Von Klabund ist im gleichen Verlage erschienen:

Morgenrot! Klabund!
Die Tage dämmern!

Gedichte
Geh. M. 2.—, geb. M. 3.—.

Klabunds Karussell

Zweite Auflage
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Der Marketenderwagen

Dritte Auflage
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Moreau

Der Roman eines Soldaten
Vierte Auflage
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In Vorbereitung:

Die Himmelsleiter

Gedichte.

Die Krankheit

Eine Erzählung
von
Klabund

Zweite Auflage

Berlin 1917
Erich Reiß Verlag

Geschrieben im Februar und März 1916

Sybil Smolowa zu eigen

I.

„Sie sind also nur deshalb hierhergekommen, um zu sterben?“ sagte der junge Deutsche und lief, die Hände in den unteren Taschen seiner kamelhaarbraunen Sportweste, aufgeregt und hustend durch den Zigarettenqualm.

„Weshalb sonst?“ sagte Sybil, die rauchend auf dem Bett lag, schlank und blond.

„Scharmant, scharmant“, wisperte der kleine Japaner, der oben im Sanatorium Beaurivage Assistentendienste versah, und hielt ein blaues Speiglas, auf dem eine sonderbare Tabelle angebracht war, gegen das Licht.

„Zehn Kubikzentimeter Auswurf“, lächelte er, von irgendeiner inneren Fröhlichkeit betroffen.

Er sprach fließend Deutsch und fließend Portugiesisch und gab sich zuweilen, wenn es nötig schien, als Portugiese aus. Er unterhielt geheime Beziehungen zu dem Dienstmädchen des portugiesischen Konsuls. Das war eine dicke Schwyzerin aus Bern, die wie geknetet aussah. An Stelle einer Kuhglocke trug sie eine Doublémedaille um den fettigen Hals, die das Bild des kleinen Japaners — in seiner seidenen und faltenreichen Nationaltracht — in sich verbarg.

„Ich habe früher nur dunkle Frauen geliebt,“ sagte der junge Deutsche und sah durch die Balkontür in den stürmenden Schnee, „Frauen mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen. Als ich selber noch im Dunkeln tappte mit meinen neunzehn, zwanzig Jahren. Dann wurde es licht in mir. Ich liebte eine Frau mit braunen Haaren und Hirschaugen. Dann eine mit roten Haaren und beinah blauen Augen, die violett glänzten. Meine Freunde verspotteten mich mit ihr und meinten, sie hätte neben ihren roten Haaren auch rote Augen, und ich liebte ein Kaninchen. — Endlich wurde es ganz hell um mich. Die Sonne ging auf. Rasend blond aus einem Himmel blauer Blicke. Ich sah in den Mittag meines Lebens. Blauer Himmel, holde Sonne, warum wollen Sie mir nicht glauben, Sybil, daß Sie mein Tag sind?“

„Oh!“ Sybil wehrte leise ab. Sie schlug die Asche ihrer Zigarette auf den Bettvorleger.

Der kleine Japaner stellte die blaue Flasche auf den Nachttisch und tanzte in eine dunkle Ecke des Zimmers. Man hörte ihn lachen: wie einen fremdartigen Wasservogel.

Er unterhielt sich in seiner zischenden Sprache mit dem ausgestopften Papagei.

Der bleiche bulgarische Offizier, der gekrümmt auf einem Hocker saß und in den Boden starrte, räusperte sich.

Er hatte beide Balkankriege mitgemacht; die Schlacht bei Lüleburgas; die Belagerung von Adrianopel; den Stellungskampf an der Tschataldschalinie. Niemand durfte in seiner Anwesenheit vom Krieg sprechen. Ihm trat sofort der Schaum auf die Lippen.

Als Professor Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, ihn das erstemal untersuchte und mit seinem eleganten weichen Hammer beklopfte, fiel er in Ohnmacht in dem Augenblick, als Dr. Froidevaux von einer chirurgischen Operation kommend, den weißen Mantel ein wenig mit Blut bespritzt, das Zimmer betrat.

„Sybil,“ sagte der Bulgare, „es wäre schlimm, wenn Sie stürben. Sylvester Glonner hat recht. Sie sind unsere blonde Sonne. Bei Ihnen im verqualmten Zimmer zu sitzen wärmt mehr, als auf der Liegehalle in der Mittagssonne schläfrig zu liegen. Die Davoser Sonne macht schläfrig. Sie machen wach.“

Er fiel auf seinen Hocker zurück.

Der junge Deutsche lehnte sich schwerfällig an den weiß polierten Schrank. Er erinnerte sich eines Verses von Hölderlin: Wo bist du? Trunken dämmert die Seele mir von aller deiner Wonne.

„Wo bist du?“ sagte er laut.

Der Japaner lachte.

Sylvester war, als hätte ein Blick von Sybil ihn flüchtig gestreift. Wie ein warmer Wind. Der Bulgare sah auf die Uhr:

„Ich muß zur Liegekur. Es geht auf sechs.“ Er klapperte an seinem Krückstock ohne Gruß zur Tür hinaus.

Der kleine Japaner schwebte freundlich hinter ihm her.

„Sie bleiben allein“, sagte Sylvester.

„Wie immer ...“

Sie blies den Zigarettenrauch in wahllosen Ornamenten zur Decke.

Er gab ihr die Hand und ging.

II.

Davos lag in der Abenddämmerung wie eine amerikanische Stadt am Rande der Rocky mountains ... am Rande der Welt ... Wie improvisiert, zum Abbruch jederzeit bereit, waren die großen Sanatorien und Hotels mit ihren funkelnden Liegehallen da und dort und kreuz und quer im Tal und an den Berglehnen errichtet. Obgleich sie selten über vier Stockwerke zählten, schienen sie mit den himmelauf kletternden Lichtern der Liegehallen Wolkenkratzer.

Ernste Deutsche, flüchtige Italiener, behäbige Holländer, zwitschernde Brasilianer, duftende Französinnen, dunkle Russen wandelten im gleichmäßig getragenen Kurschritt des Kranken über die Promenade. Von der Post am Kurhaus und den glitzernden Läden vorbei bis zum Grand-Hotel Belvedere und wieder zurück.

