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Original-Titelkupfer
Erzählungen
aus der
alten Geschichte.
Von
Prof. Dr. Ludw. Stacke.
II. Teil. 27. Auflage.
Römische Geschichten.
Oldenburg, 1904.
Druck und Verlag von Gerhard Stalling.
Erzählungen
aus der
Römischen Geschichte
in biographischer Form.
Von
Prof. Dr. Ludwig Stacke.
Siebenundzwanzigste, verbesserte Auflage.
Oldenburg.
Druck und Verlag von Gerhard Stalling.
1904.
Aus dem Vorwort zur 1. Auflage.
Dieses zweite Bändchen meiner Erzählungen enthält eine Auswahl derjenigen Momente der römischen Geschichte, welche für den biographischen Unterricht geeignet schienen. Die eigenen Worte der Quellen anzuführen, wie ich es im ersten Bändchen, namentlich mit den aus Herodotos gewählten Erzählungen getan habe, war hier fast ganz unstatthaft; dagegen sind angemessene Darstellungen aus neueren quellenmäßigen Bearbeitungen, wenn sie sich für meinen Zweck eigneten, ganz oder teilweise aufgenommen worden. — Über Marc Aurel hinaus mochte ich die Erzählungen nicht fortsetzen; auch die Zeiten des Unterganges des Reiches sind in dem angehängten Schluß nur sehr übersichtlich berührt, weil man mit dem Auftreten der Germanen zweckmäßiger die Geschichte des Mittelalters eröffnet.
Dr. Stacke.
Vorwort zur 25. Auflage.
Nach denselben Gesichtspunkten, wie bei der letzten Auflage der „Erzählungen aus der römischen Geschichte“, ist auch bei der Bearbeitung des vorliegenden Bändchens verfahren worden. Man wird die Tätigkeit der nachbessernden, ergänzenden oder berichtigenden Hand auf jeder Seite gewahren. Unverändert dagegen ist die Grundanlage und die Auswahl des Stoffes geblieben, mit der einen, schon bei dem griechischen Teil der Erzählungen eingeführten Ausnahme, daß die seit der 8. Auflage zugefügte „Geographische Überschrift des alten Italiens“ durch eine kurze historisch geographische Einleitung in die Geschichte Roms ersetzt worden ist.
Oldenburg, im März 1898.
Dr. H. Stein.
Vorwort zur 27. Auflage.
Die erneuerte Durchsicht hat bei dieser Auflage, außer vielfachen kleineren, meist formalen Nachbesserungen, auch einige erhebliche Erweiterungen und Ergänzungen zur Folge gehabt, durch welche der Umfang des Bändchens um zehn Seiten gewachsen ist.
Oldenburg, im Juni 1904.
Dr. H. Stein.
Inhalt.
Seite. | ||
| Einleitung | ||
| [Rom unter Königsherrschaft.] | ||
I. | Gründung Roms. König Romulus (754–717 v. Chr.) | |
II. | König Numa Pompilius (716–673 v. Chr.) | |
III. | König Tullus Hostilius (673–641 v. Chr.) | |
IV. | König Ancus Marcius (641–617 v. Chr.) | |
V. | König Tarquinius Priscus (617–578 v. Chr.) | |
VI. | König Servius Tullius (578–534 v. Chr.) | |
VII. | König Tarquinius Superbus (534–510 v. Chr.) | |
| [Rom als Republik.] | ||
VIII. | Brutus, erster Konsul der Römer (506 v. Chr.) | |
IX. | Krieg mit König Porsenna | |
X. | Innerer Zwist. Menenius Agrippa und C. Marcius Coriolanus | |
XI. | Untergang der Fabier (477 v. Chr.) | |
XII. | Appius Claudius und die Decemvirn (451–449 v. Chr.) | |
XIII. | M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier | |
XIV. | Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus. — M. Curtius | |
XV. | Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der Plebs | |
XVI. | Die zwei ersten Samniterkriege. — P. Decius. — Papirius Cursor. — Der Samniter Pontius | |
XVII. | Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg. Titus Manlius. Die beiden Decius Mus | |
XVIII. | Pyrrhus, König von Epirus | |
XIX. | Der erste punische Krieg (264–241). Gajus Duilius. M. Atilius Regulus | |
XX. | [Der zweite punische Krieg (219–201). Hannibal.] | |
| 1. Hannibals erstes Auftreten | ||
| 2. Hannibals Zug nach Italien | ||
| 3. Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia | ||
| 4. Schlacht am trasimenischen See | ||
| 5. Hannibal gegen Fabius Cunctator | ||
| 6. Die Schlacht bei Cannä (216) | ||
| 7. Hannibal und Marcellus | ||
| 8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama (202) | ||
| 9. Hannibals und Scipios Ausgang | ||
XXI. | Kriege gegen Makedonien. — Ämilius Paulus. — Scipio Africanus der Jüngere. — Karthagos Zerstörung | |
XXII. | Die beiden Gracchen | |
XXIII. | Gajus Marius. — Jugurtha. — Cimbernkrieg | |
XXIV. | [Der erste Bürgerkrieg. Sulla und Marius.] | |
| 1. Sulla, Feldherr gegen Mithridates, vertreibt den Marius | ||
| 2. Flucht des Marius | ||
| 3. Sullas Krieg gegen Mithridates | ||
| 4. Cinna in Rom. Marius’ Rückkehr und Tod | ||
| 5. Sullas Rückkehr und Proskriptionen. Sein Tod | ||
XXV. | [Pompejus Magnus.] | |
| 1. Sein erstes Auftreten | ||
| 2. Pompejus gegen Sertorius | ||
| 3. Pompejus besiegt die Reste des Sklavenaufstandes | ||
| 4. Pompejus besiegt die Seeräuber | ||
| 5. Pompejus in Asien | ||
XXVI. | Cicero | |
XXVII. | [Julius Cäsar. Der zweite Bürgerkrieg.] | |
| 1. Cäsar bis zum Kampfe gegen Pompejus | ||
| 2. Cäsars Kampf gegen Pompejus (49–48) | ||
| 3. Cäsar in Afrika. Catos Tod | ||
| 4. Cäsars fernere Taten und Tod | ||
XXVIII. | Der dritte Bürgerkrieg. Marcus Antonius und Cäsar Octavianus | |
XXIX. | [Cäsar Octavianus als Augustus.] | |
| 1. Augustus’ Regierung (30 v. Chr.–14 n. Chr.) | ||
| 2. Kriege gegen die Deutschen. Arminius, Deutschlands Befreier | ||
XXX. | Kaiser Tiberius (14–37 n. Chr.) | |
XXXI. | Die Kaiser Gajus Caligula (37–41) und Tiberius Claudius Cäsar (41–54) | |
XXXII. | Nero (54–68) | |
XXXIII. | Flavius Vespasianus (69–79). Seine Söhne Titus (79–81) und Domitianus (81–96) | |
XXXIV. | Die glücklichste Periode der römischen Kaiserherrschaft: Nerva, Trajanus, Hadrianus und die beiden Antonine (96–180) | |
XXXV. | Bis zum Ausgange des weströmischen Reiches (180–476) | |
Einleitung.
Das römische Reich (imperium Romanum), das zur Zeit der Geburt Christi alle Länder am Mittelmeer umfaßte und später sich noch weiter nach Norden und Osten ausdehnte, ist benannt nach der Stadt Rom (Roma), in der es seinen Ursprung und bis zum Beginn des Mittelalters seine Hauptstadt hatte. Wann und wie diese Stadt entstanden ist, weiß man nicht mit Gewißheit. Die Römer selber setzten die Zeit ihrer Gründung in das Jahr 754 vor Christi Geburt, und nannten ihren Gründer und ersten Beherrscher Rómulus.
Ihre Lage war trefflich gewählt, sowohl zum Verkehr mit dem Binnenlande als mit dem Meere. Da wo die Tiber (Tiberis), der an sich nicht bedeutende, aber unter allen Flüssen des mittleren und unteren Italiens bedeutendste Fluß, seinen raschen Lauf zwischen Bergen und Hügeln beendet und in den flachen Küstenrand hinaustritt, an einer Stelle, die in alter Zeit auch Seeschiffe erreichen konnten, drei Meilen vom Meer, lagen die ältesten Teile der Stadt auf den Hügeln an der linken Flußseite. Ihr Gebiet gehörte zu der fruchtbaren teils hügeligen, teils ebenen Landschaft Látium, der heutigen Campagna, über welche sie zuerst ihre Herrschaft ausdehnte. Diese Landschaft bewohnten die Latiner (Latini), ein Volksstamm, der nach Abstammung, Sprache und Sitten verwandt war mit den andern umwohnenden Stämmen des mittlern Italiens, den Umbrern, Marsern, Sabinern, Volskern, Samniten oder Sabellern, Oskern. Alle diese Stämme, unter denen neben dem latinischen der samnitische der angesehenste war, gehörten einem Volke an, das mit dem hellenischen oder griechischen stammverwandt war und ein Glied jener alten Völkerfamilie bildete, zu der die Inder, Perser, Germanen, Kelten und Slaven gezählt werden.
Aber nicht alle Nachbarn Roms waren gleichen Stammes. Nordwestlich von Latium, zwischen dem Meer und den umbrischen Bergen, im heutigen Toskana, und jenseits des Apennin bis in die Ebenen des Po (Padus) saß das mächtige, betriebsame Volk der Etrusker oder Etrurier (Tusci), über dessen Sprache und Herkunft man noch nichts sicheres weiß.
An den Küsten des südlichen Italiens, in den fruchtbaren Landschaften Campanien, Lucanien, Bruttium und Calabrien, hatten sich seit alter Zeit zahlreiche griechische Einwanderer angesiedelt, deren Städte zu solcher Blüte gelangten, daß man diesen Teil Unteritaliens als das „Große Griechenland“ (Graecia magna) bezeichnete.
Der Name Italien (Italia) selbst war ursprünglich auf die kleine Landspitze beschränkt, welche der Insel Sicilien gegenüber liegt, und wurde erst allmählich auf die nördlichen Landschaften, zuletzt auch auf das Gebiet zwischen Apennin und Alpen ausgedehnt.
Rom blieb in den ersten Jahrhunderten seiner Geschichte den Griechen fast unbekannt. Um die Zeit, da Athen die Welt mit dem Glanz seiner Macht und seiner Bildung erfüllte, wußten die griechischen Geschichtschreiber noch nichts von der zukünftigen Beherrscherin der Welt zu berichten. Und da die Römer selber erst verhältnismäßig spät, seit dem dritten Jahrhunderte vor Christi Geburt, anfingen sich eine höhere Bildung anzueignen und Schriften über ihre Geschichte zu verfassen, so sind die Nachrichten über die früheren Zeiten lückenhaft und unsicher geblieben. Insbesondere ist das meiste von dem, was spätere römische und griechische Geschichtschreiber über die Gründung der Stadt und die Jahrhunderte der Königsherrschaft zu erzählen wußten, teils dunkle und ungewisse Sage, teils willkürliche Erdichtung.
Rom unter Königsherrschaft.
I.
Die Gründung Roms. König Romulus.
(754–717 v. Chr.)
Bei der Zerstörung Trojas war Änēas, der Sohn des Anchīses und der Göttin Venus, dem allgemeinen Verderben entronnen. Göttersprüchen vertrauend, durchsegelte er mit seinen Gefährten das weite Meer, um sich im fernen Westen eine neue Heimat zu suchen. Nach jahrelangen Irrfahrten, auf denen er wunderbare Abenteuer und Mühseligkeiten aller Art zu bestehen hatte, landete er endlich an der Westküste Italiens, südlich von der Tibermündung, in der Landschaft Latium. Hier wohnten die Aboriginer (d. h. Ureinwohner), über welche König Latīnus herrschte. Die göttliche Abkunft des Äneas, sein mit Heldenmut und frommer Zuversicht ertragenes Geschick, die wackere Haltung seiner Genossen, und ihre Bitte im Lande bleiben zu dürfen, bewogen den König die Fremdlinge freundlich aufzunehmen und nicht lange nachher dem Äneas seine Tochter Lavinia zur Gattin zu geben. Dieser baute eine Stadt, die er nach dem Namen seiner Gattin Lavinium nannte. Aber der Bund des Königs mit den Fremden hatte alsbald eine harte Probe zu bestehen. Turnus, König der benachbarten Rútuler, dem Lavinia früher verlobt gewesen, ertrug es nicht, daß ihm der heimatlose Äneas vorgezogen worden, und beschloß Rache zu nehmen. Es kam zum Krieg, auf der einen Seite stand Turnus mit seinen Rutulern, auf der andern die Aboriginer und Trojaner unter Latinus und Äneas. Turnus ward geschlagen, aber die Trojaner und Aboriginer hatten den Verlust des Latinus, der im Treffen geblieben war, zu beklagen. Nun ward Äneas König und verband Trojaner und Aboriginer, die einander an Treue und Liebe zu ihrem Herrscher nichts nachgaben, zu einem einzigen Volke unter dem Namen Latiner. Im Vertrauen auf die Zuneigung seines Volkes konnte Äneas der Erneuerung des Kampfes ruhig entgegensehen. Denn Turnus, an seiner eigenen Kraft verzweifelnd, hatte sich mit Mezentius, dem König der damals mächtigen Etrusker, verbunden, und beide drohten dem neuen Staate den Untergang. Auch in diesem Kriege waren die Latiner siegreich; aber wiederum hatten sie den Sieg mit dem Verlust ihres Königs erkauft: Äneas war im Kampfe gefallen.
Sein Volk erwies ihm göttliche Ehren; sein Sohn Ascánius folgte ihm in der Herrschaft. Unter ihm kam der Friede zwischen Latinern und Etruskern zustande, und die Tiber bildete fortan die Grenze beider Völker. Die von Äneas gegründete Stadt Lavinium blühte herrlich auf und faßte bald die Menge ihrer Bewohner nicht mehr. Da überließ Ascanius Lavinium seiner Mutter und gründete am Fuße des Albanerberges eine neue Stadt, die er Alba Longa nannte, wo seine Nachkommen als Könige über die ganze ringsum sich ausbreitende Landschaft herrschten.
Einer dieser Könige von Alba Longa, Procas, hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere Númitor, der jüngere Amúlius hieß. Numitor folgte anfangs seinem Vater in der Regierung; doch bald verdrängte Amulius seinen Bruder, ließ dessen Sohn töten, die Tochter Rhea Silvia zur Priesterin der Göttin Vesta wählen, in deren Dienst sie unvermählt bis zum Lebensende verbleiben sollte. Denn er besorgte, daß ihre Kinder einst den Verlust des Thrones an ihm rächen könnten. Doch Rhea Silvia gebar zwei Knaben, Rómulus und Remus, als deren Vater die Sage den Kriegsgott Mars nannte. Auf diese Kunde befahl Amulius die Priesterin in den Fluß Anio zu stürzen, in dessen Fluten sie zur Göttin ward, die Zwillinge aber in die nahe Tiber zu werfen. Allein damals war gerade die Tiber über ihre Ufer getreten, und die königlichen Diener setzten die Knaben in einer Wanne in das ausgetretene Wasser am Fuße des Berges Palatium. Als sich das Wasser verlaufen hatte, blieb die Wanne auf dem Trockenen stehen. Da kam, durch das Gewimmer der Kinder herbeigelockt, eine Wölfin, die sich ihrer erbarmte und sie säugte, während ein Specht, des Mars heiliger Vogel, ihnen Speise zutrug. Dieses seltsame Schauspiel gewahrte Faústulus, ein Hirt der königlichen Herden, er sah darin eine göttliche Fügung, nahm die Kleinen und brachte sie seiner Frau, Acca Larentia, um sie zu ernähren und aufzuziehen. Er forschte ihrer Herkunft nach, erkannte, daß sie die Enkel des Numitor seien, schwieg aber aus Furcht vor der Rache des Königs.
So wuchsen Romulus und Remus unter den Hirten am Ufer der Tiber zu rüstigen Jünglingen heran, und übten gemeinsam mit den Hirtensöhnen ihre Kraft in der Jagd auf wilde Tiere, bald auch in Angriffen auf die in der Nachbarschaft hausenden Räuber, denen sie ihre Beute entrissen. Darüber aufgebracht, stellten die Räuber den Brüder nach, und eines Tages, als die Hirten sich den Freuden eines Festes hingaben, gelang es ihnen beide zu überfallen. Romulus schlug sich durch; den Remus führten sie gefangen zum König, unter der Anklage, daß er mit seinem Bruder die Herden des Numitor beraubt habe. Der König übergab deshalb den Gefangenen seinem Bruder, dem Numitor, den er einst vom Thron gestoßen hatte, zur Bestrafung. Diese Gelegenheit benutzte Faustulus, um das über der Herkunft der beiden Jünglinge ruhende Geheimnis ihrem Großvater zu offenbaren.
Als Numitor seine Enkel anerkannt hatte, faßten diese den Entschluß, an Amulius Rache zu nehmen. Sie drangen auf verschiedenen Wegen in die Stadt Alba Longa, griffen die Königsburg an, erschlugen den Amulius, und setzten ihren Großvater wieder als König ein.
Nun beschlossen beide Brüder auf dem Palatium, dem Orte, wo sie ausgesetzt und erzogen worden waren, eine neue Stadt zu gründen. Zahlreiche Jünglinge aus Alba Longa und anderen latinischen Städten, auch ihre Gespielen unter den Hirten sammelten sich unter ihrer Führung. Aber schon bevor die Stadt erbaut war, erhob sich über ihre Benennung und Beherrschung zwischen beiden Brüdern ein heftiger Streit, dessen Entscheidung sie den Göttern anheimstellten. Aus dem Fluge der Vögel suchten sie, nach landesüblichem Brauche, den Willen der Götter zu erkennen. Zu diesem Zwecke begab sich Romulus auf den palatinischen, Remus auf den nahe gelegenen aventinischen Berg. Zuerst erschienen dem Remus sechs Geier. Allein kaum hatte er dieses Zeichen dem Romulus gemeldet, als diesem zwölf Geier erschienen und zugleich Blitz und Donner folgten. Da entstand ein neuer Streit, weil jeder sein Zeichen für das bessere hielt; Remus, weil er zuerst sechs Geier gesehen hatte, Romulus, weil ihm die doppelte Anzahl erschienen war. Von Worten kam es zum Kampf, und Remus fiel im Getümmel. Eine andere Sage berichtet, Remus sei, um seinen Bruder zu verhöhnen, über die noch niedrigen Mauern der neuen Stadt gesprungen, und deshalb habe ihn Romulus mit den Worten erschlagen: „So geschehe jedem, der über meine Mauern springt!“
Als Jahr der Gründung Roms galt bei den späteren Römern das Jahr 754 vor Christi Geburt, und der 21. April, an dem das Hirtenfest der Palilien gefeiert wurde, als der Stiftungstag.
Um die Bevölkerung der neuen Stadt zu vermehren, eröffnete Romulus eine Freistätte (Asyl) für heimatlose Leute jeder Art, und nun strömten zahlreiche Haufen von Verbannten, Verbrecher und Schuldlose, Freie und Knechte, nach Rom. Aus der ganzen Bevölkerung wählte der König die hundert Ältesten und Angesehensten und bildete aus ihnen einen Senat (senatus, „Rat der Alten“), um mit ihm die gemeinsamen Angelegenheiten zu beraten und zu leiten. Auch sorgte er für die notwendigsten Gesetze und für Einrichtung des Götterdienstes.
Aber noch fehlte es der neuen Stadtgemeinde an Frauen. Um diese zu erhalten, schickte Romulus an die benachbarten Gemeinden Gesandte und ließ sie bitten mit seinem Volke eheliche Verbindungen einzugehen. Allein die Gesandten wurden überall mit Hohn abgewiesen und gefragt, warum zu Rom nicht auch eine Freistätte für heimatlose Frauen eröffnet würde. Diese Zurückweisung kränkte den Romulus; er beschloß durch List und Gewalt zu rauben, was man seinen Bitten abgeschlagen hatte. Er ließ ein Fest mit Kampfspielen zu Ehren des Meergottes Neptūnus veranstalten und alle Nachbarn dazu einladen. Und sie kamen, von der Schaulust getrieben, in großen Haufen mit ihren Weibern und Kindern, besonders zahlreich die Sabiner aus den benachbarten Tälern und Bergen des Apennin. Aber mitten unter den Spielen fielen die römischen Jünglinge mit bloßen Schwertern über die Fremden her, und während diese überrascht und erschrocken von dannen eilten, griff sich ein jeder der Römer eines der Mädchen und trug es als sein zukünftiges Weib nach seinem Hause.
Die verwegene Tat brachte alle Städte, die davon betroffen waren, unter die Waffen gegen die Räuber. Sie verbanden sich zu gemeinsamer Rache. Aber noch ehe die Sabiner völlig gerüstet waren, begannen die übrigen vereinzelt den Krieg, und Romulus schlug sie nach einander mit überlegener Macht.
Viel schwerer war der Kampf mit Titus Tatius, dem König der Sabiner. Dieser fiel nicht nur mit einem Heere von 25000 Mann zu Fuß und 1000 Mann zu Pferde in das römische Gebiet ein, sondern bemächtigte sich auch der auf dem Kapitolium gelegenen Burg durch folgende List. Tarpeja, die Tochter des Befehlshabers der Burg, war ausgegangen, um Wasser zu holen, und den Feinden in die Hände gefallen. Sie versprach ihnen die Burg zu öffnen, wenn ihr die Sabiner das gäben, was sie am linken Arm trügen. Sie meinte damit die goldenen Armbänder und Spangen. Nun trugen aber die Sabiner nicht nur diese, sondern auch ihre Schilde am linken Arm. Als daher Tarpeja den Feinden die Tore geöffnet hatte, sollen diese, um Betrug durch Betrug zu bestrafen, ihre Schilde über die Verräterin geworfen und sie so getötet haben. Von dieser Tarpeja ward in der Folge der steilste Teil des kapitolinischen Hügels der tarpejische Fels genannt, und noch heutzutage herrscht zu Rom der Volksglaube, die schöne Tarpeja hause tief im Berge verzaubert, mit Gold und Geschmeide bedeckt.
Am Tage nach der Besetzung des Kapitoliums rückten die Römer heran, die verlorene Burg wieder zu erobern; auch die Sabiner stiegen herab, und der Kampf begann. Nach heftigem Widerstand wichen endlich die Römer, und Romulus selbst ward von den Fliehenden fortgerissen. Da erhob er seine Hände gen Himmel und gelobte dem Jupiter, wenn er die Flucht der Seinigen hemme (Jupiter Stator), einen Tempel. Sofort standen die Römer und erneuerten das Treffen; der Sieg wandte sich auf ihre Seite. Da kamen die geraubten Sabinerinnen mit fliegenden Haaren und zerrissenen Kleidern herbei, stellten sich zwischen ihre Männer und Väter und machten durch ihre Tränen und Bitten dem Krieg ein Ende. Es kam zwischen beiden Völkern nicht nur zum Frieden, sondern auch zu einer festen Verbindung. Fortan sollten Römer und Sabiner zu einem Volke vereinigt sein, hundert Sabiner in den Senat aufgenommen werden und beide Könige gemeinschaftlich regieren. Die Bürger der so vereinigten Gemeinde hießen nun Quiriten (Quirītes). Sie bildeten nach ihrer Abkunft zwei Stämme (tribus), die römischen Ramnes und die sabinischen Tities, zu denen später ein dritter Stamm kam, die Lúceres, welcher die Bürger anderer Herkunft enthielt. Jeder der drei Stämme teilte sich in zehn Curien, jede Curie in zehn Decurien, und jede Decurie enthielt eine Anzahl Familien (gentes). Jede der dreihundert Decurien stellte einen „Vater“ (pater) in den Senat und einen Reiter (eques). Väter und Reiter (Ritter) bildeten die beiden vornehmsten Klassen der Bürgerschaft.
Doch bald war Romulus wieder Alleinherrscher, da Tatius bei einem Aufstand in Lavinium erschlagen ward. Nach dessen Tode hatte der kriegerische Romulus noch manchen Kampf mit den Nachbarn zu bestehen. In allen blieb er siegreich, und seine Stadt nahm stetig zu an Landbesitz und Kriegsmacht. Sein Ende hat die Sage wunderbar ausgeschmückt. Als er eines Tages Heerschau über das Volk hielt, da erhob sich plötzlich ein Sturm mit Donner und Blitz, eine schwarze Wetterwolke umhüllte den König und entzog dem Volke seinen Anblick, und fortan war Romulus auf Erden nicht mehr sichtbar. Der Kriegsgott selber, so hieß es, hatte den ruhmgekrönten Sohn auf feurigem Wagen gen Himmel gehoben. Dem Volke wußte nachher einer der Senatoren zu erzählen, wie ihm Romulus in göttlicher Gestalt erschienen sei und zu ihm, der anbetend dagestanden und nicht gewagt die Augen zu ihm zu erheben, gesagt habe: „Künde den Römern, daß ich unter die Himmlischen aufgenommen bin und fortan nicht mehr Romulus, sondern Quirīnus heiße. Die Götter wollen, daß meine Roma dereinst die Hauptstadt der Welt werde. Darum sollen die Römer den Krieg üben und gewiß sein, daß keine menschliche Macht ihren Waffen widerstehen kann.“ Mit diesen Worten habe er sich wieder zum Himmel erhoben.
Eine andere Nachricht erzählt, daß Romulus von den Senatoren, denen seine Herrschaft verhaßt gewesen, durch heimlichen Mord beiseite geschafft worden sei.
II.
König Numa Pompilius.
(716–673 v. Chr.)
Nach des Romulus Tode dauerte es ein volles Jahr, bis die Wahl eines Königs zustande kam. Die Leitung des Staates führte inzwischen in wechselnder Folge je einer der Senatoren. Die Wahl fiel endlich auf einen Mann sabinischen Stammes, aus der sabinischen Stadt Cures, den Eidam des Königs Tatius, Numa Pompilius, der in dem Ruf großer Weisheit und Gerechtigkeit, friedliebenden Sinnes und tiefer Einsicht in alle göttlichen und menschlichen Dinge stand.
Wie Romulus den jungen Staat mit Waffengewalt gegründet und befestigt hatte, so gedachte Numa ihn auf der festen Grundlage göttlichen und menschlichen Rechtes gleichsam neu zu gründen.
