Josephine Siebe
Kleinstadtkinder

Kleinstadtkinder

Buben und Mädelgeschichten
von
Josephine Siebe

Verlag E. Nister
Nürnberg

Alle Rechte vorbehalten.

Ankunft in Neustadt.

„Neustadt,“ schrie der Schaffner und lief den Zug entlang; „Neustadt, ausstei...gen!“

Einige Passagiere guckten zu den Kupeefenstern heraus. „So’n Nest,“ sagte der eine, und ein anderer gähnte, während ein dritter rief: „Fenster zu! S’ist ja so kalt!“

„Neustadt, abfahren,“ schrie der Schaffner noch einmal. „Es steigt doch niemand aus, hier steigt nie jemand aus,“ dachte er.

Aber da — schon pfiff die Lokomotive — da wurde noch hastig eine Kupeetüre geöffnet, ein Fuß wurde sichtbar, eine braune Ledertasche und — platsch lag mit Koffer und Plaid ein nicht zu großer, nicht zu kleiner, nicht zu dicker und nicht zu dünner Herr, so lang er war, auf dem Bahnhof.

„Na, der hat’s aber eilig, hat wohl geschlafen,“ murmelte der Schaffner und sprang rasch auf, denn der Zug setzte sich pustend in Bewegung.

Zwei Bahnbeamte eilten herbei und halfen dem Herrn wieder auf die Beine, gebrochen hatte der sich glücklicherweise nichts. Er brummelte etwas von gefrorenen Stufen, ausgerutscht sein, und braun und blau geschlagen, dann nahm er seine Sachen, dankte höflich und verließ den Bahnhof.

„Da wäre ich,“ dachte er, „eine nette Ankunft in dem Nest, wie konnte ich auch nur so fest einschlafen, beinahe hätte ich Neustadt verschlafen, brrrrrr, wird gewiß ein erzlangweiliges Nest sein.“

Er trat aus dem Bahnhofsgebäude heraus, ging über einen kleinen, von Bäumen umstandenen Platz, und gelangte an eine Straße, die etwas bergab führte; hier sah er plötzlich das Städtchen mit all seinen Häusern und Türmen und seinem Hintergrund von bewaldeten Höhen liegen. Der Fremde vergaß über diesem Anblick seinen Fall auf dem Bahnhof, und sein vorhin so mißmutiges Gesicht hellte sich auf. Ja, dies war aber auch schon ein Anblick, der sich lohnte. In der geräuschvollen Großstadt, aus der der Fremde kam, sah man selten so eine weiße, schimmernde Winterpracht. Dort fiel der Schnee schon grau vom Himmel, und nach wenigen Stunden war er eine breiige, schmutzige Masse. Hier aber war das ganze Städtlein in ein weißes Feierkleid gehüllt. Die Türme von St. Marien ragten steil und schlank in die Luft, wie Königstöchter sahen sie aus im Schmuck weißer Hermelinmäntel, und nicht weit davon erhob sich der dicke, runde Schloßturm mit weißer Kappe, behäbig wie ein biederer Bäckermeister schaute er drein. Und das Schloß selbst auf der Höhe mit seinen vielen kleinen Fenstern und seinen altersgrauen Mauern war überzuckert von oben bis unten, es glich einer guten Gluckhenne, und all die überschneiten Häuser und Häuschen waren ihre Küchlein. Im Rauhreif standen Büsche und Bäume, und die Sonne, die gerade noch einen Abschiedsblick auf das Städtchen warf, ehe sie in ihr Wolkenbett rutschte, überstrahlte alles mit einem zarten Rosenschimmer. Die fernen Berge verschwanden schon in blaugrauem Dunst, als wollten sie sagen: „Schau dir nur erst das Städtchen an, es lohnt sich schon, zu uns kommst du später.“

„Ja, du lieber Himmel, es lohnt sich wirklich,“ dachte Doktor Theobald Fröhlich; er guckte rechts und links und gerade aus und meinte, er könnte sich nicht satt sehen an dem hübschen Stadtbild. Und dies kleine Städtchen sollte nun für immer seine Heimat werden, das erschien ihm auf einmal gar nicht mehr so schrecklich.

Während so der Doktor Theobald Fröhlich oben am Bahnhofsplatz stand und Neustadt bewunderte, stand unten in der Stadt vor der Türe eines stattlichen, altmodischen Hauses eine alte Frau. Sie hatte ihre Hände fest in ihre Schürze eingewickelt und guckte eifrig geradeaus, denn wer vom Bahnhof kam, mußte die Straße herunterkommen, an deren Ende das Haus lag. Die Straßen von Neustadt gingen alle bergauf und bergab; die Bürger behaupteten, ob es stimmt weiß freilich niemand, ihr Nestlein sei gerade wie das große, gewaltige Rom auf sieben Hügeln erbaut.

„Nun muß er doch bald kommen,“ murmelte die Alte, „wo er nur bleibt!“

Sie wartete auf niemand anders als auf den Doktor Theobald Fröhlich, der von nun an in dem stattlichen Hause wohnen sollte. Das Haus hatte er von einer alten Tante geerbt, mit der Bedingung, daß er darinnen wohnen mußte, sonst sollte das Haus an entfernte Verwandte fallen. „Wer mein Haus besitzt, der soll es auch lieb haben und gern darin wohnen“, hatte die Tante immer gesagt. Der Doktor Theobald Fröhlich war arm, er hatte auch noch eine Schwester, die in England als Erzieherin sich ihr Brot verdiente, da dachte er, eine richtige Heimat haben mit der Schwester zusammen, und sei es auch in Neustadt, sei schließlich besser, als in Berlin einsam zu leben.

Zu der alten Frau, die die Dienerin der ehemaligen Herrin des Hauses gewesen war, gesellte sich die Bäckermeisterin Gutgesell, die gegenüber an der Ecke der Marienstraße wohnte.

„Wo er nur bleibt, der neue Herr?“ sagte sie und schaute ebenso eifrig wie die alte Dorothee die Straße hinauf.

„Ja eben, ’s dauert so lange,“ brummelte Jungfer Dorothee, „vielleicht kommt er garnicht, nämlich Frau Nachbarin, er ist ’n Dichter, und die sollen doch was komisch sein.“

„Ih nee, ’n richtiger, leibhaftiger Dichter! So was haben wir doch nie in Neustadt gehabt!“ schrie die Bäckermeisterin und schlug die Hände zusammen.

Und die alte Dorothee reckte sich stolz und belehrte die Nachbarin, was ein Dichter sei, und daß ihr neuer Herr vielleicht mal sehr berühmt würde, hätte die Frau Stadträtin Müller gesagt, noch sei er es freilich nicht. —

Doktor Theobald Fröhlich hatte sich unterdessen das Städtlein genau angesehen, dann hatte er einen Mann nach dem Weg gefragt und hatte erfahren, daß er erst die Straße hinunter gehen müßte, dann links herum, dann käme die Marienstraße, die ging steil bergab, und am Kirchplatz stände das Haus, das er suchte. Der Doktor fand denn auch die Marienstraße und schickte sich an, sie hinab zu gehen. Wie er einige Schritte gegangen war, hörte er plötzlich ein wildes Geschrei hinter sich, und eine Schar Buben und Mädels kamen mit ihren Schlitten angefahren. „Rechts“, schrie ein langer Bengel, „links“, rief ein anderer, und auf einmal gab es ein Purzeln und Fallen, zwei Schlitten waren zusammengefahren, ihre Besitzer plumpsten in den Schnee.

„Na, solche Wildfänge,“ dachte Doktor Fröhlich gerade, als ein leerer Schlitten ihm zwischen die Beine fuhr. Er verlor das Gleichgewicht, rutschte aus und saß auf einmal auf dem Schlitten und heidi ging es bergab. Sein Plaid fiel rechts herunter, seine Reisetasche links, er sah nichts und hörte nichts, er hielt sich nur krampfhaft fest, und dann gab es einen Ruck, ein Zetergeschrei, und der Doktor Theobald Fröhlich lag im Schnee, und auf der einen Seite saß die alte Dorothee und auf der anderen die Frau Bäckermeisterin, und beide schalten und lachten durcheinander, denn der fremde Herr hatte sie beide umgerissen.

„Verzeihung,“ murmelte der Doktor, „mein Name ist Dr. Theobald Fröhlich — ich“

„Du meine Güte, so was, das ist ja mein neuer Herr!“ schrie Jungfer Dorothee und verbeugte sich so eilig, daß sie mit der Nase beinahe in den Schnee stippte. Die lustige Frau Bäckermeisterin lachte hell auf, und nun kamen auch die übrigen Schlittenfahrer und zwei Buben mit Reisetasche und Plaid herbei. Es gab ein Hin-und-her von Fragen und Erklärungen. Der Doktor meinte, so schnell ginge es in Berlin beinahe nicht mit einem Vorortszug wie in Neustadt mit dem Schlitten.

Die alte Dorothee schalt auf die Buben, die verteidigten sich, sie hätten nichts dafür gekonnt, die Bäckermeisterin lachte, und der Doktor fand seine Ankunft in Neustadt höchst wunderlich. Er war herzlich froh, als er endlich in seinem Hause in einem behaglichen Zimmer saß und Dorothee ihm heißen Kaffee und selbstgebackenen Kuchen brachte.

Heisa das schmeckte, und wie behaglich das Zimmer war mit den altmodischen, grünen Samtmöbeln und den schönen Bildern an den Wänden! Später zeigte ihm Dorothee das ganze Haus von oben bis unten. Da gab es viele uralte Möbel, viel alten, schönen Hausrat; ein Zimmer gab es, das war ganz mit steifen, weißen Möbeln angefüllt, es führte auf eine breite Terrasse, vor der sich ein großer Garten ausbreitete. „Der gehört zum Hause,“ sagte die alte Frau stolz, „so schönes Obst hat niemand in Neustadt wie in dem Garten wächst, ’s ist ein Staat!“

Still war es freilich in dem Hause, und still war es auch in dem Städtchen, das sich der Doktor Fröhlich am nächsten Morgen gründlich anschaute. Still, ja, aber heimlich und traut. Und als er gerade zur Mittagsstunde über den Schulplatz ging, und aus einem alten ehemaligen Klostergebäude rechts Buben und links Mädchen herauskamen, da war es vorbei mit der Stille, potztausend ja konnte die Gesellschaft schreien und lachen! Und am Nachmittag sagte die alte Dorothee: „Morgen ist Nikolaustag.“

„Nikolaustag, was ist denn das?“ fragte der Doktor erstaunt.

„Je, du meine Güte, das weiß der Herr nicht?“ rief die Alte erstaunt. „Na, Nikolaustag ist halt Nikolaustag, und die selige gnädige Frau hat immer am Nikolaustag allen Kindern, die in der Marienstraße und hier auf dem Kirchplatz wohnen, Pfefferkuchen, Äpfel und Nüsse geschenkt. Der Herr Doktor kann’s mir glauben, die kommen auch in diesem Jahre. Äpfel und Nüsse sind da, soll ich noch die Pfefferkuchen holen?“

„Freilich, freilich,“ sagte der Doktor Fröhlich, beschämt, daß er nichts vom Nikolaustage wußte. Er ging dann in ein Zimmer, in dem viele Bücher standen, dort sah er in einem großen Lexikon nach, was es mit dem Nikolaustag für eine Bewandtnis habe.

Er hatte nie eine rechte Heimat gekannt. Als er fünf Jahre alt war und seine Schwester nur erst wenige Monate zählte, waren Vater und Mutter rasch hintereinander gestorben; die beiden Kinder wuchsen bei fremden Leuten auf. Eins hier, das andere dort. Der Knabe kam bald in eine Erziehungsanstalt; waren Ferien und seine Kameraden fuhren heim, dann blieb er allein in der Anstalt. An seine traurige Jugend und an seine ferne Schwester mußte er denken, als am nächsten Tage Buben und Mädels angelaufen kamen, um sich ihre Nikolausgaben zu holen. Eine lustige Gesellschaft war es, die da herantrappelte, wie strahlten die Augen, wie blitzten die weißen Zähne, wenn jedes seinen Teil bekam. Einmal kamen fünf zusammen, zwei Mädels und drei Buben.

„Na, das sind die rechten Schelme,“ sagte die alte Dorothee lachend, „Schatzgräber ihr, gelt, ihr habt gerade den rechten Pfefferkuchenhunger?“ „Ja,“ riefen die fünf, und ein Bube, der braune, krause Haare hatte und Augen rund und dunkel wie zwei Herzkirschen, aber so unnütz wie ein paar Spatzenaugen, rief: „Es könnte jede Woche Nikolaustag sein, das wär mal fein!“

„So fein wie Schatzgraben, gelt?“ rief die Alte, da wurden alle fünf rot wie reife Erdbeeren und lachend liefen sie davon.

„Wer waren die fünf, und warum werden sie Schatzgräber genannt?“ fragte Doktor Fröhlich.

„Die fünf sind dicke Freunde; es sind Nachbarskinder und ihren Namen haben sie von einem dummen Streich, den sie unlängst ausgeführt haben. Ich will dem Herrn gern die Geschichte erzählen, wenn es recht ist.“

Am Abend des Nikolaustages schrieb der Doktor Fröhlich an seine Schwester: „Komm bald zu mir, hier wird es dir gefallen. Komm noch vor Weihnachten, damit wir das erstemal das Fest im eigenen Heim, in unserer neuen Heimat, feiern können!“

Und dann, als das Abendessen abgetragen war, erzählte die alte Dorothee die Geschichte von den fünf Schatzgräbern. Die gefiel dem Doktor Fröhlich so gut, daß er sie gleich in ein Buch schrieb. Dahinein schrieb er im Laufe der Zeit noch manche Geschichte von den Neustädter Kindern, manche, die ihm erzählt wurde, und manche, die er selbst sah und hörte. Auch zwei Märlein kamen dazu und eine Geschichte aus vergangenen Tagen.

