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Muhme Lenelies und ihre Freunde.

Seite d Neue Kindergeschichten
aus Oberheudorf

Fünfzehn heitere Erzählungen

von

Josephine Siebe

Verfasserin der „Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten“


Mit vier farbigen Vollbildern und zahlreichen Textillustrationen
von Carl Schmauk

Stuttgart

Verlag von Levy & Müller

Seite e Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.


Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart.

Seite f Inhalt.

  • Seite
  • Einleitung: Warum noch ein Buch geschrieben wurde [1]
  • Ein Fastnachtsscherz [7]
  • Vorsicht, Gespenster! [29]
  • Es hat in der Zeitung gestanden [43]
  • Ein kleiner Held [57]
  • Das Hünengrab [76]
  • Nachtwächter sein ist manchmal schwer [96]
  • Schauspieler sind da! [114]
  • Die schöne Flickerin. (Ein Märchen) [132]
  • Das zornmütige Annchen [149]
  • Wir wollen die Bahn! [164]
  • Ein Wundervogel [176]
  • Ferienarbeiten, und was manchmal daraus wird [195]
  • Der unsichtbare Kaspar. (Ein Märchen) [211]
  • Traumfriedes Glück [229]

Einleitung.
Warum noch ein Buch geschrieben wurde.

An einem Wintertag, an dem es draußen schneite und wehte, als hätte der Winter Sehnsucht, ein paar erfrorene Nasen zu sehen, saß der Schullehrer von Oberheudorf in seinem Wohnzimmer und las seiner Frau aus einem Buche vor. Die Kälte und der Sturm draußen kümmerten sie alle beide nicht, sie lachten einmal laut, einmal leise, und die Frau Lehrerin rief manchmal: „Na, so etwas!“ und ihr Mann nickte dann und sagte vergnügt zwischen Vorlesen und Lachen: „Es stimmt, es stimmt! Wirklich, so ist es gewesen, ganz genau so!“

Einmal sahen beide auch traurig drein, und die Frau wischte sich verstohlen ein paar Tränlein aus den Augen, und dann wurden sie alle beide wieder vergnügt und waren so eifrig zusammen, er beim Lesen und sie beim Zuhören und Strümpfestopfen, daß sie gar nicht hörten, als es draußen klopfte. Erst als das Klopfen stärker wurde, hörte der Lehrer auf zu lesen, und seine Frau ging und öffnete die Türe. Herein kam ein altes Weiblein, das hatte ein rotes Kopftuch um und ein so liebes, freundliches Gesicht, als wäre die Sonne seine allerbeste Freundin. Die Lehrersleute riefen ihr auch recht vergnügt entgegen: „Ei, guten Abend, Muhme Lenelies! Das ist recht, daß Sie sich mal sehen lassen. Sie kommen just auch gerade wie gerufen!“

Muhme Lenelies mußte sich an den Ofen setzen, und die Hausfrau brachte ihr geschwind eine Tasse heißen Kaffee und ein Stück Wecken, und als die Alte nun so recht vergnügt und behaglich dasaß, nahm der Herr Lehrer das Buch und las ihr etwas daraus vor.

Da staunte aber die gute Muhme Lenelies. Sie schlug die Hände zusammen und rief: „Ih nä, die Geschichte ist doch hier in Oberheudorf passiert, nu ganz gewiß! Daß mir mein Friede, mein Herzensjunge, in den Suppentopf gefallen ist, das muß ich doch wissen!“

„Freilich, freilich,“ lachte der Lehrer und zeigte der alten Frau das hübsch eingebundene Buch. „Da lesen Sie nur einmal!“ Ein bißchen mühsam und stotternd buchstabierte die Muhme, denn es war schon lange, lauge her, seit sie in der Schule lesen gelernt hatte: „Oberheudorfer Buben- und Mädelgeschichten.“

„Was sagen Sie dazu, Muhme? Lauter Geschichten von unsern Buben und Mädeln stehen in dem Buch,“ rief die Lehrersfrau. „Von Heine Peterle, wie er zum ersten Male in die Stadt gegangen ist, und von Schulzens Jakob, von den drei Frieden, von Annchen Amsee, Röse und Mariandel, selbst von Schnipfelbauers Fritz, diesem unnützen Strick, wird darin geschrieben. Und auch Sie kommen darin vor, Sie und Ihr Häusel und mein Mann und ich und sogar, kaum zu glauben ist's, auch der Herr Schulrat.“

„Jemine, jemine,“ rief die Muhme, „so etwas ist mir in meinem Leben noch nicht passiert. Ein Buch, ein richtiges Buch ist über Oberheudorf geschrieben worden? Potztausend noch mal, da wird ja unser Dorf bekannt werden wie ein bunter Hund oder wie die Schimmel von unserm Herrn Grafen, die auch jeder Mensch in der Gegend kennt.“ Plötzlich aber machte Muhme Lenelies ein ganz ängstliches Gesicht und fragte zaghaft: „Aber liebste, beste Frau Lehrer, sagen Sie mir nur, kommt mein Häusel auch sauber darin vor? 's wäre mir doch zu schrecklich, wenn jemand sagen möchte, ich hätte nicht reine gemacht.“

„Na, wer sollte das wohl sagen?“ meinte die Lehrersfrau. „Bei Ihnen sieht es doch immer blitzsauber aus, Muhme. Aber wissen Sie, die Geschichte, wie Ihre Ziege Friederike sich betrunken hat, steht auch im Buche.“

„Du meine Güte!“ schrie die Alte entsetzt. Sie stellte in ihrer Verwirrung die Kaffeetasse neben die Bank, – plumps, lag die Tasse unten, und es gab eine kleine braune Überschwemmung, worüber die gute Muhme noch verlegener wurde. Sie stammelte tausend Entschuldigungen, und die Lehrersleute mußten sie richtig trösten. Dann aber wollte Muhme Lenelies wissen, was für Geschichten noch im Buch stünden, und der Herr Lehrer erzählte und las vor, und alle drei staunten, lachten, freuten sich, schauten die Bilder an, und es war ihnen, als kämen so nach und nach alle Oberheudorfer Kinder hereinspaziert. Auf einmal sagte die Frau Lehrerin: „Von dem Hünengrab steht doch nichts drin, und was die Mädel dabei für eine Dummheit gemacht haben!“

„Nein,“ erwiderte ihr Mann, „die Geschichte fehlt. Ach, es fehlen überhaupt noch viele, viele Geschichten. Vom Theaterspiel ist nichts geschrieben worden und nichts davon, wie Heine Peterle und Schulzens Jakob Gespenster gesehen haben.“

„Und die Geschichte fehlt auch, wie es dem Kohlbauern und unsern Kindern zu Fastnacht ergangen ist,“ rief die Muhme, „und von dem Nachtwächter ist auch nichts erzählt worden.“

„Ein paar von Muhme Lenelies' Märchen könnten auch noch drin stehen,“ meinte die Frau Lehrerin, „die gefallen mir gerade so gut.“

Die Muhme wehrte bescheiden ab, aber der Herr Lehrer gab seiner Frau recht. Nachdenklich sagte er: „Es gäbe freilich ein sehr, sehr dickes Buch. Eigentlich könnte noch ein Buch geschrieben werden, Geschichten genug sind in den letzten Jahren in Oberheudorf passiert.“

„Es passiert wirklich erstaunlich viel,“ rief Muhme Lenelies stolz. „Ich sag's ja immer, unser Oberheudorf ist ein ganz besonderes Dorf. Wenn jemand angefangen hat, etwas davon zu schreiben, dann soll er es auch ordentlich tun, und wenn ich der Herr Lehrer wäre, dann wüßte ich, was ich täte: Ich setzte mich hin, schrieb in die Stadt, dahin, wo das Buch gedruckt worden ist, es möchte geschwind jemand herkommen und noch alle die Geschichten aufschreiben, die hier nicht drin stehen.“

„Muhme Lenelies hat recht,“ sagte die Lehrersfrau und goß der Alten schnell die dritte Tasse Kaffee ein. „Tu es doch, lieber Mann! Gefällt den kleinen Leuten draußen in der weiten Welt ein Buch von Oberheudorf, so gefällt ihnen wohl auch ein zweites.“

Der Lehrer lachte herzlich; er nahm eine Feder, tauchte sie in sein Tintenfaß und schrieb eins, zwei, drei den verlangten Brief. „Er wird schon etwas nützen,“ sagte die Muhme, stand auf und wickelte sich wieder fest in ihr Umschlagtuch, denn es war Zeit zum Heimgehen. Mit vielen Dankesworten nahm die Muhme Abschied. Den Brief versprach sie beim Wirt Kaspar auf dem Berge abzugeben, der fuhr am nächsten Morgen zur Stadt und sollte ihn dort zur Post bringen.

Und Muhme Lenelies ging heim. An diesem Tage aber nahm der kurze Weg schier kein Ende, denn wen die alte Frau sah, wer nur seine Nase zur Haustür heraussteckte, der bekam geschwind die Geschichte von dem Buche zu hören. Alle staunten und freuten sich, waren stolz und sagten wie die Muhme: „Hoffentlich gibt es noch ein zweites Buch! Wenn schon, denn schon. Von unsern Oberheudorfer Buben und Mädeln kann man wirklich noch mehr Geschichten erzählen.

Ein Fastnachtsscherz.

Für die Kinder von Oberheudorf gibt es mancherlei Feste, die Stadtkinder gar nicht kennen; freilich haben diese dafür auch Vergnügungen und Freuden, von denen die Oberheudorfer kein Tipfelchen besehen. Denen nun war einer der liebsten Tage im Jahre der Fastnachtsdienstag. Potzwetter, ging es da lustig im Dorfe zu! Jeder Bube, jedes Mädel verkleidete sich, so nannten sie es wenigstens. Eins setzte sich einen Papierhelm auf, das andere eine aus bunten Flicken zusammengesetzte Narrenkappe oder zog gar ein Hanswurströcklein an. Heine Peterle, den sie den Städter nannten, weil er einmal hatte gern in die Stadt ziehen wollen, stolzierte immer als König auf der Dorfstraße herum. Er besaß einen roten Lappen mit ein bißchen Goldborte besetzt, das war der Königsmantel, dazu hatte ihm seine Muhme Rese einmal eine Krone aus Goldpapier geschenkt. Hei, wie trug der Bube an diesem Tage seine kleine Stupsnase hoch, wie klapperte er mit seinen Holzpantoffeln! Ungeheuer wichtig kam er sich vor.

„Was wahr ist, muß wahr bleiben,“ sagte Muhme Rese einmal zu Muhme Lenelies, dieser guten Freundin aller Oberheudorfer Kinder, die in einem windschiefen Häuschen am Dorfende wohnte, „unser Heine Peterle hat was Vornehmes an sich, wenn er so als König herumrennt.“

„Ja,“ hatte Muhme Lenelies lachend erwidert, „nur daß er sein halbes Musbrot im Gesicht hat, will mir nicht gefallen.“

„So 'ne Kleinigkeit!“ hatte da Muhme Rese gebrummt. Sie war dann aber doch fix ins Haus gelaufen, hatte ein nasses Handtuch geholt, und als Heine Peterle wieder mit stolzer Königsmiene am Haus vorbeikam, da hatte sie ihn geschwind erwischt und ihm eins, zwei, drei mit dem nassen Lappen den Musbart aus dem Gesicht gewischt. Heine Peterle hatte mächtig gebrüllt, – welcher König läßt sich aber auch so etwas gefallen!

Nun war wieder einmal die Fastenzeit herangerückt. Etliche Tage vor dem Fastnachtstag stand ein Häuflein Kinder auf der Dorfstraße zusammen, sie warteten alle auf Schulzens Jakob und seine Schwester Röse. Die Geschwister sollten von ihrem Vater eine Bestellung in Niederheudorf ausrichten, und die andern wollten sie begleiten. Nach Niederheudorf, das größer und stattlicher als Oberheudorf war, gingen die Buben und Mädel gern, obgleich sie eigentlich immer mit den Niederheudorfer Kindern Streit hatten. Einmal ging es um das Vogelschießen, das in Niederheudorf abgehalten wurde, und auf das alle Einwohner so stolz waren wie etwa die Berliner auf ihren Tiergarten; ein anderes Mal behaupteten die Oberheudorfer, ihre Schulweihnachtsfeier wäre schöner; dann wieder sagten die Niederheudorfer, bei ihnen könnte man alles einkaufen, denn es gab drei Krämer im Ort, Oberheudorf aber hatte nur einen. Trotz alledem liefen die Oberheudorfer Buben und Mädel gar geschwind, wenn sie in das Nachbardorf gehen durften. Sie gingen aber meist truppweise, denn man konnte nicht wissen, die Niederheudorfer verstanden das Balgen gar zu gut und teilten gern ein paar Püffe aus.

„Wo sie nur bleiben?“ sagte Schnipfelbauers Fritz, von dem Muhme Lenelies immer behauptete, er wäre sehr naseweis.

