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Cölestine,
oder
der eheliche Verdacht.

Von

Julian Chownitz,

Verfasser von: Moderne Liebe, Marie Capelle, Leontin,
Eugen Neuland, Geld und Herz, Heinrich von
Sternfels u. s. w.

Zweiter Theil.

Mit 3 Illustrationen.

Leipzig,
Verlag von Franz Peter.


1842.


Inhaltsverzeichnis.

Erstes Kapitel.
Edmund und einer seiner besten Freunde. [3]
Zweites Kapitel.
Die Nichtswürdigen. [33]
Drittes Kapitel.
Der Schmerz der Gatten. [58]
Viertes Kapitel.
Hoffnung, Verzweiflung, Resignation. [76]
Fünftes Kapitel.
Die Promenade auf der Bastei. [95]
Sechstes Kapitel.
Immer noch Promenade. [124]
Siebentes Kapitel.
Der Zurückgezogene. [150]
Achtes Kapitel.
Die Verlassene. [189]
Neuntes Kapitel.
Trauer und Verzweiflung. [210]
Zehntes Kapitel.
Auf der That ertappt. [234]
Elftes Kapitel.
Die Katastrophe. [240]
Zwölftes Kapitel.
Das Fest bei dem Chevalier von Marsan. [245]
Dreizehntes Kapitel.
Schluß. [280]

Cölestine,

oder

der eheliche Verdacht.


Erstes Kapitel.
Edmund und einer seiner besten Freunde.

Seit dem beim Schlusse des vorhergehenden Bandes erzählten Vorfall sind zwei Tage vergangen. —

Es ist jetzt nahe vor Tagesanbruch und wir haben das uns bereits bekannte Logis Edmunds von Randow vor unsern Augen. Wir wissen, dasselbe befand sich im väterlichen Hause und nahm hier einen ziemlich ausgedehnten Raum ein. Wo wir uns jetzt befinden, dies ist das Schlafzimmer des jungen Mannes — wir müssen gestehen, daß sich hier seit der Zeit unseres früheren Besuches so Manches, und zwar nicht zum Vortheile, verändert hat, was, wenn es eine Folgerung auf den Bewohner gestattet, diesen in ein sehr trauriges Licht stellen wird.

Mitten im Gemache steht ein Bett, über welchem sich aus Seidenzeug ein drapirtes Zelt erhebt — aber einige dieser Draperien sind hart beschädigt — einige, wie es scheint, erst gestern oder heute mitten entzwei gerissen worden.... Das Bett ist nicht einmal aufgedeckt und doch liegt eine Person darauf, von der wir später reden werden. — Rings herum erblickt man umgestürzte Meubel, zerbrochenes Geschirre — hingeschleuderte Kleidungsstücke; — ferner sind die Fenster angelweit offen, wiewohl es draußen stürmt (wir befinden uns im Anfange des Winters,) und selbst die Thür ist nicht fest verschlossen, sondern wird vom Zugwind hin- und herbewegt.... Kurz in diesem Zimmer deutet Alles darauf, daß hier nur ein Trunkener schlafen und ein Liederlicher wohnen kann. —

Wir haben uns nicht geirrt. Jene Person auf dem Bette ist wirklich in dem bezeichneten Zustande: sie liegt nur halb entkleidet, und zwar so, daß der eine ihrer Füße (er ist mit einem Stiefel versehen) sich auf dem Bette befindet, der andere (dieser ist ohne Stiefel) neben demselben herunterhängt; die Arme sind in einer ähnlichen Positur — und der Kopf folgt jenem Arme, der über den Rand hinausragt. — Diese Person ist Edmund. —

Nicht weit von hier, an die Wand gerückt, steht ein Sopha, welches ebenfalls aussieht, als hätte man darauf z. B. getanzt. Hier liegt ein zweites Individuum im tiefsten Schlaf versunken, was durch zeitweises kräftiges Schnarchen hinlänglich bestätigt wird... auch dieses Individuum ward gestern vom Genius der Nüchternheit nicht begleitet — und was seine Gestalt betrifft, so war sie uns schon einigemal vorgekommen. Jedoch ist hier weder der edle Venusritter von Althing — noch etwa gar (das Gegentheil wäre indeß nicht so ganz unmöglich) der tapfere Graf von Wollheim gemeint.... an Herrn von Marsan ist nicht zu denken. — Eine ganz andere Person tritt hier vor unsere Erinnerung und wir fühlen uns hierbei zu den Anfangspunkten gegenwärtiger Geschichte versetzt. Kurz: der Baron von Leuben, jener bleiche, schwärmerische, wilde Jüngling, den die Vermählung Cölestinens so unglücklich gemacht hatte — steht, oder vielmehr liegt hier vor uns. — Wie aber ist er hierher gekommen? wie in diesen Zustand, der nicht sein gewöhnlicher war, gerathen? — welche innige Verbindung herrscht zwischen ihm und Edmund, da ihre Bekanntschaft in früherer Zeit doch eine ganz alltägliche, wie sie unter allen jüngern Leuten eines Standes herrscht, war? — — Geduld, alle diese Fragen sollen früher oder später beantwortet werden. Man sieht es, daß auch dieser Mensch stark betrunken ist; indeß hat sein Zustand bei ihm keine so eclatanten Symptome hervorgebracht — — entweder ist seine Natur kräftiger, wie jene Edmunds (was aber nicht scheint) — oder — —[A]

Edmund scheint den Schlaf schon vor dem Eintreten in dieses Schlafzimmer, worin indeß das Gelage nicht stattfand, — antizipirt zu haben... er befindet sich jetzt in jenem abscheulichen Zustande, wo die Dünste des Weines bereits den Kopf, die Hefen jedoch den Magen noch nicht verlassen haben. Man schläft nicht — man ist nicht mehr ohne Besinnung — aber man wird von schmachvoller Uebelkeit gequält. —

In dieser Indigestion (gleichgesinnte Jünglinge in Deutschland nennen sie: Katzenjammer) fährt Edmund auf seinem Lager, welches für ihn eine Folter ist — wüthend hin und her — er möchte Alles zerbrechen und zersprengen — er möchte die ganze Welt zerreißen, nur um aus ihr, d. h. aus sich selber herauszukommen..... Alle Augenblicke sehen wir die Lage des wackern Jünglings verändert — und haben wir früher eines seiner Beine aus dem Bette heraushängen sehen, so wird uns jetzt das Vergnügen zu Theil, beide so zu erblicken.... später will sogar der Kopf der Mutter Erde näher kommen.... kurz: ein Kaleidoskop bietet nicht so viel abwechselnde Bilder wie Edmunds Lage in dieser Stunde.

„Verflucht!“ schreit der junge Ehrenmann in einem Anfalle von Verzweiflung auf: „wird denn das ewig so währen? — Seit einer Stunde“ (seit dieser Zeit wußte er von seinem Zustande — früher hatte er in demselben blos vegetirt,) „seit einer Stunde leide ich wie ein Lazarus... und Keiner von den Spitzbuben, meinen Bedienten, kommt — mir Hilfe zu leisten.... Ah, Ah! die Schurken haben seit einiger Zeit allen Respect vor mir verloren.... Seit dieser Hund von einem Lips mich besucht — seit ich so recht wie der Herrgott in Frankreich lebe — — sind die Kerle wie verwechselt.... ja sie werden mit mir ordentlich familiär... Doch was red’ ich da? — Es gehört nicht hierher... Lieber will ich klingeln — — aber der Teufel weiß, wo die Klingel ist... und gepocht hab’ ich bereits hinlänglich, ohne etwas auszurichten.... auch das Rufen wird nichts nützen: — Johann! - Franz! — Karl! — Karl! — oder Charles!....“ brüllte er, hörte jedoch bald auf: „es ist umsonst — Oh! Oh! Uh! Buh! Auh! — — Hätt’ ich nur einen — Tropfen Sodawasser...“ setzte er ermattet hinzu.

„Und jener Kerl dort — —“ fing er später wieder an, „jener Lump von einem Freunde dort auf dem Sopha... wie der schnarcht — schläft — und sich um mich, der hier fast des Teufels wird — nicht für einen Dreier Werthes bekümmert.... Heda! Holla! — Leuben! — — Klotz, Murmelthier!... Wirst Du endlich erwachen? — — Aber das schläft — als sollte es erst zum jüngsten Tag wieder aufstehen!“ —

In diesem Augenblick brach, durch einen allzuhastigen Ruck, den unser Tugendheld that, die Bettstelle unter ihm durch — — und alsbald fühlte der Unglückliche sich mit einem Ende seines Körpers zwölf Zoll über, mit dem andern zwei Fuß unter seinem vorigen Horizont. Er schrie entsetzlich — denn abgesehen von dem Schmerze, den ihm dieser Wechselfall verursachte — wußte er im Schrecken auch nicht sogleich, was mit ihm geschah. —

Bei dem Schrei erwachte der jenseitige Tugendspiegel auf dem Sopha — streckte die Arme von sich — und stammelte auf eine Weise, als hätte er den Mund mit Brei gefüllt: „Nun, was ist denn das hier — für ein Tausend Donnerwetter! — — Was geschieht denn?“

„Oh weh! Oh weh!“ jammerte Edmund...

„Schweige doch — — und störe einen ehrlichen Menschen nicht in seiner Ruhe — — Du — Du —“

„Hol’ Dich der Kuckuk — sammt Deiner Ruhe, abscheulicher Kerl — der seit einem halben Tage schläft — wie ein Pflanzer in Domingo ... Oh weh! Au! Au! — ich bin gerädert!“

„Lass’ mich zufrieden.... Ich möchte schlafen!“ murmelte Jener und drehte sich um...

„Nein, nein, Du sollst nicht schlafen! Das ist schändlich! Du sollst mir helfen aus diesem verdammten Abgrunde herauszukommen.... Hörst Du! Oh weh!“

Der Andere brummte etwas Unverständliches und legte sich gemüthlich auf den Bauch...

„Aber — zum Henker! — Hörst Du denn nicht, Leuben?... ich bin gerädert — zerfleischt — — zu Hilfe! — — Au! die verdammte Bettstelle! der verdammte Zustand!“

Der edle Baron indeß gab als ganze Antwort einige Schnarchlaute zum Besten. — Da wurde jedoch unser Mann wüthend, griff um sich herum — zog eine Latte aus der Bettstelle und warf sie mit einem Fluche seinem Kameraden dermaßen auf die Beine, daß — einen solchen Schlag auf den Kopf — die Welt um einen Biedermann ärmer geworden wäre. —

Mit einem Satz stand Leuben auf seinen magnetisirten Beinen (nur nicht ganz fest) — und indem er versuchte die Augen aufzuthun, welche jedoch wie zusammengenäht waren, rief er: „Was ist denn das! Ist hier der Beelzebub los.... und schmeißt nach mir mit Knitteln?... Was ist denn das? Was ist denn das?“

„Still! still!“ entgegnete Edmund, der unter dem Einfluß der letztern Begebenheit abermals um einen Grad nüchterner geworden schien: „Still! Mach’ kein solches Geschrei! Es war eine Latte und weiter nichts! — — Ich habe Dich mit derselben geweckt, da es auf andere Weise nicht ging....“

„Hol’ Euch — allesammt der Teufel...“ schrie Leuben, der zu glauben schien — in einer Gesellschaft von Mehrern zu sein...; dann bückte er sich mechanisch und rieb an seinem Beine, fiel jedoch bei dieser Operation zurück auf’s Sopha, wo er alsbald wieder eingeschlafen sein würde, hätte Edmund sich jetzt nicht aus den Trümmern und Matratzen losgewickelt und wäre er nicht zu ihm hin gewankt, rufend: „Aber nein! Du sollst nicht länger schnarchen — abscheulicher Kerl. Bei der Hölle, Du sollst kein Auge mehr zuthun — — denn so allein halte ich es in diesem Zustande nicht aus....“ Und er rüttelte und schüttelte den Braven so lange, bis dieser, abermals sich die Augen reibend, in gähnender Weise ausrief: „Nun, es ist vorbei! — Aus ist es mit dem schönen Schlafe! — — Aber, zum Henker... wozu soll ich denn jetzt mitten in der Nacht wachen?“

„Weil ich auch wache...“

„Und weshalb wachst Du?“

„Weil ich nicht schlafen kann... weil ich wie ein Märtyrer leide... und...“

„Du wie ein Märtyrer?“

„Die verfl— Fête! Ich werde an sie denken!“

„Ja — es war eine herrliche Fête!“

„Hol’ sie der Teufel! — — Sie hat mich vollständig ruinirt, an Leib und Seele...“

„Aber, das begreife ich nicht... Ah! Ah!“ Und er gähnte wie ein Lohnkutscher.

