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Cölestine,
oder
der eheliche Verdacht.

Von

Julian Chownitz,

Verfasser von: Moderne Liebe, Marie Capelle, Leontin,
Eugen Neuland, Geld und Herz, Heinrich von
Sternfels u. s. w.

Erster Theil.

Mit 3 Illustrationen.

Leipzig,
Verlag von Franz Peter.


1842.

Gedruckt bei Friedrich Andrä.

Meinen Freunden

Carl Herloßsohn

und

Eduard Maria Oettinger

gewidmet.


Inhaltsverzeichnis.

Erstes Kapitel.
Eine Morgenszene auf dem Wasserglacis. [3]
Zweites Kapitel.
Cölestine von Randow und Alexander von A—x. [31]
Drittes Kapitel.
Die Trauung. [44]
Viertes Kapitel.
Der Hochzeitsball. [55]
Fünftes Kapitel.
Einige Lebensszenen. [85]
Sechstes Kapitel.
Die ersten Tage eines jungen Ehepaars. [113]
Siebentes Kapitel.
Ein Tête à tête — jedoch kein zärtliches. [136]
Achtes Kapitel.
Der Chevalier von Marsan. [155]
Neuntes Kapitel.
Die Thorheiten der Welt und die Leidenschaften des Herzens. [171]
Zehntes Kapitel.
Ernste und heitere Zwischenszenen. [195]
Elftes Kapitel.
Die beiden Gatten und der Verdacht. [231]
Zwölftes Kapitel.
Die Beweise der Untreue. [261]
Dreizehntes Kapitel.
Neue Proben — neue Beweise. [285]
Vierzehntes Kapitel.
Die Morgenszene nach dem vorigen Tage. [322]
Fünfzehntes Kapitel.
Abend und Nacht. [334]

Cölestine,

oder

der eheliche Verdacht.


Erstes Kapitel.
Eine Morgenszene auf dem Wasserglacis.

Die Morgensonne leuchtete mit goldener Klarheit über der schönen und großen Stadt Wien.

Es ist das Wasserglacis wohin wir uns zum Eingange dieser Erzählung versetzt sehen. Sie kennen doch das Wasserglacis, meine liebenswürdigen Leserinnen, oder mindestens haben Sie davon bereits gehört; Sie wissen also so viel als nöthig ist, nämlich: daß dieses Wasserglacis am Morgen und Vormittags einen der lieblichsten, der herrlichsten Plätze Wiens bildet — des Nachmittags und zur Abendzeit hingegen unter die abscheulichen und vermeidenswerthen Punkte der großen deutschen Metropole gehört — dies, meine holden Leserinnen, werden Sie wohl schon gehört haben. — O schreckliche Wasserglacis-Nachmittage — da sich dort parfumirte Ladendiener, geniale Vagabonden, gutmüthige Limonadetrinker und buntbetakelte alte Kokotten versammeln, in deren Reihen sich einige honette Menschen verirren, wie Fettaugen in eine Gasthaussuppe! — Wie oft hat man das Wasserglacis mit dem Volksgarten in eine Linie zu stellen versucht und diesen letzteren den Bruder von jenem genannt! Ach, das war ein schmähliches Unrecht, welches man dem ehrenwerthen Volksgarten anthat. In diesem hat zu jeder Zeit das bessere — um nicht geradezu zu sagen: das edlere — Element überwogen, was man vom Wasserglacis und dessen Abendunterhaltungen nicht sagen kann — außer, wir wiederholen es, am Morgen und dann noch allenfalls an gewissen Tagen, wenn nämlich von dem Entrepreneur eine Barriere rund um den Platz herum gezogen wird, welches das einzige Mittel ist, (nicht gewisse Leute abzuhalten, sondern) bessere Gesellschaft anzuziehen.

Zur Zeit des Frühjahrs werden jeden Tag hübsche Konzerte auf dem Wasserglacis abgehalten. Hieher strömen dann von der vornehmen und mittleren Welt alle Diejenigen, welche eine Morgenpromenade machen, das Frühstück im Freien nehmen, irgend eine Negotiation bei einem Glase Champagner verrichten oder aber — jetzt hat dieser Ort sogar seine ehrwürdige Seite — Mineralwasser trinken wollen, denn mit letzterem Artikel ist man hier in allen Sorten versehen.

— Es war an einem eben solchen Vormittage, als zwei Herren, deren einer älter, der andere noch ein Jüngling war, in raschen Schritten und eifrigem Gespräche sich dem Etablissement näherten und ungefähr in der Mitte desselben an einem kleinen Tische Platz nahmen. Zufällig oder absichtlich hatten sie sich in den am stärksten bevölkerten Theil des Ortes begeben, was jedoch — sollte es mit Vorsatz geschehen sein — nur durch den ältern Herrn bewirkt worden war, denn sein junger Begleiter schien seit einigen Augenblicken in tiefes Nachsinnen zu versinken.

Um die Gestalt der Beiden zu schildern, werden wenige Striche genügen. Der Aeltere, ein Mann von 50 bis 60 Jahren, ließ auf den ersten Anblick merken, daß es ihm vor Allem darum zu thun sei, so jung als möglich zu scheinen. Es war dies mit einem Worte einer jener greisen Stutzer und Liebesritter, von welchen die Residenzen wimmeln — namentlich seit dort die Schneider, die Friseure, die Zahnärzte und noch manche andere Künstler so große Fortschritte in ihren resp. Fächern gemacht haben. Unser alter Adonis war mittlerer Statur und ausnehmend wohlbeleibt, was weder seinen engen Kleidern noch dem Gurte, welchen er merkbarer Weise unter seinen Kleidern um die Taille oder vielmehr um den Bauch trug — noch auch dem Mieder in seiner Weste gelang, zu verbergen. Sein Gesicht glänzte von Gesundheit, Verliebtheit und jener Schlauheit — die sich selbst betrügt; auf dem Kopfe trug er eine kostbare schwarze Perücke, die von seinem rothen Gesichte abstach wie ein Rabe neben einem Papagei — — welchen Kontrast unser Mann jedoch dadurch zu vermitteln suchte, daß er seinen weißen Schnurbart (er trug einen Schnurbart!), und sogar seine Augenbraunen schwarz färbte. Es läßt sich denken, daß er stets nach der herrschenden Mode gekleidet war, auch Stock und Lorgnette trug, letztere um jede Dame zu begucken, ersteren um seinem ein wenig watschelnden Gange mehr Eleganz zu geben.

Was den jungen Mann betrifft, so wird es hinreichen, einstweilen zu bemerken, daß er ein schöner, schlanker, etwas bleicher Jüngling war, an welchem man weder eine Tugend noch einen Fehler mehr bemerken konnte, als an andern schönen, schlanken und bleichen Jünglingen. Nur melancholisch schien der Arme! Ach, er schien sehr melancholisch.

Einige Zeit hindurch herrschte zwischen beiden tiefe Stille. Der alte Seladon hatte mit seiner Lorgnette vollauf zu thun; er besah sich alle Frauen ringsherum, eine nach der andern — manche zwei, drei Mal, und dabei schnalzte er zeitweise leise mit der Zunge, lächelte verschmitzt und strich sich vorsichtig den gefärbten Schnurbart. Endlich blieb sein kleines Aeuglein mit sichtbarem Vergnügen auf einer von den anwesenden Damen haften und jetzt ließ er ein leises Husten vernehmen.

Dies brachte den Anderen aus dessen Träumereien. Er wandte sich nach dem Alten und sprach: „Also wirklich verhält es sich so, wie Sie mir vorhin erzählten? Wirklich? — — Nein, nein, ich kann es noch nicht glauben. Cölestine von Randow hätte die Absicht, jenem Menschen ihre Hand zu geben, wie? —“

„Nicht blos: Sie hätte, bester Freund! Sie hat, sie hat die Absicht, mein Lieber! Sie hat, sag’ ich — und setze noch hinzu: ihm höchstwahrscheinlich die Hand schon gegeben.“ Hier schwieg der Alte und fuhr auf seinem Sitze ungeduldig hin und her, weil sich zwischen ihn und seinen Gegenstand Jemand gestellt hatte, so daß er zu jenem durch seine Lorgnette nicht hinüber sehen konnte.

„Aber“ fuhr der Jüngling fort: „das ist ja ganz unmöglich! Sie sprechen da eine Absurdität aus, lieber Althing. — Es ist unmöglich, sag’ ich! ich kann es nicht glauben.“

Ohne sich an diese Rede zu kehren, rief der Seladon, der nunmehr wieder sein vis à vis sah: „Ach! Ach! Welche Formen! Welch herrlicher Wuchs! Welcher Gliederbau! Welche Taille — — und besonders, welches göttliche Gesicht! — Wahrhaftig, das ist eine Juno — oder nein eher noch eine Venus.... eine.... eine.... Allein, wer ist dort jener junge Gelbschnabel, der sich beständig an sie drängt? Offenbar mag sie nichts von ihm wissen — — und hat ihre Blicke beständig hierher nach mir gerichtet. O, glücklicher Althing! Du bist noch immer jener große Besieger der Weiberherzen........ Allein, bei Gott, diese verdient Dich auch im vollsten Maße.“

„Von wem reden Sie, Althing?“ erhob der Jüngling jetzt Kopf und Stimme: „Reden Sie von Cölestine von Randow?“

„Ei bewahre!“ entgegnete der Andere lachend: „Ich rede — — sehen Sie denn nicht dort, meine Göttin dort — von ihr dort rede ich — — sehen Sie dortdort — bester Baron! dort sehen Sie sie, bester Leuben!... Ha, beim Himmel! so eben hat sie mir einen Blick zugeworfen; einen Blick sag’ ich Ihnen! Haben Sie ihn denn nicht bemerkt?“

Leuben, denn so hieß der Jüngling, hatte schon wieder das Haupt auf die Brust fallen lassen und fragte jetzt eintönig:

„Und Sie wissen es also wirklich?“

„Es ist so klar, wie die Sonne. Ueberzeugen Sie sich doch selbst, mein theurer Freund.“

„Man hat es Ihnen also nicht blos gesagt? Sie haben es nicht blos vom Hörensagen —?“

„Ei, was fällt Ihnen da ein, köstlichster Leuben! Vom Hörensagen! — Ich wiederhole Ihnen: diese meine eigenen Augen haben es gesehen, diese Augen hier, verstehen Sie mich? und Sie wissen doch, ich habe ein Paar Augen wie ein Adler, wiewohl, ohne daß ich darauf eitel wäre, auch noch von manchen andern Vorzügen meiner Gestalt die Rede sein könnte. — Allein...“

Der junge Mann stieß hier, als ganze Antwort darauf, einen schweren Seufzer aus, und als der einsammelnde Kassirer des Orchesters herbei trat, um seinen Groschen zu verlangen, warf Leuben ihm in der Zerstreuung einen Dukaten hin, was sonst für einen Morellischen Walzer doch wohl ein zu hoher Preis sein dürfte.

