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AUSGABE FÜR DIE
DEUTSCHE BUCH-GEMEINSCHAFT G.M.B.H. BERLIN


Julius Wolff

Sämtliche Werke

Vierter Band
Das Recht der Hagestolze

1. Abteilung: Romane (Band 1–3)


Das Recht der Hagestolze

Eine Heiratsgeschichte aus dem
Neckartal

von

Julius Wolff

*

Mit Bildern

von

K. Storch

Paul List Verlag Leipzig


Alle Rechte vorbehalten

Copyright 1912 by Paul List, Leipzig

Druck von Dr. Trenkler & Co. in Leipzig


Das Recht der Hagestolze


Erstes Kapitel.

Es war in der bereits stark vorgeschrittenen Dämmerung eines warmen Frühlingsabends im Jahre 1397, als ein einsam daherkommender Mönch über die Neckarbrücke zu Heidelberg auf das Stadttor zuschritt. Seine hohe Gestalt war von der braunen Kutte verhüllt und die Kapuze so tief über das gebeugte Haupt gezogen, daß auch von seinem Gesichte nichts zu sehen war. Er hielt die Arme dicht an den Leib geschmiegt und die Hände davor gefalten, und sein Gang hatte etwas Unsicheres, Schwankendes, als wenn er, dessen ungewohnt auf den Zehen schliche. Ob er auf Sandalen oder in Schuhen ging, war nicht zu erkennen, denn auch die Füße waren vom Gewande bedeckt.

Das Tor war noch offen, aber der Torwart trat just aus der Wachtstube, um es zu schließen, als der Mönch hindurchschritt. Der Wächter maß den Ankömmling mit einem mißtrauischen Blick und schien eben eine Frage an ihn richten zu wollen, als der Mönch die Rechte erhob und das Zeichen des Kreuzes über den andern machte. Aber die Bewegung fiel etwas ungeschickt, fast ungeschlacht aus; die Hand holte in den sich schneidenden Richtungen von oben nach unten und von rechts nach links so hoch und weit aus, als wollte sie den sündigen Laien statt mit dem heiligen Segenszeichen mit ein paar derben Schlägen bedenken, die glücklicherweise nicht dessen Scheitel und Wange trafen, sondern ohne Widerstand zu finden durch die Luft fuhren. Der Wächter unterdrückte seine Frage, und auch der Mönch blieb stumm und schritt eilig die Gasse entlang zur Stadt hinein. Ihm nachblickend schüttelte der Torwart das Haupt und brummte: »Der ehrwürdige Bruder scheint beim Segenerteilen eine recht kräftige Faust zu führen. Was mag er bei Nacht hier in der Stadt zu suchen haben? Denn ein Heidelberger Franziskaner war es nicht; hätte ihn doch fragen sollen!« Damit hatte der Mann die schweren Torflügel geschlossen und schob nun die eisernen Riegel vor. Dann warf er noch einen Blick zum Himmel empor auf die grauen, schnellziehenden Wolken und begab sich wieder in das Wachthäuschen.

In der engen, schon ziemlich dunklen Gasse war die Haltung und Bewegung des Mönches eine ganz andere als vorher beim Durchschreiten des Tores. Seine Gestalt reckte sich, er trug das Haupt hoch und gerade, bewegte die Arme frei an der Seite, und seine Schritte waren fest und weit. Nur wenige Menschen begegneten ihm, vor denen er es, zumal bei dem spärlichen Lichte, vielleicht nicht der Mühe wert hielt, klösterliche Demut zur Schau zu tragen.

Jetzt kam ihm mit lautem Scherzen und Lachen ein Trupp Studenten entgegen, die paarweise in kleinen Abständen voneinander gingen. Als der Mönch an dem ersten Paar vorüber kam, blieb einer der beiden Studenten stehen, wandte sich um und sagte zu dem andern: »Hast du's gehört, Mutz? der Glatzkopf hatte einen Schritt, als trüge er Sporen an den Sandalen.«

»Dummes Zeug! Sporen!« erwiderte sein Genosse, »wird wohl der Teufel gewesen sein, und du hast seinen Pferdehuf trappen hören.«

Lachend gingen sie weiter. Von den zuletzt kommenden Studenten, die zu vieren in einer Reihe schritten, stieß einer, ein großer, stämmiger Gesell, hart gegen den Franziskaner und lachte: »Holla, mi frater! hast du Schultern aus Eichenholz?«

Ein anderer aber fuhr den Mönch heftig an: »Aus dem Wege, Fledermaus! sonst klatsche ich dich an die Wand, daß du kleben bleibst!«

Mit fester, rauher Stimme, fast drohend entgegnete der Gestellte: »Pax vobiscum!« und setzte Raum gebend und weiterschreitend halblaut hinzu: »Oder ein Kreuzhageldonnerschlag soll euch in die Kniekehlen fahren!«

»Was will das Murmeltier?« riefen die Studenten; »kommt, laßt uns ihm die Kutte ausklopfen!«

Einen Augenblick schien es, als wollte der Mönch stehen bleiben und sich zu den Angreifern umwenden; doch er besann sich und machte sich eilends davon. Auch die Studenten gingen auf die besänftigende Aufforderung eines der Ihrigen lachend und spottend ihres Weges.

»Hätt' ich euch Grünschnäbel nur gleich draußen vor dem Tore!« knirschte der Verhüllte und ballte die Faust. An dem Kreuzungspunkt zweier Straßen blieb er unschlüssig stehen, bis eine Frau daher kam, die er mit seinem mildesten Tone frug: »Könnt Ihr mir nicht sagen, liebe Frau, wo der ehrsame, hochgelahrte Magister Doktor Christoph Wiederhold wohnt?«

»Recht gern, ehrwürdiger Vater!« erwiderte die Frau, »Ihr müßt hier fremd sein, denn den Doktor Wiederhold kennt jedes Kind in Heidelberg. Geht nur hier rechts die Gasse hinauf, da ist's das fünfte, sechste, nein, das siebente Haus. Der eiserne Türklopfer ist ein Hund mit drei Köpfen; Ihr könnt's mit der Hand fühlen, wenn Ihr's nicht mehr sehen könnt.«

»Dank Euch, liebe Frau!« sprach der Kuttenträger und schritt in die Gasse hinein, während die Frau noch eine Weile stehen blieb und ihm verwundert nachschaute, bis er im Dunkel verschwand. Das Zeichen des Kreuzes über der Dienstwilligen zu machen, hatte der ehrwürdige Bruder Franziskaner diesmal vergessen.

Bald fand er das gesuchte Haus und setzte den ihm bezeichneten Türklopfer in laut schallende Bewegung. Eine Magd öffnete und führte den friedlichen Gottesmann ohne Zögern und Bedenken die Treppe hinauf zu dem Hausherrn.

Der Herr Magister Doctor juris Christoph Wiederhold saß in seiner Studierstube an einem Tische, auf dem eine Öllampe brannte, über Schriften und Pergamente gebeugt und blickte ob des seltsamen Besuches in so später Stunde verwundert auf. Da mitten in dem niedrigen Gemache stand, beim matten Dämmerschein der Lampe fast gespenstisch anzuschauen, eine hohe, ganz vermummte Gestalt, die ohne ein Wort zu sprechen, zwei funkelnde Augen unter der Kapuze hervor fest auf ihn gerichtet hielt. Dem kleinen, schmächtigen Manne ward unheimlich zumut, und zaghaft klang seine Frage: »Womit kann ich Euch dienen, ehrwürdiger Bruder?«

»Wer Rat und Vertrauen heischt, soll auch Vertrauen entgegenbringen. Ich bin kein Mönch, wenn ich auch Grund und Ursach zu dem Wunsche habe, in den Straßen dieser Stadt für nichts anderes, als einen Mönch gehalten zu werden.« So sprach der Fremde mit tieftönender Stimme, schlug die Kapuze zurück und enthüllte dem nun noch mehr erstaunten Gelehrten ein ernstes, stolzblickendes Antlitz und ein hochgetragenes, bart- und haarumwalltes Haupt, das mit einer blinkenden Stahlhaube bedeckt war. »Ich komme, hochachtbarer Herr Magister,« fuhr er dann fort, »Euch um Euren gelehrten Rat in einer wichtigen Familienangelegenheit zu ersuchen.«

»Nehmt Platz, edler Herr!« erwiderte der Doktor und deutete auf einen zweiten Stuhl, der seinem eigenen Sitze gegenüber stand.

»Meinen Namen möcht' ich Euch verschweigen, denn er tut nichts zur Sache, und es ist fast nur eine Frage, die ich Euch vorzulegen habe, und um die sich alles dreht, was mir zu wissen not tut,« sagte der Unbekannte.

Der Doktor nickte und schaute, bequem in seinem hohen Stuhle sitzend, den Ellenbogen auf der Armlehne und das Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger, mit gespannter Aufmerksamkeit dem Sprechenden ins Antlitz, der sogleich fortfuhr: »Meine Frage ist diese: Gibt es ein Recht, ein Gesetz, wonach der Landesfürst einen Anspruch auf das Erbe, auf die Hinterlassenschaft an Hab und Gut eines losledigen, unverheirateten Mannes hat?«

»Hier steht es,« sagte er dann, mit dem Finger auf das Blatt zeigend.

»Ihr meint das jus misogamorum, das Recht der Hagestolze, das man eigentlich das Recht des Fürsten auf das Erbe der Hagestolze nennen sollte,« erwiderte ohne langes Besinnen der Gelehrte. »Allerdings, Herr, solch ein Recht gibt es, und ich kann Euch darüber alle Auskunft erteilen, die Ihr wünschen möget.« Darauf erhob er sich, kramte in einem Schranke unter seinen Schriften und fand bald ein Heft heraus, das er vor sich auf den Tisch legte, darin blätternd und suchend. »Hier steht es,« sagte er dann, mit dem Finger auf das Blatt zeigend: »misogamus amittit jus et potestatem testandi, ein Hagestolz verliert sein Erblassungsrecht und muß sein Gut der Obrigkeit des Ortes, wo er sein domicilium hat, überlassen, vermag also nicht durch ein testamentum oder anderen letzten Willen seine Güter weder an seine Blutsfreunde noch an andere Leute zu verordnen und zu vermachen.«

»Hm! hm!« stieß der Fremde hervor; »läßt sich daran nichts drehen und wenden?«

Der Doktor schüttelte den Kopf und sprach bald frei aus dem Gedächtnis, bald ablesend: »Was der defunctus verläßt, nimmt der fiscus hin, auch wenn ersterer sein Hab und Gut ganz oder teilweise bei Lebzeiten verkauft und das Geld an sich genommen hat. Denn so man erfahren kann, daß der bald sterbende Hagestolz in fraudem fisci von seinen Gütern oder Barschaften anderswohin verschafft, muß solches hinwiederum ad locum domicilii und wo er gehauset und verstorben, angeschafft werden. Indessen hat solche confiscatio gemeiniglich nicht statt in allen Gütern des Hagestolzen, sondern nur in seinen wohlgewonnenen Gütern, die er selber in seinem Stande, Nahrung, Getrieb und Arbeit erworben, ersparet und erübrigt hat, nicht aber in seinen Erb- oder Stammgütern, wie auch nicht in seinen Lehngütern.«

»Aha! das klingt schon besser!« sagte der Gast.

