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Prinzessin Sidonie.

Roman

von

Julius Bacher.

Zweiter Band.

Leipzig,

Verlag von Friedrich Fleischer.

1870.

Erstes Kapitel.

Etwa zwei Monate waren über die näher bezeichneten Vorgänge dahin gegangen. Den lichten, milden Herbsttagen waren die trüben und rauhen Verkünder des nahenden Winters gefolgt. Nachtfröste und die nie fehlenden Winde hatten Bäume und Gesträuche allgemach entblättert und die Menschen in die behaglichen Wohnungen gedrängt, von wo aus sie dem Walten in dem Naturleben gesicherter zuschauten und sich nun an den häuslichen Vergnügungen ergötzten.

Dies war namentlich in den Hofkreisen der Fall, woselbst man eifrig bedacht war, sich Amusements aller Art zu bereiten und in solcher Weise den unbequemen Winter angenehm zu vertändeln.

Es war die eilfte Vormittagsstunde und wir sehen den Fürsten in einem nichts weniger als prunkvollen, sondern vielmehr ziemlich einfach ausgestatteten Gemach mit der Durchsicht einiger vor ihm liegenden Papiere beschäftigt.

In dem Kamin brannte ein helles Feuer, obwol die Luft nur frisch, jedoch nicht frostkalt war. Ebenso war der Fürst sehr warm gekleidet, namentlich waren die Füße durch wärmende Hüllen und Decken geschützt. Die rauhe Jahreszeit hatte sein altes Leiden, die Gicht, mit vermehrter Heftigkeit herbei geführt und quälte ihn nun schon seit mehren Wochen, indem es ihn zugleich am Arbeiten und dem Genuß der frischen Luft hinderte und ihm überdies alle Lust an seinen gewöhnlichen Zerstreuungen raubte. Die Stimmung des Fürsten war daher auch keine gute, trotz der Bemühungen seiner vertrauten Freunde.

Während seiner Beschäftigung wurde ihm der Kammerherr, Chevalier Boisière gemeldet, und der Fürst befahl, denselben sogleich eintreten zu lassen. Der Chevalier besaß das besondere Vertrauen des Fürsten und wurde von diesem zu mancherlei delicaten Diensten verwendet, wozu der Franzose ganz ausgezeichnete Talente besaß.

Am Hofe in Paris alt geworden, in alle Intriguen desselben eingeweiht und mit den reichen Erfahrungen eines genußvollen Lebens ausgestattet, eignete er sich vortrefflich zu dem vertrauten Diener eines Fürsten, an dessen Hof es nicht besser zuging, als an dem französischen.

Durch Genüsse erschöpft, war der einst sehr schöne Chevalier nur noch ein Schatten von seiner ehemaligen Herrlichkeit. Er war sechzig und einige Jahre alt, sein Antlitz mit feinen Runzeln durchfurcht, der Mund wegen der Zahnlosigkeit eingefallen. Obgleich dürr und hinfällig, glänzte doch sein dunkles Auge lebensvoll und verrieth die Frische des Geistes, die ihm trotz seiner körperlichen Schwäche geblieben war. Er besaß eine feine Bildung, Geist und Witz, die er in einer angenehmen Weise geltend zu machen wußte, und war überdies in Haltung und Benehmen ein vollendeter Hofmann. Kleidung und Toilette waren stets sauber und geschmackvoll, ja der Chevalier verschmähte sogar Schminke und Schönpflästerchen nicht, um seinen graubraunen Teint zu verbessern und demselben einen jugendlichen Anstrich zu verleihen. Diese Sorgfalt war denn auch der Grund, daß er um zehn Jahre jünger erschien, als er es in der That war. Seiner geistigen Vorzüge, namentlich jedoch seiner Geschicklichkeit in Ausführung der angegebenen Dienste wegen schätzte ihn der Fürst ganz besonders und hatte ihn auch heute in seinem persönlichen Interesse zu sich rufen lassen.

»Nun, Chevalier, bringen Sie Neuigkeiten?« fragte der Fürst, den Eintretenden mit einem vertraulichen Kopfnicken begrüßend.

»Nichts von Bedeutung, mein gnädigster Fürst. Der Winter eignet sich eben so wenig zum Krieg wie zum Hervorbringen von anderen interessanten Vorgängen. Die Elemente wirken tiefer auf den Menschen, als er eingestehen will, und die Kälte und todte Natur schläfern die Leidenschaften ein; Winter und Alter verlangen nach Ruhe oder werden vielmehr durch die ersteren dazu genöthigt.«

»Wie ich hier, par exemple, nicht wahr? Und Sie wollten mich wahrscheinlich durch den Hinweis auf das allgemeine Naturgesetz mit meinem Leiden aussöhnen? Ich danke Ihnen, Chevalier, wenngleich ich Ihnen bekenne, sehr wenig Trost darin zu finden, da trotz alledem meine Schmerzen kein Ende nehmen wollen. Doch Sie haben noch etwas anzuführen vergessen, nämlich, daß die unfreundliche Jahreszeit uns auch unsere Sorgen ernster erscheinen läßt, als dies sonst zu sein pflegt.«

»Sollte das bei meinem gnädigsten Fürsten etwa der Fall sein?«

»Ja, Chevalier, und ich darf Ihnen meine Sorgen wol nicht näher bezeichnen, Sie kennen dieselben.«

»Diese beziehen sich also auf den Prinzen?«

»Natürlich; denn trotz aller meiner Bemühungen und alles Abwartens währt die unselige Trennung zwischen ihm und der Prinzessin fort. Ich sehe das Ende dieses Haders nicht und so mehrt sich die Sorge um die Thronfolge. Ich bin alt und krank genug, um an das Sterben zu denken. Der Tod kann mich überraschen, ehe die Erbfolge gesichert ist; da gebe es dann bei des Prinzen Charakter dereinst viel Unruhe und Gefahr, und diese möchte ich dem Staat gern ersparen.«

»In der That, ein übler Umstand,« bemerkte der Chevalier gedankenvoll.

»Ich bin überzeugt, die Prinzessin trägt keinen kleinen Theil der Schuld, daß keine Aussöhnung zu Stande kommt. Zwar war des Prinzen Treiben bisher allerdings nicht zu loben; er hat jedoch meinen Vorstellungen Gehör gegeben, wie ich zu meiner Freude bemerkt habe. Seit mehren Monaten verkehrt er fast gar nicht mehr mit der Residenz; die Debauchen haben aufgehört, und er lebt seit dieser Zeit ziemlich eingezogen und befleißigt sich der Staatsgeschäfte, ohne, so viel ich weiß, eine Liaison zu haben. Er hat sich also sehr zum Vortheil geändert, und dieser Umstand ließ mich mit Bestimmtheit die Herstellung eines guten Einvernehmens mit der Prinzessin hoffen; statt dessen höre ich, daß sie sich noch eben so fern als früher, ja man meint sogar, noch ferner stehen.«

»Nach den Mittheilungen der Baronin Mühlfels — die, wie mein gnädiger Fürst weiß, meine vertraute Freundin ist — muß ich diesen Umstand durchaus bestätigen.«

»Nun, da sehen Sie, Chevalier, wie die Sache steht, und werden erkennen, daß ich genöthigt bin, auf Mittel zu denken, diesem Uebel auf irgend eine Weise sicher zu begegnen!« rief der Fürst, durch das Vernommene sichtlich verstimmt.

Der Chevalier schaute bedenklich vor sich hin und der Fürst fuhr fort:

»An eine Trennung der Ehe mag ich nicht denken; ich scheue einen solchen Eclat, wobei der Prinz und ich selbst, da ich diese Ehe gestiftet habe, nicht eben gut fortkommen würden. Freilich ist an diesem Zerwürfniß mehr der Prinz als die Prinzessin schuld; denn es hätte Alles gut sein können, würde er die Prinzessin besser behandelt oder ihr die schuldigen Rücksichten geschenkt haben. Denn sie war anfangs ein stilles, geduldiges Wesen, bis es der Prinz zu toll machte, und nun ist sie uns über den Kopf gewachsen. Sie hat in der letzten Zeit eine Festigkeit und Selbstständigkeit bewiesen, die ich bei dieser zarten Frau nie erwartet hätte. So ist an eine Erfüllung meines Wunsches nicht zu denken, und das macht mich sehr besorgt und läßt mich auf Mittel denken, diesem Uebelstande in einer geeigneten Weise abzuhelfen. Was meinen Sie dazu?«

»Ich unterwerfe mich der Weisheit meines Fürsten,« entgegnete der Chevalier, das feine Spitzentuch an die Lippen führend.

»Ja,« fuhr der Fürst, von dem Interesse des besprochenen Gegenstandes erfüllt, eifrig fort, »ja, ließe sich der Prinzessin irgend eine bedenkliche Schwäche mit Bestimmtheit nachweisen, so würde man einen Anhaltpunkt für die Trennung gewinnen; so jedoch ist darauf nicht zu hoffen. Sie ist zu tugendhaft, oder besser gesagt, sie besitzt keine Leidenschaft.«

Der Chevalier hüstelte und ein feines, schlaues Lächeln umspielte seinen Mund.

»Ihre Mienen deuten mir an, daß Sie meine Ansicht über der Prinzessin Charakter nicht theilen,« bemerkte der Fürst, den Chevalier fest anschauend.

»O, Pardon, mein Fürst! Wie sollte ich nicht?!« fiel der Letztere ein, sich anmuthig verneigend, und fügte mit einem eigenthümlichen Ton und Blick hinzu: »Mein hoher Gebieter weiß, daß der Hof Ludwig des Fünfzehnten mich erzog und ich an demselben meine Erfahrungen über weibliche Tugend gesammelt habe; ein Bedenken über Ihre Besorgniß, mein Fürst, dürfte mir daher wohl gestattet sein. Ich meine, wir Menschen besitzen im Allgemeinen keinen Ueberfluß an moralischen Vorzügen, und aus dem einfachen Grunde, weil diese Vorzüge nicht beliebt, nicht amüsant und — auch nicht in der Mode sind. Dieses letztere ist sehr wichtig in Bezug auf die Frauen, namentlich auf diejenigen, welche das Glück genießen, die Luft des Hofes einzuathmen und aus ihren Elementen sich die Grundsätze zu ihrem Leben zu bilden. Damit wäre ich denn auch bei dem Tugend-Ueberfluß der Prinzessin angelangt,« schloß der Chevalier lächelnd.

