Elsbeth von Küssaberg
das Gotteli von St. Agnesen
Ein episches Gedicht
aus dem Kletgau
von
K. Fr. Würtenberger.
Mit Illustrationen.
St. Petersburg.
Buchdruckerei für Kaiserl. Russische Staatspapiere.
1889.
Alle Rechte vorbehalten.
Die Illustrationen sind mit Genehmigung der Censur-Behörde gedruckt.
St.-Petersburg, den 14. December 1888.
Meiner herzlieben Heimat
zum freundlichen Andenken.
Erstes Kapitel.
Da, wo am Rhein, in Badens herrlichen Gefilden,
Zu Schutz und Trutz von edeln Herrn erbaut,
Ein weithin sichtbar Wahrzeichen des Kletgau’s,
Die Küssaburg von stolzer Höhe schaut;
Vom Tann’ bekränzt, von Eppich übersponnen —
Da sprudelt dieses Sanges frischer Bronnen. —
Noch heute, eines Weihenpaares Horst und Veste,
Ragt hoch, vom Bergfried wohl, ein Mauerrest;
Nach Moder dünstende, verschüttete Gewölbe
Gewähren scheuem Wild ein sicher Nest.
Wo einst das Palas stand, sind Trümmerhaufen,
Durch deren Wirrniß bunte Käfer laufen.
Mitleidig deckt die blitzzerspellten Thurmruinen,
Ein hundert Jahre alter Epheukranz,
Der, Wurzel treibend zwischen Kalkstein-Quadern,
Ihr Grau umzieht mit dunkelgrünem Glanz;
Auf schwachen Spuren längst zerfallner Zinnen,
Sonnt sich das Echslein, weben braune Spinnen.
Den weiten Zwingolf füllt Gestrüppe; Brombeerranken
Verwehren neidisch des Besuchers Fuß
Den Pfad zu würzig-duft’gen Königskerzen,
Die weithin winken ihren goldnen Gruß.
Um Baum und Busch wogt summendes Gewimmel
Und blau, durch Fensterscharten, schaut der Himmel.
Tiefernstes Schweigen waltet, heil’ge Ruh hier oben,
Und wenn zu Zeiten mal den öden Raum
Ein Mensch betritt, will’s ihn gemahnen,
Als schlief hier alles längst in schwerem Traum; —
Von dem selbst Thor und Umzug bang befangen,
Die beide noch mit festen Mauern prangen.
So liegt die Stätte heute stille und verlassen,
Wo einst im Kampfe Waffenlärm getost.
Ein heimlich Scheuen nimmt den Sinn gefangen
Und, wenn ein Lüftlein mit den Blättern kost
Ist es, als tönte Flüstern in den Räumen,
Verlockend, am helllichten Tag zu träumen. —
Und wirklich, sieh! Dem Blick erstehen Thurm und Zinnen.
Hoch überm Thore prangt das Wappenschild
Der alten Küssaberger steingemeißelt;
Sie führten eines Löwen Haupt als Bild.
In braungetäfelten Gemächern waltet
Des Hauses Tochter, die als Herrin schaltet.
Was weiter, Traum berückt, ich schaute und vernommen,
Es will nicht weichen mehr mir aus dem Sinn.
Muß immerdar der holden Herrin denken,
So oft ich hier, wo einst sie lebte, bin;
Des Frauenbildes, das, vor grauen Jahren,
Der Liebe Lust und Leid gar reich erfahren.
Doch, laßt mich schlicht erzählen, wie sich Alles fügte
Und was es war, das mich zum Singen zwang.
Der leise Wunsch, dem Schutze deutscher Dichtung
Mein Küssaburg zu weihen im Gesang,
Will ohnehin mir nimmer Ruhe lassen;
Die Kunst ist nur, geziemend mich zu fassen. —
* * *
Im kühlen Schatten der Ruinen saß ich sinnend
An einem Julitage, wie gewohnt,
Hinunter auf die Rebenhänge blickend,
Die, gnädig mal vom Maienfrost verschont,
In jenem Jahre uns ein Weinlein brachten,
Von dem noch jeder Tropfen hoch zu achten.
So recht von Herzen mich des reichen Segens freuend,
Den Gott hier reifen ließ im Sonnenschein,
Erhoben sich die Blicke mälig höher,
Weit über waldgekrönte Hügelreihn,
Bis wo, als ob im Duste sie verblauten,
Gleich Silberburgen sich die Alpen bauten.
Die Stolzen zeigten sich dem froh entzückten Blicke
In selten klarem, wundervollem Glanz;
Vom Säntis an weithin zum fernen Montblanc —
Zog schimmernd ihr krystallner, prächt’ger Kranz.
Es war, als schmückte den uralten Firnen
Ein glitzernd Diadem die weißen Stirnen.
Gen Abend aber setzte, Riesen-Firsten gleich, der Jura
In dunkeln Zacken sich zum Schwarzwald fort,
Und sonnbeglastet, von der Wasserfluehe
Bis hoch zum Randen, ruhte Ort an Ort.
Im Osten, wo des Hegau’s Höhen blauen,
War selbst ein Streiflein noch vom „Twiel” zu schauen.
Thalnieder endlich zog der alte Vater Rhenus
Ein blinkend Band um heitrer Hügel Fuß
Und links ob Zurzach aus Helvetiens Gauen,
Bot Schwester Habsburg fernher ihren Gruß. —
Die Dörflein rings, die Städtlein, Au’n, Gefilde,
Sie reihten alle sich zum schönsten Bilde!
Es ward dem Herzen leicht, ob dieses hehren Anblicks;
In vollen Zügen trank ich Waldesduft,
Vom tiefsten Frieden wonniglich umfächelt.
Wer freut sich nicht in Gottes freier Luft,
Wenn uns, daß Leib und Seele frisch genesen,
Ein Plätzlein ist, wie dieses, auserlesen! —
Wer auch die ersten Siedler dieser Stätte waren,
Sie bauten nicht zu Schutz und Trutz allein;
Im Busen mochten sie ein Gleiches fühlen
Wie unsereines hier im Sonnenschein.
Es waren darum gar nicht schlecht berathen,
Die einst dahier sich häuslich niederthaten.
Von woher kamen sie? Zu welcher Zeit? Weß’ Stammes?
Hat Steinbeil oder Erz gefällt den Tann?
That’s Feuer oder Eisen? War’s der Kelte,
Dem dann der Römer folgt’, der Alemann? —
So dachte ich und ließ die Zeit verrinnen,
Den Blick gerichtet auf der Alpen Zinnen. —
Da kam mir vor, als hört’ ich rasseln, wie von Ketten;
Ein mächtig Thor erhob sich vor dem Blick.
Ich sah die Brücke von der Windberg’ schwanken,
Die schweren Bohlen dran, wie Bäume dick;
Auch riefen Stimmen, welche hastig trieben,
Den Balken, so das Thor schloß, wegzuschieben. — —
Zum Himmel schier sah man zwei graue Thürme ragen,
In deren Fenstern Laden anstatt Glas,
— Die tiefen Nischen sind noch jetzt zu schauen,
Wenn überwuchert auch von Strauch und Gras, —
Den Thürmen seitwärts stand ein Mägdegaden,
Das Bretterdach mit Steinen schwer beladen.
Aus Römer Fundament erhob sich stolz der Bergfried,
Wie üblich seines Herren Wohngemach
In sichrer Höhe bergend, von wo weiter
Der Wendeltreppe leichtes Holzgefach
Zur Laube führte, die den Thurm umspannte,
Da sich des Wärtels Blick zum „Auslueg” wandte.
Im Erdgeschoß’ zunächst dem Thurme lag die Halle,
Ein rauchgeschwärzter Raum mit Tisch und Bank,
In welcher fahrendem Gesind zuweilen
Man Obdach bot und Speis’ und Trank.
Ein dunkler Gang von nur zwei Schritten Breite,
Schied ab die Herdstatt von des Palas Seite.
Rechts vorne, nah dem Bergfried, war der Rad-Ziehbrunnen
Viel hundert Fuß im Berge abgeteuft;
Es heißt vom Brunnen, daß sein Wasserspiegel
Im gleichen Strich mit dem des Rheines läuft.
Die Schloßkapelle, um auch sie zu nennen,
Stand dicht daneben, leichtlich zu erkennen.
Des Weitern gab es dann noch Raum für Troß und Rosse;
Denn wo die Zingeln an das Thor gelehnt,
Den Weg verengen läßt zu beiden Seiten,
War, bei der Schmiede, stattlich ausgedehnt,
Der Stall und die Gelasse für die Leute,
Ein Falkenhaus und eines für die Meute.
So sah des Geistes Aug’ den alten Schloßbau ragen.
Er liegt gebrochen, Niemand kennt ihn mehr,
Graf Rudolf, aus dem Hause Sulz, verbaute
Im Bauernkriege ihn zu Schutz und Wehr;
Doch, auch des Grafen Arbeit liegt in Trümmern,
Mag sich kein Mensch viel um die Steine kümmern! — —
Als auf der andern Seite jetzt die Brücke fest lag
Da nahte ihr gemach ein junger Mann,
Dem auf dem Fuß ein müdes Rößlein folgte,
Das langsam fürbas seine Schritte spann.
Man sah, es konnten beide, Roß und Reiter,
Vor Müdigkeit und Hitze kaum mehr weiter.
In seiner Rechten hielt der Fremde das Barettlein,
Mit welchem er im Gehen sich den Schweiß
Wohl ab und zu von nasser Stirne wischte,
Denn heute schien die Sonne gar so heiß;
Sie mußte ja im Thal die Trauben kochen,
Sonst hätt’s Freund Bachus übel ihr gerochen.
Ein feines Handgewaffen, drauf die Linke ruhte,
Noch mehr der Kleidung modig feiner Schnitt,
Verriethen leicht den adeligen Herren,
Der rasten wollt’ nach einem weiten Ritt.
Ein Mantelsäcklein, auf des Rosses Rücken,
Schien wenig nur das Thierlein zu bedrücken.
Die Brücke überschreitend, sah alsbald der Fremde
Am Thore harrend etlich’ Knechte stehn,
Die, als er näher kam, ihn freundlich grüßten.
Doch er verlangte kurz den Vogt zu sehn,
Und nun ihm Antwort ward, der Herr sei droben,
Begehrt’ er ihn zu sprechen unverschoben.
Nach Zaum und Zügel fassend, hatten schon die Knechte
Vom Roß das Mantelsäcklein losgeschnallt,
Als hoch vom Bergfried, laut den Einzug meldend,
Ein rauher Hornruf durch die Lüfte hallt’.
Der Wärtel hatte wieder sanft geschlafen,
Bis Lärm und Hufschall seine Ohren trafen.
Doch dafür machte jetzt sein Ruf im Schlosse Leben.
Aus kurzer Mittagsruhe aufgejagt
Fuhr unwirsch das Gesinde vor die Thüren.
Erst Kunz, dann Jochen und die Obermagd;
Dem ersteren, er mußte flink sich rühren,
Gebot sein Amt, die Gäste einzuführen. —
Des Schlosses Vogt, Herr Heinz von Küssaberg, vom Horne
Aus süßem Mittagsschläfchen aufgeweckt,
War kaum vordem im Lehnstuhl eingeschlummert.
Er sah im Traum den Berg mit Korn bedeckt,
Sah Zehentgarben seine Bauern bringen;
Doch sie zu zählen, wollt’ ihm nicht gelingen.
Auf einem Tisch aus Maserholz und Schieferplatte,
Bemerkte man von ungeübter Hand
Mit Kreide große Zahlen aufgeschrieben,
Auf deren Werth sich bloß Herr Heinz verstand.
Noch lag die Kreide, müder Hand entsunken,
Bei einem Humpen, der halb ausgetrunken.