Und so stehen denn die Geschichten in diesem Buch, eine nach der anderen, so wie sie der Doktor gehört, sie erlebt und niedergeschrieben hat.

Die fünf Schatzgräber.

In früheren Zeiten, in denen die Städte noch nicht so gewaltig groß wie heutzutage zu sein brauchten um mächtig zu sein, war auch Neustadt eine gar angesehene Stadt im deutschen Reiche gewesen. Wohlstand herrschte, und die Bürger wußten sich gut in mancher Fehde zu verteidigen. Der dreißigjährige Krieg aber, der so vieles in Deutschland vernichtete, zog auch verheerend über Neustadt hin, die Stadt wurde zum Teil zerstört, geplündert, und seitdem gelang es ihr nie wieder, sich zu einstiger Größe emporzuschwingen. In jener Zeit nun, so berichtete die Sage, hätten die Bürger einen großen Schatz vergraben, viel Geld, edle Steine und silberne und goldene Prunkgefäße. Die aber, die den Schatz vergraben hatten, wurden nachher, als die Feinde die Stadt einnahmen, getötet, und darum wußte später niemand mehr, wo eigentlich der Schatz vergraben lag.

Von diesem Schatz nun wurde in Neustadt in den Zeiten, die kamen und gingen, viel gesprochen. Früher hatte wohl mancher in aller Heimlichkeit sein Gärtlein umgegraben, und wurde ein Grundstein zu einem neuen Hause gelegt oder ein altes, baufälliges Haus eingerissen, immer gab es etliche, die hofften, der Schatz sollte sich schon finden. Er fand sich aber nicht, und zuletzt suchte niemand mehr so recht ernsthaft danach. Die Geschichte von dem Schatz wurde zu einem Märchen, das den Kindern erzählt wurde, und mancher Bube dachte wohl, wenn ich groß bin, suche ich den Schatz; wuchs er heran, dann vergaß er gewöhnlich sein Vorhaben.

Von dem vergrabenen Schatz nun sprachen an einem sonnenhellen Herbsttag fünf Kinder, die einträchtiglich, wie Schwälbchen auf dem Dachfirst, auf der alten Stadtmauer saßen. Dieses letzte Stück der einst so trutzigen Stadtmauer zog sich jetzt als Grenze zwischen einer engen Gasse und hübschen, schattigen Anlagen hin. Am Ende dieses Mauerrestes stand ein runder Turm, es war dies der letzte der acht Wachttürme, die Neustadt einst besessen hatte. In dem Turm, der noch fest und unversehrt dastand, wohnte nicht mehr wie einst eine Schar eisenbewehrter Wächter, sondern ein Pantoffelmacher, Klaus Hippel genannt. Und kriegerisch sah der ganze Turm auch nicht mehr aus, statt der Feuerbüchsen früherer Zeiten hingen an schönen Tagen zu den kleinen Fenstern des Turmes bunte Pantoffel heraus, und auf schwankendem Blumenbrettlein blühten Rosen, Geranien und lichtrote Kapuzinerkresse. Und Klaus Hippel selbst konnte keiner Fliege etwas zu Leide tun, er hantierte allzeit fröhlich mit seinem Handwerkszeug herum, fertigte wunderschöne, warme, weiche Pantoffel und war gut Freund mit allen Kindern, die sich die Anlagen an der Stadtmauer zum Spielplatz erkoren hatten.

Auf der alten Stadtmauer zu sitzen war eigentlich von Rats wegen verboten, aber von Pantoffelmachers wegen durften die Kinder darauf sitzen so viel sie wollten, sie taten es auch, und niemand kümmerte sich weiter darum. Vom Turmtor aus führte ein eisernes Wendeltreppchen auf die Stadtmauer hinauf, und Klaus Hippel lachte nur gutmütig, wenn er die Kinder das Treppchen hinaufklettern sah. Er selbst saß in seinem Stübchen hinter dem Blumenbrett bei seiner Arbeit, und seine ebenso fröhliche, wie gutmütige Frau Pauline wirtschaftete eifrig in ihrem kleinen Reich herum, und wenn die beiden alten Leutchen lachten, dann pfiff Mausel, der Dompfaff, vergnügt: „O Tannenbaum, o Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter!“

Oben im Turm war ein kleines Museum, da hingen allerlei Waffen und Rüstungen, auch ein paar alte Möbel gab es zu sehen; das Schönste aber war die Aussicht von oben, über das weite Land hin bis zum fernen Gebirge. Paulinchen Pantoffelmacher, wie die lustige kleine Frau im Städtchen genannt wurde, brauchte zwar selten das Turmgemach aufzuschließen, weil selten genug Fremde sich nach Neustadt verirrten. Kam wirklich mal jemand, dann rief Klaus Hippel: „Aufgepaßt, ein weißer Spatz fliegt in den Turm.“

Die fünf Kinder nun, die an diesem hellen Herbsttag auf der Stadtmauer saßen und von dem Schatz sprachen, waren Pantoffelmachers besondere Freunde. Im zierlichen, weißen Kleidchen saß in der Mitte Brigittchen Schön; so ganz unrecht trug die Kleine ihren Namen nicht, sie war wirklich sehr lieblich, hatte lockiges, dunkelblondes Haar, ein zartes, feines Gesicht und Augen so blau wie zwei Veilchen. Brigittchen war das einzige Kind eines wohlhabenden Kaufmannes. Reich war der Herr Schön, dabei aber doch arm, ihm waren vor wenigen Jahren sein liebes Weib und sein kleiner Sohn gestorben, und nur Brigittchen war übrig geblieben. Eine ältere Verwandte, Fräulein Mathilde, hütete das Haus; sie meinte, es sei genug wenn sie dafür sorgte, daß die Kleine immer weiß wie ein Maiglöckchen angezogen sei. Daß ein Kind recht viel Liebe braucht, gerade so wie eine Blume den Sonnenschein, daran dachte sie nicht, und wenn der Vater verreist war, was oft geschah, dann wäre Brigittchen recht verlassen gewesen, wenn es nicht so gute Freunde gehabt hätte. Freunde hatte nun freilich die Kleine, wie man sie sich nicht besser wünschen kann, Freunde, die, wenn es darauf angekommen wäre, für sie durch Feuer und Wasser gegangen wären. Auch heute saßen ihre Freunde mit ihr zusammen auf der Stadtmauer. Da war zuerst ihre allerallerbeste Freundin Anne-Marte Fabian und deren Bruder Jörgel. Der Vater der Kinder war ein tüchtiger und beliebter Arzt im Städtchen, und das Doktorhaus lag am Kirchplatz, dicht neben Brigittchens Vaterhaus. Dann waren auch noch die beiden Bäckerbuben Wendelin und Severin Gutgesell da, die in der Marienstraße wohnten, und die dem Brigittchen so treu ergeben waren, daß sie mit Vergnügen die schönsten Prügel eingeheimst hätten, wenn sie damit der Kleinen einen Gefallen getan hätten. Das verlangte Brigittchen nun freilich nicht, ja, wenn ihren Freunden nur ein geringes Leid geschah, so weinte sie so bitterlich, daß es beinahe eine Überschwemmung gab. Und dem Weinen nahe war die Kleine auch an diesem Herbsttage; überhaupt sahen alle fünf Freunde so aus, als sei ihnen die Petersilie verhagelt, und trotzdem war es doch der erste Tag der Herbstferien und acht schulfreie wundervolle Tage lagen vor ihnen. Sie waren auch am Morgen in seliger Lust ausgezogen, um allerlei Vergnügliches zu unternehmen; der erste Besuch sollte Pantoffelmachers gelten, Frau Paulinchen hatte versprochen, ihnen wieder mal das kleine Museum recht gründlich zu zeigen, und Klaus Hippel wollte ihnen eine Geschichte aus seinem Lieblingsbuch vorlesen; dies war eine alte Chronik der Stadt Neustadt. Aber ach, die erhofften Freuden wurden bald zu Wasser. Statt sie wie sonst mit Singen, Pfeifen und schalkhaften Worten zu begrüßen, murmelte der Pantoffelmacher an diesem hellen Morgen nur verdrießlich: „Na, seid ihr da?“ Und tief seufzend nähte er so emsig an seinem Pantoffel weiter, als stände jemand barfuß neben ihm und schrie: „Eil dich doch, ich friere ja an meine Füße!“

An dem Kachelofen aber saß Frau Paulinchen und weinte herzbrechend, und weil Brigittchen nun mal niemand weinen sehen konnte, ohne mit zu weinen, flossen auch gleich ihre Tränen, und wenn die Freundin weinte, mußte Anne-Marte auch weinen, und so schluchzten denn die Mädels jämmerlich los. Den Buben wurde es ungemütlich, Tränen waren ihnen ein Greuel, Severin, der blonde Bäckerbube, riß krampfhaft die Augen auf, und Wendelin, der Schwarzkopf, knipste sie fest zu. Nur nicht etwa mitheulen! Jörgel zupfte seine Schwester und brummte: „Heul’ man nicht so, es ist ja schrecklich!“

Die Ermahnung half nicht viel, und so trat Jörgel dicht an den alten Klaus heran und fragte: „Was ist denn los?“

„Was nicht angebunden ist,“ brummte der Pantoffelmacher, „potzwetter ja, hört doch auf mit dem Geflenne!“

Dabei aber rollten dem alten Mann selbst langsam zwei schwere Tränen über das runzelige Gesicht, er sah so traurig aus, daß die Kinder fühlten, hier war ein rechtes Leid eingekehrt.

Sie hätten es aber wohl so bald nicht erfahren, was geschehen war, wenn nicht urplötzlich der Schneidermeister Langbein, der trotz seines Namens so kurz war wie der kürzeste Tag im Jahre, in die Stube geflitzt wäre: „Nachbar, Nachbar,“ schrie er aufgeregt, „ist’s wahr, daß euer Schwiegersohn so viel Geld verloren hat?“

Ja, es war so. Mutter Paulinchen rang jammernd die Hände, und ihr Mann erzählte dem Schneidermeister die ganze traurige Geschichte. Der Schwiegersohn der alten Leute, Friedrich Lange, war ein braver, rechtlicher Mann, er war als Kassenbote in dem größten Bankgeschäft angestellt. Am vergangenen Tag hatte er Geld austragen sollen, er war schon seit einigen Tagen krank gewesen, hatte aber seinen Dienst nicht versäumen wollen. An diesem Nachmittag nun wurde ihm auf einmal schwindelig, gerade als er durch den Stadtwald ging, da hatte er sich zum Ausruhen ein Weilchen auf eine Bank gesetzt, dann war er weiter gegangen. Plötzlich aber hatte er seine Geldtasche vermißt. Hatte er sie verloren, war sie ihm gestohlen worden? Er wußte es nicht, er war gleich umgekehrt und hatte gesucht, vergeblich, nirgends war die Tasche zu finden gewesen. Stundenlang hatte er noch gesucht, war auf die Polizei gelaufen, den Verlust zu melden, alles vergeblich. Der Direktor der Bank war, als ihm die Sache erzählt wurde, so zornig gewesen, daß er den armen Mann gleich entlassen und ihm gedroht hatte, er würde ihn anzeigen, wenn er nicht binnen drei Tagen das Geld herbeischaffte. „Und wenn wir zusammen alle unsere ersparten Groschen hergeben,“ klagte der alte Klaus, „dann reicht es noch nicht einmal, und die gute Stellung hat mein Schwiegersohn auch verloren, wo wird er nun Arbeit finden.“

Es war wirklich sehr trübselig in dem alten Turm gewesen, bedrückt waren die Kinder von dannen geschlichen, und niedergeschlagen saßen sie nun auf der Stadtmauer und überlegten, wie dem Pantoffelmacher zu helfen sei. Ach, in ihren Sparbüchsen war auch nicht viel Geld. Jörgel sagte verächtlich, als Brigittchen davon sprach: „Das nutzt gar nichts, viel mehr Geld müssen wir haben.“

„Wenn wir den Schatz fänden,“ sagte Wendelin plötzlich sinnend.

„Ja wenn, wo liegt er denn, wenn wir das nur wüßten?“ brummte Severin.

„Im ehemaligen Klostergarten, Heine hat’s gesagt,“ murmelte Wendelin halblaut, als fürchtete er, jemand könnte das große Geheimnis hören.

Heine war ein Bäckergeselle, der für die beiden Bäckerbuben ein Orakel war. Sie fragten Heine nach allen möglichen Dingen, und wenn Heine etwas sagte, stimmte es sicher.

„Im Klostergarten?“ rief Jörgel, „das könnte schon sein, Klaus hat auch einmal gesagt, das Kloster sei einst reich und mächtig gewesen?“

„Wir wollen den Schatz suchen,“ sagte Brigittchen eifrig. „Paßt auf, wir werden ihn finden, dann helfen wir Klaus und schenken allen Leuten was zu Weihnachten!“

„Fein,“ schrie Anne-Marte und baumelte vor Vergnügen so mit ihren Beinchen, daß der Mörtel von der alten Stadtmauer herabrieselte.

