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Prinzessin Sidonie.
Roman
von
Julius Bacher.
Dritter Band.
Leipzig,
Verlag von Friedrich Fleischer.
1870.
Erstes Kapitel.
Graf Römer war durch Aurelie über die bekannten Vorgänge am Hofe unterrichtet worden, und es darf kaum bemerkt werden, wie um so schmerzlicher ihn diese Mittheilungen ergriffen, da er wußte, daß Sidonie durch dieselben tief verletzt sein mußte. Seinen Kummer steigerte überdies noch die Hoffnungslosigkeit, Sidoniens gegen den Fürsten ausgesprochenes Verlangen, sich durch die Trennung ihrer Ehe aus dem sie erdrückenden Unheil zu retten, erfüllt zu sehen. Denn Aurelie hatte ihm diesen Umstand nicht verschwiegen, doch auch zugleich die geringe Aussicht auf Erfüllung des so natürlichen Wunsches angedeutet.
Der Graf kannte die Hofverhältnisse zu genau, um ihr darin nicht beizustimmen. Mit der Abneigung des Fürsten gegen dergleichen gewaltsame Mittel bekannt, besonders wenn diese durch des Prinzen Schuld bedingt wurden, war er überzeugt, daß derselbe sich kaum jemals zu der Trennung verstehen und Sidoniens Schritt daher vergeblich sein würde.
Alle diese Umstände waren nur zu sehr geeignet, ihn noch tiefer zu beugen, da er überdies keinen rettenden Ausweg aus diesen Verhältnissen zu entdecken vermochte und zugleich verhindert war, Sidonien nahe zu sein. Um so größer war daher seine Freude, als die Mittheilung zu ihm gelangte, daß die Prinzessin auf den Wunsch des Fürsten zur Stärkung ihrer Gesundheit ein Bad gebrauchen würde. Seine Freude wurde freilich durch die Sorge getrübt, daß Sidoniens Befinden wahrscheinlich sehr übel sein müßte, da sie zu einem solchen Mittel genöthigt war, und dieser Umstand mehrte seine Unruhe in so hohem Grade, daß er darunter sichtlich litt und das Auge seiner Mutter oft mit Besorgniß auf seinen bleichen Zügen ruhte. Wie sehr beglückte ihn daher die Nachricht von Sidoniens Wahl des Badeorts; er erkannte darin ihre Liebe und das Verlangen, ihm nahe zu sein und die Gelegenheit zu geben, sie, von den Hofschranzen unbeobachtet, zu sehen.
Die geringe Entfernung seines Wohnortes von dem Bade ließ seine Besuche bei Sidonien auch als den Ausdruck der ihr schuldenden Ehrerbietung und daher durchaus selbstverständlich erscheinen. Welche Fülle von Glück lag in dieser angenehmen Aussicht, doppelt groß, da er bereits die Hoffnung aufgegeben hatte, Sidonie so bald schon wieder sehen zu können. In der gespanntesten Erwartung harrte er daher auf Aureliens Mittheilung, welche jene Nachricht bestätigen und zugleich die Zeit der Abreise und des Eintreffens in dem Badeorte bezeichnen würde.
Er sollte, wie wir erfahren haben, nicht allzu lange und nicht vergeblich harren; denn schon nach wenigen Wochen erhielt er den hierauf bezüglichen Brief. Sidonie war in dem Badeort glücklich angelangt und begrüßte denselben mit der hingebendsten Freude, nicht nur in dem Bewußtsein, dem Freunde endlich so nahe gerückt zu sein, sondern auch durch die Schönheit des Ortes selbst in hohem Grade angenehm überrascht.
In demselben vereinigten sich alle Naturreize einer Gebirgsgegend — bewaldete Höhen, nackte Felsen, überraschende reizende Fernsichten auf eine verfallene Burg oder den aus Gebüschen und Gestein hervor schimmernden Bergstrom — in dem anmuthigsten Wechselspiel, über welche jene dem kranken Herzen so wohlthuende Ruhe und Stille ausgebreitet lag, die den vollen Genuß der Naturschönheiten nicht nur gestatten, sondern auch so lieb und angenehm machen. In dem von dem Bergstrom durchrauschten Thal lagen die zierlichen Badegebäude unter laubigen Gärten und schattigen Anpflanzungen versteckt und mit allen Bequemlichkeiten ausgestattet.
Sidonie athmete mit vollen Zügen die erfrischende Bergluft in dem Gefühl der Freiheit, die ihr hier in so reichem Maß zu Theil wurde. Sie bewohnte ein von den anderen Gebäuden ziemlich entferntes und auf einem sanften Hügel errichtetes Hôtel, war also dem eigentlichen Badeleben fern, von welchem sie nur wenig berührt wurde. Alle diese Umstände entsprachen so ganz ihren Wünschen, daß sie Aurelien eingestand, sich durch die dargebotenen Genüsse sehr befriedigt zu fühlen und daran die besten Hoffnungen für die Zukunft zu knüpfen.
Die Freundin lächelte, ohne jedoch den Anlaß dazu zu verrathen; sie wußte nur zu wohl, daß diesen Genuß nicht die Naturreize allein, sondern wol lediglich die Hoffnung auf das Wiedersehen des Freundes erzeugt hatten. Ihr edles Herz theilte diese Freude vollkommen, da sie der gebeugten Prinzessin so ersprießlich und heilsam war.
Ungefähr eine Woche nach ihrer Ankunft traf der Graf bei ihnen ein. Er hatte Aurelie mit seinem beabsichtigten Besuch vorher bekannt gemacht und diese Sidonie darauf vorbereitet. Wie klopfte ihm ihr Herz doch so freudig entgegen, wie war sie in dem Bewußtsein so glücklich, den so lange entbehrten Freund endlich zu sehen!
Der Graf war früh aufgebrochen und langte zeitig am Vormittag an.
Sidonie harrte seiner auf dem Balkon, der ihr eine freie Aussicht auf den Weg gestattete, auf welchem Römer nahen mußte. Wie jubelte sie, als sie ihn in der Ferne erblickte und er sie nach wenigen Augenblicken im Vorüberfahren begrüßte. Kaum eine halbe Stunde darauf befand er sich bereits in ihrem Hôtel. Aurelie empfing und führte ihn zu Sidonien, die ihn in ihrem Boudoir erwartete, dessen Lage jede Sorge, belauscht zu werden ausschloß.
Sie streckte dem Eintretenden mit strahlenden Augen die Hände entgegen, die der Graf in tiefer Bewegung ergriff und an die Brust drückte. So standen sie einige Augenblicke vor einander, Auge in Auge gesenkt, schweigend, von dem Glück des Wiedersehens überwunden. Sanft drängte sich eine Thräne in Sidoniens Wimpern, als sie des Freundes kränkliche Blässe bemerkte, die das flüchtige Roth der Aufwallung in seinem Antlitz bald wieder überwand. Sie bedeckte die Augen mit der Hand und ließ sich in den nahe stehenden Sessel nieder, von einer Schwäche angewandelt, die sie nicht mehr zu verbergen vermochte.
Er stützte sie und blieb alsdann neben ihr stehen, die feine Hand, die er nicht frei gegeben hatte, wiederholt an die Lippen drückend.
Sie waren zu bewegt, um das Wort zu finden, war ihr Wiedersehen doch eben so beglückend als schmerzlich, und drängte sich in die Freude doch auch zugleich die Mahnung des Erfahrenen und der gebotenen Entsagung. Wie anders wäre dieses Wiedersehen gewesen, hätte Sidonie dem Geliebten die frohe Nachricht bringen können, daß durch die Trennung von dem Prinzen ihrer Verbindung nun nichts mehr entgegen stände.
Daß sie dies nicht thun durfte, daß die Ketten, welche sie an den verachteten Gemahl fesselten, in diesem Moment doppelt verletzend klirrten und sie so rasch aus der glücklichen Selbstvergessenheit aufstörten, erfüllte sie mit einem unnennbaren Schmerz. Das übervolle Herz rang nach einem Ausdruck, und doch, was konnte es sagen, was der Andere nicht schon wußte; war ihr Fühlen und Denken doch so innig mit einander verwebt.
Der Graf fand zuerst das Wort; er bemerkte:
»Wie gering war mein Hoffen auf diesen glücklichen Augenblick, der leider durch Ihr übles Befinden herbeigeführt werden mußte.«
Sie blickte voll inniger Liebe zu ihm auf, und dieser Blick sagte ihm, wie geringe Bedeutung sie dem letzteren dem Glück des Wiedersehens gegenüber beilegte.
Er verstand sie nur zu wohl und drückte dankend seine Lippen auf ihre Hand.
»Die letzten Monate haben viel Unglück über uns gehäuft,« sprach sie sanft.
»Lassen Sie es uns vergessen, meine theuerste Freundin, und ich denke, die Gegenwart wird uns das erleichtern,« entgegnete er beruhigend.
»Wol haben Sie Recht; wir müssen uns diese Fertigkeit aneignen, sollen wir nicht dem Unheil erliegen. Ja, ja, mein Freund, ich will vergessen und werde es in dem neugewonnenen Glück. O, daß all' mein Mühen umsonst sein mußte!« fügte sie betrübt hinzu.
Der Graf verstand sie nur zu wohl und vermochte einen Seufzer nicht zu unterdrücken.
»Aurelie hat Ihnen meinen Schritt bei dem Fürsten mitgetheilt?«
Der Graf bejahte schweigend.
»Und auch die geringe Aussicht, die sich daran für mich knüpft?«
Der Graf neigte auch jetzt schweigend und zustimmend das Haupt, und Sidonie fuhr fort:
»Dennoch will ich nicht alle Hoffnung aufgeben, daß der Fürst durch die Verhältnisse und mein wiederholtes Verlangen sich endlich genöthigt sehen wird, von seinem Widerstande zu lassen.«
»Wäre dem doch so!« fiel der Graf in tiefer Bewegung ein und schaute sie mit einem Blick innigster Liebe an.
»O, wie glücklich wäre ich gewesen, hätte ich von diesen unheilvollen Banden endlich erlöst und mir selbst wieder zurück gegeben, meinen theuern Freund begrüßen können!« rief Sidonie, und ihr strahlendes Auge verrieth die lebhaften Empfindungen ihres Herzens, welche dieses Verlangen in ihr erzeugten.
Ihre Worte übten eine tiefe Wirkung auf Römer aus; er vermochte derselben nicht länger zu widerstehen und sank an ihr nieder und preßte ihre Hände an die Lippen. Die so lange nur mühsam beherrschte Liebe brach mit ganzer Heftigkeit aus, so sehr dies auch gegen seinen Willen war; er fühlte sich jedoch in diesem Augenblick und dem so tief und so innig liebenden Weibe gegenüber aller Kraft beraubt.
Sidonien erging es nicht anders; von dem sie erfüllenden Gefühl überwunden und unter hervorbrechenden Thränen neigte sie sich zu ihm nieder, umschloß sein Haupt sanft mit den Händen und hauchte scheue Küsse darauf.
»O, meine Sidonie, wie unaussprechlich liebe ich Dich!« rief der Graf leise, verklärt zu ihr aufschauend.
»Ich weiß es, Du guter, edler, theurer Mann, ich wußt' es, da ich noch ein Kind war, dessen Fühlen und Denken schon Dir gehörte, und das Dir und nur Dir immer und immer gehören wird. Ich wäre längst gestorben, hätte mich Deine Liebe nicht stets auf's Neue belebt; in ihr allein ruht der Quell meiner Kraft und meines Lebens!« entgegnete sie sanft und streichelte seine Haare. Alsdann fuhr sie mit erhöhtem Feuer fort: »Und wer will es mir verargen, wenn ich mich in meiner Noth anklammere an den Mann meiner Liebe, an ihn, der mit edelsinniger Hingebung mir sein schönes, reiches Leben opfert?! O, halte mich, halte die in Schmerz Versinkende mit Deinem kräftigen, starken Arm, daß sie nicht dahin geht in die grausige Nacht des Todes, verletzt und gebrochen und ohne Mitleid ihrer Peiniger! O, ich bin noch so jung, und Deine treue Liebe hat mich mit den süßen Ahnungen eines schönen, glücklichen Lebens erfüllt, hat das Verlangen nach ihm immer mächtiger in mir erregt; o, lass' mich nicht sterben, lass' mich mit der Hoffnung leben, mein Traum könnte sich einst dennoch erfüllen und noch einmal das verwelkte Leben sich in frischer Blüthe entfalten!«
Sie ließ ihr Antlitz auf sein Haupt sinken und weinte heftig.
»Du sollst nicht sterben, Du sollst glücklich werden!« fiel der Graf tief erschüttert ein. »So lange ich athme, wird mich das Bestreben, Dich zu beglücken, erfüllen. O, es zerreißt mir die Seele, daß ich diesen unglückseligen Verhältnissen gegenüber so machtlos bin, Dich nicht aus ihnen auf meinen Armen davon tragen kann zu dem schönen Glück unserer Liebe! O, gieb die Hoffnung auf ein Besserwerden nicht auf! Zu groß ist Dein Leid, um sich nicht endlich zu erschöpfen. Ein wiederholter Antrag bei dem Fürsten muß seine Wirkung ausüben, durch den Einfluß Deines Bruders unterstützt. Es muß, es muß ein Ende nehmen mit diesem Leid, und sollten wir auch zu dem äußersten, letzten Mittel unsere Zuflucht nehmen müssen. Du sollst, Du darfst in diesem Leid nicht untergehen!« rief der Graf mit der ganzen Energie seines Charakters.
Sie erhob das Haupt und blickte ihn gefaßt und zärtlich an, indem sie entgegnete:
»Du sagst es, mein Geliebter, so wird es auch geschehen.«
»Ja, es wird geschehen. Fasse Muth und lass' uns überlegen, wie wir zu unserm Ziel gelangen,« sprach der Graf, dessen leuchtendes Auge und feste Haltung die ganze Thatkraft seiner liebeerfüllten Seele verriethen.
