KASIMIR EDSCHMID:

DAS
BÜCHER-
DEKAMERON

Eine
Zehn-Nächte-Tour
durch die europäische Gesellschaft und Literatur

Zweite Auflage

ERICH REISS VERLAG / BERLIN 1923

Geschrieben im Juli und halben August
Neunzehnhundertzweiundzwanzig

Copyright by Erich Reiß Verlag 1922

INHALT

Erster Vormittag
DEUTSCHLAND
SEITE [9]

Die erste Nacht
DEUTSCHE
SEITE [41]

Die zweite Nacht
FILM • THEATER • SCHAUSPIELER • REGISSEURE • ESSAYISTEN • LEBENDIGE
SEITE [69]

Die dritte Nacht
BIBLIOTHEK (ABER DAS LEBEN IST HERRLICHER)
SEITE [95]

Die vierte Nacht
SATIRE
SEITE [121]

Die fünfte Nacht
KUNST UND GESELLSCHAFT
SEITE [145]

Die sechste Nacht
POLITISCHE DICHTUNG??
SEITE [185]

Die siebente Nacht
NEUE SCHULEN
SEITE [227]

Die achte Nacht
DIE ANDERN
SEITE [251]

Die neunte Nacht
UND EUROPA??
SEITE [267]

Die zehnte Nacht
MIJNHEER!
SEITE [297]

Letzter Vormittag
GELASSENHEIT
SEITE [301]

Erster Vormittag

Mijnheer, wir sind eingeschneit.

Von den Spießhörnern bis zur Todtnauer Hütte jagt der Schneesturm schon den dritten Tag. Das Zastler Loch ist verhüllt und um Herzogenhorn ballt sich die Schneeflut zu neuem Angriff. Zum Bärental häuft sich der Schnee schon wie Meer. Als ich zuletzt Sie traf in ähnlicher Lage, war es am Brenner, Sie kamen mit Wolken Schnee auf breiten Eschenbrettern herauf, ich schnallte die Hickorys, um in die Schweiz zu fahren, und die schon fast italienische Sonne glühte über Tirol das Gebirge zu Metall.

An diesem Tag zog D’Annunzio mit seinen Freischaren nach Fiume, heut empfängt er den russischen Volksbeauftragten Tschitscherin. Was ich an dem blitzkurzen Tag Ihnen damals sagte, steht in der „Doppelköpfigen Nymphe“. Was macht es, solange meine Landsleute sich mit seinem Ja und Nein nicht lernend auseinandersetzen? Habe ich recht behalten oder nicht? Wie hat in der Zwischenzeit das Karussell der Zeit sich umgedreht!

Finden Sie Boden in diesem Mosaik, das mit Pferden und Menschen und Schreien um die eigne Achse sich ohne Pause dreht? Damals schoß man in Haufen auf den Straßen um Weltanschauungen. Heute doziert in Offenburg, während die Witwe geladen ist, der Staatsanwalt an Erzbergers präpariertem Schädel den Bauern-Geschworenen mit dem Bleistift die Einschußrichtungen seiner Mörder. In den Festungen sitzen nach dem Proletarischen hin ausgeschwärmte Dichter. Feldherren des Kaisers nehmen Paraden ab über die Truppen der Republik. Auf dem Rhein flitzen belgische Kanonenboote, auf keinem der Dampfer zwischen Mainz und Bingen sehen Sie die Farbe Schwarz-Rot-Gold. Die Bäder der deutschen Ostsee-Küste sind zwischen den Strandkorbburgen millionenhaft mit den Fahnen des Kaiserreichs beflaggt. Der erste deutsche Botschafter in Amerika übergibt seine Beglaubigung im Namen von „The German Empire“, und man antwortet ihm in Washington, er meine wohl seine Republik. In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: vivat Rupertus Rex. Der Reichspräsident, der München besucht, erhält feierlich am Bahnhof unter Gepfiff eine rote Badehose gereicht.

Sie interessieren sich nicht für Politik?

Ich auch nicht.

Es ist unsere Zeit aber Mijnheer. Das ist der Boden, den wir treten, das sind die Wolken, unter denen wir atmen. Wo schieben sich ähnlich knisternd Begriffe und Revolten und erlauchte Traditionen durcheinander!

Zwei Stunden nördlich übers Gebirge, in Baden-Baden, endigte früher die bevorzugte Schnellzugslinie von Paris. Hier fuhr als Dauphin Eduard der Siebente in Hemdsärmeln vierspännig den Blumenkorso über die Lichtenthaler Allee, führte Prinz Hamilton am blauen Band ein Schwein als Wette durch den Kurgarten, sauste der britische Hoftroß mit Bettlaken nachts in Droschken zum alten Schloß, Gespenster für harmlose Passanten zu spielen. Die Fürstin Gagarin telegraphierte aus Syrakus an ihr Palais Stourdza, um ihre Ankunft zu melden: „Préparez trois cotelettes pour les chiens“, hier wurde den Gazellen des siamesischen Sultans jeden Morgen in einem Springbrunnen ein Bad fin champagne gerüstet, wurde dem jungen Portugiesenprätendenten eine Straße gebaut, um zwei Gärten zu vereinen. Hier, wo Liane von Pouchi tanzend ihre Triumphe feierte, beginnt einige Jahre nach Krieg und Revolte unbedrückt vor Angst, daß niedere Klassen mit Schüssen und Raub darauf antworten, unter jahrhundertalten Bäumen das Leben wieder feierlich und reich zu spielen.

Die bengalischen Feuer schmeicheln dem sanften Anfang der dunklen Höhen, und unter den Schatten der Bosketts gleiten die Lampions mit den wohligen Seufzern der Menschen zusammen zum immer festlich bereiten Nachthimmel. Die Blüte aller Bäume von Flieder bis Magnolien und von den feierlichen Kastanien bis zu den wilden Rosen und Geisblatthecken wird dieses Jahr zusammenfallen, und die von den Fontänen besprühten siebenfarbenen Rhododendronbüsche werden vor der Spiegelfassade des Hotel Stefanie mit unbekannter unterdrückter Leidenschaft blühen.

Ein Geschlecht von wenigen bevorzugten und finanzierten Deutschen, aber Hollands und Amerikas Kleinbürgerschaft wird die wundervolle Burg des großen Lebens in Besitz nehmen, indem es sich das Vorrecht der früheren Jahrhunderte mit einem Geld, das mit Hundertzwanzig bis Zweitausend usw. die Mark kauft, sichert. Guizots Rat: „Enrichissez-vous!“ hat nach jeder Revolte und jedem endlosen Krieg sein Publikum verstanden, eine neue Schicht, die nach Leben und Wirkung mit allen Zähnen bleckt, ist aus der Tiefe aufgehoben worden und hat von der Oberfläche die seitherigen Gebieter ablaufen lassen. Aber Gambettas Beispiel, der die Subskriptionsbälle für die neue Gesellschaft seines Landes schuf und Salons aus der Erde zauberte, indem er flüsterte: „La république manque de femmes“, Gambettas Beispiel hat keine Nachfolge gefunden. Die Elite des deutschen Volkes und seine Gesellschaft grollt unversöhnlich, ja vernichtend der Republik, deren Vorsteher nicht die Weltmännischkeit besaßen, diese Masse an sich heranzuziehen. Ich habe an kaum einem sichtbaren bürgerlichen Ort einen Republikaner gefunden, ich kenne keinen Republikaner außerhalb des Klüngels der Politiker und Schreiber. Ja sogar der befreundete Leiter einer Sternwarte, der behauptet, mit einem Überguß Schwefelsäure auf seiner äußersten Linse das politische Bewußtsein seiner Opfer gespiegelt zu sehen, versicherte betrübt und gelangweilt, seit Monaten sehe er in Flugzeugen und Autos und Äckern nur die Farben der Vorkriegszeit.

Man mußte den manischen Alten, der vor Sucht nach einem Republikaner verging, wegen Farbenblindheit einer Heilanstalt zuführen, die Sehnsucht nach der Republik hatte ihm seinen Beruf und seine wissenschaftliche Carriere gekostet. Kein Bankier kaum ansonst, kein Industrieller, der auf die neue Flagge schwört und höchstens einige Juden, die verschämt über die Thora mit ihr kokettieren. Selbst die Direktoren demokratischer Industrieregenten wagen in Ruhrort und Recklinghausen und Duisburg nicht, durch das gleiche Bekenntnis wie ihr Zar dem gesellschaftlichen Terror zu widerstehen. Denn Gesellschaft heißt in Deutschland nicht wie in anderen Ländern: durch die Jahrhunderte in einem Rassebewußtsein zu gewissen Neigungen und Bewegungen filtriert sein, sondern heißt jene Clique, die vor dem Krieg zufällig verdiente, adlig war und die Ämter beherrschte. Die schwört heute auf die Reaktion. Die arbeitende Klasse kämpft, schon in der Verteidigung wieder, um den Achtstundentag. Die großen Auseinandersetzungen werden noch kommen.

Auf dieser Atempause der Geschichte, auf einem gläsernen Regenbogen steht die Republik.

Eine Generation junger frecher und halb hilfloser Leute mit sehr roten Handschuhen und hellen Koffern aus Leder hat zwischen Franc und Dollar die Plätze der Eisenbahnen belegt. In Innsbruck sahen wir, von den Ötztaler Alpen vor drei Wochen heruntersteigend, den Adel Tirols aus den Schlössern zusammenströmen und ihre Komtessen tanzen in den Kostümen der Mode von vor fünfzehn Jahren, da ihr Geld die neue nicht mehr kauft, aber mit phantastischem Familienschmuck, den sie nicht veräußern, noch exklusiver wie früher, und einen gewissen tötlichen Stolz in den zwanzigjährigen Gesichtern. Das ist Deutschland.

Bald haben alle Fürsten und Feldherrn ihre Memoiren herausgegeben und alle schieben die Schuld auf den andern genau wie, als die Franzosen den vorletzten Krieg verloren, Ollivier, Benedetti, Leboeuf, Wimpfen sich die Niederlage an die Köpfe warfen, bis man in dem Spitzbart Bazaine den Prügeljungen entdeckte. Für unser Schrifttum ist der Haufen Papier ein verwegenes Nichts, für die Erinnerungsliteratur keine Bereicherung des Stolzes, der letzte große Memoirenschreiber der Deutschen aber, der pfaueneitle jedoch illustre Fürst von Muskau hätte mit einer Handbewegung diesen Hahnenkampf seiner Kaste abgelehnt: „Quelle blague.“ Ich traf im Sommer auf einem Bodenseedampfer einen früheren russischen Attaché, der Schweine für die deutsche Regierung in Belgrad gekauft hatte, der riet, zur Südsee auszuwandern mit einem Harem von Frauen und schönen Tieren, und fünfzigjährig in das dann befriedete Europa zurückzukehren wie Apoll, der bei Winterbeginn zu den Hyperboräern jagt, um erst wieder, von Päanen gerufen, im Frühling zum silbernen Kephissos und seiner geliebten Quelle Kastalia im Schwanenwagen zurückzukehren.

Den Russen langweilten die Zuckungen, mit denen die Erde Europas sich langsam wieder in ein festes Bett zurückstemmt und er wußte, daß nicht die Spur nachzuhelfen sei mit Kongressen, Parlamenten und Paraden des Geschwätzes, und daß elementare Gewitter nicht durch Beschwörungen der Regenmacher sondern nur durch elementare Ausströmungen langsam sich sänfteten.

Ich bin, obwohl ich abenteuerlustig las, in Mozambique bei Beira hätten Kaffern endlich die Seeschlange angeschwemmt gefunden, und obgleich Sir William Loyd Davkins in „Manchester Guardian“ hinzufügt, ihre Köpfe seien groß wie die Leuchtfeuer von Makuti gewesen und die Kaffern hätten zwölf Tage lang an der gelben Gallerte fressend gelegen . . . . . . ich bin, obwohl alle Himmel der Fremde und alle noch nicht genossene Seligkeit der Erde mit beispiellosen Kontinenten, Mondgebirgen und barbarisch dunklen Meeren dahinter locken . . . . ich bin für Bleiben.

Die Luft unserer Jugend ist elektrisch wie die Cinnas und Hannibals und des dritten Otto und jenes vierten Heinrich, der einer der schlausten Anwälte der Deutschen war, aber sie ist auch noch schicksalgesättigter in ihrer zuckenden Röte als die des großen Korsen. Die Ausschweifungen der noblen Jugend, die Reisen ins Tropische unserer Leidenschaft sind uns verdorben. Die Sommernachtsfahnen der Freude haben unter anderen Sternen anderen Generationen geflaggt. Es gibt nur eine Haltung des Anstandes, in den Krisenfeuern, in denen Europa sich anschickt einen neuen Stern zu gebären oder zu krepieren, mitten im Land und unter seinen Leuten zu stehen, ihnen zu helfen zur Lösung oder zu neuem Kurs sie zu überreden, oder wie auf einem Schiff mit ihnen zu ersaufen . . . . und sei es auch nur, den hoffnungslosen Kampf mit der Politik zu sehen, den diese Menschen, die Andersdenkende ruhig (wie zur Zeit, wo Mord bei den Germanen noch reine Privatsache der betreffenden Familien war) erschießen aber die Pferde innig lieben, die oft roh sind wie Tataren aber gütig und sentimental wie die Engel, die manchmal wie jener Thomas Münzer, der sich mit dem Schwert Gideonis unterzeichnete, unflätig in den Gesten aber in den Herzen voll dunkel flackernder Begeisterung sind . . . . . . sei es auch nur dem hoffnungslosen Kampf dafür unbegabter aber herrlicher Menschen mit der Politik in einer mitleidlosen Zeit beizuwohnen.

Diese Deutschen!

Man muß hinter Düsseldorf am Rhein gelegen sein, um die Größe dieses Landes mit dem stillen Verströmen des Flusses zu spüren. Man muß zwischen Bingen und Sankt Goar seine Romantik fliegen gesehen haben voll jahrhundertblauer Gewalt. Wie haben die Spessartwälder gedröhnt von der Musik ihrer donnernden Wölbung. Wie haben die bayrischen Seen unter der Pranke des Herbstmonds mit aufschießenden Nebeln gebuhlt und die Morgenberge mit wilder Idylle gespiegelt. Wie hat der sommerliche Schwarzwald vor Behagen aus allen samtenen Fichtenhängen geraucht und die Nacht noch sanfter an den glatten Muskeln des Vogesenbruders in den Rheingau fallen sehen. Wie hat der Odenwald von Sagen an allen Quellen aufgezittert und wie reif sind über der Mosel die Sonnensegnungen gelegen.

Wie haben die Sturmfluten die Nordseehäfen überdeckt, während der Mond bleirote Lähmung gespenstisch darüber flutete, daß die Molen verzaubert von soviel Glanz reglos von den Raubwellen zerrissen wurden — und mit welchem Jubel haben wir als Jünglinge die tänzerische Grazie Bayreuths und die Stierwucht von Bamberg und die Rothenburger Silhouette vor den Abendhimmeln des Sommers empfunden. Die Parke unserer Kindheit waren voll von Tritonen und Bächen und flötentragenden Göttern der Büsche und Wälder und den stampfenden Pferden besinnungslosen Glücks auch im dunklen Erschauern der Zukunft.

Wie hat Friesland uns später mit schwarzen Bauerngütern in fetter Erde unter seinen Herden gebebt, wie haben die Ostseeleuchttürme den Dreimastern und Hochseebooten herzbange Grüße durch die Jasminnacht geworfen, wie haben die Züge gejauchzt, als die süddeutschen Erntefelder sie mit beispielloser Goldfülle verschlangen. Wie hat der Wein des Elsaß sich zur Melancholie der Eifel in unseren Knabenfahrten herrlich gesellt, und mit welchen Farben haben die mecklenburgischen Teiche sich noch an den grauen Himmel pommerscher Riesengüter gemalt, wenn die Wildgänse darüber flogen.

Wie hat das ganze Land sich gereckt wie ein Weib, bis es die Schönheit erreichte und bis aus jeder Falte ihrer Erde der Duft der Anmut und der Vollendung in solcher Musik stieg, daß wir vor Liebe und Demut die Sünden und Fehler der Bewohner fast vergaßen. Die Luft unserer Jugend ist stürmisch wie die des Cinna und Hannibal, aber, unverrückbar, die Seen und Wälder und Berge unserer Leidenschaft und unserer Heimat sind von erhabenem Gleichmut der Schönheit.

Welche Zeiten!

Gleichsam auf einer zweiten unsichtbaren Ebene darüber aber steht wie ein zitternder Kessel zwischen den Manometern und Fieberkursen der Valuten „The German Empire“, so, als sei zwischen den Zustand seiner Fluren und den eines möglichen Glückes die heutige Misere wie ein verlegener Alpdruck hineingeschmettert und als seien die Geister, die um diesen Zustand irrten, vor Verzweiflung fast schon bereit sich selbst zu verhöhnen und auch der letzten Entschlußkraft beraubt. Ich fürchte, gäbe es in der Politik einen Eros und Stufungen der Geschlechter wie bei den Lebewesen, man würde „The German Empire“, das weder wagt mit dem Glanz der Senatoren von Catos Strenge bis zu Clemenceaus Unerbittlichkeit eine Republik zu sein, noch sich für ein wahrlich neues Kaiserreich zu entscheiden, zu den Zwischenstufen zählen, denen zwar viel Nüancen aber keine eindeutigen Himmelfahrten erlaubt sind.

Aber der Haß auf ihre Gegenwart hat nie vermocht, die Liebe zu ihr zu unterdrücken, und die besten Augen des Landes sind unbeirrbar auf jede ihrer Bewegungen gerichtet. Denn man liebt nur, wo man helfen will und man ist voll Zärtlichkeit nur da, wo man zu verzweifeln begonnen hat.

Im Kreis darum aber laufen die Ringe unerbittlich weiter, die die Mörder mit den Heiligen und die Tüchtigen mit den Träumenden durcheinander werfen. Ein Tropf, der nicht sein Schicksal zu korrigieren sucht, wo Kunst und Wahrheit nie so isoliert (aber kaum je von den Wenigen geliebter) in der Welt standen. Wer vermag festen Grund zu sehen, wo alle Maßstäbe aufhören, wo das Natürlichste: gut zu speisen und innerhalb Deutschland zu reisen, schon ungewöhnlicher Luxus dünkt und das Leben der mittleren Schichten (ohne daß sie es merken, weil sie ihr früheres Glück in soviel Fatalität vergaßen) eine Versuchung ist mit Gott zu hadern. Die apartesten Gegensätze durchdringen sich mit einer gewissen Heiterkeit, und jede Handlung wird mit auffälligem Ernst von einer Gegenhandlung begleitet, deren Gesicht die Grimasse des Widerspruchs trägt.

Vermuten Sie, daß am Tag, als Max Hölz mit Kommunisten und Räubern das Vogtland unterjochte, ein eigens gebautes Segelboot mit dreiundzwanzig deutschen Künstlern aufbrechen sollte, die Welt zu umreisen zum größeren Ruhm des Geistes? Ach Sie vermuten nicht, daß am gleichen Vormittag, als diejenigen Deutschen, die gerne mit endlichem und praktischem Erfolg die Welt befrieden möchten, zu einer großen Konferenz zusammentraten, in der anderen Ecke dieses Landes die männlichen Mitglieder einer Junkerfamilie zum Spaß mit Schrotgewehren auf alle vorbeifahrenden Automobilisten schossen. Täglich beobachtet man, daß führende Generäle der Kriegszeiten plötzlich ausgerechnet die Agenturen der Lebensversicherungen übernehmen, daß Juden mit einem Male führende Sportleute werden, daß korrekte Assessoren Autofabriken gründen, daß die Bohèmes der Literaturkaffees plötzlich infolge der Beschäftigung mit Wohnungsschiebung liebenswürdige Cavaliere werden mit einem Anflug sicherer Beleibtheit, die den Frieden mit Gott, Welt und Satan immer voraussetzt.

Sehen Sie die Wirtschaft gigantisch wachsen, die von der Kohle über die Erze, die Hochöfen, die Walzwerke, die Maschinenfabriken, über den Vertrieb der Erzeugnisse, über die Schiffahrtslinien eine ungeahnte neue Konzentration herstellt und, fast schon mächtiger als der Staat, beinahe alles erzwingen aber alles verhindern kann, während vor sechs Jahren man glaubte, sie sei in der Hochkurve? Vermutlich wird sich das technische Zeitalter noch zu einer mythischen Größe recken, Dampfer von ungeheuren Maßstäben und tausendfacher Kraft werden durch Motore gelenkt werden, daß sie wie die Delphine im kleinen Kreise tanzen, und die Luft wird derart bezwungen scheinen, daß die Menschen, knapp an die Grenze der großen Weltgeheimnisse wirklich kommend, erst im letzten Augenblick, und nicht ohne Größe, gestürzt werden.

Aber heute gastieren im Schatten dieses Wachstums noch die vielen Schauspieler der Verwirrung und ich vergesse nicht, wie es entrüstete und amüsierte, als auf dem Concours hippique in Kissingen im Frühjahr nur der Stallmeister der luxemburgischen Großherzogin im grauen Seidenzylinder erschien und dann ein Kinobesitzer und nicht Graf Görtz die Sache machte. Man glaubte, das Apokalyptische käme hernieder und die germanische Midgardschlange lasse die Erde aus ihrer Umklammerung fallen. Die Oberfläche der Zersetzung schwankte ein wenig und man sah die gesamten Akteure der Zeit mit einem Male, wie sie über die Hürden und Koppelricks herauf und herunterjagten, als welle sich die Erde unter ihnen.

Europa ist heute ein großer Faschingsball mit schönen Debardeurs und anderen maskierten Gestalten und dem fallen die Triumphe zu, der die kühnsten Griffe und die besten Lenden aufweist. Man demaskiert erst in einer späteren Zeit. Ich habe daran denken müssen heute Nacht, als ich hörte, man habe den großen Ahnen aller Abenteurer des Geistes und Lebens zurückgerufen, indem man das Grab des Marquis von Seintgalt in Dux in Böhmen gefunden. Es war nur ein Zufall, der es beim Legen von Wasserrohren wieder in die Welt spielte, auf dem Grabstein stand mit einer gewissen schlichten Haltung: „Casanova Siebzehnhundertneunundneunzig.“ Im gleichen Jahre wurden der Baron Balzac und der Jude Heinrich Heine geboren, die die gleichen Umschichtungen des Lebens in Frankreich in ihren Büchern damals schon schilderten und mit Kunst einen gewissen Schlußstrich setzten unter die letzte große Kurve einer Zeit, die der kluge und genießende Casanova im Leben noch einmal unerhört gespiegelt hat: den Glanz und die spielerische Abenteuerlichkeit der Welt . . . ., eh sich die Wagschalen des Daseins in die tragischen Entscheidungen von heute stellten.

Man hat nunmehr gelernt nüchtern zu werden, selbst in der erregtesten Zeit, teilt Arbeit und Leben und berechnet selbst seine Zufälle. Wir sind eingeschneit, Mijnheer. Ihr großes Gepäck ist nicht transportabel, der Schneepflug braucht drei Stunden für hundert Meter Weg. Die Dame, die Sie erwarten, kann nicht herauf, es sei denn, sie flöge. Von Stübenwasen bis Gisiböden steht der Schneesturm und wirft Sie über den Kamm, sobald Sie ihn betreten. Versuchten Sie ohne Gepäck ins Tal zu kommen auf Skiern, ist Ihnen nur der Weg der Waldflächen offen, wo der Schnee sich nicht so hoch gesetzt hat, aber schon an den ersten Matten ersaufen Sie im Schnee trotz Ihrer Bretter wie eine Maus.

Wir sitzen fest. Am Tage ists manchmal möglich, vielleicht sich in die Latschen zu schlagen oder Sprunghügel zu bauen, vielleicht geht die Sonne auf und drückt die Schneeflut zusammen, man hat Möglichkeiten und man rechnet mit ihnen. Völlig abmarschieren kann man aber erst, wenn der Sturm gefallen ist, jedoch der Meteorologe versichert, er stehe zehn Tage über dem Gebirg. Das war noch nie, und solche Kaskade von Weiß warf der deutsche Himmel seit meiner Geburt noch nie über Baden. Man muß resignieren und eine Beschäftigung suchen, die wir leicht von selbst gehabt hätten, wäre es uns nicht eingefallen, die braun brennende Sonne des Arlberg mit der schwarzen des Schwarzwalds noch zu vertauschen. In St. Anton wäre der Sirocco uns zu Hilfe geeilt und hätte die Wolken nach Norden geschmissen, die hier von allen Schwarzwaldbergen sich heben und wie Rabenchöre um den Feldberg kreisen. Schon Lukian hat die Reiselust verspottet, nun sind wir die Opfer. Es gibt nichts, was einem unabhängigen Gentleman unerträglich werden könne? Beweisen wir es.

Als im Jahre Dreizehnhundertachtundvierzig sich unter Pampineas Führung die sieben Frauen Boccacces mit den drei Liebhabern vor der Pest aus Florenz flüchteten, lag es nahe, daß sie dem Gespenst nur die Anmut von Vergnügungen entgegenhielten, die ihre Zeit ihnen bot. Es war ihre einzige Waffe. Um sie blühte die Zeit, große Männer und erfüllte Epochen umstanden ihre Welt und es gab nur die Möglichkeit, mit Grazie und gepflegtester Sinnlichkeit dem barbarischen Tod gegenüber sich verächtlich zu zeigen.

Wir haben hier kein Schloß, Mijnheer, mit Dienerinnen, wir haben keine Frauen, was ich sah seit der Ankunft ist nicht erregend und unsere Freundinnen, mit denen wir vertraut sind, sind von uns getrennt. Wir verstehen die Einfalt jener Menschen des Dekameron nicht mehr, die bei Dambrettspiel in den Gärten mit Anrufung Gottes pikante Geschichten erzählten, daß vor der Anmut ihrer lorbeergeschmückten Königin selbst das Schicksal zurückrauschte. Wir sind nicht Kinder einer erlesenen Epoche, sondern Freibeuter eines Zusammenbruchs. Wir haben die Pest nicht draußen und die runde und vollendete Welt im Herzen, sondern um uns kracht die nüchterne Phantastik unseres Säkulums und wir haben nichts in der Brust als die Kühnheit es doch zu lieben.

Boccacces Jahrhundert hatte die Pflicht zu genießen, was bleibt einem Gentleman anderes heute, als die Freiheit, sich mit seiner Zeit in Ordnung zu bringen. Man kann das auch bei Cocktails aus Milch, Ei, Gin, Whisky und Worchestersauce, und wenn der Tag dem Leben reserviert bleibt, haben die Nächte Raum für eine europäische Diskussion. Was kann einen Holländer, dessen Land neutral blieb, dessen Literatur ihn nicht interessiert, der die Musen liebt und Horaz in einer seltenen Ausgabe im Koffer mitführt (wie Casanova selbst in die intimsten Situationen), was kann einen holländischen Edelmann mehr reizen, als zu sehen, wie die Zeit sich in den wichtigsten Literaturen spiegelt, denn in nichts erkennt man, wie Flaubert in seiner Einsamkeit schon verspürte, den Menschen und die Nation so sehr wie im Buch.

Auch den Boccacce hat seine Zeit, weil er ein Ausschweifender und gleichzeitig ein frommer Mann war, mitten in die Kirche seiner Vaterstadt beigesetzt, weil die Zeit in ihm ihre Vorzüge und Eigenschaften am besten erkannte. Und doch hat seine Stimme die Wollust wie kein anderer zierlich bis in das Herz der Frömmigkeit getragen, aber es war die Sprache eines Dichters, und seine Sprache kam aus der des Apulejus und des Lukian und sang sich weiter bis zu dem roten Hymnus des d’Annunzio. Welche Vergangenheit einer Sprache! Ja, Mijnheer, man muß, um ein europäisches Gespräch zu führen, zuerst den Sinn der Sprache begreifen und ihren Weg betasten. Das ist wichtiger wie Whisky und Frauen und der fatale Ernst unserer Einsamkeit.

Ich habe heute Nacht daran denken müssen, als ich am Fenster nichts vernahm als die Dünung des Sturms, den Aufschlag des weichen Schnees und das Zustreun des Geländes, und ich unter dem Bord der hölzernen Veranda eine Schar Vögel entdeckte, die vor der Katastrophe der Natur zu den Menschen flüchteten und nichts hatten sich verständlich zu machen, als ihren aufgeregten, im Hals zitternden Herzschlag und die schreckliche Angst ihrer Augen. Ich hörte, während ich Stare und Amseln auf die Heizung hereinhob, die Wetterhähne dröhnen und die Blitzableiter wie die Elstern schreien. Hinter ihnen aber stand auf den Untertönen des Winds die Musik der Schwarzwaldwälder mit einem dunklen Brausen. Durch die gleiche Musik haben Germanen hier manchen ihrer Kaiser auf kreuzgelegten Speeren aus dem Ruhm des Südens, den sein Haupt gesucht, tot zurückgetragen.

Ach es stand im Donnerton der Tannen in der Dünung mit verzweifelter Melancholie die Irrnis unserer Geschichte, die das Unmögliche stets wie knabenhaft begehrte und ohne Ziel dann ihren schönsten Kopf sich einschlug. Erst als ich vom Balkon zurücktrat, gelang mirs ohne Bitterkeit zu atmen, und als ich mit den Vögeln sprach, war ich lauter als das Sturmwehen. Der Schneezyklon schoß von oben auf den Dachfirst, warf sich zu Boden und hob sich in einem flimmernden selbst in der Nacht sichtbaren Kreis über dem Steinsee. Da blieb er wie ein Krater, der sich rasend drehte.

Es klang verführerisch jetzt hinter dem geschlossenen Fenster, wenn ich die Vögel ansprach, gleichwie als sammelte die Sprache sich in seinen Rhythmen und hebe aus den Jahrhunderten den Ton der Heimatlaute herauf voll unerfüllter Leidenschaft und der heiteren Wehmut seiner unbewußten Schönheit.

Geliebte Sprache:

Als die antiken Zeiten sich von unseren schieden, entführten sie als Dialekt der Mythen und Götter das Griechisch und es blieb nur noch eine moderne Sprache, das Latein. Nie gab es vorher und später ein menschliches Ausdrucksmittel, das so präzis und zugleich flimmernd die Begriffe aufstach und die Umwelt dazu glänzend umschrieb, das ebenso vollendet das Vorgestellte in kristallene Nähe zwang und zugleich das Phantastische in eine Bannmeile atemloser Erregung darum sammelte. Es war die Sprache der Weltleute und der Kommis, der Dichter und der Feldherrn. Herrlich band schon Tacitus ihre Kühnheit im Bilde, als er beschrieb, Germanien sei von anderen Nationen getrennt durch Furcht und Berge. Für die Deutschen war es zu scharf, wie diese Prosa blitzte, zuhieb und trennte. Eine Zeitlang versuchten sie miteinander die Verschmelzung, aber die Mönche jagten das Latein in ihre Klöster. Wie zuckte es manchmal noch aus Klerikerhand brünstig ins Weltliche hinaus, wie mischte es sich anfangs voll und farbig mit den steifen kirchlichen Liedstollen, wie gab es noch der Mariensequenz von Muri die demütige Schlankheit: „Ave vil liehtu maris stella.“ Umsonst, es mußte nach Westen fliehen und ließ seinen Schatten nur zurück, der als Theologie vermummt und enthauptet durch das Mittelalter irrte.

Der deutsche Dialekt der Germanen kam jetzt in seinen raschen tropischen Glanz. Allein gelassen nun ward er die Stimme der großen Epen und der germanischen Troubadoure. Wie glühte der kurze Sommer seiner Pracht in des Vogelweiders Strophen, wie verschlang sich Gedanke und Reim und kehrte voll Musik zurück in die heiß und kindlich gefaltete Kadenz. Nie hat, selbst in Rilkes Versgeäder, Deutsch wieder die Größe der Einfalt und die Vollendung des Tons und die Linie der Grazie erreicht wie in der flötenhaften Lage der Walther-Strophe:

Daz er bî mir laege, —

wessez iemen

(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.

