Hôtel Buchholz.
Ausstellungs-Erlebnisse
der
Frau Wilhelmine Buchholz.
Herausgegeben
von
Julius Stinde.
Berlin, 1897.
Verlag von Freund & Jeckel.
(Carl Freund.)
Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.
Herrn August Scherl
zugeeignet.
Inhalt.
| Seite | |
| Große Erwartungen | [1] |
| Sommeraussichten | [9] |
| Angriffspläne | [18] |
| Ein Damen-Ausflug | [25] |
| Der Hausbesuch regt sich | [35] |
| Ein Blick über das Ganze | [46] |
| Das erste Lichtfest | [54] |
| Bei den Maschinen | [63] |
| Ueber Architektur und einiges Andere | [72] |
| Ein freier Tag | [82] |
| Kindervergnügen | [92] |
| Verwickelungen | [102] |
| Meine Einquartierung | [110] |
| Täuschungen | [119] |
| Eingeregnet | [130] |
| Nebenbuhlerei | [139] |
| In den Kunstalpen | [148] |
| Auswärtige und innere Angelegenheiten | [157] |
| Provinz-Erlebnisse | [165] |
| Es kommt zum Klappen | [176] |
| Alt-Berlin | [188] |
| Spree-Afrika | [200] |
| Glückliche Leute | [210] |
Große Erwartungen.
Ich ging lange mit mir zu Rath. Sollte ich oder sollte ich nicht? Aber es war zu verlockend, der Antrag, für die offiziellen Ausstellungsnachrichten auf mittlere Familien berechnete Berichte aus meiner Feder abzulassen über das große Unternehmen im Osten Berlins, die Gewerbeausstellung. Endlich, um sicher zu gehen, überlegte ich dies Anerbieten mit meinem Mann, der ging auch nun längere Weile mit sich zu Rath und sagte:
»Wilhelmine, ich fürchte, die Arbeit wird zu anstrengend für Dich, Du mußt doch Studien machen, und wenn's regnet...«
»Dann gehe ich in die Baulichkeiten. Karl, es ist ja eine ganze Stadt im Treptower Park entstanden, so daß die Ausstellung in Inneres und Aeußeres, sowie in Altes, Neuestes und Fremdländisches zerfällt. Und daran hängend der Vergnügungstheil und zwischendurch Erfrischungsanstalten. Wo ist da Arbeit?«
»Das Betrachten und genaue Ansehen greift an.«
»In einem weg besehen, darin gebe ich Dir Beifall. — Aber es ist von einer wissenschaftlichen Commission genau abgezirkelt, wohin immer Getränkunternehmen zu legen waren, den Nerven Beruhigungspunkte zu bieten, und die sind auf den Zentimeter genau von beeidigten Landmessern ausgerechnet.«
»Wer hat Dir das erzählt, Wilhelmine?«
»Karl, nichts beleidigt mehr als unangebrachter Unglaube. Wenn die Krausen Dir etwas beschwört, ist es allerdings Deine Pflicht, mit dem Gegentheil zu dividiren, und was dann herauskommt, damit sei auch noch vorsichtig, es weiter zu verbreiten. Uebrigens brauchst Du ja nur hinauszugehen und nachzumessen.«
»Wilhelmine, ich bitte Dich, schreibe nicht,« bat mein Karl mit Nachdruck. »Wenn Du treuherzig bringst, was Hinz und Kunz Dir aufbinden, fällst Du mit Glanz hinein.«
»Karl,« entgegnete ich, »Du redest wie das blinde Huhn von Anilin. Herr Kriehberg ist nicht Hinz und Kunz.«
»Was ist das für 'n Fremdling?«
»Er ist ein höchst talentbegabter Architekt, dessen Bekanntschaft ich auf dem Ausstellungsgelände machte, als ich mir das Ganze vorläufig darauf ansah, ob es sich zum Ausschlachten für mich eignete. Gerade so wie draußen in Treptow denke ich mir die Schöpfung beim Beginn: noch keine Wege, keine Schutzleute zu fragen, wo's lang geht, kein gedruckter Führer, Alles wüst durcheinander, so zu sagen: erst in der sich gestaltenden Idee.«
»Hübscher Ausdruck, sich gestaltende Idee,« sagte mein Karl mit verdächtiger Anerkennung. »Hast Du den aus Dir selbst?«
»Nein, von Herrn Kriehberg. Der war nämlich so liebenswürdig, als ich mich verlaufen hatte, sich meiner anzunehmen und mir nützliche Winke zu geben, weil man sich mit dem bloßen Augenmaße zurechtfinden mußte und dabei immer in die entgegengesetzten Anlagen gerieth. Er wußte von Allem Bescheid, was er als geaichter Architekt ja auch muß, und später, wenn ich über die Baulichkeiten schreibe, hat er mir versprochen, das Technische von den Stilarten zu liefern.«
»Das kann ja recht heiter werden.«
»Karl, er ist ein hochbedeutender junger Mann. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte die Ausstellung eine ganz andere Physiognomie gewonnen, mehr an das zwanzigste Jahrhundert tippend. Aber sie hörten nicht auf ihn und deshalb hat Manches nicht seine unbedingte Billigung. Es ist ihm schon oft so ergangen. Weißt Du, es giebt Menschen, die ausgezeichnete Pläne entwerfen und hoch erfinderisch sind, bei der Konkurrenz nachher aber haben sie jedesmal die falsche Katze beim Schwanz.«
»Hm. Und was stellt er jetzt vor?«
»Er ist Inspectorist.«
»Was inspectorirt er denn?«
»So beim Kalchlöschen und was sonst beim Bauen verknippert ist. Ohne ihn würde das Meiste falsch ausfallen oder doch sehr aus dem Loth.«
»Auch nicht bitter. Wilhelmine, wenn Du besser nicht schriebest...«
Ich warf meinem Karl einen Blick zu von der Sorte, bei der man auf Nachbestellung verzichtet.
»... ich meine nicht über Architektur.«
»Die gehört wesentlich dazu. Und sieh', Karl, selbst, wenn ich wollte — ich kann nicht mehr zurück. Ich habe schon drei Toiletten für die Ausstellung in die Mache gegeben, die ich Dir nicht zuwälze. Nein, mein Karl, die schreibe ich mir zusammen, namentlich die eine mattstrohgelbe mit geklöppeltem Fichu, traumhaft gediegen, der Hut mit gelblichem Kräuselwerk und weiße Handschuhe mit schwarzen Raupen. Du sollst sehen, es wird verblüffend.«
Er war besiegt, der gute Karl, besiegt durch die unumstößliche Gewalt der Thatsachen, ohne Widerspruch und Ränke, wie so viele Frauen anwenden, um ihren Willen durchzusetzen. Meine Seele war sauber wie ein Dutzend unangebrochener Taschentücher direct aus dem Laden.
Gebäude sind allerdings nicht leicht zu knacken, jedoch mit Kriehberg überwinde ich sie. Er hat allerdings über Vieles ein geradezu vernichtendes Urtheil und merkwürdiger Weise meistens über das, was mir so gut gefällt, wogegen er furchtbar lobt, was meine Anschauung unberührt läßt. Aber ich nehme wie aus zwei Kochrezepten von uns beiden das Beste. Männer allein sind stets einseitig.
Mit Onkel Fritz hatte ich leichten Kampf.
»Schreib, Minchen,« sagte er. — Darauf sollte ich »Nein« antworten, aber ich that ihm den Gefallen nicht. Haben wir Frauen erst mal Prinzipien, sind wir auch nicht wieder herunter zu bringen, und mein Prinzip lautet: Widerspruch giebts nicht mehr. Das heißt nur, wenn er nöthig ist. Dann aber feste!
Nun hat Onkel Fritz es an sich, seine Nebenmenschen mit Spitzfindigkeiten so lange zu triezen, bis er Recht kriegt, immer mit Vergnügtheit, aber mit Absicht. Um dies Spielwerk von vorne herein aus dem Gang zu bringen, sagte ich: »Ihr habt ja ausgestellt, Du und mein Karl, und ich — ich schreibe. Aber was ich von Euren Gegenständen in die Blätter setze, hängt von Eurem Betragen gegen mich ab.«
»Das ist Erpressung,« rief Onkel Fritz.
»Nothwehr!« entgegnete ich. »Du kannst mir dreist Zucker versprechen, ehe meine Entschlüsse wanken. Schlecht machen werde ich Euch nicht...«
»Das könnte Dir eklig in die Blusen regnen,« warf Onkel Fritz ein, jedoch nicht mit gewohnter Sicherheit. Er wurde schon klein.
»Weiß ich,« fuhr ich unbeirrt fort. »Wer sich Geschäftsschädigung zu Schulden kommen läßt, kann mit mehr oder weniger Erfolg in Anklagezustand erhoben werden. Aber was viel schlimmer ist und wogegen keine Abhilfe möglich: ich kann Euch todtschweigen.«
»Hu,« rief Onkel Fritz, aber es war ein ziemlich benautes Hu, ohne jegliche komische Wirkung. Er fühlte, daß die Druckerschwärze mir Gewalt über ihn gab. Kein Zeugnißzwang vermag auch nur eine einzige anerkennende Zeile aus mir herauszupressen oder selbst nur den bloßen Namen. Und das weiß sowohl Fritz wie mein Mann. Und genannt wollen sie sein. Es ist freilich viel Einbildung dabei, denn was nützt das Genanntwerden, wenn das Publikum kurz von Gedächtniß ist, aber ich ließ sie dabei. Es puckerte ordentlich in mir, wie ich so das Herrschergefühl verspürte und Onkel Fritz an der Strippe hatte.
Natürlich werde ich mich nie zu solcher Gewaltthätigkeit entschließen. Eine wie die Maria Stuart'sche Elisabeth unterhaut Todesurtheile in der eigenen Familie; in unserem Jahrhundert grassirt dagegen die Humanität. Nein, ich werde meines Karls Sachen gehörig herausstreichen und ebenso Onkel Fritzens, wenn auch erst gegen Schluß der Ausstellung, damit sie nicht zu früh wieder üppig werden. Drohen kostet nichts. Allerdings hält es auch nicht vor.