Heine Peterle, Anton Friedlich, der blaue Friede, der nicht blau war, nur seine Hosen waren es, und der dicke Friede, der auch nicht dick war, erhoben ihre Stimmen und schrieen: „Jakob, Röse, wo bleibt ihr denn?“

„Schreit doch nicht so!“ sagte Annchen Amsee, und ihre nußbraunen Augen sahen wie lauter Vergnügen drein. Waldbauers Mariandel, Krämers Trude und Bäckermeisters Mariele, die natürlich auch dabei waren, quiekten: „Wie ihr auch seid! Buben müssen immer brüllen.“

Ehe sich die Buben noch gründlich und nachdrücklich gegen diesen Vorwurf verteidigen konnten, kamen die Schulzenkinder aus dem Hause gelaufen, Jakob schwenkte einen großen Brief in der Hand und sagte wichtig: „Den muß ich abgeben!“

„Na, dann mal los!“ schrie Anton Friedlich, und die Kinder marschierten vergnügt die Dorfstraße hinab. Muhme Lenelies saß an ihrem Fenster, sie sah die Schar kommen und rief geschwind ihrem Pflegesohn zu, den sie im Dorf den Traumfriede nannten: „Du, Friede, lauf schnell mit, die gehen nach Niederheudorf; kannst dort mal rumfragen, ob jemand etwas in der Stadt besorgt haben will.“

Muhme Lenelies tat nämlich mitunter Botengänge, und die Bauernfrauen ließen sich gern allerlei von ihr einkaufen, denn sie meinten, so gut wie die Muhme verstünde dies niemand sonst. Die schwierigsten Sachen besorgte die alte Frau, die in der Stadt so gut Bescheid wußte wie in ihrem Häusel. Was für wichtige Dinge hatte sie aber da auch schon besorgen müssen! Sie war sogar mit der Niederheudorfer Schulzentochter das Brautkleid einkaufen gegangen, und die reiche Schnipfelbäuerin sagte, die Muhme wäre der reine Minister, so gut konnte sie Rat geben.

Friede ließ sich das Fortgehen nicht zweimal sagen, schwippdiwupp war er draußen. Dort wurde er mit großem Geschrei von den andern Kindern empfangen. Vor einem halben Jahr noch war Traumfriede immer einsam gewesen, da hatte er als Pflegesohn bei dem Kohlbauern ein gar jämmerliches Dasein geführt, seitdem er aber bei Muhme Lenelies sein durfte, war er ein lustiger Bube geworden, der nicht mehr scheu zur Seite stand, wenn die andern Kinder spielten.

Unterwegs sprachen sie alle von Fastnacht. Es herrschte in Oberheudorf die Sitte, daß die Kinder am Fastnachtstage von Haus zu Haus gingen, ein Sprüchlein sagten und dafür Pfannkuchen, Fastnachtswecken, auch wohl einen Kreisel, bunte Tonkugeln oder dergleichen erhielten. Auf diesen Umgang freuten sie sich immer alle sehr und konnten es an diesem Tage noch weniger als sonst erwarten, bis die Schule aus war, denn gleich nach dem Mittagessen begann der Umgang. Merkwürdigerweise wußten die Kinder immer schon genau vorher, welche Kuchensorte diese und welche jene Bäuerin gebacken hatte, und daß es da Zuckerstangen gab und dort getrocknete Pflaumen, dort viel zu holen sei, in jenem Hause weniger.

„Aber zum Kohlbauern gehe ich nicht wieder,“ sagte auf einmal Heine Peterle, „nä, da gibt's immer so wenig.“

„Mir hat er voriges Jahr nur eine Backbirne gegeben, und die war madig,“ schalt der dicke Friede, noch jetzt darüber empört.

„Er ärgert sich immer über den Tag,“ sagte Traumfriede nachdenklich.

Voriges Jahr war er noch bei dem geizigen Bauern gewesen; er hatte wie alle Kinder seinen Bittgang tun dürfen, als er aber mit seinem gefüllten Säcklein heimgekommen war, da hatte es ihm der Bauer abgenommen, und er hatte nichts von all den Herrlichkeiten mehr gesehen. Wie jetzt die Kinder so miteinander sprachen, dachte er an jene bittere Enttäuschung und erzählte Waldbauers Mariandel, die neben ihm ging, die Geschichte. Annchen Amsee hatte auch zugehört, und sie war es, die plötzlich entrüstet rief: „Nein, pfui, der Kohlbauer ist aber doch zu abscheulich, hört nur!“

Trotzdem Friede bat, sie möchte schweigen, erzählte Annchen doch empört die Geschichte, und alle andern brachen in ein lautes Entrüstungsgeschrei aus. „Wir gehen nicht hin,“ riefen sie einmütig.

Nur Schnipfelbauers Fritz sagte lachend: „Ich gehe gerade hin. Wenn wir nicht kommen, freut sich doch der Kohlbauer nur.“

Sehr erstaunt sahen die andern Fritz an. Ja, der hatte wohl recht. Sie blieben vor lauter Aufregung mitten auf der Landstraße stehen, schalten auf den Kohlbauern, stritten, ob sie hingehen sollten, und merkten darüber gar nicht, daß ein Wagen angefahren kam. Darauf saß Friede Hopserling, der Müllerknecht, der große Friede, wie ihn die Kinder nannten. Der Knecht war auf seinem Wagen ein bißchen eingenickt, sein Pferd kannte den Weg so gut wie er, und da es bergauf ging, hatte die brave schwarze Grete auch keine Lust, sehr schnell zu laufen. Daß man in eine schwätzende Kinderschar nicht mitten hineinfahren darf, wußte Grete anscheinend, sie blieb plötzlich stehen, und darüber wachte Friede Hopserling auf. „Na, was gibt's denn?“ fragte er verdutzt.

„Friede, hör nur!“ – „Pfui, der Kohlbauer!“ – „So abscheulich ist er,“ schrieen die Kinder durcheinander, und es hätte einer schon viel klüger sein müssen, als Friede Hopserling war, um zu wissen, was das Geschrei eigentlich bedeuten sollte. Nach und nach bekam er es doch heraus, und nun machte Friede seine Zwinkeraugen.

Das tat er gern, wenn es galt, jemand zu necken. Friede Hopserling war zwar nicht gerade ungeheuer klug, aber er hatte es hinter den Ohren, faustdick sogar. Er sagte auch jetzt mit einem heimlichen, verschmitzten Lachen: „Freilich müßt ihr hingehen, ihr und – die Niederheudorfer auch. Die sind doch immer dabei, wenn es etwas zu holen gibt.“

„Aber beim Kohlbauern gibt es doch nichts! Muhme Rese sagt, so viel kann eine Maus allemal auf ihrem Schwanz forttragen,“ rief Heine Peterle entrüstet.

„Na ja, eben darum!“ Friede Hopserling grinste vergnügt, blinzelte und zwinkerte mit den Augen, sagte hühhott, sein Pferd zog den Wagen an, und fort ging es.

Erst starrten die Kinder ihm ganz verblüfft nach. Was meinte nur der Müllerknecht? Dann aber kam ihnen nach und nach das Verständnis für diese Schelmerei. Anton Friedlich und Schnipfelbauers Fritz begriffen zuerst, was Friede gemeint hatte. Sie brachen in ein förmliches Freudengeheul aus und schrieen: „Wir wollen den Niederheudorfern sagen, beim Kohlbauern kriegten sie was Feines. Hurra, hurra, das wird ein Spaß!“ Die Buben waren gleich alle dafür, selbst Traumfriede meinte, die Neckerei sei nicht schlimm; auch einige Mädel stimmten in den Jubel ein, nur Waldbauers Mariandel und Schulzens Röse wollten nicht recht mittun.

„Alte Zimpersusen,“ schrie Heine Peterle entrüstet, und Annchen Amsee, die vor Vergnügen über diesen neuen Spaß immer von einem Bein auf das andere hüpfte, schalt: „Ach, seid doch keine Spielverderber!“

So sehr zuzureden brauchten die andern nicht, die beiden Mädel willigten bald ein, und dann ging es weiter, so geschwind sie nur alle laufen konnten, auf Niederheudorf zu. Ganz atemlos kamen sie alle an den ersten Häusern des stattlichen Dorfes an, und da standen auch gleich drei Buben. Die sahen die Oberheudorfer kommen und riefen spottend: „Na, wo kommt ihr denn her? Wollt wohl Einkäufe bei uns machen? Freilich, bei euch kriegt man ja nichts!“

Aber die Oberheudorfer ließen sich nicht verblüffen, sie taten ganz freundlich, hatten nicht, wie es wohl sonst geschah, schnippische Widerreden, sondern erzählten ganz friedlich, was sie vorhätten, und dann sprachen sie auch von Fastnacht. Es waren inzwischen mehr Kinder herangekommen; alle standen sie in einem Hümpelchen zusammen, und über alle hinweg hörte man Anton Friedlichs Stimme gellen. Der Bube erzählte von Fastnacht, und am Schluß sagte er: „Beim Kohlenbauern gibt es den besten Kuchen!“

„Na, ich denke, der ist geizig,“ rief ein langer Niederheudorfer Bube.

„Freilich,“ sagte Anton Friedlich geschwind, „sonst schon, an Fastnacht aber, da läßt er etwas draufgehen. Kommt ihr denn dieses Jahr etwa zu uns?“

„Wir wissen es noch nicht,“ sagten die Niederheudorfer und schauten sich an. Mitunter nämlich gingen die Kinder auch in die Nachbardörfer; es gab zwar manchmal Streit darum, aber wenn die Kinder wußten, daß in diesem oder jenem Hause besonders reichlich für Fastnachtskuchen gesorgt worden war, dann kamen sie wohl auch dorthin aus einem Nachbardorf.

Anton Friedlich, der wußte, – er hatte es nämlich ausprobiert, – daß Verbieten manchmal recht wenig nützt, rief keck: „Aber das sage ich euch, zum Kohlbauern dürft ihr nicht, dem sein Kuchen gehört uns. Es gibt Prügel, wenn ihr kommt.“

Ein Hohngelächter antwortete den Buben. Die Oberheudorfer aber scherten sich nicht daran, sie behaupteten plötzlich, sie müßten geschwind heim, und eilten alle in das Dorf hinein, ihre Geschäfte zu besorgen. Als sie auf dem Heimweg waren, liefen eine Anzahl Niederheudorfer Kinder ihnen nach und schrieen: „Auf Wiedersehen zu Fastnacht, wir kommen zum Kohlbauern.“

„Wir leiden's nicht,“ riefen die Oberheudorfer drohend zurück. Dann begannen sie zu rennen, damit nur die Niederheudorfer nicht sehen sollten, wie sehr sie lachten. Erst an einem großen Birnbaum, der auf halbem Wege zwischen den beiden Dörfern stand, blieben sie stehen, um sich auszulachen. Von den Niederheudorfern war nichts mehr zu sehen, die hatten das Nachrennen aufgegeben, die standen zusammen und berieten, daß sie zu Fastnacht nach Oberheudorf zum Kohlbauern gehen wollten.

Der Kohlbauer war stets an Festtagen, an denen andere Leute vergnügt und lustig sind, schlechter Laune. Er ärgerte sich, daß Knecht und Magd feierten, er ärgerte sich über den Festkuchen, der gebacken wurde, obgleich er immer tüchtig davon aß, er ärgerte sich eigentlich über die Fliege an der Wand. Am allerärgerlichsten war er aber zu Fastnacht. Seiner Meinung nach war das gar kein Fest, sondern ein Unsinn, und wenn jemand nur das Wort Fastnacht aussprach, dann zog er gleich ein Gesicht, als hätte er einen Liter Essig auf einmal ausgetrunken. Seine einzige Freude war, wenn es an diesem Tage recht regnete oder schneite; je toller das Wetter dann war, desto vergnügter schaute er drein. In diesem Jahre nun war das Wetter am Fastnachtsdienstag aber so schön, als hätte es Muhme Lenelies, die immer allen Kindern nur Gutes gönnte, bestellt. Am frühen Morgen schon hatte die Sonne ihre Vorhänge weit aufgezogen. Kein Wölkchen war am blauen Himmel zu sehen, und die Sonnenstrahlen tanzten auf die Erde herunter, als wollten sie auch Fastnacht feiern.

Man spürte schon den Frühling an allen Ecken und Enden, obgleich er doch eigentlich noch gar kein Recht zu kommen hatte. In Oberheudorf redeten alle von Fastnacht und Frühling durcheinander, Muhme Rese sagte: „Er kommt,“ und Heine Peterle antwortete: „Er ist doch schon da!“ Da meinte halt Muhme Rese den Frühling und Heine Peterle den Fastnachtstag. Der Herr Lehrer freilich schob die Unruhe an diesem Tage nicht auf den Frühling, sondern auf die Fastnachtsfreude, und wunderlicherweise schien er an diesem Tage manches heimliche Schwätzen und Kichern gar nicht zu hören; zum Schluß wünschte er auch allen Kindern noch viel Vergnügen.