„Fein wär’s schon,“ meinte auch Wendelin, und Severin und Jörgel riefen wie aus einem Munde: „Wir können ja mal suchen!“

„Einen Schatz graben soll aber gefährlich sein,“ flüsterte Wendelin; Brigittchen und Anne-Marte quiekten graulich: „Nein, nein, wir fürchten uns!“

„Vor was denn, ihr Mauerschwalben?“ fragte eine Männerstimme. Unten auf dem Promenadenweg stand ein Herr, der lachend die fünf auf der Mauer betrachtete. Jörgel erkannte seinen Onkel, Stadtrat Weber, in dem Spaziergänger und dachte, nun würde es Schelte geben, weil er auf der Mauer saß, doch der Onkel nickte ihm nur freundlich zu und ging weiter. Die fünf aber steckten die Köpfe zusammen und tuschelten und wisperten, große Pläne waren es, die sie schmiedeten, sie bekamen leuchtende Augen und heiße Wangen und beinahe wären sie zu spät zum Essen gekommen, so eifrig hatten sie miteinander beraten.

An diesem Nachmittag suchten Wendelin und Severin den Bäckergesellen Heine in der Backstube auf. Der war gerade aufgestanden, denn so ein armer Bäcker muß die Nacht zum Tage machen und umgekehrt. Ein bißchen knurrig und verschlafen sah Heine daher den Buben entgegen, kaum hatte er aber gehört, was sie wollten, da wurde er gleich putzmunter. An den vergrabenen Schatz hatte er nämlich schon lange gedacht, er meinte, etwas Wahres würde schon an der Geschichte sein, weil er sich aber nicht auslachen lassen mochte, hatte er noch mit niemand ernstlich darüber geredet. Auch war er recht furchtsam und meinte, ohne ein Gespenst könnte es beim Schatzgraben sicher nicht abgehen. „Heisa,“ dachte er nun, „vielleicht finden die Kinder wirklich den Schatz, dann bekommst du auch deinen Teil, und finden sie ihn nicht, na, dann bist du wenigstens nicht der Ausgelachte und geschehen kann dir auch nichts.“ Er gab also den beiden bereitwilligst Auskunft. „Der Schatz liegt sicher unter dem sogenannten Schwedenstein auf dem alten Klosterhof,“ sagte er, „dort grabt ihr einfach morgen, wenn es dunkel ist, ihr müßt halt so lange graben, bis ihr den Schatz findet!“

Wendelin und Severin nickten. Ja, das war schon recht einfach, wenn nur die Dunkelheit nicht gewesen wäre. Das Graben selbst beunruhigte sie nicht weiter, denn das Stück vom Klosterhof, auf dem sich der Schwedenstein befand — ein altes Steindenkmal, dessen Inschrift niemand mehr lesen konnte — war den Buben recht gut bekannt. Es war der Grasgarten, der an die Bäckerei stieß, ein stiller, verlorener Winkel, der auf der einen Seite vom Kreuzgang der Marienkirche begrenzt wurde. Obstbäume standen jetzt da, wo vor langen Zeiten fromme Mönche gewandelt waren, und die Frau Bäckermeisterin Gutgesell trocknete ihre Wäsche auf dem Platz.

Einen richtigen, wohlgepflegten Garten anzulegen, dazu hatte niemand recht Zeit im Bäckerhause; der Vater meinte, ein Grasgarten sei für die Buben gerade ein rechter Spielplatz, und an warmen Sommerabenden saß die Familie gern in der grünen Wildnis, es vermißte niemand gepflegte Wege und zierliche Blumenbeete.

„Warum nur abends, am Tage können wir doch gerade so gut graben?“ murrte Wendelin.

„Nee, das geht und geht nicht; wer einen Schatz graben will, der muß es in der Dunkelheit tun, sonst findet er ihn nicht, und der Mond muß scheinen, und der scheint morgen gerade, also ist’s recht,“ beharrte Heine. Der gute Heine war nämlich nicht allein furchtsam, sondern auch noch schrecklich abergläubisch, „es geht schon über die Hutschnur, wie sehr,“ pflegte der Altgeselle Martin zu sagen.

Wie töricht eigentlich der gute Heine mit all seinem Aberglauben war, das merkten freilich die Buben nicht, und sie glaubten ihm auf’s Wort. Sie seufzten zwar sehr, und der Gedanke an das nächtliche Schatzgraben legte sich ihnen wie eine Zentnerlast auf das Herz. „Uff,“ ächzte Wendelin, „das wird graulich,“ und Severin stöhnte herzbrechend.

Auch Jörgel, Anne-Marte und Brigittchen fanden die Sache sehr bedenklich. Zwei Tage lang gingen alle fünf mit sorgenvollen Gesichtern herum. Als aber am dritten Tage Tante Mathilde erzählte, man habe den Schwiegersohn vom alten Turmwärter Hippel ins Gefängnis gesteckt, da schluchzte Brigittchen bitterlich, und weinend sagte sie zu ihren Freunden: „Wir müssen den Schatz holen!“

Es traf sich, daß am nächsten Tage Doktor Fabian mit seiner Frau über Land fuhr, Brigittchens Vater war wieder verreist, so konnten die Kinder noch nach dem Abendessen in das Bäckerhaus eilen, ohne daß es jemand recht beachtete. „Komm rechtzeitig wieder,“ sagte Tante Mathilde zu Brigittchen, dann vertiefte sie sich in ein Buch und vergaß darüber die Zeit. Die Köchin Marie bei Doktor Fabian aber saß in der Küche und strickte, schlief darüber ein und merkte es auch nicht, daß die Kinder gar nicht heim kamen. Im Bäckerhause war an diesem Abend besonders viel zu tun; in Neustadt sollte am nächsten Tage ein Turnfest gefeiert werden, dazu waren viele große Apfel- und Pflaumenkuchen bei Meister Gutgesell bestellt worden, es hieß also fleißig bei der Arbeit sein.

„Geht zu Bett,“ sagte die Meisterin zu ihren Buben, und weil diese, so viele dumme Streiche sie auch machten, doch folgsam waren, meinte sie, ihr Befehl sei ausgeführt und die Buben wären ins Bett gegangen.

Die aber saßen mit ihren Freunden zitternd und zagend in ihrer Schlafkammer, und je später es wurde, je graulicher wurde ihnen zu Mute. Zur Aufmunterung erzählten sie sich noch allerlei Schauergeschichten, lauter dummes, unwahres Zeug, und je mehr sie sich erzählten, je ängstlicher wurden sie.

Auf einmal klopfte es leise an der Türe, Heine erschien mit einer großen Stallaterne und drei Spaten. „Jetzt laß ich euch zur Hintertüre hinaus, s’ist gerade Zehn, und der Mond wird gleich zum Vorschein kommen; nun macht eure Sache gut. Wenn ihr fertig seid, dann klettert ihr die Leiter hinauf, die am Fenster der zweiten Backstube steht, und pfeift, ich mache euch dann die Türe wieder auf und laß’ euch herein! Laßt euch man nicht von ’n Gespenst oder so was erwischen, weil’s nämlich mit dem Schatzgraben manchmal bedenklich ist,“ ermahnte er noch. Diese Worte trugen gerade nicht dazu bei, den Mut der Kinder sonderlich zu stärken.

„Es ist schrecklich gruslich!“ wimmerte Anne-Marte. Brigittchen schluckte krampfhaft die Tränen herunter; sie dachte an den alten, guten Klaus Hippel und daß sie ihm so gern helfen wollte. Ganz mutig tappte sie also hinter den Buben drein; auch Anne-Marte folgte, als sie die Freundin so beherzt sah.

Als sich aber die Haustüre hinter den Fünfen schloß und sie so allein in dem einsamen Grasgarten standen, fing es allen an sehr unheimlich zu werden. „Pah, s’ist gar nichts, nur los,“ rief Jörgel patzig; er guckte dabei rechts und links, ob sich auch niemand blicken ließ.

„Wir sind doch schon oft so spät draußen gewesen,“ prahlten Severin und Wendelin, und dabei war es, als ob ihnen die Füße am Boden festklebten. Endlich aber faßten sie sich alle an und marschierten tapfer auf den alten Stein los, der in einer Ecke des Grasgartens stand.

Es war ein etwas stürmischer, aber warmer Herbsttag. Der Wind spielte mit dunklen Wetterwolken am Himmel Haschen, und mal flog eine Wolke da, mal dorthin, und der Mond, der sich gern in seinem vollen Glanz zeigen wollte, hatte rechtschaffene Mühe, immer wieder hinter den Wolken hervorzuschauen. Das Häuflein Kinder auf dem alten Klosterhof kam ihm gewiß recht wunderlich vor.

Unter Seufzen und Ächzen begannen die Buben zu graben. Wendelin hatte gerade eine kleine Erdscholle ausgehoben, als er flüsterte: „Es hat geklirrt!“

„Unsinn,“ brummte Severin, „ich hab’ an die Laterne gestoßen.“

„Ich hab’ was,“ schrie Jörgel und bückte sich. Er hob etwas Schweres, Dunkles mühsam auf, und flugs beugten alle fünf ihre Nasen darüber.

„Ein Stein,“ murrte Wendelin verächtlich, und Jörgel ließ den Stein mit einem großen Plumps wieder fallen.

„Ihr müßt besser leuchten,“ ermahnte Severin die Mädels, und Anne-Marte hielt die Laterne so dicht hin, daß es plötzlich einen lauten Krach gab, Wendelin war mit seinem Spaten in die Laterne gefahren und — aus war sie.

Stumm vor Schreck standen die Kinder in der Dunkelheit da. Am liebsten wären sie alle eins, zwei, drei davon gelaufen, aber sie schämten sich doch ein bißchen ihrer Zaghaftigkeit.

Just kam der Mond hervor, auch vom Bäckerhause her strahlten Lichter in die Dunkelheit hinein, und mutig begannen die Buben wieder zu graben. „Es muß auch ohne Laterne gehen,“ trösteten sie sich gegenseitig. „Es ist ja gar nicht so dunkel, bewahre, ganz hell!“

„Es klirrt,“ schrieen auf einmal alle.

„Ich hab’ was,“ frohlockte Severin bald darauf.

„Ich auch,“ rief Jörgel.

Pardauz fuhren die Buben mit ihren Köpfen zusammen, jeder griff nach etwas.

„Mein Spaten,“ schrie Severin.

„Meiner ist’s,“ knurrte Jörgel.

„Wo habt ihr den Schatz? Ist’s eine große Kiste?“ fragten die andern.

Aber es war keine Kiste, im Mondlicht konnten die beiden erkennen, daß einer des anderen Spaten erfaßt hatte. Das war eine rechte Enttäuschung und sie gruben brummelnd weiter. Ach, war das schwer!

„Dauert das lange, ehe ihr den Schatz findet,“ seufzte Anne-Marte.

„Na grab’ du doch,“ sagte Jörgel unwirsch, aber gleich darauf tröstete er wieder: „Wir werden ihn schon finden.“

„Es raschelt was,“ flüsterte Brigittchen plötzlich, „da bewegt — sich — was!“

Rutsch verschwand der Mond wieder hinter einer Wolke und furchtsam schauten alle ins Dunkel.

„Es ist der Wind,“ sagte Jörgel mutig, „seid nicht so dumm, wer soll uns denn was tun, losgegraben!“

Etliche Minuten schafften die drei Buben eifrig und die Mädels standen still dabei, fürchteten sich und wagten es doch nicht zu sagen.

„Potztausend, jetzt ist da was,“ schrie Severin, und zu gleicher Zeit jammerte Brigittchen: „Mein Bein, mein Bein, ach, mich faßt wer an mein Bein, huhuhu.“

„Dein Bein ist’s?“ sagte Severin verblüfft und ließ Brigittchens Bein los, die ein wenig in das gegrabene Loch getreten war.

„Mein Bein ist doch kein Schatz,“ klagte die Kleine, denn der Bube hatte kräftig zugefaßt.

Den andern kam die Sache jetzt spaßhaft vor, sie kicherten laut und leise und auf einmal war alle Furcht wie weggeblasen. Sie lachten, schwatzten und gruben, machten Pläne, wie sie den Schatz verwenden wollten, als plötzlich langsam und dröhnend die Uhr von St. Marien zu schlagen begann.

„Halb elf ist’s schon,“ murmelte Wendelin, „so schrecklich spät.“ „Ach, ich bin so müde,“ gähnte Severin, ihm war es eingefallen, wie behaglich es doch sei im Bett zu liegen und zu schlafen.

„Es raschelt wirklich was,“ quiekte Anne-Marte. Die anderen horchten ängstlich und gespannt. Der Wind fuhr sausend durch die Baumwipfel und der Mond saß wieder hinter der dicken Wolke, sein Licht versilberte nur fein deren Ränder.

Aber durch das Brausen und Sausen kam noch ein anderer Ton, wie ein Ächzen klang es, dann wie ein Schnauben und Stampfen.

Die Mädels zitterten wie Espenlaub, Severin und Wendelin hielten ihre Spaten krampfhaft umfaßt und nur Jörgel wagte zu sprechen: „Es ist nichts, wenn’s windig ist, gibt es oft so komische Töne,“ sagte er, aber seine Stimme schwankte ein wenig.

„Wenn es nur nicht so dunkel wäre,“ klagte Brigittchen, und es klang als zirpte ein verflogenes Vögelchen.

„Es kommt was!“ schrie Wendelin und machte einen Satz, länger als er selbst war.

„Huh!“ brüllte Severin, den ganz unvermutet etwas Ungeheuerliches angerannt hatte.

Ein wildes Zetergeschrei erhob sich, da war ein Gespenst, ein Ungeheuer, irgend etwas Furchtbares. Der Mond, der gerade wie ein rechter Schelm hinter seiner Wolke hervorguckte, ließ das unheimliche, schnaubende Ding im ungewissen Licht riesengroß und grauenerregend erscheinen. Zur Ehre sei’s gesagt, daß die Buben in dieser Not die Mädels nicht im Stich ließen, Jörgel ergriff Brigittchens Hand, Wendelin riß Anne-Marte mit fort, Severin purzelte heulend hinterdrein, und so jagten alle fünf in wilder Hast dem Hause zu.