Wes er mit mir pflaege,

niemer niemen

bevinde daz, wan er und ich.

Wunderbar füllte die deutsche liedhafte Zartheit die gläserne Wölbung des frühen Mittelalters mit Auben, Weckrufen, Taggesängen, Hörnern, Kreuzzügen und heroisch-sanften Mythen, aus deren Bau die Sprache jubeln konnte noch stolzer wie Horaz, daß wahrlich nie gehörte Sänge ihr entströmten . . . ., bis mit der schönsten Zeit der Welt, der Epoche der Dome und Kaiser und lichter Maienhaftigkeit Europas sie in den tragischen Schlußvers fiel. Deutsch ward nun die Knochensprache kleinbürgerlicher Meistersinger, die barbarische und oft wildsaftige der Volksbücher oder die robuste Dämonie Grimmelshausens und die Pedanterie der gelehrten Habenichtse.

Doch wie hatte das Latein, das über den Rhein gezogen und mit den Galliern sich vereinigt hatte, im Französisch sich zu geschliffener Klarheit mittlerweile vollendet! Wie hatte auch sein Mittelalter gehallt von den unter Ölbäumen von den Sarazenen heraufreitenden Trouveres, wie hatten die Regenbogen der großen deutschen Epen mit einem Fuße tief in der Provence gestanden, die breit und groß am feierlichsten Meer wiederum sich der Levante und den Dichtern afrikanischer Erde hingab. Wie lärmte über Spanien und Frankreich graziös und gottselig der vogelvolle Himmel der Frühzeit der Menschheit dann aber weiter bis hoch in den vollen Zenith. Und wie erfüllte er sich neu immer durch die lateinische Vergangenheit, die stets die zarte umschwebende Luft blieb, bis zu schönster Vollendung aus den Allegorien der Götter noch tief in der Renaissance der herrlichen Plejade und den späten Prunk des Rokoko. Immer gings aufwärts aus dem Blutsaft der Antike bis in ihre kühnste Moderne.

Aber wir:

Als der ältere Balzac seine„Lettres“ wie Schlittschuhkurven der französischen Prosa vorbog, sielte das Deutsch noch im Jargon der Sauhatz; glaubte Herr Opitz aus Bunzlau am Bober durch Beschreibung des Vesuvs deutsche Dichtung einem neuen Frühling entgegenzuführen. Als der taube Gentleman Ronsard und die Sechs seiner Plejade den Horizont Frankreichs mit dem Duft der farbigsten Lieder bewölkten, knabberte Hans Sachs die Klebsilben aus dem Skelett seiner sechsunddreißig Bücher deutscher Sprache. Während der flotte Offizier Descartes kristallinische Treppen mit seinem Französisch in den Nebel der Philosophie hineinbaute, sang Herr Simon Dach, Professor der Poesie in Königsberg: „Der Mensch hat nichts so eigen / so wohl steht ihm nichts an / als daß er Treu erzeigen / und Freundschaft halten kann“, und glaubte damit, während Shakespeare schon lebte, eine Revolution der deutschen Dichtung geschmissen zu haben. Rabelais, ein entlaufeper Benediktiner, der wundervollste Vagabund neben Villon, und vierzigjährige Medizinstudent führte das Französisch in das ungeheuerlichste Barock, während der Bürger Ayrer seine üblen Fastnachtsscherze schrieb. Im Französischen bildete sich Niveau. Bei den Deutschen war es nur, wenn Wundervolles aufsprang, eine begabte Revolution. Denn auch Ekkhart war den Deutschen nur das mystische Gewissen, Fischart blieb nur die skurrile Blähung voll gewaltiger Einfälle und Luther war keine Sprache sondern nur ein Temperament.

Die Kriege der anderen und die Reformationen, denen Deutschland den Rücken hinzuhalten das Schicksal hatte, haben die Einheit der Empfindung und die Sprache zerstört. Als man sie wieder hätte sammeln können, gelang es nicht den schlanken Bau der Gotik und die Süße mittelalterlicher Gefühlskraft wieder zu entzaubern. Es gab keine Gemeinschaft, keinen so zentralen Hof, der sie glanzvoll gepflegt hätte. Die Führer und Verantwortlichen haben von jeher den Geist und das Volk im Stich gelassen. Man hetzte Hirsche und drillte Soldaten. Das war genug.

Wie anders hat Frankreichs Volk die Muse gehegt! Als Marquisen mit Vaugelas Grammatik unter dem Arm dozierend durch die Schloßparke schritten, korksten deutsche Fürsten wie Stotterer den Dialekt oder retteten sich ins Französisch. Wie hat die Literatur seit Margarethe von Navarra, dieser erlesenen Frau, seit Karl dem Neunten, seit dem ersten Franz, dem vierzehnten, fünfzehnten Louis um die Höfe sich gereckt, die Sprache sich veredelt, wie war der Ausdruck des Menschen Maßstab fast mehr wie die Geburt geworden, daß schon über die Übertreibungen die Spötter des Molière in Lachkrämpfe verfielen. Ja die Macht war so groß, daß selbst revolutionäre Dinge gelitten wurden, wenn ihr Anspruch ihrer Würde und Vollendung entsprach, und die Gesellschaft vernahm mit der Grazie der Gegeißelten die Anmut der Geißler.

Den blauen Salon des Hotel Rambouillet besuchten die Prinzen neben Bossuet und Scudéry, und die Geistigkeit der Marquise, die empfing, war stark genug aus ihren Jours und Empfängen eine literarische Bewegung zu machen, die Richelieu zur Gründung der Akademie trieb. Und während über Deutschland der Dreißigjährige Krieg flutete, war der politische Einfluß der Literatur so ungemein, daß der größte Staatsmann Frankreichs im Streit um Corneilles „Cid“ mit allen Pressionen die gebildeten Kreise mobil machte, Corneille zu zerreißen, weil ihm dessen Geschwärm für Duelle und Spanien seine Taktik kontrekarrierte, die den Adel auf den Bauch warf und Spanien an die Wand drückte. Am Arm von Herzoginnen aber besuchte der große Dramatiker den sich über die Ehre tief verbeugenden und den Besuch des höchsten Adels wahrlich gewohnten Bernini, Italiens damals größten Künstler, unter der Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten Nation, während in Wasserstiefeln deutsche Pastoren, submissest verhungernd, als schlesische Dichterschule schüchtern verkleidet, weltfremd einen dünnen, wenn auch nicht uncharmanten Barock auf deutsche Flaschen ziehen wollten. Wie hat noch hundert Jahre später der große Friedrich seine armseligen Dichter verachtet und mit welcher frivolen Überlegenheit dem Schweizer Henri de Catt die Aperçus über einen gewissen Hofmann erzählt, der mit demselben Hemd ein ganzes Wörterbuch verfertigte und der, als man ihm drohte, am jüngsten Tage werde er allein unter den lichten Gottseligen unrein bekleidet vor Gott erscheinen, den saftigen Wunsch aussprach, daß er lieber, als das Hemd zu wechseln, auf die Auferstehung verzichte.

Wie verachtet, wie schmählich verkuppelt ist in dieser Gesellschaft die Sprache der Heimat geworden, wie erlösend und rührend aber ist sie manchmal dennoch in die Hände von Einzelnen zurückgekehrt, die sie für ihre Launen und für ihre Begeisterung züchteten und sie auf dem langen Weg der Erniederung schön über die beflaggten Barrieren ritten! In Frankreich steht ein gezüchteter Schlag.

Bei uns kommen manchmal die interessanteren Hengste und wiehern die Erinnerung der großen Zeit und blitzen Hoffnung auf die Zukunft aus dem schönen Schlag der Hufe.

Heil Lessing, der mit Strenge säuberte, Sturz, der sie schlank wie ein Florett im Kreis auf seine Hände zurückband. Grabbe, der sie dunkel durchwühlte, Kleist, der ihr die Stahlsehnen des jungen Genius durch den Torso zog, Jean Paul, der erste, der ihr den Nebel und die göttliche Atmosphäre der Worte wie einem gigantischen Stern zur Wielandschen Grazie gab, Büchner, der sie zu heroischer Schlankheit des Mutes begeisterte, Heine, ihr geliebtester Sänger der vogelleichten Kraft, die Romantik, die sie träumerisch wieder mit dem Gesicht ins Übersinnliche wandte, Nietzsche am Schluß mit dem jubilierenden Hurra der obersten Verzweiflung. Geliebte Dichter! Sie waren gute Jokeys und vorzügliche Trainer, aber sie ritten ohne Tribüne und ihre Ställe und Concours hatten keinen Zulauf ihres Publikums, auch hatten sie keine Kenner, obwohl ihre Klasse von internationaler Güte war. Sie waren Desperados der Kunst gegen die Gesellschaft, die sich nie recht formierte, während sonst in Europa diese Gesellschaft die Kunst wie eine sanfte und schöne Krönung über sich trägt.

Selbst Pindar war nur in diesem Sinne ein Dichter für feinere Sportfeste seiner dorischen homosexual gerichteten Geldaristokratie, Shakespeare und Molière die Fabrikanten der von ihren Höfen bestellten Theaterstücke, Calderon war seines spanischen Hofs Arrangeur für pompöse Vergnügung, die Maler der Renaissance die Hauseinrichter ihres sie bezahlenden geschmacklich kultivierten Publikums, Bernini der Baumeister für luxuriöse Ausschweifungen des Barock und der Vogelweider im Lyrischen der Pressechef seines staufischen Adels.

Die Menschen guter Zeiten gaben sich durch die Leute, deren sie sich zur Herstellung angenehmer Verzierung ihrer Epoche bedienten, ein veredeltes Gesicht. Das war alles. Manchmal achteten sie diese Leute nicht einmal, erst Michelangelo machte sich mit seinem Anspruch zum Fürsten. Damit blieb er, genau wie wenn man ihn als Sklaven gehalten, das gleiche Ornament seiner Zeit. Daß man aber ohne Zusammenhang mit seiner Epoche, rund um eine Zeit rasend, die keine Gesellschaft barg, Dramen zusammenschrieb, Bilder zusammenmalte, Türme in die Wolken hineinschickte, Bücher wohl über Probleme der Ideen aber nicht über die Erziehung zur Nation zusammenstapelte, das ist in seiner generationenlangen Dauer so rührend wie unglaublich, aber deutsch. Hat uns nun, seit man in Autos und Flugzeugen und Bahnen fährt, telephoniert und drahtlose Depeschen sendet, die Muse heftiger und vereinigender geküßt? Man hat uns, Mijnheer, noch mehr wie die Schafe auseinandergetrieben. Die Techniken haben uns ein jagendes Tempo in die Adern gesetzt, aber sie haben uns weiter von den Wurzeln deutschen Seins gescheucht wie der Dreißigjährige Krieg.

Was hinter den Romantikern herkam, hatte Plattes und Sauberes, hatte Persönliches und Albernes aber es hatte kein Niveau. Die bärtigen Leute um Paul Heyse hatten die Vehemenz des Dichterischen schon ganz vergessen, als sie nazarenisch in ihren lombardischen Wein den Zucker ihrer Gefühle füllten. Die Holz und Schlaf, die diese in schwacher Nachahmung des großen Zola entthronten, hatten nur schlechte Manieren aber keine Kraft. Es blieb wohl Einsicht, aber keine Stärke, sondern Geschrei. Daß gegen diese dann wiederum die geölten und geschmackvollen Jünglinge des Dichters George marschierten, der ihnen langsam an Baudelaires und Mallarmés erhabenem Beispiel das Geheimnis der strengen Form beigebracht hatte, bewies wohl Einsicht und Sinn für das Dichterische, aber es stellte gegen den Schlamm der Epoche nur einen Salon von Süßlingen. In der Tat, Georges Beispiel ist sinnbildhaft von Bedeutung, es schuf in Wahrheit nur einen Zenakel und dieser war denkbar nur in Frankreich, aus dem er kam.

Erst als die Schicksalsuhren tragischer ins Volk bellten, suchten einige Dichter und fanden einige einer neuen Generation eine Sprache, die, wie die keiner Epoche vorher, wenn auch nicht aus den Klarheiten so doch aus den Krämpfen ihrer Dezennien sich der Zeit anschloß. Die Unerbittlichkeit Wedekinds, der Zauber Schickeles, der breite Döblin, die tapfere Kolb, der hell urteilende Kerr, Sternheim, Benn, Kaiser versuchten ihre Generation zu einem mörderischen Glanz zu verdichten. Das Material Balzacs war ihnen nicht gegeben zwar, sondern nur ein zersplitterter Spiegel. Sie pappten ihn nicht, sondern sie schossen ihn zusammen. Eine Weile deckte sich Kunst und Zeit. Wir sind in der Gegenwart.

Wir sind in der Gegenwart, Mijnheer. Sie liegt vor uns wie Land und Meer, und wo sie zusammentreffen ist Hafen und Schiff. Und wo sie sich schneiden, hat Kunst und Nation sich berührt. Zehn Nächte bei Flips und Cocktails und Gin und Kerzen sind eine knappe Zeit das Terrain zu beschauen. Was interessiert einen holländischen Gentleman an der Gegenwart? Er hat ein Haus in ’s Gravenhage, eine Herde in Utrecht, eine Bibliothek in Delft. Er reist durch die Welt, von Krieg verschont, von Kriegssteuern ledig, den Passeport von der Königin visiert, unabhängig und gebildet, gelangweilt von seinem Lande, und neugierig, was aus Europa geworden ist. Dazu, weil er bereits aus den Gärten der Jugend in die Üppigkeit gepflegter Gelehrsamkeit geführt ward, voll Eifer zu sehen, wie in den Literaturen das europäische Gewürm sich vereinigt. Was kann Sie besonders reizen, nehmen Sie das Glas und beschauen Sie die Linie zwischen Meer und Land.

Die paar Pioniere, von nicht sehr großer Lunge, die die Vereinigung betrieben, haben nicht natürlich Gesellschaft gebildet und Volk und Kultur sich wie im Paradies unter Tränen gerührt ans Herz sinken lassen. Sie haben das Wichtige, wohl unter großen Fehlern, dem Wachstumfähigen genähert. Mehr nicht, aber es ist wohl viel. Will einer nun wissen was kommt, was sonst an Schiff, Barke, Floß, an Haus und Matrose diese Phantasie-Gegend bevölkert, ist die Untersuchung der Gegenwart immer von Reiz, das Prophezeihen aber Kinderei. Der Ehrliche sagt immer nur, was ist. Das Kommende folgert er zum Teil, ahnt er zum andern, zum größten weiß er es nicht. O navis referent in mare te novi fluctus? Ich zweifle nicht, aber ich begebe mich der Antwort. Wir sind zu verwirrt ineinander, man reißt die Kunst nicht der Zeit aus dem Bauch und gibt ihr eine gewünschte Direktion. Auf Zukünftiges die Antwort kann nur Deutschland geben.

In diesem Augenblick, wo es sich anschickt, in die Arena der Entscheidungen Europas zu treten, nimmt es uns alle mit in seine Fahrt. Wie auch immer es sich anschickt, mit seinen dunklen Meeren, den blauen Gewässern und den flammenden Ernten seine Fahrt zu nehmen, sind auch unsere Schicksale mit dem seinen in sein Gesicht gebrannt. Wir können uns nicht trennen. Ob es der rechte Weg ist oder der verfluchte, wir müssen ihn gehen, vielleicht müssen wir ihn auch lieben. Wir können nur hoffen, es möge der rechte Weg sein.

Zehn Nächte Mijnheer sind lange Zeit, man muß alles bereden. In Boccacces „Dekameron“ beginnt unter Pampineas Szepter das Spiel, sich die Ergötzlichkeiten des Daseins zu erzählen, und reihum geht der Königsstab von Frau zu Mann jeden Tag, ein König führt sie am Ende lebend nach Florenz. Wir sind nur zwei, zu wenig für einen König. Und mit zuviel Gestrüpp und Sturm um unser Gespräch, als daß das Spielerische eines Fürsten hinein passe. Mijnheer, Sie sind Monarchist. Ihren Ahnen hat Greco gemalt, ein anderer fuhr zu Cortez und zog in Mexiko ein. Ihr Wappen zeigt mit einem verschnörkelten M, daß einer mit Karl dem Fünften zum Kloster ging. Mit einem anderen kam Ihr Geschlecht nach Holland, nahm javanisches Blut auf, hatte vielleicht schon jüdisches in sich. Mijnheer, Sie sind konservativ und urban. Sie sind nicht reaktionär und dumm. Ihre Tradition macht Sie gepflegt und weit und nicht verkümmert und eng. Was seither je vor unseren Blick kam, hatte die gleiche Geltung für Sie und für mich. Sie sind nicht weniger Europäer als ich, ich aber bin nicht weniger stolz ein Deutscher als Sie ein Mann der Niederlande. Aber vermögen wir die Gegenwart, deren erlesene Dinge nicht deutlich von der Zeit distanziert sind, mit gleichem Auge zu beurteilen in einer Epoche, die nicht nach Vorzügen und Glanz, sondern nach Zwecken, nach Angst, nach Wünschen und Richtungen urteilt? Haben wir den gleichen Blick, wenn wir, wie vor Kanonen, vor die Gegenwart geprellt stehn?

Wie soll ich es Ihnen am deutlichsten sagen?

Hören Sie die Geschichte meines Geburtstags.

Am Tag, als im Grunewald die Mörder den Reichsminister Walther Rathenau erschossen, fuhr ich aus dem Süden im Auto in meine Heimat. Als wir gegen Mittag den Main überkreuzten, kamen wir, von nickenden Birkenalleen flankiert, nach Wilhelmsbad, wo die Prinzen von Hanau ihr Versailles in einen schönen Park gebaut hatten. Über einem Atlas mit einer Löwenpranke vor dem Geschlecht, der eine sechzehnflächige Sonnenuhr trug, sahen wir einen kleinen innen gehöhlten Berg, in dessen Innerem zwei Pferde seinerzeit im Dunkeln nebst den Lakaien einen Hebel im Kreise drehten. Oben jedoch, vor dem seidigen blauen Himmel flogen auf dem derart gedrehten Karussell die Prinzen der Zeit durch die Luft ihrer spielerischen Entzückung. Wir lachten und kamen in die Wetterau.

Aus den weichen Schatten, mit denen die Wolken über die Ähren wanderten, am bläulichen Grün des Saftes in den meilengroßen Ebenen, im Wind der Weiler, die aus Baumspalieren mittaglich träumten, aus der fetten Kraft und sprudelnden Wucht des Bodens spürte ich die Heimat. Hier haben meine Ahnen, die Lanzen im Arm, gewohnt. Durch diese Täler sind sie von ihren Burgen gezogen. Meine Mutter hatte etwas von dem besinnlichen braunen Glanz alter Wildheit im Auge. In Friedberg, das am Horizont blieb wie ein Starnest, habe ich sechsjährig auf den Burgzinnen Dohlen gejagt und unter den Sommerbüschen der Schwarzdorne und gelben Ginster habe ich die Platten der Rittergräber mit dem Finger abgefahren. In Büdingen hängt in der Schloßkapelle die Isenburger Kriegsfahne, gegen die sie gezogen. Am Schloßportal erfuhr ich die Ermordung des Ministers, die Lakaien standen am Schloßgraben und schwatzten, der Pförtner in einer sagenhaften Uniform öffnete das Tor.

Ich bin den Mittag weiter durch meine Heimat gefahren, die Störche saßen auf allen Giebeln, die Schwalben sangen sich über den Eichen, die wie Pappeln gewachsen sind, in klarem Sang herauf und herunter, und an den Enden des Horizonts zogen sich violette Schatten, die langsam den Himmel wie große Zeichen der Festlichkeit heraufkamen.

Um uns rauschte das reifende Korn geheimnisvoll in den mittaglichen Glanz, und die Felder mit farbigem Mohn bogen verführerisch in die Stille der Hänge. Wie ein roter Regen flogen die Alleen mit den satten Kirschen über uns, als wir nach Gelnhausen kamen und sofort die Pfalz des besten Hohenstaufen suchten. Während seine Vorgänger und seine Nachfolger den Dom bauten, setzte er in den Sumpf für eine Geliebte die Pfalz von wunderbarer Wucht, den Pallas von einer Brust der leichtesten Säulen gegliedert. Der Jasmin flutete mit dem Geruch des weißen Hollunders durch die Ruinen und umdampfte das steinerne Gesicht des Barbarossa.

Sein Kopf springt aus der Wand über dem Eingang hervor und läßt keinen, der eintritt, ohne Blick. Der Bart ist gespalten und nach außen in die Höhe gezogen, bis er die Höhe seiner Augen erreicht. Auf den Spitzen des Bartes tanzen da zwei kleinere Köpfe, der des Hundes, der ihn in die weiten Jagdfelder führte, der jenes Weibes Gela, die er liebte wie ein Toller, die ihn zwanzigmal von italienischen Fahrten und deutschen Revolten an ihre Wärme zurückriß. Aus der Tiefe dieser Schatten kam mir manches ins Blut geschossen, als sich die Hollunderbüsche teilten.

Ich bin wie trunken, gesättigt vom Atem aller großen Zeiten durch meine Heimat gefahren und die Bäume hatten etwas Erkennendes in ihrem Dunklerwerden und die Vögel in ihrem Schweigen und die Felder in ihrem helleren Rauschen und die Wolken selbst, die den satten Ton der Dämmerung auf ihre lila Segel genommen, erstiegen die Höhe des Himmels mit grüßendem Triumph. Ich sah die Rehe flüchten und den Mond über den Barockschlössern aufgehen, deren Spiegel die Nacht silbern erhellten, ich sah die Nymphen der Dächer fester in ihre Hörner blasen, wenn die Nachtwinde aus den Feldern sie trafen und ich sah den Main mit seinen Schiffen heraufkommen in der weißen Nacht mit einer Größe und Verwandtheit, die ich aus den Jahrhunderten, die wir hier verbrachten, sofort verstand.

Ich bin durch die Empfänglichkeit meines romantischen Blutes wie ein zu dem Stern der großen Kaiser und adliger Erinnerungen Verführter durch die Nacht meiner Heimat gefahren, in deren Landschaft deutsches Schicksal und deutsche Welt sich durch Generationen entschied und Ausdruck und Figur erhielt bis an ihre besten Maße. An diesem Tage wurde Rathenau als der vierhundertste wehrlos, von hinten, erschossen. Ich bin für die Republik.

Ich bin für die Republik, Mijnheer, wir sind angelangt bei politischen Dingen und haben sie schon überwunden, indem wir es erkannten. Denn Sie wie ich werden bemüht sein, ich von dem Ihren und Sie von meinem Herzen aus die Gegenwart zu sehen. Und wir sind beide genug voll innerer Distanz zu den Dingen, um nicht zu verstehen, das Saubere von dem Gemeinen und das Echte vom Gefälschten zu unterscheiden. Sonst ist nichts von Belang. Welches Volk aber von Barbaren, Mijnheer! Man kann mit diesen Leuten nicht sein, die den Mord heiligen, um zu Monarchien zu kommen, deren Absurdheit Sie wie ich in jener Form verachten, wie vernarrte Jünglinge und verbissene Greise sie wollen. Das hat kein Band mit den Erinnerungen meines Blutes.

In meinem Wappen stehen unter dem springenden Löwen die sechs Punkte des Gleichgewichtes. Der Wahlspruch schrieb: „fidèle sans blâme“. In Ihrem ist das Segel der Fregatte, mit dem ein Ahn die Mauren jagte, ein späterer seinen König nach den Niederlanden führte und darunter steht: „Illum oportet crescere me autem minui“ wie bei dem furchtbaren Johannes des Grünewald, der vergehen wollte wie ein Blatt, damit der Nazarener aufschieße wie ein Baum. Ach, wenn die Könige Europas doch auch wie junge Heilige wüchsen! Auch Ihr Monarchismus hat eine Idee und es wäre Ihnen darum unmöglich, den Meuchelmörder zu rufen, wo ein Gedanke Sie erfüllt. Napoleon Bonaparte hat als Letzter die Monarchie einer europäischen Idee verfochten und ich gestehe, daß ich das Verführerische dieses Glaubens spüre. Ich sehe aber in diesem Europa meiner Jugend keinen Weg und keinen Führer dazu. Ich bin für die Republik.

Mijnheer, wir sind eingeschneit. Die Läufer, die zurückkehren, haben die Figuren von Tieren. Wir sind mit ihnen in dieser angenehmen Höhle eingesperrt. Sie wollen nunmehr mich in der Zwischenzeit veranlassen, mit der gleichen animalischen Unvoreingenommenheit der Kunst nicht nur die Knospen des Busens zu bewundern und den zitternden Elan der Schenkel zu bestaunen, sondern der schönen Gejagten den Bauch zu beklopfen und alle Sehenswürdigkeiten aber auch alle Fehler ihres Baues in unser Entzücken und in unser Urteil aufzunehmen. Die Wertungen ihrer Schönheit fällt allerdings erst die spätere Geschichte.

Aber die Göttlichkeit des Augenblicks, die versteckte Herrlichkeit einer ihrer sekündlichen Bewegungen und den Schatten der Sonne auf ihrer schlanken Hüfte bringt keine Ewigkeit zurück. Es lebe der Augenblick!

Ich habe daran denken müssen, als nicht nur die Wände des Barbarossa-Pallas mit den schmalen Scharnieren der Säulen sondern auch die Färbungen der Ecken und die Dunkelheiten der Verließe und die schmerzlichen Lücken des Fehlenden mir den Ruhm ihrer Zeit erst völlig entgegenbrachten. Fesseln wir den Augenblick! Durchbohren wir ihn, weil er erst dann unsterblich ist. Alles andere geht, wie Deutschland geht. Es lebe die Republik!

Wir gehen in die erste Nacht, Mijnheer, als ob wir in die Verbannung gingen und Deutschland so fern hinter den Schneewehen sei, als habe das Exil sich wahrlich zwischen uns und die Heimat gelegt. Der Sturm, der an den Schwarzwaldbergen hängt, hat die Gegenwart wie die eines Sternes entfernt, man sieht durch den Kerzenschein nur Kämpfe und Gesinnungen wie bei Homers großer Schlacht. Man sieht nur die Dichte der Leistung und den Adel des Wettspiels und erschrickt nicht, wenn man beim Reden das Herzblut der Zeit auf den Lippen spürt und stirbt nicht daran wie jene Geliebte und Liebende von Coucy, die wie am Blitz starb, als sie das Kreuzzugherz ihres Freundes durch Irrtum verspeiste. Hinter dieser Betrachtung formieren sich dann schon die Massen. Man kommt nirgens ohne innere Haltung aus: „Après vous, messieurs,“ schrien englische Cavaliere französischen Rittern zu, als diese höflich den Briten den Vorrang der ersten Salve bei einer Schlacht lassen wollten. Diese Devise ist nicht flacher in einer Zeit, wo die Schwengel sich duellieren und die Edelleute sich öffentlich verleumden. Man darf nicht erstaunt sein, beim Untersuchen der Zeit statt einer Armee von Helden ein Lager von Schelmen anzufinden, aber man braucht deshalb seine Unparteilichkeit und seine Manieren nicht zu verlieren. Man kann unbefangen sein und kalt wie ein Fisch im Urteil und doch seine private Sehnsucht vor alles Richtige nachher wie einen Traber vorspannen.

O Deutschland!

In seinen Tälern beginnen die zaghaften Anfänge des Frühlings schon in den ersten Sommer einzukreisen und aus den Gärten bricht schon der Geruch der vielen Blumen. Unsere Träume haben keine Muse, teilzunehmen an so sanften Entzückungen seines Wesens. Im Gewirr seiner Pfade einen Weg suchen und die Beete zu unterscheiden ist eine Aufgabe, die verflucht ist, auch wenn die Donner eines stürmischen Frühjahrs nicht mit dunklen Gewittern über uns hingen. Unser dreißigstes Jahr ist nicht heiter wie das der Jünglinge des Boccacce und unsere Jugend ist stürmischer wie die des Cinna und Hannibal. Was ist noch zu tun?

Ich habe gehört, daß über mein Ordnen und Schichten und Höhe- und Tiefe-Weisen einige schrien, es sei Diktatur, die versucht werde, aber da es, wie ich näher hinsah, erbärmliche Schatten waren, die schrien, habe ich nicht geantwortet und mein Ehrgeiz war nicht klein genug zum Kampf mit den Gerippen. Die Erfolglosen, die das Nein gegen die Gesunden stets im Munde führen, haben mich nie gereizt und Verneiner sind nichts anderes als frühzeitige Tote.

Man hat in Deutschland wie das züchtigende Ja so auch das Ringen um die klar erkannten Ziele und das Bewußtsein der handwerklichen Leistung ganz verlernt. Man hat sich so zerspalten, daß man nichts mehr weiß von jener weltumspannenden Kameraderie der Handwerke, von der gemeinsamen Wollust europäischer Arbeit, von jener Staffelung in Gut und Schlecht und Volk und Arbeit . . . . und wie in seinem Mittelalter man sich verehrte, nicht weil man berühmt war, sondern weil man etwas konnte, wie man sich gegenseitig unterwarf und lernte und schließlich allesamt bewußt dann kreiste, der Vollendung nahe nachher, um die Achse eines sicheren Weltgefühls. Es gibt heute keine Schüler mehr und keine Belehrer, nur seltsame Meister ohne Boden und ohne Himmel.

Man muß ihnen zeigen, was ist, diesen armen unbelehrbaren Menschen. „Ich werde Euch lehren den Arm, ein Bein, mit Grazie zu biegen,“ sagte Boucher zu seinen ungelenken begabten Schülern. Hokusai, der seit dem fünften Jahre unendlich viel zeichnete, verwarf, was er vor dem siebenzigsten Jahr geschaffen und glaubte, mit Dreiundsiebzig etwas von der Farbe der Dinge zu begreifen. Ronsard empfiehlt in seiner Poetik den Dichtern, zu Schlossern und Goldschmieden zu gehen, um zu lernen die Sprache zu ziselieren. Ingres empfahl, wenn man für hunderttausend Francs Handwerk habe, keine Sekunde zu zögern noch für einen Sou dazuzukaufen. Und Flaubert, der es wissen mußte, wie keiner, schrieb nachts an Madame X. von Croisset nach Paris, er habe auf hunderttausend Arten einen Ausdruck gesucht, behauen, gegraben, gewendet, durchstöbert, gebrüllt, bis er ihn unter Garantie endlich habe und nun, nachts um ein Uhr stehe er mit fieberndem Kopf und brennender Kehle seiner Geliebten zur Verfügung.

Sie wußten alle, daß Talent nichts sei als lächerliche Voraussetzung und daß bei genauer Prüfung schließlich wohl jedermann ein Talent habe, und daß ohne die grauenvollste Arbeit nach einem Ziel, das man sehe, im Sinne aller Meister jedes Geschreib und Gemale nur ein dilettantischer Schmus und ein zweckloser Unfug sei. Sie wußten, man müsse den Menschen zeigen, wie sie arbeiten sollten, wo die Quellen lägen und wohin sie ihre vom Übermaß der Bemühung geröteten Gesichter freudig wenden sollten.

Ein Glockengeläute gibt zuerst, weil der Klöppel eine Seite lediglich berührt, einen hellen dünnen Ton. Erst wenn er die andere Seite unter geschickter Führung dazu noch erreicht, überbaut den ersten Anschlag die dunkle Kraft des zweiten . . . . und so, voneinander nehmend und sich überbietend, baut sich die Stufe der Melodie immer breiter dröhnend in den Himmel.

Man darf nicht zögern, das Seil zu führen, wenn man Musik liebt. Man will das nicht wissen? Man kann es nicht sehen? Um so besser. Ist niemand da, der die Kontrolle führen will . . . . hier ist er. Vergessen Sie die Kerzen nicht, Mijnheer. Der Sturm hat ein Rad über die Gletscher geschlagen. Er vergißt uns nicht.

Die erste Nacht

Die Mäuse huschen unter den Heizungsrohren durch die Zimmer. Erschrecken Sie nicht, wenn die Fallen klappen. Elf Uhr. Die elektrischen Bogenlampen draußen auf den Fahnenmasten für die Verirrten dringen keine zwanzig Meter in diese Nacht.