Ein Glas, mit eingeschliffnen Buckeln, stand daneben,
Zur Hälfte noch gefüllt mit Rebensaft,
Wie ihn der Hör’ge und ein guter Jahrgang
Dem Vogte in des Schlosses Keller schafft;
Leicht schillernd, etwas herbe in der Jugend,
Kommt erst auf Lager ihm die rechte Tugend.
Die Täfelei des Zimmers, das der Vogt bewohnte,
War braun gefärbt vom Alter und vom Rauch.
An breiter Wand hing blinkendes Gewaffen,
Auch Harnisch, Helm und Sporen, wie es Brauch;
In einer Ecke sah man Füße prangen
Von einem Bette, das jedoch verhangen.
Ein grüner Kachelofen nahm von dem Gemache
Die andre Seite fast zur Hälfte ein
Und mocht’ die Eichenbank, so ihn umschränkte,
Zur Winterzeit ein warmes Plätzlein sein;
Denn „Greif” und „Pfeil”, des Vogtes Lieblingshunde,
Verschnarchten unter ihr gar manche Stunde.
Verbleite Fensterscheiben, in zwei tiefen Nischen,
Gewährten dem Gemach ein spärlich Licht,
Ein Strahl des letztren traf ein Frauenbildchen
Mit gutgemaltem, lieblichem Gesicht.
Zu nennen sind auch noch zwei schwere Truhen,
In denen wohl des Hausherrn Schätze ruhen. —
Um seinen Schlaf gekommen, rieb Herr Heinz die Augen
Und stemmte dann die Hände auf den Tisch,
Sich gähnend aus dem Lederkulter hebend.
Nun er so da stand, seine Wangen frisch
Geröthet und noch dichten, blonden Haaren,
War’s schwer zu sagen, wie hoch er in Jahren.
Aus edlem Antlitz blickten helle, blaue Augen,
In denen Schalkheit sich mit Güte paart’.
Die Wangen, wie das runde Kinn verzierte
Ein nicht zu starker, blonder Zwickelbart,
In welchem sich, bei näherem Betrachten,
Zwei graue Strähne leicht bemerklich machten. —
Das Glas erfassend, wollte just der Vogt Eins trinken,
Als Kunz die Thüre sich zu öffnen traut’,
In seiner Meldung jedoch unterbrochen wurde,
Denn wie aus einem Munde klang es laut:
„Seid mir Willkommen, Junker! Gottwillkommen!”
„„Mein Gruß, Herr Heinz! Der Willkomm soll uns frommen!...””
Es war der Fremde und der Vogt, die so sich grüßten,
Indessen Kunz, der wußte, was sich schickt’,
Die Siedeln zurecht stellte; doch sich drückte,
Als er bemerkte, daß sein Herr ihm nickt’
Das Zimmer, ohne weiteres versäumen,
Mit seiner Gegenwart nun flink zu räumen.
Als hinter Kunzen sich die Thür’ geschlossen hatte,
Zog selbst der Junker eine Fensterbank
Des Vogtes Lehnstuhl nah und ließ sich nieder,
Derweil Herr Heinz ihm, für den Willkommtrank,
Ein Gläslein vom Gesims herunter langte,
Vor dessen Größe heute manchem bangte.
Dem Junker freilich, schien es nicht zu imponiren,
Denn als der Vogt, sein Glas erfassend, sprach:
„Gestattet mir, Euch einen Trunk zu bringen!”
Kam ihm der Gast mit Freuden sofort nach
Und that, den Wunsch des alten Freunds zu ehren,
Das Glas bis auf die Nagelprobe leeren.
Doch, als Herr Heinz die Gläser wieder füllen wollte,
Litt dies der Junker nicht; er meinte fein:
„Laßt mich erzählen, warum ich gekommen,
Es giebt wohl nachher Zeit und Weil zum Wein!”
Das schien nun auch dem Hausherrn zu behagen,
War damals noch nicht Sitte, viel zu fragen. —
„Als wir im letzten Frühjahr uns in Kostniz trafen,” —
Hob frisch der Junker an, „bei Eurem Herrn,
Dem Bischof, habet Ihr mich eingeladen,
Und ich gab wahrlich Euch die Zusag’ gern;
Daß jedoch so schnell ich mein Wort kunnt’ halten,
Verdanken wir des Bischofs klugem Walten.”
„Ihr wisset ja, als Bischof sorgt der Ohm sich weidlich
Daß Frieden werde zwischen Papst und Reich;
Doch da ist schwer zu rathen, schwer zu helfen,
Wo beide Parten scheuen den Vergleich, —
Wird dabei gar ein fürschnell Wort gesprochen,
Ist flugs der Zwist von Neuem ausgebrochen.”
„Ihr wisset, wie ich denke kommt’s mir auch vom Munde.
Zwar schafft’ ich dadurch mir so manchen Span,
Dem besser aus dem Weg ich blieben wäre,
Hätt’ ich der Zungen nicht den Lauf gela’n.
Ja, klug ist’s schon zur rechten Zeit zu schweigen,
Möcht’ nur die Unzeit sich im Voraus zeigen!
„So ging es neulich mir bei jenem Urtelspruche,
Den im Konzil sie über Huß gefällt.
Es war dem Manne frei Geleit versprochen;
Doch, wie man Oben das Versprechen hält,
Mag nun der Böhmenrektor bas erkennen;
Sie werden ihn, trotz frei Geleit, verbrennen!”
„An eines Königs Wort läßt sich nicht drehn noch deuteln,
So dachte ich in gradem, biedrem Sinn;
Drum konnt’ den Wortbruch ich nicht ruhig nehmen
Und, offenherzig, wie ich einmal bin,
Bekannt’ ich ehrlich, was ich drüber dachte,
Weil Sigismund sein Wort so wenig achte.”
„Mein Sprechen kam ihm denn auch bald genug zu Ohren,
Schon nächsten Tages, vor dem Mittagsmahl,
Ließ hart er an den Bischof meinetwegen
Und schrie, man hörte es im ganzen Saal.
Der König war gekränkt, nicht abzusehen,
Ob mir der Ohm Verzeihung mocht’ erflehen!”
„In seiner Angst schickte der Ohm mir einen Schreiber
Und ließ mich wissen durch des Treuen Mund:
Ich möchte Euch besuchen und im Schlosse
Verbleiben, bis von ihm mir wieder Kund’
Gesendet werde, was er noch beschlossen,
Und ob der König mein noch denkt verdrossen.”
„So ritt ich denn am Rhein hinunter bis Schaffhausen,
Wo mich der Rheinfall eine Weil’ gestellt. —
Ist das ein Donnern, Durcheinanderstürmen
Von grünen Fluthen, die der Sturz zerschellt!
Hei, wie die Strudel silbern schäumend blitzten
Und hoch den Gischt zum blauen Himmel spritzten!”
„Als ich mich von dem Anblick endlich trennen konnte,
Gings noch bis Kaiserstuhl den Fluß entlang.
Von dort hat mich ein Büblein durch die Wälder
Bergaus, bergab geführt zum Schloßberghang.
Den Weg durch’s Kletgau hab’ ich fein gemieden,
Weil ich vom Hof nicht schied mit Königs Frieden.”
„Mein Roß und ich — wir haben wacker ausgehalten,
Bis heute früh wir Euer festes Haus
Hier oben, schier den Wolken nah, erblickten.
Da schien’s mit meines Thierlein’s Kräften aus;
Doch war’s nun nicht mehr nöthig, sich zu hasten,
Ließ drum beim „Wirth am Berg” zu Küßnach rasten.”
„Wir hätten wohl noch länger dort der Ruh’ gepflogen,
Hätt’ mir geschwant, daß hier heraus der Pfad
Sich steil bergan zieht und kaum Schatten bietet.
So gab’s für Mann und Roß ein heißes Bad!
Nun aber — saget mir ganz unumwunden,
Hat der Verbannte einen Freund gesunden .... ?”
Da goß Herr Heinz aus seinem Humpen rasch die Gläser
Bis hoch zum Rande voll mit klarem Wein
Und sprach, sein Glas erhebend, freundlich schmunzelnd:
„Von Herzen heiß’ ich Euch Willkommen mein,
Weil Ihr gesprochen, wo so Viele schwiegen;
Ein Königswort darf man nicht drehn noch biegen!”
Hell klangen nun die beiden Gläser aneinander
Und Wirth und Gast sie zeigten guten Zug.
Zum Danke bot der Junker seine Rechte
Dem Vogt, darein der mit den Worten schlug:
„Ein Mann — ein Wort heißt es in deutschen Landen,
Wird leider allzuwenig nur verstanden!”
„Traun!” fuhr er launig fort, „was wir hier bieten können,
Das soll Euch stets und gern zu Diensten stehn.
So lange Ihr auf Küssaberg verweilet,
Wöll’n wir in Treuen mit Euch stehn und gehn! —
Nur müsset Ihr dem Freunde auch versprechen,
Den Frieden hier in keiner Weis’ zu brechen.”
„Noch jung, rollt Euch das Blut viel wärmer in den Adern,
Als unsereinem, da heißt’s langsam ’than!
Laßt Euch drum warnen: unser Heer, der Kaplan,
Kann heftig werden, wie ein wälscher Hahn.
Er liebt es manchmal, tapfern Trunk zu üben
Und ist dann leichtlich sein Humor zu trüben.”
„Es würde mir den Herrn aus Rand und Band schier bringen,
So es der Zufall fügte, daß Ihr stört,
Wenn er ein Glas getrunken, ihn mit Fragen,
Wie man im Gau jetzt allzuviel sie hört;
Doch lasset Ihr die Kirche aus dem Spiele,
Ist unser Heer gemüthlich, wie so Viele!”
„Will aber ab und zu Euch lange Weile quälen,
Wie solche wohl mal junge Herren plagt,
So stehen rings Euch Forst und Felder offen;
Zum Schloß gehören hoch und niedre Jagd.
Erlaubt’s die Zeit, so mag ich Euch begleiten,
War je schon meine Lust, im Tann’ zu reiten.”
„Kann ich nicht mit, so haltet Euch an Kunz und Jochen,
Die wissen mit dem Waidwerk bas Bescheid;
Auch ist die Meute gut und Spieß und Armbrust
Stets hergerichtet für ein scharf Gejaid.
Nur, daß im Herbst wir nicht des Brods entrathen,
Verschonet mir im Thal die jungen Saaten!”
„Auch möget Ihr mich hie und da zu Thal begleiten.
Sie halten dort nun bald ihr alt Gericht,
Allwo der Bauer seit Urväter Tagen
Im Mai- und Herbstgeding selbst Rechtens spricht;
Manch seltsam Sprüchlein lernet da Ihr kennen
Und, wie nur schwer wir uns vom Alten trennen.”
„Sonst aber dürft Ihr weiter nicht auf Kurzweil zählen;
Es sind der Mannen eben nicht zu viel
Hier oben und, besonders jetzt im Sommer,
Nur selten Tage für ein müßig Spiel.
Im Winter freilich, sind wir desto freier,
Und giebt es Zeit für Karten, Wein und Leier.”
„Doch wozu schwatz’ ich lange!” unterbrach er selbst sich,
„Ihr sehnet Euch nach traulichem Gemach,
Derweil ich plaud’re. Gleich soll Euch dies werden;
Nehmt vorlieb nur mit dem gebot’nen Dach.
Für’s erste, denk’ ich, wird es Euch erquicken,
So Ihr durch Kunzen läßt ein Bad beschicken!”
Mit diesen Worten war der Vogt zur Thür’ gegangen,
Vor welcher Kunz schon dienstbereit geharrt,
Und rief, sie öffnend, laut den Knecht beim Namen,
Dem, als er eintrat, nun die Weisung ward:
Den Gast ins fürnehmste Gemach zu bringen
Und selbst zu Dienst ihm stehn in allen Dingen.