„Die Leiter hinauf in die Backstube“, keuchte Jörgel. Von dort grüßte kein Licht, wie verabredet war, die Schatzgräber; Heine mußte nicht in der Backstube sein. Aber dies kümmerte die Kinder herzlich wenig. Eins nach dem andern hastete zitternd vor Angst die Leiter hinauf und hopste oben in die Backstube.

Klatsch, war Brigittchen drin, Jörgel folgte. „Uff,“ ächzte er, „was ist denn das!“

„Es ist so weich!“ schrie Anne-Marte, die ihm folgte. „Ich bin in — in — den Teig gefallen,“ jammerte Wendelin. Plumps, fiel Severin in die Kammer, es gab einen Krach, ein Angstgeschrei, die Kinder prusteten, husteten, klagten, heulten, keins wußte, was geschehen war, und sie meinten nicht anders als das Gespenst sei ihnen gefolgt.

„Potztausend noch mal, was ist denn hier für ein Lärm?“ rief eine dröhnende Stimme. Eine Tür öffnete sich und hell flutete ein breiter Lichtstrom in die dunkle Backstube.

Meister Gutgesell stand auf der Schwelle, hinter ihm erschien der Altgeselle, die Meisterin, ein Lehrjunge und ganz im Hintergrunde tauchte flüchtig Heines verstörtes Gesicht auf, es verschwand aber rasch.

„Na, Schockschwerenot, was ist denn das für eine Bescherung?“ rief der Meister und sah entsetzt auf fünf krabbelnde, zappelnde Wesen, die sich auf — ungebackenen Pflaumenkuchen herumwälzten und die verschleiert wurden von einer dichten, weißen Mehlwolke; eine große Backmulde lag umgestürzt am Boden. Beim Anblick der Eltern begannen die beiden Bäckerbuben Zeter und Mordio zu schreien, Brigittchen und Anne-Marte halfen ihnen dabei, nur Jörgel schwieg; er war gerade mit dem Gesicht in einen Pflaumenkuchen gefallen und prustete, leckte und spuckte, um nur Luft zu bekommen.

„Alle guten Geister, was ist das?“ rief die Meisterin. Sie drängte sich vor und ergriff eins der kleinen, schreienden Wesen, es war Brigittchen, die sie erfaßt hatte.

„Das Gespenst!“ jammerte die Kleine, und klammerte sich an die Frau und „das Gespenst, das Gespenst!“ erklang es heulend im Chor.

„Na, nun schlag’s dreizehn!“ schrie der Meister zornig, „was soll denn das nur bedeuten, Wendelin, du Schlingel, was machst denn du auf dem Pflaumenkuchen?“

„Das ist kurios,“ sagte der Altgeselle, der nicht leicht aus seiner Ruhe herauskam. „So was hab’ ich meiner Lebtage noch nicht gesehen“.

„Na, ich auch nicht, ei, ihr heillose Gesellschaft, ihr!“ wetterte der Meister und ergriff Severin rechts und Wendelin links, und spaßhaft sah die Sache in diesem Augenblick für die beiden Buben wirklich nicht aus.

Trotz ihres eigenen Kummers aber sah Brigittchen, daß es ihren Freunden schlimm ergehen sollte, und schluchzend rief sie: „Ich — ich — bin dran — schuld, ich — ich — wollte den Schatz — — — —.“ Weiter kam sie nicht, der Teig, der ihr im Gesicht klebte, kam ihr in den Mund und sie schluckte krampfhaft.

„Kommt erst mal alle vor,“ sagte die Meisterin nicht unfreundlich; sie sah ihren Mann bittend an und der faßte Severin und Wendelin und zog sie mit fort, die Meisterin mit den anderen drei Kindern folgte.

In der Küche wusch ihnen die gutherzige Frau erst die verweinten, mit Teig und Mehl beschmierten Gesichter ab, dann sollten die kleinen Missetäter erzählen. Das ging aber nicht so einfach. Erst schrieen alle durcheinander, dann kamen die beiden Mädels immer wieder ins Heulen, und Severin und Wendelin sagten nur: „Wir haben’s doch nicht böse gemeint.“ Da nahm sich Jörgel zusammen und tapfer erzählte er die ganze schreckliche Geschichte.

„Solche Dummköpfe, wie ihr fünf aber auch seid,“ brummte der Meister.

„Sechs Dummköpfe,“ murmelte der Altgeselle und sah strafend nach der Türe, hinter der Heine zagend lauschte.

„Ja, sechs, Heine ist der größte,“ rief Meister Gutgesell, und husch war der lange Heine hinter der Türe verschwunden.

Die Meisterin meinte milde und nachsichtig, Strafe hätten die Kinder eigentlich genug gehabt für ihr heimliches Tun. Daß sie in die Pflaumenkuchen gefallen waren, dafür konnten sie freilich nichts; weil es viele Kuchen waren, hatte nämlich der Meister sie, was sonst nicht geschah, in die zweite Backstube auf die Erde stellen lassen. Heine hatte, als er dies gesehen, die Kinder auf dem Hof abpassen wollen, über aller Arbeit aber nicht zur rechten Zeit hinunter gehen können.

„Meine schönen Kuchen, ein Jammer ist’s,“ brummte Meister Gutgesell grollend, und Wendelin und Severin senkten ihre Nasen fast bis zur Erde.

„Ach — und — und dem alten Klaus — können wir — wir — nichts geben,“ schluchzte Brigittchen, die schon ganz dick verweinte Augen hatte.

„Die Kinder müssen vor allen Dingen nach Hause gebracht werden,“ sagte die Meisterin, die in ihrem gütigen Herzen inniges Mitleid mit den kleinen, verunglückten Schatzgräbern empfand.

„’s war unser Esel,“ sagte auf einmal Martin, der Altgeselle, der ein Weilchen das Zimmer verlassen hatte und eben wieder eintrat.

„Was soll denn das heißen, was ist denn nun wieder mit unserem Esel?“ rief der Meister, der seinen Ärger noch nicht überwunden hatte und einen neuen vermutete.

„Das Gespenst war er,“ erwiderte Martin trocken.

„Unser Grauchen war — das Gespenst?“ schrie Severin und riß den Mund weit wie eine Schublade auf.

„Unsern Esel habt ihr für ein Gespenst angesehen, o, ihr Bangbüxen, ihr kleinen, törichten Hasenfüße, ihr,“ rief der Meister, und sein verärgertes Gesicht hellte sich auf; er lachte so herzlich, daß seine Frau, der Geselle und der Lehrjunge mit einstimmten. Anne-Marte, die ohnehin eine rechte Lachtaube war, kicherte ebenfalls, und zuletzt lachten alle aus vollem Halse. Selbst Brigittchen lächelte ein wenig, freilich nicht sehr, ihr war das kleine Herzchen doch recht schwer.

„Komm, ich führe dich selbst heim,“ sagte die Meisterin liebevoll; sie hatte das zarte, liebliche Kind besonders in ihr Herz geschlossen. „Ihr Buben geht jetzt zu Bett, aber wirklich,“ wandte sie sich zu Wendelin und Severin, „und ihr Doktorkinder kommt, ich bringe euch alle miteinander heim, damit ihr endlich zur Ruhe kommt.“ Brigittchen ging mit zaghaften Schritten auf Meister Gutgesell zu, „bitte verzeihen Sie,“ stammelte sie, und es war, als hätte dies Wort die Zungen der anderen Kinder gelöst, bittend umdrängten sie den Meister.

„Na, laßt man,“ sagte der gutmütig, „um die schönen Kuchen und das gute Mehl ist’s freilich schade, aber es soll euch verziehen sein, nur versprecht mir, daß ihr nicht mehr auf den Gedanken kommt, bei Nacht und Nebel auf’s Schatzgraben auszugehen, das ist dummer Schnickschnack.“

Das versprachen die Kinder freilich gern, die Angst lag ihnen noch schwer in den Gliedern und sie waren alle froh, so heil davon gekommen zu sein. „Mit Freund Heine werde ich aber noch ein ernstes Wörtchen reden,“ murmelte Meister Gutgesell, „wehe, wenn der mir noch mal den Kindern solche Narrenpossen vorredet, so ein abergläubisches Geschnack kann ich meiner Seel’ nicht leiden!“

Der Altgesell grinste: „Einer denkt s’ist ein Gespenst und dann ist’s ’n Esel, so geht’s allemal. Schatzgraben, Unsinn, schade um unsern Pflaumenkuchen.“

„Ja, schade drum,“ meinte auch der Meister, „aber nun rasch an die Arbeit, sonst kriegen meine Kunden morgen ob der Gespenstergeschichte keine Semmeln zum Kaffee.“

Die Meisterin brachte die drei Kinder nach Hause; die bekamen an diesem Abend freilich noch manches Scheltwort zu hören und sie waren alle drei herzlich froh, als sie erst im Bett lagen. Die Doktorskinder schliefen bald wie die Murmeltiere, Brigittchen aber lag noch lange mit offenen Augen da, sie dachte nur immer: „Nun wird dem alten Klaus nicht geholfen.“

Es wurde ihm aber doch geholfen, und zwar von niemand anderem als von Brigittchens Vater.

Die Schatzgräbergeschichte blieb nicht verborgen. Der Lehrjunge, der früh die Semmeln austrug, erzählte sie da und dort, und einer erzählte sie dem anderen weiter, und alle Leute lachten darüber. Die fünf Schatzgräber hatten mancherlei Neckereien zu tragen, aber dies focht sie nicht sonderlich an, weil das Ende der Geschichte so gut wurde. Herr Schön hörte, als er am nächsten Tage von seiner Reise zurückkam, auch von der Sache, Brigittchen erzählte ihm selbst alles; er sagte nicht viel dazu, aber er ging an dem Nachmittag noch selbst zu dem Bankdirektor und erbot sich, Bürge zu sein für das verlorene Geld. Den Schwiegersohn der Pantoffelmachersleute, den er nämlich als braven Mann kannte, stellte er in seinem Geschäft an, das verlorene Geld sollte er nach und nach ersetzen; Herr Schön zahlte edelmütig dem Mann etwas mehr Gehalt, so daß es diesem möglich war, mit der Zeit die Summe zusammen zu sparen.

Das war ein Jubeltag in dem runden Stadtturm, als Brigittchen in Begleitung ihrer Freunde selbst die frohe Kunde überbrachte. Da gab es wieder Lachen, Pfeifen und Singen wie sonst und es war, als hätte die Sonne gemerkt was los war; sie schaute strahlend hell wie ein frohes Kind in das Stübchen. „Ich erzähl’ euch morgen die allerschönste Geschichte aus meiner alten Chronik,“ sagte Vater Klaus, „nur heute nicht, heute kann ich’s vor Freude nicht“.

„Ich auch nicht,“ sagte Mutter Paulinchen, sie trieselte dabei ganz in Gedanken ihr Strickzeug auf, und als sie es sah, lachte sie. Die Kinder lachten auch und singend und lachend zogen sie dann hinaus, saßen im warmen Sonnenschein auf der alten Stadtmauer und freuten sich, daß alles so gut geworden war.

Gertrudis.
Eine Geschichte aus alten Zeiten.

Doktor Theobald Fröhlich stand in seinem Hause am Fenster und sah hinaus. Draußen schneite es wieder ein bißchen und der Doktor fand Neustadt heute noch stiller als sonst. Acht Tage war er nun schon hier, wie lange sie ihm erschienen! Er seufzte ein wenig; eigentlich gab es doch sehr wenig Unterhaltung in so einem kleinen Nest. Wenn nur erst seine Schwester da wäre, damit er jemand hätte, mit dem er so recht nach Herzenslust plaudern könnte.

„Der Herr Doktor sollte spazieren gehen,“ meinte die alte Dorothee, die sachte durch das Zimmer ging, und wohl sah, daß ihrem Herrn die Stille nicht sonderlich behagte.

„Ja, spazieren gehen, das ist das Beste,“ dachte der Doktor. Er nahm Hut und Wettermantel und stapfte bald vergnügt durch den Schnee. Sein Ziel sollte diesmal die alte Stadtmauer bilden. Es dauerte auch nicht lange, da stand er vor dem alten Wartturm, der eine mächtige weiße Kappe trug und an diesem Wintertag ein bißchen grauer und trübseliger als in Sommerszeiten drein schaute. Das Blumenbrettlein fehlte vor dem Fenster, auch Pantoffeln hingen nicht wie sonst heraus, nur ein kleines, schwarzes Schild zeigte an, daß man hier Pantoffeln kaufen könnte. Auch daß ein Museum im Turm war, las der Doktor unten am Eingangstore; das war ihm gerade recht; kurz entschlossen öffnete er die graue, verwitterte Pforte, und schrill schlug die kleine Türglocke an.

„Mutter Paulinchen, ich glaube, es fliegt ein weißer Spatz in den Turm,“ sagte oben Klaus Hippel.

„I nee, bei dem Wetter,“ meinte die Pantoffelmacherin und lachte, als hätte ihr Mann die spaßhafteste Sache von der Welt erzählt.

Ihr Lachen fand Widerhall, denn das Turmstübchen war voller Gäste. Mit roten Wangen, roten Nasen und Ohren, die sie sich draußen in der Kälte geholt hatten, saßen Brigittchen, Anne-Marte, Jörgel und die Brüder Gutgesell auf der Ofenbank und auf Mutter Paulinchens großer Truhe. Meister Hippel erzählte ihnen gerade wieder etwas aus seiner alten Chronik.