Das dumpfe Dröhnen sagt, daß der Neufundländer Bary vom Hebelhof diese Nacht nicht im Schnee schlafen kann und morgen nicht seine Geliebte, die Wolfshündin auf Herzogenhorn besuchen wird. Als wir vom Blösling das erstemal in der Lawinenzeit unter den Wächten herkamen und uns die schöne Frau mit dem Monocle und die beiden Badener von der Terrasse des Blockhauses, das unten mitten in der Ebene stand und jede Minute weggewischt ward von Schneewehen, mit Posaunen und Reiterdrommeln begrüßten, wie lachten wir vor Wonne über die Musik, die man wie ein Geschoß uns entgegenknallte . . . . . . aber wie entsetzten wir uns, als über der Grafenmatte mitten im Schußfeld wir Bary zum erstenmal erblickten, der unfehlbar einem schwarzen Bären glich, und wie umfuhren wir ihn mit entsetzten Schwüngen.

Denn der Wechsel von Licht und Schnee war so gespenstisch, daß uns kein Tier der Urzeit erstaunt hätte, wäre es aus diesem von Sonnenkanonaden und Luftspiegelungen durchwehten Tag aus der Landschaft herausgetreten, über die wir wie Götter herabkamen, achtzig Kilometer Stundengeschwindigkeit, auf Hickorys, immer neue schier unabsehbare Terrassen von Hängen hinunter. Nun sitzen wir auf den Fenstern und starren bei Kerzenschein in die Nacht. Kommt uns ein Echo zurück aus dem Brausen?

„Was nun ist deutsch?“, fragt Ihr Auge, Mijnheer, frug es schon oft an meinem. Frug es, als man den jungen Springer vom Hügel gestern brachte, der, als die Chirurgen die scharfen Knochenenden in den Oberschenkel zurückspießten, Ziehharmonika spielte. Es war schneidig, doch ich sah dasselbe bei Blériot. Sie frugen, ohne zu reden, das Gleiche, als hinter Konstanz ein Rotbart ins Coupé schaute und ehe er Platz nahm, schrie: „Sind Juden drin?“ Das war nur untermenschlich. Sie sagten einmal, daß in Ihrer Jugend in Grénoble, als französische Studenten den wahren Mut der Deutschen bezweifelten, ein alemannischer Skulptore vor Ihren Augen am Tisch des Cafés sich die Brust aufschnitt. Das war barbarisch aber nett. Nicht deutsch. Nun fragen Sie ernstlich und wollen eine Antwort, rund und klar und voll Verantwortung. Das ist nicht leicht. Das ist unmöglich.

Was ist italienisch, was spanisch? D’Annunzio oder Michelangelo? Cervantes oder Goya? Ein Teil jeder Nation würde jeden dieser Reflektanten bestreiten. Die Deutschen haben aber sogar in der Gesamtheit den Sinn für das wirklich nationale Grundgefühl verloren und sich falsche Götter aufgebaut. Goethe ist eine völlig romanische Mischung. Und Schiller hat das Pathos, nach dem sie sich vergeblich sehnen, weil sie es nicht wie die Romanen im Blut besitzen. Die Weimarer Tradition hat mit keiner deutschen Vergangenheit irgend etwas zu tun. Diese Klassik ist der stehengebliebene Wunsch der deutschen Germanen nach der südlichen Erlösung, der sie früher mit Schwerten und Kreuzzügen dienten. Rodin, der bestimmt Germanisches in seinem Wurf besaß, hielt die griechische Kunst nicht für mehr als gute Geometrie. Ein wahrhaft innerlich deutscher klassischer Stil würde nie bei dem von Pelasgern bewohnten Griechenland anfangen, die uns bei allem Neid auf ihre Vollendetheit so wesensfremd sind wie Chinesen und uns nur durch die Renaissance als Blutsbrüder vorgetäuscht wurden. Sondern er würde sich in jener Herbe erfüllen, die von den Domportalen her, von Mäleskirchner und Cranach, den Sängern des Nibelungenliedes, von Ekkhart, von Fischart, von Grünewald ausgeht und aus einer barocken Fontäne in einen stillgewordenen Himmel hinein sich formt.

Eher ist der Bamberger Platz bei all seinem Chaos deutsch, der immerhin einen Riesenwurf darstellt von dem romanischen Geist des Doms an über die Paläste der Renaissance und des Barock bis zur Schlußgestaltung des monumentalen Raums, als daß Deutsch sich offenbare in jener nichts-als-harmonischen Geste, auch wenn sie die größte Begabung, die je den Deutschen ward, zelebriert.

Dazu braucht es anderes Klima und anders vor Wonne des reinen Seins geschüttelte Himmel. Das Deutsche hat immer als Reiz, selbst in seiner landschaftlichen Atmosphäre den unbestimmbaren Hintergrund getragen, und war immer fern der farbigen Plastik, mit der die Südländer ihre Gebärden schließen. Constant, der gescheiteste Franzose, der gleichzeitig Deutschland, in dem er Jahre lang hörig hinter der Staël herreiste, heiß liebte, hat Goethes zentrale Schwäche rasch durchschaut. Denn er spürte unfehlbar, wo das schönste Genie der Deutschen abbog von seiner Bestimmung, die Menschen in Liebe zueinanderzuführen, indem es keine Stellung nahm zu ihren kriegerischen Konflikten, und statt in den geistigen Kampf zu jagen, einbog in die Verherrlichung einer Klarheit, die bei Deutschen nie Inhalt sondern nur Fassade sein konnte. Constant hielt den „Faust“ daher für eine Verhöhnung des Menschengeschlechtes und stellte Voltaires „Candide“ darüber, den er zwar gleich unmoralisch und dürftig aber geistreicher und besser gemacht fand. Teutonische Ajaxe werden dies Urteil unerhört finden, weil sie die Welt nur zwischen Elbe und Rhein und mit viel Vorurteilen gemalt sehen. Es ist jedoch nur gerecht. Denn andere Völker sehen mit Puppille, wie ihre Leidenschaft am idealsten sich in der entsprechendsten Form löst.

Die Deutschen haben aber keinen Sinn mehr für ihre Eigenart, verehren Götter, die keine sind und Heroen, die sich als Puppen aus falschen Sentiments entschleiern. Deutsch ist daher fast nie, was die heutigen Deutschen lieben, deren Andachtsheißhunger vor allem Anders-Seienden sie in Ideale hineinreißt, die andere, nur nicht sie selbst besitzen. Sie lieben entweder das Sentimentale, das klassisch aussieht, im Grunde aber Lüge ist. Oder sie verehren das unvollkommen Dunkle, das nicht das groß Barocke, sondern die eitle Ohnmacht von Narren ist, die ihre Schwäche damit verbergen. Stellen sie aber einmal ein Denkmal von Qualität auf ihre Landschaft, in der die verlogenen Feldmarschallbilder des Tuaillon mit erbärmlicher Glätte neben dem Kölner Dom stehen, so stellen sie Figuren Meuniers auf die Frankfurter Mainbrücke, die zwar Kunst sind, aber den nationalen Ausdruck wallonischer Fischer und nicht deutscher Seeleute ausdrücken.

Deutsch ist nicht das unvollkommen gestaltete Klare, sondern das im Dunkel ringend Gebaute. Deutsch ist nicht der magyarische Melancholiker Lenau aber etwas an Grabbe. Deutsch ist nicht Herr von Münchhausen, der einfach einen Panzer umtat und blödsinnig mit kriegerischem Gebrüll das Maul aufriß, wie er es für adlig hielt, aber sicher etwas von Richard Dehmel. Deutsch ist nicht etwa jener mit Kothurn auftretende Gott der Langeweile, der mit Paul Ernsts gesammelten Schriften am Arm erscheint, aber sicher etwas von der Malerei des Max Beckmann. Deutsch ist nicht das dumme hohle Zeug, das mit klassischem Jambus Herr von Wildenbruch in anständigster Gesinnung verbrach, aber sicher etwas in den tollen Phantasien des Architekten Poelzig, dem Deutschland keine Bauaufträge gibt. Deutsch ist vor allem nicht Gerhart Hauptmann, aber sicher etwas in Wedekind.

Was hat gerade diese sehr starke Begabung des Naturalismus, dieser Schlesier Hauptmann Unrechtes getan, daß ihn die jüdischen Literaten aus Respekt vor seiner arischen Rasse als Repräsentanten deutschen Wesens der Welt mit begeistertem Finger zeigen? Er ist der blendendste Beweis für den Irrtum, alles Halbe und Sentimentale, alles Greise und Weibisch-menschliche sei Deutsch, wenn es nur von Mondschein und einer gewissen hellen Hilflosigkeit übergossen sei . . ., während der blitzende Genius Wedekind, der sich ohne weiteres in die Kette der barocken Meister einordnet und der aus dunkelster Wirrung ein metallisches Werk hingab, von allen Hunden und Untermenschen Deutschlands noch heute zerfetzt wird. Was hat die badische Exzellenz, der Wirkliche Geheime Rat Dr. Hans Thoma Unrechtes getan, daß er, der den Schwarzwald wahrlich mit einer Fülle des Gefühls wie wenige malte, aber ungeheuerliche Dinge an Heiligen und Madonnen nebenher, daß an ihm bewiesen ward, Mondschein und Geige und jene penetrante Innigkeit der falschen Sentimentalitäten sei alleinig deutsch. Ach die Deutschen haben, als ihre Gesellschaft sich scheinbar in kleinbürgerlichen Behausungen konsolidierte, sich Markenschilder und Klischees ihres Wesens so anfertigen lassen, wie es ihren wirtschaftlichen Sehnsüchten am geeignetsten schien und sie sind vom Heroischen mit kalkiger Angst zum Sentimentalen gelaufen und haben der Antike, die sich ihnen in den Klassikern offenbarte, einige Denkmale der Huldigung unter der Adresse des deutschen Genius gesetzt.

Man schuf eine Waffenbrüderschaft für alles Dilettierende und Epigonenhafte, das sich „naiv“ gebärdete und erschlug die fabelhaften Wölfe der Sprache, wo sie in die Wälder kamen. Man verdarb mit falschem Zucker den Geschmack und hetzte die Mittelmäßigen auf das Ungewöhnliche. Man begann alles Unzureichende, soweit es auf Klarheit oder Erlösung sich färbte, als deutsch zu flaggen und alles Dramatische und Glühende zu hassen. Man liebt den Jungnickel mit den Papierblumen in der Hand, aber man will nicht den jungen elsässischen Dionysos Schickele. So war man für Freytag und gegen Nietzsche. Man schwärmte für Paul Heyse aber ließ den Günther krepieren. Man liebt die koiffierten Sänger des Rheins von dem Scheffel bis zu den Lauff und Bloem und Herzog, aber man ist gegen Heinse, gegen den Büchner, gegen den Eisenkonstrukteur Georg Kaiser und man nimmt Romantik (wo es ins Übersinnliche schon geht), nur durch die Verlegenheitsform der Musik.

Die Deutschen halten es mit der Dichtung wie die Weiber mit den Männern, die, wie Jean Paul meint, stets mehr den Bürger als den Menschen achten. Sie haben sich deutschem Wesen ganz entfremdet, haben sich von den Stilen entfernt, die ihr vielspältiges unruhvolles Wesen am deutlichsten geben, haben sich gegen die großen Formen erklärt, in denen germanischer Wuchs heroengleich in den Horizont sich trotzte und haben aus angestrichenen Fellgermanen mit Lippenrouge und Trikotbäuchen sich eine germanische Vergangenheit im Stile Richard Wagners, und aus unbestimmbaren qualvoll süßlichen Stimmungen klassischer Schlichte eine Gegenwart gezimmert für den Begriff des Deutschen, der niemals, der eine wie der andere, auch mit einer Ahnung nur am Leib der deutschen Dichtung war.

Es ist leichter zu sagen, was nicht deutsch ist, als das, was es ausmacht. Die Deutschen halten sich für schlicht und sind immer Verzweifelte gewesen. Sie haben keine Kultur, aber einzelne Herrlichkeiten. Ihre Haltung ist jener der Skandinaven unterlegen, ihre Grazie jener der Österreicher, ihre Motorräder, Tennisschläger, Kleider jenen der Engländer, ihr Weltdrang selbst dem der dickblütigen holländischen Germanen, ihre Parfüms den Franzosen, ihre Tänzerinnen den Russen, ihre Boxer den Niggern. Auf ihren Theatern pissen die Akteure, wie Heine sagt, mit den Herzen, während die Briten mit den outrierten Bewegungen der Shakespearezeit, die der Franzosen mit dem durch Ironie durchsüßten Pathos des Racine spielen. Ihre Maler malen den Kosmos, aber nicht nationale Farben und nicht ein gelungenes Weltbild ihrer Rasse. Der Kunsthändler Flechtheim hatte nicht unrecht, als er, der völlig französisch orientiert war, durch eine Ausstellung wildester moderner Kunst der Deutschen gehend, ausrief: „Herrlichkeiten, meine Herren, zwar keine Malerei und ich ahne es nicht, was es sein soll, aber ich glaube, daß es vorzüglich ist!“ . . . denn er zollte unbewußt neben dem Spott dem dunklen Trieb der echten Deutschen, sich mit Figur und toll aus dem Dunkel hochzuwühlen, den Tribut.

Da erscheint die Erinnerung jener Fanatiker wieder, die von den Dombauern bis zu Jean Paul sich zu jenem Barock im Ausdruck durchzuschlagen wußten, das auch die Strenge der Gotik und die Süße des Mittelalters umschließt. Damit seien aber im selben Atem die Überläufer gestäupt, die aus dem Unvermögen, sich auszudrücken, in jenes gescheite problematische Dunkel des Geschwätzes sich hüllen, das ein deutsches Publikum genau so begeistert und unverstehend aufnimmt, wie es erregt die Hände faltet, wenn Herr Bonsels sich auf Seele und Idylle frisiert. Im Grunde sind das die gleichen Täuschungen, nur daß die verquollene Geste die raffiniertere und spekulativere ist, ihrer beider Verfasser aber Charlatane, die von den jüdischen Literaten wenigstens die Psychologie gelernt haben, die diese in die deutsche Dichtung importierten: ihr Publikum genau zu kennen und zu bewerten.

Es gelang ihnen auf der ganzen Linie. Denn da es tragisches Schicksal deutscher Dichtung ist, unvollendet und fast an der Spitze der Vollendung abzubrechen und Torso zu bleiben, vollbrachten sie das Fälscherstück, den Torso überhaupt als das typisch Deutsche auszuschreien. Diese Komiker, die als Hamlete auftraten, vergaßen, daß es dem Unbestechlichen immer noch leicht ist, unverständliches und aufgeblasen gemurmeltes Zeug zu unterscheiden von einem metallen geglühten Stück Kunst, das nur an der Kulturlosigkeit der Zeit zerbricht.

Ja selbst, wie das gemeinhin leicht, aus dem Wesen der Frau die Statur des Volkes farbenklar zu erkennen, ist uns versagt. Die germanische Rasse ist bei den Britinnen viel klarer in der Zeichnung, anmutiger bei den Wienern, von geistreichster Grazie bei den schönen Frauen der Skandinaven Schwedens gezüchtet. Dennoch traf ich in der Heimat unvergleichbar lichte Frauen, zusammengesetzt jedoch aus Unbegreiflichem, mit vernichtenden Widersprüchen selbst in ihrer Anmut, unbestimmbar in ihrer Rasse und ihrem Wesen schon eine Stunde nach ihrer Entfernung.

Aber aus Erinnerung an sie formte sich plötzlich nachträglich die Idee: das war die Deutsche. Doch es war ein Hauch nur, unerklärlich. Aus einer Handlung der Gegangenen kam plötzlich ein Echo: das war sie. Schon entflohen, schon nicht mehr gestaltbar. Fast ein Traum und doch eine Gegenwart. Ein Abglanz vielleicht, der bleibt und den man nicht sieht. Aber man weiß dennoch, auch wenn man es nicht bestimmt, wenn man es nicht enträtselt: das gibt es. Das ist schon viel!

In Lyon traf ich in einer gebildeten Gesellschaft einen Kaufmann, der dachte, preußisch und deutsch sei zweierlei. Er hatte Recht wider Wissen. Preußisch ist leichter zu fangen als deutsch, es ist auch an Tiefe nicht so dunkelschön. Immerhin, es besteht, wenn auch nur als Erbteil von Potsdam. Mein Vermögen, meine geliebtesten Dinge gäbe ich, wenn ich auf Monate in fernes Ausland müßte, eher dem preußischen Granden, dem älteren General der aussterbenden Generation als einem der in Gesinnung der Menschenliebe bramarbasierenden Internationalen, so nah diese Ansicht mir steht. Ich bin für die Tradition und ich weiß, daß diese Ehre früher über den Tod hinaus unverbrüchlich als Weltbild der Samuraikaste der Preußen eingebrannt war, während ich nicht ahne, ob hinter dem Gesicht der Bruderliebe dieses oder jenes mehr steckt, als daß damit alles zu gewinnen und nichts zu verlieren ist. Das Ehrgefühl des preußischen Offiziers hatte früher Weltgeltung wie eine gewisse Treue der Germanen und darum ist Lessings „Minna von Barnhelm“ das beste deutschgeschriebene Lustspiel, weil wahrhaftiges auf beiden Beinen aufgepflanztes Weltgefühl hier tragisch gegen alle Seiten der Windrose rennt . . . so langweilig und trocken das Stück auch sein mag, und so sehr die Franzosen sich unter ihm krümmen, denen seine Klarheit und Gescheitheit überhaupt erst die Voraussetzung zu Dichtung scheint, während sie hier das Ende und Ziel schon ist. Man darf sich nichts vormachen. Wir sind, ohne Boden unter uns, um Jahrhunderte gehandikapt.

Es gab keinen Olymp bei den Deutschen, wo der Chor des Volkes und der Götter sich mit den Musen band, um im Zug vereint immer wachsend in einem unbeschreiblichen Hymnus die Kraft eines ganzen Zeitalters, die Götter und Heroen an der Spitze, zu gestalten. Einmal nur spielten in der Feinheit des Glücks die Dinge und die Menschen in organischer (nicht goethescher) Harmonie aus dem Bodenschoß des Landes her kurz ineinander, als in geheimnisvoll durchbluteter Fülle die Kraft seines Geistes so ungeheuer glänzte, daß die gotischen Götter von den Kirchen niederschritten, daß fromm und tapfer das gleiche Wort schien, daß in Schöpfungsmut die Vögel diesen kurzen Sommer mit den steinernen Heiligen um die Wette musizierten und die Engel Zeitgenossen der Erde geworden zu sein schienen.

Damals war das Helle und das Dunkle geeint, und die barocke Kraft hatte eine Flut von Licht in die Dunkelheit deutschen Wesens gesprengt, daß das Jahrhundert schwebte, wie von seidiger Luft gebildet aber wie von Stahl in der Rundung genietet. Die Wage war aufgestellt zwischen der Kraft und der Seligkeit, und wie auch das Ringende tobte, gesellte sich zu endgültiger Form ihm die Idylle. Die Strophen des Vogelweiders hatten jenes unersetzliche Gleiten aus den mythischen Schatten in die kristallene Lichte. Und wo sie geschliffen wie Glas in Bögen sprangen, war hinter ihnen noch das Blau der Schatten sichtbar, aus denen heraus sie sich rangen. Und über dem Rhein stand ihren hellsten Lichtern das dumpfe Schwälen Wolframs gegenüber, den aus dem Leichten es in wundervollem Abwägen schicksalshaft stets ins Dunkle zurückzwang.

Eine Kreatur blieb dann zurück, durch die Jahrhunderte der Zersplitterung hindurchgerissen, deutsch genannt, nicht mehr bestimmbar mit Kreis und Logik, mehr kühn wie gelassen, mehr zerbrechend als weise, schon etwas lorbeergeschmückter Barbar aber nie ganz Christ, doch stets voll Leidenschaft nach Erkenntnis in seinen besseren Exemplaren. Das gab Temperatur, aber noch nicht Guß und Statur. Das ward wohl aufgebrochener Acker, aber nicht Ernte. Es gab durch die Jahrhunderte hindurch keine Kette von jungen Helden, aber Kreise, die ohne Zusammenhang, aber wie die Jahrringe der Bäume umeinander gegürtet, die ewigen Quellen umringten. Und in der Isoliertheit voneinander gab es mehr mörderisch Verzweifelte als Jauchzende und es gab die kleine Menge derer, die zwischen den Pfäffischen und Geschickten, zwischen den Satrapen und Gauklern der Dichtung mit Genie das wirre Schicksal in Figur zu bringen suchten, in dem unsere beste Hoffnung liegt.

Sich ins Groß Barocke hinein zu äußern ist sowohl Schicksal als auch der gemäße Stil für das Deutsche. Die Chauvins, die ihm die aufgemalte italienisierende Statuenpose zuerteilen wollen, möchten am liebsten, es gebe nur Eichendorff, wobei sie beschränkt und heuchlerisch, wie alle falschen Radikalen, den Stoff mit der Melodie verwechseln und das für deutsch halten, was nur Anlaß zur Kunst ist. Denn Eichendorff ist eine jener graziösesten Verzierungen in der Architektur der deutschen Dichtung, deren oberste Ornamente (die über den dunklen Fittigen der Kreuzschiffe sich erheben) manchmal vor liedhafter Reinheit beben, als seien sie nicht mehr dem Bau zugehörig, sondern lägen wie die Falter frei in der Luft.

Es blieben immer nämlich einige Reiter und Figuren an den Firsten der Kathedrale deutscher Dichtung durch jede Epoche hindurch übrig und genau erblickbar, in deren Bewegtheit und linder Anmut man alle Helden des goldenen Zeitalters wieder erkannte, dessen schönster Ritter der von der Vogelweide war. Über den Eschenbacher Vaganten, über Günther und Hölty und Klopstock und Malermüller und Eichendorff geht es bis zu Heine. Zwischen den wilden Streitrufen des Thomas Murner und der Weltflucht des Silesius haben sie den Ton und das Vollendete weiter getragen und sich begnügt, etwas zu sein, was zwischen Schriftstellern und Dichtern die Deutschen allein als „Poeten“ besitzen, und was nicht das Deutsche, aber eine Spielart des Deutschen ist und im Ausgleich der beiden Wagen, die die Melodie bestimmen, die höchste und hellste Stimme ist, die der dunkelsten und schwersten Grundmelodie entspricht.

Sie haben etwas von Beschaulichkeit, manchmal von Weisheit an sich. Mit unmöglichen Vorstellungen von den Dingen dieser Welt beladen, sind sie jederzeit bereit beim Anblick des Meeres, des Frühlings und der Wiesen die Zahlenstaffel ihres Jahrhunderts zu vergessen. Aber sie sind in ihren sinnierenden und klaren Klängen niemals jenen Rotten verschrieben, die als Elegiker ihrer mißlungenen Karriere Hunger und Abstinenz als die Privilege der Dichter rühmen oder als Erfolglose neidig die Nutzlosigkeit des Ruhmes verkünden oder als klassizistische Epigonen, die zufällig in einer romantische Periode geboren wurden, Agitatoren ihrer Impotenz werden, welche sie dann von kleinen Schreibern und Eunuchen der Kritik als diskrete Erfüllung deutscher Mission in allen Blättchen loben lassen.

Sie haben nur die eine Absicht: zu musizieren. Ohne das stürben sie. Ihre schönste Stimme hat der Dauthendey. Er war so empfindsam, daß er in Tränen ausbrach, wenn ihn etwas störte. Er starb mit Fünfzig wie ein Kreuzfahrer auf Java (während in Deutschland alles verhungerte) bei guter Nahrung inmitten phantastischer Natur, vor Heimweh. Vielleicht, daß die Seele eines Schülers des Vogelweiders in ihn geflogen war, und daß Herr Ulrich von Singenberg oder der Brennenberger Reinmar aus ihm sang wie die verzauberten Vögel seiner Geschichten.

Nach soviel mißlungenen Skulpturen endlich ein Maler der Sprache, endlich einer, der so tief aus dem Dämmrigen kam, daß er das Schaumhelle spielmannshaft beherrschte. Er war so schön und so wichtig für seine Zeit, daß die Deutschen ihn auf der Stelle vergaßen.

Seit „Ardinghello“ aber hatte kein Deutscher diese helle Farbigkeit. Bei den Romantikern verschwamm zwar eine gewisse Leuchtkraft in ewig schönen Nebeln, Jean Paul hat Farbe gewiß zu riesigen Wolken jahrhundertgroß aufgewühlt. Die hellen glatten Farben hat seit Heinse keiner mehr so gehabt. Schon seine Valeurs bringen ihn nah ans Märchenhafte: Weiß, Perlmutter, Silber, Gold, Elfenbein. Er kam aus dem Kreis des lyrischen Dandy George, dessen Zucht sein Formgefühl anzog und wollte zu den glühenden Südseefarben des Malers Gauguin. Dazwischen lag der deutsche Naturalismus. Er hat von ihm seine Saloppheiten und das Banale einiger unkünstlerischer Wendungen. Er stellte ihm aber eine Prosa entgegen, die voll duftigem Atem, voll dichterischer Anmut und voll buntem Pathos war.

Endlich malträtierte Einer deutsche Erzählersprache nicht zu Ackerdienst, sondern ritt sie in die hohe Schule. Nun fing auch die Luft zwischen den Sätzen wieder einmal an zu leben, zu zittern und zu glänzen. Die Taumorgen und die Rosen und der Frühling bekamen das Geheimnis beispielloser Neuheit. Was war das Grau der Schilderer seiner Zeit, was war die Prosa der Wildenbruch und Schlaf und Beyerlein gegen diesen Glänzer!

Er kennt endlich wieder die Musik der Farben, er setzt sie mit den leichtesten Kühnheiten und bekommt immer Grazie und Melodie. Seine Farben, die ungebrochen von Weiß zu Gold gehen, wären ohne dieses Musikalische die kühlen Schilder irgendeiner nachempfundenen Klassik. Die schwälenden Farben von Purpur bis Mond-Orange haben schon die Romantiker aller Länder ins Übersinnliche geführt. Bei Dauthendey jedoch wandelt sich Weiß sofort zu Perlmutter, zu Lotos, zu Rose, zu Elfenbein, zu tausend Spiegelungen, die so leicht zueinander gesetzt sind, daß aus ihrer Helligkeit und ihrer Klarheit auch in der träumerischsten Luft nichts anderes als das Märchen sich entwickeln kann, das den Vorzug hat, ebenso deutlich wie unwirklich zu sein.

Das hat seit den „Serapionsbrüdern“ auch keiner vermocht. Deren Dichter hatte den Märchenton allerdings durch den romantisch besinnlichen Stoff und die Form des Erzählens und eine gewisse gedämpfte Dämonie zu beschwören vermocht. Der Dauthendey hat ihn schon von vornherein in der Atmosphäre, in die er lediglich hineinfabuliert. Seine Sprache ist nämlich derart ausdrucksvoll durch die mit allen träumerischen Schattierungen, aber auch durch alle Sinnlichkeiten phantastisch gefüllte Leuchtkraft, daß seine Figuren und Handlungen immer ohne Bemühung ins musikalisch Unwirkliche schweben, wo die Gesetze des Denkens aufhören, aber in einer liebenswürdigen Freiheit die Begebenheiten sinnbildhafte klare Schönheit annehmen.

Das Geheimnis des Märchenhaften liegt in der Tat nicht im Stoff, sondern im Ton. Der E. T. A. Hoffmann hatte ihn nach der dramatischen Wirkung hin, der Dauthendey nach der lyrischen. Aber es kommt nur auf den Ton an. Es kommt nicht auf die Naivität an und sicher nicht auf die Einfalt nationalen Gemüts, wie Annexionisten dieses Literaturgebietes so gerne träumen, und zwischen Vollmond und der Ausgabe von Grimm, zwischen Hans Thoma und Rotkäppchen die Erde als deutsches Terrain buchen. Die besten deutschen Märchen sind aus Asien gekommen, und ihr Ton ist wie der aller großen Literatur international. Zwischen Negern und Eskimos gibt es nur Unterschiede da in den Färbungen, nicht im Klang, wenn die Bäume einmal anfangen zu reden und der Mensch durch Zaubereien mit den Elementen kokettiert.

Von außenheran ist an das Märchenmotiv nicht zu kommen. Wer das denkbar Einfache, das in Wirklichkeit das unausdenkbar Raffinierte ist, versuchte, scheitert wie Oskar Wilde, der die Naturlaute mit Spitzenhosen und manikürten Rosanägeln maskierte. Neben Dauthendeys Neuheit ist selbst der Däne Jakobsen nur ein nervöser Empfindling, der doch dem Märchenhaften sehr nahe kam und selbst gegen Andersen, der, wirklich berufenen Tons, die alten Fabeln in seiner kindhaften Sprache ohne Eitelkeit noch einmal erzählte, hat Dauthendey eine unwahrscheinlich schöpferische Modernität.

Man war aber, als Dauthendey antrat, an das landläufige Klischee so sehr gewöhnt, daß man groteskerweise den Ton hinter dem neuartigen Äußern nicht erkannte. Welche Revolte, als „Der brennende Kalender“ und „Die in sich versunkenen Lieder im Laub“ erschienen! Als der Mann, der die Tradition der Märchenerzähler deutscher Erde weiter trug ins Neue, auftrat, warf man ihm wie einem exotischen Teufel alle Bannflüche entgegen, mit denen man den heiligen Herd schützt.

Dauthendey hatte aber alles gute Deutsche als Erbschaft in sich und nicht zum Geringsten die Sehnsucht nach der Welt, die er durchwandert. Er hat in seiner Heimatstadt Würzburg nicht nur die Helligkeit der Sonne auf dem Main, sondern auch die Inbrunst der Linien des Holzbildhauers Riemenschneider gesehen, er hat die tanzende Freudigkeit der Weingärten und das Katholische einer flötenhaften Gotik erfahren, und er hat das Spielmannhafte der Franken ebenso verschwenderisch wie ihre gut fundierte Eleganz. So kommt das Mystische zu dem Sinnlichen und die Heiterkeit des Lichtes zur Grazilität der Form, aber auch die Einfalt des künstlerischen Blickes zu einer fast unbegrenzten Möglichkeit der Farben. Und da er den Ton hat, der dies alles erst instrumentiert, ergibt sich, nicht ganz erlesen oft und im einzelnen sicher nicht vollendet, als Erscheinung aber erstaunlich, eine Prosa von nicht genügend erkannter Bedeutsamkeit.

Auch vermochte er, was bloß die besten deutschen Epiker des Mittelalters konnten, die ganze Welt zu sehen und in seinem Ton zu fangen, ihr nicht nachzulaufen in allen ihren Wundern, sondern sie, fast offenen Mundes, zu bestaunen, daß vor soviel Hingabe sie sich dem Stauner ergab. Dauthendey hat mit heidnischster Freude, animalisch und dichterisch zugleich, das Exotischste aus Asien und seinen Reisen gezogen, aber seine Musik, die mit der Schönheit und der Eleganz eines ritterlichen Spielmannes gelenkt wird, erzählt es nicht anders wie eine Aventure aus Herrn Walthers Lusamgarten in Würzburg. Die deutschen Dichterreisenden hingegen haben sich nur hingegeben, wenn sie die Welt durchfuhren, und nichts dagegen eingetauscht: es war nicht der deutsche Ton, aber wahrlich nicht die Stimme der fremden Völker; der Schwabe Hesse nicht und nicht der Rheinländer Ewers, der Breslauer Ludwig nicht und nicht der Holsteiner Bonsels, der Luxemburger Norbert Jacques nicht und nicht der Frankfurter Schmitz und nicht der Schlesier Hauptmann. Der Franke Dauthendey hat es gekonnt.

