Transcriber's Note: The table of contents has been moved to the front of the book.
Die sechs Mündungen
Novellen
von
Kasimir Eschmid
Kurt Wolff Verlag
Leipzig
Zehntes bis zwanzigstes Tausend
Copyright 1915 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
Hof- Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner, Weimar
Diese Novellen, die die sechs Mündungen
heißen, weil sie von verschiedenen Seiten
einströmen in den unendlichen Dreiklang
unsrer endlichsten Sensationen: — des Verzichts
— der tiefen Trauer — und des grenzenlosen
Todes — sind geschrieben zur einen
Hälfte im Herbst Neunzehnhundertdreizehn
und im folgenden März zum anderen Teil.
Sie sind gewidmet dem
Doktor Heinrich Simon
Inhalt
| Der Lazo | [1] |
| Der aussätzige Wald | [33] |
| Maintonis Hochzeit | [69] |
| Fifis herbstliche Passion | [99] |
| Yousouf | [129] |
| Yup Scottens | [201] |
[Der Lazo]
Raoul Perten verließ das Haus.
Seine Füße stiegen die Treppe herunter, er fühlte es und die Bewußtheit des mechanischen Vorgangs erfüllte ihn ganz, beruhigte ihn fast, obwohl keine Erregung in diesen Tagen vorangegangen war, und dies erstaunte ihn ein wenig.
Es hatte ausgeregnet, die Erde strömte nach den Umwälzungen des Gewitters aus aufgerissenen Ventilen dankbaren Geruch in die Höhe. Zwischen den gelben Kieswegen lagen kleine schrägsteigende Dampfwolken, und die wassergefüllten ungeheuren Dolden der weißen Fliederbüsche betteten sich schwer, geneigt und getrunken in das Feuchte der Blätter, und als einziges Geräusch klang das Rieseln seiner ablaufenden Tropfen in der Luft.
„Das ist alles so einerlei wie ungerecht,“ sagte Raoul. „Wenn ich dies so durch die Nase ziehe, überjagt mich etwas wie etwa die Ahnung eines maßlosen Flugs. In fünf Minuten aber ist das vorüber und ich weiß nur noch, daß wir den Abend zu sechs Gängen soupieren, daß Onkel den Louis Schütz mitbringen wird, daß Blumenthal morgen (was macht es mir?) seinen zweiten Rekord feiern wird, übermorgen vielleicht Hans stirbt oder Mella mit dem Russen verschwindet. Und was geht das Wissen da all mich im Grunde an . . .? Onkel hat einen neuen Chablis entdeckt und denkt, daß man ihn den Abend drum feiert. Der Präsident wird gegen zwölf wie gewohnt seinen Witz erzählen. Rosenheim lacht durch die Nase. Mella wird im Orpheum meinen leeren Platz sehen, sich ärgern oder freuen oder auch nur erschrocken sein.
Fiele ich dort an der Straßenecke in einen gewaltigen und (oh!) varietègrünen See oder sauste ich in einen grandiosen Backofen — — — es wäre objektiv ganz gleich, ich würde mich in dem einen Falle nicht mehr erstaunen als in dem zweiten oder andere Bewegungen machen, man würde die Tatsache als eine kleine zwischenakthafte Sensation anständig, vielleicht graziös aufarbeiten — — — ohne viel Verwunderung . . . nur Onkels bedauernswerte schwarze Glacès würden einige Tage lang steigen und sinken, monoton und heftig wie Pumpenschwengel . . . — Doch dieses Möglichkeitsausdenken ist sehr langweilig. Monologe sind literarisch. Die Geste ist verwundert — alt und blasiert. Bin ich blasiert? Bestimmt? Ehrlich? Nein! Wenn ich am Sonntag reite, den Dreß spüre, das leichte Keuchen höre aus der Gurgel des Gauls und von seinem Mundschweiß beschneit dahänge zwischen Zügeln, Rücken, Gegnern und Welt — — — weiß ich, daß dies eine Sekunde Seligkeit sein wird, ist. Auch wenn wir im Auto den Rhein hinunterrasen und dann quer über Holland und die mitteldeutsche Hypothenuse zurück . . . dann sitze ich nicht, Beine ausgeklemmt, weit voraus, das Rad zwischen zwei Händen hebelnd und von Zeit zu Zeit das kratzende Geräusch des bewegten Vergasers über das Gehämmer des Motors setzend . . . sitze ich nicht, braun, die Nase wie ein Akzent über dem eingummierten Gesicht mit dicken hellbraunen Lederhandschuhen auf dem Apparat — — — vielmehr irgendwo bin ich darüber, in der Höhe, fliegend (doch keineswegs so wie im Aero: göttlich und doch gebunden!), sondern aus einer großen Ruhe heraus gewaltig herunterlugend und das Gefühl ruckweise wie Bissen genießend: Das weiße Netz der Landstraßen, hell, weiß, flimmernd vor Staub, sei eine Befriedigung, eine stolze Sache . . . die hellen Schläuche führten alle in eine Seligkeit, in einen ungeheuer kreisenden Horizont, dessen unermeßliche Offenheit anzuschauen so etwas sei wie ein Ziel.
Allein wenn ich nach außen fasse, nach rechts außen, und den Hebel zurückschmeiße und — der Wagen steht, so weiß ich: Alle Chausseen seien doch nur ineinanderfließend und auf das erste zurücklaufend nicht mehr als ein stumpf machender Kreislauf und eine Schlange, die sich in den Schwanz beißt. Mein Rücken sofort dann krümmt sich ein wenig wie im gutsitzenden Cutaway, mein Bizeps erlahmt in dem Ärmel, der wieder korrekt darüberfällt, sich erst an der Manschette von neuem erweiternd. —“
Innere Monologe dieser Art dauern in der Regel straßenweit und haben den Vorzug, in abenteuerliche Stimmung zu versetzen und den Weg aufs angenehmste zu verkürzen, da man sich hierbei des Gehens als physischer Erscheinung nicht bewußt wird. Daher war Raoul Perten schon tief in die Stadt hineingekommen. Er bewegte sich an einem Tramwayhalteplatz vorüber. Der Wagen leerte sich beinahe völlig. Das Gesicht eines der ausgestiegenen Herren schwebte plötzlich über Raouls Gesicht und sammelte seine ganze Aufmerksamkeit langsam auf sich. Raoul sah eine Hakennase, von der viele parallele kleine Adern nach den Augensäcken liefen und sich dort in einem Chaos von disharmonierenden Linien austobten. Die Ohren waren oval, steif, fast gespitzt und ganz hell.
„Mein Junge,“ sagte dieser Mann. Es war sein Onkel. Sie reichten sich die Hand.
In diesem Augenblick, während dieses Vorgangs, der sich täglich in unzähligen Variationen, der sich seit Raouls sechstem Jahr (also fünfzehn Jahre hindurch) vollzog wie irgendeine Funktion (denn teils durch Zufall, einigerseits auch aus einer hyperbolischen Marotte des Alten waren sie in dieser Zeit kaum einen Tag getrennt gewesen), in der schamlosen Selbstverständlichkeit und Verbrauchtheit dieser Gebärde vollzog sich, die gewaltigste Umwälzung in Raouls Leben.
Er stand da, den Stock auf der Spitze seines Schuhs, ihn oben leicht drehend, die andere Hand im Paletot und sagte, obwohl er keine Sekunde daran gedacht hatte, sagte wie in einem Trance: „Ich werde ein paar Tage verreisen, Onkel“ und diese Worte erstaunten ihn selbst nicht . . . und wie er ruhig die Scheine einsteckte, nein, wie er sie ergriff mit drei gespitzten Fingern, als der Onkel sie ihm reichte und ihn bat, doch jedenfalls den Abend da zu sein und daß er sich überlegen wolle, ob er auch mitkomme ohne die Frage, wohin überhaupt . . . da spürte Raoul in einer großen Erregung schon, wie sich neue Dinge in ihm von diesem seitherigen Leben schon wieder lösten und andere nachbrachen und in der angegrabenen Rinne der neuen Erkenntnis weiterrannen — denn er begriff plötzlich, daß diese gespitzte Bewegung seines Armes keine sei, die nur irgendwie seinem Bizeps korrespondiere, und Mißverhältnis zwischen seiner Situation und seiner Anlage und Natur klafften ihm klar auseinander.
Er packte die Scheine und rollte sie wie Stanniol zusammen („Ja! wie Stanniol“ lachte er) und steckte sie in die Tasche. Er wartete, bis des Onkels Gang, der selbstbewußt und sehr nach außen war, nicht mehr sichtbar blieb.
Dann rannte er auf einem abkürzenden Wege nach Hause. Wie er die Treppen hinaufsauste, empfand er nicht mehr die Tatsache des Bewegens. Wie sollte er die Existenz seiner Beine im Bewußtsein haben, wo er lief! Er kam bis unter das Gegiebel des Dachs. Ergriff die Kugel mit den Scheinen und legte sie ganz sachte in ein großes Spinnennetz, das seit Jahren dahing, und setzte mit einem Schwung, der gewohnt aus der Hand kam, trotzdem er seit der Kommunion nie so hoch im Haus gestiegen war, die rotpunktierte Spinne darauf. Worauf er lachte, ein Stück die Treppe hinabstieg, plötzlich niederkniete auf beide Knie und vor Entzücken einige Male in die Hände klatschte. Dann durchsuchte er seine Zimmer nach Geld, die im ersten Stock lagen, packte, was er fand, und rannte wie ein Tremolo die Stufen herunter.
Im Garten blieb er stehen. Er pflückte einen Zweig von der alten Vogelbeere und behielt ihn, leicht damit spielend, in der Hand. Dann ging er. Ging ohne Erregung, Posse, Sentimentalität. Ging wie ein Passant, der eine stille Gewißheit hat oder jemand, der eine Freude in sich spürt, die noch nicht klar und reif geworden ist. Ging wie von einer Stelle, die einem so vertraut und dadurch so entfernt geworden ist, daß es selbst eine fabelhafte seelische Vergeudung bedeutet, sich auch nur die Komödie einer Traurigkeit einzureden. Es war ihm, er sehe seines Onkels Schatten über eine Gardine gleiten, doch mochte dies ein Irrtum sein. Er kam auf die Straße. Da stand eine Laterne, die einmal ein betrunkener Fahrer umgeworfen hatte. Er schritt an ihr vorbei. Ging immer weiter. Aus einer Abendschule strömten Kinder, und wie er sah, daß sie begehrlich vor einem kleinen Bäckerladen standen, kaufte er einen Arm voll klebrige Sachen und warf es über sie.
Es ward ihm heiß beim raschen Gehen. Denn er eilte übermäßig, weil ihm keineswegs klar war, wohin er gehe; nur daß er sich entferne, wußte er, und das genügte ihm. Er zog seinen Covercoat aus und nahm ihn über den Arm. Es war dunkel. Laternen flammten auf, und er sah mit einem Male einen ganz hellen Filzhut, der oben in eine Linie zusammengepreßt war, eine saloppe und originelle Haltung und ein Gesicht mit einer Zigarette, und er nahm seinen hellen Mantel, nannte den Menschen seinen Freund und schenkte ihn dem, der überrascht sich oft verbeugte und vielemals „Sehr geneigt“ sagte. (Er hieß Keybbell und war das an Willkürlichkeiten der Stunde nicht ungewohnte abonnierte Modell eines sehr jungen Bildhauers.) Darauf rannte er weiter und kam an eine Litfaßsäule, die grell erleuchtet war.
An ihr entschied sich sein Schicksal.
Er sah eine Reeling. Ein paar Buchstaben sogen seinen Blick auf. Seine Haltung ward mit einem Ruck ganz gestrafft. Er schob die Beine auseinander und warf mit einer eigentümlichen Bewegung die rechte Schulter zurück und ging von dunklen und heißen Gefühlen überflutet in den spritzenden Regen einer schmalen Wolke hinein, die den silbernen Himmel rasch und scheu noch überschwamm.
Er dachte, daß er in einem glänzenden Paradox das Negative des Mantelverlusts gewissermaßen zu einem Äquivalent mit dem Positiven einer neu übergestreiften Psyche gemacht habe. Aber er sagte es nicht, weil ihm schien, die Zeit der zynischen und geistvollen Glossierungen sei vorbei. Er dachte kurz an eine Zigarette. Aber er zündete keine an.
Zündete keine an, sondern ging mit aufgeblasener Brust auf seinen großen Horizont zu. — — —
Die Überfahrt machte er ruhig im Zwischendeck. Zehn russische Polen lagen im selben Raum mit ihm. Es ärgerte ihn, daß er sich abends ein feuchtes Tuch vor die Nase band, weil dieser Geruch zu entschieden war. Denn es war ihm klar: daß es wertlos sei, sich mit seinen Allüren und Gewohnheiten in irgendwelche Strudel hineinzuwerfen. Daß es vielmehr nötig sei, statt von einer Mittellage aus unsicher nach zwei Richtungen hin und her zu schwanken, von ganz unten her und ohne jede Voraussetzung die Welt zu durchstoßen nach oben hin. Und daß er hierzu alles Angelernte abtun und an sich töten müsse. Das nasse Tuch aber lehrte ihn, daß viel schwieriger wie die Überwindung größter Leidenschaften der Verzicht sei auf gewohnte Zivilisierung. Aber er verzagte nicht. Drei Tage darauf nahm er an einem schmierigen Fest der Polen als Solosänger teil. Sein Bariton ward so zu etwas nutz, und seine Methode erwies sich zukunftsreich. Nach fünf Tagen spielte er täglich Karten mit Hamburger Sträflingen, die noch den transparenten Teint ihres letzten Aufenthaltsortes hatten. Er fühlte schon, daß er steige. Sinken konnte er nicht, da er keine Erwartungen hatte.