Nachdem er zuvörderst mit allen Nachbaren Frieden und Freundschaft hergestellt, war seine vorzüglichste Sorgfalt darauf gerichtet, die durch steten Krieg verwilderten Sitten der Römer zu mildern und ihren kriegerischen Sinn zu besänftigen. Das beste Mittel, um dies zu erreichen, sah er in einer neuen Ordnung des Götterdienstes. Dabei bediente er sich geschickt des verbreiteten Gerüchtes, daß er sich der besonderen Gunst einer vor den Toren der Stadt in einer Grotte hausenden weisen Nymphe, der Egéria, erfreue, die ihm bei allen seinen Einrichtungen ratend zur Seite stände. Als Aufseher und Leiter des ganzen Götterdienstes bestellte er das Kollegium der Priester (pontífices), an deren Spitze der König selbst als Oberpriester (póntifex máximus) stand. Den Vogelschauern (aúgures) erteilte er das Amt, aus dem Fluge der Vögel, aus Donner und Blitz und dem Fressen der heiligen Hühner die Zukunft und den Willen der Götter zu erforschen. Die Eingeweideschauer (harúspices) untersuchten die Eingeweide der Opfertiere und deuteten daraus auf Glück oder Unglück. Die Zahl der Vestalinnen, der heiligen Jungfrauen, denen die Sorge für das Herdfeuer im Tempel der Vesta oblag, vermehrte er auf vier. Dem Janus, einem Gotte, der mit doppeltem, nach entgegengesetzten Seiten gewandtem Gesicht und einem Schlüssel in der Hand dargestellt wurde, baute er einen Tempel, der in Kriegszeiten offen stehen, im Frieden aber geschlossen sein sollte. Unter Numa selbst, dessen 43jährige Regierung in ungestörtem Frieden verlief, blieb er stets geschlossen. Nach Numa ist dies während der ganzen Dauer der römischen Republik nur zweimal wieder der Fall gewesen, das eine Mal nach Beendigung des ersten punischen Krieges, und dann wieder im Anfang der Regierung Augustus, des ersten Kaisers. Auch für das bürgerliche Leben traf Numa zweckmäßige Einrichtungen, wie er denn das Jahr, das bis dahin nur zehn Monate hatte, in zwölf Mondmonate einteilte und es durch Einführung von Schalttagen mit dem Sonnenlaufe in Übereinstimmung brachte.
Hochgeehrt und geliebt nicht nur von seinem eigenen, sondern auch von den umwohnenden Völkern, starb der fromme König im 84. Lebensjahre.
III.
König Tullus Hostilius.
(673–641 v. Chr.)
Kurze Zeit nach seinem Tode wählte das Volk wieder einen König aus römischem Stamme, den kriegerischen Tullus Hostilius. Unter seiner Regierung ward Alba Longa, Roms Mutterstadt, zerstört. Die Veranlassung zu diesem Kriege war folgende.
Albanische Hirten hatten im römischen, römische im albanischen Gebiete Raub begangen. Von beiden Seiten wurden Gesandte abgeordnet, um Genugtuung zu fordern. Aber mit dieser Forderung kamen die römischen Gesandten den albanischen zuvor, sodaß, da die Albaner die Genugtuung verweigerten, die Schuld des Krieges ihnen zur Last fiel. Beide Teile rüsteten sich dazu mit aller Macht. Als die Heere einander in Schlachtordnung gegenüber standen, machte Mettius Fuffétius, der Führer der Albaner, dem römischen König den Vorschlag, den Krieg durch einen Kampf Weniger entscheiden zu lassen. Beide Teile stimmten zu. Nun traf es sich, daß in jedem Heere Drillingsbrüder standen, drei Horatier im römischen, drei Curiatier im albanischen. Diese wurden für den entscheidenden Kampf bestimmt und waren dazu freudig bereit. Zuvor aber ward ein feierlicher Vertrag abgeschlossen, daß dasjenige Volk, dessen Vorkämpfer siegen würden, über das andere herrschen sollte.
Zwischen beiden Heeren wurde eine Ebene zum Kampfplatz bestimmt, und mit Blumen bekränzt und unter lautem Zuruf der Ihrigen gingen die jungen Vorkämpfer mit dem Schwerte in der Faust aufeinander los. Nicht die eigene Gefahr, nur das Schicksal ihres Vaterlandes schwebte ihnen vor Augen. Bei beiden Heeren herrschte bange Furcht und allgemeine Stille. Kaum aber waren sie handgemein, kaum hatten die Bewegungen mit den Schilden und Schwertern und das aus den Wunden strömende Blut die Augen der Zuschauer auf sich gezogen, als schon zwei Römer, einer über den andern, tot zur Erde stürzten. Bei ihrem Fall erhob das albanische Heer ein Freudengeschrei, während die römische Legion, fast hoffnungslos, das Schicksal ihres einzigen noch übrigen Kämpfers mit steigender Angst erwartete. Zum Glück war dieser noch unverwundet, und also zwar den Gegnern, obwohl sie alle drei verwundet waren, wenn sie vereinigt blieben, nicht gewachsen, aber noch siegesmutig genug, um es mit jedem besonders aufzunehmen. Um sie also zu trennen, nahm er die Flucht, indem er voraussah, daß ihm jeder nur so geschwind folgen würde, als es seine Wunden gestatteten. Schon hatte er sich etwas aus den Grenzen des Kampfplatzes entfernt, als er sich umwandte und seine Gegner in weiten Zwischenräumen ihm nacheilen sah. Einen aber erblickte er nicht weit hinter sich und ging sofort auf ihn los. Bald hatte er ihn erlegt und drang auf den zweiten ein. Da erhoben die Römer ein Freudengeschrei, um ihren Vorkämpfer zu ermuntern, der denn auch den zweiten Curiatier zu Boden streckte, noch ehe ihm der dritte zu Hilfe kommen konnte. Nun waren die Parteien zwar noch an Zahl, aber nicht mehr an Hoffnung und Kräften gleich: der eine noch unverwundet, zwiefach Sieger, eilte voll Mut in den dritten Kampf, der andere aber, der seinen von Wunden und vom Lauf ermatteten Körper kaum fortschleppte, sah sich seinem Feinde als ein gewisses Schlachtopfer preisgegeben. Frohlockend rief der Römer: „Zwei habe ich dem Schatten meiner Brüder geopfert, den dritten weihe ich dem Preis dieses Kampfes, auf das Rom über Alba herrsche!“ Sprachs und stieß seinem Feinde, der kaum noch den Schild halten konnte, das Schwert in die Kehle, streckte ihn zu Boden und nahm ihm seine Rüstung. So wurde durch diesen Kampf Alba Longa der Herrschaft der Römer unterworfen.
Horatius kehrte an der Spitze des Heeres, mit den Rüstungen der erschlagenen Feinde als Beute und Zeichen seines Sieges, nach Rom zurück. Am Capenischen Tor begegnete ihm seine Schwester, die mit einem der Curiatier verlobt gewesen war. Als sie unter der Beute ihres Bruders auch das Gewand erblickte, das sie für ihren Bräutigam gewebt hatte, brach sie in laute Klagen und Verwünschungen gegen ihren Bruder aus. Darüber geriet Horatius in solche Wut, daß er die eigne Schwester niederstach. Wegen dieser blutigen Tat wurde er vor Gericht geladen und von den Richtern zum Tode verurteilt. Nur die Bitten, mit denen sich sein Vater an das Volk wandte, retteten den Schuldigen, und der König bestrafte ihn bloß dadurch, daß er ihn unter dem Schandjoch hergehen ließ.
Die Albaner aber unter Mettius Fuffetius ertrugen die Abhängigkeit von Rom mit Unwillen. Um ihre Selbständigkeit wieder zu gewinnen, suchten sie den König Tullus in einen Krieg zu verwickeln und reizten die Stadt Fidénä zum Abfall von Rom. Den Fidenaten leistete die etrurische Stadt Veji offene Hilfe, die Albaner aber versprachen heimlich, sie würden während der Schlacht zu ihnen übergehen. Als Tullus gegen die Fidenaten zu Felde zog, entbot er auch die Albaner zum Heerbann. Das römische Heer stellte er den Vejentern, das albanische den Fidenaten gegenüber. Aber Mettius Fuffetius zeigte sich im Kampfe untätig und schwankend, indem er zu denen überzugehen gedachte, auf deren Seite sich der Sieg neigen würde. So sahen denn die Albaner ruhig zu, wie die Römer allein, unter unaufhörlichem Gefecht, erst die Fidenaten, dann die Vejenter schlugen und einen vollständigen Sieg errangen. Als Fuffetius dem siegreichen Tullus Glück wünschte, empfing ihn der König scheinbar mit Güte und stellte sich, als habe er dessen treuloses Spiel nicht bemerkt, bestellte aber beide Heere auf den folgenden Tag zu einer Versammlung. Zuerst erschienen unbewaffnet die Albaner; das römische Heer stellte sich bewaffnet ringsum. Darauf enthüllte Tullus in einer an beide Heere gerichteten Rede den Verrat des Fuffetius und verkündigte seine und seines Volkes Strafe. Fuffetius selbst ward auf zwei Wagen festgebunden, deren Gespanne, nach verschiedenen Richtungen getrieben, seinen Körper in zwei Stücke zerrissen. Die Stadt aber der Albaner wurde zerstört, ihre Bewohner mußten nach Rom ziehen, wo ihnen der cölische Hügel (mons coelius), nahe dem palatinischen südwärts gelegen, zu Wohnstätten angewiesen wurde.
Auch in einem Kriege gegen die Sabiner focht Tullus glücklich; aber das Ende seiner Regierung ward durch manche unheilverkündende Zeichen und Unfälle getrübt. Auf dem Albanerberge regnete es Steine, und aus dem dortigen Hain erscholl eine Stimme, die über die Vernachlässigung des Gottesdienstes klagte. Eine Seuche brach aus, an der Tullus selbst erkrankte. Voll Mißmut ergab er sich allen Arten von Aberglauben. Einst fand er in den Büchern des Numa einen Zauberspruch, mit dem man den Jupiter vom Himmel herabzubannen glaubte. Aber der König beging in der Anwendung des Spruches einen Fehler; der empörte Gott fuhr in einem Wetterstrahl herab, der den König samt seinem Hause verbrannte.
IV.
König Ancus Marcius.
(641–617 v. Chr.)
Der vierte König der Römer war Ancus Marcius, ein Tochtersohn des Numa Pompilius. Wie sein Großvater im Innern, so war er darauf bedacht nach außen, in den Verhältnissen zu den meist feindlichen Nachbarvölkern, eine feste, auf Recht und Gerechtigkeit gegründete Ordnung herzustellen. Kein Krieg wurde erklärt und begonnen, ohne zuvor dem Feinde Gelegenheit und Frist zu friedlichem Austrage des Streites zu geben, kein Friede geschlossen ohne Beobachtung bestimmter heiliger Gebräuche. Für beides hatten die sogenannten Fetialen zu sorgen, angesehene Männer, welche mit dem Rechte des Krieges und Friedens wohl vertraut waren. Auch auf die innere Wohlfahrt verwandte dieser König eifrige Sorge. Er legte die Hafenstadt Ostia an der Mündung der Tiber an, baute eine Pfahlbrücke über diesen Fluß zum Janiculum hinüber, und siedelte auf dem Aventinus die Plebejer (die Plebs) an, die aus der Menge der zugewanderten oder aus den besiegten Ortschaften verpflanzten Bewohner bestanden und den altbürgerlichen Geschlechtern, den Patriziern, gegenübertraten, aber keinen Anteil an der Verwaltung des Staates besaßen. Somit waren schon fünf Hügel bebaut, der palatinische von den ersten Ansiedlern, der quirinalische von den Sabinern, der coelische von den Albanern, der aventinische von den Plebejern, während das Capitolium, zwischen dem Palatinus und Quirinalis, als Burg der Stadt und Stätte der Haupttempel, nicht bewohnt werden durfte.
Unter der Regierung des Ancus Marcius kam ein gewisser Lúcumo nach Rom. Er war der Sohn des Korinthiers Damarātus, der, aus seiner Vaterstadt vertrieben, sich nach Tarquinii, einer Stadt in Etrurien, begeben und daselbst durch seine Reichtümer Ansehen erlangt hatte. Von Jugend auf durch das Glück begünstigt, hatte Lúcumo, der einzige Erbe aller Reichtümer seines Vaters, die Tochter eines vornehmen Bürgers seiner neuen Heimat, die Tanaquil geheiratet, die, wie viele ihres Volkes, der Weissagung kundig war. Indessen konnte er doch als Ausländer in Tarquinii zu keinen hohen Ehrenstellen gelangen. Dies schmerzte die stolze Tanaquil so sehr, daß sie ihren Gemahl bat die Stadt zu verlassen und nach Rom zu ziehen. Lucumo, selbst von Ehrgeiz und Ruhmsucht gespornt, willfahrte ihr, und so machten sich beide auf die Reise nach Rom.
Als sie nicht mehr weit von dieser Stadt entfernt waren, fuhr ein Adler herab, nahm dem Lucumo den Hut vom Haupte, erhob sich in die Lüfte und setzte ihn ihm bald nachher wieder auf. Tanaquil sah in diesem Ereignis eine glückliche Vorbedeutung und erfüllte ihren Gemahl mit der Hoffnung, daß ihm in Rom die Herrschaft zufallen würde. Und diese Hoffnung täuschte sie nicht. Denn Lucumo, der in Rom den Namen Lucius Tarquinius angenommen hatte, erwarb sich bald durch Leutseligkeit und Freigebigkeit die Liebe und Achtung seiner neuen Mitbürger. Die Kunde von ihm gelangte auch an den Hof. Der König Ancus Marcius gewann den reichen Etrusker lieb und bediente sich seines Rates und Beistandes in allen Angelegenheiten; ja er bestellte ihn sogar vor seinem Tode zum Vormund seiner Kinder. Als aber Ancus starb, sandte Tarquinius dessen beide Söhne zur Zeit, als die Wahl des neuen Königs vollzogen werden sollte, auf die Jagd; er selbst bat in der Versammlung das Volk, das er an die vielen von ihm erhaltenen Wohltaten erinnerte, um die Königswürde. Das Volk willfahrte seiner Bitte, und Tarquinius ward König. Er erhielt später, zum Unterschied von seinem gleichnamigen Nachfolger, den Beinamen Priscus (der Alte).
V.
Tarquinius Priscus.
(617–578 v. Chr.)
Um sich zum Kriege gegen die Sabiner zu rüsten, wollte Tarquinius den bisherigen drei Abteilungen (Centurien) der Reiter noch drei neue Centurien mit neuen Namen hinzufügen. Aber einer der Augurn, Attus Navius, erklärte, dies könne nicht eher geschehen, als bis die Augurn mit ihrer Kunst den Willen der Götter erforscht hätten, denn jede Einrichtung des Staates, welche unter Befragung der Vogelzeichen (Auspicien) getroffen sei, dürfte nicht ohne neue Befragung geändert werden. Dieser Ausspruch des Augurn verdroß den eigenmächtigen Sinn des Königs, und er beschloß seine Sehergabe auf eine Probe zu stellen. Spöttisch fragte er ihn: „Kann das geschehen, was ich in diesem Augenblicke denke?“ „Gewiß“, antwortete der Augur, nachdem er darüber die Auspicien befragt hatte. „Wohlan“, rief der König, „so zerschneide mir diesen Kiesel mit einem Schermesser.“ Und ohne Zögern — so berichtet die Sage — vollbrachte der Augur das Wunder, und der König sah sich genötigt von seinem Vorhaben abzustehen. Indessen verdoppelte er doch die Anzahl der vorhandenen Reiter, obgleich er keine neuen Centurien bildete, sondern die alten Namen beibehielt. Dieser Vorfall erhob das Ansehen der Augurn außerordentlich, und noch in späteren Zeiten sah man zu Rom die Bildsäule des Attus, unter welcher der zerschnittene Stein vergraben liegen sollte. — Auch den Senat vermehrte der König auf 300 Mitglieder.
Die reiche Beute aus seinen glücklichen Kriegen gegen die Sabiner und Latiner, sowie die Einnahmen aus dem ihnen entrissenen Landbesitz verwandte der König auf großartige Bauten. Durch mächtige unterirdische Kanäle (Kloaken), von denen der größte noch heute benutzt wird, ließ er die sumpfigen Niederungen zwischen den Hügeln trocken legen und eine derselben, zwischen Palatin und Capitol, zum Markt- und Gerichtsplatz (forum) einrichten. In einer anderen, auf der westlichen Seite des Palatin bis zum Aventin, legte er den Circus Maximus an, einen weiten, ovalen, rings von Bühnen für die Zuschauer umgebenen Platz für Wagen- und Pferderennen und Gladiatorenkämpfe. Die Stadt schloß er mit einer Mauer von Backsteinen ein und begann den Bau des Tempels des capitolinischen Jupiter.
Aber ein blutiges Ende beschloß seine Regierung. Die Söhne des früheren Königs konnten es nicht vergessen, daß er sie durch List um ihr väterliches Erbe gebracht hatte. Ja, sie mußten sogar fürchten, daß der Schwiegersohn des Königs, Servius Tullius, nach ihm zur Regierung gelangen würde. Sie machten deshalb den Anschlag, den König zu töten und sich des Thrones zu bemächtigen. Sie stifteten zwei Hirten zum Meuchelmorde an. Diese gingen mit Äxten, die sie zu tragen gewohnt waren, in den königlichen Palast, fingen daselbst Streit an und verlangten, daß der König ihn schlichten sollte. Tarquinius ließ sie vor sich kommen, um ihre Sache zu hören. Anfangs suchten beide durch ihr Geschrei den König zu verwirren, doch Tarquinius befahl, daß einer nach dem anderen reden sollte. Als sich nun der König, ohne etwas Arges zu ahnen, aufmerksam zu dem einen hinwandte, versetzte ihm der andere mit der Axt einen tödlichen Schlag, daß er entseelt zu Boden sank.
Allein die Söhne des Ancus erreichten ihre Absicht nur halb. Sobald nämlich der König getötet worden war, ließ Tanaquil, die Königin, die königliche Burg verschließen und forderte den Servius Tullius auf sich der Herrschaft zu versichern. Darauf öffnete sie das Fenster und kündete selber dem Volke, das sich auf die Nachricht von dem Mordanfall vor dem Palaste versammelt hatte, Tarquinius lebe noch und befehle dem Volke, inzwischen seinem Eidam zu gehorchen. Darauf trat dieser in königlicher Kleidung und von Amtsdienern (Lictoren) umgeben hervor, um, wie er vorgab, die Stelle des noch lebenden Königs zu vertreten. Als nach einigen Tagen der Tod des Königs bekannt wurde, fiel es dem Servius nicht schwer den Thron zu behaupten, den er zwar mit Bewilligung des Senats, aber nicht mit Beistimmung des Volkes in Besitz nahm. Die Söhne aber des Ancus waren bereits von den ergriffenen Mördern als Anstifter der Tat verraten und, mutlos geworden, aus der Stadt entflohen und fanden in der Fremde ein ruhmloses Ende.
VI.
König Servius Tullius.
(578–534 v. Chr.)
Der neue König war von unfreier Herkunft. Unter der Regierung des Tarquinius Priscus, so wird erzählt, eroberten die Römer die sabinische Stadt Corniculum. Hierbei ward Tullus, einer der angesehensten Bürger der Stadt, getötet, und seine Frau als Gefangene nach Rom abgeführt. Im Hause des Königs gebar sie einen Knaben, der wegen der Knechtschaft, in welche seine Mutter geraten war, Servius (von servus „Knecht“), nach seinem Vater aber Tullius genannt wurde und unter dem Gesinde der Königin aufwuchs. Da geschah es, daß in einer Nacht, während das Kind schlief, plötzlich ein heller Flammenschein sein Haupt umloderte. Tanaquil, die solche Dinge zu deuten verstand, verbot den Dienern das Feuer zu löschen, und es verschwand von selbst, als der Knabe erwachte. Von dieser Zeit an glaubten der König und die Königin, der junge Servius sei zu hohen Dingen berufen, und nahmen ihn an Kindes Statt an. Er ward in allen edlen Künsten unterrichtet, und da sich seine Gaben vortrefflich entwickelten, gab ihm der König seine eigene Tochter zur Ehe. Wie er nach dem Tode des Tarquinius Priscus selbst König wurde, ist bereits erzählt worden.
Unter seiner Regierung erhielt die Stadt ihre letzte Erweiterung und einen neuen Mauerring. Er zog die zwei letzten der sieben Hügel, von denen Rom die „Siebenhügelstadt“ genannt wird, den Esquilinus und den Viminalis, die auf der Ostseite der Stadt lagen, in ihren Umkreis, und umgab das Ganze mit einer Mauer aus mächtigen Quadersteinen, wovon noch heute einzelne Reste das Staunen der Beschauer erregen.
Nach außen wußte er durch kluge und friedliche Verhandlungen mit den anderen noch selbständigen latinischen Städten für Rom die erste Stelle in ihrem Bunde zu gewinnen, und sie zu bewegen auf dem Aventin einen gemeinsamen Tempel der Göttin Diana zu erbauen. Ja, durch eine List des Priesters dieses Tempels gelang es, wie eine Sage ging, auch den Anspruch auf die Oberherrschaft über ganz Latium für Rom zu gewinnen. Ein Sabiner nämlich trieb einst ein Rind von ungewöhnlicher Größe und Schönheit nach Rom, um es daselbst im Tempel der Diana zu opfern, in der festen Überzeugung, daß er dadurch, nach dem Ausspruch der Seher, seiner Vaterstadt die Obergewalt verschaffen würde. Denn die Augurn hatten gesagt, daß dasjenige Volk die Oberherrschaft erhalten sollte, dessen Bürger jenes Rind der Diana opfern würden. Allein dieser Ausspruch war auch zu den Ohren jenes römischen Priesters gekommen, und dieser suchte sich des Opfers zu bemächtigen. Er befahl dem Sabiner sich vor dem Opfer in fließendem Wasser zu baden, aber während der Sabiner dies tat, opferte der Priester selber das Rind.
Die größte Tätigkeit wandte Servius den inneren Angelegenheiten zu. Er ordnete eine allgemeine Schatzung (Census) und Musterung des Volkes an, welche fortan alle fünf Jahre vollzogen werden sollte. An dem dazu bestimmten Tage erschienen alle wehrfähigen Bürger auf der vor dem Capitol sich nordwärts erstreckenden Ebene vor der Stadt, dem später sogenannten Marsfelde (campus Martius). Da mußte jeder seinen und seines Vaters Namen, Alter, Wohnort und Vermögen eidlich angeben. Nach der Verschiedenheit des Vermögens wurde die gesamte Bevölkerung Roms, Patrizier und Plebejer, in fünf Klassen, diese wieder in eine Anzahl Centurien eingeteilt, so daß auch die Plebejer das Recht erhielten die Waffen zu führen und in der nach Centurien geordneten und stimmenden Volksversammlung (comitia centuriata) mitzustimmen. Mit dem 17. Jahre wurde der Bürger in die Bürgerlisten eingetragen. Nach geendigter Schatzung stellte sich die ganze Bürgerschaft bewaffnet auf dem Marsfeld zur großen Heerschau; dann wurden unter Gebeten drei Tiere, ein Schwein, ein Schaf und ein Rind, um das ganze Volk dreimal herumgeführt und darauf geopfert, zur Sühne aller Sünden, die das Volk in den letzten fünf Jahren begangen hatte.
Nach der Schatzung richtete sich die Steuer, die jeder Bürger zu entrichten hatte, und der Kriegsdienst. Alle Bürger waren kriegspflichtig; vom 17. bis 46. Jahre dienten sie im Felde, vom 46. bis 60. Jahre als Besatzung der Stadt. Die Bürger der ersten Klasse waren mit einem Helme, Panzer, großem Schilde und Beinschienen von Erz gerüstet, und führten als Waffen Speer und Schwert. In der Schlacht standen sie, als die am schwersten Bewaffneten, in der ersten Linie. Die Bürger der zweiten Klasse hatten keinen Panzer und einen kleinen Schild, sonst alles wie jene; sie standen in der zweiten Linie. Die in der dritten Klasse, welche in der dritten Linie standen, waren gerüstet wie die in der zweiten, nur fehlten die Beinschienen. Die Bürger der vierten Klasse hatten außer einem kleinen Schilde gar keine Schutzwaffen, sie führten Speer und Wurfspieß und standen in der letzten Linie. Die der fünften endlich dienten als Schleuderer und standen außerhalb der Linie. Alle mußten sich Rüstung, Waffen und Unterhalt aus eigenen Mitteln beschaffen; nur den Rittern gab der Staat Geld zum Ankauf eines Streitrosses, sowie zum Unterhalt desselben und eines Reitknechts nebst dessen Pferde.
Durch alle diese Einrichtungen, die neue Ordnung und Einigung des Volkes, die Erweiterung und Befestigung der Stadt, die Stellung, welche Rom an der Spitze der latinischen Städte einnahm, erwarb sich der König die Liebe und Dankbarkeit der Römer und machte den unberechtigten Ursprung seiner Herrschaft vergessen. Gleichwohl traf ihn, nach 44jähriger glücklicher Regierung, ein schreckliches Ende.
Seine beiden Töchter hatte er mit den beiden Söhnen seines Vorgängers und Schwiegervaters, des Tarquinius Priscus, vermählt. Diese waren an Denkungsart und Sitten ebenso verschieden als des Königs Töchter. Lucius Tarquinius war wild, ungestüm und herrschsüchtig, und ebenso die jüngere Tullia. Aruns Tarquinius hingegen und die ältere Tullia waren sanft und gutherzig. Darum hielt es Servius für das Beste, wenn er die entgegengesetzten Charaktere mit einander verbände, damit die Sanftmut des einen die Heftigkeit des anderen mäßigen könnte. Er gab daher die ältere Tullia dem Lucius Tarquinius, die jüngere Tullia aber dem Aruns Tarquinius zur Ehe. Aber der Erfolg fiel ganz gegen seine Hoffnung aus.
Die Ähnlichkeit der Gemüts- und Denkungsart, die zwischen dem Lucius Tarquinius und der jüngeren Tullia stattfand, brachte zwischen beiden bald eine Vertraulichkeit zuwege, die sie zu den schändlichsten Handlungen verführte. Beide töteten, er seine Gattin, sie ihren Gatten. Dies konnte Servius nicht nur nicht verhindern, sondern mußte sogar erlauben, daß sie sich einander heirateten. Aber damit nicht zufrieden, suchten sie den Servius der Regierung zu berauben. Tarquinius warb sich eine Partei unter den Bürgern und gewann besonders die Vornehmen, die sich durch die neuen Einrichtungen des Königs in ihren alten Vorrechten gekränkt fühlten. Eines Tages erkühnte er sich, angetan mit den Abzeichen der Königswürde, in königlichem Schmuck in das Rathaus zu gehen, sich auf den Königsstuhl zu setzen und, als wäre er bereits König, den Senat zu berufen. Sie kamen in großer Anzahl, und er hielt eine Rede an sie, worin er ihnen seine Absicht, sich auf den Thron zu setzen, entdeckte. Inzwischen kam auch Servius Tullius voll Zorn herbei und wollte sogleich seinen Eidam vom Throne herabziehen. Allein dieser, an Kräften dem alten König überlegen, ergriff und stürzte ihn von der obersten Stufe des Rathauses auf den Markt hinab. Verwundet wollte Servius sich nach Hause begeben, allein die Boten des Tarquinius holten ihn unterwegs ein und töteten ihn auf der Stelle.
Indessen war Tullia herbeigekommen und hatte den Vorgang gehört. Frohlockend ließ sie ihren Mann aus dem Rathause rufen und begrüßte ihn zuerst als König. Als sie wieder nach Hause fuhr, führte der Weg durch eine enge Straße, wo der Leichnam des ermordeten Königs lag. Bei diesem Anblick hielt der Wagenführer an und wollte ausweichen, aber die gottlose Tullia befahl ihm über den Leichnam ihres Vaters hinwegzufahren. So kam sie, mit dem Blute ihres Vaters bespritzt, nach Hause.
VII.
König Tarquinius Superbus.
(534–510 v. Chr.)