Daran fehlte es auch nicht. Mit solchem Jubel und Geschrei stürmten die Kinder heimwärts, daß es selbst Schuster Pechdrahts Nero zu viel wurde, der sonst ein sehr duldsamer Hund war; bellend stürzte er zwischen die Kinder. Ach, aber was kümmerten sich die darum. Die ließen den Nero bellen und die andern Hunde dazu. Fix waren sie in den Häusern drin, und kaum hatten sie den letzten Bissen vom Mittagessen hinuntergeschluckt, da liefen sie schon hinaus, und vor dem Wirtshaus „Zur himmelblauen Ente“, das dem Wirt Kaspar auf dem Berge gehörte, trafen sie sich alle miteinander. Nun begann der Umgang. Immer drei und vier gingen zusammen, die einen rechts, die andern links, die einen geradeaus, die andern im Bogen, und bald erscholl vor den Türen das Singen:

„Wir gehen vor des Bauern Haus,
Die Bäurin sieht zum Fenster raus,
Sie schaut so freundlich drein –
Rira, freundlich drein.

Ach, schenk uns was ins Beutelein,
Ins Beutelein hinein.
Schenk uns Wein, schenk uns Weck,
Wir kehren euch morgen die Asche weg,
Rira, Asche weg!“

Alle Kinder fanden dieses Verslein, das schon ihre Väter und Mütter in ihrer Jugend gesungen hatten, wundervoll und sangen es aus lauter Freude daran manchmal dreimal vor einem Haus.

Die Bäuerinnen schauten auch wirklich meist freundlich zum Fenster hinaus, neckten auch wohl erst die Kinder ein Weilchen, taten, als verstünden sie den Bittgesang nicht, und brachten dann doch die Fastnachtsgaben herbei. Freilich, Wein gab es nie, das schadete aber auch nichts, die Kinder baten doch immer darum. So allgemach füllten sich die Säcklein, auch der Magen wurde nicht vergessen, und mancher Pfannkuchen bekam erst gar nicht den Sack zu sehen. –

Als die Kinder so eine Stunde herumgezogen waren, sagte Heine Peterle zu Annchen Amsee: „Ob sie wohl kommen?“

Zu gleicher Zeit reckte Schnipfelbauers Fritz seine Nase in die Luft und meinte: „Na, nun könnten die Niederheudorfer bald da sein!“

„Sie kommen vielleicht nicht,“ erwiderte Krämers Trude, „sie haben es vielleicht gemerkt.“

Aber sie kamen doch. Anton Friedlich, der mit Schulzens Jakob immer mal zwischen dem Einsammeln bis zu Muhme Lenelies' Häuschen gelaufen war, von wo aus man den Weg nach Niederheudorf ein Stückchen weit übersehen konnte, rief es zuerst: „Sie kommen!“ Es war, als ob jemand mit einem Stock in einen Ameisenhaufen gestoßen hätte, so kribbelten und krabbelten die Kinder alle durcheinander; eins rief es dem andern zu, und mit einem Male sahen die Dorfbewohner zu ihrem großen Erstaunen, wie von überall her Buben und Mädel kamen und nach des Kohlbauern Hof liefen. Dieser große, stattliche Bauernhof lag etwas über dem Dorf auf einer mäßigen Anhöhe, weiter links davon lag dann der Waldbauern-Hof, wo das Mariandel daheim war.

„Nun möchte ich nur wissen, was die Kinder wollen,“ sagte die Waldbäuerin zur Schulzenfrau, die als erster Gast zu einem Fastnachtskaffee zu ihr gekommen war.

Die Kinder gingen aber nicht zum Kohlbauern hinein, sondern stellten sich alle auf eine Wiese, ein Stück abseits vom Hause. Sie zeigten einander ihre Säckchen, taten ganz ungeheuer wichtig und schienen gar nichts, auch rein gar nichts von dem zu merken, was um sie herum vorging. Dabei entstand nach einem Weilchen ein ziemlicher Lärm. Schwatzend und lachend kamen etwa zwanzig Niederheudorfer Buben und Mädel den Berg heraufgezogen. Die hatten gemeint, es sei doch vielleicht lohnend, dem Kohlbauern einen Besuch abzustatten. Sie schauten nicht links und nicht rechts, sondern zogen schnurstracks auf das Haus zu. Sie gingen immer paarweise, schwenkten ihre Säcklein erwartungsvoll und begannen laut zu singen:

„Wir wünschen dem Bauern einen goldenen Tisch,
Darauf soll stehen ein gebratener Fisch,
Kuchen und Brot und güldener Wein.
Eia, da wollt' ich zu Gaste sein!
Mög' sich die Bäurin bedenken,
Und uns nun auch was schenken!“

„Nä, so ein dummer Vers,“ brummte der dicke Friede, und die andern stimmten ihm eifrig zu: „Sehr dumm, unser Lied ist viel feiner!“

Die Niederheudorfer aber fanden wieder ihr Sprüchlein, das auch schon ihre Väter und Mütter gesungen hatten, wundervoll und warteten sehr gespannt auf den Kuchen des Kohlbauern.

Der Bauer war an diesem Tage noch griesgrämiger als sonst, er ärgerte sich, daß Fastnacht war, daß die Sonne schien, daß alle Leute vergnügt aussahen, am meisten aber ärgerte er sich, daß alle Leute ihn geizig nannten. Er war es, aber wie das oft so geht, er wollte nicht dafür gelten. Nun hatte ihn am Tage vorher der Schulze so recht spöttisch gefragt, ob er auch guten Fastnachtskuchen hätte backen lassen. Des Kohlbauern Frau war schon lange tot, und eine Haushälterin, ein gutes, braves Weib, führte ihm die Wirtschaft. Zu der hatte er denn am Abend vorher fuchswild gesagt: „Wenn Kinder kommen, gib reichlich!“

Das hatte sich Frau Marthe nun nicht zweimal sagen lassen, und in aller Morgenfrühe hatte sie schon eine tüchtige Schüssel Teig eingerührt und köstliche große Zuckerbrezeln gebacken. Den Bauern hatte das freilich sehr geärgert, er wollte aber doch nicht sein Wort zurücknehmen. Seit ihm die Bauern den Traumfriede fortgenommen hatten, weil er den armen Waisenjungen zu schlecht gehalten, hätte er dem Dorf gern einmal gezeigt: „Seht, ich, der Kohlbauer, bin gar nicht so geizig, wie ihr denkt.“

Der Geruch des frisch gebackenen Kuchens durchzog an diesem Tage lecker das Haus, und der Bauer dachte ingrimmig: „Hoffentlich kommen nicht viel Kinder. Es wäre jammerschade, ihnen die Kuchen zu geben.“

Nach Tisch war der Bauer gleich hinter das Haus gegangen und hatte angefangen, Holz zu spalten. Mitten in seiner Arbeit hörte er plötzlich das Singen der Niederheudorfer. Bums, hieb er wütend mit der Axt auf ein großes Stück Holz, daß es gleich auseinandersprang. „So eine dumme Singerei!“ schimpfte er.

Die Oberheudorfer Buben und Mädel hatten sich schon auf die langen Gesichter der Niederheudorfer gefreut, als sie auf einmal sahen, wie Frau Marthe ihnen Zuckerbrezeln austeilte.

Potzwetter noch einmal, sahen die verlockend aus!

„Wir gehen auch hin,“ rief Heine Peterle stürmisch, und rasch rannten alle auf das Haus zu. Dort aber standen die Niederheudorfer wie eine Mauer, sangen, so laut sie konnten, und ließen die Oberheudorfer einfach nicht heran. „Jetzt sind wir da,“ sagten ein paar Buben patzig.

Aber schließlich waren die Niederheudorfer doch mit ihrem Bittgesang fertig, und die Oberheudorfer drängten sich herzu. Frau Marthe erschrak; die schönen Kuchen waren schon verschwunden, und noch so viele, viele Kinder kamen, aber der Bauer hatte doch gesagt, sie sollte reichlich geben. Rasch lief sie darum in die Vorratskammer, holte Backobst herbei und begann damit die bittenden Hände zu füllen. Das gab lange Gesichter. Backobst hatten die Oberheudorfer Kinder schon in ihren Beuteln genug, aber solche leckere Zuckerbrezeln noch nicht, und die verspeisten nun die Niederheudorfer vor ihren Augen mit rechtem Behagen.

„Es ist zu frech von ihnen, zu uns zu kommen,“ murrten die Buben, und die Mädel brummten mit, und dabei vergaßen sie alle miteinander, daß sie doch die Gäste herbeigelockt hatten.

Krach, krach, hieb hinten auf dem Hofe der Bauer wütend ein Stück Holz nach dem andern entzwei. Nahm denn die Singerei noch kein Ende? Endlich war es mit seiner Geduld vorbei; er stürmte hinaus und erschien plötzlich mit einem so wütenden Gesicht vor den Kindern, daß die Buben und Mädel aus Oberheudorf, die ihn kannten, geschwind ihr Backobst im Stich ließen und, so schnell sie konnten, ausrissen. Dem dicken Friede blieb vor Schreck eine Pflaume im Halse stecken, und Annchen Amsee verschluckte einen Birnenstiel. Wie schalt aber auch der Kohlbauer!

„Nä, seht nur,“ sagte drüben die Waldbäuerin zu ihren Besucherinnen, „so ein alter, unwirscher Kerl! Den Niederheudorfer Kindern läßt er Zuckerbrezeln geben und unsere jagt er weg!“

„Na, der soll mir nur kommen,“ rief die Schulzenfrau empört, „der ist ja eine Schande für das ganze Dorf.“

Das sagten an diesem Nachmittag alle Leute im Dorf. Frau Marthe, des Kohlbauern Haushälterin, sagte es auch, denn der Bauer schimpfte fürchterlich, als er sah, daß von allen guten Zuckerbrezeln kein Krümchen mehr übrig geblieben war, und dazu hatten noch die Niederheudorfer alles bekommen. Nun würden die Oberheudorfer ihn doch weiter geizig schelten und ihn weiter verächtlich anschauen; nicht einmal etwas genützt hatten die teuren Brezeln. Es war zum Davonlaufen! Das dachte Frau Marthe ebenfalls; sie packte flink ihre Sachen und verließ am gleichen Tage das Haus, denn, meinte sie, bei einem Bauern, der den Kindern nicht einmal ihre Fastnachtsgaben gönnt, bleibe ich nicht; also zog sie fort. „Nicht einmal die gute Frau hält es bei ihm aus,“ sagten sie im Dorfe.

Die Niederheudorfer Buben und Mädel zogen singend und vergnügt wieder davon, sie hatten es bei der ganzen Geschichte am besten gehabt, und von den wundervollen Zuckerbrezeln sprachen sie noch lange.

Die Oberheudorfer aber ärgerten sich, sie nahmen sich vor, die Niederheudorfer nie mehr zu necken. „Nie mehr bis zum nächsten Mal,“ sagte Muhme Lenelies, als sie das hörte. Trotz der nach Niederheudorf entführten Zuckerbrezeln aber verlief der Fastnachtstag doch sehr vergnügt. Heine Peterle war ein sehr stolzer König, Annchen Amsee hielt sich für eine Prinzessin, und Schulzens Jakob klirrte mit einem verbogenen Säbel und behauptete, er sei General.

Der dicke Friede aber, der eine Leidenschaft für Kasperlespiele hatte, dachte, er sei in seinem himmelblauen Kittel, den ihm die Großmutter aus einem alten Rock genäht hatte, wirklich ein Kasperle und fing auf einmal an, als alle auf dem Dorfplatz standen, ganz fürchterliche Gesichter zu schneiden, und quiekte wie ein Ferkelchen.

„Der Bube hat sich überessen,“ schrie Muhme Rese, die zusah, erschrocken, und alle Kinder umringten Friede und fragten mitleidig: „Tut dir der Bauch weh?“ – „Tut er sehr weh?“

Friede war so tiefbeleidigt, daß er erst gar nichts sagen konnte, er schnappte ordentlich vor Wut nach Luft. Doch plötzlich erschien seine Mutter, packte ihn am Arm und rief: „Komm, trink Kamillentee, da werden die Leibschmerzen besser.“ Muhme Rese hatte nämlich die Mutter herbeigeholt und ihr von des Buben Krankheit erzählt.

„Ich bin doch ein Kasperle, ein Kasperle,“ schrie Friede entsetzt, „huhuhu – ich habe gar keine Leibschmerzen.“ Und schwapp riß er sich los und rannte die Dorfstraße entlang, die Kinder alle hinter ihm her. „Kasperle, Kasperle!“ schrieen sie und holten ihn endlich auch ein. Nach langem Hinundherreden und Bitten entschloß sich Friede, noch einmal vor ihnen Kasperle zu spielen.

Sie fanden es alle wundervoll, nun sie wußten, daß es keine Leibschmerzen waren, und zuletzt spielten alle miteinander Kasperle, und es war ein solches Geschrei, ein solcher Lärm auf der Dorfstraße, daß alle Erwachsenen sagten: „Gut, daß nur einmal im Jahre Fastnacht ist.“

Der Kohlbauer brummte: „Wenn doch die dumme Fastnachtsfeier abgeschafft würde!“ und die Buben und Mädel seufzten abends in ihren Betten: „Ach, wenn doch nächste Woche wieder Fastnacht wäre!“

Wer hatte da nun recht?

Vorsicht, Gespenster!