Mein Schwiegersohn, der Sanitätsrath, ist Feuer und Flamme für die Ausstellung, soweit er brennbar ist. Er spitzt unbändig auf die elektrischen Verkehrsverbindemittel zwischen Berlin und Treptow, wohin er jedes Jahr einmal mit seinen medicinischen Vereinsbrüdern zum Krebsbundes-Essen reist: auf dem Schiff hin und in einem eigens bestellten Nachtkremser zurück. Sie sind immer in vorwurfsfreiem Zustande wieder in Berlin abgeliefert, weil der Weg so lang ist, daß sie sich ausheitern, bevor sie versuchen, ob die Hausschlüssel passen. Ob die raschere elektrische Beförderung mehr von ihrer Vereinsthätigkeit verrathen wird, bleibt dahingestellt; aber da sie diesmal ihr Krebsgelage auf der Ausstellung feiern wollen, wird hoffentlich mehr Licht in die Sache kommen.
Er ist noch nie elektrisch gefahren und verspricht sich besonderen Genuß davon, worauf ich mir zu bemerken erlaubte: »Wagen ist Wagen, Herr Schwiegersohn.«
»Damit ist nichts gesagt,« erwiderte er.
»O doch. Es ist mit den elektrischen Wagen wie mit den Klößen aus Mahlmühlen-Mehl oder aus Dampfmehl: mehr als glitschen können sie nicht.« — Er lachte beifällig, worüber ich stutzte und die nachfolgende Erläuterung erwartete, die jedoch nicht von ihm ausging, sondern von seiner Gattin.
»Mama,« fing Emmi verlegen an, »Mama, Franz meint, namentlich sei es überaus angenehm, daß wir die elektrische Bahn nahe vor der Thür haben und deshalb öfter hinausfahren können.«
»So ist es recht,« pflichtete ich bei. »Die Ausstellung ist eine Veranstaltung des Gemeinwesens, die man durch persönliches Erscheinen nicht genug unterstützen kann. Wer Bürgersinn hat, lege ihn hier klar; die Gelegenheit ist günstig.«
»Ja, Mama, das ist auch unsere Ueberzeugung. Aber siehste, da Du Berichte schreibst, mußt Du doch die Hände voll Freibillete haben, die Du nicht allein absitzen kannst...«
»Ih, seht einmal,« rief ich. »Aus diesem Perspectiv kuckt ihr? Nein, mein Schatz, was Ihr Euch ausgedacht habt, ist nicht. Erstens giebt es keine Freibillets, denn die Ausstellung ist kein klassisches Theaterunternehmen, und zweitens, mit welcher Nothlage wollt Ihr Eure Bedürftigkeit nachweisen? Nee, Kinder, für Nichts ist Nichts. Die Ausstellung liegt in Treptow und nicht in Nassau.«
Dieser kalte Strahl verschnupfte. Emmi zog einen Flunsch, und bei ihm, wo er sich schon als Persona gratis geschmeichelt hatte, wurde die Heiterkeit so alle, als wäre sie auf einem elektrischen Extrawagen abgeblitzt.
»Mama«, sagte Emmi patzig, »Du hast oft genug gepredigt, Kinder legten Eltern Sparsamkeit auf, damit sie nicht als junge Armuthsraben in das Leben flattern und nun wir für unsere Kleinen nach Deinen Worten thun, willst Du's nicht wahr haben.«
»An Euch sollt Ihr schinden, aber nicht an mir. Außerdem ist die Ausstellung ein Bildungsmittel und wer seine Bildung vernachlässigt, schädigt sich selbst.«
»Vergnügen ist wohl nicht draußen?« fragte er maliziös.
»Gewiß, zur Belohnung für die Bemühungen, die industrielle Entwicklung der Kultur zu erfassen. Bewundert, was Menschenhände geschaffen haben und dann dürft Ihr Euch stärken. Wissenschaft als solche ist trocken. Das sieht man an dem Flüssigkeitsverbrauch der Studenten. Und deshalb ist für Alles gesorgt. Kinder, bloß allein die lebensgroßen Schiffe in voller Natürlichkeit und eins inwendig trinkfähig. Und ein chemischer Palast und ein Gebäude für Erziehung und Unterricht, für Eure Knaben wie geboren. Man weiß nicht, wo anfangen und wo aufhören?«
»Ich denke bei Siechen,« sagte der Rath.
Aus diesem Scherz merkte ich, daß seine Mucksigkeit nur äußerlich war und er es auf etliche Märker nicht ankommen lassen wird. »Schön,« sagte ich, »und damit Ihr seht, daß ich nicht so bin, lade ich Euch sämmtlich zu einer Sitzung in dem Siechen-Ausschank ein mit Anblick der Spree und Blasorchester. Ueberhaupt werden wir gemeinsame Wallfahrten unternehmen, davon verspreche ich mir etwas.«
Ich behielt jedoch bei mir, was ich im Sinn habe. Ich denke mir nämlich, wenn wir ein größerer Anhang zusammen sind, die Krausen mit bei und Andere aus der Bekanntschaft und wir gehen so herum, dann deichsle ich die Fortbewegung unmerklich, daß wir ungeahnt an dem Pavillon des Lokal-Anzeigers vorbeikommen, der sie wegen seiner Vornehmheit anhält. Während sie ihn betrachten, löse ich mich von ihnen ab und gehe die Treppe hinauf. Sie fragen dann: »Herrjeh, Frau Buchholz, wo wollen Sie hin?«
Ich wende mich zu ihnen und sage: »Entschuldigen Sie mich einen Momang, ich habe Geschäftliches: ich bin Presse.«
Ich verweile einen Augenblick auf der Treppe, schneide ihnen eine gnädige Verbeugung zu und verschwinde redactionell.
Das Gesicht von der Krausen will ich sehen, wenn ich so dastehe gewissermaßen als Schwiegermutter der siebenten Großmacht — denn das ist und bleibt die Presse — in meinem Strohgelben oder falls der Wetterbericht es räth, in meinem neuen Marineblauen mit Crême. Sie soll merken, daß man Gewicht hat, trotz ihres naslöcherigen Betragens, weil ihr Mann Studirter ist und sie sich in jeder Gesellschaft das Meiste dünkt. Wenn ich wieder erscheine, thu ich ganz wie gewöhnlich mit Schlichtheit und Selbstverständlichkeit. Und sie hat den Aerger intus. Den hat sie reichlich an mir verdient mit früheren Pikanterien und Ueberhebung, sogar über meinen Mann, der doch ganz anders einzubrocken hat als ihr Mann mit den dicken griechischen Büchern und dem dünnen Gehalt.
So verspreche ich mir viel Interessantes und Erhebendes von der Ausstellung schon jetzt, wo sie aus dem Gröbsten heraus den letzten Schmuck angelegt kriegt. Wie viel tausend Hände sich regen, das muß man sehen, und Alle von dem einen Gedanken beseelt, daß es schön wird.
Solcher Anblick erfreut, wo so viel Zerstören in der Welt ist, so viel Hader und Häßliches. Hier soll es schön werden. Und das wird's auch.
Allein blos die Natur. Der Berliner ist ja schon vergnügt, wenn er einen Baum sieht. Desto grüner er ist, desto besser, daß er ihm gefällt, und nun im Park die massenhaften Anlagen mit Bäumen und Gebüschen, Teichen, Kanälen, Rasenflächen und Beeten, wie wird ihm dies Alles zu Herzen sprechen.
Und in dem Waldartigen die verschlungenen Pfade und die einzelnen Fachgebäude, freundlich und lustig, bunt bemalt und fröhlich geziert, so im Grünen darin, als hätte der Osterhase sie versteckt. Welche Ueberraschung, wenn man immer wieder Neues entdeckt, wenn man beinahe vorbeigetrabt wäre und nach und nach inne wird, wie groß und bedeutend die Ausstellung wirklich ist, und wie riesig mannigfaltig. Man müßte schon vier Beine haben und ein Dutzend Augen.
Bald fängt es an zu blühen, der große Park wird zu einem Garten, zu einem Paradies des Fleißes und der Arbeit. Die Springbrunnen plätschern, die Maschinen wirbeln, Fahnen flattern, Blumen duften, auf dem Gewässer wiegen sich Gondeln, die Wilden lagern in Kairo, Alt-Berlin wird lebendig. Musik erschallt, die Thore öffnen sich und jubelnd ziehen wir ein, wir Alle miteinander aus Nah und Fern.
Und die Vögel sitzen auf den Zweigen und singen dazu.
Mein Karl fing aber noch einmal an: »Wilhelmine, es werden Sachverständige über die Ausstellung schreiben — wo bleibst Du?«
»Darüber beunruhige Dich nicht, viel eher fürchte zu viel Sachkenntniß. Du willst wissen wie und weshalb? Das bleibt vorläufig mein Geheimnis. Ich nenne Dir nur den einen Namen: Ottilie.«
Er sah mich ganz perplex an der gute Karl.
»Du wirst es schon erfahren!«
Sommer-Aussichten.
Das merkwürdigste von allen Organen des Menschen ist sein Gedächtniß. Ich habe bis vor Kurzem keinen rechten Begriff davon gehabt, aber ich stelle mir es vor wie früher Bellachini's Hut — Nichts ist darin und ohne daß man daraus klug wird, kommt die erstaunungswürdigste Füllung zum Vorschein: Laternen, Bälle, Becher und zuletzt ein Wickelkind, das einen Heiterkeitserfolg erntet. Oeffentliche Wickelkinder sind immer von durchschlagender Wirkung.
Ich muß mich an diesen Vergleich halten, um mir zu erklären, wieso mein Karl und ich mit einem Male in dem Kopfe so sehr Vieler auftauchten, die sich erinnern, daß wir sie gebeten haben, uns zu besuchen, wenn der Weg sie nach Berlin führte, und mit unserem Fremdenstübchen vorlieb zu nehmen.