„— — Ich begreife es um so mehr! — Oh! Oh! — — Wenn nur erst dieser schmähliche Katzenjammer vorüber wäre! Ich habe doch im Leben so manchen verdaut... aber einer wie dieser ist in Europa noch nicht vorgekommen...“

„Du hast also den Katzenjammer! Was ist dabei? — Lumperei! Weiter nichts als Lumperei....“

„Ja, ja — — ich merke aber, daß mein Katzenjammer nicht nur ein physischer ist, sondern aus physischem und moralischem zusammengesetzt...“

„Aus moralischem?... Wenn auch!... Was will das noch Alles sagen? — habe im Leben so manchen allermoralischsten Katzenjammer verarbeitet — und stehe noch da, als eine Säule der Junggesellenschaft...“

„Thor! Weißt Du denn auch, auf was sich dieser mein moralischer Katzenjammer gründet? — Er gründet sich auf 8000 Stück Dukaten, die ich in Zeit von vier Stunden zahlen muß.“

„Muß, muß! — was heißt das: muß?“ versetzte Leuben, und in diesem Augenblicke hätte Einer, der schärfer sah als jetzt Edmund — bemerken können, daß hinter dieser Gleichgiltigkeit und Trunkenheit, hinter dieser ganzen Geberdung Leubens .... noch etwas steckte, welches aussah wie der böse Geist Mephistopheles, als er in Auerbachs Keller hinter einem mit Flaschen und Betrunkenen besetzten Tische stand. —

Um nicht lange in Räthseln zu sprechen, erklären wir frischweg, Leuben war zwar berauscht — jedoch nicht so sehr, wie er that.

Ein scheußliches Lächeln hatte sich nach obigen Worten über seine Züge ausgedehnt... und er wiederholte:

„Muß! Muß! — Du mußt in vier Stunden 8000 Dukaten zahlen, sagst Du?... Ich aber sage: ein Mann kennt das Wort „Muß“ gar nicht...“

„Ja — Du hast leicht reden!... Wäre ich in Deinen Verhältnissen! — Erstens — reich wie ein Nabob und dazu Herr seines Vermögens; sodann überhaupt nicht an Familienrücksichten gebunden — — drittens, was die Hauptsache ist, ein Kerl, der die Kaltblütigkeit eines Krokodils besitzt, wenn es sich um Dinge handelt, die Einem an den Hals gehen... endlich viertens, und dies ist die hauptsächlichste Hauptsache: Du Beneidenswerther besitzest noch Deine Seele! Hast sie dem Beelzebub noch nicht verkauft... dem Beelzebub, welcher unter uns einherschreitet in der Gestalt des Meisters Lips.... Oh, Oh! meine Zunge brennt schon, wenn ich diesen Namen nur nenne.“

„Nun — gut; aber was ist mit diesem Lips weiter? — Mache Dich von dem Spitzbuben los!....“

„— Mensch! Mensch! — dies ist leichter gesagt, als gethan. „Mache Dich los!“ wie schnell ist das ausgesprochen! — Aber ich sage Dir: eher macht man sich aus den lieblichen Umarmungen der Menschenfresser los, wie von Meister Lips — besonders wenn man sich mit ihm bereits so weit eingelassen, wie — leider Unsereins.“

Leuben neigte sich ein wenig zur Erde, um die Freude, von der sein Gesicht strahlte, zu verbergen; darauf fragte er in neugierigem Tone: — — „Also ihm hast Du die 8000 Ducaten zu bezahlen....?“

„Freilich — freilich, Du Narr, Du! — Ihm, dem Meister Lips — und dann noch jenem verfl— Coujon, den Du seit vier oder fünf Tagen zu den Orgien mitbringst, die wir bei jener saubern Frau Wratschifratschi — oder wie sie sonst heißt.... kurz bei jener tugendhaften Dame mit ihrem halben Dutzend tugendhafter Freundinnen feiern; — — diesen zwei Menschen bin ich 8000 Dukaten schuldig; dem Ersteren zwei — dem Andern sechs Tausend....“

„Du nanntest meinen Freund einen Coujon, obwohl er ein Ehrenmann ist, wie Du oder ein Anderer; doch das mag Dir um unseres beiderseitigen Zustandes willen hingehn. — —“

„Was — Zustandes! Ich wiederhole nochmals: ein Coujon, ein Spitzbube ist der Kerl ... ein falscher Spieler, woran nicht zu zweifeln; denn seit vier oder fünf Tagen hat er mir mit einer Regelmäßigkeit, die mathematisch genau ist, ungefähr 10,000 Dukaten abgenommen... und ich, ich Thor, ich spielte mit ihm noch immerfort .... spielte, als mein Geld verloren war, auf Ehrenwort.... und.... beraubte meine..... doch genug!“

Edmund schwieg plötzlich. Ein besseres Gefühl schien über ihn gekommen zu sein, welches die nichtswürdigen Gesinnungen, die seine Brust jetzt beherrschten, auf einen Augenblick überwand.... er ging wieder zu seinem Bette zurück — legte sich darauf und barg sein Gesicht in die Kissen....

Der Andere aber schickte ihm einen Blick nach, der von der Natur des Basilisken geborgt zu sein schien — nickte mit dem Kopfe und rieb sich die Hände; sodann streckte er sich der Länge nach und mit großer Behaglichkeit ebenfalls auf sein Sopha hin — und begann wieder...: „Und diese beiden Gläubiger, sagst Du, holen in vier Stunden ihre 8000 Dukaten? — Aber woher dies Zusammentreffen? — Es wirft auf meinen Freund ein ungünstigeres Licht, als mir lieb ist....“

„Hol’ ihn der Henker, Deinen Freund, sammt allen Lichtern, die jemals auf eine solche Schandgestalt wie die seine gefallen sind! — — Aber eben dies Zusammentreffen, wie zufällig dasselbe auch sein mag, gleicht einem geheimen Fingerzeig Gottes, der so viel sagen will, als: diese zwei Schufte gehören neben einander.... Wenigstens, was mich betrifft, ich dachte gestern, als ich diesem saubern Freunde Deines Herzens sagte, er möge heute 11 Uhr Vormittags sein Geld bei mir in Empfang nehmen — damals dachte ich nicht daran, daß zur selben Zeit auch Meister Lips hier erscheinen werde, wiewohl ich es längst wußte..... und jenes Spiel einige Minuten früher blos in der einzigen Hoffnung eingegangen war, das Geld, welches ich für Lips heute brauchte, dabei zu gewinnen —“

„Mit diesen Worten, mein Bester, vernichtest Du ja selbst den Verdacht, welchen Du vorhin auf meinen Freund Theobald Wurmholzer so ungerechter Weise geworfen.... Hast Du ihn für keinen ehrlichen Mann gehalten, so hättest Du mit ihm nicht spielen sollen.... allein eben weil Du mit ihm spieltest, gabst Du ihm so zu sagen selbst das Zeugniß, daß er einer sei.“

„Schon gut, schon gut!“ versetzte Edmund, und fing wieder an, sich umherzudrehen — — „Deine Argumentation scheint sehr richtig.... allein der verd— Katzenjammer kommt schon wieder.... Uh! Puh!“

„Der moralische — oder der physische? —“

„Beide, beide! — Weh mir!“

Mittlerweile war es hell geworden, der Tag guckte zu den Fenstern herein, was ihm sehr bequem wurde, denn diese waren noch offen, wie zur Nachtzeit. Indessen fing das Schneegestöber, welches draußen herrschte, an, seine Wirkung bis mitten ins Gemach zu verbreiten — weshalb Leuben aufstand, um Fenster und Thür zu schließen; und als er zufälligerweise die letztern heftig zuschlug, schrie Edmund erschreckt auf: „Ach! wer kommt da! Sollten es bereits die zwei Schurken sein....?“

„Welche — Schurken?“

„Lips — und jener ehrliche Wurmholzer. —“ Erst jetzt erhob er sein edles Haupt: „Ach!“ sagte er nach der Thür sehend — mit erleichtertem Herzen: „sie sind es nicht. — Freilich aber,“ begann er nach einer Pause: „werden sie nicht lange ausbleiben. Die eilfte Stunde wird herankommen, ehe man sich’s versieht. — Heute galoppirt die Zeit, wie ein arabischer Renner.... Kannst Du mir vielleicht sagen, was jetzt die Uhr ist?“

„Ich vergaß meine Uhr zu Hause... Indeß kannst Du ja nach einer von den Deinigen sehen.“

„Nach einer von den meinigen?!“ wiederholte der wackere Sprosse des Randow’schen Hauses mit kläglicher Stimme. „Wo sind die — meinigen! — Der Teufel hat sie bereits alle geholt....“

„Alle?“

„Ja — ja; mein lieber Freund — Lips kann mehr von diesem Kapitel erzählen....“

„Ich will nicht hoffen — daß dieser Elende Dich schon sogar um Deine Uhren gebracht hat —“

„Um meine Uhren? — Ach, er hat mich noch um so manches Andere gebracht! Die Uhren, die Ringe, die Ketten, die Waffen, die tausenderlei hübschen glänzenden Sachen.... sie sind alle sein — — — Ja sogar — — Kleider, Wäsche — Requisiten — — Oh! verfl— Katzenjammer!“

Der Andere schlug, da ihm Edmund in’s Gesicht sah, die Hände zusammen, mit einer Miene voll zärtlichen Mitleids und Schreckens rufend: „Allein — wie konntest Du es nur so weit kommen lassen, unglücklicher Freund?!“ Er wischte sich eine Thräne aus dem Auge: „Sahst Du denn nicht, mit wem Du es zu thun hattest.... Meister Lips hätte Dir ja gleich beim ersten Handel, den Du mit ihm eingingst, die Lust zu einem zweiten benehmen sollen....“

„O mein Freund!“ seufzte Edmund: „sprich lieber: mit dem ersten Handel hatte der nichtswürdige Kehlabschneider zugleich alle übrigen gemacht.... Einmal in seine Klauen gerathen, gehörte ich für immer ihm.... ich konnte nicht mehr los! Glaube mir, das Alles kann ich Dir nicht so leicht erzählen — wie leicht es ihm zu vollbringen war.... ich kann Dir von dem Wie und Warum keine Erklärung geben: ich kann Dir nur sagen: es ist geschehen — Punktum! Damit ist Alles gesagt. —“

„Und wenn,“ fuhr der Taugenichts fort, „wenn ich Dir zum Schluß noch einige Notizen geben soll, so werden es folgende sein: Lips hat Wechsel, Obligationen, Hypotheken von mir in Händen — bei deren Erinnerung mir schon der Kopf schwindelt — und das Hirn in demselben siedet..... Der Satan weiß es, wie ich mich aus den schauderhaften Papieren herauswickle! Soviel jedoch ist gewiß: daß Meister Lips mich mit Haut und Haar in seiner Gewalt hat — und es kostet ihm nur ein Wort — so bringt er mich dahin, wo Heulen und Zähnklappern herrscht.“

Eine tiefe Pause entstand. —

„Aber,“ begann jetzt Leuben: „kannst Du denn hierbei nicht die Hilfe der Deinigen in Anspruch nehmen, Edmund? — Ich bin gewiß, Dein Vater, Deine Mutter würden Dich gerne aus dieser Verlegenheit ziehen — es bedarf vielleicht nur eines offenen und zugleich reumüthigen Bekenntnisses von Deiner Seite. — Du siehst, ich rede zu Dir als Freund.“

Es hatte leicht reden, dieses edle Herz. War es ihm doch hinlänglich bewußt, daß der General für seinen Sohn in diesem Falle nichts thun würde; ja, daß er, unterrichtet von dem wüsten, unvernünftigen und unehrenhaften Treiben des Letztern — vielleicht ganz und gar seine Hand von ihm abziehen, ihn verstoßen dürfte. Der Charakter und die Grundsätze des alten Herrn bürgten dafür.

Edmund begnügte sich daher auch, statt aller Antwort — laut und mit einem gräßlichen Tone aufzulachen; sodann barg er das Gesicht in beide Hände und blieb völlig stumm.