Sidonie antwortete nicht, sondern ließ bewundernd ihr Auge auf seinem Antlitz ruhen. Seine Worte und die sich in seinem Wesen aussprechende warme Leidenschaft hatten sie angenehm überrascht.
Sie hatte ihn so noch nie gesehen. Immer bedacht, seine Gefühle zu beherrschen, erschien der Graf stets ruhiger und ernster, als es in der That sein Charakter war; und so geschah es, daß man ihn für kalt und unzugänglich hielt.
Sidonie wußte wol, daß dem nicht so sei; doch noch niemals hatte sie die Sprache der Leidenschaft von ihm vernommen, noch niemals der nur Liebende in seiner ganzen Hingebung sich ihr gezeigt, und darum erschien ihr der Graf in einer neuen und verschönerten Gestalt. Und von ihren Empfindungen überwunden, drückte sie seine Hand und bemerkte:
»Sie nennen Dich kalt und stolz; o, wer Dich jetzt sähe, wie leicht würde er seine Täuschung erkennen!«
»O, es ist gut, daß man mir solche Eigenschaften beilegt, sie dienen mir als ein Mittel, meine Liebe zu verbergen. Nur so schütze ich uns vor einem Verrath.«
»Ja, ja, mögen sie es thun; kenne ich doch Dein edles, treues Herz,« fiel Sidonie erfreut ein, und sie sprachen alsdann noch manches liebe Wort mit einander, beglückt, von allem Zwange befreit, die lang verhaltenen Gefühle endlich einander in der Sprache der Liebe mittheilen zu können. Und was wäre ihre Liebe gewesen, hätte sie die hemmenden Verhältnisse nicht überfluthet und sich in ihrer schönen Macht und Herrlichkeit geltend gemacht, ohne dem Vorwurf ein Recht einräumen zu müssen. Dieser Gedanke mochte Sidonie erfüllen, als sie, in dem Glück des Augenblicks aufgehend, sinnend vor sich hinschaute und bemerkte:
»O, es ist doch etwas Großes und Schönes um die volle Liebe zweier Menschen; ich habe das nie so ganz empfunden, als eben jetzt. Welche Kraft verleiht sie dem zagenden Gemüth, welches Vertrauen flößt sie uns ein in dem Bewußtsein, daß unser Fühlen und Denken widertönt in dem geliebten Herzen, daß unser Schmerz, unsere Lust die gleichen Empfindungen in der verwandten Seele wach rufen. Süßes, unerforschtes Geheimniß der Natur.«
Sie traten auf den Balkon hinaus; die Blicke von der Schönheitsfülle der Landschaft umfangen, deutete der Graf darauf hin und bemerkte, an ihre Worte anknüpfend:
»Wir schauen ihr ewiges Walten in diesem reizenden Bilde, wir vernehmen es in den Tönen des Lebens, in dem Rauschen des Stromes dort, in dem Klange der Vogelsänge, wir schauen es in den farbigen Gestaltungen der düfteathmenden Blumen.«
Und sie blickten schweigend um sich, lieblich angemuthet von dem Geschauten; aber nur eine Secunde, dann suchten sich ihre Augen. Sie verstanden sich nur zu wohl. Mehr als in der Schönheit und dem Weben der Natur lasen sie der Liebe Herrlichkeit in ihren von reinem Glück beseligten Augen. Rasch floh ihnen also die Stunde dahin, mit ihr war die schickliche Dauer für des Grafen Besuch dahin gegangen; Aureliens Nahen erinnerte sie daran.
»Sie mahnen mich an das Scheiden,« bemerkte der Graf und fügte, sich zu Sidonien wendend, hinzu: »Es wäre mir minder schmerzlich, dürfte ich die angenehme Hoffnung mit mir nehmen, Sie und unsere Freundin heute noch wiederzusehen. Ich bleibe bis zum Abend hier; vielleicht gestatten es die Umstände, Sie an einem andern Ort zu treffen, da ich meinen Besuch im Hôtel nicht zu wiederholen wage.«
»Unsere Wünsche lassen sich leicht erfüllen und ich habe bereits daran gedacht,« entgegnete Sidonie und fügte nach kurzem Ueberlegen hinzu: »Ich habe die Schloßruine schon öfter besucht; das soll auch heute geschehen; ein Zusammentreffen dürfte daselbst, ohne Aufsehen zu erregen, leicht stattfinden können. Von dort aus benutzen wir alsdann einen wenig besuchten Pfad zur Rückkehr.«
Ihr Vorschlag fand den reichsten Beifall und den wärmsten Dank des Grafen, der, dadurch sehr beglückt, bald darauf schied, um die Zeit bis zu dem Ausflug in dem Hôtel zuzubringen.
Bei seiner Rückkehr nach demselben empfing ihn ein lebhaftes Treiben.
Der Badeort war von Gästen und Durchreisenden fast vollständig besetzt, und es fand in Folge dessen ein reger Verkehr auf den Plätzen und in den schattigen Anlagen statt, da dieselben gewöhnlich zu den Vormittagsspaziergängen benutzt wurden.
Römer, der nichts Besseres zu thun wußte, gesellte sich den Lustwandelnden zu und kürzte die Zeit durch Betrachten des sich seinem Auge darbietenden belebten Bildes.
Der Badeort, den einst selbst Ludwig der Vierzehnte mit seinem wiederholten Besuch beehrt hatte, zählte zu seinen Gästen vorzugsweise nur vornehme Leute, und es machte sich besonders die Damenwelt mit ihren kostbaren und auffälligen Toiletten in derselben Weise geltend, wie man dies auch heute selbst in den kleinsten Bädern zu sehen hinreichende Gelegenheit findet. Die Herren standen ihnen in dieser Beziehung würdig zur Seite und trugen in ihren Kleidungen eben so viel Luxus an Sammet, Seide, Gold- und Silberstickereien und Brillanten in Busentuch und Schnallen zur Schau wie jene; der kostbaren Stöcke nicht zu gedenken, die damals eine nothwendige Ergänzung eines vornehmen Anzuges waren. Daß Koketterie und allerlei Intriguen ihre Netze spannen, und wahrscheinlich in noch erhöhterem Grade, wie dies in der Gegenwart geschieht, darf kaum bemerkt werden.
Die meisten der Badegäste waren nicht eigentlich leidend, sondern nur vergnügungssüchtig und nutzten daher die aufgesuchte Gelegenheit so viel als möglich nach Wunsch aus.
Der Graf schritt an der geputzten und schwatzenden Menge vorüber und erreichte weiter wandelnd nach einiger Zeit einen Punkt, von welchem aus sich seinem Auge eine Fernsicht auf die zu dem Ausfluge bezeichnete Schloßruine darbot.
Dieser Umstand und die Schönheit des Landschaftsbildes veranlaßten ihn, an dem Ort zu verweilen und sich an der Aussicht zu ergötzen. Es befanden sich nur wenige Personen in seiner Nähe und er vermochte daher seine Absicht ziemlich ungestört auszuführen. Früher, als es ihm angenehm war, wurde er jedoch durch eine an ihn gerichtete Bemerkung darin gestört. Beim Hinwenden zu dem Sprechenden sah er einen fein gekleideten Cavalier, der sich, artig verneigend, mit höflichen Worten entschuldigte, ihn vielleicht in seinem Genuß gestört zu haben.
»Ich bemerkte,« fuhr der Fremde fort, »das von Ihnen verrathene große Interesse für diese Aussicht, und da ich dasselbe in hohem Grade theile, so freute ich mich, einen Gleichfühlenden zu treffen, deren es in unserer Badegesellschaft nicht eben viele giebt. Man zieht das Gesellschaftsleben hier dem Naturgenuß vor, denn man kann sich so schwer von dem Gewöhnten und Beliebten trennen!«
Der Graf wurde durch diese höfliche und seine gegenwärtigen Gefühle angenehm berührende Ansprache um so mehr erfreut, da es ihm Bedürfniß war, sich über die empfangenen Eindrücke auszusprechen, und ging daher auf die Unterhaltung ein.
Sich wieder der Aussicht zuwendend, gestand er, von deren Schönheit entzückt zu sein, und erbat sich von dem Fremden über einzelne Punkte gefälligen Aufschluß.
Dieser wurde ihm in der gütigsten Weise gewährt, worauf der Fremde die nahe liegende Vermuthung aussprach, daß Römer wahrscheinlich erst kurze Zeit hier sei, und daran die Frage knüpfte, ob er etwa gesonnen wäre, das Bad für längere Zeit zu benutzen.
Römer theilte ihm seinen vorüber gehenden Besuch mit, worauf der Fremde die Frage an ihn richtete, ob er etwa gesonnen wäre, die Schloßruine zu besuchen, indem er ihm zugleich diesen Ausflug als in jeder Beziehung lohnend anpries.
Der Graf wurde in Folge dessen veranlaßt, ihm sein Vornehmen in dieser Hinsicht mitzutheilen, da er es für besser erachtete, dasselbe nicht zu verheimlichen, da überdies auch sein Besuch jenes Ortes nicht verborgen bleiben konnte. Hierauf erbot sich der Fremde, ihm noch einzelne in der Nähe befindliche Anlagen zu zeigen, was der Graf gern annahm, worauf sie unter lebhaftem Gespräch weiter gingen.
Während dessen erkundigte sich der Fremde in durchaus nicht belästigender Weise nach dem Anlaß seines Besuchs, ob er denselben etwa wiederholen und vielleicht längere Zeit hier verweilen würde, indem er zugleich die schmeichelhafte Bemerkung hinzufügte, wie sehr angenehm ihm die Gegenwart des Grafen wäre, da sein Umgang hier nur auf sehr wenige Personen beschränkt sei.
Römer sprach das Bedauern aus, durch seine Verhältnisse an einem längeren Besuch des Bades behindert zu sein, verschwieg jedoch seine Absicht nicht, denselben zu wiederholen.
In solcher Weise war die Zeit zum Diner genaht, und der Fremde begab sich mit dem Grafen nach dem Hôtel, woselbst sie gemeinschaftlich speisten und der Erstere sich auch jetzt als gewandter und angenehmer Gesellschafter geltend zu machen wußte. Nach dem Diner ersah Römer eine geeignete Gelegenheit, sich von dem Fremden zu trennen, da er fürchtete, derselbe könnte sich ihm als Begleiter nach der Ruine anbieten, was er aus nahe liegenden Gründen vermeiden mußte.
Der Fremde nannte sich von Bieberstein und war Hauptmann bei einem Fußregiment des Fürsten, also ein Landsmann des Grafen. Er hielt sich eines Leidens wegen in dem Bade auf und gedachte daselbst ungefähr zwei Monate zuzubringen.
So angenehm auch dem Grafen diese Begegnung für den Augenblick war, würde er dennoch im Hinblick auf Sidonie gern darauf verzichtet haben, da er es für zweckmäßig erachtete, sich so viel als möglich von allen gesellschaftlichen Berührungen frei zu halten, um der Beobachtung zu entgehen. Er erkannte jedoch, wie schwer er seine Absicht erreichen würde, da die Verhältnisse in einem Bade dieselbe nichts weniger als begünstigen, und so nahm er das Unvermeidliche mit dem Vornehmen hin, seine Vorsicht zu verdoppeln.
Die zu dem Ausflug bestimmte Zeit war genaht, und der Graf begab sich in seinem Wagen nach dem Ziel des ersteren. Als er an Sidoniens Hôtel vorüber fuhr, gewahrte er sie auf dem Balkon; sie hatte auf diesen Augenblick gewartet, um darnach die eigene Fahrt zu bestimmen.
Sie begrüßten sich in der angenehmen Hoffnung, bald bei einander zu sein und im süßen Verein die Naturschönheiten zu genießen.
Etwa eine halbe Stunde darauf traf Sidonie auf der nur von wenigen Personen besuchten Schloßruine ein. Römer führte sie umher, und ihr Glück steigerte sich im Gefühl der Freiheit und des Bewußtseins, wie einst mit einander leben zu können. Wie viele trübe Jahre lagen zwischen der Gegenwart und der schönen Vergangenheit mit all' ihren süßen Hoffnungen. Dessen gedachten sie, und so konnte es nicht ausbleiben, daß ihnen die mannichfachen reizvollen Fernblicke nur ein vorüber gehendes Interesse abgewannen.
So ging die Zeit rasch dahin, und die längeren Schatten mahnten an die Rückkehr, besonders da noch eine kleine Strecke gehend zurückgelegt werden mußte und Sidonie die ihr obliegenden Rücksichten nicht übersehen durfte.
Auch mehrte sich der Besuch auf der Ruine und machte ihnen den verlängerten Aufenthalt daselbst nicht mehr erwünscht, und so brachen sie auf.
Als Römer mit der Prinzessin und Aurelien im Begriff war, die Ruinen zu verlassen, gewahrte er seinen früheren Begleiter, der mit mehren Personen umher wandelte. Er, wie auch die Anderen begrüßten Sidonie ehrerbietig. Man kannte sie und hatte sich mit ihren ehelichen Verhältnissen bald vertraut gemacht, wie das eben nicht ausbleiben konnte. Wesen und Benehmen der Prinzessin waren auch überdies sehr geeignet, Interesse zu erregen, und so war eine Begegnung mit ihr sehr gewünscht, indem eine solche Stoff zur Unterhaltung über sie darbot.
Dem Grafen war dieses Zusammentreffen nichts weniger denn angenehm, indem dasselbe seine nähere Beziehung zu der Prinzessin verrieth, was, wie wir erfahren haben, er gern vermieden hätte. Er wurde jedoch zu sehr durch die angenehme Gegenwart heraus gefordert, um dem empfangenen Eindruck nachzuhängen.
Bald hatten sie den Pfad erreicht und blieben in der Absicht, sich von der Gegenwart des sie begleitenden Dieners zu befreien und ihre Verabredung zu verbergen, stehen und beriethen, ob sie den Pfad einschlagen sollten oder nicht.