»Ja, so steht es geschrieben,« erwiderte der Doktor, »aber, edler Herr, das Recht wird verschieden ausgelegt und gehandhabt, und es ist hierzulande schon vorgekommen, daß auch das Erbgut eines verstorbenen Hagestolzen eingezogen worden ist. Sollte es Euch nebenbei ganz unbekannt sein, daß unser gnädigster Kurfürst, Pfalzgraf Ruprecht der Zweite, ein sehr starkes Begehren nach Landbesitz hat und deshalb per fas et nefas –«

»Das weiß ich vielleicht besser, als Ihr, achtbarer Herr Doktor!« unterbrach ihn der andere mit einem eigentümlichen Lächeln. »Was ist aber nun Euer Rat, um solche schmähliche confiscatio zu verhindern?«

»Wenn Euer Freund – oder seid Ihr es selbst?«

»Nein, mein Bruder ist es.«

»Wenn also Euer Bruder das Zeitliche segnet, will sagen, mit Tode abgeht, so beerbt ihn der fiscus; daran ist nichts zu ändern, edler Herr. Ist er schwer krank?«

»O bewahre! er steht, Gott sei Dank! auf zwei sehr gesunden Füßen.«

»Wie alt ist er denn schon?«

»Neunundvierzig Jahr.«

»Neunundvierzig erst? noch nicht fünfzig?« rief der Doktor lebhaft, »nun, dann ist ja noch nichts verloren und verdorben! Denn wisset, edler Herr, das Hagestolzenrecht gewinnt erst Kraft und Gültigkeit, wenn der Erblasser fünfzig Jahr drei Monat und zwei Tage alt ist.«

»Das ist mir auch gesagt worden, aber was hilft's?«

»Euer Bruder muß heiraten!«

»Heiraten!« lachte der Gast, »der und heiraten!«

»Ja, wenn er nach Überschreitung vorgemeldeter Altersgrenze als lediger Mann stirbt, so ist sein Hab und Gut rettungslos für Euch verloren. Er kann sich aber auch noch später beweiben, und wenn er sich dann auch keiner Nachkommenschaft mehr erfreuen sollte, so beerben ihn doch seine nächsten Blutsverwandten und nicht der Pfalzgraf.«

»Seid Ihr dessen sicher und gewiß?«

»Ohne allen Zweifel und Irrung!«

Der Fremde stand auf, machte nachdenklich in dem kleinen Gemach ein paar klirrende Schritte auf und ab, zog dann ein Ledersäckchen unter der Kutte hervor und legte zwei blanke Goldgulden auf den Tisch: »Ich sage Euch allen schuldigen Dank, Herr Doktor Christoph Wiederhold!« sprach er dann, »gehabt Euch wohl!« Und die Kapuze wieder über den Kopf ziehend, schritt er zur Tür hinaus, es gern zulassend, daß ihm der Magister mit der Lampe zur Treppe hinunter leuchtete und selber die Haustür aufschloß.

Mißmutig und so schnell es die fast völlige Dunkelheit erlaubte, eilte der Vermummte dem Tore zu und klopfte den Wächter heraus. Dieser kam mit den Schlüsseln aus seinem Stübchen und beleuchtete den Auslaßfordernden mit einer mattbrennenden Hornlaterne. »Ach, Ihr seid es, ehrwürdiger Bruder! Nun, habt Ihr Euer Geschäft in unserer guten Stadt zu Eurer Zufriedenheit zu Ende gebracht?« frug er in Erwartung eines guten Schließpfennigs mit unterwürfigem Tone, während er das Schlüsselloch der kleinen Nachtpforte suchte, die sich für Fußgänger in dem großen Torflügel öffnen ließ.

»Was schiert dich meine Zufriedenheit?« fuhr ihn der Mönch an, »ich bin nicht in der Laune, dir Rede zu stehen. Vorwärts! Tür auf! oder ein Kreuzhageldonnerschlag soll dir –«

»– in die Kniekehlen fahren!« fiel ihm der Wächter lachend ins Wort, indem er das Pförtchen aufsperrte. »Das Sprüchlein kenn' ich, Herr Bligger Landschad von Steinach!«

»Woher, du Schuft?«

»Von manchem Fuhrmann hab' ich's gelernt, dem Ihr die Fracht unterwegs ohne seinen Dank erleichtert habt, Herr Ritter!« entgegnete der Wächter trotzig.

»Dir geb' ich noch was zu!« sprach der also Gehöhnte, und der Wächter fühlte einen Faustschlag im Nacken, daß er taumelte, während der andere durch die Pforte ins Freie entwich.

Kaum aber war der Ritter auf der Brücke, auf die aus den zerreißenden Wolken etwas helleres Licht fiel, als er hinter sich den lauten Notruf des Wächters vernahm, den dieser auf seinem Horne blies. Er beschleunigte seine Schritte und streifte im Gehen die Mönchskutte ab, sie über den Arm hängend. Im Panzerhemd, das er trug, konnte er nun freier und rascher ausschreiten und tat dies auch, die linke Hand am Schwertgriff. Jetzt ließ er einen gellenden Pfiff auf dem Finger erschallen, worauf aus nicht zu großer Entfernung derselbe Ton als Antwort klang. Dann näherte sich schnell doppelter Hufschlag, und bald hielt ein gleichfalls gepanzerter und bewehrter Reiter vor ihm, der noch ein leeres Pferd am Zügel führte.

»Nun, wie steht's?« frug der Reiter.

»Er muß heiraten, anders kein Ausweg!« erwiderte Herr Bligger, während er sich in den Sattel schwang. »Aber jetzt vorwärts! Der Torwart hat mich erkannt und schlägt Lärm; wir werden sie bald hinter uns haben, und da kommt schon der Mond hervor.«

Die Reiter gaben ihren Rossen die Sporen und preschten die Straße stromaufwärts am Neckarufer dahin. –

Der Torwart hatte sich nicht geirrt und den scheinbaren Mönch bei seinem rechten Namen genannt, der in Heidelberg sehr wohl bekannt war, aber nicht sonderlich gut angeschrieben stand, was der Träger dieses Namens auch ganz genau wußte.

Die Herren von Steinach waren ein ritterliches Geschlecht, dessen Ursprung zwar, wie der so vieler Adelsgeschlechter, in Dunkel gehüllt war, von dem aber schon Urkunden aus der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts reden. Sie genossen eines weit verbreiteten Ansehens, erfreuten sich eines großen Besitzes und hatten vielfach Hofämter und hohe Kirchenwürden inne gehabt. Einer der ihrigen, auch ein Bligger von Steinach, war ein berühmter Minnesänger gewesen, der im ersten Viertel des dreizehnten Jahrhunderts blühte. Wahrscheinlich ihm zu Ehren führten die Nachkommen eine schwarze Harfe in goldenem Felde im Wappenschilde. Der Ruhm aber, den sich die Enkel erworben hatten, war etwas zweifelhafter und anrüchiger Natur, denn sie lebten zumeist aus dem Stegreif, und manches Schiff, das auf dem Neckar, mancher Frachtwagen, der auf der Landstraße von Heilbronn nach Heidelberg oder in umgekehrter Richtung fuhr, hatte ihre dreist zugreifende Hand fühlen müssen. Einer von ihnen, namens Ulrich, hatte das Räuberhandwerk so arg getrieben, daß ihm das Volk, weil er dem Lande so großen Schaden zufügte, den Schimpfnamen »Landschaden« beilegte und der Kaiser die Reichsacht über ihn verhängte. Vogelfrei, wie er nun war, nahm er an einem Kriegszuge gegen die Ungläubigen teil, schlug einem gefürchteten Anführer der Sarazenen das Haupt ab und brachte es dem Kaiser zur Sühne, so daß dieser ihn wieder zu Gnaden aufnahm und ihm erlaubte, einen gekrönten Sarazenenkopf als Helmzierde im Wappen zu führen. Den Namen Landschaden aber behielt er und sein Folgegeschlecht für alle Zeiten bei, und die tapferen Degen sorgten auch ferner durch ihr Tun und Treiben dafür, daß die Bedeutung dieses Namens nicht in Vergessenheit geriet.

Zurzeit lebten drei Brüder des Geschlechtes, Bligger, der älteste, Konrad, der jüngste, beide verheiratet und mit Kindern gesegnet, und, dem Alter nach in der Mitte zwischen diesen beiden, Hans, jener Hagestolz, um dessentwillen Bligger sich in die ihm feindlich gesinnte Stadt hinein gewagt hatte. Diese drei Brüder besaßen vier Burgen, die nahe beieinander über dem Städtchen Neckarsteinach auf den Bergen des rechten Flußufers standen. Bligger wohnte in der größten, der Mittelburg, die mit der kleinen Vorderburg durch eine Zugbrücke verbunden war; Konrad hauste auf der Hinterburg und Hans endlich auf Burg Schadeck, vom Volke auch das Schwalbennest genannt, weil sie hoch, frei und keck über dem Tale wie ein angeklebtes Nest an einem schroffen Felsen hing.

Dort lebten sie keineswegs einsam und abgeschieden, ohne ebenbürtige und gleichgesinnte Nachbarn; vielmehr waren innerhalb der nächsten vier oder fünf Meilen von Neckarsteinach stromaufwärts die bewaldeten Höhen zu beiden Seiten des vielgewundenen Tales mit stattlichen und von ritterlichen Geschlechtern bewohnten Burgen besetzt, wie sie in solcher Zahl auf so kleinem Raume nirgend anders, auch nicht am Rheine, zu finden waren. Neckarsteinach gegenüber lag auf hohem Kegel die Veste Dilsberg, der Sitz des kurpfälzischen Gaugrafen über den Kraich-, Enz- und Elsenzgau; dann folgten stromauf die Burgen Hirschhorn, Eberbach, Stolzeneck, Zwingenberg, Minneburg, Dauchstein, Hornberg, Horneck, Guttenberg und Ehrenberg, eine immer gewaltiger, als die andere, und jede mit Dörfern und Höfen und weiten Waldungen als Eigentum versehen oder als erbliches Lehen bedacht.

Die mächtigsten, reichsten, aber auch gefürchtetsten aller Burgherren des Neckartales waren die Landschaden von Steinach, und wenn sich Herr Bligger auch nur bei Nacht und als Mönch verkleidet in die Stadt Heidelberg hineinschlich, so war das immerhin schon ein sehr gewagtes Spiel für ihn, denn er hatte eine böse Rechnung bei ihr auf dem Kerbholz. Darum suchten jetzt die beiden Brüder möglichst rasch von dannen zu kommen und ritten in schlankem Trabe durch die vom Monde mehr und mehr erhellte Nacht heimwärts, ohne miteinander zu reden, ein jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.

Des verwegenen Ritters heimlicher Besuch in Heidelberg hatte aber folgende Veranlassung. Am gestrigen Tage hatte in Bliggers Abwesenheit ein Jude, der sich Isaak Zachäus von Ingolstadt nannte, in Begleitung seines Sohnes, eines hübschen, dunkeläugigen Jünglings, auf der Mittelburg vorgesprochen, sich als Arzt für Menschen und Vieh ausgegeben, gefragt, ob hier etwa die einen oder das andere seiner Kunst und seines vielerprobten Rates bedürftig seien, und sich schließlich erboten, den Burgbewohnern das Horoskop zu stellen, denn er sei auch in Astrologie und höherer Geometrie wohl bewandert und erfahren. Darauf war die Burgfrau mit Freuden eingegangen, und der Sterndeuter hatte sie nach Tag und Stunde der Geburt sämtlicher Familienglieder gefragt, um danach seine Berechnungen zu machen. Nun besaß Frau Katharina ein altes Gebetbuch der Mutter ihres Gemahls, in welche diese alle wichtigen Familienereignisse, also auch die Geburten ihrer Kinder, eigenhändig verzeichnet hatte. Das holte sie hervor und ging dem landfahrenden Weisen aus dem Morgenlande mit den nötigen Zeitangaben zur Hand. Dieser hatte darauf in einsamem Gemache bei guter Verpflegung den ganzen Tag geschrieben, gerechnet und allerlei seltsame Figuren gezeichnet, bis er der Burgfrau die Ergebnisse seiner Nachforschungen mitteilen konnte. Es war aber nicht viel dabei herausgekommen; lauter günstige oder nichtssagende Prophezeiungen für die Zukunft aller ihrer Angehörigen hatte der Hebräer der Burgfrau verkündigt, Prophezeiungen, nach denen sich weder ein ungewöhnliches Glück erhoffen, noch ein besonderes Unheil befürchten ließ. Nur über ihren Schwager Hans hatte er einen seltsam lautenden Ausspruch getan, denn er behauptete: »Junker Hans wird einmal sein Glück in einem Kloster finden.« Daraufhin hatte Frau Katharina den Wahrsager gründlich ausgelacht. Hans, der ritterlichste, lebenslustigste der drei Brüder, der am liebsten im Sattel oder beim Becher saß oder im Forste pirschte und von seinem Freunde, dem Abt des Benediktinerklosters Sinsheim und dessen Konventualen, die er oft tagelang besuchte, die erbaulichsten und abenteuerlichsten Geschichten erzählte, der, der gerade sollte selber einmal in ein Kloster gehen? unmöglich! ganz undenkbar! Aber Isaak Zachäus war ihren launigen Einwendungen gegenüber kühl und ernst bei seinem Ausspruch geblieben und hatte hinzugefügt: »Junker Hans ist neunundvierzig Jahr alt, und wenn er nicht binnen Jahr und Tag heiratet, so verfällt nach dem Recht der Hagestolze all sein Hab und Gut als Erbe Eurem gnädigsten Pfalzgrafen.«

Das hatte die Burgfrau stutzig gemacht; sie hatte von einem solchen Rechte noch niemals gehört, forschte näher danach und ließ es sich von dem Juden genau erklären. Kurz darauf war Herr Bligger nach Hause gekommen und war ebenso erstaunt über die unerhörte Neuigkeit wie seine treffliche Hausfrau.

