The Project Gutenberg eBook, Stille Kämpfer, by Josephine Siebe
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Stille Kämpfer.
Roman
von
Josephine Siebe.
Dresden und Leipzig
E. Pierson's Verlag (R. Lincke)
k. k. Hofbuchhändler 1901.
— Alle Rechte vorbehalten. —
Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
Druck von E. Pierson's Verlag (R. Lincke) in Dresden.
Weit hin dehnt sich das Land, kein Hügel, keine Berge hemmen den Blick. Wogende Felder, grüne Wiesen, Seen, die wie flüssiges Silber blinken und hin und wieder ein Stück Wald, darin die weißen Stämme der schlanken Birken hell hervorleuchten und das alles überspannt vom tiefblauen Himmel, überflutet von heißem Sonnenglanz.
Auf den Feldern sind die Leute beschäftigt, den goldenen Segen einzuernten. Der Vogt steht dabei und versucht die Leute mit kräftigen Fluchworten zu schnellerer Arbeit anzuspornen; nur manchmal hält er inne, um einen Schluck aus seiner Wudkiflasche zur Stärkung zu nehmen.
Wie Feuer durchrieselt es ihn, immer sengender wird die Glut, nirgends kühler Schatten, es flimmert und flirrt, tanzt und schwankt um ihn her. Immer kleiner werden die schwarzen Mongolenaugen, matter die Flüche von seinen Lippen, schließlich läßt er sich auf einem Feldsteine am Wege nieder, blinzelt noch ab und zu nach den Leuten hinüber, dann sinkt der Kopf tief auf die Brust und regelmäßige Atemzüge verraten bald den Schlaf des treuen Wächters.
»Er schläft,« raunen sich die Arbeiter zu und aufatmend lassen sie die Sensen sinken, die Frauen hören mit dem Zusammenbinden der Garben auf und beginnen halblaut mit einander zu schwatzen. —
Auf dem Wege, der dicht an dem Felde vorüber führt, kommt ein Mann daher in langsamen, gleichmäßigen Schritten, wie einer, dem es nicht sonderlich eilt. Es ist eine hohe Gestalt mit langherabwallendem, blonden Bart und kühn geschnittenem Gesicht. Seine einfache dunkle Kleidung verleiht ihm beinahe das Aussehen eines Priesters.
»Gebenedeit sei der Herr Jesus Christus!« grüßt er laut, als er den Schnittern nahe ist.
Die Mädchen kichern und die Männer wenden sich verdrossen ab, nur ein alter Mann erwidert mürrisch den Gruß und sagt:
»Von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen!«
Der Vogt, der von dem Schalle der Stimmen erwacht ist, fährt scheltend empor.
»Stört der Ketzer, der Tagedieb uns noch in der Arbeit?« dann folgt dem ruhig Weiterschreitenden eine Flut von Schimpfworten nach, vermischt mit dem schadenfrohen Lachen der anderen.
Der Gehöhnte findet kein Wort der Erwiderung, aber in seinem Gesicht liegt der Ausdruck tiefer Bitterkeit und seine grauen Augen streifen mit wehmütigem Blick die schimmernde Welt um ihn her.
»Immer das alte Lied,« murmelte er. »Haß und Mißgunst auf jedem Schritt,« und dann hebt er plötzlich mit bittender Geberde die Arme zum Himmel empor:
»Oh, mein Gott, hilf mir zum Frieden, gieb mir die Kraft dazu, den Kampf zu bestehen!« Wie eine Bitte und Forderung zugleich, ringen sich die Worte von seinen Lippen.
Vor dem Wanderer taucht endlich ein Dorf auf, kleine mit Stroh gedeckte Hütten, hin und wieder ein Haus aus roten Ziegeln, aber nirgends ein Gärtchen davor, selten nur als Schmuck eine Staude leuchtender Sonnenblumen oder bunter Malven. Hinter den erblindeten Fenstern kein Vorhang, höchstens ein Rosmarintopf.
Die Straße, die das Dorf durchschneidet, zeigt Wellenlinien, tief ausgefahrene Gleise, ab und zu ein großer Stein darin, den aus dem Wege zu schaffen, sich niemand die Mühe nimmt. — Gänse und kleine Kinder vollführen einen hellen Lärm, Schmutz, wohin man sieht, aber alles überflutet von der leuchtenden Sonne.
Vor seinem Hause sitzt Wolf Schmul; ein Schild über der Thür verkündet, daß es hier Schnaps, Bier, Seife, Zwirn, Zucker, Heringe und dergleichen mehr zu kaufen giebt. Er dreht die Daumen und rechnet, den Gruß des vorübergehenden Mannes erwidert er durch ein verstohlenes Nicken.
»Der Michael Wisniewski braucht nichts von ihm, warum soll er, Wolf Schmul, da höflich sein? Aber unhöflich auch nicht, denn der Michael könnte doch einmal mit ihm ein Geschäft machen,« darum erwidert er seinen Gruß, es sieht's ja keiner.
In dem Pfarrhause sind die grünen Fensterläden geschlossen, der Wanderer zögert, wirft einen halb sehnsüchtigen, halb trotzigen Blick hinüber, dann geht er weiter. Hinter ihm tönt das Gejohle der Kinder und in angemessener Entfernung folgt ihm die kleine Herde nach.
Endlich sein Heim, er atmet auf!
Von einem Garten umgeben, in dem es blüht in allen Farben, steht ein kleines, rotes Ziegelhaus, das sich von den anderen nur dadurch unterscheidet, daß hier spiegelnde Sauberkeit herrscht. Die Thür schließt sich hinter ihm, aber noch immer ertönt von draußen Geschrei, und häßliche Schimpfworte fliegen ihm nach, bis eine mächtige Dogge aus dem Hause tritt und ihr tiefes, zorniges Gebell die Kinderschar von dannen scheucht.
Der Mann ist über den halbdunklen Flur geschritten und betritt ein großes Zimmer, das behaglich eingerichtet, nicht den Eindruck einer Bauernstube macht. Er läßt sich auf einer Bank am Ofen nieder, seine Züge sprechen von seelischer Ermüdung und wie er so vor sich niederstarrt, graben sich die Falten auf seiner Stirn immer tiefer ein.
Da wird draußen auf den Fliesen des Flures ein schlürfender Schritt hörbar, die Thür des Zimmers öffnet sich und ein Mann tritt herein; der Kopf eines Fanatikers auf einem kleinen, verwachsenen Körper. Er schreitet auf den am Ofen Sitzenden zu und legt seine Hand auf dessen Schulter.
»Michael, Michael!« Dieser sieht auf mit leerem, trostlosem Blick.
»Benjamin, hast Du es wieder gehört, wie sie mich verfolgten, wie sie mich höhnten, mich, den Ketzer, den Ausgestoßenen?«
»Ha, ha!« mit schrillem Lachen sprang er auf, »lache doch mit, Benjamin, lache doch über mich Thoren, der hier sitzt in der alten Heimat, der um sie wirbt, wie um eine spröde Schöne. Lache doch mit mir, Benjamin, über diese Thorheit, über meinen Wahnwitz, daß ich mir einbilde, ich könne den Leuten hier helfen, sie herausholen aus diesem Dunst von Aberglauben, Dummheit und Branntwein. Ein Prophet wollte ich ihnen sein, wollte ihnen den Bann zeigen, in dem sie leben, wollte sie los lösen aus — — ach, was wollte ich nicht alles und was habe ich erreicht? Was bin ich ihnen? Ein Ketzer, ein Fremdling in der Heimat, ein Thor, ein rechter Thor,« und er sank wieder auf die Bank und barg das blonde Haupt in den Händen.
»Fort möchte ich, fort zu dem stillen Frieden des Sanddorfes hinauf, zu Tabea zurück,« stöhnte Michael.
Es schien, als wachse die Gestalt des Kleinen, ein Ausdruck finsteren Hasses trat in sein Gesicht, die Augen wurden fast schwarz vor Erregung.
»Fort willst Du, Michael, das begonnene Werk feige im Stich lassen? Du, ein Auserwählter, reut Dich so schnell der geleistete Schwur? Wehe Dir, Michael, wenn Du auf halbem Wege umkehrst!« Seine schmale, knöcherne Hand faßte mit eisernem Druck die Schultern des anderen und schüttelte ihn:
»Hörst Du, Michael, Du darfst nicht umkehren, darfst dem großen Werke nicht untreu werden!«
Langsam glitten die Hände von dem Gesicht Michaels und mit finsterem Blick streifte er den Kleinen. Ein leiser Schauer lief durch seine Glieder.
»Denkst Du nicht daran, Benjamin, was Vater Abraham sagte von der Duldung des einen gegen den anderen?«
Dieser schüttelte das Haupt und sagte:
»Vater Abraham ist ein alter Mann, wir sind jung; als ich draußen in der Welt war, habe ich Spott und Hohn erdulden müssen um meines Bekenntnisses willen. Da habe ich gelernt, daß nicht die Duldung zum Ziele führt, nein, der Kampf allein, und ich will kämpfen für meinen Glauben! Nicht weltfern und verspottet will ich leben, frei vor den Menschen unsere Lehre bekennen; wie eine Flut, die alles mit sich reißt, soll sie die Welt überströmen. Wir dürfen nicht nachlassen, weiter, immer weiter vorwärts schreiten und Du mußt mit, es giebt kein Zurück, Du mußt Dein Wort halten, hörst Du es!«
Beinahe schreiend stieß der Kleine die letzten Worte hervor, wie eiserne Klammern gruben sich seine Finger in den Arm des anderen, der diesen leidenschaftlichen Ausbruch stumm über sich ergehen ließ.
Seine Augen schweiften mit traurigem Ausdruck nach der Ecke des Zimmers. Dort erhob sich, ein seltener Schmuck in einem Bauernhause, in weißer, reiner Schönheit eine Kopie von Thorwalsens unvergleichlicher Christusstatue. Ging's nicht wie ein Hauch seelischen Friedens von der weißen Gestalt aus? Sehnend streckte Michael seine Arme darnach hin, da traf Benjamins Blick mit dem seinen zusammen und dieser sagte, den Freund verstehend, mit schwankender Stimme:
»Wir müssen doch kämpfen, Michael, wenn wir siegen wollen.«
Michael Wisniewski war ein Kind des Dorfes, sein Vater Vogt bei Herrn von Leninski auf Lochowo. Seine Mutter entstammte einer deutschen Familie, sie hatte lange Jahre bei einem reichen alten Fräulein in der Kreisstadt gedient, die ihr, wie ihr Mann oft sagte, nur Raupen in den Kopf gesetzt hatte. Sie hatte von ihrer Herrin vieles gelernt, vieles, was in ihrem Heimatsdorfe wenig Verständnis fand. Nach dem Tode ihrer Gönnerin kam sie auf das Gut zu Herrn von Leninski und heiratete dort bald darauf den Vogt, einen äußerlich stattlichen Mann.
Die stille, sinnige Frau litt schwer unter der rohen Herrschsucht ihres Gatten, der sich bald nach ihrer Verheiratung dem Trunke ergab.
Es waren wüste Scenen, die Michael aus seiner Kindheit in der Erinnerung geblieben. Polternd und fluchend kam der Vater oft heim und es geschah nicht selten, daß er sich dann an Weib und Kind vergriff. Schweigend ertrug die Mutter alles, sie fand nie ein Wort der Erwiderung auf die rohen Schimpfreden des Mannes. Michael erinnerte sich, wie sie sich nach solchen Auftritten oft mit ihm in eine Ecke geflüchtet hatte und wie dann die heißen Mutterthränen sein Haupt überströmten. —
Eines Tages fand man sie bewußtlos am Boden liegend, schreiend warf sich der Knabe über sie und versuchte, sie durch Liebkosungen zu erwecken. Noch einmal schlug sie die scheuen Dulderaugen auf und »Friede, ach Friede, der Propst soll kommen,« murmelten die Lippen und ihr Kind traf ein Blick so herzzerreißend in seinem Jammer, seiner Liebe, daß er sich dem Knaben unvergeßlich einprägte; dann ging ein Recken durch den Körper und sie war tot.