Allein seine Haltung viel auf und seine Hände noch mehr. Er beobachtete den Gang der Matrosen und prägte ihn seinen Gliedern ein. Ihm fiel dann die Unsitte eines Freundes ein, der den rechten Fuß grundlos in einer kleinen Kurve bei jedem Schritt nachschleifte. Er verband diese Note mit dem Seemannsmarsch und fiel nun nicht mehr auf. Seine Hände aber schienen sofort demokratisch, als er sie einen Mittag lang zum Putzen einer verschmergelten Maschine großmütig auslieh. Längere Zeit umschlich ihn ein bärtiger Kerl aus Sachsen und erzählte ihm lange Elendgeschichten in der Art wie sie jedermann weiß. Er gab ihm zwei Mark und hörte kaum auf ihn. Aber er sah gleich ein, daß diese Handlung töricht war, denn sogleich kamen andere und dann wieder der Bärtige. Da lernte er auch dies: nahm den Hund und warf ihn die fettglänzende Treppe herunter. Und hatte nun Respekt.
Auch machte er, um den Umkreis dieser Lebenserkenntnisse zu vollenden, in diesen Tagen die erste Bekanntschaft mit einer ihm unbekannten Sorte Tiere.
Nach zwei Tagen Quarantäne stand er in New York. Es enttäuschte ihn nicht, aber es drückte auch nicht auf ihn. Vielmehr blieb er dieser Stadt gegenüber völlig indifferent. Denn warum sollte ihm das eine größere Begeisterung oder eine Erweiterung seiner Seele verschaffen, daß hier die Dimensionen mehr nach Hoch verschoben waren wie sonst.
Er stieg in eine Bahn und fuhr so lange, bis er bescheidene Straßen sah. Dort mietete er und dorthin schaffte er am Abend selbst sein Gepäck. Es gab zuerst für ihn noch die Schwierigkeit der Sprache, denn von der Schule aus wußte er wohl, wie Bescheidenheit heiße und daß Reichtum nicht glücklich mache, aber ein Zuschlagbillett zu nehmen erlaubten ihm seine Kenntnisse noch nicht. Jedoch fand er bald, daß Sicherheit im Auftreten und Bewußtsein mehr wiege wie planloses Wissen. Er schien Chance zu haben. Da sah er eines Abends im Hafen ein Kind, das weinte. Er wagte es nicht zu fragen, warum. Er schenkte ihm nur sein Abendbrot, das er in der Hand hielt, und fuhr am folgenden Morgen nach Milwaukee, denn diese Stadt war ihm zuwider geworden.
Er versuchte dort in den bekannten Formen unterzukommen: als Lehrer, Kindergärtner, Feuerversicherungsagent . . . doch ohne Erfolg. Er begriff, daß diese Positionen zu gesucht seien, eben weil sie zu bekannt seien, schlug sich an den Kopf, kaufte einen blauen Leinenanzug und von einem Nigger eine ölige Mütze und bot seinen Dienst an als perfekter Schlosser, Chauffeur und Monteur. Ein Fabrikant fragte einmal: „Kannst du Milchseparators machen?“ Er antwortete, es sei seine Spezialität. Am nächsten Tag erfuhr er, daß es Blechkonstruktionen seien mit einer einfachen Mechanik, so daß auf der einen Seite die Buttermilch, auf der anderen die Butter herausspritze. Er machte am ersten Tag so viel, als die Mindestzahl der Einlieferung betragen mußte, und bekam für das Stück fünf Cents. Soviel stellte er die ersten vier Wochen weiter fertig. Jeden Tag hatte er einen Dollar. Nach vier Wochen beschwerte er sich, die Arbeit sei zu hart. Er schaffe solidere Arbeit als die anderen und deshalb weniger. Man kontrollierte ihn und gab ihm sieben Cents fürs Stück. Von diesem Augenblick an machte er täglich so viel, daß er drei Dollars hatte.
Nach vier Monaten weckte man ihn nachts. Er stand auf und fragte. „Auf! rasch . . .“ sagten sie ihm.
Mit vier Möbelwagen rasten sie durch die Stadt.
Endlich roch er, was war. Kurz darauf sah er es auch. Ein riesiges Häuserquadrat stand in Flammen. Schnell band man ihnen Tücher mit roten Sternen um den Arm, und sie holten überall die Gegenstände des Wertes: Kassenschränke und Klaviere heraus. Nigger halfen unter der Inspiration von Rippenstößen. Man gab ihm fünfzig Dollars dafür.
Er betrachtete sie schweigend. Die Spinne saß auf einer Papierkugel, die zehnmal so viel wert war. Allerdings: für irgend jemand nur. Nicht für die Spinne. Auch nicht für ihn in dem Sinn und Umstand seines Lebens von damals. Er steckte die Summe vorsichtig und andächtig in die Tasche.
Am folgenden Morgen fuhr er nach dem Westen, fünf Tage spannte sich Land an ihm vorbei, heulte das Dunkel an die breiten Fenster.
Er ging nach seinem Gepäck in dieser Zeit, er rasierte sich, sprach mit den Menschen und las. In den Couloirs ging er spazieren wie Unter den Linden oder auf der Zeil. Sein ganzes Tun atmete eine sichere Ruhe aus; doch er fühlte, daß er, obwohl entschieden und klar, in einem fiebernden Sausen sich befinde, das überall um ihn war. Die Bekanntschaften dieser Tage erschienen ihm interessant wie kaum andere (obwohl er viele kannte, die faszinierender und berühmt oder bedeutend vor allem waren wie Blumenthal etwa, der Verse schrieb, Bucheinbände machte und eine Nacht mit einer ganzen Barbesatzung über Westdeutschland flog). Er empfand eine erstmalige Anteilnahme an den Menschen und Schicksalen, die an ihm vorübersausten, es zuckte ihm in den Fingern, von dem zu wissen, was sie ausspie, wohin sie rannten, was Farbiges und Erhelltes um sie sei. Aber er griff nicht zu. Es war nicht seine Zeit. Er schnitt alles durch. Stieg aus.
Ein Pfahl markierte die Station. Ein morscher Haufe Hütten (wie im geduckten Bewußtsein, nur ihm die Existenz zu danken) klebte um ihn herum. Einige Indianer verkauften geflochtene Gürtel mit Muscheln besetzt.
Über ihnen stieg ein gewaltiger Himmel auf. Gegen den fuhr er los, drei Tage lang, im Büffelwagen.
Gegen Abend kamen sie an eine mächtige Niederlassung, und da sie ihm gefiel, nahm er Stellung als Cow-Boy. Der Besitzer schlug ihm auf die Schulter und schüttelte seine Hand. Seine Frau nickte ihm kurz, freundlich zu. Die Tochter sah ihn nicht. Sie ging an ihm vorbei zur Tür so dicht, daß ihr Ärmel den Staub von seiner Schulter fegte. Raoul fand, daß dies seiner Lage entsprechend sei. Aber nachdem er innerlich einverstanden gelächelt hatte, biß er die Zähne zusammen und sah, daß sie zwei schwere Zöpfe hatte und ihren Nacken mit einem elastischen Trotz hochtrug.
Es gibt drei Ideale, die der Cow-Boy kennt: Revolver, Lazo, seidenes Halstuch. Im übrigen erscheinen sie als Schweine. Vom Hanf- über das Leder- zum Seidenlazo zu kommen, ist die Gentkarriere des Cow-Boy. Allein es gibt noch etwas in seiner schieren Unerreichbarkeit unermeßlich Köstlicheres. Das ist der Lazo aus geflochtenen Pferdehaaren. Der Gaucho kommt selten in seinen Besitz, obwohl er die Sehnsucht seines Daseins ist, weil er zuviel säuft und schießt. Denn ein oder zwei Jahre auf die Sehnsucht des Tages zu verzichten, um die Inbrunst eines Lebens einzutauschen dafür, ist eine Sache, die komplizierter ist als die letzte Wissenschaft oder mit Größe in den Tod gehn. Die Tochter des Besitzers aber hatte ihn, und Helen war stolz auf ihn, und siehe: breite Silberringe unterbrachen seinen Lauf.
Die anderen Cow-Boy ritten später an, pflockten und nickten ihm zu. Einige gaben ihm die Hand und einer nahm seinen Hut ab und sagte mit einem knappen Einknicken der Hüften: „Heinz Freiherr von Kladern. Werde hier allerdings selten mit vollem Titel angeredet.“ Die übrigen schauten dumm, weil er es deutsch sagte. Doch Raoul liebte ihn darum noch nicht, denn obwohl ihm das Originelle der Situation gefiel, sagte ihm die ins Humoristische stilisierte Form des äußerlich Verkrachtseins nicht zu. Dagegen schloß er sich zusammen mit Jim, einem frischen Kerl. Er sagte sich, daß er im Augenblick ungefähr im Steigen auf der Höhe angekommen sei, die dieser Bursche hatte. Nämlich Kraft, Saftigkeit und eine Helligkeit des Auges, die den Dingen und besonders dem glänzenden Himmel etwas abzuzwingen immer bereit und sicher war.
Am nächsten Morgen haßte Raoul den Freiherrn.
Raoul hatte nicht Gewohnheit, ungesattelt zu reiten. Da nahm der Freiherr die Kugel aus einer Patrone, steckte einen Seifenbolzen hinein und schoß ihn dem Gaul auf den Bauch. Wie ein angedrehter Springbrunnen flog das Tier in die Höhe und Raoul saß mit hartem Schlag auf der Erde. Wut stieg ihm in die Fäuste, aber er entkrallte die Hände wieder, faltete sein Gesicht in Ruhe. Er wußte, er würde in einigen Tagen besser reiten als der Freiherr und empfand auch dies als Drang zum Handeln, Überwinden und Durchsetzen. Aber da die anderen gelacht hatten und das bös war, bat er den Freiherrn, eine Flasche mit der Hand wagerecht zu halten auf zwanzig Schritt von ihm. Der weigerte sich. Jim zog seine Reithandschuhe an und hielt sie, und Raoul bluffte sich damit in alle Achtung und Bewunderung zurück, daß er seelenruhig zum Hals hinein und den Boden heraus schoß. Und keiner lachte mehr.
Nach einem halben Jahre fand er zwei Werst von der Farm ein Buch. Er hob es auf. Longfellow: Hiawatha . . . Helen stand vor dem Hause und knotete ihre Zöpfe auf. Und er vergaß sich und redete das erstemal zu ihr, und gegen seinen Willen, ohne daß er es spürte, gingen viele abgestorbene Formen wieder in ihm auf, und er sprach, daß er das Buch gefunden hätte und daß er wisse aus seiner frühen Jugend, wie rauschvoll es sei, und daß er es ihr bringe; denn er glaube, daß es nur ihr gehören könne und fürchte, sie hätte diesen Verlust als einen besonderen Schmerz empfunden. Und hier sei es nun.
Da entdeckte er an ihrem veränderten Wesen und ihrem schwer beherrschten Erstaunen, daß er in seinen alten Leib zurückgefallen sei oder vielmehr sich selbst in seiner neuen Entwicklung übersprungen habe. Er merkte, daß es in ihm wüte, sah, wie sie den Blick hob. Spürte ihn steigen an seinem Körper, grausam und langsam wie Quecksilber sich hebt, bis er die Richtung seiner Augen traf. Da sagte sie: „Danke.“
Er kam wochenlang nicht auf das Gehöft aus Zorn gegen sich. Er schlief nachts schlimmer als die anderen, frei im Gras, auf Steinen, fluchte und betrank sich hin und wieder.
Aber sie kam zu ihm. Sie kam als Herrin, das tat ihm wohl. Sie kam freundlich, und er wußte nicht, wie er sich hierzu stellen sollte. Aber sie nahm ihn einfach mit in ihrer Art, riß ihn vorwärts, während er von Europa sprach und sie Washington dagegen hielt, in dem sie zwei Jahre in einem Pensionat interniert war, und sie sprach französisch und er entgegnete ebenso, doch sie fragte ihn nie, wer er sei, und gab ihm zwischendurch leichte Aufträge, halb Wünsche mehr mit ausgeprägtem Akzent. Einmal sah er den Freiherrn sich wo beschäftigt machen. Er wies sie auf ihn. Sie hob kaum die Schultern. Wie konnte der sie etwas angehn. Und Raoul liebte das Grenzlose dieser Verachtung und haßte sie darum gleich. Denn sie war über ihm und der Geist seiner Kaste saß in ihm.
Zwischendurch quälte er sich über das Ungewisse des Verhältnisses, das zwischen geschenktem Vertrauen, das er durch nichts erworben hatte (und der Teufel lasse sich von oben her unverdiente Sentiments schenken!), und der Gefahr des Beiseitegeschmissenwerdens hin und her vibrierte. Da gab es einen Tag, wo sie die Sache klärte, indem sie ihm mit ihrem Stolz wie mit einer Gerte über das Gesicht schlug.