Daß sie sich für den Gang erklärten, verstand sich von selbst, worauf der Graf den Diener beauftragte, sich zu den am Fuß des Berges haltenden Equipagen zu begeben und dieselben nach einem weiter liegenden Punkt zu bestellen, von wo aus sie sich derselben wieder bedienen wollten. Sie wandelten alsdann weiter.
Der Weg war bequem und zog sich auf einem bewaldeten Bergrücken bis nach dem Badeort hin fort und gewährte den Wandelnden die mannichfachsten Fernsichten. Hübsche Anlagen mit einladenden Ruhesitzen unterbrachen denselben. Was ihnen den Gang jedoch ganz besonders angenehm machte, war die ringsum herrschende, nur durch Vogelsang unterbrochene Stille und der Mangel an Besuchern, der ihnen den Vortheil gewährte, nicht beobachtet zu sein und sich ungezwungen an einander zu erfreuen.
Manches liebe Wort wurde gesprochen, dessen Quelle Liebe und Freundschaft war. Langsam gingen sie dahin, oft ruhten sie aus auf den einladenden Sitzen. So erreichten sie beim Abendschimmer die auf sie harrenden Wagen, und hier trennte sich der Graf von den Frauen in förmlicher Weise, nachdem er ihnen vorher bereits ein herzliches Lebewohl gesagt und seinen baldigen Besuch bezeichnet hatte.
Während Sidonie mit Aurelien nach ihrem Hôtel zurückkehrte, trat der Graf seine Rückfahrt an, wie er das ursprünglich beabsichtigt hatte.
Bald hüllte Dunkelheit die Gegend ein. Sidonie und Aurelie saßen auf dem Balkon und gedachten der verlebten Stunden und des Freundes, der sich auf dem Wege nach der Heimath befand, und die angenehme Hoffnung seiner baldigen Rückkehr milderte Sidoniens Schmerz über die Trennung von ihm. Ihr Herz war von süßem Glück erfüllt, das ihr der heutige Tag gebracht, dem sie in der Erinnerung nachhing und dessen Erneuung ihr die Zukunft verhieß.
Wir übergehen einen Zeitraum von vier Wochen, in welchem der Graf die Prinzessin durch seinen wiederholten Besuch erfreute, den er jedoch nur einmal auf mehre Tage ausdehnte; gewöhnlich pflegte er nur einen Tag daselbst zu verweilen. Es darf kaum bemerkt werden, daß sie bedacht waren, die ihnen zum Zusammensein gebotenen Stunden so viel als möglich auszunutzen, und darin durch die Abwesenheit jedes höfischen Zwanges wesentlich unterstützt wurden. Diese Umstände waren aber zu verführerisch, um sie nicht zu einem längeren Beisammensein im Hôtel und zu öfteren gemeinschaftlichen Ausflügen in die Umgegend zu verleiten. Zwar wurden dabei sowol von Seiten des Grafen als der Prinzessin alle üblichen Rücksichten beobachtet; trotz alledem verrieth sich dadurch jedoch die nähere Beziehung Römer's zu Sidonien, und die Badegäste fanden darin ergiebigen Stoff zu allerlei pikanten Bemerkungen. Wie man dergleichen Verhältnisse in jener Zeit beurtheilte, ist uns bereits bekannt, und wir bemerken nur noch, daß die Besucher des Bades sich veranlaßt sahen, in dieser Beziehung keine Ausnahme zu machen.
Römer traf mit Bieberstein noch öfter zusammen, und dieser schloß sich ihm noch näher an, wobei es dem Ersteren nicht entging, daß des Kapitäns Bemühen darauf gerichtet war, sein Vertrauen zu gewinnen. Daß ihm das nicht gelang, verstand sich von selbst, doch vermochte sich der Graf von seinem Umgange nicht ganz frei zu machen, so sehr er auch darauf bedacht war und ihm des Kapitäns Neugier, die sich nicht nur auf des Grafen, sondern auch auf Sidoniens Verhältnisse erstreckte, endlich lästig wurde.
Ohne durch die Besorgniß gestört zu werden, in welcher Weise des Grafen Besuche gedeutet wurden, gab sich Sidonie ihrem Glück mit ganzem Herzen hin, das nur durch die sich nicht eben selten aufdrängenden Gedanken, wie bald dasselbe sein Ende erreichen sollte, beeinträchtigt wurde.
Einem solchen Gedanken nachhängend, hatte sie sich, angelockt von der kühlenden Abendluft, nach dem Balkon begeben.
Aurelie hatte wegen eines leichten Unwohlseins bereits die Ruhe gesucht und konnte ihr also nicht Gesellschaft leisten. Sidoniens Stimmung war an diesem Abend besonders gedrückt. Der Graf hatte sie heute nämlich mit der betrübenden Nachricht verlassen, durch allerlei Verhältnisse an seinem baldigen Besuch verhindert zu sein, indem er zugleich im Hinblick auf den nur noch kurzen Aufenthalt Sidoniens im Bade andeutete, daß sein nächster Besuch wahrscheinlich auch der letzte würde sein müssen.
Sidonie erkannte, sich darin fügen zu müssen, aber um so schmerzlicher bewegte sie daher auch der Gedanke, daß ihr schönes Glück nun bald sein Ende finden sollte.
Und welch eine Zukunft erwartete sie! —
Ihr Herz empörte sich in der Voraussicht derselben, indem sich zugleich der Entschluß in ihr befestigte, auf's Neue die erforderlichen Schritte zur Trennung von dem Prinzen zu thun, um den auf sie harrenden Leiden zu entfliehen.
Daß sie nur durch einen beharrlichen Kampf zu diesem Ziel gelangen würde, wußte sie; aber sie erkannte auch ebenso die unabweisbare Nothwendigkeit, zur Erlangung desselben vor keiner Mühe schwächlich zurück zu beben. Galt es doch dem Glück des ihr so theuren Mannes, mit welchem sich ihr eigenes so innig verkettete, galt es doch, sich aus den entehrenden Fesseln zu befreien.
Die wenigen Tage, welche ihr mit Römer zu verleben gestattet worden waren, hatten überdies die Sehnsucht nach einem dauernden und ungetrübten Verein mit ihm in hohem Grade gesteigert, so daß sie es für unmöglich erachtete, fernerhin ohne ihn leben zu können.
Von allen diesen Empfindungen und Erwägungen in hohem Grade bewegt, lehnte sie sich vom Balkon hinaus und schaute in die tiefdunkle Nacht. Ihre Gedanken verfolgten den geliebten Mann, der auf dem Wege zur Heimath dahin eilte.
Ein Bangen erfüllte sie, als sie den mit dunkeln Wolken bedeckten Himmel betrachtete, aus welchem in der Ferne heftige Blitze zuckten, denen ein schwacher Donner folgte.
Und die Angst ergriff sie, er könnte von dem Unwetter zu leiden haben, und beklagte es, daß er seine Abreise nicht bis zum nächsten Tage verschoben hatte.
Und die Blitze zuckten immer heftiger, vernehmlicher wurde der Donner, beängstigender die schwüle Nachtluft.
Ihre Unruhe drängte sie, sich an dem Bilde des Geliebten zu trösten und zu erquicken, und sie holte eine kleine silberne Chatoulle herbei, in welcher sie außer einigen kostbaren Andenken auch das Portrait des Grafen aufbewahrte, welches sie sich, wie wir erfahren haben, bereits früher von Aurelien hatte zurückgeben lassen und seitdem bei sich bewahrte. Sie öffnete die Chatoulle, nahm das Bild und betrachtete es mit der ganzen Innigkeit ihrer Empfindungen. Wie tief wurde sie von dem Anblick der geliebten Züge bewegt! —
»O, ich will keinen Schmerz, keinen Kampf scheuen, um Dir, Du edler, theurer Mann, für immer anzugehören. Komme was da will, ich will es tragen; Deine Liebe macht mich stark; ich werde nicht erliegen. O, welch ein süßes Glück wird mein Lohn sein, welche Tage der Wonne, des himmlischen Friedens wird uns die Zukunft bringen, vor Allem aber werde ich Dein liebes, treues Auge von innigem Glück erhellt sehen, und darin birgt sich der Inbegriff des meinen.«
So dachte Sidonie, im Anschauen des Bildes versunken, und sprach in solcher Weise noch viele, viele liebe Worte mit demselben.
Eilig nahende Schritte störten sie plötzlich aus ihren süßen Träumereien und veranlaßten sie, das Portrait rasch in die Chatoulle zu legen. Noch beschäftigt, dieselbe zu schließen, erblickte sie die Wärterin ihrer Tochter, welche ihr mit besorgten Mienen die beunruhigende Nachricht brachte, daß sich das Kind nicht wohl befände; sie fürchtete den Ausbruch irgend einer Krankheit. Durch das Vernommene in hohem Grade erschreckt, erhob sich Sidonie sofort und folgte der Wärterin. Sie fand die Mittheilung der Letzteren leider durchaus bestätigt und sandte sogleich nach ihrem Arzt, während sie bis zu dessen Ankunft bei dem Kinde blieb. Aurelie, die von der Erkrankung Kenntniß erhielt, erschien bald und leistete ihr Gesellschaft. Wenige Minuten darauf traf der Arzt ein und erklärte nach Prüfung des Zustandes der Kranken, daß wahrscheinlich eine der gewöhnlichen Krankheiten, welche in dem Alter der Leidenden vorzukommen pflegen, im Anzuge sei, indem er Sidonie zugleich in Bezug auf den Ausgang derselben beruhigte.
Die sofort angewandten Heilmittel thaten bald eine gute Wirkung, und das Kind fiel in einen leichten Schlaf. Während dessen war es tief in der Nacht geworden, und Aurelie drang in die Freundin, sich Ruhe zu gönnen und mit ihr in der Pflege des Kindes abzuwechseln. Da dieses schlief und eine Gefahr für dasselbe nicht vorhanden zu sein schien, so gab Sidonie ihren Vorstellungen nach und ging nach ihrem Schlafgemach. Daselbst angelangt, erinnerte sie sich der Chatoulle, die sie auf dem Balkon stehen gelassen hatte, und begab sich sogleich dahin, um dieselbe zu holen. Als sie den Blick auf den Tisch richtete, auf welchem dieselbe gestanden hatte, fand sie das Kästchen nicht; es war fort. In der nahe liegenden Vermuthung, daß einer der Diener dieselbe wahrscheinlich nach ihrem Boudoir getragen hatte, beunruhigte sie sich darüber nicht weiter, sondern ging in der Gewißheit nach dem Zimmer, die Chatoulle daselbst vorzufinden.
Sie sah sich jedoch getäuscht; denn trotz alles Suchens war dieselbe auch hier nicht zu entdecken. Dabei fiel ihr ein, daß sie die Lichte auf dem Balkon noch brennend gefunden hatte; ein Umstand, der sie befremdete; denn es lag die Annahme nahe, daß der Diener, der die Chatoulle holte, auch das Auslöschen derselben wol kaum vergessen haben würde. Sie ließ sogleich nachforschen, wer die Chatoulle fortgetragen hätte, und erhielt hierauf die beunruhigende Nachricht, daß dies keiner der Diener gethan. Ebenso war auch Niemand auf dem Balkon gewesen, noch auch hatte irgend Jemand Kenntniß von dem Vorhandensein der Chatoulle daselbst gehabt.
Sidonie sah sich im Hinblick der eigenthümlichen Umstände, unter welchen sie den Balkon besucht und die Chatoulle dahin getragen hatte, genöthigt, die erhaltene Mittheilung als begründet anzuerkennen. Sie erschrak. Ihre Dienerschaft war treu und jeder Verdacht in Erwägung der bezeichneten Umstände unzulässig; die Chatoulle mußte also entwendet sein.
Die Gelegenheit dazu war durch die Erkrankung ihrer Tochter, welche sie und die Dienerschaft aus der Nähe des Balkons entfernte und in dem entgegengesetzten Flügel des Hôtels beschäftigte, geboten worden. Diesen günstigen Augenblick mußte der Dieb zu seinem Verbrechen benutzt haben. Das werthvolle Kästchen reizte dazu. Ueberdies war, wie wir erfahren haben, das Hôtel von dem Badeort entlegen, der niedrige Balkon von dem Garten aus leicht zu ersteigen, besonders da die tiefe Dunkelheit ein solches Unternehmen wesentlich begünstigte.
Alle diese Umstände erwog Sidonie und gelangte zu der übeln Ueberzeugung, der Chatoulle beraubt zu sein.
Den Verlust der in derselben enthaltenen Werthsachen hätte sie leicht verschmerzt, nicht so denjenigen des Portraits. Ihre Unruhe und Besorgniß steigerte überdies noch der Gedanke, zum Verschweigen des Raubes genöthigt zu sein, da die Entdeckung desselben auch den Verrath des Portraits herbeigeführt hätte.
Sie wurde dadurch veranlaßt, der Dienerschaft das strengste Schweigen anbefehlen zu lassen, indem sie dieses durch die Annahme zu rechtfertigen bedacht war, durch geheimes Forschen sicherer zu ihrem Verlust gelangen zu können.
Nachdem sie in solcher Weise am zweckmäßigsten für ihr Interesse gesorgt zu haben glaubte, begab sie sich zu Aurelien, die durch Sidoniens Mittheilung nicht wenig erschreckt wurde. Sie billigte die getroffenen Maßnahmen und die Frauen beriethen alsdann, welche Schritte sie zur Wiedererlangung der Chatoulle thun dürften, ohne den Verrath des Portraits fürchten zu müssen.
Nach längerem Erwägen gelangten sie zu dem Entschluß, Aurelie sollte einen der am Ort anwesenden Polizeibeamten in's Vertrauen ziehen, das Kästchen als das ihrige bezeichnen und ihn beauftragen, im Geheimen darnach zu forschen, und seinen Eifer durch eine in Aussicht gestellte namhafte Belohnung anspornen. In solcher Art hofften sie ihren Zweck am sichersten und besten zu erreichen. Gelang dies den Nachforschungen des Beamten nicht, so gewannen sie wenigstens den in diesem Fall besonders wichtigen Vortheil, daß Sidonie nicht bloßgestellt wurde, was durch die Entdeckung des Portraits jedenfalls geschehen wäre, der übeln Folgen nicht zu gedenken, welche sich daran knüpfen mußten, würde der Fürst oder der Prinz davon Kenntniß erhalten haben.