Mit einem Male fing Althing wieder an: „Ach! Ach! bei Gott — das ist zu stark! das war ein Blick so feurig wie eine Bombe! Du hast nicht nöthig, holde Zauberin, mein Herz mit so schwerem Geschütze zu bestürmen: es hat Dir seine Thore längst schon aufgethan. — Abermals! Abermals! — Ach, ich sehe, Du bist rasend in Deiner Zuneigung zu mir! Nun ja, Du bist ja erhört! — Ha! auch noch mit dem Fächer winkst Du mir? —“

„Wie?“ fiel Leuben träumerisch ein, „Sie hat Ihnen mit dem Fächer gewinkt?“

„Und das so stark — wie eine türkische Sultanin — hehehe! Das war aber Alles nicht nöthig!“

„Und dies Alles sagen Sie mir, mit so kaltem Blute — — mir mir?“

„Mein Gott, was soll ich thun? Kann ich’s denn ändern? Ich habe nun einmal schon das Fatum, liebenswürdig zu sein! Was kann man für seine Vorzüge, seine Eigenschaften!?“

„Alle Teufel! es wird mir endlich zu toll!“ rief der Jüngling jetzt aus und erhob sich rasch von seinem Sitze. „Mein Herr“ sagte er in einem Tone, der auf halbe Sinnesabwesenheit schließen ließ: „es ist Alles möglich, es kann Alles wahr sein, was Sie da erzählen. Wer kennt die Weiber und ihre Launen, ihre Leidenschaften! Es ist bereits da gewesen, daß eine Hebe sich in einen Vulkan verliebt hat — — und demnach kann es auch bei Ihnen wiederkehren. Allein was brauche ich dieses zu wissen? Wollen Sie mich kränken oder beleidigen? Wenn dies der Fall, so erfahren Sie, daß ich weder zu dem Einen noch zu dem Andern ruhig zusehen werde.... Ja, ja, ich weiß, jenes Mädchen, jenes Geschöpf ist ein weiblicher Dämon, den wenigstens ich nicht verstehe: tugendhaft, streng, unbefleckt — — und zugleich eitel, gefallsüchtig und noch Gott weiß was. Allein wenn ich von ihr, wenn ich von diesem Mädchen, die mir Alles war, auch noch so Manches hätte denken müssen, das Eine, fürwahr — das Eine wäre mir nie beigefallen: daß ein so junger und holder Engel fähig sei, einem alten Subjekt Ihrer Art Gehör zu geben, während sie mich....“

Hier hatte sich jedoch bereits auch Herr von Althing erhoben und in Positur gestellt. Zuerst schlug er mit seinem Fuße, woran sich ein klirrender Sporn befand, gewaltig gegen den Boden, dann stemmte er sich auf seinen Stock und endlich fing er mit einer Stimme an, die furchtbar sein sollte: „Wie mich dünkt, so haben jetzt Sie, mein bester Leuben, jene Absicht, welche Sie mir zuvor untergeschoben, nämlich zu beleidigen.... Mindestens begreife ich nicht, was sonst Worte wie: „ein altes Subjekt“ u. s. w., wie Sie solche so eben gegen mich gebrauchten, zu bedeuten hätten.... Wenn nun dies wirklich der Fall sein sollte....“

„Nun?“ lächelte Leuben spöttisch: „wenn es der Fall sein sollte?“

„Dann, dann“ polterte Althing und gab sich ungeheure Mühe, so wild als möglich die Augen zu rollen: „dann muß ich ihnen sagen, daß —“

„Weiter, weiter!“

„Daß ich das nicht — — — — begreifen kann.“

„Wie, Sie können es nicht begreifen, daß mich Ihre verdammte Liebesgeschichte in Wuth bringt?“

„Aber mein Gott, ist es meine Schuld, wenn man mich liebt, wenn man wahnsinnig vernarrt in mich ist? Sie wissen doch, wie ich die Weiber zu behandeln pflege — und doch ist diese da eine solche Närrin.....“

„Ha!“ schrie der Jüngling nun und das Aussehen, welches in der Umgebung entstanden war, vergrößerte sich von Augenblick zu Augenblick: „ha! Sie wagen es, mein Herr?“

„Allein, mein Himmel — ich begreife nicht, warum Sie sich so ereifern, Leuben. — Was gehen Sie meine Liebschaften, meine Eroberungen, meine Siege an —?“

„Elender — so wissen Sie nicht, daß ich Cölestine von Randow liebe, wie ein Wahnsinniger, wie ein Wüthender!?“

„Nun — und weiter?“

„Weiter? Noch weiter?“

„Nun ja, wozu erzählen Sie das mir? Weiß ich es denn nicht?“

„Nun ja — eben darum; und doch sprachen Sie eben —“

„Von —? —“

„Cölestine!“

„Ich? — Nicht eine Silbe.“

„Von wem also denn?“

„Ei — alle Wetter! von jenem allerliebsten Brünettchen, die dort vis à vis von mir, in der dritten Reihe, sehen Sie — mit Mutter und Vater sitzt. Von ihr, von ihr, die, wenn mich mein Kennerblick nicht ganz täuscht, eine kleine Bäckerstochter aus der Wipplinger Straße ist.... von ihr sprach ich, mein Freund, und nicht von Cölestine!“

„Hahahaha! Hahahaha!“ erhob jetzt der früher so düstere Leuben ein schallendes Gelächter: „hahahaha! Ist das das Ganze?“

„Das Ganze! Hahahaha!“ lachte der alte Ritter mit.

„Ein Mißverständniß also? Beim Himmel! das müssen Sie mir verzeihen, theuerster Althing!“

„Nun, nun es ist längst verziehen, verlassen Sie sich d’rauf. Uebrigens — da wir uns in dem anstrengenden Diskours beinahe die Kehlen ausgedörrt haben, so dürfte, wie mich dünkt, eine Flasche Tokaier oder so etwas dergleichen kein unebenes Anfeuchtungs- und Restaurationsmittel sein. Daher: Marqueur! Holla! — Johann! Oder wie der Bursche sonst heißt.“

„Befehlen Euer Gnaden? Schaffen Euer Gnaden! Womit können wir aufwarten?“

Mit diesen Worten und tiefen Katzenbuckeln waren zwei bis drei Aufwärter herbeigesprungen, so flink, so behend, so lustig, daß ein norddeutscher Kellner sich nicht einmal eine blasse Idee davon zu machen im Stande ist.

„Wie steht es mit Eurem Keller?“ nahm Althing das Wort: „Habt Ihr guten Tokaier? Was?“

„Aufzuwarten, Euer Gnaden. Er ist aus dem Keller Sr. Durchlaucht des Fürsten — —“

„Ach, wenn das ist, dann behaltet denselben für Euch; der Tokaier, welcher unter diesem Namen passirt, ist häufig der schlechteste. Es geht damit, wie mit den schlechten Büchern, die ein Verleger dadurch an den Mann zu bringen sucht, daß er zu denselben Vorreden von berühmten Literaten schreiben läßt. Also mit dem Tokaier ist es nichts; dafür bringst Du uns Champagner und zwar non mousseux. — —“

„Zu dienen, Euer Gnaden! Im Augenblick, Euer Gnaden!“

Und diese Leute sprangen wieder wie die Hirsche davon, so daß es wie eine Art von Jagdvergnügen war, ihnen zuzusehen.

„Ei, ei! — Schon wieder! — Das war noch deutlicher, als alles Frühere! — Jetzt winkte sie mir gar mit dem Finger und deutete auf ihre Mutter neben sich, gleichsam als wollte sie sagen: Diese da genirt unser Zusammentreffen, du mein holder Mann! — Nun, fürwahr, die hat an mir complett einen Narren gegessen.... Mein Gott, das ist jedoch für Unsereins etwas ganz Alltägliches.... Ha! da fällt mir etwas ein. Wissen Sie, was ich thun will, Leuben? Ich will jene verliebte Hexe noch rasender verliebt in mich machen — und zwar dadurch, daß ich dieselbe eifersüchtig mache. O, ich bin in diesen Dingen erfahren! — Also rasch auf irgend eine Zweite deine Blicke geworfen, Freund Althing — und sie wird wahnsinnig, sie wird unglücklich! — O, in dieser Beziehung bin ich ein ganz herzloser Gesell! — Allein man muß es bei dieser Zeit auch sein — sonst kommt man nicht fort. Nur den Ungeheuern in der Liebe sind die Weiber treu. Je beständiger man ist, desto wankender sind sie.... je gleichgültiger, um so mehr entbrennen sie für uns.... Meiner Treu, ich werde mich darüber weiter auslassen, wenn ich erst meine Memoiren unter dem Titel: „Casanova II.“ herausgebe....“

Der alte Schwätzer wäre noch lange in dieser Weise fortgefahren, indem er dabei seine lüsternen Blicke immerwährend von der einen seiner Auserkornen zur andern gehen ließ — — allein jetzt plötzlich schien er von einem neuen Anblick überrascht und mit lauter Stimme rief er aus: „Ah — da kommt unser theurer Freund Edmund von Randow!... Ah, das ist wirklich schön! Der Bursche ist mir so zu sagen ans Herz gewachsen: es ist ein köstlicher Junge, der Edmund.“

Die Person, von welcher Althing also deklamirte, näherte sich in raschen Schritten und verdoppelte dieselben noch, sobald sie die Zwei ansichtig wurde. Man denke sich einen jungen eleganten Mann von guter aber etwas leichtfertiger Haltung — dessen lachendes Auge kühn oder nach Umständen auch frech den Leuten bis zwischen die Zahnreihen sieht, dieser junge Mensch, ein Liedchen summend, eilte jetzt durch die Reihen der Gäste hin, indem er Diesem auf den Fuß trat, Jenen am Ellbogen anstieß — und auf alle Mahnungen die hierauf erfolgten nichts that, als daß er mit seiner dünnen Reitgerte in der Luft umherfocht, als wollte er Mücken vertreiben.