Sie hatte in seiner Herde eine helle Stute entdeckt mit ausgesprochen weichen und feinen Formen und wünschte sie, fehlte aber mit ihrer Schnur. Raoul fing sie mit seiner hanfenen. Zuerst war sie erfreut, klopfte dem zitternden Tier den samtenen Hals und schien dankbar, bis sich im Weiterreiten eine Falte in ihre Stirn bohrte und sie mit einer hochmütigen Bewegung ihren Lazo ihm hinüberschnickte und mit geschärfter Stimme sagte (und verzogenen Lippen): „Sie können ihn haben. Da! Er taugt mir doch nicht mehr.“
Seit seiner Knabenzeit spürte er, wie zum erstenmal wieder rote Wallungen sein Gesicht zudeckten, er rührte keine Hand nach der Schnur, wandte, ritt davon, grußlos. Zornig. Wußte nun, daß es ein Ziel sei, sie zu besitzen, sie zu gewinnen. Gott, wie die Wunde ihn freute, die sie ihm gerissen, wie er sich freute, daß er heruntergeschmissen war von ihrem achtungsvollen Interesse, in dem alle Handlung ihm gebunden war. Nun lag alles an der Gewalt seiner Hände.
In dieser Zeit kam ein Verwandter des Besitzers aus England auf die Farm. Er hatte in New York Geschäfte gehabt und wollte den Westen sehen. Er hatte vor, zwei, drei Wochen zu bleiben, ward aber nach ein paar Tagen schwer krank. Die gewohnten Praktiken versagten. Raoul und Jim rissen eine Stange aus dem Zaun und ritten vierundzwanzig Stunden hindurch. Dann waren sie wieder da. Auf einem dritten Pferd hatten sie den Arzt, an der Stange zwischen sich die Apotheke. Die Krankheit war jedoch nicht schlimm.
Helen traf Raoul im Gang zu ihrem Stall. Vielleicht hatte sie auf ihn gewartet. Sie war ganz weiß und schien an ihm vorbei zu wollen. Dann blieb sie doch stehen und sagte mit einer Stimme, die so beherrscht war, daß die Verzweiflung aus jedem Vokal weinte und in jedem Konsonanten pfiff und mit einer Kälte, die kaum die Wut markierte, daß ihrer Unnahbarkeit dies zugestoßen sei: der Freiherr habe sie die Nacht angegriffen . . . Sie stockte, denn sie empfand, daß sie nicht wisse, was sie eigentlich wolle. Und stotterte, daß ihr Vater zwar den Freiherrn peitschen lassen würde . . . aber . . . nein . . . das . . . sie könne es ihm nicht sagen. Raoul begriff, daß es Zorn von ihr sei gegen sich, so klein zu ihren Vater zu kommen, denn sie hielt ihren Stolz allein durch die Möglichkeit einer solchen Sache beschämt, aber er wunderte sich nicht und fragte nicht: warum sie das ihm sagen könne. Provozierte nur einen Wortwechsel, warf dem Freiherrn die Schlinge über und schleifte ihn ein Stück.
Dann erwartete er alles. Am selben Abend hörte er einen Schuß und die Kugel. Zwei Tage darauf ritt er auf ein Gebüsch zu. Es fiel ein Schuß. Die Kugel drang in den Sattel. Sie war von vorne gekommen und hatte ihm den Schenkel gestreift. Trotz aller Schmerzen suchte er das Gebüsch ab, fand aber nichts.
Aber er spürte, daß ein Ende not sei. Die Nacht, ehe er nach den Weideplätzen des Freiherrn ritt, nahm er Blei und Papier und schrieb seinem Onkel, er solle ihm nicht übelnehmen, daß er heute erst dazu komme, ihm zu schreiben, er sei jedoch sehr beschäftigt gewesen und habe die unmaßgebliche Absicht, seine Reise noch einige Zeit fortzuführen. Er sei übrigens in Amerika, momentan wenigstens, für den Fall, daß der Präriestempel unleserlich sei. Doch sei der augenblickliche Aufenthaltsort ebenfalls unmaßgeblich. Er könne auch dem Wunsche des Onkels, etwas für ihn zu tun, womit er ihn das ganze Leben stets im Übermaß bedrängt habe, gar nicht entgegenkommen, da er leider ganz ohne Bedürfnisse sei. Vielleicht nehme er aber ihm zuliebe die kleine Mühe auf sich, bis unter das Dach zu kriechen, wenn er wisse, wo das sich in seinem Haus befinde, dort am dritten Dachfenster aus dem großen Spinnnetz, aber ohne die Spinne zu töten, eine Papierkugel zu nehmen und ihren anbei präzisierten Wert an seinen Freund Jim zu schicken. Jim sei nämlich ein entzückender Mensch, Gourmand, und wünsche ein Hotel in der Prärie aufzutun. Woraufhin sich der Onkel vielleicht entschlösse, die Gegend einmal zu besehen. Leider werde er voraussichtlich (aber wer weiß das bestimmt!) nicht mehr dort antreffen seinen Neffen Raoul.
Darauf schritt er am Morgen nach den Pferden. Wieder traf er Helen. Er hatte wegen seinem Schuß am Abend die Apotheke benutzt. Möglich, daß es ihr aufgefallen war. Sie war entschieden verlegen und hatte Ringe im braunen Gesicht. „Wohin . . .?“
Raoul machte eine undefinierbare Bewegung. Ganz ziellos und groß ins Weite.
„Vielleicht — das wollte ich sagen — reiten Sie für diesmal mein Pferd. Ich kann heute nicht reiten und es soll nicht aus der Gewohnheit kommen . . . und dann (ihre Hand erschien hinter dem Rücken) . . . dann . . . nehmen Sie etwa auch meinen Lazo mit — ?“
Raoul zögerte.
Sie: „Ich — bitte.“
Raoul ritt von der Farm. Helens Stute war das beste Pferd im Umkreis. Wie leicht ihr Lazo war!
Der Freiherr erwartete ihn unruhig. Lang umkreisten sie, einander jagend, einen großen Pferdetroß. Die Tiere schoben sich schnaubend in dicken Keilen zwischen sie. Sie konnten nicht schießen. Die Lazos peitschten die Luft. Plötzlich riß zwischen den Gäulen eine Gasse. Der Freiherr brach durch. Raoul spürte, wie ihm das Blut gleich Nadeln in die Beine strömte unter dem Druck der entsetzlich pressenden Berührung des Lazos, der seine Brust einschnürte. Wie ein Paket sauste er auf die Erde. Die Arme waren angeschnürt, er konnte sie von den Ellenbogen ab erst bewegen.
Es genügte. Eh’ der Gegner anzog, ihn zu schleifen, zielte er, stemmte das Knie hoch, schrie etwas, schoß Heinz Freiherrn von Kladern eine Kugel mitten durch den Kopf.
Dann setzte er sich auf das Gras und schlug die Beine zusammen. Das da war ein Duell im Sinne des Landes. Dieses war klar. Er wußte, was das sagen wolle, daß Helen ihm Pferd und Lazo geliehen hatte. Er würde wieder sehr reich werden. Pah! Aber Helen würde auf ihn warten, wenn er nach Süden ritte. Und sie war schön, war stolz. Und dies: er glaubte, daß er sie liebe. Aber es schien ihm, daß er dann wieder da angelangt sei, wo er ausgegangen. Kein Himmel werde seine nächtliche Lockung über ihn wölben. Der Himmel würde eine Mauer sein, fest um ihn herum gebaut. Das Leben würde nichts mehr zum Steigern für ihn haben. Er begriff in einer qualvollen Sekunde, daß er für dieses Leben und seine Ansprüche verdorben sei, weil er mit einem satten Punkt eingesetzt und mit einem Ende begonnen habe, und daß nur ein Reiz ewig und wertvoll in ihm sei: sich selbst höher zu werfen und weiter zu steigern, und er begriff, daß dies in diesen Zeitläuften nur so weiter ungebunden und von unten weiterstoßend möglich sei.
Ein Schmerz stach sich in ihn hinein in dem Erfassen, daß er über Helen hinausmüsse und ihre Liebe und seine Sehnsucht überwinden müsse. Ihre Haare, der Nacken und das Bleiche, o vor allem, das ihren Trotz und ihre Erschütterung färbte . . . Er schloß schmerzlich die Augen und hielt die Lider lange darüber. Dann erhob er sich.
Er gab der Stute einen Schlag auf die Kruppe, daß sie schnaubend allein nach Hause lief.
Er hatte einen Augenblick lang das Bewußtsein, daß er nun, wo diese Schmerzlichkeit weiter über sein Leben hinaushänge, das Alte und Schwermachende nicht mehr zu fürchten habe. Doch sogleich kamen Zweifel, ob alles dies, was so qualvoll an Zeit und Geschick zu durchrennen ist, nicht doch allein aus einer Kette von aufgerollten Schlingen bestehe, die sich ineinanderfließend wiederholten im Hochhinaufgerissenwerden und in der Müdigkeit. Aber er schüttelte sie ab.
Stemmte sich auf, fing mit Helens Lazo ein wildes Pferd, bändigte es und sprang darauf. Der Lazo war aus weißen Pferdehaaren und aus dunkelen geflochten und mit Silberringen breit geschmückt. Raoul Perten ritt nach Norden zu. Und ritt und warf plötzlich die Arme hoch, daß sie hingereckt aufwärts standen, als fasse er, sich eingliedernd, in den Schwung eines maßlosen Trapezes und ließ den Lazo in mächtig sich vollendenden Ellipsen um seine Hände fahren — — . . . und ritt auf ein Stück Himmel zu, das sich wie ein blaues Dreieck zwischen zwei Hügel hineinbohrte und über dem ein Horizont aufbrach, ungeheuer, voll Ewigkeit und in flimmernden Rotunden kreisend wie ein von Rätseln durchstochener Schild.
[Der aussätzige Wald]
Benoit de St. More:
Ceste historie n’est pas usée
Jehan Bodel, Sire d’Arras ritt durch den Wald.
Er ritt ein gelbes Maultier und trug aus Verachtung keine Waffen außer dem kleinen damaskenischen Messer im Gürtel. Seine Arme hingen laß auf beiden Seiten des Sattels herunter.
Nach zwei Stunden pfiff es scharf.
Aus einem Gebüsch sauste ein Knäuel Menschen den Abhang herunter in die grelle Sonne. Einige hielten Keulen aus Holz in den Fäusten. Der vorderste tanzte geduckt, auf demselben Platz sich stetig hochschnellend. In seiner linken Hand drehte sich ein quirlendes Instrument aus Eisen, die andere, deren Finger aus dem Fleisch herausgekrochen waren und die am Knöchel zu einem dicken roten Schorf ward, krallte sich um ein altes rostiges Schwert. Alle waren von furchtbaren Fetzen schmutzigen Tuchs umhängt. Geschwülste und Narben fraßen sich durch die Gesichter der meisten. Langsam rollte etwas die Böschung auf allen Vieren ihnen nach herunter, hob sich mit langen weißen Haaren, stand ehrfürchtig zögernd, die Hände in Bewunderung und Tasten hebend und streckte zwei rote leere Augenhöhlen mitten in das stechende Licht.
Jehan Bodel griff nach seinem Messer. Es war zu klein. Sein Blick fuhr herum. Nichts war im Bereich seiner Hände. Er trat einen Schritt zurück und spie aus vor Wut.
Die Männer krochen wie Spinnen auf ihn zu. Ihr Anführer umtanzte ihn lautlos mit gierigen Sprüngen.
Da warf Jehan sein Maultier auf die Erde, hieb drei Kerbschnitte in den Oberschenkel, drehte das Bein aus dem Gelenk und erschlug ein paar der Angreifer, ging zurück, streichelte rasch das schreiende Tier über Maul und Hals, tötete es und schritt lässig, hochmütig den freien beschienenen Waldweg weiter.
Es bewegte ihn ein Gefühl: Zorn, daß er keine Zeit hatte, das Maultier zu töten, eh’ er es verwundete. Er dachte nicht daran, daß er auf ihm hätte fliehen können. Jehan floh nicht.
Kam am Mittag nach Erigny, wo großer Markt war. Viele Auslagen färbten den Platz bunt, und ein erschütternder Tumult bewegte sich über die Straßen. Jehan stellte sich auf eine Tribüne mitten im Platz, und als Ruhe war und Kopf an Kopf gesät sich gegen ihn schoben, verhieß er, vor Ekel geschüttelt, jedem, der im Wald einen Aussätzigen erschlüge, zwanzig Denare.
Darauf kaufte er zwei Bracken, silbernes Sattelzeug, einen schneeweißen Hühnerhund und eine Stute, deren Schweif den Boden peitschte.
Er ließ alles an seinen Gasthof bringen, bestellte Spielleute und aß. Als er seinen Lieblingsfisch auseinanderlegte, schob sich ein Mönch durch die Tür und suchte zu Jehan zu kommen. Doch der Wirt spreizte die Arme und drückte ihn zurück. Jehan Bodel liebte allein zu speisen. Allein der Mönch bestand darauf und schwur lang und laut bei St. Vinzenz, bis Jehan aufmerksam ihn herbeiwinkte. Bis auf zwei Meter, denn er wünschte nicht, von seinem Atem belästigt zu werden. Der Mönch schlug ein Geschäft vor. Jehan aber machte eine so abweisende Geste, daß er zu winseln begann und schwur bei den runden Blutstropfen von St. Morant, Jehan werde nächtelang aus Reue seine Brust schlagen. Und wie er von dem gesättigten und zufriedeneren Mund des Gegenübers die herbe Strenge abfallen sah, stieß er hastig einen Schritt vor und sagte leis etwas.