Hin und wieder raste ein Engländer mit eiligen Skischritten, oder ein Amerikaner, einen Skeleton wie einen Hund hinter sich herzerrend, über die Straße.

Aus den verhangenen Fenstern des Restaurants Kolbinger tönte Zigeunermusik. Ein schattenhafter Frack schwang eine graue Geige. „Soupers de luxe en commande“ blinkte in goldenen Lettern unter der grau hüpfenden Geige.

Dr. Ronken, der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf, fuhr in seinem schlanken Schlitten, sorgfältig in Heidschnuckenpelze gehüllt, einen grüngestreiften Schal vorm Mund, königlich über die Promenade. Er war seit dreißig Jahren in Davos ansässig und nunmehriger Chefarzt und alleiniger Besitzer des renommierten und wohlflorierenden Sanatoriums Beaurivage, welches oben am Walde, dicht beim Rütiweg gelegen ist. Er war selber einmal krank gewesen und hatte sich nach seinen Prinzipien in neunjähriger Kur ausgeheilt.

Seine Patienten und Patientinnen, die ihn fürchteten und beim Abschied von Davos seine Photographie bei Herrn Photographen Guardawal für drei Franken kauften, verschwanden keuchend und ängstlich kichernd in verschiedenen Läden und Konfiserien, um nicht von ihm gesehen zu werden. Eigentlich hätten sie nach seiner Vorschrift schon Liegekur machen müssen. —

Sylvester trat in das Kurhauscafé, um Zeitungen zu lesen. Er hatte sich kaum in die Neue Züricher Zeitung vertieft, als Pein an seinen Tisch trat, Alfons Pein, der bekannte lungenkranke Lyriker und Verfasser der Bühnenmysterien „Kain und Abel“ und „Golgatha“. Sein Leben und Dichten bestand in undeutlichen, verquollenen und verschwommenen Phantasien, die er mehr oder weniger geschickt aufzeichnete und denen ethische Gedanken unterzulegen er sich krampfhaft bemühte.

Pein hatte eine vorzügliche Kur gemacht und war eigentlich schon seit fünf Jahren gesund. Er hätte, ohne Schaden an seiner fanatisch behüteten neu errungenen Gesundheit zu nehmen, ins Tiefland zurückkehren können. Aber er fühlte wohl, daß er nur hier oben noch eine Rolle spielte, wo er, von den Kurgästen interessiert beobachtet, von den Kellnerinnen belächelt, im Kurhauscafé an seinem Stammplatz Hunderte von kleinen blauen Oktavheftchen mit schlechten Versen und verwirrter Prosa versah. „Ich bin nun mal an Höhenluft gewöhnt“, schnaubte er und in seine Augen trat ein leerer, kindlicher Glanz.

Pein, der von sich behauptete, daß er in vielerlei Künsten weit über das Mittelmaß emporrage und daß man ihn nicht völlig kenne, wenn man ihn nur als Dichter kenne: denn er malte, musizierte, bildhauerte ... hatte sich früher einmal als Schauspieler und Regisseur betätigt (dazumal aus Geldmangel: aber dieses Motiv war bei ihm in Vergessenheit geraten) und gedachte dieses Metier im Davoser Kurtheater wieder aufzunehmen.

„Wird sie spielen?“ fragte er Sylvester.

„Leider“, sagte Sylvester und bestellte einen Vermouth.

Pein streifte sich seine unförmigen Überschuhe herunter und wischte sich mit einem kleinen Spitzentaschentuch seine blaue Schneebrille ab.

„Melange!“ schnaubte er. „Die Sehnsucht jedes Schauspielers ist, auf der Bühne zu sterben. Vielleicht jedes Menschen. Ich habe viele Menschen sterben sehen. Der Todeskampf eines jeden einzelnen war ein Schauspiel. Sie wird auf der Bühne sterben wollen ...“

Ein merkwürdiger Träumer, dachte Sylvester. Er verwest in sich, und das nennt er Romantik.

„Der Tod der Schwindsüchtigen ist dramatisch wie ihr Leben.“

Pein saugte an einem Stück Zucker, das er mit dem Löffel behutsam in den Kaffee getaucht hatte.

„Die Schwindsüchtigen sind alle Theatraliker“, sagte Sylvester.

Peins strohbrauner Bart knisterte.

„Dramatiker!“

„In Ihrem Sinne ...“ gab Sylvester lächelnd zu.

Peins Augen erloschen, als habe jemand das Licht in ihnen abgeknipst.

„Die Schwindsucht ist überhaupt keine Krankheit. Sie ist ein Zustand des Leibes und der Seele. Ich wollte schon längst einmal eine Psychoanalyse der Schwindsucht schreiben.“

„Tun Sie das.“ Sylvester rief der Kellnerin „Zahlen!“

III.

Sylvester bewohnte in der Pension „Schönblick“, Davos-Dorf, ein schmales Südzimmer mit Privatbalkon im ersten Stock. Die Pension stand am Wald, dicht vor dem Ausgang der Schatzalpbobbahn. Sie wurde preiswert und hygienisch geführt von dem Ehepaar Paustian, zwei alten Davosern, die vor Jahren schwerkrank ins Tal kamen und sich nach Besserung ihres Leidens dauernd in Davos niederließen. An dem Ehepaar Paustian hatte Dr. Ronken seinerzeit zuerst den Pneumothorax erprobt, als sie noch seine Patienten im Sanatorium Beaurivage waren, den Pneumothorax, jene nunmehr allgemein bekannte und bewährte Vorrichtung, durch die, bei Gesundheit der einen Lunge, die zweite kranke Lunge zum Einschrumpfen und Absterben gebracht wird.

In der Pension „Schönblick“ wurde das Ehepaar Paustian deshalb mit einem gewissen gütigen Spott Pneumo und Thorax benannt. Sie waren beide von jener Art Lungenkranker, die die Krankheit durchsichtiger, gläserner und gleichsam innerlicher gewandelt hat.