Da sind Verwandte von meinem Karl, die mit ihm blos durch höchst zweifelhafte Urgroßmütter zusammenhängen und es vor Gott und der Welt unverantwortlich finden, intimere Beziehungen so lange vernachlässigt zu haben und ihre Saumseligkeit nur dadurch tilgen können, daß sie während der Ausstellung einige Tage bei uns weilen. Ablehnung meinerseits ist nicht angebracht, denn keine Behandlung schmerzt den Mann mehr, als wenn die Gattin seinen Angehörigen und Freunden das Haus zum Eiskeller macht, und außerdem bin ich durch meine Seitenlinien in gleiche Lage gedrängt. Als damals die Tante in Bützow starb, habe ich mitgeerbt, und Erben legt Verpflichtungen auf. Sollen die Leute sagen: »den Draht schluckt die Buchholz, aber trotzdem sind die Familienbande zerrissen.« — Nein!
Und dann die Geschäftsfreunde, theils mit, theils ohne Hälften, die sich bei unserer Silberhochzeit förmlich fürstlich angestrengt haben — die eine Servante ist geradezu ein Schützentempel werthvollster Metallgaben — und Jeder, der sich darin verewigte, ist zum Ehrenmitgliede unseres Hauses ernannt, und die Ruppigkeit, die einmal zuerkannte Ehre hinterher zu verweigern, haben wir nicht, selbst, wenn sich Einiges auch blos als plattirt herausstellt. Beim Putzen schimmert der Verdacht an den Kanten manchmal durch.
Bei jedem neuen Briefe mit dem Wunsche des Wiedersehens und der jetzt erst möglichen Annahme der überaus liebenswürdigen Einladung vom so und sovielten, Anno so und so, sagen wir »Sehr schätzbar, aber wo unterbringen«? Denn das Fremdenzimmer habe ich ursprünglich für Ottilie bestimmt, die mit mir die Ausstellung studiren wird und ihr ungeheures Wissen hineinträufelt, wo ich eine Zuthat nothwendig erachte.
Sie ist die Tochter einer Halbcousine von mir und geprüfte Lehrerin, womit sie sich ziemlich sorgenfrei ernährt, soweit das Leibliche in Betracht kommt. Mit dem Geistigen und den Nerven aber hat sie ihre Molesten. Wer versteht sie in dem Nest? Vielleicht Einige, aber mit denen geht sie unglücklicher Weise nicht um. Seit Jahren hat sie unbändige Gelehrtheit in sich aufgespeichert, von der sie nicht erleichtert wird, da sie nur in den Anfangsgründen unterrichtet, weshalb die Nerven unter fortwährendem, wissenschaftlichem Druck leiden. Sie schrieb mir, Berlin wäre der einzige Ort, mit seinen Kapazitäten ihren Nerven aufzuhelfen, sie ginge zu Grunde in der geistigen Einsamkeit und so kam ich auf den Gedanken, sie als Ausstellungsvertraute heranzuziehen.
Mein Karl sagte: »Es ist mir lieb, Dich draußen nicht allein zu wissen, denn ich kann Dich nicht so oft begleiten, als Du wegen Deiner Berichte Dich abstrappeziren mußt. — Aber wenn Ottilie das Fremdenzimmer bezieht, wo bleiben wir mit den anderen Gästen?«
»Karl,« sagte ich, »Ottilie schläft bei mir.«
»Und ich?« unterbrach er mich.
»Du wirst in der Fabrik eingerichtet.«
»Danke!« — —
»Danke nicht eher, als bis Du siehst, wie gemächlich Du es dort haben wirst. Fabrik und Haus sind durch den Zwischengang ein und dasselbe. Wollen wir die Kundschaft vor den Kopf stoßen? Herr Ungermann hat sich angemeldet, einer Deiner besten Abnehmer — er widmete die große silberne Fruchtschale — durch und durch echt — und seine Frau kommt mit. Und alle die Anderen! Wir müssen noch die gute Stube als Logirzimmer hergeben. Wenn das Mädchen auf dem Boden bivuakirt, läßt sich ein einzelnes Wesen in ihrer Kammer beherbergen, wie zum Beispiel Tante Lina. Kleinstädter sind anspruchslos.«
»Das kann ja reizend werden.«
»Karl, es muß sein.«
»Aber bedenke die Menge!«
»Es gehen viele Sardinen in eine Dose, wenn das Oel nur gut ist, ich meine nämlich die Behandlung. Die Hôtels sind bis unter das Dach übervölkert, also muß die Privatmildthätigkeit eingreifen. Freilich die Krausen vermiethet für Geld, ich glaube, sie nächtigt mit ihrem Mann in seinem Schreibsecretair oder sonst, wo es unpassend ist, blos um Beute zu machen. Kein Laster dünkt mich empörender, als diese Art von Wucher, wo er doch die Jünglingsjahre ihr geopfert hat und in seinen alten Tagen Bequemlichkeit beanspruchen darf.«
»Mit mir wird auch nicht viel anders umgegangen.«
»Nicht, daß ich wüßte.«
»Kommandirst Du mich nicht aus meiner gewohnten Behaglichkeit in die Fabrik?«
Ich lächelte. »Karl, wie kannst Du Dich mit Krause in eine Kompanie reihen? Der Versuch allein schon ist verwerflich. Was wir thun, geschieht aus Humanität für unsere Kunden, und nicht aus Mammonsgier. Und das werden sie bei den Herbstbestellungen beherzigen und nicht drücken, bis kaum noch das Maschinenfett verdient wird. Du sollst sehen, wie die Ausstellung die Industrie hebt.«
Mein Karl legte ein Fremdenbesuchs-Conto an, worin jeder Angemeldete seinen Termin bekam, um Platzzwistigkeiten vorzubeugen. Dies war vom theoretischen Standpunkte so glänzend einfach, daß wir hoffnungsfreudig in die Zukunft blickten, aber vom praktischen wollten sie so ziemlich sämmtlich Ende Mai eintreffen. Für die folgenden Monate hatten sie Badeaufenthalt oder sonstige hygienische Abstecher vor.
Nun ging es an ein Umlegen und Aendern und Hin- und Herschreiben, wobei Einige sogar mit Bemerkungen antworteten, als fühlten sie sich in die Ecke gesetzt. Einer schrieb, er hätte geplant, das Geschäftliche mit dem Ausstellungsaufenthalt zu verbinden, schwerlich sei ihm dies im August möglich. Er ließ mit vieler Noth bis Mitte Juli herunter, aber dadurch klemmte es sich mit meines Mannes Verwandten, dem Amtsrichter. Und Gerichtspersonen sind leicht verletzt.
Mein Karl sah dies ein, aber er hatte die Hände mit seinem Aufbau in der Ausstellung voll — geradezu überwältigend mit einem Reichsadler aus schwarzen Socken nach dem Grundriß eines akademisch vorgebildeten Künstlers — und schob mir den Besuchsschlachtenplan zu. Ich saß und bebrütete ihn mit stundenlangem Nachdenken, ohne daß jedoch eine rettende Idee ausschlüpfte; immer uns stets war der Amtsrichter im Wege.
Da wurde mir ganz unerwartet Hilfe in der Noth, obgleich sie nicht so aussah, denn wenn die Bergfeldten, oder jetzt nach ihrer Wiedervermählung Frau Butsch, auf der Bildfläche erscheint, taucht irgend etwas Erbauliches im Hintergrunde auf, woran sie weniger Schuld hat, als das ihr im Kalender des Lebens angestrichene Pech. Sie ging zweckmäßig gekleidet, wie es einer Weißbierwirthin vom Kietz geziemt, wo Schleppen wegen der übergeschwappten Bodenfeuchtigkeit nicht lokalgemäß sind. Sie arbeitet tüchtig in Küche und Haushalt und da sie merken, daß sie etwas vor sich bringen, fassen sie Beide unverdrossen an. Er zieht das Bier alleine ab mit inclusive Flaschenspülen, wobei er manchmal zwei Zentimeter äußere Rundung verliert. Weil das gesund ist, freuen sie sich Beide so darüber, daß sie ihm ein deutsches Belohnungs-Beefsteak von Suppentellerumfang brät und er sich eine Selbstanerkennungs-Weiße gönnt oder auch mehrere — genau weiß sie es nicht — worauf die alte Dickdität überhaupt nicht weg gewesen zu sein scheint.
»Butschen,« sagte ich, als sie mir dies erzählte, »mästen Sie Ihren Mann nur nicht auf den Schragen.« — »Es schmeckt ihm immer so schön, da kann ich doch nicht davor? Mein Seliger gab zuletzt das Essen auf und da war's alle. Nee, Buchholzen, Hungerkuren sind ja hochmodern, aber sie endigen ebenso tödtlich wie andere Millezin.«
Dies verdroß mich. Es ist anmaßend für beschränktere Intelligenz, in Familien mit einem Sanitätsraths-Schwiegersohn, herabsetzend über arzeneiliche Sachen zu sprechen. »Liebe Butschen,« entgegnete ich daher klarstellend, »wenn jemand an einer Behandlung stirbt, so liegt es stets an dem Patienten. Oder haben Sie vielleicht bei Virchow gehabt, daß Sie es besser wissen?«
»Nee,« erwiderte sie verlegen. »Hab' ich mich vielleicht mit 'ner Ansicht vergallopirt? Wissen Sie, nehmen Sie's man nicht übel, ich krieg die Zeitungen immer erst zwei Tage später nach der Küche zu lesen, da bleib ich denn wohl ein Bisken in der Bildung zurück. Und eben deshalb komm ich zu Ihnen, Frau Buchholz, weil Butsch auch keine Zeit für die Anzeigen hat, — wir haben nämlich ein Ausstellungszimmer zu vermiethen —, vielleicht, daß Sie mal was erfahren und uns rekommandiren?..«
»Butschen,« rief ich, »alleweil sind Sie auf Ihrem Terrain; Medicin ist dagegen für Sie eine verrannte Sackgasse. Zimmer? Zu Mitte Juli ganz sicher. Wie sind die Preise?« — »Zwei Mark mit Frühstück« — »Ist das nicht etwas zu lindenhaft für die Schulzendorferstraße?« — »Wir haben Alles machen lassen, ich sage Ihnen, einzig. Die Stühle sind im empirischen Stil, der jetzt mächtig aufkommt, wie der Möbelfritze sagt.«
»Sind die Möbel bezahlt?«
Die Butschen jetzt; über das ganze Gesicht griente sie. »Ja,« sagte sie. »Wir haben's sauer verdient,... groschenweis.« — Sie seufzte tief auf. War es ein Freudenseufzer oder mehr ein Aufstoßen alter Zeiten, wo sie doch, wenn sie irgendwo hintraten, ausschließlich in Dalles und Rechnungen nicht anders kannten als schmerzhafte Papiere in unquittirtem Zustande. Um mich zu überführen, fragte ich: »Und Ihnen bekommt die Arbeit? Appetit gut? Schlaf gut? Augen gut? Gedächtniß gut?« — »Nee,« sagte sie und seufzte noch einmal, »das Gedächtniß ist schlecht, es erinnert mich immer an so Vieles, was ich am besten vergessen möchte. Aber ich will nicht klagen. Sie wissen ja selber, wie ich mehr Schatten vom Leben gehabt habe, als Sonne.«
Ihr darzulegen, daß bei dieser Art Beleuchtung sehr viel davon abhängt, welche Seite man der Menschheit zuwendet, wäre nicht angebracht gewesen, denn einmal hatte sie sich mit dem Zimmer von einer wohlthuenden Seite gezeigt und hat zweitens im Laufe der Jahre viel Bloßstellendes abgelegt. Die Krausen hingegen bleibt konstant unverändert, obgleich in der Zoologie sich selbst Schlangen häuten.