Noch, während Kunz sich etwas ungeschickt verbeugte,
Besiegelte ein derber Druck der Hand
Daß Wirth und Gastfreund sich verstanden hatten
Und warme Freundschaft beider Herzen band.
Dann folgte Letztrer seinem Knappen rüstig,
Nach Bad und Ruhe nunmehr selbst gelüstig.
Bedächtig leerte noch der Vogt den Rest im Humpen,
Als es ihm einfiel, nach dem Thurm zu gehn,
In welchem Elsbeth, seine Tochter, weilte.
Er hatte sie seit Mittag nicht gesehn;
Ihr muß er sagen, daß ein Freund gekommen,
Soll, wie er’s wünschte, dem die Herberg frommen.
* * *
Elisabeth! Die Feder will der Hand entsinken,
Nun auch sie zeichnen soll Dein holdes Bild.
Fast bang’ ich, daß, nach so viel langen Jahren,
Erinn’rung treu behielt dein Wesen mild,
Und doch scheint mir, gleich lichtem Stern, zu winken
Aus Deinen Augen: laß’ den Muth nicht sinken!
So sei es denn! Vor meinem Blick erstehst Du wieder.
Ich seh’ im blauen Linnenkleid Dich gehn,
Aus dessen aufgeschlitzten, puff’gen Aermeln,
Das weiße „Pfeitlein” liebt’ hervor zu sehn;
Den Seidengürtel trägst Du ungezwungen
Und lose um den schlanken Leib geschlungen.
Du blickst mich wieder an mit Deinen Kinderaugen,
Ein schöner Blau sah ich am Himmel nicht;
Des Haares goldne Wellen schau ich wieder,
Wie noch es ungern sich zusammenflicht.
Dein fröhlich Lied, ich hör’s im Herzen klingen,
Gleich ferner Sonntagglocken hellem Singen.
Aus Deinem Antlitz ruht der Seele süßer Friede;
Der Wangen Grüblein zeigen noch den Kuß
Mit dem Dich, segnend, einst ein Engel weihte,
Als Dir er bot des Daseins ersten Gruß.
Dein lieblich Lächeln, heut’ noch kann ich’s schauen,
Ein lichter Sonnenstrahl im Maienthauen!
Am schmalen Gürtel dort, Dein braunes Ledertäschchen,
Noch hält es Nachbarschaft dem Schlüsselbund.
Sie deuten beide, daß auf Deinen Schultern
Der Hausfrau Pflichten ruhen alle Stund’;
Wem Speis’ und Trank gebricht, dem wirst Du spenden;
Der Kranke darf sich trostlich an Dich wenden.
In milder Weise waltest Du im Haus und Hofe
Seit Deiner lieben Mutter frühem Tod;
Des Vaters Stolz bist Du emporgeblühet,
Verscheuchend ihm einsamer Tage Noth. —
Halb Kind, halb Jungfrau, eine Frühlingsblume!
Elisabeth, was sag’ ich noch zu Deinem Ruhme? —
Zweites Kapitel.
Vom Morgenroth sind überfluthet Thal und Höhen.
Aus jedem Hüttlein wirbelt blauer Rauch
Zum Himmel auf, gleich wie von Opferflammen;
Demantenhell blitzt es in Busch und Strauch,
Und durch ein Meer von goldnem Lichte schwimmen
Der Morgenglocken laute Weckerstimmen.
Vom ersten Sonnenstrahl getroffen, flieht der Nebel
In den sich keusch gehüllt der Berge Haupt.
Erröthend treten frisch dem Tag entgegen
In Purpurgluth die Wälder, grün belaubt;
Im feuchten Grase, welch’ ein Glitzern, Schimmern!
Ist’s nicht, als ob viel Tausend Sternlein flimmern?
Ein lauer Westwind trägt die lieben, alten Klänge
Von Zurzachs Betzeitglocken durch die Luft.
Die Schatten, auf des Schwarzwalds Höhen lagernd,
Verfärben mälig sich zu blauem Duft;
Im Thale steigt die Lerche aus den Halmen
Und jubelt ihrem Schöpfer Lobespsalmen. — —
Vom Bergfried hatte Gottfrieds Horn mit lautem Schalle
Verkündet, daß ein neuer Morgen wach,
Und waren Knecht’ und Mägde bald im Kirchlein,
Wo still der Kaplan seine Messe sprach,
Zu der auch stets der Vogt und Elsbeth kamen,
Geduldig harrend auf das letzte Amen.
Als dies gesprochen, blieben, wie an jedem Tage,
Die Knechte vor des Kirchleins Pforte stehn
Und lauschten schweigend auf des Herrn Befehle,
Was jeder heute sollte schaffen gehn;
Denn vorher schickte keiner sich zum Essen,
Eh’ nicht das Tagewerk ihm zugemessen. —
Frisch, wie der junge Tag, trat dann auch Elsbeth nahe
Und brachte ihren Gruß dem Vater dar,
Den dieser fröhlich zu erwiedern pflegte
Mit einem Kusse auf ihr blondes Haar;
So war’s sein lieber Brauch noch jeden Morgen,
Wenn abgethan des Hauses erste Sorgen. —
„Erlaubet Vater,” hörte heut’ man Elsbeth sprechen,
„Daß ich hinunter gehen darf zu Thal,
Nothburga’s Joseph lag schwer siech darnieder,
Als ich in Küßnach war das letzte Mal;
Sein armes Weib gab keine Ruh’ mit Flehen,
Bis ich versprochen, wieder nach zu sehen.”
„Von meinem Tränklein wird er wohl nicht ganz genesen,
Ich kochte zwar der Kräuter siebnerlei,
Denn es gebricht an Nahrung für den Armen;
Ist diese da, ist bald der Brest vorbei.
Drum bitte noch ich, es nicht zu versagen,
Daß Kunz mein Körblein hilft zu Thale tragen.”
„Der Kunz,” entgegnete der Vater, milde lächelnd,
„Steht, wie Du weißt, in Junker Kuonrads Pflicht;
Willst Du den Diener, mußt den Herren fragen,
Von mir aus geb’ ich ihm den Urlaub nicht!”
Da, wie gerufen, nahte von der Seite
Herr Kuonrad sich, den Kaplan im Geleite. —
Wie damals es der Vogt sich vorgenommen hatte,
Erzählte er der Tochter von dem Gast
Und gab ihr Winke, sich darnach zu halten,
Die Elsbeth freilich rasch genug erfaßt’;
Denn gern sah sie den Herrn im Hause weilen,
Wußt’ er doch viel des Neuen mitzutheilen. —
„Man möchte Euch den Kunz entführen!” sagte heiter
Der Vogt zum Freund nach ausgetauschtem Gruß,
Und fuhr dann fort: „Die Els’ will einem Kranken,
Der lange schon sein Siechbett hüten muß,
Ein Körblein Essen bringen, das zu tragen
Sie Euch um Euer Knechtlein möchte fragen!”
Der Junker hatte diese Worte kaum vernommen,
Als schon er freundlich sich an Elsbeth wandt’
Und bat: „Vergönnet mir Euch zu begleiten;
Viel schneller rinnet ja im Glas der Sand,
Kann ich mit Pflichten meine Zeit mir würzen,
Von langer Weil’ verschont, die Stunden kürzen!”
Da zog ein lieblich Lächeln um der Holden Lippen,
Und fragend schaute sie zum Vater aus.
Doch weil der schwieg, so galt es selbst zu reden,
Und so erwiederte sie sittsam draus:
„Wollt Ihr so gut sein und mein Körblein tragen,
Darf mit zu gehen Euch ich nicht versagen.”
„Es ist ein gutes Werk,” sprach noch sie, leis erröthend,
Und gönne Euch ich gern des Dankes Theil,
Den uns die Armen ja von Gott erstehen,
An zeitlichem Gedeihn und ew’gem Heil,
Selbst da, wo kaum an ein Verdienst wir glauben —
Ich möcht’ Euch solchen Segens nicht berauben.”
„Wollt Ihr denn mit, so harret meiner dort beim Brunnen,
Nehmt aber vorher guten Imbiß ein;
Wir werden schwerlich vor dem Mittagläuten
Im Schloß zurück von unsrer Thalfahrt sein!”
Dann neigte sie sich leicht und schritt zur Halle,
Wo schon das Mahl bereitet stand für Alle.
Gemächlich folgten auch die andern dorthin — aßen
An einem Tische doch noch Herr und Knecht. —
Das Essen, so in grauen Schüsseln dampfte,
War Haferbrei, der, steif gekocht und recht
Mit süßer Milch begossen, trefflich schmeckte,
Wenn auch kein Linnen fein die Tische deckte.
Kurz Haar ist bald gebürstet! Als das Mahl zu Ende,
Rief Elsbeth Frida, ihre alte Magd.
Die mußte ihr den Tragkorb füllen helfen
Mit einem Häslein von der letzten Jagd;
Dann kam noch Brod und auch ein Krug mit Weine,
Und hob sie selbst den Korb, wie schwer er scheine.
Er schien ihr leicht genug, auch etwas Mehl zu fassen,
Drauf aber lief sie flink in ihr Gemach,
Ein gutes Tüchlein um den Kopf zu binden.
Sie kannte noch kein besser Sonnendach;
Denn einen Hut durft’ sie nur Festtags tragen,
Sonst fand der Kaplan wieder Grund zu klagen.
Ohn’ viele Worte schritten bald darauf die Beiden,
Der Korb hing unschwer in des Junkers Hand,
Der Halde zu; jung Elsbeth weithin kenntlich
Durch ihr, im Winde wehend, blau Gewand,
Das sie, weil dies bergab den Schritt ihr kürzte,
Am Waldrand züchtig etwas höher schürzte.
Von hier an ging es flink die grüne Halde nieder.
Noch blühten Glockenblumen, Thymian,
Das Kräutlein Augentrost mit weißen Blümchen,
Goldgelber Ginster, duft’ger Enzian,
Und froh im Reigen um die Blüthen schwebten
Beschwingte Wesen, die nach Honig strebten.
Ein paar Mal wandte Elsbeth sich an den Gefährten
Und frug ihn lächelnd, ob der Korb noch nicht
Zu schwer geworden; aber stets verneinte
Der Junker dies mit freundlichem Gesicht.
Ja, er verschwor im Scherz sich, es zu wagen,
Ihr Körblein bis an’s End’ der Welt zu tragen.
Auf einmal jedoch war die Rasche ihm entschwunden,
Und zwar just da, wo’s steil zur Tiefe ging;
Herr Kuonrad mußte wohl des Körbleins achten
Und dessen Inhalt; doch das war nicht ’ring.
Schon perlten auf der Stirne ihm die Tropfen,
Er hörte deutlich seines Herzens Klopfen.
Vom Wald umfangen schritt er dennoch eilig abwärts;
Kein Laut ertönte, nicht ein Vöglein sang;
Der Pfad fiel immer steiler ab, ward schlüpfrig
Und schien dem Junker bald unendlich lang.
Doch stieg er, sich verschnaufend hin und wieder,
So gut er konnte durch die Halde nieder.
Das Körblein aber ward indessen immer schwerer.
Er sprach im Stillen manches derbe Wort,
Wenn Brombeerranken mit den scharfen Dornen,
Am Gehn ihn hinderten in einem fort.
Wie war’s dem Herrn sonst doch so leicht erschienen,
In höfisch feiner Art den Frau’n zu dienen?
Doch endlich schimmerte es licht durch das Gezweige,
Zur Rechten sah er einen Rebenhang
Und links, im Schatten alter Wallnußbäume,
Lief breit sein Weg den grünen Rain entlang.
Verdrossen fast, weil Elsbeth nicht zu sehen,
Hob jetzt der Junker schneller an zu gehen.
Da klang es silberhell aus eines Nußbaums Schatten:
„Herr Kuonrad, wartet — ruht ein wenig aus!