Aus der Schenke holten sie den Mann, der fluchend sein Weib noch im Tode schmähte, bis er endlich einschlief. Neben der toten Mutter und dem seinen Rausch ausschlafenden Vater saß der Knabe und hielt Totenwache und grübelte über die letzten Worte der Mutter nach, bis sich ihm eine Hand auf die Schulter legte und eine ernstfreundliche Stimme sprach: »Armes, armes Kind!«
Der Knabe sah auf und blickte in das Gesicht des Propstes Ryback, dem Geistlichen des Dorfes, in dessen Zügen ein eigener, liebevoller Ausdruck lag. Da vergaß Michael die ehrfürchtige Scheu, die er stets vor dem Geistlichen gehegt; er legte seinen Kopf an dessen Brust und weinte seinen heißen, jungen Schmerz an dem Herzen des Priesters aus.
»Ich habe Deiner Mutter gelobt, Dich zu hüten, für Dich zu sorgen,« sagte der geistliche Herr, mit der Hand das Haupt des schluchzenden Knaben streichelnd. »Vertraue mir, ich verlasse Dich nicht, und der Segen Deiner Mutter ist mit Dir.«
Von jener Stunde an war Michael der Schützling des Propstes, sein Vater hatte schnell eingewilligt, daß dieser die Erziehung des Knaben leiten sollte. Sonderbarer Weise ging der Vogt seinem Sohne aus dem Wege und es kam nicht mehr vor, daß er sich an dem Jungen vergriff.
Schon da die Mutter noch am Leben war, hatte Michael wenig mit den anderen Knaben verkehrt, nun er aber der Schützling des Propstes geworden, nahm er eine ganz besondere Stellung im Dorfe ein.
»Er wird ein Propst«, dies Wort gab ihm einen höheren Rang vor den anderen, es schützte ihn, isolierte ihn aber auch. Das kleine, verwaiste, sich nach Liebe sehnende Herz des Knaben schloß sich nun ganz in schrankenloser Hingabe seinem Lehrer an, und es war, als würde auch der Propst in Gegenwart des Knaben ein anderer.
Kalt und streng, beinahe nie ein Lächeln auf dem schmalen, scharf geschnittenen Gesicht seiner Gemeinde gegenüber, war er für Michael immer ein gütiger, teilnehmender Freund.
Nichts gab es auch, das dieser dem vergötterten Lehrer verschwieg, und freundlich mußte er oft der großen Liebe und Anbetung des Knaben steuern.
Brennend war Michaels Wunsch, dereinst auch ein Priester zu werden, ihm war es Gewißheit, daß die letzten Worte der sterbenden Mutter denselben Wunsch bedeuteten.
Seltsam, der Propst sträubte sich anfangs dagegen, aber da er sah, wie der heranwachsende Knabe keinen anderen Wunsch hegte, gab er nach und bereitete ihn für das Priesterseminar vor, auf das er ihn nach einigen Jahren brachte. Einsam blieb Michael auch dort, ein Fremdling unter seinen Genossen, dabei einer der fleißigsten Schüler, nur von dem Gedanken erfüllt, seinem väterlichen Freund durch treueste Pflichterfüllung zu danken.
Es war ein Frühsommertag. In ewig junger Schönheit hatte die Erde sich geschmückt. Michael Wisniewski, der seit wenigen Tagen aus dem Priesterseminar zu den Ferien heimgekehrt war, genoß mit frohem Herzen den Reiz der heimatlichen Erde. Wohl hatte er gelesen, daß es fremde Länder, andere Gegenden gäbe, die herrlicher anzuschauen wären; vielleicht wie das arme Aschenbrödel gegen juwelengeschmückte Königstöchter, verglich er, sich eines deutschen Märchens erinnernd, welches seine Mutter ihm einst erzählt hatte. Trotzdem aber dünkte ihm dies Stück flachen Landes schön, wie kein anderes, und in vollen Zügen atmete er die warme Sommerluft ein.
Am Morgen hatte er in des Propstes Studierstube gestanden und den Worten des geistlichen Freundes gelauscht. In dem kühlen Zimmer mit den langen Bücherreihen an der Wand, die dem blöden Dorfjungen einst so gewaltigen Respekt eingeflößt hatten, bis sie ihre goldene Weisheit auch vor ihm aufthaten und er die stummen Freunde lieb gewann.
Noch klangen ihm die Worte des Priesters im Ohr:
»Überlege reiflich, mein Sohn, es ist ein schöner, aber auch ein schwerer Beruf, den Du erstrebst. Fesselt Dich kein Gedanke, kein Wunsch ans Weltliche? Kannst Du ein Priester sein aus innerem Herzensdrang, wohl Dir, aber wehe, Michael, wenn Du das Gelübde, das Heilige, verletzt! — Nur noch kurze Zeit, dann sollst Du die Weihe empfangen, darum prüfe Dich selbst. Gehe in Deine stille Kammer oder gehe hinaus in die herrliche, freie Gottesnatur, erforsche und erfrage Dein Herz, ob es nichts in der Welt giebt, das Dir begehrenswerter dünkt, ob es voll und ganz Deinem künftigen Berufe gehört?«
Michael that, wie der Priester ihm geraten. Er fand aber keinen Gedanken, der ihn von der heiligen Weihe zurückhalten konnte. Vor dem Muttergottesbilde, das am Wege stand, lag er auf den Knieen und betete in heißer Inbrunst, bis der Abend herniedersank. Dann schlug er den Weg nach dem Dorfe wieder ein. Die Seele war ihm erfüllt von heiligen Schauern, aber mit leuchtenden Augen, wie ein Sieger, schritt er dahin.
Tief senkte sich die Dämmerung schon nieder, als er die Dorfstraße erreichte. Vor den niedrigen Hütten saßen die Frauen schwatzend beisammen; in einer großen Pfütze mitten auf der Straße patschten die nur halb bekleideten Kinder umher, und ihr Lachen und Schreien erfüllte die Luft.
Aus dem Kruge aber drang wüster Lärm, und Michael hastete, schnell daran vorbeizukommen, ihm war in seiner weihevollen Stimmung mehr denn je das tierische Brüllen der Betrunkenen zuwider.
Zwei Männer kamen gerade über die ausgetretene Schwelle des Wirtshauses gestolpert, und mit jähem Schreck erkannte Michael in dem einen seinen Vater. Auch der Betrunkene hatte ihn bemerkt und lallte:
»Michael, Goldsohn! kommst gerade recht, wir haben auf den künftigen, gnädigen Herrn Propst getrunken.« Dabei machte er eine Bewegung, als wolle er des Sohnes Rock küssen, verlor aber das Gleichgewicht und taumelte ihm in die Arme. Sein heißer, nach Fusel riechender Atem schlug demselben ins Gesicht. Blitzschnell tauchte da ein Bild vor des Sohnes Augen auf, die Mutter klaglos des Vaters Mißhandlungen erduldend.
Zorn und Ekel stiegen siedend heiß in ihm auf, es flimmerte vor seinen Augen; dieser Niederschlag war zu plötzlich auf die Hochflut seiner Gefühle gekommen.
»Weg,« keuchte er, dem Trunkenen einen Stoß versetzend, daß er rücklings zu Boden fiel.
Michael achtete nicht darauf, er eilte davon, denselben Weg, den er gekommen war, bis er wieder vor dem Muttergottesbilde anlangte und hier bitterlich weinend niedersank. Er umklammerte das hölzerne Bildwerk und flehte und klagte, warum, er wußte es selbst kaum, ihm war nur, als müßte er sich retten vor dem Schmutz, den er soeben geschaut.
Wie lange er so gelegen, er wußte es nicht, mit schmerzender Stirn erhob er sich endlich und schlug langsam, mit schweren Schritten, den Weg nach dem Dorfe wieder ein.
Je näher er dem Vaterhause kam, desto schwerer erfaßte ein unnennbares Angstgefühl seine Seele. Es war eine klare Mondscheinnacht und in dem zitternden, silbernen Licht lag der Weg hell vor ihm, und in diesem weißen Licht konnte er deutlich sehen, daß Menschen vor dem kleinen Hause standen. Als er näher kam, sah er auch, wie sie vor ihm zurückwichen, die Weiber sich bekreuzigten und die Männer ihn mit finsteren Blicken maßen. Es hätte kaum der rötlich brennenden Wachskerzen bedurft, das Mondlicht zeigte es ihm schon; da drinnen in der Stube das Lager, auf diesem der Mann, den er Vater nannte, die Hände über der Brust zusammengefaltet, die Augen offen, mit stierem Blick auf den Sohn gerichtet, die starre Ruhe des Todes über der Gestalt.
Ein einziger Laut kam über die Lippen des Jünglings, ein Schrei voll namenloser Qual. Eine Weile noch stand er, mit entsetztem Blicke nach dem Toten starrend, dann brach er zusammen; ob er es wohl noch hörte, wie die alte Anuszka aufkreischte:
»Heilige Jungfrau! stehe mir bei, da ist der Mörder!« —
»Der Woiciech Wisniewski ist am Herzschlag gestorben,« erklärte der dicke Kreisphysikus, der am anderen Tage so gegen Mittag ankam; früher zu kommen war ihm nicht möglich gewesen.
»Heiliger Anton«, es ist auch eine zu gemütliche Sitzung gewesen in der kleinen Weinstube des Roman Przybilski, der den besten und feurigsten Ungarwein führte weit und breit! —
»Da ist eben nichts zu machen, Herr Propst, der Wisniewski ist tot, er liebte den Wudki zu sehr, ja, das ist das Unglück der Leute!«
Der dicke Herr hob das Glas mit dem funkelnden Wein in die Höhe und trank bedächtig.
»Heiliger Anton, was führte der Propst für einen guten Tropfen!« —
»Also am Herzschlag gestorben und nicht an den Folgen des Falles, den er durch die Heftigkeit seines Sohnes gethan hat, ist es so, Herr Sanitätsrat?«
»Ganz recht, Herr Propst, der Fall hätte den Wisniewski nicht umgebracht, der Schnaps, der Schnaps ist der Missethäter,« und der dicke Herr lacht, als erzählte er den köstlichsten Witz.
Der Propst atmet tief auf, als würde eine schwere Last von seiner Seele genommen.
Bei dem Scheine einer kleinen, trüb brennenden Öllampe sitzt Michael und hat einen alten, vergilbten Pappkasten vor sich. Er will die Papiere seines Vaters suchen, mechanisch löst er den Knoten, mit dem sie zusammengeknüpft, und durchblättert die wenigen Schriftstücke; die Geburtsscheine, der Trauschein der Eltern, einige verblaßte Heiligenbilder, in einer kleinen Schachtel ein silbernes Kreuz an einem schmalen Kettchen, das ist alles, aber da fällt dem Suchenden noch etwas in die Hände. Ein verschlossener Brief, darauf in verblaßter Schrift: »An meinen Sohn, wenn er groß ist.«
Ein wehmütiges Lächeln gleitet über Michaels Gesicht, von seiner Mutter! Er sieht auf die ungelenken Schriftzüge und denkt an die, die sie schrieb, die in seiner Erinnerung wie eine Heilige vor ihm steht, und mit stiller Andacht öffnet er diesen letzten Gruß seiner Mutter.
Er liest, liest erst mit inniger Wehmut die Unterschrift, liest dann mit wachsendem Staunen, mit herzbeklemmendem Entsetzen. Ein Schrei entringt sich seinen Lippen, die Hand ballt den Brief zusammen und schleudert ihn weit von sich, dann lacht er, ein heiseres, wahnsinniges Lachen.