Tarquinius hat sich durch seine eigenmächtige und gewalttätige Herrschaft den Beinamen Superbus (Tyrann) zugezogen. Er hatte sich des Königsamtes bemächtigt, ohne vom Volke gewählt und durch die Auspicien bestätigt zu sein. Die Reichen drückte er durch willkürliche Auflagen, die Armen durch Frohndienste. Viele Vornehme, die treu zum vorigen Könige gehalten hatten oder die ihm verdächtig schienen, bestrafte er mit Hinrichtung, Verbannung oder Verlust des Vermögens. Er berief den Senat nicht mehr, und entschied allein über Krieg und Frieden und über Bündnisse mit anderen Völkern. Nach außen aber nahm der Staat unter seinem klugen und unternehmenden Regiment an Größe, Macht und Ansehen stetig zu. Er entriß den latinischen Städten ihre Selbständigkeit und machte Rom zum herrschenden Haupte des latinischen Bundes.
Eine derselben, die große und feste Stadt Gabii, belagerte Tarquinius sieben Jahre lang vergebens, bis er sie endlich durch List eroberte. Sein jüngster Sohn, Sextus Tarquinius, flüchtete, scheinbar in Zwist mit seinem Vater, nach Gabii, wo er über dessen unerträgliche Härte klagte, und dadurch das Mitleid der Gabinier erregte. Sie nahmen ihn gern auf, und bald wußte er ihr volles Vertrauen zu erwerben. Mit einem gabinischen Heerhaufen trieb er die Kriegsmannen seines Vaters zurück; die sich der Verabredung gemäß schlagen lassen mußten. Durch diese Arglist betrogen, übertrugen ihm die Gabinier bald den Oberbefehl über Stadt und Heer. Nun schickte er einen vertrauten Boten an seinen Vater, mit der Frage, was er nun, da die Götter ihn zum Herrn von Gabii gemacht hätten, dort tun sollte. Der König führte schweigend den Boten in den Garten, schlug mit einem Stabe die höchsten Mohnköpfe ab, und hieß ihn dann dem Sohne sagen was er gesehen hätte. Sextus verstand seines Vaters Wink und schaffte die vornehmsten Gabinier teils durch heimlichen Mord, teils durch falsche Anklagen und Verbannung beiseite. Nachdem er auf diese Weise die Stadt ihrer Häupter beraubt, und das gemeine Volk durch Verteilung der Güter der Verurteilten gewonnen hatte, lieferte er sie ohne jeden Widerstand in die Hand seines Vaters.
Der kriegerische König war zugleich prachtliebend und verschönerte Rom durch großartige Bauten, die er durch kunstgeübte etrurische Werkmeister ausführen ließ. Die Kosten bestritt er aus den Gütern der verbannten Reichen und der angesammelten Kriegsbeute, während das ärmere Volk zu harten Frondiensten herangezogen wurde. Von diesen Bauten waren am berühmtesten die „große Kloake“ und das Capitolium mit dem dreifachen Tempel des Jupiter, der Juno und der Minerva, der mit ehernen Götter- und Königsbildern geschmückt war. Als man bei dem Bau dieses großen capitolinischen Tempels die vielen älteren Altäre und kleinen Tempel, welche den Ort bedeckten, wegräumte, ließen sich die des „Grenzgottes“ (Terminus) und der Göttin der „Jugend“ (Juventus) nicht wegrücken. Diese Wunderzeichen deutete man dahin, daß die Jugend des römischen Staates nie verblühen seine Grenzen nie zurückweichen würden. Man schloß daher diese Götter mit in die Mauer des Tempels ein. In einem unterirdischen Gewölbe des Tempels wurden in bleiernem Kasten die drei sibyllinischen Bücher verwahrt, in deren Besitz Tarquinius auf folgende Weise gelangt war.
Einst kam eine unbekannte Alte von seltsamem Ansehen zum König und bot ihm neun Bücherrollen zum Kauf an. Aber der Preis, den sie forderte, war dem König zu hoch, und die Frau wurde abgewiesen. Alsbald ging sie fort und verbrannte drei von ihren Büchern, kam dann wieder und bot die übrigen sechs dem Könige zu demselben Preise an. Wiederum zurückgewiesen, verbrannte sie abermals drei Bücher. Als sie dann zum dritten Male erschien und die drei letzten Bücher zu verbrennen drohte, wenn sie jenen Preis nicht erhielte, wurde der König aufmerksam und ließ die Bücher von den Augurn untersuchen. Auf ihren Rat kaufte er die Bücher, und sofort verschwand die Fremde. Die Abfassung dieser mit dunklen, rätselhaften Sprüchen und Weissagungen in griechischer Sprache angefüllten Bücher schrieb man einer Sibylle zu, mit welchem Namen man in alten Zeiten geheimnisvolle, mit Sehergabe ausgestattete Frauen bezeichnete, und davon hießen fortan diese wundersamen Schriftrollen die sibyllinischen Bücher. Der besondern Obhut zweier Priester anvertraut, wurden sie fortan zu Rate gezogen, so oft auffällige Naturerscheinungen die Gemüter erschreckten, oder der Staat, durch innere oder äußere Not bedrängt, eines göttlichen Rates zu bedürfen schien.
Nicht lange, so ängstigten böse Zeichen und Träume das Gemüt des Königs. Eine Schlange schlüpfte aus dem Altar des königlichen Hauses und raubte das dargebrachte Opferfleisch. Der König beschloß das delphische Orakel, welches damals im größten Ansehen stand, über dieses Wunder zu befragen und sandte seine beiden Söhne Titus und Aruns, denen er den Junius Brutus als Begleiter gab, mit kostbaren Weihgeschenken dahin ab. Dieser, obgleich ein naher Verwandter des Königs, war der Grausamkeit des Tyrannen, der schon seinen Vater und Bruder getötet hatte, nur dadurch entgangen, daß er sich blödsinnig stellte. Tarquinius hatte ihn wirklich für dumm gehalten, ihm den Namen Brutus (der Dumme) gegeben und ihn der Kurzweil wegen an seinen Hof genommen. Doch äußerte Brutus bisweilen Spuren der in ihm versteckten Klugheit. In Delphi machte er dem Orakel einen Stab von Kornelkirschholz zum Geschenk, aber der hölzerne Stab war hohl und mit Gold gefüllt, und so ward er das Sinnbild des Brutus selbst.
Als die Jünglinge den Auftrag des Vaters vollzogen hatten, trieb sie die Neugier das Orakel zu befragen, wer nach dem Vater in Rom herrschen würde, und es geschah die Antwort: „Der, welcher zuerst von euch seine Mutter küssen wird.“ Die Königssöhne, welche meinten, das Orakel weise auf ihre Mutter, die Königin, die Gattin des Tarquinius, machten unter sich aus ihre Mutter zu gleicher Zeit zu küssen, um später gemeinschaftlich zu regieren. Brutus aber verstand unter der Mutter die Erde, die gemeinsame Mutter aller Menschen. Darum tat er, als sie heimkehrten und aus dem Schiff ans Land stiegen, mit Absicht einen Fehltritt, fiel nieder zur Erde und berührte sie mit seinen Lippen, und erfüllte so das Geheiß des Orakels.
Bald darauf geschah es, daß bei einer Belagerung von Ardĕa, der Hauptstadt der Rútuler, sich die Söhne des Königs die Langeweile im Lager durch Gastmähler und Trinkgelage zu vertreiben suchten. Als sie so einst bei ihrem Bruder Sextus, dem Eroberer von Gabii, schmausten, fiel die Rede auch auf ihre Frauen, und sie stritten, wer von ihnen die preiswürdigste hätte. Da jeder seine eigene dafür hielt, rief Collatinus Tarquinius, ihr Vetter: „Wozu all dies Streiten? Laßt uns unsere Rosse besteigen und unsere Frauen besuchen! Womit wir eine jede beschäftigt finden, darnach mag der Preis zuerkannt werden.“ Alle waren mit dem Vorschlage zufrieden. Beim Anbruch der Dunkelheit gelangten sie nach Rom, wo die Frauen der Königssöhne die Zeit in Lust und Wohlleben verbrachten; von da ging ihr Ritt nach Collatia, zum Landgute des Collatinus. Hier fanden sie die ebenso schöne wie züchtige Lucretia, die Gattin desselben, noch in später Nacht unter ihren Mägden sitzen und mit Wollarbeit beschäftigt. Ihr wurde der Preis zuerkannt. Freundlich bewirtete sie den Mann und die mitgebrachten Gäste, bis sie ins Lager zurückkehrten.
Einige Tage nachher erschien Sextus Tarquinius diesmal allein und ohne Wissen des Collatinus, wieder in Collatia. Er ward von der arglosen Lucretia gastlich aufgenommen, vergalt aber diese Aufnahme damit, daß er der tugendhaften Frau eine rohe und entehrende Gewalt antat. Als der Verräter sie verlassen, ließ sie ihren Vater Lucretius und ihren Gemahl zu sich nach Collatia entbieten. Sie kamen, der Gatte begleitet von jenem Junius Brutus, der Vater von seinem Freunde Valerius. Jammernd erzählte sie ihnen den erlittenen Schimpf, und nachdem sie ihnen den Schwur abgefordert, den Sextus Tarquinius, ihren Beleidiger, zu bestrafen, stieß sie sich vor ihren Augen einen Dolch in die Brust. Während die anderen vor Schreck wie gelähmt dastanden, trat Brutus hervor, zog den Dolch aus der Leiche und schwur bei dem Blute des unschuldigen Opfers, daß er nicht ruhen und rasten wolle, bis er dies gottlose Königsgeschlecht aus Rom verjagt und der Königsherrschaft ein Ende gemacht hätte. Und den gleichen Schwur ließ er den beleidigten Gatten und den Vater nebst Valerius auf den blutigen Dolch leisten. Darauf hoben sie die Tote und trugen sie auf den Markt, wo sie dem herzueilenden Volke die Schandtat des Tarquiniers erzählten. Die Bürger von Collatia bewaffneten sich, besetzten die Tore ihrer Stadt und zogen, von Brutus und den anderen geführt, nach Rom. Hier berief Brutus das Volk zusammen und zählte ihm alle Freveltaten auf, die der König, sein Weib und seine Söhne vom Morde des Servius Tullius an bis zu dieser letzten Schandtat verübt hätten. Das Volk erklärte den Tarquinius der Königswürde verlustig und beschloß seine und seines Geschlechtes Verbannung. Darauf zog Brutus mit einer Schar von Jünglingen in das Lager von Ardea, jedoch auf einem Umwege, sodaß er dem Könige, der auf die erste Nachricht von dem Aufruhr nach Rom geeilt war, nicht begegnete. Freudig nahm das Heer den Brutus auf und verjagte die Königssöhne. In Rom aber ließ man den König nicht herein, sondern verschloß ihm die Tore und kündigte ihm seine Verbannung an. So von Volk und Heer verlassen, floh er mit seiner Familie nach der Stadt Cäre in Etrurien. Sextus ging zu den Gabiniern, die ihn, eingedenk des früheren Verrates, erschlugen.
Rom als Republik.
VIII.
Brutus, erster Konsul der Römer.
(509 v. Chr.)
An Stelle des einen Königs traten von jetzt an zwei oberste Beamte, die Konsuln, die, vom Volke gewählt, beide zwar dieselbe Machtbefugnis als oberste Heerführer und Richter übten, wie bisher die Könige, aber ihr Amt nur ein Jahr lang bekleideten und sich gegenseitig an Ausschreitungen hindern konnten. Die ersten Konsuln waren Brutus und Collatinus.
Obschon die Vertreibung der Könige von den alten Geschlechtern, den Patriziern, ausgegangen war, so waren doch nicht alle Patrizier damit zufrieden. Zumal die jüngeren unter ihnen, welche den Glanz und die Freuden eines königlichen Hofes vermißten, fanden sich nicht leicht in den neuen Zustand, und warteten nur auf eine Gelegenheit, um den König zurückzuführen. Als der König von dieser Stimmung Kunde erhielt, schickte er alsbald Gesandte nach Rom, unter dem Vorwande, daß sie die Herausgabe seiner Güter fordern sollten, in der Tat aber, um eine Empörung zum Sturz der Konsuln zuwege zu bringen. Mehrere junge Patrizier, unter ihnen sogar die Söhne des Konsuls Brutus, ließen sich dafür gewinnen und warben unter ihren Freunden zahlreiche Genossen. Man verabredete an einem bestimmten Tage die Konsuln zu töten und zugleich dem König die Tore der Stadt zu öffnen, und schrieb einen Brief an ihn, um ihn zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Allein, ehe noch die Gesandten mit dem Briefe Rom verlassen konnten, wurde die Verschwörung entdeckt. Ein Sklave hatte eine Zusammenkunft der Verschworenen belauscht und ihren Plan den Konsuln angezeigt. Diese ließen sofort die Gesandten und die Verschworenen ergreifen, und der vorgefundene Brief bezeugte unwidersprechlich ihre Schuld. Die Gesandten wurden, dem Völkerrechte gemäß, unverletzt entlassen, die ganze Habe des Königs aber dem Volke preisgegeben, sein großer Landbesitz nordwärts der Stadt bis zur Tiber dem Kriegsgott geweiht und seit der Zeit Marsfeld (campus Martius) genannt.
Die Verschworenen wurden in Fesseln vor die Konsuln geführt, welche auf ihren Amtsstühlen zu Gerichte saßen. Da sie nichts zu ihrer Verteidigung vorbringen konnten, so verurteilte sie Brutus, der Vater die eigenen Söhne, zum Tode. Diese Strenge machte auch dem Collatinus, dessen Neffe unter den Verschworenen war, ein milderes Urteil unmöglich. Mit fester Miene und unverwandtem Blick sah Brutus seine Söhne mit Ruten geißeln und dann mit dem Beil hinrichten. Darauf bewog er das Volk zu dem Beschluß, daß auch alle Verwandten des Königshauses verbannt sein sollten. Da zu diesen auch der Konsul Collatinus gehörte, so legte er sein Amt nieder und ging in die Verbannung. An seine Stelle trat der oben erwähnte Publius Valerius.
Tarquinius suchte von nun an mit Waffengewalt die verlorene Herrschaft wiederzugewinnen. Er rückte mit einem Heere, das ihm die etruskischen Städte Veji und Tarquinii gestellt hatten, gegen Rom. Die Bürger zogen ihm entgegen. Am Walde Arsia kam es zum Treffen. Als Brutus und Arnus, beide an der Spitze ihrer Reiterei, einander ansichtig wurden, sprengten sie, von gleichem Haß und Kampflust getrieben, gegen einander an. Beide fielen, jeder vom andern zu Tode getroffen. Darauf entbrannte die Schlacht allgemein und dauerte ununterbrochen bis gegen Mitternacht. Plötzlich erscholl aus dem Forste die Stimme des Waldgottes: „Bei den Etruskern ist ein Mann mehr gefallen, der Sieg gehört den Römern!“ Da gaben die Etrusker die Sache verloren und wandten sich zur Flucht, und die Römer kehrten als Sieger nach Hause. Den Brutus bestatteten sie auf das ehrenvollste, und die römischen Frauen betrauerten ihn ein ganzes Jahr wie einen Vater.
IX.
Krieg mit König Porsenna.
Tarquinius ließ die Hoffnung, die Königswürde wieder zu erlangen, noch nicht fahren. Er begab sich in den Schutz Porsennas, des mächtigen Fürsten der Stadt Clusium in Etrurien. Der Krieg, den dieser deshalb mit Rom begann, erreichte zwar nicht das eigentliche Ziel, die Herstellung des Tarquinius als römischen Königs, aber die Römer mußten, trotz heldenhafter Gegenwehr, einen Teil ihres Gebietes an Porsenna abtreten. Von diesen Heldentaten berichtet die Sage folgendes.
Da die kleine Festung auf dem Berge Janiculum, auf der rechten Seite der Tiber, der Stadt gegenüber, beim ersten Angriff vom Feinde erobert ward, so zog sich die Besatzung vor der Übermacht in die Mauern der Stadt zurück. Nun wäre Porsenna unaufhaltsam über die schmale hölzerne Tiberbrücke nachgedrungen, wenn nicht Horatius Cocles durch seine Unerschrockenheit und Tapferkeit es verhindert hätte. Als er sah, daß seine Genossen nicht mehr standhielten, riet er ihnen selbst über die Brücke zu eilen und sie so schnell als möglich abzutragen. Während dies geschah, wehrte Horatius mit zweien seiner Gefährten das feindliche Heer von dem Zugang zur Brücke ab. Als dieselbe beinahe abgetragen war, entließ er auch seine Gefährten, um sich über die Reste in die Stadt zu retten. Hierauf stellte er sich allein dem Feinde entgegen, und erst, als die letzten Balken krachten, sprang er, den Stromgott um Schutz anflehend, mit Schild und Wehr in die Fluten. Unter einem Hagel feindlicher Pfeile schwamm er unversehrt an das andere Ufer.
Die festen und hohen Mauern der Stadt schützten sie zwar gegen einen stürmischen Angriff; aber der Feind begann ihr von allen Seiten die Zufuhr abzuschneiden und ihr Gebiet zu verwüsten, sodaß bald Mangel an Nahrung entstand. Um Rom von dieser Bedrängnis zu befreien, beschloß Mucius Scävŏla, ein mutiger Jüngling, den feindlichen König zu töten. In etruskischer Kleidung, einen Dolch unter dem Gewande, schlich er ins feindliche Lager, wo eben ein Schreiber neben dem König saß, der mit den Kriegern verhandelte, die ihren Sold erhalten sollten. Weil sich dieser in seiner Tracht gar nicht vom König unterschied, so hielt ihn Mucius für den König selbst und stieß ihn mit dem Dolche nieder. Ergriffen und vor den König geführt, bekannte er unerschrocken sein Vorhaben. Als ihn Porsenna mit dem Feuertode bedrohte, streckte er, um zu zeigen, daß er alle Drohungen verachte, seine Rechte in die Flamme des nahestehenden Opferherdes, ohne das geringste Zeichen von Schmerz zu verraten. Da verwandelte sich des Königs Zorn in Bewunderung, er schenkte dem Mucius das Leben, und dieser erklärte nun, gleichsam um den König für seine Milde zu belohnen, daß nicht er allein, sondern dreihundert römische Jünglinge sich zu gleichem Zwecke verschworen hätten, um durch den Tod des Königs ihre Vaterstadt zu befreien. Der junge Held, der später von dem Verluste seiner rechten Hand den Beinamen Scävola (Linkhand) erhielt, ward entlassen; der König aber, der sich jetzt von steten Gefahren bedroht glaubte und für sein Leben fürchtete, ward zum Frieden geneigt, der auch bald zustande kam. Er hob die Belagerung auf und verzichtete auf die Wiedereinsetzung des Tarquinius; dagegen traten die Römer das rechte Tiberufer an ihn ab und stellten zehn Jünglinge und ebenso viele Jungfrauen als Geiseln.
Unter diesen Jungfrauen befand sich die edle Clölia. Sie täuschte die Wächter und schwamm mit den übrigen Jungfrauen über die Tiber. Vergebens schossen die Feinde ihre Pfeile auf sie ab; sie kam mit ihren Gefährtinnen glücklich nach Rom. Aber der römische Konsul schickte sie auf die drohende Forderung Porsennas in das etruskische Lager zurück. Doch hatte der Heldenmut der Jungfrau des Königs Bewunderung erregt; er vergab ihr nicht nur und schenkte ihr die Freiheit, sondern er erlaubte ihr sogar einige von den römischen Jünglingen, die als Geiseln im Lager waren, mit nach Hause zu nehmen. Sie wählte die jüngeren, deren zartes Alter ihr im Feindeslande am meisten der Kränkung ausgesetzt schien. In Rom aber errichtete man, zu dauerndem Andenken an den Heldenmut der Clölia, ein ehernes Denkmal, eine Jungfrau zu Roß.
So war denn auch dieser Versuch des Tarquinius, die Herrschaft wiederzugewinnen, mißlungen. Er nahm hierauf seine Zuflucht zu den Latinern, die er zu einem Kriege gegen die Römer aufreizte, der im Jahre 496 v. Chr. zum Ausbruch kam. Am See Regillus trafen beide Heere aufeinander; es war ein Heldenkampf, in dem die Führer selber sich im Zweikampf begegneten, während die Menge ohne Entscheidung focht, und der Sieg bald hierin, bald dorthin sich wandte. Selbst der hochbejahrte Tarquinius nahm an der Schlacht Anteil und ward verwundet. Endlich siegten die Römer und nahmen das feindliche Lager; Tarquinius ging hoffnungslos zu Aristodémus, dem Fürsten der griechischen Stadt Cumä, nahe dem heutigen Neapel, wo er im folgenden Jahre starb.
X.
Innerer Zwist. Menenius Agrippa und Marcius Coriolanus.
Die Bürgerschaft Roms zerfiel in zwei an Herkunft, Recht und Ansehen verschiedene Klassen, unter denen nicht einmal ein gemeinschaftliches Verkehrsrecht (commercium) und Eherecht (conubium) bestand. Die eigentliche Gemeinde bildeten nur die Patrizier, die Nachkommen der alten Geschlechter, aus denen die ursprüngliche Bevölkerung Roms bestanden hatte. Sie besaßen alle Vorrechte; aus ihrer Mitte wurden die Beamten und Senatoren gewählt, sie allein bildeten das „Römische Volk“ (populus Romanus) und beschlossen in ihrer Versammlung (comítia curiāta) über die Angelegenheiten des Staates. Die Plebejer dagegen, die Nachkommen derjenigen Zuwanderer, welche sich, freiwillig oder gezwungen, nach und nach in Rom niedergelassen hatten, an Zahl weit überlegen und zu allen Diensten für das Gemeinwesen, zu Kriegsdienst und Steuern verpflichtet, entbehrten alles Anteils an der Regierung, welche die patrizischen Beamten mit stolzer Härte gegen die rechtlose Menge ausübten. Die plebejischen Bauern konnten oft wegen der häufigen Kriege, zu denen sie eingerufen wurden, ihr Land nicht rechtzeitig bestellen, gerieten in Schulden, und wenn sie die hohen Zinsen nicht bezahlen konnten, so verfielen sie, nach dem harten römischen Schuldrecht, mit ihrer Person der Gewalt der Gläubiger, die sie als Knechte fronden lassen oder sogar in die Fremde verkaufen durften. So waren schon viele in Armut und Knechtschaft geraten, und die Unzufriedenheit über die ungerechte Bedrückung stieg unter den Plebejern immer höher.
Schon hatten sie einige Male den Kriegsdienst verweigert; aber den Patriziern war es noch immer gelungen, bald durch Drohungen, bald durch leere Versprechungen, den Ausbruch der Unzufriedenheit zu unterdrücken. Einst geschah es, daß das Volk, von einem beutereichen Feldzuge zurückkehrend, zum Lohn eine Erleichterung seiner drückenden Lage erwartete. Allein die Patrizier suchten es aufs neue zu täuschen, indem sie es sogleich zu einem neuen Kriege führen wollten. Da aber kam die lang verhaltene Wut der Plebejer zu offenem Ausbruch. Bewaffnet, wie sie waren, rotteten sie sich zusammen, verließen die Stadt und zogen, unter einem selbstgewählten Anführer, auf eine nicht weit von Rom gelegene Anhöhe, die man den „heiligen Berg“ nannte, wo sie ein festes Lager aufschlugen und sich dauernd niederzulassen drohten. (494 v. Chr.)
Darüber entstand zu Rom eine allgemeine Bestürzung. Das zurückgebliebene Volk fürchtete die Härte der Patrizier, diese die völlige Auswanderung des Volks. Endlich beschloß der Senat eine Gesandtschaft abzuschicken, um das Volk zur Rückkehr zu bewegen. An der Spitze derselben stand ein kluger und beredter, als Volksfreund bekannter und beliebter Mann, Menénius Agrippa. Auf dem heiligen Berge angekommen, begann er seine Rede damit, daß er dem Volke folgende Fabel erzählte.
„Die Glieder des Leibes empörten sich einst wider den Magen, weil er allein untätig sei, während sie alle für ihn arbeiten mußten. Sie versagten ihm daher den Dienst. Die Hände wollten keine Speise mehr in den Mund bringen, der Mund sie nicht aufnehmen und die Zähne sie nicht zerreiben. Eine Zeitlang führten die Glieder diesen Vorsatz aus. Bald aber fühlten sie, daß sie sich selbst dadurch schadeten. Sie erkannten, daß es der Magen sei, der die empfangene Speise verdaue, das damit genährte Blut durch alle Glieder verbreite und ihnen allen Leben und Kraft verleihe. Sie gaben daher ihr Vorhaben auf und söhnten sich wieder mit dem Magen aus. So ist es auch, fuhr Agrippa fort, mit den Gliedern eines Staates. Keiner von ihnen vermag für sich allein zu bestehen; nur auf ihrer Eintracht beruht das Wohl des Ganzen.“
Durch solche Rede soll Agrippa das Volk zur Rückkehr geneigt gemacht haben. Sie erfolgte jedoch nicht eher, als bis die Patrizier das feierliche Versprechen gaben, die Schuldgefangenen in Freiheit zu setzen und den Plebejern die Wahl einer eigenen unverletzlichen Obrigkeit zu gestatten. Von dieser Zeit an wählte das Volk aus seiner Mitte jährlich zwei Beamte, Tribunen genannt, deren Zahl später bis auf zehn vermehrt ward. Sie hatten das Recht die Gemeinde der Plebejer zu berufen und mit ihr zu beraten, und die Pflicht jeden einzelnen derselben gegen eine Härte oder Ungerechtigkeit der Konsuln und anderen Beamten zu schützen. Auch durften sie gegen jeden Beschluß des Senats, vor dessen Tür sie ihren Sitz hatten, Einsprache (veto „ich verbiete“) tun und ihn dadurch ungültig machen.
Doch schon in den ersten Jahren liefen die Plebejer Gefahr diese Rechte, welche sie durch die Auswanderung (secessio) auf den heiligen Berg errungen hatten, wieder zu verlieren. Damals nämlich wurde Rom durch eine furchtbare Hungersnot heimgesucht. Der Senat hatte auswärts Vorräte an Getreide aufkaufen lassen, und fast alle Senatoren waren der Meinung, man solle dieses Getreide den Plebejern entweder umsonst oder um einen sehr geringen Preis überlassen. Nur C. Marcius stimmte ihnen nicht bei. Dieser Marcius hatte durch seine Tapferkeit Corioli, eine Stadt der den Römern benachbarten, aber immer feindlichen Volsker, eingenommen und sich dadurch den Beinamen Coriolanus erworben. Er war ein erbitterter Gegner der Plebejer, denen er ihre neue Obrigkeit zu entreißen suchte. Daher machte er jetzt im Senate den Vorschlag, man solle dem Volke das Getreide nur unter der Bedingung geben, daß es seine Tribunen wieder abschaffe.
