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Prinzessin Sidonie.

Roman

von

Julius Bacher.

Erster Band.

Leipzig,

Verlag von Friedrich Fleischer.

1870.

Erstes Kapitel.

Der nachfolgenden Erzählung liegen geschichtliche Thatsachen zu Grunde; da dieselben jedoch der neueren Zeit angehören und aus anderen Ursachen haben wir es uns versagen müssen, das Bild der unglücklichen Prinzessin in einen historischen Rahmen zu fassen, überzeugt, daß es dem in die Geschichte der Höfe eingeweihten Leser leicht sein dürfte, die Vorbilder zu den in dem Roman gezeichneten Charakteren zu erkennen.


Es war etwa fünf Uhr Morgens. In dem Palais des Prinzen Albert herrschte, wie gewöhnlich um eine so frühe Zeit, lautlose Stille. Vor acht oder neun Uhr pflegte sich daselbst selten das Tagewerk geltend zu machen, besonders wenn der Prinz in seinem Palais anwesend war; er huldigte der Morgenruhe, da ihm das Nachtleben zusagte.

Anders war es mit seiner Gemahlin, der Prinzessin Sidonie; sie war eine Freundin des frischen Frühmorgens und seiner Sabbathstille, und liebte es, sich, ohne mehr als ihre Kammerfrau zu beanspruchen, allein oder in Gesellschaft der ihr befreundeten Hofdame, Aurelie von Ketten, des ersteren zu erfreuen. Gewöhnlich machte sie alsdann einen Gang durch den an das Schloß grenzenden Park, oder dehnte den erstern wol auch bis in den nahen, von lustigen Vogelstimmen durchtönten würzigen Wald aus, dessen ungekünstelte Naturschönheit sie ganz besonders liebte.

In einem kleinen Gemach des Palais befand sich an diesem Morgen eine Dame von ungefähr dreiundzwanzig Jahren; sie saß an dem geöffneten Fenster und schaute, den schön geformten Kopf in die Hand gestützt, gedankenvoll in den sich vor ihr ausbreitenden Garten und Park. Diese Dame war die Prinzessin Sidonie.

Ueber die Wipfel der von der Kunstscheere unberührt gebliebenen hohen Bäume stieg die Sonne empor und warf ihre blitzenden Lichter durch die Alleen und Gebüsche, vergoldete die hin und her aufgestellten Marmorstatuen und die aufschießenden Strahlen der Wasserkünste, welche in der Nähe des Palais sprudelten und eine verkleinerte Nachbildung der in Versailles befindlichen zeigten.

In der Ferne tönten vereinzelte Vogelstimmen, die allein die Morgenstille in dem einsamen Garten unterbrachen. Niemand vom Hofe noch irgend ein Arbeiter war daselbst zu entdecken.

Schweigend und gedankenvoll hatte die Prinzessin eine kurze Zeit hingebracht, als sich aus ihren tiefblauen Augen Thräne auf Thräne drängte, die langsam über die bleichen Wangen hinabrollten, ohne daß sie es zu fühlen schien, während sich zugleich der Ausdruck tiefen Seelenleidens in ihrem schönen, jugendlichen Antlitz geltend machte. Dieses Leid schien alle ihre Empfindungen und Gedanken gefesselt zu haben, so daß sie die goldene Herrlichkeit des Morgens nicht gewahrte. O, wie tief, wie unendlich tief mußte sie leiden, da ihr die Natur kein Interesse abzugewinnen vermochte, die mit einer Ueberfülle von Reizen ausgestattete Natur, die sie so sehr liebte! — Wie rührend war ihr feines, bleiches Antlitz anzuschauen, das, mit Jugendschönheit geschmückt, die Spuren eines langen, schmerzlichen Kummers trug, der so früh über sie hereingebrochen war und die reizende Frühlingsblume mit seinem winterlichen Reif berührt hatte.

Die in dem Palais herrschende Stille wurde durch keinen Laut unterbrochen; auch befand sich außer Sidonien Niemand in dem Gemach, so daß sie durch nichts in der Hingabe an ihr Leid gestört wurde.

Länger denn eine halbe Stunde mochte sie also hingebracht haben, als sie das feine Spitzentuch gegen die feuchten Augen drückte und alsdann voll der tiefsten Innigkeit ein Medaillon betrachtete, das sie so lange in der Hand verborgen gehalten hatte. Sie versenkte sich in dessen Anblick und bedeckte es mit Küssen, nachdem sie sich vergewissert hatte, nicht belauscht zu sein. Eine feine Röthe färbte dabei ihre blasse Wange, das Auge erhielt einen matten Glanz, und den feinen, lieblichen Mund umspielte ein süßes Lächeln, ein Lächeln, wie innige Liebe lächelt in stillem Glück und dem Angedenken des mit der ganzen Seele umfaßten Geliebten. O, wer sie hätte erlauschen können diese nur von der Seele gesprochenen Dichtungen innigster Liebe! Wie süß, wie köstlich mußten sie sein! Aber das Leid in ihrer Brust schien größer als das Glück der Erinnerung zu sein, denn in die dem Medaillon geschenkten Küsse drängte sich bald und immer rascher und heißer die Thräne; schon versiegt, entquoll sie auf’s Neue dem Auge.

Ein Geräusch in dem Nebengemach schreckte sie auf; rasch glitt das Medaillon in den Busen. Scheu und argwöhnisch blickte sie auf; hastig fuhr sie mit dem Tuch über Augen und Antlitz, lauschte einige Augenblicke, erhob sich alsdann und lehnte sich aus dem Fenster, um an der Morgenluft die gerötheten Augen zu erfrischen und die verrätherischen Spuren des Weinens zu verbergen.

In solcher Weise hatte sie eine kurze Zeit hingebracht, ohne daß jedoch irgend Jemand erschien; dadurch beruhigt, gab sie sich wieder ihrem Nachdenken hin, ohne daß sie jedoch das Medaillon auf’s Neue zu betrachten wagte, obwol die Hand mehrmals darnach langte und im Begriff war, dasselbe hervorzuziehen.

Sie bezwang jedoch ihr Verlangen, wahrscheinlich durch besondere Umstände dazu veranlaßt; doch ließ sie die Hand auf dem Busen ruhen, um sich in solcher Weise wenigstens der Gegenwart des Bildes zu erfreuen. Ihre Vorsicht zeigte sich bald als durchaus begründet; denn unhörbar und von ihr unbemerkt trat, einen Seidenshawl in der Hand, eine bereits bejahrte Frau ein, nahte ihr und bemerkte:

»Wollten Hoheit sich nicht des Shawls bedienen? Die Morgenluft ist feucht und kühl, und Hoheit sind so leicht gekleidet und haben sich meiner beim Ankleiden wieder nicht bedient.«

»Warum sollte ich Dich stören, liebe Marion? Ein Morgenkleid ist bald angethan auch ohne Hilfe, und — Du kennst mich darin,« entgegnete Sidonie in herzlichem Ton, indem sie sich den Shawl umlegen ließ.

»Ich weiß nur zu gut, wie gnädig Eure Hoheit gegen Jedermann, zumal gegen mich, sind; aber ich bitte, schonen Sie mich nicht, wenn es gilt, Hoheit vor Schaden zu bewahren.«

»Gut, gut, Marion. Mache Dir keine übeln Gedanken. Es schadet mir weder Wind noch Wetter; ich habe meinen Körper, wie Du weißt, in der Kindheit nicht verweichlicht, und daher erträgt er wol leicht ein wenig frische Luft, die mir heute ganz besonders zusagt.«

»Eben heute, Hoheit, dürfen Sie am wenigsten unpaß werden, heute, wo Sie so Viele zu empfangen haben und sich nicht wenig anstrengen müssen.«

»Fürchte nichts, liebe Marion. Ich werde gesund und kräftig sein und das Meinige thun. Und der Tag wird rasch vergehen, vergehen — wie alle anderen.«

Theilnehmend, doch schweigend schaute Marion zu ihrer Herrin auf; sie hatte ihre geliebte Prinzessin seit deren Jugend gehütet, hatte sie zur Jungfrau erblühen sehen und sie immer bedient. Mit fast mütterlicher Liebe hing sie an ihr, deren Güte und Freundlichkeit sie stets genossen, und so war sie hocherfreut, als sie dieselbe an den fremden Hof begleiten und in deren Diensten bleiben durfte.

»Ist Fräulein von Ketten schon auf?« fragte Sidonie nach kurzem Schweigen.

»Ich vermuthe; wenigstens bemerkte ich, daß das Fenster ihres Schlafzimmers geöffnet ist, ein Zeichen, daß das Fräulein das Bett verlassen hat.«

»So wird es sein; denn Aurelie weiß, daß ich sie heute früher als gewöhnlich erwarte.«

»Da ist das Fräulein schon!« fiel Marion in diesem Augenblick erfreut ein, als sich die Außenthür öffnete und die genannte Dame eintrat.

»So komme ich also doch schon zu spät!« rief diese, indem sie, sich nahend, hinzufügte: »Es war meine Absicht, Hoheit in diesem Zimmer zu überraschen, und nun erkenne ich bedauernd, daß ich doch nicht früh genug aufgestanden bin. Hoheit sind mir in dieser Beziehung zuvor gekommen.«

»Ihr Besuch, liebste Ketten, ist mir darum nicht minder angenehm und ich danke Ihnen herzlich dafür,« entgegnete Sidonie mit sichtlicher Bewegung, streckte dem Fräulein die Hände entgegen und zog, als sich in diesem Augenblick die Thür hinter der sich entfernenden Marion geschlossen hatte, Aurelie heftig und mit ausbrechenden Thränen in die Arme. Innig und fest drückte diese die Prinzessin an die Brust, und obgleich Aurelie bemüht war, Fassung und Ruhe zu bewahren, füllten sich auch ihre Augen mit Thränen.

Schweigend hielten sich die beiden Frauen einige Augenblicke umschlungen; alsdann erhob Aurelie das Haupt und blickte die Prinzessin voll und innig an, indem sie mit gedämpfter Stimme bemerkte:

»Verlange an dem heutigen Tage kein Wort von mir. Segne Dich der Ewige mit Geduld, Muth und Kraft, und möge er bald, bald Dein Leid enden!«

Mit diesen Worten schloß sie die Prinzessin auf’s Neue in die Arme.

»Ich danke Dir, Aurelie, ich danke Dir aus vollem, innigem Herzen für Deine Liebe und Freundschaft, die mein Trost und meine Stütze in meinem Kummer sind. Wie hätte ich ohne sie die mir aufgebürdete Last ertragen, alles das entbehren können, was das Glück meines Lebens ausmacht?! O, bewahre mir Deine Liebe, ohne sie könnte ich nicht leben! Verlaß mich nicht, meine Aurelie!«

»Wie könnte ich Dich verlassen, verlassen in Deinem Leid? Fürchte das nicht; denn ich will bei Dir ausharren alle Zeit und so lange es Dir gefällt!« fiel Aurelie in dem herzlichsten Ton ein.

»O Du Gute, wie soll ich Dir für Deine seltene Hingabe danken! Doch Du kennst ja die Empfindungen meines Herzens, wozu also der Versicherungen!« entgegnete Sidonie. »Ich kenne sie, meine theure Sidonie, und weiß nur zu wohl, wie innig unsere Herzen verkettet sind,« bemerkte Aurelie und fuhr alsdann fort: »O, ich würde ganz glücklich sein, wollte der Himmel auch endlich Deinem Herzen Frieden und Glück verleihen!«

Die Prinzessin schüttelte traurig das Haupt und entgegnete seufzend:

»Du weißt, ich habe jede Hoffnung darauf begraben; laß’ uns darum nicht mehr des Unmöglichen gedenken, es kann unsern Kummer nur vermehren. Ich will mein Leid so lange tragen, als ich es vermag, des Weiteren mag Gott walten! Hilf- und machtlos, wie ich dastehe, kann er nur helfen.«

Stumm drückten sich die Freundinnen die Hände.

Nach kurzer Pause fragte Sidonie:

»Ist der Prinz gestern nach Hause gekommen?«

Aurelie verneinte, und sichtlich erfreut fuhr die Prinzessin fort:

»Das ist gut, so werde ich ihn wahrscheinlich erst beim Empfang sehen und er wird mich in dem Genuß des schönen Morgens nicht stören. O könnte ich,« fuhr sie in tiefer Bewegung fort, »könnte ich mit der eiligen Schwalbe dahinziehen weit, weit über die Wälder und Berge fort in die Ferne zu anderen Menschen und Gegenden und dort in der Stille mein armes Leben ausleben! Sieh,« bemerkte sie nach einer kleinen Pause und deutete auf das Gesims draußen, »sieh, wie der Vogel dort sein Nest anklebt, ohne zu ahnen, welche Stätte er sich zu seinem Liebesleben gewählt, ohne zu ahnen, daß, während er in der Liebe und Sorge für die Seinen aufgeht, in den Mauern dieser Stätte Liebesglück und Menschenwürde mit Füßen getreten werden und die Selbstsucht allein das Scepter führt. Welch eine Erniedrigung der menschlichen Natur, von einem thierischen Geschöpf übertroffen zu werden! O, suche Keiner das Lebensglück dort, wo die Sorge ihren Fuß scheu von dem goldenen Prunk wendet, wo der Macht die Erfüllung der Wünsche gleich einer Sklavin folgt, um sie zu Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit zu führen; wo die Ueberfülle den Ueberdruß zeugt und die edleren Gefühle des Menschen in dem Sumpf ekler Gemeinheit ertränkt! O, daß ich in diesen Kreis schnöder Selbstsucht, niederer Sittenlosigkeit gebannt wurde und sich der Himmel nicht meiner erbarmte und mir zugleich auch das Gefühl für das Bessere und Gute in der Seele zerstörte, um mit diesen Creaturen einzustimmen in den Hymnus ihres zügellosen Treibens! Aber sie sollen mich nicht herabziehen zu sich; ich habe gekämpft, und kämpfen will ich, um mich zu behaupten, so lange mir noch Kraft bleibt und Odem meine Brust belebt!«

Die Prinzessin hatte mit sich rasch steigernder Aufregung gesprochen, die so groß war, daß sich ihr Antlitz röthete, ihr Auge glänzte und ihre schlanke, hohe Gestalt voll Bewegung erschien. Von der Heftigkeit ihrer schmerzlichen Empfindungen fortgerissen, vergaß sie sogar die nöthige Vorsicht, mit gedämpfter Stimme zu sprechen, um nicht von unberufenen Ohren belauscht zu werden, und die nicht minder tief ergriffene Freundin vergaß es ebenso in ihrem innigen Mitleiden, sie auf den letzteren Umstand aufmerksam zu machen. Fast bedurfte es dessen jedoch kaum. Nur die treue Marion befand sich in der Nähe und konnte die nur zu gerechten Ausbrüche des Schmerzes und Unmuthes vernehmen, die sie nicht überraschten. Sie kannte das Unglück ihrer geliebten Prinzessin nur zu wohl, wie auch die Welt, die Sidonie mit warmem Herzen bemitleidete und den Prinzen verdammte, dessen Verhalten und wildes Treiben alles Unheil herbeigeführt hatte.