»So nehmen Sie das letztere an, Mangel an Leidenschaft, gewöhnlich die Quelle unverdienter Tugenden!« fiel der Fürst ein, der durchaus Recht behalten wollte.

Wiederum schaute der Kammerherr schweigend vor sich hin, während das frühere bezeichnende Lächeln sich auf’s Neue geltend machte.

»Auch die zweite Voraussetzung scheinen Sie nicht zu billigen,« bemerkte der Fürst nach kurzer Pause.

»Ich gestehe, mein Fürst, es ist so. Der Schein trügt am meisten bei den Frauen, namentlich wenn sie noch so jung wie die Prinzessin sind. Jede Frau besitzt nach meinen Erfahrungen hinreichende Leidenschaften, um sich durch sie zu Thorheiten verleiten zu lassen; es kommt nur darauf an, dieselben in der geeigneten Weise hervor zu rufen. Vorhanden sind sie alle Zeit, welche Erkenntniß uns nur zu häufig überrascht. So, meine ich, ist es auch mit der Prinzessin.«

»Wenn ich Ihnen auch Recht geben muß, so bin ich dadurch doch in meinen Entschlüssen um keinen Schritt weiter gekommen. Was helfen alle Betrachtungen, da die Situation ein bestimmtes Handeln fordert,« fiel der Fürst ein. »Sie wissen, daß des Prinzen Tochter nach den Staatsgesetzen zur Thronfolge nicht berechtigt ist; bei der gegenseitigen Abneigung ist an keinen Thronerben zu denken; eine Versöhnung des Paars ist eben so wenig zu erwarten, als eine Trennung der Ehe zulässig: was läßt sich da thun?« —

Der Chevalier blickte den Fürsten mit einem Ausdruck in seinen Zügen an, der unschwer den Zweifel an der Rathlosigkeit seines Gebieters erkennen ließ; alsdann bemerkte er in vertraulichem Ton:

»Corriger la nature!« —

Der Fürst schaute nachdenkend vor sich hin und bemerkte nach kurzer Pause:

»Das ginge; doch ich zweifle, daß sich die Prinzessin dazu verstehen dürfte. Ich glaube, sie besitzt nicht den Muth dazu und hegt zu viele Gewissensscrupel.«

»Der Muth wird sich finden, sobald sie weiß, daß der fürstliche Oheim ihre Neigung nicht nur billigt, sondern dieselbe sogar als ein nothwendiges Mittel zu Staatszwecken betrachtet.«

»Sie können Recht haben.« —

»Die Legitimität mancher Fürsten ist angezweifelt worden. — Mein Fürst kennt die Geschichte Ludwig des Vierzehnten.«

Der Fürst neigte beistimmend das Haupt, indem er lachend bemerkte:

»Lassen wir das! Wollten wir uns um die Erforschungen der Legitimität der Menschen bemühen, wir würden da überraschende Dinge erfahren. Also bleiben wir dabei: Corriger la nature!«

»Es wäre daher nur noch ein Bedenken zu beseitigen,« bemerkte der Chevalier.

»Welches?« —

»Hinsichts des Prinzen. Man weiß, daß manche Väter durch den Segen des Himmels oft sehr unangenehm überrascht werden.« —

»Ah, pah! Der Prinz ist über dergleichen fort! Es wird meine Sache sein, seine Zustimmung zu unserm Plan zu erhalten; denn ich bin überzeugt, er wird sehr zufrieden sein, sich in solcher Weise mit der Ehe abfinden zu können.«

»Fast möchte ich es glauben; denn man spricht bereits von einer neuen Liaison des Prinzen,« bemerkte der Chevalier.

»Wirklich? Nun um so besser! Wer ist die Dame?«

»Man kennt sie nicht; sie soll nicht in der Stadt wohnen, und der Prinz beobachtet große Vorsicht, sie nicht zu verrathen. Man sagt, es sei eine Fremde, aber jung und schön, und der Prinz sei bis über die Ohren in das Mädchen verliebt.«

»O, nun erkläre ich mir sein Hiersein und eingezogenes Leben. Wie konnte ich auch an eine wirkliche Besserung glauben. Der Prinz ist unverbesserlich und ändert nur seine Neigungen. Aber ich wäre zufrieden, würde er dadurch von dem wilden Treiben in der Residenz abgehalten. Forschen Sie weiter, lieber Chevalier; ich möchte diese Angelegenheit genau kennen, um ein richtiges Urtheil darüber zu gewinnen. Ihre Nachricht kommt mir sehr gelegen; denn nun darf ich nach Wunsch handeln. Es fragt sich nur, ob die Prinzessin mit angenehmen Männern umgeht. Wie ich vernommen, empfängt sie meist nur ältere Männer der Wissenschaft und Künste; von solchen, die unserm Plan entsprechen dürften, weiß ich nichts.«

»Doch, mein Fürst, doch!« fiel Boisière ein und fügte mit einem vertraulichen Lächeln hinzu: »Da ist der Baron Mühlfels, des Prinzen Adjutant, bei den Frauen sehr beliebt und durch seine persönlichen Vorzüge zu der ihm bestimmten Rolle sehr geeignet.«

»Sie haben Recht, Chevalier. Der Baron ist ein hübscher und gewandter Mann, wir können das Beste von ihm erwarten,« bemerkte der Fürst.

»Der überdies bereits Ihren Wünschen entgegen kommt, mein Fürst.« —

»Wie das?«

»Seitdem der Prinz nicht mehr so viel in der Residenz lebt, hat man ihn häufig bei der Prinzessin gesehen, ja man will bemerkt haben, daß er sich um deren Gunst bewirbt und ihm Durchlaucht mit nicht gewöhnlichem Wohlwollen entgegenkommt.«

»Das ist ja herrlich!« rief der Fürst erfreut. »So würde denn ohne unser Zuthun vielleicht unser Wunsch erfüllt werden.«

»Das wäre allerdings noch eine Frage, wenn ich Sie recht verstehe, mein Fürst —«

»Ah so!« fiel dieser ein. »Sie haben Recht. Nun, Sie könnten den Baron mit meinen Wünschen bekannt machen und ihm dann wol alles Uebrige überlassen.«

»Wenn Sie es befehlen, mein Fürst, soll es geschehen, und ich bin gewiß, den Baron dadurch auf das Höchste zu beglücken.«

»Ich denke, der Prinz wird sich um so leichter über etwaige Bedenken fortsetzen, wenn er erfährt, daß sein ihm so ergebener Freund von uns ausersehen ist,« entgegnete der Fürst und fuhr alsdann fort: »Ihre Mittheilungen haben mir in der That eine große Sorge genommen, mein lieber Chevalier, und ich danke Ihnen bestens dafür. So wäre denn diese Angelegenheit in der besten Weise geordnet und ich gestatte Ihnen hinsichts derselben freies Handeln. Auch trifft es sich gut, daß des Barons Mutter die Oberhofmeisterin der Prinzessin ist; diese Dame steht in dem Ruf großer Geschicklichkeit, dergleichen Angelegenheiten zu ordnen, und ihr Einfluß auf die Prinzessin müßte nicht ohne Werth sein, falls wir desselben bedürfen sollten und sich die Sache nicht auch ohne diesen nach Wunsch gestaltet.«

»Es dürfte nicht schaden, der Baronin einige passende Andeutungen zu machen, um sie zu einem entsprechenden Handeln zu veranlassen.« —

»Das könnte geschehen, und Ihre Klugheit wird das Richtige zu wählen wissen. Beobachten Sie den Fortgang dieser Angelegenheit recht sorgsam, Chevalier, und bringen Sie mir, sobald irgend etwas von Bedeutung geschehen sollte, sogleich Nachricht. Sie wissen, wie viel mir an der Sache liegt. Mit dem Prinzen gedenke ich erst dann zu sprechen, wenn es die Umstände erfordern.«

Mit diesen Worten entließ der Fürst den Chevalier, der, durch die Unterredung sehr befriedigt, bereits die ihm durch die zarte Angelegenheit in Aussicht gestellten namhaften Vortheile erwog, welche ihm seiner Ueberzeugung nach und bei den von ihm gehegten Ansichten von dem moralischen Gehalt der Menschen nicht entgehen konnten.

Wie er Sidoniens Charakter beurtheilte, haben wir erfahren; seine Klugheit sollte das Uebrige thun, dessen war er gewiß.

Gewöhnt, die Ausführung seiner Absichten nie zu verzögern, begab er sich sogleich zu Mühlfels, den er zu Hause fand und der weit entfernt war, die Veranlassung des Besuchs zu ahnen.

Der Chevalier ließ sich bequem in einen Fauteuil nieder, und nachdem er mit dem Baron allerlei Hofneuigkeiten besprochen, bemerkte er, die Spitzenmanschette fältelnd, wie beiläufig:

»A propos, lieber Baron, man sagt, Sie machten Prinzessin Sidonie den Hof —«

»Entschuldigung, Chevalier, wer sagt dies?« fragte Mühlfels lächelnd.

»Eine sonderbare Frage in der That! Was könnte ich Ihnen nicht Alles darauf antworten! Ich könnte Diesen und Jenen, oder besser ,Diese und Jene nennen; aber um discret zu bleiben, nenne ich Ihnen nur die Luft, die Ihre Leidenschaft verrathen hat,« scherzte Boisière.