Kaum hatte das Volk von diesem Vorschlage Kunde, als es in die größte Wut geriet und den Coriolanus zerrissen hätte, wenn es die Tribunen nicht gehindert hätten. Diese bestimmten darauf dem Coriolanus einen Tag, wo er vor dem Gerichte des Volkes erscheinen und sich verantworten sollte. Die Patrizier flehten um Gnade für ihn, er selbst aber zeigte Trotz und Hohn und verachtete die Anklage. Als er jedoch sah, daß er verurteilt werden würde, wartete er den Gerichtstag nicht ab, sondern entfernte sich aus Rom. Das Volk verurteilte ihn, da er sich nicht zu Gericht gestellt hatte, zu lebenslänglicher Verbannung.
Coriolanus war nach Antium, einer Stadt der Volsker, gegangen, wo ihn sein Gastfreund Attius Tullius bereitwillig aufnahm. Hier brachte er es dahin, daß die Volsker gegen die ihnen verhaßten Römer aufs neue zu den Waffen griffen. An der Spitze eines volskischen Heeres drang Coriolanus bis in die Nähe von Rom und lagerte sich eine Meile weit von der Stadt. Weit und breit verwüstete er die Güter der Plebejer, verschonte aber die der Patrizier, entweder um seinen Haß gegen jene an den Tag zu legen, oder um beide Parteien gegen einander aufzureizen.
Rom befand sich in der größten Gefahr. Von außen wütete der Feind, im Innern der Streit zwischen Volk und Senat. Endlich ward eine Gesandtschaft der vornehmsten Patrizier an ihn abgeordnet, kehrte aber unverrichteter Sache zurück. Dann wurden Priester mit allen Zeichen ihrer Würde abgeschickt. Coriolanus empfing sie mit großer Ehrerbietung, doch auch sie richteten nichts aus. Endlich gingen Vetúria, die Mutter des Coriolanus, und dessen Gemahlin Volúmnia mit seinen Kindern nebst anderen römischen Matronen ins volskische Lager. Als Coriolanus von ihrer Ankunft hörte, eilte er auf seine Mutter zu, um sie zu umarmen. Allein Veturia wies seine Umarmung ab, voll Zorn und Schmerz brach sie in laute und bittere Klagen aus über des Sohnes frevelhaften Krieg, über des Vaterlandes Not und das eigene Unglück die Mutter eines solchen Sohnes zu sein. Tief erschüttert gab Coriolanus nach. „Mutter,“ rief er, „das Vaterland hast du gerettet, aber deinen Sohn verloren!“ Er verließ mit dem Heer der Volsker das römische Gebiet und kehrte nach Antium zurück. Dort soll er bald darauf von dem erzürnten Volk erschlagen worden sein, nach einer anderen Sage aber als Verbannter ein hohes Alter in der freudelosen Fremde erreicht haben.
XI.
Untergang der Fabier.
(477 v. Chr.)
Auch nach dem Abzuge des Coriolanus hörten die inneren Kämpfe zwischen Patriziern und Plebejern in Rom nicht auf; jene suchten ihre Vorrechte unverkürzt zu behaupten, diese forderten, unter der Führung ihrer Tribunen, immer lebhafter eine rechtliche Gleichstellung. Insbesondere erbitterte es die Plebejer, daß alles Land, welches den besiegten Feinden entrissen und Eigentum des römischen Volkes ward (ager publicus „Gemeinland“), ausschließlich den Patriziern gegen eine geringe Abgabe in Erbpacht gegeben wurde. Gegen ihre billige Forderung, daß der Vorteil aus solcher Kriegsbeute allen Bürgern gleichmäßig zufallen sollte, sträubte sich besonders das adelstolze zahlreiche Geschlecht der Fabier, und gegen sie war der Unwille des Volkes vorzugsweise gerichtet. Sieben Jahre nach einander, von 485–479 v. Chr., bekleidete jedesmal ein Fabier das Konsulat. Nun brach im Jahre 483 ein Krieg mit Veji, einer benachbarten Stadt Etruriens, aus. In den beiden ersten Jahren geschah nichts Erhebliches, aber im dritten ereignete sich Schmachvolles. Das größtenteils aus Plebejern bestehende Heer folgte seinem Feldherrn, dem Käso Fabius, mit Ingrimm; ihm zum Trotze wich es im Kampfe, gab das Lager dem Feinde preis und floh in größter Unordnung nach Rom. Da beschlossen die Fabier, ohnmächtig gegen des Volkes Haß und Starrsinn, sich mit ihm auszusöhnen. So gelobten die Soldaten dem Marcus Fabius Gehorsam und Sieg; sein Bruder Quintus fiel in einer Schlacht gegen die Etrusker, und ebenso der andere Konsul, aber Marcus trug einen glänzenden Sieg davon. Der Senat bewilligte ihm einen Triumph, den er jedoch wegen des Todes seines Bruders und seines Kollegen ablehnte. Die verwundeten Plebejer verteilte er in die patrizischen Häuser, viele nahm sein eigenes Geschlecht auf und verpflegte sie aufs beste. Seitdem waren die Fabier des Volkes Lieblinge, und Käso Fabius wurde zum dritten Male Konsul.
Dieser Mann forderte die Patrizier auf, einen Teil des jüngst gewonnenen Gemeinlandes unter die armen Bürger zu verteilen, aber vergeblich; er zog sich dadurch nur den Haß seiner Stammesgenossen zu. Um so mehr vertrauten ihm die Plebejer. Noch immer dauerte der Kampf mit den Vejentern fort, die, wenn ihnen gerade kein Heer gegenüberstand, Streifzüge in das römische Gebiet unternahmen. Da faßten Käso Fabius und sein ganzes Geschlecht den Entschluß mit ihren Schützlingen und Anhängern (Klienten) die Vaterstadt zu verlassen und für das Wohl des Staates auf eigene Hand den Grenzkrieg gegen Veji zu übernehmen. Als sich die Kunde von diesem Entschlusse durch die Stadt verbreitete, entstand ein allgemeiner Jubel, und das Volk erhob die Fabier bis in den Himmel. Unter Gebeten und Segenswünschen zogen nun die Fabier, 306 Helden, alle Patrizier, alle aus einem Geschlecht, jeder des Feldherrnamtes würdig, mit ihrem Gefolge von etwa 4000 Männern, durch das carmentalische Tor bis an das Flüßchen Crémera, wo sie sich niederließen und verschanzten (479 v. Chr.).
Drei Jahre lang führten sie dort den Grenzkrieg gegen die Etrusker mit Glück; die ganze vejentische Landschaft bis in die fernsten Winkel wurde von ihren Streifzügen heimgesucht, und manches Treffen im offenen Felde von ihnen gewonnen. Das Glück machte sie kühn und sicher, zuletzt sorglos. Einst wurden Rinderherden unter schwacher Bedeckung an ihnen vorbeigetrieben. Durch diese ließen sie sich auf eine Bergweide locken, wo aus den Waldhöhen umher viele Tausende bewaffneter Feinde sich verborgen hatten. Die Hüter des Viehes entflohen zum Schein; die Römer, den Rindern nachjagend, zerstreuten sich und gerieten immer tiefer in die verderbliche Talenge, als plötzlich von allen Seiten Schlachtruf erscholl, und ein Hagel von Wurfgeschossen auf sie niederfiel. Die Übermacht der Feinde umdrängte sie und immer enger ward der Kreis, in den sie sich zusammenziehen mußten. Nachdem sie lange gegen den von allen Seiten andringenden Feind gefochten hatten, wandten sie sich endlich insgesamt in keilförmiger Aufstellung nach einer Richtung hin und bahnten sich, durch die Macht ihrer Leiber und Waffen, den Weg nach einer nahen Anhöhe. Hier bestanden sie den Kampf gegen die nachstürmenden Feinde, bis diese auf einem Umweg den Gipfel des Berges im Rücken der Römer erstiegen, von wo sie, Steinblöcke und Geschosse hinabschleudernd, die Helden alle bis auf den letzten erschlugen. Der Tag, an dem dies geschah, war der 18. Juli des Jahres 477 v. Chr. und blieb im Andenken der Römer auf immer ein Unglückstag, der in stiller Trauer begangen ward. Auch das carmentalische Tor, durch welches die Fabier aus Rom gezogen waren, galt fortan für unheilbringend. Nur ein Sprößling des Geschlechts, ein noch unmündiger Knabe, soll in Rom zurückgeblieben sein, von dem das spätere fabische Geschlecht abstammte.
XII.
Appius Claudius und die Decemvirn.
(451–449 v. Chr.)
Die Römer hatten bis zu dieser Zeit noch keine geschriebenen Gesetze. Die patrizischen Richter sprachen Recht nach altem Herkommen oder nach Gutdünken, wobei sie sich oft Begünstigung ihrer Standesgenossen zum Nachteile der Plebejer zuschulden kommen ließen. Um sich gegen solche ungerechte Urteilssprüche zu sichern, setzten es die Plebejer unter ihrem Tribunen Terentilius Harsa durch, daß zu ihrem Schutze gegen die Willkür der Patrizier geschriebene Gesetze aufgestellt werden sollten (453 v. Chr.). Nun wurden Gesandte in die griechischen Städte Unteritaliens und nach Athen geschickt, um dort die weisesten Gesetze zu sammeln. Nach ihrer Rückkehr wurde ein Ausschuß von zehn Männern (decemvirn) ernannt, der aus diesen Gesetzen diejenigen auswählen sollte, welche dem römischen Staate angemessen wären und zu gleicher Zeit auf ein Jahr mit der unumschränkten Regierungsgewalt betraut, sodaß alle anderen Obrigkeiten inzwischen aufhörten. Unter diesen Zehnmännern oder Decemvirn war Appius Claudius der angesehenste und einflußreichste.
Die Decemvirn regierten anfangs zu völliger Zufriedenheit des Volkes. Am Ende ihres Amtsjahres stellten sie auf zehn Tafeln eine Reihe von Gesetzen auf, bezeigten aber keine Lust, nun auch ihr Amt niederzulegen. Besonders wünschte der stolze Appius Claudius seine Herrschaft noch fortzusetzen. Durch erheuchelte Milde und Leutseligkeit hatte er das Volk für sich gewonnen und bewirkte ohne Mühe, daß die Decemvirn auch für das folgende Jahr im Amte blieben. Am Schluß des zweiten Jahres stellten sie noch zwei Gesetztafeln auf. Aber auch jetzt legten die Decemvirn ihr Amt nicht nieder, sondern mißbrauchten es zu Gewalttätigkeiten gegen das Volk, besonders gegen diejenigen Plebejer, die ihrer Herrschaft gefährlich schienen. Nun geschah es, daß die benachbarten Äquer und Sabiner in die römische Landschaft einbrachen und die Decemvirn gegen sie zwei Heere ins Feld führen mußten. Beide Heere wurden durch die Schuld der Krieger, welche absichtlich ihre Pflicht versäumten aus Unwillen gegen die Decemvirn, geschlagen. Als der erste Schreck vorüber war und von Rom Verstärkung anlangte, rückte das eine Heer in das Gebiet der Sabiner vor. In diesem Heere befand sich ein alter Hauptmann, Siccius Dentatus, der in vielen Schlachten gefochten, acht Feinde im Zweikampfe erlegt und vierzehn Bürgern im Kampf das Leben gerettet hatte, dessen Brust zahlreiche Narben schmückten und dem eine Menge von Bürgerkränzen, goldenen Ketten, Armbändern und anderen Ehrenzeichen als Lohn seiner Heldentaten zuteil geworden waren. Dieser Mann, über die Gewaltherrschaft der Decemvirn empört, forderte seine im Felde stehenden Mitbürger zu einer zweiten Auswanderung nach dem heiligen Berg auf, um die verlorenen Rechte wiederzugewinnen. Als die Decemvirn davon Kunde erhielten, beschlossen sie seinen Tod. Sie sandten ihn, begleitet von einer Schar gedungener Meuchelmörder, in die Umgegend, um den Platz für ein neues Lager zu suchen. Diese überfielen in einem einsamen Hohlwege den ahnungslosen Helden. Aber es ward ihnen schwer den gewaltigen Mann zu fällen, und um seine Leiche lagen viele der Verräter, die er in seiner Notwehr hingestreckt hatte. Die übrigen berichteten im Lager Siccius sei mit einigen seiner Leute in einen Hinterhalt der Feinde geraten und tapfer kämpfend gefallen. Man eilte hin, seine Leiche zu holen: da wurde der Verrat offenbar, denn es lagen keine Feinde, sondern nur Römer um ihn her. Das Heer drohte Aufstand und wollte die Leiche nach Rom tragen, ließ sich aber für diesmal noch dadurch beschwichtigen, daß die Decemvirn dem Gefallenen ein prächtiges Leichenbegängnis mit allen kriegerischen Ehren anordneten.
So nachteilig auch diese Tat für den Ruf der Decemvirn war, so gelang es diesen doch sich in der Gewalt zu behaupten, bis endlich der Frevelmut des Appius Claudius eine allgemeine Empörung gegen sie veranlaßte. Appius hatte die schöne Virginia, die Tochter eines Plebejers, des Virginius, und Braut des Icilius gesehen und strebte nach ihrem Besitze. Anfangs suchte er sie durch lockende Versprechungen zu gewinnen. Da ihm dies nicht gelang, so bewog er einen seiner Klienten die Virginia für die Tochter seiner Sklavin auszugeben und als sein Eigentum zurückzufordern.
Ihr Vater Virginius stand im Lager, als der Klient die Virginia auf offener Straße ergriff und vor den Richterstuhl des Appius Claudius führte, von dem er sie sich nun als Eigentum zusprechen ließ. Auf das Geschrei des um Hilfe stehenden Mädchens strömte eine Menge Volkes herbei. Auch Icilius war herbeigeeilt, und nur mit Mühe vermochte er den Appius zu bewegen, bis zur Ankunft des Vaters die Sache anstehen und die Jungfrau in den Händen derer zu lassen, welche sich für sie verbürgten. Alsbald schickte Appius heimlich einige Diener ins Lager an die Decemvirn, die dort den Oberbefehl hatten, mit dem Auftrage, sie sollten dem Virginius keinen Urlaub gewähren. Doch die Boten des Icilius waren früher gekommen. Virginius hatte bereits Urlaub und war auf dem Wege nach Rom.
Am folgenden Tage erschien er vor dem Richterstuhle des Decemvirn mit seiner Tochter, beide in Trauergewand, von vielen Matronen und Freunden begleitet. Der ganze Marktplatz war von Menschen angefüllt, die das traurige Schauspiel herbeigelockt hatte. Appius bestieg die Richterbühne; sein Klient wiederholte seine Klage, und abermals wurde die Jungfrau ihm als Eigentum zugesprochen. Als er sie ergreifen wollte und der Vater ihn drohend abwies, die Umstehenden aber in ihrer Entrüstung einen schützenden Kreis um Vater und Tochter schlossen, da befahl Appius seinen mit Beilen bewehrten Amtsdienern, den Liktoren, den Haufen zu sprengen und das Mädchen zu ergreifen, und bedrohte mit schwerer Strafe alle diejenigen, die sich gestern und heute gegen seine Richtergewalt gesträubt hätten. Dadurch eingeschüchtert wich die Menge auseinander. Virginius aber, der keine Rettung mehr sah, bat nur noch um die Gunst von seiner Tochter Abschied nehmen zu dürfen. Dies ward ihm gewährt. Da führte er sie zu einer nahen Fleischerbude, ergriff ein Messer und stieß es ihr in die Brust, indem er ausrief: „Hiermit allein, mein Kind, kann ich deine Ehre retten!“ Darauf wandte er sich gegen Appius und schrie: „Bei diesem Blute weihe ich dein Haupt den Göttern der Unterwelt!“, bahnte sich mit dem Messer in der Hand einen Weg durch das Gedränge und gelangte bis ans Tor, um zurück ins Lager zu eilen. Icilius aber zeigte dem Volke den blutenden Leichnam seiner Verlobten und forderte zum Sturz der Decemvirn auf; die Liktoren des Appius wurden übermannt und er selbst floh mit verhülltem Haupte in sein Haus. Auch im Lager brach der Aufruhr los. Das Volk zog zum zweiten Male auf den heiligen Berg und kehrte erst dann nach Rom zurück, als der Senat verordnete, daß die Decemvirn ihr Amt niederlegen und wieder Konsuln an ihre Stelle treten sollten.
Appius Claudius aber, der ruchloseste der Decemvirn, ward in den Kerker geworfen und nahm sich dort selbst das Leben.
XIII.
M. Furius Camillus. Einbruch der Gallier.
Nicht weit von Rom, auf etrurischem Gebiet, lag die mächtige Stadt Veji, die mit den Römern seit lange in Fehde lag und schon oft blutige Kämpfe geführt hatte. Nun geschah es, daß die Vejenter römische Gesandte ermordeten, wofür die Römer Genugtuung verlangten und mit neuem Kriege drohten. Im Vertrauen auf ihre Macht und die Festigkeit ihrer Stadt nahmen ihn die Vejenter an, und es begann ein zehnjähriger Kampf (405–396 v. Chr.), der mit der völligen Zerstörung der Stadt Veji endete. Der Ruhm dieses Sieges gebührte dem Marcus Furius Camillus.
Zehn Jahre lang ward die Stadt von den Römern belagert, aber nicht ohne Unterbrechung. Ihr Heer zog gewöhnlich nur im Sommer und lagerte einige Monate um die Stadt, die übrige Zeit begnügte es sich ihr durch Streifzüge die Zufuhr abzuschneiden. Erst im zehnten Jahre schritt man zu einer förmlichen Belagerung, wobei das römische Heer zum ersten Male den Winter über im Felde blieb und die Mannschaften für ihren Unterhalt einen Sold aus der Staatskasse erhielten.
In diesem letzten Jahre aber erlitten die Römer eine so schwere Niederlage, daß banges Zagen das Heer und auch die Bevölkerung Roms ergriff, und man schon den Feind vor den Mauern erwartete. In dieser Not ward M. Furius Camillus zum Diktator gewählt. So hieß bei den Römern der Beamte, den sie in Zeiten großer Bedrängnis ernannten, und mit unumschränkter höchster Gewalt ausstatteten, um den Staat zu retten, und mit dessen Ernennung die Amtsgewalt aller anderen Obrigkeiten aufhörte.
Camillus sammelte eine bedeutende Streitmacht und rückte, nach einem glücklichen Treffen gegen die Falisker, welche auf Seite der Vejenter standen, vor Veji, schloß die Stadt ein und erbaute rings umher eine Reihe fester Schanzen. Auch ließ er einen unterirdischen Gang graben, welcher in das Innere der Burg von Veji hineinführen sollte. Tag und Nacht wurde ohne Unterlaß an diesen Werken gearbeitet; man hoffte zuversichtlich, daß Vejis Untergang nahe sei. Unter vielen anderen Wunderzeichen hatte es sich im Jahre vorher ereignet, daß der Albanersee, südlich von Rom, im trockenen Hochsommer ungewöhnlich anschwoll und die umliegende Landschaft überschwemmte. Man schickte nach Delphi, um über die Bedeutung der seltsamen Erscheinung den Gott zu befragen. Um Veji war um diese Zeit Waffenruhe, und die Vorposten auf beiden Seiten führten Gespräche mit einander. So hörten die Belagerten von dem Wunder des Sees, und ein etruskischer Seher verkündigte, Veji sei nicht einzunehmen, so lange das Wasser nicht abgeleitet sei. Bald nachher lud ein römischer Hauptmann den Wahrsager zu sich, unter dem Vorwande, er wolle sich einige Zeichen, die ihn allein beträfen, von ihm deuten lassen. Er kam, aber der starke Hauptmann ergriff den schwachen Alten und schleppte ihn mit Gewalt zu dem Feldherrn, der ihn nach Rom abführen ließ. Hier vor dem Senat bekannte der Seher: „Die Schicksalsbücher von Veji verkünden, solange der See überströme, könne Veji nicht eingenommen werden, und wenn sein Wasser das Meer erreiche, werde Rom untergehen.“ Damit stimmte die Antwort des delphischen Orakels überein.
Nun wurde ein Kanal gegraben und das Wasser des Sees auf die Felder geleitet. Vejis Untergang hielt man jetzt für so gewiß, daß Camillus, ehe er die Stadt bestürmen ließ, den Senat befragte, wie er mit der Beute verfahren solle. Der Senat beschloß, daß jeder, der daran teilhaben wollte, ins Lager ziehen möge, und jung und alt strömte hin. Als nun der unterirdische Gang in die Burg bis unter dem Boden des Junotempels vollendet war, gelobte Camillus den Zehnten der Beute den Göttern zu weihen, zur Göttin Juno aber betete er, sie möge den Siegern nach Rom in ein prächtigeres Wohnhaus folgen. Zur bestimmten Stunde wurde der Gang mit Kriegern gefüllt, die Camillus selbst anführte, während das übrige Heer ringsum den Sturm auf die Mauern begann, wo allein die Belagerten ihren Angriff erwarteten. Im Junotempel opferte inzwischen der König der Vejenter, und der Seher erklärte, der werde siegen, welcher der Göttin das Opferfleisch zerlege. Kaum hörten dies die Römer in dem Gange, so brachen sie aus demselben hervor, raubten das Opferfleisch und trugen es zu dem Diktator. Zugleich verbreiteten sich von der Burg aus die aus dem Gange Eingedrungenen in die Stadt, um den Stürmenden die Tore zu öffnen. In allen Straßen wurde gekämpft und unter den Einwohnern ein furchtbares Gemetzel angerichtet, bis der Diktator verkünden ließ die Wehrlosen zu verschonen. Die dem Blutbade entronnen waren, wurden als Sklaven verkauft, und so überschwänglich war die übrige Beute, daß der Diktator, als er sie überschaute, mit gen Himmel gehobenen Händen zu den Göttern gebetet haben soll, daß, wenn ihnen dies Glück übergroß erschiene, das römische Volk nur mit einem kleinen Unfall büßen möge. Bei der Rückkehr nach Rom feierte der Sieger einen prächtigen Triumph, wobei er auf einem mit vier weißen Rossen bespannten Wagen das Kapitol hinauffuhr.
Auch die Stadt Falerii, die es mit den Vejentern gehalten hatte, unterwarf Camillus der Botmäßigkeit der Römer. Zwar trotzten anfangs die Einwohner, die Falisker, auf die Festigkeit ihrer auf steilen Felsen gelegenen Stadt vertrauend, und die Belagerung zog sich in die Länge; bis der hochherzige Sinn, den Camillus hier zu zeigen Gelegenheit hatte, die Falisker zur Unterwerfung geneigt machte. Eines Tages nämlich führte ein Schulmeister eine Schar Kinder aus den vornehmsten Familien der Stadt, wie zur Friedenszeit, zu einem Spaziergange aus der Stadt und zog mit ihnen weit vor die Mauern, bis er zu den Vorposten der Feinde und an das Zelt des Camillus kam. „Diese Knaben sind die Söhne der vornehmsten Bewohner der Stadt. Behalte sie als Geiseln, so bringst du ihre Stadt ohne weitern Kampf in deine Gewalt.“ So sprach der Arglistige, in Hoffnung auf einen großen Lohn. Aber der hochgesinnte Römer ließ dem verräterischen Lehrer die Hände auf den Rücken binden und übergab ihn den Kindern, die ihn unter Rutenschlägen in die Stadt zurücktrieben. Diese Ehrlichkeit des Feindes verwandelte den Haß der Falisker in Bewunderung; sie suchten und fanden in Rom einen billigen Frieden.
In den folgenden Jahren verlor indes der um Rom so hochverdiente Mann die Gunst des Volkes. Ja, ein Volkstribun klagte ihn an einen Teil der vejentischen Beute unterschlagen zu haben. Verlassen von Freunden und Klienten, ging er in die Verbannung, mit dem Gebete an die Götter, daß, wenn man ihm Unrecht tue, bald eine Zeit kommen möge, wo das Vaterland seiner bedürfe. Sein Wunsch ging bald in Erfüllung, wie die folgende Geschichte lehrt.
Aus den Ländern jenseits der Alpen hatten sich nicht lange vor dieser Zeit zahlreiche Schwärme des großen keltischen oder gallischen Volkes in Bewegung gesetzt, um in den fruchtbaren Gefilden der apenninischen Halbinsel neue Wohnsitze zu erobern. Sie besetzten die vom Padus (Po) durchströmte reiche Landschaft zwischen den Alpen und dem Apennin, welche dann nach ihnen Gallia cisalpina (Gallien diesseits der Alpen) genannt und damals noch nicht als zu Italien gehörig betrachtet wurde. Aber mit dieser Eroberung nicht zufrieden, drangen sie bald in neuen Scharen unter König Brennus über das Gebirge südwärts in das Land der Etrurier ein, und belagerten dort die Stadt Clusium, wo einst Porsenna geherrscht hatte. Die Clusinier baten in ihrer Bedrängnis die Römer um Hilfe, und diese ordneten drei Gesandte ab, welche den Galliern mit Krieg drohten, wofern sie nicht das von ihnen ohne alles Recht besetzte Gebiet räumten. Aber die Gallier antworteten: „Zum ersten Male hören wir den Namen der Römer und halten sie für tapfere Männer; unser Recht jedoch beruht auf unsern Waffen, alles gehört den Tapfern!“ Die Gesandten nahmen darauf sogar an dem Kampfe gegen die Gallier teil und töteten dabei einen ihrer Heerführer. Für diese Verletzung des Völkerrechts forderten die Gallier Genugtuung und drangen, da sie ihnen verweigert ward, gegen Rom vor. Am Flüßchen Allia stießen sie auf das römische Heer, das sie in ihrer großen Überzahl und ihrer ungewohnten stürmischen Angriffsweise in jähe Flucht warfen und mit solchem Schreck erfüllten, daß ein großer Teil der Flüchtlinge nicht nach Rom, sondern nach dem näheren Veji und anderen Orten sich rettete. In Rom selbst geriet alles in die größte Bestürzung und Verwirrung. Man fand es unmöglich die Stadt gegen den vorrückenden Feind zu verteidigen und beschloß sie zu verlassen. Nur das Kapitol blieb besetzt; der Senat und etwa tausend Krieger waren entschlossen diese heilige Tempelburg gegen die Barbaren zu verteidigen. Das übrige Volk, darunter auch die Vestalinnen und Priester mit den Heiligtümern, die sie mit sich nehmen konnten, flohen nach dem seit seiner Eroberung verlassenen und leeren Veji und in andre benachbarte Städte. In der Angst und Verwirrung schloß man nicht einmal die Tore. Nur die ältesten Senatoren blieben unten in der Stadt zurück; geschmückt mit den Zeichen ihrer Würde, saßen sie auf ihren Amtssesseln auf dem Markte, des Todes durch Feindeshand gewärtig.
Nicht lange, so erschienen die ersten Gallier vor den Mauern. Da sie die Tore der Stadt offen und unverteidigt fanden, fürchteten sie anfangs einen Hinterhalt. Endlich aber wagten sie sich mit aller Vorsicht hinein. Da fanden sie niemanden als jene alten ehrwürdigen Senatoren, die still und unbeweglich auf ihren Stühlen saßen. Ihr Anblick flößte zugleich Furcht und Verwunderung ein, sodaß sie anfänglich von den Galliern für die Bildsäulen der Schutzgötter Roms gehalten wurden. Erst nach einiger Zeit trat ein kühner Gallier an einen der ältesten, Marcus Papirius, heran und zupfte ihn am Barte, um zu sehen, ob er lebte. Erzürnt hob Papirius sein elfenbeinernes Szepter und schlug damit den Gallier aufs Haupt. Da fielen die Gallier über die Greise her und töteten sie alle. Hiernach verbreiteten sie sich über die ganze Stadt, schleppten alle Beute heraus und steckten die Häuser in Brand. Das ganze Rom, mit Ausnahme des Kapitols, ging in Flammen auf (389 v. Chr.).