Am folgenden Tage wurde das besprochene Vorhaben in der angegebenen Weise von Aurelien ausgeführt, und der gewonnene Beamte schied mit dem Versprechen von ihr, mit Anwendung aller ihm zu Gebot stehenden Kräfte und mit Beobachtung strengster Discretion sich dem Auftrage zu unterziehen. In der angenehmen Hoffnung, ihren Wunsch vielleicht bald erfüllt zu sehen und dadurch allen weiteren, sich mit dem Entwenden der Chatoulle verknüpfenden Gefahren zu entgehen, fühlte sich Sidonie wieder in etwas beruhigt. Das Interesse für diese Angelegenheit wurde durch den sich rasch verschlimmernden Zustand ihrer Tochter wesentlich gemäßigt.
Des Arztes Voraussage war nämlich wirklich eingetroffen und die Kleine von einer der gewöhnlichen Kinderkrankheiten ergriffen worden, welche Sidoniens ganze Sorge in Anspruch nahm. Sie hatte den Prinzen sogleich mit Allem bekannt gemacht und das Gutachten des Arztes ihrem Briefe beigefügt. Da das letztere im Ganzen beruhigend war, so befremdete es Sidonie nicht, in des Prinzen Erwiderung ein nur geringes Interesse für das Leiden seiner Tochter ausgedrückt zu finden; da gegen machte sie der Umstand in hohem Grade bestürzt, daß er ihr für den Fall der Verschlimmerung der Krankheit seinen Besuch in Aussicht stellte. Er drückte ihr zugleich seine Freude über die guten Wirkungen der Badecur aus, die bereits ihr Befinden gebessert hätten, und seine Worte verriethen eine ungewöhnliche Theilnahme für sie, die sie beängstigte. Vor Allem jedoch that dies die Aussicht seines Besuchs; denn in keinem andern Augenblick wäre ihr derselbe so unangenehm gewesen, als eben jetzt. Die verletzendste Kälte von seiner Seite würde sie gern hingenommen haben, da Alles, was sie an das verhaßte Band mit ihm erinnerte, ihr jetzt doppelt unangenehm war. Sie hatte sich in der geträumten Freiheit so wohl befunden, und so mußten ihr seine Worte doppelt unangenehm sein, da dieselben sie an ihr Unglück mahnten.
Mit dem Empfang seines Briefes hatte auch ihre Ruhe, ihr stilles, reines Glück sein Ende gefunden, und zu diesem schmerzvollen Verlust gesellte sich nun auch die Besorgniß um die leidende Tochter.
Trotz der guten Voraussage des Arztes verschlimmerte sich der Zustand der Letzteren in einem gefährlichen Grade, so daß der Arzt über den Ausgang derselben bedenklich wurde. Das waren kummervolle Stunden für die schwer gebeugte Sidonie, um so schwerer, da sich an den Zustand der Kranken zugleich die Angst knüpfte, durch die Gefährlichkeit desselben den Besuch des Prinzen herbei zu führen. Und so waren ihre Gebete für die Genesung ihres theuern Kindes doppelt heiß.
Auf ihren Wunsch hatte Aurelie dem Grafen sowol die Erkrankung des Letzteren als auch die Entwendung der Kassette und deren nähere Umstände mitgetheilt, und nicht anzudeuten unterlassen, wie erwünscht ihnen gerade jetzt sein Besuch sein würde. Diesem Briefe fügte Sidonie einige Zeilen bei. Von Schmerz und Sehnsucht erfüllt, fühlte sie ein großes Verlangen, sich dem Freunde mitzutheilen, und es gewährte ihr einen ganz besondern Trost, ihm ihre Empfindungen selbst ausdrücken zu können.
Ueberdies wußte sie, welche große Freude sie ihm dadurch bereiten würde; denn es waren die ersten Worte, die sie an ihn richtete; bisher hatte sie dies zu thun nicht gewagt. Es waren freilich nur wenige Worte, die sie ihm schrieb; dieselben athmeten jedoch eine um so größere Innigkeit und verschwiegen den Trost nicht, den ihr der Gedanke, ihre Gefühle von seinem edeln Herzen getheilt zu wissen, so wie die Hoffnung gewährte, ihn bald wiedersehen zu können. Ebenso hatte sie nicht unterlassen, ihm mitzutheilen, unter welchen Verhältnissen sie des Prinzen Besuch zu erwarten hätte, jedoch auch zugleich die Hoffnung ausgesprochen, daß dieser üble Fall nicht eintreten würde. Wenige Tage müßten nach des Arztes Ansicht darüber entscheiden. Einer ihrer Diener, der zu dergleichen Besorgungen bestimmt war, wurde von Aurelien mit dem Ueberbringen des Briefes betraut.
Mit Ungeduld sah Sidonie der Rückkehr desselben entgegen; sie hoffte durch ihn eine Antwort von dem Grafen und die so sehr gewünschte Nachricht seines baldigen Besuchs zu erhalten, und es beunruhigte sie daher, als der Bote nicht wie früher an dem nächsten Tage eintraf. Doch, es konnte ihm ein Unfall zugestoßen sein, oder er hatte vielleicht den Grafen nicht auf dessen Besitzung getroffen und wartete auf dessen Rückkehr; diese Voraussetzungen bewogen sie, noch zwei weitere Tage geduldig zu warten. Aber auch diese verstrichen; der Bote blieb jedoch aus.
Auf Aureliens Rath harrte sie noch einen Tag, als aber auch dann der Diener nicht erschien, erachtete sie es für nothwendig, einen zweiten Boten an den Grafen abzusenden, ihm durch Aurelie das Nähere mitzutheilen und um Aufklärung bitten zu lassen.
Es wurde zur Ausführung dieser Botschaft ein in Diensten des Hôtelbesitzers stehender Mann, der als durchaus zuverlässig bezeichnet wurde, erwählt. Demselben war große Eile empfohlen worden, und er entledigte sich des Auftrages auch in so kurzer Zeit, daß er bereits am Abend mit einem Brief des Grafen zurückkehrte. Der Inhalt des letzteren überraschte und beunruhigte die Freundinnen in hohem Grade; denn der Graf theilte ihnen mit, weder den Boten noch die ihm zugedachten Briefe empfangen zu haben. Er wäre in der bezeichneten Zeit auf seiner Besitzung anwesend gewesen, würde also den Boten, falls derselbe sich gemeldet hätte, daher auch jedenfalls gesehen und gesprochen haben. Er bemerkte zugleich, durch die betreffenden Umstände zu der Vermuthung geleitet zu sein, daß den Boten irgend ein Unfall betroffen haben müßte, und wollte sich durch Kundschaft hierüber in der kürzesten Zeit Gewißheit zu verschaffen suchen.
Sobald er diesen Zweck erreicht haben würde, gedachte er Sidonien persönlich über den erzielten Erfolg Bericht abzustatten, und glaubte im Hinblick auf die Wichtigkeit der eingebüßten Botschaft, die Nachforschungen persönlich leiten zu müssen.
Die Freundinnen stimmten seinem Vorhaben mit vollem Herzen bei; denn es galt, Sidoniens Brief nicht in unbefugte Hände gelangen zu lassen. Zwar hatte sie nur den Anfangsbuchstaben ihres Namens unter denselben gesetzt; dieser jedoch und Aureliens Schreiben genügten, die Schreiberin zu verrathen. Es darf kaum bemerkt werden, wie tief Sidonie von dem Allen betroffen wurde. Der Verlust des Portraits, das räthselhafte Verschwinden des Boten und die rasche Aufeinanderfolge aller dieser Vorfälle, so wie die Ungewißheit, in welcher Art sich dieselben lösen würden, erfüllten sie mit beängstigender Sorge, und gewiß mit allem Recht. Denn gelangte sie nicht in den Besitz dieser Gegenstände, so stand für sie das Gewichtigste, ihre Ehre, auf dem Spiel.
Zweites Kapitel.
Mühlfels hatte sich nichts weniger als beeilt, die ihm angewiesene Garnison zu erreichen, und langte daselbst erst nach mehren Tagen und in der übelsten Stimmung an. Diese steigerte sich noch mehr, als er von dem Commandanten ziemlich kalt empfangen und fortan zum strengen Dienst angehalten wurde. Es geschah dies auf den geheimen Befehl des Fürsten, und der Commandant war viel zu dienstergeben, um denselben nicht zu respectiren, trotz der von Mühlfels ihm übergebenen Empfehlung des Prinzen.
Der Commandant befand sich schon seit vielen Jahren an diesem Ort und wußte, wie er die ihm zugeschickten Officiere zu behandeln hatte, besonders wenn ein fürstlicher Befehl ihm die Winke dazu gab.
Mühlfels war in Verzweiflung, und das um so mehr, da er sich für die Unannehmlichkeiten des Dienstes durch irgend eine angenehme Zerstreuung nicht zu entschädigen vermochte.
Wie wir erfahren haben, lag die kleine Grenzstadt in der ödesten Gegend und von allem größeren Verkehr abgeschnitten, und bot daher fast gar keine, oder doch nur solche Vergnügungen, an welchen der durch die raffinirtsten Genüsse verwöhnte Baron keinen Geschmack fand, und so däuchten ihm namentlich die ersten Wochen seines Aufenthalts kaum erträglich. Er beeilte sich, den Prinzen mit seiner unglücklichen Lage bekannt zu machen und um eine neue Empfehlung bei dem Commandanten zu bitten. Der Erstere erfüllte gern seinen Wunsch, sprach sein herzliches Bedauern über sein trauriges Leben aus und ermahnte ihn zum geduldigen Ausharren. Des Prinzen wiederholtes Schreiben übte eine gute Wirkung auf den Commandanten aus, und Mühlfels wurde seitdem rücksichtsvoller behandelt.
So angenehm ihm dies auch war, ging sein Verlangen dennoch stets darauf aus, zurückkehren zu dürfen, und er bestürmte den Prinzen mit Bitten, den Fürsten zur Abkürzung seiner übeln Lage zu veranlassen; jedoch vergebens.
Des Prinzen Zerwürfniß mit dem Fürsten war noch nicht ausgeglichen worden, und so wagte der Erstere nicht, sich bei diesem für Mühlfels zu verwenden, da er überdies die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen voraussah. Er vertröstete ihn daher für eine geeignetere Zeit, die, wie er meinte, bald eintreten dürfte. Um jedoch etwas von Belang für seinen Günstling zu thun, veranlaßte er die Baronin, den Fürsten persönlich im Interesse ihres Sohnes anzugehen. Ein solcher Schritt war in jeder Hinsicht gerechtfertigt, und die Baronin zögerte denn auch nicht, denselben zu thun.
Ihre Mühe war jedoch fruchtlos, denn der Fürst entließ die getäuschte Oberhofmeisterin mit dem Bedeuten, daß ihrem Sohn der Aufenthalt in der stillen Garnison sehr gut thue und er ihn deshalb noch einige Zeit daselbst lassen würde.
So sah sich denn der Baron genöthigt, das Unabänderliche mit Geduld zu ertragen; je mehr er jedoch darunter litt, um so mehr steigerte sich auch in ihm das Verlangen, sich an der Urheberin seiner Leiden rächen zu können.
Was ihn zu trösten schien, war der rege Briefwechsel, den er mit dem Prinzen unterhielt.
Weitere Bemühungen um seine Entlassung aus dem Dienstverhältniß fanden fortan nicht statt, und es schien, als ob sich der Baron mit demselben bereits ausgesöhnt hätte.
In dem Benehmen des Prinzen gegen den fürstlichen Oheim trat bald nach Sidoniens Abreise eine wesentliche Aenderung ein, indem der Erstere bei einer geeigneten Gelegenheit diesen wegen seiner Thorheiten und seines aufbrausenden Benehmens nicht nur um Verzeihung bat, sondern ihn auch überdies durch eine vermehrte und fast eifrige Theilnahme an den Staatsgeschäften auszusöhnen sich bemühte.
Der Fürst, von dem Glauben erfüllt, daß dies Alles lediglich die Folge seiner strengen Maßregeln wäre, freute sich darüber nicht wenig, indem er daraus die Zweckmäßigkeit derselben entnahm. Nicht minder erfreute es ihn, von Sidonien zu vernehmen, welche gute Wirkungen der Gebrauch des Bades auf sie erzeugt hatte, indem er zugleich hoffte, daß ihm nun auch vielleicht die Aussöhnung des getrennten Paares gelingen würde.
In dieser angenehmen Aussicht war es ihm besonders lieb, daß sich der Prinzessin Charakter trotz der von ihm gebilligten verführerischen Maßnahmen dennoch so trefflich bewährt hatte, indem dem Prinzen dadurch jeder Anhalt zu einer Weigerung, das frühere Verhältniß wieder herzustellen, genommen wurde. Er schrieb der Prinzessin einige freundliche Worte, ohne jedoch seiner geheimen Wünsche und Erwartungen zu gedenken.
Noch freudiger überrascht wurde er durch des Prinzen Antwort auf Sidoniens Mittheilung über die Erkrankung der Tochter, die ihm dieser, vielleicht absichtlich, eingehändigt hatte, um sie mit des Fürsten Brief an Sidonie durch den Courier befördern zu lassen.
Ihm war dieselbe ein Beweis des wiedergewonnenen Interesses, welches der Prinz für seine Gemahlin hegte, und wie sehr die Trennung zur Erzeugung von dergleichen guten Wirkungen geeignet ist.