Der bekannte Stein, der schon so vielen vom Herzen gefallen ist, obgleich ihn noch niemand gesehen hat, war herunter. Was sich auch ereignete, wenn auch Zwei zusammenstießen: bei Butsch war für den Einen Unterkommen. Ich klingelte der Dorette, um ihr dies mitzutheilen.
Ein wahres Glück, sagte ich zur Butschen, daß ich ein so zuverlässiges Mädchen habe. Freilich, gleich nach der Ausstellung macht sie Hochzeit. Ihr Bräutigam setzt sich als selbstständiger Tapezier, und die Trinkgelder, die es inzwischen giebt, bringt sie mit in die Ehe.
»Baar Geld kann man nie genug haben, zumal wenn es Einem fehlt,« bemerkte die Butschen.
Ich wollte ihr sagen, daß sie soeben ziemlichen Kaff geredet hätte, wenigstens in der feineren Gedankenfügung, als die Dorette endlich antrat, aber nicht wie gewöhnt rasch und adrett, sondern langsam in Trauergefolgeschritt mit rothgeweinten Augen und zusammengewrungenem Thränentuch in der Hand.
»Dorette?« rief ich. »Was giebt's denn? Was ist los?«
Keine Antwort.
»Ist Ihnen was Nahes gestorben?«
»Uh!«
»Wer denn, Dorette?«
Sie schüttelte verneinend mit dem Kopfe.
»Was ist Ihnen denn?«
»So reden Sie doch.«
»Det — kann ick — Ihn'n — man blos — janz alleene sagen,« schluchzte Dorette und drückte das Taschentuch ins Gesicht.
Mit einem Takt, den sie früher nie hatte, stand die Butschen auf und verabschiedete sich. »Sie können das Zimmer jederzeit haben, wenn wir's nur vorher wissen. Uebrigens hat Butsch seine Telephonnummer.«
Ich zurück zur Dorette. Was hat sie? Was soll ich ohne sie anfangen mit dem Haus voller Gäste und ich selber halb auf der Ausstellung und halb am Schreibtisch, nie voll und ganz für den Hausstand? Eine neue Philippine anbändigen, Berichte schreiben und dabei tadellose Wirthin spielen — das übersteigt meine Fähigkeit. Mehr als seine gewisse Anzahl Pferdekräfte hat der Mensch nicht.
Ich also mir schleunig die Philippine vorgebunden und reinen Wein verlangt. Sie aber immer gedruckst und mit Wortnoth behaftet, daß ich schon dicht daran war, fuchtig zu werden, als mein Karl kam, der im Gegensatz zu ihrer Zurückhaltung sich in einer Lebhaftigkeit erging, die mich erschreckte.
So hatte ich ihn noch nie schimpfen gehört.
Als ich nach und nach erfuhr, worum es sich handelte, glaub' ich, hab' ich auch einige unsanfte Aeußerungen dazu geliefert. War es denn erhört? Jetzt, wo die Ausstellung eröffnet werden sollte, jeder Tag ausgenutzt werden mußte, jetzt warfen die Tapeziere die Arbeit nieder, gerade jetzt, wo sie die letzte Hand anzulegen hatten, damit alles die Vollendungsfalten und Fransen kriegte und den rothen Callicot um die Tische und was sonst zu bekleben, zu benageln und zu betroddeln war.
Die Philippine weinte bei dieser Auseinandersetzung ganz schrecklich.
»Ja, plärren Sie nur,« schnauzte mein Karl sie an. »Ihr Bräutigam, der mir sein Wort gab, meinen Stand rechtzeitig fertig zu stellen, ist auch mit ausgerückt. Ist das der Dank, daß ich ihm versprach, ihm bei seiner Etablirung behilflich zu sein? Jetzt läßt er mich sitzen.«
»Mir ooch,« jammerte Dorette. »Er sagte, hier könnte er sich von wejen Undank nich wieder blicken lassen.«
»Kann er auch nicht,« gab ich drauf.
»Und mit Heirathen is et nischt. Er setzt Alles bei den Strike zu, ooch wat ick ihm erspart habe.«
»Warum begeht er denn solche Gemeinheit und verloddert sein Glück, Ihr Glück?«
»Er wollte ja ooch nich, ihn hat das Herz jeblut't, aber er mußte ja. Wat kann er alleene jejen die Uebermacht? Er jinge für den Herrn und die Frau durch den dicksten Kleister, aber er derf nich.«
»Wer macht mir nun den Adler für meinen Aufbau?«
»Was?« rief ich, »der ist noch nicht da? Die Hauptkrone der ganzen Ausstellung?«
»Vorläufig nur im Grundriß.«
»Karl, her damit. Ich hole den Eiserkasten. Den bringen wir selbst auch wohl noch zu Stande, der akademische Plan ist ja vorhanden und die Socken dito.«
»Halt, Wilhelmine, nicht übereilt. Es sind Tapeziere von auswärts verschrieben, die werden kommen. Was am Eröffnungstage nicht fertig ist, wird's vierzehn Tage später sein.«
»Das werde ich besonders in meinen Berichten hervorheben, mein Karl. Du sollst nicht wegen des Streikes zu kurz kommen. O nein. Ich werde öfter lobend auf Dich hinweisen, und wenn er erst an seinem Platze prangt, auch auf den Sockenadler. — Haben Sie sich man nicht so, Dorette, Sie sehen, es geht auch ohne.«
»Ach, Madame, et is schon nich mehr scheen. Ick weeß nich, wie't werden soll.«
»Dorette,« nahm ich strenge das Wort, »wir haben diesen Sommer doppelte, ja dreifache Arbeit, dabei müssen Sie durchaus auf dem Posten sein.«
»Det kann ick nich versprechen.«
»Dann gehen Sie besser.«
»Det wollt' ick ooch nich.«
»Was wollen Sie denn, Dorette?«
»Blos en Bisken Nachsicht mit meine traurije Lage.«
»Das werde ich mir erst noch mal überlegen. Gehen Sie an Ihre Arbeit.«
Sie ging.
»Karl,« sagte ich: »die Ausstellung, ein Mädchen, auf das kein Verlaß, die Berichte, oder gar ein unerfahrenes neues, das Haus voller Fremden, weißt Du, das sind Sommer-Aussichten, die ich mir doch etwas anders gedacht hatte.« »So denkt man immer,« sagte mein Karl.
Angriffspläne.
Die Ausstellung war kaum eröffnet, als der Herr Redakteur energisch die versprochenen Berichte verlangte; es wäre doch reichlich Stoff vorhanden.
Als ob ich das bestritten hätte? So weit mir bewußt, niemals. Also weshalb Vorwürfe? Womit soll ich anfangen und an welchem Ende, da gerade, was sich zum Beginnen eignet, noch nicht fertig ist? Liegt die Schuld etwa an mir?
Soll ich das Unterrichtswesen zuerst vornehmen? Was sagen dann die Damen, die das Seidenkleiderige vorziehen oder die Juwelenabtheilung? — Oder das chemische Gebäude? Ich habe mir ein Buch mit bunten Ausstellungs-Ansichten gekauft, darin steht: »Das Dach dieses Gebäudes hat eine eigenthümlich gewellte Form: ein Rundbogen verläuft in einen scharfen Kamm, als Andeutung gleichsam, daß der Bau der Wissenschaften, deren Pflege sich hier zeigt, immer höher und höher steigen werde.« — Wenn man dies nicht wüßte, würde man dem Dache garnicht ansehen, was für ein schlaues Dach es ist. Manche sagen, sie sähen es auch schon, ich aber sehe mir es noch nicht darin, obgleich ich wiederholt das Opernglas zu Hilfe nahm.
Ich holte Herrn Kriehberg darüber aus. Er meinte, »die Wissenschaft als Rundbogen gedacht, wäre sehr geistreich.« — »Dann rummelt ja die ganze Stadtbahn über Wissenschaft weg,« entgegnete ich, »blos, daß in den Stadtbahnbögen, soweit mir bekannt, mehr die Gurgel als der Geist genährt wird.« — »Sie laufen auch nicht in scharfe Kämme aus,« bemerkte er, »darin liegt es. Der Kamm ist das Individuelle. Hätte man mich gefragt, ich hätte ihn dreifach so scharf konstruirt, wenn nicht noch schärfer, um die eminente Höhe der Wissenschaft durch architektonische Lineamente auf das Allerschärfste zum Ausdruck zu bringen.«
»Schade, daß Sie es nicht waren, Herr Kriehberg,« sagte ich, »Sie hätten es gewiß für Jedermann aus dem Volke faßbar hingemauert.« — »Das versteht sich,« versicherte er, und man sah ihm an, er hätte es.