Während nun Brennus mit seinen Galliern das Kapitol belagerte, um die Besatzung auszuhungern, unternahm ein anderer Teil seines Heeres einen Streifzug, um Lebensmittel zu holen. Diese Schar kam in die Nähe von Ardea, wo Camillus in der Verbannung lebte. Eilig sammelte er die Ardeaten und überfiel mit ihnen die Gallier, von denen viele niedergemacht wurden, die übrigen sich in wilder Flucht zerstreuten. Durch diesen Erfolg ermutigt, beschloß das nach Veji geflüchtete Volk den Camillus aus der Verbannung zu rufen und zum Diktator zu ernennen. Dazu war die Zustimmung des Senats nötig, der sich auf dem Kapitol befand. Um die Genehmigung einzuholen, erbot sich ein kühner Jüngling, Pontius Cominius. Nachts schwamm er die Tiber hinab, betrat nahe am Kapitol das Ufer, erkletterte die steile Burghöhe und kam, nachdem er seinen Auftrag ausgerichtet, unbemerkt wieder durch die Posten der Feinde hindurch. Am andern Morgen entdeckten die Gallier aus den Fußspuren den Weg, wo jener hinauf- und herabgekommen war, und beschlossen, auf demselben einen Versuch auf die Burg zu machen. In einer mondhellen Nacht, als alles auf dem Kapitole schlief, kamen sie in tiefster Stille, da selbst die Hunde oben sich nicht regten, bis an den Rand der Höhe, als plötzlich das Schnattern der Gänse, die im Heiligtum der Juno gehalten wurden, den M. Manlius aus dem Schlafe weckte. Eiligst lief er der unbewachten Stelle zu und stieß den vordersten Gallier, der eben den äußersten Felsenrand erklommen hatte, in die Tiefe. Sein Sturz riß auch alle ihm Nachfolgenden hinab. So wurde die Burg gerettet. Manlius ward von allen gepriesen und belohnt, die achtlosen Wächter aber zur Strafe über die Felsen in die Tiefe gestürzt.
Schon währte die Belagerung bis in den sechsten Monat, und der Mangel an Nahrung nahm auf der Burg mit jedem Tage zu; schon zwang der Hunger selbst das Leder von den Schuhen und Schilden zu verzehren, und noch immer erschien Camillus nicht zum Ersatz. Aber auch von den Galliern wurden viele durch Seuchen weggerafft. Unter solchen Umständen wurden beide Teile zum Frieden geneigt. Brennus versprach die Stadt und ihr Gebiet zu verlassen, wenn man ihm tausend Pfund Goldes zahle. Als es hierzu gewogen werden sollte, ließ Brennus falsches Gewicht anwenden, und auf die Beschwerde der Römer warf er sein Schwert und Wehrgehäng auf die Wagschale und rief: „Wehe den Besiegten!“ In diesem Augenblicke kam die Nachricht, daß Camillus mit dem Heere von Veji heranziehe, und als er zur Stelle war, erklärte er den ohne seine, des Diktators, Genehmigung geschlossenen Vertrag für ungültig, hieß die Römer das Gold wegtragen, die Gallier aber sich zur Schlacht bereiten: mit Eisen, nicht mit Golde wolle er seine Vaterstadt befreien. In zwei Schlachten schlug er die Gallier und vernichtete sie bis auf den letzten Mann. Brennus wurde gefangen und hingerichtet, wobei man ihm die Worte: „Wehe den Besiegten!“ höhnend wiedergab. Camillus zog triumphierend in die Stadt zurück; das Volk nannte ihn Romulus und pries ihn als Roms zweiten Gründer.
Aber die wiedergewonnene Stadt war, mit Ausnahme des Kapitols, eine öde Brandstätte. Viele der Bürger wünschten nach Veji zu ziehen und sich in den leerstehenden Häusern anzusiedeln; Camillus und der Rat widerrieten. Eines Tages war der Senat versammelt, als gerade ein Hauptmann eine Rotte Krieger über das Forum führte und ihnen zurief: „Halt, hier bleiben wir am besten!“ Dies Wort nahmen die Senatoren für eine glückliche Vorbedeutung; das Volk gab seinen Beifall, und der Wiederaufbau der Stadt wurde beschlossen. Aber noch lange nachher ließen die engen und unregelmäßigen Straßen erkennen, mit welcher Eile der Neubau geschehen war.
Camillus führte noch mehrere glückliche Kriege gegen benachbarte Völker. Bei einem neuen Einfall der Gallier übernahm er in einem Alter von achtzig Jahren noch immer die Diktatur und schlug die Feinde abermals. Kurz darauf raffte ihn die Pest hinweg. Er hatte im ganzen vier Triumphzüge gefeiert und fünfmal die Diktatur bekleidet.
XIV.
Titus Manlius Torquatus. Marcus Valerius Corvus. — M. Curtius.
Nach der Vertreibung der Gallier gerieten die Römer noch öfters mit ihnen in Krieg, weil immer neue Schwärme ihre Einfälle in das römische Gebiet wiederholten. In diesen Kämpfen zeichneten sich unter allen Titus Manlius und Marcus Valerius durch Heldenmut und Heldentaten aus.
Einst trat aus den Reihen der Gallier ein riesiger Streiter in prunkender Rüstung hervor und forderte den tapfersten Römer zum Zweikampf heraus. Da kein anderer Römer die Herausforderung anzunehmen wagte, erklärte sich Titus Manlius dazu bereit. Mit Genehmigung des Diktators trat er dem prahlenden Gallier entgegen, und der Kampf begann im Angesicht beider Heere. Mit wuchtigen Hieben seines gewaltigen Schwertes fiel der Riese auf den viel kleineren Römer, aber dieser wich gewandt zur Seite, drang dann dicht an den Leib und hinter den großen Schild des Gegners und durchbohrte ihm mit seinem kleinen Schwerte die Weichen, daß er totwund niederfiel. Weil er dem so erlegten Feinde den aus Draht gewundenen Halsring (torques), den jener nach gallischer Sitte trug, abnahm und selber als Siegeszeichen anlegte, bekam er den Beinamen Torquatus. Die Gallier aber wurden durch diesen Ausgang des Zweikampfes so mutlos, daß sie in der folgenden Nacht ihr Lager verließen und nach Campanien abzogen.
Ein ganz ähnlicher Vorfall ereignete sich bei einem späteren Einbruche der Gallier in das römische Gebiet. Beide Heere hatten sich in einer sehr sumpfigen Gegend gelagert, und keines wollte das andere zuerst angreifen. Auch hier trat ein gallischer Krieger hervor und forderte den tapfersten Römer zum Kampfe. Diesmal nahm ihn Marcus Valerius an und bestand ihn, wie es heißt, unter dem besonderen Schutze der Götter. Denn gleich beim Anfang des Kampfes setzte sich ein Rabe auf den Helm des Valerius, der dies für eine gute Vorbedeutung ansah. Während des Kampfes blendete der Rabe den Gallier durch seinen Flügelschlag und hackte nach ihm mit seinen Krallen. Dadurch wurde dieser so außer Fassung gebracht, daß ihn der Römer mit leichter Mühe erlegte. Um den Leib des getöteten Galliers entstand ein allgemeiner Kampf der beiden Heere, in welchem die Gallier geschlagen wurden. Valerius aber erhielt von diesem Vorfall den Beinamen Corvus (Rabe).
Im Jahre 362 v. Chr. soll mitten auf dem Forum, wahrscheinlich durch ein Erdbeben, ein tiefer und breiter Spalt im Boden entstanden sein, den man vergeblich auszufüllen versuchte; denn alle Erdmassen, die man hineinschüttete, verschwanden spurlos in der Tiefe. Da erklärten die Weissager, er werde sich nur schließen, wenn Rom das Kostbarste, was es habe, hineinwerfe. Alsbald trat, wie die Sage berichtet, Marcus Curtius, ein junger berühmter Krieger, in vollem Waffenschmuck hervor, mahnte die Römer, daß Waffen und tapferer Mut Roms beste Kleinode seien, und weihte sich selbst den Göttern der Unterwelt als Opfer. Darauf schwang er sich auf sein Schlachtroß und sprang in den Abgrund, während das Volk, Männer und Frauen, Früchte und andere Gaben ihm nachwarfen. Und sofort schloß sich der Abgrund über ihm.
XV.
Die Tribunen Licinius und Sextius. Gleichstellung der Plebs.
Obschon sich die Plebejer durch die Auswanderung auf den heiligen Berg das Recht, Tribunen als ihre Schützer und Vertreter zu wählen, erzwungen hatten, so blieben doch die Patrizier noch immer im Besitze bedeutender Vorrechte. Namentlich konnten zu den höheren Ämtern nur Patrizier gewählt werden, obgleich doch schon viele plebejische Familien an Reichtum und Ansehen hinter keiner patrizischen mehr zurückstanden, und in den häufigen Kriegen zahlreiche plebejische Führer sich durch Tapferkeit und Einsicht hervorgetan hatten. Um den immer dringenderen Forderungen der Plebs auf Anteil an der Regierung auszuweichen, hatte man schon Jahre hindurch an Stelle der Konsuln sogenannte Kriegstribunen gewählt, aber selbst dieses den Plebejern zugängliche Amt war meist den patrizischen Bewerbern zugefallen. Dieser lange erbitterte Streit endete damit, daß immer der eine von den beiden Konsuln aus den Plebejern gewählt werden sollte. Die beiden Tribunen Licinius Stolo und Lucius Sextius waren es, welche den Plebejern dieses Recht erwarben. Der Hergang wird in folgender Weise erzählt.
Der vornehme Patrizier Fabius Ambustus hatte zwei Töchter, von denen die eine mit einem Patrizier, die jüngere mit dem Plebejer Licinius Stolo vermählt war. Einst besuchte die Frau des Licinius, als dieser Volkstribun war, ihre Schwester, deren patrizischer Gatte damals einer der Kriegstribunen war, als sie plötzlich erschrocken zusammenfuhr: die Trabanten des Kriegstribunen, die sogenannten Liktoren, hatten durch Schläge auf das Tor seine Heimkehr verkündigt. Sie verriet dadurch, daß ihr dieser Gebrauch nicht bekannt war, und mußte den Spott der älteren, vornehmeren Schwester über diese Unkenntnis ertragen. Aber sie konnte es nicht verwinden, daß sie der Schwester an Stand und Ehre soweit nachstehen sollte, und ruhte fortan nicht, bis ihr Gatte und selbst der Vater ihr versprachen, sie würden alles aufbieten, daß ihrem Hause und Stande die gleiche Ehre zuteil werde.
Nun brachte Licinius zusammen mit Sextius den Antrag vor das Volk, daß der eine der beiden Konsuln immer aus den Plebejern gewählt werden solle. Diesen Vorschlag bekämpften die Patrizier aus allen Kräften, und bestachen von den zehn Tribunen die acht übrigen, damit diese durch ihren Einspruch den ganzen Antrag vereiteln sollten. Aber Licinius und Sextius hielten fest zusammen und hinderten ihrerseits durch ihre Einsprache die Wahl aller höheren Obrigkeiten fünf Jahre hindurch, während sie selbst vom Volk immer wieder von neuem zu Tribunen gewählt wurden. Mit der Zeit wurde der Widerstand der Patrizier schwächer, da es ihnen nicht mehr gelang die übrigen Tribunen durch Bestechungen für sich zu gewinnen. Endlich, nach einem zehnjährigen Kampfe (376 bis 367 v. Chr.), wurde der Antrag zum Gesetz erhoben. Von da an waren auch die Plebejer zum Konsulat berechtigt, und Lucius Sextius, der mit Licinius so beharrlich um das Recht gestritten hatte, ging aus der Wahl als der erste plebejische Konsul hervor (366).
Doch nicht bloß dieses, sondern noch ein anderes Recht setzten die beiden Tribunen für die Plebejer durch. Bis dahin hatten sich nämlich die Patrizier allein das Recht angemaßt, das Gemeinland des Staates, das durch die fortdauernde Unterwerfung italischer Gemeinden immer größer geworden war, in billiger Erbpacht zu erhalten. Zugleich mit seinem Antrage über das Konsulat brachte deshalb Licinius auch das Gesetz durch, daß kein Patrizier mehr als 500 Morgen des Gemeinlandes besitzen, das übrige aber in Teilen von je sieben Morgen an arme Plebejer verteilt werden sollte.
Durch diese Gesetze, welche die Gleichstellung der Plebejer mit den Patriziern sehr beförderten, erwarben sich die beiden Tribunen ein großes Verdienst um den römischen Staat, der nur durch vollkommene Einheit und Eintracht der beiden Stände zu jener Größe und Macht sich entwickeln konnte, die ihm in der Folgezeit zur Weltherrschaft verhalf. Denn auch zu den drei übrigen höheren Ämtern, welche zum Eintritt in den Senat befähigten, wurden die Plebejer nach und nach zugelassen. Das waren 1. die Prätur, die im Jahre 366 von dem Konsulat abgetrennt wurde. Die Prätoren, anfangs nur einer, später bis acht, leiteten die Gerichte und vertraten die abwesenden Konsuln. 2. Die Ädilen übten die Aufsicht über Handel, Verkehr, Straßen- und Staatsbauten. 3. Die Quästoren verwalteten, als Gehilfen der Konsuln und Prätoren, die Einnahmen und Ausgaben des Staates. Alle diese Beamten wurden nur auf je ein Jahr gewählt. Außerdem wurden alle fünf Jahre aus den angesehensten früheren Konsuln, den Konsularen, zwei Zensoren gewählt, denen es oblag die Listen der drei Bürgerklassen (Senatoren, Ritter, Bürger) zu prüfen und festzustellen, das Einkommen der Bürger einzuschätzen, und damit zugleich eine Oberaufsicht über das sittliche Verhalten jedes einzelnen zu üben und Unwürdige durch Ausstoßung aus ihrer Klasse zu bestrafen. Hatten sie diese Schätzung und Musterung der Bürger (census, daher ihr Name censōres) beendigt, so legten sie ihr Amt nieder. Aus den Familien aber, deren Angehörige eines der hohen Ämter bekleidet hatten, bildete sich mit der Zeit, an Stelle des Patriziats, das ein Geschlechts- oder Geburtsadel gewesen, eine neue Adelsklasse, die einen Dienst- oder Amtsadel darstellte.
XVI.
Die zwei ersten Samniterkriege. — P. Decius. — Papirius Cursor. — Der Samniter Pontius.
Nachdem sich die Römer ganz Latium und die Nachbarstädte im sabinischen und etrurischen Lande untertänig gemacht und die Kämpfe mit den Schwärmen der Gallier siegreich bestanden hatten, gerieten sie in einen langen und wechselvollen Krieg mit dem stammverwandten, großen und streitbaren Bergvolk der Samniter. Diese waren aus ihren rauhen Bergtälern in die fruchtbaren Gefilde Campaniens vorgedrungen, um sich dort festzusetzen. Die Stadt der Sidiciner, Teānum, von ihnen hart bedrängt, wandte sich an die mächtigste Stadt Campaniens, Capua, um Hilfe, und diese hinwieder rief den Beistand der Römer an. So kam es zwischen den Samnitern und Römern zu einem Kampf, der, mit mehrjährigen Unterbrechungen, über fünfzig Jahre, von 343–290 v. Chr. dauerte.
In dem ersten Kriege gegen die Samniter (343–340) zogen zwei Heere unter den beiden Konsuln M. Valerius Corvus und A. Cornelius Cossus ins Feld, von denen das eine den Marsch nach Campanien nahm, das andere bestimmt war in Samnium selbst einzurücken. Valerius schlug sein Lager in der Nähe der griechischen Seestadt Cumä, am Berge Gaurus, auf, und kampflustig rückte ihm der Feind entgegen. In der Schlacht standen seine Reihen unerschüttert und wiesen alle Stürme der Römer zurück. Schon war der Tag weit vorgerückt, als der Konsul selbst an der Spitze seines Heeres mit einem letzten ungestümen Angriff die Samniter endlich zum Weichen brachte. Auf der Flucht wurden viele erschlagen und gefangen, bis die Nacht der Verfolgung ein Ende machte.
Inzwischen war das Heer des andern Konsuls in große Not geraten. Von der Grenze Samniums führte Cornelius Cossus sein Heer über die Gebirge auf einem Wege, der nach der Stadt Beneventum lief. Nirgends zeigten sich Feinde, und die Römer wurden sorglos. So kamen sie durch einen Paß in eine tiefe Talschlucht, wo die Samniter die Höhen ringsum besetzt hatten. Doch nicht eher gewahrte man sie, als bis schon der Rückweg abgeschnitten war. In dieser Gefahr erbot sich der Kriegstribun P. Decius mit den beiden ersten Schlachtreihen einer Legion, 1600 Mann, einen Gipfel zu besetzen, der den Weg, aus dem die Samniter vordrangen, beherrschte. Es gelang ihm denselben vor dem Feinde zu erreichen. Von hieraus griff er diese an und zog ihren Angriff auf sich, sodaß das übrige Heer den Bergpaß wieder erreichen und in einiger Entfernung von da eine bessere Stellung nehmen konnte. Decius behauptete sich indessen mit den Seinen in unaufhörlichem Gefecht bis in die Nacht. Während sich nun die Samniter um die Höhe lagerten und sich dem Schlafe überließen, machte sich der kleine Haufe der Römer nach der zweiten Nachtwache in aller Stille auf, um sich einen Weg zu ihrem Heere zu bahnen. Sie waren schon in der Samniter Mitte, als einer von ihnen an einen Schild stieß und dieses Geräusch die zunächst liegenden Samniter aufweckte. Allein ehe die schlaftrunkenen und verwirrten Feinde sich zu gehörigem Widerstande geordnet hatten, gelang es den Römern zu entrinnen. In der Nähe des römischen Lagers ließ Decius sie Halt machen, bis es tage; denn es gezieme sich nicht, daß so tapfere Männer unter dem Dunkel der Nacht ins Lager einrückten. Auf die Kunde, daß die, welche sich für die Rettung aller dem Tode dargeboten, wohlerhalten und in der Nähe wären, zog ihnen fast das ganze Heer aus dem Lager entgegen. Unter allgemeinem Jubel rückte die tapfere Schar ins Lager. Als dort der Konsul anhub ihm eine Lobrede zu halten, unterbrach ihn Decius mit der Mahnung lieber sofort den Feind zu überraschen, bevor er sich von dem nächtlichen Schrecken erholt und in sein festes Lager zurückgezogen hätte. Und so geschah es. Ungesäumt wurden die Legionen über die Berge geführt, die Feinde zerstreut, verfolgt und alle, die sich in ihr Lager gerettet, niedergehauen und das Lager geplündert. Decius erhielt als Belohnung von dem Konsul einen goldenen Kranz, hundert Rinder und einen weißen Stier mit vergoldeten Hörnern; seine Leute empfingen auf immer doppelte Portionen, jeder zwei Mäntel und einen Ochsen. Das Heer überreichte dem Decius einen aus Gras gewundenen Kranz, den gewöhnlichen Ehrenlohn dessen, der eine Schar aus Feindes Gewalt und Belagerung befreit hatte.
Ein nochmaliger Sieg des Valerius bei Suéssula führte den Frieden herbei, in dem die Römer Campanien behielten. Aber nach Beendigung eines Kampfes mit den Latinern (s. [XVII]) veranlaßte die Anlage einer römischen Kolonie in der Grenzstadt Fregellä den zweiten Samniterkrieg (326–304).
Im vierten Jahre dieses Krieges hatten die Römer, da die Zahl der Feinde sich durch den Beitritt mehrerer Stämme im Süden Italiens vermehrt hatte, den Papirius Cursor zum Diktator gewählt. Allein abergläubische Furcht hielt den Fortgang seiner Unternehmungen auf. Da man glaubte, daß bei der feierlichen Wahl des Diktators ein Fehler vorgekommen sei, so eilte Papirius nach Rom, um sie von neuem anstellen zu lassen, befahl aber seinem Unterfeldherrn, dem Reiterobersten (magister equitum) Fabius Rullianus während seiner Abwesenheit ruhig im Lager zu bleiben. Allein durch Ehrgeiz und Kampflust angetrieben, lieferte dieser dennoch den Samnitern ein Treffen, und das Glück war ihm so günstig, daß er den Feinden eine schwere Niederlage beibrachte. Alle freuten sich dieses Sieges. Als aber der Diktator ins Lager zurückkehrte, ließ er sogleich die Legionen zusammenberufen und den Fabius vor sich fordern. Vergebens suchte sich dieser wegen seines Ungehorsams zu verteidigen. Der Diktator befahl ihn zu entkleiden und hinzurichten. Aber Fabius entfloh den Händen des Liktors, der ihn ergriffen hatte, und barg sich unter die Haufen der umherstehenden Krieger. Es entstand ein lautes Murren; die Befehle des Diktators wurden nicht mehr gehört, und der Tumult dauerte, bis die anbrechende Nacht die Versammlung zu entlassen nötigte. In der Nacht floh Fabius aus Furcht vor der unerbittlichen Strenge des Diktators nach Rom. Auf Betreiben seines Vaters, eines sehr angesehenen Mannes, wurde sogleich der Senat berufen. Hier klagte er über die Härte des Diktators und beschwor den Senat das Leben seines Sohnes zu retten. Dieser war dazu geneigt, aber er vermochte es nicht. Denn plötzlich erschien der Diktator selbst in seiner Mitte, fest entschlossen den Ungehorsam seines Untergebenen kraft seines Amtes nach Kriegsrecht zu bestrafen. Umsonst baten ihn alle Senatoren um Milde. Papirius befahl den Fabius zu ergreifen. Nun blieb dem alten Fabius nur noch ein Ausweg übrig: er wandte sich an die Versammlung der Volksgemeinde. Dies war zwar eine gesetzwidrige Handlung, denn gegen die Entscheidung des Diktators gab es keine Berufung (provocatio) an das Volk. Gleichwohl gestattete sie Papirius. Er ging in die Versammlung und zeigte dem Volke, wie nötig es sei die Strenge der Kriegszucht aufrecht zu halten und die Amtsgewalt des Diktators unverletzt zu wahren. Obschon nun das Volk geneigt war, den Fabius zu retten, konnte es doch das Recht des Diktators nicht mißachten. Es wagte daher keine Entscheidung, sondern legte nur seine Fürbitte für das Leben des Reiterobersten ein. Eben dies taten auch seine Verwandten, indem sie sich zu den Füßen des Diktators niederwarfen. Da erst ließ Papirius Milde walten. Nachdem er das Ansehen des Oberbefehls vor Senat und Volk behauptet hatte, konnte er den Ungehorsam verzeihen, nicht weil er mußte, sondern weil er wollte. Und er tat es zur Freude des ganzen Volkes.
In demselben Kriege erlitten die Römer unter der Anführung des Veturius Calvinus und Spurius Postumius in den caudinischen Engpässen eine bittere Schmach (321). Beide Konsuln lagerten bei Calatia in Campanien. Darauf gründete Gavius Pontius, der Feldherr der Samniter, einen Kriegsplan. Er ließ das Gerücht verbreiten, daß er jenseits des Gebirges die Stadt Lucéria, eine von den Römern in Apulien angelegte Festung, belagere. Um dieser wichtigen Stadt schleunige Hilfe zu leisten, schlugen die Konsuln den kürzesten Weg ein, der durch die caudinischen Pässe führte. So nannte man ein tiefes Wiesental, nicht weit von Caudium, einer Stadt der Samniter, das rings von hohen bewaldeten Bergzügen eingeschlossen war und nur einen schmalen Eingang und Ausgang hatte. Um dieses Tal herum hatte Pontius sein Heer in den Wäldern versteckt, und ohne Arges zu ahnen, gingen die unvorsichtigen Konsuln in die ihnen gelegte Falle.
In langem Zuge rückten die Legionen mit allem Troß durch das Tal hin zum jenseitigen Ausgang, fanden ihn aber mit gefällten Bäumen und vorgewälzten mächtigen Felsblöcken verschlossen. In demselben Augenblick bemerkten sie, daß die Höhen ringsum von bewaffneten Samnitern wimmelten, welche die Anrückenden hohnlachend erwarteten. Sie kehrten daher eilig zurück, aber nun war auch schon der Eingang von den Samnitern besetzt. In dieser verzweiflungsvollen Lage schlugen die Römer, 20000 Mann stark, ein enges dürftiges Lager auf. Ein Versuch sich durchzuschlagen mißlang; ihre Not ward von Tag zu Tag größer; endlich zwang sie der Hunger Gesandte an den samnitischen Heerführer Pontius zu schicken und um Frieden zu bitten. Pontius ließ seinen Vater, einen wegen seiner Einsicht und Erfahrung hochgeachteten Greis, um Rat fragen. Dieser antwortete: „Laßt alle Römer frei und ungekränkt abziehen.“ Pontius, verwundert über diese Antwort, glaubte, daß der Bote falsch gehört hätte. Er schickte daher zum zweiten Male an seinen Vater. Jetzt gab der Alte die Antwort: „Tötet alle Römer ohne Unterschied.“ Niemand verstand den Sinn dieser so verschiedenen Bescheide. Pontius ließ daher seinen Vater selbst herbeiholen. Nun gab der Greis die Gründe seiner Ratschläge an: „Ihr müßt“, sagte er, „entweder alle Römer töten, um ihre Kraft auf lange Zeit zu schwächen, oder ihr müßt sie alle schonen, um durch solche Großmut ihren Dank und Freundschaft zu gewinnen.“ Aber Pontius verwarf beides und wählte einen Mittelweg. Er ließ den Römern durch ihre Gesandten erwidern: Rom solle Frieden schließen, ganz Samnium räumen, die dort angelegten Kolonien aufgeben, das Heer aber Mann für Mann waffenlos durchs Joch gehen und sechshundert aus dem Ritterstande als Geiseln stellen.