»Lüge, Lüge,« alles um ihn her und der Tote da drüben war sein Vater nicht, sondern der Mann, den er verehrt wie einen Heiligen, in dem er das Ideal seiner Knabenträume gesehen und seine Mutter? Da stand es in dem Briefe, das Bekenntnis ihrer Sünde, darum das schweigende Dulden, ach mein Gott! Lüge sein Leben, Lüge alles, was er geglaubt, wofür er gestrebt, was er gehaßt, was er geliebt! —
Der Jüngling barg seinen Kopf in den Händen und ein wildes, verzweifeltes Schluchzen erschütterte seinen Körper. —
Drei Tage später wanderte Michael Wisniewski aus der Heimat fort wie einer, dem noch der Schlaf die Sinne umfängt, dem noch der bange, schwere Traum einer unruhvollen Nacht auf der Seele liegt, so wanderte er dahin durch die sonnengleißenden Fluren.
Tot alles, was seinem Leben Inhalt gab, herunter gerissen in den Staub, beschmutzt und zertrümmert jene stolzen Bilder, die er in seinem Herzen aufgerichtet hatte.
Ein Verkünder des Friedens wollte er werden, ein demütiger Priester des Herrn, Trost den Armen wollte er bringen; so stolz hatte er sich gefühlt in seiner Kraft, in der Reinheit seiner jungen Seele.
Vorbei, verloren, unwiederbringlich verloren der glückliche Kinderglaube! Ach, hätte er noch Thränen gehabt, hätte er den schweren, dumpfen Schmerz noch lösen können durch heiße, heiße Thränen.
Fremder wurde die Gegend, den Spiegel des Sees sah er nicht mehr glitzern. Das weiße Schloß des Herrn von Leninski grüßte durch die grünen Bäume nicht mehr hindurch, weiter, immer weiter führte sein Weg, aus der Heimat fort in die große, fremde Welt hinein, einer mehr unter den Tausenden, die über Trümmer dahingehen.
Kalter, rauher Herbsttag war es, da brauste der Sturm über das kurische Haff und erfaßte den kleinen Ewer, dessen Besatzung tapfer versuchte, des wilden Elementes Herr zu werden.
Eine Weile trieb er ihn hin und her, um plötzlich des Spieles müde, das Fahrzeug mit kräftigem Stoß, wie eine Nußschale herumzuwirbeln.
Ein Gurgeln, vereinzelte Hilferufe, die in dem Tosen des Sturmes verhallten; auf dem Wasser schwammen Bretter, zerbrochene Mastbäume, hin und wieder tauchte ein bleiches Menschengesicht auf, ein Arm, der versuchte, eine rettende Planke zu erfassen. Aber die Wellen bäumten sich auf, schlugen über den kämpfenden, schwachen Menschen zusammen, und der Sturm tobte weiter, wild und übermütig. —
An einer Bucht des kurischen Haffes lag klein, weltfern und weltfremd ein Dörfchen im Sande, dessen Bewohner an jenem stürmischen Herbsttage bang auf die erregte See schauten. Da rief eine helle Mädchenstimme:
»Ein Mensch, seht doch ein Mensch!«
Eine Welle warf ihn hin und her wie eine Feder.
»Vater Abraham hilf doch!« Das Mädchen, fast noch ein Kind, hob die braunen Augen flehend zu einem alten Manne empor.
Dieser nickte nur stumm, wenige kurze Worte und drei Männer bestiegen ein kleines Fahrzeug.
»Mit Gott,« sagten sie und dann begann der Kampf mit dem Meere, ihm sein Opfer zu entreißen.
Atemlose Spannung, stille, angstvolle Gebete und dann ein Jubelschrei aus allen Kehlen. Triefend, aber mit stolzem, festen Schritt kamen die Männer ans Land, einen in ihren Armen, der bleich und still war.
»Eile, Tabea, rüste ein Bett im Hause, so Gott dem Fremdling das Leben läßt, soll er Pflege bei uns finden.«
Das Mädchen eilte davon, und bald lag der Gerettete in den bunten Kissen des großen Federbettes in der Staatsstube des Fischerhauses und Vater Abraham hob dankend die Augen zum Himmel auf.
»Er lebt!« —
An dem Herd in der Küche, von der Glut des Feuers rosig angehaucht, stand Tabea und ihre Lippen sprachen auch ein dankbares: »Er lebt, er lebt!«
Wohl lebte der Fremdling, den der Sturm in das stille Haus in dem Dorfe auf dem Sande verschlagen hatte, er lebte, aber hitziges Fieber durchtobte den jungen Körper und Wochen vergingen, ehe Vater Abraham sagen konnte:
»Er lebt! und so Gott will, wird er gesund am Leib und der Herr gebe, daß auch die Seele gesunde, denn die Fieberträume haben mir verraten, wie krank diese arme, junge Seele ist.« — —
Schon durchwirbelte weißer Schnee die Luft, Wälle von Schnee türmten sich wie eine Mauer um das Dorf auf dem Sande und das Brausen des Meeres klang dumpf und drohend, als wolle es den Winter warnen, den Kampf mit ihm aufzunehmen.
Im hochgetürmten, altmodisch geschnitzten Bette lag Michael Wisniewski und schlief. Der grüne Kachelofen spendete treulich Wärme und die matte Wintersonne fiel durch das Fenster grade auf Tabeas dunklen Scheitel.
Das Mädchen saß vor dem Bette, die Hände in dem Schoß gefaltet und sah mit dunklen, träumerischen Kinderaugen auf den Schlafenden.
»Wenn er erwacht aus dem Schlaf, werden seine Sinne klar sein,« hatte Vater Abraham gesagt und nun saß das Mädchen und harrte des Augenblicks, da der Fremdling mit dem schönen, bleichen Gesicht die Augen öffnen würde. Das junge Herz des Mädchens war voll Mitleid für den armen blassen Mann, wirr waren die Worte gewesen, die er im Fieber gesprochen. Oft war Tabea erschrocken zurück gewichen, wenn der Kranke so geschrieen und wilde Flüche ausgestoßen hatte.
»Seine Seele ist krank,« so hatte Vater Abraham gesagt und das Mädchen hatte still gefleht:
»Ach, heiliger Gott, gieb ihm auch die Gesundheit der Seele wieder.«
Stille Leute waren es, die in dem Dorfe auf dem Sande wohnten; aus fernen Landen waren ihre Vorfahren, verfolgt um ihres Glaubens willen, hierher geflüchtet, hatten hier ihre Heimat gegründet und lebten weltfern, treu an dem alten Glauben haltend, bei einander.
Vater Abraham, in dessen Haus der Sturm Michael Wisniewski verschlagen hatte, war der Älteste der Gemeinde und genoß hohes Ansehen, nicht allein bei den Seinen, nein, auch aus den Dörfern, die hinter den Sandwällen im blühenden Lande lagen, kamen die Leute zu dem alten Mennoniten und holten sich manch' guten Rat.
Hell flackerte das Feuer in dem großen Kachelofen, vor dem Michael, sorgsam in Decken eingehüllt, saß, knisternd sprühten die Funken und eine trauliche Wärme umgab den Kranken. Rötliches Licht lag schimmernd auf den altmodischen Möbeln und auf den blitzenden Kannen und Krügen, die den Sims zierten.
»Das Meer braust und der Sturm heult, da ist es nicht gut draußen zu weilen,« sagte Abraham Jakobeit, der auf der Ofenbank saß, zu seinem jungen Gaste.
Der schaute mit sinnenden Augen in das helle Feuer, die Blässe der Krankheit lag noch auf seinem Gesicht, aus den Augen leuchtete noch nicht frohes Hoffen der Genesung, wie ein Schleier war es darüber gebreitet.
»Doch muß es schön sein, da unten zu schlafen auf dem kühlen, nassen Grunde! Mag der Sturm toben, mag das Meer zürnend grollen, der da unten liegt, der hört es nicht mehr! Warum, ach, warum habt Ihr grade mich gerettet!« so klagte der Kranke mehr zu sich, als zu dem Alten gewandt.
Der sah mit seinen hellen Augen prüfend zu ihm hin. »Seine Seele ist krank,« hatte er zu Tabea gesagt, nun genas der Körper, ob es ihm wohl gelang, auch die junge Seele zu retten?
»Neunundsechszig Jahre hat mein Leben gewährt,« sprach der alte Mann, »gute Stunden hat es mir gebracht, aber auch Stunden voll Herzleid und Gram. Stunden, in denen ich zu Gott gerufen habe: Warum, warum mir dies Leid, habe ich denn so große Sünde gethan? Mein Gott hat mir die Antwort ins Herz gelegt und ich bin stille geworden. Manchmal bin ich draußen auf dem Meere gewesen, dann kam mir in meinem Leid wohl der Gedanke, wie schön es sein müßte, da unten zu liegen in tiefem Schlaf, die Stimme in mir aber sprach: Wenn Deine Zeit gekommen ist, wird Dein Herrgott Dich rufen! und ich sah um mich und fand, daß meine Arbeit noch nicht gethan, daß mein Leben noch nicht so gewesen, daß ich von hinnen gehen konnte mit dem Gefühl, Du bist nicht ganz unnütz gewesen.
Dann nahm ich meine Arbeit auf und über der Arbeit schwand mein lauter Schmerz, er wurde still, ich lernte sehen und sah, daß es noch mehr Leid gab, noch schwereres als das meine.
Seht, Ihr seid jung, dem Meere habe ich Euch abgerungen, mit Gottes Hilfe gelang es meinen schwachen Kräften auch die Macht des Fiebers zu bewältigen. Nicht Neugier ist es, nur herzliche Teilnahme, wenn ich Sie bitte, vertrauen Sie mir Ihren Kummer an, noch können meine Schultern eines anderen Herzeleid mit tragen.«
Da schlug Michael die Hände vor sein Gesicht und heiße Thränen rannen ihm über die bleichen Wangen.
»Ich kann nicht, kann es nicht sagen,« stöhnte er.
»Noch nicht,« klang das Echo in dem Herzen des alten Mannes, »aber gesegnet seien diese Thränen, mich dünkt, es sind seit lange die ersten!«
Die Tage verrannen, strenger Winter herrschte im Land, aber Michael merkte es kaum, so warm war er gebettet, so umhegt von sorgender Liebe.
Da war Frau Johanna, Vater Abrahams Tochter, die vereinsamt nach dem Tode von Mann und Kind ins Vaterhaus zurückgekehrt. Wie sie bemüht war um den Genesenden und dieser, für den außer der seiner Mutter, noch keine Frauenhand liebend gesorgt, empfand dankbar diese freundliche Sorge, an der auch Tabea teilnahm.
Und dann diese Plauderstunden am flackernden Feuer, in denen der alte Mennonit aus dem reichen Born seiner Lebenserfahrungen schöpfte.
Wie gern lauschte Michael, eine andere, eine neue Welt war es, die sich vor ihm aufthat, war es die bessere?
Mennoniten nannten sich die Leute, unter die ihn das Schicksal verschlagen hatte, Ketzer nach seinem alten Glauben; er erinnerte sich wohl, wie Propst Ryback diese Sekte einst heftig geschmäht hatte.
Aber waren die Menschen, die ihn so hegten und pflegten wie ihren eigenen Sohn, wirklich so verdammungswürdig? —
Lange schwieg Michael über sich und seine bitteren Erfahrungen, aber dann kam eine Stunde, in der er, in traulicher Dämmerung neben dem alten Manne sitzend, mit diesem über das, was sein Herz bewegte, zu reden begann. Er sprach von den Stürmen seiner Jugend, von seinen hohen, stolzen Plänen, einst ein Auserwählter des Herrn, ein Bote des Friedens zu werden. Dann, leise stockend, von seltsamem Vertrauen zu dem Alten erfüllt, sprach er auch von dem Fluch, der sein Leben vergiftet, von der Erkenntnis der Sünde seiner Eltern.
Was er begraben im tiefsten Herzen, er holte es vor, und in leidenschaftlicher Anklage sprach er von jener Stunde, da er voll Schmerz und Zorn vor seinem Vater gestanden, da er ihm geflucht hatte, ihm und der toten Mutter. Bis er dann endlich zur Besinnung gekommen war und all' die leidenschaftliche Liebe, die er für den Freund gehegt, wieder zum Durchbruch kam.