Was wußten diese unerschrockenen, allezeit derb zufahrenden Ritter, Junker und Knappen vom Recht und von Rechtsgewohnheiten. Allenfalls kümmerten sie sich ein wenig um das Lehnsrecht, im übrigen aber ließen sie nur das Faustrecht gelten und schlichteten alle Händel mit dem Schwerte. Der Fall, daß einer ihrer Genossen als Junggeselle gestorben wäre, war im ganzen Bereiche ihrer Bekanntschaft seit Menschengedenken nicht vorgekommen, und so hatten sie keine Ahnung von einem sogenannten Recht der Hagestolze.

Herr Bligger beschloß indessen sofort, der Sache auf den Grund zu gehen und gleich am nächsten Tage einen Rechtsgelehrten der jungen Universität zu Heidelberg darüber zu befragen, den Sterndeuter aber samt dessen Knaben bis zu seiner Rückkehr auf der Burg festzuhalten. Seiner Hausfrau legte er strenges Stillschweigen, besonders Bruder Hans gegenüber, auf und weihte anderen Morgens nur seinen Bruder Konrad ein, in dessen Begleitung er den Ritt zur feindlichen Stadt unternahm. Nachdem ihm nun der Magister die Auslassungen des Juden in allen Punkten bestätigt hatte, ging ihm die Angelegenheit schwer im Kopfe herum. Er grübelte darüber während des ganzen Rittes, und Konrad wollte ihn darin jetzt nicht mit unzeitigen Fragen unterbrechen. Erst dicht vor dem Scheidewege zu ihren Burgen frug Bligger endlich den Bruder: »Woran hast du unterwegs gedacht, Konrad?«

»Natürlich an nichts anderes,« erwiderte Konrad, »als wie wir das fertig bringen sollen, Hans zu verheiraten.«

»Das war auch mein einziger Gedanke,« sagte Bligger, »aber ich komme damit zu keinem Ende. Meine Meinung ist, wir rufen unsere Freunde zusammen und beratschlagen, ob wir nicht gemeinschaftlich gegen dieses vermaledeite Hagestolzenrecht etwas ausrichten können.«

»Und Hans?«

»Hans ist bei seinen Freunden in Sinsheim und wird hoffentlich noch ein paar Tage ausbleiben; darum leidet die Sache keinen Aufschub, denn er darf nichts davon merken. Reite du morgen nach Hirschhorn und Eberbach und lade Otto und Schenk von Erbach zu einer Zusammenkunft übermorgen bei mir ein; ich werde Ernst mit demselben Auftrag nach Zwingenberg zu Engelhard und nach Stolzeneck zu Albrecht von Erlickheim schicken.«

»Gut! ich werde reiten,« sprach Konrad, »aber die Beratung wird auch zu keinem anderen Schlusse führen, als zu dem, den du von dem Heidelberger Doktor mitbrachtest: Hans muß heiraten!«

»Ja, aber sage nur wen?!« erwiderte Bligger. »Ich hielt in Gedanken schon Brautschau für ihn, aber vergeblich. Für unsere jungen Burgfräulein ringsum ist er zu alt; in Heilbronn oder Heidelberg darf er sich nicht blicken lassen, und dazu, daß er auf Werbung im Reiche herumtraben sollte, bringen wir ihn erst recht nicht. Nur Eine wüßte ich, die er sich nehmen könnte, wenn er wollte und wenn sie wollte; das wäre –«

»Juliane Rüdt von Kollenberg, die stolze Burgfrau der Minneburg,« fiel Konrad ein und brach in ein schallendes Gelächter aus, in das Bligger herzhaft einstimmte.

Sie schüttelten beide den Kopf und schwiegen wieder, bis sie sich trennen mußten und einander gute Nacht wünschten. Als Bligger schon ein kleines Stück bergauf seiner Burg zugeritten war, hörte er von fern noch einmal das laute Lachen seines Bruders Konrad, das durch die Stille der Nacht zu ihm herüber tönte, und da mußte er auch wieder lachen, daß es der Bruder hören konnte, und siehe da, zu gleicher Zeit wieherte sein Roß, weil es sich auf den Stall freute; aber es klang, als wenn auch der Hengst des Ritters lachen müßte über den Gedanken, daß Junker Hans einmal Frau Juliane Rüdt von Kollenberg auf der Minneburg heimführen sollte.


Zweites Kapitel.

Noch in der Nacht nach seiner Rückkehr von Heidelberg machte Herr Bligger seiner edlen Hausfrau Katharina kurze Mitteilung von der Unterredung mit dem Rechtsgelehrten und seiner Absicht, einige befreundete Burgherren aus dem Neckartal zu einer Beratung über gemeinschaftliche Schritte in der Angelegenheit einzuladen; sie möchte sich auf eine gute Bewirtung der ritterlichen Gäste für übermorgen einrichten, im übrigen sich mit ihrer Wißbegierde bis zum nächsten Tage gedulden und ihn jetzt nichts mehr fragen, sondern ihn schlafen lassen.

Am anderen Morgen gleich nach dem Frühmahl ritt Konrad und bald darauf auch Ernst, Bliggers und Katharinas ältester, dreiundzwanzigjähriger Sohn, nach den benachbarten Burgen ab, um dort die Einladungen des Familienoberhauptes auszurichten. Bligger hatte den Sohn nicht eingeweiht, denn in Anbetracht des sehr innigen und vertrauten Verhältnisses, das zwischen diesem und Junker Hans bestand, fürchtete er, Ernst möchte seinem schwärmerisch geliebten Oheim einen Wink geben, infolgedessen Hans bei seinem eigenwilligen Wesen durch irgendein unberechenbares Widerspiel Bliggers Pläne kreuzen, vielleicht ganz vereiteln könnte. Ernst mußte nach dem ihm gewordenen Auftrage glauben, daß es sich um die Verabredung einer größeren, gemeinsamen Fehde handelte, die vorläufig noch in tiefes Geheimnis gehüllt bleiben müßte.

Als die beiden Ehegatten allein waren, nahmen sie das in der Nacht abgebrochene Gespräch wieder auf, und Frau Katharina begann: »Also hat uns der wackere Jude mit seinen Mitteilungen über jenes unerhörte Recht oder Widerrecht doch nicht getäuscht, und wir können ihn wohl heute seines Weges ziehen lassen mit seinem Knaben.«

»Nein, noch nicht!« entgegnete Bligger. »Ich habe schon mit ihm gesprochen, daß er noch hier bleiben soll; denn ich habe so eine dunkle Ahnung, als könnte er uns in unserer Fürsorge für Hans noch gute Dienste leisten, wenn ich auch noch nicht weiß, in welcher Weise.«

»Was sollten das wohl für Dienste sein?« sprach Katharina. »Wenn dir der Heidelberger Doktor nicht raten und helfen konnte, wird es der Sterndeuter erst recht nicht können.«

»Wer weiß, Käthe!« antwortete der Ritter. »So ein alter Schlaufuchs von Hebräer ist mit allen Hunden gehetzt.«

»Gegen den Pfalzgrafen vermag er doch nichts. Oder soll er vielleicht unserem Bruder Hagestolz sagen, was er bei seinem Horoskop herausgerechnet hat?«

»Das Horoskop! ich hab's!« rief Bligger, »der Jude muß Julianen das Horoskop stellen und uns sagen, was er findet!«

»Wem? Julianen? Julianen auf der Minneburg?« frug Katharina höchst erstaunt.

»Freilich! welcher sonst?« erwiderte Bligger. »Das einfachste und sicherste Mittel, diesem nichtsnutzigen Hagestolzenrecht zu entgehen, ist und bleibt, daß Hans heiratet, und nun strenge deinen Witz an, ob du eine andere findest, die er heiraten könnte, als Juliane Rüdt von Kollenberg!«

»Ein tollkühner Gedanke, Bligger!« sagte Katharina lachend, »die Gebieterin der Minneburg sollte sich je dazu verstehen, einem Landschaden von Steinach, einem ihrer bittersten Feinde, die Hand zum Ehebunde zu reichen!«

»Aus bitteren Feinden sind schon manchmal die besten Freunde geworden,« versetzte Bligger. »Und denke doch den Spaß, Käthe, wenn Hans seine alte Liebe, die er damals nur aus Furcht vor der Schwiegermutter nicht geheiratet hat, nun doch noch zur Frau bekäme!«

»O du brauchst gar nicht so weit zurückzugreifen. Es ist vielleicht drei, höchstens vier Jahre her, daß es mir manchmal scheinen wollte, als stünde Hans mit der schönen Juliane auf einem viel vertrauteren Fuße, als ihr seliger, damals noch in gutem Frieden mit euch lebender Zeisolf wissen und ahnen durfte,« bemerkte die Hausfrau.

»Desto besser!« sagte Bligger, »diese Tatsache, wenn es eine ist, und von der ich heute zum ersten Male höre, kann mich in meiner Hoffnung nur bestärken.«

»Was ich andeutete, fiel – ich wiederhole es – in die Zeit vor eurem Streit,« erwiderte Katharina. »Vergiß nicht, was unterdessen geschehen ist, und wie unversöhnlich sich Juliane auch nach Zeisolfs Tode noch uns gegenüber gezeigt hat. Seitdem ist zwischen ihr und Hans alles vorbei, und sie weiß vielleicht gar nicht, daß er schon vor ihrer Verheiratung ein Auge auf sie geworfen hatte.«

»Ist auch nicht nötig. Wenn sich die beiden nur jetzt ein wenig ineinander verlieben oder nach deinen Beobachtungen wieder ineinander verlieben, so bringen wir sie auch noch glücklich unter eine Decke und drehen dem Pfalzgrafen eine so lange Nase,« lachte der Ritter mit einer entsprechenden Handbewegung.