Das Körblein ist Euch wahrlich schwer geworden;
Gebt mir es, wir sind bald beim ersten Haus!”
Und nun er seitwärts ins Gebüsche blickte,
Saß Elsbeth dort, die froh ihm winkend nickte.
Im weichen Grase ruhend, wies sie mit dem Finger
Thalauswärts, wo im Morgensonnenschein
Das Dörflein lag; etlich’ zerstreute Häuser
An eines Baches grünem Uferrain,
In deren Mitte sich ein Hüttlein zeigte,
Deß’ Strohdach fast bis an die Erde neigte.
„Wenn Ihr Euch setzen wollt, hier ist ein lauschig Plätzchen!”
Fing Elsbeth wieder an, und dabei wand
Sie spielend um ein Büschel blauer Blumen,
Die an dem Wege durch den Wald sie fand,
Ein Endchen Zwirn, sich einen Strauß zu binden,
Der Platz an ihrem Busen sollte finden.
Müd’, wie der Junker war, befolgte er die Worte
Und lagerte sich hin in’s hohe Gras;
Das Körblein stand als Grenzmark zwischen Beiden,
So daß sein Träger nicht zu nahe saß.
Mocht’ er’s auch heimlich um den Platz beneiden,
Es half ihm nichts, er mußt’ es eben leiden.
Gar süß klang dafür es jetzt in Herrn Kuonrads Ohren:
„Verzeiht, daß ich so eilte durch den Tann
Und voraus ging; das macht, weil abwärts steigend
Ich manchmal nicht die Schritte hemmen kann.
Um jedoch volle Wahrheit Euch zu sagen,
Mag Schuld daran auch die Gewohnheit tragen.
So oft sonst Kunz mit mir zu Thale ging, erzählte
Er jedes Mal auch irgend eine Mähr
Vom Bergmännlein, das hier im Walde hauset,
So daß am liebsten dann ich draußen wär.
Ja, neulich noch, schwur er mir hoch und theuer,
Er hätt’ es selbst gesehn im Wald am Feuer!”
„Zwar bin ich wohl gefestet wider Spuck und Zauber;
Doch fürchte ich des Auges bösen Blick,
Vor diesem kann kein Heilthum uns bewahren
Und wen er trifft, den fasset schlimm Geschick.
Zu dessen Rettung soll kein Mittel taugen,
Wer sich bezaubern ließ durch ein paar Augen!”
„Des Vaters Muhme hat mir davon oft gesprochen.
Die wußte es und ihr hab’ ich geglaubt,
Als sie mir einst erzählte, daß zwei Augen
Den Frieden ihr für Lebenslang geraubt. —
Nun werdet Ihr mir hoffentlich verzeihen,
Daß Eurer ich erst wartete im Freien.”
Die letzten Worte hatte Elsbeth leis gesprochen
Und dabei sich bemüht den Blumenstrauß
Am Busen festzunesteln. Damit fertig
Sah sie, wie träumend, nun ins Feld hinaus;
Vom Thale klang des Baches munter Rauschen,
Ihm mochte, unbewußt, die Holde lauschen.
„Da war ich übel dran,” versetzte jetzt der Junker,
Ihr Träumen unterbrechend, „als allein
Den wilden Weg Ihr so mich wandern ließet!
Mir schwante selber, daß es dort nicht rein;
Denn ganz gewißlich haust in diesen Bergen
Noch eine Schaar von Unholden und Zwergen!”
„Wenn die mich nun im Wald gefangen halten würden
Mitsammt dem Korbe? Hättet Ihr nicht Schuld,
Da Euch bewußt ist, daß es nicht geheuer?
Ihr zeigtet, fürwahr! mir nur wenig Huld,
Und wär’ am Ende es Euch recht gewesen,
Wenn so ein Unhold mich zum Ziel erlesen?”
Herr Kuonrad wollte schon den Scherz noch weiter treiben,
Da fiel sein Blick auf Elsbeths Angesicht.
Wie Purpurgluthen lag’s auf ihren Wangen:
Ob er dies Alles wohl im Ernste spricht?
Und plötzlich wollte es ihm nun erscheinen,
Sie sei dem Lachen ferner, denn dem Weinen.
Ein großer Blick aus ihren blauen Sonnenaugen,
Der Seele tief entsteigend, traf sein Herz;
Der Junker kürzte also schnell die Rede
Und schloß gar schelmisch seinen kleinen Scherz:
„Will Euch für dies Mal keines Unrechts zeihen,
Wollt meiner Bitte Ihr Gehör verleihen!”
„Verschenket mir das blaue Sträußlein dort vom Busen;
Ich acht’ es gegen Zauberei als Schild
Und will es halten, als der Herrin Farbe,
Zum Angedenken holder Dame Bild.
Gewähret daher gerne mir die Bitte;
Die Gabe halt’ ich werth nach Rittersitte!”
Holdselig Lächeln aus den Wangen, reichte Elsbeth
Ihm ohne Zaudern das Verlangte dar.
Stolz steckte er es an’s Barett, das schlichte,
So keck, ihm saß auf dunklem Lockenhaar,
Und dankte, glücklich über die paar Blüthen,
Gelobend, sie gleich theurem Schatz zu hüten.
Ein sanft Erröthen lohnte schön ihm für die Worte,
Dann jedoch sprang sie auf; es griff die Hand
Flink nach dem Körblein, um dies selbst zu tragen.
Herr Kuonrad aber hielt als Träger Stand;
Er bat nur darum, ihm den Arm zu reichen,
Ein zweites Mal sollt’ Elsbeth nicht entweichen.
„Bin dieses nicht gewohnt,” klang heiter ihre Antwort,
„Auch ist mir fremd, wie man’s am Hofe hält.
Ihr werdet aber, hoff’ ich, mir verzeihen,
Denn wenig nur sah ich noch von der Welt;
Doch Ihr, Herr, habt gewiß schon Viel gesehen?
Erzählet, bitte, währenddem wir gehen!”
Dann schritt sie leicht an seinem Arm dem Dorf entgegen,
So friedlich lag in Laubgrün eingewiegt.
Es glich die Maid der zarten Eppichranke,
Die sich an einen festen Eichbaum schmiegt
Und schüchtern strebt, sich dran empor zu winden;
Ein besser Gleichniß weiß ich nicht zu finden.
Im Gehen wiederholte Elsbeth bald die Bitte,
Herr Kuonrad sollt’ erzählen, was er sah
Auf seinen Fahrten durch die fremden Länder
Und was ihm selber da und dort geschah.
Nun, wollte er sich ihr als Ritter zeigen,
Durft’ länger wohl der Junker nicht mehr schweigen. —
Vor Jahren hatte er den Ohm nach Rom begleitet
Und mancherlei erlebt auf jener Fahrt
Von wälscher Tücke und vielschönen Frauen,
Von fremden Sitten und gar feiner Art.
Nun ließ er’s nicht am rechten Ausdruck fehlen
Und mischte Scherz dem Ernste im Erzählen.
Verhaltnen Athems fast, ging Elsbeth still daneben
Und lauschte staunend jeder neuen Kund’.
Herr Kuonrad wußte prächtig zu erzählen,
Ihr Blick hing unverwandt an seinem Mund;
Sie folgte ihm zur „Stadt der sieben Hügel,”
Als ob sie selber in des Zelters Bügel.
Doch, als er gar erzählte, daß, um eines Scherzes willen
Ein wälscher Bube fast ihn niederstach,
Da lief ein Schauern durch den Körper Elsbeths,
Ihr sonnig Angesicht erblaßte jach;
Am Arme aber fühlte er ein Drücken,
Als müßte noch ihr seine Rettung glücken.
Sie hatte nicht drauf Acht, daß, während des Erzählens,
Sich beider Schritte schon dem Dörflein nahn;
Nicht, wie die Hörigen einander winkten,
Als ihre Herrin still sie wandeln sahn.
Kaum, daß sie flüchtig grüßte auf dem Wege
Zur Hütte, ihrem Ziele überm Stege.
Hier endlich mußte Elsbeth doch ihr Körblein haben,
Mit dem sie nun im Hüttchen flugs verschwand.
Herr Kuonrad wußte nicht, sollt’ er ihr folgen;
Doch, wie er eben überlegend stand,
Sahn seine Augen jetzt ein Büblein stehen,
Das sich nicht traute ihm vorbei zu gehen.
Ein Fingerlein im Mäulchen, schlich es zagen Schrittes
Zu einem Holzblock hin, der unweit stund.
Das fragte, Kurzweil hoffend, jetzt der Junker
Nach seinem Vater; doch des Bübleins Mund
Blieb stumm, es wurde immer mehr verlegen
Und ließ sich nicht zum kleinsten Wort bewegen. —
Im Stüblein drinnen hatte unterdessen Elsbeth
Den Inhalt ihres Körbleins ausgepackt;
Sie stand nun kosend mit zwei kleinen Mädchen,
Die, bis auf ein geflicktes Hemdlein, nackt,
Weil beide schon ihr Stücklein Brod empfangen,
Zum Kuß der Guten boten Mund und Wangen.
Da ging die Thüre auf und aus der dunklen Kammer
Trat Seppel, noch ganz bleich und abgezehrt;
Die Herrin schauend, sank er ihr zu Füßen,
Die sie, weil Brauch, zu küssen ihm nicht wehrt.
Mit wahrer Freude hört’ ihn Elsbeth sagen,
Daß es viel besser seit den letzten Tagen.
„Das Weib ist noch im Felde draußen,” sprach er heiser,
Nach etwas Futter für die Geis zu sehn;
Derweilen muß ich ihr die Mägdlein hüten,
So gut es mag mit schwachen Kräften gehn.
Doch, Gott und Euch sei Dank! sie kommen wieder,
Sind manchmal bleischwer mir auch noch die Glieder!”
Zufrieden, Seppel auf der Besserung zu finden,
Wies Elsbeth auf das Häslein und den Wein
Und sagte: „in dem Krug das Tränklein,
Möcht’ jetzt das rechte Mittel für Dich sein;
Auch magst Du Dich an solchen schönen Tagen,
Wie heute, kecklich an die Sonne wagen!”
Nach diesen Worten bückte sie sich zu den Mägdlein
Und wechselte mit jedem einen Kuß;
Dann, aus dem Angesicht ein glücklich Lächeln,
Enteilte Elsbeth flink mit mildem Gruß,
Gleich holdem Engel, der da Hülfe brachte,
Wo ein arm Herz in schweren Sorgen wachte.
„Die Herrin blieb sonst länger!” meinte Seppel brummend,
Als er so eilig sie verschwinden sah;
Sie selber mochte ähnlich denken, aber —
Vorm Hüttlein wartete der Junker ja.
Ihr Nahen machte jetzt das Büblein munter;
Es sprang vergnügt von seinem Block herunter.
Mit nackten Füßchen lief es Elsbeth schnell entgegen
Und ruhte nicht, bis es aus ihrem Schooß
Den längst gewohnten Kuß empfangen hatte.
Dann strampelte das Büblein rasch sich los,
Um in des Hüttleins Thüre zu verschwinden;
Es wußte ja, nun würde Brod sich finden.
Herr Kuonrad aber meinte heiter: „Ihr könnt zaubern!
Mir weigerte der Junge Gruß und Wort;
Doch, nun er Euch erblickt, bekommt er Leben
Und küßt und liebkost Euch in Einem fort!
Ein solch’ Geheimniß acht’ ich werth zu kennen;
Wollt Ihr mir diesen Zauber nicht auch nennen?”
„Ist kein Geheimniß! Kinder fühlen, wer sie lieb hat!”
Gab freundlich sie Herrn Kuonrad jetzt zurück:
„Sie geben Lieb’ um Liebe, wiederspiegelnd
Ein uns oft lange schon entschwunden Glück.