Dabei hat er nie Märchen geschrieben, indem er die bekannten Puppen tanzen läßt. Er konnte auch dies und hat von Java her noch in den „Heiligen Nächten“ das Innigste dieser Art seit vielen Jahrzehnten den Deutschen geschrieben. Er hat die kleinen malaiischen Kokotten und die Chinesen und die Wunder des „Bivasee“ und die sinnlichste Ausschweifung der genußfrohen Phantasie geschrieben. Er ist einer der unbekümmertesten Erotiker unserer Sprache, da seine Voraussetzungen so natürlich sind, daß selbst die nacktesten Frivolitäten sein Liebreiz kostbar macht. Aber er hat nie hinter fremden Stoffen herexerziert, sondern aus dem heißesten Morgenland seinen zeitlosen Zauber gemacht, zum Lotos den Tannenbaum, zum Stillen Ozean den Main gefügt und nichts besonderes dabei empfunden, da es harmonisch war. Es gibt nur in diesem Sinn einen Vergleichspunkt in der Gegenwart, das ist René Schickele, der, vom Elsaß kommend, aus Rhein und Ganges den gleichen Ton zu machen versteht, weil auch er als Nachkomme Gottfried von Straßburgs die Melodie hat und die Farbe, die alles in sich einbezieht.

Welch ein Musikant, welch ein Farbenkenner, der Dauthendey! Welch blitzende Haut auf all seinen Sachen und dabei in der Kontur (wie bei Schickele) diese weiße, helle Reinheit. Er, der sich nach Schwanken zwischen Malerei und Dichtung für die Literatur entschied und dessen „Singsangbuch“ noch die selbstgemachte Silhouette seines Kopfes schmückt, der von Würzburg aus die Welt immer wieder durchmaß und kein Schillern der Luft, den Geruch keiner indischen Frau und den Abenddampf keines Tierzwingers zu schildern vergaß, der den Mond liebte und um die Spiegelung aller Meere ebenso wußte wie um die Flamme jeder Leidenschaft, dieser Dauthendey hat — seltsamerweise — nichts groß und nichts vollendet gemacht. Auch ist Unterschiedliches im Verlauf selbst seiner besten kleinen Geschichten, die deshalb klein sind, weil sie nur Anlaß sind, zu fabulieren, nicht etwa, weil sie bescheiden an Umfang sind.

Zwischen Naturalisten und artistisch gesalbten Versmachern brachte er deutscher Prosa Licht und schwebende Farbe, Duft, Eleganz und Arom. Endlich war ein Erzähler leicht und dichterisch, glatt und voll Welt. Wie umschmeichelt er die Sätze, wie körperlich hautnah reibt er sich an den Hauptworten, wie poliert er die Adjektive und wie prall und voll Farbe setzt er das Verbum an! Zwischendurch erlahmt er zeitweise im Geschmus. Mitten in verzauberten Worten und bei höchster Eleganz trägt er den Vollbart seiner Epoche. Er ist trotzdem der schönste farbige Deutsche seiner Zeit. Allerdings hat er von den Ahnen, die er fortsetzt, wohl den Ton, aber, um gerecht abzugrenzen, nicht das Format. Gegen die ungeheuerliche Schönheit des Mittelalters hat er nur den Sinn einer lichten Erinnerung. Er ist vollendet, aber wie ein Schmetterling, nicht wie ein Gott. Er hat wohl den Schmelz, aber nicht die Heftigkeit der Couleurs. Er hat Bedeutendes, aber nicht den Zusammenhang mit der tiefen Tragik. Er ist Aquarellist, aber nicht ein flammender Entfacher. Er ist in seiner Mission vollendet, wenn auch nicht als groß geratene Figur über der Dichtung seiner Zeit, sondern als sanfter Chimärenreiter der Erinnerung, der, fast schon in Luft sich lösend, ins Spielerische seiner Art vom Dach der Kathedrale unserer Dichtung hineinsprengt.

Hinter ihm her tummelt eine kleine Eskorte, die, wenn sie auch im Einzelnen nicht großer Dichtung zugehört, die Liebe zum Schönen doch voll besitzt und auch im kleinsten Werk bewußt ist, daß ihr Ehrenwort Trouvere nichts anderes bedeutete, als den Könner der Phantasie und der Musik des Gedichts. Ins Gigantische begabt war ein Jean Paul aus ihrem Saft geworden. Der beste Bohème der Deutschen, Peter Hille, war aus der Schar. Als die Fabrikhausse um ihn rauchte, die sozialen Fragen alle deutschen Dichter fraßen (sie hatten keinen Zola), die Automobile anfingen mit offenem Auspuffrohr durch die Landschaften zu jagen, sang ein reiner Musikton aus ihm durch die Wälder. Er war ein Hüter des Wortes, er lebte an Lagerfeuern und in Kabaretts und auf dem Boden seines Landes. Aus seinen Briefen noch, die Pfennigaffären, kindische Unwichtigkeiten stammeln, steigt, wie über die ganze Misere seiner Person und seiner Zeit der Perlmuttglanz seiner Prosa. Sein Leben zersprang ohne Ordnung und sein Werk kam nur auf einige Splitter, aber wo er unterging, blieb das Durchleuchtende in dem Grau seiner Epoche, als wüßte man nichts weiter, kaum den Namen, kaum seine Gedichte . . . . nur daß einer der Chimärenreiter hier an deutsches Wesen streifte. Es geht nicht verloren.

Sein südlicher Bruder in der vagierenden Weise, Zeitgenosse wie Hille der Wallot, Bleibtreu, Hart, Henckell, Mackay, Wille, Oswald, Puttkamer, der Kretzer, Hartleben, Hirschfeld, Halbe, Bierbaum, Gumppenberg, M. G. Conrad (wo sind sie außer dem wüsten Panizza und dem tapferen Conradi?) sein südlicher Genosse in der Masse der Übergangsbegabungen, von denen keiner der deutschen Dichtung auch nur Anstoß oder sich selbst die Berechtigung seines Daseins zu beweisen verstände, sein südlicher Bruder ist Altenberg. Es ist fast, als breche hier die Spitze ab der Entwicklung, denn, obwohl er den Ton hat, bohrt er ihn in alles moderne Gekröse hinein, läßt wie zum Scherz durch Sanatorien und Pathologien ihn zwitschern und postuliert seine seltsame Figur zur Sehenswürdigkeit der Großstadt, daß bald der Ruf seines Gehabes, seiner Einfälle und seines Treibens mit Dirnenverehrung und narrenhaften Vermummungen seines Leibes fast mit Unrecht seine dichterische Note übertraf. Ja er versuchte wohl, schlau wie die Naturkinder, den raffinierten Europäer dieses Jahrhunderts durch seine Späße zu zwingen, sein Leben zu zahlen, jedoch, indem er seinen Lebensstil in den Vordergrund bluffte, hielt er seiner Dichtung eine verzweifelte Wacht. A corsaire corsaire et demi. Als Spaßmacher entriß er dem modernen amusischen Menschen sein Geld, dahinter schuf er neben Eduard Keyserling den einzigen Versuch eines Impressionismus in Deutschland, der sich neben Bang und Jakobsen halten könnte und führte eine neue, etwas alberne Drolerie in die deutsche Dichtung. Aus Nervenschwäche und Spielmannston, aus Menschenliebe und Verrücktheit, aus einer zeitlosen Heftigkeit seiner Gesichte und bescheidenen Anmut des Stils machte er seine Komik, die in der inneren Klarheit des Tons über Paul zu den tumben Sängern besserer Epochen führt.

Auch er hielt die Hand in der Luft und in der Luft hing ihm entgegen das geheimnisvolle Schlagwerk, das auch den Verschnittenen und Buckligen erscheint, wenn sie erlesen sind. Die Deutschen sind ein Volk der Zufälle, und selbst an den Unmöglichsten kann die Stunde herantreten, zu der er auserlesen ist. Sie sind mit einer gewissen Haltung irgendwo gestört und auf der anderen Seite voll Glanz. Sie haben, was Bonaparte von Murat sagte, er sei ein Narr aber der beste General der Kavallerie, oftmals scheinbar als eine der sichersten Tugenden ihrer unbestimmbaren nationalen Eigenschaften.

Manchmal hat sich jene deutsche Melodie, da die Erwachsenen sie nicht verstanden, zu den Knaben geflüchtet und dort mit einer Zartheit des Empfindens den Einzug gefeiert, der, wie dem genußsüchtigen Smyndiridus das gefaltete Rosenblatt, jede Berührung mit der Welt die Wollust trübte. Da kommt dann in der Gebärde ästhetischer Zärtlinge, mit primitiven aber samtenen Worten weltunwissende Unschuld des Gefühls wie im Paradies heran. Selbst das Homosexuale hat bei Eckart Peterich einen stillen Adel erreicht und ein idyllisches Entsetzen entsteht, wenn der junge Dichter, dem ein sanftes Weib in der Schlafstube erscheint, zum Lavoir flieht und mit Wasser sich begießt, statt von der Großäugigen sich verführen zu lassen. Denn wie Kurzbold, des nahen Limburger Domes Gründer, haßt er die Weiber wie das Äpfelessen, und aus dem Dunkel seiner Hintergründe taucht die Welt der silbern bestickten Gobelins mit Heiterkeit und Ruhe. Fragen der Kunst scheiden aus, wo nur die Atmosphäre des geteilten Lichtes spricht. Man zerstört nicht den Charme, wenn man nicht aufspießt und, indem man sich des Vergnügens nicht beraubt, rührt man nicht an die Zerbrechlichkeit der Werte.

Etwas viel Künstlicheres ist von derselben Farbe unter dem Schweizerhut des Robert Walser, der schon aus der unliterarischen Heiterkeit dieses Knaben tief in die Literatur springt. Das ist ein Maler, wenn er anhebt, und ein eitler Wissender wenn er aufhört, denn wenn er wie in ein Stereoskop die Welt bunt hineingepappt hat, hat sie den Glanz des Salomon Geßner verloren, dem sie nachgebildet ist, weil statt ihrer eigenen Einfalt die gespreizte Jünglingshaftigkeit ihres Dichters darin sitzt. Das Geckentum Walsers, der nur in ewiger Schlankheit die Welt nicht gläubig erleben, sondern in seine Tirolerjodler hinein blasen will, ist das gleiche wie das des Wilhelm Schäfer, nur daß der Schäfer mit seiner breiten Brust und seinem enormen Können ein böser Raunzer ist, der seine Verkanntheit mit naturburschenhafter Eitelkeit verbrämt.

Der Schäfer hat prachtvolle Sachen über Pestalozzi geschrieben, aber die Dunkelheit seines Blutes genügt nicht, ihn anders als einen Epigonen des Keller gefärbt zu sehen. Auch in den „Kammachern“ Kellers sinniert jedoch derselbe Vogelsang wie in den Jugendträumen Hermann Hesses. Und selbst der ungeschlachte Schlesier Stehr, dieser rührende Zu-Nichts-Kommer, hat manchmal den Wunsch, wie ein Füllen aus seiner Elefantiasis auf die Weide zu springen. Es scheint manchmal, die Deutschen vermöchten, wenn ein Kunstgriff ihnen die Änderung der Natur erlaubte, sofort aus ihren Gegensätzen sich zu lösen und mit Vorzug in der Lage zu sein, auch in der Form der Vögel zu existieren.

Aber auch die Prinzen haben sich an dem Rand der großen Symphonie deutscher Dichtung eingestellt. Aus den Märchen schon hob sich die leichte Grazie der mit seltsamer Jugendwürde verzauberten Edlen und manchmal trägt einer den unsichtbaren Kranz noch durch unser Jahrhundert. Sie sind bestimmt rasch zu sterben. In den Briefen des Zeichners Thylmann, der Bäume und Felsen geliebt und gezeichnet hat, hält einen Augenblick diese geheimnisvolle schlanke Würde. Er kam ebenfalls aus dem Kreis des Dichters George, der die Barbarei beging, so sehr es seiner salbentrunkenen Weltentrücktheit widersprach, durch Vergewaltigung in Taggesängen und Minneliedern das Mittelalter zurückzwingen zu wollen, das er selber nicht besaß. Seinem Schüler Thylmann aber gelang es, auch den märchenhaften Farbton neben die überlegene Würde des unbewußt erlesenen Menschen zu setzen und seiner Prosa eine schicksalshafte Kindlichkeit zu geben, die der schlanken Maße und der Reinheit der Haltung nicht vergaß.

Wurden die Prinzen früher verzaubert, genügte es ihnen, die Welt zu durchstreifen als Bettler oder Hirtenjungen von uns unverständlicher Grazie. Als sei des abgeschossenen Thylmann Seele in die Augen eines anderen getreten, geht sein Geist, nur ein wenig verwildert, durch die Sehnsucht Hans Siemsens. Denn auch dieses Vaganten Stimme hat die gleiche Kurve, in der der Fall von Glück und Traurigkeit und das Sichablösen der Stimmungen von der Landschaft hin und herschwingt und wo jede Frage schon ohne Erwartung ihres Echos angestimmt wird. Denn es ist bestimmt, daß diese Menschen unbegreiflicherweise dem Zustand ihres Glückes am nächsten sind, wenn es ihnen am entferntesten schaukelt. Denn es genügt ihnen, nichts zu haben, nichts zu erreichen, nichts zu wünschen, sondern nur großäugig zu staunen und zu bewundern und höchstens ihrer Besitzlosigkeit eine gewisse Gepflegtheit ihrer Körper wie ein heimliches Erkennungszeichen hinzuzufügen. Wäre sein Ansehen und sein Einfluß nicht zu deutlich, würde man den Meister in der Erziehung zur Schönheit dieser Jünglinge, den Sammler des Maler-Zöllners Rousseau, Wilhelm Uhde, leicht von ihnen weg zu den reinen Ästheten stellen. Es wäre ein Irrtum. Die Breite seines Romans von „Fortunat“ entspricht allerdings nicht seiner Gewalt, und seine Ründe sicher nicht seinem Aufbau, und es ist überhaupt bezweifelbar, ob der ein Künstler ist, der ihn schrieb, und nicht ein Bewahrer ausgezeichneter Traditionen, die, wenn auch überkultiviert und ein wenig blaß in der Farbe, dennoch die leichte Lösung unserer Krämpfe eher begünstigen, als daß sie sie bekämpften. Denn in der Ansicht mehr als im Ausdruck und in der Pflege seiner Idee von der Melodie mehr als in ihrer Ausübung ist hier die schlanke Grazie alter Farben gehütet, und wenn all diese Jünglinge auch Zärtlinge sind und Wollüstige und ihre kleinen Begabungen mehr als Lohn einer gewissen Verweibtheit als tiefer Abgründigkeitsqualen um die Kunst tragen, so nimmt ihnen kein Vorwurf die Anerkennung ihrer Existenz, mit der sie, wohl schmaler und feiner und unmännlicher als andere aber lebend und existierend mit ihren Melodien hinter den Reitern des Mittelalters her ziehen. Manche als Kavaliere wie Uhde in der Berline mit sechs Pferden, manche mit Kindertrompeten und Drachen, die über ihren Händen im Herbstwind steigen, manche auf gezüchteten Pferden oder bukolischen Ziegen oder auf den Rücken ihrer Freunde, in einer fast immer schon in dem Blau verschwimmenden Bewegung, mit dem die Luft sich unter ihre Körper schiebt und sie entführt.

Auch auf den geschnäbelten Wikinger-Schiffen der Dichtung hat sich der Ton gehalten, und als ob seine Galeere sich piratenhaft vom Domfirst höbe, schwingt René Schickele seine fast kämpferisch helle Melodie. Er ist der schönste und bewundernswerteste deutsche Dichter der Gegenwart. Wie Schickele schreibt keiner das Deutsch, daß es Prosa bleibt von aquamariner Dichte und doch Gesang. Sein Buch „Mädchen“ sind die schönsten und reinsten Erzählungen unserer Sprache seit Jahrzehnten. Er hat die Fülle seiner elsässischen Heimat zu der fliegenden Kraft seiner Sätze gezogen, und was die anderen alle an Kunst nicht erreichten, sondern an Anmut nur wiesen, hat er mit einer schmetternden Kühnheit auch an dichterischer Gewalt noch seiner Eleganz hinzugefügt. Hinter ihm wendet mancher sein Gesicht um in die Zeit. Da beginnt schon Gegenwart und manchmal grenzt das Träumen der Jünglinge schon an die Weite der Welt und nimmt den Kopf in die Hand und denkt nach. „Karlos und Nikolas“ ist die Geschichte zweier Jungen von einem gewissen aus Argentinien gekommenen nach ihm zurückgekehrten Rudolf Johannes Schmied, aber die Deutschen sollten dies Buch kennen wie die Franzosen Daudets „Lettres de mon moulin“ oder den „Tartarin“. Hätten sie Sinn für die Bescheidenheit und zugleich Sicherheit gegenüber der Welt, für Phantastisches, das mit Belehrendem sich mischt, für die Eleganz ihrer Schwächen und die Größe der Welt und die Anmut selbst in der Verzeichnung ihrer Typen, in Schulen und Auswärtigen Ämtern würde dieses Buch aufgestapelt. Ach die Deutschen flüchten lieber, weil sie den Glanz ihres tieferen Wesens auf dem Grund der Dinge nicht mehr sehen, zu den Plakaten, reißen sich um antisemitische Schmarren des Herrn Dinter, um erbärmliche Schlachtgeschichten des Bloem, um Borussiaden, die nur das Fatale, nicht das Edle der Preußen zeigen und wenden sich wie von läppischem Unrat von ihrem eignen Herzen. Seltsames Volk, das sich mit den Klappern der Wilden Götzen baut, wo es Götter hat.

Einmal mischte sich die alte zärtliche Melodie sogar mit Handlung und Urteil. Über Schmieds Distanz zur Welt geht Robert Müller zum Angriff. Er ist primitiv und raffiniert. Seine Frische hat eine sportlich gepflegte Gedanklichkeit. Aber sein Naturburschentum ist nervös. Wo er an die Grenze des landschaftlichen Dichters kommt, fängt der in großen Zusammenhängen kombinierende Journalist an. Wo die Gefahren des Reporters liegen, steht seine Tatkraft aufgepflanzt. Denkerisch bringt er im „Barbar“ manche Kühnheit, handelnd einen Pfauenschwanz von Zeit.

Dazwischen geht der Ton des Dauthendey wie auf Wiesen und läuft, bestimmend zwar und wichtig, aber fast unsichtbar zwischen trainierten Muskeln und geschultem Hirn in die europäische Arena, einer Troyka gleich, deren Außenpferde ziehen und deren drittes nur schön ist und die Richtung gibt, sonst nichts.

Ich bin nicht der Chargé d’affaires der Süßlinge. Ich erwarte kein Heil der Zeit von den Troubadouren, und meine Zweifel an der Kraft der Gefälligen sind wie meine Eigenliebe groß. Ich glaube nicht, daß die Homosexualen uns in das Glück führen, wie die heilige Schar der Thebaner, die nur aus sich Liebenden bestand, aber ich weiß, daß ihre Manieren besser sind und ihre Instinkte manches Männliche behielten, was die Robusten vergaßen. Absurd zu denken, daß ich den Knaben die Flöte halte, um deutschen Himmel damit zu ersingen. Selbst Don Quichote mußte sich gegen die Galeerensklaven sofort verteidigen, denen er selbst die Freiheit gab und ich muß die Winkel richtig stellen zur Schau.

Indem ich den Irrtum nehmen wollte, Klassisches oder Naives sei typisch deutsch, verlangte es mich die Verzierungen zu zeigen, die den wahren stillen Ton der Deutschen tragen neben den Falschen, die die Masse hört. Diese Sänger, die die Kette zum Vogelweider irgendwo selbst in der einfältigsten Blässe immerhin binden, sind nicht das Bild des Deutschen, sondern sie sind die leichten Schönheiten des Schaumes, die nur anzeigen in ihrer Anmut, mit welchen gigantischen Donnern das Element darunter liegt. Die schönen Chimärenreiter blasen die rosane Melodie auf den Firsten, um die dunkle Schönheit der Kathedralen unter ihnen und ihr gewaltiges Wachstum um so schöner zu beweisen. Ihre Töne kamen wie Blasen manchmal ins Urbane, sogar bis ins Bewußte. Aber unter ihnen liegt die unentbundene und ach vielleicht nie entbindbare wilde Kraft der deutschen Bestimmung.

Ach was wissen Sie nun, Mijnheer? Sie haben geträumt, gerochen, aber nichts gefaßt. Wie sieht ein Deutscher aus? Sie wissen es nicht. Ein Dicker, ein Bemonocleter, ein Tapferer, ein Schmalhüftiger, ein Zärtling, ein Hanswurst, einer mit Blumen am Hut, ein Amokläufer? Ich weiß es nicht. Ich ahne es kaum. Wenn Sie mich gut verstanden haben, werden Sie ihn dennoch erkennen in der Welt, des bin ich gewiß.

Manchmal, nicht selten, begab sich nämlich das Geheimnisvolle, daß mir war in der Fremde, ich träfe Deutsches unter den Söhnen anderer Nationen. Ich vertraute, ich liebte, ich wurde wieder geliebt, und ich erklomm die Höhe manches Glückes. Aber ich fand dagegen unter den Kindern meines Volkes, am Rhein, am Neckar und den Seen meiner Segelzeiten alle Fehler gehaßter Völker, ich wurde gehaßt und bekämpft und verleumdet. Ich starrte oft, wenn ich die Gaffel am Mast nach den Launen der Böen studierte, in einen namenlos entfremdeten Himmel über Bayern, aber ich fand in der Welt der Fremde oft deutschen Himmel voll Reife und Glück, die ich in Deutschland nie sah. Deutsches zu finden kann heißen vielleicht, in die Welt zu gehen und ist nicht abzumessen und anzugliedern vorerst nach Bau und Hand. Deutsches zu gestalten wird heißen, es aus der Welt und gereift zurückzutragen in die Heimat, aus der wie ein zersprungener Stern sich das Volk der Germanen über die Erde stürzte und Afrika, den Norden, Spanien, Asien und die Slawen mit seinem Blute düngte. Europäische Luft dringt durch die Kerzen herein, die unter dem Bewußtsein des Sturmes allein schon beben.

Sie sind fast abgebrannt. Wir haben lang geredet, selbst die Mäuse schlafen und die Vögel haben sich beruhigt. Die Alpen waren gegen Abend einen Augenblick lang aufgebrochen mit entflammter Idee, ihre Figuren geteilt wie Heroen, dann sank die rote Dämmerung über die Bäume, die unter den Lasten des Schnees schon tropischen Wäldern gleichen. Phantastische Palmen haben sich den großen Fichten gesellt und die Weiden tragen eine gläserne Gespenstigkeit, als kämen sie wie ein Traum von Hawai, wo die Bäume nicht nur die Form der Orchideen, sondern auch die Vielfalt und tolle Kraft der Träume tragen.

Ich liebe die Eifel, die Rhön, die Vogesen, den wilden Karwendel, die Alpspitze, den Schwarzwald, ich liebe alle Gebirge der Heimat, die ich durchwandert, befahren, überflogen seit meiner Kindheit. Aber oft stieß ich an Berge der Fremde, an Meere, die daran mit Größe und funkelnd sich schlossen, an Prärien der Freude, und ich dachte nicht der fremden Namen und der anderen Sprache, sondern dachte: auch hier ist Deutschland.

Und ich empfing die gleiche hinreißende Liebe wie zu einer Eroberung der Schönheit und ich verstand immer wieder den Wandertrieb der Germanen, die so sehr schließlich ihre Heimat überall empfanden, daß sie glaubten: wo auch immer es gut gehe, sei Deutschland gepflanzt. Es gibt keine deutsche Sehnsucht, die nicht in die Welt hineinführte, aber keiner hat verstanden, sie erfüllt aus der Welt zurückzutragen und damit an ihren Menschen zu bauen. Darüber zu trauern, ist chagrin de luxe. Es ist Bestimmung und Tragödie, das ändert kein Gefühl.

Wie sollte der Deutsche aussehen, den ein Wunsch im Innern unbewußt gestaltet? Der Fürst Pückler Muskau hatte etwas von ihm, der zur Melodie der alten Sänger die Bildung eines Seigneurs legen konnte und dem noch die Haltung des Briten und die Gewandtheit des Romanen hinzufügte. Ich vertrieb einmal, in den Gartenpavillon eines englischen Diplomaten tretend, den Besitzer, allein ich sah noch, daß er im Kimono floh, um sich anzuziehen. Neben dem Tisch seines Frühstücks aber lag eine Karte der Welt mit allen Festungen, Flüssen und Schiffahrtslinien und den Küsten und Städten aller Kontinente neben einem diplomatischen Bericht und den Oden des Horaz.

Das war ein Mann, der das Leben, das Geschäft und die Muse mit überlegener Würde anmutig zusammenhielt. In Schumanns Briefen steht er unbewußt einmal im Umfang ähnlich, an Figur noch klarer gezeichnet, wo dieser Musiker träumt von einem Mann, der zu Fuß Moskau, Rom, Marseille, Hamburg und die Welt dazwischen durchwandert habe, gut sich kleide, Thukydides lese, Algebra treibe und musiziere. Das ist die Zukunft, die wir hoffen, aber zuviel schon der Hoffnung. Die Kerzen sind aus. Aber der Sturm hat kein Ende.

Die zweite Nacht

Halten Sie die kleine Mannpistole gegen die Lampe auf den Fahnenmast, visieren Sie genau, so entdecken Sie einen hellen Punkt. Er bewegt sich. Es ist die Diva, die sich dem Schnee aussetzt.

Um acht Uhr öffneten sich die Türen zu dem Glasabschluß und in den Speisesaal kamen die Filmer, die seither, geschminkt in der Arbeitspause unter sich speisten. Man applaudierte ihren Einzug, zwischen den Damen in übermäßiger Toilette kamen die berühmten Allgeier und Schneeberger und Schneider-Sankt Anton und stampften mit den Füßen. Es schien, zwischen den sportliebenden Leuten der Gesellschaft, den Weltdamen des Films und den Schneeschuhheroen werde eine Stimmung sich entfachen von der leisen Heiterkeit des Kamins, aber es wurde nur Katastrophe. Es gab keinen gemeinsamen Ton, die Skiläufer waren zu laut, die Filmweiber ohne Gefühl für die ihnen provinziell scheinenden Damen der Gesellschaft und diese hatten von vornherein den Verdacht der Eingesessenen gegen das fahrende Volk. Die Musik rettete mit einer silbernen Kaskade neben der sie noch überzitternden Stimme einer italienischen Dame den Abend und gab mit dem wechselnden Überglänzen des Flügels und des Alts ihm einen gewissen Abschluß.

Sie hatten wohl alle die beste Absicht und suchten es sich zu bezeugen, aber sie gelangten alle nicht über die Grenze ihres Blutes, dessen vielfache Gehemmtheit Deutschland mehr zum Feldlager von Condottieri als zu einer Nation macht. Wen haßt der Deutsche mehr wie den Deutschen und wen kennt er weniger wie seinen Nachbarn? Wie nobel beweist sich manchmal sein Herz zu den Feinden und welche Voreingenommenheit und welche Ungeheuerlichkeit speit er dem Bruder ins Gesicht. Wenn Sie genau zusehen, werden Sie bemerken, daß die Diva in den roten Radius der Lampe geraten ist, und wenn Sie wollen, werden Sie spüren, mit welcher Bewegung sie in die Skiablage eintritt, denn sie reckt ihre Brust und den Nacken hoch und es ist als folgten geschmeidig die Hüften und die langen Schenkel, genau so, als bemühe sie sich in der liebenden Umklammerung einer Schlange aufzusteigen. Welche Rasse. Diese Filmbanden sind ein glänzender Nachzug jener wandernden Trupps in grünen Wagen, die Theater ins Land brachten, wenn auch das Tempo ihrer Automobile, der Schmuck ihrer Weiber und die Schecks ihrer Arrangeure andere Ansprüche dem Schicksal entgegenstellen als früher jene Lust geschundener Komödianten zu stellen hatte: nicht tiefer geachtet zu werden wie die Zigeuner, dafür aber Kunst machen, lieben und bieten zu dürfen. Die prächtigen Intelligenzbärte und alle Schleimsuppen des Geistes haben sich im Namen der Musen nicht zurückgehalten, „Stellung zu nehmen“ und den Film als unwürdig abzudonnern.

Die armen Schlauen haben ihr Geschütz falsch gerichtet und mit einem Mörser einen Sperling erschossen und triefen vor Zufriedenheit wie alle falschen Nimrods. Niemand hat die Behauptung so formuliert. Film ist keine Kunst. Aber er macht Vergnügen. Daher beschäftige ich mich mit ihm. Er ist die zweitgrößte Industrie des Landes und bewirtet die schärfsten Intelligenzen der Akteure, Regisseure, Techniker, daher interessiert er mich in seinen Möglichkeiten. Ich weiß, daß ein Husten Bassermanns mehr ist als die Film-Zauber des Nils. Aber es verlangt mich gelegentlich auf Seglern das Meer vor Nizza zu schauen, oder den Pullmanzug durch die Prärien rattern zu sehen und angewidert von der Arroganz und Erfindungslahmheit der zeitgenössischen Dichter eine Handlung in fabelhaften Kurven vor mir hinsurren zu spüren.

Ich ziehe es vor, ein Drama in Verfolgung und Erschießen im Ballon und die Maskierung von Verbrechern atemlos zu verfolgen als im Theater erleben zu müssen, wie Gerhart Hauptmann sich die seelischen Konflikte der Azteken Mexikos vorstellt — und ich achte staunend lieber darauf, wie von Häusern herabgeklettert wird und mit welchem Anstand man heute doch noch irgendwo scheinbar lebt und Haltung behält, reitet und schießt und das Ganze im Bildflimmern zusammensetzt, als daß ich schlafmohnumwunden die Dreizehn Bücher der Deutschen Seele von Wilhelm Schäfer lese. Wer Saphire in ein Zahnrad schmeißt, ist ein Idiot, wer Kunst in den Film trichtert, den weise man aus der guten Gesellschaft. Ich bin für den Film, wenn es mir Lust macht, und dagegen, wenn ich Unbehagen habe. Ich tue ebenso tausend andere Dinge, die mit Kunst nichts zu tun haben, ich reise, ich spiele Croquet, ich beschäftige mich mit meinem Hund und niemand wird mit mir über Kunst dabei diskutieren, sondern höflich bei seinem Thema bleiben. Es blieb den deutschen Dichtern vorbehalten, die so weltunwissend wie abgründig in ihrem Ausdruck sind, daß sie, die unter maßloser Überschätzung ihres Berufes leben und Welt und Wolken und Schicksal nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Verse und Szenen erbärmlich zu sehen wissen, es blieb ihnen vorbehalten, Bannstrahle „gegen Unbekannt“ zu schleudern und da von Kunst zu reden, wo es ums Geldverdienen geht.

Als Friedrich der Große, der sein Leben lang eifersüchtig auf Voltaires besseres Hirn war, Rapporte las, die ihn veranlaßten loszuschlagen oder zu verlieren, sagte er, beschwingt von dem schöpferischen Atem, der ihn beim Handeln endlich gegen den geistigen Nebenbuhler bevorzugte, ein wenig spöttisch vergleichend: „Was würde Voltaire tun?“, und schlug los. Er meinte, die Dinge im Leben gehörten sauber auseinander und er wäre gewiß der Ansicht gewesen, daß das Erlernen der Filmtechnik für deutsche Autoren wegen ihres Tempos und ihrer belebenden Form und auch für das Einkommen der Guten förderlicher sei, als daß man in dem Gebiet der Kunst für Geld erschreckliche Dinge tue von Balzacs Anfangsromanen bis zu Hauptmanns „Lohengrin“ und dem Kriminalbuch der waffenfrohen Amazone Huch. Um etwas anderes kann es sich beim Streit um den Film nicht handeln, denn das wäre nicht nur dumm, es wäre schon gefährlich.