Was sich hier in der Familie eines Fürsten enthüllte, wiederholte sich in mancher geringeren Familie und forderte auch das geduldigste und anspruchsloseste Herz heraus. Es waren die natürlichsten und einfachsten Beziehungen zwischen Mann und Weib, und darum hielt sich ein Jeder zu der Theilnahme an diesen Vorgängen berechtigt, so Hoch als Niedrig, denn in den rein menschlichen Interessen vereinen sich nur zu leicht alle Stimmen. Uebersah Fräulein von Ketten in ihrem Mitleiden mit der Prinzessin auch die näher bezeichnete Vorsicht, so fühlte dagegen ihr treues, warmes Herz die Pflicht, die fürstliche Freundin zu trösten, vor Allem zu beruhigen, um sie für einen leicht möglichen Besuch des Prinzen, der wegen des heutigen Geburtstages der Prinzessin zu erwarten war, in die erforderliche Stimmung zu versetzen.

Aurelie kannte ihren Einfluß auf Sidonie, und darum schloß sie diese in die Arme und entgegnete mit bittender Stimme:

»Vergiß, vergiß, meine geliebte, theure Freundin, vergiß wenigstens für einige Stunden, was Dein armes Herz so tief bewegt! Der Prinz könnte leicht früher eintreffen, als wir vermuthen, Du besäßest alsdann nicht diejenige Ruhe, die ein Zusammentreffen mit ihm erfordert. Deine Seele ist so sehr erregt und würde nach einem Ausdruck ihrer Empfindungen verlangen, und die Folge davon wäre ein ähnliches übles Benehmen des Prinzen gegen Dich, wie Du es leider schon oft erfahren mußtest. Du kennst seinen Jähzorn namentlich in Momenten, in welchen er als Schuldiger vor Dir steht und ihn die Nöthigung peinigt, ein versöhnendes Wort vor Dir auszusprechen. Ein Vorwurf von Dir, so gerecht derselbe auch immerhin wäre, könnte daher leicht eine Unterredung zwischen Euch herbeiführen, die Dich zu dem gewöhnlichen Empfang des Fürsten und der übrigen Hof- und Staatspersonen unfähig macht. Dadurch würde der Fürst unangenehm berührt werden, Du weißt es, und die Welt fände darin überdies willkommenen Stoff, sich in Betrachtungen über Dein eheliches Zerwürfniß zu ergehen. Darum bemühe Dich zu vergessen, und ich hoffe, es wird Dir gelingen. Ich habe ein geeignetes Mittel dazu in der Nähe und Du wirst mir gestatten, es zu Dir zu führen.« — —

»Ja, ja, meine gute Aurelie, Dein treues Herz weiß, was mir dient. Geh’, geh’ und bringe mir meinen einzigen Trost, meine einzige Freude!« fiel die Prinzessin beruhigter, wenngleich noch im schmerzlichen Ton ein.

Aurelie beeilte sich, ihren Wunsch zu erfüllen, begab sich in eins der Nebengemächer und kehrte sehr bald mit einem lieblichen Mädchen von ungefähr zwei Jahren, dem treuen Ebenbilde der Prinzessin und deren Tochter, zurück und legte es in Sidoniens Arme. Diese herzte und küßte das Kind unter hervorbrechenden Thränen, während das Letztere ein paar französische Worte lallte, die Aurelie seinem Gedächtniß eingeprägt hatte und deren Bedeutung lautete: »Gott segne Mama!«

Aurelie hatte, wie sie zu ihrer Freude erkannte, das geeignetste Mittel zur Beruhigung ihrer fürstlichen Freundin erwählt, denn indem sich Sidonie mit ihrer Tochter beschäftigte, erheiterte sich ihr Antlitz, und die Freude an dem Antlitz ihres lieblichen Kindes verdrängte allmälig die Bitterkeit aus ihrem Herzen.

In dem Anschauen des Letzteren verloren, bemerkte sie mit freudiger Stimme:

»O, wie beglückt es mich, daß Isabella nur mir gleicht und keinen seiner Züge trägt! Sieh nur, Aurelie, die Farbe und der Schnitt der Augen, die blonden Haare und der ganze Ausdruck des Gesichtchens, sind sie mir nicht abgestohlen?«

»Gewiß, gewiß, und je mehr sich Isabella entwickelt, um so lebhafter tritt diese Aehnlichkeit hervor,« beeilte sich Aurelie zu entgegnen, über Sidoniens ruhigere und angenehmere Stimmung erfreut. Die Prinzessin veranlaßte ihre Tochter, den Glückwunsch noch einigemal zu wiederholen, was auch mit ihrer und Aureliens Nachhilfe so ziemlich gelang und deren innige Freude erzeugte.

Isabella, dadurch angeregt, wurde lebhafter und begann mit der Prinzessin nach Kinderart zu tändeln, wobei es geschah, daß sie das Händchen in dem mütterlichen Busen barg und dabei das Medaillon entdeckte, das sie plötzlich hervorzog.

»Was thust Du?!« rief Sidonie erschreckt und beeilte sich, dem Kinde das Bild zu entziehen; ehe ihr dies jedoch gelang, ließ Isabella das Medaillon fallen, und Aurelie fing es auf und behielt es in der Hand. In diesem Augenblick trat die Wärterin des Kindes ein und näherte sich der Prinzessin, worauf Sidonie, nachdem sie Isabella geküßt, diese der Ersteren mit dem Bedeuten übergab, die Kleine in den Garten zu führen. Dies geschah, und die Frauen blieben allein.

Ein Blick hatte Aurelie genügt, das in dem Medaillon enthaltene männliche Portrait zu erkennen und sie in Folge dessen bestürzt gemacht; dennoch wußte sie ihre Bewegung der Wärterin zu verbergen; als sich diese entfernt hatte, bemerkte sie mit erregtem Ton:

»Welche Unvorsichtigkeit!«

»Zürne mir nicht, Aurelie, und bedenke, wie sehr sich mein Herz an dem heutigen Morgen nach dem Anblick des theuern, geliebten Freundes sehnte,« fiel Sidonie in leisem, bittenden Ton ein. »Wie könnte ich Dir zürnen, ich, die Dich über Alles liebt?! Doch ich beschwöre Dich, sei vorsichtig und bedenke, welche üble Folgen die Entdeckung dieses Bildes bei Dir nach sich ziehen kann! Zwar ist dem Prinzen Deine Liebe zu dem Jugendfreunde, sowie dieser selbst unbekannt, auch zeigte Albert bisher keine Eifersucht; dennoch können Umstände eintreten, die ihn mit dem Original dieses Portraits bekannt machen, und der verrathene Besitz des letzteren müßte alsdann zu gefährlichen Mißdeutungen Veranlassung geben!« —

»Ich will Dir nicht widersprechen, liebe Aurelie, da Deine Vorstellung viel Wahres enthält, das unter anderen Verhältnissen in der That die von Dir bezeichnete Bedeutung und Gefahr für mich mit sich führen könnte. Ich sage, unter anderen Verhältnissen; denn bei des Prinzen Abneigung und Gleichgiltigkeit gegen mich dürfte demselben eine solche Entdeckung kaum von irgend welchem Interesse sein.« —

»Man sollte dies voraussetzen, und dennoch werden wir oft durch die Entdeckung überrascht, daß dies nicht nur nicht der Fall ist, sondern die Selbstsucht und verletzte Eitelkeit eines solchen Mannes dadurch zur heftigsten Eifersucht herausgefordert werden, obgleich er durch die Lieblosigkeit und Vernachlässigung seiner Gattin sich ein jedes Anrecht auf ihre Liebe verscherzte. Dies, fürchte ich, dürfte auch bei dem eigenwilligen und heftigen Charakter des Prinzen zu erwarten sein, und so rathe ich, Du überlässest mir das Portrait, um einem solchen möglichen Fall vorzubeugen. Der Graf ist ja auch mein Freund, und der Besitz seines Portraits darf mir nicht verargt werden. Ich kann es Dir in jedem Augenblick einhändigen, theure Sidonie, und der Werth desselben dürfte sich für Dich nicht verringern, weil es die Hand der Freundschaft bewahrt und Du es aus dieser empfängst.« —

»Gewiß, gewiß, meine Gute, so ist es, und dennoch — — dennoch trenne ich mich so schwer von ihm. Du wirst mich verstehen. Unsere Empfindungen stimmen ja innig überein, und so bedarf es der Erinnerung nicht, daß der Liebe selbst eine wohlgemeinte Vermittlung der Freundschaft wie eine Verringerung ihres stillen Glücks erscheint,« fiel Sidonie ein.

»Ich gebe Dir Recht; doch erwäge, daß Deine Verhältnisse ein solches Opfer erfordern.« —

»Und warum? Der Prinz kümmert sich nicht um mich; meine Verwandten ebenso; warum sollte daher irgend welche Gefahr für mich in dem Besitz des Medaillons liegen, nach welchem Niemand forschen wird und kann, da man, bis auf meinen Bruder, keine Ahnung von dem tiefen Interesse hat, das mich an Bernhard fesselt?« —

»Und dennoch rathe ich Dir dazu, ja ich bitte Dich, Sidonie, laß mir das Bild!«

»Wie sehr Du mich drängst!« fiel Sidonie mit Befremden ein. »Wie Du mich drängst, mich von dem theuern Bilde zu trennen, das mir in meinen finsteren Stunden Trost und das Hoffen auf ein glücklicheres Leben in die Seele lächelt, das mir, wenn ich in meinem Leid verzweifeln will, ermuthigend zuruft: nicht zu verzagen und zu bedenken, daß mir sein Herz in treuer, unwandelbarer Liebe schlägt, das nahe und fern mit mir leidet und lebt, und vielleicht mehr als ich leidet, mich als die Gemahlin eines ungeliebten Mannes zu wissen. Siehst Du, Aurelie, so spricht dies Bild zu mir, und so spreche ich zu ihm, wenn meine beunruhigte, gepeinigte Seele sich zu ihm flüchtet, und ich werde muthiger, ruhiger, und sein Anblick zaubert mir die schöne Vergangenheit der Jugend zurück, und ich plaudere mit ihm über sie und über uns, und alle Ereignisse, geringe und bedeutsame, ziehen an mir vorüber und lassen mich das Leid der Gegenwart wenigstens für kurze Zeit vergessen. Und Du willst mir diesen Trost nehmen, willst mich des einzigen Mittels berauben, mir das Leben erträglich zu machen, wenn sich meine Seele in dem Bewußtsein eines verfehlten, unheilvollen Lebens krümmt, und sich meine Jugend, mein sittliches Gefühl und die Ehre des tief verletzten Weibes gegen die aufgebürdete, entnervende Last empört und sie mit der ganzen Gewalt des pulsenden Lebens von sich abzuwälzen bestrebt ist?«

»In meiner reinen, verzichtenden Liebe finde ich meine Religion, die mein Herz veredelt und ihm durch diese Veredlung Trost und Muth verleiht. Darum, Freundin, laß mir das Bild, ich verspreche Dir, vorsichtiger zu sein und mich dessen nur in der sichersten Einsamkeit zu erfreuen.« Sidonie hatte mit so vieler Wärme und so tiefem Gefühl gesprochen, daß Niemand ihren sanften, bittenden Worten zu widerstehen vermocht hätte, und auch Aurelie empfand die tiefe Wirkung derselben auf ihr Herz. Die in ihren Augen schimmernden Thränen waren redende Zeugen davon; dennoch wies sie diese Empfindungen von sich ab und gab nur der warnenden Stimme der Vorsicht Gehör, und darum entgegnete sie, der Prinzessin Hand ergreifend und an die Brust drückend:

»Verkenne mich nicht, Geliebte, wenn ich trotz Deiner Worte dennoch auf meiner Bitte bestehen muß. Vielleicht wirst Du dereinst, vielleicht bald meine Beharrlichkeit gerechtfertigt und natürlich finden, wenn ich Dir sage, daß ich Dir für den Verlust des Bildes einen Ersatz versprechen darf —«

Sie hielt ein und schaute Sidonie lächelnd an, sich an der Ueberraschung derselben weidend.

»Du sprichst von einem Ersatz! Was meinst Du, Liebe?« fragte die Prinzessin erregt, Aurelie voll Spannung anblickend.

»Bemühe Dich, ruhig zu bleiben, denn eine angenehme Nachricht soll Dich überraschen, auf die Du nicht vorbereitet bist und die Dein Herz daher um so tiefer berühren wird,« fuhr Aurelie freundlich und mit bewegter Stimme fort.

»So sage mir, sage mir schnell, was Du mir Gutes mitzutheilen hast!« rief die Prinzessin in gesteigerter Erregung. »Ich denke, Liebste, Du erfüllst meine Bitte und gestattest mir die Aufbewahrung des Medaillons, wenn ich Dich dagegen durch das Original desselben entschädige« — — bemerkte Aurelie mit Nachdruck.

»Was sagst Du!« rief die Prinzessin, von freudigem Schreck durchbebt. »Bernhard ist hier, ist zurückgekehrt? Ich soll ihn sehen, seine Stimme wieder vernehmen? O, Aurelie, Aurelie!«

Von dieser beglückenden Aussicht überwunden, umschlang sie die Freundin leidenschaftlich und barg das Haupt an deren Busen.

Laut pochte ihr Herz; ein nervöses Beben ging durch ihren Körper, dessen Kraft der unverhofften, so beglückenden Mittheilung nicht gewachsen war.

Aurelie ließ einige Augenblicke vorübergehen, ehe sie antwortete; sie bedurfte selbst der Sammlung; alsdann entgegnete sie:

»Fasse Dich, fasse Dich, meine theure Sidonie! Ja, Bernhard ist zurückgekehrt, ist seit gestern Abend hier und wünscht Dich im Auftrage Deines Bruders, des Herzogs, zu sprechen und Dir ein Glückwunsch-Schreiben zu Deinem Geburtstage zu überreichen.«

»O, welch ein glücklicher Tag!« fiel Sidonie bewegt ein. »Kaum wage ich an seine Wirklichkeit zu glauben.«

»Ueberzeuge Dich selbst. Hier ist Bernhard’s Brief, den ich gestern am Abend empfing und in welchem er mir seine Anwesenheit und Sendung an Dich anzeigt und mich fragt, in welcher Weise er sich der letzteren entledigen soll.« »Gieb, gieb!« rief Sidonie, sich hastig aufrichtend, und nahm mit zitternden Händen das ihr dargereichte Schreiben. »Ja, ja, seine Schrift, ja, ja, seine Worte!« fuhr sie in jauchzendem Ton fort, den Brief mit zärtlichen Blicken betrachtend. »Nach Jahren, nach drei langen, langen Jahren das erste Lebenszeichen von dem Freunde! O, konnte mir der Himmel ein süßeres Geschenk an dem heutigen Tage gewähren?! Nein, o nein! Wie bin ich ihm dankbar für seine Güte, die mir ein Zeichen ist, daß er mein bekümmertes Herz nicht vergessen hat. Lies, lies die lieben Worte, Aurelie; ich vermag es nicht,« bat Sidonie und reichte den Brief der Freundin dar, den sie jedoch mit Aurelien gemeinschaftlich hielt und, während diese mit leiser Stimme las, jeden Satz mit den Blicken verfolgte und unhörbar nachsprach.