»Wie willst du das anstellen?« frug Katharina. »Hans, der abgesagte Feind der Ehe, und die kluge, stolze Juliane, – lieber Alter, du träumst.«

»Pah! sie ist ein Weib, und ich denke, eines mit recht warmem Blut,« antwortete Bligger. »Glaubst du nicht, daß sie ihr Witwentum sehr gern wieder mit einem freudenreicheren Dasein vertauschte?«

»Lieber heute, als morgen würde sie das tun, das ist kein Zweifel,« mußte Katharina zugestehen, »aber eine Frau Landschad von Steinach wird sie doch nicht, einen so ritterlichen und höchst annehmbaren Gemahl du ihr auch in Bruder Hans an die Seite geben könntest.«

»Das will ich meinen!« sagte Bligger, »Hans ist noch ein Mann wie ein Jüngling trotz seiner neunundvierzig Jahre. Er darf nur nichts merken; ahnungslos muß er in die Falle gehen, in die wir ihn zu seinem eigenen Glücke locken, und den Köder, mit dem wir sie beide fangen, den soll mir der Jude zurecht brauen; er sieht mir ganz danach aus, als wenn er hexen könnte.«

»Ein Liebestrank?«

»Nein, nein, kein Liebestrank! laß mich nur machen!« sagte Bligger, rasch im Zimmer auf- und niederschreitend und seiner Frau wie zur Beschwichtigung mit der Hand winkend, als stiegen ihm allerlei pfiffige Gedanken auf, in denen sie ihn nicht stören sollte. »Wo steckt der Jude?« frug er dann; »ich werde mal ein Wort unter vier Augen mit ihm reden.«

»Ich habe ihm und seinem scheuen Knaben ein behagliches Zimmer gegeben; in der Giebelstube hausen sie,« erwiderte Katharina.

»Hast du recht gemacht,« sagte der Ritter, »verpflege sie gut! Ich wünsche überhaupt, daß ihnen jedermann hier mit mehr Milde und Freundlichkeit begegnet, als man sonst Juden zu erzeigen gewöhnt ist. Und nun denke an morgen, daß du mit deiner Küche Ehre einlegst; du weißt, der Engelhard schlägt auch bei Tische eine scharfe Klinge.«

»Keine Sorge, mein Alter! sollst zufrieden sein,« rief die Frau ihrem hinauseilenden Gatten nach. Als sie aber allein war, sprach sie zu sich: »Also Hans, der Ehehasser, soll heiraten! Es ist eigentlich recht so und nur zu wünschen, daß es gelingt. Ich kann als Frau das Hagestolzenrecht nicht ganz verdammen. Des tüchtigen Mannes Kraft soll das Glück der Liebe schaffen und genießen, statt mit seinem Herzen mehr und mehr in der Welt zu vereinsamen. Wie sagt Bliggers Ahnherr, der Minnesänger?

Des Mannes Stärke wäre gut,
Ließ er zu rechten Dingen sie erscheinen,
Allein es ist manch Einem so zu Mut,
Daß er mit Haß sich kränket und die Seinen.«

Katharina war eine stattliche Erscheinung, kräftig und gesund, mit lebhaften Bewegungen und einem immer noch hübschen, klugen Gesicht, dessen frische Farben durch das früh sich zeigende Silbergrau des Haares an Stirn und Schläfen noch mehr hervorgehoben wurden.

Sie setzte sich an das geöffnete Fenster und blickte sinnend in das sonnenüberglänzte Tal hinab. Der Wald ringsum an den sanften Geländen, auf den Hügeln und Bergen trug sein hellgrünes Frühlingsgewand. Die flinken Wellen des Neckars, dessen Lauf hier einen großen Bogen beschrieb, blinkten und blitzten im Morgenlichte; die Schwalben umkreisten die Burg, Finken und Drosseln schlugen im Gebüsch des steilen Abhanges, und von unten herauf tönte das sehnsuchtsvolle Lied der Nachtigall. Es war ein köstlicher Tag, wie zum Ruhen und Träumen und zum wonnigen Genießen geschaffen. War auch müßiges Träumen Frau Katharinas Sache sonst nicht, konnte sie sich doch dem Zauber dieses seligen Friedens, der über dem ganzen, lieblich schönen Talgebilde ausgebreitet lag, nicht entziehen. Sie atmete mit Entzücken die würzige Luft und blieb noch lange sitzen, den Blick wie verloren in die Ferne gerichtet, die Gedanken in vergangene Zeiten versenkt.

Die Herren auf den Burgen des Neckartals hielten im allgemeinen in guter Eintracht zusammen, besuchten sich gegenseitig mit ihren Frauen und Kindern, gaben sich fröhliche Feste, Tanzreigen und Trinkgelage, Ringelrennen und Speerstechen, störten sich auch nicht in ihrem ritterlichen Gewerbe, halfen sich vielmehr dabei, und war einmal eine besonders reiche Beute gewonnen, so teilten sie auch wohl brüderlich untereinander. Kamen auch hin und wieder zwischen zweien kleine Streitigkeiten vor, bei denen dann leicht recht derbe Worte fielen, sich wohl gar ein paar Klingen kreuzten, so dauerte solch ein Zwist in der Regel nicht lange. Die Unbeteiligten bemühten sich, den Frieden zu vermitteln, und aller Groll wurde mit einem gründlichen Versöhnungstrunk, bei dem auch die einer Versöhnung gar nicht Bedürftigen tapfer mithielten, spurlos hinweggespült. Drohte vollends einem eine Gefahr von einem Gegner außerhalb dieses Kreises, so traten sofort alle für den einen männiglich ein, und wie in einem geschworenen Bunde ließ dann keiner den anderen im Stich. So hatten es die Großväter und Väter gehalten, und so hielten es die jetzt Lebenden miteinander, so daß selbst der Pfalzgraf vor dem kecken Treiben dieser kleinen, aber mächtigen und trotzigen Tafelrunde des Neckartales manchmal ein Auge zudrücken mußte, zumal ihre Mitglieder auch ihm zuweilen in seinen kriegerischen Unternehmungen mit Mann und Roß zu Hilfe kamen und er es schon deshalb nicht gern mit ihnen verderben wollte. Der kurpfälzische Gaugraf, der als Obervogt und Richter des Gaues auf dem Dilsberge saß, hatte nur dem Namen nach, aber nicht in Wirklichkeit etwelche Gewalt über seine Standesgenossen und hielt sich deshalb meist fern von ihnen, womit diese ganz zufrieden waren; denn sie liebten ihn nicht, weil sie wußten, daß er in allen streitigen Fragen ihr Widerpart war und auf der Seite des Fürsten stand.

Leider hatte diese Einmütigkeit unter den Burgherren vor wenig Jahren einen Riß bekommen, der allen Sühneversuchen zum Trotz nicht zu heilen gewesen war. Einem großen Frachtzuge von Kaufmannsgütern, der von Heilbronn nach Heidelberg bestimmt war, hatte Zeisolf Rüdt von Kollenberg auf Zureden seines nächsten Nachbars stromauf, des Ritters Bruno von Bödigheim auf Dauchstein, der den Zug bis Binau gedeckt hatte, sicheres Geleit auf der Landstraße bis Neckargemünd zugesagt und auch tatsächlich mit seinen Knechten übernommen. Das war nichts Ungewöhnliches, wenn es mit Wissen und Willen der übrigen Burgherren geschah und diese von dem sehr hohen Geleitsgelde einen Teil abbekamen. Diesmal aber hatte es Herr Zeisolf versäumt oder nicht der Mühe wert gehalten, seine Nachbarn von dem übernommenen Geleit vorher in Kenntnis zu setzen, und als der Zug trotzdem unangefochten bis in die Gegend zwischen Hirschhorn und Neckarsteinach gelangte, bekamen die Landschaden Wind davon, überfielen ihn mit bewehrter Hand und wollten nun von Deckung und Geleit nichts mehr wissen, wie sie bisher nichts davon gewußt hatten. Sie nannten Rüdts Verfahren unritterlich und bundsbrüchig und warfen ihm vor, er hätte ihnen nur ihren Anteil am Geleitsgelde unterschlagen wollen. Von den immer heftigeren und drohenderen Worten kam es bald zu Schwertstreichen und einem ernsthaften Scharmützel, in welchem der Sieg lange hin und her schwankte, bis Rüdt mit den Seinen von den Landschaden in die Flucht geschlagen und eine gute Strecke lang verfolgt wurde. Der Warenzug war dabei am besten weggekommen. Während sich Angreifer und Beschützer um ihn rauften, fuhr er so schnell wie möglich davon und erreichte ungeplündert Neckargemünd, wo ein starkes Geleit aus Heidelberg seiner wartete.

Einige Tage nach diesem Vorfall erhielten die Landschaden von Steinach Rüdts Absagebrief, den auch Bruno von Bödigheim mit gesiegelt hatte, und aller Mühen ungeachtet, die sich die zwischen den verfeindeten Burgen wohnenden Ritter um die Erhaltung des Friedens gaben, war der Ausbruch der Fehde nicht zu verhindern. Diese ging ihren rauhen Gang und wurde von beiden Seiten mit gleicher Erbitterung geführt. Man lauerte sich gegenseitig im Tale und im Walde auf und lieferte sich kleine Treffen, bei denen oft genug Blut floß; man fiel in die feindlichen Dörfer, steckte sie in Brand und nahm den Bauern Vieh weg; kurz, man suchte sich auf jede Weise mit List und Gewalt Abbruch und Schaden zu tun. Eines Tages aber stießen die beiden gegnerischen Streitkräfte unvermutet in größeren Scharen aufeinander, und es entspann sich ein hitziges Gefecht, aus dem die Landschaden von Steinach wieder als Sieger hervorgingen und den verwundeten Rüdt selber als ihren Gefangenen mit sich führten. Sie sperrten ihn in den festen Turm der Vorderburg und verlangten zweihundert schwere Goldgulden Lösegeld. Als aber Rüdt diese Summe nicht sofort zahlen konnte, mußte er sich nach langwierigen Verhandlungen dazu verstehen, den Gegnern sein Dorf Neunkirchen samt einem großen Walde, der an das Gebiet der Landschaden grenzte, zu verpfänden. Dann erst ließen sie den Besiegten frei, machten Frieden mit ihm und schwuren Urfehde.

Über diesen Verhandlungen während Rüdts Gefangenschaft waren mehrere Monate vergangen, und wenn nun auch die beschworene Urfehde auf beiden Seiten ehrlich gehalten wurde, so mieden sich doch die nur äußerlich Versöhnten fortan und kamen nie wieder in ein freundschaftliches Verhältnis zueinander. Mehr noch als ihr Gatte, faßte Frau Juliane einen bitteren Haß auf die gesamte Familie der Steinachs, und als ein halbes Jahr nach seiner Befreiung Herr Zeisolf das Unglück hatte, bei einem jähen Sturz mit dem Pferde den Hals zu brechen und nun, über dem Grabe des einstigen Genossen, die Steinachs, namentlich die beiden Frauen, den Versuch machten, sich der Witwe wieder in Frieden und Freundschaft zu nähern, wies Juliane diesen Versuch schnöde zurück, und sie und die Familie der Landschaden blieben geschiedene Leute.

Die Herrin der Minneburg war viel jünger als Herrn Bliggers Gattin; höchstens in der Mitte der Dreißiger konnte sie sein, aber Katharina hatte sie seit Jahren nicht gesehen. Vermutlich war sie noch, was sie früher gewesen war: eine schlanke, blühende, überaus lebenslustige Blondine, die gut zu Pferde saß, verführerisch lächeln konnte und sich überhaupt der Macht ihrer Reize allen Männern gegenüber sehr wohl bewußt war, ohne daß man ihr nachsagen konnte, sie hätte diese Macht zum Nachteil ihres guten Rufes gemißbraucht. Sie war ihres Geschlechtes eine Gräfin von Ehrenberg von der Burg gleichen Namens bei Heinsheim oberhalb Gundelsheims am Neckar und hatte ihrem Gatten im Laufe der Zeit drei Kinder geschenkt, von denen aber die beiden jüngsten wieder gestorben waren, so daß ihr nur eine Tochter blieb, die jetzt siebzehn Jahre zählen mußte.