Wenn in Oberheudorf Heine Peterle und Schulzens Jakob einmal fünf Minuten miteinander vernünftig sprachen, dann kam sicher eine Dummheit heraus. Waren gar noch Schnipfelbauers Fritz und Anton Friedlich dabei, dann wurde sicher ein sehr dummer Streich ausgeheckt. Hinterher, wenn die Sache vielleicht übel ablief und es nachher Schelte, Nachsitzen oder dergleichen schlimme Dinge gab, wunderten sich die Buben freilich allemal sehr; sie hatten immer gedacht, ungeheuer klug oder ausnehmend witzig zu sein.

An einem Herbsttage, an dem der Wind wie ein recht übermütiger Bengel durch die Dorfgassen jagte, saßen Heine Peterle und Schulzens Jakob auf einer Gartenmauer und erzählten sich Gespenstergeschichten. Weil es heller Tag war und es im Garten wohl fruchtbare Obstbäume, aber keine Gespenster gab, graulten sich die Buben kein bißchen, sondern waren sehr vergnügt. Wie nun Heine Peterle mitten im Erzählen einer höchst sonderbaren Geschichte war, die Muhme Rese noch von ihrer Urgroßmutter wußte, und in der ein Gespenst sich ganz unpassenderweise in eine Milchschüssel gesetzt hatte, bekam der Bube plötzlich einen derben Puff von rückwärts und sauste sehr geschwind in ein Gurkenbeet hinab. Im ersten Augenblick dachte er, trotz der hellen Mittagsonne, das Gespenst aus der Milchschüssel habe ihn gepackt, aber bald merkte er, daß der Puff von einer kräftigen Männerhand gekommen war. An der Mauer stand Heinrich, der bei Heine Peterles Vater den Sommer und Herbst über als Knecht diente. Der Bursche lachte über das ganze Gesicht und sagte sehr behaglich: „Na, ihr Dösköppe, ihr könnt auch wirklich etwas Besseres tun, als euch solche dumme Geschichten erzählen! Kommt, helft mit Kartoffeln hacken!“

Dazu hatten die Buben nicht die geringste Lust, Heine Peterle sah sogar sehr wütend aus und sagte patzig: „Zu dir wird auch noch einmal ein Gespenst kommen.“

„Du meine Güte,“ Heinrich lachte, daß seine weißen Zähne in dem gebräunten Gesicht nur so blitzten, „ihr seid doch zu alberne Buben. Na, kommt ihr nur erst mal zu den Soldaten, da werden euch die Gespenstergedanken vergehen. Aber nun marsch, kommt helfen!“

Hops! war da auch Schulzens Jakob von der Mauer herunter in das Gurkenbeet gesprungen, und beide Buben sausten davon, als hätte der Herbststurm sie zu seinen Boten ernannt. Heinrich sah ihnen etwas verdutzt nach, dann brummelte er: „Faule Schlingel!“ und ging darauf selbst kräftig und rüstig an seine Arbeit.

Die Buben hatten sich unterdessen am andern Gartenende wieder zusammengefunden. Statt über das Gespenst, das Heine Peterle vorläufig grausam in der Milchschüssel sitzen ließ, sprachen sie beide über Heinrich. Der war ein Bauernsohn aus einem drei Stunden weit entfernten Dorfe. Ostern war er von den Soldaten gekommen; er hatte bei der Kavallerie gedient und trug noch immer die Soldatenmütze auf seinem hübschen Blondkopf. Nach Weihnachten wollte er heiraten und selbst einen Hof übernehmen, bis dahin diente er bei Heine Peterles Vater, der ein besonders tüchtiger Landwirt war. Heine Peterle mochte Heinrich gut leiden, aber doch ärgerte er sich oft über ihn. Sein Vater sagte immer wieder: „Sieh dir den Heinrich an, Bube, so sauber und fix mußt du auch einmal werden. Der arbeitet wie ein anderer tanzt.“

Heine Peterle fand es etwas beschwerlich, immer an künftige Arbeit gemahnt zu werden, er war überhaupt mehr für Ferientage und Freistunden eingenommen, und Heinrich mit seinem Fleiß war ihm manchmal etwas unheimlich. Als wollte der Knecht ihm einen besonderen Schabernack spielen, so kam es ihm vor, und so sagte er auch an diesem hellen, stürmischen Herbsttag beleidigt zu Schulzens Jakob: „Dem Heinrich müßte man mal einen Streich spielen.“

„Ja, das könnte ihm nichts schaden,“ stimmte Schulzens Jakob zu und sah gespannt auf einen rotleuchtenden Apfel, der just vom Baume fiel. Er meinte, es sei gut, diesen aufzuessen, und weil noch mehr Äpfel am Boden lagen, fiel es auch Heine Peterle ein, daß Äpfelessen eine ganz angenehme Beschäftigung sei.

Die Buben schmausten ein Weilchen, aber plötzlich hielt Heine Peterle inne und rief stolz: „Jetzt weiß ich was.“ Und nun bekam Schulzens Jakob eine ungeheuer komische, geheimnisvolle Geschichte zu hören, über die er in ein wahres Freudengeheul ausbrach. Die Buben schüttelten sich vor Lachen, redeten aufgeregt miteinander, vergaßen das Äpfelessen und stürzten zuletzt eifrig auf die Kürbisbeete zu. Die trugen reichen Segen; es gab da Früchte in allen Größen, wie schwere goldene Klumpen lagen sie im Sonnenlicht. Rasch überschauten die Buben den Garten, – niemand war darin. Über dem Zaun, der den Garten vom Hofe schied, hing Wäsche, und gerade sahen die Buben noch Muhme Rese im Hause mit dem leeren Korb verschwinden; sie hatte wohl gerade die Wäsche über den Zaun gebreitet. Auch auf dem Hofe war es still, ein paar Hühner gackerten schläfrig darauf herum, sonst war kein Laut zu hören.

Geschwind nahmen die Buben jeder einen mittelgroßen, länglichen Kürbis und verschwanden damit im äußersten Winkel des Gartens, in einer kleinen Bretterbude, die zur Aufnahme von allerlei Gerät diente.

Am nächsten Tage sagte Heine Peterles Mutter beim Mittagessen ärgerlich: „Es fehlen zwei Kürbisse im Garten, gerade zwei, die ich morgen zu Mus verkochen wollte.“

„Na nun,“ sagte der Bauer erstaunt, „wer sollte denn in unserm Garten Kürbisse stehlen!“

In diesem Augenblick steckte Heine Peterle ein solches Riesenstück heiße Bratwurst in den Mund, daß er krebsrot wurde, so mußte er an dem Bissen würgen und schlucken.

„Schäme dich doch, so gierig zu sein!“ schalt die Mutter. „Man muß dich wirklich mal in die Stadt schicken, damit du dich anständig benehmen lernst.“

Heine Peterle wäre gewiß noch röter geworden, wenn das nur gegangen wäre, er fiel mit seiner Nase beinahe auf den Teller, und Heinrich, der ihn beobachtet hatte, dachte bei sich: „Na, da stimmt doch etwas nicht. Von der Bratwurst ist der Bube doch nicht so verlegen geworden.“

Am Nachmittag des nächsten Tages kam die Schulzenfrau sehr aufgeregt zu Heine Peterles Mutter und erzählte ihr, zwei von ihren guten, weißen Bettüchern seien vom Trockenplatz fortgeflogen. Oder sollten sie gar gestohlen worden sein?

Es gab eine große Aufregung im Dorfe. Die Schulzenfrau suchte nach ihren Bettüchern, Heine Peterles Mutter erzählte von den verschwundenen Kürbissen, und kein Mensch konnte sich die Sache zusammenreimen.

„Wenn nur nicht eine Dummheit von ein paar Kindern dahinter steckt,“ sagte Muhme Lenelies, als sie die Sache erfuhr. Sie fragte daheim ihren Friede aus, aber der sah sie mit seinen schönen, blauen Augen treuherzig erstaunt an, – nein, der wußte von nichts.

An diesem Nachmittag war Heinrich nach seinem Heimatdorf gegangen und kehrte erst spät am Abend wieder heim. Es war ein dunkler, stürmischer Herbsttag. In dem Dorfe waren schon alle Leute zu Bett gegangen; am besten schlief vielleicht Hans Rumps, der Nachtwächter, in einem Leiterwagen des Schnipfelbauern. Heinrich ging immer, wenn er aus seinem Dorfe heimkehrte, einen ganz schmalen Weg entlang, der zwischen des Schulzen und seines Bauern Garten hindurchführte, er brauchte dann nicht erst die breite Dorfstraße hinab zu gehen. An diesem Herbstabend war es sehr dunkel, der Mond war nicht verpflichtet zu scheinen, und die Sterne hatten keine Lust dazu. Doch Heinrich kannte den Weg gut, und so schritt er fröhlich dahin. Plötzlich sah er in einem ungewissen Lichte etwas Weißes flattern und schweben, und als er näher kam, tauchten aus dem Dunkel der Nacht zwei Paar glühende, funkelnde Augen auf. Da standen rechts und links am Wege zwei weiße, hohe Gestalten, deren Gewänder im Winde hin und her wehten; gespensterhaft und unheimlich genug sah es aus.

„Potzwetter,“ rief Heinrich im ersten Augenblick erschrocken, aber gleich darauf sagte er laut: „Ei, die verflixten Buben! Na wartet, euch zahl' ich's heim!“ Er ging beherzt auf die weißen unheimlichen Gesellen zu, und bald darauf sah der Hofhund des Schulzenhauses einen Mann über die Gartenmauer klettern, eine Leiter an das Haus anlehnen und oben vor einem Kammerfenster eine weiße Gestalt befestigen. Den braven Sultan ärgerte die Geschichte sehr, er begann wütend zu bellen. Aber das störte den Mann auf der Leiter gar nicht; er schlug mit der Faust einige Male so kräftig an das Fensterchen, daß die Scheiben nur so klirrten und dröhnten, und dann stieg er geschwind von der Leiter herab und kletterte wieder zurück über die Gartenmauer. Der arme Sultan bellte sich ganz heiser, und zuletzt erwachte der Schulze von dem Gebell, aber just in diesem Augenblick tönte ein so gellendes Geschrei durch das Haus, daß alle Hausbewohner munter wurden.

„Der Jakob schreit,“ rief die Bäuerin und lief nach oben, ihr folgte ihr Mann und die Magd, die im Hause schlief, und alle stürzten sie in Jakobs Kammer. Da saß der Bube in seinem Bett und brüllte jämmerlich, und nebenan klang Röses und der kleinen Geschwister Schreien. „Na Jakob, was... du meine Güte!“ Die Mutter starrte entsetzt nach dem Fenster, – in das Kämmerlein hinein schauten ein paar glühende Augen, und das schwebte und flatterte weiß vor dem Fenster auf und nieder.

„Zum Kuckuck, was ist denn das?“ schrie der Schulze, sprang hin, riß das Fenster auf und holte das Gespenst herein.

Die Magd schrie noch lauter als Jakob und wollte unter das Bett kriechen, wozu sie freilich zu dick war; sie mußte es aufgeben und kauerte sich nur in einer Ecke zusammen. „Mein Bettuch,“ rief die Bäuerin verdutzt, „und ein Kürbiskopf, ja, und Jakob – ist das nicht deine Laterne?“

Jakob war ganz jäh unter das rotkarierte Federbett gekrochen, aus der Tiefe heraus tönte dumpf und unheimlich sein Geheul.

„Ih, du unnützer Bengel du,“ sagte der Schulze, „mir scheint, du weißt etwas von der Sache. Komm einmal hervor, aber rasch, sonst...“

Jakob hielt es für geratener, dem väterlichen Befehl zu folgen. Schluchzend, jammernd, noch an allen Gliedern vor Schreck zitternd, beichtete er, daß er und Heine Peterle für Heinrich Gespenster aufgestellt hätten, und da Gespenster entschieden weiße Gewänder brauchen und Köpfe haben müssen und Augen, die unheimlich leuchten, da –

„Unnützes Gesindel ihr!“ schalt der Schulze. Für Jakob sah die Sache in diesem Augenblick höchst bedenklich aus, und er blickte sich gerade ängstlich um, vielleicht gelang ihm das Untersbettkriechen besser als der Magd. In diesem Augenblick trat die Großmutter ein. Auch sie war von dem Lärm erwacht, und ihr gutes, altes Frauengesicht trug einen ängstlichen Ausdruck. „Was gibt es denn?“ fragte sie. Als sie die Jammergeschichte erfahren hatte, da lachte sie lieb und herzlich und sagte schelmisch: „O du dummer Bube, nun hast du dich ja vor deinem eigenen Gespenst gefürchtet!“

Jakob nickte, und dicke, dicke Tränen rollten über seine Pausbacken. Das Lachen der Großmutter aber fand Widerhall: des Schulzen Gesicht klärte sich auf, seine Frau lachte, die Magd kam aus ihrer Ecke heraus und lachte, und an der Tür, die zur Nebenkammer führte, stand Röse mit den zwei kleinen Geschwistern, und die drei Hemdenmätzchen lachten, daß sie ordentlich wackelten, und Hansele, der kleinste Bub, schrie keck mit krähendem Stimmlein: „Oh, is unse Jakob dumm, bitzdumm!“

Das war nun sehr beschämend für Jakob, und da er nicht unter das Bett kriechen konnte, kroch er tief hinein, zog sich das Deckbett über die Ohren und schluchzte und stöhnte jammervoll. Der Vater meinte nun auch, der Bube sei durch die ausgestandene Angst schon genug bestraft, er zog ihn nur ein wenig an dem dicken schwarzen Schopf, der unter dem Deckbett hervorsah, und sagte anscheinend streng, während doch ein heimliches Lachen in seinen Augen lag: „Die Gespenstergeschichten läßt du mir aber jetzt, Bube, wenn ich noch einmal von dem Unsinn höre, dann...“

Weiter sagte der Vater nichts, Jakob verstand ihn aber auch so, und er war herzlich froh, als er endlich wieder allein in seiner Kammer war und es still im Hause wurde. Mit Nachdenken hielt er sich nicht weiter auf, er drehte sich um und schlief geschwind wieder ein, schlief galopp, denn er mußte doch die versäumte Stunde nachholen.