Er sah wieder das zu Eis erstarrte Gesicht des Mannes, hörte die heisere Stimme:
»Schweig', Bube, Fluch über Dich, wenn Du verrätst, was zwischen uns steht, geh' fort von hier, so weit wie möglich — fort, fort!« Und in seinem Gesicht las man die Angst, die blasse Furcht vor dem Urteil, vor dem Gerede der Menschen; da ergriff den Sohn grenzenlose Verachtung und er stürmte hinaus.
Michael stöhnte auf, zu machtvoll war die Erinnerung über ihn gekommen. —
»Seit Jahren bin ich umhergewandert,« fuhr er fort, »damals, als mein Ziel, mein Streben, mein Hoffen zu meinen Füßen lag, wurde ich Seemann, mich trieb es so viel Meilen wie möglich zwischen die Heimat und mich zu legen. Viel bin ich umhergewandert, in fernen Weltteilen bin ich gewesen, mein Blick ist weiter geworden, meine Kenntnisse größer, aber etwas habe ich nicht wieder finden können — den alten Kinderglauben. Was damals in meinem Herzen zerbrochen ist, habe ich nicht mehr auffrischen können, nicht mehr die Brücken finden, die mich hinübergeleitet hätten in das Land des Glaubens. Welcher ist der rechte? Über diesem Grübeln habe ich ihn verloren!«
Wie ein Aufschrei kamen diese Worte aus seiner Brust, und erschüttert sah der alte Mann auf seinen jungen Gefährten nieder.
»Ja, Du armes, junges Blut, Du arme, kranke Seele! Mein Herrgott, gieb mir die Kraft, sie zu heilen,« bat er in seinem Herzen, und mit sanfter Hand begann er die Heilung.
Aus dem Buche seines Lebens und seiner Lebenserfahrungen berichtete er seinem jungen Gaste, und dieser lernte daraus verstehen, wie es kam, daß dieser einfache Fischer seine Genossen so an Kenntnissen überragte.
In seiner Jugend war Abraham Jakobeit als Seemann Jahre lang in fernen Landen gewesen, er hatte es bis zum Kapitän gebracht. Sein Weib war ihm gestorben und sein Sohn wurde bei Verwandten der Frau erzogen. Jung ging auch dieser in die Welt und verlor sein Leben auf der See.
Da sehnte sich auch Abraham nach Ruhe, er kehrte zurück in die Heimat und nahm Benjamin und Tabea, die verwaisten Kinder seines Sohnes zu sich.
Seit Jahren lebte er nun wieder hier in der Heimat, seine reicheren Erfahrungen, sein größeres Wissen zum Besten seiner Mitmenschen verwertend.
Er war ein gläubiger Mennonit geblieben, lebte getreu den einfachen, strengen Satzungen seiner Sekte, verabscheute den Krieg, hoch über Allem stand ihm der Frieden im Herzen der Menschen zueinander, aber er hatte draußen in der Welt gelernt, daß jeder Glaube, so er nur aufrichtig sei, zum Guten leiten könne, und diese seine Überzeugung sprach er auch offen gegen Michael aus.
Immer inniger schloß dieser sich an den alten Mann an, je mehr seine Körperkräfte zunahmen, desto lichter wurde es auch in seinem kranken Gemüte.
Er fühlte sich zufrieden in dem kleinen Kreise, und bald gehörte er so dazu, daß der Gedanke an Trennung in weite Ferne gerückt wurde. Für Vater Abraham war er ein Sohn, für Frau Johanna ein Kind ihrer mütterlichen Sorge, für Tabea ein älterer Bruder, und für Benjamin?
Das hätte er wohl selbst nicht zu sagen gewußt, was er für diesen bedeutete.
Es war überhaupt etwas Eigenes um Benjamin. — Verwachsen und schwächlich, hatte dieser von Kindheit an eine etwas einsame Stellung eingenommen, die durch sein verschlossenes, grüblerisches Wesen noch verschärft wurde.
Wie ein Fremdling stand er unter den Seinen, fremdartig war schon sein Äußeres, er gehörte mehr dem Stamme seiner Mutter an, die eine Südländerin gewesen war. Sein scharfgeschnittenes Gesicht mit den leidenschaftlichen, dunklen Augen hatte so wenig Ähnlichkeit mit den hellen Zügen Vater Abrahams, wie sein wilder Fanatismus mit dessen milder Güte.
Ja, fanatisch war Benjamin, und Michael entsetzte sich fast, als er das erstemal die Wahrnehmung machte, welch finsterer Geist in dem Körper des Verwachsenen wohnte.
Da war nichts von der milden Friedenslehre des Großvaters, nichts von Tabeas reinem Kinderglauben, nicht Duldung und Frieden, Kampf, erbitterter Kampf war dessen Losung.
Nach und nach hatte auch Michael mehr von Benjamins Leben erfahren. Dieser war mehrere Jahre in Amerika gewesen, hatte sich dort einer Sekte angeschlossen, die aus den Mennoniten hervorgegangen war, aber noch wenig gemein hatte mit deren alten, einfachen Satzungen. Von verschiedenen Sekten etwas annehmend, waren sie nach und nach zu wilden Fanatikern geworden.
Vor einem Jahre ungefähr war er dann zurückgekehrt, und mit tiefem Schmerz hatte der Großvater erkannt, wie verschieden ihre Anschauungen geworden sind.
Beherrscht von fanatischem Glaubenseifer, getrieben von dem brennenden Ehrgeiz, eine Rolle zu spielen, wollte der Enkel ein Prophet werden. Er fand die Lehren des Großvaters viel zu kindlich, zu sanft. Mit Feuer und Schwert wollte er die Welt erobern, seine Lehre sollte herrschen, vor ihr sollte die Menschheit sich beugen. —
Anfangs stieß Michael diese wilde Art ab, aber hatte er nicht auch einst davon geträumt, ein Lehrer, ein Prophet zu werden? Wohl stritt er sich mit Benjamin, aber doch suchte er ihn wieder auf, und nach und nach gewann dieser Einfluß auf Michael. Niemand gewahrte es, wie er diesen im Grunde etwas schwankenden Charakter beherrschte, stärker war noch Vater Abrahams und Tabeas milder Einfluß; aber Benjamin war klug und sagte sich, daß, sobald dieser nicht unmittelbar sei, er der stärkere werde, und Michaels glänzende Rednergabe und seine stattliche, sympathische Erscheinung brauchte er zu seinen Plänen, das waren Vorzüge, die ihm fehlten, wie er mit Bitterkeit längst erkannt hatte.
Er wagte aber auch nicht, dem Großvater gegenüberzutreten, denn so sehr er sich innerlich dagegen sträubte, die milde Ruhe, die klare, freundliche Weltanschauung und der echte, tiefe Glaube des Alten zwangen ihm unendliche Hochachtung ab.
Er hoffte auf die Zeit, einmal mußte sie kommen, da er mit Michael das große Werk der Bekehrung begann. —
So flossen die Monde dahin, der Fremdling, der einst krank und weltmüde im Dorfe auf dem Sande eingekehrt, war nun ein lieber Hausgenosse geworden; er trieb im Sommer das Gewerbe der Männer, die Fischerei, erweiterte im Winter seine Kenntnisse durch eifriges Studium. Die kleinen Ersparnisse aus seiner Wanderzeit benützte er teilweise dazu, sich eine Bibliothek anzuschaffen.
Wohl kam ihm manchmal die Sehnsucht nach der verlassenen Welt, der Ehrgeiz regte sich in ihm, sich eine Stellung, die seinen Kenntnissen entsprach, zu erringen, statt hier thatenlos in dem weltfremden Dörfchen zu leben. In solchen Stunden gewannen Benjamins Pläne Macht über ihn; kam dann aber Tabea mit ihrer weichen, süßen Stimme und rief ihn, mit ihr zu kommen, und saß er dann bei den Frauen und dem Großvater im traulichen Zimmer oder vor dem Hause auf der Bank, mit dem Blick nach dem weiten Meere, im ernsten Gespräch, dann kam der Friede wieder über ihn und die unruhigen Gedanken wurden stille. —
Da fand er einmal, daß in einer Zeitung ein Aufruf stand, der ihn selbst betraf. Sein Name stand darin, er wurde gesucht; ein Verwandter seiner Mutter war gestorben und er der Erbe des kleinen Vermögens.
Von jener Stunde an wich die Ruhe von ihm, machtvoll überkam ihn die Sehnsucht nach der alten Heimat. Nur einmal wollte er dahin zurückkehren, noch einmal das kleine Haus betreten, darinnen er seine Kindheit verlebt, noch einmal an das Grab der Mutter treten, an die er jetzt mit immer verzeihenderer Liebe dachte.
Noch einmal wollte er dem gegenübertreten, um dessentwillen er einst die Heimat verlassen hatte. Nicht mehr im Zorn, in alter Liebe wollte er ihm die Hand reichen, wollte am Vaterherzen ruhen und dann mit versöhntem Gefühl die Heimat für immer verlassen.
Wochenlang kämpfte er gegen diese Sehnsucht, er wurde still und in sich gekehrt, bis ihm der alte Jakobeit zuletzt selbst zuredete, sich seinen Wunsch zu erfüllen.
Er ging, aber noch ehe er das Sanddorf verließ, kam eine Stunde, in der er neben Tabea am brausenden Meere stand, ihre Hand fest in der seinen haltend, ihre dunklen Augen suchte.
»Das tobende Meer brachte mich einst zu Euch; krank an Seele und Leib, kam ich in Euer Haus, Du warst die erste, die ich, aus Fieberwahn erwachend, erkannte. Seit jener Stunde wohnt Dein Bild in meinem Herzen, nun gehe ich fort, nur aber, wenn Du die erste sein willst, die mich empfängt, so ich wieder komme, mich empfängt als meine liebe Braut, willst Du, Tabea?«
Heiß flutete eine Blutwelle über das liebliche Mädchengesicht, mit einem Blick voll Glück und Liebe sah sie zu dem Manne auf und sagte mit verhaltenem Jubel in der Stimme:
»Ich will, ach Michael, wie liebe ich Dich!« Sie legte den Kopf an seine Brust und er küßte fast ehrfurchtsvoll die reine Mädchenstirn.
Das Meer brauste und schäumte, Welle stürzte über Welle — sie hörten das Gelöbnis der Liebe bis zum Tode, das die beiden jungen Menschenkinder mit einander eintauschten.
Zwei Tage später zog Michael von dannen, Benjamin war sein Gefährte, der hatte so darum gebeten, daß Michael nicht »Nein« sagen mochte.
Er schalt sich selbst thöricht, wenn er Benjamins Gegenwart als Last empfand, es ruhte auf ihm wie eine Ahnung schweren, kommenden Leides.
In den Zeiten des polnisches Königreiches gehörten die Herren von Leninski zu dem angesehendsten, reichsten Adel, aber wie der morsche Thron der Polen in Splitter sank, so zerfiel auch im Laufe der Jahre die Herrlichkeit der Leninskis. Das Gold rann ihnen aus den Händen, ein Stück Land des alten Besitzes nach dem anderen mußte verkauft werden und heute saß der jetzige Herr, Marcel von Leninski auf Lochowo und sah wehmütig auf den geringen Rest, der ihm von dem einstigen Reichtum geblieben war.
Inmitten eines romantischen, völlig ungepflegten Parkes, mit der Front nach einem schilfumkränzten, kleinen See lag Schloß Lochowo. Nach der Landstraße zu dehnten sich die weitläufigen, dem Verfall nahen Wirtschaftsgebäude aus, an die sich das Dorf anschloß.
Boguslaw von Leninski, der Prächtige, wie ihn seine Nachkommen nannten, hatte Jahre lang in Paris gelebt; der glänzende Hof, der die schöne, unglückliche Marie Antoinette umgab, sagte seinem beweglichen Temperament so zu, daß er seiner Besitzungen im fernen Polen nur gedachte, wenn er Geld brauchte.