Jetzt war sie schon über zwei Jahre Witwe und hatte sich über ihren Zeisolf längst getröstet. Sie fühlte sich noch jugendlich und hatte, dank einer ihr zugefallenen Erbschaft, über bedeutende Einkünfte zu verfügen, was sie, um jede Anknüpfung eines Verkehrs mit den Steinachs zu vermeiden, dennoch nicht veranlaßte, den immer noch verpfändeten Wald von jenen einzulösen. Wie verlautete, sollte sie mit ihrer Tochter Richilde und deren Freundinnen, von denen stets mehrere bei ihr zum Besuch waren, ein sehr vergnügliches Leben führen, von dem manche kleinen abenteuerlichen Züge zu den Ohren der Nachbarn drangen, so daß die Minneburg ein geheimnisvoller Zauberreiz umgab, der die Neugier herausforderte und den die darüber umlaufenden Gerüchte zu deuten und zu vermehren strebten. Ihren verlockenden Namen verdankte die Burg, die auf dem linken Ufer des Flusses, Neckargerach gegenüber lag, einer halb verklungenen Sage, laut welcher vor Jahrhunderten schon ein ritterlicher Kreuzfahrer in treuer, aber trostloser Minne nach der Rückkehr aus dem gelobten Lande seinem verlorenen Glück an dieser Stelle durch Erbauung der Burg ein bleibendes Denkmal gesetzt haben sollte.

Die Minneburg war ein sehr umfangreicher und sehr fester Bau mit einem äußeren und einem inneren baumbewachsenen Zwinger und von doppelten, gewaltig hohen und dicken Ringmauern umschlossen, deren vorderste von vier runden, in gleichmäßigen Abständen voneinander befindlichen, riesigen Türmen noch verstärkt wurde. Der Hauptturm aber, der mächtigste von allen, war viereckig und erhob sich, an die innere Ringmauer gelehnt, aus dem kühlen, schattigen Burghof hoch und stolz empor. Der Palas war mit einer in die Augen fallenden Pracht aufgeführt. Die Einfassungen der Türen und Fenster waren aus schönem roten Sandstein, vom Steinmetzen kunstvoll gemeißelt und mit wohlgeformtem Stab- und Laubwerk geschmückt. In einem besonderen, an den Palas gefügten Turm befand sich eine schlanke, ebenfalls aus rotem Sandstein meisterhaft gearbeitete Wendeltreppe, die bis zum obersten Geschoß hinaufführte. Am südöstlichen Giebel war ein bis unter das Dach reichender Vorbau, welcher Erker enthielt mit einem sehr großen, durch Säulen geteilten Mittelfenster und zwei kleinen Seitenfenstern. Von diesen Fenstern aus, die in dem Erker des großen Hauptgemaches im ersten Stock besonders reich verziert waren, genoß man eine entzückende Aussicht in das Tal hinab und auf die bewaldeten Berge. Unten floß, langhin übersehbar, der tiefgrüne Neckar, und an sein rechtes Ufer geschmiegt lag das Dorf Neckargerach, auf dessen Dächer man von oben hinabschaute, ein friedevolles, liebliches Bild.

Überaus herrlich war die Lage der Burg, auf der Kuppe eines Bergkegels, von hohen Buchenwipfeln umgeben, ganz im Walde versteckt, so daß man von unten nur die Türme und einige Dächer erblickte. Kam man hinauf, so stand man wie vor einem verwunschenen Schloß, in das eine Zugbrücke und ein spitzbogiges Tor führte. Mauern und Türen waren efeuumsponnen; tiefe Stille und Einsamkeit ringsum, in der die Burg wie eine prächtige steinerne Krone des Berges ragte, märchenhaft, feenhaft, von unbeschreiblicher Poesie und Romantik.

Wenig Fremde gelangten hinein und sehr selten ein Freier um die Hand der schönen Gebieterin, und zumeist wohl deshalb so selten, weil es weit und breit umher keinen ebenbürtigen und im richtigen Altersverhältnis zu ihr stehenden, unverheirateten Mann gab, mit Ausnahme des edlen Junkers Hans Landschad von Steinach, der aber vom Heiraten nichts wissen wollte. Nur einer, Ritter Bruno von Bödigheim auf Dauchstein, auch ein Witwer und Herrn Zeisolfs einstiger Bundesgenosse in der Fehde mit den Landschaden, klopfte zuweilen auf der Minneburg und am Herzen ihrer Herrin schüchtern an, hatte aber bislang noch keine Gnade vor ihren Augen gefunden.

So standen die Dinge, als Herr Bligger den kühnen, unter den obwaltenden Verhältnissen schier aussichtslosen Plan faßte, dieser Frau, die sich seiner ganzen Familie so entschieden abhold und unnahbar zeigte, eine Neigung zu seinem Bruder Hans einzuflößen und außerdem auch noch diesen selbst zur Werbung um die Hand der Dame zu bestimmen. Und dies alles nicht etwa in dem einzigen Wunsche, aus jenen beiden, die ja vortrefflich zueinander passen mochten, ein glückliches Paar zu machen, sondern in erster Reihe, um mit diesem wahren Hexenkunststück dem für den Familienbesitz verderblichen Inkrafttreten des Rechtes der Hagestolze vorzubeugen.


Drittes Kapitel.

Ernst war mit der Fähre über den Neckar gesetzt und ritt den Waldpfad über Schwanheim auf Neunkirchen zu, um sich von hier nach Burg Zwingenberg zu wenden. Er ließ sein Roß im Schritt durch den frühlingsduftigen, taublinkenden Wald gehen, achtete aber nicht auf das fröhliche Blühen und Sprießen rings um ihn her und hörte nicht das Singen und Zwitschern in allen Zweigen. Er war unmutig und fühlte sich verletzt, daß ihm sein gestrenger Herr Vater nicht mehr Vertrauen geschenkt und ihn in den Zweck des erteilten Auftrages nicht eingeweiht hatte, worüber er im Sattel nun nachsann und grübelte. Ihm war gesagt worden, und er sollte es auf Zwingenberg und Stolzeneck mitteilen, daß sein Oheim Konrad heute früh nach Hirschhorn und Eberbach geritten war, um auch dort die Herren zur Beratung nach der Mittelburg einzuladen. Er wußte auch von dem gestrigen Ritt der beiden Brüder, jedoch ohne das Ziel desselben erfahren zu haben. Was bereitete sich denn da vor, das man ihm so geflissentlich zu verheimlichen suchte? er war doch wahrlich alt genug, alles wissen und alles verschweigen zu können! Nun, dessen getröstete er sich, wenn es wirklich zum Schlagen kam, so ließen sie ihn auch mitreiten, wie er schon öfter bei solchen Gelegenheiten mitgeritten war. Diese Hoffnung stimmte ihn wieder heiter, und im Vollgefühl seiner gelenkigen Jugendkraft gab er dem Roß die Sporen und galoppierte den schmalen Waldweg dahin.

Bald hatte er das Dorf Neunkirchen erreicht, und da er, nach dem Stande der Sonne zu schließen, noch viel Zeit übrig hatte, so gelüstete es ihn, ein Stück in den zur Minneburg gehörigen, aber noch immer den Steinachs verpfändeten Wald hineinzureiten. Als wär's der Zauberwald von Brezilian, in welchem Parcival die schöne Herzogin Jeschute fand und mit seinen Küssen aus dem Schlummer weckte, so trieb ihn eine ahnungsvolle Neugier hinein mit dem lebhaften Wunsche, daß auch ihm hier irgendein liebliches Abenteuer begegnen möchte. In gemächlichem Schritt reitend betrachtete er aufmerksam die Buchen und Eichen, als trügen sie hier andere Rinde und andere Blätter und reckten die Äste in anderer Weise zum Nachbar hinüber als in den Waldungen seines Vaters. Auch diese Waldblumen, die hier unter den Büschen blühten, diese bunten Schmetterlinge, die sich auf ihnen wiegten und in den schrägen, das Laub durchbrechenden Sonnenstrahlen hin und wider flatterten, glaubte er noch nirgends sonst gesehen zu haben. Manchmal hielt er sein Pferd an und horchte auf das Lied eines Vogels, der sich in einem Wipfel barg und ganz anders pfiff, als sein Stammverwandter, der bei Neckarsteinach sein Nest hatte. Alles deuchte ihm hier neu und geheimnisvoll wie die Minneburg selber, die sein Fuß seit Jahren nicht betreten hatte.

So lange die Landschaden mit den Rüdts in gutem Frieden lebten, waren sie oft zusammengekommen, und Ernst hatte sich schon früh zu Richilde, Herrn Zeisolfs und Frau Julianens blondlockigem Töchterlein, lebhaft hingezogen gefühlt, hatte mit ihr gespielt und gescherzt, ihr dann, als sie den Kinderschuhen entwachsen war, in jugendlich feuriger Weise den Hof gemacht und sie vor allen anderen Burgfräulein mit tausend kleinen Aufmerksamkeiten, die sie sich gern von ihm gefallen ließ, so augenscheinlich bevorzugt, daß man die beiden schon öfter miteinander geneckt hatte. Dann war die Fehde ausgebrochen, und sie hatten sich nicht wieder gesehen; aber Ernst hatte noch oft an seine junge Freundin gedacht und sich manchmal nach ihrem lieblichen Anblick gesehnt.

Mit der Erinnerung an jene glückliche Zeit war er immer tiefer in den Wald hineingekommen, als plötzlich aus der Ferne ein heller Laut an sein Ohr schlug, der wie eine Menschenstimme klang. Er hielt und lauschte; da hörte er es wieder und deutlicher als zuvor; es schienen mehrere Stimmen zu sein, und wie ein fröhliches Gelächter durchschallte es den schweigenden Forst. Er ritt langsam weiter, dem Klange nach, und als er so nahe heran war, daß er die Stimmen, die ihm von Mädchenlippen zu kommen schienen, zu unterscheiden vermochte und schon einzelne Worte zu verstehen glaubte, stieg er ab, band sein Pferd an einen jungen Baum und schlich vorsichtig zu Fuß dem Schauplatz der den Wald durchdringenden Fröhlichkeit zu.

Im Gebüsch versteckt, genoß er nun eines Anblickes, der ihn mit so großer Verwunderung erfüllte, daß er das Entdeckte für einen holden Spuk zu halten geneigt war.

Mitten in der Krone einer mächtigen Buche sah er ein Mädchen, das sich, wie er aus den gegenseitigen Zurufen von oben und unten schließen mußte, vergeblich bemühte, von dem Baume wieder herunter zu kommen. Zu seinem Ergötzen bemerkte er, wie die kräftige junge Schöne, die in ziemlicher Höhe auf einem starken Zweige bald stand, bald kniete, öfter den einen Fuß nach dem zunächst tieferen Zweige ausstreckte, um eine Stütze daran zu finden, ohne daß ihr dies gelingen wollte.

Ernst hatte in seiner Kindheit viel von Feen erzählen hören. Allein Feen waren doch zauberkundige Wesen, die schweben, fliegen und mit mancherlei Gespannen durch die Lüfte fahren konnten; einer Fee konnte es niemals begegnen, daß sie sich wie ein Junge, der Vogelnester ausnehmen will, in einem Baume verstieg und nun in größter Verlegenheit um das Herunterkommen war. Und der Feenglauben hatte bei Junker Ernst schon längst keinen Grund und Boden mehr; darum zweifelte er auch nicht daran, daß er hier rein menschliche Fräulein vor sich hatte, die zu ihrem Vergnügen in den Bäumen herumkletterten. Zudem kam ihm die Stimme in der Buchenkrone und eine von den beiden unten auf ebener Erde sehr bekannt vor. Er schlich sich in gebückter Stellung noch näher heran, und die drei jungen Baumnymphen waren von der heiterernsten Lage, in der sie sich befanden, so vollkommen in Anspruch genommen, daß sie nichts anderes um sich her sahen und hörten. Da erkannte der Junker in der einen unten am Boden Fräulein Hiltrud von Erbach und in der oben zwischen den Buchenzweigen Fräulein Sidonie von Hirschhorn. »Nun dann wird ja wohl die dritte niemand anders sein als Fräulein Richilde von der Minneburg,« sagte er sich; »o welch ein köstliches Abenteuer!« Er mußte an sich halten, um nicht laut zu lachen und vor Freude hell aufzujauchzen. Aber sofort sah er auch ein, daß er hier etwas Besseres zu tun hatte, als zu lachen: er mußte zu Sidonie hinaufklettern und sie herunterholen.