„Und Deine Schwester?“ fing Jener wieder an. „Sollte Cölestine, welche Dich doch so zärtlich liebt und zugleich von Deiner innigen Neigung zu ihr überzeugt ist — sollte sie Dich nicht retten können?... Freilich ist sie in diesem Augenblick noch nicht Herrin ihres Vermögens — und darf über das eigene eben so wenig, wie über jenes ihres Mannes verfügen. Gleichwohl scheint es, daß es ihr im Ganzen nicht schwer werden sollte.... mehrere tausend Gulden aufzutreiben....“

„Wo denn?“ fuhr der Jüngling dazwischen. „Etwa bei Meister Lips?“

„Nein doch! — aber — ich meine — — sie besitzt ja Kostbarkeiten, Juwelen — Schmuck — —“

Edmund stieß bei diesen Worten einen tiefen, erschütternden Seufzer, der aus dem innersten Grunde der Seele kam, aus. Seine Augen wurden feucht, und als er die folgenden Worte sprach, schluchzte er wie ein Knabe: „Ach, unglückliche Schwester! Arme Cölestine! Liebevolles, heiliges Herz — — — womit, womit hast Du dies Alles verdient! — — O! Ich bin ein Frevler, ein Nichtswürdiger, ein Verräther an Dir und Deiner Liebe! — Und ich verdiene nicht mehr in Dein mitleidvolles, zärtliches Auge zu blicken! — Ja, ja! Möge es sich mir auf ewig verschließen.... möge es Einem leuchten, der dessen würdiger ist, als ich... — O, ich Elender!“ schrie er im gewaltigen Schmerze auf: „ich verachte mich! ich speie mich an!“

Nach diesen Worten schien es, als bräche sein innerstes Wesen zusammen. Er lag bewegungslos, starr wie ein Leichnam da — — und hätte nicht das schwere Stöhnen, welches er von Zeit zu Zeit hören ließ, Kunde von seinem Leben gegeben — man würde ihn haben hinaustragen können zur Bestattung. — Daher gab er auch auf die Frage, welche Leuben zuletzt an ihn that: „Und Marsan — Dein Freund, der glänzende, großmüthige Marsan? — — Weshalb vertraust Du Dich nicht ihm an?“ — keine Antwort.

— — Wir hoffen, der Charakter Edmunds von Randow ist unsern Lesern bereits deutlich genug vor Augen gestellt. — Wie aus mehrfachen Scenen, in denen wir diesem jungen Menschen begegnet sind — erhellt, haben wir es hier mit einer, aus zweien, scheinbar widerstreitenden Hälften zusammengesetzten, Natur zu thun — diese Hälften jedoch, diese scheinbaren Gegensätze — sind nichts weiter, als die zwei Theile einer aus derselben Wurzel entsprießenden Pflanze — einer Blume, die Blüthen und zugleich scharfe Dornen trägt...

Wir wollen uns sogleich weitläuftiger über diese Sache auslassen und versuchen, ein Spiegelbild jener Menschengattung zu liefern — in welcher der Krankheitsstoff unserer Zeit am entschiedensten zum Durchbruch gekommen. —

Edmund war ein leichtsinniger, ein verschwenderischer, ein nichtsthuender junger Mensch, der jedoch in gewissen Fällen der wärmsten Hingebung, der edelmüthigsten Aufopferung — und einer bis zur reinsten Liebe gesteigerten Zuneigung fähig war. — Er an und für sich war wenig... durch Denjenigen, an welchen er sich anschloß, konnte er jedoch Alles werden. Er hatte von der Natur weiter nichts mitbekommen, als ein weiches Herz und einen heitern Sinn; diese Gabe aber ist äußerst gefährlich; ohne die richtige Pflege bildet sich durch sie ein Charakter heraus, der zuerst blos gut und schwach scheint — später jedoch leichtfertig und thöricht wird. Vermöge des Ersteren hing Edmund seinen Verwandten und darunter besonders seiner Schwester mit schwärmischer Liebe an — vermöge des Letztern schloß er schnell mit Jedermann — am schnellsten mit lustigen Brüdern Bekanntschaften und Bündnisse.

Welche Resultate für sein Leben, für seine persönlichen Verhältnisse hieraus erwuchsen, ließ sich voraussehen. Da es in der menschlichen Natur liegt, mit einem Gemüthe, wie das Edmunds, dem Bösen zugänglicher zu sein als dem Guten, so war auch nichts natürlicher, als daß bei ihm der Einfluß seiner Freunde jenen seiner Verwandten nicht nur überwog — sondern in progressivem Verhältniß langsam vernichtete, dermaßen, daß Edmund zum Beispiele im gegenwärtigen Zeitpunkte — Dank dem elenden Leuben — Althing — dem alten Wollheim und dem Würger Lips, der anfangs als Freund in der Noth galt, — Dank also diesen schlechten Freunden — in diesem Augenblick auf einem schauderhaften Gipfel des Elends und der geheimen Noth stand.

Daß es das Geld ist, welches im vorliegenden Falle wieder den nervus rerum vorstellt, läßt sich leicht errathen; wann sollte dieses fluchwürdige Princip nicht das herrschende gewesen sein — — mag man auch die Bücher der Weltgeschichte, von den grauen Zeiten des Alterthums bis auf die neuesten, durchblättern.... wo war es dies nicht stets? — Fürwahr, man ist versucht, dieses Princip für dasjenige zu nehmen — von welchem die Bücher der heiligen wie die der weltlichen Weisheit als von dem bösen sprechen. — —

Wir könnten hier eine lange Expectoration einschließen — wir könnten hier mit sanften Engelsstimmen sowohl wie mit dem Brüllen des Donners reden, um unserm Satz die rechte Verständlichkeit und Kraft zu verleihen; wir könnten tausend Mal fragen: „Wo ist das Gute, welches durch den Mammon gestiftet wurde?“ — ohne daß man uns hierauf auch nur eine einzige Antwort zu geben vermöchte; — — wir könnten hinwieder fragen: „Wo ist das Böse, das durch ihn angerichtet wurde?“ und auf der ganzen Erde würde jeder Punkt rufen: „Hier! hier! hier!“

— Doch zu solchen Experimenten ist hier weder Zeit noch Raum, und so kehren wir denn wieder zu den wesentlichen Theilen unserer Darstellung zurück.

Als wir Edmund zum ersten Male sahen, fanden wir im Aeußern einen jener lustigen, ausgelassenen, dabei gutmüthigen jungen Kavaliere, an welchen in großen Städten eben kein Mangel ist. Wir hatten jedoch zu jener Zeit uns noch nicht näher um ihn bekümmert... wir hatten noch nicht nach seinen inneren Zuständen geforscht und so konnten wir leicht über ihn lachen; wir hatten noch keine Ursache, uns wegen seiner zu betrüben — denn ein Mensch kann lustig, ausgelassen und bei dem Allen doch sehr glücklich sein. Als uns Edmunds schönes Verhältniß zu Cölestine, als uns einige der edleren Eigenschaften seines Herzens bekannt wurden — mußten wir sogar für ihn eingenommen werden. — — Aber nur zu bald enthüllten sich unserem Blick alle jene düstern Einzelheiten dieses Wesens und Lebens, welche nicht mehr geeignet sind zu belustigen, sondern wodurch unsere bisherige Theilnahme dem Schreck, ja dem Ekel wich. — Wir sahen Edmund nicht mehr blos aus Leichtsinn und Unüberlegtheit sich thörichten Neigungen hingeben — sondern mit schamlosem Bewußtsein; — ja wir erblickten ihn zuletzt sogar in den Armen der nichtswürdigsten Laster.... und bald, bald werden wir mit Entsetzen vor ihm fliehen. —

Dahin jedoch mußte die Consequenz eines Treibens, wie das seinige war, ihn führen, und dahin wird Jeder kommen, der, gleich ihm, auf die Sirenentöne jener Leute hört, die sich uns im gewöhnlichen Leben häufig als unsere „besten Freunde“ bezeichnen. — Wenn wir die Liste der Kameraden Edmunds durchgehen — welche Subjecte finden wir da! Alle Sorten der Thorheit und des Lasters — von der niedrigsten Stufe bis zur schwindelndsten Höhe. Zuerst den im Ganzen unschädlichsten alten Gecken Althing, an dessen Seite er zuerst die traurige Süßigkeit des Müßiggangs und die lügnerische der Galanterie kennen lernte; sodann den albernen Jäger und Säufer Wollheim — mit dessen Hilfe er schon um einige Stufen höher stieg. — Diese zwei Leute beglückten ihn durch jahrelangen Umgang und nannten ihn in allem Ernste ihren „Schüler“, sowie er dieselben lange Zeit hindurch als seine „Meister“ anerkannte. Später sodann machte er die Bekanntschaft des Chevaliers — und diese wirkte eben wegen ihrer direkten Entgegengesetztheit am verderblichsten unter allen bisherigen auf ihn; denn durch dieselbe plötzlich in eine Sphäre gerissen, worin er sich noch niemals befunden — gerieth er in abscheuliche Verlegenheiten — denen er nur dadurch entkam, daß er seine Zuflucht zu dem allesvermögenden Götzen des Geldes nahm — ein Götze, welcher den jungen wüsten Verschwender rasch in die Klauen seines Priesters: des Meister Lips führte...

Zu Allem diesen kam noch, gleichsam als Krone des Werkes — die Verbindung mit Leuben, welche dieser seit Kurzem absichtlich und dringend suchte und auch sehr leicht gefunden hatte. — Leuben, früher ein gewöhnlicher Mensch und ein verliebter Wahnsinniger, trat ihm jetzt als der ausgemachteste Roué entgegen und führte ihn in noch tiefere und stinkendere Kloaken des Lebens — als in welchen der Thor Edmund bisher gewatet hatte.

— — So standen die Sachen und nun antworte man uns: ist hier nicht ein ursprünglich zu Gutem bestimmtes Gemüth, eine an sich reine und edle Natur untergegangen? Doch — so mächtig ist der Keim des Göttlichen in uns, daß er, und wäre er auch nur so groß wie ein Samenkorn, die hundertfachen Schichten des Lasters und des Bösen, von denen er eingeschlossen wird, und die ihn gerne ersticken möchten, dennoch durchdringt — um über ihnen, wenn auch nur auf Augenblicke zu leuchten.... den blinden Thoren sehen zu machen.

— Die gefürchtete Stunde nahte heran; je näher sie kam, je heftiger zitterte das Herz in dem Leibe des Elenden. Leuben hatte ihn verlassen .... er wollte nur kurze Zeit wegbleiben, um seinen Anzug in Ordnung zu bringen, dann wollte er, wie er sagte, wieder kommen, und aus freiem Antriebe seinen „unglücklichen lieben Freund Edmund“ mit einem Darlehen — gegen die Wuth des Meister Lips schützen. Das hatte er ihm gelobt. — Was er jedoch that, bestand in Folgendem: er verfügte sich von hier zuerst zu dem andern „lieben Freunde“ Theobald Wurmholzer, sodann — denn die Verbindungen, welche er seit einiger Zeit angeknüpft hatte, reichten weit — zu seinem dritten „lieben Freunde“ dem Meister Sophronias Lips.... und setzte diese zwei Ehrenmänner von der Gemüthslage Edmunds in Kenntniß. — Er handelte, wie man sieht, nach einem Systeme, dessen Ziele uns immer näher und immer zahlreicher vor den Blick treten — bis wir sie zuletzt als Schlußstein eines ganzen Intriguengebäudes sehen werden — welches Gebäude bestimmt ist, auf die Welt darunter zusammenzustürzen, — wenn anders nicht etwa eine mächtigere Hand noch bei Zeiten dazwischen fährt, zertrümmernd den arglistigen, verderbenschwangeren Bau.... erlösend und versöhnend die Welt, welche so lange in diesem Kerker geseufzet. —


Zweites Kapitel.
Die Nichtswürdigen.

Eben hatte es auf einem Thurme in der Nähe elf Uhr geschlagen. Dieser Klang tönte erschütternd durch die Ohren Edmunds, welcher sich von seinem Lager noch immer nicht erhoben hatte, sondern dasselbe Stunde für Stunde mit seinem Angstschweiße tränkte — gleich einem Armensünder-Lager. Wir haben bereits Vieles von dem Treiben und Thun dieses verlornen Jünglings erzählt — wir haben jedoch noch nicht Alles, noch nicht das Letzte gesagt. — Edmund von Randow, der Sohn eines der edelsten und ruhmvollsten Häuser des Landes, war nicht nur Müßiggänger, Libertin, Verschwender, Spieler und ein Roué der gemeinsten Klasse geworden — — Edmund von Randow, der Sohn eines der ersten und vornehmsten Geschlechter zweier Reiche — — war sogar bis zum Betrüger hinabgestürzt....

Nachdem wir dies entsetzliche Wort ausgesprochen haben, bleibt uns nichts anderes übrig, als es zu rechtfertigen, und dies soll sofort geschehen.