Jehans Gesicht blieb kaum bewegt, des Mönchs Fratze bedeckte sich aber mit einer fetten Vertraulichkeit und sagte und schwor bei dem Leibe der heiligen Afflise, die Ware sei gut.
Jehan lachte ungläubig und edelmännisch und folgte ein wenig zurückgestoßen, mehr aber neugierig. Sie überquerten den Hof, schoben einen Strohhaufen zur Seite, gingen durch einen Stall . . . dann riß der Mönch eine verborgene Tür auf.
Ein kahles Zimmer tat sich auf, das nur ein schräg in die Mauer gerammtes Bett enthielt, auf dem ein Mädchen kauerte in südlicher Haltung, von vielleicht siebzehn Jahren, die sich nun zu einer adligen und beschämten Haltung erhob und eine rührend große Schönheit entfaltete. Der Mönch wollte ihr die Tunika abziehen, allein Jehan wies ihn zurück, verbeugte sich und fragte, wie sie heiße.
Sie sagte: „Beautrix“ und sagte es in limusinischem Dialekt, dessen dunkle Schwingung Jehans Ohr entzückte. Sie hatte eine so schmelzend weiße Haut, daß sie unmöglich aus der Provence sein konnte. Der Mönch sagte: Aus Byzanz.
Da kaufte Jehan sie ohne Prüfung um zweitausend Denare.
Er setzte sie auf ein Maultier und sie ritten zusammen aus der Stadt. Jehan sprach nichts zu einer Sklavin. Sie ritten schweigend, sie ein wenig hinter ihm. Plötzlich kam ihnen Gebrüll entgegen, schäumende Rufe spritzten durch die leere und helle Luft, in der vorher nur das Knirschen lag vom Huf der Tiere durch den mahlenden Sand.
An dem Kreuzweg raste eine nackte Prozession an ihnen vorüber, Männer, die Fahnen trugen, schmutzig bestaubt, Frauen und Kinder, einige mit Säuglingen an den strotzenden Brüsten, Greise, die ihre müden Glieder vorwärts schnellten, und alle die Munde voll Geheul. Manche hatten den Arm um die Weiber geschlungen und sich in sie verkrampft, Mädchen liefen mit gelösten Haaren und ließen sie vom Wind hinter sich aufbäumen, in die Männer wieder ihre Gesichter tauchten . . . und alle sausten singend und schreiend mit stampfenden Sprüngen vorbei.
Beautrix errötete und wandte den Kopf, als der Zug vorbeischoß.
Da wußte Jehan, daß er einen guten Kauf getan. Er schnallte seine Bügel hoher und hob sie herüber vor sich auf die Knie, jagte ihr Maultier mit Gelächter, lachte, küßte sie und rannte mit ihr durch den Wald. Die Hunde jagten vor ihm.
Er dachte nicht an die Aussätzigen. Denn er fühlte, wie die Glieder von Beautrix heiß wurden. Noch einmal küßte er sie. Da war es schon dämmerig geworden. Der Hühnerhund sprang vor ihnen hin wie ein weißer Strich.
Der Wald lag dann hinter ihnen in einem dunklen Bogen gleich einer Augenbraue. Dumpf rauschend wie zwei Fledermausflügel zogen sich die Tore von Arras im Abend hinter ihnen zusammen.
Jehan Bodel empfand das eben in dieser Weise und sagte es so zu Beautrix. Denn Jehan Bodel war (ohne daß er die kleine und falsche Schäbigkeit beging, es in seinem Leben auszudrücken und ohne daß es aus seinem Tun bewußt nur in einem Funken erhellte) der größte Dichter der Pikardie.
Er stieg an seinem Hause ab, legte ihre Kniekehlen auf seinen linken Arm, und indem er sie mit dem andern an der Schulter stützte, trug er sie in ein großes getäfeltes Zimmer, in dem ein ungeheures Bett stand, und sagte ihr, daß dies ihr Eigentum sei.
Dann wechselte er seine Kleider und ging zu einer Dame im Westen der Stadt, der er dort ein Haus unterhielt. Die Dienerin sagte ihm, die Dame sei in der Kirche, und er kam gerade recht, als sie die Abendmesse verließ. Er nahm sie und ein paar Weiber, die mit ihr waren, mit in eine trübe Schenke in der Ecke des Platzes.
Ein dumpfes Licht schwelte in dem Zimmer, das sie allein hatten. Holzpritschen mit Teppichen belegt umliefen die Wand und schlossen einen Kreis um den Tisch, der rund in der Mitte stand. Der Boden war mit leuchtend gelben und weißen Platten belegt. Es roch nach Wein und Rosen. Jehan ließ gemischten Wein kommen und nahm seine Dame neben sich. Eine Stunde später kamen noch einige Männer. Die Weiber lagen auf den Bänken und sangen.
Zwei wiederholten larmoyant ihre Beichten. Eine Rote erzählte, die Zähne fletschend, was ihr ein Minoritenprior gestern vorgeschlagen: sie möge die Haare kürzer schneiden und als Mönch bei ihrem Orden eintreten. Und ob sie sich dann auch die Haare blond färben und den Namen „Innozenz“ annehmen würde, fragte ein junger Mann . . . worauf sie beleidigt tat und ihm ihr Glas zwischen die Busenkrause goß. Ihm aber dann sich auf die Knie warf und ihn reuig in den Ohrlappen biß.
Jehan ließ Gewürze in den Wein kochen. Sie tranken stark und lachten. Die Weiber schaukelten auf den Pritschen und lallten Gesänge und Lieder durcheinander.
Allein Jehan langweilte sich. Die Zerstreuungen, die ihm Stellung und Temperament zur sonstig mittelmäßigen Erfreuung — mehr geduldet in der vagen Notwendigkeit, als erfreut genommen — machten, ließen ihn grenzenlos öd.
War es ihm nicht, als ob durch all den Qualm des Zimmers ein fremder Duft wie von Frauenhaaren, die er kaum kannte, an seinen Händen schwebe?
Er begriff die Wandlung, faßte das Unbehagen nicht ganz in seinem bewußten Grund, aber ergriff es in brutalem Wohlgefühl wie die Lösung dieser Spannung, als er im Lauf des Abends von einer der anderen erfuhr, wie seine Dame ihn betrog. Und da (siehe) es wiederum ein Mönch war, dessen Schatten hier seinen Weg kreuzte (nur daß er nahm dieses Mal und nicht darreichte), lachte alles in ihm über den Ausgleich. Er stellte die Kanne, die seine Hand gerade umfing, nicht einmal weg, griff seiner Dame mit der Linken ins Haar und warf die vor Erstaunen kaum Schreiende durch die Tür. Erhob sich lächelnd und frisch und schenkte das Haus im Westen der Stadt jener, die zuerst fünf Glas Mischwein trank und ging aufatmend, den Kopf schräg nach dem Himmel hinaufgelegt, die Arme hochgereckt hinaus in die Nacht.
In einer Nebenstraße fiel es ihm ein: er klopfte noch an ein Tor und befahl einem Händler, dessen Kopf am Fenster erschien, daß er am nächsten Mittag mit seinen besten Sachen zu ihm komme.
Die Dämmerung schlug sich durch die Straßen, und mit einem Anheben fingen alle Glocken an zu schwingen, als Jehan sein Haus betrat. Er wusch sich die Hände und das Gesicht, stieg in den anderen Stock und öffnete in einem schmalen Ritz eine Tür. In dem gewaltigen Bett sah er Beautrix und wie ihre lichten Glieder im Morgen blitzten.
Dann schlief er bis zum Mittag und ging frei hinüber, Beautrix zum Essen zu holen. Es tat ihm leid, wie sie in dem weißen und groben und unreinen Kleid, das sie am vorigen Tage getragen, erschien. Allein ihre Bewegungen waren so, als ob sie nichts trüge oder so; als ob sie persische Stoffe über den Gliedern hätte und wie es Jehan in einer raschen Erkenntnis schien so in einem; als ob dies gar nichts bedeute für den Adel ihres Wesens.
Während sie aßen, geschah etwas Seltsames; Jehan, der spürte, wie etwas, je näher er kam, etwas wie unbewußte und ungekannte Achtung sich zwischen ihn und die Sklavin schob, sah sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Er fragte. Da wies sie halb lächelnd wieder auf ihren Teller und sagte, daß sie dieses Gemüse nicht essen könne. Es war Kohl. Jehan lachte sehr. Dann überließ er sie dem Händler mit den Stoffen.
Am nächsten Morgen brachte er ihr ans Bett rote Blumen und Steine aus Alamanda. Den Abend sang sie ihm eine provencalische Dansa:
Amic, s’eu vos tenia
Dinz ma chambra garnia,
De ioi vos baisaria,
Qar n’audi
Ben dir l’autre di.
Qant lo gilos er fora,
Bels ami,
Vene-vos a mi.
Sie schürzte sich ein wenig und tanzte. Die Flammen zuckten auf dem Leuchter.
Den Morgen darauf brachte er ihr ein Falkenpaar, das in Brunst war, und nannte sie: Silberne Drossel — und blieb und küßte sie. Sie nahm keine Scham vor ihm und zog sich an, während die ersten Lichtstreifen den Boden kräuselten. Sie bat ihn zur Messe gehn zu dürfen, und er begleitete sie. Vor drei Altären betete sie. Die aneinandergelegten Hände hob sie vor jedem hoch auf im Dank, und dies war wie der Anfang einer Unsägliches ausstreuenden Gebärde. Als sie das Münster verließen, war der Ausgang versperrt. Eine Frau lag da in Kreuzform die Arme geweitet auf Bauch und Gesicht und betete fieberhaft. Vier Kreuze standen um sie und neben jedem Kreuz eine armlange Kerze mit zuckendem rötlichen Licht. Einige Leute standen um die Büßende, die nicht aufsah. Beautrix zögerte.
Aber Jehan ließ sich nicht verwirren. Er kannte die Frau. Er nahm Beautrix auf die Arme wie am ersten Tag, schritt über die Liegende und durch den dunkel aufgewölbten Mund der Kirche hinaus ins Licht. Und setzte sie nicht nieder; trug sie so über den Markt. Als er in die Straße einbog, setzte ihm schrilles Geschrei nach. Ein wenig wandte er den Kopf: Schwarz, schäumend stand mit wehenden Armen die Dame vor dem Portal und nannte Beautrix eine Dirne.
Jehan jedoch trug die Errötete in sein Haus.
Am nächsten Tag kam Jehan nicht. Er brachte keine Geschenke.
Aber wie die Dämmerung die Schatten vom aufgewühlten Gesicht der Beautrix abpflückte, nannte Jehan sie seinen Falken. Denn er war die ganze Nacht mit ihr.
Von diesem Morgen her hieß Jehan Beautrix in jeder Frühe seinen Falken. Manchmal auch: silberne Drossel. Doch dies geschah selten und nur bei Gewittern, die mit roten, glühenden Netzen das Fenster äderten und in eine überhitzte Glut anschwollen. Sie blieben einen kurzen Atem lang zitternd und wie ein Segel und zum Sprung gespannt in der Öffnung hängen mit gelbgrünen Drähten. Da warf sich Beautrix in seinen Arm und bebte ein wenig. Denn das bedrückte ihr Herz und war ähnlich wie das im höchsten Entsetzen zerbogene maurische Gitter in Jehans Arbeitszimmer. Das haßte Beautrix.
Zwei Wochen später ging Jehan zu einem Puy nach Rouen. Als er zurückkam, erwartete sie ihn lange blaue Stunden lang am Tor. Sie sah ihn die weite Plaine heraufkommen. Er winkte ihr zu, hetzte sein Pferd heran und schenkte ihr aus Freude seinen Preis, einen Mokoko. Der Affe schnurrte den ganzen Tag in seinem Bauer aus Holzstäben. Aber Beautrix zog die Lippe hoch. Da warf Jehan ihn aus dem Hause und ließ ihr eine weiße Blumennische bauen. Kaufte ihr einen ungeheuer bunten Papagei, mit dem sie spielte und ließ ihr einen Hengst in den Stall stellen, der weiß war wie seine Stute. Denn ihm kam es vor, alles müsse hell sein um sie, und er peitschte einen Griechen, der ihm einen Falken brachte, der nicht so weiß war, wie er ihn verlangt hatte. Beautrix’ Haut war das strahlende Licht und die ewige Lampe von Arras.
Eines Morgens tanzte Pferdegeklapper auf ihrem Schlaf und holte sie aus ihm hervor, und Jehan legte ihr selbst die gelben Strümpfe über die Füße und zog sie zwischen Daumen und gerundeter Hand bis übers Knie. Beautrix warf ein kurzes Kleid drüber und flocht ins Haar ein Band mit drei Sternen. Dann nahm sie zwei Falken und Jehan nahm zwei Falken und ritten Hasen jagen. Und als einer der Vögel mit einem maßlos trunkenen Aufstieg abbog und in den kühneren Kampf aufstieß und in rasenden Kreisen einen Reiher überstieg und Beautrix den Kopf auf das Genick gelegt mit einem Gesicht, das dies spiegelnd und das Übermäßige des Tages und dieses sich in das Heroische des Horizonts Verlierende wiedergab, aufsah, . . . da riß Jehan ihr den weißen, weiten Handschuh über Ellenbogen und Hand und biß ihr hart in den Unterarm aus unerträglich geschwellter Liebe. Sie ritten lang durch eine Ebene mit Weidengestrüpp. Der ganze Busch war voll Reiter und Reiterinnen.