Wenn nun ein Gebäude schon in seinem Aeußeren so viel Unverständliches birgt, wie wird es dann erst drinnen sein, wo sie die gesammte Wissenschaft losgelassen haben? Ich fürchte, mit Frauen-Emancipation allein bewältigt man die innere Bedeutung nicht, wenigstens nicht in einigen Stippvisiten, und darum halte ich die Chemie mit den daran hängenden Gruppen als Erstes nicht recht angrifflich. Vielleicht wimmele ich in meine späteren Berichte hin und wieder einen Atzen Chemisches, aber zum Ausspiel ist es mir zu riskant. Auch hoffe ich Beistand von Ottilie, denn die ist auf Sauerstoff, Spectralismus, Galvanistik und alle anderen neueren Bildungsmittel examinirt worden. Nur Muth.
Wenn Ottilie blos erst käme. Beschreibe ich Sachen ohne sie, will sie natürlich hinterher sich auch daran belehren, und ich versäume die Zeit, neue Eindrücke aufzusaugen während der Wiederholung des bereits durch die Tinte Gezogenen. Aber sie kann noch nicht, ihre Schneiderin hat sie auf das Sündhafteste vernachlässigt, indem sie zwischendurch ein Brautkleid zurecht prünte. Hatte das denn solche Eile? Ich kenne die Leute nicht und will auch keine Steine schleudern, aber den Vorwurf der Rücksichtslosigkeit kann ich ihnen nicht ersparen; ihretwegen muß ich mich vorläufig mit Ottiliens Photographie behelfen.
Sie sieht in Cabinetgröße recht jugendlich aus, aber wie ist sie frühmorgens ohne Retouche? Wenn es keine schwarze Tusche gäbe, wie Viele da wohl ohne Augenbrauen in den Albümern stächen?
Mein Karl fand sie passabel. — »Mehr nicht, Karl?« — »Eher weniger« — »Karl, sie gehört zu meiner Verwandschaft.« — »Sie ist Dir aber nicht im Geringsten ähnlich.« — »Das wollt' ich mir auch ausgebeten haben. Nein, Karl, solche spitze Züge habe ich nie besessen, selbst nicht in den Heranwachsjahren; und die Augen reißt sie etwas gewaltsam groß.« — »Dafür zieht sie den Mund um so kleiner.« — »Ich vermuthe, sie kommt bedeutend unähnlicher an, als sie aussieht.« — »Bezweifle ich keinen Augenblick.« — »Karl, Gelehrte sind nie bildschön, also Gelehrtinnen erst recht nicht; das heißt ihre Figur ist nicht übel.« — »Zeig' noch mal her das Bild.« — »Nein, Du hast genug gesehen, Ihr Männer gebt viel zu viel auf den Wuchs und bedenkt nie, wie viel Fischbein dabei ist. In dieser Beziehung kann ich Professor Röntgen nicht hoch genug preisen; der dreht Euch endlich ein durchschauendes Licht auf, und er nennt es auch sehr richtig X-Strahlen, weil alle X-Beine dadurch ersichtlich werden.« — »Hat sie welche?« — »Wer?« — »Die Ottilie.« — »Karl, selbst als Scherz betrübt diese Frage mich tief. Ich habe über Ottilien zu wachen, wie eine Mutter über dem Hühnchen aus dem Ei...« — »Schon mehr Henne,« lachte mein Karl dazwischen. — »Wer?« fuhr ich auf, »wer ist die Henne?« — »Nun, die Ottilie,« lachte er weiter, »sie hat wirklich etwas hühnerhaftes in ihrer Physiognomie.« — »Photographieen treffen manchmal daneben,« wies ich ihn ab. Ueber meine Verwandtschaft spectakeln erlaube ich nicht.
Wäre Ottilie, was man unter schön versteht, hätte ich sie bei den lieben Ihrigen gelassen oder nur auf flüchtigen Besuch gebeten. Meine beiden Töchter würden es krumm nehmen, obgleich sie längst ihre Männer haben, wenn plötzlich eine entfernte Cousine Aufmerksamkeit in den Kreisen auf sich lenkt, die sie bis zum Jetztpunkt beherrschten, und wenn die Männer auch ehelich gut gezogen sind, wie leicht wird ein Wort, eine nuttige Höflichkeit oder eine unbedachte Aufmerksamkeit albern ausgedeutet und die Feuerwehr kann geholt werden. Ich sage deshalb: Unschönheit hat so ihre Vortheile.
Und wenn eine gelehrt dazu gilt und studirt habend, vor der rücken die Jünglinge aus, zumal solche, die das ihrige schon vergaßen, eh' sie es lernten. Dagegen ernste Männer werfen sich heran und es sprießen Gespräche auf, die den Geist erheben, ohne daß man Bange vor leichtsinnigen Anknüpfungen zu haben braucht und kann Worte von höherem Fluge fallen lassen, oder unbesorgt Musike hören, oder einen kleinen Nick machen, je nach den nächtlichen Wärmegraden und den Anstrengungen des Tages.
Die Abende draußen versprechen überirdische Befriedigung. Nun werde ich sie mit Ottilien genießen. Wäre sie blendend, käme es umgekehrt; sie bildete dann die elektrische Lampe, von Dämmerungs-Verehrern umschwärmt, und ich den Laternenpfahl dazu. Dafür dankt Wilhelmine jedoch ergebenst.
Wenn ich nun auch noch nicht genau weiß, welchen Zipfel der Ausstellung ich für meine Berichte anschneide, so weiß ich doch bereits, wohin ich die mir überantworteten Fremden geleite und zunächst Erika, um ihr das Schönste zu zeigen, das ich bis jetzt entdeckt habe und zwar, wie bei allen Forschungsreisen Mode ist, durch den Zufall.
Wie es im Leben überhaupt ohne Zufall aussähe, durch den noch jedesmal das Weltbewegenste erfunden wurde, wie z. B. der Theekessel, auf den sich die ganze Dampfmaschinenkraft stützt, oder der Telegraph durch Froschkeulen, obgleich mir dies nicht recht klar ist, weil man doch im Allgemeinen mit Padde das Niedrige der Schöpfung bezeichnet. Auch steht nie dabei, wie es gemacht wurde und wie der eigentliche Kniff ist. Dies muß Ottilie glatt legen; sie bringt ihre Bücher mit.
Mein Zufall äußerte sich einfach, indem ich dem Baumeister Herrn Bauer begegne und ihn frage »Herrjeh! Sie hier?«, obgleich seine Anwesenheit auf dem Treptower Gelände eine Sache von größter Natürlichkeit war. Aber Gespräche und Kegelpartieen werden meistens mit Pudeln eröffnet. Um den Schnitzer zu übertünchen, frage ich weiter: »Mit welchem Stil werden Sie uns überraschen? Es ist ja Vieles da, vor dem man Kopf stehen möchte... wie Onkel Fritz sagt.«
»Als wenn ich ihn reden hörte,« lächelte er, indem er mich betrachtete, wie ich mich wohl in dieser Stellung ausnehmen würde. »Interessirt Sie mein Bau, treten Sie bitte näher.«
Bei diesen Worten wies er auf das große Kaiserschiff.
»Nanu?« entgegnete ich, »seit wann legen Sie sich auf Marine-Architektur?« — »In Berlin machen wir Alles. Freilich ist dies Schiff nur ein Modell, aber jedes Stück ist so gearbeitet, daß es nach der Ausstellung direct einem im Bau begriffenen Oceandampfer des Norddeutschen Lloyd eingefügt werden kann. In den Größenverhältnissen und seiner Einrichtung ist es im Inneren wie Aeußeren die getreue Wiedergabe der prachtvollen Riesendampfer Bremens und Hamburgs, auf denen die Engländer und Amerikaner lieber fahren als auf ihren eigenen.«
»Ich bin ungemein für Schiffe,« erwiderte ich. »Auf meiner Fahrt nach dem Orient hab' ich sie kennen gelernt, englische, französische und auch die Dampfer des Oesterreichischen Lloyds, an die ich nicht mit Wohlgefallen zurückdenke, denn sie sind das undeutscheste, was Oesterreich liefert. In Port Said lag der Bremer Dampfer >Baiern<, den wir besuchten. Sehen Sie, Herr Baumeister, der schlug die anderen Schwimmanstalten gewaltig, auf denen ich das Mittelmeer durchlavirt hatte, und wenn mich einmal überseeisch gelüstet, dann nur auf unsern norddeutschen Fahrzeugen. Ich hab' doch lieber deutsche Bretter unter meinen Füßen und die deutsche Flagge über meinem Haupte, als für mein Geld geduldet zwischen Fremden mit fremder Sprache, die nicht nöthig haben mir zu antworten, wenn sie mich nicht verstehen wollen. Diese Art nationaler Dicknäsigkeit hab' ich kennen gelernt. Ich bin für eigene Schiffe. Und das Geld bleibt im Lande.«
So sprechend traten wir ein.
Der Kaiserdampfer ist nur die Hälfte eines Oceandampfers, aber welch' ein Kasten! Hier bekommt man den Begriff von einem schwimmenden Hause oder richtiger von einem Wasser-Hôtel.
Der vordere Theil ist als nautische Sammlung ausgestattet, mehr für Admirale und Capitaine und seefahrende Fachleute, die daran stoßende Küche wendet sich dagegen an das Allgemeinverständniß. Denn essen wollen sie Alle, selbst die Gelehrtesten, die mitunter kiesätiger sind, als man ihnen zutraut. Ich kenne solche.
Die Propertät in der Küche sucht ihres Gleichen und dazu die listigen Vorkehrungen, daß nichts überläuft, wenn das Schiff auf hoher See schaukelt. Nachher liegen die Setzeier in der Asche und es riecht verbrannt in den Salons, wo die Möbel eine Pracht entfalten, daß die Herrschaften immer erst um Entschuldigung bitten, ehe sie sich niederlassen.