Sylvester sprach gern mit dem Thorax, mit dem ihn die Freude des geistigen Kranken an Büchern verband.

Thorax, seinem ehemaligen Beruf nach deutscher Apotheker, schrieb in den wenigen Stunden, die er nicht Kur machen mußte, kleine literarische Betrachtungen über Schlegel, über J. Ch. Günther, über Gottfried Keller, kurz: über eine schöne, aber vergangene Literatur. Die Literatur der Gegenwart beglückte ihn wenig. Er las nur aus Höflichkeit Sylvesters Schriften, weil Sylvester sein Gast war. —

Sylvester kam grade zurecht, als die Pneumo das Gong zum Abendessen schlug.

Er wusch sich eilig, rieb sich die heiße Stirne mit Eau de Cologne und betrat den Speisesaal.

Die Löffel klapperten in der Suppe.

Die Unterhaltung war in vollem Gange. Die überlaute Frau Bautz, Operettensängerin a. D. und wie alle Artisten aus Sachsen stammend, schrie in ihrer unangenehmen Sprache über den Tisch den Leutnant Rätten an:

„Haben Sie nicht einen abgelegten Sportanzug für meine nächste Hosenrolle?“

Leutnant Rätten besprach mit dem schwäbischen Violinvirtuosen Krampski Toilettenfragen und die Mode des eleganten Herrn.

„Man bekommt keinen anständigen Anzug in Davos. Ausgeschlossen. Nicht für teures Geld. Ich brauche einen blauen Sakkoanzug, einen neuen Frack, eine englische Reithose. Haben Sie meinen Frack gesehen? 180 Franken hat er gekostet. Bei dem Davoser Tailleur Shoping Sons. In den Dreck geworfen sind die 180 Franken.“

Frau Bautz, welche nur das Wort Dreck gehört und mißverstanden hatte, schnörkelte die Lippen:

„Ich bin ganz weg von Ihrem Frack, Herr Leutnant.“

„Ich habe einen Schneider in Basel,“ sagte Krampski, „ich habe in jedem Land der Welt einen Schneider. Ich werde ihn nach Davos kommen lassen. Ich brauche einen Cutaway. Wollen Sie partizipieren?“

Er sagte partizipieren, weil das ein Wort war, welches in Offizierskreisen bei derlei Angelegenheiten üblich sein mochte.

„Ich gehe außerordentlich gern auf Jagd“, krähte der naturwissenschaftliche Oberlehrer. „Die Jagd bereichert die Kenntnisse des Menschen von der Natur. Neulich hab ich eine Ricke geschossen, die hatte ein unausgetragenes Junges im Leib.“

„Fabelhaft!“ sagte Herr Klunkenbul. „Da haben Sie also eine Dublette zur Strecke gebracht!“

„Es ist verboten, Ricken zu schießen“, sagte der Leutnant, leise verweisend.

„Ricke — was ist das?“ fragte die hübsche Russin.

„Ein weibliches Reh“, sagte Sylvester. —

Er spricht mit mir, lächelte sie in sich hinein. —

„Ich angle lieber“, die Operettensängerin wiegte sich in ihren Hüften. Sie sang die drei Worte wie einen Coupletrefrain.

„Aber mit künstlichen Mücken“, sagte der Thorax. Der alte Herr Klunkenbul, Xylograph aus Braunschweig, ließ einige asthmatische Vokabeln aus seinem weißen Bart fallen; der stand wie eine beschneite Tanne im Hochwald seines Gesichts:

„Davos ist im Glanz der funkelnden Wintersonne die reine Märchenwelt.“

Man schien ihn nicht gehört zu haben und er wiederholte eigensinnig:

„... die reine Märchenwelt ...“

„Der Monismus ist eine bedauerliche Zeiterscheinung“, sagte Sylvester und wandte sich ernst an Herrn Klunkenbul.

„Wie meinen Sie?“ Herr Klunkenbuls Bart öffnete sich erstaunt.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte nur das Wort Monismus vernommen.

„So glauben Sie nicht an Häckel und an seine wunderbaren Forschungsresultate?“

„Ich glaube immer noch lieber an Gott“, sagte Sylvester.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer prustete überlegen. Herr Klunkenbul, der streng protestantisch gesinnt war, rief „Bravo!“ und prostete Sylvester zu.

Die hübsche Russin Agafja warf wie bunte Glasperlen strahlende Augen auf Sylvester.

Er ist ein Dichter, dachte sie, ein deutscher Dichter — aber ein Dichter, und sah Sonne, Mond und Sterne ihn umwandeln.

Und während sie sich eine Mandarine schälte, sagte sie leise ein paar russische Verse:

Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,

Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.

IV.

Nach dem Essen trat die Pneumo an Sylvester heran.

„Sie spielt. Haben Sie es gelesen? Der Zettel an den Affichen schillert in allen Regenbogenfarben.“

„Der bunte Zettel wird sie freuen“, sagte Sylvester. „Sie wird an ihren toten Papagei denken.“

„Aber finden Sie ihren Plan nicht wahnsinnig?“

„Sie fiebert in einem fort. Aber man kann ihr nicht raten. Man darf ihr nicht raten. Hören Sie.“

„Wer spielt denn den Mann?“

„Der Mystiker, Herr Pein“, sagte Sylvester.

„Und den Bruder?“

Sylvester zögerte.

„Es ist nicht ausgeschlossen, daß ich ihn spiele. Aber bitte schweigen Sie noch davon. Auch der Bulgare möchte ihn spielen. Sogar der kleine Japaner.“

„Ich habe früher viel auf Dilettantenbühnen agiert,“ sagte der Thorax nachdenklich, „als ich noch in deutschen Mittelstädten Pepsinwein verkaufte. Ob ich es nicht wieder einmal versuche?“

Die Pneumo streichelte seine Schulter.

„Kind, leg dich zu Bett und probiere lieber, ob du dein Exsudat wegkurierst. Was hast du heute gegen 7 Uhr gemessen?“

„37,9“, sagte der Thorax beschämt.