Der Brief war kurz und enthielt nur die bereits von Aurelien bezeichnete Mittheilung unter Beobachtung der üblichen Formen, indem er jede, auch die leiseste Beziehung auf das zwischen ihnen bestehende freundschaftliche Verhältniß ausschloß.

»Wie förmlich seine Worte sind und der Freundschaft zu Dir nicht gedenken!« bemerkte Sidonie, nachdem sie die Durchsicht des Schreibens beendet hatten.

»Bernhard konnte nicht anders, und ich lobe ihn seiner Vorsicht halber. Seine Worte sind mit großem Bedacht geschrieben, wie es die Verhältnisse bedingen. Er konnte nicht wissen, ob der Brief außer von mir nicht auch noch von anderen Personen gelesen würde, und zeigt sich daher in diesem Briefe lediglich als den Gesandten des Fürsten, in dessen Auftrag er erschienen ist,« gab Aurelie zu bedenken.

»Ich erkenne, er hat recht gethan, wenn mir auch die Abgemessenheit seines Styls anfangs nicht zusagte. O, mein von dem langen Weh durchkältetes Herz verlangt ungestüm nach dem warmen Liebeswort, um sich daran zu erquicken; darum befriedigten mich seine Worte nicht. Ich sehe jedoch meine Unbilligkeit ein. Gewiß, gewiß, er konnte nicht anders. Was der Gesandte des Fürsten zu sagen hatte, hat er ausgesprochen; was der Freund, was sein Herz zu sprechen hat, durfte nicht durch die Schrift ausgedrückt werden, das mußte von Lippe zu Lippe, von Herz zu Herzen gehen,« fiel Sidonie eifrig ein und fügte alsdann hinzu: »Und was hast Du ihm geantwortet?«

»Ich habe ihm geantwortet, daß es Dein Wunsch ist, ihn um die eilfte Stunde in Gegenwart des Hofes zu empfangen und das Schreiben des Herzogs, sowie die mündlichen Aufträge desselben entgegen zu nehmen,« entgegnete Aurelie mit Betonung.

»O, mein Gott!« seufzte Sidonie bestürzt.

»Beruhige Dich, meine Freundin; es mußte so sein. Ich erkannte jedoch auch die Nothwendigkeit, daß Du ihn vorher sehen und sprechen müßtest,« fuhr Aurelie fort.

»Von Herzen danke ich Dir!« rief Sidonie und umarmte die Freundin. »Du wußtest, wie es sein mußte, sollte ich mich nicht verrathen, was jedenfalls geschehen wäre, hätte ich ihn zum ersten Mal vor dem ganzen Hof empfangen müssen. O, wie süß und schön wird jetzt das Wiedersehen sein! Wie übermannt mich der Gedanke, den lang entbehrten Freund, den ich nicht mehr zu sehen erwartete, nun als Boten der Liebe zu schauen und Auge in Auge der schönen Vergangenheit schweigend zu gedenken. — — Doch wie richten wir es ein, um seinen Besuch zu verheimlichen? Erführe die Oberhofmeisterin diesen Verstoß gegen die Etikette, so würde sie sogleich Argwohn schöpfen. Du weißt, sie beobachtet mich mit der Begier, jede Regung meines Herzens zu entdecken und sich in mein Vertrauen zu stehlen, um Herrschaft über mich zu gewinnen. Verderbt, wie sie und das Leben hier am Hofe und in der Residenz ist, glaubt sie an keine Tugend des Weibes und ersehnt daher den Augenblick, in welchem ich eine Schwäche zeige, um über mich zu triumphiren und ihren Vertrauten in die Ohren zu flüstern, daß ich eine Scheinheilige wäre, wie alle Anderen, und meine Sittlichkeit mir daher keinen Platz über ihnen gestattet. Du kennst das Alles; nun sage, wie soll es mir möglich werden, den Grafen vorher unbeobachtet zu sprechen?«

»Ich habe alle diese Dinge natürlich genau erwogen und den Grafen zugleich gebeten, mich um die neunte Stunde zu besuchen, um ihm noch Näheres über die gewünschte Audienz mitzutheilen,« entgegnete Aurelie, zögerte jedoch fortzufahren, indem sie die Prinzessin bedeutsam anblickte.

»O, ich verstehe, Du Gute!« fiel Sidonie leise und freudig ein und drückte der Freundin die Hand. »Ich bin überzeugt, von Bernhard verstanden zu sein, und so wird er sich bemühen, ohne Aufsehen zu mir zu gelangen. Aus meinem Zimmer werde ich ihn dann nach dem Blumenhaus führen, dasselbe grenzt an den Gartensaal und ist durch eine offene Thür mit dem letzteren verbunden. Der Prinz ist nicht hier und wird wahrscheinlich erst um die Mittagszeit zurückkehren; seine Diener und Beamten betreten den von Dir bewohnten Flügel des Schlosses nicht, eben so wenig den Gartensaal oder das Blumenzimmer. Die Oberhofmeisterin und die übrigen Hofdamen erscheinen erst gegen die zwölfte Stunde und es ist von ihnen daher keine Störung zu befürchten. Komm’, meine theure Sidonie, um die bezeichnete Zeit unter dem Vorwande eines Spazierganges nach dem Saal, und ich hoffe, Du wirst Bernhard dort alsdann ohne Zeugen sehen und sprechen können.« —

Mit glänzenden Augen hatte Sidonie dem Munde der Freundin die mitgetheilten Worte abgelauscht, ab und zu mit dem lieblichen Haupt beifällig nickend; als Aurelie endete, schloß sie diese bewegt und schweigend in die Arme; ihr fehlten die Worte zum Ausdruck des dankbar und freudig bewegten Herzens.

»Ich denke, Du hast nichts zu besorgen und Alles wird sich nach unseren Wünschen fügen,« fuhr Aurelie fort. »Wie sehr freue ich mich über des Prinzen Abwesenheit, die es uns möglich macht, eine solche Begegnung zwischen euch herbei zu führen. O, ich gestehe Dir offen, meine theure Sidonie, der Gedanke, Du solltest den Grafen in Gegenwart des Hofes zum ersten Mal wiedersehen, hat mich schwer beunruhigt, bis ich mich von der Nothwendigkeit überzeugte, die kleinere, unbestimmte Gefahr der größeren und gewissen vorzuziehen. Denn Dein Zusammentreffen mit dem Grafen in dem Gartensaal kann als die kleinere bezeichnet werden; jedenfalls würde Dich für den Fall eines Verraths keine Schuld treffen, sondern diese lediglich auf mich gewälzt werden, und ich denke, ich werde mich zu entschuldigen wissen. Geh’ nun an Deine Toilette, meine Freundin. Es ist bereits acht Uhr; in einer Stunde also führe ich Dir den Freund zu.«

Nachdem die beiden Frauen noch einige leise Worte über diese Angelegenheit gewechselt hatten, begab sich die Prinzessin nach dem Ankleidezimmer, woselbst ihrer bereits die mit der Toilette betrauten Dienerinnen harrten.

Fräulein von Ketten schaute ihr in schmerzlicher Bewegung und gedankenvoll nach und entfernte sich alsdann gleichfalls. In der Hand barg sie das bedeutsame Medaillon, das sie beim Betreten ihrer Wohnung in einer Cassette verschloß, deren Schlüssel sie stets bei sich zu tragen pflegte.

Eine große Sorge schien ihr Herz zu erleichtern, nachdem dies geschehen war.

Ehe sie das Medaillon bewahrte, hatte sie dasselbe mit großer Theilnahme betrachtet und dabei seufzend die bedeutsamen Worte vor sich hingesprochen:

»Armer Bernhard, unglückliche Sidonie!« Diese Worte des innigsten Bedauerns waren leider nur zu sehr gerechtfertigt.

Prinzessin Sidonie war die Tochter eines regierenden Herzogs und seit drei Jahren mit dem Prinzen Albert vermählt. Diese Verbindung war auf den Wunsch des Oheims des Prinzen, des regierenden Fürsten, zu Stande gekommen und konnte keine glückliche genannt werden, da die Neigungen und Charaktere der beiden Gatten eine viel zu verschiedene waren, als daß man von diesem Bunde Heil erwarten durfte. Es war zur Zeit Ludwig des Fünfzehnten, einer Zeit der höchsten Entsittlichung, namentlich an dem französischen Hofe, worin demselben die deutschen Höfe nachzuahmen bestrebt waren, wie in den französischen Gebräuchen und Moden. Dies war auch am Hofe des Fürsten im ganzen Umfange der Fall, und Prinz Albert huldigte dem frivolen Zeitgeist mit ganzer Hingabe.

Sidonie war an dem kleinen Hofe ihres Vaters erzogen und hatte sich, unberührt von jenen Einflüssen, die ihrem Elternhaus fern blieben, zur sittenreinen Jungfrau entwickelt. Ausgestattet mit einer Fülle weiblicher Reize, einem für alles Schöne und Edle empfänglichen Geist und unbekannt mit dem sittenlosen Treiben an den Höfen, hatte sie still und harmlos gelebt, gepflegt von der liebenden Elternhand und der nicht minder liebenden Hand der Freundschaft.

Ihr Herz fühlte sich in dem engen Kreise ihrer Familie, in dem unbeschränkten Genuß der sich ihr in großer Schönheit darbietenden Natur und in dem eben so unbeschränkten Umgang mit ihren Jugendfreundinnen und Freunden vollkommen befriedigt, und es drang nicht die leiseste Ahnung in ihre unbefangene Seele, ihr glückliches Leben könnte jemals enden oder eine unheilvolle Wendung nehmen. Dieser beglückende Glaube fand um so mehr Raum in ihrem reinen Herzen, da sie, fern von aller Eitelkeit und dem Ehrgeiz, eine hervorragende Rolle zu spielen und also einst einem bedeutenden Fürsten verbunden zu werden, sich in der Hoffnung beglückt und befriedigt fühlte, dem Manne ihrer Liebe dereinst angehören zu dürfen.

Graf Bernhard Römer war dieser Mann, der, um etwa zehn Jahre älter als sie, ihre Zuneigung in hohem Grade gewonnen hatte. Ihre Liebe zu ihm keimte bereits in dem Kindesherzen und entwickelte sich in der heranreifenden Jungfrau, durch die eigenthümlichen Umstände begünstigt und genährt, zur schönsten Blüthe.

Der Graf war nämlich ein an dem Hofe von Sidoniens Vater gern gesehener Gast und fand dadurch Gelegenheit, dem aufblühenden Mädchen häufig nahe zu sein, das von seiner edlen, ritterlichen Persönlichkeit, von seinem männlichen, ernsten, durch Milde und Seelengüte verschönten Wesen um so stärker angezogen wurde, da sie ein unbefangenes und für das Edle empfängliches Herz besaß, das in jeder Hinsicht mit dem seinen übereinstimmte. Mit jener vertraulichen Unbefangenheit, welche der reizende Vorzug eines reinen weiblichen Herzens zu sein pflegt, kam ihm Sidonie entgegen, und der Graf nahm das ehrende Geschenk des Vertrauens und der Achtung um so dankbarer an, da er Sidonie schon als Kind geliebt und sich seine Neigung während ihrer reizenden Entwicklung zur Jungfrau nur noch gesteigert hatte.

Er war jedoch besonnen und edel genug, ihr seine Neigung zu verhehlen und sich ihr gegenüber stets als der achtungsvolle Freund zu zeigen, wie es sich für ihn im Hinblick auf ihren fürstlichen Stand geziemte. Fühlte er sich auch durch ihre liebende Hingebung hochbeglückt und verlieh ihm dieselbe einen gewissen Anspruch auf ihren Besitz, so übersah er dennoch nicht, daß ihre Schönheit und Liebenswürdigkeit sie zu einer hohen Stellung berechtigten, und erachtete es für eine Ehrenpflicht, ihr bei dem Eintreten einer solchen Wendung das Entsagen seiner Liebe durch ein Geständniß oder Entgegenkommen nicht zu erschweren, oder vielleicht unmöglich zu machen. Der Graf liebte zu tief und zu rein, um jemals das Wohl Sidoniens aus dem Auge zu verlieren. Die Eltern der Letzteren ahnten von der gegenseitigen Zuneigung nichts; das zwischen beiden bestehende freundschaftliche Verhältniß erschien natürlich, da es sich bereits seit der Kindheit der Prinzessin gebildet und man sich also mit der Zeit daran gewöhnt hatte.

Ueberdies schätzten sie des Grafen Umgang besonders hoch, da derselbe nicht nur unterhaltend war, sondern auch auf Sidoniens geistige Entwicklung einen nicht unwichtigen Einfluß ausübte.

Denn der Graf bot eine sehr lobenswerthe Ausnahme unter seinen Standesgenossen dar, indem er, was in jener Zeit sehr selten geschah, sich eine wissenschaftliche Bildung angeeignet hatte und den damals üblichen, ziemlich rohen und seichten Belustigungen des Adels nichts weniger als huldigte. Seine ganze Naturanlage hielt ihn davon zurück, ebenso seine Vorliebe für Künste und Wissenschaften. Sein Wesen war ernst und zurückhaltend, doch auch herzlich und entgegenkommend, sobald er sich Gleichgesinnten nahte, die seine Seele sympathisch berührten.

Ein nicht geringerer Vorzug war sein fester, besonnener Charakter und die ihm innewohnende Energie, mit welcher er seine Absichten und seinen Willen durchführte. Trotz der eben bezeichneten edeln Entschlüsse hatte der Graf dennoch nicht auf das Glück der Liebe und den Besitz der Prinzessin verzichtet. Denn welche Liebe wäre ohne alle Hoffnung, ihre heißen Wünsche erfüllt zu sehen! — Von Sidoniens voller Hingabe überzeugt und ebenso überzeugt, daß sie selbst die glänzendste Stellung ihrer Liebe mit Freuden opfern würde, däuchte seinem Selbstgefühl Sidoniens fürstlicher Stand kein unbesiegbares Hinderniß.

Seine Familie gehörte zu dem ältesten und begütertsten Adel, war hochangesehen bei seinem Fürsten und ein Zweig derselben bereits mit einem regierenden Fürstenhause durch Vermählung verbunden.

Was ihn jedoch zu der bezeichneten Zurückhaltung gegen Sidonie ganz besonders bewog, waren die von dem Herzog zufällig gemachten Andeutungen über die Berechtigung seiner Tochter zu einer glänzenden Stellung, zu welcher ihn die sich immer reicher und schöner entfaltenden Vorzüge Sidoniens zu veranlassen schienen.