Um die gleiche Zeit lag Heine Peterle in seinem Bett und stöhnte vor Angst. Er war von einem schweren, dumpfen Poltern an seiner Kammertür erwacht, und aufschauend hatte er etwas ganz Schreckliches erblickt. An der Türe stand eine weiße Gestalt, und zwei glühende Augen funkelten ihn an. Gräßlich sah das aus, ein Gespenst war es, nichts anderes. Heine Peterle kroch unter sein Deckbett, und es wurde ihm glühend heiß darunter. Er pustete und ächzte, und es war ihm, als käme leise, leise etwas auf ihn zu.

Zu schreien wagte er gar nicht, er atmete nur schwer. Er meinte allerlei seltsame Geräusche zu hören, Tappen und Schreiten, das näher kam. Ach, sicher hatte irgend ein Gespenst es übel genommen, daß Jakob und er Gespenster hatten nachahmen wollen, und kam nun, ihn zu bestrafen.

Ein Weilchen lag er so da, endlich wagte er wieder unter seinem Bett hervorzuschauen. O Himmel, da stand das Gespenst ja immer noch!

Nein – es kam doch näher! Es schwankte – neigte sich und – plumps! fiel es polternd, klirrend zu Boden.

Rutsch! war Heine Peterle wieder in seinem Bett verschwunden, immer heißer wurde es ihm vor Angst. Nun würde das Gespenst ihn anpacken, ihm den Hals umdrehen oder sonst etwas Schreckliches tun. Fürchterliche Dinge fielen dem Buben ein. Er meinte schon eine kalte, harte Hand zu fühlen, – aber es blieb alles still.

Nichts rührte und regte sich in der Kammer, und endlich wagte der Bub doch wieder unter dem Deckbett hervorzusehen. Da sah er zu seinem maßlosen Erstaunen das Gespenst auf der Erde liegen. Es rappelte sich kein bißchen, und die glühenden Augen waren erloschen.

Das war doch ein seltsames Gespenst. Heine Peterle kroch wieder unter sein Deckbett, pustete und ächzte wieder ein Weilchen und schaute dann wieder zum Bett heraus.

Das Gespenst lag noch immer am Boden, muckstill lag es da. Da legte sich des Buben Angst etwas, da er aber kein Licht hatte, konnte er sich das weiße Ding nicht näher ansehen. Eine Ahnung jedoch stieg in ihm auf, daß Heinrich vielleicht nicht so ganz unschuldig an dieser Gespenstererscheinung sein möchte.

Zur Sicherheit freilich kroch Heine Peterle aber doch wieder unter sein Deckbett, – man konnte nicht wissen! Zwei-, dreimal noch steckte er den Kopf aus dem warmen Nest heraus, immer lag das weiße Ding still am Boden. Da gab der Bub das Nachsehen auf und schlief wieder ein.

Am nächsten Tage beim Mittagessen – bis dahin hatte sich Heine Peterle ihm ferngehalten – fragte Heinrich so recht verschmitzt: „Na, Heine Peterle, hast du gut geschlafen?“

Der Bube wurde so rot, daß die Eltern, Muhme Rese und die Mägde ihn ganz erstaunt ansahen, und nun erzählte Heinrich, der böse Heinrich, die ganze Gespenstergeschichte. Dabei gab es Klöße mit Backobst, und Heine Peterle konnte vor Verlegenheit von dem guten Gericht gar nicht so viel essen als sonst, beinahe hungrig stand er vom Tisch auf. Es ist wirklich nicht schön, ausgelacht zu werden.

Zum Überfluß kam nachher noch die Schulzenfrau und erzählte, wie es bei ihnen gespukt hätte, und daß auch ihr zweites Bettuch früh auf einmal auf dem Zaun gehangen hätte.

Und Heine Peterle mußte Abbitte im Schulzenhaus tun, und Schulzens Jakob kam zu Heine Peterles Mutter abbitten, – es war sehr peinlich.

Seitdem wollen die Buben nichts mehr von Gespenstern wissen, die sind doch ein zu dummes Gesindel, und um Heinrich machten die Buben noch lange, lange einen weiten Bogen herum.

Es hat in der Zeitung gestanden.

„Es ist doch wirklich toll, was alles auf der Welt passiert!“ brummte der Oberheudorfer Schulze an einem Sonntagnachmittag und schaute über seine Zeitung weg seine Frau an. „Nä, so was aber auch!“

„Was gibt's denn?“ fragte die Bäuerin und hielt im Nähen inne. Der Oberknecht, der gerade seinen Sonntagsstritzel verzehrt hatte, und Jakob, der noch mit vollen Backen kaute, sahen auch beide gespannt auf den Bauern; wenn der die Zeitung las, wußte er nachher immer etwas zu erzählen. Der Schulze knurrte, lachte und rief kopfschüttelnd: „Potzwetter nochmal, so dumm! Nur gut, daß sie noch Wagen und Pferd gefunden haben!“

„Was für einen Wagen? Was für ein Pferd?“ fragte die Bäuerin ein wenig ungeduldig.

Ihr Mann aber zog erst noch einmal kräftig an seiner Pfeife, blies Jakob eine dicke Rauchwolke ins Gesicht, rückte sich dann die Brille zurecht und las endlich langsam und feierlich vor: „Bei dem letzten Pferdemarkt in N.....burg ist der Lederhändler Matthias Haberland auf eigenartige Weise bestohlen worden. Er stand dicht neben seinem Wagen mit einigen Bekannten zusammen und merkte nicht, daß sich ein Fremder auf den Wagen setzte und einfach davonfuhr. Bekannten des Händlers, denen der Dieb unterwegs begegnete, rief der zu: „Wir haben schon alles Leder verkauft.“ Pferd und Wagen fand man später auf der Landstraße, alles Leder aber war spurlos verschwunden.“

„Nä, so'n Döskopp,“ rief der Oberknecht lachend, „steht neben seinem Wagen und merkt nicht, daß der davongefahren wird!“ Er redete mit dem Bauern und der Bäuerin noch hin und her über die sonderbare Sache, während Jakob geschwind hinauslief. Draußen erzählte er seinen Kameraden auf der Dorfstraße sehr wichtig die Geschichte.

„So dumm,“ rief Heine Peterle, „den Dieb davonfahren zu lassen! Ich hätt's nicht getan.“

„Ich auch nicht, nä, bestimmt nicht,“ riefen drei, vier Stimmen, und alle Buben waren gleich miteinander einig, daß eben nur in der Stadt solche Dummheiten passieren könnten.

„'s ist nischt los mit der Stadt,“ brummte Heine Peterle verächtlich und schoß mitten auf der Dorfstraße, trotz Sonntagshosen und Sonntagskittel, einen so wundervollen Purzelbaum, daß seine Kameraden ihn darum ordentlich anstaunten.

Etliche Tage später marschierten Schulzens Jakob und Röse, der dicke Friede und Schnipfelbauers Fritz im Frühlingssturm heimwärts. Sie kamen alle vier von Berenbach, einem Dorf, das etwa eine Stunde übern Berg von Oberheudorf entfernt lag. Die Berenbacher Kinder kamen nach Oberheudorf in die Schule, und darum sagten die Oberheudorfer Buben und Mädel gern: „Pah, die Berenbacher, das sind die Rechten, nicht einmal eine Schule haben sie!“ Im ganzen aber konnten die Oberheudorfer Kinder die von Berenbach gut leiden, besser als die Niederheudorfer Buben und Mädel, denn die waren in ihren Augen eben dort schrecklich eingebildet auf die drei Kramläden im Dorf und auf sonst noch allerlei. Die vier Wanderer waren mit ihren Gedanken noch in Berenbach; sie waren dort bei des dicken Friede Muhme gewesen, die sie mit Kaffee und Kuchen gut aufgenommen hatte. Davon sprachen sie und von den beiden weißen Ziegenböcken im Stall der Muhme, und daß die Berenbacher Kinder es doch eigentlich recht gut hätten, daß die Schule nicht im Dorf wäre. Wenn zum Beispiel einmal Hochwasser war oder im Winter haushoher Schnee lag, dann brauchten sie gar nicht in die Schule zu gehen. Nun lag an diesem Tage weder haushoher Schnee noch zeigte der Bach Lust, ein Hochwasser zu verursachen. Doch daß der Frühling gekommen war, sah man schon überall. Büsche und Bäume trugen feine Blättchen und dicke Knospen, und auf dem Boden des Waldes, durch den die Kinder gingen, blühten Anemonen, Himmelsschlüssel, Küchenschellen und noch manch feines, zierliches Blümchen. Der Kuckuck ließ trotz des brausenden Sturmes seinen lockenden Ruf ertönen, einmal rief er da, einmal dort, als wollte er die Kinder auffordern, ihm zu folgen.

Schulzens Jakob wollte an diesen Frühlingswahrsager gerade allerlei Zukunftsfragen stellen, als Schnipfelbauers Fritz auf einmal rief: „Guckt nur, da steht ein Wagen ganz allein!“

Im Nu waren alle vier am Wagen, standen und staunten, als hätten sie in ihrem Leben noch keinen solchen Wagen gesehen. Dabei war es ein ganz einfacher Planwagen, wie ihn die Leute in der Gegend nahmen, wenn sie zum Markt fuhren. Darauf saß niemand, darin lag niemand, er hätte gerade zwischen dem Stroh liegen müssen, das bis an den Kutschersitz heranreichte. Das braune Pferdchen, das vor den Wagen gespannt war, stand still und ergeben da und machte ein Gesicht, als wollte es sagen: „Na, wißt ihr, unterhaltsam ist die Sache nun gerade nicht.“

Den vier Kindern freilich war die Begebenheit sehr unterhaltsam. Ein bißchen neugierig, ein wenig Hans Dampf in allen Gassen waren die Oberheudorfer Buben und Mädel fast alle, und so guckten, wisperten und tuschelten denn jetzt auch die vier sehr eifrig miteinander; alle Tage findet man ja selbst in Oberheudorf nicht einen Wagen ohne Fuhrmann auf der Landstraße.

„Der Wagen sieht wie der unsrige aus,“ meinte Schnipfelbauers Fritz.

„Wir haben auch so einen,“ sagte Röse eifrig, „ganz genau so!“

„Das ist so, wie es neulich in der Zeitung stand,“ rief der dicke Friede nach einem Weilchen. „Ganz genau so ist's! Der Wagen ist sicher gestohlen worden.“

„Huh, ist das graulich!“ rief Röse. „Ich reiße aus!“

„Furchttrine,“ sagte ihr Bruder, „wir – wir nehmen den Wagen einfach mit.“

„Ja,“ schrieen Schnipfelbauers Fritz und Friede begeistert. Beide begannen geschwind auf den Bock zu klettern, Jakob folgte und Röse auch; sie hatte Angst, die drei Kameraden würden sie allein im Walde lassen. Auf dem Bock war es zwar etwas eng, und jedes saß beinahe auf des andern Schoß, aber das störte die vier weiter nicht, sie waren sehr befriedigt und fanden das Abenteuer wundervoll. Schulzens Jakob ergriff keck die Zügel, alle miteinander riefen „hühhott!“ und weil das Pferd nicht gleich laufen wollte, nahm Fritz die Peitsche und knallte damit.

In diesem Augenblick schrie jemand hinter dem Wagen laut auf. Die Kinder sahen sich entsetzt an. „Der Dieb!“ jammerte Röse, aber schon hatte Fritz die Peitsche dem armen Pferdchen um die Ohren geschlagen, und das nahm dies gewaltig übel. Hühhott brauchte nun keiner mehr zu schreien, das Pferd raste wie besessen davon, und ein lautes Schreien tönte ihm nach.

„Der Dieb, der Dieb!“ tuschelten die Kinder, das Pferdchen rannte, und da der Weg bergab ging, wurde es eine tolle Fahrt. Jakob merkte bald, daß das Pferd lief, wie es wollte, nicht, wie er wollte. Jakob fuchtelte mit der Peitsche verzweifelt in der Luft herum, und die beiden andern stöhnten und klagten immer abwechselnd.

Das Pferd kümmerte sich nicht im geringsten darum, es raste immer wilder bergab. Einmal flog der Wagen rechts herum, einmal links herum, einmal hopste er wie ein Frosch, der einen Tümpel sieht. Und innen im Wagen begann es seltsam zu klirren und zu poltern. Den Kindern wurde es himmelangst; zuletzt verlor Fritz die Peitsche, Jakob ließ die Zügel sinken, und alle brüllten miteinander, so laut sie nur konnten.