»Die Luft, die Luft!« rief Mühlfels lachend. »Sie haben Recht, lieber Chevalier, die Luft hier ist zum Verrath von Geheimnissen hinreichend, und so sehe ich nicht ein, warum ich mit dem Bekenntniß zurückhalten soll, daß mir die Prinzessin gefällt.« —

»Gefällt, und weiter nichts?« fragte der Chevalier mit einem zweifelnden Blick.

»Was soll ich Ihnen noch sagen?« lachte Mühlfels.

»Nun, was Sie mir verschweigen, daß auch Sie der Prinzessin gefallen.«

»Möglich!« warf Mühlfels selbstgefällig hin.

»Man sagt, Sie wären oft bei ihr, sie zeichnete Sie durch Aufträge aus, die sie Ihnen giebt, kurz, man meint, Sie erfreuten sich ihrer Gunst —«

»Halt, halt, mein lieber Chevalier, Sie sprechen da vielerlei Dinge in einem Athem, ohne zu erwägen, daß man dergleichen Subtilitäten ein wenig discreter auffaßt!« rief Mühlfels lachend.

»Daß ich diese nicht anders berühre, muß Ihnen ein Zeichen sein, nicht durch leidige Neugier, sondern durch eine wichtigere Veranlassung dazu bestimmt worden zu sein,« bemerkte der Chevalier mit Nachdruck.

»Wie das?« — fragte Mühlfels aufhorchend.

»Sie fragen und scheinen nicht zu bedenken, daß eine intimere Liaison mit der Prinzessin unter den obwaltenden Umständen eine hohe Bedeutung gewinnen kann. — Ich denke, Sie verstehen mich, Baron.« —

»Bei Gott, Chevalier, Sie belieben sich in sehr ausschweifenden Vermuthungen zu ergehen!« fuhr Mühlfels auf.

»Pah, pah, mein Freund! Eine Liaison mit einer schönen jungen Dame gestattet dergleichen. Doch ich denke, wir kennen uns genügend, um einander Vertrauen zu schenken.« —

»Gewiß, doch vergesse ich die Ehre nicht, in Ihnen den Vertrauten des Fürsten zu sehen!« entgegnete Mühlfels lachend.

»Und ich versichere Sie, daß Sie dies nicht zu beklagen haben. Nehmen Sie an, der Fürst interessirte sich für diese Liaison —«

»Ah!« stieß der Baron voll Ueberraschung hervor und blickte den Chevalier forschend an.

Dieser hatte den Handschuh der rechten Hand abgezogen und seine feinen, weißen und mit Ringen verzierten Finger nestelten wie vorher an der Manschette, ohne daß er den Baron anschaute.

»Das überrascht Sie?« fragte er. »Ich finde es natürlich, da Sie ja kaum ahnen konnten, daß Ihre Bemühungen um die Prinzessin von dem Fürsten bemerkt werden würden.«

»In der That, in der That, so ist es, Chevalier!« fiel Mühlfels erregt ein.

»Regen Sie sich nicht auf, lieber Baron; denn ich wiederhole Ihnen, der Fürst interessirt sich für Sie.«

»Billigt er etwa meine Verehrung der Prinzessin?«

»Bevor ich Ihnen diese Frage beantworte, muß ich erst wissen, wie Sie mit dieser stehen.«

»Viel gefordert, ohne dafür genügend gegeben zu haben,« entgegnete Mühlfels lachend.

»Nun denn, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß Ihr Vertrauen in keiner Weise gemißbraucht werden, noch Ihnen zum Schaden gereichen soll,« betheuerte der Chevalier ernst und voll Nachdruck.

»Ah so! die Sache ist ernst. Nun denn, so vernehmen Sie, daß mein Verhältniß kein anderes ist, als Sie es vorher bezeichneten —«

»Sie haben jedoch Hoffnung, Ihre Bewerbungen angenommen zu sehen?« —

»Sie wissen, Chevalier, wenn man liebt, hofft man auch.«

»Sie weichen mir aus. Das paßt in unserm Fall nicht. Sie haben in der Liebe Erfahrungen gesammelt, sind bei den Frauen beliebt, besitzen also in dergleichen Dingen ein Urtheil; also nochmals, was erwarten Sie von der Prinzessin?« —

»Sidonie ist keine gewöhnliche Dame; sie ist tugendhaft und« — bemerkte der Baron mit einem Anstrich von Bedenklichkeit, die jedoch irgend welchen Eindruck auf den Chevalier nicht hervorzurufen schien, indem dieser ziemlich gleichmüthig einfiel:

»Sie fürchten, nicht ohne besondere Mühe ihre Gunst zu erlangen?«

»Ich muß es vermuthen.« —

»Haben Sie ihr Ihre Zuneigung zu erkennen gegeben?«

»So weit es mir ihre Zurückhaltung gestattete.«

»Jedenfalls ist also die Prinzessin damit bekannt und mißbilligt dieselbe nicht?«

»Ich glaube, dies bejahen zu dürfen —«

»Warum führten Sie bisher nicht eine Entscheidung herbei? Die Gelegenheit dazu, meine ich, hat Ihnen nicht gemangelt.«

»Allerdings, doch hielt mich ein besonderer Umstand davon zurück. Die Prinzessin, scheint es, nimmt trotz des ehelichen Zerwürfnisses noch zu viel Rücksicht auf ihren Gemahl.« —

»So, so« — warf der Chevalier hin und bemerkte alsdann nach kurzer Pause: »Sie glauben das; wie aber wenn Sie sich täuschen und es nur eines geschickten Versuchs von Ihrer Seite bedürfte, um das Gegentheil davon zu erfahren? — Möchten Sie einen solchen wagen, wenn ich Sie versichere, daß dieser so wie alles Weitere von dem Fürsten nicht nur gebilligt, sondern sogar gern gesehen würde?« —

»Sie setzen mich in Erstaunen!« rief Mühlfels und schaute Boisière fragend an.

»Ich glaube es; aber ich glaube dieses Erstaunen noch wesentlich zu steigern, indem ich Ihrer Erwägung anheimgebe, in wie weit Sie diesen Vortheil benutzen wollen, um auch etwaige Bedenken der Prinzessin zu beseitigen.« —

»Sie haben da ein bedeutsames Wort ausgesprochen, Chevalier; das ist mehr, als ich zu hoffen wagte. Dieser Vortheil wiegt schwer, und ich zweifle an seiner guten Wirkung nicht.«

»Das denke ich auch; die Frauen haben es gern, ihren Schwächen ein moralisches Mäntelchen umhängen zu können.«

»Aber der Prinz?!« fragte Mühlfels und schaute den Chevalier bedenklich an.

»Den übernimmt der Fürst; Sie haben nichts von dem zu besorgen« — bemerkte Boisière einfach und ruhig.

»Wie? So wäre diese Angelegenheit also schon in dem Cabinet erwogen?«

Der Chevalier nickte vertraulich, während er den Handschuh anzog und alsdann glättete.

»Impossible!« rief der Baron überrascht und fragte dann: »Wie aber erfuhr der Fürst meine Zuneigung?«

»Durch mich, lieber Baron,« entgegnete der Chevalier vertraulich und unbefangen. »Ich hoffe Ihnen damit einen guten Dienst geleistet zu haben; denn unter so hohem Schutz genießt sich die Liebe einer fürstlichen Dame viel angenehmer,« fügte er mit einem cynischen Lächeln hinzu.

»In der That, lieber Chevalier, ich bin Ihnen von Herzen für Ihre Freundschaft dankbar; denn das Vernommene kommt meinen Wünschen überraschend entgegen.«

»Von Ihnen wird es also abhängen, den Fürsten zufrieden zu stellen. Alle Möglichkeiten sind erwogen, um, wenn es erforderlich wird, der Welt eine passende Comödie vorzuspielen, wozu sich der Prinz leicht verstehen dürfte, da, wie ich vernommen, er den Reizen einer schönen Dame in ungewöhnlicher Weise huldigen soll, über welche er seine alten Freunde und ihr wildes Treiben vergessen hat.« —

Er blickte Mühlfels fragend an; dieser legte jedoch mit einem verneinenden Achselzucken die Hand auf den Mund und Boisière fuhr fort:

»Nun, nun, ich verlange keine Indiscretion! Aus den Wirkungen pflegt man gemeinhin auf die Ursachen zu schließen, und wenn ich diesen Satz auf den Prinzen anwende, so komme ich zu der Voraussetzung, daß des Prinzen Geliebte ein ganz besonderes Mädchen sein muß, da sie es verstanden hat, den flatterhaften Mann so sehr zu verwandeln. Der Fürst ist damit zufrieden, da diese Liaison so vortheilhaft auf den Prinzen gewirkt hat. Nun, wir werden hoffentlich bald Näheres darüber erfahren, denn unsere Damen hier sind viel zu neidisch auf die der Unbekannten geschenkte Gunst, um sich dabei leidend zu verhalten. Bald, denke ich, werden sie das sonderbare Geheimniß ausgekundschaftet und damit die erwünschte Gelegenheit gefunden haben, ihre scharfe Zunge daran zu letzen: Es ist ein trauriges Schicksal der Fürsten und Großen, keine Geheimnisse haben zu dürfen. Sein Sie bedacht, mein theurer Baron, daß die verehrte Prinzessin diesem Schicksal nicht gleichfalls unterliegt. Doch Sie sind ein kluger und vorsichtiger Mann, und ein solches Geheimniß verbirgt sich leichter im offenen, freien Umgange als in dem Versteck der Einsamkeit und der Nacht.«

Der Chevalier erhob sich, ergriff des Barons Hand und bemerkte in vertraulichem Ton:

»Ich muß noch eine Bitte aussprechen. Sie kennen das Interesse des Fürsten für Ihre Angelegenheit, und es kann Sie daher der Wunsch desselben nicht überraschen, mit dem Fortgang derselben bekannt gemacht zu werden. Wollen Sie mir also zu seiner Zeit Mittheilungen darüber machen?«

»Des Fürsten Wunsch befreit mich von jeder Antwort.«

»Gut, gut, mein lieber Baron. Ich verlasse mich ganz auf Sie. Also viel Glück! O, wer wie Sie noch jung und schön wäre! Aber, tempi passati! O, Sie Beneidenswerther! Sidonie ist mehr interessant als schön; doch das läßt noch keinen Schluß zu, was sie in der Liebe ist. Da erscheinen die Frauen oft mit ganz neuen, nicht geahnten Reizen. O die süßen kleinen Frauen! Au revoir, mon cher ami, au revoir!«

Er umarmte den Baron zärtlich und entfernte sich alsdann, um der Oberhofmeisterin einen Besuch zu machen und bei dieser Gelegenheit die von dem Fürsten gewünschten Notizen über des Prinzen neue Liaison zu sammeln.