Es wiederholt sich dasjenige in den fürstlichen Familien, was ein Gegenstand hohen Interesses in allen anderen Ständen zu sein pflegt: man bemüht sich, seinen Kindern eine vornehmere und glänzendere Lebensstellung, als es die eigene ist, zu verschaffen, indem man dadurch für sich selbst ein höheres Ansehen zu erzielen hofft, ganz abgesehen von dem natürlichen Verlangen, seine Kinder dadurch zu beglücken. Der Herzog besaß nur diese eine Tochter und außerdem zwei Söhne, von welchen der älteste ihm einst in der Regentschaft folgte und der jüngere eine militärische Stellung in dem Heere des Oheims des Prinzen Albert einnahm; es konnte also nur durch Sidonie seinem Hofe dereinst ein vermehrter Glanz durch die Vermählung mit einem mächtigen Fürsten verliehen werden.

Dem Grafen war dies Alles bekannt, und es stand der Entschluß daher in ihm fest, bis zu dem Zeitpunkt, in welchem Sidonie ein gereifteres Alter erreicht hatte, ruhig auszuharren und dem Weiteren entgegen zu sehen, ehe er mit seiner Werbung vorging.

Bewahrte sie ihm ihre Liebe und bestätigten sich die Voraussetzungen des Herzogs nicht, so hoffte er alsdann mit um so größerer Sicherheit auf Erfolg seinen Antrag machen zu können.

Ueberdies däuchte ihm das Harren nicht zu schwer.

Seine Besitzung lag an der Grenze des kleinen, in einer Stunde zu erreichenden herzoglichen Hofes und gestattete ihm daher den lebhaftesten Verkehr mit der Geliebten; er entbehrte sie daher nicht und fühlte sich in ihrem Umgange beglückt. In ihrer Liebe besaß er sie ja; jeder neue Tag, den er mit ihr verlebte, überzeugte ihn immer mehr davon, überzeugte ihn, wie weit entfernt Sidonie war, die Pläne ihres Vaters zu theilen, ja nicht einmal zu ahnen.

So hatte die Prinzessin das achtzehnte Jahr erreicht und sich zur reizenden Jungfrau entfaltet, worauf ihre Liebe zu dem Grafen und dessen bildender Umgang einen sehr wesentlichen Einfluß ausgeübt hatten. Mit stiller Wonne ruhte des Grafen Auge auf ihr, sei’s, wenn er mit ihr plaudernd den Garten durchwanderte, oder ihre Pferde auf weiteren Ausflügen neben einander gingen, und vielleicht mehr noch, wenn ein ernstes Gespräch sie vereinte, oder Sidonie ein Lied sang und mit der Harfe begleitete, die sie meisterhaft spielte.

Ein so inniger Umgang war nur zu sehr geeignet, ihre Seelen mit der Zeit immer fester zu verketten und sie mit dem heißen Wunsch zu erfüllen, es möchte ihr Glück nie und nie aufhören.

Sidonie hatte sich darin bereits so ganz eingelebt, daß ihr der Gedanke durchaus fern lag, es könnte jemals anders werden; denn so sehr auch der Graf bemüht war, ihr seine Zuneigung durch ein stets achtungsvolles und zurückhaltendes Benehmen zu verhüllen, hatte sie dennoch mit dem ihr innewohnenden Feingefühl schon lange seine Liebe zu ihr erkannt und gehörte ihm darum mit ganzer Seele an.

Zweites Kapitel.

Was der Graf vorausgesehen, traf sehr bald ein, Der Ruf von Sidoniens Liebenswürdigkeit verbreitete sich und zog einen und den andern Fürstensohn an des Herzogs Hof, der in der Absicht kam, sich um sie zu bewerben. Alle verließen denselben jedoch, ohne ihre Wünsche erfüllt zu sehen; Sidoniens Benehmen hatte ihnen jede Hoffnung genommen, irgend welchen Eindruck auf sie gemacht zu haben.

Dem Herzog war das durchaus genehm, da die Bewerber nicht nach seinem Sinn und Söhne nur unbedeutender Fürstenhäuser waren.

Diese Bewerbungen übten jedoch auf Sidonie einen besondern Einfluß aus, indem sie durch dieselben zu der Betrachtung geleitet wurde, warum der Graf nicht bei ihren Eltern um ihre Hand warb, um ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen. Was konnte ihn davon abhalten? so fragte sie sich; wußte er nicht, daß sie ihn liebte und ihm angehören wollte, und liebte er sie nicht auch? — Weshalb zögerte er daher, das sie so beglückende Wort auszusprechen? — Sie konnte es nicht begreifen; hegte jedoch zu viel Vertrauen und Achtung vor ihm, um sich seinem Willen nicht gern zu unterwerfen. Gewiß, so sagte sie sich, hatte der Graf bestimmte Gründe, die ihn davon zurückhielten.

So wollte sie sich geduldig fügen, und that dies um so bereitwilliger, da sie überzeugt war, früher oder später ihm anzugehören. Sie ahnte des Grafen Entschlüsse in dieser Beziehung nicht, und wurde in ihren Erwartungen um so mehr befestigt, da ihr Vater die Ablehnung der stattgehabten Bewerbungen billigte, indem ihr dieser Umstand zugleich als der sichere Beweis diente, daß man sie bereits als die künftige Gemahlin des Grafen betrachtete. Um so unbesorgter gab sie sich ihrer Liebe und den angenehmsten Hoffnungen für die Zukunft hin.

Sie sollte leider sehr bald zur Einsicht ihrer lieblichen Täuschungen gelangen.

Des Prinzen Albert Oheim war zwar vermählt, seine Ehe jedoch kinderlos geblieben, auch befand sich das fürstliche Ehepaar in einem so hohen Alter, daß auf eine Nachfolge nicht mehr gerechnet werden durfte.

Der Fürst hatte daher nach dem Tode seines Bruders, des rechtmäßigen Thronfolgers, den ältesten Sohn desselben, den Prinzen Albert, als seinen Nachfolger den Ständen des Reichs bezeichnet, der seitdem als der künftige Regent betrachtet wurde. Diese Bestimmung entsprach zwar dem Staatsgesetz; es fragte sich jedoch, ob sich das Volk zu derselben Glück wünschen durfte. Leider wurde diese Frage im Allgemeinen verneint, und mit nicht eben geringer Besorgniß sah man dem Augenblick entgegen, in welchem Prinz Albert den Thron besteigen würde.

Das bisherige ausschweifende Leben des Prinzen, seine Abneigung für ernste Staatsgeschäfte, noch mehr sein leichtsinniger, jähzorniger Charakter, der sich eben so wechselnd wie seine Neigungen und Launen zeigte, die übelste Schwäche eines Fürsten, Schmeichlern und Heuchlern gern Gehör zu schenken, waren wenig geeignete Momente, um zu der Erwartung zu berechtigen, ein mit dergleichen Schwächen und Fehlern behafteter Mann könnte einst ein guter Regent werden.

Alle die genannten Fehler und vielleicht noch andere mehr waren dem Prinzen eigen, die sich mit dem Augenblick gewiß noch erhöhten, in welchem er sich als einstigen Regenten betrachten durfte. Nicht nur wurde ihm eine namhafte Apanage bewilligt, die ihm die Mittel gewährte, seinen übeln Neigungen nachzugehen, sondern dem künftigen Regenten standen auch alle Kassen offen, und die Geldleute drängten sich an ihn, um sich der Ehre zu erfreuen, denselben unter die Zahl ihrer Schuldner zählen und daraus die besten Vortheile für die Folge ziehen zu können. Der herabgekommene und verarmte Adel, die aus fremden Ländern nach der Residenz geströmten Parvenus, welche daselbst Carrière zu machen hofften und zu denen besonders Paris ein namhaftes, in alle Ausschweifungen eingeweihtes Contingent lieferte, reihten sich den Geldleuten an. Diese Leute drängten sich in die Nähe des Prinzen, um nicht nur sein genußvolles Leben zu theilen, sondern sich ihm auch durch allerlei gewünschte Dienste zu verbinden und diesen fester an sich zu fesseln, um dereinst durch einträgliche Staatsämter ihren zerrütteten Finanzen und dem verblichenen Glanz ihres Hauses aufzuhelfen.

Daß die Frauen dabei eine sehr wichtige Rolle spielten, darf kaum bemerkt werden, und des Prinzen Freunde waren bedacht, seine Vorliebe für dieselben in ihrem eigenen Nutzen zu verwerthen, indem sie ihm nicht nur die galanten Damen des Ballets, sondern auch selbst diejenigen aus ihren eigenen Familien zuführten.

Eine Schaar verführerischer Odalisken hatte sich an des Fürsten Hof gedrängt, und es gehörte nicht zu den Seltenheiten, an einem und dem andern deutschen Hof eine zweite Madame Pompadour zu finden, der, wie am Hofe Ludwig des Fünfzehnten, die rechtmäßige Gemahlin hintenan gesetzt wurde.

Es war damals Hofton, das Beispiel des französischen Königs nachzuahmen, indem man, über jedes Sittengesetz erhaben, dergleichen eben so kostspielige als verderbliche Einrichtungen als selbstverständlich betrachtete, wie man dies hinsichts einer herrschenden Mode zu thun pflegt. Ja, man war nur zu sehr geneigt, diejenigen zu bespötteln, welche die Moral über die gebräuchliche und als vornehm und fürstlich bezeichnete Sitte zu stellen sich bewogen fühlten.

Es darf kaum bemerkt werden, daß die letztere sich nicht auf die Höfe allein beschränkte, sondern in alle Schichten der Gesellschaft drang und so die besseren und edleren Gefühle untergrub.

Die Genußsucht bedurfte zu ihrer Befriedigung Mittel, und so war alles Thun und Trachten auf die Beschaffung derselben gerichtet, um sich der ersteren nach Wünschen hingeben zu können. Alle Wege, dieselben mochten noch so verwerflicher Art sein, wurden dazu eingeschlagen, gleichviel, ob dabei die Ehre verunglimpft, die Unschuld geopfert und die heiligsten Bande zerrissen wurden.

Die Selbstsucht frägt nicht nach den Mitteln zur Erreichung ihrer Zwecke, und diese war damals in erschreckender Weise ausgebildet.

Der Oheim des Prinzen hatte selbst eine stürmisch durchlebte Jugend hinter sich und war daher an den herrschenden Ton gewöhnt und weit entfernt, die Menschen, die er wenig achtete, bessern zu wollen. Ein Freund der Wissenschaften und obenein Cyniker, lagen ihm dergleichen Bestrebungen fern. Trotzdem war er ein vortrefflicher Regent und bei dem Volk beliebt.

Unter den angegebenen Umständen wird es daher natürlich erscheinen, daß der Fürst die Ausschweifungen seines Neffen übersah, der eigenen Jugend gedenkend und im Hinblick auf den herrschenden Zeitgeist.

Mit der Zeit jedoch, als sich des Prinzen zügelloses Leben steigerte, machte sich in ihm die Sorge für die Erbfolge geltend, da dieselbe lediglich auf seinem Neffen ruhte und, falls dieser kinderlos starb, auf eine Nebenlinie des fürstlichen Hauses übergehen mußte.

Das wäre dem Fürsten jedoch sehr unwillkommen gewesen, und darum war es sein Wunsch, seinen Neffen sobald als möglich verheirathet zu sehen. Er verband damit zugleich die wohlmeinende Absicht, den Letzteren dadurch seinem Treiben zu entziehen und durch die Liebenswürdigkeit seiner Gemahlin und das Familienleben einem würdigeren Streben zuzuführen. Denn trotz der seinem Neffen geschenkten Rücksicht übersah er dennoch die Nothwendigkeit nicht, daß der künftige Regent sich mit der Staatsverwaltung näher vertraut mache, um dereinst nicht lediglich von den Ministern und Staatsdienern abzuhängen.

Und so geschah es, daß, nachdem er den Prinzen in einer vertraulichen Unterredung auf alle die näher bezeichneten Umstände eindringlich aufmerksam gemacht hatte, er zugleich den bestimmten Willen aussprach, derselbe sollte sich sobald als möglich vermählen.

Waren dem Prinzen die Vorstellungen seines Oheims, sich um die Staatsgeschäfte fleißiger und anhaltender zu kümmern, schon unangenehm, so widerstrebte ihm der Gedanke einer Vermählung noch viel mehr, indem er in derselben das unwillkommene Hinderniß erblickte, seinen Neigungen unbeschränkt nachgehen zu können.

Der Prinz stand damals in dem vierundzwanzigsten Jahre, war ein kräftiger, schöner Mann, dem die Frauenherzen entgegen schlugen, durch und durch ein Sinnenmensch, dessen Dichten und Trachten lediglich auf die Befriedigung seiner lebhaften Triebe gerichtet war: wie sollte ihm da eine Gemahlin erwünscht sein! —

Doch der Wille seines Oheims gestattete keinen Widerspruch, ebenso erkannte er die Nothwendigkeit der Vermählung, und unterwarf sich daher, wenngleich mit großer Ueberwindung, der getroffenen Bestimmung, jedoch mit dem beruhigenden Vorsatz, sich durch seine künftige Gemahlin in seinem Treiben keine Beschränkung auferlegen zu lassen.

Sein Leichtsinn fand hierin keine Bedenken und war weit entfernt zu erwägen, welche Rücksichten er gegen seine künftige Gattin zu nehmen verpflichtet sei, und welche Berechtigung sie auf dieselben durch die Vermählung mit ihm erhielt. Von ehelichem Glück hatte der Prinz überdies keine Vorstellung, denn ihm war ein solches weder an den Höfen noch unter andern Verhältnissen bekannt geworden und hatte etwa seine Aufmerksamkeit beansprucht. Er betrachtete daher seine Vermählung lediglich als eine Staatsangelegenheit, was sie, wie ihm bekannt, in vielen andern Fällen auch nur war. Daß dabei das Lebensglück der Erwählten in Frage gestellt wurde, war ihm ziemlich gleichgiltig. Seiner Ansicht nach waren die Frauen lediglich nur dazu auf der Welt, um den Zwecken der Männer zu dienen.

Als der Prinz seinen Freunden die Absicht des Fürsten mittheilte und sich ihnen lachend als baldigen Ehemann vorstellte, antworteten ihm cynische Scherze, Unglauben und die Besorgniß, daß es nun mit dem schönen freien Junggesellenleben ein Ende nehmen würde, worauf der Prinz sie mit der Versicherung beruhigte, auch als Ehemann sein genußreiches Leben unverändert fortsetzen zu wollen und zwar im Verein seiner alten, ihm so liebgewordenen Freunde.

Lauter, beifälliger Jubel ertönte auf dieses, wie man es nannte, würdige Versprechen, und die Stunde wurde zum Dank dafür und zu Ehren des Prinzen unter den raffinirtesten Genüssen hingebracht, gleichsam um die Kostbarkeit derselben dem Gemüth des hohen Freundes noch tiefer einzuprägen und sein Begehren nach dessen Wiederholungen wo möglich noch zu steigern.