Über diese schimpflichen Vorschläge gerieten die Römer in die größte Bestürzung. Keiner wagte zur Annahme zu raten, und doch konnten sie in ihrer äußerst bedrängten Lage nicht länger ausharren. Sie mußten sich darein fügen; die Konsuln und die Führer der Kohorten bestätigten den Friedensvertrag mit ihrem Eide. Entwaffnet und halb entkleidet gingen erst sechshundert Ritter, die als Geiseln ausgeliefert werden mußten, dann die Konsuln und Hauptleute, endlich die übrigen Mannschaften unter dem Joch, das durch einen quer über zwei Ständer gelegten Speer gebildet wurde, hindurch. Es war der größte Schimpf, der einem freien Kriegsmann angetan werden konnte; denn er erniedrigte die Freien zum Knecht. Mit Hohn und Spott schauten die ringsum aufgestellten Samniter diesem Vorgange zu. Waffen, Pferde, Knechte, alle Habe außer dem Kleide, das jeder trug, blieben dem Sieger. Voll Scham und stiller Wut zogen die Römer über Capua, wo sie liebreich aufgenommen wurden, nach Rom, das sie erst im Dunkel der Nacht zu betreten wagten. Der römische Senat aber bestätigte den geschlossenen Vertrag nicht; er beschloß, daß alle, die den Frieden beschworen hatten, den Samnitern ausgeliefert werden sollten. Damit glaubte er aller Verbindlichkeit, den Frieden zu halten, überhoben zu sein. Es wurden also die beiden Konsuln und die anderen, welche den Vertrag geschlossen hatten, gefesselt nach Caudium vor den Amtsstuhl des Pontius geführt. Dieser jedoch lehnte ihre Annahme ab, indem er sagte: „Entweder muß das römische Heer, das sich in der Gewalt der Samniter befunden hat, in seine vorige Lage zwischen den Bergpässen zurückkehren, oder das römische Volk muß den Frieden halten.“ Zugleich ließ er den Überlieferten die Fesseln lösen und schickte sie unverletzt nach Rom zurück. Hier rüstete man in Eile ein neues Heer, das im zweitfolgenden Jahre (319), unter der Führung des bewährten Papirius Cursor, nach dem von den Samnitern eroberten Luceria vordrang, dem samnitischen Heere eine schwere Niederlage beibrachte, Luceria und die dort verwahrten römischen Geiseln zurückgewann, und die samnitische Besatzung nun ebenfalls durchs Joch gehen ließ. So löschten die Römer ihre Schande in blutiger Wiedervergeltung aus.
XVII.
Der Krieg mit den Latinern und der dritte Samniterkrieg. Titus Manlius. Die beiden Decius Mus.
Gleich nach Beendigung des ersten Samniterkrieges, im Jahre 340, brach ein Kampf zwischen den Römern und den ihnen seit alters verbündeten Latinern aus. Die Latiner hatten Gesandte nach Rom geschickt und verlangten, daß fortan die Hälfte des Senats und der eine Konsul aus ihnen gewählt und alle latinischen Städte in die volle Gemeinschaft des römischen Staates aufgenommen werden sollten. Solche Forderung erschien dem römischen Senate als freche Anmaßung, und der Konsul T. Manlius rief den Jupiter, in dessen Tempel die Sitzung stattfand, zum Zeugen der schmachvollen Zumutung an. Da soll der latinische Gesandte Annius dem römischen Jupiter Trotz und Hohn geboten, aber sofort auch des Gottes Zorn erfahren haben. Denn als er die Stufen des Tempels hinabeilte, strauchelte er, fiel hinab und lag in Ohnmacht. Kaum entgingen die Gesandten der Wut des Volkes. Der Senat aber beschloß den Krieg gegen die Latiner.
Die Konsuln Titus Manlius und Decius Mūs zogen mit zwei Heeren ins Feld. Am Fuß des Vesuvius kam er zur entscheidenden Schlacht. Als die Heere einander gegenüber standen, verkündeten die Konsuln, bei Todesstrafe sollte sich kein Römer bei den Vorposten in ein Gefecht einlassen. Doch der eigene Sohn des Manlius handelte dem Befehle zuwider. Abgeschickt mit einem Geschwader Reiter, um die Feinde zu beobachten, begegnete er einem tusculanischen Befehlshaber, der ihn zum Zweikampf forderte. Um dem Vorwurf der Feigheit zu entgehen, nahm Manlius den Kampf an und hatte das Glück den Gegner zu erlegen und ihn seiner Waffen zu berauben. Frohlockend kehrte er als Sieger ins Lager zurück. Allein sein Vater ließ diese Verletzung der Kriegszucht nicht ungeahndet: er ließ den eigenen Sohn im Angesichte des ganzen Heeres durch den Liktor enthaupten.
Vor der Schlacht am Vesuv sahen beide Konsuln zu gleicher Zeit im Traume eine übermenschliche Gestalt, welche ihnen verkündete, daß von dem einen der kämpfenden Heere einer der Führer, das andere Heer aber ganz den Todesgöttern und der Mutter Erde verfallen sei. Sie kamen deshalb überein, daß derjenige von ihnen, dessen Flügel zuerst weichen würde, sich selber und damit zugleich das feindliche Heer den unterirdischen Göttern weihen sollte. Bald nach dem Anfang der Schlacht ward der linke Flügel, den Decius Mus befehligte, zurückgedrängt. Da rief dieser einen Priester herbei, der ihm den Spruch vorsagte, mit dem er, über einem Schwerte stehend und das Haupt verhüllt, sein Leben den Göttern der Unterwelt weihte. Dann bestieg er von neuem sein Schlachtroß und stürzte sich mitten in die Feinde, Tod und Verderben um sich her verbreitend, bis er von Geschossen durchbohrt niedersank. Diese heldenmütige Aufopferung belebte seine Truppen mit neuem Mut; sie stellten sich aufs neue dem Feinde entgegen und erfochten endlich durch die geschickte Führung des Manlius einen vollständigen Sieg. Noch zwei Jahre widerstanden die Latiner; dann mußten sie sich den harten Friedensbedingungen Roms unterwerfen (338).
Wie damals Decius Mus, der Vater, so weihte sich sein Sohn Publius Decius, im dritten samnitischen Kriege (298–290), den Todesgöttern. In der Schlacht bei Sentinum (295) hatte er schon zweimal die Reitergeschwader der Gallier, die mit den Samnitern verbunden waren, zurückgeworfen, als diese einen dritten Angriff mit ihren Streitwagen machten, und durch das Ungewöhnliche der Kampfart die Römer in Schrecken und Verwirrung brachten. Da ließ Publius Decius durch den Priester sich und die Feinde den Todesgöttern weihen. Nachdem er die Weihung in derselben Weise, wie sein Vater in der Schlacht am Vesuv, erhalten hatte, fügte er noch die Fluchformel hinzu: „Vor mir her treibe ich Angst und Flucht, Mord und Blutvergießen, der himmlischen und der unteren Götter Zorn. Todesgrausen bringe ich auf die Feldzeichen, auf Wehr und Waffen der Feinde. Ein und derselbe Ort soll mein und der Feinde Grab sein!“ Darauf spornte er sein Roß in die dichtesten Scharen der Feinde und fiel unter ihren Geschossen. Ihm nach die Römer mit neuem Mute, und die Schlacht endigte mit der vollständigen Niederlage des Feindes.
XVIII.
Pyrrhus, König von Epirus.
Schon hatten die Römer die mächtigsten Völker Italiens unterjocht; Etrusker, Latiner, Campaner, Samniter und viele andere Völkerschaften standen unter ihrer Herrschaft, als sie in Kampf gerieten mit der griechischen Stadt Tarent, in Unteritalien, die sich durch Schiffahrt, Handel und Kunstfleiß zu Reichtum und Macht emporgeschwungen hatte.
Zwischen Römern und Tarentinern bestand ein alter Vertrag, der den Römern nicht gestattete über das lacinische Vorgebirge in Unteritalien hinauszusegeln. Als nun einst eine römische Flotte durch einen Sturm über dieses Vorgebirge hinaus in den Hafen von Tarent getrieben wurde, erklärten dies die Tarentiner für einen Friedensbruch. Sie saßen gerade im Theater, von dem man die Aussicht auf das Meer hatte, und bemerkten die heraufsegelnden Schiffe. Von einem Redner aufgehetzt, eilte eine Menge bewaffnet auf ihre Schiffe und machte auf die unvorbereiteten römischen Fahrzeuge einen Angriff. Vier Schiffe wurden versenkt, der Anführer und die Mannschaft ermordet. Für diesen blutigen Friedensbruch forderte der römische Senat Genugtuung; aber seine Gesandten, in das Theater vor das versammelte Volk geführt, wurden mit Spott und Hohn empfangen. Ihr Führer Postumius redete in griechischer Sprache zur Menge, ohne daß diese auf den Inhalt seiner Worte achtete, aber so oft er einen Fehler gegen die Aussprache beging, lachte das Volk laut auf und schalt ihn einen Barbaren. Ein gemeiner Possenreißer drängte sich an ihn und besudelte sein Gewand. Postumius zeigte dem Volke das beschmutzte Gewand, und neues Hohngelächter erhob sich. Da sprach der Gesandte: „Lacht, so lange ihr mögt, ihr werdet auch lange genug weinen!“ Als das Volk heftig dagegen schrie, rief Postumius: „Damit ihr euch noch mehr erzürnt, so sage ich euch, dies Gewand wird in Strömen eures Blutes rein gewaschen werden.“ Kurze Zeit darauf begannen die Römer den Krieg. Da aber die Tarentiner ein weichliches, unkriegerisches Volk waren, so riefen sie Pyrrhus, den König von Epirus, zu Hilfe. Dieser kriegskundige und kampfliebende Fürst, der sein Geschlecht von dem vielgefeierten Helden Achilleus ableitete, wurde von seinem unruhigen Geiste immer zu neuen Kriegsfahrten und Abenteuern getrieben und strebte ein zweiter Alexander der Große zu werden. Er ging daher gern auf den Antrag der Tarentiner ein.
Im Frühling des Jahres 281 setzte Pyrrhus mit einem kriegsgeübten Söldnerheere von 22000 Mann zu Fuß, 3000 Reitern und 20 zum Kriege abgerichteten Elefanten nach Italien über. Zwar verlor er bei der Überfahrt durch einen Sturm einen Teil seiner Schiffe und Mannschaft; aber in Tarent angelangt, begann er alsbald mit großer Umsicht den Kampf gegen das mächtige Rom zu rüsten. Er hoffte alle unterworfenen Stämme Italiens unter seiner Fahne zu vereinigen. Zunächst führte er in dem an üppiges Leben gewöhnten Tarent ein strenges kriegerisches Regiment ein, was ihn bei den Bürgern keineswegs beliebt machte. Er hob die tüchtigsten von ihnen für den Kriegsdienst aus und untersagte ihnen Gelage und sonstige Lustbarkeiten.
Die erste Schlacht mit den Römern erfolgte bei Heraklea in Lucanien (280). Als Pyrrhus vorher das Lager der Römer betrachtete, soll er ausgerufen haben: „Die Lagerordnung dieser Barbaren ist durchaus nicht barbarisch; bald werden wir auch ihre Taten kennen lernen.“ Die heiße Schlacht, welche nun entbrannte, in der dem König selbst ein Roß unter dem Leibe getötet ward, wurde endlich durch den Ungestüm der auf die Römer eindringenden Elefanten zum Vorteil des Pyrrhus entschieden. Als er das Schlachtfeld in Augenschein nahm und die Leichen der Römer betrachtete, die alle mit Wunden auf der Brust dalagen, soll er gesagt haben: „Mit solchen Kriegern wäre die Welt mein, und sie gehörte den Römern, wenn ich ihr Feldherr wäre!“ Auch ließ er ihre Toten zusammen mit den seinigen bestatten; den Gefangenen bot er an unter ihm zu dienen, und als sie sich weigerten, behandelte er sie dennoch mit großer Milde.
Obschon der König den Sieg errungen hatte, sandte er doch den Kineas, einen Mann von großer Klugheit und Beredsamkeit, nach Rom, um die Römer zum Frieden zu stimmen. Dieser bot alle Kraft seiner Rede auf; der Senat war schwankend und verbrachte mehrere Tage mit Beratungen. Da ließ sich der alte blinde Appius Claudius, der seit Jahren den Senat nicht mehr besucht hatte, auf einer Sänfte in den Senat tragen, wo er die Ratsherren wegen ihrer Unschlüssigkeit und Neigung zum Frieden heftig anließ. „Bis heute,“ sagte er, „habe ich immer den Verlust meiner Augen beklagt, jetzt aber wünsche ich auch noch taub zu sein, um so Unwürdiges nicht hören zu müssen.“ Da schlug die Strömung um. Dem Kineas wurde befohlen, die Stadt zu verlassen und seinem König zu sagen, daß an Frieden und Freundschaft mit ihm nicht zu denken sei, bevor er nicht Italien verlassen hätte. Erstaunt über so stolze Antwort der Besiegten, soll der König den Kineas gefragt haben, welchen Eindruck die Stadt Rom und der Senat auf ihn gemacht hätten. „Mir erschien“, antwortete jener, „die Stadt gleichwie ein Tempel, der Senat aber gleich einer Versammlung von Königen.“
Nach der Schlacht bei Heraklea war Pyrrhus bis in die Nähe von Rom vorgedrungen, zog sich dann aber, ohne einen Angriff auf die Stadt zu wagen, wieder nach Tarent zurück. Um diese Zeit schickten die Römer drei Gesandte zu ihm, um über eine Auswechselung der Gefangenen zu unterhandeln, unter ihnen den Gajus Fabricius Luscínus, einen zwar armen, aber stolzen und unbeugsamen Senator. Der König empfing die Gesandten sehr freundlich und hoffte, daß sie ihn um Frieden bitten würden; doch sie sprachen nur von der Auslösung der Gefangenen. Dieses Begehren schlug er ihnen zwar ab, unterredete sich aber insgeheim mit Fabricius, den er seiner Armut wegen zu bestechen hoffte. Allein der Römer wies des Königs Versprechungen und Geschenke mit stolzer Verachtung zurück. Am folgenden Tage gedachte Pyrrhus seinen Mut auf eine Probe zu stellen. Er verbarg seinen größten Elefanten hinter einem Vorhang des Zeltes, worin er den Römer empfing. Auf ein gegebenes Zeichen mußte das ungeheure Tier ein Gebrüll erheben und seinen Rüssel über den Kopf des Fabricius ausstrecken. Aber Fabricius blieb unerschüttert. Lächelnd sagte er zum König: „So wenig mich gestern dein Gold verlockt hat, so wenig schreckt mich heute dein Tier.“ Erfüllt von Bewunderung eines so reinen und so unerschrockenen Charakters, und um ihm einen Beweis seiner Hochachtung zu geben, gewährte der König allen Gefangenen einen Urlaub, um nach Rom zu gehen und dort das Fest der Saturnalien zu feiern. Wenn der Senat seine Friedensbedingungen annehme, sollten sie frei sein, wo nicht, so sollten sie geloben, in die Gefangenschaft zurückzukehren. Und keiner von ihnen blieb aus, als der Senat die Bedingungen verworfen hatte.
Auch die zweite Schlacht bei Askulum in Apulien (279) gewann Pyrrhus, erlitt aber so starke Verluste, daß er denen, welche ihm zu seinem Siege Glück wünschten, erwiderte: „Noch einen solchen Sieg, und ich bin verloren!“ Abermals sandte er den Kineas nach Rom, um über den Frieden zu unterhandeln, und mit ihm alle Gefangenen reichlich beschenkt und bekleidet. Aber vergeblich machte dieser bei angesehenen Männern und Frauen die Runde und bot Geschenke von Gold und kostbarem Schmuck, um die Gemüter für den Frieden zu stimmen. Der Senat beharrte bei dem Entschlusse nicht eher mit Pyrrhus zu unterhandeln, als bis er Italien verlassen hätte.
Im folgenden Jahre (278) gab Gajus Fabricius als Konsul abermals einen Beweis seines edlen Sinnes. Er erhielt eines Tages einen Brief vom Leibarzte des Königs, worin sich dieser erbot gegen eine ansehnliche Belohnung seinen Herrn zu vergiften. Aber Fabricius, voll Abscheu über solchen Verrat, entdeckte die Sache dem König. Über diese Redlichkeit erstaunt, rief Pyrrhus aus: „Es ist schwerer den Fabricius von seiner Rechtschaffenheit abzubringen, als die Sonne von ihrem Laufe!“ Sogleich gab er alle römischen Gefangenen, die er noch hatte, ohne Lösegeld frei, und die Römer, um sich nicht an Großmut übertreffen zu lassen, schickten ihm ebenso viele Gefangene zurück.
Da Pyrrhus keine Hoffnung mehr hatte den Krieg auf eine für ihn rühmliche Weise zu beendigen, so war ihm eine Einladung der Syrakusaner, die ihn gegen die Karthager zu Hilfe riefen, sehr willkommen. Auch in Sizilien war er anfangs glücklich; zuletzt aber nahm der Krieg eine für ihn so ungünstige Wendung, daß er auf den Ruf der Tarentiner gern nach Italien zurückkehrte (276).
Damals führte Curius Dentatus den Oberbefehl über das römische Heer. Dieser Mann war ein vollkommenes Muster von Mäßigkeit und freiwilliger Armut. Einst kamen Gesandte der Samniter zu ihm, um ihn durch eine große Geldsumme für ihre Sache günstig zu stimmen. Sie fanden ihn, als er gerade am Herde saß und sich selbst sein Rübengericht bereitete. Trotz seiner Armut wies er das Angebot zurück, indem er sagte, es sei angenehmer über solche, welche Gold besäßen, zu herrschen, als es selbst zu besitzen. Nur zwei Reitknechte begleiteten ihn ins Feld, und seine Töchter mußten auf Staatskosten ausgestattet werden. Diesem Feldherrn gelang es endlich den Pyrrhus zu schlagen und aus Italien zu vertreiben. Er hatte bei Beneventum eine feste Stellung eingenommen, als ihn Pyrrhus angriff (275). Diesmal ließen sich die Römer durch die Elefanten nicht schrecken. Sie empfingen die anrennenden Ungetüme mit Brandpfeilen, wodurch diese gereizt und verwirrt sich rückwärts auf die Reihen der Feinde warfen und in völlige Unordnung brachten. Damit war der Sieg der Römer entschieden. Das Lager des Königs mit vieler Beute, darunter vier Elefanten, fiel in ihre Hände. Jetzt mußte sich Pyrrhus entschließen Italien zu verlassen; er kehrte mit wenigen Reitern nach Tarent zurück und schiffte bald nachher nach Epirus über.
Sein unruhiger, kampflustiger Sinn trieb ihn bald in neue Kriege. Einst drang er bei dunkler Nacht in die Stadt Argos im Peloponnes ein; da ward er im Straßenkampf von einem Stein, den eine alte Frau auf ihn schleuderte, tödlich getroffen (272). In dem Jahre seines Todes mußte sich Tarent an die Römer ergeben. Nachdem diese in den nächsten Jahren auch das übrige Süditalien sich unterworfen hatten, waren sie die Herren der ganzen Halbinsel bis nordwärts zum Gebiet der Gallier.
XIX.
Der erste punische Krieg (264–241).
Gajus Duilius. M. Atilius Regulus.
Kaum war ganz Italien der Herrschaft der Römer untertan, so kamen sie mit den Karthagern auf Sizilien in feindliche Berührung. Auf dieser Insel hatten sich seit zwanzig Jahren campanische Söldner, die sogen. Mamertiner (Marsmänner), die vorher dem Fürsten von Syrakus gedient hatten, der Stadt Messāna bemächtigt und sich dort sowohl gegen die Syrakusaner, wie gegen die Karthager, die beiden Herren der Insel, behauptet. Diese baten nun, von den Karthagern hart bedrängt, in Rom um Hilfe, und der Senat beschloß sie zu gewähren. So wurde denn das erste römische Heer auf schlechten Fahrzeugen nach Sizilien übergesetzt, und es entbrannte der langwierige und blutige Krieg, der, weil er gegen die Karthager oder Punier geführt ward, der erste punische Krieg genannt wird.
Im Fortgange dieses Kampfes, den die Römer zunächst auf Sizilien mit großem Erfolge begonnen hatten, erkannten sie doch bald das Bedürfnis einer Seemacht, und mit bewundernswürdiger Raschheit erbauten sie in sechzig Tagen eine Flotte von 100 größeren und 20 kleineren Schiffen, wobei ihnen ein gestrandetes karthagisches Kriegsschiff zum Muster diente. Den Oberbefehl über die Flotte erhielten die Konsuln Gajus Duilius und Cornelius Scipio. Da diese einsahen, daß ihre Schiffe mit der noch ungeübten Mannschaft von den feindlichen an Geschwindigkeit der Bewegungen übertroffen wurden, so versuchten sie diesen Nachteil dadurch auszugleichen, daß sie Enterbrücken an ihren Schiffen anbrachten. Auf jedem Schiff nämlich ward vorn ein 24 Fuß hoher Mast aufgerichtet und an dessen Fuß eine drehbare, 36 Fuß lange und 4 Fuß breite Leiter befestigt, die man mittels eines Taues am Mast emporzog und, sobald man einem feindlichen Schiffe nahe genug gekommen war, niederfallen ließ, wobei sie mit ihrer hakenförmigen eisernen Spitze in das feindliche Verdeck einschlug, und so eine Brücke bildete, auf der die Besatzung hinüber gelangen und dort wie zu Lande kämpfen konnte.
Nachdem die römische Flotte mit dieser Vorrichtung versehen und, nach einem glücklichen Treffen mit einem feindlichen Geschwader, in Messana eingelaufen war, ging sie, unter dem Konsul Duilius — der andere war mit den ersten Schiffen, die er in See geführt, von den Puniern überrascht und gefangen worden — der karthagischen Flotte, die von Pánormos (heute Palermo) heranfuhr, kühnlich entgegen. Bei Mylä, nordwestlich von Messana, trafen sich die beiden Flotten. Sobald die Punier ihrer Gegner ansichtig wurden, gingen sie ihnen in solcher Siegeszuversicht entgegen, daß sie nicht einmal eine Schlachtordnung bildeten. Fünfzig ihrer Schiffe, darunter das des Admirals, wurden von den Enterhaken ergriffen und gewonnen oder versenkt, die übrigen zur Flucht genötigt (260). Der siegreiche Konsul feierte unter großem Jubel des Volkes seinen Triumph wegen der ersten gewonnenen Seeschlacht. Auch wurde ihm für sein ganzes Leben die Auszeichnung bewilligt, daß er sich abends, wenn er von Gastmählern heimkehrte, mit einer Fackel vorleuchten und von einem Flötenspieler begleiten lassen durfte, was damals noch keinem Römer gestattet war. Auf dem Forum ward eine marmorne, mit den Schnäbeln der eroberten Schiffe verzierte Denksäule aufgestellt, deren Reste noch jetzt erhalten sind.
Im weiteren Verlaufe des Krieges zeichnete sich der Konsul Marcus Atilius Régulus durch Kühnheit und seltene Charakterstärke in Glück und Unglück aus. Nachdem er beim Berge Eknŏmos an der Südküste von Sizilien die Karthager geschlagen hatte (256), setzte er nach Afrika über, um die Feinde in ihrem eigenen Lande zu bekriegen. Er landete glücklich und drang siegreich vor. Er eroberte viele feindliche Städte und bedrängte die Karthager so sehr, daß sie Frieden geschlossen haben würden, wenn nicht die Bedingungen des Regulus zu hart gewesen wären. Als die Gesandten um mildere Bedingungen flehten, antwortete er ihnen, sie sollten siegen oder den Siegern gehorchen, und an den römischen Senat schrieb er: „Ich habe die Tore Karthagos mit Schrecken versiegelt.“
Aber plötzlich änderte sich die Lage der Dinge. Xánthippus, ein erfahrener griechischer Heerführer, war den Karthagern von Sparta aus zu Hilfe gekommen, und diesem gelang es, das Kriegsglück Karthagos einigermaßen wieder herzustellen. In einem hartnäckigen Treffen bei Tunes (255) überwand er den Regulus, nahm ihn gefangen und führte ihn nach Karthago, wo er fünf Jahre lang im Kerker schmachten mußte.
Mittlerweile wurde der Krieg zwischen Rom und Karthago mit abwechselndem Glücke fortgesetzt, bis endlich die erschöpften Karthager den Frieden wünschten. In der Person des Regulus glaubten sie einen passenden Vermittler zu besitzen. Sie schickten ihn daher nach Rom, um über den Frieden zu verhandeln, vorher aber ließen sie ihn schwören, daß er zurückkehren werde, wenn er nicht imstande wäre, den Frieden herbeizuführen. Regulus kam nach Rom und trug dem Senat seinen Auftrag vor. Aber weit entfernt davon, dem Senat zum Frieden zu raten, riet er vielmehr das Gegenteil. Er verwarf den Frieden, weil Karthago jetzt schon so geschwächt wäre, daß es bald gänzlich zugrunde gerichtet werden könnte. Der Senat billigte diese Meinung, wünschte aber zugleich den hochgesinnten Mann zu retten. Allein dieser gedachte seines Eidschwures. Vergebens baten ihn seine Freunde zu bleiben, vergebens sprachen ihn die Priester von seinem Eide los. Ja, er vermied sogar seine Frau und seine Kinder zu sehen, um nicht von ihren Tränen erweicht zu werden. Er kehrte, getreu seiner Eidpflicht, nach Karthago zurück.
Als die Karthager hörten, daß Regulus selbst gegen ihre Aufträge gesprochen hatte, wurden sie äußerst aufgebracht und töteten ihn, wie später in Rom erzählt wurde, durch die schrecklichsten Martern. Sie schnitten ihm zuerst die Augenlider ab, warfen ihn so in einen finsteren Kerker und führten ihn dann in die Sonne. Hierauf legten sie ihn in einen hölzernen Kasten, der mit scharfen Nägeln inwendig ausgeschlagen war, und ließen ihn darin langsam sterben. Es ist jedoch wahrscheinlich, daß dies alles eine Erdichtung der Römer war, die dadurch ihre eigenen Grausamkeiten zu beschönigen, oder ihren unversöhnlichen Haß gegen Karthago zu rechtfertigen suchten.
Der Krieg zwischen Rom und Karthago dauerte hiernach noch neun Jahre. In dieser Zeit hatten die Karthager einen ausgezeichneten Feldherrn an Hámilkar mit dem Beinamen Barkas („Blitz“), der sich im Nordwesten Siziliens sieben Jahre lang gegen alle Anstrengungen der Römer siegreich behauptete, bis der Seesieg des Lutatius Cátulus bei den ägatischen Inseln die erschöpften Karthager zum Frieden zwang (241). Sie traten Sizilien ab, welches die erste römische Provinz ward, und zahlten 3200 Talente Silber (13½ Millionen Mark).
XX.
Der zweite punische Krieg (219–201).
Hannibal.
1. Hannibals erstes Auftreten.
Während bald darauf die Römer mitten im Frieden das erschöpfte Karthago zur Abtretung von Sardinien und Corsica nötigten, dann die seeräuberischen Illyrier und die Gallier im Gebiete des Po zu unterwerfen begannen, hatte Hamilkar Barkas in Karthago die Empörung der unbezahlten Söldnerhaufen zu dämpfen, die den karthagischen Staat dem Untergange nahe brachte. Nach Beendigung dieses Kampfes ging Hamilkar, ein unversöhnlicher Feind der Römer, nach Hispanien (Spanien), um durch die großen Hilfsmittel dieser damals noch freien und von den kriegerischen Stämmen der Ibēren bevölkerten Halbinsel seiner Vaterstadt wieder aufzuhelfen und neue Kräfte gegen Rom zu gewinnen. Als er im Begriff war abzureisen, bat ihn Hannibal, sein Sohn, ein Knabe von neun Jahren, ihn auf diesem Zuge begleiten zu dürfen. Der Vater versprach es und suchte zugleich das Herz seines Sohnes mit unaustilgbarem Hasse gegen Rom zu erfüllen. Er führte ihn vor den Altar, auf welchem er eben opferte. Alle Zeugen wurden entfernt, dann hieß er seinen Sohn den Altar umfassen und schwören, daß er zeitlebens ein Feind der Römer sein wolle. Das tat Hannibal, und nie ist ein Schwur treuer gehalten worden.