Als die Stürme der Revolution sich erhoben, verließ er das geliebte, glänzende Paris mit schwerem Herzen und mit leichtem Beutel.
In der Einsamkeit der heimischen Wälder begann er sich, in Erinnerung der glänzenden Tage, ein petit Versaille aufzubauen, aber ehe noch der Bau vollendet war, rief ihn der Tod ab und sein Erbe, der sich genötigt sah, den größten Teil der alten Herrschaft zu verkaufen, ließ von einfachen Handwerkern den Bau vollenden; denn schon erklang der Kriegslärm des großen Korsen auch in die Einsamkeit der russisch-deutschen Gebiete.
Ein Stückwerk, mit feinem Kunstsinn begonnen, von ungeschickten Händen vollendet, blieb Schloß Lochowo.
Im Sommer freilich, wenn die Kletterrosen, die sich daran emporrankten, in Blüte standen, die schlanken Türme vom Sonnengold umflossen in die blaue Luft ragten, bot es einen Anblick, der wohl ein Malerauge entzücken konnte. —
Herr Marcel von Leninski, der von seinen Ahnen das leichte Blut und die sanguinische Lebensanschauung geerbt hatte, mühte sich redlich, sich und den Seinen den letzten Rest der alten Herrlichkeit zu erhalten.
Frau Halinka, seine Lebensgefährtin, machte es ihm freilich oft schwer genug. In ihrer Jugend einst eine große Schönheit, hatte sie ein Jahr ihrer Mädchenzeit in Paris verbracht und dann, froh, ein standesgemäßes Unterkommen zu finden, ihren alten Verehrer und derzeitigen Gatten geheiratet.
Herr Marcel hatte weder die Schönheit, noch den sprühenden Geist seines glänzenden Ahnherrn geerbt, er bewunderte seine schöne Gattin aufrichtig und that so viel für ihre Luxusbedürfnisse, wie es seine Mittel irgend erlaubten. Aber Frau Halinka konnte das Jahr in Paris, das Jahr ihrer Triumphe nicht vergessen, sie war fest überzeugt, sich herabgelassen zu haben, indem sie Frau von Leninska wurde.
Immer und immer erzählte sie von dem einen glänzenden Jahre, anfangs imponierte sie ihrem einfachen, gutmütigen Manne, aber die Jahre verwischten die Eindrücke, jetzt geschah es mit wiederkehrender Regelmäßigkeit, daß der gute Marcel bei den Erzählungen in sanften Schlummer fiel.
Kasia, die jüngste Tochter, dagegen lauschte mit fiebernder Aufmerksamkeit den mütterlichen Erzählungen, sie kannte kein größeres Vergnügen, immer wieder war sie es, die die Mutter zu neuen Berichten anregte. Dann saß sie da, die dunklen Augen strahlten, die feinen Lippen leicht geöffnet, jeder Nerv an ihr lebte, es prickelte und zuckte in ihren Gliedern, sie war mitten drin in dem rauschenden Leben. Sie lachte, weinte, tollte, kokettierte und heißer kreiste das leichte Blut der Vorfahren in ihren Adern.
Frau Halinka erzählte, hingerissen durch der Tochter Begeisterung immer mehr und Herr von Leninski schüttelte manchmal vom Schlaf erwachend das Haupt, wenn er hörte, daß die stolze Herzogin von M. seiner Frau gesagt, sie wäre die Blume der Blumen, und daß Graf Armand de St. ihr sein Herz und seine Millionen zu Füßen gelegt, hatte er noch gar nicht gewußt. Ein leises, verschmitztes Lächeln trat auf seine Lippen — Du lieber Himmel, die Zeit verwischt die Erinnerungen! —
Wladislaw, der einzige Sohn und Erbe, hatte es vorgezogen, in österreichische Dienste zu treten, er stand in einer kleinen böhmischen Garnison als Oberleutnant, seine Briefe bildeten der Mutter Entzücken und des Vaters Sorgen, denn mit absoluter Sicherheit kehrte darin stets die Wendung wieder, »ich brauche Geld.«
Still und sanft waltete noch eine andere im Hause, Maria, die älteste der Schwestern, sie war es, die den Haushalt in Ordnung hielt.
»Unsere Maruszka ist unser guter Hausgeist,« pflegte Frau Halinka wohl anerkennend zu sagen, während ihre Blicke stolz an der lieblichen Erscheinung ihrer jüngeren Tochter hingen.
»Jusia kommt, Jusia kommt!«
Einen offenen Brief in der Hand stürmte Kasia wie ein Wirbelwind in das Boudoir der Mutter.
Frau Halinka las in einem neuen französischen Roman, während Maria Faden um Faden durch eine feine Stickerei zog.
Tief neigte jetzt Kasia den zierlichen Körper vor ihnen und sagte mit komischem Ernst:
»Meine Damen, gestatten Sie, daß ich Ihnen die freudige Mitteilung machen darf, daß Gräfin Jusia Potocka übermorgen Einzug in unser Schloß halten wird!«
»Wildfang.« Frau Halinka lächelte nachsichtig, während auf ihr stark verblühtes Gesicht ein freudiger Ausdruck trat. »In der That, ich muß gestehen, eine ganz angenehme Abwechslung, dieser überraschende Besuch der Komtesse.«
»Wundervoll, unbeschreiblich schön!« jubelte Kasia. »Ach, Mama, was wird uns Jusia alles erzählen können, bedenke doch, wie viel sie gesehen hat, seit wir vor zwei Jahren das Kloster verließen; Nizza, Rom, Paris, das himmlische Paris, ach, ich beneide sie, die Glückliche!«
»Nur nicht gar so enthusiasmiert, ma petite, ich war auch in Paris und wer weiß, ob Komtesse Jusia eine so vorzügliche Kennerin des pariser Lebens ist, wie ich es war. Ob sie den Esprit und die Eleganz besitzt, es so zu erfassen wie ich, nun wir werden ja sehen, jedenfalls ist es auch mir angenehm, einmal wieder von meinem Paris reden zu können.«
»Übrigens Maria, hast Du in mein neues Cape auch die Etiquette von Bon marché eingenäht? Es ist mir lieber, wenn Gräfin Jusia sieht, daß wir einen Teil unserer Toiletten aus Paris beziehen.«
»Aber Mama!« vorwurfsvoll erhob die Angeredete ihre ernsten, dunklen Augen zur Mutter.
»Schweig, Maria, ich weiß, was ich uns schuldig bin, triff lieber die Vorbereitungen für unseren Gast!«
Still verließ diese das Zimmer, die Lippen fest aufeinander gepreßt, als wolle sie die Worte zurückdrängen. Ach, wie sie sich schämte über die thörichte Eitelkeit der Mutter, die immer und immer wieder die Etiquettes der pariser Firmen, die noch von den Toiletten aus den ersten Jahren ihrer Ehe stammten, heraustrennen und in die neuen, in der Kreisstadt gekauften Sachen nähen ließ.
Mit müdem Schritt erstieg Maria die Treppe zu dem oberen Stockwerk, sich überlegend, welche Zimmer sie dem jungen Gast geben sollte. Es gab deren genug in dem weiten Bau, aber die wenigsten waren möbliert, Stückwerk der Bau, Stückwerk die Einrichtung. Kostbare Empire- und Rokokomöbel, die fehlenden Stücke durch einfache, vom Tischler gefertigte Sachen ersetzt.
Schweren Herzens begann Maria ihre Arbeit, aus allen Räumen trug sie etwas zusammen, bis sie endlich ihr Werk wehmütig betrachtend inne hielt. »Stückwerk außen wie innen! ach Gott, wie müssen die Menschen glücklich sein, die in geordneten Verhältnissen leben!« —
»Maria bist Du oben?« unterbrach die helle Stimme der Schwester ihre Gedanken.
»Was giebt es, Kasia?« Leichtfüßig kam diese schon die Treppe herauf.
»Marinka, mein Seelchen!« rief sie aus, »reizend ist das Zimmer! Ach, denke Dir nur, wie lieb von Mama, sie will mit uns nach der Stadt fahren und uns neue Toiletten kaufen. Einen Ball will sie auch geben, während Jusia da ist, endlich einmal etwas Abwechslung!«
»Aber Kasia!« Erschrocken sieht Maria die Schwester an. »Solche Ausgaben sind doch unmöglich, Papa hat ohnehin so viel Sorgen. Die Ernte ist dieses Jahr durchaus nicht gut, dazu das Unglück im Frühjahr mit den Kühen und Wladzin hat gestern auch wieder um Geld geschrieben. Nein, diese Ausgaben darf Mama nicht machen.«
»Du bist eine unerträgliche Pedantin, keine Freude gönnst Du uns, nur sparen, nur sparen, und Mama hat ganz recht, wenn sie sagt, Du seist verbauert.«
Das reizende Gesicht Kasias war durch Zorn entstellt, die Thränen stürzten ihr aus den Augen und zitternd vor Wut trat sie mit den zierlichen Füßen auf den Boden.
»Was wohl dabei ist!« schrie sie. »Was wird das groß kosten? Der Jude giebt Papa schon Geld!«
»Kasia!«
»Schweig, Du verdirbst mir all meine Freude!« Sie stürmte zum Zimmer hinaus und krachend flog die Thür hinter ihr ins Schloß.
Die zierliche, von Maria mühsam gekittete Vase auf dem kleinen Rokokotisch fiel klirrend zur Erde und während das junge Mädchen die Stücke sammelte, rannen die heißen Thränen über ihre Wangen:
»Stückwerk alles, alles, der Jude giebt Geld, bis der Jude das Gut nimmt und dann. — Oh heilige Mutter Gottes, hilf!«
»Oh chère tante! Da sitze ich nun seit drei Tagen in dieser polnisch-deutschen Einsamkeit, mit dem brennenden Wunsch, diesen ländlichen Aufenthalt erst mit einem Badeort des high life vertauschen zu können. Diese guten Leninskis sind unglaublich naiv, sie denken wirklich, mich habe einzig und allein die Sehnsucht zu ihnen getrieben. Wenn sie ahnten, wie sehr ich vis-à-vis de rien stehe, wie froh ich war, daß mir die Einladung dieser thörichten, kleinen Kasia einfiel. Lächerlich, immer soll ich von meinem glänzenden Leben erzählen, wenn sie wüßten, wie die Kehrseite aussieht, wie hungrig wir oft auf den Boulevards promeniert sind! — Ein Glück, daß die alte Fürstin sich Deiner erinnerte, jeden Abend ist mein Gebet, es möge ihr einfallen, mich auch zu sich zu laden, in Rußland würde ich vielleicht bessere Chancen haben, eine Partie zu machen, den glänzenden Rahmen, den ich brauche, zu finden. — Was soll ich Dir von den Leninski berichten? Madame ist etwas einfältig, von der einstigen Schönheit sieht man nichts mehr. (Wer weiß, wie viel sie überhaupt davon besessen hat.)
Monsieur ist etwas verbauert, er macht manchmal einen recht mißglückten Versuch, galant zu sein. Kasia ist ohne Frage reizend, ich glaube, sie könnte, mit dem nötigen Geld versehen, Furore machen. Maria ist hübsch, nicht mein Geschmack, sie sieht aus, als könnte sie einen Mann in kleinen Verhältnissen aus Liebe heiraten, oder — in ein Kloster gehen. Eines so unpraktisch wie das andere.
Adio, teure Tante, ich werde jetzt mit Kasia spazieren gehen, Gänseblümchen pflücken, Gedichte machen und von diesen einfältigen Dorfjungen meine Schönheit, dieses mein Kapital, meine Hoffnung, bewundern lassen.