„Haha!“ ließ er sich mit einem Male so laut vernehmen, daß man es gewiß bis zum Zeughause hören konnte: „da sitzen sie ja beisammen die zwei Freunde, die zwei Kameraden..... Ach! und welche Blicke dieser alte Sünder wieder um sich herum wirft....“

In diesem Augenblick war er zu ihnen gelangt und ohne Weiteres warf er sich auf einen Stuhl, griff nach einer von den bereits herbeigeschafften Flaschen und schenkte sich ein Glas Champagner ein, das er auf einen Zug leerte; — dann streckte er die Beine von sich, erhob die Reitgerte und versetzte damit seinem Nachbar, dem Liebesritter Althing, einen leichten Schlag auf die Knie: „Nun, wie geht es? Was macht Ihr da? Was machen die holden Fräuleins — und wie viele hat ihrer dieser große Verführer bereits in einem Augenblick erobert? —“

Diese Apostrophe schien dem alten Seladon zu schmeicheln und mit den Lippen schmatzend versetzte er in geheimnißvollem Tone: „Bis jetzt ist es nur Eine — — aber diese kann für Tausend gelten, hahaha!“

„Wirklich?“ rief Edmund: „Das muß in der That ein kleines Weltwunder sein.... Nun und wo sitzt denn diese Helena — mein lieber Alter..?“

„Ich habe“ versetzte dieser mit gekränktem Tone — „Dich bereits zu oft gebeten, mich nicht „mein lieber Alter“ zu nennen; denn erstens bin ich noch in meinen besten Jahren — zwischen 30 und 40 — und zweitens haben wir uns, was man so sagt, conservirt — — endlich drittens — —“

Er hatte noch nicht ausgesprochen, als ein neuer Fall, den man wirklich Fall nennen konnte, sich ereignete; Edmund hatte nämlich seine Beine so weit ausgestreckt, daß ein Aufwärter, welcher eben mit einer Platte voll Confituren und Getränken vorübereilte und die sehr vernünftige Absicht hatte, auszuweichen — so unvernünftig war, es ein wenig allzu rasch thun zu wollen — solchergestalt mit seiner Platte hinfiel und den ganzen Inhalt der Gläser auf Edmunds Beinkleider und Althings Stiefel ausgoß — das Uebrige vermälte sich mit dem Staube auf dem Boden und wurde von zwei herbeieilenden Knaben und drei Hunden in friedfertiger Weise getheilt. Edmund lachte wie toll über das, was er „Impromptu“ nannte — hingegen war Althing über die Vertilgung des Glanzes auf seinen Stiefeln so untröstlich, daß er dem unseligen Aufwärter nicht nur einen Schimpfnamen nach dem andern — sondern zum Beschluß auch noch einen Tritt auf einen gewissen Theil des Körpers versetzte; eine Mode, die in Wien eben nicht ungewöhnlich ist, während man dergleichen Divertissements der großen Herrn in dem ganzen übrigen Europa bereits längst abgeschafft hat.

Die Unterhaltung erhielt demnach eine bedeutende Lücke, wenigstens in ihrer conversationellen Seite; das war jedoch Keinem angenehmer als unserm bleichen, melancholischen Freunde, unserm armen Freunde Leuben, der, während hier Alles lachte, auch nicht einmal das Gesicht verzog.

„Alle Donner!“ schrie Althing — „ich bin für diesen Augenblick ruinirt; meine Toilette ist hin! Und es ist doch ein so wichtiger Augenblick.... Jene kleine Brünette! — Jene, die ich schon besiegt hatte, kraft der Gewalt meiner Physiognomie, — wer weiß, ob sie nicht Anstoß nimmt an ungewichsten Stiefeln! O nichtswürdiger Marqueur! Dummkopf von einem Aufwärter — ich könnte Dich —“

Mittlerweile hatte Edmund dem armseligen Marqueur, dem all dies Unglück galt und der da stand vor seinen zerbrochenen Tassen und Gläsern wie Niobe, die ihren verfolgten Töchtern nachsieht, — diesem Unglücksmanne hatte der leichtfertige Edmund eine Banknote zugeworfen, die wohl den dreifachen Werth des Schadens enthalten mochte und daher ein ganz respektables Schmerzensgeld war. Der Unglücksmann verbeugte sich bis zu seinem Bauche und würde sich noch tiefer verbeugt haben, hätten ihn seine geschundenen Glieder daran nicht gehindert.

„Nun, bist Du zufrieden?“ rief Edmund.

„Vollkommen!“ versetzte der Kerl: „Wenn Euer Gnaden wieder ein ander Mal schaffen[A], so brauchen Sie mir’s nur sagen zu lassen. —“

Diese Replik versetzte Alles in heitre Laune, so daß sogar Leuben eine Anwandlung davon bekam; erst jetzt erwiderte er den Gruß Edmunds; doch plötzlich blieb sein Auge mit einem heftigen fieberhaften Ausdrucke auf demselben haften und ein leises Zucken der Lippen schien die gewaltsamen Gedanken, welche sich gerne in Worten Bahn brechen wollten, anzuzeigen.

„Was haben Sie, mein bester Leuben?“ fragte der Andere: „Was ist Ihnen? Sie sind heute bei sehr schlimmer Laune, wie ich merke — und ich finde deshalb den Einfall köstlich, sich dieselbe gleich am Morgen mit Champagner zu vertrinken.“

„O“ fiel der alte Dicke ein: „dieser Champagner hat etwas ganz Anderes zu bedeuten. Es ist ein Versöhnungstrank — eine Libation; denn wir hatten ein Rencontre, bevor Du kamst — und wenig fehlte, so hätten wir einander die Hälse gebrochen.“

Edmund schlug ein unsinniges Gelächter auf. „Wie — ein Rencontre? einen Streit? — Seid Ihr denn verrückt? Zwei alte Freunde und ein Streit!.. Macht doch keinen Narren aus mir.“

„Nein, nein, in vollem Ernste gesprochen, Du kannst Dich darauf verlassen — — und überdies, was hindert uns, Dir den Inhalt des Streites mitzutheilen. — Ohnehin betrifft er ja in entfernterer Weise sogar Dich. —“

„Wie?“ schrie jetzt Edmund aus Leibeskräften: „Mich, mich, sagst Du, — hahaha! — Der Fall wird interessant — doch bevor wir weiter gehn: Marqueur, noch eine Bouteille von diesem rothen Champagner — — er ist köstlich! — — So, und jetzt erzähle, mein Alter, erzähle!“

„Donnerwetter! noch ein Mal, Edmund, rede mich nicht immer so an, Alter! darauf werde ich künftig nicht mehr hören; verstehst Du? —“

„Also, mein Junge, wenn Dir dies lieber ist.“

„Das ist etwas Anderes. Ich verlange, wie Du weißt, nichts Unbilliges. Ich könnte zehn Taufscheine beibringen, worin mein Alter von 30 bis 40 Jahren bestätigt ist — und —“

„Schon gut — Alle Teufel! Wirst Du endlich zur Geschichte kommen, verd— Alter — Althing wollt’ ich sagen.“

„Nun ja, so höre: es handelte sich um Deine Schwester Cölestine.“

Bei diesen Worten nahm der Roué Edmund einen so ernsten Ausdruck des Gesichtes an, wie man ihn dessen nimmer fähig gehalten hätte: „Ueber diesen Gegenstand“, sagte er mit Nachdruck — „bitte ich Dich zu schweigen, mein Freund, und erkläre Dir ein für alle Mal, daß ich hierbei keinen Scherz verstehe.“

„Meinetwegen,“ bemerkte Althing; „was geht die Geschichte mich an? — Was mich betrifft, so will ich Dir gerne den Gefallen thun, darüber zu schweigen; jedoch ist hier Einer....“ und hierbei deutete er auf Leuben.

Edmund richtete sich auf; in der That schien jetzt dieser ganze Mensch verändert — die Lappen und Flitter der Liederlichkeit schienen alle von ihm gefallen zu sein und er stand so würdig da, als irgend Einer. Mit Ernst wandte er sich an seine beiden Gesellschafter: „Meine Herren,“ sprach er, „es ist da von einer Geschichte und dann von Ihnen, Herr von Leuben, die Rede. Wollten Sie wohl die Güte haben, mir hierüber einige nähere Aufklärung zu geben.“

Der junge Mann, dessen Namen er so eben genannt, hatte seinen festen, durchdringenden Blick von ihm noch immer nicht abgekehrt. Jetzt zitterte er an allen Gliedern — und schien mit unaussprechlicher Ungeduld den Moment erwartet zu haben, welcher so eben einbrach.

„Reden Sie doch! Reden Sie doch!“ rief Edmund, bald zu Leuben, bald wieder zu Althing gewendet, welch’ Letzterer, durch die Aufmerksamkeit, die er seinem vis à vis, oder seiner Brünette, schenkte, gehindert, hier am Tische nur mit halben Ohren zuhörte.

„Werden Sie mir endlich sagen —?“ wiederholte Edmund so heftig, daß der Dicke erschrack und nun rasch die Worte aussprach:

„Aber mein Gott, welche Aufregung bei einer so kleinen Sache? Nun denn, unser ganzes Gespräch, so weit es Ihre Schwester, Fräulein Cölestine, betraf, drehte sich um die Frage: ob sie wirklich, wie man sich erzählt, Braut geworden sei oder nicht. Das ist Alles.“

„Ja —“ wiederholte Leuben mit einer wilden, sonderbaren Unruhe: „ob sie Braut geworden sei, darum handelte es sich, und dies können Sie, Herr von Randow, uns mit der größten Bestimmtheit sagen.“

„Nun — wenn es sonst nichts ist!“ entgegnete Edmund in munterem Tone, „dann hatten wir freilich viel Lärmens um Nichts gemacht; denn es wird Ihnen Beiden doch wohl einerlei sein, ob oder ob dies nicht der Fall ist.“

„Nein, nein — es ist uns keineswegs so ganz gleichgültig, wie Du glaubst, mein Lieber,“ meinte Althing: „und so magst Du es uns nur sagen, was die Sache Wahres enthält.“

„Nun denn — Cölestine ist in der That die Braut des Grafen von A—x; diese Angelegenheit ist bereits abgeschlossen.“

Ein fahler Lichtschein fuhr über Leubens Angesicht, dessen Blässe jetzt eine todtenähnliche Farbe annahm. Dieser Mensch schien von einem elektrischen Schlag bis ins tiefste Leben hinein getroffen zu sein; die Veränderung, welche an ihm vorging, ward jedoch von keinem seiner beiden Nachbarn bemerkt — denn mit einer an’s Uebernatürliche streifenden Gewalt schien er sich zu beherrschen. Er blieb auf seinem Stuhle sitzen — bewegungslos, antheillos, und bis auf seine wechselnde Gesichtsfarbe, so unverändert, als wäre nichts vorgefallen.

Bald darauf erhob man sich; Edmund hatte Besuche bei Freunden und im Kaffeehause zu machen (er traf seine Freunde gewöhnlich an solchen Orten); Althing beobachtete den so eben erfolgten Aufbruch seiner „Brünette“ — natürlich, daß er Willens war, ihr zu folgen; was endlich Leuben betraf, so war demselben höchst wahrscheinlich wenig daran gelegen, dem einen oder dem andern dieser Herren zu folgen — und in der That, wir sehen ihn auch alsbald nach einer leichten Begrüßung sich einsam hinweg begeben und den Weg rechts nach den Vorstädten — vielleicht um in den nahen Garten des Fürsten Schwarzenberg zu gelangen — einschlagen.

Der Schwarzenberg-Garten ist ein allgemeiner Freund sowohl der glücklich wie der unglücklich Liebenden. Beide bergen sich in seinem Schatten.

Althing und Edmund waren eine Strecke gegangen; da sie jedoch verschiedene Ziele verfolgten, so trennten sie sich auch sehr bald und unser dicker Adonis ging nun allein klirrenden Trittes Derjenigen nach, welche, wie er glaubte, ihm so viele und so ausdrucksvolle Liebeszeichen auf dem Wasserglacis gegeben — und die, wie er nicht zweifelte, sich auch jetzt nur erhoben hatte, damit sie endlich ungestört mit ihm reden könnte.