Die Sorge um des Prinzen künftige Gemahlin hatte der Fürst auf sich genommen, nachdem sein Neffe die Billigung dazu um so lieber ausgesprochen hatte, da er weder irgend eine Fürstin bevorzugte, noch auch die Lust fühlte, die Wahl nach seinen eigenen Neigungen zu treffen. So ließ denn der Fürst durch einen Vertrauten nach einer geeigneten Dame forschen, und der Ruf von Sidoniens vortrefflichen Eigenschaften bewog denselben, auch des Herzogs Hof zu besuchen. Es bedurfte nur einer kurzen Beobachtung von Seiten des Agenten, um zu erkennen, daß so viele Schönheit und Liebenswürdigkeit, wie er sie bei der Prinzessin zu bewundern Gelegenheit fand, des Fürsten Beifall erhalten müßte, und er beeilte sich daher, diesem mitzutheilen, daß die Wirklichkeit das Gerücht in Bezug auf Sidonie noch bei Weitem überträfe. Seinem Bericht von dem vortrefflichen Charakter der Prinzessin an den Fürsten wurde das Portrait derselben beigefügt, und beide gewannen sich den Beifall des Ersteren in so hohem Grade, daß dieser sich beeilte, den Prinzen sofort damit bekannt zu machen und ihm Sidonie zugleich als seine künftige Gemahlin vorzuschlagen. Das liebliche Portrait verfehlte seine Wirkung auf den Prinzen nicht; dasselbe gefiel ihm in so weit, als es ihm den Genuß einer so reizenden Mädchenblüthe begehrenswerth machte und ihn die in dem Bilde sich kundgebende Unschuld und Anspruchslosigkeit zugleich mit der Voraussetzung erfüllte, er würde in Sidonien die einfache, duldsame Gemahlin finden, wie er sie eben im Hinblick auf seine Neigungen bedurfte.

Er gab daher dem Fürsten seine Zustimmung zu der getroffenen Wahl zu erkennen, und der Erstere, erfreut, seinen Wunsch so schnell und in so befriedigender Weise erfüllt zu sehen, ließ die weiteren Verhandlungen durch den Agenten betreiben.

Der Herzog, durch den Letzteren sogleich mit des Fürsten Werbung bekannt gemacht, erklärte sich gern damit einverstanden, da dadurch zugleich seine eigenen Hoffnungen und Wünsche in der besten Weise erfüllt wurden.

Bald waren die beiden Höfe zu dem vollsten Einverständniß in dieser Beziehung gelangt und es war nur noch erforderlich, die künftigen Gatten mit einander persönlich bekannt zu machen. Um diesen Zweck zu erreichen, lud ein gütiges Handbillet des Fürsten den Herzog mit seiner Familie an den Hof, indem der Erstere zugleich die Hoffnung aussprach, bei dieser angenehmen Gelegenheit das Fest der Verlobung feiern zu können.

Erst jetzt fand es der Herzog für gut, Sidonie mit dem Geschehenen bekannt zu machen und ihr zugleich seine Freude über das Glück auszudrücken, welches ihr durch eine so glänzende Stellung, die künftige Regentin eines mächtigen Staates zu werden, geboten wurde. Zugleich händigte er ihr des Prinzen Portrait mit dem Bemerken ein, daß ihr künftiger Gemahl nicht nur ein angesehener Fürst, sondern auch ein schöner Mann sei.

In der tiefsten Seele dadurch erschüttert, stand Sidonie bleich und wortlos vor ihren Eltern, die sie mit Ueberraschung anschauten und dadurch zu erkennen gaben, wie wenig sie mit ihrer Liebe zu dem Grafen bekannt waren.

Ihr Befremden steigerte sich, als Sidonie bestimmt erklärte, den Prinzen nicht heirathen zu können und von dessen Portrait nicht im geringsten angenehm berührt worden zu sein.

Der Herzog forschte nach den Gründen ihrer Abneigung und wurde ungehalten, als Sidonie den Wunsch aussprach, nur dem Gatten ihrer Wahl angehören zu dürfen, eine Abneigung gegen den Prinzen zu empfinden und eben so wenig das geringste Verlangen nach der ihr in Aussicht gestellten glänzenden Stellung zu hegen.

Ihre Vorstellungen waren jedoch vergebens. Der Herzog erinnerte sie, daß ihr Herz den großen Vortheilen gegenüber, die diese Verbindung mit dem angesehenen Fürstenhause seiner Familie verschafften, unmöglich in Frage kommen könne, er dem Fürsten bereits seine Zustimmung zu dieser Vermählung zu erkennen gegeben habe, eine Weigerung von ihrer Seite daher nicht mehr gestattet sei. Er vermochte nicht einzusehen, daß ein so schöner Mann, wie der Prinz, ihren Beifall nicht gefunden haben könnte, und so schloß er seine Erörterungen mit dem bestimmten Verlangen, Sidonie möge sich in die Lage finden und auf die gewünschte Zusammenkunft mit dem Prinzen vorbereiten.

So jäh und unvorbereitet aus ihren süßen Hoffnungen gerissen, das Herz mit aller Innigkeit an ihre Liebe gefesselt, stand Sidonie betäubt, vernichtet, rathlos da.

Ihr däuchte das Vernommene ein wüster, erschreckender Traum, der zu einem lieblichen Erwachen führen müßte; denn wie sollte plötzlich der eisige Winter über den blumigen Frühling hereinbrechen können! — Das wäre gegen jedes Gesetz der Natur, gegen die Liebe des Schöpfers, gegen Alles, was auf Erden athmet und sich der Güte eines allliebenden Gottes erfreut, gewesen.

Aber das gehoffte Erwachen blieb ihr fern; die eisige Wirklichkeit wehte hin über ihre liebliche Frühlingsseele und führte sie an ihrer kalten Hand an das dunkle, unheimliche Grab ihrer Liebe und ließ sie in die Tiefe schauen, woselbst jene ruhen sollte, ruhen auf ewige Zeiten, ohne Licht und Leben, ohne Glück und Freude, ohne Blüthen und Frucht. O wie tief, wie unendlich tief trifft der erste große Schmerz des Lebens das unbefangene, unerfahrene Herz, um wie viel tiefer, wenn dieser Schmerz dem heiligsten Gefühl unserer Jugend, der ersten, reinen Liebe gilt! —

Mit Blumen und Kränzen schmücken wir des Jünglings, der Jungfrau Sarg, die wir so früh gegen das Gesetz des Lebens dem Vergehen anheimgaben; die junge Liebe jedoch, die wir vor ihrem Entfalten gleich der gestorbenen Jugend in der still gewordenen Brust zur Ruhe betten müssen, die nimmt das Beste unserer Seele mit, den ganzen blumigen Frühling unseres Lebens! —

So war es mit Sidonien.

Des freudigen, lebensvollen Herzens Jubel war verstummt, das frische, wechselnde Leben darin verschwunden, die Ueberfülle der Genüsse in der Natur und in der eigenen Seele einer stillen, ängstigenden Einsamkeit gewichen, wie es geschieht, wenn wir einen Geliebten aus unseren Räumen zur Gruft getragen haben.

Aber Sidonie entbehrte nicht den Trost und das Mitgefühl einer treuen, aufrichtigen Freundin, an deren Brust sie sich ausweinen und das Geheimniß ihrer Seele aushauchen durfte.

Diese Freundin war Fräulein von Ketten, ihre Gesellschafterin seit Jahr und Tag und gegenwärtig ihre Hofdame. Aurelie war fast um zehn Jahre älter als die Prinzessin, und ausgestattet mit einem gebildeten Geist, einem reinen und edeln Gemüth.

Von dem lieblichen Fürstenkinde sogleich angezogen, verwandelte sich diese Zuneigung bald in die innigste Freundschaft, in die vollste Hingebung an Sidonie, wofür ihr diese eine nicht mindere Zuneigung entgegen brachte.

Aurelie war der Prinzessin nicht nur eine angenehme Gesellschafterin, sondern auch die rathende und belehrende Freundin, der sich Sidonie gern unterwarf, von der Vortrefflichkeit der gegebenen Rathschläge überzeugt.

So war es denn auch geschehen, daß Aurelie der Prinzessin die Wünsche des Herzogs, sie mit einem angesehenen Fürsten dereinst zu vermählen, bisweilen angedeutet hatte, ohne daß es ihr jedoch gelang, Sidonie davon zu überzeugen.

Gewöhnlich pflegte diese alsdann lächelnd zu entgegnen, daß sie vor dergleichen Bewerbungen hinreichend durch die Unbedeutendheit des Standes sowol als der Person geschützt wäre, und es nur die Vorliebe ihrer Freundin für sie sei, die ihr dergleichen Erinnerungen einflößte.

Fräulein von Ketten wünschte in Stillen, es möchte so sein, denn ihr war die große Zuneigung der Prinzessin für den Grafen nicht entgangen und sie zu sehr überzeugt, daß Sidonie nur als dessen Gemahlin ganz glücklich werden könnte. Eben so wenig war ihr das warme Interesse des Grafen für ihre Freundin verborgen geblieben, wenngleich sie auch seine Zurückhaltung und sein edles, würdiges Benehmen gegen die Prinzessin richtig beurtheilte und nicht nur von ganzem Herzen billigte, sondern auch bewunderte. Dasselbe beruhigte sie in Beziehung auf Sidoniens künftiges Geschick, indem sie sich, durch die beschränkten Verhältnisse des herzoglichen Hofes bestimmt, zugleich der angenehmen Hoffnung hingab, daß Sidonie von den Fürsten in ihrer Abgeschiedenheit nicht aufgesucht werden und daher einst ganz ihrem Herzen würde folgen können.

Es konnte unter den näher bezeichneten Umständen nicht ausbleiben, daß auch sie mit dem Grafen in nähere Beziehungen trat und dieser ihr seine volle freundschaftliche Achtung schenkte, wie sie es verdiente.

In den von Sidonien mit dem Grafen gepflogenen vertraulichen Umgang wurde sie nicht nur durch ihre Stellung, sondern noch viel mehr durch die ihr von der Prinzessin geschenkte Freundschaft gezogen, was dem Grafen durchaus angenehm war, da die herkömmlichen Formen bei Hofe eine solche Theilnahme an demselben durch eine Vertrauensperson erheischten.

Und so geschah es, daß diese drei Menschen, schon durch die Eigenschaften des Geistes und Herzens einander genähert, durch den ungezwungenen und angenehmen Umgang nur noch fester verbunden wurden.

Die Werbung des Prinzen um Sidonie hatte nun das schöne Zusammenleben plötzlich in seinen Grundfesten zerstört, indem ihnen zugleich der Ausspruch des Herzogs jede Hoffnung raubte, es könnte dasselbe jemals wieder in seiner früheren Weise hergestellt werden.

In dem stillen, traulichen Gemach, das so oft ihr fröhliches Geplauder, die ernsten Gespräche vernommen hatte, saßen nun die beiden Freundinnen tief betrübt und rathlos.

Leise tönte Aureliens Zuspruch; sanft streichelte ihre Hand Sidoniens Haupt, das in ihrem Schooß ruhte, während sie zugleich die Thräne zurück zu halten bemüht war, die der Schmerz um ihres Lieblings trauriges Geschick ihrem Auge erpreßte.

Aber mehr als diesen tröstenden und beruhigenden Zuspruch vermochte die Freundin leider nicht zu geben; denn wie durfte sie es wagen, dem Herzog Vorstellungen zu machen, oder ihm gar das Geheimniß von Sidoniens Liebe verrathen, um ihn für deren Wünsche zu gewinnen? — Es wäre um ihre Stellung geschehen gewesen, hätte der Herzog den eigentlichen Grund von Sidoniens Weigerung erfahren, indem man ihr wahrscheinlich den Vorwurf gemacht, die Prinzessin nicht besser behütet oder nicht früher schon die pflichtmäßige Anzeige von deren Zuneigung gemacht zu haben. Ein Aufgeben ihrer Stellung hieß auch, Sidonie der einzigen treuen Freundin, der sie unter den obwaltenden trüben Verhältnissen mehr denn je bedurfte, berauben.

So konnte und mußte sie schweigend mit ihr leiden, und war mit dem ganzen Aufwand ihrer treuen Liebe bedacht, Sidoniens gebrochenes Herz wieder aufzurichten und für das zu bringende Opfer zu kräftigen.

Obwohl der Graf, wie wir wissen, auf eine von dem Herzog gewünschte Werbung um Sidonie seit Jahren vorbereitet war und darum seinen Ansprüchen auf deren Besitz fast entsagt hatte, wurde er dennoch durch das Eintreten des vorgesehenen Falls viel tiefer erschüttert, als er es fürchtete. So lange ihn die Hoffnung noch belebte, seine Wünsche vielleicht einst erfüllt zu sehen, waren ihm die Tage in angenehmer Ruhe dahingegangen; jetzt jedoch, jäh geendet, forderten sie ihn zu den höchsten Seelenanstrengungen heraus, um sich Sidonien und dem herzoglichen Hofe gegenüber in seiner Resignation würdig zu behaupten.

Nachdem ihm des Prinzen Werbung bekannt geworden war, verstand es sich von selbst, daß auch sein Umgang mit Sidonien ein Ende hatte; dies verlangten die üblichen Formen. Er durfte darum jedoch seine Besuche an dem herzoglichen Hof nicht aufgeben, wollte er sein Interesse für die Prinzessin nicht verrathen. Von ihrer Weigerung, sich mit dem Prinzen zu vermählen, hatte er bereits Kenntniß erhalten, ohne daß er daraus irgend welche Hoffnung für seine Liebe schöpfen durfte. Zu gut kannte er des Herzogs Wünsche in Bezug auf Sidonie, um nicht überzeugt zu sein, daß diese für ihn nun auf immer verloren wäre.

Dunkle Stunden gingen an ihm vorüber, Stunden des mächtigen, inneren Kampfes und der Selbstbeherrschung, aus welchem er jedoch siegreich hervorging.

Niemand — Aurelie und Sidonie ausgenommen — gewann jedoch eine Ahnung von demselben, nur sein krankhaft-bleiches Aussehen und das trübe Auge ließen auf ein Leiden schließen, das der Graf auch auf Befragen nicht abläugnete, jedoch als eine vorübergehende Unpäßlichkeit bezeichnete.

Da nahte der Tag, an welchem er in gewöhnter Weise einen Besuch an des Herzogs Hof zu machen pflegte; er durfte nicht ausbleiben und fuhr darum nach der Residenz.

Er wurde von dem Herzog und dessen Gemahlin mit vermehrter Höflichkeit empfangen und ihm die bereits bekannte Nachricht von des Prinzen Werbung mit offener Freude mitgetheilt.

Er stattete dagegen dem herzoglichen Paar seine besten Glückwünsche ab, und es gelang ihm dies um so leichter, da er von dem Herzog vernommen hatte, daß Sidonie einer Unpäßlichkeit halber nicht erscheinen würde.