Er kannte nämlich den Verkehr des Prinzen in dem Hause der Baronin und wußte überdies, welche Dienste diese dem Ersteren geleistet; es war also keine Frage für ihn, daß sie auch bei dieser Liaison die Hand im Spiel hatte, und es daher seiner Geschicklichkeit gelingen müßte, sie zu den gewünschten Aeußerungen zu veranlassen. Er gedachte ihr überdies Andeutungen hinsichts der soeben mit ihrem Sohn besprochenen Angelegenheit zu machen und es ihr anheim zu geben, in wie weit sie dabei auf die Prinzessin einzuwirken für gut fand. Eine so erfreuliche Mittheilung, sagte er sich, war aber auch zu vertraulichen Aeußerungen sehr geeignet, und so hoffte er seinen Zweck bestimmt zu erreichen.

Mühlfels blieb nach des Chevaliers Entfernung in der glücklichsten Stimmung zurück.

Was ihm der Chevalier mitgetheilt, kam ihm eben so unerwartet, als es seine kühnsten Wünsche überflügelte. Der Fürst billigte nicht nur seine Zuneigung zu der Prinzessin, sondern wünschte dieselbe sogar, indem er zugleich bedacht war, ihr wie ihm jedes Hinderniß und jede Bedenklichkeit zu nehmen. Den Grund zu alledem erkannte Mühlfels nur zu wohl, und dieses Bewußtsein gewährte ihm eine bezaubernde Aussicht, die ihm die glänzendste Zukunft verhieß. Vor allen Gefahren gesichert, durch den Wunsch des Fürsten ermuthigt, dessen Erfüllung seine Eigenliebe zugleich herausforderte; von der Täuschung erfüllt, Sidoniens Gunst bereits gewonnen zu haben, und mit den Mitteln ausgestattet, ihr jedes Bedenken zu nehmen, gedachte er nun die erste Gelegenheit zu benutzen, ihr seine Liebe zu gestehen und sich derselben voraussichtlich bald zu erfreuen.

Während dieser Ueberlegung hatte der Chevalier das Haus der Baronin erreicht und wurde von dieser in der freundlichsten Weise empfangen. Zeigte Boisière bei Mühlfels den Cavalier, so bei der Baronin den galantesten Hofmann. Als er sie begrüßte, ergriff er ihre Hand, führte sie an Lippen und Brust, indem er, die Baronin zärtlich anschauend, im Lispelton bemerkte:

»Wie beglückt es mich, meine theure Freundin in so blühendem Wohlsein zu finden!« Und nochmals drückte er ihre Hand an das Herz.

»Ich freue mich, Ihnen dieses Compliment zurück geben zu können,« entgegnete die Baronin.

»O, Sie schmeicheln, meine Gnädigste! Ein alter, gebrechlicher Mann und eine schöne, liebreizende Dame! O, wie paßt das zusammen!« entgegnete der Chevalier seufzend und hüstelnd.

»Nun, nun, mein Freund, so arg ist es denn doch noch nicht! Schönheit und Geist sind unzerstörbar wie Diamant.«

»Ja, bei Gott, Sie selbst überzeugen mich auf das Angenehmste von dieser Wahrheit,« rief der Chevalier, die Baronin zärtlich anschauend.

»Immer der feine, galante Hofmann!« sprach die Letztere selbstgefällig und geschmeichelt, während sie dem Gast einen Fauteuil zuschob und sich selbst in die Kissen des Divans sinken ließ.

»Ich komme soeben von Ihrem Sohn, meine Gnädigste, und war so glücklich, ihm eine sehr angenehme Botschaft zu überbringen,« bemerkte Boisière mit einem vielsagenden, vertraulichen Blick.

»Sie überraschen mich, mein Freund! Was ist es?« fragte die Baronin voll Neugier.

»Eine delicate Angelegenheit.« —

»Sie steigern meine Neugier.« —

»Es betrifft die Prinzessin.« —

»Die Prinzessin? Wie soll ich Sie verstehen?«

Der Chevalier hüstelte ein wenig, ergriff alsdann ihre Hand, neigte sich zu ihr und entgegnete in leisem Ton:

»Der Baron verehrt die Prinzessin; Serenissimus hat davon Kenntniß erhalten und sich in Folge dessen veranlaßt gesehen, Ihrem Sohn durch mich einen gnädigen Wink darüber geben zu lassen. Sie werden mich verstehen.«

»Sie setzen mich durch eine so überraschende Mittheilung in das glücklichste Erstaunen!« rief die Baronin und blickte den Chevalier gespannt an.

Dieser kam ihren Wünschen, mehr zu vernehmen, sogleich entgegen, theilte ihr das uns bereits Bekannte ziemlich ausführlich mit und steigerte dadurch die Freude und das Erstaunen der Baronin in hohem Grade.

»Ich finde keine Worte, meine Empfindungen über das Vernommene auszudrücken! Also der Fürst wünscht —«

»Sie kennen die Verhältnisse zu genau, meine Freundin, um die Intentionen unseres Fürsten nicht natürlich zu finden.« —

»Gewiß, gewiß, mein lieber Chevalier. Die Staatspolitik hat andere Grundsätze, nach denen sie verfährt und verfahren muß, als sie in den untergeordneten Lebensverhältnissen obwalten, und man darf bei ihr nicht den gewöhnlichen Maßstab der Beurtheilung ihrer Arrangements anwenden,« bemerkte die Baronin altklug und wichtig.

»Um so mehr beglückt es mich, Ihren Sohn durch das Vertrauen Serenissimi beehrt zu sehen. Ich darf Sie nicht an die Vortheile erinnern, welche sich damit nicht nur allein für ihn verbinden,« — bemerkte Boisière vertraulich und bedeutungsvoll.

»Eine glückliche Intention des Fürsten!« rief die Baronin erfreut.

»Zu welcher ich ein wenig in Ihrem Interesse und dem Ihres Sohnes beigetragen habe,« — bemerkte Boisière leichthin und selbstgefällig.

»Eine Güte, die Ihres edeln Herzens würdig ist und uns zu dem tiefsten Dank verpflichtet,« entgegnete die Baronin und reichte ihm die Hand.

»Sie wissen, süße Frau, daß es dessen nicht bedarf und ich den schönsten Lohn in dem Glück meiner Freunde finde,« sprach der Chevalier ablehnend und die Lippen auf die dargebotene Hand drückend, und fuhr alsdann vertraulich fort: »Uebrigens, meine Freundin, liegen die Verhältnisse auch so, daß der Fürst zu irgend einem wirksamen Schritt genöthigt ist. Bedenken Sie die Erbfolge! — An eine Aussöhnung zwischen dem Ehepaar ist jetzt um so weniger zu denken, da, wie Ihnen wahrscheinlich nicht unbekannt sein wird, der Prinz in den Fesseln einer bezaubernden Armida schmachten soll, aus denen keine Rückkehr zu der einfachen Prinzessin zu erwarten ist.« —

Der Chevalier schwieg und blickte die Baronin an; sie schlug ein wenig verlegen die Augen nieder, faßte sich jedoch rasch und entgegnete:

»Sie glauben das?« —

»Ich spreche nur das Gehörte nach; doch hoffe ich Bestimmteres aus dem Munde meiner theuren Freundin zu vernehmen.« —

Die Baronin hüstelte; die von dem Chevalier ausgesprochene Erwartung war ihr nichts weniger als angenehm, da dieselbe sie zu Mittheilungen herausforderte. Aus den angeführten Gründen durfte sie jedoch nichts verrathen und befand sich daher in nicht geringer Verlegenheit wegen einer passenden Antwort. Doch war sie viel zu schlau in dergleichen Angelegenheiten, um nicht das Geeignete zu finden, und so entgegnete sie scheinbar unbefangen und leichthin:

»Mein verehrter Freund muthet mir mehr zu, als ich zu leisten vermag.« —

»In der That, meine gnädigste Baronin?« fragte Boisière überrascht.

»Erwägen Sie selbst, cher ami. Wenn mir der Prinz auch früher bisweilen die Ehre seines Besuchs schenkte, so darf ich mich dennoch nicht seines Vertrauens rühmen, um so weniger in einer Angelegenheit, die er selbst sehr discret behandelt und wahrscheinlich auch also von Jedermann behandelt wissen will.« —

»Sie haben Recht, ganz Recht, meine Beste!« fiel der Chevalier eifrig und eingehend ein und fügte hinzu »Ich habe mir das bereits selbst gesagt und würde Sie daher auch nicht mit einer Frage belästigt haben, betrachtete der Fürst diese Liaison nicht mit günstigen Augen und stände dieselbe nicht in einem so genauen Zusammenhange mit der Angelegenheit Ihres Sohnes.« —

»In der That, das hatte ich nicht bedacht!« fiel die Baronin etwas unruhig ein.