Ich küsse Deine Hand, schreibe bald und bringe Erlösung
Deiner trostlosen Jusia.«
Die Schreiberin schließt hastig den Brief und adressiert ihn. Von unten herauf tönt schon Kasias helle Stimme, die ihren Namen ruft. — Rasch setzt sie einen großen, weißen Hut auf ihr krauses rotblondes Gelock, ein wohlgefälliger Blick in den schmalen Empirespiegel, eine Kußhand ihrem eigenen Bild und leichtfüßig eilt sie die Treppe hinab. »Kasia, mein Seelchen, verzeih, daß ich Dich warten ließ, aber sieh! ich hatte so viel an Tante Amélie zu schreiben, wie reizend es hier bei Euch ist, wie lieb Ihr seid und daß ich keinen größeren Wunsch hege, recht, recht lange bei Euch zu bleiben, komm, ich will blos Deiner Mama, von der ich ganz enthusiasmiert bin, die Hand küssen.« Wenige Minuten später wandeln die jungen Damen durch das Dorf, mit offenem Munde stehen die Kinder und schauen ihnen nach. Paninka Kasia, die kennen sie, aber das fremde Fräulein mit dem weißen Kleid, die so leicht über den Schmutz der Straße schwebt, schüchtert sie ein und in stummer Bewunderung blicken sie ihr nach.
»Mein Gott, Kasia, wie geistreich diese Kinder aussehen,« sie lacht, »nein, sieh diesen Fratz dort, gerade so starrte mich der holde Prinz Sergei an vergangenen Winter in Nizza. Aber sieh, wie idyllisch das Häuschen hier liegt, sag, wem gehört es?« Sie bleibt vor dem kleinen Haus am Ende des Dorfes stehen, das von bunten Blumen umblüht, seltsam absticht gegen die anderen im Schmutz stehenden Nachbarhäuser. Da knarrt die Thüre und Michaels hohe Gestalt wird im Rahmen sichtbar, seine ernsten Augen haften voll Erstaunen auf den beiden lichten Mädchengestalten, die da am Gitter seines Gartens stehen. Er tritt einige Schritte näher, verneigt sich und sagt mit seiner ruhigen, klangvollen Stimme:
»Gott zum Gruß und Gottes Frieden!« Dabei ruhen seine Blicke unverwandt auf Gräfin Jusias reizvoller Erscheinung. Mit beiden Händen greift diese in die blühenden Clematisranken am Gitter und sieht mit seltsamem Lächeln zu dem schlanken Mann hin. Sekundenlang ruhen beider Blicke ineinander, dann wendet sich Michael heftig um und schreitet mit stummem Gruß in sein Haus zurück.
»Kasia, sag doch, wer war dieser seltsame Mensch, ein Apollo an Schönheit in Eurem Dorf?« Jusia reißt einige von den Blüten am Gitter ab und befestigt sie in ihrem Gürtel, »schnell erzähle, ma petite, ich wittere eine romantische Geschichte, der blonde Apollo mit seinem frommen Gruß und seinem geistlichen Rock interessiert mich?«
»Romantisch ist die Sache nicht gerade,« erwiderte Kasia, hochmütig das feine Näschen rümpfend, »Dein Apollo, wie Du ihn nennst, obgleich ich noch keinen Apollo mit einem Rock gesehen habe, ist einfach ein Dorfjunge, der eine etwas bessere Erziehung genossen hat, Propst Ryback hat ihn unterrichtet, er sollte sich dem geistlichen Stande widmen. Eines schönen Tages verschwand er aber plötzlich und tauchte erst ungefähr im Februar dieses Jahres wieder auf. Er bezog sein Haus, das der Propst bis dahin für ihn verwaltet hatte, und soll sich gleich in den ersten Tagen wieder vollständig mit diesem überworfen haben. Dann fing er hier in der Gegend an zu predigen, eine neue Lehre. Mit ihm ist ein kleiner verwachsener Mensch. Papa sagt, es wären Mennoniten, aber Propst Dzimbowski aus Skiernewice meinte neulich, es seien keine echten Mennoniten, die wären stiller und machten keine Propaganda für ihren Glauben; diese gehörten vielmehr einer neuen, amerikanischen Sekte an. Die haben schon viele Anhänger, hier in Lochowo nicht, aber in Birkenhof und Skiernewice laufen die Leute ihnen zu, die hiesigen stehen zu sehr unter dem Einfluß von unserem Propst, der sehr fanatisch ist und die Leute gegen den Ketzer einzunehmen weiß. Es ist ja Unsinn, was sie predigen, der Blonde soll übrigens wunderbar reden können, sie wollen eine große Gemeinde gründen mit völliger Gleichheit aller, verdammen den Krieg und Alkoholismus und reden schrecklich viel von innerer Glückseligkeit. Papa sagte schon, er wundert sich, daß sie bis jetzt mit heiler Haut davon gekommen sind und prophezeit ihnen ein gewaltsames Ende.
So nun aber genug von diesen langweiligen Dingen, erzähle mir lieber mehr von Deinem Leben!« Jusia Potocka wendet noch einmal den Kopf nach dem kleinen Hause und beginnt dann zu erzählen; sie rollt Bilder voll Glanz und Licht vor Kasias Augen auf, und diese lauscht mit klopfendem Herzen, immer brennender wird der Wunsch in ihr, auch mit in diesem glänzenden Strom des Lebens schwimmen zu können.
Tiefe, feierliche Sabbathstille herrscht im Walde. Gestern floß der Regen in Strömen auf die schier verschmachtete Erde nieder, heute stehen die Bäume und Pflanzen in neuer Kraft da, sie recken und dehnen sich, sie fühlen sich noch frisch und jung, und ferne liegt ihnen der Gedanke an die Stürme des Herbstes, des Winters Kälte. —
Maria schreitet auf dem weichen Moosboden dahin, so feierlich still ist es ringsum, die Birkenstämme leuchten hell und zitternd schwanken die Zweige, vom sanften Wind bewegt, hin und her. Es ist ein seltsames Wohlgefühl, das Maria in diesem Stück heimischen Waldes überkommt. Sie weiß wohl, daß man über die Eintönigkeit dieses Landes spottet, über die kargen Wälder, in die der blaue Himmel durch große Lücken hineinscheint. Kein kühles, geheimnisvolles Walddunkel, nicht jene zum Himmel ragenden Bäume, jene murmelnden, wild über Felsen und Baumwurzeln stürzende Bäche des Hochgebirges, und dennoch, sie liebt diesen ärmlichen Wald. Hier ist es, wo Ruhe und Frieden über sie kommt, wo die nagenden Sorgen, die düsteren Gedanken sie verlassen, oh Du lieber, barmherziger Wald! Während sie so dahinschreitet, schweifen ihre Gedanken in die Vergangenheit, in die kurze, glückliche Zeit ihres Lebens. Wie fern sie ihr liegt, manchmal will ihr dünken, als verblasse die Erinnerung in dem täglichen Kampf, aber dann, wenn sie allein ist, wie hier in dem Frieden des Waldes, dann überkommt sie mit aller Gewalt das alte Glück, das alte Leid, ihr Herz jubelt und weint, und licht stehen ihr die sonnigen Tage von einst vor der Seele.
Eine entfernte Verwandte ihrer Mutter, ein altes Fräulein, hatte sich plötzlich erinnert, daß ihre Cousine Halinka zwei Töchter besaß und geschrieben, daß sie gern einmal eine ihrer Nichten sehen möchte, ihr sei die Reise zu weit, sie würde sich aber über einen Besuch freuen und bäte hiermit ihre Cousine, ihr doch eine ihrer Töchter einige Wochen nach Dresden zu schicken. Maria war gerade aus dem Kloster gekommen, wo die Leninskis eine Freistelle besaßen, da kam der Brief der Tante und da dieselbe als reich galt, stimmte auch Papa Leninski für die Reise. An einem weichen, milden Frühlingsabend kam Maria in Dresden an, wie klar stand ihr doch alles vor der Seele. Die alte Tante, die ihr wie ein Wesen aus einer fremden Welt erschien. Frisch, trotz ihrer sechzig Jahre, wie eine Junge, so lebensfroh, so teilnehmend, so verständnisvoll für die Jugend und dabei so abgeklärt in ihrem Urteil, über den Kleinkram der Welt stehend, mit einem Herzen, das warm für alles Schöne und Edle schlug. Unwiderstehlich fühlte Maria sich zu ihr hingezogen, in wenig Tagen hing sie mit inniger, verehrender Liebe an der alten Dame.
Jener erste Abend in Dresden, wie ein leuchtendes Bild stand er in ihrer Erinnerung, über die breite Brücke, die die Neustadt mit der Altstadt verbindet, fuhren sie in einem offenen Wagen; wie ein breiter Streifen flüssigen Goldes lag die Elbe im Glanz der untergehenden Sonne unter ihnen. Große Dampfer, kleine buntbewimpelte Kähne glitten über sie hin. Am jenseitigen Ufer ragten die stolzen Bauten einer glänzenden Vergangenheit empor, die scheidende Sonne umglühte sie noch einmal, daß es aussah, als ob all die Ecken und Spitzen im Feuer ständen. Von einem der Dampfer kam eine weiche, träumerische Musik und vermischte sich mit dem Lärm der großen Stadt. So traumhaft schön wie dieser erste Abend waren die Wochen, die ihm folgten.
Leise seufzte Maria auf, vergangen die Jugend, das Glück. Im Garten der Tante war es, da trat er ihr das erste Mal entgegen, strahlend vor Stolz über den glänzend errungenen Doktortitel. Seine Eltern waren langjährige Freunde von Marias Tante und der Verkehr zwischen beiden Häusern ein sehr reger. Der junge Doktor sollte einige Wochen im Elternhaus verleben, einige Wochen der Freiheit, und es war eigentlich natürlich, daß bei den Ausflügen, die er mit seinen jungen Schwestern unternahm, Maria mit dabei war.
Im Scherz und Spiel, im ernsten Gespräch, immer fand sich der junge Arzt mit Maria zusammen, es war dem Mädchen, als sei alles von ihr genommen, was düster und schwer ihr junges Leben bedrückt hatte, in vollen Zügen genoß sie jetzt ihre Jugend und in ihrem Herzen erblühte ein stilles, heimliches Glück. Sie wußten es bald, Heinz Werner und Maria, daß sie einander liebten, nicht mit jener Leidenschaft, die wie im Sturm über alles hinweg rast und, wenn verflogen, bittere Ernüchterung zurückläßt, eine stille, heilige, treue Liebe war es, die die Beiden erfüllte. Wie ein Schatten stieg manchmal der Gedanke an die Eltern in Maria auf, sie kannte nur zu gut den Hochmut Frau Halinkas und wußte, daß diese nicht so leicht ihre Einwilligung zu einer Heirat mit einem Bürgerlichen und noch dazu einem Protestanten geben würde. Aber mit dem glücklichen Leichtsinn der Jugend verscheuchte sie solche Gedanken, vorläufig sollte es selbst den Eltern ein Geheimnis bleiben, denn noch war Dr. Heinz nicht in der Lage, eine Frau heimzuführen, und so beschlossen beide, ihr stilles Bündnis an niemand zu verraten.
Ob es wohl die Tante ahnte, sie lud Maria beim Abschied herzlich ein, bald wieder zu kommen, ja, sie sprach die Absicht aus, die Eltern zu bitten, ihr Maria für lange Zeit zu überlassen. »Behüt' Dich Gott, mein Kind, sei tapfer und bleibe Dir selbst getreu,« sagte sie, die weinende Maria in ihre Arme schließend. Noch ein letzter Händedruck dem Geliebten und langsam fuhr der Zug von dannen.