„Also“, die Pneumo nahm ihn zärtlich bei der Hand. „Komm, du mußt zu Bett.“

Sylvester verneigte sich leicht.

Er mußte noch ein paar Minuten an die frische Luft. Er spürte Kopfweh.

Er ging die Schiastraße entlang.

Der Leutnant streifte ihn. Er strebte in die Bar, zu Kolbinger.

„Sekt!“ sagte er strahlend.

Sylvester fühlte Schritte hinter sich im weichen Schnee. Ein harter Ellenbogen stieß in seine rechte Hüfte.

Er drehte den Kopf.

Ein Mädchen in blauer Sportjacke, mit einer blauen Mütze auf dem Kopf, sah ihn an.

„Kenne ich Sie?“ fragte Sylvester.

„Nein“, sagte das Mädchen trotzig.

„Haben Sie mich mit Absicht Ihren Ellenbogen fühlen lassen?“

„Ja“, sagte das Mädchen und sah ihn wieder an.

„Was wollen Sie von mir?“

Das Mädchen lachte leise:

„Sie!“

„Wie kommen Sie zu dieser Forderung an mich?“

„Ich habe das allergrößte Recht auf Sie.“

„Welches Recht?“

„Das Recht des Sterbenden.“

Sie traten unter eine Laterne.

Sylvester blickte in ihr hübsches, aber böses Gesicht. Ihr Atem durchschnitt die kalte Winterluft mit noch eisigerem Hauch. In ihrem Körper rasselte es wie ein Motor.

„Er schnurrt ab“, sagte das Mädchen. „Meine eine Lunge ist ganz weg. Und meine andere dreiviertel. Ich sterbe. Ich liege schon halb im Sarg. Nur mein Mund leuchtet noch im Leben. Ich habe solche Furcht vor der Einsamkeit. Küssen Sie mich!“

Eine Kokotte mit einem Greisenkopf, den üblen Hauch ihres verwesenden Mundes mit wildem Parfüm überduftend, hüpfte quer über die Promenade. Zwei junge und elegante Herrn liefen atemlos und hüstelnd hinter ihr her.

Sylvester und das Mädchen schritten den Rütiweg langsam empor.

Der Mond hing runzlig wie eine amerikanische Dörrfrucht im Dunst der Nacht.

An einer Bank hielt das Mädchen an.

„Es sind zwölf unter Null“, sagte Sylvester.

„O,“ lächelte das Mädchen, „das macht nichts. Mir ist so warm als wären wir im August.“

V.

Der Bulgare hatte Sylvester, Leutnant Rätten, den Literaten Pein und den kleinen Japaner zu sich ins Sanatorium zum Tee gebeten.

Natürlich machte jemand den Vorschlag, zu pokern.

Der Bulgare holte ein Spiel amerikanischer Karten mit dem Joker aus der Nachttischschublade.

„Warum haben Sie denn die Karten im Nachttisch?“ fragte Sylvester.

„Wenn ich nachts aufwache und nicht wieder einschlafen kann, muß ich etwas Interessantes zum Lesen haben. Dann betrachte ich mir die Karten.“

Man spielte 1 Frank Satz, 10 Frank Grenze.

Keiner sprach ein Wort.

Der Japaner glänzte kupfern.

Den Bulgaren strengte schon das Mischen so an, daß er hustete.

Der Japaner gewann in lächerlich kurzer Zeit einige hundert Franken. Er wollte sich empfehlen und einen ärztlichen Besuch vorschützen.

„Dageblieben“, brüllte Sylvester.

Der Japaner zuckte die Achseln und mischte.

Pein verlor in einem fort.

Er verlor über hundert Franken in einem einzigen Spiel an Sylvester, weil Sylvester sein Full-hand mit einem Damen-vierling übertrumpfte. Das gab eine Extrarunde mit doppeltem Satz. Eine sogenannte moralische Ehrenrunde.

„Vier Damen — ominös!“ sagte Pein.

„Vier Damen sind weniger als eine“, sagte Sylvester. „Aber nicht beim Poker.“

Bei der moralischen Ehrenrunde wanderte von Geber zu Geber eine kleine unzüchtige Holzschnitzerei, japanischer Herkunft und dem Japaner gehörig, zwei männliche Figuren im widernatürlichen Beischlaf begriffen darstellend.

Der Japaner verlor.

Von ihm glitt das Geld zu Sylvester hinüber. Die Glocke im Sanatorium läutete zum Abendbrot. Der Bulgare klingelte und ließ sich das Essen auf dem Zimmer servieren.

Die übrigen verspürten wenig Hunger und sättigten sich eilig an den Kuchenresten, die vom Tee zurückgeblieben waren. Sie tranken dazu Danziger Goldwasser oder Allasch oder Curaçao.

Keiner wollte aufhören zu spielen.

„So gehen Sie doch“, sagte Sylvester zu dem kleinen Japaner. „Sie wollten doch schon vor zwei Stunden gehen.“

Der Japaner zuckte die Achseln und blieb.

Sylvester genoß das Spiel.

„Ein Abbild des Lebens“, sagte der Bulgare. „Wer gibt? Ich habe die schönsten Stunden meines Lebens am Spieltisch verbracht. Schönere als je mit Frauen.“

„Nur wer mit dem Gelde spielt, soll spielen“, sagte Sylvester.

Pein zupfte nervös an seinem Fransenbart. Er verlor noch immer.

„Ich werde meinen Verlust wieder einholen“, sagte er zitternd.

„Das werden Sie nicht“, trumpfte Sylvester seinen Zehnerdrilling mit einem Flush. „Sie sind nur noch hier in Davos möglich. Unten, in der Welt, haben Sie längst ausgespielt.“

Pein wimmerte erregter:

„Was soll das heißen? Erst neulich habe ich im Züricher Pfauentheater in der führenden Rolle eines meiner Stücke gastiert und großen Beifall gefunden.“

Der Japaner lachte wie ein fremdartiger Wasservogel.