Auf seinen Wunsch war der Prinz bereits entschlossen, Sidonie zu besuchen; als jedoch in dieser Zeit die Nachricht von dem gefahrlosen Ausgang der Krankheit der Tochter eintraf, gab der Prinz im Hinblick auf die weite Reise sein Vorhaben wieder auf und begnügte sich, der Prinzessin seine Freude über das Vernommene auszudrücken.
Sidonie athmete in der Gewißheit, ihr stilles Glück durch des Prinzen Besuch nicht gestört zu sehen, froh auf. Ihre Freude war um so größer, da mit seinem Besuch die Gefahr für sie herbei geführt worden wäre, daß er sowol Kenntniß von dem Entwenden der Chatoulle als dem Verschwinden des Dieners erhalten hätte, und dadurch veranlaßt worden wäre, Nachforschungen darnach anstellen zu lassen. Waren dieselben jedoch von Erfolg, so hatte sie auch den Verrath des Briefes und Portraits zu fürchten und konnte die Folgen desselben leicht voraussehen.
Trotz alledem durfte sie sich noch nicht beruhigen; denn die Bemühungen des Grafen und der Beamten waren bisher fruchtlos gewesen und somit die sie bedrohenden Gefahren noch nicht beseitigt.
Römer traf nach wenigen Tagen mit der wenig befriedigenden Nachricht bei ihr ein, daß die sorgfältigsten Nachforschungen nicht die geringste Spur von dem Verbleib des Dieners ergeben hätten. Zwar wollte man diesen auf einem bestimmten Punkte der Landstraße gesehen haben; Weiteres jedoch wußte man nicht, da alsdann keine Spur von ihm zu entdecken war.
Es waren zu derselben Zeit an verschiedenen Orten in der Nähe des Bades Einbrüche und Diebstähle vorgekommen, und so lag die Vermuthung nahe, daß man den Diener, dessen Livrée ihn als einen fürstlichen bezeichnete, wahrscheinlich in der Voraussetzung, eine gute Beute zu machen, getödtet und beraubt hatte. Eben so wahrscheinlich war es, daß dieselben Verbrecher auch die Chatoulle entwendet hatten.
Diese Annahme fand um so mehr Glauben bei Sidonien, da der Polizeibeamte dieselbe durch seine Mittheilungen noch wahrscheinlicher machte.
In Folge der angestellten Nachforschungen war man nämlich zu der Entdeckung mehrerer Verbrecher gelangt, die in den nahen Waldungen hausten und sich von dem Raub der Reisenden und allerlei Diebstählen ernährten.
Diese Umstände ließen voraussehen, daß die Briefe, als werthlos, wahrscheinlich vernichtet worden waren. Was die Chatoulle anbelangte, so lag die Voraussetzung nahe, daß die Verbrecher sich nach einer entfernten Stadt begeben haben würden, um die kostbaren Sachen verkaufen zu können. Traf diese Annahme zu, so unterlag es auch keinem Zweifel, daß die geraubten Gegenstände bald zerstreut wurden und wahrscheinlich auch, um nicht erkannt zu werden, eine Umarbeitung erfuhren. Diesem Geschick mußte dann auch das an sich wenig werthvolle Portrait verfallen, das man wol zerstörte, um das Gold der Einfassung zu nutzen.
Lag für Sidonien im Hinblick auf die angeführten Umstände eine gewisse Beruhigung, so durfte sie dem Prinzen doch das Verschwinden des Dieners nicht verschweigen. Sie theilte ihm dasselbe daher mit, so wie die näheren Umstände, welche dazu geführt hatten. Sie ließ jedoch eine längere Zeit vorüber gehen, ehe sie sich zu dieser Mittheilung bequemte, und nachdem alles Forschen fruchtlos geblieben war.
Der Prinz hatte ihr in Folge dessen erwidert, alles Weitere den Behörden anheim zu stellen und sich deshalb durchaus nicht zu beunruhigen. Er schien auf das Verschwinden des Dieners kein Gewicht zu legen.
Damit hatte diese Angelegenheit für Sidonie ihr Ende erreicht, und sie war erfreut, daß dasselbe in solcher Weise erfolgte.
Durch die allmälig fortschreitende Genesung ihres lieben Kindes und die Besuche des Grafen jetzt doppelt beglückt, durch die Erörterungen des Beamten über das wahrscheinliche Schicksal der Chatoulle beruhigt, und von der Angst befreit, des Prinzen Besuch erwarten zu müssen, genoß sie die sich ihr darbietenden Freuden mit vollem Herzen. Hatte sie auch durch die Krankheit ihrer Tochter schwer gelitten, so führte dieselbe doch auch zugleich eine Verlängerung ihres Aufenthaltes im Bade herbei, und was hätte ihr wol erwünschter sein können.
Doch die Tage eilten schnell dahin, und so nahte endlich auch die gefürchtete Scheidestunde.
Wir übergehen das schmerzliche Lebewohl der Liebenden, das die Hoffnung eines baldigen Wiedersehens milderte. Denn der Graf gedachte, wenn es seine Verhältnisse irgend gestatteten, zum Herbst die Residenz für einige Wochen zu besuchen.
Und so trennte sich Sidonie von ihm und dem liebgewonnenen Ort mit bekümmertem Herzen und trat mit Zagen die Rückreise an. O, wie so sehr bangte ihr vor dem Hofe! Es däuchte ihr fast unmöglich, sich wieder in die alten traurigen Verhältnisse zu finden und dem Zwange der Hofetikette zu unterwerfen. Fühlte sich ihre Seele doch nur wohl in der süßen Freiheit, unbeengt und unberührt von dem gleißnerischen Schein des schaalen Hoflebens. So manche Schmerzensthräne drängte sich in ihr Auge in der Erinnerung des verlorenen Glücks, in der Sorge, ob es ihr gelingen würde, sich dasselbe in der erwünschten Weise zu erringen.
Denn wie wir wissen, kehrte sie mit dem noch mehr befestigten Vorsatz zurück, die Trennung ihrer Ehe zu bewirken. Zu früh für ihre Wünsche erreichte sie die Residenz. Sie wurde zu ihrer nicht geringen Ueberraschung von dem Prinzen empfangen, der ihr seine Freude über ihr gutes Aussehen und die Genesung seiner Tochter mit wenigen Worten zu erkennen gab. Doch war ihr Wiedersehen nur ein förmliches und fern von aller Herzlichkeit; denn weder der Prinz, noch weniger Sidonie vermochten mehr als eben nothwendig war, zu sagen, und ihre gegenseitige Abneigung machte sich in dem Moment des Wiedersehens in vermehrter Weise geltend. Mit dieser Begegnung hatte es vorläufig sein Bewenden, denn seit derselben suchte der Prinz sie nicht wieder auf.
Der Fürst besuchte Sidonie am zweiten Tage nach ihrer Ankunft und begrüßte sie mit großer Freundlichkeit, indem er ihr sein besonderes Wohlgefallen an ihrem gesunderen Aussehen zu erkennen gab und nicht anzudeuten unterließ, wie sehr ihn des Prinzen erneutes Interesse für sie freue und er daran die Hoffnung knüpfe, seine Wünsche erfüllt und die Aussöhnung zwischen ihnen endlich ermöglicht zu sehen.
Seine Worte durchrieselten Sidonie kalt, indem sie dadurch zugleich überrascht wurde. Denn es lag ihr die Ahnung fern, daß der Fürst noch eine solche Hoffnung hegte. Um so mehr erachtete sie es daher für nothwendig, ihm sogleich die Gehaltlosigkeit derselben und ihr bestimmtes Verlangen der Trennung zu erkennen zu geben.
Sie entgegnete:
»Ihre Worte, mein gnädiger Fürst, verrathen mir, daß Sie noch immer an die Möglichkeit einer Aussöhnung zwischen mir und dem Prinzen glauben. Vielleicht hat Sie mein bisheriges Schweigen über diese Angelegenheit dazu verleitet. Um so mehr fühle ich mich daher bewogen, Ihnen schon jetzt zu erklären, daß ich das Verlangen nach einer Trennung von dem Prinzen nicht aufgegeben habe und Ihnen dasselbe binnen kurzer Zeit wiederholt haben würde, hätten mich Ihre Worte nicht schon jetzt dazu veranlaßt.«
»Wie, Prinzessin?« rief der Fürst, unangenehm überrascht, und blickte sie forschend an.
»Es ist so, wie ich sagte,« bemerkte Sidonie ruhig.
»Sie übereilen sich!« fiel der Fürst ein, durch die Erkenntniß der nichts weniger als geahnten Selbsttäuschung.
»Durchaus nicht, vielmehr hat sich mein Entschluß nach reiflichem Erwägen desselben nur noch mehr befestigt,« entgegnete Sidonie.
»Das ist in der That ein übles Wiedersehen, und ich gestehe Ihnen, so etwas nicht erwartet zu haben!«
»Ich bedaure das; doch erinnere ich Sie, daß Sie nichts berechtigte, mein früheres Verlangen für erledigt zu betrachten.«
»Doch, doch!« bemerkte der Fürst und fügte voll Eifer hinzu: »Ich bin bedacht gewesen, Ihnen in jeder Beziehung Genugthuung zu verschaffen, meine Maßnahmen in Ihrem Interesse haben überdies die guten Folgen gehabt, daß der Prinz eine liebevollere Theilnahme für Sie zeigt und sich auch in jeder andern Beziehung sehr lobenswerth geändert hat. Was verlangen Sie also noch mehr? Sie müssen das Alles anerkennen und dürfen daher die sich Ihnen zur Versöhnung darbietende Hand nicht zurückweisen.«
»Ich bezweifle, daß diese wirklich von dem Prinzen gewünscht wird.«
»So gilt Ihnen mein Wort nichts?!« fragte der Fürst.
»Doch, mein Fürst; indessen habe ich Gründe zu der Vermuthung, daß der Prinz selbst einen solchen Wunsch nicht ausgesprochen hat,« entgegnete Sidonie, ohne sich durch des Fürsten fast strengen Ton einschüchtern zu lassen, und setzte alsdann mit ruhiger Stimme hinzu: »Ihre Worte, mein gnädiger Fürst, verrathen mir überdies, wie sehr Sie sich über die von dem Prinzen für mich gehegten Gefühle täuschen; wären Sie bei dem Empfange anwesend gewesen, womit mich der Prinz überraschte, so würden Sie zu einer andern Ansicht hierüber gelangt sein. Denn der Prinz achtet mich weder, noch liebt er mich, sondern er haßt mich, und welcher Art meine Empfindungen für ihn sind, darf ich Ihnen kaum sagen. Nichtachtung und Haß erzeugen nur ihres Gleichen, so wie Liebe die Liebe erzeugt. Sie täuschen sich daher nicht nur in dieser Beziehung, sondern scheinen auch nicht erkannt zu haben, daß der Prinz mir den Verlust seiner Geliebten und seines Günstlings nicht vergeben hat, vielmehr erfreut sein würde, sich dafür an mir rächen zu können.«
»Sie gehen zu weit, zu weit!« rief der Fürst erregt und fügte hinzu: »Sie legen dem Prinzen Gesinnungen bei, die ihn erniedrigen.«
»Ich sprach nur meine Ueberzeugung aus und fürchte, die Zukunft wird meine Vermuthungen bestätigen.«
»Nein, nein! Ihre Abneigung gegen den Prinzen läßt Sie in seiner Beurtheilung ungerecht werden! So böse ist er nicht.«
Sidonie schaute den Fürsten einen Augenblick forschend und schweigend an, alsdann bemerkte sie mit Nachdruck:
»Seien Sie aufrichtig, mein Fürst, und sagen Sie mir, glauben Sie, daß ich dem Prinzen mehr gelte, als seine Günstlinge?«
»Wie können Sie eine solche Frage thun, die sich von selbst beantwortet?!« fragte der Fürst.
»Sie haben ganz Recht, mein Fürst; diese Frage beantwortet sich leicht; doch damit Sie erkennen, in welcher Art ich mir dieselbe beantworte, so sage ich Ihnen, daß der Prinz mich seinen Günstlingen gern geopfert hätte, würde Ihr Befehl ihn nicht daran gehindert haben.«
»Was berechtigt Sie zu dieser Annahme?« fragte der Fürst rasch und in scharfem Ton.
»Der Umstand, daß der Prinz sich nur scheinbar von dem Mädchen getrennt hat, sie in Paris ausbilden läßt, um sie wahrscheinlich früher oder später wieder in seine Nähe zu rufen. Sie sehen, mein Fürst, daß ich von Allem unterrichtet bin und welchen Werth ich auf die mir gewährte Genugthuung in dieser Hinsicht lege. Achtete mich der Prinz und wünschte er wirklich eine Aussöhnung, so müßte er vor Allem bedacht sein, den mir angethanen Schimpf für immer zu vertilgen.«
»Sie greifen der Zukunft durch eine solche Voraussetzung vor!« wandte der Fürst ein.
»Ich thue nur das, wozu mich eine langjährige, so schmerzenvolle Erfahrung berechtigt.«
»So sehe ich nicht, wohin das Alles führen soll,« warf der Fürst unmuthig hin.
»Doch, doch, mein gnädiger Fürst! Ihr Scharfblick wird die Verhältnisse leicht durchdringen und Sie zu der Erkenntniß leiten, daß nur die Erfüllung meines Wunsches eine entsprechende Lösung dieser Angelegenheit herbei zu führen vermag. Und damit Sie über meine Gesinnungen nicht länger in irgend einem Zweifel bleiben, erkläre ich Ihnen hiemit mit aller Bestimmtheit, daß ich nie und unter keinen Umständen jemals mehr in eine nähere Beziehung zu dem Prinzen treten werde. Ich achte den Prinzen nicht also, um ihm die Ehre zuzugestehen, mich fernerhin Gemahlin nennen zu dürfen; ich achte mich selbst aber so viel, um die Nothwendigkeit zu erkennen, mich von einem Manne zu trennen, der meine Ehre in so hohem Grade befleckte.«
»Ihre Worte verrathen mir, daß Sie nicht gesonnen sind, von Ihren überspannten Forderungen und Ansichten zu lassen!« rief der Fürst in ungewöhnlicher Aufregung, eine Folge der von Sidonien mit großer Ruhe und Bestimmtheit gesprochenen Erklärungen.