In jede Kinderseele bringt man Leben,
Versuchet’s nur, Euch mit ihr abzugeben!”
„Nun aber sagt, ward Euch das Warten überdrüssig,
Und blieb ich lange weg? Es däucht mich fast!
Gelt, dafür gehn wir auf dem Heimweg schneller;
Das heißt, so Euch dies so beliebt und paßt.
Noch ist es frühe, brauchen nicht zu eilen,
Auch schießt uns Keiner nach mit Bolz und Pfeilen!”
Als hätte sie zu viel gesprochen, schwieg hier Elsbeth
Und band mit Fleiß das Tüchlein wieder fest,
So ihr das Büblein vorhin arg verschoben,
Als sie es küssend an die Brust gepreßt,
Herr Kuonrad aber kaum den Augen traute,
Da selten wohl ein schöner Bild er schaute.
Die Strahlenaugen voll zu ihm emporgerichtet
War sie bemüht ein widerspenstig Paar
Goldfarbner Löcklein unters Band zu schieben,
Das blau umzog das herrlich blonde Haar,
Und als sich ihr die Losen endlich fügen,
Lag froh ein Lächeln auf den holden Zügen.
Herr Kuonrad schaute ihr beglückt in’s schöne Antlitz,
So voller Unschuld ihm entgegensah,
Bis sie, als ahnte ihr, wie seinem Herzen
Von solchem Schauen wunderbar geschah,
Sich tief erröthend wandte um zu gehen,
und er nun auch nicht durfte bleiben stehen.
Doch da den Arm er bot, schien sie dies nicht zu achten,
So, wie beim Kommen, ging’s im Rückweg nicht;
Denn fast aus jedem Fenster nickte freundlich
Ein fröhlich lachend Kinderangesicht.
Am Wege aber harrten auch die Alten,
Ein grüßend Wort der Herrin zu erhalten.
Ein kleiner Blondkopf, frisch gewaschen und gestrählet,
Kam schon von Weitem auf sie zugerannt
Und hielt sein braunes Händchen ihr entgegen;
Der Herrin Täschlein war dem Schelm bekannt,
Nun will der Kuß allein ihm nicht recht munden,
Mit dem sie ihn für dies Mal abgefunden.
Die Schäflein, von Elsbeth aus süßem Teig gebacken,
Sie fehlten heute für die Kinderschaar;
Zum ersten Male hatt’ sie die vergessen,
Möcht’ wissen, welches wohl die Ursach’ war!
Je nun, es waren leer des Fräuleins Taschen,
Und gab für heute es drum nichts zu naschen. —
Beim letzten Hüttlein erst ward sie der Kleinen ledig,
Die Kinder zogen heim in muntrem Trab;
Nun bot von neuem seinen Arm der Junker;
Doch Elsbeth lehnte mit den Worten ab:
„Bergaufwärts möchte es beschwerlich fallen,
Wir wandeln nicht in eines Palas Hallen!”
„Auch bin ich es gewohnt die Halde zu erklettern,
Gleich flinkem Rehe, über Stock und Stein,
Manch heilsam Kräutlein suchend oder Blumen,
Wie sie im Sommer blühen hier am Rain;
Doch, weil sich dabei schwerlich läßt erzählen,
Will gerne ich mit Euch zu gehen wählen!”
Geduldig ging der Junker wieder an’s Erzählen
Und schilderte, was draußen er geschaut;
Was ihm gefallen in den fremden Ländern
Und wie er da und dort dem Glück vertraut.
Wohl sei es schön, frei durch die Welt zu reisen;
Doch würd’ ein trautes Heim er mehr noch preisen.
Gefangen von Herrn Kuonrads weltgewandter Sprache,
Schritt sie indessen ihm zur Seite hin,
Zuweilen mal im Gang sich unterbrechend,
Wenn nah’ dem Hang ein duftig Blümlein schien,
Das ihre Hand erreichen konnt’ und pflücken,
Im Gehen sich den Busen mit zu schmücken.
Nur, als sie weiter oben an der Halde waren,
An jener Stelle, wo sie erst geruht,
Da bat ihn Elsbeth leise links zu wenden:
„Der Pfad ist schattig und auch sonsten gut.”
War ja kein Unrecht weitern Weg zu wählen,
Der Junker konnte dafür mehr erzählen.
So schritten sie denn auf dem längern Pfade langsam
Zusammen aufwärts durch den grünen Wald,
Der hier den Schloßberg breit und dicht umgürtet,
Und wandelten im tiefsten Schatten bald,
Als, während Elsbeth ernst dem Junker lauschte,
Ein Windstoß heulend durch die Wipfel rauschte. —
Es hatte keins von Beiden sonderlich beachtet,
Daß längst verschwunden war des Himmels Blau
Und schwere Wolken über ihnen dräuten,
Die alles hüllten in ein düster Grau.
Jetzt erst bemerkten sie, wie Nebelschwaden
Am Hungerberge zogen, sturmbeladen.
Bald schlossen, eh’ sie es geahnt, die Wetterwolken
Rings Berg und Thal in ihren dunkeln Schooß.
Schon jagten Blitze sich; vom Strahl getroffen
Sank mancher Waldbaum jäh in’s grüne Moos;
Ein Felsblock schoß in ihrer Nähe nieder,
Deß’ Donnern hallte laut im Thale wieder.
Dann goß der Regen Fluthen; wild, wie Meereswogen,
Es rann und schwoll das nasse Element;
Ein jedes Rinnsal ward zum grimmen Strome,
Deß’ Spuren noch der späte Enkel kennt.
Fast schien’s, als ob der Himmel sich empörte
Und, was er schuf, mit Grausen nun zerstörte.
Am Stamme einer dicht belaubten Eiche lehnend,
Fand Elsbeth Schutz vor des Gewitters Macht.
Sie schlug ein Kreuz, so oft der Blitz urplötzlich
Mit greller Flamme hellte rings die Nacht;
Auch betete sie leis den Wettersegen,
Der soll sie schützen und der Sturm sich legen.
Herr Kuonrad hatte minder Glück sich schnell zu bergen,
Und blieb drum, unweit Elsbeth, wartend stehn;
Des Wetters wenig bange, schien ihm sicher,
Daß dieses bald vorüber dürfte gehn.
Er ließ sich nicht so leicht von Furcht beschleichen,
Auch wollt’ er nicht von seiner Herrin weichen.
Mit Plaudern suchte er die Aengstliche zu trösten,
Doch diese fand zum Sprechen keinen Muth.
Sie unterbrach sein scherzhaft Reden leise:
„Hört uns das Bergweiblein, so thut’s nicht gut;
Denn diese Unholdin, aus Dunst geboren,
Hat sicher das Gewitter her beschworen.”
„Zuweilen stößt sich das Gewölk am Schloßberggipfel
Und nimmt dann, minder schadend, seinen Weg
Das Kletgau aufwärts, wo es, ausgeschüttet,
Gefährdet höchstens eines Bächleins Steg.
Doch weh! wenn es zum Thal den Strich gefunden,
So ist ein Ausweg nimmer zu erkunden!”
„Es kann nicht vor- nicht rückwärts, muß sich hier entleeren
In seiner ganzen unheilvollen Macht;
Verderben bringt es oft auf viele Jahre,
Als hätte uns die Sonne nie gelacht,
Und, wo wir heute noch im Grünen gehen,
Könnt Ihr schon morgen eine Wüste sehen!” —
Sie hatte kaum geendet, zuckt ein Strahl hernieder
Aus schwarzer Wolke auf den nächsten Baum,
Sekundenlang loht auf ein Meer von Flammen,
In fahlem Scheine glimmt der ganze Raum;
Es knattert schrill ein kurzer Knall dazwischen,
Der sich im Moos verliert in leisem Zischen.
Der Sturm peitscht wüthend hin und her die Wipfel,
Und krachend fällt so manches grüne Haupt;
Wildschaurig gellt ein Pfeifen durch’s Gezweige,
Daß man der Hölle Macht entfesselt glaubt.
Des Waldes Thiere packt es voll Entsetzen,
Sie müssen blindlings in’s Verderben hetzen.
Vor Schrecken bleich, die Hände im Gebet gefaltet,
Wagt Elsbeth keinen lauten Athemzug;
Ihr Muth ist hin, sie bebt an allen Gliedern,
Seit, ihr so nah, der Blitz zu Boden schlug.
So steht sie mitten in dem grausen Rauschen
Und hofft ein Wort des Junkers zu erlauschen.
Doch der bleibt stumm. Von einem Tannenast getroffen
Liegt wund Herr Kuonrad tief im Haidekraut;
Im Bann der Ohnmacht weigern Mund und Lippen
Der fast Verzweifelnden den kleinsten Laut.
Mit ihrem Blick, bis wo er liegt zu dringen,
Kann in der Dunkelheit ihr nicht gelingen.
Noch wird ihr banger Ruf vom Sturmwind übertoset,
Sie starrt voll Aengsten in die Waldesnacht,
Den Junker und sich selbst der Mutter Gottes
Empfehlend, deren Fürsprache und Macht
Ein Leichtes, des Gewitters Wuth zu enden
Und gnädig alles Unheil abzuwenden.
Da sieh! Es legt sich doch des Sturmes brausend Toben,
Nicht mehr so nahe rollt des Donners Hall;
In Elsbeths Ohren klingt, gleich Himmelsbotschaft,
Vom Schlosse her des Wetterglöckleins Schall.
Das Dunkel weicht, das tief den Wald umwoben,
Und heller wird es in den Wipfeln oben. —
Wie schnell das Wetter kam, so ging es auch vorüber,
Geendet wähnte Elsbeth alle Noth.
Da traf ihr Blick am Boden den Gefährten,
Von seiner Stirne floß es blutigroth,
In lautem Aufschrei sank sie zu ihm nieder;
Doch nur das Echo scholl als Antwort wieder.
Gebrochnen Ast zur Seite, lag betäubt Herr Kuonrad
Im Haidekraut, das roth gefärbt sein Blut;
Nur leise hob die Brust sich auf und nieder,
Wie einem der die letzten Züge thut.
Nicht hoffend, daß sich hier noch Rettung fände,
Rang Elsbeth, Schmerz erfüllt, die zarten Hände.
Doch halt! es regten stöhnend sich des Wunden Lippen,
Mit stummer Freude hat sie es gehört,
Und nun war auch des Schmerzes Bann gebrochen,
Der Elsbeth bislang schwer den Sinn bethört;
Sie nahm ihr Tüchlein, naß und schwer vom Regen,
Es sachte auf des Junkers Stirn’ zu legen.
Nach diesem raffte sie ein Häuflein Moos zusammen,
Bestimmt zu einem Kissen für sein Haupt;
Schon ruht es schwer auf ihren weichen Händen,
Noch immer der Besinnung ganz beraubt;
Doch, nun sie’s sorglich wollte niederlegen,
Sah wieder sie die Lippen zitternd regen
Gewißheit, daß das Leben ihm noch nicht entflohen,
Gab jetzt zum Rettungswerk ihr weiter Kraft.
Mit nassem Moos rieb sie des Wunden Schläfen,
Bis fast die Hand vor Müdigkeit erschlafft,
Da lohnte denn der Himmel ihr Bemühen
Und ließ Herrn Kuonrads Lämplein neu erglühen.
Er wachte mälig auf und seine braunen Augen
Begrüßten fragend Elsbeths feuchten Blick;
Bald suchte auch ein Lächeln auf den Lippen
Ihr Trost zu spenden über sein Geschick,
Und schnell, wie dies der Jugend ja gegeben,
Mocht’ sich der Junker nun vom Fall erheben.
Noch vorher aber faßte er der Jungfrau Rechte,
Die, wie sein guter Engel, vor ihm stand,
Und preßte wortlos ein paar heiße Küsse,
Als seinen Dank, ihr auf die kleine Hand.