Als Jehan Beautrix, die er verloren hatte, in einiger Entfernung später an den Pailletten erkannte, die ihr Kleid trug, ritt er gerade in dem Augenblick hinein, in dem ein junger Ritter Beautrix den verlorenen Handschuh überreichte, indem er ihn lang küßte, während seine Augen nach ihr langten.
Sie ritten durch den hellen Tag, bis sie voll waren von Jagd und satt und behängt mit Glanz und Abenteuer. Sie einigten sich zu einer Masse, die glänzend und schwer zurückritt, manchmal durchbrochen vom Gelächter einer der Frauen. Jehan ritt mit dem Ritter, der Girard hieß.
Den Platz der Stadt fanden sie zerrissen von Schreien. Aufbäumende, in wüste lange Schnörkel sich ausgießende Laute röhrten aus der Ecke. Ein Mann in dicke Tücher vermummt, vor dem Gesicht die Larve, war an einen Pfahl gebunden, die Arme verkreuzt. Sein Leib wand sich zwischen den Stricken hin und her in den fanatischen Konvulsionen eines Berauschten. Sein Kopf stand, am Hals in einer Klammer gefaßt unbeweglich darüber wie eine Plastik aus Stein, in der nur die Lippen sich verzerrten und die Augen, groß, rund und aufgesperrt sich verdrehten. Über ihm hing eine Röhre, die ein Mann bediente. Aus ihr fiel von Zeit zu Zeit ein Tropfen dampfendes Öl auf den Schädel des Gemarterten.
Sie riefen und man antwortete aus einem Haus: es sei Thibaut de Nesle, den ein Aussatz überfallen habe und den man so strafe dafür, daß er es verheimlichte und nicht beim ersten Zeichen die Stadt verließ. Da schwoll Jehans Gesicht vor Zorn. Er erinnerte sich des Todes seines gelben Saumtieres, das ein Preis war von Toulouse, und er verdoppelte den Einsatz für den, der einen Aussätzigen im Wald erschlüge und setzte ihn auf vierzig Denare. Dann warf er den Kopf zurück. Er ritt genau vor den Ritter Girard und befahl ihm, dem Henker zu sagen, daß er dem an den Piroli Gebundenen fünfzig Tropfen heißes Öl mehr geben solle auf seinen Befehl. Er sagte es laut vor den anderen Reitern. Er sagte es laut vor allen Köpfen, die in den Fenstern liegend, in Kreisen den Platz umschnürten.
Girard hob das Kinn. Auge stand in Auge. Jehans Blicke stachen lange in die des Ritters, bis dieser langsam zusammensank und die Schande auf sich nahm und zu dem Henker sprach. Als er zurückkam, war er bleich und Tränen liefen aus seinen Augen.
Der Aussätzige warf einen Schrei aus der Kehle der aufschwirrte und hinüberzischte wie ein Pfeil.
Auch in Beautrix’ Gesicht schwebte ein Weinen und ging nieder, als sie zu Hause waren. Sie fragte, warum er den Hohn über den jungen Mann getan hätte und zitterte, denn sie empfand, daß er grausam sei.
Doch Jehan wies ruhig auf ihren Handschuh aus weichem weißen Leder und malte mit dem Finger die Stelle, die Girard geküßt hatte und sagte: „Ich hatte ihn sonst töten müssen.“
Da empfand Beautrix in einer maßlosen Erhebung, wie sehr er sie liebte, und sie wusch sich viele Male den Leib mit Moro-Öl und byzantinischen Wassern am Abend, um ihn beflügelt und festlich zu empfangen und verzehnfachte sich in den sieben Wochen, die diesem Tage folgten, deren Tage straff und klar waren und deren Nächte überstrahlt über sie gingen, heller und furchtbarer als tausend Gewitter.
Eines Tages erschien ein provencalischer Sänger und übernachtete in Jehans Haus.
In dieser Nacht träumte Jehan Bodel, Sire d’Arras, er gehe durch einen Wald, dessen Bäume gebogen seien und tönten und sängen. Es war ein Lied, das ihn schmerzte. Er sah eine gläserne Tonne und floh in sie; sie bewegte sich, stürzte ab und über ein Riff ins Wasser und bohrte sich auf den Grund eines Meers. Einige Zeit hörte er nur die klingende Musik des Wassers, das an dem Glas rieb. Dann kamen Fische. Sie verschwanden. Dann war gar nichts als Meer, und die Endlosigkeit überfiel ihn und eine weite Leere umringte seine Gedanken, und wie er erwachte, war etwas in ihm, das wie eine Blumenspritze seine Sinne zerstäubte und ihn machte, als schwebe er.
Mittags ging der Provencale.
Er kam von der Abtei Mont St. Michel in der Normandie und wallfahrte nach San Jago de Compostella.
Sein Gesicht war dunkelbraun, seine Haare schwarz.
Er reichte Jehan dankend die Hand.
Als Jehan am Abend sein Kleid wechselte, erstaunte er. Er nahm den Spiegel . . . und in die Leere, die den Tag in ihm war und die sein Wesen zu einer Tiefe gehöhlt hatte, ergoß sich abstürzend, ihm neu und ihn zum erstenmal mit Maßlosem belastend, eine brandende Erkenntnis.
Jehan legte die Hände auf den Rücken. Ging durch das Zimmer. Stunde um Stunde. Beautrix klopfte. Er hörte nicht. Sie rief, es sei Nacht. Die ganze Nacht lag Beautrix allein in dem großen Bett. Der Mond spielte um sie. Das war ihr neu. Sie griff nach ihm. Sie schloß ihn in die Arme und weinte.
Jehan Bodel saß einen Tag reglos in einem Erker und sah durch das Fenster in die Stadt. Er saß auf einer schmalen Ottomane. Reglos standen zwei Säulen auf beiden Seiten neben ihm. Dann stand er auf, und Schaum lief von seinem Mund. Er zerriß die schwarzzurückgeschlagene Portiere, schlug mit einem Damaskener Fetzen aus seinen besten Schwertern und zerbröckelte sie dann in Stücke, daß seine Hände von Röte brannten. Darauf saß er wieder und starrte auf die Stadt. Eine alte Dienerin besorgte ihn. Er schlief auf der Erde und rieb sich den Körper mit ascalonischen Zwiebeln. Dann saß er und schrieb fiebernd.
Beautrix wartete und klopfte.
Er gab ihr kein Wort.
Sie schrieb ihm einen Brief; wenig, überströmend. Jehan biß die Lippen zusammen vor Schmerz und damit er nicht weine und sandte ihr lachend einen Kohlkopf, damit er ihre Liebe tötete.
Aber er tötete ihre Liebe damit nicht.
Nach einer Woche schwirrte das Gerücht durch die Stadt und die Umgebung, Jehan lese am Tage darauf sein neues Chanson.
Er trat an diesem Morgen selbst bei Beautrix ein. Sie lag, bleich, da sie nicht mehr aß, auf einem flachen Kissen auf den Stufen zu ihrem Bett.
Er sagte ihr kurz, sie solle ihr bestes Kleid anziehn und mit ihm kommen. Sein Mund war streng. Sie wollte sich auf ihn stürzen, doch er wies sie zurück. Da faltete sich ein Zug Trotz quer über ihr Gesicht, sie spielte mit dem Knauf des Bettes und regte sich nicht, wie er ging.
Dann aber lief sie hinüber und schaute durch das maurische Gitter. Er saß auf der Ottomane wartend und sie sah, wie der Zorn aus seinen Augen geschmolzen war und wie sie glanzlos starrten . . . Da zögerte sie nicht mehr.
Sie schlang den blauen und gelben Turban um die Haare und steckte sieben Dolche hinein und band an den ersten einen weißen Schleier, führte ihn unter das Kinn, das er schwebte, und hakte ihn wieder an dem siebenten ein. Dann schloß sie um ihre kleinen Brüste ein weißes Mieder, das dünne gerötete Zwicken hatte an den Achseln, welche in die Arme liefen mit engen Ärmeln aus reinem Goldbrokat und zwischen denen die weiße Seide des Rockes hinunterströmte zu den gekreuzten Schnüren aus Hermelin und dem Passepoil mit roten und lila Augen.
Sie gingen zusammen zum Markt. Eine große Masse bedeckte ihn und schob sich in Reihen durcheinander. Neue Ströme rauschten durch die Tore von außen. Vereine mit Talaren und ein Priester, der in rotbekleideten Händen eine Fahne hielt. Einige Partien sangen. Eine Schar Mädchen sang dann Sommerlieder, und der Rhythmus der Kommenden hakte in sie hinein wie das abgerissen Zanken von Papageien.
Jehan ging auf das Gerüst. Hinter ihm stand der figurenvolle, schlündige Eingang des Münsters, aus dem schwache Kerzen flimmerten. Jehan grüßte lachend das Volk. Ein seidiger blauer Himmel hing über dem Platz. Lachend gaben sie ihm den Gruß zurück. Dann wandelte sich sein Gesicht in eine undurchsichtige Strenge, und er las Li congie de Jehan Bodel d’Arras, das heißt, er sagte den Bürgern Lebewohl. Er las weiter. Die Gesichter unter ihm strafften sich. Sie spannten sich in eine atemlose Erregung. Einer hob die Hand. Alle hoben die Hand. Ein Sturm von Händen hob an und warf seinen Willen gegen die Brüstung, daß er bleibe. Und die Gesichter entstarrten sich und flammten auf in Ekstase und sie schrieen es. Sie tobten und stürmten vor.
Da hob Jehan beide Hände zum Hals, hakte sie ein und riß nach zwei Seiten das Kleid auseinander und stemmte ihrem Schreien seine nackte Brust entgegen. Er breitete die Arme aus. Auf seiner Haut tanzten blaue Flecken, und ein rotes Geschwulst durchbrach die Brust.
Ein Zittern lang stand das Brausen gegen das Ungeheure.
Die Arme sanken zurück Das Schreien ward Geheul. Männer rissen Weiber zurück von dem Aussatz. Sie wichen. Wie unter Peitschenhieben verknirschte der Aufruhr und duckte sich. Eins gab es nur: Flucht! —.
Einer wagte es noch, stieß die Faust in die Luft und brüllte „Pilori“.
Doch er blieb allein.
Als ginge ein Kreis von Jehan aus, der weiter wie im Wasser werde, kam etwas von ihm her und preßte die Menge vom Platz und warf sie in die Häuser und Straßen. Zwei trugen Beautrix ohnmächtig.
Dann ward es still.
Kein Ton. —
Jehan lächelte: Wie in der Tonne.
Der Markt hatte zwei Ausgänge. Jehan schritt nach dem einen. Es war ein Tor in einem Turm, der oben geteilt ist wie in zwei Henkel, zwischen denen eine große Glocke hängt. In seiner Mitte quoll ein Auswuchs heraus, formlos gewölbt, wie ein Nabel. Das war die Sonnenuhr. Jehan sah die Straße hinunter. Er sah niemand. Darauf schritt er zurück über den Platz nach der anderen Seite. Kein Auge stand an den Fenstern, die ihn anklafften. Er trug den Aussatz auf seiner Brust gerade wie ein Schild. — Hier lief eine dunkle Passage durch kleine wüste Gassen.
Jehan trug einen Turban aus Pelz. Seine Ärmel waren eng und trugen an den Gelenken Krausen aus Pelz. Eng schmiegte sich, nur vorn die Brust offen lassend, ein dunkelrotes Kostüm um seinen Oberkörper und rann dann unter dem Gürtel (aus Krokodilshaut) in einer breiten Glocke auseinander zu den Füßen, wo eine breite Pelzsäumung es aufhielt und ein Streifen aus Gold. Grün waren seine Schuhe.
So schritt er in die dumpfschrägen Gassen und hoffte, daß ihn einer erschlüge.
Doch es erschlug ihn keiner.
Sein Haus hatte eine breite Front. In den oberen Teilen lagen große Fenster mit Säulen. Unten mitten war eine hohe Tür. Sie stand auf den Tag und die Nacht. Niemand kam. Jehan wartete.
Niemand kam.
Gegen Morgen gingen viele Türen auf, und Reihen von Menschen zogen mit Kerzen durch die Stadt und zur Kirche.
Den ganzen Tag saß Jehan wieder auf seiner Ottomane. Das Zimmer war verschlossen. Beautrix klopfte den Morgen nach jedem Glockenschlag. Sie rief weinend Jehans Namen. Sie warf ihren Körper gegen die Tür. Sie fluchte auf den Provencalen, der die Pest auf ihn geworfen hatte. Er hörte sie nicht. Die Tür knirschte kaum.
Den folgenden Tag und die folgende Nacht stand das Tor offen an Jehan Bodels Haus. Niemand kam. Kaum ging jemand vorüber. Gegen Abend schaute Jehan durch das Gitter. Beautrix lag vor die Tür gestreckt wie ein feines helles Tier. Später zog ein Zug fremder bretonischer Sänger durch die Stadt. Ihre Roten und Violen klangen unten.