Die Prinzessin bekämpfte den dadurch in ihr erzeugten Unmuth, alsdann entgegnete sie:
»Sie nennen meine Ansichten überspannt; ich glaube, daß dieselben eine solche Bezeichnung nicht verdienen, und frage Sie, warum wir Frauen im Punkt der Ehre nicht gleich den Männern unsere eigenen Ansichten haben dürfen, nach welchen wir unsere Ansprüche bestimmen? Sie mögen durch Ihre Erfahrungen in der Schätzung der Frauen herabgestimmt worden sein und eine scheinbare Berechtigung dazu überdies in der herrschenden leichtfertigen Sitte finden; Sie gewinnen dadurch jedoch nicht das Recht, dieses Urtheil über mein ganzes Geschlecht auszudehnen. Hierauf beruht Ihr Irrthum, mein Fürst, hierauf auch Ihr falscher Schluß, daß, weil Sie nur Frauen leichten Charakters kennen lernten, auch nicht an wahre Frauenwürde glauben dürften. Das Geschlecht geht Ihnen über den Menschen. Sie vergessen zu erwägen, daß Sie vor Allem diesem seine Berechtigung einräumen müssen und ihr Urtheil dabei nicht durch sein Geschlecht bestimmen lassen dürfen. Ich selbst glaube Ihnen einen Beweis dafür zu liefern, und weiß sehr wohl, in wie weit ich dabei die von Ihnen gehegten Ansichten über die Frauen umstoße. Es gewährt mir jedoch eine große Genugthuung und ich erachte es für eine Pflicht gegen mich selbst und mein Geschlecht, Sie auf einen solchen Irrthum aufmerksam zu machen, dessen Folgen unter Umständen sehr bedeutungsvoll werden können.« Sidonie schwieg.
Der Fürst hatte ihr mit einem ironischen Lächeln und abwechselnden Aufblitzen seiner scharfen, graublauen Augen ruhig zugehört, ohne sie zu unterbrechen. Ihre Worte, von deren Wahrheit er sich getroffen fühlte, hatten ihn verletzt. Er sah sich genöthigt, ihr im Geheimen Recht zu geben, ohne jedoch hochherzig genug zu sein, ihr das einzugestehen. Der ihm gemachte Vorwurf gehaltloser Vorurtheile hatte seinen Unmuth erregt; er war daran nicht gewöhnt und daher um so tiefer dadurch betroffen worden. Er räumte Niemand das Recht ein, seine Ansichten vor ihm selbst in solcher Weise zu zerlegen, um ihn einer Schwäche oder eines Irrthums zu zeihen. Er glaubte die Welt und die Menschen genügend zu kennen, um in deren Beurtheilung berichtigt werden zu müssen. Und das hatte nun eine Frau, die einfache Prinzessin gethan und obenein in ziemlich schonungsloser Weise. Es war nicht seine Art, sich mit Frauen in eine ausgedehnte Unterredung einzulassen; er hielt sie für zu wenig befähigt, um sie einer solchen Ehre zu würdigen. Denn trotz der von Sidonien ausgesprochenen Auseinandersetzungen galten ihm die Frauen nur so viel, als sie ihm eben seinen Zwecken dienten. Er hatte jedoch auch aus der Prinzessin bestimmten Worten entnommen, an jenem Punkt mit ihr angelangt zu sein, wo Vorstellungen und Ermahnungen fruchtlos waren und er bedacht sein mußte, sich seine hoheitliche Autorität zu bewahren, um nicht an Einfluß auf sie zu verlieren. Er durfte ihr daher kein Zugeständniß ihrer Ansichten und Ansprüche machen, sondern mußte es ihr überlassen, sein Benehmen und seine Worte nach ihrem Belieben zu deuten. Und so entgegnete er mit einem ironischen Lächeln:
»Ich bin viel zu tolerant, um nicht jedem Menschen seine Ansichten zu lassen, vorausgesetzt, daß ich durch dieselben nicht irgendwie berührt werde. Dies Letztere ist nun bei Ihnen der Fall; doch bin ich weit entfernt, mich darüber in Erörterungen einzulassen. Es handelt sich hier um eine sehr ernste und wichtige Sache, und ich frage Sie daher, ob Sie auf dem Verlangen, Ihre Ehe zu trennen, bestehen?«
»Ja, mein Fürst,« entgegnete Sidonie ruhig und ohne Zögern.
»So werde ich den Prinzen damit bekannt machen und bitte das Weitere zu erwarten.«
Mit diesen in kühlem Ton gesprochenen Worten und einem leichten Neigen des Hauptes entfernte sich der Fürst.
Sidonie athmete hoch auf, indem die sie bisher beherrschende Spannung einem freieren Gefühl wich. Ihr Auge strahlte, und des Geliebten gedenkend, preßte sie die Hände auf die Brust und rief in freudiger Bewegung:
»Es ist geschehen; der erste Schritt zu unserm Glück gethan!«
»So hat mich meine Ahnung nicht getäuscht,« fiel eine ihr bekannte Stimme ein und zwei Arme umschlangen sie. Es war Aurelie, die leise eingetreten war und die Freundin überraschte.
»Sie täuschte Dich nicht und Du erkennst meine Freude, sobald schon durch den Fürsten selbst zu einer bestimmten Erklärung veranlaßt worden zu sein. Wie sehr bangte mir vor diesem Augenblick; Gott sei Dank, daß er vorüber ist und ich die heilige Pflicht gegen den Freund erfüllt habe!« entgegnete Sidonie.
»Der Fürst hat also Deine Erklärung nicht mit Unwillen aufgenommen? Ich fürchtete das.«
»Im Gegentheil, sie hat ihn verletzt, wie ich trotz seiner Zurückhaltung bemerkte. Auch scheinen ihm manche andere Worte von mir nicht gefallen zu haben, da sie ihn auf seinen Irrthum aufmerksam machten,« bemerkte Sidonie gedankenvoll.
»Er schied doch nicht etwa im Zorn?« fragte Aurelie besorgt.
»Wenn ich auch dies nicht fürchte, so bin ich doch gewiß, daß die offene Weise, mit welcher ich ihn auf seinen Irrthum aufmerksam machte, seinen Unmuth erregte.«
»Das wäre übel; denn es däucht mir von hoher Wichtigkeit, Dir des Fürsten Freundschaft zu erhalten. Du weißt, er ist von dem größten Einfluß in Deiner Angelegenheit.«
»Ich weiß es und wünschte von Herzen, seine Worte hätten mich nicht zu mancher Bemerkung herausgefordert, die zu verschweigen in meiner Lage vortheilbringender gewesen wäre. Doch baue ich auf seine Einsicht und sein Gerechtigkeitsgefühl.«
»Möchte Dich Dein Vertrauen nicht täuschen!«
»So zweifelst Du daran?«
»Ich muß aufrichtig sein und dies bekennen. Mich macht die Ueberzeugung besorgt, daß, wenn der Fürst in die Trennung willigt, er auch bedacht sein wird, die Ehre des Prinzen so viel als möglich zu retten, vielleicht auf Deine Kosten. Er wird diese Angelegenheit lediglich als ein Staatsgeschäft behandeln und sich den möglichst größten Vortheil dabei zu sichern bedacht sein. Denn mit der Trennung wird auch sein Interesse für Dich ein Ende finden, da Du seinen Staatszwecken nicht mehr dienst, und so müssen wir auf mancherlei üble Erfahrungen vorbereitet sein.«
»Ich darf Dir nicht widersprechen; doch wenn dies auch sein muß, so glaube ich doch auch auf das Kommende vorbereitet genug zu sein, und die Aussicht, endlich aus diesen erniedrigenden Fesseln erlöst und dem so heiß ersehnten Glück zugeführt zu werden, wird mich kräftigen und meinen Muth erhalten. O schon jetzt, nachdem ich das entscheidende Wort gesprochen habe, fühle ich mich freier, glücklicher, und es ist mir, als hätten sich die Bande bereits gelockert, die meine Seele so lange niederhielten.«
»Ich glaube Dir, meine Gute, und freue mich von Herzen über Deinen Muth, den die Liebe nähren und erhalten wird,« entgegnete Aurelie, Sidonie umarmend.
»O, wenn diese Fesseln endlich fallen, wenn ich wieder frei bin wie einst, dann kehren wir dahin zurück, wo ich die reinsten und süßesten Stunden des Lebens genossen habe, dann darf mein Herz ohne Zwang die Sprache seiner Liebe sprechen, dann darf ich der Welt offen sagen, seht, dieser ist der Mann meiner Neigung und Achtung, er, den die Welt verehrt und schätzt, wie er es verdient. O, nun der Schritt gethan ist, frage ich mich, warum ich mich damals zum Zaudern durch den Fürsten bestimmen lassen und es über mich gewinnen konnte, auch nur einen Tag länger die Qual des Bewußtseins zu tragen, diesem verächtlichen Manne zu gehören. Wie tief mag Römer dadurch verletzt worden sein, diese edle, feinfühlende Natur. Doch nun ist ja Alles gut, und mein Handeln wird den Geliebten wieder ganz mit mir aussöhnen; sein Herz ist ja eben so edel als gütig!«
In solcher Weise drückte Sidonie ihre überwallenden Empfindungen aus, wozu ihre Lage sie drängte, alsdann fertigte sie ein Schreiben an ihren Bruder, den Herzog, um ihn mit ihrem Entschluß bekannt zu machen und ihn zugleich zu ersuchen, sie, sobald der Prinz und Fürst in Trennung willigten, bei sich aufzunehmen, um daselbst die Erledigung der betreffenden Verhandlungen abzuwarten. Denn es drängte sie, einen Ort so schnell als möglich zu verlassen, in welchem sie dieselbe Luft mit dem Prinzen athmete und sie Alles an ihre Leiden erinnerte. Lag zwischen ihr und dem Hof erst die Ferne, dann durfte sie auch nicht mehr eine Rückkehr an denselben fürchten, dann ließ sie die entehrenden Fesseln zerbrochen zurück und tauchte mit kräftigen Schwingen in den Aether der Freiheit.
Seit diesem Augenblick erfüllte sie eine erhöhte Lebenskraft. Aus dem Jahre langen Dulden endlich zum entscheidenden Handeln heraus getreten, fühlte sie sich erhoben, wie das stets zu sein pflegt.
Auf ihren Wunsch theilte Aurelie dem Grafen sogleich das Nähere über ihre Rückreise so wie den an den Fürsten gestellten Antrag mit; er sollte sogleich erfahren, daß sie ihm ihr Wort gehalten hatte, und dieses Bewußtsein seine trauernde Seele mit neuer Hoffnung erfüllen.
Es darf kaum erwähnt werden, wie sehr Römer dadurch beglückt wurde, und dies um so mehr, da er trotz Sidoniens Versprechen dennoch fürchtete, sie würde trotz des sie erfüllenden Muthes dennoch durch die sich ihr entgegen stellenden Hindernisse von diesem Schritt zurück geschreckt werden. Und auch selbst nachdem er die bedeutsamen Worte erhalten hatte, drängte sich mancher beunruhigende Zweifel über das Gelingen ihrer Absicht in seine Seele, und so konnte es nicht ausbleiben, daß sein Wesen die Sorge des Herzens verrieth. Diese wurde überdies noch durch das Bedauern erhöht, Sidonien in dieser so wichtigen Zeit nicht nahe sein zu können. Ihr Alleinsein beängstete ihn; denn er fürchtete, und mit Recht, den großen Einfluß des Fürsten und der Verhältnisse auf sie.
Sein Seelenzustand konnte seiner ihn so innig liebenden Mutter nicht verborgen bleiben, und in der Voraussetzung, daß derselbe durch die Trennung von Sidonien hervor gerufen worden war, entschloß sie sich, ihm die, wie sie wußte, heiß gewünschte Freiheit zum Wiedersehen der Prinzessin zu bieten. Um ihm jedoch ihre Absicht nicht zu verrathen, benutzte sie eine zufällig eintretende Unpäßlichkeit ihrer verheiratheten Tochter als Vorwand zu der Mittheilung, bei dieser eine längere Zeit verweilen zu wollen. So innig Römer seine Mutter auch liebte, kam ihm dieser Umstand doch sehr gelegen, indem dadurch die Befriedigung seines Verlangens ermöglicht werden konnte.
Am Abend vor der Trennung befanden sich Mutter und Sohn wie gewöhnlich allein bei einander und besprachen allerlei die Familie betreffenden Verhältnisse. Nachdem dieselben erledigt worden waren, ergriff die Gräfin nach kurzem Schweigen das Wort und bemerkte:
»Ich glaube mich in der Voraussetzung nicht zu täuschen, mein Sohn, daß Du während meiner Abwesenheit wahrscheinlich die Residenz besuchen wirst.« —
»Ich denke, es wird so sein,« entgegnete Römer zögernd und indem er erröthete.