Verklärten Blicks sah Elsbeth zu ihm nieder
Eh’, mühsam nur, sie fand die Sprache wieder.
„Versuchet aufzustehen — vielleicht könnt Ihr gehen!
Wir sind vom Schlosse nicht mehr allzufern
Und das Gewitter ist, Gottlob! vorüber.
Die Heiligen und Euer guter Stern,
Sie haben Euch gar treu in Schutz genommen,
Sonst wäret wohl Ihr bös davon gekommen!”
Der Guten Worte waren kaum verklungen, als auch
Herr Kuonrad aufrecht stand und ihr versprach,
Zum Heimweg noch genügend Kraft zu haben;
Dann, fühlend daß ihm weiter nichts gebrach,
Wollt’ er sein Dankgefühl in Worte kleiden,
Die anzuhören Elsbeth will vermeiden.
Sie mahnte also „Kommt, es muß bald Mittag läuten!
Bis dahin müssen wir zu Hause sein;
Doch erst laßt mich die Stirne Euch verbinden,
Mein Tüchlein taugt uns, denk’ ich, dazu fein.
Frisch Wasser wird die böse Wunde kühlen
Und auch die Schmerzen minder lassen fühlen!”
Gehorsam bot der Junker gern die wunde Stirne,
Aus der das Blut noch tropfte, Elsbeth dar.
Sie hob mit leichter Hand des Tüchleins Enden
Und spülte es im nächsten Rinnsal klar,
Dann ward die Wunde gut und fest verbunden;
Ihm aber schien, er müsse gleich gesunden.
Jetzt, endlich, ging es wieder fürbas. Zwischen Fichten
Und dunkeln Tannen führte schmal der Weg.
Wie frisch geschmolzen Silber glänzten Tropfen
Vom Regen noch im buschigen Geheg.
Balsamisch dufteten des Waldes Blüthen,
Ein linder Lusthauch zog, statt Sturmes Wüthen.
Gedanken eigner Art beschäftigten die Beiden
Auf ihrem Pfad zum Schloßberghof empor;
Versuchte es Herr Kuonrad mal zu scherzen,
So schwieg nun Elsbeth, stiller als zuvor.
Ein Kräutlein keimte in dem jungen Herzen,
Ein Kräutlein, das viel Glück bringt — oder Schmerzen.
* * *
Die Höhe ward erreicht und bald darauf die Brücke,
Wo schon der Herrin harrend Frida stund;
Denn längst war ja die Mittagszeit vorüber,
Des Glückleins Schall verschlang des Sturmes Mund.
Es zuckte schalkhaft im Gesicht der Alten,
Nun mäusleinnaß sie sah die zwei Gestalten.
„Dacht ich’s doch gleich, das Wetter werde Euch erwischen!”
Hob zungenfertig jetzt die Alte an,
„Sonst wäret Ihr zu Mittag hier gewesen;
Doch da hat es am wüstesten gethan!
Wird heute nun die Herrin auch noch lachen,
Wie früher, wenn ich sprach vom Wettermachen?
„Der Pfarr’, der Neiding! hat das Wetter hergezaubert.
Er sieht’s, wenn Ihr zu Thale geht, nicht gern.
Sollt immer in der Kemenate sitzen
Und Litaneien lernen bei dem Herrn!
Wohl bin ich alt und mag nicht viel mehr taugen;
Doch blieben mir, Gottlob, noch klare Augen!”
Hier jedoch fiel ihr Elsbeth schnell in’s Wort und sagte:
„Sei lieber still und schaff’ uns Kunzen her,
Daß er den Herrn in sein Gemach begleitet;
Denn siehst Du nicht? er leidet schwer!
Vom Strahl getroffen, schlug ein Ast ihn nieder,
Ein Wunder nur, daß noch ihm heil die Glieder!”
„Du selber aber magst mir Spitzenwegrich suchen,
Des Kräutleins Saft, bekanntlich weit und breit
Im Rufe, daß er köstlich gegen Wunden,
Soll zeigen, ob zur Heilung er gedeiht!
Nun eile Dich, den Kunz herbei zu finden,
Er muß dem Herrn die Stirne frisch verbinden!”
Herr Kuonrad lehnte derweil müde am Geländer.
Vom Blutverluste wohl ein wenig matt,
War nicht ihm unlieb, daß auf Fridas Rufen
Sich Kunze gar eilig eingefunden hatt’.
Der staunte bas, den Herrn allso zu sehen,
Doch dieser hieß ihn kurz mit ihm zu gehen. —
Mit warmem Händedruck und einem langen Blicke
In Elsbeths licht erglänzend Augenpaar
Schied, im Geleit des Knappen, nun der Junker.
Sie sah ihm nach, bis er verschwunden war;
Ein glücklich Lächeln schwebt auf ihrem Munde —
Dein Dichter, Elsbeth, weiß aus welchem Grunde!
Drittes Kapitel.
Viel schneller, als der Junker dies erwartet hatte,
That Kräutlein Spitzenwegrich seine Pflicht;
Denn kaum war eine Woche hingegangen,
Trat er geheilt vor Elsbeths Angesicht
Und dankte ihr für alle Müh’ und Sorgen,
Die sie um ihn gehabt an jenem Morgen.
Wenn damals er im Scherz sie sich zur Herrin wählte,
Der ritterlich zu dienen ihm ein Spiel,
So nahm er’s nun mit jedem Tage ernster
Und ist kein Wunsch der Holden ihm zu viel.
Doch, wie es gleich von Anfang ihm geschienen,
War unter ihrem Scepter leicht zu dienen. —
Mit flinken Händen half Herr Kuonrad jeden Morgen
Der Fleißigen ihr Linnen spannen, reicht’,
So oft es nöthig, drauf den Wassereimer,
Um jenes feucht zu spritzen, daß es bleicht
Im Sonnenschein und Elsbeth sich das Linnen,
Als schlohweiß Zeug, bald wieder mocht’ gewinnen.
Mit diesem fertig, ging es in den weiten Zwingolf,
An dessen sonnenreichem Mauerrand
Die Liebliche ein kunstlos Gärtlein hatte,
Drin’, neben Ilgen, manche Rose stand
Und Krautwerk für die Küche und die Kranken,
Frisch duftenden Salbei bei Bohnenranken.
Hier gab es stets zu thun. Der Junker werkte fleißig;
Er zeigte ihr, wie leicht am wilden Strauch
Die Rosen künstlich sich veredeln lassen.
Gern lernte Elsbeth den ihr fremden Brauch
Und harrte voller Sehnsucht schon der Blüthen,
Die zu erzielen beide sich bemühten.
Vom Garten mußte Elsbeth in des Schlosses Küche,
Wo Frida herrschte, bis die Herrin da;
Sie war gewohnt, am Herde mit zu helfen,
Da gerne selbst sie nach dem Rechten sah.
Das Essen mußte pünktlich fertig stehen,
Sonst war’s um Vaters gute Laun’ geschehen.
Dann, nach dem Mittagessen, pflog, nach guter Sitte,
Des Hauses Ingesind ein Stündlein Ruh’
Die tiefe Stille nutzend, brachte Elsbeth
Gewöhnlich diese Zeit mit Lernen zu;
Der Kaplan, Benno, nahm die Pflichten strenge
Und trieb mit Fragen oftmals sie in’s Enge.
Sonst war die Zeit der Schule ihr gar lieb gewesen
Und fand der Kaplan nie zu Klagen Grund;
Doch seit des Junkers Ankunft kam dies anders,
Sie lauschte minder ernst des Lehrers Mund
Und unterbrach wohl selbst sein Wort durch Fragen,
Die fern dem Texte des Erklärers lagen. —
Einst, eines Abends, plagte sie sich auch mit Lernen,
Indess’ die Augen nach der Sonne sahn,
Ob deren Strahl sich nicht den Butzenscheiben
Im Bogenfenster endlich möchte nahn;
Es schien ihr fast, daß jene, pflichtvergessen,
Nicht so wie sonst die Tagesbahn durchmessen.
Doch, da einmal die Zeit für Alle vorwärts schreitet,
Gleichviel ob einer hoffet oder bangt;
Zu schnell dem Alter, das nichts mehr zu wollen,
Der Jugend langsam, die noch viel verlangt,
So ließ sie heute auch die Sonne sinken,
Die goldnen Strahlen durch die Scheiben blinken.
Nun ließ die Ungeduldige sich nicht mehr halten.
Ein frommes Sprüchlein noch, und darauf eilt’
Sie, gleich dem Wind, den Bergfried zu ersteigen,
Wo, wie sie wußte, gern der Junker weilt’,
Der sich den Thurm zum „Lueg ins Land” erkoren,
Und öfter droben saß, in’s Schau’n verloren.
Schon lange wollte Elsbeth ihrem Gast die Namen
Der Berge nennen, so von hier man sah;
Nun aber war sie doch etwas verlegen
Und trat mit leisem Schritt Herrn Kuonrad nah.
Vor ihnen lag im Abendsonnenglanze
Der Alpenkreis, gleich einem Silberkranze.
Die prächtig klare Fernsicht schauend, wandte sie sich
Dem Junker zu und sagte, mit der Hand
Hinüber auf die weißen Riesen deutend,
In deren Anblick er versunken stand:
„Erlaubet, Herr, Euch meinen Hof zu zeigen;
Dort, jene Recken all’ sind mir zu eigen!”
„Ich bitte jedoch, lasset gnädig Nachsicht walten,
So nur die Fürnehmsten davon ich nenn’;
Frau Sonne will sich schon zu Bette rüsten, —
Und das ist bald geschehn, wie ich sie kenn’!
Der Mond, ihr Ritter, aber wird erst leuchten,
Wenn Morgennebel diese Höhen feuchten.”
Ein freundlich Nicken war Herrn Kuourads stumme Antwort,
Dann trat er mit ihr an des Söllers Rand,
Der Abendsonne goldne Schimmer flossen
In Purpurfluthen über alles Land,
Nur fern gen Norden lagen Wolkenschatten,
Die überm „Randen” sich gelagert hatten.
„Schaut dort,” hob Elsbeth lächelnd an ihm zu erklären,
„Die Spitzen, wie in Apfelbluest getaucht,”
Es ist der „Säntis” mit dem „Hohen Kasten”
Und nebenan, rothgülden angehaucht,
Stellt kühn der „Altmann” sich in ganzer Breite
Den ersten beiden Recken an die Seite.”
„Dann, etwas herwärts, zählt Ihr sieben graue Zinken,
Sie sind im Sommer meist wohl ohne Schnee,
Die nennen „Churfürsten” sich stolz mit Namen
Und spiegeln sich in einem grünen See,
Aus dessen Fluthen hoch und frei sie streben,
Daß fast in Wolken ihre Häupter schweben.”
„Nun, weiter rechts hin, kommt des „Glärnisch” weiße Krone;
Die steilen Wände stehn getaucht in Blau,
Und rosig überhaucht vom Sonnengolde
Scheint, wie verklärt, der Felsen schimmernd Grau.
Auf seinen Schultern aber sieht man’s blitzen
Gleich zarten Schleiern, die im Goldschein glitzen.”
„Die weiße Fläche dort, dicht unterm breiten Gipfel,
Mit starren Felsen ringsum eingefaßt,
Ist „Vrenli’s Gärtli,” eine Alp vor Zeiten;
Doch, seit die Menschen von den Fee’n gehaßt,
Ruhn tief im Eis versenkt der Matten Spuren,
Auf ewig sind dahin die grünen Fluren.”
„Der nächste, mit dem Firnschnee-Scheitel, heißt der „Tödi.”
Keck ragt der auf zum blauen Firmament,
Als stützte er allein des Himmels Bogen.
Wie heiß im Sommer auch die Sonne brennt,
Im Lenz der Föhnsturm zwingt den Schnee zu thauen —
Sein Haupt ist silbern immerdar zu schauen.”