„Es kommt doch wer, Paulinchen,“ sagte der Pantoffelmacher, und da trat auch schon Doktor Fröhlich in die Stube. Der Doktor vergaß vor lauter Erstaunen ordentlich guten Tag zu sagen, denn so etwas wie dieses kleine Turmgemach hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Es sah so bunt und lustig aus wie eine Jahrmarktsbude. Meister Hippel klebte nämlich jedes Bild das er bekommen konnte, an die Wand, dazwischen hingen rote, grüne und braune Tuch- und Samtpantoffeln, zwei Vogelbauer, eine alte Landsknechtlanze und ein krummer Säbel; auf einem Brett standen bunte Teller und Krüge, vor den Fenstern blühten trotz des Winters allerlei Blumen; Blumen und rote Herzen waren auch auf den Schrank und auf die Truhe gemalt. Dazu trug Frau Paulinchen noch ein blitzeblaues Kleid.

„Gelt, kunterbunt sieht’s bei uns aus, Herr Doktor Fröhlich?“ sagte Klaus Hippel.

Der Doktor mußte lachen: „Ja, woher wissen Sie denn, wer ich bin?“

„Du meine Güte, in Neustadt werden die Menschen bald bekannt, außerdem ist die alte Dorothee noch eine Schwestertochter von meines Schwiegersohns Großmutter,“ sagte der Pantoffelmacher und zwinkerte lustig mit den Augen.

„Was ist sie denn da, Vater Klaus?“ rief Jörgel, verdutzt ob der schwierigen Verwandtschaft.

„Ei, sieh mal an, da sind ja die Schatzgräber,“ sagte der Doktor, der die Kinder erkannte. Die lachten und wurden ein bißchen verlegen, aber bald überwanden sie ihre Schüchternheit, und es dauerte gar nicht lange, da saß der Doktor im Pantoffelmacherstübchen und plauderte mit allen wie ein guter, alter Freund.

Mutter Paulinchen zeigte ihm auch das Museum, und die Kinder stiegen die Turmtreppe mit hinauf, sie wollten erklären helfen. „Die Waffen stammen aus dem dreißigjährigen Krieg!“ erzählte Frau Paulinchen, „und diese hier aus der Franzosenzeit.“

„Wann war denn der dreißigjährige Krieg?“ fragte der Doktor neckend, und unglückseligerweise richtete er seine Frage gerade an Wendelin.

Der seufzte schwer, Geschichte, Geographie und noch manche andere Fächer waren seine schwache Seite.

„Der war, der war — als Napoleon lebte,“ sagte er endlich kühn.

Der Doktor lachte, und die anderen Kinder kicherten. „Wie lange hat der Krieg denn gedauert?“

„Sieben Jahre!“ rief Wendelin stolz ob seiner gewaltigen Kenntnisse.

Die andern lachten hell auf, nur Brigittchen nicht, der tat es gleich leid, daß der Freund ausgelacht wurde, und schmollend sagte sie: „Es ist doch nicht schlimm, wenn Wendelin ein paar Jahre weniger sagt.“

„Na eben,“ brummte Wendelin, der jetzt merkte, daß er eine Dummheit gesagt hatte, „meinetwegen kann der dreißigjährige Krieg auch zehn Jahre gedauert haben.“

„Hier sind auch ein paar alte Handschriften,“ sagte Mutter Paulinchen mitten in das allgemeine Gelächter hinein, „sie sind erst vor ein paar Jahren gefunden worden, aber gelesen hat sie noch niemand. Es war zwar mal ein berühmter Professor da, der wollte sie studieren, er hatte damals aber keine Zeit, und dann ist er gestorben“. Doktor Fröhlich blätterte in den alten Pergamentschriften herum, er konnte die altertümliche Handschrift gut lesen, und die Sache interessierte ihn. Am liebsten hätte er die Blätter mit nach Hause genommen, aber das ging doch nicht an, Pantoffelmachers durften nichts aus dem Museum verborgen. „Der Herr Bürgermeister wird es schon erlauben,“ meinte Mutter Paulinchen.

„Ich möchte auch wissen, was darin steht,“ flüsterte Brigittchen mit versonnenen Augen. Die Kleine war ein rechtes Märchenkind und Geschichten lesen und hören, war für sie das allerallergrößte Vergnügen.

Doktor Fröhlich hatte die Worte gehört, und lächelnd versprach er: „Wenn eine Geschichte darin ist, die Kindern gefallen kann, dann erzähle ich sie euch, wollt ihr?“

Ob sie wollten! Keines sagte nein, und sie versprachen dem Doktor Fröhlich alle, sie wollten ihn recht bald besuchen. Und als er gegangen war — er hatte es sehr eilig, vom Herrn Bürgermeister die Erlaubnis zu erbitten, die alten Schriften lesen zu dürfen — da sprachen die Pantoffelmachersleute und die Kinder noch viel von dem neuen Bekannten. Aber sie hatten nicht, wie es wohl vorkommt, hinter dem Rücken allerlei zu tratschen und zu klatschen, sie waren alle miteinander einig, Doktor Theobald Fröhlich sei ein furchtbar netter Herr.

„Ach, und ein Dichter ist er,“ sagte Brigittchen, und riß vor Bewunderung ihre Veilchenaugen so weit auf, als wollte sie zwanzig Märchen auf einmal lesen.

„Nu,“ erwiderte Klaus Hippel, „einen Dichter können wir in Neustadt auch gerade gebrauchen, wenn der nur die Augen aufmacht und in die Ohren keine Watte stopft, dann sieht und hört er hier so viele Dinge, daß er zehn Bücher voll schreiben kann“.

„Mein Onkel Mayer sagt,“ rief Severin ein bißchen naseweis, „Neustadt wäre ein langweiliges Nest!“

„Dummer Junge!“ schrie der Pantoffelmacher ärgerlich, „wenn das dein Onkel sagt, na, dann kennt halt dein Onkel Neustadt nicht, aber du brauchst so was von deiner Heimatstadt nicht nachzuplappern. Schön ist Neustadt, das sage ich, und ich kenn’ es doch, bin mein Lebtag nicht herausgekommen. Meinetwegen mag Berlin schöner sein und München und Köln und alle großen Städte und der Schwarzwald und auch die Schweiz, Italien, das Meer, was du willst, aber schön ist Neustadt drum. Guckt euch nur ordentlich darin um. Und wenn der Doktor Fröhlich ein rechter Dichter ist, dann gefällt es ihm hier und er bleibt nicht nur bei uns, weil er hier ein Haus hat, sondern weil er die Stadt liebt. Damit punktum; nun macht, daß ihr nach Hause kommt, ich wette, ihr habt alle noch keine Schularbeiten gemacht“.

Das stimmte nun. Die Kinder trabten davon und unterwegs sagte Wendelin zu Anne-Marte: „Vater Klaus ist wirklich schrecklich klug, wie konnte er nur wissen, daß wir noch unsere Schularbeiten zu machen haben?“

Herr Doktor Fröhlich war inzwischen spornstreichs zu dem Bürgermeister Henning gelaufen und hatte dem sein Anliegen vorgetragen, man möchte ihm gestatten, in den alten Schriften zu lesen. Der Bürgermeister hatte nichts dagegen, ja, er freute sich darüber und sagte: „Vielleicht lesen Sie manches, was für die Neustädter Interesse hat, es ist doch immer gut, wenn man etwas von seiner Heimat aus alten Zeiten weiß“.

Gleich am nächsten Tage holte sich Doktor Fröhlich die alten Schriften von Klaus Hippel ab und dieser bat: „Erzählen Sie mir auch, was drin steht, ich höre zu gern alte Geschichten“.

Dorothee hatte in dem braunen Kachelofen in der Bücherstube ein mächtiges Feuer gemacht und es war prachtvoll gemütlich in dem weiten Raum. Doktor Fröhlich saß darin bis in die Nacht hinein und las in den alten Schriften. Während draußen die Flocken fielen, las er wie vor vielen, vielen Jahren die Leute in Neustadt gelebt und gekämpft hatten, und wie sie durch Freude und Leid gegangen waren.

Als dann nach zwei Tagen kleine, rotgefrorene Hände die Glocke an der Haustüre zogen, und Jörgel und Wendelin ein wenig verlegen nach dem Herrn Doktor Fröhlich fragten, da ließ die alte Dorothee die beiden in das Arbeitszimmer ihres jungen Herrn. „Na,“ fragte der, „ihr kommt allein, wo sind denn die andern, ihr denkt wohl, ich soll euch beiden allein eine feine Geschichte erzählen?“

„Die trauen sich noch nicht,“ sagte Jörgel, „Brigittchen sagt, sie dürfte eigentlich nicht zu fremden Menschen gehen“.

„Na, so was!“ rief Dorothee, „sie ist doch oft zu uns gekommen, wie meine alte, gnädige Frau noch lebte, ich werde sie holen gehen“. Nach einem Weilchen kam die Alte zurück, und richtig, sie brachte die schüchternen drei Schatzgräber mit. Die kamen himmelgern und waren froh, daß sie geholt worden waren. Dann saßen alle beisammen in dem gemütlichen Zimmer, und der Doktor erzählte ihnen eine der alten Neustädter Geschichten, er nannte sie:

Gertrudis.

In Neustadt war vor etlichen hundert Jahren, in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, Albrecht Mooshage Bürgermeister. Damals war die Stadt noch reich und angesehen, sie gehörte nicht wie heute zu den Kleinen im Lande. Die Neustädter Bürger waren geachtete Handelsleute, die mit ihren Waren auf die Messen und Märkte der großen Städte zogen. Sie wußten sich auch in vielen Kämpfen gut ihr Recht zu wahren und verteidigten ihre Stadt tapfer gegen mancherlei Unbill. Damals sah es in dem alten Wachtturm am Südtor der Stadt, in dem jetzt Klaus Hippel mit seiner Frau wohnt, nicht so behaglich aus wie heute. Die Stadtsoldaten wohnten in den vier Tortürmen, die es gab, und bewachten die Stadt gut. Es war eine wilde, rauflustige Zeit, und jeder, der durch ein Stadttor kam und ging, mußte Auskunft über woher und wohin geben. Oft genug waren auch die Tore geschlossen, und draußen lagerte ein reisiges Heer, um die Stadt einzunehmen. Das gelang ihnen freilich nicht, erst im dreißigjährigen Krieg ist ja dann das arme Neustadt halb zerstört worden. Der Bürgermeister Albrecht Mooshage war recht ein Mann, um die Stadt gegen alle Unbill zu verteidigen. Er war wie von Eisen, was er wollte, das setzte er durch, und es war nicht gut Kirschen essen mit ihm im Bösen. Als ganz junger Bursche schon hatte er mit einer Handvoll Söldnern ein großes, bischöfliches Heer in die Flucht geschlagen; wie der Sturmwind war er zwischen die Feinde gefahren, die waren gerannt, als wäre ein böser Geist hinter ihnen. Damals hatten die Ratsherren auf der Stadtmauer gestanden und aus vollem Halse darüber gelacht, der älteste von ihnen aber hatte gesagt: „Der soll mal unser Bürgermeister werden“. Er war es auch bald geworden, solch’ jungen Bürgermeister hatte Neustadt noch nie gehabt, freilich auch keinen besseren. Denn Albrecht Mooshage war nicht allein stark, mutig und klug, sondern auch gerecht und fromm, und er litt kein Unrecht. Er war schon etliche Jahre Bürgermeister, als ihn ein großes Unglück betraf: sein junges Weib starb. Die schöne Frau Regina Mooshage war so mild und gut wie eine Heilige gewesen, und als sie starb, da weinten und klagten nicht bloß die Leute aus ihrer Sippe, sondern auch alle Armen und Kranken. Dem Bürgermeister blieb nur ein einziges Kind als Trost. Ein Mägdlein, so fein und blond wie seine Mutter. Die kleine Gertrudis war ein sinniges Kind, das mit gar ernsthaften Augen um sich sah. Als sie etwa zehn Jahre alt war, läutete eines Tages in Neustadt wieder einmal die Sturmglocke, die Feinde ankündigte. Etwa zwei Stunden von Neustadt entfernt liegt noch heute die Ruine Reiffenstein, damals war sie ein stattliches Schloß, das den edlen Herren von Stein gehörte. Der Herr Wunibert von Stein auf Reiffenstein war ein erbitterter Feind der Neustädter, der den Pfeffersäcken, so nannte er die Bürger, gern etwas am Zeuge flickte. Die Fehde zwischen Schloß und Stadt war schon sehr alt, niemand wußte mehr recht, wer angefangen hatte, aber mit der Zeit waren beide so giftig auf einander geworden, daß eines dem anderen immer gern einen Schabernack spielte. Jetzt aber hatte der Herr von Stein auf Reiffenstein in dem Bischof Albert einen mächtigen Freund gewonnen. Auch der Bischof war aus irgend einem Grunde den Neustädtern gram, und die beiden beschlossen, der Stadt einen Fehdebrief zu senden und sie zu belagern.