Auch mit ihr und Hiltrud war er von Kindheit an befreundet, mit Sidonie sogar verwandt und traf mit beiden auf den väterlichen Burgen öfter zusammen. Die erstere war drei, die andere vier Jahr älter als Richilde, die ihm so prächtig aufgeblüht erschien, daß er sie kaum wieder erkannte.

Er trat aus dem Gebüsch heraus und schritt auf die Buche zu, die inmitten einer kleinen Lichtung stand. Als die beiden Mädchen hier ihn erblickten, stießen sie einen Schrei aus und machten eine Bewegung, als wollten sie davonlaufen. Aber Hiltrud hemmte den Schritt und rief: »Ernst! Ernst Landschad! – mein Gott, wie hast du mich erschreckt!«

Ernst grüßte höflich und sprach: »Verzeiht! ich hörte Stimmen im Walde und ging dem Klange nach und – was ist denn das?« unterbrach er sich jäh und zeigte auf etwas am Boden Liegendes, die beiden Mädchen eines nach dem andern mit fragenden, vorwurfsvollen Blicken ansehend.

Da auf dem Boden lag ein toter Reiher und daneben eine Armbrust.

»Ich habe ihn geschossen,« sagte Richilde selbstbewußt.

»Jetzt, in der Brutzeit?« frug Ernst.

Die beiden Mädchen schwiegen. Als er aber Richilden ins Gesicht schaute, die in holder Verwirrung über den nicht verstandenen Sinn der Frage errötete, da fühlte er sich von ihrer jungfräulichen Anmut und Schönheit im tiefsten Herzen ergriffen, und in diesem Augenblick war es ihm nicht möglich, ihr eine Strafpredigt über den zur Unzeit erlegten Reiher zu halten.

In der Buchenkrone war es mäuschenstill, und als Ernst emporblickte, sah er, wie Sidonie auf ihrem Zweige sich an den Stamm schmiegte und im Laube zu verbergen suchte. Er lächelte und sagte: »Und was macht Sidonie da oben auf dem Baume?«

»Der geschossene Reiher blieb beim Fallen in den Zweigen der Buche hängen,« erwiderte Hiltrud, »und da ist Sidonie hinaufgestiegen, um ihn herunter zu holen. Sie hat uns den Vogel herabgeworfen, aber nun –« Sie stockte, als fehlten ihr die rechten Worte.

»Nun gefällt es ihr da oben in dem grünen Laubversteck so gut, daß sie gar nicht wieder herunter will,« half ihr Ernst lachend ein. Die beiden Mädchen blickten sich ängstlich an, er aber rief zum Wipfel hinauf: »Komm nur herunter, Sidonie! ich habe dich schon gesehen.«

Oben blieb alles still, aber es war, als wenn ein Seufzer wie ein leiser Lufthauch durch die Blätter ging. Ernst betrachtete sich die Buche genauer und sann darüber nach, auf welche Weise Sidonie wohl da oben hinauf gekommen sein mochte. Für einen Knaben wäre es ein Leichtes, von einem Mädchen aber bezeugte das Kunststück nicht nur kecken Wagemut, sondern auch Kraft und Geschicklichkeit. Die Zweige des gewaltigen Baumes fingen schon tief unten am Stamme an; trotzdem mußten die beiden Freundinnen Sidonien erst emporgehoben haben, damit es ihr möglich wurde, den untersten Zweig zu erfassen und sich auf ihn zu schwingen. Von dort höher hinauf zu klimmen, war verhältnismäßig leicht, denn die Zweige waren so zahlreich und wuchsen so dicht übereinander, daß man fast wie auf Leitersprossen weiter kommen konnte. Nur dort, wo Sidonie sich jetzt befand, gab es weitere Abstände, die wohl zu überwinden waren, wenn man sie vor sich hatte, die aber für den Rückweg Schwierigkeiten boten. So saß denn die kühne Baumsteigerin dort oben gefangen, wenn ihr von unten nicht Hilfe und Rettung kam.

»Ja, sitzen lassen können wir sie doch da oben nicht,« sagte Ernst. »Da wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich hinauf steige und ihr herab helfe. Sidonie!« rief er hinauf, »soll ich kommen und dich herunter holen?«

»Was frägst du denn noch? Könntest schon längst oben sein!« klang es ungeduldig aus den Zweigen herab.

»Ei, ei, du fürwitzig Vöglein! singst ja ein trutzig Lied da oben im Grünen,« gab er lachend zur Antwort. »Nun müßt ihr mich aber auf euren Armen bis zu dem untersten Zweige hier emporheben, wie ihr es jedenfalls auch mit Sidonie gemacht habt,« wandte er sich zutraulich an die beiden Mädchen neben ihm.

Die blickten erst gegenseitig sich an und dann auf den hochgewachsenen, stämmigen Jugendfreund, als überschlügen sie im stillen, ob ihre Kraft wohl dazu ausreichen würde. Er erriet ihre Gedanken und sagte: »Nun, viel schwerer als Sidonie bin ich auch nicht.«

Aber Hiltrud sprach: »Kannst du denn da nicht allein hinauf? wirst doch springen können?«

»Springen? hm! ich weiß nicht,« entgegnete er, die Entfernung mit den Augen messend, »aber ich denke es mir so lustig, sich einmal von schönen Armen tragen zu lassen. Wollt ihr denn nicht?«

»Ich hätte dir mehr Gelenkigkeit zugetraut,« sagte Hiltrud.

Um ihr zu beweisen, daß sie sich nicht in ihm irrte, erfaßte er mit einem mächtigen Satze den Zweig und schwang sich hinauf. »Sidonie!« rief er dann, »der Befreier naht, die verwunschene Prinzessin zu erlösen, aber ohne ein kräftiges Zaubermittel geht's dabei nicht ab!«

Flink kletterte er durch das Astwerk empor und hatte die Verstrickte bald erreicht, während unten die beiden den Verlauf des Rettungswerkes in herzklopfender Erregtheit abwarteten.

»Guten Morgen, liebe Sidonie!« sagte Ernst zu der Freundin und bot ihr die Hand, in welche sie mit einem halb lustigen, halb verlegenen Lächeln die ihrige legte, sich mit der anderen am Baume haltend. »Schau, schau,« fuhr er gleich fort, sich auf den Ast setzend, auf welchem sie stand, »wie hübsch sich's hier oben wohnt! Was meinst du, wollen wir uns hier ein großes weiches Nest bauen? ich trage alles Nötige herbei, und du hast es bloß zu flechten und auszufüttern.«

»Laß jetzt die Späße,« erwiderte sie, »und hilf mir so schnell wie möglich herab.«

»Nur Geduld! so rasch geht das nicht,« lachte er. »Setze dich mal hier neben mich auf den Ast; du siehst, er trägt uns beide.«

Das war nun freilich leichter gesagt als getan, und sie blickte ihn ängstlich an.

»Nur Mut! stütze Dich auf meine Schulter; ich umfasse dich und lasse dich ganz gewiß nicht herunter fallen, wenigstens nicht allein,« sprach der durchtriebene Schelm.

Mit der einen Hand sich auf seine Schulter stützen, mit der andern sich am Baume festhalten; wie nun die Kleider züchtig zusammenfassen? dazu hatte sie keine dritte Hand verfügbar. Aber was half's? sie mußte es eben machen, wie sie nicht anders konnte, und endlich saß sie, purpurrot im Antlitz, neben ihm und suchte ihre verschobenen Kleider so gut wie möglich zu ordnen.

»So! das ging ja; aber still sitzen mußt du!« rief er, »das Rutschen und Hüpfen und Lüpfen kann der Ast doch am Ende nicht vertragen; ich glaube, er knackt schon.«

»Um Gott!« schrie sie auf, »er wird doch nicht brechen?«

»Ich hoffe nicht,« sprach er ruhig, sie fester an sich drückend, als eigentlich nötig war. »Jetzt wollen wir überlegen, wie wir glücklich auf den nächsten Zweig unter uns kommen.«

»Du bleibst hier sitzen,« meinte sie, »und läßt mich langsam hinab, bis ich Fuß fassen kann.«

»Nein, so geht es nicht,« erwiderte er. »Du bist viel zu schwer, als daß ich dich im Sitzen hinablassen könnte; wie soll ich denn uns beide halten im freien Schweben? Ich muß vorangehen, und du gleitest in meinem Arme langsam an mir herunter.«

»Wirst du mich auch nicht fallen lassen?«

»Unbesorgt! ich halte dich sehr fest!«

So geschah es denn. Er stellte sich auf den niedrigeren Zweig; sie ließ sich von oben in seinen umfangenden Arm hinein und glitt nun, fest an ihren Retter geschmiegt und ihn umklammernd, langsam an ihm hinab, bis sie, immer noch von ihm umschlungen, auf demselben Zweige mit ihm stand.

»Ach!« machte sie Atem holend, »laß uns ein wenig ausruhen, mir ist die Luft vergangen.«

Bald kletterten sie weiter hinab, und von nun an war es ohne Gefahr. Er breitete nur, vor ihr hinabsteigend, die Arme schützend um sie aus, ohne sie noch festzuhalten, und lenkte mit der Hand ihren Fuß auf die rechte Stelle, daß sie nicht fehltrat oder ausglitt, denn die Buchenäste waren rund und glatt. Als sie endlich auf den untersten Zweige saß, stand er schon auf dem Boden. Für sie war es zum Hinabspringen zu hoch; er hielt ihr die Arme entgegen, und sie besann sich nicht lange und sprang lachend hinein. Er fing sie auf und drehte tanzend sich ein paarmal mit ihr rund um, ehe er sie auf ihre eigenen Füße stellte.

»So! gerettet wärst du! was krieg' ich nun?« sprach er.

»Tausend Dank, mein tapferer Befreier!« sagte sie mit hochwallender Brust und glühendem Antlitz. Mehr konnte sie nicht sprechen; sie zitterte an allen Gliedern und mußte sich auf den Rasen setzen. Die beiden Freundinnen setzten sich zu ihr.

»Nun, so will ich die Erinnerung an das lustige Abenteuer als meinen Lohn betrachten,« erwiderte er, sich den drei Huldinnen gegenüber gleichfalls niederlassend.

Da reichte ihm Sidonie die Hand und sprach: »Aber eine Bitte habe ich noch, Ernst! Das Abenteuer bleibt unter uns! nicht wahr? Versprich es mir!«

»Das versteht sich!« erwiderte er mit sanftem Händedruck, »unverbrüchlich gelob' ich's! Das heißt,« fügte er schnell hinzu, »das Abenteuer auf dem Baume! denn über den da habe ich noch ein Wörtlein mit euch dreien zu reden.« Dabei wies er nach dem erlegten Reiher.

Sie blickten ihn fragend an. Er aber fuhr fort: »Ihr habt hier doppelten Jagdfrevel verübt, meine edlen Fräulein! Daß ihr wider alles Waidrecht den Reiher während der Brutzeit geschossen habt, mag euch ungestraft hingehen, weil ihr's vermutlich nicht gewußt habt, daß man die Vögel dann schont.«

»Das haben wir freilich nicht gewußt,« sagte Hiltrud von Erbach, »und mir tut es jetzt leid um das schöne Tier.«

»Mir auch,« stimmte Richilde leise zu.

»Gut, das will ich gern annehmen,« sprach er. »Aber weiter! Ihr habt hier in einem fremden Forste gejagt, in welchem euch der Wildbann nicht zusteht. Dieser Wald gehört meinem Vater und dessen Brüdern. Wußtet ihr das vielleicht auch nicht?« Er richtete die Frage zumeist an Richilde, die er dabei streng anzublicken versuchte. Allein in seinen Augen funkelte etwas Schalkhaftes, und seinen Ton durchzitterte ein ganz anderes Gefühl, als Unmut und richterliche Strenge.