Es waren seit dem letzten Glockenschlage noch kaum einige Minuten verflossen, als nicht der Baron von Leuben, wohl aber Herr Theobald Wurmholzer in’s Zimmer trat. Auf die Stirne dieses Menschen hatte sein Leben und sein Handwerk Züge gezeichnet, die nicht zu verkennen waren. — Herr Theobald erschien mit einer lustigen Schurkenmiene und einem schmetternden „Guten Morgen!“ Als er Edmund, dessen Zustand und Lage erblickte — brach er laut in die Worte aus: „Sacre bleu! Was ist denn das? Hat für meinen Busenfreund Edmund der Hahn noch nicht gekräht? — Bougre! das nenn’ ich einen guten Schlaf — der freilich auch einem guten Tage folgt....“

Edmund begnügte sich damit, sich halb aufzurichten und dem Abscheulichen eine Art von Willkomm entgegen zu murmeln, womit dieser zufrieden schien, denn er setzte sich, nach dem Brauche solcher Herren, ohneweiteres auf das Bett — und fuhr in seiner lärmenden Weise fort: „Sie werden wissen, mein verehrungswürdiger Freund Randow — daß ich nicht gekommen wäre, Ihren süßen Schlaf zu stören, nöthigte mich hierzu nicht jene dringende Pflicht, die ich gegen mich selber habe und die Ihnen hinlänglich bekannt ist; Sie begreifen —: Die heiligste Pflicht des Gentlemans und Spielers besteht in —“

Edmund fuhr bei dem letzteren Worte ein wenig überrascht in die Höhe —: „Sie nennen sich also kurzweg: einen Spieler!“

„Darauf kommt es hier nicht an und es wird Ihnen auch gewiß sehr gleichgiltig sein...“

„Ich meine nur — — bisher haben Sie sich unter diesem Titel noch nicht vorgestellt....“

Diable! — dies will ich schon glauben!... Wer in der Welt wird sich bei einem fremden Menschen gleich als Spieler einführen? — Es wäre sehr gegen die Lebensart! — Allein nachdem man zusammen drei bis vier Nächte hindurch am grünen Tische gesessen — nachdem man mit Einem überdies auf Ehrenwort gespielt — und endlich gar an ihn eine Forderung von circa 2000 Ducaten zu stellen hat — darf man sich doch wohl kurzweg als das bezeichnen, ... was man ist, Tonneur de Dieu! — Welchen Titel soll man für sich erfinden? — — Man hat von Jemand für einige Sätze im rouge et noir 2000 Ducaten zu fordern... also ist man ein Spieler.“

„An dieser Logik ist wohl nichts auszusetzen —“ versetzte Edmund eintönig und mit bitterem Lächeln — —; „ich hätte längst selber von ihr Gebrauch machen sollen....“

„Allein, wie ich sehe, mon cher — — so jagen wir uns da mit einer nutzlosen Phraseologie ab... und beim Himmel! meine Zeit ist sehr kostbar: ich habe heute noch wichtige Geschäfte in Ordnung zu bringen. Kommen wir daher zur Sache! — Haben Sie das Geld in Bereitschaft, mon petit coeur?“

Mit kurzen Worten antwortete Randow: „Ich habe nichts in Bereitschaft. Ich besitze keinen Heller!“

„Wie — Sie besitzen keinen Heller!“ schrie Herr Theobald so mächtig, daß es draußen auf allen Gängen widerhallte: „Morbleu! — Sie besitzen keinen Heller!“ Theobald war aufgesprungen und hatte sich vor ihn hingestellt: „Was ist dies für eine sonderbare Erklärung — mein Herr von Randow?“

„Die Erklärung ist sehr einfach und noch dabei sehr wahr;“ sprach Edmund mit einer Ruhe, deren man ihn nach seiner früheren Stimmung nicht fähig hätte halten sollen. — Allein freilich die früheren Bewegungen seines Innern standen weniger mit diesem als mit dem andern Falle, mit dem Meister Lips, in Verbindung.

Enfin!“ rief der Spieler: „Sie zahlen also nicht: Sie tragen Ihre Schuld nicht ab — mein Herr?“

„Es ist mir unmöglich — mein Herr.“

„Wissen Sie auch, mein Herr — daß dies eine Ehrenschuld ist?... daß Sie auf’s Wort gespielt haben?“

„Ich weiß es, ich weiß Alles.“

„Und dennoch — glauben Sie mir so mit der größten Seelenruhe sagen zu dürfen, daß Sie nicht zahlen wollen?...“

„Allein — was soll ich Anderes thun? Sagen Sie es selbst, mein Herr!...“

„Dies — mon Dieu!“ versetzte scheußlich lachend Herr Theobald — der nach Art der Leute seines Metiers unabläßlich mit französischen Brocken um sich herum warf... „Dies, mon Dieu — ist doch fürwahr nicht meine Sache... es geht mich nicht im Geringsten an... Sacre! Was soll ich Ihnen denn noch sonst sagen, als: zahlen Sie! zahlen Sie — — ich muß auch zahlen! — —“

Der junge Mensch antwortete nicht — er seufzte nur und rieb sich die Stirne, die zu zerspringen drohte unter den Gedanken, welche — nicht Herrn Theobald betrafen.

„Endlich, mein Herr,“ nahm dieser sich zusammen und blickte ihn wild und finster an: „Endlich — damit wir zum Schlusse kommen: was ist Ihre Absicht? Wollen Sie mich als Mann von Ehre, wie es Ihrem Stande angemessen, befriedigen — oder aber wünschen Sie, daß ich noch in dieser Stunde zu Ihrem Vater gehe — — und den würdigen General von Randow veranlasse, das Wort seines Sohnes und dessen Reputation zu retten?... Morbleu!

Der Spieler war richtig berathen. Kaum hatte er den Namen von Edmunds Vater genannt, als der Jüngling erschrocken vom Lager aufsprang und im Nu aufrecht stehend sich seinem Gläubiger gegenüber befand: „Um Gotteswillen, mein Herr!“ rief er mit bebender Zunge: „Thun Sie das nicht! Machen Sie keinen Schritt aus diesem Zimmer — bevor unsere Angelegenheit nicht in Ordnung gebracht ist. — — Sie wollen, ich soll Ihnen 2000 Ducaten bezahlen. — Nun wohl — nun wohl.“

Er sann einen Augenblick nach — — jetzt hatte sein ganzes Denken sich um diesen Punkt konzentrirt: „Hören Sie meinen Vorschlag! — Gedulden Sie sich noch bis morgen — dann sollen Sie Alles bis auf den letzten Pfennig erhalten...“

Tonneur! — —“ versetzte der Spieler schon mit einem viel heiteren Tone: „das geht nicht, mein Bester! — Das wird nicht gehen! .... Wie ich es immer auch herumdrehe — wie ich auch immer kalkulire.... ich brauche das Geld noch heute...“

„Nun denn —“ bedeutete Jener, dem der Angstschweiß von der Stirne rann: „dann geben Sie mir mindestens einige Stunden Frist — — z. B. bis zum Nachmittage...“

Nach einer Pause rief Theobald aus: „Eh bien donc! — Bis zum Nachmittage — 3 Uhr will ich warten, mon coeur... bis 3 Uhr also .... Jedoch länger nicht eine Minute... fürwahr ich kann nicht! Parole d’honneur — es liegt nicht in meiner Macht.... es ist unmöglich ... c’est impossible!

„Nun denn — um 3 Uhr holen Sie hier das Geld ab.“

Bon, bon! — Ich werde hier sein — sans doute — ich werde erscheinen, mon très cher ami! — Also: — au revoir!“

Er reichte ihm die Hand hin — die der Unglückliche ergriff und drückte, als sei sie die Hand eines Ehrenmannes. Darauf verließ Monsieur Theobald Wurmholzer das Zimmer. —

— Kaum war er fort, als schon wieder an der Thür geklopft wurde. Dieses Klopfen erkannte Edmund — es drang ihm erschütternd durch Mark und Bein. Sogleich öffnete sich die Thür und herein trat, mit lächelndem Joko-Gesichte und der trauten Keule in der Hand, Meister Sophronias Lips, Wechsler, Antiquar, Juwelier, Hühneraugen-Operateur und Würgengel dieser guten Stadt. Er war ganz so anzuschauen, wie wir ihn sahen, als uns das unaussprechliche Glück ward, zum ersten Male mit ihm zusammenzutreffen. Da war wieder der mittelalterliche Gustav-Adolph’sche Rock, halb Frack und halb Jacke — da waren wieder die antediluvianischen Beinkleider — da die Wunderstiefeln, der eine mit Stulpen, der andere ritterlich trichterförmig mit einem Stück Sporren daran — da war auch der Hut, vulgo Pferdesattel — da die heidnische Priesterweste — — da endlich — und natürlich im vollen Glanze, die herrliche Keule, diese Königin unter den Handstützen.

„Mein Gnädigster — ich habe die Ehre, Ihnen einen vortrefflichen Tag zu wünschen... ’s ist recht kalt heute, auf Ehrenwort!“ So begrüßte der Biedermann unseren Freund, der sich bei dessen Eintritt erhoben hatte und ihm wie einem Manne von Rang entgegen ging... jedoch sprach Edmund nicht ein Wort. Um so mehr Gelegenheit hatte hierzu Meister Lips und er schien Lust zu haben, heute von dieser Gelegenheit den ausgedehntesten Gebrauch zu machen: „Nun, wie geht es Euer Gnaden?“ begann er lächelnd, mit dem Kopfe nickend und seine holde Keule schwingend: „Wie befinden Sie sich, mein Gnädiger, he? — Hoffentlich geht es Denenselben recht wohl — was mich ausnehmend freuen würde, auf Ehrenwort! — Und wie haben Dieselben geschlafen?... Wahrscheinlich gut!“

Wie schon gesagt, Edmund war, trotz dieser Zuvorkommenheit und Cordialität des Meister Lips — an Worten ein Bettler; kaum daß er ihm alle diese Fragen im Allgemeinen beantwortete; jedoch schien Lips das nicht zu beachten und fuhr fort, seine Freundlichkeit zu verdoppeln, zu verdreifachen... so daß es eine wahre Lust war, diesen, an sich so cynischen Philosophen, jetzt eine Fluth der galantesten Redensarten ausströmen zu hören.

Im Ganzen fand eine merkwürdige Aehnlichkeit zwischen Lipsens gegenwärtigem Betragen und demjenigen statt, welches Herr Theobald Wurmholzer bei seinem Eintritt in diese Stube angenommen hatte. Die Sache ist sehr einfach. Sie wiederholt sich bei jedem Gläubiger. Wenn Euch ein solcher besucht, ist er die Artigkeit und Liebenswürdigkeit selber — — kaum aber habt Ihr mit ihm einige Worte gesprochen, so wirft er rasch die Maske ab — — er will von Euch Geld haben und keine Worte — er wird ernst — grob — unverschämt — so zwar, daß Ihr, die Ihr anfangs die zärtlichsten Freunde zu sein schienet — als die bittersten Gegner, als Feinde auf Tod und Leben von einander scheidet. — — — — Eine merkwürdige psychologische Erscheinung; jedoch sehr bewährt, sehr bewährt!

Doch folgen wir ruhig dem Gange des Gespräches unserer zwei Männer und sehen wir zu, wie sich dasselbe nach und nach entwickeln wird.

„Allein — mein theuerster, mein verehrtester, mein süßester Gnädiger — — Sie haben mir ja noch gar nicht gesagt, wie Sie so eigentlich sich fühlen; und doch wissen Sie, welchen namenlos gewaltigen Antheil ich an Dero Wohlbefinden nehme — — Auf Ehrenwort! ich würde lieber mir selbst meine rechte Hand abhauen — — als daß ich Sie nur den allerleisesten Schaden nehmen sähe. Auf Ehrenwort!“

„Ich danke, Herr Lips, ich danke!“ antwortete der Jüngling und setzte sich neben den Alten, welcher auf dem Sopha Platz genommen...: „Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß es mit meiner Gesundheit leidlich steht — bis auf eine kleine Erregung noch von gestern her.....“

„Ei, ei — Sie müssen sich schonen, Gnädigster! Wirklich, das müssen Sie.... So eben bemerke ich, daß Ihr theures Angesicht wirklich Spuren trägt von — von — — nun gleichviel wovon.... Doch, mit einem Worte, Sie müssen sich schonen. O wie schade wäre es um einen so ausgezeichneten Kavalier!“

„Sie sind sehr gütig, mein Herr....“

„Es ist mein heiligster Ernst, auf Ehrenwort! — Allein weshalb nennen Euer Gnaden — mich heute stets „mein Herr“ und „Sie“ und so fort?.... Womit habe ich es verdient, daß das trauliche, das ehrende Du, womit Sie zu anderer Zeit mich anredeten und was meinem treuen Herzen so wohl that — daß es, sage ich, heute plötzlich verschwunden ist?....“

Hierauf erwiderte Edmund nichts. Sein Blick, der starr vor sich hin gerichtet war, verdüsterte sich immer mehr; denn diese sarkastische Freundlichkeit des alten Schurken erschreckte ihn mit Recht im Innersten der Seele...