„Der Fushijama muß jetzt ganz in Blüte stehen“, wisperte er, zu Sylvester gewandt. „So sagen wir, wenn er beschneit ist. Aber auf den Seen zu seinen Füßen blinkt ewiger Sommer. Da gleiten die kleinen singenden Boote mit den Geishas und sie singen das süße Lied der Kirschenblüte.“

Es schlug ein Uhr.

Die letzten drei Runden wurden angesagt.

Als sie abrechneten, hatte nur Pein verloren: etwa fünfhundert Franken. Er suchte fluchend nach seinen unförmigen Überschuhen.

Sylvester verabschiedete sich rasch und schritt allein den Berg hinunter.

Der Schnee knirschte unter seinen Füßen. In dem Haus an der Promenade, in dem Sybil als einziger Pensionär wohnte, glänzte noch Licht. Als er näher an das Haus kam, erkannte Sylvester, daß das Licht in Sybils Zimmer brannte.

Sie liest noch, dachte er.


Sybil aber lag wach im Bett und betrachtete Sylvesters Photographie, die er ihr geschenkt hatte. Es war eine Amateuraufnahme des Bulgaren und sie zeigte Sylvester in Gebirgstracht: braune Kniehosen, brauner Janker, an das Geländer einer Waldbrücke gelehnt.

VI.

„Oh,“ sagte Sybil, „die Ärzte sind noch weit zurück mit ihrer Wissenschaft. Statt zu versuchen, individuell den Kranken zu heilen, wollen sie immer generell und schematisch die Krankheit heilen. Eine Krankheit ist aber stets ein theoretischer Begriff und wie Geld nur von relativer Gültigkeit. Wirklich ist nur der Kranke. Sein Fleisch und Blut. Das von den Medizinern nicht weniger als von den Juristen und den Philologen mit Paragraphen dirigiert werden will.“

„Welch ein Unfug, die rein chirurgische Behandlung des Krebses!“ sagte der kleine kluge Japaner. „Man kann konstitutionelle Krankheiten nicht lokal zur Heilung bringen.“

„Meine Mutter“, sagte Sylvester leise, „litt an Brustkrebs. Sie ist wohl achtmal operiert worden. Ich war dazumal ein Kind. Ich konnte ihr nicht helfen. Sonst hätte ich den Ärzten die Messer aus der Hand geschlagen.“

„Wie leichtsinnig“, sagte Sybil, „sind die Ärzte hier oben mit ihren Verordnungen für Bettruhe. Eine winzige Temperaturerhöhung: gleich ins Bett. Das mag bei manchen Temperamenten seine Richtigkeit haben. Bei Phlegmatikern. Bei Melancholikern. Das Bett ist für den täglichen Tod, den Schlaf, da. Wie leicht birgt es den richtigen Tod.“

„Mir hat immer der Tod Friedrichs des Großen als Beispiel eines Todes gegolten, wie er sein soll“, meinte Sylvester. „Er starb draußen im Freien, in der Sonne, unter grünen Bäumen im Lehnstuhl sitzend, den letzten Blick einer Schwalbe zugehaucht.“

„Einer hat einmal den ausgezeichneten Gedanken gehabt,“ flüsterte der Bulgare auf seinem Hocker, „die Tuberkuloseheilung auf die Basis der sogenannten Liegekur zu stellen; seitdem müssen alle Lungenkranken in den Lungenkurorten der ganzen Welt den ganzen Tag, ohne sich zu rühren, und ohne größtmögliche individuelle Einschränkung, auf den Liegehallen liegen. Als ich das erstemal nach Ansicht der Ärzte am Rand des Grabes wandelte, ging ich nicht ins Bett, sondern aufs Pferd. Ich ritt jeden Morgen in der Frühe meine zwei, drei Stunden und ritt mich wieder ins Leben zurück. Nichts macht einen so guter Laune wie Reiten. Ich bin von Leysin aus auf den Montblanc geklettert, als man mir den zweiten Tod prophezeite. Trotz meiner rasenden Energie bin ich durch die jahrelange Liegekur erschlafft und ermüdet. Ich brauche dann und wann eine Reaktion, um noch weiter zu können: eine Montblancbesteigung, ein dampfendes Pferd, eine Pfirsichbowle, ein junges Mädchen, einen Poker.“

„Die Ärzte bedenken nicht,“ sagte Sylvester verächtlich, „daß sie das, was sie auf der einen Seite gewinnen, auf der andern Seite wieder verlieren. Einer macht neun Jahre Kur und wird als geheilt entlassen. Seine Lunge ist faktisch geheilt. Gut. Wie aber steht es mit seinen übrigen leiblichen und seelischen Organen? Seine Nerven sind herunter. Seine Energie wie alter Kuchen zerbröselt. Er ist ein wachsweicher Klumpen angefressenen Fleisches. Zu keiner auch der geringsten Arbeit taugt er mehr. Er ist ethisch verlottert. Ein Parasit des Menschentums und zu nichts als seinem Tode noch verwendbar. Aber er stirbt, achtzig Jahre alt, an der ‚Dementia praecox‘.“

Der kleine Japaner wiegte den braunen Kokoskopf:

„Wir haben oben einen Griechen im Sanatorium. Er liegt schon fünf Jahre im Bett. Griechen haben außer ihm das Sanatorium bisher nicht frequentiert. Wenn sie schon nach Davos kamen, wußten sie wohl von ihrem Landsmann nichts oder dachten nicht an ihn. Da keiner mit ihm griechisch sprach, hat er in den fünf Jahren das Griechische, seine Muttersprache, vergessen. Deutsch hat er aber inzwischen bis auf einige Brocken auch nicht gelernt. So kann er keine Sprache, weder Griechisch noch Deutsch, und schwebt sprachlos in Zeit und Raum. Ich wollte ihm schon Japanisch beibringen.“

Sybil sah nach der winzigen Schwarzwälderuhr über ihrem Bett.

„Ihr müßt gehen,“ sagte sie freundlich, „ich erwarte den alten Ronken.“

Sie nahmen ihre Stöcke und gingen.

VII.

Der Weißbart mit dem Rotkehlchenkopf beklopfte Sybil mit seinem eleganten weichen Hammer.