„Auf ihrem Throne dort schwingt Einsamkeit das Scepter,
Nur Geierschrei hallt durch das Felsgewirr;
Doch, mein’ ich, schafft auch dort die Zeit im Stillen
Und ruhet nicht ihr ehern Werkgeschirr.
Sie wird dereinst den letzten Fels zerschmettern,
Ob er auch trotzte tausend wilden Wettern!”
„Gleich weiter folgt des „Urirothstocks” Riesenkuppe;
Auch der reckt kühn sein eisgrau Haupt empor;
Ein freies Volk soll ihm zu Füßen wohnen,
Das nur den Kaiser sich zum Herrn erkor.
Mir schwanet oft, fühl’ ich’s herüber wehen,
Auch unser Volk wird bessre Zeiten sehen.”
„Doch, thront der Winter auch auf jenen Höhen ewig,
In milden Thälern schmilzt im Lenz der Schnee,
Dann, hört’ ich sagen, blühen grüne Fluren
Und blinkt dazwischen mancher klare See,
So, wenn der Frühling die Gestade kränzet,
Gleich schönem Auge in die Ferne glänzet.”
„Die weiße Kuppe besser drüben ist der „Titlis,”
Das „Sustenhorn” soll dessen Nachbar sein.
Seht hin! wie prächtig die zerrissnen Schründe
Vergüldet sind vom Abendsonnenschein;
Aus unermeßlich tiefen, grausen Klüften
Steigt er empor sein schneeig Haupt zu lüften.”
„Die Sonne sinkt. Schaut, Regensbergs uralte Firsten
Empfangen eben ihren letzten Gruß!
Rubinen schimmer aus des Städtleins Fenstern
Den Wiederschein vom goldnen Abschiedskuß;
Bald wird der „Lägernberg” im Dunkel stehen,
Schon jetzt ist Badens „Stein” nicht mehr zu sehen.”
„Nur jene Riesen dort im Duft der blauen Ferne,
Die geben sich so schnell gefangen nicht;
Denn, während überall schon Nacht sich breitet,
Erglänzen sie noch hell im Sonnenlicht.
Wie wohl und frei mag es der Brust dort werden,
Von jenen Höh’n zu schau’n auf Gottes Erden!”
„O, hätte meine Sehnsucht dorthin Windesflügel,
Daß ich mich schwänge hoch von Firn zu Firn,
Um, weltentrückt, im Aetherblau zu schweben,
In Himmelslüften badend mir die Stirn’
Und, derweil noch die lieben Sternlein flimmern,
Im erst- und letzten Sonnenkuß zu schimmern!” —
Verwundert sah Herr Kuonrad hier in Elsbeths Augen,
Die, hold verklärt in wundersamem Glanz,
Hinüber blickten, wo aus dunklen Schatten
Sich leuchtend hob des Hochgebirges Kranz,
Indessen abendwärts, von Gold umflossen,
Die Sonne wich mit ihren müden Rossen.
Selbst überwältigt von dem Anblick dieses Schauspiels
Schwieg Elsbeth eine Weile, wie gebannt,
Eh’ sie den Hausgenossen traulich fragte,
Ob ihm ein schöner Plätzlein wär’ bekannt?
Er wollte sprechen, doch sie winkte Schweigen
Und mußte sich der Junker folgsam zeigen.
„Ich muß mich eilen,” sprach sie, „denn des Abends Schatten
Verhüllen schon, was nicht zum Himmel ragt;
Von Nacht wird bald, selbst auf den höchsten Gipfeln,
Der letzte Schein des Tageslichts verjagt
Und, irr’ ich nicht, mag’s morgen stürmisch wehen,
Da heut’ die Alpen wir so nahe sehen!”
„Dort jener,” eilte sie sich weiter mit Erklären,
„Die breiten Spitzen, sie verglühen grad,
Sich scharf abhebend von des Himmels Bläue,
Soll der „Sankt Gotthard” sein, von wo ein Pfad,
Auf dem man leicht sein letztes Stündlein finde,
In wälsches Land sich steil und schaurig winde.”
„Dann, näher herwärts, jener Rücken wild zerklüftet,
Den Ihr schon tief im Schatten vor uns seht,
Heißt der „Pilatus;” er hat seinen Namen
Von einer Sage die im Lande geht:
Es soll der Böse dort den Richter plagen,
Der unsern Heiland einst an’s Kreuz geschlagen.”
„Gen Mittag aber, jene fernsten, hellen Spitzen,
Sind „Finsteraarhorn,” „Schreck-” und „Wetterhorn,”
Dann „Mönch” und „Eiger,” wo im längsten Sommer
Das Eis nie schmilzt und thalwärts Wein und Korn
Ein fremd Gewächs ist; nebenan, im Schimmer
Des Abendroths, da folgt ein Frauenzimmer!”
„Es ist die „Jungfrau.” Herrschend über all’ die Riesen,
Ist sie nur selten mal des Schleiers bar;
Doch, wenn sie sich enthüllt im Abendscheine,
Erglänzet oft ihr Antlitz sonnenklar,
Um vor dem Schlafengehn den alten Recken
Im kalten Herzen neue Gluth zu wecken.”
„Sie selbst bleibt unnahbar, wie dort die goldnen Sterne,
Die leise ausziehn über unser Haupt,
Und keinem Freier mocht’ es noch gelingen,
Daß ihr den Schleier einer kühn geraubt.
Doch schaut! Verglüht sind nun die letzten Gipfel,
In tiefem Dunkel ruhen alle Wipfel!” —
Sie hatte kaum gesprochen, da klang hinter ihnen
Des Wächters Horn in langgezognem Schall,
Für Schloß und Landschaft Feierabend bietend;
Vom „Hungerberge” scholl der Wiederhall
Und mischte sich mit fernem Glockensummen,
Das bald erstarb in mäligem Verstummen.
Nun breitete sich Schweigen über Berg’ und Thäler,
Es herrschte Nacht und Ruh! Ein leiser Hauch,
Der Abendwind, zog lind durch das Gebüsche,
Als wiegte er in Schlummer Blatt und Strauch,
Und droben, hoch in ungemeßner Ferne,
Erglänzten schimmernd Millionen Sterne.
Da, horch! Vom Zwingolf unten klang es durch das Dunkel,
Wie flüsternd Plaudern, zu den Beiden auf;
Dann war es wieder, als ob leichte Füße
Zum Brunnen huschten in behendem Lauf,
Und jetzt ließ, unweit von der innern Pforte,
Ein Liedlein sich vernehmen. Hier die Worte:
„Eine Tanne, schlank und duftig,
Meiner Minne Maienzier
Stelle ich zum Angedenken
Nächtens vor braun Maidlins Thür.”
„Rosmarin und rothe Ilgen
Schmücken viel den Maienbaum,
Meine Seele aber zieret,
Süßer Minne holder Traum.”
„Gäb ein Schlüsselein die Feine
Mir von Gold, ich schlöß sie ein,
Tief in meines Herzens Schreine
Und verlör das Schlüsselein.”
Des Liedleins Töne zitterten noch durch den Zwingolf,
Da scholl vom Brunnen her, wie Wiederhall,
Erst leise, bis der rechte Ton getroffen,
Die Antwort drauf in glockenreinem Schall.
In tiefem Alt, als käm’ er aus der Seele,
Sang klar und deutlich eine Mädchenkehle:
„Drauß’ im Walde laß’ die Tanne.
Und die feinen Blümlein stehn;
Denke, was die Mutter sagte,
Würd’ den Maienbaum sie sehn?”
„Hast den Schlüssel Du verloren,
Ist mir recht; denn wahre Minn’
Braucht kein Schlößlein und kein Schlüssel,
Und bleibt doch im Herzen drin’.”
„Tief im Walde grünt die Tanne,
Rothe Ilgen duften fein.
B’hüet Dich Gott in stiller Kammer,
Und gedenk’ der Treuen Dein!”
„’s ist Mechtild und ihr Chnab, der Hansli!” sagte Elsbeth
Zum Junker, als der Sang verklungen war.
„Sie sind sich zugethan in allen Ehren
Und, wie ich meine, ist’s ein stattlich Paar;
Hab’ drum der Maid versprochen, anzufragen
Beim Vater, da die beiden es nicht wagen.”
„Doch,nun ist’s Zeit für mich, zu gehen,” schloß sie freundlich,
„Gehabt Euch wohl und träumet sanft die Nacht!”
Mit diesen Worten war sie ihm entschwunden
Und huschte nun die Wendeltreppe sacht
Hinunter, daß die trocknen Treppensparren
Nicht allzu hörbar ächzen oder knarren. —
Herrn Kuonrads „Gute Nacht!” kam ihr nicht mehr zu Ohren,
Weil, als er’s sprach, sie schon davon geeilt.
Nun fiel ihm schwer, sich von dem Ort zu trennen,
Wo eben noch die Liebliche geweilt;
Er blickte sinnend nach dem Abendsterne,
Der prächtig flimmerte aus dunkler Ferne.
Mit sich allein, stieg vor des Junkers wacher Seele
Ein Bild empor durch Nacht und Dunkelheit.
Er sah sein Bäslein, eine reiche Schöne,
Um die im Stillen unlängst er gefreit,
Und der sein Werben auch wohl nicht mißfallen,
Da sie nur ihn begünstigte vor Allen.
Schon, weil es galt des Bäsleins Eltern zu gewinnen,
Hatt’ sich der Junker an den Ohm gewandt,
Deß’ Wort als Bischof mehr als seins mocht’ gelten,
Daß bald ihm werde der Erkornen Hand.
Da kam der Span mit Sigismund dazwischen,
Vor dessen Zorn Herr Kuonrad mußt’ entwischen.
Nun stand der Schönen Bild ihm plötzlich vor der Seele:
Die Stirn’ umwallt von dunkler Locken Pracht,
Die herrliche Gestalt von üppigstolzen Formen,
Mit Augen, schwärzer als die tiefste Nacht;
Die jedesmal den Sinn ihm neu bestrickten,
Wenn voller Gluthen sie verlangend blickten.
Doch bald verschwanden auch des schönen Bildes Farben,
Es trat an dessen Platz ein ander Bild:
Nicht stolz und üppig, wie das erste zeigte,
Nein, lieblich, hold und fein und mild;
Gleich Sonnenstrahlen, die am Frühlingsmorgen
Im Thau hin küssen bangen Winters Sorgen.
In mildem Strahle glänzten Elsbeths fromme Augen,
Er konnte tief in ihre Seele schau’n,
Die klar und rein sich darin wiederspiegelt’
Und hin sich gab in kindlichem Vertrau’n.
Die Huldgestalt in Minne zu umfangen,
War seines Herzens stürmisches Verlangen.
So stand er, sich versenkend in die lieben Züge,
Im Wesen ihm und in Gedanken nah;
Denn jeden Tag mußt’ er auf’s Neu’ bewundern,
Was hier zum ersten Mal sein Auge sah:
In Züchten stiller Minne treu ergeben
Und milde waltend, deutsches Frauenleben.
Mit andern Augen schaute er das reiche Bäslein,
So stolz, weil es entstammte wälschem Blut;
Deß’ Blicke so vernichtend blitzen konnten,
Und doch verriethen tief verborgne Gluth!
Das tausendmal am gleichen Sommertage
Die Laune wechselte zu seiner Plage.
Nicht mühte er sich mehr, die beiden zu vergleichen,
Er mehrte damit sich nur Schmerz und Qual.
Der Oheim mußte längst geworben haben,
Und blieb denn überhaupt noch eine Wahl?
Herr Kuonrad sagte sich, zwar mit Erröthen,
Des Bäsleins Reichthum sei ihm sehr von Nöthen.