„Jetzt fallen wir alle in den Graben,“ dachte Friede verzweifelt, als Oberheudorf auftauchte und es kurz vor dem Dorf ziemlich steil bergab ging. Sie fielen aber nicht, es gab auf einmal einen Ruck. Friede Hopserling stand neben dem Wagen, hielt das Pferd am Zügel, und laut rufend und jammernd öffneten sich die Haustüren, und alle, die daheim waren in Oberheudorf, kamen angelaufen; die meisten Männer waren freilich draußen auf dem Felde. Etliche Frauen kamen an, Mädel und Buben, Hunde, Gänse, zwei Ziegen, Hühner, und wer sonst noch den Lärm gehört hatte.

Die vier Kinder auf dem Bock waren ganz verdattert und konnten zuerst auf alle Fragen gar keine Antwort geben. Endlich, nachdem der Vater des dicken Friede seinen Buben ein wenig hin und her geschüttelt und seine Mutter ihm versprochen hatte: „Nachher bekommst du ein Honigbrot,“ konnte der Bube die wunderbare Begebenheit erzählen.

„Tut, tut!“ blies Hans Rumps rasch in sein Horn, denn die Sache schien ihm so ungeheuer wichtig, daß er sie beblasen mußte.

„Seid doch still!“ murrte der Bauer ärgerlich. „Was soll denn die dämliche Blaserei dabei?“

Hans Rumps schwieg gekränkt, seiner Meinung nach gab das Blasen der Geschichte erst die nötige Feierlichkeit. „Der Schulze muß her,“ sagten ein paar Stimmen, „man muß doch wissen, wem Pferd und Wagen gehören.“

„Ich meine, es sieht so – so bekannt aus,“ brummte Friede Hopserling und ging um den Wagen herum, das Schild zu lesen, das jeder Wagen haben mußte. Es war keins da, und Schulzens Jakob, der sich jetzt auch darauf besonnen hatte, daß er einen Mund besaß und sprechen konnte, sagte wichtig: „Das hat der Dieb abgemacht.“

Die Leute sahen sich an. Ja, so war es wohl, und Hans Rumps blies wieder in sein Horn. „Tut, tut, tut, tut, der Schulze muß herbei.“ Der kam gerade mit etlichen Bauern und Knechten vom Feld, und als die Männer beim ersten Haus vom Dorf das Blasen hörten, kamen sie sehr eilig angelaufen. Wenn Hans Rumps blies, da war etwas nicht in Ordnung, und der Schulze dachte: „Na, was wird das wieder für eine Dummheit sein!“

Die Bauern kamen von der einen Seite angerannt, von der andern kam die Schnipfelbäuerin. Der hatte Mine, die Wirtsmagd, zugerufen: „Bäuerin, Fritz hat beinahe ein Dieb mitgenommen. Außerdem ist er halbtot gefahren!“

Die arme Frau rannte in ihrer Angst alles um, was ihr in den Weg kam. Sie hätte so auch beinahe den Schulzen umgerannt, doch der hielt sie fest und fragte, was los sei. „Mein Fritz, mein Fritz!“ jammerte die Frau. Mine, die voran lief, drehte sich um und rief: „Schulze, der Jakob ist auch dabei.“

„Donnerwetter,“ rief der Schulze, „na, ich dachte es doch! Sicher ist es eine Dummheit!“ Er lief auch dahin, wo der Wagen stand, er sah seine Kinder, Jakob erzählte, Röse heulte, die Schnipfelbäuerin hielt ihren Fritz im Arm, und ein paar Stimmen riefen dem Schulzen entgegen, was geschehen war. Verstehen konnte der zuerst in allem Geschrei und Gelärm nichts, endlich aber erzählte Jakob stolz und leidlich vernünftig, was sich eigentlich zugetragen hatte.

Der Schnipfelbauer kam auch vom Feld, auch er hörte den Lärm, und natürlich kam er so geschwind herbei, als er laufen konnte. „Na nu,“ schrie er, „was ist denn mit meinem Wagen passiert?“

„Mit Eurem Wagen?“ fragte der Schulze, und etliche Stimmen wiederholten: „Mit Eurem Wagen?“

„Mit unserm Wagen?“ rief die Schnipfelbäuerin, die bis dahin nur ihren Buben und nicht den Wagen angeschaut hatte.

„Na freilich mit unserm Wagen, mit dem die Kathrine nach Hohenstein zum Markt gefahren ist. Ich werde doch unsern Wagen kennen, wenn auch das Schild fehlt!“

„Und die Kathrine fehlt auch,“ rief die Bäuerin entsetzt.

„Ach wo, die ist hier,“ schrie just da eine Stimme. Keuchend, prustend, puterrot und fuchsteufelswild kam die Magd angetrabt, unter dem einen Arm ein Wagenschild, unter dem andern eine Peitsche. „So eine freche Bande! Nä, die Buben, und unser Fritz immer voran! Haue müssen sie haben, daß es nur so klappt. So was, aber so was auch, mir armen Person solchen Schrecken einzujagen! Immer ungezogener werden sie, die heillosen Buben. Na, wenn ich der Herr Lehrer wäre, ich brächte ihnen die Flötentöne bei, ich....“ Schwapp hatte Fritz einen Katzenkopf rechts, Schulzens Jakob einen links, und hätte die Kathrine vier Hände gehabt, dann hätten Friede und Röse auch noch ihr Teil bekommen.

„Aber Kathrine, Kathrine,“ riefen Bauer und Bäuerin, „was ist denn geschehen? Die Buben sagen doch, der Wagen hätte allein auf der Straße gehalten.“

„Nu freilich,“ murrte die Magd, „dicht dabei hab' ich ein paar Kräuter gepflückt, 's war noch so früh am Tage, und unsere arme Liese sollte sich ein Weilchen ausruhen. Ich sehe die drei Buben und Schulzens Röse kommen, die bleiben am Wagen stehen; na, ich denk' mir nichts dabei und geh' ein paar Schritte tiefer in den Wald. Nä, und auf einmal – ich denk', ein Mäuschen beißt mich – höre ich die Peitsche knallen und sehe den Wagen haste nicht gesehen davonfahren. Ich schrei, aber ach, da hätte ja wohl eher so eine alte dicke Tanne guten Tag gesagt, ehe die dreimal unnützen Buben gehört hätten. Sie rasten davon, ich hinterher, ich merkte doch, daß unsere Liese durchgeht. Unterwegs habe ich dann die Tafel gefunden und die Peitsche, und wenn's gerecht zuging, dann kriegten jetzt alle vier mit der Peitsche tüchtige Haue.“

Die vier Missetäter entschuldigten sich: „Wir dachten doch, er wäre gestohlen, huhuhu, es hat doch so was in der Zeitung gestanden!“

„Ach du meine Güte, nu denk' ich erst an unsere Töpfe,“ jammerte Kathrine in das Kindergeschrei hinein. „Wenn die entzwei gegangen sind bei dem Gefahre!“ Sie sprang auf den Wagen, kauerte im Stroh und warf plötzlich klagend etliche Scherben heraus; drei von den neuen Töpfen waren wirklich entzweigegangen, kurz und klein zerschlagen bei der tollen Fahrt.

Anton Friedlich stieß Heine Peterle an, denn natürlich standen die beiden auch dabei und sahen zu, und tuschelte: „Ausreißen wäre am besten!“

Heine Peterle nickte, er teilte des Kameraden Meinung vollständig, und die vier Missetäter wären sicher auch himmelgern ausgerissen, wenn sie nur gekonnt hätten; sie standen aber so mitten drin im Gewühl, daß sie sich gar nicht rühren konnten. Der braunen Liese nun schien das Ausreißen an diesem Tage besonders zu gefallen, vielleicht war ihr auch das Geschrei zu groß, kurz, sie zog ganz plötzlich an und rannte heidi davon. Kathrine, die auf dem Wagen stand, fiel vor Schreck zwischen die neuen Töpfe, und alle andern rannten hinter der wilden Liese drein. Doch die kannte ihren Weg; sie bog rechts um und stand wenige Minuten später auf dem Hofe des Schnipfelbauern. Sie hatte wohl an diesem Tage genug von aller Lauferei und wollte in ihren Stall zurück.

In diesem Wirrwarr flüsterte Röse ihrem Bruder zu: „Wir wollen zu Muhme Lenelies gehen, sie muß doch die Geschichte wissen!“ Schnipfelbauers Fritz und Friede riefen gleich: „Wir gehen mit!“ und trapp, trapp rannten alle vier links herum und langten bald atemlos bei Muhme Lenelies an. Die Muhme war daheim, sie freute sich auch und lachte auch sehr über die Geschichte und fand es äußerst nett, daß die Kinder gleich zu ihr gekommen waren. Sie wunderte sich kein bißchen darüber; es kam öfters vor, daß sich Oberheudorfer Buben und Mädel, wenn sie eine Dummheit gemacht hatten, erst etwas bei Muhme Lenelies erholten. Das Häuschen der Muhme lag so schön abseits wie eine Burg, in der man sicher und wohlbehütet sitzt, kam es den Kindern zu Zeiten vor, obgleich das windschiefe kleine Haus sonst gar keine Ähnlichkeit mit einer Burg hatte.

Sehr spät verließen die vier an diesem Tage ihre Burg, und in der Zeit, die verronnen war, hatte sich Kathrines Zorn etwas gelegt, ihr lautes Schelten hatte sich in leises Brummen verwandelt. Fritz kam also noch so leidlich bei der Sache fort. Der Schulze aber sagte: „'s ist nur gut, daß wir keine Zeitung in Oberheudorf haben, sonst käme die Geschichte noch hinein, denn Dummheiten lesen die Leute allemal gern, und eine Dummheit war's doch von den Kindern, potzwetter ja!“

Als die Berenbacher Kinder aber die Geschichte am nächsten Tage erfuhren, da fanden sie sie nicht dumm, sondern wundervoll, und sagten zu den Oberheudorfern: „Das nächste Mal bringen wir euch heim, vielleicht passiert wieder was!“

Ein kleiner Held.

Muhme Lenelies war allzeit eine flinke, fleißige Frau, immer wohlgemut und guter Dinge, und sie pflegte mitunter lachend zu sagen: „Das Kranksein lasse ich gar nicht erst zur Türe hinein!“ Aber einmal, Traumfriede war noch nicht allzu lange ihr Pflegesohn, kam doch das Kranksein unversehens zur Türe hineingerutscht, und die arme Muhme Lenelies bekam einen bösen Husten, der sie arg quälte. Weil die Muhme nun aber die besondere Gabe hatte, alle Dinge, auch die schweren und trüben, durch eine rosenrote Brille anzuschauen, so fand sie, auch das Kranksein habe seine freundlichen Lichtseiten. Sie sagte oft: „Es ist doch behaglich, daß ich bei dem bösen Sturm nicht hinausbrauche, aber am schönsten ist es doch, daß man in Krankheitstagen sieht, wie gut doch eigentlich viele Menschen sind.“

„Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, Muhme,“ erwiderte ihr darauf einmal die Frau Lehrerin. „Wäret Ihr nicht allzeit so hilfsbereit, dann kümmerte sich just wohl niemand um Euch.“ Das mochte schon wahr sein, aber wenn es auch ehrlich verdiente Liebe und Teilnahme war, wohl tat sie der alten Frau sehr, denn obgleich sie die rosenrote Brille hatte, eine schwere Zeit war die der Krankheit doch für sie. Über nichts aber freute sie sich in diesen Tagen so sehr wie über ihres Pflegesohnes Liebe. Traumfriede tat der Muhme alles Gute an, was er ihr nur an den Augen absehen konnte; er arbeitete von früh bis abends, hielt das Häuschen schmuck und sauber, ja er suchte noch da und dort ein paar Pfennige zu verdienen, damit nicht alle mühsam erworbenen Spargroschen daraufgingen. „Wie eine Königin hab' ich's,“ sagte die Muhme mitunter zu Friede. „Ich habe einen Diener, das bist du, einen Koch, das bist du, eine Kammerzofe, das bist du, eine Magd, das bist du auch, und Hofmarschall und Mundschenk dazu, – soll einer sich so viele dienstbare Geister suchen.“ –

Der Winter war in diesem Jahre gleich mit viel Schnee und Kälte eingezogen und blieb auch ein strenger Gast. Als der Februar herankam, da lag noch so viel Schnee in Oberheudorf, als hätte der Winter erst angefangen. Acht Tage schneite es ununterbrochen. Alle Gräben und Wege verschneiten, die Berenbacher Kinder konnten nicht mehr in die Schule kommen, und eines Sonnabends mußten es die Oberheudorfer Bauernfrauen aufgeben, zum Markt zu fahren. „Man kommt nicht mehr durch,“ sagten sie.