„Mein liebes gnädiges Fräulein,“ zwitscherte er, „wir werden Sie röntgen müssen ...“

„Tut das weh?“ lächelte sie erschreckt, „ich habe Angst vor Schmerzen.“

„Es tut gar nicht weh. Es ist eine kurze, schmerzlose und beinahe unterhaltsame Angelegenheit. Wenn Sie sich so weit fühlen, daß Sie gehen können, kommen Sie zu mir ins Laboratorium. Oder nehmen Sie einen Schlitten.“ —

Sybil nahm einen Schlitten. Aber sie fuhr nicht ins Sanatorium, sondern bei Sylvester vor.

Sylvester lag grade auf dem Liegestuhl und schluckte Arsenikpillen, als der Kutscher auf die Veranda polterte:

„Das gnädige Fräulein Lindquist lassen den Herrn Doktor zu einer Spazierfahrt einladen.“ Er warf sich einen Schal um den Hals und fuhr im Lift herunter.

Eine kleine weiße Hand winkte ihm fröhlich.

„Sybil,“ sagte er, „Sie machen mich glücklich ...“

„Wenn ich Sie nur glücklich machen könnte“, sagte sie leise.

Sie sprach diese Worte so gesellschaftlich gleichgültig, daß Sylvester ihre Schwere nicht empfand. Vielleicht auch wollte er sie nicht empfinden.

Sie glitten durchs Dorf, dem See zu.

Eben lief aus dem Bahnhof Dorf ein Zug in der Richtung Landquart-Zürich.

„Möchten Sie“, fragte Sybil, „mit dem Zug zurück in die Ebene ... in den Glanz ... in das Leben?“

Er schüttelte den Kopf.

„Ohne Sie?“

Sie schwieg.

Aus den Nüstern der Pferde schnob silberner Atem.

„Weshalb suchen Sie meine Freundschaft, Sylvester? Ich bin krank. Und eine Schauspielerin. Eines von beiden schon sollte genügen, Sie zu erschrecken.“

„Ich bin selber beides. Und noch ein drittes dazu, Sybil. Und also bin ich vielleicht kränker als Sie, Sybil. Ich bin ein Dichter und speie immer Blut.“

„Und ich weine Blut. Denn ich lebe mit den Augen ...“

„Und ich,“ sagte er bitter, „da ich Blut speie, lebe mit dem Mund ...“

Nebel schossen wie Skiläufer von den Bergen.

Sybil fröstelte.

„Ich habe schon wieder Fieber. Wir müssen kehrtmachen.“

Die Sonne schwamm über dem Nebel auf den obersten Bergspitzen, rosa, als lagerten Quallen auf den Gipfeln.

Früher ist doch hier überall Meer gewesen, sann Sylvester. Eigentlich wandeln wir auf dem Grund des Meeres. Davos ist Vineta, die verzauberte Stadt. Wir sind längst ertrunken, aber wir wandeln noch, als lebten wir, mit Perlen und goldenen Ketten behängt, über den Meergrund. Der Himmel wallt über uns, und die zarten Seesterne leuchten. Wir greifen mit den Händen in die Luft. Die ballt sich wie Wasser schwer um unsere Glieder. Wir vermögen unsere Hände nicht mehr zu bewegen. Und gehen können wir in der dicken Flut nur langsam, ganz langsam. Kurschritt. Und unsere Augen versuchen, bis zur Oberfläche des Meeres, bis zum Himmel zu dringen. Aber sie sind fast erblindet von dem vielen In-die-Höhe-stieren.

VIII.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer litt an offener Hauttuberkulose. An seiner linken Hand befand sich eine winzige weißliche Spalte, die hin und wieder eine weiße Flüssigkeit absonderte. Desgleichen hatte er an der linken Wange einen kaum bemerkbaren Einschnitt, der aussah, als rühre er von einem Stich mit einem Federmesser her. Übrigens wußte das niemand von den Herrschaften, die mit ihm zu Tisch saßen. Denn obgleich sie sämtlich an der Krankheit litten, hielten sie doch auf reinliche Scheidung von Haut- und Knochentuberkulose.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer hatte das sonderbarste Zimmer des ganzen Hauses inne.

Es kostete nur 6,50 Franken täglich, und darum hatte es der Oberlehrer gemietet.

Das Zimmer war fensterlos. Die Luke, die die Stelle des Fensters vertrat, ging auf einen grauen Korridor hinaus, von dem das Zimmer sein ganzes Licht empfing. Richtig gelüftet konnte das Zimmer nicht werden. Es roch, ja stank infolge der Jod-, Karbol- und anderen Tinkturen, die der naturwissenschaftliche Oberlehrer für seine offene Hauttuberkulose benötigte, pestilenzialisch. Das Zimmer mußte sich auch ohne Zentralheizung behelfen: es wurde von einem durchlaufenden Kamin geheizt. Den Kamin hatte sich der naturwissenschaftliche Oberlehrer mit allerlei Bildern benagelt, die in der Hauptsache dem kleinen Witzblatt entnommen waren. „Ich bin ein Mensch mit liberalen Ansichten“, pflegte er zu sagen und dabei die Backen wie ein Seehund zu blähen.

Wie die hübsche Russin gerade auf ihn hereinfiel, ist schwer zu begreifen. Es waren doch mehrere angenehme Herren in der Pension „Schönblick“ anzutreffen. Der Leutnant. Oder der schwäbische Virtuose Krampski, welcher von seinen Kompositionen behauptete, sie seien gar nicht „reizend“, wie die abgetakelte Operettensängerin zu verbreiten sich erdreistete, sondern fabelhaft, phänomenal, puccinesk.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer, der stets nach Karbol roch und daheim drei unmündige Kinder und eine blasse sommersprossige Frau zu verwahren hatte, die einem ausgewrungenen Handtuch glich — er hielt das zarte hübsche Mädchen mit behaarten Affenhänden in seinen schweißigen Armen. Floh die kleine Russin vor sich selber zu ihm? Wollte sie sich peinigen, erniedrigen, bespeien? Sich leidend vernichten? Marternd erlösen? Was hatte die Krankheit aus ihr gemacht?