»Sie werden überdies des Fürsten Wunsch natürlich finden, genügenden Aufschluß über dieses Verhältniß zu erhalten, und da wäre es mir in Ihrem Interesse, meine theure Freundin, angenehm gewesen, hätten Sie sich Ansprüche auf des Fürsten Dank durch irgend welche Mittheilungen sichern können.« —

»Sie meinen also, dem Fürsten läge etwas an der Kenntniß dieser Liaison?« fragte die Baronin gespannt.

»Sie können denken! Er verehrt die Dame in hohem Grade, der es gelungen ist, seinen flatterhaften Neffen zu einem ernsten Menschen umzuwandeln, und so kann es Sie nicht überraschen, wenn er auch die näheren Verhältnisse derselben kennen zu lernen wünscht.«

»Sie haben Recht und ich theile Ihre Ansicht; indessen, wenn ich auch etwas wüßte, so darf ich dennoch nichts verrathen.«

»Ich verstehe, meine Gnädige, und lobe Ihre Discretion. Man muß stets wissen, wie viel und was man in dergleichen Angelegenheiten sagen darf, und so will ich nicht weiter in Sie dringen, obgleich ich bedaure, daß Ihnen unter solchen Umständen der Dank des Fürsten entgehen muß,« bemerkte der Chevalier mit einem forschenden Blick auf die Baronin. Zugleich erhob er sich und machte Miene, sich zu entfernen.

»Bleiben Sie doch, lieber Chevalier! Sie haben doch nicht so große Eile?! Wir plaudern noch ein wenig,« beeilte sich die Baronin voll Erregung zu bemerken, indem sie zugleich seine Hand ergriff und ihn auf den Sessel zog.

»Wie Sie befehlen, meine Gnädigste. Sie wissen, es ist mir stets ein hoher Genuß, mich Ihrer Nähe erfreuen zu dürfen,« sprach der Chevalier, die einladende Hand zärtlich küssend, worauf er den Sitz wieder einnahm. »Ja, ja,« fuhr er alsdann unbefangen fort, »es muß in der That ein ganz besonderes Wesen sein, dem es gelungen ist, unsern Prinzen zu fesseln. Man sagt, sie sei aus Paris oder sonstwo ganz in der Stille angekommen und lebe hier im Verborgenen. Das Wunderbarste dabei ist freilich, wie und wo sie der Prinz kennen gelernt hat, und man zerbricht sich darüber die Köpfe, ohne doch eine Erklärung zu finden.«

»Ich kann es mir denken; denn diese Liaison ist auch wirklich unter ganz besonderen Umständen angeknüpft worden,« entgegnete die Baronin lächelnd und selbstgefällig. »Ich erfuhr darüber durch eine Freundin Mancherlei, was ich vielleicht weiter sprechen dürfte. — Es soll also Alles unter uns Drei bleiben?« fragte sie.

»Gewiß, liebste Baronin, und ich sehe nicht ein, was Sie wagen, sich des Fürsten Dank zu verdienen? — Früher oder später würde er diese Geschichte doch immer erfahren, und so ist es jedenfalls für Sie vortheilhafter, wenn er sie von Ihnen erfährt. Von meiner Verschwiegenheit sind Sie hoffentlich überzeugt.«

»Ich bin es, mein Freund, und glaube überdies, daß mich die Pflicht gegen den Fürsten der Rücksicht gegen den Prinzen überhebt.«

»Das darf gewiß nicht bezweifelt werden!« versicherte Boisière, und die Baronin fuhr fort:

»Ich habe dem Prinzen allerdings das tiefste Schweigen gelobt; doch vertraue ich des Fürsten und Ihrer Discretion, mein Freund, und so hören Sie denn.«

Mit wenigen Worten theilte sie ihm alsdann das uns bereits Bekannte mit.

»Der Fürst,« schloß sie, »wird sehr überrascht sein, zu erfahren, daß nicht eine vornehme Dame, sondern ein einfaches Naturkind den Prinzen in so hohem Grade zu fesseln wußte.«

Der Chevalier hatte ihrer Mittheilung mit gespannter Aufmerksamkeit gelauscht; als sie endete, bemerkte er lachend:

»Also eine Liaison à la Louis quatorze! Ich habe so etwas von dem Prinzen erwartet. Die vornehmen Damen hatte er längst satt, ich habe es bemerkt, da konnte ein solcher Rückschlag nicht ausbleiben. Chacun à son goût! Das ist die Parole! Ich bin überzeugt, daß das, was den vornehmen Damen nicht gelang, diesem Mädchen gelingen wird. Sie werden es erleben, meine theure Baronin, daß sich der Prinz wirklich in das Mädchen verliebt, wenn es nicht schon geschehen ist, und sie von ungeheuerm Einfluß auf uns Alle werden kann! Voilà tout! Ein Landmädchen! Diese Nachricht wird dem Fürsten große Freude bereiten, da alle die Unbequemlichkeiten und Rücksichten, welche eine Liaison mit Damen aus der bessern Gesellschaft bedingen, in diesem Fall nicht in Frage kommen. Passen Sie auf, liebste Baronin, diese Art Liebschaft wird viele Nachahmer finden, und kommt dergleichen erst in Mode, so werden die Landmädchen im Preise steigen!«

Und er lachte mit Behagen.

»Sie werden mich nicht verrathen, liebster, bester Freund,« bat die Baronin.

»Mein Wort zum Pfande! Warum sollte ich es auch? Dafür werden schon Andere sorgen. Also kein Bedenken. Aber ich gratulire Ihnen auch, meine Freundin; denn der Fürst wird Ihnen sehr dankbar sein. Diese Liaison wird ihm viel Vergnügen bereiten und seine ganze Billigung finden, da sie so vortreffliche Wirkungen ausübt. Ueberdies ist sie auch im Hinblick auf den Wunsch des Fürsten hinsichts Ihres Sohnes von großer Bedeutung; je fester der Prinz von den Fesseln seines Landmädchens umsponnen wird, um so gerechtfertigter ist auch des Fürsten Absicht. Ich wünsche Ihnen nochmals Glück!«

Also redete der Chevalier in der besten Stimmung und indem er der Baronin Hand wiederholt an die Lippen führte; alsdann schied er, nicht wenig stolz, Serenissimi so pikante Nachrichten überbringen zu können und sich dessen Dank zu erwerben.

Seine Erwartungen wurden in der That nicht getäuscht. Der Fürst zeigte sich nicht nur sehr zufrieden mit dem Vernommenen, sondern es erregte auch seine besondere Heiterkeit, daß der Prinz sich in eine solche idyllische Liebe zurück gezogen hatte.

»Es ist gut so,« bemerkte er. »Dergleichen niedere Personen gewinnen keinen Einfluß bei Hofe, da ihnen Interessen dieser Art ganz unbekannt sind. Ohne Ehrgeiz und Ansprüche, sind sie durch ihre glänzende Lage vollkommen zufrieden gestellt, und man kann sie überdies nach Belieben seiner Zeit bequem beseitigen. So käme uns diese Angelegenheit denn sehr nach Wünschen, und was Sie mir über den Baron mitgetheilt haben, läßt mich an einem guten Erfolg nicht zweifeln. — Der Prinz,« fuhr er nach einer Pause fort, »darf in seiner Schwärmerei durchaus nicht durch aufdringliche Neugier gestört werden; je länger diese Liebschaft währt, um so besser. Von meiner Seite soll nichts geschehen und ich will thun, als ob ich nicht die geringste Kenntniß davon besäße; doch kann es nichts schaden, wenn Sie derselben im Geheimen Ihre Aufmerksamkeit zuwenden, damit ich stets über Alles unterrichtet bin. Im Uebrigen reinen Mund, Chevalier. Versichern Sie die Baronin meiner Gnade für den mir geleisteten Dienst und beruhigen Sie sie hinsichts der von ihr besorgten Indiscretion. — Ja, ja,« schloß der Fürst lachend, »eine Liaison à la Louis quatorze! Die schöne Gabriele und ihr königlicher Schäfer! Nun, man darf des Prinzen Geschmack nicht tadeln. Die Waldblume bleibt, obgleich sie auch nur im Walde aufblühte, doch immer eine Blume!«

Lachend entließ er den Chevalier, der seinerseits von diesem Augenblick an bedacht war, die besten Wege aufzufinden, sich die von dem Fürsten gewünschten Aufklärungen über des Prinzen Liebschaft zu verschaffen. Diese Angelegenheit hatte einen ganz besondern Reiz für ihn, und mit um so größerem Vergnügen ging er an seine Thätigkeit.

Zweites Kapitel.

Die ersten Schneeflocken senkten sich aus dichtem Gewölk sanft auf die Erde nieder, durch keinen Luftzug gestört, hafteten hin und her an, um bald zu zerfließen oder sich an einem kälteren Gegenstand als Winterzeichen zu behaupten. Die der Erde fernstehende Sonne vermochte die Wolken nicht zu durchdringen, noch auch ihr freundliches Licht geltend zu machen; es war ein recht trüber, melancholischer Tag.

Sidonie saß allein in ihrem Gemach und entlockte der in ihren Armen ruhenden Harfe die letzten Töne eines Musikstücks, das sie soeben beendete. Leise vertönten die traurigen Accorde; sie lehnte das Haupt gegen das Instrument und verlor sich in trüben Gedanken. Fast drei Wochen waren nun schon über den von dem Grafen zu seiner Rückkehr bestimmten Zeitpunkt dahin gegangen, ohne daß er sein Versprechen erfüllt hatte.

Allerlei Zweifel und Bedenken waren in Folge dieses Fernhaltens in ihr aufgestiegen. Wie nahe lag die Besorgniß, der Graf erachte es vielleicht wie früher für besser, sein Versprechen nicht zu halten und Sidonie so allmälig an den Gedanken seiner dauernden Entfernung zu gewöhnen.