Näher läge jetzt in die Halle zu gehen, die Diva zu laden und mit ihr über neue Seiden, Crêpe marocain, über ihren Fiat-Wagen und wie sie aus dem Flugzeug springt, zu reden, widerspräche es nicht unserem Abkommen, die Nächte nicht zu unterbrechen und hätte ich nicht einen Frisson gegen Weiber mit Beruf. Näher liegt, vom Theater zu reden, aber auch das ist keineswegs in der Abwechselung mondän. Wo anders geht der Mensch in Frack oder Smoking oder selbst weichem Kragen, de rigueur oder wie es ihm beliebt, ins Theater, erheitert sich und geht sodann zum Speisen. Der Autor des Stücks illustriert die Gesellschaft, und wo er dramatisch wird, hilft ihm die Ironie zu unbeschwertem Takt. Der beste Dichter dieser Art seit Molière ist Shaw. In seinen Stücken ist keine Frage, kein Leid und keine Sehnsucht, die einen Menschen unserer Tage angeht, ungelöst und unbesprochen, trotzdem verläßt jedermann vergnügt das Haus.

Dieser Kelte hat es ihm ergötzlich serviert und den Weg, statt unterirdisch zu brodeln, von der heiteren Oberfläche her zu allen Tiefen gemacht und ist wieder zur Oberfläche zurückgekehrt, weltmännisch, groß, überlegen und wahrhaft modern. Die Schauspieler wirken daher in der Distinktion ihres Talentes lediglich wie geschmackvoll bewegte Landsleute dieses Iren, die der Franzosen aber sind überhaupt schon Gottes natürliche Schauspieler, die Zuschauer erblicken in ihnen nichts als besonders kultivierte Exemplare ihrer Rasse und Gewohnheit. Ähnliches hat, kann man überhaupt vergleichen, nur Wedekind bei den Deutschen, nur daß er lediglich infolge Fehlens einer Gesellschaft die Sünden seiner Zeitgenossen zu einer schief und lahm gelachten Zeitbande zusammenwarf.

Alles andere ist bei uns problematisches Zeug, Edelschmus und monologisierende Vorgänge, die, meist unverständlich, geredet werden, während man sie viel gemütlicher läse. Ohne Eindrillen der Jugend auf die Klassik, würde Goethes „Faust“ im Theater genau so als verquollen abgelehnt wie der Wechselbalg, in dem irgendein Jüngling sich auf seine Weise unklar mit der Welt ausdisputiert. Faust ist keine Rolle, und Gretchen, in dessen Lyrik Erhebliches an Dichtung steckt, wirkt auf der Bühne als alberne Gans. Niemand geht letzten Endes erlöst, kein Mensch erheitert aus dem Theater, die Bühne als moralische Anstalt ist ein Schlagwort der Verlegenheit unter den Gebildeten, das ihre Hilflosigkeit aber auch ihre Feigheit, gegen den dramatischen Theaterwust zu protestieren, schwülstig drapiert. Nie hat das Theater jemanden gebessert, niemand hat das gewünscht, das antike Theater ist kein Vergleich, weil es aus den Kulten kam und religiös verankert lag.

In Deutschland hat Theater mit dem Volk nichts zu tun, es hat überhaupt mit nichts etwas zu tun, sondern hängt wie ein Kunstwitz der Semiramis in der Luft. Wie soll Theater, in dem ein Volk stets am deutlichsten gespiegelt ward, zusammenhängen mit einer Nation, die Architekten aber keine neuen Städte, Künstler aber keine Kunst, erstklassische Revolutionäre aber nie eine anständige Reaktion besitzt . . . wo durch die Trümmerhaufen wohl geniale Irrlichter fahren, aber die Malerei sich nicht in die Wohnungen geschmiegt hat, die Plastik sich zu keinen Kathedralen fand, die Dichtung keine Nabelschnur zur Seele der Masse gewann. Das Witzkarnickel der Literaturgebildeten, Herr Sudermann, wollte viel mehr, als diese Dummlinge glauben, denn er suchte Gesellschaft zu geben, aber er gab Wasser und Leim. Er hatte tatsächlich nur das Mißgeschick kein Künstler zu sein, denn sonst wäre er Wedekind geworden. Jeder von ihnen suchte Gesellschaft zu schildern, der eine die, welche er sich vormogelte, der andere die, welche sein auf Disharmonien eingestelltes Jägerauge in das Vakuum bannte, wo diese Gesellschaft sein sollte, aber, sapristi, nicht bestand.

Mit den Verzückungen der Hrotsvita begann etwas Leben im deutschen Schauspiel, geistliche Herren setzten es fort, indem sie Weiber darstellten, die Rabbi Jesus salben wollten und den Engel trafen am Ostermorgen. Langweilige Sachen wurden daraus in den Osterspielen und Passionen, wo tagelang hunderte Menschen paradierten von Benediktbeuren bis Innsbruck, bis man schließlich mit Zoten die Angelegenheit würzte und Christus den Stuhl wegzog, als er sich setzten wollte. Die Rosenblüt und Sachs und die ihren brachten in die verdrießlichen Bibelszenen wenigstens Charaktere und feuerten um sich gegen Ritter und Papst, vor einigen Jahrhunderten spielten sie in Uri bereits nationalistisch den Tell. Die Kleriker riefen die Jesuiten zu Hilfe und diese erfanden den bewegten Rhythmus kolossaler Barockmassen und den sensationellen Klamauk musikalischer Aufzüge.

Es war an der Zeit, daß englische Akteure mit Marlowe und Shakespeare nach Deutschland kamen und dort den Stand der Schauspieler erstmalig gründeten. Sie lehrten die Deutschen ihr Gesicht zu mimischen Grimassen überhaupt erst zu verziehen, man lernte, was Tragödie war, und neben den italienischen Lazzis, neben Jean Potage und dem Pickelhäring der Holländer zog in der Komödie Hanswurst in Deutschland ein.

Nun kam Molière. Um Stil, koste es was es wolle, zu kriegen, krampfte sich Gottsched, der klüger war als die ihn verlachen, an Boileau und Aristoteles und schlug den Hanswurst übers Maul. Klopstock fürwahr brachte mit seinen sechs Dramen kein Theater auf die Höhe einer Gesellschaft, worauf Lessing wieder englisch auf Natur die Le Nôtre’sche Pallisade säuberte. Dann ging die Führung von den Dichtern völlig zu den Akteuren über, wo der Schauspieler Schröder die neue Nüchternheit mit seinem Organ beschwingte, Iffland die Schauspielerei wieder vom Kothurn ins Aufgeregte und Mimische zurückriß, Devrient das Zerblätterte ins Feurige des Eindrucks wieder hineintrug. Grillparzer floh zwischendurch ins Griechische und Uhland verfaßte „Herzog Ernst.“ Da Sie ihn nicht auf der Schule lasen, sind Sie einen Faden näher der Seligkeit wie ich. Wir sind in der Gegenwart.

Was sahen Sie? Entwicklung des deutschen Dramas? Sie sehen einen Raubzug. Man brach aus nach allen Seiten, plünderte Stoffe, holte Stile, suchte ein nationales Schauspiel. Man ging in freiem Ringkampf, catch as catch can, in die Arena der Völker, um ein Theater zu erwerben und eroberte die interessantesten Dinge. Aber was die Deutschen nicht besaßen, ließ sich nicht erwerben. Ihr Theater war immer das von anderen und von anderen nicht das Beste. Und war wie eine photographische Platte höchstens genial in der Kolportage von Fremdem, auf unserem Boden aber nie ein Stamm und ein Wuchs.

Das große heutige dramatische Theater der Deutschen um Fürsten und ältere germanische Herrschaften und unverständliche Riesenleidenschaften ist, wo man Gesellschaftliches und Zeitgemäßes will, nunmehr nur komisch. Das alltäglichste Wort „Wie geht es?“ heißt russisch: „kak poživaješ“ und schwedisch: „hur står det till?“ Was hält so irrsinnig andersredende Menschheit zusammen außer der Geste überkommener Sitte und Gesellschaft und ihre Mimik. Ihren Gesichtsausdruck mußten die Deutschen aber von den Engländern lernen, ihre Sitte von den Franzosen, es gibt heute weniger wie je ein Theater, das von der Oberfläche her die deutsche Zeit und Gegenwart aussagt. Die schweren in dramatischer Form gebotenen abstrakten und längst abgetakelten Mammute, mit denen die Dichter immer noch am Zaum erscheinen mit der Bitte um gefälliges Interesse, ersetzen nichts, sondern machen den Zwiespalt grotesk. Unruhs Schick, ihnen eine messianische Predigt an die Gegenwart am Schwanz prophetisch anzuhängen, ist die unkluge Geste eines sehr begabten Kopfes.

Solches Theater mit Weltausmaß, ehernen Ewigkeitsfiguren, Muskeldramen, Heroen mit Lotosblättern um die Gelenke, solches Theater: die Welt in tausend Personen, aber den Gigantenapparat in genialer Hand wie geölt, das hat der Shakespeare nur gekonnt. Aber er fügte auch die atemlose Spannung hinzu, schuf Menschen, nicht verkrampfte zu Lebewesen zerboxte Ideen und hatte Rollen von solcher Vielfalt, daß er sie gleich wie aus einem Füllhorn durch seine Schöpferzunge meteorhaft über die Erde blies. „Shakespeare enfant“ sagte Hugo zu Rimbaud, es war ein Kompliment an dessen lyrische Wildheit. Für unsere Dramatiker gesagt ist es ein Witz. Aber auch für den britischen Hünen war seine Urwelt, die er schuf, nur die Epoche seiner Fürsten, seiner Kriege und seines Adels. Weiter nichts. Aus diesem Humus, nicht aus seinen Fingern gesogen kam ihr Mark und Menschtum. Im Knochen unserer Titanen ist Tinte, Wasser und etwas Idee.

Da wir so viele Solostimmen aber kein Orchester besitzen, ist jedoch immer viel Lärm derer dagewesen, die den Stil erzwingen wollen. Da die Scharfschützen nicht von der Mitte aus schießen können, zielen sie von der Peripherie nach der Mitte. Nirgends wird daher der zeitgemäße Ausdruck übertriebener gesucht wie in Deutschland, kein Land färbte den Naturalismus so widerlich, spitzte die Stilzeiten so nadelscharf, walzte den Impressionismus so plump und gellte jede Kunstrevolte so exotisch in das friedliche Land. Wir sind bei Gott auch in Dingen der Kunst ein freudiges Negerlager, während sonstwo man versucht ein Haus zu bauen und Vater und Sohn statt ewigen Racheschwüren sich befriedigt nach dem Kampf die Hand schütteln. Sie fahren sonstwo alle im selben Schiff und wissen es, reden im gleichen Parkett, tauchen im selben Sumpf. Die Akteure spielen wie ihresgleichen, die nicht diesen Beruf erwählt haben, wenn sie im Métro, in Hasselbaken, in der City, am Lido, in Kopenhagen sich bewegen. Sie haben daher Theater. Wir haben nur Regisseure. Sie haben die bessere Schauspielerei. Wir haben die amüsanteren Kerle. Die Ausländer spielen auf das Menschliche hin durch das Medium ihrer nationalen Gebärde, die Deutschen aber spielen für den Mond. Das heißt, daß unsere Ensembles nichts taugen, daß wir aber manchmal vortreffliche Schauspieler haben.

Ich habe Schauspieler fast der ganzen Welt gesehen, ich fand Bassermann besser als Coquelin, Kraus amüsanter als Anders de Waal, die Durieux größer als die Bosse. Aber was sie boten, waren Leistungen, die man bestaunte und waren nicht vorzügliche Selbstverständlichkeiten. Als die Sarah Bernhardt mit französischen Kolonialleoparden über den Boulevard fuhr, tat sie es, um in zehn Roben bei fünf Gerichtsverhandlungen erscheinen zu können und die Quittung an den Abenden ihres Spielens vom Publikum zu erfahren, nicht für ihre Reklame, sondern für ihren Mut und ihre Phantasie, Nationaltugenden, die das Publikum bei ihr akklamierte. Wenn sie aber, die vollendetste Tragödin, an der Rampe sterbend und grün schon, während das Publikum vor Rührung weinte, ihrem Nachbar zuflüsterte „Merde“, so bewunderte ihr Publikum in diesem Zwischenfall, wenn es ihn später erfuhr, nicht die Unanständigkeit der reizenden Gebärde, sondern die Ironie der Überlegenheit, die selbst das Sterben meistert, und in der es eine der besten Eigenschaften des Volkes sieht. Das ist Theater und das ist Gesellschaft. Man kennt und bestätigt sich gegenseitig.

Es gab einen Deutschen, der auch diesen Zusammenhang herzustellen vermochte, wenn auch auf seine Weise: Wedekind. Ich sah ihn, sehr jung und wenig auf Kunst eingestellt, und war d’accord mit der Masse, die sich krumm über ihn lachte. Ich lachte herzlich und begriff nach Jahren, daß ich unbewußt das beste Deutsche damit verraten hatte. Aus seiner dilettantischen Spielerei reckte sich mit der ganzen Größe dichterischer Gewalt die Inbrunst des größten deutschen Dramatikers mit barocker, wenn auch unglücklicher nationaler Gebärde. Ich begriff das, nachdem ich von den Niggern bis zu den Japanern und den Provençalen Theater gesehen habe. Es ist natürlich Schwindel, schauspielerische Kunst als heroisch oder lyrisch, naturgemäß oder gotisch flankieren zu wollen, da es nur darauf ankommt, ob ein Bursche Blut hat und sich aus einem Körper in den andern zu schmeißen versteht. Ach Wedekind verstand keines, denn er war hilflos wie ein Kind auf der Bühne, aber er suchte, mit der Klarheit seiner Dichtung im Auge, die Figur dazustellen, die ihm, wenn auch anklagend, das Zeitbild schien. Der besessene, barocke, ringende und zu wundervoller Plastik sich bildende Mensch, mit Grübelei und Glanz um das Haupt, wuchs über ihn hinaus, denn je mehr sein Schauspielertum versagte, um so gewaltiger stieg die Kraft des Dichters aus ihm, ein berückendes Sinnbild deutscher Art.

Er war genötigt, sich selbst auf die Bretter zu stellen, da die Akteure seiner Zeit ihn nicht zu spielen vermochten, sie waren nach klassischen Attitüden oder platten Gemeingültigkeiten hin abgedreht. Sein Beispiel aber hat nicht umsonst gewirkt. Ich sah an jeder guten schauspielerischen Leistung in Deutschland etwas von dem gleichen Zauber, ob einer nun starr oder brillant, mit Feuerwort oder der Quaderstirn das Schicksal zu höhnen versuchte. Zwischen „Hidalla“ und „Wozzek“, zwischen Grabbe und Wedekind liegt der deutsche Stil und nicht zwischen Iphigenie und Ibsen. Das Publikum weiß nach soviel Verwirrnis nicht, wo die Quellen der nationalen Schauspielkunst liegen und schreit nach „Nora“ und Wildenbruch, aber die Selbstbewußtheit und der Instinkt verantwortlicher Spieler sollte sie ihren Traditionen wieder zuführen, indem man Wedekind spielt und da ansetzt, wo der Blutsaft deutschen Wesens einmal offen am Mund eines gut Schlürfenden und Erlesenen lag. Das wenigstens darf im Bewußtsein eines Volkes, das Amok gegen sich selbst läuft, und dessen Landstriche rauchen von den Autodafés seiner besten Bürger, nicht verloren gehn.

Die Eifrigen haben jedoch nicht versäumt, durch glänzende Kunststücke zu ersetzen, was die Natur entzog. Wo das Niveau versagte, hoben sich die Begabungen immer am steilsten ab, und was hier nicht aus dem Volksbewußtsein wuchs, zimmerten die Regisseure. Man spielte vor dem Krieg daher in Berlin so gut Theater wie kaum in der Welt. Jedoch das waren Dressuren, die vorzüglich funktionierten, und man sieht, daß, wo nach dem Krieg wirtschaftliche Zwischenfälle und die Gagen des Films diesen Zirkel zerreißen, kaum in der Welt wohl so schlecht gespielt wird wie in Berlin. Die besten Konstruktionen halten nicht ohne Basis und die genialsten Begabungen ersetzen keine Kultur. Natürlich ward es nicht nationaler Ausdruck, wenn man die Oper, das mittelalterliche Jesuitenstück, das antike Theater unter Scheinwerfer setzte und damit immerhin glänzende Wirkungen schuf, aber dennoch war über seine Zeit hinaus, für die er keine Verantwortung trug, Max Reinhardt wohl das stärkste Theatergenie unter den Deutschen. Denn er besaß die Fülle der Gedanken und die Glut eines Rhythmus und die Buntheit einer Phantasie neben der gestalterischen Kraft des Aufbaues, daß bei ihm wie nirgendwo in seiner Zeit die Anmut mit der Größe des Bildes sich paarte. Er hatte noch, zum letztenmal wohl, jene saftige Lockerung der Bildgefüge, jene fleischliche Gerecktheit und jenen wilden Duft der jungen Kraft, die sich selbstgefällig wiegte vor Jugend.

Was nach ihm kam und den Deutschen vorzuspiegeln bestimmt war, sie besäßen ein Theater, war schon wilde Steeplechaise, und die Regisseure waren mit Peitsche, Revolver und Gefrierkammern hinter den Schauspielern her, denen sie wie Papageiherden jedes Wort in den Mund legten und jede Bewegung einstudierten, daß die Vorstellungen manchmal so begannen, als führe ein Blitz in ein Panoptikum. Man jagte von den menschlichen Kräften zu den geballten Typen und man wechselte das Blut gegen eine ganz neue aber nicht sehr tragfähige geistige Energie der Routine. Mit seinem Hirn hält von Herrn Hartung bis Herrn Jessner jeder große Spielleiter der Nachkriegszeit sein Ensemble zusammen. Schießt man dem Mann eine Kugel durch den Kopf, ist das Zusammenspiel entzwei, die Schauspieler entwurzelte Wichte und das Geschwärm vom neuen Theaterstil der Deutschen eine geplatzte Blase.

Die Regisseure sind zu tief in die abstrakten Stile hineinmarschiert und haben vergessen, daß Übertreibungen immer dekorativ werden und haben über die Vergipsung ihrer Stücke vergessen, daß nur der Marmor eine Haut hat, die Milde atmet. Immerhin sind die Regiezeiten der Hartung, Jessner, Martin, Berger, Weichert, Viertel ungewöhnliche Steigerungen der Einzelkräfte, und wo sie verarmten an Atmosphäre und Grazilität und Fülle der bunten Gesichte, setzten sie dafür einen derartigen Willen zu Monumentalität und Straffung, daß ihr Fanatismus fast Reichtum vortäuschte statt Armut, die er irgendwie war. Sie taten allerdings nichts anderes, als daß sie dem stark ins Steile und Zusammengepreßte ausgeschlagenen Pendel der Zeit folgten, dessen wilde Kraft noch Wedekind und Strindberg über Europa richteten, und das ein bedeutsames Winken zu großer Sammlung war. Die beiden Dramatiker haben die ihnen folgende Generation ziemlich vorweggenommen, außer Sternheim und Kaiser ist die dramatische Generation nach Hauptmann (abgesehen von Hofmannsthal und Schmidtbonn) unwichtig. Hauptmann hat neben Unzulänglichem, und trotz allem, ein paar wenige Stücke großen Wurfs und starker Menschlichkeit geschrieben, von seiner Generation bleibt auf dem Theater sonst nichts. Kaiser hat mit einem verhüllten melancholischen Ton enorme quadrische Stücke geschaffen, deren Bau metallisch die Härte und lieblose Konstruktion dieser Zeit herabblitzt. Sternheim hat seine Epoche nicht mit der Wedekindschen Plastik, aber mit dem zugespitztesten Aperçu auf die Bühne begleitet und manche bittere Entlarvung für die Nachwelt vorgenommen. In beiden nähert sich Mitwelt und Dichtung soweit, wie Angreifer und Angefallene sich nähern können, da ja zu friedlicherer und menschennäherer Berührung kein Boden unter ihnen liegt.

Doch sind die Regisseure, die dieses moderne Theater führen und das vergangener Epochen in dieselbe Schwingung bringen, keine Minute Erfüller einer nationalen Kulturstufe, sondern sie sind höchstens Könner. Das Volk gipfelt nicht in ihren Bühnen, sondern sie zwingen etwas der Masse auf. Sie sind nicht für sondern immer noch gegen die Gesellschaft. Und sie haben kein Theater sondern irgendeinen verzauberten Ort, wo unter Scheinwerfern und Suggestionen geschrien, gestrampelt, getötet wird, wo aber, nie im Leben, das Volk sich edel spiegelt. Wenn sie den Ehrgeiz aber haben mit etwas wenigstens kongruent zu sein, so ist dies das irrsinnige Tempo einer mörderischen Zeit. Sie sind genau so Dompteure ihres Säkulum statt seine heiteren Erklärer, ebenso wie die Dichter statt der liebenswürdigen Former die Prediger ihrer Zeit geworden sind.

Denn ihnen fehlt die Festlichkeit und die Heiterkeit der Luft ihres Lebens und die Anmut jener Fruchtbarkeit des Geistes, die eine Dichtung wie einen Obstgarten am Bodensee überbauscht. Sie haben alle etwas zu sagen und vergessen das Blut in ihre Figuren zu pumpen und wissen nicht, daß sie doch nur Aufsätze und Ansichten gebildet haben mit den Körpern der Menschen, und daß diesen Puppen ihre Gescheitheiten und Lebensansichten purpurrot aber gedruckt zum Hals heraus hängen. Neun Zehntel der Dichtung ist Essai und Dreiviertel der Dichter sind Juden. Es scheint, das auserwählte Volk solle uns über die Zeit namenloser Zersplitterung, wenn auch nicht in Jehovas feurigem Wagen, so doch in einer klugen Gewandtheit und mit zusammengepappten Rossen über den Abgrund tragen, bis die Dampfwolken besserer Landeplätze zum deutschen Wesen weisen.

Wir sind von Natur aus wenig für Üppiges bedacht, die Natur gab uns einen kurzen regenschweren Sommer, kühle Nächte und wohl raffinierte Übergänge, aber ein scheußliches Klima ohne Goldton und ohne die ehern gefärbte Kantate eines begeisterten Himmels. Deshalb sind wir auch nicht das Volk der Pantomimen. Wer eine Segelregatta an südlichen Buchten sah, einen Stierkampf bei den Pyrenäen, weiß, daß der Sinn für Festliches, den die Skandinaven wiederum stahlblond und feurig besitzen, uns versagt ist wie das Geld, das diesen Aufwand in der Wage hält. Nie hätte eine Anlage wie Versailles, nie Madrid, nie Rom entstehen können ohne die Voraussetzung von Völkern, die ihre Freudigkeit zum Leben dadurch betonten, daß sie dem Leben hymnische und weite Gesten entgegenschlagen konnten. Wir Deutsche sind seit dem Verlust des Mittelalters nicht mehr genug Kinder, aber auch noch nicht so ins Ernste gestraffte Männer, daß wir den Prunk von beiden Enden des Lebens her lieben könnten. Wir geben dem Dasein eine kluge, aber nicht einmal schöne Wahrheit an den Kopf. Aber wir leben uns nicht unbekümmert, wie aus dem strahlenden Meer steigend, aus dem Leben selbst heraus. Wir sagen Dinge aus, aber wir leben sie nicht. Unsere Dichtung ist darum Essai, aber was ist unser Essai?

Er liegt da wie die Magd, die der Teufel im Dampfbad schälte und von der nichts zurückblieb als die Haut, an der aber die Augen, die Haare und die Nägel sich noch befanden. Es fehlt der Saft und das Fleisch. Wie im Theater die landläufigen Gescheiten und die gealterten Kritiker nur zwei Schablonen kennen, die Posse und die dunkle Tragödie, aber nicht das feine Lustspiel und das gepflegte Schauspiel, so gibt es unter den Schreibern über Zustände und Dinge nur Affen und Genies. Die deutschen Schriftsteller haben eine wundervolle Begabung einfache Dinge zu verwirren, indem sie dem klaren Kern eine Elefantiasis ins Geistige anwachsen lassen, oder indem sie hochstehende Dinge in der albernsten Form zum Vortrag bringen. Sie wissen nicht, daß es keineswegs auf die Dinge ankommt, sondern auf den Schriftsteller, der sie schreibt, und daß es dessen Pflicht ist, das dunkle Geheimnis des Seienden in eine muskulöse und adlig gebogene Form der Eleganz vorzutreiben, den leichten Angelegenheiten aber die angenehme Schwere der Bedeutsamkeit hinzuzufügen, die ihnen die Grazie nicht nimmt. Was wäre der Griechenzug durch Asien ohne Xenophon, wäre der wackre Mann Agricola ohne Tacitus, was bedeuteten tausend Menschen und Vorgänge ohne den Schriftsteller, der sie faßt und in bedeutsame und repräsentative Form bringt? Cäsar schrieb nicht wie ein General, sondern wie ein Autor. Napoleon nicht wie ein Kaiser, sondern wie ein Mann von Geist. Die deutschen Schriftsteller schreiben ihre Essais wie Bajazzos oder sie verfassen sie wie Alchimisten, denen daran gelegen ist, ihre Meinung nicht kristallen herausspringen zu lassen, sondern sie möglichst zu verbergen. Sie schreiben wie Geheimbündler, aber nicht wie Gentlemen.

Sie müßten natürlich allerdings die krummen Gänge und Qualen des Geistes, sich zu seinen Klarheiten durchzuringen, an der gestrafften Struktur der Sätze und der edlen Gebogenheit der Gedanken erkennen lassen, aber vor allem auch bestrebt sein, das Schwierige mit jener Anmut zu mildern, wie man das im Leben gemeinhin auch tut. Schon Fichte schrieb im Nachwort seiner Schrift über die französische Revolution (wo er noch nicht um den nationalistischen Schreibstuhl gewunden sich nach der Freiheit hin zu drehen suchte, sondern wo er fast anarchisch europäische Ideen fauchte), Fichte schrieb, man klage, er sei zu dunkel. Er meinte, wolle nur das Publikum sich bemühen ihn aufmerksamer zu lesen, verspreche er auch, faßlicher zu schreiben. Er wußte, daß durch das gewohnte platte und ungepflegte Zeug der Tagesliteratur und Zeitung das Publikum entwöhnt war, dem Gang der Feinheiten in der Sprache zu folgen. Aber er wußte auch, daß es für ihn ebenfalls darauf ankam, mehr zu dem Blutsaft des Ausdrucks vorzudringen, als im Nervendämmern hängen zu bleiben. Er meinte, wenn er sagte „faßlicher“: durchsichtiger, fleischiger, fester. Er meinte nicht, wie Dummköpfe ewig zetern: grammatikalischer. Denn Sprache ist keine Starre und vor allem in ihren Regeln eine nur zur leichteren Erlernbarkeit hergerichtete Dressurübung, sie ist vielmehr eine tropische Frucht, die wächst, vor Lust bebend, in alle Zonen des Traums und der Wirklichkeit, sie ist keine Logik, keine Lehraufgabe, sondern ein Tier wie die Erde selbst, die atmet vor Ewigkeit, sie ist ein Material weiblich und köstlich bereit für jede höchste Erkühnung, wenn nur der Meister kommt, der sie glüht und treibt und verführt nach seiner Kraft und seinem Genie und seinem Ehrgeiz. Man müßte zehntausend Herzen nur haben, um aus ebensoviel Kraft die Sprache klirren und sich bäumen zu lassen vor Duft und Bewegtheit. Sprache war nie ein Vorwand, sondern ist man selbst.

Da man dem Essai, statt ihn zu durchbluten, noch Saft für alle möglichen Sorten der Dichterei abzog, wankt er mit schlotternden Hüften in Deutschland herum und sucht Unterkunft bei ländlicher Kost oder bei pompösen Reitern. Ihn juckt es Pamphlete wie des Hutten und Luther zu reiten und unter des Büchner Schenkelschwung als falber Hengst die Sprünge der tapferen Jugend zu machen. Er war es gewohnt daß man ihn drillte, wie eine Nadel scharf und voll Kreiskraft wie ein Adler zu sein, die hochmütigen Gesten mit der Schärfe des Säbelhiebs in sich zu tragen, die großen Landschaften al fresco hinzuhauen, als käme er aus Tiepolos schöner Hand und die flammenden Sehnsüchte an einem Horizont voll Dunkelheit festlich aufzuziehen. Ihn gelüstete immer nach gefitzten Abenteuern der farbigen Ideen und langen ritterlichen Zügen durch das unterirdische Dunkel, bis er aufwuchs wie ein Liebling der Schöpfung, gehärtet zu edelstem Ausdruck, feurig und schmiegsam und voll Haß wie Liebe ausgewogen in den Hüften.

Wie war noch Heinse die Leiber antiker Statuen mit ihm so glücklich nachgezogen, daß diese Schilderungen, die schon Gesicht und erhöhtes Traumbild waren, bebend vor Kraft im Morgen der Sprache standen. In vornehmer Sachlichkeit behüteten ihn stets dann einige Braven. George lehrte ihn den byzantinischen Stelzschritt, aber es mißlang ihn auf die Würde der Brokate festzulegen und es wurde, anders wie im Gedicht, dekorativer schlechter Jugendstil. Hofmannsthal und Rilke schickten ihm das Flimmern und die Magie der wie unter Wasser gemalten und gehauchten Sätze, sie bogen ihn samtartig bis an die Gefühle, aber sie faßten ihn nicht, sondern ließen die Atmosphäre der Gedanken irisieren und begnügten sich mit diesem bengalischen Spiel. Borchardt fügte dem noch die Wirrheit einer Üppigkeit hinzu, die aus sich selbst wuchernd wie eine Pergola sich zuzog und mit mächtigen Bögen sich verrenkte. Zur Helligkeit, die mit der Weisheit benachbart ist und der Anmut, die der Schlagkraft nicht ermangelt, führte ihn René Schickele, der manchmal schon nah an den Gesang ihn brachte, während die tapfere Frau, Annette Kolb, wie Heinrich Mann, aus dem Gallischen die Verstandesschärfe nehmend, ihn fast antik in der ruhigen Haltung bauten. Wilhelm Michel verstand der Schwere der Gedanken Musik zu geben, daß sie auf einer makellosen Sprache mit schönen Linien flogen, Max Krell und Kesser setzten ihn auf das behutsame Postament einer gläsernen Intelligenz. Kerr, meisterlich, ritt ihn aber in alle Gangarten, schlug den Eindruck zu plastischer Form und traf mit dem nächsten die bunte blumige Fülle und zog die Landschaft an sich heran, was außer dem kleinen malerischen Idylliker kaum einer konnte. Die Österreicher, die auf Geselligkeit des Geistes immer bedacht waren, haben ihn spielender gehandhabt. Der gescheiteste Mann Österreichs, Hermann Bahr, hat ihn liebenswürdig gepflegt in der Disputation über die Dinge des Tages. Stefan Zweig hat ihm eine außerordentliche, nicht flammend feurige, aber edel entflammte Haltung gegeben, mit der er das Profil bedeutender Menschen festhielt. Die deutschen Aktivisten haben ihm den Imperativ wieder geschenkt, Kurt Hiller hat Schärfen des Hiebes in seinen Schwung gebracht, eh’ er begann nur noch in die Luft damit zu schlagen. Der größte deutsche politische Schriftsteller, Maximilian Harden, hat ihm eine Bildung, eine Kraft, einen Eifer, ein Gewicht und durch die Jahrzehnte der Verwilderung eine wöchentliche Erhabenheit gegeben wie keiner vor ihm. Geplaudert hat ihn Wiegler, sichere Gescheitheit der Zeit gab ihm Hübner, köstlich gescheite Nüchternheit Dornseiff, Theodor Wolff führte in der Journalistik ihm in Deutschland seltene Anmut zu, als Kritiker der bildenden Künste haben ihm Meier-Gräfe männliche schöne Haltung, Hausenstein die Differenziertheit, Däubler fast erzählerische Farbe bewahrt. Was bleibt? Drei fast runde Nummern. Zu wenig. Es müßten hundert sein. Sie haben aber alle irgendwie Taucherrüstungen, und wenn Borchardt noch schwimmt, sind das seine schlinggewächsigen Sätze, die wuchern, nicht er, und wenn Hiller einen Raubzug antritt, trägt er nicht Beute ins Positive, sondern er hat mit Domestiken ein Gezänk. Selbst Schickele biegt manchmal, verführt von der schönen Fahrt seiner Gedanken ab von den Urteilen und bestimmt nicht, sondern schildert. Harden, Deutschlands politischster Kopf, vermag nur das Urteil neben den Zustand zu setzen und die Anmut dem Angriff beizugesellen und aus Puppille und Ausscheiden und Vorschnellen der Begriffe und Gebären des einkreisenden Wortes das Ziel wie eine Frucht zu treffen. Kerr reitet es herunter. Es sind nur noch zwei.