»Darin irrt Ihr Euch, Junker Ernst!« fuhr Richilde nun auf. »Dieser Wald gehört zur Minneburg und ist den Herren von Steinach nur verpfändet, und vom Wildbann wissen wir nichts. Wir kamen her, um Eichhörnchen zu schießen, die den Singvögeln die Nester zerstören. Da sahen wir in der Buche hier einen Reiher sitzen, und ich schoß den Vogel, weil ich seine schönen, weißen Federn liebe.«

»Das glaub' ich Euch, Fräulein! ich liebe sie auch,« entgegnete er. »Aber wer sich mit der Armbrust auf fremdem Jagdgebiet betreten läßt, ist schwerer Buße verfallen.«

»Ei so gebt uns doch den Wald wieder heraus!« rief sie. »Wir hätten ihn schon längst gern wieder eingelöst; das ist ein Lieblingswunsch meiner Mutter, den sie schon oft gegen mich geäußert hat.«

»So? hat sie das wirklich?« sprach er nachdenklich. »Nun, dazu kann ja wohl Rat werden; aber so lange dieser Wunsch Eurer edlen Mutter nicht erfüllt ist, so lange ist es Jagdfrevel, wenn Ihr hier etwas schießt, und ich muß Euch dafür in Pfand nehmen.«

»Aber Ernst!« sagte Sidonie, »ein Reiher ist doch kein Hirsch von zwanzig Enden.«

»Freilich nicht,« erwiderte er, »ein Reiher ist aber auch ein jagdbar Tier, und ich will ja Fräulein Richilde nicht gleich die Hand abhauen, mit der sie die Armbrust spannte, aber ein Pfand muß sie mir geben zum Zeugnis des Ertapptseins oder auch nur zum freundlichen Gedächtnis an diese Stunde.«

»Und wenn ich mich dessen weigere?« frug Richilde neckisch.

»Dann nehme ich Euch die Armbrust fort,« lächelte er; aber er merkte schon, daß sie gar nicht abgeneigt war, sein Begehr zu erfüllen. Der mannhafte Junker mit dem freimütigen Ausdruck in den wohlgeformten Zügen, der ihre Freundin Sidonie auf so ritterliche Weise aus einer peinlichen Lage befreit hatte, gefiel ihr noch weit mehr als der halbwüchsige Jüngling früherer Jahre, der mit ihr getändelt und ihr gehuldigt hatte, und dem ihr junges Herz schon damals heimlich entgegenschlug. Aber seit dem Ausbruch des Streites zwischen ihren und seinen Eltern war er ihr aus den Augen gekommen, wie sie ihm, und nun wagten sie beide nicht, sich noch Du zu nennen, wie sie es früher getan hatten. Dies bedauerte Richilde im stillen und beneidete ihre Freundinnen, die mit dem Gespielen auf so vertraulichem Fuße geblieben waren.

Sie griff in die Tasche, die ihr am Kleide hing, und holte einen blinkenden Gegenstand daraus hervor. »Wollt Ihr diese Rinke haben?« lächelte sie, »für meinen Gürtel ist sie etwas zu breit; für den Eurigen wird sie gerade passen.« Es war eine kostbare Schnalle von Silber, mit Rubinen besetzt.

Dankend nahm er das Kleinod aus ihrer Hand. »Zu Eurem Angedenken werde ich sie tragen und stets in Ehren halten, Fräulein Richilde!« sprach er hocherfreut.

Jetzt erhob sich Sidonie, schritt zu dem toten Reiher, zog ihm drei seiner langen, glänzend weißen Rückenfedern aus und sagte: »Gib mir einmal deinen Hut, Ernst!« Er gab ihn ihr, und sie befestigte den stolzen Federschmuck daran. »So! da hast du auch ein Andenken an mich! Richilde hat den Reiher zwar geschossen, aber ich habe ihn doch aus dem Baume heruntergeholt, und nachher hast du mich wieder heruntergeholt; das sei dir unvergessen!«

Auch ihr dankte er für die prunkende Zier an seinem Hute. »Aber nun ist es hohe Zeit, daß ich Urlaub nehme,« sprach er dann; »ich muß noch zu deinem Vater, Sidonie. Soll ich deine Frau Großmutter von dir grüßen? – Sidonie, wenn die dich vorhin in der Buche gesehen hätte!«

»Entsetzlicher Gedanke!« lachte sie. »Spare den Gruß lieber und sage ihr nichts von unserer Begegnung.«

»Wollt Ihr zu Fuß nach Zwingenberg?« frug Richilde.

»Nein, Fräulein,« erwiderte er. »Nicht weit von hier band ich mein Rößlein an einen Baum, als ich eure Stimmen hörte und mich überzeugen wollte, was hier in unserem – in Eurem,« verbesserte er sich lächelnd – »Walde spukte.«

»Mußtet Ihr denn dazu vom Pferde steigen?« bemerkte sie schelmisch.

»Ich wollte die munteren, jauchzenden Wesen in ihren versteckten Freuden beschleichen und beobachten,« erwiderte er, »denn ich dachte, es wären Waldnymphen, die sich heimlich hier – tummelten!«

»Die Waldnymphen werden dich jetzt zu deinem Rosse geleiten; kommt!« rief Hiltrud.

Sie machten sich, von ihm geführt, auf den Weg und gingen fröhlich plaudernd im Walde dahin. Hiltrud bückte sich öfter nach einer Blume, band ein Sträußchen und steckte es dem Jugendfreunde eigenhändig vorn an das Wams. »Damit du auch von mir nicht leer ausgehst!« sagte sie; »wenn sie verwelkt sind, wirf sie weg!«

»Werde mich hüten! – da steht ja mein Brauner!« rief er, als er seines Pferdes ansichtig wurde.

Sie schritten darauf zu, und während er den Zügel vom Baume löste, umstanden es die Mädchen, betrachteten es wie mit Kenneraugen und lobten und streichelten das mutige Tier. Richilde klopfte ihm zärtlich den Hals und wandte fortan den Blick nicht mehr von Ernst, als er sich aufgeschwungen hatte und mit ritterlichem Anstand im Sattel saß. Er reichte mit freundlichen Abschiedsworten jeder die Hand, zuletzt Richilden, die er dafür desto länger festhielt. Dann ritt er grüßend ab und war bald hinter Busch und Baum den Blicken der Nachschauenden entschwunden.

Die Mädchen begaben sich zu der Buche zurück, und sich die Armbrust am Riemen über den Rücken hängend sagte Richilde: »Laßt uns nach Hause gehen, daß wir die Mittagszeit nicht versäumen.«

Hiltrud nahm den Reiher, und so gingen sie in der Richtung, wo die Minneburg lag.

Richilde war unterwegs wortkarg und in sich gekehrt, aber schwerlich fühlte sie Reue über den verübten Jagdfrevel, denn sie lächelte zuweilen still und verstohlen.

Auch Ernst kam während seines einsamen Rittes das ergötzliche Abenteuer mit den drei schönen Burgfräulein nicht aus dem Sinn, und er pries den Einfall, Frau Julianens verpfändeten Wald zu besuchen, als einen sehr glücklichen. Auch er gedachte noch einmal der lustigen Einzelheiten bei seinem Rettungswerke in der großen Buche, das mit der schlank gewachsenen, aber voll und kräftig gebauten Sidonie wahrlich kein leichtes Stück gewesen war. Am lebendigsten aber stand ihm Richildens holdselige Erscheinung vor Augen; wiederholt rief er sich die wenigen Worte, die sie zu ihm gesprochen, in das Gedächtnis zurück und beklagte das Zerwürfnis ihrer Mutter mit seiner Familie, das allen Verkehr unter ihnen abgeschnitten hatte, und dem er, wenn er könnte, gern ein versöhnendes Ende machte.

Kurz vor Mittag traf er auf Burg Zwingenberg ein und richtete seine Botschaft an Herrn Engelhard von Hirschhorn aus, konnte ihm aber über den Zweck der gemeinsamen Beratung keine Auskunft geben.

»Ja, was geht denn bei euch vor?« frug Herr Engelhard, »sollen wir in Wehr und Waffen kommen, gerüstet und schlagfertig?«

»Weiß ich auch nicht!« gab Ernst, verdrossen über seinen unverschuldeten Mangel an Kenntnis der Sachlage, dem Ritter zur Antwort.

Bei dem Mittagsmahle der Familie an welchem Ernst auf die Einladung seiner Wirte teilnahm, kam das Gespräch auch auf Sidonie. Ihre Großmutter, Frau Margarete von Handschuchsheim, frug Herrn Engelhard mit spitzem Tone, wobei sich die Falten ihres bleichen, scharf geschnittenen Gesichts zwischen den Augenbrauen und an den Nasenflügeln merklich vertieften, wie lange er seine Tochter noch auf der Minneburg zu lassen gedächte.

»So lange es ihr dort gefällt,« gab Engelhard seiner Schwiegermutter kurz und bestimmt zur Antwort.

»Da werden wir sie wohl etwas verwildert wiederbekommen,« bemerkte die Dame mit herausfordernder Miene.

»Wieso, Frau Schwieger?«

»Nun, man weiß ja, wie es auf der Burg der Minne bei den lustigen Damen, die dort hausen, zugeht.«

»Was wißt Ihr davon?« frug Engelhard gereizt.

»Gesehen hab' ich's nicht, aber desto mehr davon gehört, mit welch übermütigen Ergötzungen sie sich die Zeit vertreiben,« erwiderte sie.

»Wollt Ihr denn niemals der Jugend ihr Recht gönnen?« fuhr er barsch heraus.

»Ihr Recht!« wiederholte sie mit einem stechenden Blick, »Ihr wißt wohl, Herr Sohn, daß unsere Meinungen über Recht und Unrecht weit auseinander gehen.«

»Gott sei gelobt, ja, das tun sie!« lachte der Ritter, »und meine Tochter ist nicht dazu angelegt, eine Nonne zu werden.«

»Aber Zucht und Sitte muß sie lernen,« eiferte Frau Margarete mit steigender Heftigkeit, »und die werde ich ihr beibringen, wenn es kein anderer tut und sie just nicht das beste Beispiel vor Augen hat.«

»Meint Ihr damit mich oder Julianen?« frug er mit behaglichem Spott.

»Nehmt's nach Belieben, Herr Sohn!« entgegnete sie wegwerfend.

»So will ich Euch sagen, Frau Schwieger,« brauste der Ritter auf, »daß ich meine Kinder auch nach meinem Belieben erziehe und nicht nach dem Euren. Und wenn die Mädchen auf der Minneburg den ganzen Tag von früh bis spät singen und springen, reiten, schießen und fechten und meinetwegen auf die Bäume klettern und sich die Kirschen selber pflücken, – mir soll's recht sein. Was sagst du, Ernst?« wandte er sich zu diesem, »möchtest du einmal eine Frau haben, die besser spinnen als reiten kann? Dazu rate ich dir nicht; lieber zu toll, als zu fromm!«

»Tugendhafte Grundsätze!« bemerkte Margarete mit einem höhnischen Zug um den Mund.

Ernst hätte fast laut aufgelacht, als der Ritter von ›auf die Bäume klettern‹ sprach; aber er faßte sich und erwiderte höflich: »Lieber Oheim, du bist mir in allen ritterlichen Dingen ein so treffliches Vorbild, daß ich mich stets bemühen werde, deinem guten Rate zu folgen.«

Ein böser Blick Margaretens strafte ihn für diese Kühnheit. Aber Engelhard klopfte ihn auf die Schulter und fügte: »Recht so, mein Flaumbart! dabei wirst du allezeit gut fahren!«

Frau Anna, des Ritters Gemahlin, der das Wortgefecht zwischen diesem und ihrer herrschsüchtigen Mutter in Ernsts Gegenwart außerordentlich peinlich gewesen war, benutzte den Abschluß desselben, die Unterhaltung auf einen anderen Gegenstand zu lenken, was ihr auch unschwer gelang. Bald darauf erhob man sich vom Tische, und nach einem kurzen Verweilen noch empfahl sich Ernst.