Die Treppen sind mit Läufern, das Holzgetäfel ist auf das Zarteste geschnitzt und weiß lackirt, die blanken Messinggeländer sind bildgießerisch höchst kostbar, aber doch nichts im Vergleich mit den Kaiserlichen Gemächern, die nicht blos so heißen, sondern es wirklich sind.
Wenn der Kaiser die Ausstellung besucht, ist das Bremer Schiff sein Absteigequartier, wo ein Speisesaal, ein Besprechungszimmer und ein Rauchgemach bereit stehen und für die Kaiserin Zimmer und Salons, deren Deckengemälde von so lieblicher Schönheit sind, daß sie eine Weide für die verwöhntesten Augen bilden.
Wenn die Majestäten abwesend sind, kann man diese Herrlichkeiten betrachten, ebenso die vollkommen eingerichteten Kabinen erster und zweiter Klasse, die Damen-, Speise- und Rauchzimmer, Capitainskabine, Arztwohnung mit Apotheke, Lazareth, Badestuben und weiß dann, wie ein Personendampfer aussieht.
Klettert man höher auf das Promenadendeck und noch höher, wo der Capitain steht, auf die Commandobrücke, dann ist das Schönste erreicht, was ich Erika zeigen will.
Das Schiff ist so hoch wie ein vierstöckiges Haus und liegt auf dem Lande, wenn auch mit der Spitze in die Spree hineingebaut. Von hier oben nun hat man eine Aussicht, die nicht zu beschreiben ist. Nach Westen zu das große, weite Berlin mit unzähligen Fabrikschornsteinen, die qualmen und rahmen, und wenn die Sonne scheint, blitzt es ab und zu goldigglänzend von einer Kuppel oder der Siegessäule oder was sonst auf blank gearbeitet ist. Nach Rechts, nach der Eierhäuschengegend und Sadowa, ist grünes Gefilde mit Waldbegrenzung, eine echte Spreelandschaft, bildschön für Einheimische, und für Ausheimische eine freundliche Bitte, die Berliner Umgegend nicht blos zu lesen und zu höhnen, sondern zu betrachten und der Wahrheit die Ehre zu geben.
Und nun erst die Spree. Die Südsee ist breiter, das gebe ich zu, und die Elbe auch und, wie klein die Schiffe sind, das mißt man sofort durch Vergleiche mit dem Kaiserschiff ab, aber dies Leben, dies Gondeln, diese Rührigkeit zur Ausstellungszeit, das Alles ist die Märchenhaftigkeit der Wirklichkeit. Wenn die Blätter von den Bäumen fallen, schwindet auch dies lebendiges Bild aus dem Leben der Großstadt. Und kommt nie wieder.
Deshalb soll und muß Erika hinauf auf die Commandobrücke des Kaiserschiffes und ich will nichts weiter betrachten als ihre lieben blauen Augen, die All dies Schöne auftrinken und leuchten wie Kinderaugen am Weihnachtsfest. Sie spricht dann nicht viel, weil ihre Seele sammelt, aber im Winter, nach Jahr und Tag, bei rechter Gelegenheit, fängt sie davon an und hilft unserm Erinnern auf, bis wir wieder vor uns sehen, was uns Freude machte. Sie erzählt keine längere Feuilletons, o nein. Ein kleiner Satz, oft nur ein Wort und fertig ist die Laube, als säße man darin und hörte die Nachtigall singen. Die kleine Wilhelmine muß natürlich mit. Heut zu Tage kann die früheste Jugend nicht genug anschauen; es ist mehr Wissen vorhanden, als das Leben lang ist.
Onkel Fritz dagegen darf unter keinen Umständen mit hinauf. Wenn der dort oben steht und hat die Gegend ausgekundschaftet, er dann gerufen: »Herrjeh, ist das gegenüber nicht Stralau? Und das links... das ist ja Tübbecke!« Und dann die Hände als Sprachrohr an den Mund und geschrieen:
»Kellneer, einmal grünen Aal!« — Nein, er bleibt irgendwo an einem näßlichen Orte; es giebt ja vorzügliche Weißen draußen. Außerdem hänge ich ihm Ottilie an die Rockschöße.
Wie freue ich mich auf die kommende Zeit.
Ein Damen-Ausflug.
Ich hatte der Bergfeldten — merkwürdig, daß ich sie immer wieder nach ihrem ersten Manne nenne, den sie doch eine Reihe von Jahren hinter sich hat — also richtiger der Frau Butsch versprochen, sie baldigst nach der Eröffnung mit nach der Ausstellung zu nehmen und ihr durch meine allmählich erworbene Platz-Plankenntniß in kürzester Zeit einen Ueberblick beizubringen, daß sie zu Hause Rechenschaft ablegen kann. Denn dies ist die Hauptsache. Alle Kunden fragen in der Weißbierstube, wie es sich mit der Ausstellung verhält und Herr Butsch hat nichts gesehen und sie noch weniger und die Gäste betrachten das Lokal nachgerade als ein Nebengeschäft der Idioten-Anstalt. Wer nichts von der Ausstellung zu sagen weiß, gilt allmählich für unbetheiligt an der Civilisation.
Weil sie nun mir so freundlich mit dem Zimmer aushelfen will, bin ich ihr auch gern wieder gefällig und schrieb ihr auf einer Fahrrad-Karte, daß ich sie zu einem gemüthlichen Nachmittag erwarte.
Sie hat sich in der letzten Zeit bedeutend gebessert. Verhältnisse ändern zum Guten oder zum Schlimmen, je nachdem der Mensch hineingesetzt wird. Herr Butsch läßt sich wenig gefallen. Wenn man so seine Statur betrachtet, da muß sie klein beigeben, wogegen Herr Bergfeldt weder die Beamtenluft vertragen konnte noch die häuslichen Zustände. Den tödteten die Sorgen, ehe er starb.
Wenn man mit Leuten im Leben Freud und Leid durchgemacht hat, Erzürnen und Vertragen und, was die Zeiten so brachten, steht man sich näher, als man oberflächlich zugiebt. Das jüngere Geschlecht wächst heran, dem Zukunftslichte zu und läßt uns Aelteren in dem Schatten der Vergangenheit. Aber wir sehen auch hinaus in das Helle, blos mit dem Unterschied, daß wir einen ganzen Kasten voll Erfahrungen haben: Früchte des Lebens, die wir öfter anbieten, als sie von der klügeren Jugend abgenommen werden. Aber man knabbert selbst daran und freut sich der Zeiten, als man sie sammelte.
So dachte ich mit der Butschen den Ausstellungsnachmittag zu verbringen: das Neuere und Neueste bestaunen, Meinungen darüber austauschen, obgleich immer nur zwei Ansichten sein können, meine oder die verkehrte, zwischendurch den Gastwirthen etwas zu verdienen geben und während des Ausruhens vergangene Erlebnisse aufwärmen und in aller Behaglichkeit vieräugig Plaudern, mit einem Worte von seinem Dasein etwas haben. Aber in der Butschen waltet immer noch die Bergfeldten.
Konnte sie denn nicht alleine kommen? Was mußte sie die Fräulein Pohlenz mitbringen, die ich stets freiwillig übersehe, sobald sie mir begegnet, da ich sie drei Schritt vom Leibe am liebsten habe. Und wenn sie sich an die Butschen anklettet, muß die soviel Mumm haben, daß sie sagt: Fräulein Pohlenz, ich glaube nicht, daß Sie heute angebrachter Maaßen sind oder wie sie sonst abwinkt. Gegen gute Freunde kann man ja deutlicher sein, als gegen Fremde.
Ich durfte deshalb mein Mißfallen nicht in passende Worte kleiden, sondern mußte die Pohlenz mit übernehmen, wie sie da war: aus dem ersten Jugendtraume längst erwacht, aber immer noch sich gehabt, wie eben aus der Wiege. Und das kann ich nicht ausstehen. Wer dumm geboren ist, den entschuldigt man mit der Vorsehung, die wohl ihre Gründe gehabt haben mag, aber wer sich dumm stellt, der hält Andere für noch dümmer, und das ist eine Beleidigung.
»Sie hat so'n Gieper auf die Ausstellung,« sagte die Butsch, »daß ich sie endlich mitnahm. Und als einzelnes Mädchen allein unter die Menschenmenge lassen, das kann man auch nicht gut verantworten.«
»Ich glaube, Sie bilden sich was ein, Fräulein Pohlenz,« bemerkte ich.
»Ach nein,« sagte die mit niedergeschlagenem Blick »aber draußen im schlesischen Busch ist doch schon mancherlei passirt....« Weiter kam sie nicht, sondern hustete den Schluß ihrer Rede.
»Fräulein Pohlenz,« entgegnete ich, »der schlesische Busch hat mit der Ausstellung keine Gemeinschaft, alle Penn- und sonstigen Brüder sind durch Drahtgitter polizeidicht abgesperrt und die vollziehende Straßengewalt sorgt zu Pferde für strengste Draußenverbleibung sämmtlicher sogenannter Elemente. Also was kann da groß an Ihnen verdorben werden?«
Sie suchte zu erröthen und hustete.
»Und aus den Schüchternheits-Jahren ist sie,« stand die Butschen mir bei. »Wenn ihr jedoch ja was geschieht, dann braucht sie blos ordentlich schreien.«
»Ganz recht,« bediente ich in derselben Farbe, »die Kraft der Schwachen liegt im Schreien.« — »Damit wehr' ich mich auch immer gegen die Mause,« sagte die Butschen.
Weil in meiner Absicht lag, den Kaffee draußen zu nehmen, bot ich den Damen ein Gläschen Maltonsherry, der ihnen derart mundete, daß sie sich zur zweiten Auflage so gut wie gar nicht nöthigen ließen, dabei einen Posten von Kokusnußmakronen, selbstgebackene Probe für den Sommerbesuch. Sie sollen billiger sein als aus Mandeln, aber ich vermuthe, die Berechnung bezieht sich mehr auf die Breitengrade, wo die Nüsse umsonst wachsen. Von Geschmack fanden sie Beifall.