Der Herzog des Landes war gerade auf einen Reichstag in der Ferne, und damals handelten die Ritter gern auf eigene Faust, ohne viel zu fragen, ob sie auch ganz im Recht wären. Von dieser Absicht erhielt der Bürgermeister Albrecht Mooshage durch einen Handelsmann Kunde, der auf seinem Wege an Schloß Reiffenstein vorübergekommen war. Zu gleicher Zeit erfuhr er auch, daß der zweite Sohn des feindlichen Nachbarn von der Klosterschule, auf der er zwei Jahre gewesen war, heimkehrte. Sein Weg führte ihn dicht an Neustadt vorbei, und der Ritter wollte erst des Sohnes Heimkehr abwarten, ehe er die Stadt überfiel. Als Geisel konnte der kleine Junker der Stadt viel nützen, und der Stadthauptmann Kunz Peuchtinger ritt schnell dem Junkerlein zum freundlichen Empfang entgegen. Etliche Stunden später brachten die Reiter zwei gefesselte Troßknechte und einen blassen, hübschen Knaben von etwa elf Jahren durch das Südtor in die Stadt. Darauf wurden die Tore geschlossen, die Sturmglocken geläutet. Neustadt war kriegsbereit.

Der Stadthauptmann wollte das Junkerlein in eins der unterirdischen Verliese werfen lassen, aber dem widersprach der Bürgermeister. „Es ist ein Kind, und Schande über uns, wenn wir Kindern etwas zu Leide tun wollten,“ sagte er. „Kommt her, Junker, und schwört, daß ihr die Stadt nicht heimlich verlaßt, dann sollt ihr in meinem Hause Wohnung finden“.

Der blasse Knabe schüttelte trotzig die dunklen Locken: „Bewacht mich doch,“ rief er kühn, „ich schwöre nichts!“

„Heisa, das Klosterschülerlein will uns Trotz bieten!“ riefen die Ratsherren und lachten. „Rasch mit ihm ins Verlies, dort soll er schon sanftmütiger werden“.

„Nein, nicht ins Verlies, ich stehe für ihn,“ sagte Albrecht Mooshage ernst, dem der Bursche gefiel und dem es leid war, ihn in dem dunklen, feuchten Keller zu wissen, in dem schon mancher Gefangene elend zu Grunde gegangen war.

Die Ratsherren waren mit dem Entschluß des Bürgermeisters zufrieden. Dessen Haus war wie eine kleine Festung, und Knechte und Mägde waren ihrem Herrn so treu ergeben, daß niemand heimlich aus- und eingehen konnte. Albrecht Mooshage nahm den kleinen Junker bei der Hand und führte ihn in sein Haus. Dann rief er sein Töchterlein herbei und sagte: „Da sieh her, Gertrudis, hier bringe ich dir einen Gefährten, du mußt ihn mir aber wohl hüten, ich habe mein Wort verpfändet, daß er nicht entflieht“.

Gertrudis sah erstaunt auf den blassen Knaben, der beim Anblick des lieblichen Mägdleins verlegen den Kopf senkte. Er hatte sich bei dem Überfall tapfer gewehrt, sein Wams war daher zerrissen und beschmutzt und er schämte sich dessen. Gertrudis hatte gerade von Frau Barbara, der Haushälterin, einen schönen, roten Frühapfel erhalten, den streckte sie flink dem Buben hin und sagte lächelnd: „Magst du ihn, ich geb’ ihn dir gern“.

Der kleine Junker Fridolin nahm den Apfel zwar nicht, aber über sein trauriges Gesicht ging ein heller Schein, es war ihm nun nicht mehr so bang ums Herz als vorher. Er folgte dann willig der Frau Barbara, die ihn in ein Kämmerlein neben des Hausherren Schlafgemach führte, das er fortan bewohnen sollte. Wohl hatte die Kammer ein vergittertes Fenster, und Fridolin merkte auch schnell genug, daß er immer bewacht wurde, trotzdem fühlte er seine Gefangenschaft nicht allzusehr. Gertrudis war so lieb zu ihm wie ein treues Schwesterlein, war er traurig, da wußte sie ihn gar hold zu trösten. Er mußte ihr von daheim erzählen, von seiner väterlichen Burg, von dem Vater, der zwar ein etwas rauflustiger Herr war, aber doch gar gut zu den Seinen. Am liebsten aber hörte es Gertrudis, wenn der Knabe von seiner schönen, frommen Mutter sprach, von ihrer Güte und wie oft sie ihm, dem älteren Bruder Hans und den kleinen Schwestern Geschichten aus der Bibel und Märlein erzählt hatte, wenn sie schnurrend die Spindel drehte.

Den Kindern gingen die Tage friedsam hin, sie hörten wenig von dem was draußen geschah. Der Bürgermeister hatte es seinem Hausgesinde verboten, von der Belagerung der Stadt zu sprechen. Auch Gertrudis durfte in dieser Zeit nie auf die Straße; das von einer hohen Mauer umfaßte Gärtchen war der Tummelplatz der Kinder. So erfuhren sie nicht, daß vor den Mauern das feindliche Heer lagerte und zwischen dem Rat und dem Herrn von Stein und dem Bischof Boten hin und her gingen, die über den Frieden unterhandelten. Die Kinder ahnten auch nicht, daß eines Tages der Rat den kleinen Junker köpfen lassen wollte, weil sein Vater sich nicht in die Friedensbedingungen fügte. — Der Bürgermeister Albrecht Mooshage aber verteidigte eifrig seinen Schützling, der Knabe war ihm lieb geworden, und er atmete erleichert auf, als Bischof und Ritter sich zum Frieden bequemten. Etliche Monate war Fridolin im Hause des Bürgermeisters gewesen, und aus dem Herbst war inzwischen Winter geworden, als er seine Freiheit wieder erhielt. Es war am St. Andreastag, da wurde er feierlich von dem Rat vor das Südtor geführt, dort erwartete ihn sein Vater, der ihn mit heller Freude in die Arme schloß. Vorher hatte Gertrudis traurig von ihrem Freunde Abschied genommen. Sie schenkte ihm ein goldenes Amulett an einem feinen Kettlein, das sie von ihrer Patin bekommen hatte. „Trag’ es immer, es wird dir Glück bringen,“ bat sie. Fridolin versprach es; er selbst gab der kleinen Freundin ein Gebetbuch, in das ein frommer Klosterbruder zierliche Bilder gemalt hatte. Das Buch war des Knaben einziges Besitztum.

„Vergiß mich nicht,“ bat Gertrudis weinend.

„Ich vergesse dich nie, und wenn ich groß bin, dann komme ich und hole dich, dann wirst du meine Frau,“ beteuerte Fridolin. Er war schon draußen, da rief ihm Gertrudis noch nach: „Sag’ deiner Frau Mutter einen Gruß!“

Anfangs hoffte Gertrudis immer, sie würde ihren Freund einmal wiedersehen, aber Monat auf Monat verging, die Monate wurden zu Jahren, er kam nicht. Aus der kleinen Gertrudis wurde eine schöne Jungfrau, „das schönste Mädchen in der Stadt“ sagten die Leute. „Und das beste und frömmste,“ fügten die Armen und Kranken hinzu.

Albrecht Mooshage war noch immer Bürgermeister zum Segen der Stadt, die unter seiner Führung an Macht und Ansehen zunahm. Dies aber erregte den Neid ihrer Nachbarn, und Neider waren es auch, die Neustadt bei dem Landesherrn, Herzog Bernhardt, verklagten. Besonders der Bischof Albert war Ankläger, mit ihm noch ein Ritter von Scherblingen. Die beiden behaupteten, die Stadt, die an der Grenze lag, wollte den Herzog an seinen Nachbar verraten, Hauptanstifter sei der Bürgermeister. Der Herzog, der von heftiger Gemütsart war, fragte nicht lange, ob die Sache auch wahr sei, er forderte den Bürgermeister auf, zu ihm zu kommen und sich zu rechtfertigen oder die Stadt sollte eine harte Strafe erhalten.

Der Rat und die Bürgerschaft baten ihren Bürgermeister dringend, nicht an den Hof des Herzogs zu gehen, sie wollten selbst dessen Zorn Trotz bieten. Aber Albrecht Mooshage sagte: „Ich könnte das nie verantworten, wenn der Stadt um meinetwillen Übles zugefügt würde, ich gehe und sollte es mein Leben kosten. Ich wäre wahrlich ein schlechter Bürgermeister, könnte ich nicht mein Leben für die Stadt lassen!“

So ging er, begleitet von den Segenswünschen seiner Mitbürger und den heißen, heißen Tränen seines Kindes. Bald darauf kam in die Stadt die Kunde, Albrecht Mooshage sei vom Herzog wegen Hochverrates zum Tode verurteilt worden, der Stadt selbst würde, da sich ihr Oberhaupt freiwillig gestellt hätte, nur eine geringe Geldbuße auferlegt. Vergeblich beteuerten Rat und Bürgerschaft die Unschuld des Verurteilten, vergebens boten sie eine hohe Lösesumme für seine Freiheit, der Herzog gab nicht nach.

Während die ganze Stadt auf Rettung sann, verließ die schöne Gertrudis eines Tages heimlich die Stadt, sie wollte sich dem Herzog zu Füßen werfen und um Gnade bitten. Sie hatte sich in eine Pilgerkutte gehüllt, und, ebenfalls als Pilger verkleidet, folgte ihr der treue Hausverwalter Kaspar auf dem gefährlichen Wege. Sie ritten beide in der Frühe eines sonnigen Frühlingsmorgens zur Stadt hinaus, der Stadthauptmann wußte, wer die Pilger waren, und ungehindert ließ er sie durch. Der Weg führte durch einen meilenweiten Wald, in dem die Wege manchmal fast undurchdringlich waren, und die Reisenden kamen nur langsam vorwärts, viel zu langsam für Gertrudis Angst um den geliebten Vater. Sie hatte keinen Blick für die Schönheit ringsum, und nicht wie sonst freute sie sich am Sonnenglanz, an den tausend Blumen und dem Gesang der Vögel. Sie dachte nur an den Vater, und ob es ihr gelingen würde, ihn zu befreien.

Sie waren beide schon viele, viele Stunden geritten, als auf einmal ein schmerzliches Stöhnen an ihr Ohr klang. Erschrocken lauschten beide, es war ein Mensch, der da klagte. Wohl flehte Kaspar angstvoll: „Seid vorsichtig, Jungfrau Gertrudis, kommt rasch weiter,“ aber mutig ritt Gertrudis dem Stöhnen nach. Wo ein Mensch Hilfe brauchte, da zögerte sie nie zu helfen, an ihr eigenes Wohlergehen dachte sie nicht. Bald fanden die Reisenden auch, fest an einen Baum gebunden, einen schönen, dunkellockigen Jüngling in Jägertracht. Er war verwundet, sein ganzes Gesicht war blutüberströmt, er mochte wohl von Wegelagerern im Walde überfallen worden sein.

Gertrudis besann sich nicht weiter, sie sprang rasch vom Pferde, löste mit Kaspars Hilfe die Bande des Gefesselten, der nun befreit ohnmächtig zusammensank. Rasch und geschickt verband Gertrudis dann des Jünglings Wunden, die, wie sie bald sah, nicht gefährlich waren. Dabei verschob sich die Kapuze ihrer Kutte und der Ohnmächtige, der einige Augenblicke die Augen aufschlug, sah erstaunt in Gertrudis holdseliges Gesicht. Dann verlor der Jüngling wieder das Bewußtsein; er merkte es nicht mehr, daß Kaspar ihn vor sich auf das Pferd nahm und mit ihm weiter ritt. „Wir müssen uns sputen, Herrin,“ sagte der ängstlich, „um noch vor Nacht aus dem Walde zu kommen, namentlich mit diesem jungen Herrn, dem man wohl nachstellen mag“.

Sie gelangten aber ohne Unfall aus dem Walde heraus bis zu einer Herberge, dessen Wirtin Kaspar wohl bekannt war. Dort übernachteten beide, da die Pferde der Ruhe bedurften.

Gertrudis übergab den Verwundeten der Pflege der Wirtin. Ehe sie aber am Morgen davonritt, sah sie noch einmal nach dessen Wunden, dabei sah sie ein goldenes Amulett an des Junkers Hals, und nun erkannte sie in diesem Fridolin, ihren einstigen Gespielen. Da entfloh sie rasch, denn sie fürchtete, er möchte erwachen und sie erkennen. Bei dem eiligen Aufbruch aber verlor sie ihr Gebetbuch, das sie zum Trost auf ihrem schweren Wege mitgenommen hatte. Sie merkte es bald, aber sie fürchtete sich umzukehren und rasch ritt sie mit Kaspar weiter.

Als Gertrudis nach einigen Tagen in die Herzogsstadt einritt, da erfuhr sie zu ihrem Entsetzen, daß schon in drei Tagen ihr lieber Vater hingerichtet werden sollte. Vergebens suchte sie zum Herzog zu gelangen, der hatte viele Gäste auf seinem Schloß, und die Wachen wollten den Pilger nicht zu ihm lassen. Da beschloß Gertrudis, am Tage des öffentlichen Gerichtes des Herzogs Gnade zu erflehen. Es gelang ihr aber, ihren Vater zu sehen. Zwar blickte der Schließer den Pilger, dessen Gesicht ganz von einer Kapuze verhüllt war, mißtrauisch an, aber als Gertrudis ihm ein Geldstück gab, da ließ er sie doch zu dem Gefangenen. Der saß in einem dumpfen, halbdunklen Verlies, und Gertrudis wollte schier das Herz brechen, als sie den geliebten Vater so elend sah. Weinend umschlang sie ihn, der Bürgermeister aber erschrak heftig, als er sein Kind erblickte. Es war damals schon eine recht gewagte Sache, wenn ein Mägdlein eine Reise tat, Räuber und Wegelagerer gab es genug auf den Straßen, und Frauen pflegten meist nur unter starker Begleitung zu reisen. Gertrudis erzählte nun dem Vater, wie sie hergekommen sei; daß sie für ihn des Herzogs Gnade erflehen wollte, verschwieg sie jedoch, denn sie fürchtete, der Vater möchte in große Sorge um sie kommen. Es war den beiden nur ein kurzes Wiedersehen vergönnt, dann mußte Gertrudis scheiden, um nicht den Verdacht des Schließers zu erregen. Ihr Vater segnete sie zum Abschied, ermahnte sie zu allem Guten, und unter bitteren Tränen schieden beide von einander.