Traumfriede erzählte dies am Freitag nachmittag seiner Pflegemutter, und Muhme Lenelies, die in ihrem Lehnstuhl am Ofen saß, seufzte ein wenig: „Ich dacht's mir balde! Na, da muß man auch zufrieden sein.“

„Muhme,“ rief Traumfriede erschrocken, „deine Tropfen sind doch alle, und wenn morgen niemand in die Stadt fährt, mußt du ja so lange noch warten?“

„Freilich, mein Junge,“ sagte die alte Frau gelassen, „die Tropfen werden mir schon fehlen, aber vielleicht geht der Husten auch ohne Tropfen weg. Schneide nicht so ein betrübtes Gesicht, man muß froh sein, wenn man eine warme Stube hat. Horch nur, wie draußen der Wind heult.“

Friede nickte stumm. Es tat ihm unendlich leid, daß die Pflegemutter keine Tropfen mehr hatte. Sicher wurde der Husten noch schlimmer. Der Doktor hatte, als er vor acht Tagen dagewesen war, ihn sehr ermahnt, an die Tropfen zu denken, und gesagt, die Krankheit könnte leicht schlimmer werden, wenn die Kranke die Tropfen nicht pünktlich einnähme.

In dieser Nacht heulte der Sturm so um das winzige Häuschen herum, als wollte er es nehmen und wie eine Spielzeugschachtel forttragen. Dazu peinigte die arme Muhme Lenelies der Husten heftig, und erst lange nach Mitternacht schlief sie ermattet ein. Als sie am Morgen erwachte, brannte die Lampe, im Ofen war Feuer, und das Stübchen war ganz behaglich warm. „Ei, der Friede, der Tausendsassa, hat sich aber dazugehalten,“ dachte sie und richtete sich etwas auf. Wo war denn der Bub? Sie klopfte an die Wand der Kammer, in der Friede schlief, aber alles blieb still. Sie richtete sich etwas auf, da sah sie, wie schon die Kaffeekanne auf dem Ofen stand, und auf dem Tisch an ihrem Bett stand die Tasse und ein Wecken lag daneben. „Du meine Güte,“ murmelte die Muhme, „da habe ich es richtig verschlafen, und der Bub ist schon in die Schule gegangen. Wie dunkel es aber noch ist!“

Es war in den Tagen ihrer Krankheit schon manchmal vorgekommen, daß Friede bereits in die Schule gegangen war, wenn sie aufwachte. Der Bube besorgte immer alles so leise wie ein Heinzelmännchen, und die Pflegemutter schlief oft erst gegen Morgen ein. Muhme Lenelies holte sich also ihren Kaffee herbei, trank ihn und blieb dann still in ihrem Bett liegen, denn die Brust tat ihr weh von dem Husten.

Der Sturm heulte draußen immer noch, und sehr langsam nur wurde es hell. Die Muhme, die sonst nicht ungeduldig war, dachte an diesem Tage manchmal: „Heute will es auch gar nicht Mittag werden!“ Endlich hörte sie draußen Schritte, jemand kam. Sie lauschte, – Friede war es nicht, also wohl eine Nachbarin, die nach ihr sehen kam. Gleich darauf trat auch, auf das Wetter scheltend, die Schnipfelbäuerin ein. Sie wohnte ganz nahe und hatte der Muhme schon öfters in den Tagen der Krankheit eine gute Suppe gebracht. Auch heute kam sie mit einem Topf Essen an. Sie stellte es der Kranken an das Bett, holte einen Teller herbei und sagte: „Nun eßt nur, der Friede hat mich gestern abend noch himmelhoch gebeten, Euch ja nicht zu vergessen, weil er doch heute nicht daheim ist.“

„Ei,“ rief Muhme Lenelies und vergaß vor Erstaunen fast das Dankeschön, „wo ist denn mein Friede? Kein Sterbenswörtchen hat er mir vom Fortgehen gesagt.“

„Na sehe einer den Buben an,“ sagte die Bäuerin, „ganz heimlich geht er auf Arbeit. Wo er ist, hat er mir auch nicht gesagt, aber am Samstag gibt es halt überall Arbeit, und der Friede läßt sich schon gebrauchen. 's ist recht von ihm, daß er darauf sieht, ein paar Groschen zu verdienen. Ich wollte, mein Fritz wäre nur halb so fleißig und anstellig, aber das ist ein richtiger Faulpelz. Nur wenn es gilt, dumme Streiche zu machen, da ist er dabei. Mein Mann sagt immer, ihm käme die Nichtsnutzigkeit noch mal zur Nasenspitze und zur kleinen Zehe heraus. Ja, ja, 's ist schlimm!“

Die Bäuerin seufzte tief, aber Muhme Lenelies tröstete: „Ein gutes Herz hat er aber doch, und das ist die Hauptsache. Paßt auf, er wird noch ein braver, verständiger Bube werden!“

Die Schnipfelbäuerin nickte zufrieden, sie hörte es wie alle Mütter gern, wenn jemand ihrem Buben etwas Gutes nachsagte, und daß der Fritz bei aller Naseweisheit und Frechheit, bei aller Faulheit und Dummenstreichelust eben doch ein gutes Herz hatte, das tröstete sie immer wieder. Ganz vergnügt nahm sie Abschied, versprach noch, mit der Magd einen Topf Kaffee zu schicken, und ging dann heim. Gerade vor der Haustür traf sie ihren Buben, der rief ihr gleich entgegen, da er sie aus Muhme Lenelies' Häuschen kommen sah: „Warum ist denn Traumfriede nicht in der Schule gewesen?“

„Nicht in der Schule gewesen?“ wiederholte die Schnipfelbäuerin erstaunt. „Ja in aller Welt, was macht denn der Bube? Wer nimmt denn einen Schuljungen den ganzen Tag zur Arbeit?“

„Der Herr Lehrer hat sich auch gewundert,“ sagte Fritz, der ordentlich froh war, daß sich der Lehrer einmal über etwas anderes als über seine Faulheit zu wundern hatte.

„Na, der Friede wird schon kommen, und so arg böse wird der Herr Lehrer nicht auf ihn sein,“ meinte die Bäuerin und ging in das Haus, und da es Mittagszeit war, folgte Fritz ungerufen. Er hatte in der Rechenstunde von sechs Exempeln sechs falsch gerechnet und in der Schreibstunde drei Kleckse und dreiundzwanzig Fehler in zwanzig Wörtern gemacht, davon bekommt einer schon Hunger.

Während alle Oberheudorfer Buben und Mädel vergnügt ihr Mittagbrot verzehrten und Muhme Lenelies still in ihrem Stübchen lag und mit Mimi, ihrer Amsel, und Schnurpsel, dem Kater, zusah, wie draußen die weißen Flocken in der Luft herumwirbelten, war Traumfriede weit, weit von Oberheudorf entfernt. Lange vor Tagesanbruch war er mit seinem Laternchen ausgezogen. Trotz haushoher Schneewälle, trotz Sturm und Kälte wollte er doch nach der Stadt wandern, um für seine Pflegemutter die Hustentropfen zu holen. Heimlich war er gegangen; er wußte, Muhme Lenelies würde sich um ihn sorgen, und die Sorge wollte er ihr ersparen. Es bedrückte ihn freilich schwer, daß er nicht in der Schule sein konnte, aber er dachte: „Wenn ich nachher den Herrn Lehrer bitte, wird er es mir schon verzeihen; ich mußte doch gehen.“ Tapfer schritt er aus. Es war, als er fortging, noch so dunkel, daß er kaum den Weg erkennen konnte. Dazu lag der Schnee so hoch, daß er oft bis an den Hals einsank. Bis Niederheudorf ging es noch, da war am Tage vorher der Weg gebahnt worden, als Friede aber nachher in den Wald einbog, wurde das Vorwärtskommen immer schwerer, und er blieb manchmal fast verzagt stehen. Aber der Gedanke, Muhme Lenelies würde vielleicht kränker werden, wenn er die Tropfen nicht brächte, trieb ihn immer wieder vorwärts. Nach und nach dämmerte der Tag herauf, und als er aus dem Walde wieder heraustrat, da lag das weite Land im blassen Morgenschein still und weiß vor ihm. Es sah so schön aus, daß er darüber beinahe alle Beschwerden des Weges vergaß. Er blies hurtig sein Laternlein aus und stapfte unverzagt weiter. Nach vielstündiger Wanderung erreichte er endlich die kleine Stadt, in der die Apotheke war. Er fand sie bald, trat ein und verlangte die Hustentropfen für Muhme Lenelies. Dabei wunderte er sich selbst über seinen Mut; ganz vergnügt dachte er: „Na, Heine Peterle sollte sehen, wie ich mich zurecht finde.“ Heine Peterle konnte die Stadt nicht leiden, warum, ist schon in einem andern Buche erzählt worden, aber auch die übrigen Oberheudorfer Buben und Mädel wollten nicht viel von der Stadt wissen. Sie kannten sie nämlich gar nicht; wenn mal eins mitgenommen wurde, das war dann immer eine besondere Sache. Zum Vergnügen fuhren die Oberheudorfer nicht in die Stadt, nur zum Kauf und Verkauf. Meist waren da, wenn sie von Oberheudorf abfuhren, die Wagen voll und für Kindervolk kein Platz mehr. Auch Friede war noch nie mit in der Stadt gewesen, es gefiel ihm aber ganz gut darin, und die Leute, die er nach der Apotheke fragte, gaben ihm auch freundlich Auskunft. Der Apotheker freilich war nicht nett, der verlangte ein Rezept, und als Friede verlegen sagte, er hätte keins, wollte er ihm die Tropfen nicht geben. Der Bube, der müde und hungrig war, stand ganz verdattert da. Ein alter Herr neben ihm sah es und fragte mitleidig, für wen er die Tropfen wollte. Friede gab Auskunft, treuherzig erzählte er alles, und der alte Herr riet ihm, er sollte doch zu Doktor Treumann gehen, der wohne ganz in der Nähe und würde ihm sicher die Tropfen noch einmal verschreiben. Das tat denn Friede auch. Der Doktor, der just fortgehen wollte, war sehr erstaunt, den Buben zu sehen. Der freundliche Arzt kam nicht allzu oft nach Oberheudorf, denn viel Kranke gab es nicht im Dorf, er kannte trotzdem alle Leute dort, und die alte Muhme Lenelies mochte er besonders gern leiden. Er wußte aber auch, wie weit es bis Oberheudorf war, und wie schwer es sich bei solchem Schneewetter ging. „Junge,“ rief er ganz erstaunt, „bist du denn zu Fuß gekommen?“

Traumfriede auf dem Wege zur Apotheke.

„Ja,“ sagte Friede treuherzig, „die Pferde kommen doch nicht mehr durch, sonst hätte die Schnipfelbäuerin die Tropfen mitgebracht.“

„Na, das ist gut,“ rief Doktor Treumann, „die Pferde können nicht mehr durchkommen, und so ein Dreikäsehoch läuft den Weg, noch dazu in der Dunkelheit. Aber Junge, Junge, wie konnte deine Pflegemutter nur so unvernünftig sein und dich gehen lassen!“

Verlegen bekannte Friede, daß er heimlich davongelaufen sei, weil die Muhme ihn sonst nicht hätte gehen lassen. „Und sie muß doch ihre Tropfen haben,“ flüsterte er.

Der Arzt strich ihm sacht über den Kopf. „Du bist ein braver Bursche,“ sagte er ernst, „aber ich habe Angst um dich, du wirst nicht heim kommen. Bergauf brauchst du noch mehr Zeit, das ist noch schwerer; ich fürchte, das wird zu viel für deine Kräfte sein.“

„Ach nä,“ rief Friede vergnügt und mutig, „es geht schon, ich bin gar nicht müde!“

Der Arzt überdachte die Sache. Er selbst mußte eilig fort zu einem Schwerkranken, er hatte kaum Zeit, etwas für den Buben zu sorgen. Kam der nun heute nicht heim, dann ängstigte sich Muhme Lenelies vielleicht so, daß sie noch kränker wurde. Die Tropfen brauchte sie, ein Bote, der den Weg machte, würde sich schwer finden, also mußte Friede schon wieder zurückwandern. Er ließ dem Buben heißen Kaffee geben, dazu Butterschnitten, und dann ermahnte er ihn: „Du darfst dich aber nicht ausruhen wollen unterwegs, und wenn du noch so müde bist, sonst schläfst du ein und erfrierst. Gib mir die Hand darauf, Junge, daß du dich nicht hinsetzt!“

Friede gab dem gütigen Mann die Hand, und der mahnte noch einmal: „Denk an dein Versprechen! Sein Wort muß man halten; ein Feigling, wer es nicht tut.“ –

Nach einer Stunde trabte Friede gut ausgeruht und satt, die Tropfen in der Tasche und noch ein Paketchen vom Arzt, das er dem Lehrer abgeben sollte, wieder der Heimat zu. Anfangs ging es leicht, bald aber merkte er, daß Doktor Treumann recht gehabt hatte damit, daß der Heimweg schwerer sein würde. An manchen Stellen mußte er durch den Schnee krabbeln wie eine Maus durch einen vollen Mehlsack. Mitunter stand er minutenlang still und meinte vor Müdigkeit umsinken zu müssen, dann trieb ihn aber immer wieder der Gedanke an sein Versprechen vorwärts. Er hatte sein Wort gegeben, das mußte er halten, und Muhme Lenelies mußte ihre Tropfen haben, sonst wurde sie kränker.