Neun Jahre focht Hamilkar in Spanien mit glücklichem Erfolg, unterwarf sich einen großen Teil der Einwohner mit Gewalt oder Klugheit, und gründete dort eine Herrschaft, welche den Verlust der Inseln reichlich ersetzte. Nachdem er in einer Schlacht gefallen war, übernahm sein Eidam Hásdrubal den Oberbefehl. Dieser setzte die kriegerischen Unternehmungen mit großem Glücke fort und gab dem neuerworbenen Lande in der von ihm gegründeten Stadt Neukarthago (heute Cartagena) eine trefflich gelegene Hauptstadt. Die Römer wurden über diese Fortschritte so besorgt, daß sie in einem Vertrage mit Hasdrubal den Fluß Ibērus (Ebro) als Grenze der karthagischen Eroberungen feststellten und die griechischen Handelsplätze, darunter die Stadt Saguntum (nördlich von Valencia), in ihren Schutz nahmen.
Hannibal war nach des Vaters Tode nach Karthago zurückgekehrt; Hasdrubal ließ ihn wieder zu sich kommen und vollendete seine kriegerische Erziehung. Acht Jahre hatte Hasdrubal den Oberbefehl in Spanien geführt, als er von einem Eingeborenen ermordet wurde. Jetzt rief das Heer den jungen Hannibal als Feldherrn aus, und Senat und Volk zu Karthago bestätigten die Wahl.
Im Lager aufgezogen, war Hannibal der Liebling des Heeres; die alten Krieger sahen in ihm des Vaters Ebenbild. Wenn eine Unternehmung Mut und Ausdauer erforderte, stellte schon Hasdrubal ihn am liebsten an die Spitze, und unter keinem Führer hatten die Krieger mehr Vertrauen und Siegeszuversicht. Mit der größten Kühnheit ging er in Gefahren, mit der größten Besonnenheit benahm er sich mitten in denselben, durch keine Beschwerde konnte sein Körper ermüdet, sein Geist gebeugt werden, Hitze und Kälte ertrug er mit gleicher Ausdauer, in Speise und Trank war er mäßig, und zum Schlafe gönnte er sich nur die Zeit, die ihm die Geschäfte übrig ließen. Dazu bedurfte er keines weichen Lagers, noch der Stille der Nacht, oft sahen ihn seine Krieger, nur mit einem kurzen Feldmantel bedeckt, zwischen den Wachen und Posten auf dem Boden liegen. Seine Kleidung war von der seiner Waffengenossen in nichts unterschieden, nur Waffen und Rosse kündigten den Feldherrn an. Er war bei weitem der beste Reiter, wie der beste Fußgänger. Als vorderster ging er ins Treffen, als letzter kehrte er zurück. Unerschöpflich in klugen Anschlägen, stets wohl unterrichtet von den Plänen der Feinde, fand er in jeder Not und Gefahr einen rettenden Ausweg. Einer der größten Feldherren aller Zeiten, ein weitschauender Staatsmann, ein tapferer Krieger, ließ er sich im Glück nicht zum Übermut verleiten, und trug er das Unglück mit zäher Geduld und festem Sinn. Milde lag nicht in seiner Art; hart und grausam gegen die Feinde, scheute er keine Arglist und Untreue, wenn sein Vorteil dazu riet.
Er war erst 28 Jahre alt, als er an die Spitze des hispanischen Heeres trat (221 v. Chr.). Sofort entschloß er sich mit Rom zu brechen.
Hasdrubal hatte den Vertrag mit den Römern, die Stadt Saguntum nicht anzugreifen, treulich gehalten. Hannibal kümmerte sich nicht darum, sondern schritt alsbald zu ihrer Belagerung. Als die Römer von der Bedrängnis der mit ihnen verbündeten Stadt hörten, ordneten sie eine Gesandtschaft an Hannibal ab, um ihn an den Vertrag zu erinnern. Der aber ließ sie gar nicht ins Lager, sondern befahl sie zu bescheiden, daß er mitten im Kampfe keine Zeit habe Gesandtschaften anzuhören. Ebenso erfolglos war die Gesandtschaft in Karthago. Inzwischen erfuhren die Saguntiner alle Schrecken einer Belagerung. Unter dem heldenmütigsten Widerstand der Einwohner und erst nach einer achtmonatlichen Einschließung und Bestürmung konnte Hannibal sich der Stadt bemächtigen (219). Als den Saguntinern alle Hoffnung geschwunden war, hatten die Vornehmsten alles Silber und Gold aus ihren Häusern auf dem Markt auf einen brennenden Scheiterhaufen geworfen und sich dann selber hinein gestürzt. Alle Wehrhaften wurden getötet, viele hatten sich mit Weib und Kind in ihre Häuser verschlossen und diese in Brand gesteckt. Alle übrigen wurden in die Knechtschaft verkauft (219).
Als die Kunde von dem schrecklichen Untergang der ihrem Schutze anvertrauten Stadt nach Rom kam, war die Entrüstung über solchen Friedensbruch unbeschreiblich. Sofort ging eine Gesandtschaft nach Karthago, an deren Spitze Quintus Fabius stand. Sie sollte die Auslieferung des vertragsbrüchigen Feldherrn fordern, oder, wenn diese verweigert würde, den Krieg ankündigen. Der karthagische Senat, in zwei Parteien geteilt, konnte zu keinem Entschluß kommen. Er suchte Ausflüchte zu machen und die Sache hinzuziehen, allein Qu. Fabius forderte eine bestimmte Erklärung. Indem er seine Toga zu einem Bausche faltete und dem Senate hinhielt, sagte er: „Hier liegt Krieg und Frieden: nehmt was ihr wollt!“ — „Wir nehmen,“ rief man ihm entgegen, „was ihr uns gebt.“ — „So nehmt den Krieg!“ erwiderte Fabius und entfaltete seine Toga mit einer drohenden Geberde, als ob er Waffen und Krieger herausschüttete.
So begann der zweite punische Krieg, der achtzehn Jahre (219–201) hindurch Italien, Spanien und Afrika verwüstete, Rom an den Rand des Verderbens brachte, und zuletzt mit der völligen Niederlage Karthagos endete.
2. Hannibals Zug nach Italien.
Hannibal hatte sich nach der Eroberung von Sagunt in die Winterquartiere begeben. Hier entbot er die Hauptleute der auf der Halbinsel geworbenen Krieger zu sich und machte sie mit seinem Plan, in fernes Land zu ziehen, bekannt. Um ihnen aber Zeit zu geben, sich von den Beschwerden des letzten Krieges zu erholen und ihre Familien wiederzusehen, erteilte er allem Kriegsvolk einen Urlaub, mit dem Befehl, beim Anbruch des Frühlings sich wieder einzustellen. Nachdem er dann im Frühjahr die Truppen gemustert hatte, ließ er, um Spanien zu behaupten, ein Heer von 15000 Mann und eine Flotte von 50 Schiffen unter dem Befehl seines Bruders Hasdrubal zurück. Ein anderes, größtenteils aus Ibérern bestehendes Heer von nahe an 20000 Mann schickte er nach Afrika, um teils als Besatzung von Karthago zu dienen, teils im karthagischen Gebiet verteilt zu werden. Er selbst brach im Frühjahr 218 mit 90000 Mann Fußvolk, 12000 Reitern und 37 Elefanten nordwärts nach dem Ibérus (Ebro) auf (218).
Auf diesem Zuge erschien ihm einst, wie die Sage erzählt, im Schlaf ein Jüngling von göttlicher Gestalt, welcher sagte: „Ich bin von Jupiter als dein Wegweiser nach Italien gesandt; mache dich auf und folge mir unverwandten Auges.“ Hannibal folgte anfangs schüchtern, nirgends um oder hinter sich blickend; dann aber konnte er aus menschlicher Ängstlichkeit, was das wohl sein möge, wonach er sich nicht umsehen solle, seine Augen nicht mehr beherrschen. Er blickte hinter sich und gewahrte eine Schlange von wundersamer Größe, die hinter ihm herschoß, Bäume und Sträucher weithin niederschlagend, und hinter der Schlange einen Platzregen mit Donnerschlägen. Auf seine Frage, was das für ein Ungetüm sei, und was das Zeichen bedeute, erhielt er die Antwort, daß es die Verwüstung Italiens sei; er solle aber nur vorwärts gehen, nicht weiter fragen und das fernere Schicksal in seinem Dunkel ruhen lassen.
Froh über dieses Gesicht setzte er über den Ebro und bezwang die noch unabhängigen Völkerschaften zwischen diesem Fluß und den Pyrenäen. Um die Pässe des Gebirges und die neu eroberten Landschaften zu hüten, ließ er eine Truppe von 11000 Mann zurück, während er noch andere 11000 Mann, welche die Furcht vor einem Kriege mit Rom entmutigt hatte, nach Hause entließ. Ihm selbst blieben damals 50000 Mann zu Fuß und 9000 Reiter, alle bewährte Krieger, zum größeren Teil Libyer aus dem Gebiete Karthagos, zum kleineren Teil Hispanier (Ibérer). Die Völker des südlichen Galliens gewann er durch List und Geschenke, und als man in Rom vernahm, er habe den Ebro überschritten, stand er bereits am rechten Ufer der unteren Rhódanus (Rhone), an der Stelle des heutigen Avignon.
Die dort seßhaften Gallier standen auf seiten der Römer, fühlten sich aber zu schwach, um den Anmarsch des punischen Heeres in offenem Felde aufzuhalten. In der Hoffnung auf die Hilfe des römischen Heeres, das bereits bei Massilia (Marseille) an der Rhonemündung eingetroffen war, nahmen sie auf dem linken Flußufer eine feste Stellung ein. Aber Hannibal ließ sich nicht aufhalten. Er ließ alle Schiffe und Kähne aufwärts und abwärts des Flusses zusammenholen, Bäume fällen und Flöße bauen, und traf alle Anstalten zu raschem Übergang. Aber auf der anderen Seite standen die Feinde, die zu Pferd und zu Fuß das ganze Ufer innehatten. Um sie von dort zu vertreiben, befahl Hannibal dem Hanno mit einem Teil des Heeres zwei Tagereisen weit am Flusse hinaufzuziehen und dort an einer geeigneten Stelle überzusetzen. Pünktlich führte Hanno den Befehl aus. Auf Flößen und verkoppelten Baumstämmen brachte er Roß und Mann und alles übrige hinüber. Die Hispanier steckten ihre Kleider in Schläuche, legten sich darauf und schwammen ohne weitere Vorkehrung über den Fluß. Von dort zog er eilends stromabwärts in den Rücken der Feinde, und bereits am dritten Tage seit seinem Aufbruch meldete er durch Rauchsignale dem Feldherrn seine Ankunft. Sofort gab Hannibal den Befehl zum Übergang. Die Gallier anderseits stürzten gegen das Ufer mit vielstimmigem Geheul, ihrem gewohnten Schlachtgesange, die Schilde zusammenschlagend und in der Rechten den Speer schwingend. Da plötzlich loderte in ihrem Rücken das eigene Lager in hellen Flammen auf. Hanno hatte es überfallen und bedrohte ihre Rückseite. Zwar suchten die Gallier anfangs nach beiden Seiten das Feld zu halten, gaben aber bald den hoffnungslosen Widerstand auf und zerstreuten sich in ihre Dörfer. So konnte Hannibal sein ganzes Heer mit allem Troß ungefährdet über den reißenden Strom führen und jenseits ein Lager schlagen.
Ganz eigentümlich war die Art, wie Hannibal die Elefanten hinübersetzen ließ. Er ließ ein 200 Fuß langes und 50 Fuß breites Floß vom Lande aus in den Fluß hineinbauen und damit es nicht vom Strome fortgerissen würde, durch starke Taue am Ufer festbinden. Dann ließ er es mit Erde beschütten, damit es die Tiere ohne Scheu gleich wie festes Land betreten könnten. Ein zweites Floß, ebenso breit, 100 Fuß lang und zur Überfahrt eingerichtet, wurde an jenes angebunden. Wenn nun die Elefanten über das feststehende Floß, wie auf einer Straße, auf das zweite kleinere Floß hinübergegangen waren, so wurden sogleich die Bindetaue gelöst und dies Floß an das andere Ufer gezogen. So lange sie auf dem ersten Floß wie auf einer breiten Brücke gingen, blieben sie ruhig; dann erst zeigten sie Angst, wenn das zweite Floß abgelöst war und mit ihnen in die Mitte des Flusses trieb. Da drängten sie sich vom Wasser weg zusammen und verursachten ziemliche Störung, bis endlich die Furcht selbst sie ruhig machte.
Um die Zeit, da Hannibal über die Rhone ging, stand der römische Konsul P. Cornelius Scipio an der Mündung dieses Stromes. Er hatte mit seinem Heere nach Spanien übersetzen sollen, um dort den Krieg zu beginnen, während der andere Konsul, Titus Sempronius Longus, von Sicilien aus Karthago selbst angreifen sollte. Als er aber auf dieser Fahrt nach Massilia kam, mußte er zu seiner großen Überraschung erfahren, daß der Feind bereits in der Nähe stände und sich anschickte über die Rhone zu gehen. Statt nun sofort dem Hilferufe der Gallier zu folgen, zauderte er, bis es zu spät war. Ein Reitergeschwader, das er darauf den Fluß hinaufsandte, um Erkundigungen über den Standort und die Stärke des feindlichen Heeres einzuziehen, traf auf eine zu gleichem Zwecke abgeschickte Abteilung Numider (aus Nordafrika). Es kam zu einem sehr hitzigen Gefecht, in dem sich der Sieg endlich auf die Seite der Römer neigte. Doch als Scipio in eiligem Marsche nach der Übergangsstelle hinaufzog, war das feindliche Heer schon in weiter Ferne, und es blieb ihm nichts übrig als nach Italien zurückzukehren und dort den Feind zu bestehen.
Für Hannibal aber begann jetzt erst der schwierigste Teil seiner kühnen Unternehmung. Es galt den Marsch zu wagen mitten durch zahlreiche Feinde, über die schnee- und eisbedeckten Alpen, auf ungebahnten, vielleicht noch nie betretenen Wegen, die selbst für Fußgänger kaum gangbar waren, viel weniger noch für Elefanten, Rosse und schwerbeladene Karren und Saumtiere. Kein Wunder, daß beim Anblick der steilen Gebirge selbst die abgehärtesten Krieger zu zagen begannen. Nur ihr Feldherr blieb festen Mutes und verstand es auch seinen Truppen neue Zuversicht einzuflößen. Er schilderte ihnen die reichen Gebiete, die sie jenseits des Gebirges erreichen, die große Beute, die sie dort gewinnen, und die Hilfe, die sie im Tale des Po bei den kriegstüchtigen und von Römerhaß erfüllten gallischen Stämmen finden würden. Er führte ihnen sogar einen eben von dort eingetroffenen gallischen Fürsten vor, Magilus mit Namen, der dies alles bestätigte.
Man kannte damals nur zwei Pässe zum Übergang von Gallien nach dem oberen Italien. Der eine kürzere aber rauhere führte durch das Tal der Dürance über die cottischen Alpen (Mont Genèvre) in das Gebiet der Tauriner (Turin), der längere aber weniger schwierige im Tal der Isère aufwärts zu den graischen Alpen und über den kleinen St. Bernhard ins Tal der Doria (Baltéa). Diesen zweiten wählte Hannibal auch deshalb, weil die an seinem jenseitigen Ausgange wohnenden Gallier nur auf seine Ankunft warteten, um sich mit ihm gegen die Römer zu verbinden.
Der Marsch ging zuerst sechzehn Tage lang durch das fruchtbare Gebiet der Allóbroger zwischen Isère und Rhone, bis zum Fuße des Hochgebirges. Der von den Bewohnern gesperrte nächste Paß wurde genommen; aber auf dem steilen und glatten Abstieg von der Höhe geriet das Heer in harte Not: feindliche Haufen brachen in die Reihen, ein wildes Getümmel entstand, Menschen und Tiere stürzten in die Tiefe. Erst als man ins Tal der Isère gelangte, ward der Marsch gefahrlos, bis man in das Gebiet der Centronen hinaufstieg, welche das Heer mit allen Zeichen der Freude gastlich empfingen und aus dem Tale zum Fuß der Paßhöhe des kleinen St. Bernhard geleiteten. Da plötzlich griffen sie die nächste durch eine Schlucht emporklimmende Abteilung von allen Seiten an. Unter blutigen und verlustvollen Kämpfen gelangte man am folgenden Tage auf die Hochfläche des Passes.
Den erschöpften und durch die schweren Verluste an Menschen und Tieren entmutigten Truppen gewährte hier der Feldherr eine kurze Rast, die er benutzte, um alle Nachzügler und Versprengte zu sammeln und durch den Hinweis auf die Nähe des ersehnten Zieles, durch den Ausblick auf die in der Ferne sich breitende Ebene Italiens die gesunkene Stimmung wieder zu heben. Man näherte sich zwar den befreundeten Galliern, aber die vorgerückte Jahreszeit — es war schon Anfang September — brachte neues Ungemach. An den engen und steilen Talrändern der Dora, auf denen der Abstieg geschah, lag frischer Schnee, der die Pfade verdeckte; haufenweise stürzten Menschen und Tiere in die Abgründe. An einer Strecke von nur 200 Schritt Länge mußte vier Tage lang mit Aufgebot aller Kräfte gearbeitet werden, um die Elefanten und das Gepäck über die glatten Eismassen hinüber bringen zu können. Nach weiterem dreitägigen Marsch bergab gelangte man endlich in die Talebene, wo die Dörfer der Gallier, in der Gegend des heutigen Ivréa, Rast und Pflege boten.
So war das Ziel endlich erreicht, aber mit welchen Opfern! Mehr als die Hälfte des Heeres, die meisten Pferde und Elefanten waren auf den Märschen und in den Kämpfen zugrunde gegangen, und was hinübergelangt war, bedurfte längerer Erholung, um sich zu den bevorstehenden harten Kämpfen zu stärken und neu auszurüsten. Hätte Hannibal beim Austritt aus dem Gebirge ein römisches Heer kampfbereit sich gegenüber gefunden, so wäre er dem Untergang schwerlich entronnen.
3. Hannibals Siege am Ticinus und an der Trebia (218).
Anfangs hatten die Römer, wie oben berichtet ist, die Absicht den Krieg gegen Karthago in Spanien und Afrika zu führen. Sie hatten daher den Konsul T. Sempronius Longus mit der größeren Heeresmacht, 24000 Mann zu Fuß, 1800 Reitern und 160 Kriegsschiffen, nach Sicilien gesandt; der andere Konsul, P. Cornelius Scipio, sollte mit 22000 Mann zu Fuß, 1600 Reitern und 60 Schiffen einen Angriff auf Spanien unternehmen. Aber Hannibal war den Römern zuvorgekommen. Schon stand er an der Rhone, als Scipio auf seiner Fahrt erst an der Mündung derselben angekommen war, wo er dann die Nähe des Feindes erfuhr und das bereits erwähnte Reitergefecht vorfiel. Nun änderte Scipio seinen Plan, er sandte seinen Bruder Gnaeus mit dem größeren Teile des Heeres nach Spanien, während er selbst mit dem übrigen zurück in die Ebene des Po eilte, um sich dort an die Spitze des römischen Heeres zu stellen, welches dort die aufrührerischen Gallier niederzuhalten bestimmt war, und dem anrückenden Feinde die Stirn zu bieten. Hannibal hatte inzwischen seinem Heere die nötige Rast gegönnt, hatte den Widerstand der Tauriner durch Erstürmung ihrer Hauptstadt gebrochen, und war dann rasch bis an den Ticīnus (Tessin), einen Nebenfluß des Po, vorgedrungen. Scipio ließ eine Brücke über den Po schlagen und rückte ihm entgegen. Nicht lange, so kam es dort in der Ebene am Ticinus zu einem ersten Zusammenstoß. Beide Feldherren zogen eines Tages an der Spitze ihrer Reiterei, Scipio auch von leichtem Fußvolk begleitet, aus, um die Stellung der Feinde auszukundschaften. So stießen sie aufeinander. Gleich nach Beginn des Kampfes floh das leichte römische Fußvolk, das Scipio in die vorderste Reihe gestellt hatte, vor dem Anprall der schweren punischen Reiter, warf sich unter die eigene Reiterei und brachte sie in Verwirrung. Gleichwohl nahm diese den Kampf auf und bestand ihn eine Zeitlang, unerschüttert durch die feindlichen Angriffe. Als dann aber die leichten numidischen Geschwader sie auf den Flanken und im Rücken anfielen war die Niederlage und Flucht der Römer nicht mehr aufzuhalten. Der Konsul selbst ward im Getümmel verwundet und nur durch die Entschlossenheit seines siebzehnjährigen Sohnes, des später als Besieger Hannibals berühmt gewordenen Scipio Africanus, aus dem feindlichen Gedränge herausgehauen und gerettet.
In der folgenden Nacht führte Scipio sein Heer ungestört über den Po zurück und nahm an dem rechten Ufer des Trébia, eines kleinen Nebenflusses des Po, eine feste Stellung, wo sein rechter Flügel sich an den Po bei der Koloniestadt Placentia (Piacenza), sein linker an die Vorberge des Apennin lehnte, in einem hügeligen Gelände, das die Bewegung der überlegenen feindlichen Reiterei hinderte. Hier stieß auch der andere Konsul, Sempronius, der auf die erste Nachricht von dem Erscheinen Hannibals aus Sicilien zurückberufen worden war, mit seinem Heere zu ihm. Aber zwischen den beiden Konsuln herrschte keine Eintracht: Sempronius drang auf eine entscheidende Schlacht, während Scipio, durch seine Wunden an der Führung behindert, sich von einer bloß abwehrenden Haltung mehr Vorteil versprach. Ihre Uneinigkeit blieb Hannibal nicht unbekannt. Er war den über den Po zurückweichenden Römern alsbald nachgezogen und hatte ihnen gegenüber auf der linken Seite der Trebia sein Lager genommen. Als er durch seine Kundschafter erfahren, daß die Römer zum Kampf bereit wären, wählte er einen Ort zum Hinterhalt. In der Nähe seines Lagers war ein Bach, auf beiden Seiten von einem sehr hohen Ufer eingeschlossen und rings mit Gesträuch und Dorngebüsch dicht besetzt, wo ein Reitertrupp eine ganz verdeckte Aufstellung nehmen konnte. Darin versteckte Hannibal tausend auserlesene Reiter und ebenso viel Fußvolk unter Führung seines Bruders Mago.
Früh am folgenden Tage ließ er seine numidischen Reiter über die Trebia setzen, sich vor den Toren des feindlichen Lagers tummeln, um den Feind zum Kampfe herauszulocken und, wenn ihnen dies gelungen war, langsam über den Fluß zurückzuweichen. Kaum hatten sie sich gezeigt, so führte Sempronius, der an diesem Tage den Oberbefehl auch über Scipios Legionen führte, erst seine ganze Reiterei, darauf 6000 Mann Fußvolk, endlich sein ganzes Heer zum Kampfe heraus. Es war ein kalter schneeiger Dezembertag; Roß und Mann wurden, ohne vorher durch Speise gestärkt zu sein, ungeschützt gegen die Kälte, ins Treffen geführt. Als sie aber auf der Verfolgung der fliehenden Numider sogar ins Wasser gingen, das ihnen bis an die Brust reichte, erstarrten ihnen vollends die Glieder, daß sie kaum die Waffen zu halten vermochten und bald der Ermattung und dem Hunger erlagen.
Dagegen hatten Hannibals Truppen vor ihren Zelten Feuer angezündet, ihre Glieder mit Öl geschmeidig gemacht und in Ruhe gegessen. Rüstig an Leib und Seele ergriffen sie die Waffen und standen zur Schlacht gerüstet, als der Feind über den Fluß gegangen war. Ins Vordertreffen stellte der karthagische Feldherr als Plänkler 8000 leicht bewaffnete balearische Schleuderer und Speerwerfer; hinter diesen das schwere Fußvolk, den Kern seines Heeres; die Flügel umgab er mit seinen zahlreichen Reitern und an die beiden Flügelspitzen stellte er zu gleichen Teilen die wenigen Elefanten, welche ihm geblieben waren. Vergebens ließ jetzt Sempronius seinen hitzig verfolgenden Reitern zum Rückzug blasen; er mußte die Schlacht annehmen und ordnete die Seinen. Die ermüdeten leichten Truppen wichen gleich anfangs zurück; dann kam die römische Reiterei ins Gedränge und wurde von einer Wolke von Schleuderkugeln und Speeren, welche die Balearen warfen, überschüttet. Der Anblick und der ungewohnte Geruch der Elefanten brachte die Pferde in Verwirrung und verursachte allgemeine Flucht. Das Fußvolk hielt länger stand; aber die Punier waren, zuvor durch Speise gestärkt, in das Treffen gezogen; den ermüdeten, hungrigen, vor Kälte starrenden Römern versagte der Körper den Dienst. Da brach endlich Mago mit seinen Numidern aus dem Hinterhalt hervor und fiel den Römern zu ihrem großen Schrecken in den Rücken, so daß diese nach allen Seiten hin zu kämpfen hatten. Eine Abteilung von 10000 Römern durchbrach in fester Haltung die Mitte der feindlichen Linie und wandte sich nach Placentia; die übrigen suchten sich an verschiedenen Stellen und unter blutigem Gemetzel einen Ausweg. Die nach dem Lager ihren Rückzug nahmen, deren ertranken viele in dem Fluß oder wurden von den verfolgenden Feinden erschlagen; die meisten entrannen ohne Ordnung nach Placentia. Eben dorthin führte der verwundete und im Lager zurückgebliebene Konsul Scipio den Rest des Heeres. Sempronius, der sich mit wenigen Reitern gerettet hatte, begab sich bald darauf nach Rom, wohin er berufen war, um die Wahl der neuen Konsuln zu leiten.
Aber auch die Punier hatten starke Verluste erlitten, und die rauhe Jahreszeit nötigte sie in Winterquartieren Ruhe und Erholung zu suchen. Inzwischen bedrängten ihre Reiter und leichten Truppen fortwährend die Römer in den festen Städten Placentia und Cremona, und die gallischen Stämme folgten großenteils dem Rufe des siegreichen Puniers und kündigten den verhaßten Römern den Gehorsam.