In ihrem Pilgergewand lag dann Gertrudis die ganze Nacht vor dem festgesetzten Gerichtstage im Dom vorm Altar und betete für ihren Vater. Dabei kam eine wundersame Ruhe über sie, es war immer, als hörte sie eine Glocke tönen: „Sei getrost, sei getrost, es wird alles gut werden“. Und als sie am Morgen in den strahlenden Frühlingssonnenschein hinaustrat, da faßte sie des alten Kaspar Hand und sagte zuversichtlich: „Es muß ja gut werden“.

Auf dem Anger vor der Stadt hielt an diesem Tage Herzog Bernhardt ein öffentliches Gericht ab, dort wollte er das letzte Urteil über den Bürgermeister von Neustadt sprechen, öffentlich sollte der hingerichtet werden. Viele Leute waren auf dem Anger; auf einem erhöhten Platz saß der Herzog im Kreise seiner Räte und Gäste, und alles Volk konnte es sehen, wie der Gefangene vor den Fürsten geführt wurde.

In diesem Augenblicke drängte sich ein Pilger vor und mit dem Rufe: „Gnade, Herr, Gnade für meinen Vater!“ warf Gertrudis die Kutte ab und sank zu des Herzogs Füßen. Der betrachtete nicht ohne Rührung das holdselige Mädchen, und er fragte ernst, aber nicht hart: „Wer bist du, und wie kommst du hierher?“

Gertrudis vermochte vor Schluchzen nicht zu sprechen, und Albrecht Mooshage sagte trüb: „Es ist mein einziges Kind, gnädiger Herr“.

Durch die Menge schritt jetzt eilig ein junger Mann in ritterlicher Kleidung, er sah ein wenig bleich und erschöpft aus, aber stolz und aufrecht trat er vor den Herzog. Gertrudis sah beglückt auf den Jüngling, sie erkannte ihn wohl, und auf einmal erklang wieder hell die Glocke der Hoffnung in ihrem Herzen.

„Was wollt Ihr?“ fragte der Herzog, er sah den schmucken Junker nicht ungnädig an.

„Donner, ja, das ist mein Sohn!“ rief plötzlich der alte Herr von Stein, der sich auch in dem Gefolge befand und gerade hinter dem Herzog saß. Mutig schaute Fridolin von Stein den Herzog und seinen Vater an, dann sagte er: „Ich will meine Bitten mit denen der Jungfrau hier vereinen; ich schulde ihr heißen Dank, sie hat mir vor etlichen Tagen das Leben gerettet“. Dann erzählte der Junker wie ihm ergangen war, und daß er seine Retterin an dem verlorenen Gebetbuch erkannt habe. Da sei er, kaum genesen, schnell hierher geritten. Er sagte zuletzt so recht aus tiefstem Herzen heraus: „Mein gnädiger Herr, übt Gnade an diesem Mann, wahrlich, er verdient es!“

„Ihr bittet für Eures Hauses Feind?“ fragte der Herzog und sah den Junker scharf an.

„Ja, da schlag doch das Wetter drein!“ rief Herr Wunibert von Stein, „aber nichts für ungut, gnädiger Herr, ehrlich währt am längsten. Beim Himmel, ich bin den Neustädtern auch nicht grün, aber für einen Hochverräter halte ich ihren Bürgermeister doch nicht!“

Und plötzlich erhoben sich noch mehr Stimmen für den Angeklagten, manch’ einer, der aus Zagheit geschwiegen hatte, sprach nun für ihn. Der Herzog, der, wenn sein rascher Zorn verraucht war, billig und gerecht dachte, wandte sich an die Ankläger und ließ die noch einmal ihre Beweise vorbringen. Die hatten mancherlei zu sagen, aber wenn einer ruhig und überlegen prüft, kommt er oft zu anderer Ansicht als im ersten Zorn. So erging es auch dem Herzog; die Beweise erschienen ihm auf einmal recht lückenhaft und anfechtbar, und so sagte er endlich: „Ich werde die Sache nochmals von andern Räten untersuchen lassen. Dich, Albrecht Mooshage, Bürgermeister von Neustadt, gebe ich frei, so du schwörst, daß du, wenn du schuldig befunden wirst, dich freiwillig meinem Urteil stellst“.

„Mein gnädiger Herr Herzog,“ sagte der Bürgermeister ruhig, „ich kam, als Ihr rieft, und so werde ich immer kommen, wenn Ihr ruft. Ich bin mir keiner Schuld bewußt!“

Da gab ihn der Herzog frei, und das Volk, das alles mit angehört hatte, jauchzte laut, die beiden falschen Ankläger aber verließen gar geschwind die Stadt, es war ihnen recht bänglich zu Mute. Der Herzog, der bald die völlige Unschuld des Bürgermeisters erkannte, verbannte später beide von seinem Hofe; er führte über den Bischof Albert Klage beim Papst, der diesen seines Amtes entsetzte.

Fridolin von Stein verließ neben Albrecht Mooshage und Gertrudis den Anger, und der alte Herr von Stein auf Reiffenstein sah den dreien etwas mißmutig nach. Er grollte auch gewaltig, als Fridolin ihm später erklärte, er wollte Vater und Tochter heimbegleiten. „Es sind unsere Feinde,“ brummte er. Das mannhafte Auftreten des Bürgermeisters, der bereit gewesen war, sein Leben für den Frieden seiner Vaterstadt hinzugeben, hatte ihm aber doch so gefallen, daß sein Zorn sich besänftigte, und es hatte doch auch Gertrudis seinen Sohn gerettet. Das Ende vom Liede war, daß er selbst mit heimritt. Er versicherte zwar, seine Feindschaft gegen Neustadt sei nicht etwa vorbei, nur sicher heimgeleiten wollte er Vater und Tochter, das sei Christenpflicht, auch sei er niemand gern etwas schuldig, selbst einem Mägdlein nicht. Ein wenig mürrisch ritt also der Ritter an des Bürgermeisters Seite heimwärts, aber war es die sonnenhelle Frühlingspracht, oder war es das frohe Plaudern seines Sohnes mit Jungfrau Gertrudis, was ihn erheiterte, kurz und gut, sein Gesicht hellte sich nach und nach auf, er wurde ganz gesprächig. Der alte Kaspar ritt hinterdrein und dachte in seinem Sinn: „Ob es nun nicht immer so friedlich in der Welt zugehen könnte“.

Die Neustädter aber meinten schier, sie müßten auf den Rücken fallen, als an einem Sonntag Mittag ihr Bürgermeister heil und unversehrt in die Stadt einritt, neben ihm die beiden Herren von Stein auf Reiffenstein. Die Freude war so groß, daß, wie der Chronist schreibt: das Geschrei kein Ende nehmen wollte. „Im Mai des folgenden Jahres“, schreibt dann der Chronist weiter, „hielt Herzog Bernhardt Einzug in seine vielliebe und getreue Stadt Neustadt. Und ritten ihm Rat und Bürgerschaft bis vor das Südtor entgegen, und konnte jeglicher merken, mit welcher Freundlichkeit unser gnädiger Herr Herzog mit unserer lieben Stadt Bürgermeister, Herrn Albrecht Mooshage, sprach. Und dessen Jungfrau Tochter grüßte er mit gar freundlichem Lachen und verlobte sie alsbald mit dem Junker Fridolin von Stein. Hatte auch des Junkers Herr Vater nichts mehr dawider zu sagen und war doch einstens so feindlich unserer Stadt gesinnt.“

„Wie geht’s denn weiter?“ fragte Wendelin, kaum daß der Doktor das letzte Wort gesprochen hatte.

Der lachte: „Ja, Kinder, die Geschichte ist halt zu Ende. Aber jedenfalls ist es dem Bürgermeister und seinen Kindern gut gegangen. Albrecht Mooshage hat noch viele Jahre sein Amt verwaltet, nachher wird der Herr Fridolin von Stein als Bürgermeister genannt. Von dem sagte der Chronist auch, daß er ein gerechter und frommer Mann gewesen sei. Er hat auch auf Bitten seiner Frau das Gertrudenspital erbaut und hat es nach seiner viellieben Hausfrau so genannt. Die schöne Gertrudis ist eine glückliche Frau geworden, sie ist aber nicht allein glücklich gewesen, sie hat auch andere glücklich gemacht, und das ist das Beste, was man von einem Menschen sagen kann“.

Ein Weilchen noch schwatzten die Kinder dies und das, Doktor Fröhlich beantwortete ihnen noch allerlei Fragen, dann liefen sie heim, und auf dem Heimweg sagte Jörgel zu Brigittchen: „Ich möchte auch so werden wie Albrecht Mooshage“. „Und ich wie Gertrudis,“ flüsterte Brigittchen und wurde ganz rot dabei. Jörgel aber rief: „Es ist doch fein, daß unser Neustadt schon so alt ist und eine so wichtige Stadt war!“

Das sagte Klaus Hippel auch, als er die Geschichte erfuhr, und daß just der alte Südtorturm der war, in dem er wohnte, freute ihn am allermeisten.

Weihnachtsaugen.

Die Tage vor Weihnachten sind zwar, so behaupten wenigstens die erwachsenen Leute, recht kurz, den Kindern erscheinen sie aber mitunter endlos lang, und als Severin Gutgesell drei Tage vor dem Feste sagte: „Ich glaube, diesmal wird es überhaupt nicht Weihnachten,“ da fand sein Bruder Wendelin, daß er vollständig Recht hätte.

An eben diesem Tage wurde auch dem Doktor Theobald Fröhlich die Zeit herzlich lang. Er hatte zwar noch sehr viel in seinen alten Schriften zu lesen und gehörte auch sonst nicht zu den Leuten, die sich vor lauter Faulheit langweilen, aber an diesem Tage meinte er doch, die Uhr rücke recht, recht langsam vorwärts. Und war der Doktor ungeduldig, so war es die alte Dorothee nicht minder. Wohl zehnmal erinnerte sie: „Ist es noch nicht Zeit, auf den Bahnhof zu gehen? Der Weg streckt sich“.

Endlich rief ihr Herr: „Dorothee, jetzt gehe ich, Zeit ist noch reichlich, aber stillsitzen kann ich nicht mehr“. —

„Ist auch recht!“ rief die Alte, „das Kaffeewasser wird gleich hingesetzt; du meine Güte, so ein junges Ding, und kommt mutterseelenallein aus einem fremden Lande angereist“.

„Aber nun bleibt sie hier, hurra!“ rief der Doktor, und krach, fiel die Haustür hinter ihm zu.

Er hatte auch Grund zu Freude und Ungeduld, denn er ging auf den Bahnhof, um seine Schwester Helene abzuholen, die nun wirklich, gerade zur rechten Zeit, um ordentlich mit dem Bruder Weihnachten zu feiern, in Neustadt anlangte.

Fräulein Helene Fröhlich, die immer aussah, als wäre ihr Name eigens für sie erfunden worden, hatte Neustadt nicht verschlafen, sie fiel auch nicht auf dem Bahnsteig hin wie ihr Bruder, sondern direkt in dessen weitgeöffnete Arme hinein. Weinend und lachend zugleich lagen sich die Geschwister in den Armen. Drei Jahre hatten sie sich nicht gesehen, eine halbe Ewigkeit schien ihnen dies zu sein. So strahlend sahen beide aus in der Wiedersehensfreude, daß alle Leute, die auf dem Bahnhof waren, anfingen, sich mit zu freuen. Der Herr Inspektor lachte, und der Mann, der die Billetts knipste, auch, ein altes Frauchen sagte: „Nu ja, man denkt s’ist heute schon Weihnachten“.

„Ja wirklich, hier ist Weihnachten,“ rief Helene jubelnd, „hier ist doch Schnee, weißer, weicher Schnee. In Hamburg regnete es, als ich durchfuhr, in London war dicker, gelber Nebel bei meiner Abreise, aber hier ist Winter, ist Weihnachtswetter, nein, wie froh bin ich“.

Und Arm in Arm schritten die Geschwister durch die verschneiten Straßen dem Hause zu, das ihnen gehörte, und in dem sie nun vereint Weihnachten feiern wollten.

„Sieh da, dort ist das Dach, das ist schon unser Haus!“ rief der Bruder, und die Schwester blieb stehen, und beide sahen so eifrig auf das Stückchen Dach, daß sie fast den schüchternen Gruß überhörten, den ein kleines, weißgekleidetes Mädchen ihnen bot.

„Das ist ja Brigittchen!“ rief Doktor Fröhlich und gab der Kleinen die Hand.

„Da sieh, Lene, wir beide hier sind schon recht gute Freunde miteinander, nicht wahr, Brigittchen?“

Die Kleine nickte, sie reichte der fremden Dame etwas zaghaft ihr Händchen, und Helene Fröhlich beugte sich liebreich zu dem Kinde herab und schaute in die Veilchenaugen, die heute so bitterernst dreinschauten.

„Aber Kind, du machst ja keine Weihnachtsaugen,“ rief Helene, „freust du dich nicht auf Weihnachten?“

„Nein,“ flüsterte Brigittchen scheu und senkte den Blick, dann huschte sie eilig davon.

„Warum ist die Kleine so traurig?“ fragte Helene, aber ihr Bruder konnte ihr darauf keine Antwort geben. „Da mußt du Dorothee fragen, die weiß es vielleicht,“ sagte er.