Zu einem Mädchen, das er gehabt, sagte der blondperückte Übersetzer Shakespeares: „Liebes Kind, vergiß nie diese weihevolle Stunde, wo A. W. von Schlegel dich küßte!“ Ich nehme an, daß der Geck sie auf den Mund liebkoste. Die deutschen Essayisten haben dieselbe Gespreiztheit, aber sie haben ihre Muse mit dem gleichen Hochmut nur auf den Hintern geküßt. Sie haben nicht genug Geist, um klar sein zu können und sie verfügen über zu wenig Kenntnis der Welt, um einfach die Zeit zu erblicken, sie besitzen daher genügend Anmaßung, um das nicht einmal eingestehen zu wollen. Ein Essai ist kein dürrer Gaul, aber er ist auch keine fette Dirne. Er ist: man selbst.

Kam aber einer, der von dem liebenswürdigsten der Lessingperiode, von dem Peter Helfferich Sturz die Grazie, von Merck die Ironie, von Lichtenberg die tolle Bitterkeit hatte, kam ein Hahn, so schön wie Heine und prunkte seinem Erbteil noch den Kampfruf von europäischer Höhe hinzu, so schmähten ihn die seichten Enten der banalen Gewässer, aber die großen Chemiker der Prosa höhnten: Journalist. Ist dies Land nicht seltsam, wo die Berufe sich miteinander bombardieren, ein Musiker ein Schuster, ein Dichter ein Reporter, ein Journalist ein Schwärmer gezankt wird und wo Keiner Respekt hat vor der Vollendung, die jedes Handwerk zu erreichen in der Lage ist?

Geliebter Heine! Welche Fülle saß hinter seiner Glätte und welche Tapferkeit nistete in seinem Hohn. Welche Reife über seiner Eleganz und welche Idee hinter der zart gefalteten wasserklaren Verästelung der Begriffe! Ihm war der Tiefsinn nicht fern, und wenn er der schlechten Dunkelheit der Deutschen spottete, war er ihnen näher, weil er sie liebte, als wenn er mit Lot und Blei ihnen in ihren Wirrwarr gefolgt wäre, den er verachtete. Er konnte auch dies. Aber er wußte, daß es nicht darauf ankam, die Welt zu verschleiern, sondern ihr Geheimnis zu zauberschöner Figur zu enthüllen.

Er hat die schönste deutsche Prosa geschrieben, hat die Landschaft erlebt, seine Feinde gezüchtigt, seine Hasser übergangen, hat verachtet und maßlos Deutschland geliebt und um die Freiheit geworben wie ein Geliebter, und hat seine Sprache mit seinen Gefühlen durchschritten wie ein Page so erlesen und wie ein Gentleman so groß. Er hat versucht Sprache gesellschaftlich zu machen, und hat sie wahrlich aus den schönen Wäldern und aus den unklaren Schwülsten in die Üppigkeit eines noblen Barocks geleitet. Da aber schrieen genial erscheinende Strizzis, es habe zur Journaille hin gemeutert. Er hatte aber nur die Flüssigkeit einer Höhenlage erreicht, die ihn über alle in ihren Goldton stellte. Dann starb er im Exil, furchtbar von den Göttern heimgesucht, die ihm zu seinem Siechtum immerhin die Gabe nicht vorenthielten, es mit der inneren Schönheit seiner Sprache wie ein Genius zu überstehen.

Nichts, Mijnheer, wird uns gegeben, was wir nicht zahlen müssen, und für die Höhe jedes Glückes wird uns die Rechnung eines Tages gewiesen. Sie wissen es wie ich und ahnen, daß gutes Leben und beneidetes Schicksal nur in der Kunst besteht, mit der wir diese Narben maskieren. Tyche, die Glücksgöttin, die der Okeanos auswarf, hatte zwei Steuerruder in der gleichen zarten Hand, das des guten und das des üblen Ausgangs und lenkte sie, wie es ihr gefiel, indem sie die Sterne ansah, aber die wirklich Lebendigen haben immer ebenso wie die Spieler an sie als die nur richtig und glückhaft Steuernde geglaubt, weil ihre Steuerung oft ins Rechte führte. Schon Pindar jubelte ihr als dem unbedingt Glückbringenden zu, und der Sklave Servius Tullius setzte ihr Tempel, als er auf dem Throne saß. Man muß nur vertrauen.

Höben Sie jetzt ihre kleine Pistole Mijnheer, so schössen Sie ins Nichts, denn was sollten Sie anderes treffen als das heulende Dunkel um den Schnee. Und doch lockt es mich hinaus von den Kerzen, und von den verschneiten Wäldern zog es mich die ganze Nacht schon in die Dämmerbläue des Südens, obwohl ich nichts weiter wünsche, wie noch Wochen auf dem Berg hier zu bleiben und die Kämpfe des Frühjahrs mit dem Firnschnee zu sehen und zu empfinden, wie die schwarze Sonne des Mai die Matten auflodert zu Wolken von Geruch und den Schneeharsch der Nordseiten mit dem gierigen Maul der Panterin beleckt. Aber wie lockt mich toll der Gedanke an Brioni, daß ich den Hafen von Marseille wieder sehe und das Donnern der Jetée vor dem Blumengarten von Genf wieder höre. Es reißt uns immer aus einem Zustand des besitzenden Glücks in die Leere nach neuem und, seltsames Widerspiel der Kräfte, trägt uns die Blutfahrt von der Eroberung zu dem Verlassenen zurück. Welches Glück, welche Wanderschaft, mit der wir kreisen um unsere Achsen und, ach, welches Vertrauen, daß Tyche das Steuer richtig warf.

Im Norden Schwedens erzählte mir der Dichter Didring, daß es ihn treibe aus den wundervoll gewellten Wiesen, aus den Wäldern mit dunkelblauen Schatten Skånes und Smålands, im Lauf der Jahre, in die Gletscher aufzubrechen, die das Gebirge zwischen Lappland und Rußland formieren, bei den Bahnarbeitern in Baracken zu leben wie ein Hund, die Sonne aufgehen zu sehen wie einen geliebten Stern der Heimat und dann wieder, das Herz von Entbehrungen voll wie ein Wolf aber in Glück gebadet, zu den rauschenden Pappeln und den Silberwinden seines Südens zurückzufahren. Welcher Widerspruch, Mijnheer, der Gefühle, und wo, wenn dies unsere Wegfahrt ist, fängt Glück an, hört Glück auf? Denn, wenn es da ist, fühlen wir es nicht, und wenn es war, wissen wir es wohl, aber es ist schon Legende hinter den Wäldern und Jahren. Man legt sein Leben daran, es, wie die bengalischen Jäger den Tiger, mit Raketen aufzujagen und erkennen später vielleicht einmal, daß unbeachtet von uns, in der stillsten Stunde, auf einfachstem Lande, das Glück uns die Bestimmung und die lichteste Minute auf die Schultern warf. Was wollen Sie, was bleibt?

Weiterleben.

In Elis stand Tyche schon groß neben dem kleinen Halbgott der Stadt als die Schützerin, denn man glaubte so stark an ihren guten Wurf, daß sich die Zuversicht schon zum Monument verdichtete. Aber man war nicht gesonnen, anzunehmen, daß das Steuer nach der dunklen Seite falle, und die recht Lebendigen haben den Gedanken, daß das Furchtbare komme, stets mit der überlegenen Lache behandelt, mit der aus dem vollen Prunk des Rokoko der Herzog von Lauzun von dem Miserabelen sprach: „Ich behandelte es nach Kavaliersitte, es wurde zur Treppe hinuntergeworfen.“

Als wir vom Theater sprachen, dachte ich einen Augenblick, es sei vielleicht an der Zeit und ein guter Stil, die alten Häuser der Melpomene abzubrechen und mit Autos und Zelten durch die Hauptstädte der Welt und ihre Landschaft zu rasen, und, wo die Entfernungen nichts mehr gelten, die Kulte der Völker, von ihren wild gewordenen Maschinen aus, durcheinanderzuwerfen und so einen großen Stil der internationalen Vaganten wieder zu kreieren, aber auch die Völker wie mit Blitzen untereinander und ohne die üblichen Sentimentalitäten zu befruchten. Der Flieger Manucci stieg mit seinem Zweidecker über die Poebene und streute aus viertausend Meter die Asche seiner Geliebten auf das Land, das er liebte, und auch in seiner modernen Geste stak die sinnbildhafte Liebe zur Befruchtung. Warum sollte eine neue Generation nicht, da die alten Tempel überall versagen, vom Tempo ihrer Zeit aus, auch wenn es verbrecherisch ist aber wie alles Böse und Dämonische nicht ohne erhabene Schönheit, warum sollte eine neue Generation nicht ihren Ausdruck und ihre Zufriedenheit mit ihren verzehnfachten PS erjagen?

Aber als ich die Diva gereckt wie eine Liane und mit der Spannung der großen Katzen über den Körper durch den Schneesturm in das blendende Hell der Halle treten sah, reizte mich als das Zeitlichere die Filmform ihres Lebens. Denn diese Leute haben nicht nur Erfolge, sondern auch Wirkung, sie geben nur ihre Körper hin, aber sie sind nicht verpflichtet ihre Seelen hinauszuspeien. Sie haben den Beifall und das Publikum der Millionen, sie erreichen die Schichten der Menschheit, die keine Zeitung, keine Mobilmachungsordre, kein Gesetzbuchparagraph, selbst kein Beauftragter Gottes mehr erreicht und sie haben den einzigartigen Vorzug, daß sie nicht an die Sprache ihrer Heimat, sondern an die gesamte Menschheit nur verpflichtet sind. Welche Breite, welcher Radius.

Aber auch welche Fülle, wenn sie aus den elektrischen Kanonaden der Ateliers hinaustreten und ihnen, denen die Landschaft der Natur in ihrem Gewerbe lieblich schaukelt wie keinem anderen der Berufe, heute von den Sprunghügeln des Engadin herunterfegen können und morgen die Motorjachten des Züricher Sees überfüllen, später den Bobsleigh in Oberwiesental führen, Skijöring in Partenkirchen, Fuchsjagd über den Schnee Oberhofs und Kitzbühls treiben, auf den Kamelen von Tunis schwanken und ohne über einen Scheck von märchenhafter Größe zu erbleichen, sich beim Valutastand von einigen Tausend auf den Dollar nach den Prärien von Texas, den Quecksilberurwäldern Mexikos und den Bergen des Dalai-Lama aufmachen. Dies Leben ist zeitgemäß wie nur eines, denn es verneint alle Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Krisen, hat die Richtung nach der natürlichen und prunkvollen Erhöhung des Daseins, ohne dabei seinem Wurfspieße zu entgehen oder sein Dunkel nicht zu kennen. Es ist allerdings keine Kunst.

Aber was ist Kunst? Gehen wir schlafen. Denn die Sehnsucht nach der Festlichkeit anderer Völker, nach Walpurgis auf Hasselbacken, nach Micarême in Paris, nach der Weihnacht der Magyaren schneit mit dem Triebschnee gegen die Züge der Fenster. Kunst ist: mit Dreißig Jahren sein Leben auszubalancieren, daß die Leistungen aber auch der Genuß in die erste Reihe des Möglichen treten. Je suis l’ami des bons jours. Aber ich liebe die Nächte auch. Schlafen Sie tief, aber nicht lang. Das Wetter ist ein Weib und wirft uns vielleicht Sonne durch den Morgen herein.

Die dritte Nacht

Das Wetter ist ein Weib, Mijnheer, die Sonne hat geschienen und in den Kerzen liegt noch das beglückende Gefühl dieser Minute, als das Gestirn, selber zitternd vor Wonne, die Riesenschleife über das Bärental begann. „Apportez-moi une femme,“ schrie Bonaparte nach Marengo, er hatte das Wunder abgeschlossen und begab sich zu seinem Widerspiel in den Realitäten.

Wären Sie die Frau, Mijnheer, mit der ich vor Jahren einen halben Monat hier oben verbrachte, ich spräche lieber zu ihr wie zu Ihnen heute und ich sagte ihr statt Ihnen, weil man Gedanken aus einem Zustand der Beglückung nur an einen Gegenstand des Glückes zu adressieren vermag, ich sagte ihr:

„Liebe, im Schloßgrün Favorits ließ ein früherer Markgraf einen Türken aus dem Bett seiner Gemahlin ziehen, enthaupten und stellte das Monument seines Kopfs auf den lieblichen Brunnen, aber er vermochte nicht zu verhindern, daß das Auge des Mongolen das Schlafzimmer der tollen Dame mit einer mörderischen Melancholie im Blick hielt. Selbst den Tod tragen die Männer durch die Kunst den Frauen wie eine Bereicherung wieder zu. Wie viel heftiger muß ihr Leben jede Sekunde bereit sein, an sie verschwendet zu werden. Säßest du statt an dem Kamin, dessen Buchenfeuer dem Spiel deiner braunen Muskeln Salut knattert, nach sieben Frühlingen und sieben Sommern, die du mit mir verlebtest, an einer Bai, bei Sankt Malo am Hafen, in einem Fischerhaus Swinemündes, einer Villa Partenkirchens, ich umgäbe dich nach soviel Leben erst mit Kunst. Aber ich würde vorher versucht haben, dir alles zuzuführen, was an Entzückungen, Werten und Erfahrungen, an Reisen, Steinen, Wollüsten und Leiden mir zugänglich und auf dich übertragbar ist, so daß du erst aus dem vollsten Rahmen und glücklichsten Reifsein des Daseins heraus dich zu seinen seltsamen Spiegelungen in der Kunst wendetest, die manchmal noch gelungener aber, gestehen wir es, nie so sehr Himmelfahrt sind wie es selbst. Erst wenn man viel gelebt und fast alles erfahren, manches genossen und das meiste durchforscht hat, bekommt der Abglanz des gedachten und gestalteten Daseins jene wundervolle Süße, die dem Lebendigen sein Dasein bejaht und gereinigt zurückreigt.

Ohne das sind Bücher langweilig wie tote Ratten und das Leben nur hat „chien dans le ventre“. Ein schöner Mann flößt, wie die Chronik sagt, den Frauen Vergnügen ein, jedoch ein Buch von seinen Träumen allein dürfte sie beträchtlich verkühlen. Ich weiß, daß ich die Leiber des Rubens und Boucher und Ingres aber auch die der blühendsten Statuen erst begriff, als ich reell wußte, wie süß die Vertiefungen an den Gelenken der Lebenden, wie reich die Brüste, die mit der ganzen Wurzel den Busen umfangen, wie herrlich die Kreise über den Hüften, wie rührend die Übergänge des Brustkorbs und des weichen Unterleibes und wie heiß die Linien der Schenkel und Waden aus dem Leben selber entgegenschlagen. Und auch erst, als ich das dritte Jahrzehnt meines Daseins rastlos benutzte, alles zu wissen und das Mögliche zu erfahren aber das Unausdenkbare selbst noch zu erfassen, erst nach dem Gelebten gelang es mir in breiterer Fülle das Gespinst der Kunst und des zu Gestaltenden bis in die Tiefen zu durchprüfen, zu verwerfen oder zu begrüßen, je nachdem es unter dem Anhieb vor Berufung brannte oder als Schwindel verknallte.

Kunst ist keine Sache neben dem Leben her, sondern springt aus dem Dasein wie ein Tier aus der Mutter und wird begriffen nur durch das Beispiel der großen Erzeugerin. Es ist verächtlich, der Kunst leben und das gewaltig sie überrollende Leben nicht sehen zu wollen, aber jedes weit und herrlich gelebte Dasein kehrt, zum mindesten in dem erreichten Gleichmaß seines Wuchses, als Beispiel der Vollendung zur Kunst zurück.

Was man Frauen sagt, muß man vorsichtig sagen. Es wird zu leicht eins vom andern getrennt. Als Herr Herwarth Walden, berühmt durch die Proklamation wichtiger Maler der Moderne und scheinbar auch durch Kompositionen eigner Hand, in Paris bald nach dem Krieg ein Konzert gab, schrieb er in seiner Zeitschrift, es sei ein immenser Sukzeß gewesen, selbst der chinesische Gesandte habe als dem ersten europäischen Konzert seines Lebens dem seinen beigewohnt. Der Gesandte aber hatte lachend später gesagt, er habe geäußert, zwar detestiere er Musik und sei unbeschreiblich unverständig auf diesem Gebiete, aber in Anwesenheit so schöner Frauen (die ihn mitgebracht), habe er zum erstenmal in seinem Leben es vermocht, einer Musiksache beizuwohnen bis zum Ende. Ich will sagen, um mich deutlich zu fassen, es verdrießt mich zu sehen, wie die Frauen mit Buddhas Sprüchen und Konfutses Epigrammen und des Grafen Hermann Keyserling (in Darmstadt für die ihn unterstützenden jüdischen Finanzleute Deutschlands modisch aufgezäumten) Freibeuter-Wahrheiten herumlaufen, Frauen, deren Lebensradius kaum den Kilometer ihrer Heimatstädte durchmißt und die von Kindergebären und Motorrädern ebensowenig wissen, wie sie davonlaufen, wenn sie einen Epileptiker fallen sehen. Ich finde es komisch, eine Blaugestrumpftheit gegen das Dasein zu züchten, statt die blassen Literaturhyänen erst durch das erlebte Dasein auf diese Papiersachen loszulassen. Es verdrießt mich, Sportmädels mit schönen Körpern mit dem Strindberg und Dostojewski unter dem Arm durch die Landschaft rennen zu sehen, als sei es nicht der offenbarlichste Greuel, zu so viel Frische so viel wohl künstlerischen aber abscheulichen Ballast zu packen, und als gehöre zu der Anmut der kühnen Jugend nicht die Feurigkeit und der freche Adel eines apollonischeren Dichters.

Ach, es versteht niemand mehr heute die Kräfte und die Mittel zueinanderzupassen, und die ausgewählten und füreinander bestimmten Elemente des Lebens marschieren nicht zueinander. Die Frauen tragen Kostüme, die ihrem Wuchs nicht entsprechen, essen Krebse im Frühjahr, Gänse im Sommer, Aale im Winter, und tragen Farben, die barbarisch die Natur rebellieren, statt dem Beige der Birke im Herbst und dem gedämpften Lila des Rhododendron im Frühling oder dem gepflegtesten Grün der atlantischen Zeder im Sommer sich anzuschließen. Sie treiben den Sport, der ihrem Körper nicht paßt, entblößen die Partien, die sie verschweigen sollen, und verhüllen die Décolletés, die am vorzüglichsten sie ehren. Sie fahren in Wagen durch die Parks, in denen man an Fontänen auf dem Rücken liegt, und pilgern zu sportlichen Festen in Wüsten von Sand und Asphalt, die man mit den schnellsten Motoren gern flöhe. Sie reisen zu Zeiten, wo die Hitze jede Landschaft unerträglich macht und verkennen die schönen Falten der Jahreszeiten, wo im anschwellenden April und im ausgeweiteten Oktober der Glanz des Jahr-Beginns und das Kupfer seines Endens voll Schönheit unser Klima überfunkelt. Sie wissen ihre Zeit nicht zu ihrem Leben zu passen, scharen sich zu ihrem Widerpart, treffen ihre Glückskrisen an den abscheulichsten Stellen, pflegen ihre Körper zu den falschen Jahreszeiten und wenn sie suchen ihr Leben mit dem Adel einer Haltung zu vereinen, züchten sie einen Geschmack von Blech oder eine Kultur von Benzin.

Ihre Hände sind wohl manikürt und auf den Nägeln gerötet aber sie haben nicht die glücklichen Linien beachtet und wissen die Siegeszeichen und die des Todes nicht von denen der tötlichen Anmut und der Bestimmung zur rasenden Liebe zu unterscheiden. Sie haben Risse zwischen sich und ihrer Umgebung, sind geblendet vor ihrem eigenen Blut und wenn sie ihren Stil zu haben glauben, haben sie den Schwanz ihres Bullis in der Hand oder das Hirn eines anderen in der Pfanne oder statt dem Geliebten den Kühler des Autos am Herzen. Du lächelst. Ich rede wie ein Père noble der französischen Bühne. Eine kluge Frau zu lieben, sei das unbestrittene Vorrecht der Päderasten, sagte lachend ein Wüstling, aber er wußte nicht, daß es Frauen gibt, die den Vorzug besitzen, ihren Verstand nicht aus den Schriften von Waldemar Bonsels oder des Doktor Steiner aus Stuttgart, sondern aus einem alles klug beherrschenden aber sich nicht versagenden Leben genommen zu haben.

Säßest du mit mir an jener Bai, über der Bucht von Sankt Malo, an einem Hafen, in einer Villa von Rottach und wir dächten: wie sind wir gewandert, welchen Genüssen und welchen Schmerzen haben wir, einander noch frisch wie Geliebte, am Busen gelegen, da baute dann ich eine Welt wohl um dich von Büchern und du durchschrittest sie wie den Spiegelsaal von Versailles, der jede Linie deines Wuchses schöner zurückgab. Du fändest dich in jedem Abenteuer und in jeder Verdammnis. Aber keine Wollust, die du genossen und keinen Traum, den du unterdrückst, den du nicht auch darin fändest. Das wäre nicht erlesen Gekünsteltes, sondern du fändest die Welt einfach wieder und würdest nun klarer zu ihr geführt.

Mit einem deutschen Fürsten, belesen wie keiner der Schriftsteller Deutschlands, die selbst ihrer sechzig Jahre Bildungslosigkeit und Faulheit nicht ekelt, redete ich in seinem Weinberg von seinen Büchern und er machte den Unterschied, der mich verblüffte, zwischen Büchern für den Salon und den anderen. Er gab seiner Geliebten bestimmte Sachen nie aus einem Gefühl der Grandezza, während im Leben er ihr keine Rundfahrt der Leidenschaft versagte. Ich fand dasselbe darin, wie in dem, was ich selber befolgte, nur schien mir, daß er seine seigneurale Reinlichkeit verwechselte mit dem Bestreben, nur das der Geliebten entsprechende stets zu nehmen und daß er aus der Gepflogenheit seiner Manieren heraus das für Ablehnen hielt, was in Wahrheit nur Auslese war, die sein Instinkt bestimmte.

Man schenkt nach seinem Geschmack, bildet nach seinem Gefühl, liest nach Temperament. Einer Sechzehnjährigen gäbe ich dasselbe wie einer von Vierzig, wenn ich den gleichen Flair für beide hätte, aber der von Dreißig würde ich vielleicht das Gleiche wie der von Fünfzig versagen. Mit Fünfundzwanzig entwarf ich den Plan einer Bibliothek, die man an zehn Armeekorps und in dreißig Fabriken sandte. Du könntest sie alle lesen, aber ich würde dir keines davon schenken. Ich würde mehr wollen und weniger, aber vor allem stets nur deiner Ruhe wie deinen Leidenschaften gerne das gleiche zitternde Erlebnis der Schönheit zuzuführen wünschen. Alles andere ist hors de ligne. Was ich täte? Was man im Gefühl hat, hat man nicht im Kopf wie die kleinen Lyriker, die ihre Zehngroschenverse stets zur Rezitation bereit tragen. Was ich dir brächte nach soviel Abschreibungen, Pathos und Abschweifung? Ich weiß es nicht.

Wenn du weiße Haut hättest, wäre es anders, besäßest du Lotosaugen statt die eines Vogels, wäre mein Einfall ein wieder erneuter. Ich brächte dir, was für dich paßte aus diesem Erleben, aus jener Reise, aus dieser Beglückung und aus irgendeinem Zorn. Und ich könnte dir höchstens heute so, morgen anders spielerisch gleich den Wolken des Kamins eine Welt der Literatur an die Wand malen, wenn du wünschest, daß ich dich mit Träumerei unterhalte. Denn ich liebe die Welt vor allem um ihres Wechsels und ihrer Lust am Spiele willen, und wenn du nicht die Fähigkeit hättest, aus allen Lagern deiner Seele und allen Fallen und Festlichkeiten deines Körpers in immer andere hineinzuspringen, hättest du an mir schon lange nicht mehr den Jäger.

Geliebte Diana.

Ich ließe vor allem der Wildheit, mit der du die Hänge befährst, die Eleganz des Geistes und das Seltene der Vergangenheit von ähnlich vollendeter Anmut sich gesellen. Du lerntest zuerst, eh du die Grazie der Franzosen erführest, das Deutsch des Mittelalters. Dem Mittelhochdeutsch naht der Deutsche sich noch immer mit der barbarischen Geste des Gunther, der, als er zum erstenmal zu Brünhild ins Bett sprang und ihre Nüancen nicht beachtete, erlebte, daß sie ihn fesselte und an einen Nagel der Wand hing. „Er wânde vinden friunde: dô vant er vîntlichen haz.“ Du lerntest so das verlorene Paradies von des Reuenthalers derben Späßen bis zu Walthers Süße, von Hartmans Wundern im „Iwein“ bis zu Wolframs Herbe und des Alten Reinmars Seligkeit. Jede Übersetzung ist eine lächerliche Dreistigkeit, denn man kann eine höhere Sprache nicht mit einer niederen übertragen. Wir haben heute wohl gelernt, Tempos wie die Teufel in die Sprache zu bringen, Raffiniertes bis zur Verzweiflung auszudrücken und Begriffe bis ins Aschgraue zu benennen und zu finden, aber den Wohllaut der Musik und die Einfachheit der klar blitzenden Welt und die große Verzücktheit der Gefühle erreichen wir nicht wieder. Wer aber glaubt, ohne Studium, den Fall der Vokale, die Trennung der Diphthonge, die Rhythmik der Satzbogen verstehen zu können, begeht die gleiche Dummheit wie jener, der ihrem Wesen nah zu sein denkt, weil die Worte alle den unseren ähnlich sind, aber fast alle verfeinerten und anderen Sinn bedeuten. Du wirst diese Bemühung nicht auf dich nehmen, ohne daß der Zauber, dem du begegnest, auf dich zurückwirkt.

Unser Hunger nach Dasein ist groß, das Leben zu kurz, unsere Bewegungslinie zu eng, wir können nicht alles haben. Aber jedes Genossene treibt uns nach mehr. Als im Jahre Zwölfhundert der Marschall der Champagne Villehardouin als erster Grande und Lebemann anfing, Geschichte zu schreiben und die Menschen mit der Gewalt eines Rubens in sein Gemälde hineinwarf, als der Pfaffe Konrad, der ein schlechter Künstler war, die „Kaiserchronik“ schrieb, begann die Literatur der Briefe und Memoiren, uns die Völker und Menschen mit jungfräulicher Plastik heranzutragen. Statt dünner Schicksale, die mäßige Dichter gestalten, redet plötzlich die Phantastik der Zeit. Von den Aufzeichnungen des Kardinal Retz, der sich nur so ausdrücken konnte, daß er an eine Dame schrieb, und der den Atem seiner Zeit zur höchsten Höhe blies, über des großen Kanzelredners Bossuet Porträte verstorbener Fürsten, über Montesquieus erwachenden Blick für die Breite gelebter Zusammenhänge bis zu dem fabelhaften und glühenden Fresko, das der Herzog von Saint Simon von der Zeit des vierzehnten Louis schrieb, lernst du, deinen eigenen Erfahrungen die der großen Epochen und Menschen hinzufügend, einen Schritt mehr zur Weisheit.

Nimm die Memoiren der großen Katharina von Rußland hinzu, die Briefe der bis zu den weißen Haaren hin geliebten Ninon de Lenclos, die Novellen der Bibel, die Briefe der wilden Caroline und Brantômes Leben der galanten Frauen. Lies die Aufzeichnungen Casanovas und des Deutschen Pückler-Muskau Bände. In den barocken Sätzen des Abts von Brantôme hast du die Menschen der Renaissance, in Casanova den Ausgang des Rokoko, in Caroline die Romantik. Keiner konnte schreiben so wollüstig und so geistreich wie Casanova und niemand in Deutschland so mit Erhabenheit und Temperament sich mit Ideen und Reisen der Welt gegenüberstellen wie der Pückler. Bürgerlicher aber herumgeworfener hast du in des Frankfurter Friedrich-Fröhlich Aufzeichnungen die Epoche des ersten, in Flauberts Briefen mit der Sand die des dritten Napoleon. Jakob Burkhardts Briefe an einen Architekten malen nüchtern das Jahrhundert am Anfang, nicht weit aber amüsant für dich gesehen, von einem hölzernen Liebhaber der Künste. Dagegen hat die furchtbare bürgerliche Epoche am Ende des Jahrhunderts der gebildete und in guter Familie erwachsene Schriftsteller Kurt Martens, wenn auch nicht seigneural, so doch mutig und schlicht in seiner Lebensbeichte gegeben.

Mit Mozarts Briefen hast du Österreich und mit Benvenuto Cellinis Leben den Radius des Glanzes, den ein Renaissance-Italien um sich häufte und in den Briefen des Van Gogh und in Bernards Erinnerungen an Cézanne siehst du das Martyrium unserer Kunst und Zeit nicht ohne die Ironie, die dich das Menschliche hier so absurd und das Künstlerische so verzweifelt schauen läßt. Im „Pitaval“ sind die hervorragendsten Prozesse geschildert und du erkennst die Menschen aller Jahrhunderte. Ich werde Hardens „Köpfe“ dir daneben legen. Du wirst das Buch der entzückenden Staël über Deutschland lesen und mit Petrons „Gastmahl des Trimalchio“ vergleichen. Ich werde das Buch der Markgräfin von Bayreuth hinzutun, die des großen Friedrich Schwester war und das Kamasutram, wo nicht nur die Inder belehrt werden über die Zweihundertfünfzig Formen des Liebesgenusses und über alle unzählbaren Formen der Entzückung dazwischen, sondern wo der Liebende auch angehalten ist, nach allen Spielen der Wollust auf das Dach des Hauses im Mondschein mit der Geliebten sich zu setzen, den Glanz mit ihr anzuschauen und ihr die Reihe der Sternbilder zu erläutern, den Polarstern besonders sowie den Kranz der sieben Sterne des großen Bären.

Die Zeit hinter dir hat sich geöffnet wie ein Weib, du kommst von den Geschichten nicht zu Büchern sondern zu Schicksal und aus der Fülle nicht zu Vorstellungen sondern zu Menschen. Von den kühnsten unter ihnen streift man zur Erde zurück. Man muß die alten Exploiteure fremder Erdteile lesen, denen die Natur sich noch unberührt gab, die nicht gafften sondern eroberten, nicht Afrika vom Schiff aus sahen und weiches Garn aus ihren Gefühlen spannen, sondern die darin starben, nicht solche, die empört, während sie innerlich schmatzen, Bordelle in Ceylon beschreiben, von denen ein Portier ihnen erzählte, sondern solche, die Elefanten noch mit dem Säbel gejagt haben und du wirst sehen, wie die Natur mit derselben Frische riesig aufdampft, mit der du einige Stücke aus ihr in deinem eigenen unverdorbenen Blute erlebt hast.