Er fürchtete von dem Wiedersehen der Letzteren in Gegenwart Anderer weniger für sich als für die Prinzessin, deren geringe Beherrschungskraft er kannte und daher auch mit Bestimmtheit erwarten mußte, sie würde nicht nur ihren Schmerz, sondern auch ihre Liebe zu ihm verrathen, was er zu ihrer eigenen und der Ruhe des Herzogs mit allen Kräften zu verhindern bedacht sein mußte.

Er athmete daher beruhigter bei der obigen Nachricht auf, zugleich erfreut, seinen Besuch abkürzen und sich dadurch der Beobachtung entziehen zu können. Denn sein Aussehen hatte die Herzogin bereits zur Nachfrage nach seinem Befinden veranlaßt.

Von der Nothwendigkeit überzeugt, Sidonien so viel als möglich Zeit zur Sammlung zu gestatten, ließ er eine längere Zeit dahin gehen, ehe er seinen Besuch wiederholte, und that dies erst dann, als er von dem Herzog die Nachricht von Sidoniens besserem Befinden erhielt.

An dem Hofe angelangt, erfuhr er von der Herzogin, die nur allein anwesend war, daß ihr Gemahl sich zu einem Nachbarfürsten zur Jagd begeben, so wie, daß Sidonie den Wunsch geäußert habe, ihn zu sprechen. Zugleich theilte sie ihm mit, daß sich dieselbe mit ihrer Gesellschafterin auf einem Gange durch den Garten befände, und stellte es seinem Belieben anheim, sie in gewohnter Weise daselbst aufzusuchen, oder deren Rückkehr im Schloß abzuwarten.

Nichts konnte dem Grafen in diesem Augenblick erwünschter sein, als die ihm gestattete Freiheit, Sidonie aufzusuchen; dankend nahm er dieselbe an und beeilte sich, die von der Prinzessin gern betretenen Wege zu erreichen, überzeugt, sie daselbst zu finden.

Seine Voraussetzung täuschte ihn nicht; bald entdeckte er sie an dem einsamen, nur von wildem Wassergeflügel bewohnten Weiher, ihr Lieblingsort, an dem er oft mit ihr verweilt hatte.

Schon aus der Ferne erkannte er ihr Gewand, das durch die Gebüsche schimmerte und ihm ihre Nähe verrieth. Laut klopfte sein Herz, so laut und ungestüm wie nie, und er blieb stehen, um sich zu sammeln. Dennoch däuchte ihm jeder Augenblick in der Ungeduld, Sidonie zu sehen, unendlich lang, und so kürzte er die Zeit der Sammlung ab und nahte sich ihr mit nichts weniger als zögernden Schritten.

Hatte ihn die Prinzessin an dem heutigen Tage erwartet, oder war es die gesteigerte Sehnsucht nach seinem Anblick, die ihre Sinne außerordentlich geschärft hatte — wer vermag das Seelenleben, namentlich innig Liebender, zu enträthseln — genug, sie errieth seine Annäherung, ehe sie noch seinen leisen Tritt zu vernehmen vermochte.

Erschreckt und zugleich freudig bewegt fuhr sie auf und unterbrach plötzlich die Unterhaltung mit Aurelien, indem sie das Haupt dem Nahenden zuwandte, und kaum hatte sie ihn erblickt, so streckte sie ihm zitternd die Arme entgegen, während sich die Worte von ihren Lippen stahlen: »Endlich, endlich!«

Ehe diese Worte noch verhallt waren, befand sich der Graf bereits an ihrer Seite, hatte ihre Hände ergriffen und blickte ihr mit nicht mehr zu beherrschender tiefer Bewegung in das blasse, schmerzerfüllte Antlitz.

Welche Veränderung hatten so wenige Tage in demselben hervorgerufen! — Wie ein vom Sturm geknicktes Rohr erschien die kurz vorher noch so lebensvolle, elastische Gestalt, schwach und hilflos.

Mit unendlich traurigen Augen, aus welchen jedoch auch zugleich volle liebende Hingebung sprach, schaute sie ihn an, seine bebenden Hände mit ihren feinen Fingern fest umfassend, und fragte in einem, des Grafen Seele schmerzvoll durchschneidenden, wehmüthigen Ton: »Sie wissen, Graf?« Dieser, keines Wortes mächtig und bemüht, das bebende Mädchen vor dem Niedersinken zu hüten, bejahte nur durch geringes Neigen des Hauptes.

Da erhob sie plötzlich das Antlitz zu ihm auf, schaute ihm mit unendlicher Liebe in die Augen, und rief in ausbrechendem Schmerz der Verzweiflung und unter einem ihren Augen entstürzenden Thränenstrom: »O, retten Sie mich, retten Sie mich!«

Mit diesen Worten sank sie gebrochen an seine Brust, an welcher sie das Haupt mit unbefangener Hingabe barg.

Gleich einem schuldlosen, schmerzbewegten Kinde ruhte sie in seinen Armen.

Aurelie eilte dem tief ergriffenen Grafen zu Hilfe, indem sie mit seinem Beistande Sidonie sanft auf dem Ruhesitz niederließ. Auch ihr fehlten die Worte, und nicht minder tief erschüttert, als der Graf, feuchteten Thränen ihre Wangen.

Sidonie verhehlte ihre Empfindungen nicht, sie vermochte es nicht. Ihrem namenlosen Leid gegenüber galt keine Zurückhaltung mehr, kein Verläugnen ihrer Gefühle, da galt nur die ewige Sprache der Natur und des vernichteten, schuldlosen Herzens.

Der Graf ließ sich neben ihr nieder, ergriff ihre Hand und drückte diese mit Innigkeit an die Brust, indem er in leisem zärtlichen Ton ihren Namen nannte. Mehr zu sprechen war ihm unmöglich.

O, welch ein unbeschreiblich süßes Lächeln rief sein Wort in Sidoniens Antlitz hervor; wie innig dankte ihm der Druck ihrer Hand für diese erste Gabe seiner Liebe.

»Ich wußt’ es wohl!« lispelte sie so leise und heimlich vor sich hin, daß kaum der Graf die Worte vernahm. »Ich wußt’ es, daß er mich liebt!« wiederholte sie.

In diesem Bewußtsein verloren, schien sie ihr trauriges Geschick vergessen zu haben und in der Seligkeit des Momentes aufzugehen. Darauf deutete der freudige Ausdruck ihres ein wenig gerötheten Antlitzes hin, das in diesem Moment wieder in der ganzen ehemaligen Lieblichkeit strahlte.

Der Graf, in der Erkenntniß der Nothwendigkeit, seinen Gefühlen kein Recht einzuräumen, und zugleich in dem Bewußtsein der Pflicht, durch sein Benehmen und seine Worte Sidoniens fast krankhafte Aufregung zu beschwichtigen, um zu einer ruhigeren Besprechung der unheilvollen Angelegenheit zu gelangen, bemühte sich mit allen ihm in diesem so erschütternden Augenblick zu Gebot stehenden Seelenkräften, Fassung zu gewinnen. Dies gelang ihm nach kurzem Kampf auch in der That so weit, daß er, wenngleich mit noch unsicherer Stimme, zu bemerken vermochte:

»Ich weiß, es bedarf meiner Versicherung nicht, wie innig ich mit Ihnen fühle, meine theuerste Sido — — Prinzessin.«

»O nein, o nein! Ich habe Sie ja im Geiste belauscht und Ihnen mein Leid geklagt, und Ihr bleiches Antlitz sagt mir, daß ich darunter nicht allein gelitten habe. O, ich wußte es ja!« fiel Sidonie mit wehmüthigem Ton ein und drückte ihm leise die Hand. »Und was rathen Sie mir, meinem traurigen Geschick zu entkommen?« fragte sie nach kurzem Zögern und hob das treue Auge zu ihm auf. Diese einfache, im Ton des vollsten Vertrauens gesprochene Frage erschütterte den Grafen im Gefühl seiner Machtlosigkeit, ihr helfen zu können, so tief, daß er vergeblich nach einer Antwort rang und erst nach längerer Pause mit leiser Stimme die Worte fand:

»O, wüßten Sie, wie tief und schmerzlich Ihre Frage mich berührt, und um so schmerzlicher, da ich mich unfähig fühle, Ihnen darauf eine befriedigende Antwort geben zu können! O, daß ich es nicht vermag, statt mit Worten, mit der That darauf zu antworten, zerreißt mir die Seele!« —

»So muß ich also dem Willen meines Vaters folgen?« fragte Sidonie rasch und ängstlich in seinem Antlitz forschend.

Die Zustimmung zu dem Unheil der Geliebten und seines eigenen geben zu müssen, rücksichtslos gegen die Stimme des Innern, die sich mit der ganzen Kraft der Liebe, mit dem heißen Wunsch, den Geliebten zu beglücken, in uns erhebt, ist ein Schmerz, dem auch der Stärkste erliegt.

So geschah es auch dem Grafen; er fühlte sich unfähig, das bejahende Wort über die Lippen zu bringen, so sehr er auch überzeugt war, daß es ihm nicht erlassen sein würde. Innig drückte er Sidoniens Hand, während er heftiger athmete und, den Blick von ihr abgewandt, sich bemühte, das letzte, schreckliche Wort auszusprechen, das sie auf immer von ihm trennen mußte.

Aengstlich hing sie an seinem Auge, ängstlicher noch lauschte sie auf seine Antwort, und statt durch sein schmerzliches Schweigen auf seine Zustimmung hingewiesen zu werden, deutete die Unglückliche dies vielmehr als ein Hoffnungszeichen, daß der Freund ein Mittel zu ihrer Rettung besäße, und darum fragte sie hastig:

»Nicht wahr, ich darf es nicht; Sie, Sie werden es nicht zugeben?!«

Leise schüttelte der Graf das Haupt.

»Wie, Sie verneinen das? Sie besitzen kein Mittel zu meiner Rettung?!« rief Sidonie angstvoll, seine Hand fast krampfhaft umfassend.

O, welche unheilvollen, die Seele vernichtenden Augenblicke gingen über diese Menschen hin, über diese Menschen, so edel, so gut und zu dem schönsten Lebensglück berechtigt! Was war der reichste irdische Glanz gegen so schöne herrliche Vorzüge der Seele, und wie wenig vermochten diejenigen deren Werth zu begreifen, die nicht zauderten, sie dem äußeren Prunk und fürstlichem Ansehen zum Opfer zu bringen!

Und dennoch, dennoch, wie oft wiederholt sich Aehnliches im Leben, und dennoch, dennoch, wie oft wird der reine Seelenadel und das ganze Glück des Lebens den äußeren Vortheilen, dem eiteln, leicht verwehenden Schaum eines prunkvollen Daseins hingegeben! Ueberzeugt, daß er Sidonie nicht zu retten vermochte, wollte er sich nicht gewaltsamer Mittel bedienen, die sein Ehrgefühl niemals gebilligt hätte, erkannte der Graf auch die Nothwendigkeit, die ihm durch die Gunst des Zufalls gebotene so günstige Stunde im Interesse Sidoniens benutzen zu müssen.

Er durfte auf eine Wiederkehr derselben nicht hoffen, und so war er entschlossen, das entscheidende Wort zu sprechen, um ihrem Herzen die letzte Täuschung und Hoffnung zu nehmen, damit sie sich ihrem Schicksal geduldig unterwarf. Er war von der Ueberzeugung durchdrungen, daß seine Worte eine tiefe Wirkung auf sie ausüben würden, und so faßte er sich gewaltsam und entgegnete mit sanfter, liebevoller Stimme:

»Sie haben mich bisher, meine theure Prinzessin, mit dem Namen eines Freundes beehrt, und — ich bin bemüht gewesen, denselben zu verdienen. — Sie wenden sich an diesen Freund um Hilfe. — Wäre ich mächtig genug, Ihnen dieselbe gewähren zu können, ich würde glücklich sein, ja mit Freuden gäbe ich Leben und Gut dahin, könnte ich dadurch Ihren Wunsch befriedigen. — Wie die Verhältnisse liegen, würde mein Wort bei Ihrem Vater machtlos verhallen und müßte Ihre Lage nur noch verschlimmern. — — So bliebe uns nur noch der Weg der Gewalt übrig, und so willig ich mein Leben Ihrem Wohl opfern würde, so wenig vermag ich Ihre und meine Ehre preiszugeben, mit deren Verlust oder Befleckung ein Gewaltact verbunden wäre.« »Ich weiß, Sie stimmen darin mit mir überein und weisen denselben, gleich mir, von sich. In den hellen Jubelton des Glücks würde stets und stets der Mißlaut schmerzender Vorwürfe und befleckter Ehre dringen und uns jenes reinen Genusses berauben, der unserm Charakter eine Nothwendigkeit ist.«

»Nicht wahr, Sidonie, theure Freundin, Sie theilen meine Ansicht?« fragte der Graf.

Statt jeder Antwort neigte Sidonie zustimmend das Haupt und drückte ihm leise die Hand.

Darauf fuhr der Graf mit weniger sicherer Stimme fort:

»So muß der Schritt gethan werden, den Ihr Vater von Ihnen fordert.« —

Die Prinzessin zuckte zusammen und ihr Haupt sank auf die Brust.

Der Graf hatte die obigen Worte fast gewaltsam hervorgepreßt, da es ihm so unendlich schwer wurde, sie auszusprechen, was doch geschehen mußte; nach einigen Augenblicken bemerkte er in gefühlvollem Ton:

»Herzen, die sich wahrhaft lieben, sind auf ewig mit einander vereint, mögen sie auch durch irgend welche Verhältnisse, durch Entfernungen oder die äußere Lebensstellung geschieden sein. So denke ich, meine Freundin, und bin überzeugt, Sie theilen meine Ansicht. O, glauben Sie mir, kein Herz ist unglücklich, das liebt und wieder geliebt wird. Denn begegnen sich in dem Bewußtsein der Gegenliebe nicht die Seelen der Liebenden; führt sie die Erinnerung nicht zu einander und läßt sie an ihren Freuden wie an ihrem Leid Theil nehmen, und ist diese Theilnahme nicht die reinste, höchste und edelste Liebe, die der Mensch für den Menschen hegen kann? — O gewiß, gewiß! Und kann uns dieses kostbare Geschenk des Himmels nicht so Vieles, Vieles ersetzen? Entbehren und Entsagen, das ist unser allgemeines Schicksal, vor welchem auch selbst die goldene Fürstenherrlichkeit nicht schützt, das ist der Grundton des Lebens, eines Lebens, das einen grellen Widerspruch seiner Bedeutung in sich trägt, indem es uns auf seinen unruhigen Wogen in das Meer der Vernichtung führt. — Wo sollen wir da Trost finden, wenn nicht in der Religion der Liebe? — Sie gießt erquickliche Ruhe in das bekümmerte Herz, und die schmerzvolle Thräne der Entsagung trocknet das himmlische Bewußtsein beglückender Gegenliebe.« —

Von seinen Empfindungen übermannt, schwieg der Graf, ohne daß er es wagte, den Blick auf Sidonie zu richten. An dem innigen Druck ihrer Hand erkannte er jedoch ihre Beistimmung zu seinen Worten und fühlte sich dadurch beruhigt.