Wie sehr litt sie unter dieser Vorstellung, obgleich sie sich nicht für berechtigt erachtete, dem Geliebten darum einen Vorwurf zu machen. Durfte sie denn verlangen, daß er ihr sein Leben opferte und die sich ihm darbietenden angenehmen Stunden für so Geringes austauschte, was sie ihm dafür zu bieten vermochte? — Nein, nein, das konnte und wollte sie nicht. Dann fiel es ihr wieder ein, der Graf könnte, von seinen Verwandten gedrängt, vielleicht auch durch eine schöne Dame veranlaßt, an eine Vermählung denken. — — Er war der älteste Sohn der Familie und hatte Rücksichten auf diese zu nehmen. Sie erbebte, aber nur für einen Augenblick, alsdann schalt sie sich wegen dieser Besorgnisse, die den Geliebten beleidigen mußten. Doch was ersinnt sich nicht Alles das zagende, unglückliche Herz, um sich zu beruhigen und zu quälen.

Ihren Mund umspielte ein süßes Lächeln; sie erwog, daß der Graf, hätte er sich vermählen wollen, dies dann wol schon in den verflossenen Jahren gethan haben würde, und der Gedanke schmeichelte sich in ihre Seele, daß ihre Liebe ihm genüge und genügen würde sein Leben lang. Hatte sie es nicht schon früher von seinen eigenen Lippen vernommen? — Sie war eine Thörin, sich mit dergleichen üblen Vorstellungen und Zweifeln zu quälen. Warum sollte er auch fern bleiben? — Gestattete ihre unabhängige Lage nicht einen ungezwungenen Verkehr mit ihm, der zu süß und beglückend war, um ihm nicht zu genügen. Auch durfte er ihretwegen nichts mehr befürchten. Vereinsamt und kaum beachtet lebte sie; Niemand kümmerte sich um ihr Thun, und so durften sie sich an einander ohne Sorge erfreuen.

Obwol diese Betrachtungen angenehmer Art waren, vermochten dieselben dennoch ihre trübe, nachdenkliche Stimmung nicht aufzuheben. Ihr Gesichtsausdruck verrieth dieselbe, in welchem sich der eingewohnte Schmerzenszug jetzt mehr denn sonst geltend machte.

Sie wurde ihrem trüben Nachsinnen durch die Meldung entzogen, daß Baron Mühlfels ihr aufzuwarten wünsche. Sie erinnerte sich, ihm vor einiger Zeit einen Auftrag wegen eines Künstlers gegeben zu haben, und in der Voraussetzung, er wolle ihr darüber berichten, ließ sie ihn sogleich zu sich führen.

»Ich bin so glücklich, Eurer Hoheit mittheilen zu können, daß der von Ihnen gewünschte Künstler innerhalb eines Monats hier anlangen wird und sich hochgeehrt fühlt, Eurer Hoheit mit seinen Diensten alsdann aufwarten zu dürfen,« berichtete Mühlfels, nachdem er die Prinzessin hochachtungsvoll begrüßt hatte.

»Das ist eine erfreuliche Nachricht, lieber Baron, und ich danke Ihnen bestens dafür. Meine Soiréen werden dadurch um einen wesentlichen Genuß vermehrt werden, was mir ungemein lieb ist. Sie haben wol mancherlei Mühe dieserhalb gehabt?« entgegnete Sidonie in dem ihr natürlichen herzlichen Ton.

Mühlfels blickte die Prinzessin mit dem Ausdruck tiefster Ergebenheit an, die jedoch auch zugleich eine Deutung zärtlicher Empfindungen gestattete. Ihm entging ihr Trübsinn nicht, und theilnahmsvoll entgegnete er:

»Wie beglückt würde ich mich fühlen, wäre es mir gestattet, mein ganzes Leben dem Dienst Eurer Hoheit zu weihen! O, wie sehr beklage ich es, so wenig zur Erheiterung Ihres betrübten Herzens beitragen zu können!«

Durch diese Versicherung angenehm bewegt, entgegnete Sidonie freundlich:

»Ich danke Ihnen für Ihre Ergebenheit und erinnere Sie, daß es uns schon genügt, bei unseren Freunden so gute Gesinnungen voraussetzen zu dürfen. Diese gelten statt der That.«

»Eine wahre Gesinnung verlangt aber auch die Handlung, den Zeugen ihres Lebens; sie allein vermag denjenigen nicht zu befriedigen, der sein höchstes Glück in der vollsten Hingabe an seine Gebieterin findet!« fiel der Baron mit Wärme ein, indem sein Auge dasjenige der Prinzessin suchte und darin forschte.

Sidonie blickte nachdenkend zu Boden; sie gedachte bei Mühlfels’ Worten des Grafen, der ja in ähnlicher Weise zu ihr gesprochen hatte, und gab dem Baron darum in ihrem Herzen Recht. Sie vermochte nicht sogleich die Antwort zu finden, und Mühlfels deutete ihr Schweigen und nachdenkliches Wesen für eine gute Wirkung seiner Worte, und beeilte sich, im obigen Ton fortzufahren:

»O, dieses Verlangen, gnädigste Prinzessin, wird um so heftiger, wenn wir Diejenigen, denen unsere tiefste Verehrung gehört, ein freudloses Dasein führen sehen. O, bedenken Hoheit, wie sehr die leiden müssen, die mit solchen Empfindungen erfüllt, sich dennoch nur zu einem Mitleiden verurtheilt sehen, obwol ihr Herz sie drängt, ihr Leben für ein Lächeln der Verehrten hinzugeben!«

Sidonie blickte wohlwollend auf ihn. In seinem Ausspruch klangen ihr ja auf’s Neue des Geliebten Worte wieder; denn also hatte auch er einst gesprochen, und so that ihr Mühlfels’ Wärme wohl, obwol sie dadurch überrascht wurde, da sie dergleichen Empfindungen bei ihm nicht erwartet hatte. Nach kurzem Zögern entgegnete sie mit mildem Ton:

»Ich muß Ihnen beistimmen. Denn es däucht mir natürlich, daß wir diejenigen, die wir in unser Herz geschlossen haben, auch ganz glücklich sehen möchten; ist das doch eine Nöthigung unserer Gefühle. Können und dürfen wir jedoch stets dieser folgen? Entbehren und Verzichten ist ja einmal das Loos der Menschen!«

»O hegen Sie diesen Glauben nicht, Prinzessin! Er ist zu niederdrückend und obenein unbegründet! Nicht zum Entbehren ist Jugend und Schönheit geschaffen, sondern zum vollsten Genuß des Lebens. Nur der Schwache und Furchtsame entbehrt im Gefühl seiner Machtlosigkeit; ihm mangelt die wahre Leidenschaft; der Muthige jedoch weiß die Schranken zu durchbrechen, die ihn von seinem Glück fern halten!«

Die Prinzessin schaute ihn betroffen an; seine Worte paßten auch jetzt wieder zu ihrem eigenen Verhältniß, ja sogar zu ihrer gegenwärtigen Lage, so daß sie auf den Gedanken geleitet wurde, der Baron sei mit ihrer Liebe bekannt und bedacht, sie zu ermuthigen und zu trösten.

Diese Voraussetzung lag nahe; denn warum sollte Mühlfels durch des Grafen früheren Besuch nicht zu einer solchen Erkenntniß gelangt und durch Theilnahme für ihre unglückliche Lage veranlaßt worden sein, ihr in geschickter Weise dies zu erkennen zu geben und seine Dienste anzubieten. —

Das wäre keine besondere Erscheinung zu nennen gewesen; bot man sich doch, wie sie genügend erfahren hatte, am Hofe in dergleichen Angelegenheiten gern die Hand. Und mußte sie des Barons Ansichten nicht überdies beistimmen? Verlangte ihr eigenes Herz nicht nach dem Glück des Lebens? Erfüllte sie in diesem Augenblick nicht die Sehnsucht nach dem Geliebten? Auch erwog sie, daß ein Mann von Mühlfels’ Stellung ihr unter den obwaltenden Verhältnissen von besonderem Vortheil sein könnte? —

Dies Alles leitete sie auf den Gedanken, die Gesinnungen des Barons näher zu prüfen und sich zugleich zu überzeugen, in wie weit er etwa mit ihrer Liebe vertraut wäre. Daher glaubte sie das Gespräch fortsetzen zu müssen und ihn dadurch zu weiteren Aeußerungen zu veranlassen, und sie entgegnete mit Interesse:

»Es mag wol in dem Charakter des zum Handeln geborenen Mannes liegen, dem Widerstande der Verhältnisse mit Thatkraft zu begegnen, so weit dies eben möglich ist, und ich kann nicht läugnen, daß ich dies auch überhaupt bei dem Manne voraussetze; ein Anderes ist es jedoch bei den Frauen, denen diese Energie mangelt.«

»Darin eben beruht des Mannes Glück, der sich dadurch berufen fühlt, für sie zu handeln, ihnen den erfüllten Wunsch zu Füßen zu legen und in ihrem Dank den Lohn der Mühen zu kosten,« fiel Mühlfels mit Wärme ein.