Aber welche Ueberraschung für unseren heißblütigen Ritter, als er sich plötzlich von einem leisen Handschlage auf seiner Schulter berührt fühlte und nun einen ihm unbekannten jungen Herrn hinter sich sah, der folgende Worte zu ihm sprach:

„Mein bester Herr — ich rathe Ihnen, von der Verfolgung jener Dame abzulassen, denn es würde Sie zu nichts führen und wahrhaftig, Sie können Ihre Zeit auf andere Weise weit besser verwenden. Sollten Sie Zweifel in meine Worte setzen, so werden diese bald zerstreut sein. Blicken Sie mir gefälligst nach und überzeugen Sie sich, daß unter diesem Monde nichts häufiger vorkommt, als der Irrthum... Man glaubt den goldnen Schatz bereits mit der Hand zu erfassen — in diesem Augenblick jedoch entschlüpft er uns und im nächsten schon hat ihn derjenige, für welchen er bestimmt war.“

Dies sprechend, lachte der Fremde unserm dicken Freunde so recht ins Gesicht, verdoppelte seine Schritte, so daß er ihm bald vorkam und nach wenigen Schritten sich dicht hinter jener Dame, jener Brünette befand. Diese drehte sich rasch um, ließ ein Briefchen fallen, der Fremde hob es mit einer bewundernswerthen Geschicklichkeit auf und — bald war er mit seinem Schatze hinter einer Hecke verschwunden.

Herr von Althing blieb wie vom Donner gerührt auf dem Platze stehen — schüttelte das Haupt — ließ es ein wenig sinken — stieß einen schweren Seufzer aus und begab sich nach zwei Minuten Ueberlegung auf den Rückweg, indem er vor sich hin murmelte:

„Ei, ei, da glaubte ich ganz sicher zu sein. Meiner Treu, ich hätte eher meinen Kopf verwettet, als so etwas zu glauben.... Da seh’ man mal die Weiber an! Aber machen wir es mit ihnen denn besser? — Also Geduld, Freund Althing! — Du hast so manches Herz gebrochen — — gebiete dem deinigen jetzt Stillschweigen. Allons nach Hause! und neue Toilette gemacht. Ich wette darauf, an diesem ganzen Unglück waren meine begossenen Stiefel Schuld.“


Zweites Kapitel.
Cölestine von Randow und Alexander von A—x.

Cölestine von Randow war eine der reizendsten Jungfrauen der Residenz. Ihre Familie gehörte zu den edelsten des Landes. Erst vor einem Zeitraum von 100 Jahren aus Polen eingewandert, hatte der damalige Stammhalter durch Dienste, die er dem Staate leistete, derselben schnell eine der glänzendsten Stellungen zu verleihen gewußt. Doch verlor unter seinem Sohne das Geschlecht wieder einen Theil seiner Geltung und seines Vermögens, und erst den beiden Nachfolgern gelang es — jene Fehler zu verbessern. Freilich ist ein Schade nicht so leicht gehoben wie gemacht, und noch bis zum heutigen Tage empfand die Familie Randow jene Nachwehen, die ihr von ihrem Großvater hinterlassen worden waren. — Ueberhaupt war es ein Familienfehler der Randow, den fast jedes Glied derselben mehr oder minder theilte — unüberlegt, ja leichtsinnig zu sein, und wiewohl sie alle von Herz und Geist edel und vortrefflich waren, so überwog in ihnen jenes Erbgebrechen oft so sehr, daß dadurch alle andern und bessern Eigenschaften häufig in Schatten gestellt wurden, wie dies z. B. gegenwärtig bei Edmund von Randow, dessen Charakter wir schon ziemlich deutlich bezeichnet zu haben glauben, der Fall war.

Was wir von Cölestine zu sagen haben, wird in Nachfolgendem bestehen. Sie war, wie gesagt, eine der schönsten, der glänzendsten Erscheinungen in der höheren Frauenwelt. Man begreift, daß, um in dem Kreise der Schönheiten Wiens auf jene Benennung Anspruch zu haben, man weit über den Verhältnissen eines gewöhnlichen Maaßes stehen müsse. In der That war Cölestine so schön, daß man aus ihrem Bilde einen modernen Canon für zeitgenössische Maler hätte machen können. Man stelle sich eine zarte, schlanke, feine und doch im höchsten Grade plastische Gestalt vor, als wäre sie aus einer Composition, die geschmeidiger als Marmor und fester als Wachs ist, von einem neuen Pygmalion gebildet worden.... Fürwahr, diese Frau schien nicht aus dem Alltagsmaterial, woraus uns der liebe Gott schafft, zu bestehen! — Das schmale Oval des Gesichtes wies einen wie mattes Silber schimmernden Teint, der so durchsichtig war, wie Florgewebe, und durch welchen an den Wangen ein zart geschämiges Inkarnat, auf den Lippen aber das brennende Roth der Granatblüthe durchdrang.... Diese mandelförmig geschnittenen Augen mit der feurig dunklen Iris, die einen stechend schwarzen von goldnem Schimmer durchwirkten Kreis bot — diese schweren dunklen Wimpern und diese dünnen gewölbten Brauen, die von Meistershand auf die glatte, nicht allzu hohe Stirne gezeichnet schienen — — diese feine, doch ein wenig gestülpte Nase, dieser nicht allzu kleine Mund, der geschlossen von einem eigenen unaussprechlichen Zauber — geöffnet es jedoch in einem noch höheren Grade war — da dann eine entzückende Kindlichkeit daraus sprach (eben so wie er, geschlossen, Ernst und Sinnigkeit ausdrückte) — — ferner dieses Kinn vom reinsten Ebenmaße, welches an einen Hals grenzte, der zugleich schlank und kräftig war.... wenn wir zu all diesem noch den prachtvollen, reichen Haarwuchs vom tiefsten Schwarz hinzuthun, der wegen seiner Ueppigkeit und strotzenden Fülle das Haupt nach hinten fast unverhältnißmäßig verlängerte, so daß er jenem der alten Griechinnen glich: so haben wir im Grunde nur erst einen Theil des reizenden Bildes Cölestinens gemalt. Es müßte uns jedoch ein weit kunstreicherer Pinsel als der, welchen die Muse unserer schwachen Hand anvertraut, zu Gebote stehen — um Alles, Alles, um jedes einzelne Attribut der Schönheit dieses Originals in den vergänglichen Rahmen dieses Gemäldes zu fassen....

Gewöhnlich war der Ausdruck von Cölestinens Gesicht still und ernst, ohne Trauer; zeitweise jedoch wurde er von einer Lebhaftigkeit und jenem muntern Wesen durchstrahlt, das nur einer Französin und einer Polin in so entzückender Weise eigen. Cölestine träumte und schwärmte nicht — sie emfang, sie faßte deutlich und zugleich tief auf; leicht aber gab sie sich der Wirkung irgend einer ungewöhnlichen Erscheinung in der Außenwelt hin und dann blitzte ihr dunkles Auge hell auf — ihr Mund öffnete sich — ihre Lippe verzog sich zum Lachen, zum Spott, zum Zorn, zur Zärtlichkeit, kurz zu dem Ausdruck jeder Empfindung.

Man erzählte sich von ihren Kinderjahren, daß sie zu jener Zeit ein kleiner Wildfang und dazu über alles Maß eitel gewesen sei. In Wahrheit, die letztere Eigenschaft hatte sie bei sich noch immer nicht gänzlich abgestellt, so große Mühe sie sich deswegen übrigens auch gab. Sie wußte recht gut, daß Eitelkeit, Gefallsucht und leichter Sinn ein so tüchtiges Gemüth und einen so glänzenden Geist, wie womit sie ausgestattet war, entwürdigen, und gleichwohl ertappte sie sich — mißtrauisch wie sie war — alle Tage wohl zehn Mal bei diesen Fehlern. Sie zürnte dann mit sich, sie schmollte, sie bestrafte sich sogar.... allein naturam si furca etc.

Allein welcher Charakter ist frei von Mängeln und welches Geschöpf tadellos in der Schöpfung? Ich mißtraue jenem Reinen und Fehlerlosen gar gewaltig und würde, hätte ich die Wahl frei, mich zehntausend Mal eher an diejenigen schließen, welche von irdischer Gebrechlichkeit nicht frei sein wollen. — O, der Mann, welcher Cölestine einst besitzen sollte, hätte sich wahrhaftig in lautem Dankgebet an das Schicksal dafür wenden sollen, daß es ihm ein solches Geschenk gewährt.

Dieser Mann nun, von dem wir reden, dieser Glückliche, der Cölestine als sein Weib in die Arme schließen sollte — es war, wie wir schon erfahren haben, der Graf von A—x. — Sein Geschlecht war inländischen Ursprungs und mindestens eben so glänzend wie jenes der Randow. Graf Alexander von A—x (denn das ist sein Vorname) war keineswegs mehr ein Jüngling; er stand im vollkräftigen Mannesalter von 36 Jahren — — und dieser Umstand war eine von den Ursachen, um derentwillen ihm die achtzehnjährige Cölestine den Vorzug vor dem Heere ihrer andern, theils stillen, theils ziemlich aufdringlichen Anbeter gegeben. — Alexander bekleidete eine wichtige Stelle im Staatsdienste und man glaubte ihn an dem Vertrauen hochmächtiger Personen betheiligt. Er war ein düsterer, kalter, verschlossener, fast schwermüthiger Charakter — falls man ihn blos nach der Oberfläche beurtheilte.... aber ach, welches Feuer von Liebe, welche Lava der Leidenschaft mochte da tief unten auf dem Grunde der Seele glühen! — Seine Gestalt war männlich und kräftig; eine nicht allzu hohe aber derbe Statur würde ihn als einen gewöhnlichen Kraftmenschen bezeichnet haben, wenn sein farbloses oder vielmehr braungelbes Angesicht, in welchem zwei gewaltig große, oft wildbewegte, oft düster starrende Augen wohnten — durch die mannigfachen Bewegungen, denen es zeitweise unterworfen war, nicht auf ein höchst bewegtes Seelenleben würde gedeutet haben. Zwar wollte die Welt damit — ein wüstes und wildes Sinnenleben in Verbindung bringen, welches der Graf in früheren Jahren und fremden südlichen Ländern geführt haben sollte; allein Niemand konnte hierüber etwas Bestimmtes sagen — und so dürfen diese Behauptungen eben sowohl in das Reich der Annahmen — wie in jenes der Wirklichkeit gestellt werden. — Mit Einem jedoch verhielt es sich vollkommen richtig, nämlich, daß Graf Alexander in der Liebe von einer wahrhaft schrecklichen Eifersucht verfolgt wurde — wie man aus einem Verhältnisse, in welchem er vor mehreren Jahren mit einer jungen liebenswürdigen Dame stand, die bereits als seine Braut galt, wußte. — Jene Dame war in Folge eines Verdachts, den Alexander auf sie, die ganz unschuldig war, geworfen, von ihm so tief in der Seele gekränkt worden, daß sie ihr Schicksal nicht ertragen konnte und an der Seite des zu spät zur Reue zurückkehrenden Bräutigams ihren Geist aushauchte.