Nach Mitternacht sagte eine baritonale Stimme aus dem Dunkel hervorklingend unter Jehans Zimmer die Geschichte von Amis und Amile:
Sie waren Blutsbrüder, schön, ganz ähnlich und liebten sich. Da verführte Amis die Tochter des Kaisers und sollte ein Gottesgericht auskämpfen, aber Amile trat für ihn ein. Amile siegte und man erkannte ihn nicht und gab ihm die Prinzessin als Frau. Allein weil Amis Brunst heller war auf sie, ließ er sie ihm zum Ehebett und ward aussätzig zur Strafe. Aber Amis tötete seine beiden Söhne. Mit ihrem Blut gebadet ward Amile gesund. — — —
Dann verlief sich die Stimme, die Nacht sog sie auf, und am Morgen bot ein Mönch zwei Knaben an zum Verkauf.
Jehan lehnte ab.
An diesem Morgen bearbeitete Beautrix die Tür mit einem Messer und schälte Span auf Span heraus. Doch die Tür hatte eine Mittellage aus Eisen. Die Klinge brach ab.
Da legte sie sich stumpf über die Schwelle.
Gegen Abend hieb sie ihre Fäuste so lange gegen die Tür, bis sie das Gefühl ihrer Hände verloren hatte. Sie sah durch das Gitter Jehan dasitzen. Es schien, er schaue auf seine Hände. Da biß sie in das Metall der Klinke und sank blutend auf den Boden.
Auch die dritte Nacht kam. Weit stand die Tür auf in Jehans Haus. Sie spreizte sich auf, so offen stand sie. Niemand kam. Der Henker? Nein. Nacht. Die Nacht war so still, daß das Dunkel brauste.
Wie . . . ?
Stille, kein Ton kam durch die Straße.
Einmal stand er auf. Beautrix lag quer vor der Tür, eine Rinne Blut über dem Kinn. Er sah es. Allein . . . Er saß auch diese Nacht auf der Ottomane zwischen den Säulen.
Als die Dämmerung kommen mußte, erhob er sich. Er ging gerade auf die Tür und öffnete sie, Beautrix war verschwunden. Es war die Zeit der ersten Messe. Jehan rieb sich Gesicht und Hände mit ascalonischen Zwiebeln, die die erste Ansteckung verhinderten. Langsam ging er darauf in das Zimmer von Beautrix. Er roch an den weißen Blumen in der Nische . . . der Kamin . . . das Modell des großen Schiffes hatte er mitgebracht aus Dijon. Er empfand wie der Papagei sich regte, sah das geschnitzte Holz des Büfetts mit derselben Drehung und die Täfelung und die Teppiche aus Palästina darüber. Er zündete Lichter an an der Wand, und sie blitzten auf. Sie spiegelten flackernd in runden Metallplaketten und bestäubten das Zimmer mit einer dünnen Schicht Licht, in der er es mit einem Blick noch einmal aufnahm.
Aber alles war nicht mehr scharf genug, um in die neue entsagensschwere Tiefe seiner Seele einzuschneiden, und er fühlte es nur als ein Wehtun auf der Oberfläche und ließ den Raum wie in Bedauern zurück. Dann öffnete er das Zimmer, in dem er drei Monate neben dem blendenden Leib von Beautrix gelegen hatte. Er öffnete es in einem Ritz, sah das unbeschlafene Bett, sah die schmerzende Dämmerung an dem Fenster wühlen. Er sog den Geruch ein und sagte vor sich hin: Silberne Drossel . . . Scharf hoben in diesem Augenblick zwei Mädchen im Nachbarhause eine Reverie an.
Es wurde heller.
Silberne Drossel . . .
Er stieg hinunter in den Stall. Er strich seiner Stute über den Hals. Sie sah ihn an. Da erst überfiel ihn in einem kleinen Teil seines Hirns noch einmal Bewußtsein von dem, was nun alles von ihm abfalle. Er trat zurück. Ein Weinen riß sich in ihm los. Er legte seine Hand in das Maul der Stute. Die breiten Schultern zuckten. Lachen löste sich für immer von seinen Lippen. Dann wandte er sich.
An der Tür drehte er sich um, schlug die Achseln zurück und als sei die Last zu schwer und damit er auch dieses tilge, ging er zurück auf das Tier und tötete es.
Dann ging er durch das Fahlgrau des Morgens über die Straßen. Er ging vorüber, verächtlich an dem Pilori. Seine fleckige Brust stand offen. Alle Glocken fingen an zu läuten. Es war die Zeit der Prim. Es war hell, wie er über den Markt schritt. Ein Priester kam auf einer Stute zu dem Platz, sang laut und betete. Menschen kamen zur Kirche. Jehan ging durch sie hin und sie traten zurück und neigten sich vor ihm. So groß war an diesem Tage noch seine Macht.
Er kam an das Tor, überschritt die Brücke. Er ging weiter, drehte sich einmal um. Die Tore waren zugefallen. Rechts lag der See. Schwer knieten die acht Türme auf dem Nacken des Bollwerks um das Tor. Er sah es sinnend. Dann schritt er aufs Feld. Der Wald der Aussätzigen lag vor ihm. Wie eine Braue . . . schien es ihm.
Plötzlich traf ihn ein Schrei. Er sah einen Arm. Etwas Weißes trennte sich von dem Busch. Beautrix warf sich ihm entgegen:
„Wo willst du hin?“
„Nach dem Wald.“
„Du nimmst mich mit!!“
Er öffnete die Brust. Sie stampfte mit dem Fuß: „Es ist mir gleich.“
Jehan sagte ruhig: „Nein.“ Sie hielt ihn am Arm: „Ich will auch aussätzig sein. Was geht es dich an?“ Jehan wandte sich von ihr. Sie trat schäumend in den Weg:
„Du, der du mich küßtest . . . dort . . . das erstemal . . . schliefst du in meinem Bett Nacht auf Nacht . . . Weißt du, daß du mich hießest: Falke . . .“
Jehan wußte es noch. Er sagte: „Ja“ und nickte. „Silberne Drossel . . .“ sagte er.
Aber sie — (die nicht begriff) wie alles in ihm getötet sei und daß alles Weibliche in allen Beziehungen zu tief für ihn liege und kaum die äußersten Ränder seines Horizonts noch streife, da sein Geist schon ganz eingerichtet war auf den neuen Sinn seines Lebens, der ihr entrückt auf einem fremden Schwerpunkt lag) — warf sich auf seine Füße und weinte, daß er sie mitnehme. Doch er befahl ihr zurückzugehen. Sie wälzte sich und tat es nicht. Da schrie er sie an: „Sklavin!“ und als sie erstarrt sich aufreckte:
„Sklavin um zweitausend Denare.“
Sie klammerte sich an ihn.
Da stieß er sie zurück und schlug sie.
Er zog weiter. Beautrix lag hinter ihm, ein großes Stück helles Fleisch, durchrast und geschwellt von maßlosem Schmerz, auf der staubigen besonnten Straße. Wie waren die Blumen farbig auf den Wiesen! Wie legte der Morgen sich licht um die Welt!
Jehan schritt die Ebene hinunter. Er begegnete Wallfahrern, die in Jericho Zweige gepflückt hatten. Die Palmiers sangen: Oltree, Dieus, aie! Er ging auf die Seite, verbeugte sich.
Einmal noch mußte er wenden. Der weiße Hühnerhund lief ihm nach. Er trug ihn in den Graben und tötete ihn.
Und setzte den Weg fort. Jehan Bodel, Sire d’Arras, trug das dunkelrote Gewand mit der Bordüre aus Pelz. Er trug den Turban aus Pelz. Seine Füße gingen in grünen Schuhen.
So schritt er hinunter. Dann bewegten sich seine Lippen. Er sann. Sang ein Lied, das er wo gehört hatte. Es kam ihm wie durch einen Spalt: Von einem Freund . . . An einem Kamin in der Bretagne . . . Gasse Brullè? — — —
Er wußte es nicht mehr. Seine Gedanken waren davon abgeschwommen. Er verstand den Sinn der Worte nicht, die sein Mund hinauswarf, laut. Es war ein Liebeslied. Er sah auf seine Hände, die in Blut trieften:
Hé blanche, clere et vermeille,
De vos sont tuit mi desir;
Car faites en tel merveille
Droiture et raison faillir.
Quant je vos vueill a amie,
Droiz nel poroit otriier;
Se vostre grant cortoise,
De gentil dousor garnie,
Ne me deigne conseillier;
Mar vos oi tant prisier.
Seine Haltung war stark und königlich.
Mit einer ungeheuer schlichten Gebärde ging er auf den Wald zu, der ihm entgegenkam.
[Maintonis Hochzeit]
Plötzlich flackerte eine kleine Staubwolke auf. Ganz steil stand sie tief am Horizont auf der weißen glühenden Straße.
„Es sind noch fünf Minuten“, murmelte Antoine.
Ich konnte eine leichte Unruhe nicht verbergen; da nahm Antoine meinen Arm und zog mich unter die Platanen. Wir schritten langsam über Rasen. Das Gras war am Rand der Chaussee leicht gelb. Im Schatten stand es satt und buschig. Wasser lief zwischen zwei Grenzsteinen. Es war sehr heiß. Nun sagte Antoine: „Fahren sie mit nach Paris!“ Nach einer Pause wiederholte er mit eigentümlich gedehnter Betonung: „Paris.“ Dann wandte er sich um und sprach ganz laut und anders:
„Sie müssen nicht daran denken!“
Ich machte eine Bewegung mit der Achsel. Antoine kniff die Augen fest zusammen: „Er hat doch sein Ehrenwort gegeben . . .“
„Kurz! Ich sah ihn“, erwiderte ich ungeduldig. Es klang vielleicht schroff. Antoine beugte sich ein wenig vor, als warte er. Wir schauten hinunter. Die Staubwolke hatte sich hinter einem kleinen Hügelzug verloren. Durch die ganze stille Luft hörte man ein fernes und feines Geräusch. Ich nahm Antoine beim Arm:
„Bemühen Sie sich ein wenig zu glauben, daß ich mich nicht täusche. Ich weiß Ihnen gewiß Dank für Ihre Beruhigungsversuche, aber Sie müssen doch einsehen, daß Ihre Argumente wertlos sind. Wenn ich ihn daraufhin, daß er sein Ehrenwort brach und doch wieder in einem Spielbad auftauchte, auf Grund der damaligen Verhältnisse verhaften lassen wollte, hätte ich durchaus keine Möglichkeit dazu, weil wir auf spanischem Territorium sind. In einer Stunde erst erreichen Sie die Grenze. Aber sehen Sie ganz davon ab! Ich will Ruhe und Ausspannung. Es stört mich einfach, auf unangenehme Ideengänge zu kommen. Umsonst vergrabe ich mich doch nicht in die Pyrenäen.“
Antoine zog tief die kühlere Luft des beschatteten Baumganges ein und fachte sich mit dem Hut Luft ins Gesicht. Er nahm seinen Stock und hakte ihn in die Schulter: „Der arme Perdican . . .“, flüsterte er.
Als aber der Wagen nahe wieder sichtbar ward, legte er die Hand auf meine Schulter. Er sah mich kurze Zeit lang erstaunt und wie fragend an. Darauf flog eine rasche Spannung über seine Stirn. Er stellte heftig sein Bein auf einen Stein. Dann riß er Papier heraus und schrieb auf dem Knie hastig ein paar Worte. Ich nahm, etwas verblüfft, den Zettel. Nun diktierte er mir eine Adresse. Währenddem torkelte auf der unebenen Straße die Post herbei. Antoine rief mir rasch zu: „Sie werden dort Ruhe haben, Sie kommen mit meinen Empfehlungen. Lassen Sie die alten Miseren!“
Die Maultiere legten die Köpfe zur Seite und zogen die Ohren trotzig an. Antoine winkte. Sein Bart und sein schräges Profil traten bedeutend aus der Gesichtermenge der anderen Reisenden hervor. Die Diligence rollte um eine Ecke, und die Sonne brandete mit erstickenden Flutungen gegen die Häuser.
Um vier Uhr morgens fuhr ich schon. Unterwegs las ich die Zeilen Antoines. Es mußte ein Dialekt sein. Denn ich verstand sie nicht. Später mußte ich wieder an den Grafen Perdican denken. Er war ein lieber Freund. Sein Tod hatte ungemeine Sensation gemacht. Drei Tage nach seiner Beisetzung sah man, daß sein Partner, dessen Wechsel er nicht einlösen konnte, Karten aus einer doppelten Manschette schüttelte. Man verband damals noch andere seltsame Themen mit seinem Namen. Es war eigentlich lächerlich, daß wir uns damit begnügten, ihm das Wort abzuverlangen. Es war geradezu widersinnig. Damals hatte niemand hieran gedacht.
Ich frug mittags in Tarragona nach meiner Adresse. Es seien höchstens drei Stunden zu gehen . . . Nach viereinhalb Stunden Marsch ward es dunkel. Ich sah Lichter. Ich klopfte. Es dauerte ein paar Minuten. Dann kam ein schmutziger Hausknecht. Er trug nur ein Paar halblange Hosen. In der Hand hielt er einen Kien, den er vorsichtig neben mein Gesicht neigte. Da er nichts sagte und keine Bewegung machte, mich einzulassen, hielt ich ihm Antoines Adresse vor die Augen. Er grinste verschlafen. Nun las ich sie laut vor.