Lies, wie ein gewisser Barrow Esqu. im achtzehnten Jahrhundert in Begleitung des englischen Gesandten China durchquerte, lies die Geschichte der Reisenden Percy und Gallow, die die Tatarenländer durchfuhren, lies die Eroberung Mexikos und die Geschichte Cooks, den Insulaner erschlugen. Sieh, wie mit Dominikanermönchen Curjello nach Afrika kam. Lies die Berichte der Lebemänner, die Europa durchfuhren und von denen einer, dessen Name ich nicht mehr kenne, auf Schlittenwagen sogar den Nordpol über Norwegens Poststationen erreichen wollte. Lies bei Franklin, wie sie die Wale harpunierten und bei Livingstone, wie die Zähne ihnen ausfielen vor Fieberluft und sie die Flamingos und das Nashorn jagten. Wie sie mit ihren Karawanen durch die Wüsten sich durchhungerten, um zu entdecken und sich zu begeistern und den menschlichen Geist an die Spitze des Abenteuers zu hissen. Lies Gessi, Gordon, Emin Pascha, den Halbgrönländer Rasmussen, lies Stanley, lies die Jagden des Baker in Abessynien. Du riechst die Luft der anderen Kontinente und erfährst die Beispiele menschlicher Tugend und Tapferkeit und du wirst nicht gebildet, sondern du wirst klüger oder besser.

Nun ist für „Tausendundeine Nacht“, für den „Don Quichote“ des Cervantes und den Defoe mit seiner Europamüde, ist für „Robinson Crusoe“ und „Gullivers Reisen“ dein Hirn offen, denn sie geben zur einfachen Wildheit der Erde die Phantasie und das Spielerische, das alle Gefahren überwindet. „Mesnevi“ mit seinen schönen Sprüchen, den indischen Roman von Dandin von den zehn Prinzen, die Märchen der Südsee, „Tuti Nameh“, das persische Papageienbuch machen die Welt noch bunter und führen schon an das Legendäre einer großen Klugheit. Der Maler Gauguin hat auf Tahiti neue Farben gesucht und hat die Abenteuer seiner modernen Sehnsucht in „Noa Noa“ geistreich und ein wenig desolat wie ein echter Franzose beschrieben. Hundertzwanzig Jahre früher hat Bernardin de St. Pierre in „Paul et Virginie“ schon einmal die Natur in prachtvoller Glut für Europa entdeckt. Hamsun hat den Kaukasus erlebt und ihn in gestrichelter Weise mit neuer Optik für Naturbeschreibung dargestellt. Laurids Bruun hat mit dänischer Weichheit den grauen Glanz seines norwegischen größeren Freundes nachgemalt.

Das ist nur schwacher Schimmer noch von den früheren Heroen, doch ist, da du von heute bist, und ja auch ich dir nicht in der gekräuselten Allonge-Weise entgegentrete, doch ist von den Heutigen zwar Sven Hedin nur ein Schwätzer aber kein Nahbringer, jedoch das Buch der Fürstin Lichnowski über Ägypten von modernem preziösem Charme, ist zwar das Buch Ludwigs über Afrika eine Sirupfalle für den Kurfürstendamm, aber des Suarès Italienbuch eine heroisch gemalte Landschaft; und keusch wie Villehardouins Seele, wenn er im Kreuzzug das Morgenland betritt, ist Lafcadio Hearns Sprache, wenn er das verschwindende asiatische Japan, kurz vordem Europa es verschlingt, noch einmal wie eine Geliebte streichelt.

Du mußt noch den Kipling lesen, der mit Tieren dir die Welt bevölkert und mußt sehen, wie der Däne Fleuron dem heldenhaften Anfang des Briten den melancholischen und schönen Abgesang gibt, wenn er davon redet, wie die edlen Tiere sterben. Nur wenn bei Jürgensen der Kongo vor Tiergebrüll donnert, der Schwede Madelung seine Jagden schildert, der schönste aller raubtierhaften Dichter, Jensen, die Gletscherzeit zurückruft, kannst du das Gefühl haben, aus deinem Säkulum rückwärts bis zum Paradies marschiert zu sein. Was heißt Kunst, wenn du leben willst? Es bedeutet nichts gegen die Fülle des Lebens, aber es wird schon helles Licht auf allen Zinnen, wenn du durch soviel Dasein hindurch dich an die Erkenntnis herangetastet hast, daß auch ein vollkommenes Leben einer gewissen Vollkommenheit in der künstlerischen Gestaltung bedürfe. Wenn du reicher bist, hast du mehr Anspruch. Hast du die Masse der Welt, willst du sie in Schönheit. Hast du das Dasein begriffen, verlangt es dich auch nach seiner schönsten Gestalt.

Aber vergiß nicht, es ist wichtiger, daß du lebst, als daß du träumst, nötiger, daß du blühst, als daß du redest, und es ist alles umsonst, wie auch immer du von der Welt schwärmst oder fluchst, wenn sie nicht wie eine Pantermeute in dein Blut gestürzt ist.

Zuerst du, dann alles andere.

Fähigkeiten hat jedermann, mir imponiert das allein keineswegs. In Zentralafrika laufen die Neger so rasch wie die Schnellzüge, die Eskimos schlagen sich als Duell stundenlang ohne Schwierigkeit wechselseitig auf den Kopf und die Theosophen sollen durch anhaltendes Training im Sichzurückvertiefen bereits das Jahr Sechstausend vor Anfang unserer Zeitrechnung erreicht haben. Es kommt bei Talenten nur darauf an, sie seinen Fähigkeiten und Zielen nach zu entwickeln. Ich sehe es lieber, daß ein frischer Menschenkerl in des Schwergewichtsmeisters Flint Buch über das Boxen, in die „Gazette du bon ton“, in eine Zeitschrift des Hokeyspiels, in Henry Hoeks vorzügliche Skibücher oder die „Vogue“ sich vertieft, als daß er mit der Herde seiner Genossinnen Tagores flache Gedichte über Thee gießt, in Jakobus Böhmes Dunkelheit lustwandelt und, Herrn Blümners Niggerrezitation im Kopf und Dadaistenabende im Hirn, über Spenglers „Untergang des Abendlandes“ sich in Urteilen verzückt. Geistmayonnaise ist keine Speise für eine Diana und Mode ist ein zu kleiner Witz für ihre Erhabenheit. Ein gebildeter Tiger ist eine Dummheit, ein schöner Tiger wird aber, wenn er sich vollendet in seine Form gefunden hat, auch immer etwas von jener höheren Klugheit haben, die stets der letzten Vollkommenheit des Lebens zugeteilt ist.

Du wirst, wenn du dich nicht blenden läßt, spüren, daß die schon jenseits des Lebendigen abgebrochenen Dramen des Bildhauers Barlach, wenn du ohne innere Reife an sie gerätst, genau so wenig zu deinem Temperament passen, wie die feierliche Plattheit, mit der Herr Lienhard ein neues Weimar besingt. Und du wirst mit bestimmter Sicherheit spüren, wie gleichgültig es dich läßt, wenn man des Schönlings Gleichen-Rußwurm süßholzwässrigen Kulturgeschichten dir nahebringt, gleichwie wenn du ein aus Schreien und Beleidigungen zusammengesetztes Gedicht von Johannes R. Becher nicht begreifst. Du bist durch deine Gesundheit und Frische von vornherein dafür absolviert, daß dir weder die Eunuchen noch die Verrannten liegen.

Aber ich werde dich gerne bei der Lektüre von allem sehen, das, wie ein Springbrunnen einen Silberball, also mit Kraft und mit Anmut, die Welt schaukelt, denn das entspricht dir ebenso wie jene Nüchternheit, die die robuste Kraft metallen aus dem Dunkel hebt. Du wirst alles von dem zärtlichen und feurigen Melancholiker Alfred de Musset und alles von seinem Nachfolger Hugo von Hofmansthal lesen, alles von Anatole France, der die Leidenschaften seiner Welt in seinem Lächeln bannt und von Eduard Keyserling, dessen Romane die zarte Vollendung der feudalen deutschen Rasse in wohlgeädertes Weltbild heben. Du wirst etwas von Schnitzler und etwas von Sternheim haben. Alles von Shaw, alles von Byron. Fast nichts von den Russen. Vieles von Swift. Alles von Voltaire, der eine Welt mit der Schärfe eines Geistes bekämpfte, der aber verstand sich der Kadenzen der Nachtigall zu bedienen. Alles von Heine. Einiges von Thackeray. Alles von Maeterlinck, der die Ahnungen in die Atmosphäre brachte und alles von Georg Büchner, dessen Jünglingstorso die Helligkeit eines schönen Athleten besitzt und alles von Shakespeare, dem einzigen großen Dichter der Welt, der die Eisenscharniere seines Geistes mit Heroenschönheit frei um die Welt herum zu spannen bestimmt war, als seien es Arabesken, die er im Traum hinmalte.

Lyrik wirkt bei Frauen fast immer provokant. Bei Männern versöhnt wenigstens, daß sie sich infolge des natürlichen Egoismus ihres Geschlechts stets wieder danach in Geschäfte und Politik schmeißen. Die Frau wird von Lyrik aber zu unerträglichen Gefühlsstauungen verführt. Muß es Gereimtes sein, dann sei es Lyrik, die eine Distanz zu den Gefühlen hat und sich nicht hingibt, sondern sich behauptet. Shelly, Petrarka, Baudelaire, Keats, Lamartine, Stadler, Novalis, d’Annunzio. Die heutige Zeit kann sich überhaupt der lyrischen Dichter nur mit Erröten erinnern, denn sie ist weder so voll Schwung, daß sie diese begriffe, noch so voll Sentimentalem im Untergrund, daß ihr die Eichendorff und Ronsard und Verlaine und Mörike lägen. Ich gestehe, was ich auch künstlerisch fühlen mag, daß ich eine Frau vorziehe, welche die Härte der weltmännischen und zurückhaltenden Strophen ähnlich wie die Schönheit einer Plastik mit halb kalter, halb hingerissener, aber beherrschter Leidenschaft bewundert, statt eine Dame zu schätzen, die zwischen den Erregungen der Börse und den Demonstrationen der Politik heute, was man nicht kann, in Sentimenten schluchzt und in Rhythmen wimmert. Die Epoche ist scharf wie Senf, aber die Moustarde wird durch Tränen nicht leckerer.

Doch das Phantastische ist stets ein kleiner Park gewesen, in dem alles, was einer Zeit fehlt oder womit sie zuviel beladen ist, in der Nähe der Träume ausgeglichen in Beeten und Pergolen duftet. In Achim von Arnims „Majoratsherren“ ist das gespenstische Grau, das so schwer zu gestalten ist, wundervoll in der Luft und nimmt den gesamten Meyrink voraus. In Hoffmanns „Elixieren“ tobt das Diabolische wirklich, das in vielen seiner anderen Bücher ein plattes Nichts ist. Die „Nachtwachen des Bonaventura“ bringen die Romantik. Der Russe Remisow das Gespenst der Slawen, das auch in Puschkins Gespenstergeschichten, bei Gogol und Saltikow doch sich nie so lieblich befreit wie bei den Deutschen, sondern an ihren Nerven angehängt bleibt und eine Krankheit eher ausdrückt als das Jenseits und mehr verrückt ist als überirdisch. Das Grausen mit aller Kälte hat Poe in die Wirklichkeit seiner Bücher geschmettert, die auch nur zum Teil gelungen sind, dann aber die vortrefflichsten ihrer Art scheinen. Der Franzose Barbey d’Aurevilly hat in den „Teuflischen“ dasselbe leis verkitscht, Villiers de l’Isle Adam aber in „Edisons Weib der Zukunft“ ihm eine zeitgemäße Mechanik verliehen. Der Maler Kubin hat noch einmal liebenswürdig versucht, den Schatten der romantischen Gespenster aufzurufen, aber sie sind aus den dichterischen Prärien in die Kriminal- und Abenteurerbücher desertiert und haben dort eine exaktere und zeitgemäßere, wenn auch uniformierte Anstellung gefunden.

Mit den Wissenschaften beleben sie den Mond in Erinnerung ihrer guten Vergangenheit in des Polen Zulawskis Roman „Auf silbernen Gefilden“. Der deutsche Scheerbart hat in „Lesabendio“ sie auf die Milchstraße verfrachtet und der Franzose Renard hat sie mit Ironie und Grausen, aber vielem Charme uns Menschen technisch mit unseren eigenen Waffen überwinden lassen. Zur Utopie erzog sie der humane Brite Wells. Zur Exaktheit Conan Doyle, der sie wie Automaten der Klugheit dressierte und den Schlag der Verbrecher und Kriminalgeschichten gründete, der den Abenteurerroman der May und Gerstäcker, Defoe, Kapitän Marryat und Cooper (zu denen auch Walther Scotts „Pirat“ gehört und manches andere bis zu den Kreuzzugepen) völlig abgelöst hat für einige Zeit.

Es war ganz klar, daß diese Mechanik, einen spannenden Vorgang nicht mit Hilfe der Phantasie wie früher, sondern mit allen blitzglatten Hilfsmitteln unserer Technik und Überlegung abrollen zu lassen, das Kino einfach aus der Luft herausziehen mußte, wenn es nicht entdeckt gewesen wäre. Denn Film ist nur die glatte Übertragung der Techniken der Soyka, Heller, Jack London, Eje, Elvestad ins Bildhafte. Film hat mit Theater nur soviel zu tun, als Schauspieler dabei beschäftigt sind. Wer würde aber aus der Tatsache eßfroher Akteure oder tribadischer Aktricen auf die Zusammengehörigkeit von Theater mit der Kochkunst oder den Gebräuchen von Lesbos schließen? Dagegen beweist der Umstand, daß die schönen Gespenster klirrende Maschinen geworden sind, zwar nicht gerade eine Erhöhung der Dichtung, aber keinesfalls, daß die Maschinen schlecht sind. Die Kriminalbücher der Deutschen existieren zwar nicht, lediglich der Österreicher Soyka gehört in die internationale Konkurrenz, allein einiges bei den Skandinaven und Engländern ist in seiner Weise vortrefflich. Das genügt.

In der Liebeslektüre kann man jeder Frau carte blanche für alle Gefühle geben, denn es ist leicht die von fremden Leidenschaften Erschütterte zu den eigenen Leidenschaften zurückzuführen. Von „Aucassin et Nicolettes“ rührender Geschichte bis zu den Büchern des Charles Louis Philippe ist ein weiter Weg, und die gesellschaftlichen Formen, unter deren furchtbarem Zwang die Liebenden sich zwischen Kloster und Bastille suchen mußten, haben sich gewandelt. Heute stehen Spanier auf den Straßen und suchen die Augen ihrer Auserwählten, flirten Engländer beim Sport, Franzosen in den Promenoirs und Deutsche lieben sich in den Gärten. Keine Frau ist unerreichbar. Keine Liebe ist so unselig und so beglückend zwischen das Schicksal und die Sehnsucht gespannt wie früher, als das Mittelalter die Herzen auseinanderriß und die Willkür menschlicher Elemente und starrer Satzung die Natur bei Seite schoben. Du kannst von Richardsons „Clarissa“ über Rousseaus „Nouvelle Heloise“ bis zu Goethes „Werther“ lesen, wie ein Dichter sich auf den Sockel des anderen stellte und wie ein Herz tragisch ans andere durch Nationen und Jahrzehnte rührte.

Ich glaube jedoch nicht mehr an die sichtbare Existenz dieser Gefühle in unserer Zeit, wo die Knechte an der Börse spekulieren und die Damen das politische Wahlrecht ausüben und man den Kokotten, die man zum Diner einlud, am anderen Morgen eine bare Entschädigung für die Abnutzung der Toiletten als Supplement zusendet.

Aber ich glaube mit ganzem Credo meines Herzens, daß die großen Leidenschaften, deren Anmut nicht in ihrer Tragödie endete, immer der Unterton geblieben sind aller schönen Beziehungen, und daß die jetzt veränderten Formen der Welt die gleichbleibende Lage ihrer Melodie nicht zu stören vermochten.

Wenn man wie du ein Gesicht sowohl zärtlich und schön wie Hermelin als auch mit kühnem Bogen der Augen und Nase besitzt, vermag man bei einiger Breite des Sinnes auch zu verstehen, daß Cayennepfeffer die milden Gerichte auf seine Art wie ein Wildpret anregt. Du hast Gelegenheit, um zu vergleichen. Wenn du die Briefe gelesen hast, welche die Nonne von Alcoforado an einen Offizier eines anderen Landes schrieb und die von Abälard und Heloise kennst und Balzacs übersinnlich zarte „Ursula Mirouet“, und die bis ins Verbrecherische zärtlichen Beziehungen Desgrieux und Manons in des Abbé Prevost „Lescaut“ dazugenommen hast und die Briefe der Mademoiselle de l’Espinasse und Flauberts „November“ und des De Costers maischöne „Hochzeitsreise“ und die Frauen des Jean Paul, die dahinbleichen an übermenschlicher Verbundenheit . . . dann kannst du es wagen, nicht ohne Gewinn zu sehen, wie in Crébillons „Sopha“ und in Heinses „Ardinghello“, in Wielands „Biribinker“ und in Heinrich Manns „Göttinnen“, bei Rétif de la Bretonnes zweihundertdrei Bänden und den „Liaisons dangereuses“ des Laclos bis zu des Marquis de Sade Abscheulichkeiten und den männerliebenden Strophen Oscar Wildes und des großen Edelurnings Withman sich vom klaren Fluß des liebenden Feuers die phantastischsten Bündel lösen. Aber du wirst erkennen, daß auch diese Verzerrungen sich von der Liebe nicht trennen, sondern sich von ihr ernähren und daß in ihren Formen, ob sie dir gefallen oder ob du sie verachtest, immer der gleiche Blitzschlag der Größe zuckt wie in der dir gemäßen.

Du wirst dadurch nicht hochmütig werden, sondern du wirst nur eher die Menschen verstehen, wenn sie mit ihren Schicksalen an dir vorüberschweifen und gleich den anderen Kreaturen steigen und fallen nach diesem und jenem Gesetz. Du wirst duldsamer sein und also weltwissender und es wird deiner Leidenschaft auch nur noch das Verstehen jeder anderen hinzugeben. Man wird in Indien nicht Hetäre durch Verführung, Mißgeschick oder Neigung, sondern durch Abstammung, man kann also keusch im Herzen und eine Dirne durch Schicksal sein. Auch die Heiligen werden nicht gezüchtigt, und mancher, der ein Mordbrenner im Herzen schien, erreichte durch Übung den Glauben. Im Grunde ist alles die Liebe. Aber in der Liebe wird man eben alles durch das Leben oder man wird nichts.

Die Venetianer besaßen die besten Diplomaten Europas und ihre Berichte waren erstaunliche Stücke an Schärfe des Auges und des Verstandes, ja sie bildeten sie zu einer hohen Stufe der Kunst aus. Die Handlungen aber des Staates nahmen die Dogen erst vor, nachdem sie alle eingeforderten Berichte verglichen. Du hast nunmehr von dem dir als Frau am leichtesten Zugänglichsten, von der Liebe her zu vergleichen gelernt. Was mir noch übrig bleibt, ist so gut wie nichts. Nun kannst du schwimmen, in welches Problem, welche Nation, welches Genre du willst. Du wirst Grabbe lesen neben des James Morier „Abenteuer des Hadschi Baba“, das der erste Roman über Persien aus dem achtzehnten Jahrhundert ist, wirst den prachtvollen Rheinländer Schmidtbonn mit seiner herben und männlichen Duftigkeit verstehen gegen des Belgiers Rodenbach „Totes Brügge“. Wirst staunend des Bildhauers Rodin Werk über die Kathedralen seiner Heimat neben des Thomas Manns schwächlich schönem, formvollendetem, aber innerlich, dekadentem „Tod in Venedig“ halten, wirst die „Studien“ des pastelligen Idyllikers Stifters neben dem riesenhaften Rabelais genießen, wirst fühlen daß die „Küsse und feierlichen Elegien des Johannes Sekundus“ andere Worte sind wie die des zärtlichen und royalistisch verschwärmten Francis Jammes in „Almaide“, der schönsten lyrischen Tenorstimme des heutigen Frankreichs. Du wirst den Zola, der auch ein Gigant war, trotzdem er etwas tierisch schaffte, neben der von Schwedens Bodendampf mythisch umwehten Lagerlöf lesen. Wirst Wisthlers „Die artige Kunst sich Feinde zu machen“ zu Annette Kolbs zarter Kammermusik in „Zarastro“ legen und die Geschichte des alemannischen Webers, der sich in kindlicher Einfalt der „Arme Mann von Toggenburg“ nannte, zu des gescheitesten Engländers Chesterton „Verteidigung des Schundromans“ tun. Du wirst Schlegels „Luzinde“, das voll schöner leidenschaftlicher Süßigkeit ist, neben die Modebücher der Brüder Goncourt halten, wirst das Buch der Frau von Winternitz von dem wilden Liebesleben der keuschen Vierzehnjährigen neben dem „Schelmufsky“ des siebzehnten Jahrhunderts lesen und kannst die satanischen Ausschweifungen des Huysmans in „La bas“ hinnehmen mit derselben Überlegenheit, wie du an Kerrs Reiseberichten und Dauthendeys Reinheit dich ergötzest. Du kannst den Frauenspiegel der Renaissance von Castiglione und das Leben Dantes von Boccaccio und Quevedos Spitzbubenroman von Segovia mit derselben Gegenwärtigkeit lesen, wie du Storms Novellen, Eichendorfs „Taugenichts“ und Dickens Roman aus den Millionenstädten hinüberleiten kannst zu des Verhaeren flamisch breiten Malereien, zu Schickeles „Glück“ und zu dem „Puppenbuch“, in dem der Lotte Pritzel und Erna Pinner barocke und groteske Figuren einen höhnischen oder vielleicht auch mitleidigen Cancan der Ausgelassenheit auf unsere Mühe, sie zu deuten, tanzen.

Du wirst dadurch so voll von gelesenem Erlebnis geworden sein, daß man dir wie den Bankerotteuren Montecarlos eine Viatique geben muß, um aus den verführerischen Launen der Literatur dich wieder ohne Kosten auf den Kontinent des Daseins hinüberzuretten. Es wird wohl an der Zeit sein, wenn du das alles gelesen und an deinem Wesen wie an einem Pegel und Thermometer die Höhe und die Temperatur der Maße genommen hast, dich wieder der Natur allein zuzuführen. Denn du hast dann für das diesseitige Existieren genug gelesen und jede Zeile mehr wäre zuviel.

Mehr verträgt ein Irdischer nicht, es sei denn, er sei vom Schicksal bestimmt, eine noch steilere Kontrolle auszuüben und die Ausmaße des Lebens auch noch mit denen der künstlerischen Vollendung zu vergleichen und den Gladiatoren der Kunst die Urteile auf die Nacken zu brennen. Einer Frau kommt das nie zu, sei ohne Sorge.

Männern sollte von der Natur erst in den sechziger Jahren, wenn sie statt mit Frauen sich mit Schnepfenköpfen zu beschäftigen beginnen, das kritische Amt vorbehalten sein. Ich fürchte, es würden bei allem Ehrgeiz, den das Greisentum mitführt, selbst die Besterhaltensten dies Alter nicht erreichen wollen. Ist es einem aber bestimmt, durch Schmutz und Crapule ein Stück verdammt geliebter Jugend und herzrot gelebten Daseins dranzugeben, dies Handwerk mit Kunst zu vollführen, so sollen die heulenden Hunde spüren, daß es auf den Schriftsteller ankommt und nicht auf die Meute, über die er sich in gerechter Leidenschaft ausläßt und es soll zum mindesten, wie Châteaubriand von St. Simon sagte, teufelsmäßig für die Unsterblichkeit geschrieben werden.

Man gewinnt kein Ding, wenn man es nicht zugleich liebt und abstößt, und keine Vollendung eines Lebens ward erzielt, die nicht vorher ausgewogen war bei jedem großen Gefühl in den Wagschalen der Liebe und des Hasses. Du kannst dich selbst nur erreichen, wenn du dich durch das Leben selbst gewinnst, aber du darfst nicht scheuen, davor zu desertieren und wieder zu ihm zurückzukehren. Denn nur die Treue, die sich an anderen Reizen durch Untreue erprobt, hat den Zug der Beständigkeit in sich, der dein Leben dann um die stete Achse rundet. Du wirst zwischen der Inbrunst der Bücher und den Banalitäten des Lebens genau im selben Grade leiden, wie du die Unterschiedenheiten zwischen deinen Idealen und der Nüchternheit der gelesenen Schicksale gemein findest.

Das Verhaftetsein an eine einzige Anschauung ist auch im Lesen nicht pikant, und wahrlich zurück zu sich zwingt immer nur die Größe, die Betrug erträgt. Der Herzog von Lauzun, der gerne und nicht ohne Tiefe lebte, schildert eine Dame: „Sie erwiderte mir meinen Besuch zu Pferd, in Dragoneruniform und Lederhosen. Mehr brauchte es nicht, um mich für immer von einer Frau abzuschrecken. Das hielt mich aber keineswegs ab, sie dennoch zu besitzen.“ Er liebte das Weibliche so abgründig, daß er es auch in der provokantesten Form nicht abzulehnen in der Lage war und die sicheren Genüsse nicht über der fatalen Aufmachung vergaß. Man hat verdammte Last mit seinem Dasein zwischen Leben und Kunst und Sein und Schein sich durchzuschlagen, und es bleibt auch dir als Frau nicht erspart, die Kämpfe zwischen deinen Vorstellungen und deinem Blute bitter auszutragen.

Das aber verleiht endlich erst die Reife und die Wollüste jener Überlegenheit, die die Ahnungslosen nie kennen werden, die ohne Geschmack jener Räusche sind, in denen wahrhaftiges Leben und wahrhaftig gepflegter Geist zusammenschlagen, und ich glaube manchmal, wenn du als Diana die Ränder der Wächte mit der Geschwindigkeit des Blitzzuges auf Skiern herunterkommst, ich vermöchte auf deiner Haut auch die Glut deines Geistes zu erblicken. Nur in Liebe vermögen beide sich zum Augenblick des größten Daseins zu verschmelzen. Ich erinnere mich eines französischen Theaters in Paris, wo ein Offizier desertierte und nach einem Dutzend Kniffen und Entwischungen gefaßt wurde. Als sein General ihm die Degradierung verkündete, erlaubte er sich einen Vorwand anzubringen, und als er salutierend vortrat und erklärte: „c’était par amour,“ gelang es dem Kommandeur in keine andere Pose zu verfallen als in eine bewundernde Handbewegung des Verzeihens und Verstehens, und jenes Publikum des Boulevardtheaters hatte mit seinem frenetischen Beifall auch nichts anderes im Sinne, als sowohl die Leidenschaft des Offiziers als auch die begreifende Tugend des Generals mit nationalem und, bei einem so militaristischen Volk wie den Franzosen, menschlichem Beifall zu begrüßen. Mir fällt diese Begebenheit, die an sich bedeutungslos ist, ein, weil an diesem Abend zum erstenmal die Linden für mich Paris mit dem Duft überzogen, der mir früher nur der der Heimat allein war, aber der mir von diesem Tage ab hundertmal in allen Zonen entgegenkam, daß er mir die freundliche Welle des Himmels für alle Liebenden seither zu sein schien.

Denn wärest du durch die Sonne des Morgens nicht im bronzenen Mondglanz deines braunen Gesichtes mit Telemarks um die jungen Bäume des Winterwaldes geschwungen, sondern säßest mit mir im Jasmin eines frühen Sommers oder der Fruchtluft des Herbstes an Flüssen, an Weiden, an Seen, ich würde dir, zwar ebensowenig vollkommen, aber in anderen Namen und Nennungen dasselbe gesagt haben.

Denn nicht die Bücher und nicht die Jahreszeiten und nicht die Liebkosungen machen die Form aus, in der das Glück und die Bereicherung sich begibt, sondern der Sinn der Liebe ist immer der einzige Führer und der alleinige Grund. Und wenn ich von deinem Lächeln, das, selbst ermüdet, unter dem Kaminfeuer noch lockend zuckt, mit dem Vorbehalt des Liebenden sage, es sei wohl ein süßes Lachen aber das Lachen eine Frau, so teile ich dich nicht auf in das Beseligende und das Luder, sondern ich weiß, wie wundervoll der Zauber der Verbundenheit aus diesen beiden dich gestaltet hat.

Denn du bist ja letzten Endes evahaft aus Lehm und Wollust gemacht und bist schon jederzeit zum Leben zurückgekehrt, leiblich und frisch, wenn du nur, etwas schlapp, die langen Beine der Jägerin weit ausstreckst und alles vergißt. Bist du für eine Limousine morgen lieber, oder für Schmuck oder eine Reise nach Tunis, bleibst du die gleiche. Auch Geist wiegt nicht mehr als Eisen und Fleisch, man muß es aufs deutlichste sagen, wenn diese Frage gestellt wird. „Adieu Ihr Freunde, adieu Ihr Bücher“, schrie Petrarka, der gut und in angefülltem Jahrhundert gelebt hatte, beim Sterben und jammerte zuerst um das Dasein, das er verlassen mußte und dann erst um den Ruhm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .“

Solchergestalt Mijnheer hätte ich gesprochen, wenn Sie eine Frau wären. Doch Sie sind ein Mann, aber es gilt dennoch dies Alles auch für Sie!

Mijnheer, man erzählt, daß griechische Helden eine Schar junger Nymphen im Walde des Kythäron trafen, die sie durch liebliche Bewegungen und alle Stellungen der Anmut zwangen, sie mit immer heißerem Atem zu verfolgen, bis sie an einer Quelle plötzlich die Mädchen Waffen ergreifen und mit feurigem Päan schlachtlustig auf sich losstürzen sahen. Sie kämpften den Tag und die Nacht mit den schönen Amazonen, ohne enttäuscht zu sein, denn, was sie zum Liebesspiel zu locken schien am Morgen, blieb als streitbare Erregung in ihren Adern und tobte in der Adligkeit der Kämpfe sich aus, in denen sie statt Geliebten nur Krieger fanden. Ich hätte Ihnen, Mijnheer, nicht vermocht, heute so zu reden, wenn ich das nicht gelebt hätte vor Jahren, was ich heute sagte. Und wenn das Fresko von Büchern etwas verwirrt hängen bleibt, inmitten dieser vorn und hinten abgebogenen Geschichte, so hat es wie der von Löwen gesäugte attische junge Eros die Fähigkeit, sich nach den beiden Seiten des Geschlechts zu adressieren.

Denn was daran die Frau über das Leben zu Liebe entflammte, entzündet den Mann zum Ringkampf mit der Welt. Man denkt oft seinen Kopf zur Ruhe zu legen und steht in Kürze vor dem Streitruf der Amazonen, aber es ist dennoch fatal, einen holländischen Gentleman zu sehen, wo man mit aller Kraft der Phantasie eine nördliche Diana zu sehen gezwungen ist.

Ein Mann ist eine triste Sache, wo die Luft noch nach dem Leben einer Frau riecht. Auch Ihre Ironie vermag mich nicht zu desillusionieren. Ernüchtern ist ein kalter Witz, den die Leidenschaft verzehnfacht an die Wand spritzt. Ich schwärme nicht für Vergangenes, aber ich habe alles gehabte Dasein im Blut. Mit dem faden Panzer des Lächelns und einer Flasche Cointreau kommt man nicht über erbitterte Situationen hinweg, sondern man lügt sich nur eine falsche Maske der Überlegenheit in den Spiegel, statt sich seiner Leidenschaft hinzugeben.

Das Leben wäre verflucht einfach, wenn wir es nicht mit Stolz am falschen und Demut am rechten Platz abscheulich komplizierten.

Ich werde eine Stunde auf den Damm hinausgehen und nach dem Mond ausschauen, der irgendwo in dem Schnee stecken geblieben ist.