Seit dieser Zeit hatte Alexander absichtlich der Liebe widerstrebt — er schien sich hieraus eine Buße gemacht zu haben. Doch in der Nähe Cölestinens, wohin der Zufall ihn führte, und wo irgend ein verhängnißvoller Zwang ihn festhielt, war er nicht länger fähig zu widerstehen.... er faßte eine verzehrende Leidenschaft für das reizende Wesen und trat mit einer unglaublich großen Anzahl von Mitbewerbern in die Schranken.

Trotzdem, daß Cölestine im Ganzen auch die Mitwerbung der Uebrigen nicht ohne geheimes Vergnügen sehen mochte — trotzdem, sagen wir, daß sie, Gott weiß durch welche magische oder vielleicht auch ganz natürliche und positive Mittel, jenen dichtgeschlossenen Verehrer-Kreis (worunter es Einige von der glühendsten, ja von der wüthendsten Sorte gab) beständig um sich erhielt: hatte doch entschiedenermaßen Graf Alexander seit ziemlich lange her ihr Herz erworben, und endlich ward ihm ihre Hand in feierlicher Form zugesagt.

In der Zeit, mit welcher dieser Roman beginnt, gingen in allen Kreisen der haute crême Anzeigen folgenden Inhaltes herum:

„Wir beehren uns, Ihnen anzuzeigen, daß am 15ten dieses Monats unsere Tochter, Fräulein Cölestine von Randow, mit dem Herrn Grafen Alexander von A—x, K. K. etc. etc. vermählt werden wird. Wir werden nicht ermangeln, Ihnen das Weitere demnächst bekannt zu geben und um die Auszeichnung Ihrer Gegenwart zu bitten.

Wien am 9ten Mai 1842.

Eugenie von Randow,
geborne Ernini von Kronau.

Friedrich von Randow,
K. K. General-M.“

So war denn also über Cölestinens und Alexanders von A—x Verhältniß kein Zweifel mehr — man hatte die handgreiflichste Gewißheit.

Als diese zu den früher so hoffnungsreichen, aber jetzt so jämmerlich durchgefallenen Amateurs und Adorateurs Cölestinens gelangte — da schäumten Einige von ihnen vor Wuth, Andere sannen still auf Rache — noch Andere verzweifelten — und endlich Einige, (das waren die Wenigsten, weil die Vernünftigsten), lachten über dieses Ende vom Liede — gingen nach Hause, wuschen ihre Erinnerungen mit Rosenwasser ab — und traten als vollkommene Gentlemen wieder auf die Straße; denn es ist der Grundzug des wahren Mannes von Welt

nil admirari,

d. h. über Alles höchstens — die Achsel zu zucken.

Warum aber hatte Cölestine dem Grafen Alexander einen so entschiedenen Vorzug vor so vielen Andern eingeräumt? — — Ach es ist schwer, die Calcule der Liebe zu verfolgen. Die Liebe berechnet nach einem dynamischen Zahlensysteme, wofür wir in der materiellen Welt keine Zeichen haben. Wer kann sagen, warum Diese Jenen liebt und nicht den Andern? — Ja, das Beste dabei ist: wir selber können in den meisten Fällen uns das von unserer eigenen Liebe nicht nachweisen. Mich dünkt, Shakspeare hat es gesagt: Der Eine verliebt sich in die blauen Strümpfe seiner Dame, ein Zweiter in ihren süßen Athem — — ein Dritter findet in der Pupille ihres Auges eine Gottheit, die ihn zu ihren Füßen hinreißt; oft ist ein Traum, in welchem uns eine bisher ganz gleichgültige Person erscheint, hinreichend — um uns in Wirklichkeit mit rasender Liebe zu ihr hinzureißen; ja man hat Beispiele, daß uns Jemand durch seine enorme Häßlichkeit eben so bezaubert, wie ein anderer Jemand unsern Freund durch seine unaussprechliche Schönheit.

Das sagt Shakspeare. Und sollte er es auch nicht sagen, so sage ich es, was, wenn es gut gesagt sein sollte, die Sache am Ende auch nicht schlimmer macht.

Was nun Alexander und Cölestine betrifft, so ist es höchst wahrscheinlich, daß die ernste, bedeutungsvolle, stolze und düstere Männlichkeit des Grafen — sie zu allererst zu ihm hinzog. — Solche ungewöhnliche tiefromantische und geheimnißvolle Charaktere beschäftigen zu sehr die Neugierde der Weiber, als daß sie später nicht auch deren ganze Seele herüberziehen sollten. Denn mag man dagegen sagen, was man will — Neugierde ist der erste Ring in der Kette weiblicher Empfindungen; an ihm hangen die übrigen der Theilnahme, des Mitleids, der Freude, der Furcht, der Hoffnung, der Freundschaft und der Liebe.

Ueberdies war Alexander, dieser stolze, selbstständige und geistreiche Mann auch — ein nicht unschöner Mann. Grund allein schon, ihn zu lieben — wenn er auch sonst nichts besessen hätte. Denn ist materielle Schönheit an sich nicht schon hinreichend, ein Weiberherz, oft das gebildetste und zarteste, zu besiegen? Wenigstens treffen wir täglich auf Beispiele, die hierher gehören. In Rom hat erst kürzlich eine jugendliche hochgeborne und hochgebildete Miß ihren — Kutscher geheirathet, und Madame Dudevant in Paris hat sich, wie man mir erzählt, neulich in einen allerliebsten handfesten Ouvrier vernarrt, wiewohl die große Schriftstellerin nachgerade im Begriffe steht, eine — Matrone zu werden.

Doch wohin verirre ich mich? Graf Alexander ist ja nicht in diese Kategorie zu versetzen; aber man gelangt beim Raisonniren so leicht vom Hundertsten in’s Tausendste, und dies darum: weil es in der Natur so viele Aehnlichkeiten — nahe und entfernte — giebt.

Genug an dem: sie hatten sich gefunden, sie hatten sich erreicht — ein Himmel voll Lust ging auf über ihren Häuptern und der Erdendämon des Kummers zog grollend von dannen. Sie kannten ihn nicht mehr.


Drittes Kapitel.
Die Trauung.

Der Vermählungstag erschien. Noch immer hatten die Neider und Nebenbuhler sich geschmeichelt, er werde hinausgeschoben und so durch irgend einen der zahllosen unberechenbaren Zufälle, auf die der Mißgünstige hofft — endlich gar vereitelt werden. Aber nichts von dem Allen geschah. Es war mit diamantenen Buchstaben in dem Buche des Lebens geschrieben: Cölestine sollte Alexanders Gemahlin sein.

Als man nun nichts mehr dagegen thun konnte, ergab man sich ins Schicksal — jedoch mit einer Hölle im Herzen. —

Das Palais des Herrn von Randow lag in der —straße, innern Stadt. Man nennt diese und noch eine Straße vorzugsweise die: aristokratischen, weil sie aus einem Aggregat hochadeliger Wohnungen bestehen. Es ist das Quartier: St. Germain Wiens, wiewohl im verjüngten Maßstabe, da viele der größten Paläste der haute volée in der ganzen Stadt zerstreuet stehen.

Seit vielen Jahren hatte im Palaste der Randow kein so reges Treiben geherrscht, wie am heutigen Tage. Es ging und kam, es lief und rannte Alles, was der Bewegung fähig war. Vom Haushofmeister herab bis zu dem letzten Küchen- und Stalljungen hatten die Domestiken alle Hände voll zu thun. Die Gänge, die Vorsäle, der Hof, Küche und Keller — hier wimmelte es von Menschen und menschenähnlichen Geschöpfen.

Dagegen herrschte im Innern der Gemächer eine feierliche grandiose Stille, wie denn ein kommendes Ereigniß von höhern Menschen immer mit kalter Ruhe erwartet zu werden pflegt.

Im großen Familiensaale stand die geschmückte Braut an der Seite ihres Bräutigams, umgeben von ihren Angehörigen und einigen Freunden — und harrte des Augenblickes, der sie an die Stufen des Altars führen würde. Die Trauung sollte in der Hauskapelle vollzogen werden und man erwartete nur das Zeichen zum Aufbruch.

Cölestine war ein wenig blässer als gewöhnlich und hierauf beschränkte sich die ganze Veränderung ihrer Gestalt. Man konnte gewiß auch nicht das leiseste Zeichen von Alteration auf ihrem Gesichte bemerken — und der Blick, mit welchem sie, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, auf Alexander verweilte, war fest, mild und heiter. Es schien, als ob ein namenloses Glück in ihr Herz eingezogen sei, von welchem sie jedoch der Welt nichts verrathen wollte, da man nur insgeheim wahrhaft glücklich ist.

Wenn man dann noch den Grafen, ihren Bräutigam, anblickte, so mußte uns anfangs die Aehnlichkeit, welche sich in der Seelenstimmung dieser beiden Personen aussprach, lebhaft überraschen — und man konnte nicht umhin, sich zu gestehen: diese Beiden sind in der That für einander bestimmt. Graf Alexander stand in diesem Augenblick mit gleichem ruhigen Bewußtsein an ihrer Seite und auch er schien mit seinem Glück vollständig abgeschlossen zu haben. Doch jenes Leuchten, welches wie der Blitz momentan durch sein dunkles Auge zuckte, jedoch nur so selten, daß es kaum Jemand bemerkte, sprach von einer Lust, die wilder bewegt war, als sie es schien.

Nur wenig von dem Allen fiel den Eltern Cölestinens auf. Ihre Zufriedenheit über das Geschick ihrer geliebten Tochter war so groß, daß ihr Augenmerk nur in diesem Kreise verweilte und nicht fähig war, selbst zu verwandten Dingen hinaus zu treten. Eine freundlichere Greisengestalt, wie die des Generals von Randow, konnte man sich nimmer vorstellen; es war in ihr jene Mischung von adeligem und militärischem Ritterthume vereint, die man auf den Bildern der Condé’s und ähnlicher Heldenfamilien so gerne erblickt; hiezu kam noch ein unvertilglicher Zug von Herzensgüte, die, wie wir wissen, ein Eigenthum aller Familienglieder der Randow bildete — und die überdies auch sonderbarer Weise ein Attribut fast aller heroischer Charaktere ist und war. — Die Mutter Cölestinens, aus einem deutschen Hause entsprossen, war eine der sanftmüthigsten und zartsinnigsten Seelen — ein wahrer, echter, niemals getrübter Tugendspiegel, das Muster einer Gattin und Mutter. Seit einiger Zeit lebte sie nur in und für diese einzige Tochter, und die Thränen, welche sie zum ersten Male im Leben vergossen hatte, waren Freudenthränen über Cölestinens Glück.