Er trat langsam einen schleichenden Schritt zurück und streckte den Span mit gespanntem Arm noch näher nach mir. Sein Blick umfuhr mich einen Augenblick scharf. Darauf verschwand er: ich hörte verhandeln. Ein Mann mit einem starken Bauch erschien. Sein Gesicht, das Zutrauen erweckte, prüfte mich, während das brennende Holz mich wieder beleuchtete. Er fragte, ob ich fremd sei. Ich sagte: nein . . . Zugleich kam mir meine Antwort dumm vor. Ich zeigte Antoines Zeilen. Er rief sofort ein paar Worte in das Haus. Dann forderte er mich ganz verändert auf einzutreten. Währenddem sagte er, es seien bis zu meinem Ziel noch gut zwei Stunden. Dann lachte er, als ich meine Auskunft über den Weg von Tarragona erzählte. Drinnen saßen noch drei Männer. Sie tranken Wein und würfelten. Da sie stark geraucht hatten, stand eine harte Luft in dem Raum. Eine Lampe hing an Eisendrähten über einem Tisch.
Es wurde still, als wir eintraten. Mein Führer nahm mich bei der Hand, verbeugte sich und sagte: „Der Sennor will zu Joaquin Pelayo . . .“
Hierauf erhoben sich die andern und sagten etwas, das ich wieder nicht verstand, worauf jeder mir die Hand gab. Ich lehnte ihre Zigarren ab, trank aber ein paar Gläser Wein mit ihnen. Dann ward ich müd. Auf einem Strohsack in einer Nische schlief ich die Nacht. Am Morgen sah ich niemand mehr. Ich durchsuchte das ganze Haus. Niemand. Ich ließ ein Silberstück liegen und ging weiter. Es konnte keine Meile Entfernung sein, als das hölzerne Geklapper eines Maultiers mich umwenden ließ. Der Knecht brachte mir das Geldstück und viele Empfehlungen für Joaquin Pelayo.
Ihn selbst glaubte ich sofort zu kennen. Er stand vor seinem Haus und wusch sich den Oberkörper mit Regenwasser aus einer Tonne. Er begnügte sich zuerst, durchaus keine Notiz von mir zu nehmen. Ich begrüßte ihn. Dann wiederholte ich meinen Gruß. Ich nannte seinen Namen. Darauf stellte ich mich aufgerichtet vor ihn hin und trat mit dem Fuße mehrmals gegen das Faß. Er ließ ruhig ohne Rührung den Strahl über seinen Arm laufen. Die Muskeln brachen wie Wülste hervor, wenn er den Ellenbogen ein wenig krümmte.
Ich zweifelte nun, ob er es doch sei. Mein Instinkt konnte mich betrogen haben. Nun nahm ich meinen Stock bei der Spitze und klopfte ihm mit der Zwinge auf den Rücken. Wie ein Schlagbaum wuchs etwas vor mir in die Höhe. Ich hielt verwirrt meinen Stock in einer lächerlich täppischen Lage wie eine Kinderfahne.
Ich erstaunte über die Würde des Mannes und seine unnatürliche Größe.
Als er meinen Zettel gelesen hatte, gab er mir die Hand. Er fragte nach seinem Freunde Antoine. Antoine war doch ältester französischer Adel. Ich ließ nicht merken, daß ich verblüfft war. Ich redete rasch und abgerissen. Er schloß sein Hemd und zog eine kurze Jacke darüber, die ihn noch größer machte. Dann rief er zweimal : „Maintoni . . .“
Maintoni kam, nahm mit einem leichten Fallenlassen der Lider meine rechte Hand und zog mich ins Haus. Wir gingen über einen langen Gang und traten in ein hohes Zimmer. Maintoni drehte sich um und rief hinaus: „Rodriguez!“ Eine alte Frau saß an einem Fenster und murmelte vor sich hin. Maintoni küßte ihr die Hand und ging hinaus.
Rodriguez goß eine Flut Freundschaftsversicherungen aus. Sein Körper war schlank und von wunderbarem Zusammenspiel der Gelenke. Das Gesicht wirkte in der Nähe kantig gegen die Harmonie des Wuchses. Die Nase war ein wenig zu lang.
Die Alte fing an lauter zu reden. Ihre Stimme hatte eine knarrende Biegungslosigkeit. Einige Bilder und Miniaturen standen auf einem Tisch vor ihr. Rodriguez wartete, bis ich sie begrüßt hatte. Sie dankte, sprach aber weiter. Dann sagte er mir, es sei die Mutter Pelayos. Sie lebte nur noch in ihren ersten dreißig Jahren. Die Umgebung kannte sie nicht mehr. Eine dichte Luftschicht, von Erinnerungen gesättigt, umgab sie wie körperlich und schloß hermetisch alle Berührungen mit der Welt ab.
Doch küßte Joaquin Pelayo ihr ebenfalls ehrfurchtsvoll die Hand, als er eintrat. Maintoni brachte mir zu trinken. Während dem Essen legte der Hausherr plötzlich die Hand auf den Arm seiner Tochter. Er trug einen Ring mit einem riesigen Solitaire. Ohne daß Sonne ihn traf, blendete er. Ich sah sofort, daß er echt war. Pelayo sagte zu Rodriguez, als Maintoni hinausgegangen war:
„Sennor, Sie werden unserem Freunde Ihr Zimmer abtreten! Sie werden unten schlafen bis zur Hochzeit.“ Ich wollte Einwendungen machen. Aber man schlug mich mit Freundlichkeit nieder. Pelayo zog sich zuerst zurück. Rodriguez erzählte mir gleich, daß er in vierzehn Tagen heiraten werde. Maintoni sei dann gerade siebzehn Jahre alt.
Er hob den Arm und bog ihn über dem Kopf zusammen, daß das Gelenk knackte, und der bronzene Hauch seiner Haut pulsierte dunkler. Er dehnte sich weit zurück, schlug rasch auf seine Schenkel, daß es wie Gewehrfeuer klang und an der Wand sich brach, und sprang, sich duckend, auf. Dann erst konnte er wieder reden, so nahm ihn die Freude mit.
Maintoni führte mich zu meinem Zimmer. Als wir die Treppe hinaufstiegen, öffnete sich neben dem Geländer eine Tür. Ihr Vater trat heraus. Eine eigentümlich süße und berauschende Luft quoll heraus. Pelayo schloß rasch wieder. Ich fühlte, daß mein Kopf benommen ward. Ich wankte ein wenig und wollte Maintoni fragen. Aber sie ging so ruhig vor mir, daß ich es ließ.
Die Nachmittagsstunden legten eine flimmernde Hitze auf die Landschaft. Die Nerven lösten sich und der Blick ward matt. Von meinem Zimmer aus hatte ich weite Schau und staunte über die Seltsamkeit der Gegend, die mit einer Welle von Grün und übertriebener Fruchtbarkeit noch gegen das Haus prallte und sich hinunter nach Valencia zu in eine trostlose Sandebene verlor, aus der, zäh und kantig, der Engpaß zum Schloß von Hospitalitet hinaufwuchs.
Am nächsten Tag verabschiedete sich Joaquin Pelayo von mir. Er ließ Maintoni allein mit uns beiden. Wir richteten uns ein, wie es ging. Morgens liefen wir zwei Stunden südlich, wo der Postdampfer anlegte, und fragten, ob etwas für mich nachgekommen sei. Der Vorgang schien ihnen fremd und eigenartig zu sein. Rodriguez tat, als sei es ein Ding von Wichtigkeit, das seine Entschlossenheit bis zum letzten Zug in Anspruch nehme. Allmählich hatte er sich so in die Rolle hineingelebt, daß er meinte, seine Anwesenheit sei nötige Bedingung dafür, daß der Matrose, der die Post ausschiffte, mir den Brief aus dem Kahn herüberwarf und mit affenhaften Verrenkungen eine Kupfermünze dafür fing. Manchmal forderte er mich mit einer kleinen Gebärde von Ungeduld auf, mitzukommen. Als ich ihn einmal allein gehen ließ, reichte er mir schweigend die Hand, als hätte ich ihm das Wertvollste anvertraut. Maintoni hatte eine stumme Verwunderung dafür. Sie strich mit ihrer ganz hellen Hand über den Brief hin, beschaute ihn von allen Seiten und blieb mit einem märchenhaften Ausdruck des Verlangens an den vielen bunten Marken hängen.
„Hätten Sie sie gerne?“ fragte ich lächelnd. Ich löste sie und reichte sie ihr hin. Da ging ein namenloses Staunen in ihren Augen auf. Sie öffnete halb den Mund. Zwischen den sanften Bogen ihrer Lippen traten die Zähne, die weiß und außerordentlich schön gesetzt waren. Dann senkte sie rasch den Blick, bewegte den Arm einige Male wie streichelnd über den Gürtel, wandte sich langsam um und lief sehr schnell davon. Ich sah zu Rodriguez hin. Er umarmte mich:
„Hombre, si: Sennor!“ Sie sind ein guter Mensch“, rief er enthusiastisch. Abends fuhren wir aufs Meer hinaus. Die leichte Brise löste die heiße Stille des Tages zu einer bewegten Kühle, die einen Schauer von Ruhe und dämmerndem Glücksgefühl entfachte. Ich lehnte mich zurück in dem Boot, dessen geschweifte Flanken in eine Spitze aufstiegen, die über meinem Kopfe stand. Maintonis Blick lag wie eine stille Sonne auf Rodriguez, dessen braune Rückenmuskeln im Takt des Ruderns fächerhaft zusammenschnellten und wieder unter der Haut verliefen.
Wenn die Sonne verschwunden war und die Berge um das Castel de Balaguer wie mit violetter Tinte auf den silbrigen Himmel gemalt schienen, sang Maintoni eine Romanze, deren Rhythmus immer steil aufwärts und tief herab ging. Einmal erzählte Rodriguez von seinem Vater, der vor fünf Jahren in Asturien auf einer Bärenjagd verunglückt war. Das Tier hatte ihm den Kopf abgerissen. Das Messer des Freundes schon im Herz, hatte es ihn mit einer der letzten Konvulsionen in eine Schlucht hinuntergeworfen. Man mußte den Leichnam ohne Kopf begraben. Rodriguez schien bang:
„Glauben Sie, Sennor, daß mein Vater trotzdem . . .“
Ich nickte ihm bestätigend zu. Er war rührend. Er hatte die Hand fest gegen sein Knie gepreßt und sah vor sich hin. Dann sagte er vorsichtig:
„Trotzdem das Amulett an seinem Hals geblieben war und mit dem Kopf verschwunden ist . . .?“
Ich sagte ihm, daß es genüge, wenn das Kreuz die Brust berührt habe . . .
Oft trug der Wind den Duft der Linden herüber und verteilte ihn dünn und zärtlich über das Wasser. Ein paar hundert Meter vom Strand lag eine breite Klippe. Dort war, wenn die Flut nicht ging, die kühlste Stelle der ganzen Gegend.
Nachts schlug das Meer gegen den Strand.
Joaquin Pelayo kam noch stolzer als früher. Es war am heißesten Mittag. Maintoni brachte eisgekühltes Pomeranzenwasser mit Zuckerbrot und später Schokolade. Mein Gepäck war nachgekommen, und ich zeigte ihm ein paar Aufnahmen Antoines aus den letzten Monaten. Ich erzählte ihm auch von dem Eindruck des Zettels auf den Besitzer der Venta, wo ich die Nacht verbracht hatte auf der Suche nach ihm. Er lächelte leicht:
„Lassen Sie aber keine Geldstücke bei mir liegen!“
Ich lachte: „Da müßte der Diamant an Ihrem Finger nicht unter Brüdern zwanzigtausend Francs wert sein . . .“
Es war, als hätte ich mit der Hand auf den Tisch gehauen. Alle wurden still. Rodriguez strich sich übers Haar, und Maintoni sah scheu zu ihrem Vater.
Ich sprach nicht weiter. Die Stimmung dieser Lähmung lief an uns ab, wir rauchten, und als es kühler wurde, sahen wir eine Frau von Balaguer heraufkommen. Vor den zwei Meilensteinen kniete sie nieder. Wir saßen auf der Galerie des ersten Stocks. Beim Näherkommen ging sie langsamer. Sie blieb lange unten bei der alten Frau, die immer mit sich sprach. Dann trat sie bescheiden heraus. Die Demut ihrer Haltung stand in sonderbarem Widerspruch mit dem heroischen Risse des Gesichts. Nur die Augen linderten die Stärke der Linien und die Bronzeglut der Haut. Sie waren weit aufgebogen und leuchteten in hellem Glauben. Sie trug die Tracht der Nonnen von Hospitalitet.
„Sor Gracia, meine Schwester“, sagte Pelayo.
Ein kräftiger Wind ließ das Meer opalisieren. Die Linie der Küste zischte wie in versteckter Wut. Draußen an der Klippe sprang manchmal eine gepeitschte Welle springbrunnenhaft und heftig in die Höhe. Der Himmel nahm eine tiefrote Glut mit blauen Rändern an.
Sor Gracia sprach in kindlichem Tonfall vom Kloster; und wie sie sich freue, am jüngsten Tage eine kleine Harfe zu spielen. Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.
Am nächsten Tage kam der betäubende Duft wieder heftig aus dem Zimmer im Erdgeschoß. Zu mancher Zeit schien es mir, als ginge ein Ton durch das Haus von splitterndem Glas.