Eines Nachts trugen Männer auf leisen Filzsohlen die hübsche Russin aus dem Haus. Am nächsten Morgen hieß es am Frühstückstisch, sie sei abgereist.

Der naturwissenschaftliche Oberlehrer blieb den ganzen Tag zu Bett.

Er hätte Temperaturen, ließ er sagen, und bäte, ihm die Mahlzeiten aufs Zimmer zu bringen.

Aber die Mägde wollten das Essen nicht in seine stinkende Kammer tragen. Die Pneumo selber mußte es tun.

Der Desinfektor betrat wichtig mit seinem Instrumentenkasten das Zimmer der kleinen Russin, das plötzlich ein Stück leerer unausgefüllter Raum geworden war ohne Form und Inhalt. Wie ein Kinderballon, dem das Gas entströmt ist, lag es in sich zusammengefallen da.

Man fand einen Zettel auf dem Nachttisch, mit allerlei konfusen russischen Schriftzeichen bedeckt. Die Pneumo warf ihn nach einem kurzen achtlosen Blick beiseite. Auf dem Zettel aber standen diese russischen Verse:

Wenn der Dichter träumt, weinen die Mädchen,

Und im Morgenrot liegt die Blüte ihres Herzens betaut.

IX.

Lieber Harry!

Dank für Deine freundlichen Zeilen. Ich habe mich in den zwei Monaten, die ich nun wieder hier bin, recht gut eingelebt. Mißverstehe mich nicht: leben, das heißt hier: einer Protestversammlung Sterbender gegen den Tod angehören. Reden wie feurige Fahnen gegen einen Herrn schwingen, der unerkannt am Präsidententisch sitzt, und jederzeit die Glocke läuten kann. Dann ist einem im Nu das Wort (und der Hals wie mit einem Rasiermesser) abgeschnitten. Es sind Spiegel um einen aufgestellt. Man darf sich nur bespiegeln. In dem edlen Bulgaren. In der mütterlichen Pneumo. Dem taumelnden Thorax. Es gibt einen Spiegel, der heißt Klunkenbul. Dann sind noch vorhanden der Literat Pein, die Operettensängerin, der kleine Japaner, der Virtuose Krampski, der Leutnant. Einer taugt selbst zum Spiegel nicht: der naturwissenschaftliche Oberlehrer. In einer hübschen Russin bespiegelt man sich gern. Schließlich resigniert man, aus Furcht, den Spiegel blind zu machen. Da kommt der naturwissenschaftliche Oberlehrer und schmeißt mit tellergroßen Steinen in den Spiegel. Der zerbricht klirrend, klagend, anklagend. Aus einem der Scherben, die drei- und viereckig herausspringen, verfertigt der Oberlehrer sich einen Rasierspiegel und rasiert sich nun sein Leben lang vor diesem zarten Auge der Unendlichkeit seinen naturwissenschaftlichen Backenbart. Sybil ist kein Spiegel. Sie ist ein See. Selbst unser Schatten versinkt bei einem Blick in sie sofort in die Tiefe. Seit wieviel Jahren schon spiele ich das Spiel der Spiegel? Es sind sieben Jahre her, daß ich an beiderseitiger Rippenfellentzündung erkrankte und im Krankenhaus in Frankfurt an der Oder lag. Ich ging, ein Knabe von sechzehn Jahren, zur Rekonvaleszenz nach Locarno. Ich schlug zum erstenmal die Augen zum Himmel empor und sah die Madonna del Sasso auf dem Felsen schweben und San Bernardo über die Sonnenhügel schreiten. Auf Locarno folgten Borkum, Brückenberg, Gardone-Riviera, Arco, Swinemünde, Reichenhall, Arosa, Lugano, Davos, Wehrawald und wieder Davos. Überall lebte ich meiner Gesundheit, wie es so hübsch heißt. Aber lebte ich nicht meiner Krankheit? Ich erinnere mich eines Sanatoriums im Schwarzwald, da war unser Krankenpfleger und Masseur zugleich Totengräber des kleinen Dorfes. Man sah von den Liegehallen auf den Kirchhof. Ein freundliches Symbol. Bei mir verdichtet es sich noch: Kranker, Krankenpfleger und Totengräber bin ich in einer Person. — Sybil wird hier im Kurtheater auftreten. Ich habe es ihr nicht ausreden können. Sie spielt die Frau im „Weib“. Der Literat Pein den Mann. Ich ... den Bruder. Wann ich wieder in München sein werde? Anfang Mai, falls Sybils Zustand sich nicht verschlimmert. Ich fürchte ... für mich. Grüße die Freunde.

Dein
Sylvester.

X.

Sybil lag auf ihrem Balkon und der ausgestopfte Papagei stand auf einem kleinen Tisch neben ihr. Sie lutschte an Kognakbohnen und warf dem toten Vogel hin und wieder eine zu.

„Friß, Vogel, oder werde lebendig!“

Sie blätterte in dem Rollenbuch des Schauspiels „Weib“ und studierte ihre Rolle als Frau. Das Schauspiel ließ nur drei Figuren agieren: die Frau, den Mann, den Bruder. Es war erdacht und wie man zugestehen muß theatralisch sehr geschickt verfertigt von dem Tiroler Dichter Korbinian Zirl, demselben, dem jenes bemerkenswerte Festspiel „Andreas Hofer“ zugeschrieben wird, das im Jubeljahre 1913 die Herzen der Deutschen und Österreicher höher schlagen ließ. Im „Andreas Hofer“ wie im „Weib“ handelte es sich um eine äußerst lebendige Dialektik und um einen rasch bewegten Dialog, dort patriotisch, hier erotisch bezweckt. Das Schauspiel „Weib“ war von sämtlichen bedeutenden Bühnen Deutschlands angenommen: in der bestimmten Erwartung eines klingenden Kassenerfolges. Im „Deutschen Theater“ in Berlin verdiente sich der berühmte böhmische Komiker Zawadil Schnallenbaum als Mann die tragischen Sporen. Aber fast überall im Reich wurde das Stück aus Gründen der Sittlichkeit verboten. Katholische und protestantische Pfarrerverbände, Jünglingsvereine und Vereine zum Schutz alleinreisender junger Mädchen erließen langatmige Proteste gegen das „Weib“. Selbst ein Rabbiner gab seiner Entrüstung in den Zionistischen Blättern Ausdruck. Der bekannte Zentrumsabgeordnete Dr. Aborterer sah in dem Schauspiel „Weib“ eine schamlose Aufreizung zur Blutschande.