Es wird nicht eben nöthig sein, viel von den übrigen Personen zu reden, welche theils als nächste Verwandte des Hauses, theils als erbetene Zeugen das Brautpaar umgaben. — Da stand eine Gräfin von Wollheim mit ihrem Gemahle, der ein großer Jäger war, während sie zu den leidenschaftlichsten Mitgliedern des Wohlthätigkeitsvereins hoher Damen gehörte und alle Jahre mit eigenen Händen 6 Paar grobwollner Strümpfe dazu strickte, die sie freilich viel leichter für einige Groschen hätte kaufen können. Ferner war eine Frau von Porgenau ebenfalls mit Gemahl da, von welch’ letzterem man sich allerlei schnurrige Geschichten erzählte. Er wollte für einen großen Bonmotisten und Calembouristen gelten, und da hierzu sein Talent nicht völlig ausreichte, griff er zu dem auch bei einigen andern Leuten gebräuchlichen Mittel, daß er fremde Witze als eigene auftischte. Achtbarer und hochverehrter als der alte — Rath und Ritter einiger Orden, Herr von Labers, konnte Keiner sein. Er zählte unter die verdientesten Staatsmänner der Regierung und seine Anwesenheit allein reichte hin, eine Gesellschaft auszuzeichnen. Er war einer von den Trauungszeugen des Brautpaares. An seinem Arme führte er die bejahrte Wittwe eines Feldmarschall-Lieutenant E—z, welche ebenfalls eine Zeugin bei der Ceremonie abgab. Noch mehrere Gäste befanden sich im Saale; jedoch ist es nicht unsere Absicht, sie hier alle aufzuzählen, um so weniger, da dieselben im Verfolge dieser Geschichte wohl nicht wieder auftreten dürften.

Nur von Cölestinens Bruder, Edmund von Randow, müssen wir noch sprechen. Natürlich, daß auch er sich im Kreise der Gesellschaft befand. Ein Charakterzug, der an diesem leichtsinnigen Jüngling sehr auffallend erschien, war eine so zärtliche Liebe für seine Schwester, daß er in ihrer Nähe, man möchte sagen, einen ganz neuen Menschen anzog; denn es gab dann keinen gefühlvolleren und liebenswürdigeren jungen Mann, als wozu er sich Angesichts Cölestinens verwandelte.

So stand denn Edmund jetzt auch schüchtern wie ein Mädchen neben seiner Schwester, und wenn er einen Blick von ihr erhielt, wäre er vor Seligkeit niedergesunken und hätte ihre Füße geküßt.

Es ist in der That auffallend, und doch ist es vorgekommen, daß zwischen Bruder und Schwester oft eine so romantische Liebe existirt, wie man sie kaum zwischen Geliebten findet. Woher mag das kommen? Ist es vielleicht einerseits die Anziehungskraft zwischen den beiden Geschlechtern — und anderseits die Macht jenes Naturgebots, welches eine Scheidewand stellt zwischen Menschen, die ein Schoß gebar? — In diesem wechselnden anziehenden, abstoßenden Magnetismus ist gewiß ein namenloser Reiz verborgen und es entspringt hieraus einer jener romanesken Zustände, welche wir nur erleben, nicht schildern können.

Endlich erschien der Hauskaplan im Chorhemd und Stola, um das Paar vor die Stufen des Altars zu laden. Man trat sogleich durch einen kurzen Corridor in das Heiligthum. Der Tisch des Herrn war festlich geschmückt, helle Lichter brannten auf demselben und zwischen ihnen glänzte auf silbernem Kreuze das schmerzvolle Bild des Erlösers.

Der Priester stellte sich auf die oberste Altarsstufe und erwartete hier, daß Diejenigen, denen er ein Sakrament der Kirche ertheilen sollte, zu ihm kommen und darum bitten würden. — So wurde denn Cölestine von der Wittwe des Feldmarschall-Lieutenant E—z und ihren Eltern, Graf Alexander aber von dem —Rath, Herrn von Labers, und seinen Freunden dahin geführt.

Mit fester Stimme ward beiderseits das „Ja“ gesprochen, die Ringe gewechselt, die Stola schlang sich um die vereinigten Hände.

Sie waren Mann und Weib.

Edmund, der der Ceremonie von ferne zugesehen hatte, sank bei dem letzteren Akte ohnmächtig in einen Betstuhl.

Zu gleicher Zeit hörte man draußen einen Pistolenschuß fallen, und wie man später erfuhr, hatte ein junger Mann, den man jedoch nicht erkannte, den Versuch gemacht, sich selbst zu entleiben. Vor der Trauungsfeier noch war er in der Nähe der Kapelle gesehen worden, hatte sich aber irgendwo zu verstecken gewußt, so daß man ihn nicht finden konnte. Nachdem der Schuß, welchen er gegen seinen Kopf zu thun beabsichtigt hatte, durch irgend einen Umstand fehlgegangen war — war dieser Fremde wieder plötzlich verschwunden, ohne daß man wußte, wohin er gerieth. — Diese ganze Szene trug sich vor der Kapelle zu und war von einigen Dienern des Hauses beobachtet worden.

Ein heftiger Schrecken hatte sich beim Knall des Gewehres unter der Gesellschaft in der Kapelle verbreitet. Man glaubte anfangs, es sei nach dem Bräutigam oder gar nach der Braut geschossen worden. Indeß erfuhr der General und seine Gemahlin sogleich das Wahre von der Sache, und dem Brautpaar, so wie den übrigen Gästen sagte man: es sei unvorhergesehenerweise das Gewehr eines Jägers im Hause losgegangen.

Aber welches Entsetzen ergriff Alle, als sie in einem Betstuhle Edmund leblos liegen sahen. Doch wieder beruhigte man sich, sobald man seinen wahren Zustand entdeckte. Man kannte seine schwärmerische Neigung für Cölestine. Aber war es diese Neigung, die ihn im Augenblick, als die Schwester ihm auf immer entrissen werden sollte — oder war es ein Vorgefühl vor dem räthselhaften Schusse, — welches ihn besinnungslos hinstürzen ließ, wer kann es berechnen?

Als endlich wieder Alles geordnet war, als man den Ohnmächtigen wieder zu sich gebracht hatte, als er in den Armen seiner bräutlich geschmückten Schwester vollends zum Leben erwacht war — verließ der Zug endlich die Kapelle und begab sich nach dem großen Familiensaale. Cölestine empfing hier den Segen ihrer Eltern, die ersten Glückwünsche der gegenwärtigen Gäste, so wie einige Geschenke ihrer Verwandten.

Länger jedoch vermochte die Arme sich nicht aufrecht zu erhalten. Diese Menschen, die sie umgaben, waren so gesund, wohlbehalten, ihnen war nichts begegnet als ein gewöhnliches Fest — — hingegen auf Cölestine waren so viele Ereignisse, oder vielmehr ein einziges großes, tausend andere in sich fassendes Ereigniß, eingedrungen — daß ihre ungewohnte Brust den Druck desselben nicht länger zu ertragen vermochte.

Cölestine begab sich mit ihrem Manne und ihrer Mutter nach einem andern Gemache.

Zurück blieben die Verwandten und Gäste, welche sich um den General stellten und ihm jetzt dasselbe wiederholten, was sie früher seiner Tochter gesagt hatten, nämlich Glückwünsche, Gratulationen, Prophezeihungen und andere leere Sachen, an denen die Welt immer reich sein wird, so lange es noch müßige Menschen und solche giebt, denen es an Nichts oder an Wenigem fehlt; mögen dieselben hohen oder niedern Standes sein, das ist einerlei.


Viertes Kapitel.
Der Hochzeitsball.

Des Abends waren die Salons des Palastes glänzend erleuchtet. Natürlich, man mußte ja einen Ball geben, ohne das läuft so was nimmer ab. Wie hätte sonst die halbe Welt Gelegenheit haben sollen, die ersten Augenblicke des Ehepaars mit jener schmählichen Neugierde zu kontrolliren, welche Ihr — Ihr armen braven Handwerksleute, Bürger und Bauern nicht kennt. Gewisse Gebräuche und Sitten der beau monde hat die bloße, nackte Unverschämtheit erfunden — und die herzlose Fühllosigkeit sanktionirt sie und bringt dieselben in Ausübung. Hierher gehört auch die Sitte, von welcher wir gegenwärtig sprechen.

Wozu ein Ball, ein Fest, eine Versammlung nach der Vermählung? Sind sich in diesen Stunden Mann und Weib nicht genug, halten sie sich denn nicht zum ersten Male mit den Armen umschlungen, und sind diese nicht noch kräftig genug, um fremder Stütze zu entbehren? — Bei Gott, es ist eine Perfidie — mich unter dem Vorwande eines Gebrauchs — von der ersten Besitznahme meines Eigenthums zu trennen. Der erste Augenblick ist ja der entzückendste, warum stört Ihr mich gerade jetzt? — — —

Oder sollen diese Gesellschaften am Tage der Vermählung soviel sagen, als: von nun an wollen wir immer und so oft als irgend möglich zwischen Euch treten und Euch die einsamen Augenblicke, die so süß sind, rauben.... von nun an wollen wir es hindern, daß Ihr Euch so ganz vereinigt, wie es in der Schrift geschrieben steht: ein Leib und eine Seele.

— Die Räume der Salons waren jetzt bereits so sehr angefüllt, daß kaum mehr Platz da war für neue Gäste, und doch kamen deren immer mehr und mehr. Namentlich Frauen waren mit ihren Männern in großer Menge erschienen und auch junge Leute; weniger waren Mädchen zu bemerken, die man von solchen Festen gerne ausschließt.

Schon sammelte und sonderte man sich in Kreisen und Gruppen, schon unterhielt man sich in jener halbleisen und halbschreienden Weise, welche die Conversation der Leute vom guten Ton auszeichnet. Der Gegenstand dieser Conversation, dieser Blicke, dieser Deutungen und Zeichen war, wie natürlich — Cölestine und ihr Mann. Ich weiß nicht, ob noch irgend ein anderes menschenmögliches Ereigniß im Stande gewesen wäre, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich zu ziehen, es müßte denn allenfalls das Herabfallen der Decke des Salons gewesen sein.

„Allein finden Sie nicht, beste N**, daß er beiweiten hübscher ist, als wie man uns ihn beschrieb?“

„Gewiß, gewiß, meine Freundin: er kann sogar ein schöner Mann genannt werden.“

„Was sagen Sie zu seinem Benehmen, theure Gräfin V**? Finden Sie es nicht ein wenig schroff? ungewöhnlich?“

„In der That — ja.... indeß kleidet es ihn nicht schlecht, wie ich glaube....“

„Ist er Ihnen schon einmal irgendwo vorgestellt worden, meine Beste?“

„Das nicht, kleine Freundin; jedoch habe ich ihn zeitweise bei der Baronin von G—r getroffen, wo er sehr beliebt ist.“

„Es scheint mir unbegreiflich, daß dieser Mann beliebt sein könnte.“

„Warum nicht, liebste Beste! Sie thun ihm wahrhaftig Unrecht....“

„Ach — wovon reden Sie da, meine schönen Damen?“

„Guten Abend, theure Freundin.... Sie sehen, wir reden von ihm....“

Und wer ist dieser Er und Ihm, und: dieser Mann? Wer sonst, als Graf Alexander, der junge Ehemann, der so glücklich ist, von heute an für zwölf volle Tage Stoff zu liefern für die Conversation der schönen Welt.

