Kasperle erschrak mächtig. Er wollte sich flink in eine Ecke flüchten, doch dabei verlor er das Gleichgewicht, und gerade als Frau Emma in die Speisekammer trat, plumpste Kasperle in die Schlagsahne hinein. Die spritzte hoch auf, und Frau Emma, die nur etwas zappeln und krabbeln sah, hielt Kasperle für eine Katze, sie stürzte schreiend aus der Speisekammer und rief um Hilfe.

Da war Kasperle geschwinder wieder aus dem Kübel heraus, als er hineingekommen war, und er wutschte flink aus der Kammer. Doch Frau Emma sah ihn, und merkte auch, daß das zweibeinige Ding keine Katze sein konnte; sie wollte ihn greifen, aber Kasperle, der von oben bis unten voll Schlagsahne war, entglitschte ihren Händen. Türen gingen auf, Menschen kamen, und Kasperle sah einen großen steinernen Pfeiler;

hinter den rutschte er. Von da aus hörte er Frau Emma klagen, Mägde und Diener schelten, und plötzlich riefen alle: „Es fahren wieder Gäste vor.“

Da rannten alle weg, und Kasperle kroch aus seinem Versteck heraus. Satt war er, nun hätte er gern geschlafen, aber er wagte nicht, jemand zu fragen, wo denn das Kämmerlein sei, das er bekommen sollte. Beim Umschauen entdeckte er eine schmale Treppe, die nach oben führte. Ei, vielleicht war es dort stiller, und er fand wohl ein Plätzchen zum Ausruhen. Oben geriet er in einen kleinen Flur, auf dem mündeten viele Türen. Der kleine Schelm schlich etwas an der Wand entlang, so recht gemütlich war es ihm nicht. Der schmale Flur lief in einen breiten hinein, da war wieder Tür an Tür; alle waren sie weiß und hatten goldene Verzierungen, ganz prächtig sah es aus. Eine dieser Türen stand ein Ritzchen auf, und das neugierige Kasperle konnte nicht widerstehen, es steckte seine Nase hindurch. Das war aber ein feines Zimmer, in das er blickte! Selbst die Wände waren mit Seide bekleidet, und an der einen Wand stand ein breites goldenes Bett. Kein Mensch war im Zimmer, und das Bett lockte Kasperle arg. In dem mußte es sich doch sicherlich gut schlafen.

Sachte schlüpfte er ins Zimmer, und eins, zwei, drei war er in dem schönen Bett. Das war ganz von Seide, und Kasperle rollte sich wie ein Igel drin herum. Ei, da lag sich’s besser als in Bauer Strohkopfs

Kammer! Doch freilich, in Protzendorf hatte ihn bis zum Morgen niemand gestört, aber hier! — Kasperle richtete sich erschrocken auf, viele Stimmen erklangen draußen, und er bekam Angst. Mit einem Satz war er aus dem Bette heraus, strich es schnell ein wenig glatt und kroch dann flink darunter.

Es war aber auch die höchste Zeit, denn gleich darauf tat sich die Türe auf, und ein älterer Herr, gefolgt von einigen Dienern, trat ein. Die redeten miteinander allerlei, was Kasperle nicht recht verstand, und dann trat der Herr an das Bett heran und sagte seufzend: „Ich bin heute sehr müde; ich wollte, der Tag wäre erst zu Ende!“ Bei diesen Worten strich er etwas über die seidenen Kissen, weil er sich wunderte, daß diese nicht so ganz gerade lagen. „Was ist denn das?“ rief er auf einmal erstaunt. Der Herzog, denn das war der ältere Herr, zog verdutzt seine Hand zurück. Er betrachtete sie, schüttelte den Kopf, strich wieder über das Bett und rief dann entrüstet: „Friedrich, in — meinem Bett ist — Schlagsahne!“

„Schlaaagsahne!“ Friedrich riß den Mund vor Erstaunen weit auf und kam eilfertig herbei. Er strich auch über das Bett, leckte ein bißchen am Finger und rief verdutzt: „Schlagsahne!“ Und dann lief er zur Klingel, läutete heftig, und es dauerte nur ein paar Augenblicke, da kam ein Kammerdiener daher. Der verbeugte sich dreimal und fragte dreimal, was der Herzog wünsche.

Da deutete dieser auf das Bett und sagte: „Was ist das? Drüberstreichen!“

Der Kammerdiener strich erstaunt über das Bett, wich dann erschrocken zurück und strich noch einmal darüber, leckte auch ein wenig am Finger und rief ebenfalls: „Schlaaagsahne!“ Und dann rannte er, holte den Haushofmeister herbei, der Graf kam selbst, und alle standen sie um das Bett herum und riefen: „Schlagsahne!“

Der Herzog schüttelte immerzu den Kopf, so erstaunt war er über die seltsame Geschichte. Und bei diesem Kopfgeschüttele sah er auch einmal in den großen Spiegel, der dem Bett gerade gegenüberhing. Darin sah er das ganze Bett und — der Herzog schrie plötzlich laut auf und sank in einen Stuhl. „Da, da, da!“ rief er zitternd und deutete unter das Bett und auf den Spiegel, denn in dem hatte er Kasperle erblickt, der neugierig seine große Nase etwas weit vorgestreckt hatte.

„Es steckt jemand unter dem Bett,“ rief der Haushofmeister zuerst. Da krochen auch schon zwei Diener hinunter, und das Kasperle konnte sich noch so klein machen, es wurde doch erwischt; an den Beinen zogen es beide hervor, und beide riefen entrüstet: „Er klebt ganz und gar, er ist auch voller Schlagsahne.“

„Ah!“ sagte der Herzog verwundert, als das Kasperle vor ihm stand. Nach der Nase hatte er nämlich gedacht, ein großer, ausgewachsener Räuber stecke unter dem Bett.

„Ah!“ rief auch der Graf zornig. „Das ist der, den mein Herr Vetter von Singerlingen mitgebracht hat, und der bis jetzt nichts wie Dummheiten gemacht hat. Haue muß er kriegen!“

„Jawohl und eingesperrt werden!“ sagte der Haushofmeister, und der Herzog nickte dazu. Nur weil er gerade sehr müde war, flüsterte er: „Aber erst morgen hauen.“

„Ja, morgen soll er Haue bekommen, jetzt wird er in den Keller gesperrt,“ rief der Graf streng.

Die Sache stand schlimm für das Kasperle, arg schlimm. Es war wohl am besten, er bettelte gleich recht eindringlich um Gnade, vielleicht verzieh ihm der Herzog doch. Und es war gut, daß er glitschig war, da gelang es ihm, einen Augenblick den Händen der Diener zu entwischen. Er tat einen Riesensprung auf den Herzog zu und kreischte mit weinerlicher Stimme: „Bitte, bitte, bitte!“