»Sie mögen Recht haben; doch fürchte ich, Sie huldigen zu sehr der Theorie und übersehen, daß das wirkliche Leben mit seinen tausendfachen Verschlingungen, Forderungen und Gesetzen auch dem kräftigsten Willen unbesiegbare Hindernisse entgegen stellt.« —

»Welches Gesetz, welchen Widerstand, scheinbar unüberwindlich, hätte die Kraft der Leidenschaft nicht schon zu beseitigen gewußt!« bemerkte Mühlfels mit gesteigerter Wärme. »Wo sie herrscht und die Energie anspornt, ist der Sieg stets der ihre. Doch,« fuhr er, sich besinnend fort, »wir sind auf das unfruchtbare Feld der Speculation gerathen, und doch war es meine Absicht, Hoheit das heiße Verlangen auszudrücken, so glücklich zu sein, Ihnen durch meine Ergebenheit ein Lächeln der Freude zu verschaffen, zu welchem Sie ja vor Allen hier am Hofe berechtigt sind, da Ihr edles Herz tausendfach schmerzlich berührt worden ist und — o, daß ich es sagen muß! — noch betroffen wird. O, meine gnädige Prinzessin wird mir verzeihen, wenn ich gestehe, wie ich von Anbeginn ihren stillen Kummer mitgefühlt, ihre Kränkungen mich nicht geringer empört haben, wie sie selbst, und ich immer und immer nur den einen Wunsch hegte, sie über diese Leiden fortzuheben!«

Der Baron hatte, von seiner Leidenschaft für die Prinzessin, deren mildes Wesen sie ihn doppelt reizend erscheinen ließ, fortgerissen, in einem wirklich aufrichtigen Ton gesprochen, der um so mehr geeignet war, eine gute Wirkung auf Sidonie auszuüben, da sie darin nichts Anderes als eine freundschaftliche Theilnahme mit ihrer Lage erkannte. Auch lag ihr die Ahnung von des Barons Gefühlen und Absichten so sehr fern, daß sie durch seine Worte nicht daran erinnert wurde. Ueberdies war ihr die allgemeine Theilnahme bekannt, welche man ihr schenkte, warum sollte sich Mühlfels, der mit ihren Verhältnissen am genauesten vertraut war, warum sollte er daher eine Ausnahme machen. — Im Gegentheil war er vor allen Anderen dazu veranlaßt. In dieser Voraussetzung blieb sie daher unbefangen und entgegnete, durch die verrathene Theilnahme angenehm berührt, in herzlichem Ton:

»Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Theilnahme, lieber Baron, doch was vermögen Sie zu thun, meine Lage zu ändern?« —

»O, Hoheit, vielleicht mehr, als Sie glauben!« betheuerte Mühlfels erfreut.

Sidonie schüttelte das Haupt.

»Sie trauen sich zu viel zu, lieber Baron. Sie kennen die Verhältnisse und wissen, daß ich mich denselben entsagend fügen muß« — erwiderte Sidonie und schaute, von ihren trüben Gefühlen beherrscht, zu Boden.

»Und warum müssen Sie sich fügen, gnädigste Frau? Hat Sie des Prinzen Verhalten nicht längst zur vollsten Freiheit berechtigt? Ihm schulden Sie keine Rücksicht mehr, da er sie nicht verdient, und er verdient dieselbe in diesem Augenblick um so weniger, da er sich in den Fesseln einer andern Person glücklich fühlt und darüber die Eurer Hoheit schuldende Ehrfurcht vergessen kann!«

»Schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Sidonie mit einer abwehrenden Handbewegung gegen ihn, indem sie zugleich das Haupt sinken ließ.

»Nein, Hoheit, ich darf, ich will nicht schweigen! Meine Ergebenheit für Sie, meine Pflicht gebieten mir, Ihnen die Wahrheit zu verrathen und vor Ihren Augen das Geheimniß zu enthüllen, in welchem der Prinz seine Leidenschaft verbirgt. Es ist von keiner flüchtigen Liaison mehr die Rede, sondern von einem Sie entehrenden ernsteren Verhältniß. Darum mußte ich reden! Vergebung, Hoheit, wenn ich dem Unmuth, der mich erfüllt, und in dem Eifer, Ihnen zu dienen, mich so offen ausdrücke. Ich besitze jedoch ein Recht dazu und bin glücklich in seinem Besitz!« — entgegnete Mühlfels.

»Was sprechen Sie da, Baron!« rief Sidonie, durch Mühlfels’ Benehmen und Aeußerungen in hohem Grade überrascht.

»Ich spreche nur, was ich zu verantworten vermag, und theile Ihnen mit, daß mir dieses Recht durch die Zustimmung des Fürsten gegeben worden ist,« fuhr Mühlfels fort.

»Unmöglich, unmöglich!« rief Sidonie.

»Nicht unmöglich, theure Prinzessin, sondern so wahr, wie das Licht des Tages!«

»Wie können Sie des Fürsten Meinung erfahren haben?« fragte Sidonie erregt.

»Durch seinen Vertrauten, Chevalier Boisière, der mir zugleich des Fürsten Wunsch mittheilte, daß Sie dieselbe durch mich erfahren sollten.«

»Durch Sie, und warum nicht aus seinem eigenen Munde?!«

»Der Fürst mag seine Gründe dazu haben« — fiel Mühlfels mit bedeutungsvollem Blick ein und bemerkte alsdann: »Der Fürst erkennt die Pflicht, Ihnen für des Prinzen beleidigendes Benehmen gegen Sie einen Ersatz in dem Zugeständniß vollster Freiheit bieten zu müssen, da er Ihr Verhältniß zu demselben nicht zu bessern vermag.«

»Sie sagen: die vollste Freiheit; wie soll ich das verstehen? Ich genieße dieselbe bereits in so weit, als mir meine Stellung sie gestattet; meint der Fürst also eine Trennung der Ehe?« fragte Sidonie voll Spannung.

»Nein, Hoheit, eine Trennung scheut er; aber er übersieht doch die Berechtigung nicht, welche Ihre Jugend und Schönheit an dem Vollgenuß des Lebens besitzen, und wünscht daher, Sie möchten dieselben nach Belieben geltend machen.« —

»Ah so, jetzt verstehe ich Sie,« fiel Sidonie ein, ohne eine Ahnung von dem eigentlichen Sinn der vernommenen Worte zu gewinnen, und fügte, sich der früheren Vorwürfe des Fürsten wegen ihres eingezogenen Lebens erinnernd, fort: »Ich weiß, der Fürst wünscht, ich soll mein stilles Leben aufgeben, und glaubt, daß das dem Prinzen gefallen würde. Er scheint noch immer nicht einzusehen, wie schwer es uns wird, unser eigentliches Wesen zu ändern.« —

»Vielleicht ist dies nicht des Fürsten Meinung, sondern dieselbe schließt noch eine tiefere Deutung ein,« bemerkte Mühlfels, die Prinzessin bedeutsam anblickend.

»Es ist mir sehr lieb, daß der Fürst noch so viel Interesse für mich hegt; denn ich fürchtete bereits, er hätte mich längst aufgegeben; sein kaltes Benehmen gegen mich ließ mich dies wenigstens vermuthen. Doch ist es so, wie Sie sagen, so bin ich dem Fürsten dafür dankbar,« entgegnete Sidonie unbefangen und ohne Mühlfels’ Blick und Worte zu verstehen.

»Hoheit können sich auf mein Wort verlassen,« betheuerte Mühlfels und blickte die Prinzessin wiederum bedeutsam an.

»Nun denn,« entgegnete Sidonie in einer fast heitern Stimmung, »ich will versuchen, den Wunsch des Fürsten zu erfüllen; in wie weit mir dies jedoch gelingen wird, weiß ich jetzt freilich noch nicht.«

»Ich versichere Eure Hoheit, daß Sie den Fürsten dadurch in hohem Grade erfreuen werden!« fiel Mühlfels betheuernd ein und fügte alsdann hinzu: »O, dürfte ich so glücklich sein, zum Diener Ihrer Wünsche erhoben zu werden! Hoheit kennen meine Ergebenheit und mögen aus dieser auf die Empfindungen schließen, die mich für Sie beseelen. Gebieten Sie über mich! Ach, es ist ja das Schicksal der Niederen, da zum Schweigen verdammt zu sein, wo ihr Herz am lautesten spricht!«

»Sie haben mich bisher durch Ihren gefälligen Diensteifer erfreut, und ich werde Ihre heutige Versicherung nicht vergessen,« entgegnete Sidonie wohlwollend, indem sie ihm die Hand reichte, die Mühlfels mit größter Innigkeit küßte und sich alsdann auf das Zeichen der Entlassung mit einem zärtlichen Blick auf sie entfernte.

Sidonie schaute ihm verwirrt nach. Die ihr gemachten Mittheilungen hatten sie ebenso sehr bewegt als überrascht. Des Prinzen neue Liaison, die der Baron als eine ernste Leidenschaft bezeichnete, deren Gegenstand eine Person aus niederen Stande sein sollte; des Fürsten Rücksicht für sie, noch mehr, daß der Letztere ihr diese und, wie es ihr schien, mit Absicht durch Mühlfels bekannt machen ließ, hatten Vermuthungen aller Art in ihr erweckt, ohne ihr ein festes Urtheil über das Vernommene zu gestatten. In dem Bemühen, sich ein solches zu bilden, wurde sie durch Aureliens Eintreten angenehm überrascht.

»Du kommst mir sehr erwünscht, Aurelie; denn ich war eben im Begriff, Dich zu mir bitten zu lassen, um mit Dir allerlei sonderbare Dinge zu besprechen,« rief sie ihr entgegen und führte sie nach einem Sessel.

»Was ist geschehen? Du scheinst so bewegt,« bemerkte Aurelie und schaute die Prinzessin fragend an.

»Soeben war Mühlfels bei mir, um mir wegen eines Künstlers Nachricht zu bringen, und theilte mir dabei allerlei überraschende Neuigkeiten mit, die mich in der That verwirrt haben,« entgegnete Sidonie und setzte ihr darauf das Erfahrene auseinander.

Aufmerksam hatte Aurelie ihren Worten gelauscht, während sich zugleich eine gesteigerte Ueberraschung in ihren Zügen verrieth. Als Sidonie schwieg, schaute sie gedankenvoll vor sich hin und bemerkte nach kurzem Sinnen:

»Deine Mittheilung überrascht mich nicht wenig und hat vor Allem die Frage in mir erregt, welche Gründe den Fürsten wol veranlassen konnten, Dich durch Mühlfels mit seinen Wünschen bekannt machen zu lassen. Sage mir, wie benahm sich der Baron dabei?«

»Er legte eine ungewöhnlich tiefe Ergebenheit für mich an den Tag, die wol eine Folge seiner Theilnahme für meine unglückliche Lage ist und dem aufrichtigen Wunsch zu entspringen schien, mich froh zu sehen.«

»Du nennst seine Ergebenheit ungewöhnlich; drang Dir diese nicht etwa die Vermuthung auf, daß dieselbe vielleicht einem zärtlichen Gefühl für Dich entsprungen sein könnte?« fragte Aurelie nachdenklich.