„Und wozu,“ fuhr dieser fort, — „sind hier die Fenster geöffnet, gnädiger Herr? — Dies kann für eine so zarte und edle Constitution, wie die Ihre, sehr nachtheilig werden. — Und als treuer Freund oder vielmehr Diener halte ich es für meine Pflicht, dieses große Unglück nach Möglichkeit zu verhüten.... weshalb ich mir auch die Freiheit nehme, Ihre Fenster ein wenig zu schließen.... oder aber mich selbst vor sie hinzustellen, um auf solche Weise mit meinem eigenen Leibe Sie zu schützen...... Auf Ehrenwort!“ Wirklich ging er hin und that, wie er sagte; er verschloß die Fenster — und da eines derselben vom Winde in der Nacht zerschlagen worden war, stellte er sich da gleich einer Schildwache auf....

„Allein,“ fuhr er fort und balancirte seine Keule auf dem Nagel des kleinen Fingers — „allein,“ sagte er und jetzt ließ er dieses ungefähr 20 Pfund schwere Instrument wieder herabgleiten und begann dasselbe in einem Kreise herumzuschwingen, gerade so als wäre es eine Reitgerte — —: „ich sehe, daß meine Reden Ihnen Langeweile verursachen — Hochgebietender .... und so will ich Sie denn nicht länger mit ähnlichen belästigen, sondern mich augenblicklich hinwegzaubern — sobald ich nur erst noch zwei unumgänglich nothwendige Wörtchen mit Höchstdenselben gesprochen haben werde. Also: wie steht es mit unserer Angelegenheit, Durchlaucht? Haben Allerhöchstdieselben jene lumpichten 6000 Holländerchen schon in Bereitschaft gelegt?... und wo sind die allerliebsten Dingerchen — damit ich sie berge in meinen väterlichen Schooß?“

Hier nun wieder ging an dem Jünglinge eine Veränderung vor, welche mit der vorigen in Gegenwart Theobalds, und zwar aus derselben Ursache entsprungen, eine große Aehnlichkeit hatte... Edmund erhob sich kalt und ruhig, sein Auge richtete sich fest auf seinen Gegner und sein ganzes Wesen schien plötzlich jener wunderbaren Fassung theilhaftig geworden zu sein, welche uns stets vom Muthe — nicht selten aber auch von der Verzweiflung verliehen wird. „Herr Lips,“ begann Edmund mit Würde: „wozu sollen wir diese Sachen in die Länge oder gar in’s Scherzhafte ziehen. Reden wir ernst und kurz mit einander — denn bei Gott! mir ist es sehr ernst um die ganze Angelegenheit. Sie, vermöge Ihres Scharfblickes und Ihrer Menschenkenntniß (Eigenschaften, die Ihnen selbst Ihr Feind zugestehen muß) —“

Signor Lips verbeugte sich und salutirte mit seiner Keule wie ein Offizier mit seinem Degen —

„Sie können sich unmöglich auch nur einen Augenblick lang über die Lage, worin Sie mich jetzt finden, täuschen. Sie wissen recht gut — daß ich ärmer bin als ein Bettler — zahlungsunfähiger als ein Kind — daß ich indessen auch den redlichsten und eifrigsten Willen habe, Alles zu thun, was in meiner Macht steht, — und sollte es auch mit Aufopferung meines halben Lebens geschehen...“

Die plötzliche Metamorphose im Wesen des Jünglings hatte auch eine in dem des Greises hervorgerufen, welche zwar ebenfalls ernst und finster erschien, dabei jedoch einen Strahl von tiefer Ironie nur um so greller durchblicken ließ, je mehr dieser unterdrückt werden sollte...

„Das ist — wie mich dünkt — das alte Lied!“ hatte Lips mit tiefer Stimme gesprochen .... „Dieses alte Lied jedoch behagt mir in diesem Augenblick so wenig, daß ich, sollte ich es noch einmal hören müssen, lieber entschlossen bin, die Zither sowohl wie den Zitherschläger in tausend Stücken zu zertrümmern..... Ist das Deutsch gesprochen...?“

Edmunds Lippe zitterte ohnmächtig und wortlos — sein Athmen, sein Seufzen, wodurch seine Brust bewegt wurde, glich dem Stöhnen eines Kranken... er fühlte sich hinsinken und mußte sein Haupt auf die Lehne des Sopha’s legen — —. Da begann Lips wieder im strengen Tone:

„Sie wissen, wie die Sachen stehen — mein Bester. Ich habe nicht nöthig, sie Ihnen weitläuftig wiederzukäuen. — — Sie sind erstens zwei Wechsel, jeden à 1500 Dukaten mir zu bezahlen schuldig — macht: 3000 netto. — Sodann besitze ich von Ihnen einen dritten Wechsel à 1000 Dukaten — trassirt auf Ihren Herrn Schwager, den hochgebornen und insbesondere hochzuverehrenden Herrn Grafen Alexander von A—x, und angeblich acceptirt von Hochdemselben — — was sich jedoch später als eine Lüge, d. h. eine Namensfälschung — d. h. ein Criminalverbrechen zweiter Klasse erwies, denn nicht der hochgeborne Herr Graf hat seinen Namen geschrieben — sondern Sie machten diesen allerliebsten Streich selber... hehehe!.... — — Maßen ich jedoch in meiner Brust kein Felsenherz — sondern ein so weiches wie Schwanenflaum trage — auf Ehrenwort! — habe ich mich vor einigen Tagen in dieser Angelegenheit mit Ihnen dahin geeinigt, daß Sie mir anstatt der auf dem falschen Wechsel notirten 1000 Dukaten — 2000 ausbezahlen sollten... was ein wahrhaft christlicher Handel ist..... Da haben Sie die ganze Sachlage, da den ganzen Casus, wie wir Philosophen sagen.... Auf Ehrenwort!“

Statt aller Antwort schüttelte der unglückliche junge Mensch wie sinnlos das Haupt — — und schlug sodann ein kurzes heiseres Gelächter auf. —

„Was — Sie lachen noch, mein Bester? — — Mir aber, das versichere ich Ihnen — ist es in diesem Augenblicke gar nicht zum Lachen .... und gleichwohl dürfte dazu an mir die Reihe noch eher sein, als an Ihnen. Dies wollte ich blos so nebenbei bemerkt haben. Und jetzt noch einmal deutsch gesprochen: Ich bitte mir höflichst 6000 Dukaten aus!“

„Ich besitze nicht 6000 Heller —“

„Nun wohl, noch deutscher: Sie haben einen reichen Papa — — Papa wird das Sümmchen bezahlen —“

„Herr Lips, mein Vater bezahlt für mich nichts. Sie wissen es sehr gut.“

„Dann wird Mama es thun....“ fuhr der Wucherer fort und schwang seine Keule....

„Meine Mutter kann es ebenfalls nicht, da die Kasse sich nicht in ihren Händen befindet....“

„Ferner haben Sie eine geliebte und liebende Schwester, mein Freund....“

„Auch Cölestine ist nicht im Stande, mir zu helfen....“

„... Zuletzt bleibt uns noch immer der Herr Graf von A—x, auf welchen ja auch dies Haupt-Papierchen ausgestellt ist....“

„O — um aller Seligkeit willen.... mein Herr!“ schrie Edmund auf: „bringen Sie mich nicht zum Wahnsinn! — — Das Alles, was Sie da vorgeschlagen haben — hilft zu Nichts. — Allein, Sie reden immer von 6000 Dukaten .... mein Herr! Habe ich Ihnen denn nicht vor ein paar Tagen einen Schmuck im Werthe von fast eben so viel überliefert.... weil Sie mir schon damals mit der Geltendmachung des unglückseligen falschen Papiers — zu dessen Anfertigung ich mich in halber Trunkenheit verleiten ließ — drohten.... Und diesen Schmuck rechnen Sie für nichts....“

„Ei bewahre!“ versetzte Lips: „wie sollt’ ich das? Halten Sie mich nur nicht für einen so unbilligen, gefühllosen Menschen! — Diesen Schmuck im Werthe von fast 5000 Dukaten gaben Sie mir (Sie müssen sich dessen noch erinnern,) als blose Abschlagzahlung, weil ich damals von Ihnen neben diesen dreien annoch im Besitze von zwei älteren Papierchen war — wir haben die ersteren vernichtet und ich habe mit dem verfänglichen bösen Rechte gezögert bis zum heutigen Tage, wo Sie mir das Ganze bezahlen (will sagen diese 3 vorliegenden Wechselchen honoriren) sollen — oder aber Alles steht wie zuvor. Ist das klar gesprochen?“

Nach einigem qualvollen Grübeln versetzte Edmund: „Hören Sie mich, mein Herr! Um was ist es Ihnen zu thun? — Um Bezahlung, nicht wahr? — — Nun denn: warten Sie noch einige Tage.... mittlerweile werde ich Gelegenheit haben, mit meiner Schwester — vielleicht auch mit meinem Vater zu reden. Denn so geradezu kann ich mit einer solchen Forderung nicht vor sie hintreten. Der Letztere würde es mir kurzweg abschlagen — ja, erführe er den vollen Thatbestand — so wäre es mit mir für immer aus; meine Schwester aber müßte, angenommen, daß sie Etwas thun könnte — die Summe jedenfalls erst zu borgen suchen.... denn sie kann über ihr Vermögen bis jetzt noch nicht verfügen... Geben Sie mir also 5–6 Tage! Herr Lips — —“

„Fünf bis sechs Tage!“ schrie dieser: „Wo denken Sie hin, das ist unmöglich! Bis dahin gehe ich ohne das Geld zu Grunde!... Fünf bis sechs Tage! — Um Gotteswillen machen Sie mich nicht unglücklich!“

„Aber — mein Herr — es ist — —“

„Wissen Sie was? damit Sie immer mehr meine rührend gefühlvolle Seele kennen lernen sollen.... einen halben Tag will ich Ihnen noch gewähren! — Aber länger ist es mir nicht möglich — auf Ehrenwort!...“

„Das hilft zu nichts! das ist umsonst!“ versetzte Edmund dumpf und faßte sein Haupt zwischen beide Hände, um zu verhindern, daß es zerspringe.

„Nun denn — noch einen halben Tag dazu! — Aber auf Ehrenwort!.... das ist Alles, zu was ich mich als Christ — ja und wäre ich selbst Herrnhuther, herbeilassen kann!“ Er schwang seine Keule fürchterlich im Kreise, daß sie in der Luft saus’te, wie ein großes Mühlrad. —

„Erbarmen Sie sich meiner! — Sie sehen — ich gehe zu Grunde! Was soll ich in 24 Stunden ausrichten?.... Sind sie vorüber — so stehen wir gewiß noch auf dem alten Fleck, weh mir!“

„Weh mir! mir! ich habe das Recht, dies auszurufen,“ schrie Lips wild — und arbeitete mit der Keule umher, wie Herkules, als er gegen den Nemäischen Löwen auszog.... „Nun denn — Donnerwetter!“ brüllte der Wucherer und schlug mit ihr jetzt so gewaltig auf den Boden, daß in den Dielen ein Loch entstand: „so gebe ich Ihnen denn eine Frist von 48 Stunden — mein Mann! Aber,“ setzte er drohend wie ein Caraibe hinzu und rollte gräßlich die Augen: „sind diese verstrichen und ich habe mein Geld nicht.... dann, mein Mann — lasse ich Sie durch zwei handfeste Polizeisoldaten holen — und Ihnen kurzweg den Prozeß machen wegen Wechselfälschung, Betrügerei, Erpressung — und noch einiger andern Nebenumstände... so wahr ich Sophronias Lips heiße und eben sowohl der Freund der Guten wie der Schrecken der Bösen bin.... Hier haben Sie mein siebenfaches Ehrenwort darauf! — — Wohlan denn: auf Wiedersehen!“ brüllte er wie ein Orkan.

Jetzt stürzte er fort — man hörte draußen nur noch einige Keulenschläge, die er im Zorne gegen das Pflaster des Ganges machte....

„Auf Wiedersehen!“ dies sonst so freundliche Wort hätte kein Teufel fürchterlicher aussprechen können, als es Meister Lips gethan; es klang ganz so als hätte er gerufen: „Auf Wiederwürgen!“

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Die anberaumte Frist war verstrichen.

Edmund, der nicht vermochte, die 6000 Dukaten aufzutreiben — war verschwunden. Niemand wußte, wohin er kam; doch meldete einige Tage darauf ein Brief, der seinen Eltern von Prag aus zugesendet wurde, daß er in einer Ehrensache gezwungen gewesen sei, an die Grenze des Kaiserstaates zu flüchten — von wo er ihnen jedoch bald weitere Nachrichten werde zufließen lassen....

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Ach, welch ein Schlag traf die armen Eltern! Kaum hatten sie den Brief Edmunds gelesen, als sie von fremder Seite eine ganz andere Kunde empfingen. — Ihr Sohn war der Wechselfälschung und anderer Verbrechen angeklagt.

Lips war der Kläger.

Leuben hatte ihn dazu bewogen, indem er ihm die volle Summe von 8000 Dukaten zu bezahlen versprach und im Augenblick der Denunciation auch sogleich 6000 bezahlte.