Nun mit sich selber zürnend, stand er lange sinnend,
Bis scharfe Nachtluft ihm die Stirn’ gekühlt.
Von heute wollt’ er Elsbeth ferne bleiben,
Daß nicht sie ahne, was er für sie fühlt;
Denn nimmermehr wär’ Ruhe ihm beschieden,
Wenn er zerstörte ihres Herzens Frieden.
Mit solchem Vorsatz ging der Junker zu der Treppe,
Die er, im Dunkel tastend, niederstieg,
Um unten noch beim Vogte vorzusprechen,
Mit ihm zu plaudern von dem letzten Krieg.
Er traf den Kaplan da, nebst Wein und Karten;
Die Herren mochten seiner lang schon warten. —
Im Zwingolf unten, nun das Abendbrot gegessen,
Verkürzten sich die Knechte auf der Bank
Die Zeit vorm Schlafengehn mit Scherz und Plaudern;
Sie sagten Kunz und Hansli vielen Dank,
Als diese noch, auf allgemein Verlangen,
Ein paar „Gesätzlein,” die hier folgen, sangen.
Wir lieben’s den viel rothen Wein,
Denn er geht frisch in’s Blut uns ein.
Gedeihen muß das Leben,
Wenn wir das Kännlein heben!
Gedeihen muß das Leben,
Wenn wir das Kännlein heben!
Kommt es auch vor, daß wir einmal
Festsitzen bis zum Morgenstrahl;
Beim Weine uns zu wärmen,
Die ganze Nacht durchschwärmen!
Beim Weine uns zu wärmen,
Die ganze Nacht durchschwärmen!
So sind dem Zecher doch nicht hön
Drob unsre lieben Frauen schön,
Dieweil sie selbst gern nippen
Am Wein, mit Rosenlippen!
Dieweil sie selbst gern nippen
Am Wein, mit Rosenlippen!
Hallowerwein, Du Edelblut,
Du schmeckst zu allen Zeiten gut;
Nach Dir geht unser Streben,
So lange wir am Leben!
Nach Dir geht unser Streben,
So lange wir am Leben!
Und geht es einst auf’s Todtenbett,
So reichet uns, als Seelgerett’,
Von Hallau Saft der Reben,
In’s Jenseits uns zu heben!
Von Hallau Saft der Reben,
In’s Jenseits uns zu heben!
———
Der schönste Tod, den ich mir weiß,
Das ist: im Wald zu sterben;
Viel schöner, als im Bette heiß,
Aus Lumpen zu verderben!
Der beste Wein, so jeder kennt,
Er muß wohl sein gegohren;
Recht, wie ein Mann, den nichts mehr brennt,
Der d’Hörnlin hat verloren!
———
Gott grüß’ Dich, feurig Rebenblut,
Du Edeltrost der Mannen!
Wie schmeckst Du allerorten gut,
Aus Humpen und aus Kannen.
Hat einer von Dir etzlich Stück
Im kühlen Keller vergraben,
So preis’ er’s als sein größtes Glück,
Am Weine sich zu laben!
Gott grüß’ Dich, feiner Augentrost,
Vielschöne Maid im Walde!
Nach Deiner minniglichen Kost
Sehn’ ich mich nur zu balde.
Wer immer Dich sein eigen nennt,
Dem brennt ein Feu’r im Herzen;
Macht, daß er keine Jahrzeit kennt
Und thaut, wie Schnee im Märzen!
———
Was ist es, dessen sich freuen soll
Am ersten ein guter Zecher,
Wenn ihm die Maid einen Humpen voll
Mit Wein reicht, dem Sorgenbrecher!
Ist es das Naß in der Kanne klar,
Hellperlendes Blut der Reben?
Ist es der Maid frisch Lippenpaar,
Nach denen geht sein Streben?
Ich acht’ wohl fein, vieledle Herrn,
Das braucht’s nicht lang zu rathen;
Ein Jeder tröst’ sich Beider gern,
Vom Spielmann bis Prälaten!
———
Mein Mägdlein trägt ein Camisol
Mit einem Purpursaume;
Nun gute Nacht und schlafet wohl,
Und denket mein im Traume!
Viertes Kapitel.
Ein Meer von Nebelwolken füllte rings die Thäler,
Nur leis bewegt vom lauen Hauch des Föhn.
Aus Silberwogen ragten, Inseln ähnlich,
Der nahen Berge dunkelgrüne Höhn;
Sie ruhten grüßend schon im Sonnenstrahle,
Indeß’ noch dichter Nebel lag im Thale.
Das Auf- und Niederschwanken all’ der Nebelmassen
Glich scharfem Stechen, wildempörtem Streit,
Denn kämpfend rang die Sonne mit dem Nebel,
Doch der wich kaum um eine Spanne breit;
Schien an der Halde er auf’s Haupt geschlagen,
Sah dafür jenseits man ihn berghoch ragen.
Fast jeden Morgen wiederholt sich dieses Ringen,
Es weisen sich die Kämpen kühn die Brust.
Bald schießt die Sonne Strahlen in die Thäler,
Bald wieder stockt’s von weißem Nebeldust;
Meist bleibt, wer Sieger, lange unentschieden,
Denn Sonn’ und Nebel schließen ungern Frieden. —
Es war Sanct Vrenen Tag, als Frühe schon im Zwingolf
Zum Aufbruch fertig standen Roß und Troß.
Sie feierten die Heilige in Zurzach,
Da durfte fehlen nicht der Vogt vom Schloß,
Und da ihn Elsbeth und Benno begleiten,
War auch Herr Kuonrad einig mitzureiten.
Nun standen plaudernd längst die Knechte bei den Pferden,
Die, ungeduldig scharrend mit dem Huf,
Schier neidisch auf des Fräuleins Zelter blickten.
Es war ein Schimmel. Stolz auf den Beruf,
Des Schlosses Herrin hie und da zu tragen,
Mocht’ ihn die Ungeduld am meisten plagen.
Jetzt regte sich’s auch in der Windberg’ überm Thore.
Dort ließen Haus und Xaver alsgemach
Die Brücke auf den Grabenpfeiler nieder,
Indeß’ der Erstere zum Letztern sprach:
’s ist gar nit koumli, heut in’s Thal zu fahren,
Der Nebel läßt ja kaum den Weg gewahren!”
„Laß’ nur den Nebel, Bueb! Der ist am Berg von Nöthen;
Er ist der Traubenkocher, der schafft Saft!”
Gab Xaver rauh zurück, sich kurz verschnaufend,
Denn an der Winde galt es Manneskraft,
„Bei Euch im Schwarzwald mag er minder taugen,
Doch dafür könnt Ihr auch an Schlehen saugen!”
„Drum ist mir hier der Wein um desto lieber, Vehrli!”
Sprach, neckisch lachend, Hans zum ältern Knecht.
Der aber brummte: „So ’ne Wäldergurgel
Find’t stets das Beste grade für sich recht;
Wär’ ich der Vogt hier, müßten solche Laffen
Mir jeden Gottestag im Rebberg schaffen.”
Als Hans den derben Worten jetzt entgegnen wollte,
Da polterte es von der Brücke her,
Schnell traten beide drum zur nächsten Luke,
Von der man übersah des Schlosses Wehr.
’s war Kunz, der, mit dem Pferd schon überm Graben,
Wie immer, mußte vor dem Vogte traben.
Bald folgte dieser selbst. Zur Seite ritt die Tochter,
Des Zelters Zügel in der zarten Hand.
Es schmiegte sich um Elsbeths schlanke Formen
Ein enganschließend, schwarzes Sammtgewand;
Den Hals umkräuselten schlohweiße Spitzen,
Die, steifgedollt, im Strahl der Sonne glitzen.
Des Haares krause Wellen hielt ein Netz gefangen,
Daß nicht entrolle sich die goldne Flut;
Zwei weiße Straußenfedern wogten prangend
Am, ebenfalls schwarzsammtnen, kleinen Hut,
Der leicht beschattete die feinen Züge,
Doch auch sie sehen ließ noch zur Genüge.
Auf schmucken Rappen folgten Benno und der Junker.
Die beiden ritten friedlich Seit’ an Seit’,
Denn da der fromme Herr ein schwacher Reiter,
Bat er den Hausgenossen zum Geleit;
Der wär’ zwar lieber mit dem Vogt geritten,
Fügt aber artig sich des Kaplans Bitten.
Zum Schluß kam Jochen, der, ein Packpferd noch am Zügel,
Dicht hinter Benno und dem Junker ritt.
Sein eigensinnig Rößlein wollte traben,
Da doch nur Schritt der steile Bergweg litt;
Ein Ruck am Zügel und der Peitsche Schwingen
Verhalfen es in rechten Gang zu bringen.
Bald wurde links geschwenkt und es verschwand die Truppe
Im Nebelmeere an des Schloßbergs Wand.
Von kalten, feuchten Wolken rings umschlossen,
War’s kaum so hell, daß sie den Weg noch fand,
Der jäh nach Bechtersbohl hinunter führte,
Wo schon der Dorfvogt stand, wie sich’s gebührte.
Mit kurzem Gruße ritten sie an ihm vorüber
Dangstetten zu; auf breitem Karrenweg
Ging’s rasch in schlankem Trab thalnieder,
Bald waren sie am Kreuze bei dem Steg.
Der Nebel aber wollte noch nicht weichen,
Sie sehen nichts vom Dorf, bis sie’s erreichen.
Hier harrte ebenfalls der Dorfvogt des Gestrengen
Und brachte ihm, nach Brauch und alter Sitt’,
Das Ortsgeschenk, das man zu bieten hatte,
So oft der Schloßvogt durch die Gasse ritt:
„Dem Pferd ein Metzlin Hafer, und zwo Kannen
Voll guoten Weines für des Schlosses Mannen.”
So bringt’s die Urkund’, ist auf Pergament zu lesen. —
Weil noch es früh war, hieß des Vogtes Huld
Den Wein und Hafer auf den Abend sparen,
Wo er empfangen will des Dorfes Schuld;
Gar froh, daß heut’ der Herr nichts fand zu rügen,
Mocht’ gern der Bauer dem Bescheid sich fügen.
Nun ging es weiter zwischen strohgedeckten Hütten,
Die links und rechts an breiter Gasse stehn;
Sie lagen wie verödet in dem Nebel
Und war kein lebend Wesen nah’ zu sehn,
Da all die Bauern, fromm wie ihre Ahnen,
Nach Zurzach unterwegs mit Kreuz und Fahnen.
Bei einem Hause nur verlockt’ der Rosse Trappeln
An’s schmale Fensterlein ein bleich Gesicht,
Deß’ Eigenthümer scheu gemieden wurde;
Denn er vollzog des Blutbanns streng Gericht.
’s war Meister Jakob, der das Fest mußt’ meiden,
Wollt er nicht andern den Genuß verleiden.
Den Herrn erschauend wandte er sich weg vom Fenster
Und dabei traf sein kalter Henkerblick
Das breite Richtschwert in des Stübleins Ecke;
Sonst führte er das Schwert mit viel Geschick,
Doch, seit des Vogtherrn Urtel milde enden,
Schwang selten er es mehr in seinen Händen.
In scharfem Ritte ging’s am letzten Haus vorüber.
Der Nebel mehrte sich noch bis zum Rhein
Und hüllte Roß und Reiter immer dichter
In seinen frostig-feuchten Mantel ein.
Am Kreuzweg nahten sie geweihter Stelle,
Der alten Vierzehn-Nothhelfer-Kapelle.
Hier jedoch hemmte Elsbeth ihres Rößleins Schritte
Und wandte sich Herr Kuonrad zu, beschämt,
Daß sie der Kälte nachgab, mit der Bitte
Um’s Schäublein, das, mit Fuchspelz warm verbrämt,
In Jochens Packkorb herzlich wenig nütze,
Statt, daß es bas sie nun vor Frost beschütze.