Den Tag darauf legte sich der Wind ganz. In den Zimmern ward alle Stunden gesprengt. Die Hitze war zehrend geworden. Als ich hinunterschaute zum Strand über die kleine Bucht, wo die bewimpelten Pirogen Joaquin Pelayos lagen, hinweg, sah ich auf der Klippe ein kleines gelbes Tuch, das schlaff an einer Stange herabfiel. Wir schliefen den vollen Mittag. —
Die Fahne wehte am Abend. Sie wehte am folgenden Morgen. Sie wehte wieder am Abend. Ein schwacher Wind spielte lüstern mit ihr. Er legte sich in die Falten, drehte sich darin und ließ das Tuch herabfallen. Dann blies er es von neuem hoch.
Mit der Dunkelheit zündeten wir Laternen an. Wir gingen am Strand entlang. Dann bogen wir nach einer halben Stunde links ab: Maintonis Haare glänzten kupfern. Wir trugen kurzgestielte Netze mit feinen Maschen. In kleinen Abständen blieben wir stehen und hielten mit kurzem Ruck die Laternen dicht über das Wasser. So schritten wir den kleinen Fluß entlang ins Land hinein. Allmählich gewöhnten sich meine Augen daran, das zuckende Heranschleichen der Aale zu beobachten. Maintoni half mir, zeigte mir, wie ich das Netz halten, wie ich zustoßen müsse. Doch ich fing keine.
Rodriguez hatte drei. Aber Maintoni sieben.
Es wurde hell, als wir nach Hause kamen. Maintoni hatte die gleiche Ruhe wie stets. Sie hatte kein Brennen im Blick, keine Röte auf der Haut. Ich schlief den ganzen Tag. Als ich aufwachte, hörte ich, noch schlaftrunken, Stimmen. Eine kurze, spitzige, die herüberschoß, eine breite, starke, die ihr entgegenkam. Dann ein ärgerlicher Ausruf — — ein Wagen, der anzog — — noch ein paar Stimmen. Ich lief zur Galerie. Ich bog mich weit über die Holzstäbe . . . . . .
Ich taumelte, ich riß mich hoch. Das Holz knirschte. Ich fühlte, daß mein Atem pfiff. Ich sah es . . . es war dasselbe Gesicht des, der lächelnd Perdicans Wechsel in die Westentasche steckte . . . es waren dieselben Züge, es war derselbe, den ich zwei Tage vor dem Tod der Frau von Montbellaire mit entstelltem Gesicht, die Augen grün untergraben, mit schlappen Linien, die nach dem Mund herunterfielen, aus ihrer Loge stürzen sah.
In dem Wagen saßen noch Frauen, auch einige Männer.
Ohne Gefühl nahm ich, als ich hinausschaute, in mich auf: Die Fahne wehte nicht mehr.
Ich lief zu Joaquin Pelayo. Ich fand ihn nicht. Da drang ich in das Zimmer im Erdgeschoß. Ich hatte nicht geklopft. Ich stieß die Türe auf. Ganz weit. Aber der Duft schlug mir süßlich ins Gesicht und nahm mir den Atem. Ich sah kurz ein Blitzen von dem Tisch her. Pelayo hatte mich hinausgezogen. Er war höflich, schien aber verletzt. Er begriff meine Erregung nicht. — — Was sie gewollt hätten?
Das Haus mieten oder so etwas . . .
Es schien ihn gar nicht zu interessieren.
In diesem Augenblick rief draußen einer der Knechte. Pelayo sprang hinaus. Ich folgte. Der Knecht deutete erregt nach der See. Auf der Treppe raste etwas herunter . . . an uns vorbei. Wir stürzten nach. Maintonis Kahn schaukelte leer draußen. Die Flut kam, die die Klippe überschwemmte. Wellen mit breitem dunklen Rücken wälzten sich wie Tiere auf sie. Dann knatterte es und weiße Schaumstreifen bedeckten sie fast ganz. An einem Vorsprung hielt sich Maintoni mit gekreuzten Armen.
Rodriguez hielt vor den Booten. Seine Brust drängte sich heraus. Er bog die Hände vor die Lippen. Die Wangen spannten sich nach innen, und aus dem qualvoll aufgerissenen Kreis des Mundes flog seine Stimme wie ein Schuß:
„Ay!“ rief er.
„Ay! Maintoni — —“
Rodriguez ruderte. Wahnsinnig ruderte Rodriguez. Ich hielt das Steuer, sah sein Gesicht. Wie lächerlich die rotweiße Lackierung der Ruderstangen wirkte. Zweimal sahen wir Wellen über die Klippe gehn. Maintoni hatte den Vorsprung umklammert und sich auf den Bauch geworfen. Der Atem stand uns zweimal in der Kehle. Wir atmeten nicht. Wir wagten es nicht, zu atmen. Nein. Wir konnten nicht. Dann hob Pelayo sie in die Piroge.
Sie hatte das Boot nicht fest genug gemacht. Die Flut trieb es weg, während sie die Fahne einstrich.
Wir redeten nicht mehr viel diesen Abend. Am Morgen sehr früh weckte mich Pelayo und fragte, ob ich ihn begleiten wolle.
„Es wird zwei Tage dauern“, sagte er. Ich war dabei. Wir gingen Stunden. Wir schliefen den Mittag unter ein paar Pinonenfichten. Es wurde dämmerig. Wir kamen in ein Tal, das sich zwischen rauhe Bergwände einnistete. Ein abschüssiger Pfad führte zum Meer.
Ich hatte Joaquin Pelayo gefragt, was die Fahne auf der Klippe bedeute. Ich hatte ihn gefragt, woher er Antoine kenne. Dann hatte ich gefragt, was das Geheimnis des Zimmers sei, aus dem der Duft ströme, und auf dessen Tisch ich das Blitzen sah.
Joaquin Pelayo sagte mir, daß er Baske sei. Antoines Mutter sei aus dem alten Königsgeschlecht und in einem Zweige mit ihm verwandt.
Ich erinnerte mich an Antoines Mutter nicht mehr. Sie mußte schon lange tot sein. „Bei Antoines Geburt“, sagte Pelayo. „Dieser Familienstamm ist älter als der ganze europäische Adel. Antoine und ich entdeckten unsere Verwandtschaft, als er kam, einen Diamanten bei mir schleifen zu lassen.“ Das sei auch das Geheimnis des Zimmers: Sein Laboratorium. —
„Die Fahne ist eine alte Sitte der Kontrebandisten. Es ist gefährlich, Sennor, wenn man weiß, daß Diamanten bei mir ausgeladen werden. Ich habe den Schmuck der Herzogin von Guise und das Diadem der Fürstin Rubinowitsch geschliffen. Sie sehen, welche Werte ich manchmal im Hause habe. Die Fahne bedeutet je nach der Farbe, daß ich am soundsovielten Tage hierher komme. Das Schiff fährt an der Küste vorbei, und man läd hier aus.“ Pelayo schaute angestrengt durch das Dunkel zum Meer hinunter. Dann meinte er lächelnd: „Sie werden erstaunt sein, Sennor, . . . ein unbekannter Mann . . . hier in der Einöde . . . schleift den berühmtesten Schmuck. — — Ich habe in Sevilla von einem Mauren, der mich liebte, ein System erhalten. — — — Maintoni soll glücklich werden“, fügte er ohne Zusammenhang hinzu.
Er zeigte mir eine Holzhütte mit Stroh. Der dünne Ton einer Pfeife — — — Pelayo verschwand. Ich aber konnte nicht schlafen. Ich ging das Tal hinauf. Mohn wuchs im Gras. Wilde Lilien standen überall. Durch einen kleinen Wald mit Eichen schritt ich hindurch. Eine Trappe rauschte an mir vorbei. Leicht feucht war die Luft. Tau hing im Gras. Ich aber konnte nicht schlafen.
Ich warf mich auf den Rücken und sah, wie die Sterne über das Meer hinauswuchsen und mich traurig machten.
Pelayo schlief in der Hütte. Wir schenkten einem bettelnden Gendarmen Brot unterwegs. Maintoni weinte, als wir heimkamen. Sie hatte uns nicht erwartet.
Maintoni weinte oft, wenn sie glaubte, daß es niemand sah. Maintoni hatte goldene, glänzende Zöpfe, die wie Seide herabfielen und deren bebänderte Enden sie im Gürtel trug. Ihre Brauen waren halb blau und halb schwarz und waren lang und so fein wie der Schatten einer Feder.
Es war so heiß, daß die Fenster im ganzen Haus ausgehängt wurden, die Türen wurden geöffnet. Die Diener wehten mit Palmblättern Wind, wenn wir speisten.
Es war Mittag. Rodriguez kam zu mir. Er setzte sich auf die Binsenmatte. Dann stand er wieder auf. Dann stützte er sich gegen das silberne Kohlenbecken. Er sagte: „Sennor, Maintoni ist traurig.“ Ich tröstete ihn. Ich sagte ihm: „Es wird die Hochzeit sein, Rodriguez.“ Doch er schüttelte den Kopf.
Ich fragte Maintoni. Maintoni sagte: „Ich bin nicht traurig. Ich freue mich, Sennor.“ Aber Maintoni hatte rote Augen.
Da sagte ich: „Maintoni! Rodriguez leidet sehr.“ —
Maintoni bekam große blendende Augen! „Sennor, Rodriguez liebt mich. Ich liebe ihn auch. Rodriguez hat mir das Leben gerettet. Sennor, was habe ich, um es ihm wiederzugeben? Nichts, Sennor.“ . . .
Am Tage vor der Hochzeit kam Sor Gracia. Sie setzte sich lang zu der Alten, die immer sprach. Der Saal war weiß gestrichen. Oben lief eine Borte von gemalten Heiligen. Aus der Achsel eines jeden wuchs ein Arm aus Messing. In der Hand hielt jeder eine Kerze. Sor Gracia zündete alle Kerzen an. Es mochten hundert sein.
Sie sprach noch, daß sie am Jüngsten Tage eine kleine Harfe spielen werde. Sor Blanca und Sor Uraca würden auf Violen geigen. In den halbdunklen schlaflosen Nächten der gemeinsamen Zelle sprächen sie oft davon.
Viele Leute kamen. Frauen in grünen und gelben Miedern. Frauen in Schuhen ohne Absätze, in Schuhen aus Seide, in Schuhen aus Seide mit Gold, mit Silber, mit Muscheln, mit vielen weißen Perlen bestickt. Sie tanzten Fandango. Sie tanzten den Bolero. Maintoni tanzte. Rodriguez tanzte. Alle anderen sahen zu. Kastagnetten trommelten. Tamburine und Flöten klangen. Die Männer schnalzten mit den Fingern. Andere schlugen in die Hände. Eine Sackpfeife spielte mit hohem, eintönigem, melancholischem Klang. Maintoni trat allein vor. Sie neigte sich vor Rodriguez. Er folgte. Die Glieder spannten sich in einen heißeren Rhythmus. Sie wuchsen, umkreisten sich. Sie wölbten die Brust. Der Rücken bog sich, die Hände wurden heiß. Dann hielten sie in einer plastischen Pose, lösten sich und gingen allein in das Dunkel. Sie kehrten bald zurück.
Die Gäste gingen.
Ich stieg hinauf, um zu schlafen.
Es war spät in der Nacht.
Ich wachte auf. Ein wahnsinniger Schrei gellte, pfiff, peitschte sich durch das Haus. Ich stürzte die Treppe hinab. Unten glitt ich aus. Etwas Dunkeles fiel auf meine Augen und drückte. Als ich erwachte, lag ich schräg auf der Treppe. Langsam stand ich auf und ging hinaus.
Links lag ein Mann. Ein kastilisches Messer stak in seinem Hals. Nur Leute, denen der Tod in die Gurgel fährt, können so schreien. Blut sah ich keines. Es war Rodriguez.
Es war halbdunkel. Vor meinen Augen kreisten rote Räder. Flimmernde Punkte sprangen hin und her.
Maintoni und Joaquin Pelayo standen dicht nebeneinander. Ich ging hin. Da lag noch ein Mann. Alles drehte sich vor mir. Aber ich wunderte mich nicht mehr. — — — Es war dasselbe Gesicht des, der lächelte, als er Graf Perdicans Wechsel in die Tasche schob . . . dasselbe, das grünunterlaufen war, wie ich es vor Frau von Montbellaires Loge sah.
Die Lippen waren dunkel. Ein schmaler Streif Schaum hing aus dem Mund. Im Gesicht waren blaue Flecken. Der Hals war angeschwollen und am Gurgelknopf rot wie rohes Fleisch.
Er war eingebrochen. Die Diamanten hatten gereizt. Rodriguez war dazugekommen. Das Messer . . . der Schrei . . . Pelayos Faust hatte ihm den Kehlkopf zerdrückt. — — — Ich sah alles.
Maintoni weinte nicht.
Das Meer lag wie eine große Perle da.
Der Kopf des Fremden stand schräg über die Schulter in die Höhe. Der Hals wölbte sich heraus. Es konnte nicht mehr lange dauern.
Die Augen sahen nun aus, als hätten sie den Star. Die Pupillen wurden grau. Sie wurden breiter und brannten mit einem verschleierten Feuer. Die Nägel hatte er in die Handflächen eingeschlagen. Die Arme lagen still neben ihm. Alles Leben stand nur noch im Krampf der Pupillen.