»Wie geräthst Du bei Mühlfels auf einen solchen Gedanken?! Denn, so ich Dich recht verstehe, vermuthest Du, Mühlfels’ Theilnahme für mich sei Liebe.« —

»Ja, Sidonie, so ist es, und Deine heutige Begegnung mit ihm und sein Benehmen befestigen mich noch mehr in dieser Voraussetzung.« —

»Du erschreckst mich!« rief Sidonie bestürzt.

»Möglich, daß ich mich täusche; wenn dies jedoch der Fall ist, so steht die Sache noch übler; denn ich argwöhne hinter Alledem nichts Gutes.« —

»Sprich, sprich, was denkst, was fürchtest Du?« —

»Lass’ uns Alles ruhig erwägen. Mir erscheint die Annahme durchaus gehaltlos, der Fürst könne lediglich aus gütiger Theilnahme für Dich Dir derartige Mittheilungen durch die dritte Hand zugehen lassen! Diese Sache hat für mich in der That etwas Räthselhaftes; doch bin ich überzeugt, es liegt derselben irgend eine bedeutsame Absicht zu Grunde.« —

»Vielleicht täuschen wir uns, und der Fürst, mit dem neuen Verhältniß des Prinzen bekannt, hält sich verpflichtet, mir durch seine Güte seine Theilnahme zu erkennen zu geben, da er voraussetzt, daß mich dieser neue Schimpf tief verletzen muß.« —

»Es könnte sein. Es gäbe jedoch noch eine andere Annahme.« —

»Und diese wäre?« —

»Mühlfels hat Dich getäuscht,« entgegnete Aurelie mit Nachdruck.

»Wie könnte er so etwas wagen und was sollte ihn dazu veranlassen?« —

»Seine Liebe zu Dir.« —

»Ist nur Ergebenheit und Theilnahme, nichts weiter.« —

»Und wenn diese Voraussetzung unrichtig ist?« —

»Unmöglich!« —

»Nicht so unmöglich, als Du glaubst. Betrachten wir sein Benehmen gegen Dich genauer. Du kannst nicht läugnen, daß, seitdem der Prinz die Besuche der Residenz aufgegeben hat, er sich auffällig bemüht, in Deine Nähe zu gelangen worin ihm Deine Aufträge sehr entgegen kamen. Zwar bezeigte er Dir bisher nur die Dir gebührende Achtung und Ergebenheit; es ist mir jedoch nicht entgangen, daß er Dich im Geheimen mit Zärtlichkeit betrachtet; rechne ich dazu die Wärme, mit welcher er zu mir über Dich sprach, so ist die Annahme einer zärtlichen Neigung für Dich nicht zu verwerfen.« —

»Du könntest Recht haben; denn überdenke ich sein heutiges Benehmen, so fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich gerathe auf die Vermuthung, daß seine Worte in Bezug auf den Prinzen, ja vielleicht auch sogar auf den Fürsten, in irgend einem Zusammenhange mit seiner Neigung stehen können.«

»Deine Verhältnisse, meine liebe Freundin, sind leider der Art, daß sie zu dergleichen Bekenntnissen heraus fordern,« — bemerkte Aurelie.

»Doch geben sie dem Baron kein Recht dazu!« fiel Sidonie unmuthig ein.

»Beurtheile ihn nicht härter, als er es verdient. Blicke um Dich und sieh, welcher Art hier das Leben ist. Eine junge Dame in Deiner Lage gestattet die Vermuthung, daß sie sich nach angenehmer Zerstreuung und Tröstung sehnt. Niemand ahnt Deine Liebe. Der Baron verehrt Dich; wie natürlich also, Dir seine Gefühle in der angenehmen Voraussetzung zu erkennen zu geben, Dir damit gelegen zu kommen, vielleicht auch von dem Wahn befangen, Du theiltest seine Neigung.«

»Es könnte sein, doch gestehe ich Dir, ich zählte den Baron trotz seiner Stellung zu dem Prinzen nicht zu den Schlimmen,« bemerkte Sidonie.

»Das weiß Mühlfels sehr wohl, und dieser Umstand wird ihm daher auch den Muth gegeben haben, Dir seine Neigung zu verrathen und das vielleicht absichtlich in einem Augenblick, in welchem eine neue den Prinzen entehrende Liaison Dich von allen sittlichen Rücksichten gegen diesen befreit.«

»Es liegt viel Wahrheit in Deinen Worten.« —

»Er hoffte unter den angegebenen Umständen leichter und sicherer Dein Herz zu gewinnen, darum enthüllte er Dir seine so lange verborgene Neigung erst in einem ihm so günstig scheinenden Augenblick.«

»So kann es sein.«

»Die Zeit wird uns ja zeigen, in wie weit wir mit unseren Vermuthungen Recht haben; doch gebietet es Dir wol die Vorsicht, auf der Huth zu sein und den Baron zu der Einsicht zu leiten, wie wenig Du geneigt bist, seine Gefühle zu theilen.«

»Ich wünschte, mir wäre dies erspart worden; denn der Gedanke beunruhigt und verletzt mich zugleich, ich könnte in Mühlfels dergleichen Gefühle erweckt und durch mein Verhalten allerlei Hoffnungen in ihm erregt haben. Ich werde mich fernerhin bemühen, ihn zur Erkenntniß seiner Täuschung zu führen.«

»Beunruhige Dich nicht zu sehr! Vielleicht beurtheilen wir diese Angelegenheit ernster, als sie es verdient. Bald, hoffe ich, wird unser Freund anlangen, und seine Nähe wird die trüben Gedanken aus Deiner Seele scheuchen.«

»O, wäre er erst hier!« rief Sidonie und fügte seufzend hinzu: »Ach, oft schleicht sich der schmerzliche Gedanke in mein Herz, ich werde ihn vielleicht nimmer wieder sehen!«

»Deine Besorgniß, ich versichere es Dir, ist ungerechtfertigt. Römer kommt, dessen sei gewiß, wenn sich auch seine Ankunft verzögert. Wahrscheinlich halten ihn wichtige Geschäfte zurück. Er gedenkt, wie Du weißt, den Winter hier zu bleiben, und da giebt es viel zu ordnen.«

Bei den letzten Worten war Marion eingetreten und händigte Aurelien einen Brief ein, der soeben angelangt und von deren Dienerin ihr übergeben worden war.

Ein Blick auf denselben ließ Aurelie des Grafen Handschrift erkennen, sie beherrschte jedoch die dadurch in ihr erzeugte Freude und empfing das Schreiben scheinbar gleichgiltig, um Marion dessen Bedeutsamkeit nicht zu verrathen.

Gleich ihr war auch Sidonie in der Voraussetzung, der Brief käme von dem Grafen, freudig erregt worden; doch hatte auch sie sich längst gewöhnt, ihre Empfindungen zu beherrschen, und verrieth sich daher auch jetzt nicht.

»Von Römer!« rief Aurelie leise, als sich Marion entfernt hatte, indem sie den Brief hoch hielt.

»Endlich, endlich!« fiel Sidonie ein, fügte jedoch sogleich betrübt hinzu: »Aber leider nur sein Brief und nicht er selbst!«

»Hören wir vor Allem, was er schreibt; zur Klage bleibt uns immer noch Zeit,« bemerkte Aurelie und öffnete den Brief, den sie alsdann mit der Prinzessin gemeinschaftlich las.

Und je mehr sie sich mit dem Inhalt des Schreibens bekannt machten, um so freudiger wurden ihre Züge, und als sie die letzten Worte gelesen hatten, stieß Sidonie einen Ruf angenehmster Ueberraschung aus.

»Nun, Sidonie, hatte ich nicht mit meiner Behauptung Recht?« fragte Aurelie, den Brief faltend.

»Gewiß! Denn während ich noch an seinem Besuch zweifelte, befand sich der Graf bereits hier. O, wie froh wie glücklich macht mich diese Gewißheit! Welcher schönen Zukunft darf ich entgegen sehen. In der Gewißheit seiner Nähe schwinden Sorgen und Trauer!«

Also rief die glückliche Sidonie mit leuchtenden Augen, indem sie die Freundin umarmte.

»Wie Du vernommen, ist er bedacht gewesen, sich Aufträge von Deinem Bruder für Dich zu besorgen, um den erwünschten Anlaß zu einem Besuch zu besitzen,« bemerkte Aurelie.

»O, mein Herz dankt ihm dafür! So darf ich ihn schon morgen erwarten!« rief Sidonie und bemerkte dann: »Schreibe ihm ein paar Worte und deute ihm meinen Wunsch an. Der Prinz pflegt nach dem Diner das Palais gewöhnlich zu verlassen und bleibt auch den Abend fort; wir haben von seiner Seite also keine Störung zu besorgen. Bezeichne ihm daher die Stunde, in welcher ich seinem Besuch entgegen sehe. Um seinen verlängerten Aufenthalt bei mir zu rechtfertigen, will ich meinen Bruder zu mir bitten lassen. Kommt der Graf um die angegebene Zeit, so bleiben mir vielleicht zwei Stunden des Alleinseins mit ihm, da, wie Du weißt, Leonhard selten vor acht Uhr zu kommen pflegt.«

»Es wird geschehen, meine liebe Sidonie, und um die Späher zu täuschen, kannst Du Römer in dem Blumenzimmer und später in Deinem Gesellschaftsgemach, wie gewöhnlich, empfangen,« entgegnete die stets fürsorgliche Aurelie, die sich in dem Glück der Freundin selbst beglückt fühlte, ohne doch dabei die stets nothwendige Vorsicht zu vergessen.