Drittes Kapitel.
Der Schmerz der Gatten.

Wir müssen uns bei unserer Erzählung nun um einige Tage in der Geschichte zurückversetzen. Es handelt sich darum, wieder zu Cölestinen und ihrem Gatten zurückzukehren, und sie in dem Augenblick und an jenem Orte aufzusuchen, wo wir beide zuletzt verließen. — Wir wissen, wie jene furchtbare Scene geendet, in welcher Alexander einen so unzweifelhaften Beweis für die Untreue seines jungen Weibes erhalten zu haben glaubte — wir wissen, daß er damals mit zertretenem Herzen und vernichtetem Sinne auf sein Zimmer floh und sich in das Dunkel desselben barg, wo ihm wohler ward, denn die äußere Lichtlosigkeit des Ortes harmonirte mit der dumpfen Finsterniß seiner Brust.

Dies ist Alles, was wir von der Begebenheit wissen; hier schnitten wir uns den ferneren Pfad ab — hier eröffnen wir uns denselben wieder und wandeln darauf fort. —

Es ist von uns schon in irgend einem andern Buche gesagt worden — daß es Keiner versuchen möge, die Qualen eines unglücklich Liebenden zu beschreiben; denn für diesen Schmerz haben wir keine Worte, für dies Unglück keine Farben.... Dieser Schmerz ist unbedingt der größte, der tiefste und der zerstörendste, von dem ein Menschenherz getroffen werden kann. — Was sind alle Wunden, alle Qualen, jedes Siechthum des Körpers... was sind alle Leiden des Geistes und Herzens: Armuth, Noth, Verbannung, Demüthigung, Verläumdung, verfehltes Streben, verletzter Ehrgeiz, Verrath des Freundes — Undank des Kindes — — und wie sie alle heißen mögen, die zahllosen Köpfe der Hydra, welche am Herzen der Edelsten genagt haben — — was sind sie alle gegen die Hyänenbisse der Eifersucht, gegen die Harpyien-Wuth betrogener, verrathener Liebe. — — Jedes Leiden, mag es auch noch so groß sein, hat dennoch seine bestimmte Begrenzung — über diesen Umkreis hinaus fängt wieder die Welt für uns an mit ihren, wenn auch noch so wenigen, Freuden.... Nur Liebe, Liebe, zertretene Liebe kennt außer sich keine Empfindung.... denn sie ist so ungeheuer, daß sie den ganzen Raum unseres Daseins einnimmt — unsern ganzen Horizont erfüllt. — Wir haben außer ihr keine Welt — keinen Himmel und keine Erde; — und weil sie denn so ganz und gar Hölle ist, so leben wir in dieser auch vom Scheitel bis zur Sohle....

Fürwahr, wenn Einer es verdient, daß wir ihm eine Zähre des Mitleids weihen, so ist es der unglücklich Liebende.... er, der in seinem größten Schmerze selbst nicht weinen kann.

Da kommen sie dann, die Tage — in denen er sich flüchtet in den Schooß der Wüsten und Einöden — in Höhlen — Klüfte und Abgründe und auf die Gipfel riesiger Berge — hin, wo die wilden Thiere, der Wolf und der Steinadler hausen.... bei denen, wie er glaubt, er mehr Liebe und Treue finden wird, wie unter Menschen.... denn das ist nebenbei auch sein Fluch, daß er, betrogen von einem Weibe, sie alle, ja die ganze Menschheit für Heuchler und Verräther hält.... Da kommen sie dann, die Nächte, in denen allein er wagt zurückzukehren zur Stadt, wo ihn jetzt keine Menschenblicke vergiften — und keine Menschenworte verrathen können.... aber er kommt nicht hierher, um zur gewohnten Lebensweise zurückzukehren — um sein Haus zu betreten oder gar seine Lagerstätte aufzusuchen.... nein, er kam nur, weil ihn unbewußt der Magnet zurückgezogen hat — der ihn zwingt, bei ihrem Hause vorbei zu gehen, wenn sie vielleicht längst schläft — — sich ihrem Fenster gegenüber in irgend einen Winkel zu bergen und es anzustarren — mit der Qual eines Verdammten es anzustarren — hinter dessen herabgelassenen Gardinen sie den süßen Schlaf der Glücklichen schläft.... Aber es dauert nicht lange — so reißt es ihn empor und treibt mit wilder Gewalt ihn von hier weg — weit, weit weg — peitscht mit Wuth seine Füße, daß sie rennen — rasen möchten bis an’s Ende der Welt ...... Jedoch nicht lange verträgt die elende Kreatur diesen Kampf... sie sinkt nieder — und wenig fehlt, so würde sie ihren Geist aushauchen... dessen Leben jedoch aufgespart wird zu neuen Qualen....

So war es auch mit Alexander... so litt und kämpfte auch er. —

Zwei Tage lang blieb er eingeschlossen in seinem Zimmer, ließ Niemand vor sich, selbst seine treuesten Diener nicht; was er an Lebensbedürfnissen für seine körperliche Hälfte brauchte — ließ er sich wie ein Gefangener durch die Thür reichen. — Da erzählten sich die Diener wunderliche Sagen von ihrem Herrn und was mit demselben vorgegangen sei — so wie von dessen Aussehen. Ein in geheimnißvollen Dingen erfahrner alter Lakai (er hatte früher bei einem englischen Lord gedient, der viel mit Magnetismus, Sterndeuterei und „andern schwarzen Künsten“ sich abgegeben) meinte: des gnädigen Herrn bleiche Miene und sein übernatürlich glänzender Blick — sodann die sonderbar eingesunkenen Wangen deuteten bestimmt — auf einen Verkehr mit überirdischen Mächten hin, welcher in dem verschlossenen Studierzimmer, wo all’ die großen Bücher und die wunderbaren Werkzeuge (Kunstrequisiten) lagen — stattfände...... Wozu ein anderer alter Diener mit einer rothen großen Nase, worauf viele kleine blaue Karbunkel, bemerkte: deshalb höre man zu Zeiten, besonders des Nachts, auch ein so heftiges Gehen und ein so wirres Hin- und Herreden... solche außerordentlichen Rufe, und was dergleichen mehr ist. — Dieser alte Freund hatte — wenn er betrunken war, schon so manchen Geist gesehen...

Am meisten bestärkte der Umstand die Dienerschaft in ihrem Glauben, daß ihr Gebieter — sich standhaft weigerte, seine Frau vor sich kommen zu lassen, trotzdem, daß sie Tag und Nacht darum flehte....

In der That hatte Alexander allen Versuchen, die sie machte, um zu ihm zu gelangen, widerstanden. Ihre Bitten, ihre Klagen, ihr verzweiflungsvolles Flehen verhallte vor der Thür und wurde nur von den todten Wänden, nicht von ihm, vernommen....

Am Morgen nach jener verhängnißvollen Nacht, wo er sie mit dem fremden Manne ertappt, hatte sie vergebens gewartet, ihn bei sich in ihrem Schlafzimmer, in ihrem Boudoir oder im Gemache, wo sie gewöhnlich zusammen frühstückten, eintreten zu sehen.... sie hatte nach ihm geschickt, und als man ihr die Nachricht brachte, er sei noch in seinem Studierzimmer eingeschlossen — — begab sie sich selbst auf den Weg dahin, um ihn, wie sie glaubte, aus allzuemsiger Arbeit hervorzuziehen.... Sie gelangte zur Thür: wie erstaunte sie, dieselbe geschlossen zu finden; jetzt rief sie ihm — jetzt bat sie ihn, sie bei sich einzulassen.... da wuchs ihr Staunen, denn er antwortete nicht. — Nun glaubte sie, er sei nicht mehr hier, und schon wollte sie den Rückweg antreten — — da hörte sie ihn drinnen einen schweren Seufzer ausstoßen.... und voll Entsetzen schrie sie auf: „Um Gott! — Alexander, was ist Dir geschehen? — — Hörst Du mich denn nicht?...“ Und weil er noch immer nicht antwortete, so rief sie Diener herbei und gebot ihnen, die Thür mit Gewalt zu öffnen, wähnend, eine Ohnmacht, irgend eine schreckliche Krankheit habe ihren Gatten überfallen....

In diesem Augenblick ertönte drinnen seine Stimme finster und gebietend: „Mir ist nichts widerfahren! — Wage es Niemand, in meine Nähe zu kommen. Ich werde die übrigen Befehle geben!“ —

Von dieser Stunde an — sehen wir das junge Weib fast den ganzen Tag über und tief in die Nacht hinein sich stundenlang vor der Thür aufhalten und mit ihren stummen und lauten Bitten, mit ihren Thränen und Seufzern die Luft erfüllen.... Doch, wie schon gesagt, er, der Unglückliche drinnen hört sie nicht.... ihn umschließt die glühende eiserne Mauer seines Schmerzes mit den scharfen Zacken der Schande umgeben... dieser Wall ist undurchdringlich. —

Endlich nach vielem Sinnen hatte Cölestine ein Mittel erdacht. In einer Stunde — es war zur tiefen Nachtzeit — nahte sie sich, wie sie so oft gethan, still auf den Fußspitzen dem Zimmer ihres Mannes. Vor der Thür angelangt, horchte sie lange — sie vernahm außer dem Picken einer Pendule, die darinnen stand, nichts — als die tiefen und starken Athemzüge eines in tiefen Schlummer Versunkenen. Es war Alexander. Behende holte sie aus ihrem Busen einen Schlüssel hervor, welchen sie in’s Geheim hatte verfertigen lassen — und steckte ihn behutsam in’s Schlüsselloch.... Welches Glück! Er paßte vollkommen — er drehte sich ohne Geräusch im Schlosse herum... nach zwei Augenblicken war die Thür geöffnet....

Cölestine stand im Gemache ihres Mannes. Sie schloß sogleich hinter sich zu, damit nicht ein Windzug die Thür bewege oder von draußen irgend ein Geräusch hereinschalle. — Auf dem Tische brannte im düstern Lichte die Lampe und beleuchtete die Gestalt Alexanders, welcher angezogen auf einem Ruhebette hingestreckt schlief — und dessen gramgebleichtes Antlitz — worin zwei Tage die Leiden eines halben Lebens eingezeichnet hatten — auf die Brust herabgesunken, ihm das Ansehen eines Mannes gab, der in der Kraft seiner Jahre dahinwelkt — — eine Eiche, getroffen vom scharfen Beil.

Namenloser Schmerz schien die Seele Cölestinens zu durchziehen, als sie das sah — und da sie diesem Schmerz keinen Laut geben durfte, war es ihr, als ob ihre Brust mitten entzwei reißen sollte...

Da schien der Schlafende sich zu bewegen — er wandte sein Haupt nach der Seite und sodann nickte er mit demselben wie zur Bejahung, wobei seine Lippen murmelten:

„Ja, ja, gewiß, sie hat mich betrogen!“

Diese Worte schnitten Cölestinen durch die Seele — sie vermochte sich nicht mehr zu bemeistern — alle Besinnung, alle Kraft hatte sie verlassen — und mit dem lauten Ausrufe, dessen Ton jammervoll klang —:

„Nein! Gewiß, sie hat Dich nicht betrogen!“ stürzte sie vor ihn auf die Steine hin.... ohne nur zu wissen, was sie that.

Alexander erwachte: „Wer ist da?!“ rief er wild auf — und blickte um sich...

„Ich, ich — Dein unglückliches Weib, bin es! Cölestine, die elendeste der Frauen, kniet hier vor Dir — sinkt an Deinem Lager nieder, wo sie gerne sterben und mit ihrem Tode es bezeugen möchte — wie sehr Du sie verkannt....“

Mehr vermochte sie, ungeachtet aller Anstrengung, nicht zu sprechen; — ihre Lippe schien erlahmt, ihre Zunge dürr wie getrocknetes Laub.....

Er sah sie von seinem Lager mit seinen glühend düstern Augen, welche in ihren tiefen Höhlen unbeweglich starrten, an — er sah sie lange, lange, stumm und regungslos an — nach und nach nahm seine leidenvolle Miene den Ausdruck des Staunens — der Verwunderung an — — ein kaum merkliches und auch sehr trauriges Lächeln zog sich um seinen Mund, aus welchem mit tiefem und leisem Tone die Worte kamen:

„Sie sind es? — Aber was wollen Sie hier?“

Er betonte das Wort „Sie“....