Vier Wochen später reiste Herr von Leninski zum Begräbnis der Tante, um bitter enttäuscht heimzukehren; der Tod hatte die rüstige Frau überrascht, noch ehe sie ihren Willen ausführen und Maria zur Erbin einsetzen konnte. Die Söhne ihres Bruders, zwei gewissenlose Verschwender, erbten das Vermögen, und leicht rann das Geld durch ihre Finger, mit dem die alte Tante so viel Segen gestiftet und hatte stiften wollen. Maria weinte um sie wie um eine Mutter! Fünf Jahre waren vergangen. Der, auf den Maria gehofft, nach dem sie gebangt, war nicht gekommen, und wie ein Traum lag das Glück hinter ihr. Oh, du barmherziger Wald, der du so geduldig das immer neue Leid anhörst, so milde, sanfte Lieder rauschst, aus denen es klingt wie Märchensang: er kommt noch, er kommt noch, sei getrost, arm' Menschenkind! Ruhiger wird Maria, mit schweren Sorgen ist sie hergekommen, mit einem gut Teil leichterem Herzen tritt sie den Heimweg an. —
Auf den Stufen der Veranda steht bereits Kasia, ungeduldig nach ihr ausschauend. »Es ist gut, daß Du kommst, Maria, drinnen ist — oh staune — Besuch! Der alte Sanitätsrat stellt uns seinen Stellvertreter vor, er muß natürlich wieder nach Karlsbad, komm herein, oder vielmehr, geh' Du hinein, ich bleibe hier, es lohnt sich nicht der Mühe, so ein simpler Doktor, der als Stellvertreter geht, ich begreife Jusia nicht, die schrecklich liebenswürdig thut!« Sie rümpfte das feine Näschen, warf die zerpflückten Blätter einer Rose über die Stufen der Treppe und hüpfte davon, Maria die Pflichten der Wirtin überlassend.
Mit der ihr eigenen, gelassenen Ruhe betrat diese den Salon, auf ihrem feinen, durchgeistigten Gesicht lag noch der Ausdruck stiller Sehnsucht. Jusias helles Lachen klang ihr entgegen; Frau Halinka liebte die künstliche Dämmerung, sie war die vorteilhafteste Beleuchtung für ihre verblühte Schönheit, so herrschte auch heute nur mäßige Helle in dem großen Gemach, und Maria, die aus dem grellen Sonnenlicht kam, war zuerst nicht im stande, die einzelnen Personen zu unterscheiden. Da klang die krähende Stimme des Sanitätsrates, die so wenig zu seiner robusten Erscheinung paßte, an ihr Ohr, und dann eine andere, kräftige, fröhliche Männerstimme, bei deren Ton Maria zusammenfuhr, waren es noch die Träume des Waldes, die sie narrten? Wahrheit, war es Wahrheit? Da stand der vor ihr, nach dem sie sich gebangt und gesehnt all die Jahre, mechanisch legte sie die Hand in die seine. »Wir sind ja alte Bekannte, mein gnädiges Fräulein,« sagte er herzlich, da hob sie die Augen und sah ihn an, sah in seine treuen Augen, die redeten so vertraut zu ihr, daß die Jahre vor ihr versanken mit ihrem Leid, ihren Thränen, und ein heißes Glücksgefühl sie durchströmte.
»Maria!« Frau Halinka rief höchst mißbilligend ihren Namen. »Kind, wo bist Du mit Deinen Gedanken, siehst Du nicht, daß Herr Sanitätsrat Dich begrüßen will!«
Verwirrt blickte Maria um sich, ihr war, als müßten alle wissen, was da geschehen war in den wenigen Sekunden, heiß drängte sich ihr das Blut in die Wangen, mit einer ihr fremden Hast reichte sie dem alten Herrn die Hand, die dieser mit einem verzückten Blick an die Lippen zog. Dann sprach sie auch, gleichgiltige Worte, lächelte, war liebenswürdig, dabei sah sie nur immer ihn, hörte seine Stimme, und in ihrem Herzen sang und klang es so laut, daß sie meinte, die Anderen müßten es hören: »Er ist da, er ist da!« —
Gräfin Jusia schmiegte sich wie ein Kätzchen in den Sessel und warf unter den langen, schwarzen Wimpern hervor prüfende Blicke auf den jungen Arzt. Der war anders wie die Herren ihrer Gesellschaft, aber in einem so öden Nest wäre er zum flirten gerade recht. Hübsch war er, aber er sah so ernsthaft, so philisterhaft aus, nein, dies war nicht der rechte Ausdruck, er sah so deutsch aus, sagte sie sich. Dabei mußte sie sich aber doch gestehen, er kümmerte sich herzlich wenig um sie, nicht Schüchternheit war es, nein, Gleichgiltigkeit, aber wie er Maria anblickte! Gräfin Jusia beginnt zu kombinieren, prüfend gleiten ihre Augen von einem zum andern, nun, da müßte sie doch blind sein, wenn da nicht eine höchst sentimentale, romantische Liebesaffaire dahinter steckte, ich werde es ergründen! denkt sie, wenigstens eine Abwechslung in der trostlosen, langweiligen Einsamkeit.
Die Herren wollen sich verabschieden, aber Herr von Leninski erhebt Einspruch: »Selbstverständlich sind Sie unsere Gäste, na, das wäre ja noch besser, wenn Sie Lochowo ungespeist und ungetränkt verlassen wollten.« Der Hausherr lacht dröhnend über seinen eigenen Witz, von dem Sanitätsrat sekundiert, der wohl zu würdigen weiß, welch edlen Ungarwein der Keller von Lochowo birgt. —
Mögen die Leute sagen, die Leninskis würden bald Samuel Schmuhl, dem Hauptgläubiger, Lochowo überlassen müssen; Gäste, die einkehren in den wunderlichen Bau, merken nichts davon. Die matte Dämmerung in dem Speisesaal, hervorgerufen durch farbige Fenster, verhindert, daß man gewahrt, wie verblichen und zerschlissen die Seidenbezüge der altertümlichen Möbel sind. Marias geschickte Hände haben verstanden, vielfach die Schäden zu verbergen, sie hat auch die hohen, gekitteten Vasen mit graziösen Sträußen gefüllt und die Tafel in anmutiger Weise geordnet. Dazu die liebenswürdige Hausfrau — Frau Halinka ist in Gesellschaft immer liebenswürdig —, der joviale Gatte, die zierlichen Mädchenerscheinungen, der goldne Wein in den Gläsern vereinen sich zu einem reizvollen Ganzen. Selten verläßt ein Gast das Haus, der nicht den Wunsch hegt, bald wieder einkehren zu können.
Dann eine Bootfahrt auf dem See, für die der Sanitätsrat eifrig stimmt, um nachher zu erklären, er wolle bei Herrn von Leninski bleiben, der lächelt verständnisinnig, er kennt die schattige Laube, in der der opfermütige Sanitätsrat nach Tisch seinen inneren Menschen einer näheren Prüfung unterzieht; ihm ist es recht, hegt er doch die gleiche Absicht. Nach der Fahrt ein Wandern durch die verschlungenen Gänge des alten Parkes, der noch die Anlagen zeigt, die Herr Bogislaw der Prächtige von einem französischen Gartenkünstler hatte beginnen lassen. Im Laufe der Jahre war er aber verwildert, die Wege von Gras überwuchert, die steinernen Götterbilder mit ihren dicken Barockgesichtern waren von Schlingpflanzen umzogen, besonders der Teil, der am See lag, war eine dichte, grüne Wildnis.
Hier erst ist es dem jungen Arzt möglich, einige kurze Minuten mit Maria allein zu sein. Hier erst vermag er ihr in hastigen Worten zu erklären, warum er so lange fern geblieben. Die Eltern waren ihm rasch hintereinander gestorben, das geringe Vermögen blieb seinen beiden Schwestern. Er hatte tapfer gearbeitet, um vorwärts zu kommen, über dem Ringen aber verfloß die Zeit, und so kam es, daß er erst heute, nach mehr denn fünf Jahren, sein Wort einlösen konnte. Gut traf es sich, daß er in einer Fachzeitung das Gesuch des Sanitätsrates las, er hoffte, so am besten zu ihr zu gelangen, er benutzte seine Ferien und stellte sich dem alten Herrn als Stellvertreter.
»Maria, Du mein Lieb, in Deinen Augen las ich, daß Du mir die Treue gehalten hast die langen Jahre, Maria, mein Glück! Nun soll uns nichts mehr trennen, komme, was da mag, ich halte Dich fest, mein Glück,« leidenschaftlich zog der Mann das Mädchen an sich und sie widerstand nicht. Lange hatte sie gehofft, geharrt auf ihr Glück, nun war es da, war gekommen, wie der Frühling über Nacht, fest schlang sie die Arme um den Geliebten. Ihre Augen tauchten ineinander, um sie versinkt die Welt, sie sehen nur sich und fühlen nur, daß sie einander gehören für Zeit und Ewigkeit, bebend vor Glück flüstern sie nur das Eine: »Ich liebe Dich.«
Näherkommende Stimmen wecken sie erst aus ihrer Versunkenheit, hastig, helle Glut auf den Wangen, befreit sich Maria, ein kurzer, inniger Händedruck, und schon sehen sie die hellen Kleider Kasias und Jusias durch das Gebüsch schimmern.
»Nein, Maria! Wie echauffiert Du aussiehst!« Jusia hängt sich an ihren Arm und sieht spöttisch zu dem jungen Mädchen auf, das vergeblich versucht, seiner Verwirrung Herr zu werden. Und endlich gelingt es ihr, sich dem seichten Geplauder und den kleinen Bosheiten zu entziehen, unter dem Vorwand, im Haus nach dem Rechten sehen zu müssen. In dem Flur kommt ihr der Vater entgegen, hochrot im Gesicht, eine dicke Zornesfalte auf der Stirn, er stürmt an ihr vorüber, ohne auf ihren erschreckten Zuruf zu achten. Bestürzt tritt Maria in das Zimmer der Mutter und findet diese in Thränen aufgelöst.
»Mama, ach, was ist geschehen, ein Unglück, sag', oder hat Wlaciu wieder geschrieben?«
Frau Halinka schnellt empor, verschwunden ist die vornehme Ruhe ihrer Bewegungen, wie eine Wahnsinnige eilt sie im Zimmer umher und stößt mit vor Thränen erstickter Stimme hervor: »Marcel ist ein Tyrann, ein Geizhals, ein Grobian, wegen der paar Mark, die ich für unsere Toiletten ausgegeben habe, schreit er mich an, und einen Ball, ein harmloses, kleines Vergnügen, erklärt er für eine Unmöglichkeit. Oh, ich unglückliche Frau, meine Schönheit, meine Jugend habe ich diesem Mann geopfert, ich, die ich eine der glänzendsten Frauen Frankreichs sein könnte, versaure, verkümmere hier in diesem öden Erdenwinkel, und dann werde ich noch eine Verschwenderin genannt! Ärmer bin ich, wie die ärmste Käthnerfrau, oh, ich unglückliches Weib, wäre ich nur tot, dann wäre ich niemand zur Last!« Und in ein hysterisches Schluchzen ausbrechend, kauert sie sich in einen Fauteuil.
Maria müht sich, sie zu beruhigen, sie reibt ihr die Schläfen mit kölnischem Wasser und spricht weiche, liebkosende Worte zu ihr, nach und nach legt sich das wilde Weinen, Frau Halinka wird ruhiger und erklärt schließlich, sie wolle allein sein.
»Geh', mein armes Kind, verlass' Deine unglückliche Mutter.« Sie haucht einen Kuß auf Marias Stirn und sinkt wie gebrochen in ihren Stuhl zurück.
Langsam, als trüge sie Zentnerlast, steigt Maria zu ihrem Zimmer empor, auf das heiße Glücksgefühl, das sie durchglüht in den letzten Stunden, ist ein Reif gefallen, und finster drohend steigt wieder das Gespenst auf, das ihr schon manche Stunde verbittert, die Armut, die verhüllt, verborgen das Haus durchschleicht. Die Bäume des Parkes rauschten; der See liegt leuchtend im Sonnenschein; von unten schallen Stimmen zu ihr empor, sorglos, fröhlich trällert Kasia ein Lied, und eine, ach so geliebte Stimme fällt jubelnd ein. Die Lauscherin birgt den Kopf in die Hände, sie schreit und weint nicht, wie Frau Halinka, ihre Augen bleiben trocken, aber immer schwerer wird ihr armes, junges Herz von den ungeweinten Thränen.