Er ritt nach der Burg Stolzeneck, traf aber hier Herrn Albrecht von Erlickheim nicht zu Hause und erfuhr, daß dieser auch morgen noch nicht zurück sein würde und daher an der Zusammenkunft auf der Mittelburg nicht teilnehmen könnte. Ernst machte sich ohne Verzug auf den Heimweg und war gegen Abend wieder auf der väterlichen Burg, sehr befriedigt von dem Verlauf dieses Tages.

Als er seinem Vater von dem, was er ausgerichtet hatte, Mitteilung machte, sah Frau Katharina die Reiherfedern am Hute des Sohnes und frug nach deren Herkunft. Da erzählte er seine Begegnung mit den drei Fräulein in Frau Julianens verpfändetem Walde; doch von seiner Befreiung Sidoniens aus der Buchenkrone sagte er natürlich kein Wort.

»Einen Reiher in der Brutzeit geschossen und noch dazu in unserem Wildbann!?« äußerte sich Bligger sehr erstaunt, »das ist ja wider alles Waidrecht!«

»Das hielt ich ihnen auch vor,« sprach Ernst.

»Nun, und was sagten sie dagegen zu ihrer Entschuldigung?«

»Fräulein Richilde sagte, wir sollten ihnen doch den Wald wieder herausgeben, sie wollten ihn gern einlösen, denn das wäre schon längst ein Lieblingswunsch ihrer Mutter,« erwiderte Ernst.

»So, so! den Wald wieder einlösen – ein Lieblingswunsch Julianens,« wiederholte Bligger und warf seiner Frau einen bedeutungsvollen Blick zu.

»Ließe sich denn das nicht ins Werk richten, Vater, damit der Zwist endlich in Frieden beigelegt wird?« brachte Ernst bescheiden hervor.

»Meinst du?« sagte Bligger. »Hast du dem Mädchen vielleicht schon Hoffnung darauf gemacht?«

»Wie sollt' ich wohl! weiß ich doch, wie ihr mit Frau Juliane steht,« gab Ernst schwermütig zur Antwort.

»Wie sieht denn Richilde jetzt aus?« frug Katharina, »hat sich das Knösplein in den Jahren hübsch entfaltet?«

»O Mutter! wie eine Rose ist sie aufgeblüht, schön und herrlich; es ist eine wahre Lust, sie nur anzusehen,« sprach Ernst begeistert und mit blitzenden Augen.

»Was du sagst!« lächelte die hochaufhorchende Mutter, und wieder wechselten die beiden Gatten einen Blick des Verständnisses untereinander.

»Und sie war es, die den Reiher geschossen hat?« forschte Bligger noch einmal.

»Sie selbst! und gut getroffen! mitten in der Brust stak der Pfeil,« erwiderte Ernst so stolz, als hätte er den guten Schuß getan. »Ich habe auch ein Handmal von ihr; hier diese Rinke habe ich ihr abgepfändet zum Zeichen, daß ich sie auf handhafter Tat erwischte.« Und er zeigte den Eltern die silberne Gürtelschnalle, die beide wohlgefällig betrachteten.

»Ist der Waldblumenstrauß auch von ihr?« frug die Mutter.

»Nein, der ist von Hiltrud, und die Federn steckte mir Sidonie an den Hut.«

»Hast dich ja gut vorgesehen mit allerlei Beweisstücken und zärtlichen Andenken,« neckte der Vater.

Ernst wurde verlegen und wußte nichts zu antworten, was den Eltern nicht entging. Bald nahm er eine Gelegenheit wahr, sich aus dem Gemach zu entfernen.

»Was sagst du nun, Käthe?« frohlockte der Ritter, als die beiden allein waren. »Der Junge scheint bis über die Ohren verliebt in Richilde; das ist eine Brücke für Hans. Und Juliane will den Wald wieder haben; da schlagen wir unsern Haken ein, besser kann's gar nicht anfangen. Wasser auf unsere Mühle, Käthe!«

»Das Hans bald genug abdämmen wird,« erwiderte die Burgfrau.

Jetzt traten ihre zwei jungen Töchter in das Gemach und verhinderten durch ihre Anwesenheit die Fortsetzung des Gesprächs. –

Der Empfang, den die drei Fräulein nach ihrer Rückkehr auf die Minneburg bei Frau Juliane fanden, war kein freundlicher, als Richilde ihrer Mutter von dem Zusammentreffen mit dem Junker Ernst Landschad erzählte und ihr auch nicht verschwieg, daß sie ihm zur Buße für den von ihm behaupteten Jagdfrevel eine edelsteinbesetzte Gürtelschnalle gegeben habe.

Juliane machte ihrer Tochter Vorwürfe, daß sie sich in eine Unterhaltung mit Ernst eingelassen hatte, und war über die Forderung und die Überantwortung eines Pfandes, was die Mädchen als einen beiderseits harmlosen Scherz darzustellen suchten, sehr ungehalten.

»Auf die paar edlen Steine kommt es nicht an, aber unedel war das Verfahren des Junkers, euch für einen armseligen Reiher zu strafen,« sprach sie entrüstet. »Freilich,« fügte sie bitter hinzu, »was läßt sich von einem Landschaden Besseres erwarten!«

»Mutter, er war höflich und ritterlich,« wagte die Tochter schüchtern einzuwenden.

»Ritterlich! die Ritterlichkeit kenne ich, wenn er sie von seinem Vater gelernt hat!« höhnte Juliane. »Laß mich nie wieder erfahren, daß du ein Wort mit einem Landschaden gesprochen hast!«

Das Mittagsmahl auf der Minneburg verlief heute, gegen die sonst herrschende Gewohnheit, in ziemlich gedrückter Stimmung; besonders Richilde ließ das Köpfchen hängen wie eine Blume nach einer frostigen Maiennacht.


Viertes Kapitel.

Als in der Morgenfrühe des nächsten Tages Frau Katharina merkte, daß auch der neben ihr ruhende Gatte aus dem Schlummer erwacht war, sagte sie zu ihm: »Bligger, wie soll das heute mit Ernst werden, wenn deine Freunde zur Beratung kommen? Ich billige die Vorsicht, ihn in deine Pläne nicht einzuweihen, aber du kannst ihn aus eurem Kreise nicht ausschließen, ohne ihn aufs neue zu kränken, wie du es gestern schon damit getan hast, daß du ihn über den Zweck der Einladung, die er zu überbringen hatte, nicht aufklärtest.«

»Hab' ich alles schon bedacht,« erwiderte Bligger, »Ernst wird den ganzen Tag von Hause abwesend sein. Isaak Zachäus, unser Sterngucker, begibt sich heute nach der Minneburg, um Juliane das Horoskop zu stellen; sein Sohn aber bleibt hier, bis der Alte wiederkommt und uns über den Ausfall des Horoskops« – hier lächelte der Ritter verschmitzt, was aber seine Frau nicht bemerkte, weil sie das Gesicht des Sprechenden nicht sah – »und über den Eindruck desselben auf Juliane Bescheid sagt, die natürlich nicht ahnen darf, daß Zachäus von uns kommt oder auch nur bei uns gewesen ist. Ernst wird den Juden samt seinem Sohne begleiten, ihm bis Neunkirchen den Weg zeigen, dort aber mit dem Jüngling umkehren und erst am Abend hier wieder mit ihm eintreffen. Der Jude, heißt es für Ernst, hat ein Geschäft in Mosbach. Bist du nun zufrieden, Käthe?«

»Alles ganz gut,« entgegnete die Frau, »aber wird der Jude schweigen? gegen Ernst sowohl wie gegen Juliane?«

»Dafür ist gesorgt! ich habe ihn gestern abend noch einmal ins Gebet genommen, und er weiß nun alles, was er zu wissen nötig hat. Macht er seine Sache gut, so lohn' ich's ihm reichlich; verrät er mich, und ich komme dahinter, so wird es ihm übel ergehen. Darum behalte ich zu meiner Sicherheit seinen Knaben als Geißel, und ich habe aus der Bedeutung dieser Maßregel dem Alten gegenüber durchaus kein Hehl gemacht.«

»Nun, Gott gebe seinen Segen, daß das alles zu einem guten Ende führt!« sagte die Burgfrau.

»Amen!« lachte Bligger, »wollen's hoffen, Käthe!«

Als der Ritter bald nach diesem Bettgespräch seinem Sohne den Auftrag erteilte, dem Juden Isaak Zachäus als Wegweiser nach Neunkirchen zu dienen, erhielt er von Ernst die Antwort: »Du willst mich hier los sein, Vater! womit habe ich solches Mißtrauen verdient?«

»Es ist kein Mißtrauen, mein Sohn, weshalb ich dich von unserer Beratung fern halte,« erwiderte Bligger, »aber es handelt sich dabei um Dinge, an denen deiner Jugend noch kein Anteil zukommt. Jetzt frage nicht weiter, sondern macht, daß ihr fortkommt! und ohne Groll, Ernst! ohne Groll! es ging diesmal nicht anders.« Damit bot er dem Sohne die Hand, die dieser, getröstet durch des Vaters freundliche Worte, herzlich drückte. »Am Abend erwarte ich dich mit Joseph zurück,« sprach Herr Bligger weiter; »du bringst den Jungen unter allen Umständen wieder mit!«

»Verlaß dich darauf, Vater!«

»Ich gedenke die Juden noch längere Zeit hier zu behalten, was du übrigens keinem von beiden zu sagen brauchst,« ergänzte Bligger die Unterweisung seines Sohnes.

Darauf schieden sie im besten Einvernehmen, und Ernst machte sich bald darauf heiter und wohlgemut mit Isaak und Joseph zu Fuß auf denselben Weg, den er gestern zu Pferde zurückgelegt hatte. –

Im Laufe des Vormittags trafen die befreundeten Ritter von ihren Burgen, einer nach dem anderen, auf der Mittelburg ein, wo sich inzwischen auch Bliggers Bruder Konrad eingefunden hatte. Den älteren der beiden Brüder Hirschhorn, Otto, auf der Burg gleichen Namens, und den Schenk von Erbach auf Eberbach hatte Konrad bei seinem gestrigen Besuche schon über den Gegenstand der Beratung unterrichtet, dabei jedoch von der Absicht einer Verbindung Hansens mit Juliane nichts erwähnt. Engelhard von Hirschhorn, der von Burg Zwingenberg her den weitesten Weg hatte und daher als letzter kam, wußte dagegen noch nichts und wurde nun erst von Bligger in die Sachlage eingeweiht. Gegen die ihm zuteil werdende Aufklärung über ein ihm bisher unbekanntes Gesetz, genannt »das Recht der Hagestolze«, verhielt er sich zunächst ungläubig und ablehnend. Als ihm der Freund aber jeden Zweifel dadurch benahm, daß er ihm seine Unterredung mit dem Magister und Doctor juris in Heidelberg mitteilte und nun die Nutzanwendung auf seinen Bruder Hans hinzufügte, war Engelhards erste, allerdings sehr naheliegende Erwiderung, daß er lachend ausrief: »Nun, so muß Hans heiraten! Das ist doch einfach genug!«

»So klug sind wir auch,« versetzte Bligger; »nur daß die Sache doch nicht so einfach ist, wie sie dir im Augenblick scheint. Hans will nicht heiraten.«

»Hat er das jetzt noch erklärt, nachdem er von dem Recht der Hagestolze Kenntnis erhalten hat?« frug Engelhard.

»Nein, davon weiß er überhaupt noch nichts,« erwiderte Bligger, »denn er sitzt wieder bei seinen lieben Mönchen in Sinsheim, und erst nach seinem Fortreiten habe ich selber von jenem Rechte gehört.«

»Aber wenn er wiederkommt und ihr ihm den Handel vorstellt, wird er doch ein billiges Einsehen haben, daß er muß, es sei ihm lieb oder leid,« sprach Engelhard.