Da Sidonie schwieg und auf weitere Worte von ihm zu harren schien, so fuhr der Graf fort:

»Jeder große Schmerz erweitert unsern Blick und läßt ihn uns auf das unendliche Weltenleben richten, und indem uns dasselbe verständlicher wird, wird es auch das eigene Leben, gewinnen Lust und Leid eine andere Bedeutung, indem wir uns dem großen Ganzen gegenüber erblicken, das uns nöthigt, verzichtend unsere Wünsche und Forderungen zu beschränken.«

»Wohl weht diese Erkenntniß kältend über unser Herz und fordert unsere ganze Seelenkraft heraus, das Unvermeidliche geduldig zu tragen; die Nothwendigkeit läßt uns jedoch keine Wahl, und glücklich der, der sich schon früh mit ihr bekannt machte und sich ihr unterwarf. Diese Seelenkraft, meine theure Prinzessin, besitzen Sie, ich weiß es, und wenn Sie auch, so ungeahnt herausgefordert, von dem Unvermeidlichen überwältigt wurden, so wird sich dennoch Ihr gebeugter Geist wieder erheben und vor dem Opfer nicht zurückbeben, das die Verhältnisse von Ihnen fordern, und so werden Sie auch in dem erhebenden Bewußtsein, dies dem Glück Ihrer Eltern zu bringen, den schwersten Schritt des Lebens thun. Sie werden ihn thun, erhoben durch die Religion der Liebe.«

Der Graf schwieg, der ungeheuern Anstrengung erliegend, die eine so große Selbstverläugnung von ihm forderte und deren nur ein so kräftiger, willensstarker Charakter, wie der seinige, fähig war. Nur auf Sidoniens Beruhigung bedacht, sie mit Kraft für die nahenden bedeutsamen Stunden zu erfüllen und ihr aus allem Unheil wenigstens den Trost der Liebe zu retten, hatte er sein eigenes Interesse ganz und gar aufgegeben. Nicht der Geliebte mehr, sondern der rathende Freund allein sprach zu ihr. Wie unbedeutend däuchte ihm sein Leid dem ihrigen gegenüber; er hatte sich darauf schon lange vorbereitet, sie war ahnungslos davon betroffen worden und mußte — ein Gedanke, unter welchem sich seine Seele schmerzvoll krümmte — nicht nur ihrem Liebesglück entsagen, sondern obenein einem ungeliebten Manne angehören.

Doch er wehrte diese bedrängenden Gedanken kraftvoll von sich ab, um den gewünschten Zweck zu erreichen; und seine Bemühungen waren nicht vergeblich.

Sidonie hatte seinen Lippen jedes Wort abgelauscht, das tief in ihre Seele drang, und wenn auch ihr heißliebendes Herz nur schwer von der Hoffnung ließ, mit dem Grafen das Glück der Liebe zu theilen, enthielt dennoch der Gedanke, in dieser Liebe mit ihm auf immer vereint zu sein, zu viel Beglückendes, um nicht ihre Seele zu trösten und zu erheben und die Nacht ihrer Schmerzen mit strahlendem Licht zu durchleuchten.

Und je länger der Graf sprach, um so überzeugender wirkten seine Worte auf sie und führten sie zu der Erkenntniß ihres unvermeidlichen Geschicks. Seine Aussprüche waren ihr heilig, doppelt heilig, da ihr eigenes Leid sie seinen Schmerz nicht übersehen ließ und ihre Seele sich dadurch zur vermehrten Achtung und Liebe des Geliebten hingezogen fühlte. Vermochte er so stark und willenskräftig zu sein, so sollte er sich in Bezug auf ihre moralische Kraft nicht getäuscht haben.

Aber, während diese Erwägungen ihre Seele durchflogen, rannen ihre Thränen immer reicher und reicher. Die gefalteten Hände in dem Schooß geborgen, das liebliche Haupt geneigt, saß sie da, demüthig und ruhig, gleich einem Kinde, das sich mit Engelsgeduld in das Verlangte fügt.

Niemand von ihnen sprach ein Wort; eine heilige Stille umgab sie, die Keiner zu unterbrechen wagte.

Nach einer längeren Pause erhob Sidonie das Haupt und schaute den Grafen mit ruhigem, jedoch von Thränen umhülltem Blick an, ergriff seine Hand, drückte sie sanft, indem sie mit leiser Stimme und anscheinend ruhig und fest bemerkte:

»Sei es denn so, wie Sie sagten. Ich weiß, es kann nicht anders sein, da Sie es sagen.«

Sie hatte diese Worte hastig gesprochen und schien denselben noch andere hinzufügen zu wollen; als sie jedoch in das bleiche, schmerzerfüllte Antlitz des Grafen blickte, schwieg sie plötzlich, ihr Auge leuchtete in Liebe, und von der inneren Bewegung übermannt, lehnte sie das Haupt an seine Schulter und weinte.

Der Graf hatte diesen Blick vollster Liebe nur zu wohl verstanden; er hatte errathen, daß das, was ihrem Herzen vorher Leidenschaft und Schmerz abgerungen, das Geständniß ihrer tiefen Liebe, die jungfräuliche Scheu jetzt nur noch in dem Blick zu wiederholen vermochte. In diesem Blick lag das Bekenntniß, ihm ewig, ewig in Liebe angehören zu wollen.

So groß Aureliens Theilnahme auch für die Unglücklichen war, hatte sie dennoch die Vorsicht nicht vergessen, ihre Freunde vor einer Ueberraschung, die unter den obwaltenden Umständen sehr gefährlich werden mußte, zu behüten. Glücklicher Weise nahte sich Niemand, und so gewannen sie Zeit zur Sammlung und konnten sich zur Rückkehr zu der Herzogin, die nun bald erfolgen mußte, vorbereiten. Stets für das Wohl ihrer geliebten Freunde sorglich bedacht, that Aurelie den Vorschlag, sich nach einem von Allen gern besuchten Hügel zu begeben, um unter den laubigen Bäumen daselbst dem bald erfolgenden Sonnenuntergang beizuwohnen.

Sie that diesen Vorschlag in der Absicht, Sidonie zu zerstreuen und den oben bezeichneten Zweck zu erreichen.

Der Graf, Aureliens wohlgemeinte Absicht sogleich errathend, stimmte ihr bei, und auch Sidonie nickte und reichte ihm willig den Arm und ließ sich von ihm dahin führen.

Sie hing sich fest an ihn, als ahnte sie, daß es das letzte Mal war, in so inniger Verbindung und Hingabe mit ihm zu leben.

Langsam und schweigend schritten sie dahin, während Aurelie sich bemühte, ihre Sinne und Gedanken auf die Gegenstände außer ihnen zu lenken, jedoch mit nur geringem Erfolg, wie das eben nicht anders sein konnte.

Oft und oft blieb Sidonie stehen und es schien, als ob sie sprechen wollte; doch that sie es nicht, sondern schaute den Grafen nur an und schritt dann still und langsam weiter.

So gelangten sie endlich zu dem Hügel und zwar in dem Augenblick, als die Sonne sich neigte. O, war dieses Scheiden nicht ein Bild ihres Liebesglücks! Es war es und war es doch auch nicht; denn die Sonne kehrte bald in erhöhtem Glanz zurück, während das Gestirn ihres Glücks auf immer in dem düstern Gewölk der Entsagung unterging. Sie empfanden das nur zu wohl, und der schmerzvolle Blick, den sie mit einander austauschten, verkündete ihr Einverständniß. Die Etikette verlangte, noch vor dem völligen Eintreten der Dunkelheit in das Schloß zurück zu kehren, und, von Aurelien daran erinnert, erhob sich Sidonie seufzend. Langsam schritten sie dem Schloß zu, während nur wenige Worte gewechselt wurden.

In der Nähe des ersteren angelangt, blieb Sidonie stehen, schaute den Grafen liebevoll an und bemerkte:

»Ich sprach vor Ihrer Ankunft gegen Aurelie einen lebhaften Wunsch aus, dessen Erfüllung von Ihnen abhängt; o, weisen Sie meine Bitte nicht zurück!«

»Wie sollte ich, meine theure Freundin?! Beglückt mich doch der Gedanke so innig, Ihnen einen Wunsch erfüllen zu können!« entgegnete der Graf, sichtlich erfreut.

Sidonie drückte ihm die Hand und bemerkte mit bewegter, leiser Stimme:

»Wohl leben die Bilder unserer Lieben in der Seele fort und fort, von der Liebe gehegt und gepflegt; aber ich glaube, die Erinnerung allein genügt dem Herzen nicht, und mich beängstet die Furcht, die Zeit und veränderte Lebensverhältnisse könnten die ersteren leicht schwächen, ja vielleicht sogar verwischen, so daß die lieben Bilder uns am Ende ganz aus der Seele scheiden. — O, wie schrecklich müßte das sein! Wie muß es uns daher trösten und beglücken, unser Auge auf das Bild treuer Freunde richten und das Herz an den wohlbekannten und geliebten Zügen erfreuen zu können. — Meinen Sie nicht auch?« — endete sie, indem sie ihn, sanft erröthend, anschaute.

Der Graf hatte sie nur zu wohl verstanden und beeilte sich zu entgegnen:

»Gewiß, gewiß, und gesegnet sei die Kunst, der wir diesen Trost und die Freude verdanken, durch süße Täuschung die entbehrte Wirklichkeit ersetzen zu können!«

»O, wie sehr freue ich mich darauf!« lispelte Sidonie.

»Und darf ich diese Freude theilen?« fragte der Graf mit Betonung, ihre Hand drückend.

»Sie wünschen es?« fragte Sidonie erfreut und verschämt.

»Bedarf es meiner Versicherung?«

»O, nein, o, nein! und ich gestehe Ihnen, Ihr Wunsch erfreut mich auf das Innigste. Weiß ich doch nun, daß Ihr Auge bisweilen die Züge der Freundin suchen wird, um — um sich ihrer zu — erinnern,« fiel Sidonie wehmüthig ein.

In der Ferne ließ sich in diesem Augenblick ein Kammerdiener sehen, der auf dem Weg zu ihnen und wahrscheinlich von der Herzogin abgeschickt worden war, die Prinzessin mit dem Gast nach dem Schloß einzuladen; es war daher die schnellste Sammlung nothwendig, wollten sie sich nicht verrathen und in der erforderlichen unbefangenen Stimmung der Herzogin gegenüber treten.

Aurelie begann sogleich ein Gespräch, an welchem die Prinzessin und der Graf, so viel es ihnen ihre Empfindungen gestatteten, Theil zu nehmen sich bestrebten.

Sidonie, von der Aussicht auf das Innigste beglückt, in den Besitz von des Grafen Portrait zu gelangen und wenigstens in solcher Weise einen Ersatz für das verlorene Glück zu erhalten, war ruhiger geworden, und über das bleiche, wehmüthige Antlitz hatte sich ein Zug stiller Freude gebreitet. Ohne eine Ahnung der Leiden, welchen sie entgegen ging, war dieser Gedanke schon hinreichend, ihr Herz mit sanftem Trost zu erfüllen.

Und so geschah es, daß sie der Herzogin ziemlich gesammelt entgegentrat und diese sie mit sichtlichem Wohlgefallen darüber empfing.

Eine Stunde ging ihnen in der Unterhaltung dahin, an der sich die gesprächige Herzogin und Aurelie vorzugsweise betheiligten; alsdann schied der Graf, und zwar mit der schmerzlichen Gewißheit, Sidonie in der nächsten Zeit nicht zu sehen, da die Herzogin ihren baldigen Besuch an dem fürstlichen Hofe angedeutet hatte.

Drittes Kapitel.

Ungefähr eine Woche nach des Grafen Besuch trat der Herzog die beabsichtigte Reise an. Auf den Wunsch des Fürsten beeilte er dieselbe, da er überdies die ruhigere und ergebenere Stimmung der Prinzessin in seinem Interesse benutzen zu müssen glaubte. Nach der letzten Unterredung mit dem Grafen hatte Sidonie sich nämlich bereit erklärt, dem Verlangen ihres Vaters nachzukommen, so wie sie sich seit diesem Augenblick allen Anordnungen in dieser Angelegenheit willenlos unterwarf. Diese so sehr gewünschte Aenderung erfreute den Herzog auf das Höchste, und von der Voraussetzung erfüllt, daß das bewegte Leben an dem fürstlichen Hofe und die neue, so glänzende Stellung, welche Sidonie einnehmen sollte, ihren guten Einfluß auf diese bestimmt ausüben würden, blieb ihm die Ahnung von dem schmerzlichen Verzicht fern, zu welchem sich die Prinzessin entschlossen hatte. Um so mehr beglückte ihn daher der Gedanke, in so erwünschter Weise für sie gesorgt zu haben.

Die glänzendste Aufnahme wurde dem herzoglichen Paar an dem fürstlichen Hofe zu Theil; ebenso war der Eindruck, den Sidonie auf den Fürsten und Prinzen hervorrief, ein durchaus vortheilhafter. Die Prinzessin erschien als ein schüchternes, anspruchsloses Mädchen; denn seit dem Entschluß, die Gemahlin des Prinzen zu werden, war eine wesentliche Umwandlung mit ihr vorgegangen. Die ehemalige Jugendheiterkeit und reizende Unbefangenheit, die Regsamkeit ihres Geistes und ihr lebhaftes Gefühl waren einer ruhigen Ergebung gewichen. Da sie ihr Geschick nicht zu ändern vermochte, waren auch alle das Herz belebenden Wünsche erstorben und sie nur noch ein schüchternes, befangenes Mädchen, von dessen geistigen und sittlichen Schätzen man nicht das Geringste ahnte.

Dies war namentlich in Bezug auf den Prinzen und dessen Oheim der Fall, die, wie wir gleichfalls erfahren haben, von Sidoniens eigentlichem Charakter und sittlichen Vorzügen keine richtige Vorstellung gewonnen und sie für das nahmen, als was sie erschien. Man würde sich jedoch in der Voraussetzung täuschen, daß sie dadurch unangenehm berührt worden wären; im Gegentheil erschien ihnen dieser Mangel hervorragender geistiger Befähigung und Sidoniens Anspruchslosigkeit als ganz besondere Vorzüge, die ihren Wünschen und dem Charakter des Prinzen durchaus entsprachen.

So erfolgte denn die Verlobung unter großem Gepränge, und die Freunde des Prinzen, welche den Festlichkeiten beiwohnten, wünschten diesem wegen der schönen und schüchternen Braut, die eine vernünftige, das heißt duldsame, Gemahlin erwarten ließ, von Herzen Glück. Sie vergaßen sich jedoch dabei selbst nicht; denn sie sagten sich, daß von einem so anspruchslosen Mädchen, wie Sidonie, im Hinblick auf ihren späteren möglichen Einfluß auf den Prinzen nichts zu befürchten wäre, und sie demnach mit Sicherheit auf dessen ungeschmälerten Umgang rechnen dürften. So schien man sowol im Besondern als Allgemeinen mit der Wahl der künftigen Fürstin sehr zufrieden gestellt zu sein.