Laue Sommerluft strömt durch die geöffneten Fenster des Speisesaals, Lachen, Sprechen, Klirren dringt hinaus in die stille Nacht, dasselbe Bild wie am Mittag, nur größer der Kreis; Propst Ryback und sein Amtsbruder aus S. und zwei benachbarte Besitzer mit ihren Frauen sind hinzugekommen. Frau Halinka ist liebenswürdiger denn je, in ihrer Toilette aus mattlila Seide sieht sie so vorteilhaft aus, daß selbst Gräfin Jusia an die einstige Schönheit zu glauben beginnt. Ihr Gatte sieht sie bewundernd an, verwischt ist die Sorgenfalte auf seiner Stirn, der goldene Wein in den hellen Gläsern blinkt, er rinnt wie Feuer durch die Adern, immer heller blitzen die Augen, und Herr von Ronkowski hebt das Glas und ruft: »Himmel und Hölle, Hochwürden verzeihen, die schönsten Frauen giebt es doch auf Lochowo, sie leben hoch, hoch, hoch!« Er wirft das Glas in weitem Bogen, daß es in tausend Scherben zersplitternd zu Boden fällt, und jubelnd folgen die anderen Gäste dem Beispiel und werfen ihre Gläser zur Erde. Propst Ryback lächelt nachsichtig, er ist dergleichen zu sehr gewöhnt, um noch daran Anstoß zu nehmen. Nur zwei werden immer stiller in der Gesellschaft, auf Maria lastet schwer der Gedanke an den Auftritt des Nachmittags, liebevoll hat sie vor dem Essen des Vaters Hand ergriffen und ihm zugeflüstert: »Armer Papa, so viel Sorgen hast Du!«
Aber freundlich sie streichelnd, hat er lächelnd erwidert: »Mama hat mal wieder Dummheiten gemacht, na, morgen muß Schmuhlchen kommen; aber, Donnerwetter, hübsch sieht die Mama heute aus, wirklich! Sie sticht beinahe ihre Töchter aus.«
Dr. Werner fühlt sich sehr unbehaglich in der fremden Gesellschaft. »Armes Lieb,« denkt er bei sich, »wie wenig mag ihr dieser Ton zusagen, wie blaß mein süßes Herz aussieht,« und er hebt sein Glas und neigt es ihr zu, da trifft ihn der Blick ihrer Augen und er erschrickt vor dem tiefen Weh, das in diesen dunklen Sternen liegt. —
Endlich rüsten die Gäste sich zum Aufbruch, die Herren küssen den Damen die Hand, der dicke Sanitätsrat versichert immer wieder, er würde im Bad rechte Sehnsucht haben nach Lochowo und seinen reizenden Frauen, dabei verneigt er sich, die Hände aufs Herz gedrückt, und sieht mit den kleinen, wasserblauen Augen so schmachtend auf die schlanken Mädchen, daß Jusia und Kasia nur mühsam ihr Spottlachen verbergen können.
»Leb' wohl, mein Lieb,« sagt Heinz Werner, mit innigem Druck Marias schmale Rechte umschließend, »sag' mir, wann darf ich zu Deinem Vater kommen mit meiner Bitte?«
»Noch nicht, Heinz, noch nicht,« wehrt Maria angstvoll, und wieder sieht sie den Geliebten an mit einem so schmerzvollen Ausdruck in den großen, dunklen Augen, daß dieser an sich halten muß, um nicht das Mädchen in seine Arme zu reißen und sie zu küssen, bis um diesen ernsten Mund ein Lächeln zuckt.
Die Wagen rollen von dannen, still ist es in dem alten Schloß geworden, ein Licht nach dem anderen verlöscht, nur droben in dem kleinen Giebelzimmer, das Maria bewohnt, schimmert Licht, die anderen schlafen längst, nur Maria ist noch wach, allein mit ihren Gedanken, die dem einsam dahin rollenden Wagen folgen. Gewiß, der alte Sanitätsrat schläft und er, ihr Geliebter, ob er wohl wacht, an sie denkt! Sie lächelt vor sich hin und breitet die Arme aus, ach könnte sie mit ihm dahin fahren auf dem stillen Weg, nur sie beide allein durch die schweigende Nacht, dem Glück entgegen, dem Morgenrot, und die Sorge hinter sich lassen.
Oh, ihr grauen Gespenster der Nacht, wie manchmal habt ihr schon den Schlaf von diesen jungen Augen gescheucht! Die Eltern und Geschwister gehen an dem dunklen Schatten vorbei und sehen sie nicht, nur sie, sie allein fühlt ihre Gegenwart, ihr rauben sie Jugendlust und Mut, sie allein hat sehende Augen und sieht den Abgrund zu ihren Füßen. Sie weiß es nur zu gut, ein einziger Fehlschlag und Lochowo, der letzte Rest der alten Herrlichkeit, ist verloren; draußen auf den Feldern steht die Ernte so schlecht, wie soll es im Herbst werden, der alte Schmuhl in der Kreisstadt hat noch rückständige Zinsen zu fordern, er hat geduldig genug gewartet, aber wie, wenn er die Geduld verliert? Dann denkt sie wieder an Heinz, wie er heute vor ihr gestanden, sie mit seinen guten, offenen Augen so ehrlich angeblickt. Ach, darf sie es denn, ihn hineinziehen in die traurigen Verhältnisse des Elternhauses, er sah freilich nicht nach Geld und Gut, er würde sie nehmen, wie sie ging und stand, aber würde sie nicht ein Hindernis sein auf seinem Weg! Sie schlang die Hände ineinander, und wie ein Aufschrei rang es sich aus ihrer Brust: »Oh, nur das Rechte thun!« Als der Morgen graute, senkte sich endlich der Schlaf über ihre heißen, verweinten Augen, ein fester, traumloser Schlaf, der ihr für Stunden die Sorge scheuchte.
Auch Heinz Werner hatte lange den Schlaf nicht gefunden. Hatte anfangs die Gewißheit, daß Maria ihn nicht vergessen, daß sie an ihm hing mit der alten Liebe, ihn mit unendlichem Glück erfüllt, so hatte ihn das so plötzlich veränderte Wesen der Geliebten, ihre sichtliche Schwermut, große Sorge bereitet. Bald genug sollte er den Grund dieser Veränderung erfahren; auf der Heimfahrt war es, da hatte der Sanitätsrat, behaglich in der Ecke des Wagens sitzend, gesagt: »Famoses Haus, dieses Lochowo, nur schade, daß es sich auch bald für frohe Gäste schließen wird.«
»Schließen, wieso?« hatte Heinz gespannt gefragt.
»Na, der alte Schmuhl in G. hat ja schon den größten Anteil davon, und wenn die Herrschaften so weiter wirtschaften, ist das Ende wohl nicht fern, die Gnädige versteht ja vom Haushalt so viel, wie ein Minister vom allgemeinen Notstand; wenn nicht die Maria wäre, die Ordnung hielt, ginge es noch mehr drunter und drüber. Schade um das Haus, man ist nun so lange da ein- und ausgegangen und hat einen guten Tropfen getrunken, wer weiß, vielleicht kauft es die Ansiedlungskommission, aber dann sind die schönen Zeiten erst recht vorbei. S'ist wirklich schade.«
Gähnend lehnte er sich in die Polster des Wagens zurück und wenige Minuten später verkündete ein sanftes Schnarchen, daß er über den Sorgen um das Schicksal seiner Freunde sanft entschlummert war.
Heinz Werner hatte mit offenen Augen in die schweigende Nacht geblickt, als könne aus dem Dunkel heraus das Bild seiner Zukunft treten. »Arme, liebe Maria,« sagte er, und dann reckte er sich, er fühlte seine junge Kraft, fühlte sich stark genug, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, für Marie und mit ihr.
Heiße Schwüle herrschte, kein Blatt regte sich an den Bäumen, schlaff, lechzend nach Frische, standen die Blumen auf dem trockenen, staubigen Erdboden und eine atemlose Stille hielt wie ein schwerer, müder Druck die Natur umfangen.
Den schmalen Weg, der vom Schlosse her, hart am See vorbei, nach dem Dorf führt, schlenderte Gräfin Jusia. Sie hatte es nicht ausgehalten droben in ihrem Zimmer, in das sie sich, Kopfschmerzen vorschützend, zurück gezogen hatte, um den endlosen Erzählungen Frau Halinkas über die Zeit ihrer Jugend zu entgehen. Auf der weißen Stirn des jungen Mädchens liegt eine tiefe Falte und ihre Hände zerpflücken nervös einen Brief in tausend kleine Stücke, die sie dann in weitem Bogen über das Wasser streut. »Aushalten, aushalten! Oh! Tante Amélie, Du hast gut reden,« murmelt sie, energisch mit den kleinen Füßen auf den weichen Boden aufstampfend. »Ich halte es nicht aus, nein, nein!« ruft sie dann laut, als könnte es Tante Amélie hören.
Da auf dem Wasser schwamm der Brief, der ihr die Nachricht gebracht, daß es der Tante bisher noch nicht gelungen sei, die Fürstin zu einer Einladung an die liebe Nichte zu bewegen.
»Halte aus, mein Seelchen, bis zum Herbst mußt Du schon in Lochowo bleiben, es ist mir unmöglich, die Mittel zu einer anderen Reise zu erschwingen! Halte aus!«
Jusia Potocka hebt die Arme, als möchte sie unsichtbare Fesseln davon abstreifen, oh, wäre sie frei, frei von der erdrückenden Kette der Armseligkeit, frei und reich, oh, leben können im brausenden Strudel der großen Welt, gefeiert, umgeben von Glanz und Luxus. War es nicht ein Dasein zum toll werden hier in Lochowo, in dieser künstlich vertuschten Misère, die ihre scharfen Augen nur zu gut sahen, dann noch lieber in einer engen, kleinen Wohnung, vier Treppen hoch in Paris, sah sie doch da wenigstens von fern das Leben, das heitere, brausende, glänzende Leben, das, ach, so kurz war.
»Leben, genießen,« flüsterten ihre Lippen, »ich will nicht wie eine Nonne dies kurze, blühende Leben vertrauern, nein, nein, ich will nicht, nicht eine Stunde gebe ich her, hörst Du es, Du da oben, ich bitte, ich fordere, ich will meine Jugend auskosten, ich will Reichtum, Glück und Glanz, ich will.« —
Ein dumpfes Grollen schreckte sie auf und verstört sah sie nach dem Himmel. Dieser hatte sich vollständig verändert, die lichten, blauen Wolken waren verschwunden, gelblich grau war er jetzt überzogen und den Westen begrenzte eine nachtdunkle Wolkenwand. Die Stille war noch schwerer, noch müder geworden, bis plötzlich ein jäher Windstoß herniederfuhr und dürre Blätter und feinen Sand empor wirbelte. Ein Gewitter! Einen angsterfüllten Blick nur hatte Jusia auf den Himmel geworfen, dann beginnt sie zu laufen, verflogen sind ihre Träume und Angst beherrscht sie, bebende Furcht, ihre kleine, feige Seele kann das Erhabene in dem Aufruhr der Elemente nicht fassen; sie zittert nur vor dem gewaltigen Schauspiel der Natur. Schon fallen schwere Regentropfen klatschend herab, da erreicht sie das erste Haus im Dorf, blendend fährt gerade ein Blitz hernieder, dem krachend der Donner folgt, mit einem hellen Schrei flüchtet sie und steht atemlos, zitternd, in dem Flur von Michael Wisniewskis kleinem Haus. Sie lehnt sich an die Wand und starrt hinaus in das tosende Wetter, wieder zuckt ein Strahl hernieder, den Flur sekundenlang mit bläulichem Licht erfüllend, ihm folgt der Donner so rasch und heftig, daß es ist, als schwanke das Haus in seinen Grundfesten.