»Zwischen Mutter und Sohn darf kein Geheimniß obwalten,« fuhr die Gräfin fort, indem sie seine Hand ergriff und ihn mild und freundlich anblickte; »darum wollen wir mit aller Aufrichtigkeit zu einander sprechen. Ich habe längst Deine tiefe Neigung für Prinzessin Sidonie bemerkt und brauche Dir nicht zu sagen, wie schmerzvoll ich im Hinblick auf die obwaltenden Verhältnisse dadurch betroffen worden bin. Du bringst dieser Liebe Dein ganzes schönes Leben zum Opfer. Du hast die Thränen nicht gesehen, welche ich darüber vergossen habe, und es soll auch hier nicht davon die Rede sein. Ich kenne Deinen Charakter zu gut, um nicht zu wissen, daß bei der Tiefe Deiner Neigung ein Uebertragen derselben auf ein anderes weibliches Wesen nicht möglich ist, und Du viel zu edel denkst, um ein Mädchen, ohne Liebe für sie zu fühlen, zu Deiner Gattin zu erwählen. Das Rechte und Gute anzuerkennen, selbst wenn wir auch dadurch betrübt werden, ist eine Pflicht der Vernunft, und ich unterdrücke darum den tiefen Schmerz, den ich im Hinblick auf alle diese traurigen Umstände fühle. Wer, wie ich, das Glück der Liebe in der ungetrübtesten Heiterkeit so viele Jahre genossen hat, fühlt es um so inniger, daß seinem eigenen geliebten Kinde ein so übles Loos zu Theil werden mußte. Warum konntest Du nicht gleich uns glücklich werden! Doch es scheint, daß auch in Bezug auf die Neigungen der Menschen zu einander ein besonderes Geschick obwaltet, dem wir nur selten zu entgehen vermögen, und so habe ich mich in den Gedanken zu finden gesucht, daß es nicht anders sein soll.«
Sie schwieg bewegt und ihr bekümmertes Auge feuchtete sich.
Römer drückte, nicht minder bewegt, seine Lippen auf ihre Hand.
Nach kurzer Pause fuhr die Gräfin fort:
»Du bist noch nicht alt, Bernhard, und dennoch sehe ich schon viele Silberfäden in Deinem Haar, ein Zeichen des tiefen, verschlossenen Kummers, den Du schon seit Jahren in Dir trägst. Denn wie das Glück den Menschen verjüngt, so altert der Kummer ihn rasch und vor der Zeit.« —
Und aus dem feuchten Auge drängte sich jetzt eine volle Thräne und rann langsam auf der blassen, feinen Wange nieder. Römer bemerkte dies nicht, denn er hielt das Haupt vor ihr geneigt.
Die Gräfin bemühte sich, ihre Rührung zu beherrschen, und nahm alsdann ihre Mittheilung wieder auf.
»Doch,« sprach sie, »ich sollte Dich nicht an Dinge erinnern, die Dich betrüben müssen, besonders in der Stunde vor der Trennung für längere Zeit; das Mutterherz hängt jedoch mit zu großer Liebe an dem Kinde, um die Zeichen seines frühen Verblühens in Schmerz und Vereinsamung nicht zu beklagen; darum vergieb mir, mein Sohn!«
Des Grafen Bewegung war viel zu tief, um ein Wort hierauf erwidern zu können. Die Lippen seiner Mutter sprachen zum ersten Mal all' das Schmerzliche offen aus, was er bisher ertragen hatte und sich selbst nicht gestehen mochte. Aber ihre Liebe und Milde thaten ihm wohl, ihre Lippen entheiligten sein Geheimniß nicht, sondern verliehen demselben eine wohlthuende Bedeutung. Und mit vermehrtem Dankgefühl neigte sich auch jetzt sein Mund auf ihre Hand.
»Nicht wahr, mein theurer Sohn, ich hatte nicht Unrecht?« fragte sie.
Römer bejahte stumm.
»Sieh, Bernhard,« fuhr sie gesammelter fort, »ich würde Dein Unglück ruhiger ertragen, wenn mich nicht schon lange die Sorge bedrängte, es könnte Dir aus diesem Verhältniß irgend ein Unheil erwachsen. Wie Du mit der Prinzessin stehst, weiß ich nicht; doch bin ich überzeugt, daß Ihr niemals die Schranken übersehen habt, welche Euch trennen. Dazu kenne ich meinen Sohn und die Prinzessin zu wohl. Dennoch sah ich Dich stets nur mit Kummer an den Hof ziehen, vernahm mit vermehrter Unruhe Deinen näheren Umgang mit Sidonien und immer und immer quälte mich jene Besorgniß. Vielleicht gehe ich darin zu weit, vielleicht ist meine Angst durchaus unbegründet; denn was vermöchte man einem Schuldlosen vorzuwerfen? Und dennoch drängt es mich gerade vor unserer Trennung, Dich an das Alles zu erinnern und Dich durch mein Wort zu steter Vorsicht zu veranlassen. Ich weiß, wie es an des Fürsten Hof zugeht, weiß, daß der Glaube an Sittlichkeit daselbst längst keine Stätte mehr hat, und weiß überdies, daß uns weder unsere Unschuld noch unsere sittlichen Vorzüge vor der Verleumdung mit ihren übeln Folgen schützen. Man pflegt meistens nur das zu billigen, was man selbst anerkennt, und hält Andere nicht für besser, als man selbst ist, und diesen Grundsätzen huldigt vor Allem des Fürsten Hof. Habe ich Recht, mein Sohn?«
»O gewiß, gewiß!« fiel Römer ein.
»Da Du dies erkennst, so zweifle ich auch nicht, daß Du nach meinem Rath thun wirst, und das beruhigt mich. Auch weiß ich ja, daß Du besonnen genug bist, das Nahen etwaiger Gefahren zeitig genug zu erkennen, um Dich vor ihnen schützen zu können. Und so möge Dich der Himmel behüten und Dir alle jene Freuden gewähren, die Deine Ehre rechtfertigen kann, wenn sie auch Dein Herz unbefriedigt lassen!« Sie endete und küßte ihn bewegt wiederholt auf die Stirn.
Welches Herz verschlösse sich wol dem heiligsüßen Ton der Mutterliebe! Am wenigsten hätte dies bei Römer der Fall sein können, vielmehr wurde er von derselben so sehr angegriffen, daß er der Gräfin sein ganzes Herz öffnete, ihr seine Freuden, aber auch alle schmerzvollen Kämpfe und Sorgen mittheilte, und seine Worte mit der beglückenden Nachricht schloß, daß nun die Leiden bald ein Ende erreicht und seine Wünsche befriedigt werden würden. Die Gräfin erschrak in Folge dieser Mittheilung heftig. Die Trennung der Ehe, und namentlich fürstlicher Personen, erschien ihr überaus bedeutungsvoll, und um so mehr in diesem Fall, bei welchem ihr Sohn betheiligt war. Denn lag die Vermuthung nicht nahe, daß Sidonie dazu wahrscheinlich nicht nur durch des Prinzen Verhalten, sondern auch durch die Liebe zu ihrem Sohn veranlaßt worden war? — Gewiß. Dieser Umstand steigerte ihre Unruhe, die sie dem Sohn zu erkennen gab, worauf er entgegnete:
»Ich verhehle nicht, meine theure Mutter, daß Ihre Voraussetzung nicht ungegründet ist; doch bitte ich Sie auch, die Verhältnisse zu erwägen, unter welchen Sidonie schon seit Jahren gelitten hat, und versichere Sie, daß bei ihrem Entschluß ihre Ehre eben so maßgebend gewesen ist, als ihre Liebe.«
Und er war bedacht, ihr auseinander zu setzen, daß Sidonie sich nur durch eine Trennung von dem Prinzen zu retten vermochte, wollte sie ihr Leben nicht nutzlos einem übertriebenen Pflichtgefühl opfern. Er sprach mit der ganzen Wärme seiner Liebe und Ueberzeugung, und es konnte nicht ausbleiben, daß die Gräfin Sidoniens Schritt endlich billigte und zugleich mit ihrem Sohn die Freude mit empfand, welche sich an denselben für ihn knüpfte. Es war ihr der Gedanke so beglückend, diese Liebe endlich doch noch durch den ersehnten Verein belohnt und damit ihres geliebten Sohnes Leben verschönt zu sehen.
»So kann ich denn mit einer schönen Hoffnung von Dir scheiden, mein theurer Sohn. Ziehe denn dahin, wohin Dich eine heilige Pflicht ruft. Ich weiß, Du wirst dieser und Deiner Ehre gemäß handeln. Alles Weitere müssen wir vertrauend dem Himmel anheim geben, der Dich und die arme Prinzessin mit der erforderlichen Kraft stärken möge. Hoffentlich wirst Du mich dann bald durch die Nachricht von Deinem künftigen Glück erfreuen; ich werde ihr mit Ungeduld entgegen harren.«
Also sprach die edle Gräfin in freudiger Bewegung und schied dann von dem Sohne. Diese Unterredung war namentlich für sie in einer ganz andern Weise zu Ende geführt worden, als sie erwartet hatte; statt Kummer und Sorge begleitete sie nun Freude und Hoffen auf dem Wege zu ihrer Tochter.
Wenige Tage nach der Abreise seiner Mutter begab sich der Graf zu Sidonien, von der Gewißheit beglückt, ihr nun für längere Zeit nahe sein und mit seinem Rath bei der Erledigung der bekannten Angelegenheit beistehen zu können.
Drittes Kapitel.
Der Fürst kehrte nach der Unterredung mit Sidonien in einer sehr übeln Stimmung in sein Palais zurück. Sich in allen seinen so gewissen Erwartungen in der bezeichneten Weise getäuscht zu haben, die in dieser Hinsicht mit Berechnung angelegten Pläne als vollkommen unnütz erkennen zu müssen, verdroß ihn in hohem Grade. Dazu gesellte sich überdies noch der wichtige Umstand, durch Sidoniens festes Beharren auf ihrem Verlangen genöthigt zu sein, gerade Dasjenige ausführen zu müssen, was er zu vermeiden so sehr bedacht gewesen war. Denn nach der so entschiedenen Erklärung der Prinzessin machte das Staatsinteresse die Trennung der Ehe und eine Neuvermählung des Prinzen unumgänglich nothwendig. So war der gefürchtete Eclat denn sicher, und mit demselben verband sich zugleich die nahe liegende Besorgniß, der üble Leumund über den Prinzen dürfte mancherlei Hindernisse bei der Wahl einer Prinzessin herbeiführen. Denn lag auch eine Verlockung in der Aussicht, die Gemahlin des künftigen Regenten zu werden, so mußte doch das Bekanntwerden der wenig lobenswerthen Eigenschaften desselben, welche die Trennung der Ehe des Prinzen herbeigeführt hatten, die etwa erwählten fürstlichen Damen auf das Eingehen einer Ehe mit ihm bedenklich machen, da ihnen ein ähnliches Schicksal wie Sidonien bevorstand.
Alle diese so wichtigen Bedenken veranlaßten den Fürsten, sich in seinen Maßnahmen nicht zu übereilen, sondern vorläufig mit dem Prinzen über Sidoniens Verlangen zu sprechen und ihm die Nothwendigkeit einer Neuvermählung vorzustellen. Zugleich gedachte er ihn auf die dabei zu erwartenden Hindernisse aufmerksam zu machen, damit der Prinz durch eine gemäßigte Lebensweise seinen guten Ruf wieder herstellte und somit sicherer auf die Annahme einer Werbung hoffen durfte.
Seinem Vornehmen getreu, ließ der Fürst den Prinzen ein paar Tage darauf zu sich bescheiden und theilte ihm das Obige mit. Der Prinz zeigte sich über das Vernommene in hohem Grade überrascht, erklärte sich jedoch zugleich ohne irgend welches Bedenken zu einer Wiedervermählung geneigt, indem er die Ueberzeugung aussprach, daß die von dem Fürsten in dieser Beziehung gehegten Besorgnisse sich nicht bestätigen würden.
Ein solches, durchaus nicht erwartetes Entgegenkommen überraschte den Fürsten überaus angenehm und er sprach dem Prinzen seine Freude darüber aus, indem er ihm zugleich anempfahl, die Angelegenheit so geheim als möglich zu behandeln, damit die Welt nicht allzu viel davon erführe und man den Vortheil gewinnen könnte, das Urtheil derselben darüber im eigenen Sinn zu lenken.
Der Prinz erklärte sich damit gern einverstanden und sprach die Versicherung aus, sich in alle von dem Oheim getroffenen Maßnahmen unbedingt fügen zu wollen.
»Es freut mich, Dich mit meinen Ansichten einverstanden zu wissen,« fuhr der Fürst in herzlichem Ton fort, »und ich rechne mit Bestimmtheit darauf, daß Du auch durch Dein künftiges Verhalten dem Interesse des Landes entgegen kommen wirst und die in Bezug auf Sidonie gemachte Erfahrung Dich dabei leiten wird.«
»Seien Sie davon überzeugt,« entgegnete der Prinz in unterwürfigem Ton.
»So will ich hoffen, daß Du auch hinsichts jenes Mädchens, das Du in Paris unterhältst, für die Folge solche Arrangements treffen wirst, welche geeignet sind, jede Störung bei Deiner Wiedervermählung fern zu halten.«
»Es wird geschehen. Mariane hängt ganz von meinem Willen ab und wird so lange in Paris bleiben, als ich es für nöthig erachte. Auch könnte ich das Mädchen in der geeigneten Zeit verabschieden.«
»Das Letztere wäre unter allen Umständen das Beste und Du magst daran denken.«
Es trat nun eine kleine Pause ein, in welcher der Prinz nachdenkend vor sich hinblickte. Der Fürst bemerkte dies und erkundigte sich nach der Veranlassung dazu worauf der Prinz ihn ersuchte, ihm eine Mittheilung von Wichtigkeit machen zu dürfen. Der Fürst, dadurch ein wenig überrascht, verstand sich gerne dazu, worauf dieselbe erfolgte und eine sehr eingehende und vertrauliche Unterredung zwischen ihnen hervorrief.
Das Vernommene schien den Fürsten in hohem Grade zu interessiren; denn länger als zwei Stunden blieb er mit dem Neffen beisammen, worauf sie in einem so guten Einvernehmen von einander schieden, wie dies bisher zwischen ihnen noch nicht der Fall gewesen war; der Fürst, wie es schien, von dem lebhaftesten Interesse erfüllt; der Prinz mit einem Lächeln vollster Genugthuung.
Kaum war der Letztere in seinem Palais angelangt, so begab er sich sofort an seinen Schreibtisch und fertigte ein Schreiben an Mühlfels, das er alsdann durch einen geheimen Boten an diesen befördern ließ.