Dazu kam Helene Fröhlich zwar nicht so bald; sie wurde von der alten Magd mit so viel herzlicher Freude und so heißem Kaffee begrüßt, und mußte gleich das Haus von oben bis unten ansehen, daß sie zuerst gar nicht recht zur Besinnung kam.

„Hier ist die Bibliothek,“ sagte der Bruder.

„Dort nach dem Garten hinaus liegt Fräuleins Zimmer,“ rief Dorothee, „und hier ist der Kaffeetisch gedeckt“.

„Ja, ja, erst Kaffee trinken, aber sieh’ mal hier hinaus, Lene!“ schrie der Bruder aufgeregt.

„Ist es auch warm genug hier, und wieviel Kopfkissen will Fräulein haben?“ fragte Dorothee.

Und so ging es eine Weile fort, und dazwischen lachte Helene, umarmte den Bruder, umarmte die alte Magd und rief: „Ich freue mich ja so, ich freue mich ja so sehr!“

Und über dem Zeigen und Bewundern, Freuen, Kaffeetrinken und Treppauf-, Treppablaufen kam der Abend heran, die Geschwister saßen zusammen und erzählten sich von der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten; da sagte auf einmal Helene: „Ich muß Dorothee fragen, warum Brigittchen keine Weihnachtsaugen hatte“.

Nun, das wußte die alte Magd freilich. Sie erzählte, daß Brigittchens Mutter vor fünf Jahren etliche Wochen vor Weihnachten gestorben sei, seitdem würde wohl das Fest im Hause gefeiert, der Hausherr kümmere sich aber nicht viel darum; Fräulein Mathilde besuche meist ein paar Freundinnen, und so sei die Kleine gewöhnlich allein. „Was nützen ihr da die vielen prächtigen Geschenke,“ sagte die Alte, „Mitfreude und Liebe braucht so ein Kind, und daran fehlt es halt.“

„Mitfreude und Liebe brauchen auch große Menschen,“ rief Helene Fröhlich, „wir wollen Weihnachten zusammenfeiern, Theo, aber auch andere nicht vergessen. Wissen Sie nicht ein paar arme Familien, Dorothee, denen wir bescheren können?“

Die Alte lachte über das ganze Gesicht, sie sah aus wie das reine Behagen, so gefiel es ihr, und sie wußte gleich etliche Leute zu nennen, bei denen die Weihnachtsfreude wohl angebracht war.

„Morgen kaufen wir zusammen ein,“ sagte Doktor Fröhlich, „und Weihnachtsbäume müssen wir schmücken, na, wir können uns tummeln, um fertig zu werden“.

So viel fröhliche Lust hatte das alte Haus lange nicht gesehen, wie in diesen Tagen. Mitten in aller Geschäftigkeit dachte Helene Fröhlich aber doch an Brigittchens traurige Augen, und wie sie dem armen, reichen Kinde zur rechten Weihnachtsfreude helfen könnte. „Ich möchte sie zu unseren Armen mitnehmen, ob sie wohl darf?“ fragte sie die alte Dorothee.

„Ei, da gehe ich halt einfach hinüber und frage,“ erwiderte diese.

„Fräulein Mathilde von drüben ist doch manchmal bei meiner seligen gnädigen Frau gewesen, und das Brigittchen kam oft, da wird es wohl auch heute die Erlaubnis bekommen, zumal der Herr Schön erst gegen Abend von einer Reise wiederkommt, und die Bescherung spät sein wird“.

Gesagt, getan. Dorothee ging ins Nachbarhaus, und Fräulein Mathilde erlaubte den Besuch; sie fand es recht bequem, das Kind auf einige Stunden in guter Obhut zu wissen. Und Brigittchen freute sich. Die schöne Geschichte, die Doktor Fröhlich erzählt hatte, lag ihr noch im Sinn. Froh, aber doch wieder zaghaft, ging sie gleich nach dem Mittagessen hinüber in das Nachbarhaus. Ja, wenn die Freunde mitgewesen wären, dann hätte sie schon Mut gehabt, allein aber war sie ein rechtes Furchthäschen. Doch die Freunde hatten nun mal keine Zeit. Anne-Marte hatte am Morgen nur einmal das Näschen zur Türe hineingesteckt und gerufen: „Ich habe noch mein Kissen für Muttel fertig zu nähen!“ Wendelin und Severin rührten sich an diesem Tage gar nicht zum Hause hinaus, aus Angst, sie könnten etwas Wundervolles verpassen; nur Jörgel war eine halbe Stunde mit seiner kleinen Freundin Schlitten gefahren.

Beinahe wäre Brigittchen an der Türe wieder umgekehrt, so schwer erschien es ihr, allein zu der fremden Dame zu gehen, doch diese hatte schon Umschau gehalten, und sie holte sich geschwind ihren Gast herein. Sie begrüßte das Kind liebevoll und sagte heiter: „Erst mußt du mir helfen Bäume putzen, nachher gehen wir miteinander und tragen Weihnachtsgaben fort, willst du?“

Brigittchen nickte nur. Erst war es, als hätte sie ihren Mund vergessen, und verträumt blickte sie sich um, als sie in ein Zimmer geführt wurde, in dem drei kleine Tannenbäume standen; allerhand glitzernder Schmuck lag dabei, rote Äpfel und buntes Zuckerwerk.

Helene Fröhlich begann geschwind ein blitzendes Sternlein nach dem anderen an die grünen Zweige zu hängen, dabei rief sie munter: „Hilf mir, Brigittchen, da, hänge den Apfel dorthin, hierher einen Schokoladenkringel, tummle dich, geschwind, geschwind, wenn die Sonne untergeht, müssen wir fertig sein!“

Die Kleine griff zaghaft in den schimmernden Tand hinein. Wie wunderhübsch das doch war, daß sie all’ die feinen, zierlichen Dinge an die Bäumchen hängen durfte; da war ein Sternlein, da ein Weihnachtsengel, eine silberne Glocke, leuchtende Kugeln und Ketten.

„Wir wollen auch dabei singen,“ sagte Fräulein Helene, und mit heller Stimme begann sie:

„Alle Jahre wieder kommt das Christuskind!“

Ei, da fiel Brigittchen geschwind ein, und auf einmal tönte in den hellen Zweigesang hinein eine tiefe Stimme; Doktor Fröhlich war in das Zimmer getreten, er wollte nun auch mitsingen. Es klang aber ganz wunderlich, wenn er so tief dazwischen brummte; dichten konnte er wohl, aber nicht singen.

Seine Schwester lachte, und Brigittchen kicherte vergnügt hinter ihrem Bäumchen. Nun kam die alte Dorothee auch herbei und wollte auch mitsingen; sang aber der Herr Dichter so tief, als wollte er in einen Keller fallen, so sang sie so hoch, als wollte sie auf einen Turm klettern. Fräulein Helene kam darüber aus dem Takt, und mit einem fröhlichen Gelächter endete der Gesang.

Inzwischen waren die Bäumchen fertig geworden, und draußen begann sacht die Dämmerung heraufzuziehen. Dann ging es hinaus. Mit Bäumchen und Paketen voll beladen gingen die Geschwister, Brigittchen und Dorothee durch die engen Gäßlein, die hinter St. Marien lagen. In einem schmalen, altertümlichen Haus kletterten Doktor Fröhlich, Fräulein Helene und Brigittchen drei steile, enge Treppen hinauf, und oben führte eine blasse Frau sie in eine armselige Stube.

„Wir sind alle in der Küche, ach! die Kinder können es kaum erwarten,“ sagte sie, und ihr Blick fiel sehnsüchtig auf die Pakete.

„Jetzt spielen wir Weihnachtsmann, Brigittchen,“ sagte Helene Fröhlich, und sie begann geschwind die Pakete auszupacken. Wie in einem Märchen war es, lauter schöne Dinge kamen zum Vorschein, Spielsachen, Kleidungsstücke, Pfefferkuchen und Weihnachtsstriezel. Auf den Tisch wurde ein sauberes Tuch gelegt, das Bäumchen darauf gestellt und eins, zwei, drei war die ganze Stube in ein trauliches Weihnachtszimmer verwandelt. Doktor Fröhlich zog eine kleine Glocke hervor und klingelte, und die blasse Frau und fünf Kinder traten in das Zimmer. Eilig polterten sie herein, aber dann blieben sie alle an der Türe stehen und sahen auf das schimmernde Bäumchen und all’ die schönen Sachen, und ihre Augen strahlten und glänzten, als seien auch darin Lichter angezündet.

„Nun komm husch fort,“ flüsterte Fräulein Helene Brigittchen zu. Sacht schlichen sich die Geschwister und die Kleine aus dem Zimmer, so heimlich, daß Mutter und Kinder in ihrer Freude es gar nicht merkten.

Und weiter ging es, in eine Familie wo der Vater krank lag, er war bei einem Bau verunglückt, auch hier gab es helle Weihnachtsfreude, und der Jubel drang den freundlichen Gebern noch auf die Treppe nach.

„Nun nach dem Gertrudenspital,“ sagte Dorothee, „zu den drei Frauen, die meine selige gnädige Frau immer beschenkt hat“.

Das Gertrudenspital lag dicht an der Stadtmauer; der Weg dahin führte an dem runden Wartturm vorbei, hell leuchteten dessen Fenster in die Dämmerung hinaus. Brigittchen, deren Scheu vor Fräulein Helene schon ganz verschwunden war, erzählte dieser von Klaus Hippel und Frau Paulinchen, und sie hätte gern noch mehr erzählt, aber da war man schon am Gertrudenspital angelangt. Es war jetzt ein Heim für alte Frauen, die hier in ruhigem Frieden ihren Lebensabend verbrachten. Drei von diesen Frauen hatte die verstorbene Tante der Geschwister immer mit allerlei Eßwaren beschenkt, und diese drei Frauen saßen an diesem Weihnachtsabend recht betrübt beieinander. Zu allen andern kamen Angehörige und brachten ihnen etwas zur Weihnachtsfreude, zu ihnen würde wohl niemand kommen, dachten sie, denn ihre alte Beschützerin war tot.

Auf einmal aber trappelte und klingelte es draußen, und herein spazierte Fräulein Helene, ein brennendes Bäumchen in der Hand, Brigittchen und Dorothee schleppten Pakete herbei, und flink hellten sich da die alten Gesichter auf, es gab auch hier echten Weihnachtsjubel.

„Ach, und das feine Bäumchen,“ sagte Trine Tillmann, die älteste der Frauen, „da müssen wir doch nachher gleich die kleine Jantge holen, die hat doch kein bißchen Weihnachtsfreude“.

„Wer ist denn Jantge?“ fragte Fräulein Helene.

Und Trine Tillmann erzählte, Jantge sei eine kleine Waise, von weit her sei sie gekommen, von der holländischen Grenze, hier im Spital sei ihre Urgroßmutter untergebracht, niemand weiter hätte die Kleine auf der ganzen Welt als die alte Frau. Es sei eine besondere Güte von dem Herrn Bürgermeister, daß er erlaubt hätte, daß Jantge vorläufig hier bleiben durfte; was später aus dem Kind würde, das wußte noch niemand. Ein fröhliches Leben hätte die Kleine nun freilich nicht unter all’ den alten Frauen, zumal die Urgroßmutter recht schwach und hinfällig sei. Aber ein liebes Mädelchen wäre Jantge, allezeit freundlich und gefällig, ein rechter kleiner Sonnenstrahl.

„Hätte ich das gewußt,“ sagte Fräulein Helene betrübt, „wie gern hätte ich etwas für das Kind mitgebracht“.

„Sie soll von dem Baum nehmen was sie mag, und Pfefferkuchen und Äpfel soll sie auch von uns haben,“ tröstete Trine Tillmann.

„Ja, das soll sie,“ sagte die alte Bärbe Bach, „s’ist wirklich ein liebes Kind“.

Als die Geschwister Fröhlich und Brigittchen nach herzlichem Abschied von den drei Frauen heimgingen und den langen Flur des alten Gebäudes durchschritten, sahen sie durch eine offenstehende Tür in ein schlichtes, sauberes Zimmer hinein. Dort saß eine alte Frau im Lehnstuhl, und ein kleines, blondes Mädchen brachte ihr sorgsam einen heißen Trank in einer Tasse.

„Das ist gewiß Jantge,“ flüsterte Brigittchen und schaute die Kleine aufmerksam an, die wohl in ihrem Alter sein mochte; sie hatte auch so blonde Haare wie sie selbst, die schauten unter einem weißen Mützchen hervor, und eine große, hellblaue Schürze hatte sie vorgebunden.

„Ja, das wird wohl die kleine Jantge sein; aber nun komm rasch, Kind, sonst schilt deine Tante, daß wir zu lang geblieben,“ sagte Fräulein Helene Fröhlich. Heiter stapften die Wanderer bald darauf durch den Schnee wieder heimwärts. Wieder kamen sie am runden Turm vorbei, hinter dessen Fenster sah man jetzt die Kerzen eines Christbaumes strahlen.

„Nun ist es bald Zeit,“ flüsterte Brigittchen, und Freude lag in ihrem Stimmchen.

„Jetzt hast du Weihnachtsaugen, Kind,“ sagte Helene Fröhlich, als sie der Kleinen unter der Laterne, die gerade vor dem Schönschen Hause brannte, lebewohl sagte. „Behalte deine Weihnachtsaugen und vergiß nicht, mich in den Feiertagen zu besuchen!“

Brigittchen hob sich auf den Zehenspitzen empor, legte ihre Ärmchen um des Fräuleins Hals und sagte ganz leise: „Ich hab’ Sie lieb.“