„Oh, mein Gatte!“ dieser Ruf rang sich unter Schluchzen und schwerem Athmen aus ihrer Brust endlich los.... „Oh, mein Gatte!“ wiederholte sie, indem sie zitternd die Hände emporstreckte. — —

Jetzt richtete er sich auf — und verließ rasch sein Lager — trat bis zur Mitte des Gemaches und sagte hier halbabgewendet — dumpf:

„Verlassen Sie mich — Gräfin!“

Sodann ging er zu einem Lehnstuhle und ließ sich hier nieder —

„Oh, mein Gott! Mein Schöpfer!“ rief Cölestine mit herzzerreißender Stimme... rang die Hände — und bedeckte mit ihnen ihr von Thränen überfluthendes Gesicht, dessen Muskeln sich convulsivisch zu jenem entsetzlichen Schmerzensausdrucke bewegten — welcher mit dem Lachen so viele Aehnlichkeit hat und den höchsten Grad innerer Leiden andeutet....

Eine Pause entstand.

Cölestine lag noch immer vor dem Ruhebette auf den Knieen, denn sie hatte nicht die Kraft, den Platz zu verlassen. Er sah sie mit keinem Blicke an, sondern starrte düster grollend vor sich hin — auf die Wand, an welcher ein Bild hing, den Abschied Ulysses von seinem Weibe vorstellend.... Ein bitteres Lächeln malte sich auf seinem Gesichte, doch blieb er stumm, ließ keinen Laut seinem Munde entschweben....

Jetzt wurden die Klagetöne der jungen Frau zum wilden Geschrei: „Weh mir Armen!“ rief sie: „Was habe ich verbrochen, daß mich dies entsetzliche Schicksal trifft?! — Womit habe ich den Himmel beleidigt — daß er so grausam mich straft — dieses namenlose, unmenschliche Leiden auf mich herabsendet?... Weh! — Ich vermag es nicht länger zu tragen... mein Leben droht auszulöschen. — O du mein Schöpfer, welches soll denn meine Schuld sein? Rede, rede, Vater im Himmel! Was ist denn mein Verbrechen?... Etwa, daß ich diesen Mann, den du mir zum Gatten gabst, liebte — mehr liebte als mich — als Vater und Mutter — mehr vielleicht selbst als dich!? — — — — Ja, ja,“ fuhr sie fort, zusammensinkend auf den Boden — und sich mit der Hand am Rande des Ruhebettes haltend — „ja,“ sagte sie mit gedämpfterem Tone: „dies ist vielleicht ein Verbrechen — aber es ist mein einziges, mein ganzes..... doch ist es ein Verbrechen an dir, o Herr des Himmels, — — und darum, darum strafst du mich — es ist klar!“

„Aber,“ fuhr sie plötzlich empor und wieder schienen alle Lebensgeister ihr Herz zu erfüllen, mit neuer Kraft ihr Wesen stählend: „warum denn pflanztest du diese rasende, diese wahnsinnige Liebe in mich — — wenn sie eine verbrecherische ist?? — — Bin ich,“ schrie sie gewaltig auf: „jetzt noch immer schuldig?! Redet, verkündet mir es — — ihr Himmel!“

„Ach — —“ sagte sie nach einer Weile, traurig das Haupt senkend und wieder ganz zusammenfallend: „Ihr seid und bleibt stumm... ihr habt keine Sprache für den Unglücklichen... ihr redet nur mit den Glücklichen....“ Da riß sie sich heftig vom Orte weg — auf den Knieen schleppte sie sich in rasender Eile vor ihren Gatten hin — zu dessen Füßen sie mit dem Rufe:

„So nenne Du, mein Gatte, mir das Wort, welches mich verdammt! So antworte Du, Mann, den ich so liebte, auf meine Frage? —“

Alexander jedoch bewegte sich nicht — er blieb düster, kalt und stumm wie eine Bildsäule; erst nach einer Pause schien einiges Leben in ihn zu kommen, aber nur, um den Arm auszustrecken, um mit ihm gegen die Thüre zu weisen, so als sollte das heißen: „Fort, fort — fort von mir.... ich habe mit Dir nichts weiter zu schaffen....“

„Aber,“ rief sie mit erstickter Stimme und umschlang seine Kniee, „man hört ja den Mörder, den Todtschläger, bevor man ihn verurtheilt und richtet... ja man redet sogar zu den unvernünftigen Thieren, zum Hunde, zu einem Pferde, indem man es züchtiget.... Nur mir, mir gegenüber ist Alles stumm, wie das Grab — welches sein Opfer auch verschlingt, ohne ihm davon etwas zu sagen... O, Alexander! nimm mein Leben hin! tödte mich sogleich — — aber früher sage mir, weshalb Du mich verstoßen hast... denn es muß das verabscheuungswürdigste Laster sein...!“

Hier öffnete sich sogleich der Mund dieses zu Eis erstarrten Mannes: „Ja — — es ist das verabscheuungswürdigste der Laster! Du hast es selber ausgesprochen — heuchlerisches Weib! Untreue, Verrath der ehelichen Liebe — — es gibt kein entsetzlicheres Verbrechen, dessen die Menschenbrust fähig wäre!“

„O ewige Vorsicht! — ich habe es geahnt. — So hat mein Fürchten mich nicht getäuscht! ... das, wovon ich am weitesten entfernt bin, wird mir aufgebürdet. — Herr meines Lebens! nimm mich zu dir! Denn, schuldlos, wie ich bin, vermag ich unter so furchtbarer Anklage nicht länger zu athmen!...“

Nach diesen Worten, welche die Arme mit matter, kaum hörbarer Stimme aussprach — — fiel sie auf den Boden hin und verlor alles Bewußtsein....

Sie lag bleich und athemlos da wie eine Leiche.

Er aber stand auf, nahm sie auf seine Arme und trug sie hinweg aus diesem Gemache in eines der ihrigen, sodann rief er Cölestinens Dienerinnen herbei, denen er die Ohnmächtige übergab. Als dieses geschehen war, verfügte er sich wieder in sein Zimmer, verschloß diesmal die Thür mit mehreren Schlössern, rückte zum Ueberfluß noch einen Schrank vor dieselbe und so gesichert vor jedem ferneren Besuch, abgeschnitten von der ganzen Welt, überließ er sich jetzt den finstersten seiner Gedanken.

„Ja, ja,“ sprach er zu sich: „trotz dieses Wehgeschreies und dieser Verzweiflung — trotz dieser dreisten und geläufigen Berufung auf ihren Schöpfer — trotz aller erschütternden Liebesrufe und rührenden Betheuerungen der Unschuld .... ist sie dennoch eine Verrätherin. — Und eben deshalb eine um so größere! — — — Hab’ ich sie doch mit diesen meinen eigenen Augen auf frischer That ertappt — — wär’ mir daran gelegen gewesen — so hätte ich mit zwei Schritten am Schauplatze des Verbrechens sein und es mit Händen greifen können..... Und dennoch, dennoch dieser Schmerz, diese Thränen, diese Schwüre, diese Verzweiflung — diese Anrufung Gottes.... O, sie ist die abgefeimteste Heuchlerin, die je von der Erde getragen wurde! Aus ihr könnte man tausend Verrätherinnen und Giftmischerinnen und Mörderinnen machen..... Lass’t ihr Blut auf die Erde tröpfeln — und ihr vergiftet die ganze Erde — diesen alten, harten, felsigen Ball, der schon so vielen Uebeln widerstanden! — Sie ist ein Teufel mit dem Lächeln eines Engels im Gesichte und dem Glorienschein einer Heiligen um das Haupt....“ Er schwieg einige Augenblicke.... „Böses, böses Weib!“ fuhr er darauf fort.... „Wer hätte das Alles in ihr gesucht?! — — Als ich sie zum ersten Male sah, trat sie als eine jener zarten Jungfrauen, deren Seele eine Lilie ist, eine Lilie aus dem Garten Gottes — vor mich .... sie trat als holde, lieblich-unschuldige Fee, als eine jener guten Feen, die in alten Zeiten die Schutzgeister der Menschen waren, vor mein Angesicht — — — — damals, damals hätte ich, wären die Gedanken meines Hirnes nur im geringsten fähig gewesen, sie zu beflecken, den Blitz des Himmels selbst auf mich herabgerufen, daß er mich zerschmettere.... Damals! Ach, welche Zeiten und welche Gefühle! — — Und jetzt, jetzt! — — Wer hätte glauben sollen — daß trotz ihrer elysäischen Gestalten und ihrer ambrosischen Düfte jene Zeiten doch nur von Trug und Verrath geschwängert waren?.... Allein, so ist der Mensch! Er hofft und vertraut bis zu des Abgrunds Rand — und glaubt nicht eher an ihn, als bis er hineingestürzt ist und sich windet mit zerschmettertem Haupte zwischen Molchen und scheußlichen Ungeheuern....“

Der Graf ging lange im Zimmer auf und ab, ohne ein Wort zu sprechen, ohne nur einmal aufzublicken — — aber im Stillen hielt er eine entsetzliche Gedankenjagd — — und die schwarzen Ideen tummelten sich immer dichter neben ihm — um ihn und über ihm... sie schlossen ihn von allen Seiten ein, wie ein wildes Heer von dämonischen Erd- und Luftgeistern....

Da brach der erste Lichtstrahl der heraufsteigenden Morgensonne durch den Rand seiner Gardinen und traf sein Antlitz.... und als wäre ein Bote des Ewigen zu ihm herangeflogen und hätte seine Stirne mit glänzenden Strahlenfingern berührt.... erhob aus dem wilden dunkeln blutigen Chaos seiner Seele sich ein weißer Gedanke, so daß er schrie:

„Und wenn sie dennoch unschuldig wäre?!!“

„O mein Gott!“ flüsterte er leise: „was hätte ich dann gethan!“

Mit dieser Idee entschlief er bald darauf, denn sein Physisches vermochte nicht länger dieser unsäglichen und abwechselnden An- und Abspannung zu widerstehen.


Viertes Kapitel.
Hoffnung, Verzweiflung, Resignation.

Als Alexander erwachte, mochte es bereits wieder gegen Abend sein, wenigstens umgab ihn im Zimmer eine Dunkelheit, welche nicht allein durch die ausgebrannte Lampe erzeugt ward. Doch was kümmerte ihn Zeit, Licht, Sonnenschein — Finsterniß.... lebte er doch kaum mehr in der Außenwelt, sondern hatte sich ganz zurückgezogen in den tiefsten Winkel seines Herzens. Die Idee, mit welcher er eingeschlafen war — begleitete auch wieder sein Erwachen, und darum war dies das freundlichste seit vielen Tagen. —

Ja, sie konnte dennoch unschuldig sein! — Trotz aller Beweise, trotz aller Zeugnisse, worunter die wichtigsten allerdings die seiner eigenen Augen waren — konnte doch dasjenige, was schon tausendmal geschehen war, auch noch dies eine Mal eintreffen: Cölestine konnte verkannt, verläumdet, sie konnte durch eines boshaften Dämons Gaukelei verläumdet worden sein. — Denn ist es wohl nicht schon vorgekommen — daß man z. B. einen Unglücklichen des Mordes — eine Unglückliche der Giftmischerei überführt hatte .... sie starben den Tod des Gesetzes.... und nach Jahren erwies es sich, daß sie unschuldig waren?

Ach, die Liebe klammert sich so gerne an einen solchen Hoffnungsanker an — und zwar erst dann recht eifrig, wenn des Sturmes Wuth wild über sie eingebrochen ist. — Die Liebe, wenn sie zur Leidenschaft, zur Tyrannei geworden — lebt in Contrasten und ist bisweilen fähig, von der rasendsten Eifersucht — zur fanatischen Gläubigkeit umzuspringen.... je nachdem diese oder jene ihr Befriedigung schafft. — „Nie,“ sagt ein geistreicher deutscher Schriftsteller,[B] „war eine Liebe echt und tief, wenn dieselbe nicht fähig ist, heute für denselben Gegenstand zu leben — für welchen sie gestern in den Tod gehen wollte.....“

Weshalb sollte der arme Gatte nicht den Trost hinnehmen, der ihm plötzlich wie durch unsichtbare Geisterschwingen zugeweht wurde — da dieser Trost seinem leidensheißen Herzen doch so wohl that? — — Und daß er ihm kam — wenn es auch noch so plötzlich, noch so unerwartet und unbestimmt geschah — — wer wird daran zweifeln, wenn er anders das Menschenherz kennt? — Kommen und gehen von Augenblick zu Augenblick nicht die verschiedenartigsten Empfindungen in und aus uns — — ohne daß wir wüßten, woher und wohin? — — Aber sie kommen doch und scheiden doch.... das ist gewiß — — und es scheint uns dann, als würde mit einem Male ein Räthsel aufgelöst durch unsichtbare Hände — — wozu wir uns lange vergebliche Mühe gaben.

O — trotz unseren enormen Fortschritten im Felde der Erkenntniß sind wir noch lange nicht dahin gekommen, die einfachsten Dinge, welche uns umgeben, zu verstehen. —

Alexander erhob sich vom Lager. Er begann wieder seine Wanderungen durch’s Gemach. Bunte Bilder flohen vor ihm vorüber — lange hatte sein Auge freundlicher Farben entbehrt...