Sybil war von der Rolle der Frau entzückt.

Vielleicht meine letzte Rolle, dachte sie und warf dem toten Papagei wieder eine Kognakbohne zu. Wer wird nach mir das Weib spielen?

Sie hatte die Rolle im Deutschen Theater in Berlin bei der Premiere dargestellt und rauschenden Beifall geerntet.

Korbinian Zirl hatte ihr einen Lorbeerkranz mit einer himmelblauen Atlasschleife geschickt, darauf waren diese Worte in Gold gestickt:

Der dankbare Dichter seinem Weib.

Er hatte ihr auch persönlich die Hand gedrückt und sie in seinem treuherzigen Dialekt seiner Verbundenheit versichert:

„Grad himmlisch is g’w’en, Fräul’n ... I hab beinah g’moant, i wär a Dichter ...“


Die Vorstellung sollte am 19. Februar im Kurtheater stattfinden. Pein, unterstützt von dem helläugigen Naturburschen Dr. Buri, einem prächtigen Churer, der die Redaktion des „Davoser Intelligenzblattes“ leitete, hatte eine eifrige Reklame entfaltet. Vor allem, weil er selber spielte.

„Unser Herr Alfons Pein“, so hatte Dr. Buri im Intelligenzblatt in der Voranzeige schreiben müssen, „hat sich in liebenswürdiger Weise bereit erklärt, die Rolle des Mann im ‚Weib‘ zu übernehmen.“

Fluchend warf Dr. Buri den Federhalter in den Aschenbecher, daß Tinte und Asche über das Manuskript sprühten.

„Chaibe.“

Er konnte Pein nicht ausstehen.

Dann schrieb er weiter:

„Eine besondere Attraktion haben wir mit Fräulein Sybil Lindquist von den Reinhardtbühnen Berlin gewonnen, die sich zur Zeit zum Kurgebrauch in Davos aufhält. Sie wird das Weib, das sie bei der Uraufführung in Berlin kreierte, verkörpern. Verkörpern wie es eben nur eine Sybil Lindquist vermag. Herr Sylvester Glonner, einer der Führer der jungdeutschen Dichtung, den Davosern im besonderen nicht unbekannt als Autor des groteskschwermütigen Davoser Romans ‚Die Krankheit‘, spielt die Rolle des Bruders. Der Vorverkauf hat begonnen. Versorge sich ein jeder rechtzeitig mit Karten, da ein großer Andrang zu erwarten steht.“

Seufzend legte Dr. Buri den Federhalter beiseite und zündete sich erleichtert seine Pfeife an.

XI.

Für den 19. Februar nachmittag waren auch die diesjährigen Skikjöring- und Pferderennen angesetzt.

Als Sybil die Ankündigung las, rief sie bei Sylvester telephonisch an:

„Sylvester ...?“

„Sybil?“

„Sie müssen reiten ...“

„Was muß ich?“

„Reiten müssen Sie. Sie sind doch gut zu Pferd.“

„Was soll das?“

„Sie müssen am neunzehnten das Rennen mitreiten.“

„Aber Sybil, welche Idee!“

„Meine Idee natürlich. Ich will, daß Sie den goldenen Davoser Pokal gewinnen.“

„Was soll ich mit dem goldenen Davoser Pokal? Ich würde nicht aus ihm trinken dürfen, denn ich bekäme sofort Nierenschmerzen.“

„Scherz beiseite, Sylvester. Ich will, daß Sie das Rennen gewinnen. Deshalb sollen Sie reiten. Ich werde auf Sie setzen beim Totalisator.“

„Wann ist das Rennen?“

„Am neunzehnten.“

„Aber da müssen wir ja den Abend spielen!“

„Oh, das macht doch nichts! Die Rennen sind um zwei. Um vier Uhr sind sie spätestens zu Ende. Da haben Sie genug Zeit, sich bis acht auszuruhen.“

„Sybil, ich bitte Sie, wozu diese Spielerei. Ich habe an dem Schauspiel schon genug ...“

„Lieber Sylvester ... ich will Sie einmal handeln sehn ... Tun Sie einmal etwas! Handeln Sie einmal nicht künstlerisch künstlich, dichterisch, schauspielerisch. Handeln Sie einmal menschlich ...“

„Ich bin krank, Sybil ...“

„Überwinden Sie die Krankheit, Sylvester.“ Ihre Stimme klang flehend.

„Ich werde reiten, Sybil.“ —

Sylvester ging zu einem Schweizer Offizier, den er kannte und von dem er wußte, daß er das Rennen nicht reiten würde, der aber zwei Pferde laufen lassen wollte, und bat ihn, die „Miggi“ reiten zu dürfen. In Graubünden heißen alle Pferde, alle Kühe, alle Katzen und alle Mädchen Miggi.

Als der bulgarische Offizier und Leutnant Rätten von Sylvesters wahnwitzigem Vorhaben hörten, schüttelten sie den Kopf; bestellten sich aber sofort telegraphisch Pferde aus Zürich. Auch der kleine Japaner wollte reiten.

Selbst der Thorax machte einen schwachen Versuch, sich als Jockei vorzustellen.

„Was meinst du, Grete,“ fragte er die Pneumo, „ob ich in vierzehn Tagen reiten lernte und ob ich es aushielte?“

„Kind,“ sagte sie zärtlich, „was du für böse Träume hast. Du leidest immer häufiger an Alpdrücken. Du mußt abends vor dem Zubettgehen einen frischen Apfel essen. Komm. Ich mache dir gleich einen zurecht ...“