Und die unglückliche Sidonie — Der von dem Herzog mit Bestimmtheit erwartete günstige Eindruck, den des Prinzen Persönlichkeit auf seine Tochter ausüben sollte, blieb aus, wie er bald zu bemerken Gelegenheit fand. Ja, er erkannte, daß, so wenig Interesse Sidonie für das Portrait des Prinzen gezeigt hatte, dies fast noch weniger für das Original selbst geschah. Pflichtete sie ihrem Vater auch bei, daß der Prinz in körperlicher Beziehung sehr bevorzugt sei, so verhehlte sie ihm auch zugleich nicht, daß der sinnliche Ausdruck seines Wesens sie doch von ihm abstieß, indem der Mangel edlerer Empfindungen, der sich darin äußerte, sie unangenehm, ja fast verletzend berührte. Mehr noch als dies Alles verletzte sie jedoch der mehr als freie Ton, in welchem er mit ihr verkehrte und der in des Fürsten Umgebung widerklang.

Der Herzog bemühte sich, sie in dieser Beziehung zu beruhigen, indem er den ungezwungenen Umgangston des Hofes als allgemein verbreitet bezeichnete, und sie aufmerksam machte, daß daher nicht der Prinz, sondern sie selbst die Ursache ihrer Verstimmung wäre. Er sprach zugleich die Erwartung aus, daß sie sich bald daran gewöhnen und Geschmack finden würde, indem er sie zugleich erinnerte, wie es nun ihre Pflicht sei, sich in das ihr allerdings neue Leben zu finden.

Sidonie nahm diese Vorstellungen schweigend hin; sie sagte sich, wie vergeblich es sein würde, ihren Vater zu überzeugen, wie wenig sie sich geneigt und befähigt dazu fühlte, und daß sie die von ihm bezeichnete Pflicht vielleicht niemals oder doch nur mit großer Ueberwindung würde erfüllen können. Was würden auch ihre Einwendungen den obwaltenden Verhältnissen gegenüber gefruchtet oder ihr irgend welche Vortheile verschafft haben? — Die Verlobung war erfolgt, die Vermählung innerhalb drei Monaten festgesetzt; der Schritt konnte also nicht mehr zurück gethan werden, und so erachtete sie es für das Ersprießlichste, dem Künftigen mit Geduld und schweigend entgegen zu gehen.

Wenngleich sie zu diesem Vorsatz gelangt war, so konnte es doch nicht ausbleiben, daß sie ihre Besorgnisse Aurelien, die sie nach dem fürstlichen Hof begleitet hatte, vertraute und mit ihr das im Lauf ihrer Anwesenheit daselbst Erfahrene besprach.

Fräulein von Ketten, deren feiner Sinn in ähnlicher Weise wie Sidoniens Zartgefühl von dem Leben am Hofe verletzt worden war, sah sich leider genöthigt, der Freundin beizupflichten, bemühte sich jedoch auch zugleich, sie in dieser Beziehung zu beruhigen und sie aufmerksam zu machen, daß sie als die Gemahlin des künftigen Thronerben ihre Wünsche und Neigungen würde geltend machen können, und daher die Gestaltung ihres künftigen Lebens in ihre Hand gegeben sei.

Dieser Voraussetzung pflichtete Sidonie um so leichter bei, da sie in dem beruhigenden Glauben lebte, daß dies ihr gutes Recht sei, welches sie dereinst auch zu beanspruchen gesonnen war.

Lag in diesem Gedanken eine wohlthuende Beruhigung für Sidonie, so hatte die erfahrenere und schärfer blickende Freundin doch nur zu bald erkannt, welcher zweifelhaften Zukunft Sidonie entgegen ging. Daß der Prinz weder Hochachtung noch eine zartere Neigung für die Letztere hegte, entging ihrem Blick nicht, und ebenso war sie mit der niederschlagenden Ueberzeugung erfüllt worden, daß ein Charakter wie der des Prinzen mit seinen Neigungen niemals oder kaum zu edleren Empfindungen für die Prinzessin geführt werden würde.

Daher sah sie, abgesehen von Sidoniens Verzicht auf ihre Liebe, mit Bangen in die Zukunft; machtlos, der Freundin Geschick zu ändern, blieb ihr nur das Gebet für das Wohl der Geliebten.

Sie war jedoch vorsichtig genug, Sidonien ihre Besorgniß zu verschweigen, um jede Unruhe von ihr fern zu halten und sie zu befähigen, dem Künftigen mit der erforderlichen Sammlung entgegen gehen zu können.

Sie fand einen besondern Trost in der Gewißheit ihrer Freundin auch in ihrer neuen Lage zur Seite stehen zu dürfen; denn auf den ausdrücklichen Wunsch der Prinzessin war dieser gestattet worden, Aurelie als eine ihrer Hofdamen an des Fürsten Hof mitbringen zu dürfen.

Nach einem fast vierzehntägigen Aufenthalt verließ der Herzog mit Sidonien den Hof und kehrte in seine Residenz zurück, und es begannen nun die zu der Ausstattung der Prinzessin erforderlichen Arbeiten, welche das herzogliche Paar ganz besonders in Anspruch nahmen.

Mit frohem Herzen begrüßte Sidonie die Heimath, die ihr im Hinblick auf ihr baldiges Scheiden doppelt theuer war und die ihr mit verdoppelten Reizen erschien, da sie dieselbe so lange hatte entbehren müssen. Tiefer denn jemals fühlte sie, daß ihr Platz im Leben nicht an einem rauschenden, durch Formenwesen und dem Zwang der Etikette belebten Hof sei, sondern in bescheideneren Verhältnissen, in welchen jedoch die Schönheit der Natur, eine edle Freiheit und die einfache Sprache der Wahrheit und des Herzens galt, über welche die Alles verklärende Liebe ihren glänzenden Schimmer ausbreitete.

Kaum in der Heimath angelangt, eilte sie mit Aurelien in den Garten, um sich der wieder gewonnenen Freiheit und des so beliebten Naturgenusses zu erfreuen. Sie sah sich jedoch in ihren frohen Erwartungen getäuscht; denn was dieser Umgebung früher einen so kostbaren Reiz verliehen hatte, fehlte ja: das Glück der Liebe.

Anders erschien ihr das Bekannte, Beliebte; anders erschien sie sich selbst; verändert däuchte ihr das ganze Leben.

Und so tönte kein freudiges Wort von ihren Lippen, als sie wie einst den Garten durchschritt; traurig und stumm saß sie am Weiher nur kurze Zeit, um, von innerer Unruhe getrieben, weiter zu eilen, in den Wald, auf den Hügel, auf welchem sie einst mit ihm der Sonne Scheiden stumm und schmerzvoll an dem feuchten Auge vorüber gleiten sah.

Und sie seufzte still vor sich hin: »Dahin, dahin, auf immer dahin!«

Länger denn eine Woche war nach ihrer Rückkehr verstrichen, ohne daß der Graf erschien, wie sie das erwartet hatte, und mit jedem neuen Tage steigerte sich ihre Sehnsucht, ihn endlich nach so langer, langer Zeit wieder zu sehen, ohne daß dieselbe jedoch befriedigt wurde. Des Grafen Fernhalten betrübte sie tief, mehr jedoch noch die Ungewißheit, in welcher sie über sein Leben schwebte. Allerlei beängstigende Sorgen quälten sie und raubten ihr die so nothwendige Ruhe, so daß sie darunter körperlich litt. Schon öfter hatte sie Aurelie gebeten, sich um Nachricht über den Grafen zu bemühen, ohne daß diese mehr zu thun vermochte, als bei des Letzteren Bekannten Erkundigungen nach ihm einzuziehen, die Sidonie nicht zu befriedigen vermochten.

Ohne daß die Letztere etwas erfuhr, langte durch einen geheimen Boten in dieser Zeit ein Billet von Römer an Aurelie an, in welchem er ihr mittheilte, daß er zu der schmerzlichen Ueberzeugung gelangt sei, daß es besser sei, Sidonie nicht mehr wieder zu sehen, da er dies für ihre Ruhe als durchaus nothwendig erachtete; Aurelie sollte ihn daher nicht erwarten. Er trug dieser zugleich auf, viele Grüße an Sidonie zu bestellen und als Grund seines Fortbleibens eine weitere Reise zu bezeichnen, die er im Interesse seiner Familie habe antreten müssen. Zu welcher Zeit seine Rückkehr erfolgen würde, sei er nicht im Stande zu bestimmen. Hinsichts des von der Prinzessin gewünschten Portraits sprach er die Meinung aus, daß es vielleicht geeigneter sei, Sidonie dasselbe erst nach ihrer Vermählung einzuhändigen. Zugleich vertraute er der Freundin an, daß, nachdem er zu dem Entschluß gelangt, Sidonie in den ersten Jahren nicht wieder zu sehen, er sich vorläufig nach Paris begeben würde, um von hier aus eine weitere Reise, die ihn voraussichtlich mehrere Jahre von der Heimath fern halten würde, anzutreten. Dies sollte Sidonien jedoch ein Geheimniß bleiben. Er bat Aurelie, ihm zu schreiben, bemerkte aber auch zugleich, daß er es von ihrem Wunsch abhängig mache, ob er ihr später wieder Mittheilungen zugehen lassen sollte. Den Grund dazu bezeichnete er in der Voraussetzung nicht näher, daß Aurelie denselben errathen würde.

Diese wurde durch den Inhalt des Schreibens kaum überrascht; der besondere Charakter des Grafen und sein Fernbleiben hatten sie ein solches Handeln bereits voraussehen lassen.

Sie billigte dasselbe nicht nur mit vollster Ueberzeugung, indem sie dessen Nothwendigkeit erkannte, sondern bewunderte auch die große Selbstverläugnung, die der Graf zu Gunsten der Prinzessin beobachtete.

Jedes Wiedersehen mußte nachtheilig auf die Letztere wirken, indem es zu dem Schmerz auch noch das gesteigerte Verlangen nach des Geliebten Besitz gesellte. Neue, schmerzvolle Kämpfe wären dadurch in Sidonien hervorgerufen worden, deren Folgen nicht zu berechnen waren und ihr den unvermeidlichen Schritt wesentlich erschwert hätten. Die Möglichkeit, ihn noch vor ihrer Vermählung wiederzusehen, mußte sie dagegen beleben, wenn die Gewißheit, daß dies in Jahren nicht stattfinden würde, ihr armes Herz vollständig niedergebeugt hätte.

Auch in Bezug auf die Einhändigung des Portraits, das dem Schreiben beigefügt war, theilte Aurelie des Grafen Ansicht, freilich mit dem nahe liegenden Bedenken, daß Sidoniens Gemüthszustand sehr leicht und wahrscheinlich bald eine Aenderung seiner Bestimmung erfordern würde.

Sie händigte dem Boten eine ausführliche Antwort an den Grafen ein, in welcher sie ihm nicht nur ihre Zustimmung zu seinen Entschlüssen und Maßnahmen, sondern auch ihre dankbare Bewunderung für seine so edle Selbstverläugnung aussprach. Ueber die an dem Hofe des Fürsten gemachten Beobachtungen betreffs des wenig empfehlenden Charakters des Prinzen schwieg sie, um den Grafen nicht noch tiefer zu betrüben und zugleich in der Voraussetzung, daß er in dieser Beziehung wohl besser unterrichtet sein würde, als sie selbst. Denn es darf kaum bemerkt werden, daß man sich wohl hütete, einer Hofdame der Prinzessin Anderes als nur Lobenswerthes über den schönen Prinzen, den Abgott der Frauen, mitzutheilen.

Aurelie täuschte sich in dieser Voraussicht durchaus nicht. Der Graf, obwol seit längerer Zeit den Hof seines Fürsten meidend, dessen Ton ihm nichts weniger als zusagte, stand dennoch durch seine daselbst oder in dessen Nähe lebenden Verwandten mit demselben in einem ziemlich regen Verkehr, und so konnte es nicht fehlen, daß er auch mit des Prinzen leichtsinnigem Leben genügend bekannt gemacht wurde. Die Gewißheit von dem geringen sittlichen Gehalt des Letzteren, der für ihn früher nur höchstens sein politisches Interesse beansprucht hatte, war jetzt ein Grund kummervollster Sorge geworden, welche den Schmerz der Entsagung nur noch erhöhen mußte.

Wäre Sidonie die Gemahlin eines achtungswerthen Fürsten geworden, so würde er leichter auf ihren Besitz verzichtet haben; jetzt jedoch von der Ueberzeugung erfüllt, daß der Prinz niemals Sidoniens Werth erkennen und daher auch nie auf ihr Glück bedacht sein würde, litt sein Herz tausendfach mehr. Darum war er rasch zu dem Entschluß gelangt, fern von der Stätte, an welcher er sein Liebesglück begraben wußte, die Zeit und das Geschick walten zu lassen und seinen Schmerz in abgeschiedener Fremde auszukämpfen. Wenige Tage nachdem er Aureliens Mittheilung erhalten hatte, begab er sich zu einem entfernten Verwandten und von diesem später nach Paris.

Aurelie entledigte sich ihres Auftrages gegen Sidonie mit großer Vorsicht und treu der ihr von dem Grafen gegebenen Rathschläge.

»So ist mir denn auch die einzige Freude geraubt, die mir noch geblieben und auf welche mein Sehnen und Hoffen gerichtet war!« — entgegnete Sidonie, durch das Vernommene schmerzlich überrascht. »Doch ich darf nicht klagen; denn ich habe ja kein Recht dazu. — Ja, ja, er sprach leider nur die volle Wahrheit. Entbehren und Entsagen, das ist das allgemeine Loos der Menschen, und ich muß mich bemühen, diese Wahrheit anzuerkennen, indem ich mich ihr geduldig unterwerfe. — Ich fühle es nur zu wohl,« fuhr sie nach kurzem sinnenden Schweigen fort, »welchen Entsagungen ich entgegen gehe, und wie nothwendig es ist, mich schon zeitig daran zu gewöhnen.« — Wieder schwieg sie und schaute gedankenvoll vor sich hin; alsdann bemerkte sie in wehmüthigem Ton: »Eine wunderbare, unergründliche Welt! Alle Geschöpfe in der Natur scheinen sich eines ungetrübten Glücks zu erfreuen und folgen froh den inneren Trieben; nur das höchste, edelste Geschöpf, der Mensch, schafft sich Qualen und Sorgen, Leid und Verzweiflung, indem er seinen Willen über die Gesetze der liebenden Natur stellt. Ich vermag das nicht zu verstehen, und forsche vergeblich nach den Gründen, warum der Mensch das wahre, einzige Glück des Lebens einem eingebildeten und nur mit schmerzvollen Opfern erkauften vorzieht, das ihm am Ende doch keine Befriedigung gewährt.« —