Die vierte Nacht

Ich will Ihnen von Norland erzählen, Mijnheer, und die Geschichte vom Lachen des Ski. Zu witziges Zeug grimassiert heute schon durch den Morgen. Bereits, als ich erwachte, glaubte ich das leise Panterrauschen der Sonne zu hören, da entdeckte ich eine Fledermaus hinter dem Laden und draußen stand der Sturm. Im Sportraum kam mir der Springer Schneeberger entgegen und hinter ihm saßen auf den breiten Ofengalerien die besten Läufer Deutschlands zwischen den Aktrizen vom Film. In jedem Sporthotel der Welt siegt der Bedeutendste seiner Branche, und Thor und Apoll und der junge Alexander treten trotz der Seltsamkeit ihrer Schönheit zurück hinter Jockey Schmidt in Iffezheim, dem Boxer Dempsey, dem Tennis-Wilding, dem Ski-Schneider aus St. Anton, der seine vierzig Meter ebenso toll wie traumwandelnd sicher springt. Nun aber sah ich, daß die robusten Burschen ihre Haare in Netzen trugen, mit welchen Toilettefirmen ihre Reklamehelden gern in Zeitungsinseraten zeigen. Sie sangen ein bayrisches Schnadahüpferl mit Einstieg zum Fenster über das Heu, während man doch hier zum Stall nur durch einen Tunnel unterm Schnee kommt, aber das brachte mich nicht zum Lachen. Nur wie ich, nunmehr den Schneeberger, Springer erster Klasse, an dem von Eiszapfen bis zum Boden vergitterten Fenster die zwei Kufen seiner Springskis mit Skiwachs glätten sah, und sich sein schwarzes Gesicht über dem Katzenkörper verweibt in der beschleiften Haube bewegte, fiel mir über alles Pêle-Mêle hier Norland ein und das Lachen des Ski.

Es wird keine lange Geschichte, Mijnheer, und sie ist nicht kurzweiliger wie viele, aber ich muß ausholen dazu, jedoch nicht weiter wie mein Arm breit ist. Ich bin Liebhaber der Sports wie Sie, nicht nur um des Mutes, der Gefahr und des Risikos willen, die ich mir dabei beweise, sondern auch um der Pausen willen, in denen im Gegensatz zu „in Form sein“ der Fachausdruck „faul sein“ heißt. Man kann von diesem Beruf aus nämlich, ohne die Hetzjagd der Epoche mitzumachen, auch wenn man manchmal verdammt gestrafft nach der Leistung packt, sich nachher ohne Besorgnis die Welt auf den Bauch scheinen lassen, wie alle Inselmenschen es jahrhundertelang taten und alle rassigen Tiere es lieben.

Aber, hören Sie, Mijnheer, ich bin nicht nur verliebt in die Sports, sondern ich bin passioniert an dem Handwerklichen, das ihre Ausübung bis zur Vollendung erst ermöglicht. Ich bin nicht nur mit einem rotbraunen Segel an der Savoyer Küste gefahren, mit einem roten in Bjerred, einem grauen in Brunshaupten, einer weißen Fregatte in Genf, moosgrün zwischen Marstrand und Göteborg, purpurn in Südfrankreich und mit milchgelbem Spinnacker vor Tutzing und Schloß Berg im Gewitter gelegen. Sondern ich wußte auch, daß an dem savoyer Boot die Schwalbensegel kreuzweis den Wind nehmen mußten, daß mein Ostseeflunderboot keinen Kiel hatte und einen fatalen Fock, daß die Rennjolle des Starnberger Sees so überfeinert war, daß sie dem Fingerdruck, ja der Idee schon parierte, während das Boot der Marseiller rund wie ein Walfischrücken sein vierecktes Segel nicht anders wie eine Harpune gehißt hatte, und daß auf dem Kahn, mit dem wir durch die Schären nach Christiania zu kommen suchten, das Schwert nicht marschierte und bei Sturm das Großsegel riß . . . und ich war verliebt in die Fehler, weil ich sie kannte und daher beherrschte.

Aber die Vollkommenheit der Yacht erst, Mijnheer, die Vollkommenheit der Yacht erst, mit der wir zwischen Schachen und Mersburg an den blühenden Obstbäumen den Bodensee entlang fuhren, war so erschreckend, daß mich nur die Grimassen trösteten, mit denen die Schweizerinnen im Badeanzug auf meiner Luvseite beim Vorüberrauschen die Bewohner der Villen ärgerten und damit jede Sekunde der Blitzfahrt durch ihren Klamauk gefährdeten . . . . Denn da ich Gefahr plötzlich sah, war ich gespannt auf dem Posten und durch die Witze über die Unfehlbarkeit des Bootes versöhnt und erheitert.

Mijnheer, nebenbei, die Geschichte der Menschen ist möglich ohne Aeschylos und Dante, aber ausgeschlossen ohne Segelei. Die Entdeckung der Beziehung zwischen Leinwand, Wind und Pinne ist die genialste Kombination dieser Erde. Das gesegnete Hirn, das sie warf, besaß die Kühnheit vorher unvorstellbarer Gedankenflüge. Daß man um Troja kämpfte, ist eine Bagatelle, daß man es beschrieb, ein Witz. Daß man hinsegeln konnte, war erst die Leistung. Auch sonst erfand sich ein Messer, ein Mord, ein Dampfer von selber. Beim ersten Segel müßte die Zeitrechnung unserer Rasse beginnen. Ich liebe inbrünstig das Segeln, ich beherrsche es besser wie den Ski, aber ich wollte Ihnen von Norland erzählen, ich schweife ab, aber es ist nicht ohne Sinn.

Ich habe in Norland die Vielheit des Schneehandwerkzeugs kennen gelernt, das deshalb so vielfältig ist, weil man ohne es nicht leben kann in dieser Zone. Von Finnland bis Lappland geht seit der Urzeit der Verkehr nur auf den Brettern, gäbe es die nicht, stürbe man dort aus. Der Ski ist ein nationales Instrument, und wer es nicht von Geburt besitzt, kennt es nicht wie alles Nationale, was man hat aber nicht lernt. Darum sind diese Hölzer fast von Geschwätzigkeit, weil sie die Gefahr und die Kunst von Jahrhunderten erzählen, bis sie so wurden, wie sie sind.

Während die Deutschen ohne Tradition dieser Art nur ein paar Sorten Hölzer besitzen, ist von den blonden Schweden bis zu den fetten Eskimos die Form verästelt in hunderte von Arten. Ich sah von Upsala bis zu den Lappen breite Schaufeln wie Lotos, dünne Renner, dreifach über unser Maß gelängte, in der Mitte gekerbte, die aussahen wie Brillen, gewundene wie Schlangen, vorn geplattete oder plötzlich wie Zungen gespitzte, ich sah sie in abenteuerlichen Formen und sah sie in roher Nüchternheit.

Aber einmal, als ich von dem Zeltdorf der grünlichen Lappen mit einem Rudel schwarz gekleideter mit grünen Blusen geschmückter Kinder zur Feier der Heimkehr specktragender Weiber den Hügel herunterlief und abschnallte, sah ich eine Figur auf den Ski geritzt. Sie stellte einen Lappen dar in unanständiger Stellung, der sich im Sturz befand und die Skispitze abbrach. Ich amüsierte mich über den Fetisch, aber ich hörte, daß der Besitzer der beste Läufer der Gegend war, und daß seine Hölzer in Holz und Kufung so vollkommen waren, wie seine Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen. Er hielt es aus irgendeinem Gefühl aber für nötig, seiner Vollkommenheit seinen Hohn entgegenzusetzen. Man hatte durch die Jahrhunderte sein einziges Werkzeug bis zur letzten Spitze des Möglichen getrieben und kann nicht weiter. Da belächelt man sich. Man nannte das Bild „das Lachen des Ski“.

An diesem Sonntag durchschaute ich guter Junge einen Haufen Weltbetrug:

Ich verstand, daß es nie Helden gegeben, und daß, wenn irgendwelche Irdischen wirklich Kerle waren, die selbst den Himmel zu erschrecken im Stande schienen, sie dennoch fraßen und stanken und es nicht verbargen, sondern sich damit preisgaben, um nicht in Würde zu krepieren. Entweder gab es Götter oder es gab Menschen, und alle Halbgötter waren Humbug der Zeit, die sie zu ihrem Gebrauch fabrizierte. Wer Größe hatte, besaß stets den Mut sich zu verspotten und erhellte durch das Gelächter seinen Mut.

Selbst der Olymp mit den menschenähnlichen Göttern und das gute Walhall suchte den Ausgleich und tobte vor Witzen. Kein großer Maler fiel mir ein, der nicht Karikaturen von sich machte, und Eurypides hat ebenso den Diminutiv von sich geliebt wie Scipio sich verlachte und Bonaparte freudig fauchte, wenn einer den Spott gegen seine Kriegsführung trieb. Die primitiven Völker entstellten sogar die Bildwerke ihrer Weiber durch enorme Busen und Schenkel, um sich mit dieser Verzeichnung ins Über-Üppige den Geschmack an der Wirklichkeit noch gepfefferter zu machen, und selbst den Kultdramen der Griechen sandte man, um die Heiligkeit des Pathos auszugleichen, gewisse Zoten hintennach. Stets befreite sich die bedeutende Person ebenso wie die Vollendung einer Epoche von der Bürde der Größe, indem sie dieselbe ironisierte und ins Menschliche somit zurückzog.

Nur die fahlen Schatten spanischer Kaiser ersannen den Trick, sich nie zeigend, in ihrer Würde zu verschwinden und einige Dichter mit vielem Ehrgeiz und mangelnder Sicherheit zu ihrem Talent machten die Geste ihnen nach, sich nicht preiszugeben und täuschten durch gesalbte Regie und Prophetentum hinter den Mauern dem Volk eine Bedeutung vor, die sie vor sich selbst nie zu glauben gewagt hätten. Denn sie hätten den Mut sonst gehabt, sich preiszugeben statt sich zu verstecken.

Wer den Schneeberger wie eine Katze des Gebirgs von der Schanze in die Luft sausen und nach vorne fallen und nach vierzig Metern mit einer glühenden Kurve den Boden des Abhangs wieder fassen sah, fand die Geste liebenswürdig, mit der er sich durch das Kopfnetz verkleinerte, und wer den Lappen schwingen sah, hatte erst an dem „Lachen des Ski“ den Maßstab, sein Könnertum zu bestaunen. Man gewinnt nur, wenn man riskiert. Und man ist nur schön, wenn man sich im Häßlichen beweist. „Er verstehts,“ sagen die Liliputaner von den Cagliostros, die sich mit Würdenebeln vor der Pupille der andern verstecken, aber sie gröhlen dann mit vor Vergnügen und halten sich den Magen, wenn die geölten Gauche bald zusammenkrachen. Das Leben ist verdammt grausam und läßt den Würdling, der ihm ausweicht und sich aufbläst, platzen wie ein Meßschwein. Nichts bleibt verborgen, man kann beruhigt schlafen.

Das Lachen des Ski taucht auf, sowie eine Zeit ihren Zenith erreichte. Sie hat dann stets für ihre Erhabenheit einen Gettatore mit dem bösen Blick gefunden, der sie bis zur wollüstigen Komik beschielte. Das Mittelalter war bereits seiner Sache so sicher, daß es sogar in seinen Domen sich verspottete und in die stolze Brust dieser heiligen Monumente Wasserspeier voll Sodomie, Klerikerstatuen im Zustand wilder Cochonnerien und die Bilder seiner Baumeister in undezenten Posen aufnahm, genau wie die ägyptischen Kulturen so mächtig saßen, daß sie den Künstlern gestatteten, in den Friesen die Herrscher zu verhöhnen.

Die katholische Kirche, die das fundierteste Gebäude auf dieser Erdkugel hat, ist so dehnbar und leutselig in ihrer Unangreifbarkeit, daß sie das Lächeln des Spottes mit jener Vorliebe aufnahm, deren Liebenswürdigkeit von vornherein garantierte, daß es die Attacken tötete, indem es sie ohne Abwehr ertrug. Von den sadistischen schwarzen Messen bis zu Origines, der sich der Sainte Vièrge zuliebe entmannte und dem spanischen dritten Karl, der keine Geliebte nahm, um es seinem Beichtvater nicht gestehen zu müssen, infolge seiner Vollblütigkeit jedoch verrückt ward, ja bis zu den Faschingfesten, die dem Fasten vorausgehen, und dem Papst, der ein Weib war, begleitet das Lächeln ihren Bau hinauf bis an die Spitze.

Es begleitete auch, wie ein Zwerg die Fürstinnen, die Gesellschaft. Je höher ihr Stil, um so klarer das Lächeln. Je verderbter und köstlicher die gesellschaftlichen Formen, um so vollendeter das Lächeln. Es paßte sich denen an, die es geleitete, und das Rokoko war schließlich und nicht nur in Mozarts Musik und Molières Stücken ein ewiges zartes Gelächter über sich selbst. Die Österreicher allein haben etwas von dieser Grazie der Satire bewahrt, da sie sich niemals ganz für ernst nahmen und genau wußten: daß sie bereits seit zweihundert Jahren tot seien und daß man also nur noch als sympathische Leiche fast wider Willen und erstaunt über seine eigene Atmung noch lebe.

Die Deutschen verstanden die Satire nie im Sinn des Spiegels, sondern sie führten sie fast stets als Streitaxt gegen zeitliche Feinde und machten sie zu Waffen der Politik. Michelangelo hat in einem Sonett angedeutet, der Dichter dürfe nichts schaffen, was die Zeit vernichten könne und hat gewußt, daß, wenn die angegriffene Unke geplatzt ist, der Angreifer nur die komische Figur bleibt. Die Deutschen attackierten Zustände, aber trafen die Menschen nicht mit. Im Mittelalter turnierten sie gegen die Dämonen, als die Blüte dieser Epoche schon vorbei war, später mit Rosenblüt und Hans Sachs gegen den Klerus. Huttens Satiren sind Plaidoyers eines Staatsanwaltes, Fischarts Werk ein ungeheuerliches persönliches Pamphlet. Der„Simplizissimus“ Grimmelshausens ist nur zufällig satirisch und im „Squenz“ hat Gryphius einen Spott ausgegeben, den er für seine Sachen in gleicher Weise verdient hätte. Das siebzehnte Jahrhundert ist von Moscherosch bis Reuter pedantisch und ohne Grazie, lediglich der „Schelmufsky“, der aber nur eine Mode belacht, hat einen zeitlichen Schmiß. Wieland war ein glatter Bursche und hatte genau den Flair, worauf es ankam und übte sich trefflich und elegant in der Manier des „Don Quichote“ und der „Pucelle“, aber vergaß, daß die Grundlagen des deutschen Wesens in gar keiner Verbindung standen mit dem Feenspiegel, den er ihnen vorhielt. Denn es gab keine Typen, die er hätte zeichnen, keinen Charakter, den er hätte karikieren können und keine nationalen Zusammenhänge, die sich wieder erkannt hätten. Er gab wie jene Leute, die mit Visitenkarten seinerzeit herumliefen, auf denen „Neffe Rossinis“ und „Freund von Liszt“ stand, lediglich eine Kopie der fremden Satiren und bedachte nicht, daß Freund oder Neffe eines Genius zu sein nicht bedeutet: Genie & Co.

Bei dem witzigen Liscow und dem hellen Lessing ward der Kampf eine Zweckfrage des Schreibtums und blieb eng im Rahmen der Literatur. Zachariäs „Renommist“ ist ein Studentenwitz, weiter nichts. Es gelang keinem, über die Opfer seiner Schüsse hinaus, an menschlichen Zielscheiben die ewig menschlichen Gebrechen zu belächeln. Sie schossen auf rohe Studenten, armselige Pastoren und auf die Gans des Aberglaubens, ohne den Ehrgeiz zu haben, erst hinter dieser Jagd den Horizont der irdischen Schwächen und Stärken liebevoll aufzuziehen. Sie durchbohrten einen Panzer, aber das Herz war ihnen ein Schmarrn. Die Armen brauchten alle Kraft, um nur die ersten Hiebe zu tun, denn um ein Zentrum zu treffen, muß eines vorhanden sein. Zeiten ohne Humor sind miserable Zeiten, nicht weil ihnen das Salz fehlt, denn es können zahlreiche Witzbolde in ihnen herumrennen, sondern weil sie nicht so üppig sind und so ausgewachsen, um sich mit einer gewissen Wollust in der Ironie zu baden.

Es kommt nämlich auf den Rückschluß an, nicht auf die Betonung. Es kommt nicht auf die Mäuse an, sondern auf den Speck in der Nähe. Es ist an sich gleichgültig, ob es Satirisches gibt, aber wo Satirisches funkelt, ist bombensicher eine vollendete Zeit in der Nähe. So ist der Weg. Jean Paul, der mit seinen scharf gedachten „Grönländischen Prozessen“ keinen Erfolg fand, der aber ein Riesenwerk der Satire als Talent zu bauen in der Lage gewesen wäre, beweist, daß nur Humor, daß nur das persönliche Gelächter über die Welt anzustimmen den Deutschen möglich war. Er konnte nicht die Zeit, ein wenig schief gelegt, formen, sondern er amüsierte sich auf eigene Faust. Wilibald Alexis bluffte seine Landsleute, indem er ihnen einen Roman als Übersetzung Scotts vorsetzte, das war aber nicht Satire der Zeit, sondern ein Witz, den die Zeit ihm erlaubte.

Zweimal nur gelang es vor Heine, einen Zipfel der Epoche lustig und erhaben zu stehlen aus der Rüstkammer der sortierten aber nie gesammelten deutschen Begriffe, das war in „Minna von Barnhelm“ und in Büchners „Leonce und Lena“, wo Lessing das preußische, Büchner aber einen Teil jenes romantischen reellen Weltgefühls der Deutschen (über ihre siebenundachtzig Potentaten hinweg) menschlich festzuhalten vermochte. Meissonier macht mit Unrecht den Deutschen den Vorwurf, der Protestantismus habe sie statt zu Überlegenheiten zu nüchternen Kostspendern wie Kaulbach und Piloty geführt. Der Protestantismus hat ohne Zweifel den Wurzelkeim einer nationalen Kultur zerrissen, wenn er überhaupt bestand, aber mehr Schuld ist ohne Zweifel, daß die Führer ihre Deutschen klein gehalten und nur zum Genie der Gesetzparagraphen erzogen haben. Ihre Freiheitsidee ist von der Schwungkraft eines Karussells, sie saust nach außen, aber sie baut keinen Staat, ihre politische Einsicht vermag nicht die Bedürfnisse augenblicklicher Not oder Gewinne zu überspringen, und ihr nationales Bewußtsein ist immer, soweit es öffentlich betont wurde, das von Generälen oder nationalistischen Gauchos gewesen. Daß Deutschland viele Hauptstädte hat, büßt es damit, daß es keine geistige Zentrale besitzt. Und daß dadurch wohl Leben aber kein zentrales Bewußtsein in das Volk drang, zeigt sich heute, wenn der republikanische Staat in seiner Ausbalanziertheit bereits wackelt. Undenkbar, daß die Provence, daß Smaland, daß York abfiele von ihren Mutterstaaten, weil ihnen da in der Leitung etwas nicht passe oder sie eine andere eigene Form der Gouvernements vorzögen. Daß Bayern wie ein Kind monatlich damit droht, beweist nur deutlich, daß die Deutschen noch nicht Deutsche sondern eine Zusammenstellung von Charakteren, und daß sie nicht national, sondern Querköpfe sind.

Heine ist der einzige Künstler, der eben dies und dazu vom Ausland her, wo er exiliert saß, fast zu einem Weltbild der deutschen Art zusammenzuschließen vermochte, indem er es mit den Tönen der höchsten Liebe verspottete. Er verstand es allein, wie Voltaire auch, im obersten Sinne national zu sein, indem er angriff und spiegelte. Deutschland hat nicht an ihm gelernt, sondern hat ihn verachtet, und weil Heine wagte, es durch seinen liebenswürdigen Hohn zu erziehen, hat es ihm ein Denkmal verweigert, das es ihm unweigerlich gesetzt hätte, wäre er in der Lage gewesen, in der militärischen Laufbahn einige Städte zu zerstören. Die Satire springt aber hier aus dem deutschen Spiegel und setzt sich mit dem blanken Rückenteil der Epoche mitten in das Gesicht. Sie wird unfreiwillig. Nicht das Vollendete erfreut sich seiner Karikatur, sondern das Unharmonische macht sich erbärmlich, indem es die Windmühlen angreift, die es von einem Feenberg necken. Die Deutschen verachten das Spiegelbild, das, wenn es in seiner satirischen Schiefe recht hätte, nur der Beweis der Höhe ihrer nationalen Kultur wäre und sie verachten sich damit selbst.

Des Briten Pope „Lockenraub“ und Boileaus „Lutrin“ und des Italieners Tassoni „Geraubter Eimer“ und Cervantes Bücher sind aber nicht Angriffe gegen betrunkene Studiker oder eifersüchtige Lords oder ehrgeizige Kleriker oder fahrende Ritter, sondern sie sind vorzügliche Karikaturen der Menschen in eine unbeschreiblich schöne Spiegelung der Zeit hineingezeichnet, so etwa, als beuge sich jemand über Wasser und es bliebe, durch eine Welle gestört, das Bild auch unter dem Zittern mit solcher Klarheit, daß man die Anmut und Grazie auch durch die Verzerrung zu empfinden verstände.

England und Frankreich entwickelten die literarische Karikatur so, daß sie Bestandteile des nationalen Lebens wurden und der Schritt vom Sublimen zum Belachbaren nicht ein Vorwurf, sondern ein Vorzug wurde. Molière und Lafontaine und Boileau waren nicht die Karnickel, sondern die Schoßkinder ihrer Zeit, die ein Entzücken darin fand, die Feinheit zu studieren, mit der man die Fehler ihrer Rasse bespottete. Auf dem französischen Theater erzog man den heroischen Ton so, daß er in seiner höchsten Pathetik bereits wieder die Untermelodie des Mokanten erreichte, kein Staatsmann, kein Künstler war zufrieden, wenn ihm nicht sein Erfolg und seine Bedeutung dadurch bezeugt wurde, daß man ihn anmutig verlachte. Fénélon hat den Franzosen seiner Zeit in seinem „Télémaque“ über die Scherze, die er sich mit ihnen erlaubte, hinaus sogar ein Idealstaat gezeigt, Le Sage ließ sie durch seinen Teufel einen Blick in alle Häuser tun, Montesquieu traf mit den reisenden Orientalen, die über Frankreich zum Orient berichten, den entzückenden Blickwinkel, der alles unter dem Vergleich mit anderen Weltsitten veränderte,

Voltaire ward der Riese, der ohne Gewalt nur mit dem gierigen Zug seiner Grimasse den Klerus und die auf ihm hockende Masse des Staates zerlächelte, bis Beaumarchais Gelächter eine Zeit völlig in ihrem Stürzen begleitete, deren Rekonstruktion als bürgerliche Gesellschaft Anatole France mit einer weisen und müden Ironie wieder zu Tod zu lächeln beginnt, wo sie schon wieder ein Jahrhundert alt und schon greisenhaft zu werden anfängt. Man wird Satirisches in Frankreich nie mißverstehen und nach Möglichkeit nicht verfolgen, das Volk ist in der Lage, jede Bemerkung auf ihre Ironie und ihr Vorbild hin sofort zu verstehen, es ist tatsächlich so erzogen, daß es fast automatisch beim Heroischen bereits das Belachbare sieht. Weil sie diese Fähigkeit, im wahren Sinne dem Leben gegenüber Esprit zu beweisen, bei den Deutschen vermissen, haben Constant dem Nüchternen und Stendhal dem Verquollenen und nicht Charakterfesten an ihnen die Schuld für ihre fehlende Kulturbasis gegeben. Wenn man der Sarah Bernhardt die dürr wie eine Peitsche war, aber sehr fette Finger besaß, den Rat gab, sich zur Bequemlichkeit lieber auf die Hände zu setzen, so ist das ebenso bezaubernd wie unanständig, lobt und verspottet die Künstlerin gleichermaßen und wird überall genau so verstanden, wie wenn ihr großer Komödiendichter sagt: „J’aime mieux un vice commode / Qu’une fatiguante vertu,“ — — — was nicht ein Paradox sondern ein witzig gebrachter und verstandener Bestandteil des Volkscharakters ist.

In England folgte das Volk mit fast ehrfürchtiger Scheu den literarischen Verzierungen, die, aus Gelächter gebogen, an den Bau der Gesellschaft angefügt wurden. Pope ward zwar wegen einer Pasquille gegen einen Lehrer aus der Schule geschmissen, vermochte aber ganz Europa mit dem Ruhm seiner satirischen Schriften so zu erfüllen, daß er sich vom Erlös einer Übersetzung allein ein Landgut kaufen konnte. Das England um Siebzehnhundert zitterte vor Swift, und die Regierung mußte, weil er dagegen war, achtzigtausend Pfund Sterling Kupfergeld aus Irland zurückziehen, da, obwohl Newton die Güte bescheinigte, Swift erklärte, es sei ungut und das Volk ihm glaubte. Auch Dickens und hundert Jahre nach dem Verfasser des Gulliver hat Thackeray in „Punch“ und in „Vanity-fair“ seine Gesellschaft in ganz großen Karikaturen gefangen, die oft fast an die Predigt eines Sardonikers erinnern. Swift aber hat am tollsten eine Tradition geschaffen, an deren Gültigkeit England glaubt, und hat, wie Demokrit mit dem Maskenbündel, bald dieser bald jener Seite seines Volkscharakters ein anderes Spiegelbild gezeigt, unerschütterlich in seinem Angriff und seiner Zusammenfassung der Zeit.

Er konnte seinem Werk sogar den ausgezeichneten Einfall hinzufügen, daß er sein Leben dem Geist seiner Bücher anglich, indem er als Epileptiker geboren ward und als Idiot verstarb. Während die Franzosen durch Frivolität weise zu werden suchten, indem sie lachen, haben die Briten eine orthodoxe Miene im Gesicht und haben darum eine unbegrenzte Hochschätzung vor ihren Karikaturisten, weil sie den Sinn der Moral in ihnen sehen und sie daher lediglich für eine Sorte von Lachern halten, die ein strengeres Zusammenraffen des nationalen Geistes in dieser Maskerade verlangen. Beide aber wissen, daß ihr Zerrbild im Grunde ein Lob ist und letzten Endes eine positive Sache wie jeder Witz.

Die Deutschen aber haben für die, welche ihre Heimat lieben, den Spruch vom Vogel entdeckt, der sein Nest beschmutze und sich, was ihre Fehler angeht, in einen abscheulichen „cant“ verkrochen. Sie haben ihn oft den Briten vorgeworfen, aber diese haben an Selbstkritik stets das Letzte geleistet, wenn sie auch Heuchler in anderen Dingen sind. Aber die Deutschen haben sich einen Traum von ihrer Erlesenheit und Vorzüglichkeit angedichtet, dessen Anzweiflung schon Ausschluß aus der Volksgemeinschaft bedeutet. Kritik aus Liebe zu Deutschland üben heißt Fehme auf sich nehmen.

Das hat diejenigen, welche ihre Heimat und ihre Zeit neuerdings satirisch spiegeln wollten, durch diese erbiesterte Form der Ablehnung nicht zu Lächlern, sondern zu Pasquillanten gemacht. Sie haben oft Liebe sagen wollen, aber es ist ihnen im Mund zu Haß geworden. Es ist der gleiche Liebeshaß, der die Geschlechter unter Bissen zueinanderwirft, der auch ihre Stellung zur Heimat ausmacht. Die Deutschen wollen nicht erzogen werden, die Dichter aber meinen, man müsse sie erziehen oder sterben. Die Deutschen wünschen, daß diese Schreier, die ihnen Fehler zeigen, das Land lieber verlassen. Diese aber meinen, man müsse diese nationalistischen Schreier erst erschlagen, um an Deutschlands Herz zu kommen. Was die Franzosen lieben und die Engländer verehren und was beide zu einem Block nationaler Größe zusammenschließt, erregt in Deutschland den moralischen Bürgerkrieg. Das Volk vermag im Schild dieser Kämpfer nicht sein Gesicht zu sehen, weil dieses Gesicht in Wirklichkeit nicht besteht, die modernen Satiriker glauben aber, sie müßten wie Savonarola hetzen, um das Volk auf seine Fehler zu stoßen.

Sie reden dabei aber eine Sprache, die das Volk nicht versteht, weil es ja auch seine Fehler nicht sehen kann, da diese Fehler in seinem Gewissen nicht bestehen. Die Deutschen haben eben keine Gesellschaft, denn besäßen sie diese, hätten sie einen nationalen Ausdruck und seinen Zwillingsbruder, die Satire. Es wird hier ein furchtbarer Kampf gestritten, da jeder leider vom besten überzeugt ist und man sich in dieser Überzeugung die Gurgeln abschneidet ohne Resultat.

Nach einer großen Demonstration gegen die Reaktion sah ich in einer Straße der Altstadt ein neues Spiel, ein Junge hatte den anderen unter sich, schlug ihm den Kopf auf den Boden und schrie: „Sag, es lebe die Republik!“ Man lehrt es so nicht, indem man dem, der rufen und glauben soll, den Kopf zerhaut. Man müßte eine überzeugendere und überlegenere Art finden, sich mit seiner Meinung durchzusetzen. Da es ohne Frage ist, daß Satire nötig und daß sie fruchtbar ist, darf sie sich nicht, wie in Deutschland gemeinhin üblich, vorher selbst kastrieren. Es wird da leider aus Haß der Zuneigung nicht gespottet, sondern gehaßt. Es wird nicht angegriffen, sondern es wird vernichtet. Der Delinquent, den man überzeugen will, wird zuvor in den Bauch getreten, eh’ er Argumente hört und hat infolgedessen Recht, sich Belehrungen zu verbitten, die Belästigungen sind.

Man rennt wie wild geworden gegen die Zeit los, aber man spießt auch tatsächlich nur Institutionen auf. Man kommt, während man geistig hinreißend sein will, in den Ruf, ungebildet und frech zu sein. Leider wird auch gar nicht versucht, die Menschen durch ihre Zeit zu bespiegeln, sondern sie werden wie Indianer-Gefangene skalpiert und hingerichtet und zum Schluß verspeist. Das gebildete Publikum hat seinen satirischen Schriftstellern gegenüber die Einstellung des Mannes, der ausspuckt, oder es hat die Angst, die Andersen hatte vor Heine, von dem er kindlicherweise annahm, er verschlinge ihn, obwohl es ein Weltmann war, den er dann traf. Die deutschen Satiriker nutzen im Augenblick nichts, sondern sie verderben nur, im besten Falle geben sie der Zukunft ein Material über die Zeit.

Sie sind eben tragischerweise nicht die ungezogenen Kinder der Zeit und der Nation, sondern sie sind fremde Bastarde. Die Nation erinnert sich keiner Fehltritte, die Bastarde bestehen darauf, die Nation davon überzeugen zu wollen, daß sie dennoch die Produkte dieses Fehltritts seien, sowie daß Fehltritte unnötig seien, wenn die Nation sich rechtmäßig mit einer anständigen kulturellen Haltung kopuliere. Schmerzlich ist, daß wohl seinerzeit die Kreuzzugprediger von allen begeisterten Völkern trotz ihrer anderen Sprachen verstanden wurden, daß die Deutschen aber wie Kaffern und Chinesen einander nicht verstehen und dadurch nur mißtrauischer werden.

Hätte Heinrich Mann die Zartheit Anatole Frances besessen, so hätte er seine satirischen Bücher statt als Kanonade gegen seine Zeit mit der Ewigkeitseinstellung des Dichters losgelassen. Er hat, wo er den Bürger zerknittert, keine Distanz sondern Vergnügen an der Vernichtung. Es wäre darauf angekommen, zu zeigen, daß die „Untertanen“ und „Professor Unrat“ nicht getötet werden müssen, sondern daß dies der winzige Teil einer menschlichen Schwäche sei, die amüsant besonders im wilhelminischen Zeitalter blühte. So wäre zur Objektivität die Heiterkeit gekommen, die Frances Spitzbart umwölkt, und dazu vor allem die Wirkung. Denn Manns Romane haben die Deutschen nicht gebessert, sondern ihren Feinden nur das Material zu ihrem schadenfrohen „Kreuziget“ gegeben. Er hat nicht die Einstellung des weisen Mannes gefunden, der das Kleine nicht allzusehr beachtet und das Große auch nicht als Dupe hinnimmt, sondern vielmehr die die Welt als das Vergängliche, das sie ist, mit graziöser Skepsis zwischen den gespitzten Fingern aufhebt. Obwohl neben den Novellen die satirischen Romane seine besten Arbeiten sind, erreichen sie um dieser Einschränkung willen nur den dokumentarischen, nicht den menschlichen Wert großer Kunstwerke.