Immer wieder raffte er sich auf und trabte weiter. Einmal versank er so im Schnee, daß er sich nur an dem tief herniederhängenden Ast einer Tanne wieder emporziehen konnte. Dazu brauste der Wind und trieb ihm die Flocken in das Gesicht; das stach wie mit Nadeln, und mitunter konnte er gar nichts sehen.

Als er endlich den Wald erreicht hatte, überfiel ihn eine solche Mattigkeit, daß er stehen blieb und sich an eine Tanne lehnte; so müde war er, ach so müde. Da war es ihm plötzlich, als rufe jemand laut neben ihm: „Sein Wort muß man halten; ein Feigling wer es nicht tut!“ Da raffte er sich wieder auf, um mit zitternden Händen sein Laternchen anzuzünden, denn schon war es dunkel geworden. Der Wind blies es ihm immer wieder aus, von den sorgsam mitgenommenen Streichhölzern verlöschte eins nach dem andern, endlich das vorletzte zündete das Lichtlein an. Friede nahm das letzte Stück Brot, das er noch in der Tasche hatte, aß es auf und wurde nun wieder etwas munter.

Er stapfte weiter. Immer dichter fiel der Schnee. Der Sturm hatte sich ganz gelegt, und es war eine tiefe, tiefe Stille ringsum. Friedes Laternchen schwankte hin und her. Der Bube war so matt, daß ihm jeder Schritt eine schwere Arbeit schien. Immer wieder blieb er stehen, immer wieder meinte er vor Müdigkeit fast umsinken zu müssen, aber immer wieder trieb ihn der Gedanke an Muhme Lenelies und an sein gegebenes Wort empor.

Endlich, endlich sah er Lichter durch die Dunkelheit schimmern. „Niederheudorf,“ dachte er wie erlöst, „da kann ich mich ausruhen, jemand nimmt mich schon auf.“ Aber wie endlos sich der Weg noch dehnte! Noch immer kein Haus, noch immer kein Mensch zu sehen! Weiter mußte er wandern, immer weiter!

Und wieder lehnte sich Friede an einen Baum. Er fühlte, wie seine letzte Kraft schwand, aber die Tropfen, sein Wort! Taumelnd tat er einen Schritt vorwärts, da packte ihn plötzlich eine kräftige Hand, und eine laute, schnarrende Stimme rief: „Zum Donnerwetter noch einmal, wer treibt sich denn hier herum?“

„Muhme Lenelies muß ihre Tropfen haben,“ stammelte Friede halb bewußtlos vor Mattigkeit. „Ihre Tropfen – ihre Tropfen – ich mein Wort – – weiter – weiter!“

„Na das ist ja eine nette Bescherung!“ brummte Leberecht Sperling, der Waldhüter, er war der Sprecher, und hob den Knaben auf. „Sieh mal einer an, der Traumfriede ist's. Du, Bube,“ schrie er, „wo kommst du denn her?“

„Aus – der – Stadt,“ lallte Friede.

„Bei dem Wetter? Bist du verrückt?“ schrie der Waldhüter. „Bist du etwa hin und zurück gegangen?“

„Ja,“ murmelte der Bube schlaftrunken, „die Tropfen, – Muhme Lenelies braucht sie doch!“

„So eine unvernünftige Kreatur,“ schalt Leberecht Sperling, „läuft in die Stadt bei dem Wetter! Verwichsen müßte man so einen Buben! Na, ich sag's ja, nichts als Dummheiten machen die Buben, dumm, dumm, ausnehmend dumm!“

Von diesem Schimpfen hörte Friede nichts mehr, er lag auf des Waldhüters Arm, und der trug den Buben so sorgsam, als wäre er dessen Mutter, durch den Schnee. Die bösen Worte meinte Leberecht Sperling nicht böse, je weicher es ihm ums Herz war, desto mehr schalt er, das war so seine Art, und wenn er alle Oberheudorfer Kinder für ausnehmend ungezogen erklärte, so hatte er sie im Grunde doch eigentlich alle lieb – freilich sie merkten das nur selten.

Als es dunkel wurde und Friede immer noch nicht kam, begann Muhme Lenelies sich zu ängstigen. Schnurpsel mochte noch so schnurren und Mimi noch so viel im Zimmer herumhüpfen, der alten Frau erschien es heute doch bedrückend einsam. Sie atmete auf, als endlich draußen Schritte erklangen. Es war Heine Peterles Mutter, die kam, und nach einem Weilchen erschien auch die Frau Lehrerin. Von den beiden nun erfuhr Muhme Lenelies, daß Friede an dem Tage gar nicht in der Schule gewesen war. „Ich denke mir, der Bube ist zum Schulzen nach Niederheudorf gegangen,“ sagte Heine Peterles Mutter, „dort sind zwei Mägde krank, und weil doch nächstens Hochzeit ist, haben sie alle Hände voll zu tun.“

Muhme Lenelies schüttelte den Kopf, nein, das glaubte sie nicht, darum hätte Friede nicht die Schule versäumt. Ihr wurde es auf einmal so bang zumute, und angstvoll rief sie: „Meinem Buben ist etwas passiert, ein Unglück ist geschehen!“

Die Frauen suchten sie zu beruhigen, aber ihnen kam die Sache jetzt selbst seltsam vor. „Ja, wenn's mein Heine Peterle gewesen wäre,“ murmelte dessen Mutter, „der brächte es schon fertig, mal hinter die Schule zu gehen.“

Da erklangen draußen schwere Tritte und eine laute Stimme, Leberecht Sperling riß die Türe auf und setzte Friede mit einem Ruck mitten ins Zimmer. „Da ist er,“ rief der Waldhüter. „So ein dummer Purzel läuft bei dem Wetter in die Stadt!“ Friede riß krampfhaft seine Augen auf, sah sich verdutzt in dem hellen Zimmer um und murmelte halb im Traum: „Die Tropfen – ich darf nicht ausruhen – mein Versprechen! Ich –“

„Bube, mein Bube,“ rief Muhme Lenelies, „du warst in der Stadt?“

„Ja, da war er,“ sagte Leberecht Sperling, „und jetzt geht er ins Bett. Der schläft ja schon wie ein Hase mit offenen Augen!“ Er nahm dem Buben seinen Korb ab, zog ihm ritsch, ratsch die Stiefel aus, die Frauen halfen Jacke und Höslein herunterziehen, und weil der ganze kleine Kerl kalt wie ein Eiszapfen war, wickelten sie ihn in eine wollene Decke, dann legten sie ihn ins Bett. Schon halb schlafend trank Friede noch den heißen Kaffee, den die Frau Lehrerin ihm reichte; von allem dem, was um ihn herum gesprochen wurde, hörte er aber gar nichts mehr. Er hörte nicht, daß Muhme Lenelies unter Tränen rief: „Gott sei Dank, daß mein Goldjunge wieder da ist,“ und daß Leberecht Sperling schalt und die beiden Frauen ihn lobten, er schlief und träumte wundervolle Dinge. Er ging im Traum an der weißen Hand der Schneekönigin, die führte ihn in einen glitzernden, funkelnden Palast, und lächelnd nahm sie einen köstlichen Pelz und legte ihn über seine Knie: „Damit du nicht frierst.“ Wie weich und warm der Pelz war! Friede strich ihn sacht und wußte nicht, daß Schnurpsel, der Kater, der sich auf seine Füße gelegt hatte, der köstliche Pelz der Schneekönigin war.

Um Mitternacht legte sich der Wind, es hörte auf zu schneien, und am nächsten Morgen schien hell die Sonne auf Oberheudorf herab. Sie schien dem Traumfriede so lange auf die Nase, bis der Bube erwachte.

Muhme Lenelies stand vor seinem Bett. Sie hatte eine große Kaffeekanne in der Hand und sah aus, als hätte sie sich ein bißchen mit Sonnenschein gewaschen. „Muhme,“ stammelte Friede verwirrt, „bist du denn gesund?“

„Na, so ziemlich,“ rief die alte Frau. „Die Tropfen haben mir gut getan, mein Goldjunge. Paß auf, nun reißt das Kranksein aus!“

So wurde es auch, das Kranksein riß wirklich aus. Als nach einiger Zeit, als der Schnee nicht mehr haushoch lag und die Wege versperrte, Doktor Treumann nach Oberheudorf kam, da fand er Muhme Lenelies recht munter und vergnügt. „Ei, da scheint ja mal wieder der Arzt überflüssig zu sein,“ sagte er lachend.

Muhme Lenelies nickte: „Ihre Tropfen waren gut, aber ich glaube, Herr Doktor, daß mein Friede den schweren Weg für mich gemacht hat, das hat mir noch mehr geholfen. Freude ist allemal gesund!“

„Ja, Freude ist gesund,“ sagte auch der Arzt, „und Euer Friede, Muhme Lenelies, das ist ein Staatsjunge. Paßt auf, der sorgt noch oft für Freude in Euerm Leben!“

Im Dorfe sagte dies noch mancher Bauer und manche Bäuerin, und Friede bekam jetzt jeden Tag so viele freundliche Blicke und Worte wie früher, als er noch beim Kohlbauern gewesen war, im ganzen Jahr nicht. Über nichts aber freute er sich mehr als über Muhme Lenelies' Genesung und über den Herrn Lehrer, denn der hatte gar nicht über den versäumten Schultag gescholten, kein Wort hatte er gesagt, nur den Traumfriede sehr, sehr gütig angeschaut.

Das Hünengrab.

In dem Kuhberger Walde, der Oberheudorfs Felder nach Süden und Westen abgrenzte, lag tief innen auf einer Wiese ein mächtiger Steinhaufen. Es war ein seltsam schöner Platz da mitten im Walde, immer lag es wie eine stille Feierlichkeit darüber; eigentlich war es so recht ein Erdenwinkelchen für Leute, die einmal ein bißchen träumen und ausruhen wollen. Mitunter kam der Lehrer von Oberheudorf hierher und saß dann wohl auf dem Steinhaufen und beobachtete still das Leben der Vögel und Insekten. Es kam auch vor, daß er Traumfriede hier sitzen fand, denn auch der Knabe hatte eine besondere Vorliebe für die einsame Waldwiese. Dann erzählte der Lehrer dem Buben wohl allerlei von den Tieren und Blumen des Waldes, und Traumfriede hörte versonnen zu. Er selbst erzählte freilich nie, warum er just so gern hier saß, denn er war, so munter er auch mit seinen Kameraden umging, seit er Muhme Lenelies' Pflegesohn geworden war, doch ein etwas schüchterner Junge. Und der Lehrer bedrängte ihn nie mit Fragen, er dachte immer: „Er wird schon zutraulich werden.“ Der Bube mit den schönen, blauen Träumeraugen war ihm lieb, und des Lehrers Gedanken beschäftigten sich mehr mit Friede, als der und seine Pflegemutter ahnten.

Muhme Lenelies ließ ihren Buben gern seinen Lieblingsplatz aufsuchen, sie wußte ja, nach solchen Freistunden war er dann doppelt fleißig. So verbrachte Friede manchen schulfreien Nachmittag auf der kleinen Wiese. Hier fand er dann auch immer allerlei besonders schöne Dinge: die größten Erdbeeren wuchsen zwischen den Steinen des Hügels, so saftig und würzig, daß Muhme Lenelies, wenn ihr Pflegesohn die Beeren heimbrachte, allemal sagte: „Das reine Festessen!“ Auch ein Stachelbeerbusch, der gelbe, süße Beeren trug, hatte sich hier angesiedelt; niemand wußte, woher er gekommen war, er wuchs und trug Früchte, als stünde er mitten in einem wohlgepflegten Garten. Ihn umdrängten noch Himbeeren und Brombeeren, dazwischen blühten bunte, leuchtende Blumen, und in all dem Wirrwarr hausten auch noch ein paar kleine, lustige Vogelfamilien.

An einem warmen Sommertag saß Traumfriede wieder hier auf seinem Lieblingsplatz. Die Stille wurde manchmal durch ein Lachen, einen fröhlichen Schrei unterbrochen, denn die Oberheudorfer Kinder suchten wieder einmal Erdbeeren im Kuhberger Walde. Friede hatte fleißig gesucht, nicht so viel in den Schnabel, und nun stand sein Töpfchen schon voll neben ihm. Er wartete hier auf seine Gefährten und träumte noch ein wenig in den schönen Sonnentag hinein. Mitten in seinem Träumen und Sinnen störte ihn Schulzens Jakob, der herbeikam. Sein Töpfchen war noch ziemlich leer, aber dafür trug er im Gesicht deutliche Spuren davon, daß ihm die Beeren gut geschmeckt hatten.

„Weißt du,“ sagte er und blieb vor dem Steinhaufen stehen, auf dem Friede saß, „das ist ein Hühnergrab.“

„Was,“ rief Friede verdutzt, „ein Hühnergrab? Ja wer hat hier denn Hühner vergraben?“

„Das weiß ich nicht,“ brummte Jakob, „aber mein Vater hat einen Brief bekommen, in dem steht, es wollten Leute aus der Stadt kommen und das Hühnergrab aufmachen. Und Vater sagt, das hier wär's!“