Seit diesem Augenblick zeigte der Prinz seiner Umgebung die leutseligste Freundlichkeit, arbeitete fleißig und kam seinem Oheim mit steter Ergebenheit entgegen. Und die Welt erstaunte nicht wenig über diese ungewöhnlichen Erscheinungen.
Römer traf in dieser Zeit in der Residenz ein, und die Absicht, den Winter daselbst zuzubringen, veranlaßte ihn, sich sofort eine entsprechende Wohnung zu besorgen und in derselben einzurichten.
Es darf kaum bemerkt werden, wie überaus angenehm Sidonie durch seine ungehoffte Ankunft überrascht wurde und wie sich ihre Freude in der Gewißheit steigerte, den ihr unter den obwaltenden Umständen doppelt theuern Freund nun dauernd zur Seite zu haben, und durch seine Nähe und seinen Rath ermuthigt und beruhigt, ihre Absicht hinsichts der Trennung ihrer Ehe mit größerer Sicherheit verfolgen zu können.
Seine Zusprache war ihr um so nothwendiger, da ihr Bruder auf ihre Mittheilung ihr sein ganzes Mißfallen über ihr Verlangen zu erkennen gegeben hatte. Er erachtete das letztere für ungerechtfertigt und sprach darum auch die bestimmte Absicht aus, dasselbe in keiner Weise unterstützen zu wollen. Er machte ihr den Vorwurf der Prüderie und Unklugheit und gab es ihr schließlich anheim, nach eigenem Gutdünken ihre Sache auszufechten. Er verhehlte ihr nicht, diese seine Ansichten und Entschließungen dem Fürsten zu erkennen gegeben zu haben, und stellte sich damit auf des Letzteren Seite.
Sidonie litt unter dieser nicht geahnten Lieblosigkeit ihres Bruders um so mehr, da sie auf seinen ihr so wichtigen Beistand mit Sicherheit gerechnet hatte und diesen im Hinblick auf die besonderen Umstände für selbstverständlich erachtete.
Aus seinen Vorwürfen und seinem Verhalten erkannte sie nun zu ihrer großen Bestürzung, daß auch er dem Einfluß der herrschenden Sitten unterlegen sei, und das schmerzte sie tief, indem sie zugleich die niederdrückende Ueberzeugung erfüllte, nun auch nicht in die Heimath zurückkehren zu können, wie sie es so sehr gewünscht hatte.
Was konnte ihr dieselbe unter so übeln Umständen noch bieten? Statt Ruhe und Trost nur noch der Mißmuth und die vorwurfsvollen Mienen eines Bruders.
So tief wirkte der herrschende Zeitgeist.
Sie sah sich in Folge dessen in die peinigende Verlegenheit gesetzt, vorläufig in der Residenz zu verweilen, gedachte jedoch ihren Aufenthalt daselbst so viel als möglich abzukürzen und, sobald es die Verhältnisse gestatteten, sich nach dem von ihr früher besuchten Badeort zu begeben und hier das Weitere abzuwarten. Zwar hätte sie Aufnahme an einem befreundeten Hofe gefunden; es widerstrebte jedoch ihrem Gefühl, sich mit einer Bitte darum an einen solchen zu wenden.
So wollte sie, da ihr die Heimath verschlossen war, sich eine neue Heimath in angenehmer Unabhängigkeit gründen; denn was nach erfolgter Trennung von dem Prinzen geschehen sollte, war noch eine unbesprochene Frage, die weder sie noch der Graf zu berühren für gut gefunden. Als nun ihres Bruders Brief anlangte, theilte sie dem Letzteren den Inhalt desselben, sowie ihren Entschluß der Uebersiedlung nach dem Badeort mit, und Römer stimmte ihr darin bei, da sich ein anderer Ausweg nicht finden ließ.
Sidonie hatte nach ihrer Rückkehr ihre frühere Lebensweise in der Absicht wieder aufgenommen, sich dadurch die gewünschte Gelegenheit zu verschaffen, Römer ungezwungener sehen zu können.
Eine zu große Zurückgezogenheit und das Aufgeben der gewöhnten gesellschaftlichen Beziehungen würden auch jedenfalls Aufsehen erzeugt haben, was sie zu vermeiden wünschte. Die Vorsicht gebot überdies, den Grafen fortan nur in Begleitung ihres Bruders zu empfangen und sich auf diese Besuche und die Gesellschaftsabende zu beschränken, um künftigen übeln Beurtheilungen vorzubeugen.
Einige Wochen waren seit Sidoniens Antrag bei dem Fürsten dahin gegangen, ohne daß sie irgend einen Bescheid erhielt; dies beunruhigte sie, da sie einen solchen erwartet hatte. Als sie alsdann noch eine längere Zeit fruchtlos gewartet hatte, steigerte sich ihre Besorgniß, indem ihr jede Erklärung für die Verzögerung fehlte.
Obgleich Alles seinen gewöhnlichen Gang ging, so schien ihr doch eine gewisse bedrückende und nichts Gutes verheißende Schwüle auf allem Leben und Treiben zu ruhen. Sie sah weder den Fürsten, noch den Prinzen, doch war ihr bekannt, daß dieselben viel mit einander verkehrten und der Erstere seinem Neffen ein besonderes Wohlwollen zeigte.
Die fortdauernde Ungewißheit quälte sie, vermehrte ihre Sorgen und ihr Bangen, und nur in dem ruhigen und sichern Wesen des Geliebten fand sie die so nothwendige Ermuthigung.
Der Winter hatte sich bereits eingestellt und mit ihm war auch der Geburtstag des Fürsten genaht, der gewöhnlich von dem Prinzen durch einen glänzenden Maskenball gefeiert zu werden pflegte, auf welchem der Fürst stets erschien.
Eine solche Festlichkeit war auch dieses Mal von dem Prinzen angeordnet worden, die auf seinen Wunsch außerordentlich glänzend werden sollte. Dieselbe kam Sidonien sehr gelegen, da sie ihr die gewünschte Gelegenheit zu einem Besuch bei dem Fürsten darbot, welchen sie benutzen konnte, sich über ihre Angelegenheit irgend welchen Aufschluß von ihm zu verschaffen und so der sie beängstigenden Ungewißheit ein Ende zu machen.
Es konnte daher nicht ausbleiben, daß, als der Geburtstag genaht war und sie sich zu dem Fürsten begab, ihre Seele mit Unruhe erfüllt war.
Der Letztere empfing sie ziemlich abgemessen und nahm ihren Glückwunsch mit mehr Höflichkeit als Freundlichkeit entgegen. Eben so kühl vernahm er ihr Bedauern, an dem Maskenball nicht Theil nehmen zu können, das sie in der Absicht aussprach, sich in dieser Beziehung einmal bei dem Fürsten zu entschuldigen, dann aber auch, um dadurch einen Anknüpfungspunkt für ihr Interesse zu gewinnen.
»Ich erachte mich nicht für berechtigt, Ihre Intentionen irgendwie zu beurtheilen, und stelle Ihnen Alles anheim,« entgegnete der Fürst kühl.
»Ich glaube dieses Fernhalten von dem Fest meinen Verhältnissen schuldig zu sein,« bemerkte Sidonie.
»Sie werden das am besten wissen.«
»Und darf ich nicht erfahren, welche Beschlüsse in meiner Angelegenheit getroffen worden sind?«
Der Fürst blickte nachdenkend zu Boden und entgegnete alsdann in ziemlich gemessenem Ton:
»Ich muß Sie bitten, sich noch ein wenig zu gedulden, da ich noch nicht Gelegenheit fand, die Sache dem Staatsrath vorzutragen. Ich denke jedoch, daß Sie in nächster Zeit Weiteres hierüber vernehmen werden.«
Diese Worte so wie der Ton, in welchem sie gesprochen wurden, verriethen nur zu deutlich des Fürsten Absicht, Sidonien das für diese Angelegenheit gehegte geringe Interesse erkennen zu geben. Das verletzte und überraschte sie zugleich, indem sich darin ein Widerspruch gegen des Fürsten frühere so lebhafte Theilnahme dafür geltend machte. Sie fragte sich, durch welche Umstände ein solcher ungewöhnlicher Umschlag erzeugt worden sein könnte, ohne sich jedoch darauf eine Antwort geben zu können.
Sie blickte den Fürsten fragend an, um ihn zu einer Erklärung zu veranlassen: er vermied es jedoch wie vorher, ihrem Auge zu begegnen, und zeigte überdies nicht die geringste Neigung, ihrem Verlangen irgend wie entgegen zu kommen, so daß sich Sidonie, dadurch noch mehr verletzt, veranlaßt sah, die Unterredung zu enden und sich zu entfernen.
Der Fürst verließ sie höflich, jedoch kalt. Durch das Erfahrene in hohem Grade beängstet, kehrte sie in ihr Palais zurück und beeilte sich, Aurelie mit Allem bekannt zu machen und deren Ansicht darüber zu hören.
Nachdem sie die Angelegenheit vielfach erwogen hatten, gelangten sie zu dem beunruhigenden Schluß, daß irgend ein wichtiger Umstand die Ursache von des Fürsten Verhalten gegen Sidonie sein müßte; welcher Art derselbe jedoch wäre, vermochten sie trotz aller Mühe nicht zu erforschen. Diese Ungewißheit beängstete sie um so mehr, da auch der Graf bei seinem bald darauf erfolgten Besuch sie nicht zu beruhigen oder aufzuklären vermochte und obenein ihre Ansicht und Besorgniß theilte.
Römer hatte eine Einladung zu dem Maskenball erhalten und beabsichtigte, auf demselben zu erscheinen, wozu ihn überdies die Verhältnisse und die Rücksichten auf den Fürsten nöthigten; er traf daselbst mehre Bekannte und gedachte nun diesen Umstand zu benutzen, sich irgend welche Aufklärung über die so beunruhigende Angelegenheit zu verschaffen.
So schien sich denn Sidoniens frühere Ahnung bestätigen zu wollen, und mit Bangigkeit erwog sie, in wie weit sie davon betroffen werden würde. Es war natürlich, daß sie vor Allem der räthselhaften Vorgänge an dem Badeort gedachten, die ja ungelöst geblieben waren und darum mit ihren Gefahren drohten. Ein näheres Erwägen beruhigte sie jedoch wieder, da sie sich vergeblich bemühten, irgend welchen Zusammenhang derselben mit des Fürsten Verhalten zu ermitteln.
Unter solchen Umständen blieb ihnen schließlich nur ein geduldiges Harren übrig und die Hoffnung, es könnte dem Grafen gelingen, Licht in dieses Dunkel zu bringen.
Mit dem Versprechen, Aurelie mit dem etwa erzielten Erfolg sogleich bekannt zu machen, schied der Graf, um, da die Zeit nahte, sich auf den Ball zu begeben. Ihm wurde das Scheiden von Sidonien heute schwerer denn sonst, da er ihr Herz voll Unruhe und Sorge wußte und sich auch seiner ein beengendes Gefühl bemeistert hatte, das er nicht abzuweisen vermochte.
Etwa um die neunte Stunde begab sich der Graf in das fürstliche Palais, in welchem die Festlichkeit stattfand. Sämmtliche Räume desselben waren bereits mit den glänzendsten und buntesten Masken erfüllt und gewährten in ihrer reizenden Anordnung einen sehr angenehmen Anblick. Der Wunsch des Prinzen hatte die Gäste zu den höchsten Anstrengungen veranlaßt, und so konnte es nicht fehlen, daß das Auge in jeder Hinsicht mehr als befriedigt wurde.
Römer, lediglich von seinen trüben Gedanken erfüllt, schenkte dem Allen nur geringe Aufmerksamkeit, lediglich darauf bedacht, ein und den andern seiner Freunde aufzufinden, um seine Absicht so rasch als möglich erreichen zu können.
Das war jedoch wegen der Menschenmenge und der verhüllenden Masken keine leichte Sache, und nur die Kenntniß von den Masken einzelner Bekannten ließ ihn nicht zu lange und fruchtlos forschen.
Die herrschende festliche Stimmung war überdies wenig geeignet, dergleichen Angelegenheiten zu besprechen, ganz abgesehen, mit welcher Vorsicht er dabei zu Werke gehen mußte, um sein Verlangen nicht zu verrathen.
So viel er sich jedoch auch mühte, erlangte er dennoch nicht die mindeste Aufklärung. Niemand wußte ihm in dieser Beziehung nur das Geringste zu sagen, obgleich Sidoniens Antrag, sich von dem Prinzen zu trennen, bereits bekannt geworden war.
Endlich gab der Graf weiteres Forschen als vergeblich auf und begab sich nach dem Saal, in welchem der Fürst mit seiner Gemahlin und seinem Hofgefolge und auch der Prinz befanden. Die erheiterten Mienen des Ersteren und Letzteren verriethen den angenehmen Genuß, den ihnen das Fest zu gewähren schien, ganz besonders machte sich jedoch das gute Einvernehmen zwischen Oheim und Neffen geltend, das die nicht eingeweihten Gäste in hohem Grade überraschte. Der Graf war in der Nähe einer nach einem Nebenzimmer führenden Thür stehen geblieben und beobachtete, durch seine Larve geschützt, den Hof und das Treiben im Saal.
Der Prinz und der Fürst befanden sich in seiner Nähe und unterhielten sich mit einigen zu dem engeren Kreise des Fürsten gehörigen Personen, welche wie die Ersteren ohne Masken waren. Die Unterhaltung schien sehr heiter zu sein; denn Lachen und Scherze unterbrachen dieselbe. Der Fürst zog sich bald darauf mit einem der Herren ein wenig von der Gruppe zurück und sprach vertraulich mit diesem, während der Prinz mit den übrigen Personen die Unterhaltung in der früheren Weise fortsetzte.
Einige Augenblicke darauf bemerkte der Graf, daß ein schwarzer Domino, der sich so lange in dem Nebenzimmer aufgehalten hatte und das Zurückziehen des Fürsten abgewartet zu haben schien, dasselbe verließ, sich dem Prinzen von der Rückseite näherte und ihm ein paar Worte zuflüsterte.