Aber entgeht vielleicht Cölestine ihrem Schicksal? O, ein solcher Fall ist noch nicht da gewesen.

In einigen Gruppen, gebildet aus jungen Leuten und auch älteren Gesellen, ist ein solches Flüstern und Lachen und Deuten (natürlich bloß mit den Augen) zu bemerken, daß es die Umstehenden genieren müßte, wären diese an dergleichen nicht gewöhnt. Man spricht nämlich in diesen Gruppen von der schönen jungen Frau, ohne jedoch hierbei außer Acht zu lassen, nebenbei auch über ihren Mann ein Wörtchen hineinzumengen. In dieser Beziehung sind die Klatschereien der Herren noch weit abscheulicher als jene der Damen, da hier in der Regel ihr eigenes Geschlecht viel günstiger beurtheilt wird. Wir haben in jener Damen-Unterhaltung, der wir vorhin beiwohnten, nur immer über den Gemahl, über Alexander reden gehört — — aber glaube Niemand, daß er jetzt in der Herren-Unterhaltung, die wir sogleich besprechen wollen, bloß den Namen Cölestinens zu hören bekommt; im Gegentheil wird jener ihres Mannes tausend Mal genannt werden, und zwar nicht nur sein Name, sondern auch sein Kopf, sein Hals, seine Brust, sein Arm, sein Bein, sein Rock, sein Taschentuch.

O über die männlichen Klatschschwestern!

„Ach ja — guter T*** — Du findest diese Cölestine wirklich so allerliebst? Ich bemerke so eben, daß sie eine abscheuliche Stumpfnase hat.“

„Das deutet auf Herrschsucht und Trotz, meine Herren!“

„Um so besser. Der Herr Gemahl wird sich ihr trefflich fügen, denn wenn ich nicht irre, so deutet sein hängender Backenbart ein großes Talent zur Unterwürfigkeit an!“

„Hahahaha! hahahaha!“

„Ein vortrefflicher Einfall.... Er dürfte aus dem Munde des alten Porgenau kommen! — hahaha!“

„O, dann wäre er gestohlen!“

„Schadet nichts! Gedanken sind keine Waare!“

„Allein — wie finden Sie diese Haltung ihres Kopfes? Der Kopf an sich ist bewundernswürdig schön!“

„Jedoch entstellt ihn die übermäßige Coiffure.“

„Was man immer sagen mag: sie ist eine der ersten Schönheiten Wiens.“

„Gewiß! Vom ersten Wasser! Vom ersten Wasser!“

„Vom ersten Kaliber.“

„Still — — welcher Vergleich!“

„Die Zahl ihrer Anbeter soll Legion gewesen sein.“

„Ich wenigstens gehörte nicht dazu.“

„Jedenfalls war dieser Graf Alexander der Glücklichste unter allen...“

„Oder eigentlich der Unglücklichste, wie man’s nehmen will...“

„Ach, ach — ich denke, er ist an sich schon unglücklich genug; wenn man die Physiognomie dieses Menschen betrachtet, so wird man finden, daß dieselbe aus lauter Unglücken, oder deutscher: Unglücksfällen zusammengesetzt ist...“

„Mäßigen Sie sich, Herr von G—r; denn da kommt eben die Schwiegermama, und die scheint in Beziehung auf ihren Tochtermann entgegengesetzter Meinung.“

Augenblicklich entstand in diesen Versammlungen eine musterhafte Stille und die Gesichter der Herren, welche erst von Satyre und Ironie (aber ziemlich erbärmlicher) überflossen, wiesen sich so freundlich süß, wie eine Hausfrau von ihren Gästen sie nur immer erwarten kann. Ja noch mehr, diese trefflichen jungen Leute umringten die Generalin und wußten ihr in einem Athemzuge so viel Schmeichelhaftes zu sagen, daß man gemeint hätte, über deren Zungen wäre niemals etwas Anderes als Lobgesang und Psalmodei gekommen.

Nichts als Glückwünsche und zwar „aus dem Innersten des Herzens“ wurde gespendet — man pries ihr Haus über diesen neuen Zuwachs an Ehre und Glück, der demselben so eben geworden war, und dann was den Grafen Alexander von A—x betraf, so bezeichnete man ihn als „einen der ausgezeichnetsten Kavaliere der Residenz und einen der einflußreichsten Diener des Staates.“

Die alte Dame erwiederte diese Höflichkeiten mit jener Miene von Liebenswürdigkeit und jenem feinen Takte, die einer vornehmen Frau immer zu Gebote stehen und wovon die erstere durch den zweiten stets sicher geleitet und bemessen wird.

Man ordnete sich alsbald zum Tanze. Hierzu waren zwei weitläufige Säle bestimmt, wohin man sich jetzt paarweise begab. Cölestine, nun Gräfin von A—x, eröffnete an der Hand des Herrn von Labers den Zug, — Graf Alexander bot ihrer Mutter und der General der Feldmarschall-Lieutenants Wittwe den Arm. Die übrigen Gäste schlossen sich ohne Rangordnung, die in der höhern Gesellschaft nicht existirt, an — da hier mit dem Privilegium des Eintritts auch jenes der Gleichheit verbunden wird.

Gräfin Cölestine hatte zum ganzen Feste so viel heitern Sinn und eine so sichere Fröhlichkeit mitgebracht, daß alle Welt sagen mußte: sie sei glücklich und hoffe es stets zu sein. Von dem Grafen, ihrem Gemahle, ließ sich dasselbe sagen, doch schien ihn in manchen Augenblicken dieses geräuschvolle und ostensible Treiben zu belästigen; man sah es ihm an — er wünschte lieber allein zu sein mit Derjenigen, die er jetzt sein nannte. Sollte man es Besorgniß nennen, die sich momentan in seiner Miene kundgab? Vielleicht war es das nicht — und doch flüsterten zwei seiner eifrigsten Beobachter, die vielleicht früher auch seine Nebenbuhler gewesen waren:

„Ach, es ist die Eifersucht, die sich selbst in den ersten Tropfen seines Freudenkelches mischt! wie wird dies erst später werden?“

Dann lachten diese guten Herren und meinten, der Tag ihrer Rache würde schon von selbst kommen.

Einige Stunden später — Graf Alexander hatte während dieser Zeit nach der Sitte der vornehmen Welt mit seiner Frau so wenig als möglich gesprochen und getanzt — konnte ein feiner Menschenkenner Spuren eines tiefern Unmuths auf des jungen Ehemanns Stirne lesen. Und in der That, Alexander war jetzt von einem jener schrecklichen Gefühle geplagt, denen seine Seele in früherer Zeit so oft zur Beute geworden. Die immerwährende und sich stets gleichbleibende Heiterkeit Cölestinens hatte ihn bitter berührt, sie hatte ihn schmerzlich verletzt. Woher diese so bestimmt ausgesprochene Zufriedenheit bei ihr — — da doch er dieselbe nicht theilte? So fragte er sich. Der Bedauernswerthe! er bedachte nicht, daß seine Frage ein Widerspruch sei — — — waren denn ihre beiderseitigen Gemüther gleich? ja, entsprangen denn ihre jetzigen so verschiedenen Stimmungen aus einer Quelle?

So oft es der Anstand und die Umstände erlaubten, versuchte Alexander sich seiner Gemahlin zu nähern und — da traf er denn immer auf Hindernisse, die sich zwischen sie und ihn stellten.

Cölestine war eine leidenschaftliche Tänzerin, und warum sollte sie an dem heutigen Freudentage sich diesem Vergnügen nicht mindestens im selben Maße überlassen, wie zu andrer Zeit? Werden doch, wenn wir fröhlich gestimmt sind, unsere innern Triebe freier entfesselt wie sonst.

Aber so urtheilte Alexander keineswegs. Seine glühende, spanische, eifersüchtige Liebe lechzte nach dem Besitze des Gegenstandes, auf welchen nur er ein Recht zu haben meinte.... Zum Glück war sein Charakter fast eben so stolz und verschlossen wie eifersüchtig; sonst hätte er die Bewegungen seines Herzens nicht bemeistert.

Indessen wurde sein Betragen zuletzt auffallend genug, daß einige Damen und Herren, die eher gekommen waren, zu beobachten und zu secciren — als sich zu unterhalten, unter einander sprachen:

„Unser junger Ehemann scheint von höchst eigenthümlicher Sorte zu sein; man könnte fast glauben, er befinde sich hier, um die Gäste, die seine Schwiegermutter eingeladen hat — zu vertreiben...“

„Ohne eben weit zu sehen — ließ sich dergleichen von ihm im Voraus erwarten. Sie kennen den Grafen A—x also nicht?“

„O! man muß ihm aber auch Gerechtigkeit widerfahren lassen: er macht schon im Voraus das Programm zu den künftigen Gesellschaften seines Hauses. Man wird sich darnach richten können. Sie dürften nicht ganz so glänzend ausfallen, wie die junge Gräfin vielleicht beabsichtigt.“

„Man spricht davon,“ sagte Frau von Porgenau, die sich so eben näherte, „Gräfin Cölestine werde ihre jour fix am Sonnabende geben.“

„In der That?“ versetzten einige Damen und sagten zu einander im Stillen: „Um so besser, denn an diesem Tage gibt auch Gräfin Wollheim, Frau von H— — und die Marquise d’M— ihre cercles.“

„Vortrefflich! Vortrefflich!“ ließ sich in diesem Augenblick die schallende Stimme des Grafen von Wollheim vernehmen. Der große Jäger sprach jedoch nicht zu dieser Gruppe, sondern zu einer einige Schritte von hier, in deren Mitte er saß. Seine Worte galten dem ersten tanzenden Paare, über welches alle Welt entzückt war. Edmund von Randow tanzte nämlich mit seiner Schwester. Man hatte niemals ein eleganteres, ein schöneres Paar gesehen. Es war die Mazurka, ein Tanz, worin vielleicht in der ganzen Residenz Niemand so vollkommen war wie die beiden Geschwister. Man sah, daß es das nationelle Element sei, welches in ihnen zu einem so schönen äußern Leben erwache; denn wie wir wissen, waren die Randow ursprünglich Polen, und noch hatte das alte Vaterland an ihnen nicht ganz seine Söhne verloren.

Die Mazurka war zu Ende. Man konnte sich nicht enthalten, die Virtuosen zu beklatschen — — Alexander sah von ferne zu; ob er sich freute, ob nicht, ist ungewiß; allein es zuckte keine Muskel auf seinem Gesichte, welches starr, kalt, theilnahmlos oder niedergeschlagen schien. — —

Edmund verließ seine Schwester und ging kaum zwei Schritte, als er von den offenen Armen des großen Nimrod in Empfang genommen wurde. Denn beiläufig gesagt, waren Edmund und der alte Graf von Wollheim sehr große Freunde, weil Jener mit Diesem auf die Jagd ging, trank und spielte, von welchen Beschäftigungen sämmtlich unser Nimrod ein großer Liebhaber war.