»Ist Ihnen ein Krümel auf das unrechte Stimmband gerathen?« fragte ich die Pohlenz, die, wie ich wiederholt beobachtete, einen sehr aufbegehrenden Kehlkopf hatte, »oder haben Sie sich erkältet?«
»Ein ganz klein wenig,« gab sie zu.
»Da müssen Sie vorsichtig sein. Vernachlässigte Erkältungen zersetzen oft die Athmungsorgane.«
»Meinen Sie?«
»Ich nicht. Aber die medicinische Wissenschaft. Mein Schwiegersohn, der Sanitätsrath, sagte vor ein paar Tagen noch, es sei ein gefährliches Lungenwetter. Wer Symptome weg hätte, bliebe am besten im Zimmer und hielte sich warm. Wie lange husten Sie schon?«
Die Pohlenz wurde ängstlich und besann sich.
»So,« dachte ich, »noch ein paar Rathschläge und sie ist so vernünftig und zoppt rückwärts nach Hause; dann hätten die Butschen und ich unseren Nachmittag reizend für uns.« Eben wollt' ich von einer Frau erzählen, die sich auch nicht warm gehalten und innerhalb dreier Tage ihren trostlosen Gatten zum Wittwer gemacht hatte, als die Butschen dazwischen fuhr: »Mir sagten mal der Herr Sanitätsrath, beim Husten nur ja nicht die frische Luft abgewöhnen.«
»Bei Ihnen, halb auf dem Lande, trifft das zu,« entgegnete ich, »aber hier bei uns doch nicht.«
»Die Pohlenz wohnt ja in unserer Gegend, also muß sie an die Luft.«
»Dann wollen wir auch nicht länger zögern,« entschied ich und blickte die Butschen mit tadelndem Kopfschütteln an, das sie natürlich nicht begriff. Hätte sie sonst gesagt: »Ich halt es auch nicht für schlimm. Husten reinigt.«
Wir trabten nach dem Alexanderplatz-Bahnhof, kauften am Schalter mit dem Fahrschein gleich unsern Ausstellungseinlaßzettel und wegen des Sonnabends war ganz commodes Mitkommen auf der Stadtbahn. Sonntags wird es jedoch engbrüstiger zugehen.
Wir stiegen Bahnhof Treptow aus, gingen die Chaussee lang und näherten uns dem Haupteingange. Die Pohlenz, naiv wie immer, wollte durch das Central-Verwaltungsgebäude eindringen, indem sie es für ein Thorhaus hielt. »Meine Liebe,« belehrte ich sie: »Das Publikum theilt sich rechts und links und geht durch die Kassen-Kontrole an den Seiten. Auf dem Rückwege dürfen Sie durch die Mitte, nachdem Sie sich durch die Drehzähler gequetscht haben, die jedoch ohne Nummerwerk sind.« — Dies bewunderte die Pohlenzen sowohl, wie die Butschen, aber mich mit ihnen auf das statistische Gebiet zu begeben, schien unangebracht. Wo wenig Verstand ist, muß man ihn für wichtigere Aufgaben schonen.
Als unsere Eintrittsscheine richtig befunden waren, schlüpften wir auf das Ausstellungsgelände. Die Pohlenz wollte ihren bis dahin verhaltenen Ueberraschungsgefühlen Ausdruck verleihen, aber, da es so eingerichtet ist, daß man anfänglich nichts sieht, machte sie ein Gesicht, wie Eine die ein bischen mager zu Weihnachten bekommen hat. Die Bergfeldten war inzwischen in Ablehnungskampf mit einem von den officiellen Jünglingen gerathen, die das verbriefte Recht haben, die Tagesprogramme feil zu halten. Da die Pohlenzen sofort in dieselbe Verlegenheit gesetzt wurde, war ich neugierig, ob sich wohl eine von den Beiden so anständig zeigte, eins zu kaufen. Aber nein.
Wenn sie jedoch dachten, ich würde den Groschen in's Allgemeine Beste werfen, täuschten sie sich gründlich und deshalb winkte ich dito Schippen.
Wir gingen nun rechts die künstliche Anhöhe hinauf, die, genau besehen, eine Brücke über die elektrische Eisenbahn darstellt, und betraten nach und nach die Hauptbetrachtungswürdigkeit, die Anlagen zwischen dem Neuen See und dem Industriegebäude. »Meine Damen,« sagte ich, »sehen Sie sich erst um, wenn ich vernehmlich rufe: Nu! So verfahren gewiefte Reisende, wenn's wo schön ist.« — »Ich schiele nicht,« antwortete die Butschen, »hingegen für die Pohlenzen übernehme ich keine Garantie« — »Woso?« begehrte die auf — »Sie kann mit zugemachten Augenlidern um die Ecke glupen,« setzte die Butschen hinzu, »und sieht mehrstens gerade stets, was sie nicht sehen soll. Woher weiß sie sonst Alles?«
Um Zwistigkeit zu verhüten, schritt ich rasch bis zum Bismarckstandbild und machte Halt. »Schlagen Sie Ihre Sehorgane auf,« befahl ich, »und begrüßen Sie dieses Bildniß aus Erz. Hier hat Berlin seinem Ehrenbürger ein Monument gesetzt, das der Ausstellung zum Ruhm gereicht. Wo der große Mann gewirkt hat, ist noch alles zu Heil und Segen ausgefallen.« Ich wollte einige fernere Worte hinzufügen, aber ein Programm verkaufender Jüngling litt es nicht. — »Danke, wir sind schon versehen,« verscheuchte die Pohlenz ihn. Wie Eine angesichts Bismarckens so lügen kann, ist mir unbegreiflich und mindestens das Zeichen eines sehr fleckigen Charakters.
Nach etlichen Schritten rief ich: »Nu!«
Die Wirkung war, wie ich gedacht.
Die Meeresfläche, im Hintergrunde mit dem weißen Wasserthurm und dem Hauptrestaurant, vorne die Blumengefilde, die Obelisken und dazu Musik aus den Pavillons, das war wirklich wunderschön. Und dann durch einfache Umdrehung des menschlichen Körpers der Blick auf das Industriegebäude mit der Kuppel und den Thürmen, deren Aluminiumkappen in der Sonne glänzten wie nagelneue Suppentöpfe und die Orangenbäume auf dem Dache des Vorbaues, der in zwei Wandelhallen ausläuft, die das Ganze in übersichtlicher gerader Linie durchschneiden, dies wirkte verstummend auf die Beiden, die derartiges noch nie in ihrem Leben gesehen hatten. Die Pohlenz that so überwältigt, daß sie auf einen der vielen Stühle sank, die einladend an den Ufern des Sees entlang stehen.
Kaum jedoch war sie gesunken, als flugs ein Knabe nahte, der zehn Pfennige Stuhlmiethe verlangte. Sie sich gesträubt. Es half ihr aber nichts und so kaufte sie für einen Nickel Sitzgerechtigkeit, die für den ganzen Nachmittag gilt.
Dies war die Strafe dafür, daß sie kein Programm gekauft hatte, worin zu lesen steht, was per naß ist, und was Auslagen verursacht.
Als ich nun für angebracht hielt, den Kaffee zu nehmen, wollte die Pohlenz für ihre zehn Pfennige weiter sitzen. »Wie Ihnen beliebt,« bemerkte ich, »aber einmal getrennt ist Wiederfinden ein Glückszufall. Kommen Sie, Butschen, wir gehen in's Café Bauer.«
Dieses erreichten wir unangefochten und nachdem wir einen Tisch mit bester Mitten-Aussicht gefunden hatten, bestellten wir dreimal Melange. Wir nennen es sonst Kaffee mit Milch, aber die Oesterreicher kennen es nicht anders und den Dreibund-Gebräuchen muß man sich fügen.
Der Kellner brachte das Verlangte. »Auch Gebäck gefällig?« fragte er und stellte einen Korb mit feiner Backwaare auf den Tisch.
»Nee,« rief die Butschen, »nehmen Sie den man wieder mit. Wir haben selber.« Und ehe ich mich von meinem Schreck erholen konnte, sagte sie zur Pohlenz: »Nu man heraus mit den Gesangbüchern, ich hab' Hunger.«
Die Pohlenz denn auch ihre Handtasche aufgemacht und einen Packen Klappstullen hervorgeholt, als wäre Hungersnoth in Sicht. »Wollen Sie mit Wurst oder mit Käse?« bot die Pohlenz mir an. — Ich dankte. — »Es ist delinquente Schlackwurst und prachtvoll durcher Ramadour.« — »Danke,« lehnte ich nochmals ab, »den hab' ich bereits gerochen.«
War dies glaublich? In dem feinen Café, wo die Kellner herumlaufen wie die Ballherren während der Tanzpausen und der Zahlkellner es mit jedem Bräutigam aus der höchsten Noblesse aufnimmt, entblödeten die beiden Weiber sich nicht, den Eßkober zu entfalten, als machten sie eine Landpartie nach der Wuhlheide. Und die spietschen Physiognomieen von den Wienern. Und meine Angst, daß Bekannte kämen. Ich fürchte doch, die Butschen wird in der Weißbierstube ihres Mannes nach und nach gemischt. Von der Pohlenz sage ich nur: Kein Mensch kann über seinen Horizont.
Ich zahlte ohne Ansehung des Kellners und that, als ob ich die Bemerkung der Pohlenz über die kleinen Tassen garnicht hörte. Ob sie Trinkgeld gegeben haben, weiß ich nicht, mir war blos, als ob das »Hab' die Ehr'!« den Beiklang eines Hinauscompliments hatte.
Die Butschen wollte hierauf in das Hauptgebäude, was mir jedoch insofern nicht recht war, als meines Karls Aufbau noch der letzten Krönung mit dem Adler aus echtschwarzen Socken ermangelte, allein, was vermochte ich gegen zwei Stimmen, da die Pohlenz auf der Butschen Seite stand, innig durch die Klappstullen verschwestert? Ich folgte willenlos.