„Nein, nein!“ rief er aus —: „so sehr kann Lüge die Wahrheit doch nicht nachahmen!... Sie kann Thränen weinen — Seufzer ausstoßen — sie kann sich im Staube winden und verzweiflungsvoll aufschreien, daß sie unschuldig sei... sie kann Alles, Alles, was körperlich und sichtbar erscheint, imitiren, wie wir es am guten Schauspieler sehen; jedoch sie kann den Popanz, welchen sie geschaffen, nicht beleben — kann ihm keine Seele einhauchen — kann ihm jene geistige Gewalt nicht verleihen, die allmächtig zu unserem Geiste spricht, diesen zu sich hinreißt, daß er nicht widerstehen kann und sich mit ihr vereiniget, versöhnt. — Das, das kann die Lüge nicht! — Das ist nur der Himmelstochter Wahrheit vorbehalten. — — — — Und,“ rief er frohlockend aus: „ihren Einfluß habe ich erfahren — — obgleich erst jetzt, jetzt dies Bewußtsein in mir aufgegangen.... Cölestine ist keine Verbrecherin... dies wird mir so klar, daß ich erstaune und mich verfluche, es nicht längst eingesehen zu haben....“

„Allein — ich weiß schon, weshalb es nicht geschah! Ich wollte nicht, daß es geschehe... ich widersetzte mich gewaltsam der Ueberzeugung! Ich Thor — ich Elender marterte mich geflissentlich mit Schrecknissen, die nicht sind noch waren.“

Voll von dieser neuen Aussicht auf eine neue schöne und blühende Welt — machte Alexander sich auf und verließ sein Zimmer, entschlossen, seine Gemahlin aufzusuchen, sich zu ihren Füßen zu werfen und in einer Fluth reuiger Thränen seine Schuld abzuwaschen; denn er hoffte, daß Cölestinens, aus einem Himmel von Güte und Liebe bestehendes Herz sie ihm verzeihen werde....

Als er auf den Corridor trat, sah er, daß es in der That bereits wieder dunkel sei. Im Hause war Alles still — man rüstete sich zum Schlafengehen. So gelangte er, ohne gesehen zu werden, vor die Wohnzimmer seiner Frau. Auch hier herrschte die tiefste Stille — auch hier begegnete man Niemand. Alexander glaubte zuerst, Cölestine sei entweder nicht zu Hause oder sie habe sich in ihre hintersten Gemächer zurückgezogen — — da vernahm er plötzlich ihre Stimme, die im zweiten Zimmer Jemand einen Auftrag zu geben schien... und obgleich diese Stimme kraftlos und eintönig redete, hatte er doch folgende Worte verstanden: „Aber — um Alles in der Welt, daß kein Auge dies Schreiben erblickt, noch Euch selbst, die Ihr damit fortgeht. Stanislaw — ich vertraue Dir hier mein halbes Leben an.... erinnere Dich, daß Du seit 30 Jahren der treueste Diener unseres Hauses bist.... Vermeide besonders die Zimmer des Grafen....“

Diese leisen Worte machten Alexander fast taub; er, der erst so heiter, so rasch, so leichtfüßig hierher kam, vermochte in diesem Augenblicke sich kaum aufrecht zu halten.... Er zog sich seitwärts von der Thür zurück, lehnte sich hier an die Wand — und lauerte auf den Boten. — Dieser trat wirklich heraus — aber in demselben Momente stürzte sein Gebieter auf ihn und entriß ihm den Brief.......

Er war an den Chevalier von Marsan gerichtet und enthielt folgende Zeilen...:

„Ich bin krank und im höchsten Grade geschwächt — vermag also nicht an dem bestimmten Orte zu erscheinen; ich hoffe daher, daß Sie die Mühe auf sich nehmen werden, zu mir zu kommen — — — doch säumen Sie keinen Augenblick. Es erwartet Sie mit Ungeduld

Cölestine v. A—x.

NB. Vermeiden Sie es, von den Dienern unseres Hauses gesehen zu werden — der heutige Abend ist sehr günstig zu einer Zusammenkunft, um so mehr, da mein Mann sich noch immer auf seinem Zimmer eingeschlossen hält.“

So war sie also dennoch schuldig! — — —

Als Alexander diese Zeilen gelesen hatte, glaubte er, die Welt um ihn und er in ihr werde vergehen. Er befand sich einige Augenblicke hindurch in einem Zustand, der nicht Leben und nicht Tod — sondern eine von jenen schrecklichen Krisen ist, in denen einst das Menschengeschlecht entweder ganz untergehen — oder neu und fremdartig wiedergeboren werden wird. —

*       *
*

Einige Stunden darauf lag der Graf in einem heftigen Delirium. Die widerstrebendsten und gewaltsamsten Stürme dieses Tages und jener Nacht hatten ihn niedergeworfen. Vielleicht war dieser Ausgang noch ein Glück für ihn; denn jedenfalls konnte der Wahnsinn ihm keine grauenvolleren Gestalten vorspiegeln, als wovon das bewußtvolle Leben für ihn jetzt so reich gewesen wäre. — So sorgt eine allgütige Natur für ihre Wesen selbst durch Strafen — und sie reicht uns oft Gift, um uns vor einem tödtlicheren, welches wir unwissentlich aus der Atmosphäre eingesogen haben, zu schützen...

Der Kranke verlor vom ersten Momente an die Fähigkeit, seine Umgebung zu erkennen — und so wußte er nicht, daß Cölestine an seinem Bette saß und ihn mit zärtlicher Besorgniß pflegte. Sie, die noch vor Kurzem selbst krank und hilflos da lag, schien jetzt wie durch ein Wunder von neuer Lebenskraft erfüllt zu sein.... Woher diese Wirkung? Hatte die Zusammenkunft mit Marsan — denn er hatte sich auch ohne Aufforderung fast zur selben Stunde eingestellt — — diese Folge gehabt?... War sie dadurch so glücklich geworden, daß sie in einigen Augenblicken völlig genas?....

Sonst wäre wohl auch Liebe, Zärtlichkeit für einen unglücklichen Gatten im Stande, eine solche Umwandlung hervorzubringen; — — aber wie sollte man nach einem Briefe wie der obige auf dergleichen rechnen können? —

Es kann jedoch nicht geläugnet werden, daß der Eifer, womit Cölestine ihren kranken Mann pflegte, einen Ausdruck tiefer und inniger Liebe hatte — — und es trat die merkwürdige Erscheinung ein, daß, je nachdem sich der Zustand Alexanders augenblicklich zu bessern oder zu verschlimmern schien — — sie im letztern Falle an Kraft zu gewinnen, — im erstern wieder zu erschlaffen und so zu sagen in ihren vorigen leidenden Zustand zurückzufallen schien. —

Aber wer enträthselt das innere Wesen und den Grund solcher eigenthümlichen und geheimnißvollen Vorkommnisse in des Menschen Brust?.. Irren wir doch so leicht im Deuten... und können nur von demjenigen etwas Bestimmtes sagen, was wir wissen. Wir hatten ja eben erst vor Kurzem ein Beispiel an Alexander: es hatte sich im Widerstreit seiner Meinungen über Cölestine zuletzt eine Stimme zu ihren Gunsten erhoben.... und schon einige Stunden darauf sah er seine Prophezeihung so grausam verspottet. —

Die Krankheit machte in kurzer Zeit rasche Fortschritte, doch hofften die Aerzte von seiner kräftigen Natur, daß sie das Uebel langsamer oder schneller besiegen werde.... da jedoch der Ausspruch eines Arztes niemals untrüglich sein kann, so war es natürlich, daß eine liebende und in Angst harrende Gattin nur geringen Trost aus ihm schöpfen konnte; sah man jedoch Cölestinens Schmerz, so mußte man sie für eine solche Gattin halten. —

Da saß sie durch Tage und Nächte neben seinem Haupte, reichte ihm Arznei, Tränke — pflegte seiner mit weinenden Augen und diente ihm wie eine Magd; denn sie litt es nicht, daß ein Anderer auch nur den kleinsten Dienst bei ihm versähe, wenn sie hierzu selber Kraft und Stärke fand. — — Unter solchen Umständen mußte das Wort des Arztes wahr werden und ihr Kummer, ihre Angst, ihre Verzweiflung, vergebens. — In Alexanders Befinden trat eine sichtbare Besserung ein — und nun stürzte die junge Frau auf ihre Kniee und pries Gott im lauten Dankgebete. — Wie harrte sie mit zitternder Ungeduld des ersten lichten und bekenntnißvollen Augenblicks.... dann wollte sie mit Alexander reden, sich vertheidigen — und sie hoffte gewiß, daß er ihr glauben werde....

O der Getäuschte! — — Er erwachte wirklich, er sah sie mit klaren Augen an, wie sie vor ihm stand — die Arme ausbreitete, mit thränenvollem Antlitz ihm entgegenlächelte und schon den Mund aufthat — — — — Aber es war ihr nicht vergönnt, weiter zu kommen... Bis hierher nur erfüllte sich ihre Hoffnung, hier schnitt er sie ihr ab — denn sein Vertrauen zu ihr war dahin, seit der Glaube an ihr Herz ihn gänzlich verlassen hatte.... Vergebens sank sie noch einmal vor ihm auf die Kniee.... ihr Anblick war erschütternd.... Er aber, der Gatte deutete ihr an, daß sie ihn verlassen möge — und als sie dies Gebot nicht befolgte, sah man seinen Zustand sich augenblicklich auf eine entsetzliche Weise verschlimmern....

„Sie werden ihn tödten, wenn Sie länger hier bleiben,“ bedeutete traurig der Arzt — — und sie ging — sie kam nicht mehr zu seinem Lager.

Einige Tage darauf war er so weit hergestellt, daß er sich nun wieder erheben und sein Bett verlassen konnte. Er brachte jetzt den größten Theil des Tages in einem Armstuhl, umgeben von Büchern und Schriften, zu, worunter ihn besonders die letzteren beschäftigten. — Besuche nahm er nicht an — selbst Briefe ließ er durch seinen Sekretär eröffnen, und wies jeden, mochte er auch direkt und dringend an ihn lauten, von sich. Er besaß keine Geheimnisse und überdies hatte der Sekretär sein volles Vertrauen....

Unter den Schreiben, welche anlangten, befanden sich drei von Cölestine, deren Inhalt uns eben so unbekannt geblieben ist, wie er es für Alexander und selbst für seinen Sekretär war — denn dieser Ehrenmann siegelte sie, ohne sie gelesen zu haben, wieder zu.

Es war gegen Ende Dezembers, als Alexander Wien verließ, gefolgt nur von seinem Sekretär und einigen vertrauten Dienern. Er hinterließ für Cölestine folgendes Schreiben:

„Gräfin! — Ich verlasse Sie, Ihr Haus und die Residenz, ohne Ihnen sagen zu können, wohin ich reise und welches der Ort meines ferneren Aufenthaltes sein wird. Zu Ihrer Beruhigung — denn sie wird wohl nur auf diese Weise zu erzielen sein — hinterlasse ich Ihnen beiliegende schriftliche Erklärung, worin ich mich die Ursache unserer raschen und plötzlichen Trennung nenne und woraus keine Schuld hervorgeht, die nicht auf mein Haupt fiele; Sie werden Gelegenheit finden, von diesem Dokument den nützlichsten Gebrauch zu machen — und ich wünsche Ihnen herzlich Glück, wenn damit sowohl Ihre Wünsche wie die Anforderungen der Welt beschwichtigt werden, woran ich nicht einen Augenblick zweifle. — — Alles, was ich hinterlassen habe, ist zu Ihrer unbeschränktesten Verfügung gestellt. — Ihre Verhältnisse bleiben demnach ganz dieselben, welche sie zu meiner Zeit waren — — ich vergesse hinzuzusetzen: wahrscheinlich werden sie noch weit angenehmer sein; — ich verspreche mich abermals: sie werden dies ganz gewiß sein! — — Gnädige Frau.... erlauben Sie mir jetzt eine kleine Eigennützigkeit. In Anerkennung des Dienstes, welchen ich Ihnen leiste, lassen Sie mich an Sie die Bitte stellen: falls Sie meinen Aufenthalt errathen oder erfahren sollten — so schreiben Sie mir nicht — noch schicken Sie eine dritte Person zu mir — am wenigsten aber kommen Sie selbst...... Dies wird wohl schwerlich geschehen — es ist fast albern, daran zu denken — jedoch für den Fall dieser oder jener Möglichkeiten erfahren Sie, daß mein Zorn dadurch auf’s Aeußerste gereizt und ich zu einer That fähig wäre, die sowohl Sie als mich entehren könnte. — Schonen Sie also unser Beider Namen — wenigstens von dieser Seite. —

Und nun habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen, als: leben Sie für immer wohl.