„Alle Hirsche und Rehe!“ rief Letzterer aus: „Edmund, Du hast Dich wacker gehalten. Fast so wie auf jener großen Treibjagd, Anno 1839, wo Du unter meiner Leitung Dein Meisterstück machtest. — Aber wo zum Guckuck hast Du diese Gelenkigkeit in Deinen Knieen und Flechsen her?... ein Pullcinell hätte es nicht besser thun können....“

„Ganz recht, lieber Graf,“ versetzte der Jüngling; „übrigens machen Sie mir da kein Kompliment. — Freilich ist es nicht Ihre Sache, von diesen Dingen zu sprechen — und aufrichtig gesagt, ich unterhalte mich mit Ihnen tausend Mal lieber über unsre alten Gegenstände.... Kommen Sie daher, mein vielgeliebter Wehrwolf... lassen Sie uns dorthin zur Kredenze treten — erst einige Schluck Wein und dann findet sich schon das Uebrige...“

„Köstlicher Junge! Köstlicher Junge!“ exklamirte der Jäger: „Er ist und bleibt immer derselbe. Nun fürwahr, an Dir, mein Edmund, habe ich mir einen Schüler erzogen, auf welchen ich stolz sein kann.... Allein, was meinst Du, wird uns nicht etwa Deine Mutter belauschen? Du weißt, sie sieht Dich nicht gerne mit dem Glase in der Hand.... Es scheint mir, auch Dein Vater schielt nach uns herüber.... Nehmen wir uns in Acht! Hübsch gescheidt, mein Jüngelchen.“

„Schon gut!“ entgegnete Edmund: „Kommen Sie nur... ich verspüre in mir einen teufelsmäßigen Durst.... Das kommt stets, wenn ich ein Mal etwas lang solid gewesen bin...“

„Ja, ja, Du hast Deiner Schwester heute den Hof gemacht, und zwar —“

„Still — theurer Mann! Darüber kein Wort mehr.... Können wir nicht über andere Dinge reden? Du weißt, ich liebe jenes Thema nicht unter uns.“

„Nun so will ich Dir eine alte Jagdgeschichte von einem Herzog von Würtemberg erzählen. —“

„Erzähle in Gottes Namen! — So, jetzt wären wir in der Nähe der Gläser.“

Wie man sieht, so dutzten sich die zwei an Alter zwar ungleichen, aber an Gesinnung desto ebenmäßigeren Freunde. So machte es Edmund übrigens immer. Er war mit allen Leuten seines Schlages auf Du.

Während dieses hier vor sich ging, während Wollheim und Edmund, in eine dunkle Ecke zurückgezogen, dem Nierensteiner, oder was es sonst war, die möglichst größte Ehre anthaten und dabei Gespräche führten, wie sie der Wein eingibt und wie wir sie hier zu wiederholen uns sehr hüten werden, unterhielt man sich auf andern Punkten der Salons auch nicht übel.

So zum Beispiel beglückte Gräfin von Wollheim einen Kreis alter und buckliger Zuhörerinnen mit einer Erzählung ihrer letzten Leistung im Fache „der Strümpfe für den Wohlthätigkeitsverein.“

„Glauben Sie, meine Damen,“ so sprach sie, „daß es eine der süßesten Empfindungen gewährt, unsere Talente und unseren Fleiß im Dienste der Armuth und Noth anzuwenden.... Im vergangenen Winter habe ich 4½ Paar guter Socken und Strümpfe gemacht, jedes Paar zu 2½ Pfund... Das gab eine Bekleidung! Welche Wärme!“

„Ja, ja — welche Wärme!“ erwiederte ein altes Stiftsfräulein ohne Zähne, dafür jedoch mit einer Zunge, die hinreichend schnitt, sobald es sich um den Ruf eines Nebenmenschen handelte.... „Auch ich habe zwei Paar wollene Jacken an das Comité des Frauen-Vereins gesendet. — — Alles eigene Arbeit! — Wer weiß, welches Pack sie jetzt auf dem Leibe trägt.... Denn Sie wissen doch, meine Freundinnen, daß diese unverschämten Armen, welche wir mit unserer Hände Arbeit beglücken, die letztere bei nächster Gelegenheit zum Trödler oder in’s Branntweinhaus tragen...“

„Sollte das möglich sein?“

„Sie können mir’s glauben!“

„Mein Gott, das wäre ja recht abscheulich! — Wozu arbeiten wir denn? — Dann könnten wir ihnen ja die paar Kreuzer, welche sie für unsere Sachen lösen, viel bequemer selbst geben....“

„Das ist Alles wahr und ich habe darüber schon mehrfach nachgedacht. Hören Sie mich, meine Besten, welchen Vorschlag ich gesonnen bin, bei dem Comité des Frauen-Vereins in den nächsten Tagen einzureichen. — Man soll in Zukunft jedes Stück unserer Handarbeiten mit kleinen Schlössern versehen: Strümpfe, Socken, Unterbeinkleider, Unterröcke — kurz Alles. Jedes Stück wird sodann dem damit betheilten Armen mittelst des Schlosses förmlich an den Leib geschlossen.... den Schlüssel aber behalten wir oder besser das Comité. — Sollte dieser Vorschlag nicht durchgehen, so habe ich einen zweiten in Bereitschaft. Man klebt mittelst einer Mischung, bestehend aus Gummi, Pech, Sägespänen und Teufelsd— —, den Leuten ihre Kleidungsstücke an den Leib.... Jene Mischung muß in einem glühenden Becken heiß gemacht und in diesem Zustande unsern theuern Schützlingen über die nackten Glieder gegossen werden, sodann kommt das Kleidungsstück darauf — und es geht niemals wieder herunter. — Ist dies nicht eine köstliche Erfindung? Was sagen Sie dazu, meine Damen?“

So schloß die Stiftsdame.

Die Uebrigen waren nicht ganz ihrer Meinung. Besonders schüttelte Gräfin Wollheim sehr unwillig das Haupt und sagte:

„Aber da wird ja unsere schöne Arbeit völlig zu Grunde gerichtet. Das abscheuliche Pech muß ja durch alle Nähte dringen....“

Man sieht, sie dachte menschenfreundlich!

„Fürchten Sie dieses nicht, meine Beste!“ beruhigte die Stiftsdame: „Das Pech dringt nicht heraus. Dagegen hilft der Teufelsd— —, den ich nicht umsonst beigemischt habe. — Der Teufelsd— —, wie Sie wissen werden, meine Damen, hat eine contraktive Eigenschaft und ist überhaupt auch für die Gesundheit sehr zuträglich.... Unsere Armen werden dabei dick werden, wie ungarische Mastschweine....“

Die Stiftsdame hatte unter andern lieben Eigenschaften auch jene, daß sie alle Gegenstände bei ihren natürlichen Namen nannte, von welcher Gewohnheit sie keine Rücksicht abhielt. Da man dies von ihr wußte, ließ man sie reden; freilich redeten mit ihr nur die Buckligen und Häßlichen.

— — Seit einer halben Stunde bereits lauerte Alexander auf eine Gelegenheit, die ihm eine ungestörte Zusammenkunft mit Cölestine verschaffen sollte. — Jetzt schien auch sie seine Wünsche zu begreifen und gab ihm hierauf ihre Antwort durch sanfte und wehmüthige Blicke zu verstehen. — Alexander war nun der seligste Mensch! — So hatte er sich also wieder umsonst gequält!.... Er hätte früher nur gleich ihre Nähe aufsuchen und sie nicht verlassen sollen, so hätte er sich jeden Kummer erspart. — Er brauchte ja deßhalb nicht die übrigen Leute von Cölestine zu verscheuchen. — Ein günstiger Augenblick gönnte ihm jetzt, mit ihr mehrere Worte zu sprechen, und er flüsterte ihr zu:

„Ach, wie sehne ich mich nach Dir, Cölestine!“

„Ich theile Dein Verlangen, mein theurer Geliebter!“ antwortete sie ihm leise und ein Blick ihrer schönen schwarzen Augen bestätigte die Wahrheit dieser Worte.... Dieser Blick versengte jedoch mit seiner Glut wieder die Besonnenheit des Grafen und er sprach mit dumpfem Schmerze:

„Soll ich Dich noch lange entbehren — so sterbe ich! Erbarme Dich meiner! Noch nie habe ich so gefleht.“

Aber in demselben Augenblick fühlte er sich an der Schulter berührt. Der Vater seines Weibes stand neben ihm:

„Ei, ei!“ sprach der General: „was soll das heißen, Alexander? Sie rauben unseren Freunden ein sehr wichtiges Recht. Heute gehört Cölestine noch ihnen — — erst von morgen an dürfen Sie allein über Ihre Frau verfügen...“

Es ist nicht möglich auszudrücken, wie schwer diese Worte den Grafen verletzten; gleich einem vergifteten Degen fuhren sie durch sein Herz, und zwar eben deßhalb, weil sein Schwiegervater es war, der sie gesprochen. Mit einem unaussprechlichen Blick sah Alexander denselben an, zerdrückte in seiner Brust einen heftigen Seufzer und ließ sich sodann stumm von dem General fort führen. Dieser hatte ihn unterm Arme ergriffen und durchschritt mit ihm einen, zwei Säle.... Es schien, als könnte er ihn nicht weit genug weg von Cölestine führen....

Alexander hätte den Alten ermorden mögen — aber was blieb ihm zu thun übrig? Er folgte, folgte wie ein Opferthier, das man zwar mit Blumen bekränzt, aber dennoch zur Schlachtbank führt. Der General hatte ihn zu einer Ottomane gebracht und ihn genöthigt, hier Platz zu nehmen. Er selbst setzte sich neben ihn und begann nunmehr ein Gespräch von Geschäftssachen und Gegenständen, die sich auf den zukünftigen Haushalt der Eheleute bezogen.... Alexander hätte vor Wuth aufspringen mögen wie ein Wahnsinniger... Der General aber schien sehr kalt und ruhig.

Dies ist leicht zu begreifen; er war ein Greis und hatte so eben seine Tochter versorgt — während der Andere vor Leidenschaft glühte, diese Tochter zu umarmen. Das war der Unterschied; bei Gott ein ziemlich großer.

Um das Unglück voll zu machen, kam auch noch Herr von Porgenau herbei und fing an, alte Witze aufzutischen, die im Jahre 1805 Mode waren, ja einige darunter mochten noch in der Arche Noah von dessen Söhnen aus Langerweile gemacht worden sein.

„Ei — so schön beisammen!“ rief der alte Bonmotist und lächelte schon im Voraus über den Witz, welchen er sofort zu machen beabsichtigte. Denn Herr von Porgenau hatte die Gewohnheit jener Humoristen und Komiker, sowohl auf dem Theater als auf dem Druckpapiere (ich will hier ihre Namen nicht nennen!), die, bevor sie einen Gedanken, den sie für einen Witz halten, preisgeben — selbst zu lachen anfangen und sich so gleichsam den Erfolg sichern; denn die Zuhörer lachen dann auch mit — freilich bloß über die Albernheit des Witzmachers.