Vor dem Portal blieb die Butschen stehen. »Herrjeh,« rief sie, »das ist ja eine ganze neue Mode: da raucht Einer aus zwei Cigarrenspitzen auf einmal.« — »Wo denn?« — »Da über dem Thürbogen der Kopp.«
»Nein,« erwiderte ich, nachdem ich das Bildhauerische ergründet hatte, »das bezieht sich nicht auf Tabak, das ist der Ruhm, der bläst auf der sogenannten Fama, wie die Trompeten im Alterthum hießen.« — »Da gehört aber eine tüchtige Puste dazu,« sagte die Pohlenz. — »In früheren Zeiten waren die Lungen kräftiger,« gab ich ihr zu verstehen, »aber man schonte sich auch mehr bei Erkältungen und blieb zu Hause.«
Wir traten ein, in der Vorhalle den Löwenbrunnen zu besichtigen, wobei wir von einem Blumenmädchen anmuthig unterbrochen wurden. Sie war weiß gekleidet mit einer Achselschleife in den deutschen Farben, hatte aber kein Glück mit uns. Auch einer schwarz gekleideten erging es ebenso. Eine dritte, die dies sah, wagte sich nicht erst heran. Mir war auch nicht blumenkauferig.
Mein Karl hält abgeschnittenen Blumenhandel ebenfalls für unnöthig. Warum? Man ist eben aus den sogenannten Galanteriejahren heraus.
Die Pohlenzen strebte vorwärts: sie hätte so viel von dem Deckengemälde in der Kuppelhalle gelesen, das müßte sie betrachten. »Gewiß,« willigte ich ein, »Gemälde bilden.« — »Man sagt ja auch, Kinder wie die Bilder,« setzte die Butschen hinzu. Was sie damit meinte, war mir unerfindlich und wird wohl für immer räthselhaft bleiben, denn, gerade als ich nachfragen wollte, stieß die Pohlenz einen Mordsschrei aus und legte ihre linke Baumwollen-Handschuhhand wie eine Scheuklappe an die Stirn.
»Was ist Ihnen?« fragte ich besorgt. — »Haben Sie sich den Fuß verknaxt?« fragte die Butschen. — »Nein, nein,« ächzte die Pohlenz, »Gott nein. Nein, nein, ich kann das nicht sehen...« — »Was nicht?« — »O nein... nein... die Puppen.« — »Was für...« — Wir hielten nun auch einen Rundblick und entdeckten an einer Ecke der Halle ein paar Museumsriesen in der bekannten klassischen Auffassung, bei der das Stoffliche vernachlässigt wird, weil doch die Marmorfiguren aus dem sonnigen Griechenland entspringen und es im Alterthum keine Confectionsgeschäfte gab. Aber wegen der Größe und der Fleischfarbigkeit mochte die Pohlenz sie wohl für lebendig gehalten haben und gedacht, sie thäten ihr was.
»Es sind ja nur gipserne,« suchte die Butschen sie zu beschwichtigen. — »Nein, nein,« blieb die Pohlenz bei, »ich kann so was nicht sehen.« — »Denn kommen Sie man raus,« griff ich ein, »draußen sind die Blümelein und die rauschenden Gewässer und was sonst unerröthend ist. Für Kunst sind Sie noch nicht reif, die hat das Unbekleidete einmal so an sich. Oder wollen Sie nach den Wilden?«
»Nein... nein. Aber nach den Marineschauspielen will ich, dazu hab' ich ein Freibillet.« — -»Wie kommen Sie dabei?« Sie stach sich noch röther an, und lispelte kaum verstehbar: »Geschenkt.«
Ich drang nicht weiter in ihre maritimen Verhältnisse, sondern war froh, daß wir um die aus Strikegründen unvollendete Ausstellung meines Karls herum kamen, und fragte: »Wann ist denn der Zauber?« — »Das weiß ich nicht genau, es steht wohl irgendwo zu lesen.« — »Freilich in dem Programm.« — »Haben Sie eins?« — »Nein.« — »Sie auch nicht, Frau Butschen?« — »Ih, wo werd' ich!... Aber ich kann ja mal den Kaffee-Kellner fragen.«
Sie hin. Der Frackmensch sie mit ziemlicher Obenherabheit betrachtet, aber doch höflich geantwortet, sie müßte sich wohl irren, von Marineschauspielen wüßte er nur, daß sie vor längerer Zeit bei Kiel stattgefunden hätten. Ob sie vielleicht die Fischerei-Ausstellung meinte, die wäre bitte jenseits am diesseitigen Ufer der Spree gelegen.
»Wir werden es schon finden,« sagte die Pohlenz. »Mir recht,« entgegnete ich. — Bei dem Durchwandeln des Parkes konnte ich wundervoll feststellen, wie angestrengt in den letzten Tagen gearbeitet worden war und wie die Ausstellung immer completer und schöner wurde. Es will eben alles seine Zeit haben, selbst der simpelste Hefenteig.
Schritt vor Schritt gab es etwas zu betrachten, eine von uns Dreien blieb immer irgendwo hängen und war nicht mit zu kriegen und, als wir glücklich bei den Marineschauspielen anlangten, war die Vorstellung justement vorbei.
Die Pohlenz, nun beleidigt gethan und vorgeworfen, wir, also die Butschen und ich, hätten absichtlich gebummelt, damit sie zu spät käme und so wie ich hätte mich gerühmt, Bescheid zu wissen und das schiene doch nur sehr plundrig. Grade ihrem Husten hätte die Marine-Seeluft gut gethan. Aber man gönnte ihr nichts Gutes. In denselben Ton verfallen war meinerseits nicht, obgleich sie es war, die am meisten stehen blieb und überall hineinwollte, wo noch garnicht eröffnet wurde. Hocharistokratisch entgegnete ich daher: »Mein Fräulein, die Ausstellung ist zu groß, als daß sie auf ein- oder zweimal in den menschlichen Geist geht. Schuld allein ist die Gnietschigkeit, sich kein Programm zuzulegen.« — Das könnten Andere sich nicht minder zuziehen, schnatterte sie gegen in ihrer sticheligen Manier und bewies dadurch wieder, wie sehr es ihr zwei Finger hoch über der Nase fehlt.
Mir fiel sofort plötzlich ein, daß ich meinem Karl versprochen hatte, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, und, indem ich zur Butsch sagte: »Sie bleiben wohl noch,« machte ich eine absichtlich gelenkarme Verbeugung, woran die Pohlenz etwas zum Nachdenken hat, und verabschiedete mich. Mir war klar geworden, daß es bei Ausstellungen doch sehr auf die Gesellschaft ankommt, mit der man sie besucht.
Der Hausbesuch regt sich.
Noch bin ich nicht zu meinen Berichten gekommen. Wie kann ich auch?
Kaum haben nämlich die Herrschaften auswärts in den Zeitungen gelesen, daß die Ausstellung angegangen ist, ehe sie fertig war, sie sich, wie sie gebacken sind, hingesetzt und geschrieben, sie kämen erst später. Die Antworten darauf und das Umkatern der Anmeldezeit, der Zimmerbesetzung und gegenseitiges Verständigen, da Ungermann's jetzt mit Tante Lina zusammenfallen und der Amtsrichter dito mit ihr zusammenstößt, wenn auch Ungermann's umgelegt werden, das hinderte. Ungermann's müssen in die gute Stube und Tante Lina läßt sich allenfalls nach Butsch's abzweigen, andererseits jedoch ist der Amtsrichter unmöglich mit der Mädchenkammer zufrieden. Das Fremdenzimmer ist besetzt. Und die Dorette sperrt sich gegen das Schlafen auf dem Boden.
Hat man den Kopf voll von Einrichtungen, kann man keine allgemein einleuchtende Berichte über die Größe der Industrie und das Bedeutendste der Gesammtleistungen verfassen. Es sind in der That Leistungen draußen, von denen man, wie Napoleon oder wer es war, nur sagen kann: es sind welche! Und wie manches, geradezu nicht hoch genug anzuerkennende ist in einem Seitenflügel angebracht. — Jawohl, das ist es! — Da wird es Pflicht der Berichterstattung, es hervorzuziehen und laut zu verkündigen: da seht her, was hier gewebt ist, diese prachtvolle Qualität und dauerhaft im Tragen. Und preiswürdig! Denn bei den immensen Kosten will doch auch der Aussteller sein Geschäft machen und das kann er nicht in einem Winkel, an dem das Publikum sinnlos vorüberrennt und seinen Fleiß, seine Arbeit, seine Tüchtigkeit links liegen läßt.
Aber ich will's schon schieben.
Was Auswärtige nun unter »nicht fertig« denken, das würden sie selbst mit den schrecklichsten Daumenschrauben nicht gestehen können, da sie ja garnicht wissen, wie die Ausstellung werden soll, wenn sie fertig ist. Freilich, desto vollendeter sie ist, desto mehr Totaleindrücke giebt sie her, aber für Viele thut sich ohne dies schon fast zu reichlich. Außerdem hat bis jetzt noch keine große Ausstellung ihren Zeitpunkt innegehalten. Den letzten Pinselstrich hat wohl noch Niemand gesehen, wie mein Karl meint.
Was ihn selbst betrifft... er will nicht in der Fabrik schlafen und sagt: »er sei nun einmal ein Gewohnheitsthier und werde, so weit in seiner Macht stände, sich auch nicht ändern.«
»Karl,« hielt ich ihm vor, »die Aufgabe des menschlichen Geschlechts liegt neuerdings in der Vervollkommnung. Man muß das Thierische, das Einem noch von den Vorzeiten anstammt, immer mehr abstreifen, namentlich Gewohnheiten.«
»Meine Familie hat sich nie zu der Darwin'schen Religion bekannt,« sagte er. »Wie Deine es damit gehalten hat, wirst Du selbst am besten wissen.«
»Was willst Du damit behaupten? Was kannst Du mir vorwerfen? Oder willst Du meine Vorfahren verächtlich machen? Karl, die liegen in ihren Gräbern und können sich nicht vertheidigen und Du schiltst sie Gorillas?«
»Mit keiner Silbe!«