4. Schlacht am trasimenischen See (217).
Kaum begann der Frühling, so brach Hannibal gegen Italien auf. Ansehnliche gallische Hilfsvölker begleiteten ihn, teils aus Kampf- und Beutelust, teils um den Krieg aus ihren Gebieten entfernen zu helfen, alle aber, um mit den Puniern die ihrer Unabhängigkeit gefährliche römische Übermacht zu vernichten. Von den beiden Straßen, von denen die eine von Rom über den Apennin bei Ariminium das Meer erreichte, die andere bei Arretium, diesseits des Gebirges, endete, waren von den beiden neuen Konsuln Gaius Flaminius und Gnaeus Servilius mit vier während des Winters vom Po fortgeführten und ergänzten Legionen besetzt. Hannibal wählte den Weg deshalb mehr westlich in das Tal des Arno, der nicht besonders schwierig, damals aber durch die Schneeschmelze und die Frühlingsregen auf weite Strecken überschwemmt war. Vier Tage und drei Nächte marschierte das Heer fortwährend durch Wasser und Morast, aller Erquickung entbehrend. Die, welche ausruhen wollten, warfen Haufen von Gepäck ins Wasser, um sich damit ein Lager zu bereiten, oder legten sich auf die Leiber der gefallenen Lasttiere. Hannibal, der auf dem einzigen noch übrigen Elefanten ritt, erlitt eine Augenentzündung, in deren Folge er ein Auge verlor. Als er endlich nach Verlust vieler Tiere und Menschen auf das Trockene gekommen war und das erste Lager auf etruskischem Boden bei Fäsulä (Fiésole) bezogen hatte, meldeten Kundschafter, das römische Heer unter dem Konsul Flaminius stehe ostwärts in der Gegend von Arretium (Arezzo). Um diesen Mann, dessen Unbesonnenheit ihm bekannt geworden, zum Angriff zu reizen, verwüstete Hannibal die schönen Gefilde zwischen Fäsulä und Arretium durch Raub und Brand. Umsonst mahnte man den Flaminius erst die Ankunft des andern Konsuls, der noch jenseits des Gebirges am adriatischen Meere stand, abzuwarten. Er gab das Zeichen zum Aufbruch, weil er die Verheerungen des Feindes nicht länger dulden mochte.
Hannibal war auf seinem Marsche zu dem schmalen Landstrich gekommen, wo der trasimenische See (lago di Perugia) nahe an die Berge von Cortona herantritt. Ein ganz enger Weg führt zwischen dem See und den Hügeln in eine breitere Fläche, an deren Ende, dem Eingange der Landenge gegenüber, eine Anhöhe emporragt. Auf dieser Anhöhe lagerte sich Hannibal mit dem Kern seines Heeres, dem spanischen und afrikanischen Fußvolk. Die Balearen und die übrigen leichten Truppen stellte er in langer Reihe hinter den Hügeln auf, welche jene Fläche auf einer Seite begrenzten; die Reiterei und die Gallier verbarg er neben den Waldhöhen, die dem engen Eingang am See gegenüberlagen. Bei diesem Eingange langte am Abend des folgenden Tages Flaminius an. Gleich am nächsten Morgen, als ein dicker Nebel auf den Wassern des Sees lag und Berg und Tal verhüllte, zog er, ohne vorher die Gegend ausgekundschaftet zu haben, durch die enge Straße in die mittlere Fläche, indem er nur die ihm gegenüber liegende Anhöhe von den Puniern besetzt glaubte. So wie er sich derselben näherte und die letzten seines Zuges an dem äußersten Hinterhalt der Feinde vorüber waren, erfolgte der Angriff der Punier von allen Seiten und mit solchem Ungestüm, daß sich die Römer nicht einmal in Schlachtordnung aufstellen konnten. Kaum drei Stunden währte die Schlacht, und so hitzig ward auf beiden Seiten gekämpft, daß man das furchtbare Erdbeben nicht gewahr wurde, das um diese Zeit die Landschaft heimsuchte. Der Konsul selbst fiel unter den ersten und 15000 der Seinen mit ihm. Viele wurden in den See gejagt und ertranken, oder wurden von den verfolgenden Reitern erschlagen. Nur einer Abteilung von 6000 Mann gelang es sich durchzuschlagen; sie retteten sich auf eine nahe Anhöhe, von wo sie, als der Nebel sich zerstreut hatte, das Schicksal der Ihrigen erkannten. Ihre eilige Flucht setzten sie auch noch den nächsten Tag fort, bis sie der Hunger zwang, sich dem Maharbal, der sie mit seiner Reiterei verfolgte, zu ergeben. Viertausend Reiter, die der andere Konsul zu Hilfe geschickt, wurden ebenfalls teils vernichtet, teils gefangen. Die Zahl der Gefangenen belief sich auf 15000. Hannibal ließ von ihnen die römischen in Fesseln legen, die italischen Bündner (socii) aber frei in ihre Heimat ziehen. Ebenso hatte er schon nach der Schlacht an der Trebia getan; denn er gedachte als der Befreier Italiens von der Römerherrschaft aufzutreten, und hoffte dabei auf den Beistand der bündnerischen Städte Mittel- und Unteritaliens.
Auf die erste unbestimmte Nachricht von der unglücklichen Schlacht und der Vernichtung der zwei Legionen geriet das Volk in unbeschreibliche Aufregung. Keiner wußte Genaues, selbst die obersten Beamten nicht; Männer und Weiber bestürmten sie mit Fragen. Erst gegen Abend erhielt der Senat sichere Kunde, und der Prätor teilte sie auf dem Markte mit: „Wir haben eine große Schlacht verloren, das Heer ist vernichtet, der Konsul tot, die Stadt in Gefahr.“
Man war darauf gefaßt den Sieger alsbald vor den Toren der Stadt erscheinen zu sehen, und traf in höchster Eile alle Vorkehrungen zur Abwehr. Vor allem galt es die Verteidigung des Vaterlandes, da der eine Konsul tot, der andere fern war, in eines Mannes Hand mit unbeschränkter Machtbefugnis zu legen, das heißt einen Diktator zu ernennen. Die Wahl fiel auf Fabius Maximus, der sich den Minucius Rufus als Reiterobersten zugesellte.
5. Hannibal gegen Fabius Cunctator.
Aber Hannibal zog nicht gegen Rom, sondern wandte sich von Etrurien ostwärts nach Umbrien und drang bis zur Stadt Spoletium, die er vergebens bestürmte, da sie von einer tapferen Besatzung verteidigt ward. Von da ging er in die fruchtbare picenische Landschaft hinüber, ließ die Truppen einige Tage ausruhen und drang dann, unter schrecklichen Verwüstungen, südwärts die Küste entlang bis nach Apulien. Aber seine Hoffnung, daß sich die Bundesgenossen Roms, der römischen Herrschaft überdrüssig, auf seine Seite schlagen würden, blieb unerfüllt. Alle Städte schlossen ihre Tore und behandelten ihn als Feind.
Inzwischen hatte der alte bedächtige Diktator Fabius zwei neue Legionen gebildet und die beiden des Konsuls Servilius sowie den versprengten Rest des geschlagenen Heeres an sich gezogen. Er folgte dem Feinde auf seinem Marsche, nicht um im offenen Felde eine neue und vielleicht letzte Schlacht zu schlagen, sondern um seine neuen Truppen zu üben und zu ermutigen, die Bündner in Treue zu halten und dem Gegner keine Rast zu lassen. Bei Arpi in Apulien bekam er ihn zuerst zu Gesicht. Hannibal bot ihm gleich die Schlacht an; aber Fabius wich vorsichtig aus und hielt sein Heer im festen Lager, das er immer auf den Höhen der Berge und in ziemlicher Entfernung vom Feinde aufschlug. Da Hannibal den vorsichtigen Gegner zu keiner Schlacht bewegen konnte, so brach er endlich auf und zog unter steten Verwüstungen durch Samnium, um wieder auf die Westseite des Gebirges nach Campanien zu gelangen.
Auf dem Wege dorthin kam er in eine von Bergen und Flüssen eingeschlossene Talebene. Fabius war ihm auf dem Fuße gefolgt, hielt die Höhen ringsum besetzt und hatte auch den Rückweg nach Samnium verlegt. Schon schienen die Karthager verloren zu sein, als Hannibal sich der Umschließung durch folgende List zu entziehen wußte. Er befahl gegen zweitausend Ochsen aus den erbeuteten Herden zusammenzutreiben, ließ ihnen dürre Reisbündel an die Hörner binden und, nachdem diese angezündet waren, den ganzen Haufen mit Anbruch der Nacht gegen die Anhöhen jagen, die der Feind besetzt hielt. Die römischen Truppen, die unten am Ausgange des Tales standen, sahen mit Staunen die eilenden Feuerlinien über sich auf den Bergen, und da sie glaubten, die Karthager hätten sie umgangen und zögen bei Fackelschein ab, so wichen sie seitwärts auf die Anhöhen, während die, welche oben standen, vor dem Ansturm der wütenden Tiere flohen. Selbst Fabius wagte es nicht seine Stellung auf der andern Seite des Tales zu verlassen. Indessen zog Hannibal durch die geöffneten und unbewachten Pässe und entkam so der Falle, die ihm Fabius gelegt hatte.
In Rom aber war man über die Weise, wie Fabius den Krieg führte, unwillig, und auch im Lager erhob sich lautes Murren über den Feldherrn, den sie wegen der Art seiner Kriegsführung spöttisch den Zauderer (cunctator) nannten. Am meisten suchte sein Reiteroberst Minucius den Diktator in ein ungünstiges Licht zu stellen, und als er nun gar eines Tages, während der Diktator in Rom beschäftigt war, ein glückliches Gefecht geliefert hatte, brachte er es wirklich dahin, daß die Diktatur und der Heerbefehl zwischen ihm und Fabius geteilt ward. Sie bezogen, jeder mit zwei Legionen, getrennte Lager. Eines Tages reizte Hannibal, der die Zwietracht seiner Gegner kannte, das Heer des Minucius in einem engen Tale zum Gefecht. Eine plötzlich aus einem Hinterhalte hervorbrechende Schar von 5000 Puniern faßte es in Seite und Rücken; schon schien seine Vernichtung unvermeidlich, als Fabius, der den ganzen Hergang von seinem nahe gelegenen Lager aus beobachtet hatte, mit seinen Legionen ausrückte und die bereits siegreichen Feinde so bedrängte, daß nicht nur das Heer des Minucius entsetzt wurde, sondern auch Hannibal den Rückzug antrat und sich für besiegt erklärte. „So habe ich doch einmal,“ sagte er zu den Seinen, „diese Wetterwolke, die immer um den höchsten Berggipfel schwebt, in die Tiefe herab und zur Entladung gebracht.“ Den Fabius aber begrüßte der beschämte Minucius als Vater, und seine Legionen die des Diktators als ihre Patrone (Beschützer). Die beiden Lager wurden wieder vereinigt, und Minucius verzichtete gern auf den ihm eingeräumten Mitbefehl.
Von da an wurde das Verfahren des Fabius, der den Krieg in die Länge zu ziehen und den Feind zu ermüden suchte, als weise anerkannt, der Spottname Cunctator ward ihm jetzt zu einem Ehrennamen und der größte Dichter jener Zeit, Quintus Ennius, pries ihn mit dem Verse:
Ein Mann brachte dem Staat durch klügliches Zaudern Errettung.
6. Die Schlacht bei Cannä (216).
Die hinhaltende Kriegführung des Diktators hatte auch ihre Nachteile; sie erschöpfte die Hilfsmittel des Landes und drohte die Treue der darunter leidenden Bundesgenossen ins Wanken zu bringen. Deshalb beschloß der Senat, nach Ablauf der Amtszeit des Diktators, wieder Konsuln an die Spitze des Heeres zu stellen und dieses in solcher Stärke ins Feld zu schicken, daß man hoffen konnte den Krieg mit einem Schlage zu beendigen. Statt der bisherigen vier wurden acht überstarke Legionen aufgestellt und eine gleiche Anzahl bündnerischer Truppen einberufen. Außerdem wurde eine neunte Legion ins Po-Tal geschickt, um die bei Hannibal stehenden Gallier zum Abzuge in ihre bedrohte Heimat zu bewegen. Niemals hatte Rom eine solche Kriegsmacht aufgestellt. Aber die Wahl der neuen Konsuln war nicht glücklich. Neben dem besonnenen und kriegserfahrenen L. Ämilius Paullus stand der beim Volk beliebte, aber ebenso anmaßende wie unfähige G. Terentius Varro.
Hannibal, der im ganzen über 10000 Reiter und etwas mehr als 40000 Mann Fußvolk verfügte, hatte im Frühjahr 216 eine starke Stellung in der kornreichen apulischen Ebene eingenommen, bei Cannä (zwischen den heutigen Städten Canōsa und Barletta), südlich des Flusses Aufĭdus (Ofanto). Nordwärts standen die beiden Konsuln in gesonderten Lagern zu beiden Seiten des Flusses. Hannibal wünschte nichts mehr als eine entscheidende Schlacht; denn die Ebene gestattete ihm den unbehinderten Gebrauch seiner überlegenen Reiterei, und die Nähe des feindlichen Heeres erschwerte ihm die Verpflegung des eigenen. Eben deshalb wollte Paullus, der die Lage des Gegners richtig beurteilte, den entscheidenden Kampf noch hinausschieben und auf ein den Römern günstigeres Schlachtfeld verlegen. Aber der hitzige Varro achtete nicht auf seine Vorstellungen, und da sie im Heerbefehl einen Tag um den andern wechselten, so führte er an seinem Tage das Heer, gegen 80000 Mann, zur Schlacht hinaus auf das rechte Flußufer, während ein kleiner Teil, 10000 Mann, auf dem linken im Lager zurückblieb.
Beide Schlachtlinien lehnten sich mit einem Flügel an das rechte Flußufer, so daß der römische nach Süden stand, der punische nach Norden gewandt war. Varro hatte die römischen Reiter am Flusse, die der Bundesgenossen auf dem andern Flügel, in der Mitte das Fußvolk in tiefen Massen aufgestellt; vor der ganzen Linie standen in mäßigen Zwischenräumen die Leichtbewaffneten. Auf dem rechten Flügel befehligte Ämilius Paullus, auf dem linken Varro, in der Mitte Servilius, der Konsul des vorigen Jahres. Auch Hannibal stellte seine Leichtbewaffneten vor die Front, links zunächst am Flusse die schwere gallische und spanische Reiterei, auf der andern die leichte numidische. Dazwischen bildete das schwerbewaffnete Fußvolk eine weite halbmondförmige Linie, in deren Mitte die Gallier und Spanier am meisten nach vorn, die Afrikaner nach beiden Seiten mehr zurück standen. Diese mittleren Truppen befehligte Hannibal selbst mit seinem Bruder Mago, den linken Flügel Hasdrubal, den rechten Hanno.
Es war ein heißer Junitag; glühend blies der Südwestwind den Römern ins Gesicht und wirbelte ihnen große Staubwolken entgegen. Die Leichtbewaffneten begannen die Schlacht, jedoch auf beiden Seiten ohne Entscheidung. Dann aber erfolgte ein blutiger Kampf zwischen den am Flusse stehenden Reitern, die in dem engen Raum zum Teil absprangen und zu Fuß Mann gegen Mann stritten. Die Römer, völlig geworfen, wurden teils niedergemacht, teils in den Fluß getrieben und zersprengt. Paullus, schwer verwundet, rettete sich zu dem Fußvolk. Dieses hatte inzwischen den Angriff auf die feindliche Mitte siegreich begonnen. Die Gallier und Spanier, überwältigt von dem ersten Stoße der Legionen, wichen zurück und öffneten die Linie, während die Afrikaner etwas weiter seitwärts unbewegt feststanden. Die römische Schlachtlinie, die Weichenden verfolgend, drang immer tiefer in den offen gelassenen Raum hinein und sah sich auf einmal von den Afrikanern in ihren Flanken angegriffen. Indes währte das Gefecht auf dem andern Flügel unentschieden fort, bis Hasdrubal von der linken Seite den Puniern zu Hilfe kam und auch hier die römische Reiterei zum Weichen brachte. Das Verfolgen der Geschlagenen überließ er den Numidern; er selbst schwenkte mit seinen Reitern nach der Mitte hin und griff das römische Fußvolk im Rücken an. Dieses, nunmehr von allen Seiten eingeschlossen, wurde fast bis auf den letzten Mann niedergemacht. Von den 76000 Mann, die in der Schlachtlinie gestanden hatten, lagen 70000 auf der Walstatt, darunter ein Konsul des vorigen Jahres, über dreißig, die andere hohe Staatsämter bekleidet hatten, achtzig Senatoren und auch der Konsul Ämilius Paullus selbst. Auch die Besatzung des Lagers, 10000 Mann, mußte sich großenteils ergeben. Viel geringer war der Verlust auf punischer Seite, kaum 6000 Mann.
Als Paullus sich ins Lager zu retten suchte, hatte er sich, von seiner Wunde ermattet, auf einen Stein gesetzt und hier den Tod erwartet. So traf ihn Lentulus, ein Kriegsoberster, der selbst verwundet aus der Schlacht floh, und bot ihm sein eigenes Pferd zur Flucht. Aber Paullus schlug es aus und sagte: „Rette dich, edler Freund, sage den Vätern, sie sollten Rom verrammeln und stark besetzen, und dem Fabius, ich hätte seine Lehren im Leben befolgt und im Tode noch gebilligt. Mich laß unter diesen Leichenhaufen meiner Krieger den Tod finden, damit ich nicht als Ankläger meines Amtsgenossen aufzutreten brauche.“ Kaum hatte er dies gesagt, so naheten die Feinde. Lentulus entkam durch die Schnelle seines Rosses, der Konsul wurde niedergemacht. Und gleichsam als wollte das Schicksal Roms sich in diesem Unglücksjahre ganz vollenden, geriet auch jene neunte Legion in einen Hinterhalt der Gallier und wurde völlig vernichtet.
Varro entkam mit wenigen Reitern nach Venusia, wohin sich auch eine Anzahl der Versprengten und ein kleiner Teil der im Lager Gebliebenen rettete. Als er von dort, tief gedemütigt, auf Einladung des Senats nach Rom kam, zog ihm dieser vor das Tor entgegen und dankte ihm, daß er am Vaterlande nicht verzweifelte.
Die Folge dieser furchtbaren Schlacht war, daß nunmehr viele Städte und Landschaften Unteritaliens, sowie alle cisalpinischen Gallier von Rom abfielen. Rom war am Rande des Untergangs; stündlich erwartete man den Sieger vor den Toren. Aber die Römer zeigten wiederum, daß sie niemals größer waren, als im Unglück, und bewiesen eine Stärke der Seele, welche die höchste Bewunderung verdient. Niemand sprach von Frieden, und die Abgeordneten Hannibals, welche Friedensanträge brachten, ließ man nicht einmal in die Stadt, ja sogar den Loskauf der Gefangenen lehnte man ab. Hannibal aber marschierte nicht sofort gegen Rom, wie ihm Maharbal riet, und mußte deshalb von diesem den Vorwurf hören: „Zu siegen verstehst du, aber den Sieg auszunutzen verstehst du nicht.“
7. Hannibal und Marcellus.
Mit dem Siege bei Cannä hatte Hannibal den Gipfel seines Glückes erstiegen; von nun an sehen wir ihn, obgleich den Römern noch immer furchtbar, keine so glänzenden Taten mehr verrichten. Sein Heer legte er zum Winterquartier in die große und reiche Stadt Capua, deren Bewohner ihn als einen Befreier vom römischen Joche zu sich eingeladen hatten. Unter dem milden Himmel Campaniens und durch die üppigen Genüsse, die dieses ihm bot, soll das Heer verweichlicht worden sein und die alte Kriegszucht und Manneskraft eingebüßt haben. Dazu kam, daß Hannibal von Karthago aus ohne Unterstützung blieb, weil ihm eine feindliche Partei entgegenarbeitete, obschon zwei Scheffel goldener Ringe, die in der Schlacht bei Cannä von den Händen römischer Ritter gezogen und nach Karthago geschickt worden waren, eine große Begeisterung für den Sieger erweckt hatten.
Dagegen zeigten die Römer bei den härtesten Schlägen des Schicksals eine große, unerschütterliche Standhaftigkeit. Neue Legionen wurden ausgehoben, und der Prätor Claudius Marcellus war der Erste, unter dem die Römer wieder siegen lernten. Der alte Mut kehrte allmählich zurück, und wie sie Fabius ihren Schild nannten, so den Marcellus ihr Schwert. Er stand mit einem Teil des neuen Heeres bei Nola in Campanien und hinderte Hannibal an der Eroberung dieser Stadt. Anfangs hielt er seine noch ungeübten Truppen innerhalb der Mauern, dann machte er Ausfälle und übte es in kleinen Gefechten; zuletzt überfiel er die Feinde in ihrem Lager und erschlug ihrer mehrere Tausende. Im folgenden Jahre (215) kam es vor Nola zu einer förmlichen Schlacht, in welcher Marcellus den ersten vollständigen Sieg über die Punier erfocht.
Nach diesem Siege ward Marcellus von Italien nach einem andern Schauplatz des Krieges abgesandt. In Sicilien war die mächtige und blühende Stadt Syrakus nach dem Tode ihres Königs Hiero, des treuen Bundesgenossen der Römer, von ihnen abgefallen, und Marcellus hatte den Auftrag sie wieder zu unterwerfen. Allein die Belagerung zog sich bis ins dritte Jahr hin (214–212). Von zwei Seiten, vom Lande und vom Hafen aus, versuchte er sie zu erstürmen; aber ein Bürger der Stadt, der große Mathematiker Archimēdes, erfand Maschinen, durch die er die Schiffe und Sturmwerke der Römer vernichtete und alle ihre Versuche vereitelte. Die Mauern versah er mit jeder Art von Geschützen, welche die feindlichen Schiffe mit Steinkugeln bewarfen; in die Mauer brach er von unten bis oben breite Schießscharten, durch welche die Verteidiger mit Pfeilen und Handgeschossen den Feind ungesehen überschütteten. Wenn römische Schiffe in die Nähe kamen, so ließ er eiserne Ketten mit Haken herab, zog durch Hebelkräfte die Schiffe in die Höhe und stürzte sie dann wieder ins Meer hinab. Auch soll er Brennspiegel erfunden haben, um die feindlichen Schiffe anzuzünden. Durch diese Maschinen fügte er den Römern furchtbare Verluste zu und setzte sie so in Angst, daß zuletzt alle, wenn nur ein Seil oder Holz sich auf der Mauer zeigte, eiligst die Flucht ergriffen. Aber endlich wurde Marcellus doch auf folgende Weise Herr der Stadt.
Einst unterhandelten die Syrakusaner von einem Turme herab mit den Römern. Einer von diesen zählte dabei die Quadersteine der Mauer und merkte sich ihre Größe. Daraus berechnete man ihre Höhe an dieser Stelle und verfertigte Leitern zum Ersteigen. Als nun das dreitägige Fest der Göttin Artĕmis (Diána) in der Stadt gefeiert wurde, und die Bürger nach den Festmahlen des Tages sich zur Ruhe gelegt hatten, erstiegen tausend der kühnsten Krieger die bezeichnete Mauerstelle, töteten die hier aufgestellten Wachen und erbrachen das nächste Tor, durch welches Marcellus mit dem Heere eindrang. Den Bürgern ward Leben, Freiheit und Wohnung gesichert und nur das bewegliche Gut geplündert. Eine Menge von Kunstwerken und Schätzen ward nach Rom geschleppt. Der große Archimedes soll im Getümmel seinen Tod gefunden haben. Ein Krieger, der ihn nicht kannte, stürmte in sein Haus und fand ihn in das Zeichnen von Sandfiguren vertieft. „Zertritt mir meine Kreise nicht!“ rief er ärgerlich dem Manne zu, worauf dieser ihn erschlug. Gern hätte ihm Marcellus das Leben erhalten; den Toten ehrte er durch ein Denkmal.
Inzwischen hatte der Krieg auch in Italien nicht geruht. Zwar hatte Hannibal die wichtige Seestadt Tarent durch Verrat genommen (212), dagegen mußte er sehen, wie Capua von einem römischen Heere aufs härteste bedrängt wurde. Um diese Stadt von dem Belagerungsheere zu befreien, unternahm er einen Zug gegen Rom, und schlug eine Meile vor der Ostseite der Stadt sein Lager auf (211). Von einer Anhöhe herab betrachtete er die Lage und die Mauern der Stadt, und eine Sage ging, er habe eine Lanze in eine der nächsten Straßen geschleudert. Zweimal stand er dem römischen Heere kampfbereit gegenüber, und zweimal nötigte ein Ungewitter mit furchtbarem Hagel- und Regenguß die Heere in ihre Lager zurückzukehren, während das heiterste Wetter eintrat, sobald sie sich getrennt hatten. Darin erkannten selbst die Punier einen Götterwink, und Hannibal trat den Rückweg an. Aber noch lange nachher erhielt sich im Volke der Eindruck des Schreckensrufs: „Hannibal vor den Toren!“
Nun gab Hannibal die Stadt Capua ihrem Schicksal preis. Die Belagerten erkannten ihren hoffnungslosen Zustand und beschlossen die Übergabe; da trat ein Mann, namens Vibius Virrius, der am meisten zum Abfall von Rom geraten hatte, hervor und sagte: „Von dem erbitterten Feinde ist keine Gnade zu hoffen; retten kann uns nur der Tod. Wer von euch den Mut hat dies Ende auf sich zu nehmen, der komme heute zu mir als Gast. Habt ihr euch da an Speise und Trank gelabt, so will ich euch einen Becher bieten, der von aller Schmach erretten soll.“ Siebenundzwanzig folgten ihm zu diesem Totenmahle, bei dem sie sich erst mit Wein berauschten, dann das Gift, das er ihnen reichte, tranken, sodaß sie vor dem Einzuge der Feinde den Geist aufgaben. Die Stadt aber erfuhr eine furchtbare Züchtigung. Siebzig Ratsherren wurden hingerichtet, dreihundert der edelsten Campaner starben im Kerker, eine Menge Bürger wurde verkauft, und Capua fortan als ein untertäniger, des Stadtrechts entkleideter Ort behandelt. Gleiche Strenge erfuhren mehrere kleinere Städte Campaniens als Strafe für ihren Abfall, und die treu gebliebenen fühlten sich in ihrem Widerstand gegen den Feind eines glücklichen Ausgangs sicher.
Dieser Kampf dauerte in den südlichen Teilen Italiens mit wechselndem Glück noch Jahre lang fort, ohne eine Entscheidung herbeizuführen. Marcellus, der Eroberer von Syrakus, wiederholt zum Konsul gewählt, führte ihn mit der ihm eigenen Umsicht und Zähigkeit, bis er in einem ihm gelegten Hinterhalt den Tod fand (208). Zwei Jahre nach Capuas Fall ward auch Tarent von dem Konsul Q. Fabius — es war das fünfte Konsulat des 80jährigen Helden — erstürmt und mit furchtbarer Härte für den Abfall gestraft. Hannibals Versuch, die unglückliche Stadt zu schützen, kam zu spät.
8. Hannibal und Scipio. Schlacht bei Zama. (202).
Da Hannibal ohne Unterstützung von Karthago blieb, so setzte er seine Hoffnung auf das an Hilfsmitteln unerschöpfliche Spanien, von wo ihm seine Brüder Hasdrubal und Mago zu verschiedenen Malen neue Truppen zuzuführen suchten. Aber auch diese Hoffnung täuschte ihn. Hasdrubal war schon mit einem starken Heere, dem letzten, das er in Spanien hatte sammeln können, über die Alpen nach Italien und am östlichen Apennin entlang bis in die Landschaft Picenum gelangt, wo ihm der Konsul Livius Salinator entgegentrat. Auf die Kunde hiervon eilte auch der andere Konsul Claudius Nero, der in Unteritalien Hannibal gegenüber im Lager stand, bevor dieser von der Ankunft seines Bruders Nachricht erhalten, in raschem Zuge seinem Amtsgenossen zu Hilfe. Vereinigt schlugen und vernichteten sie bei Sena Gallica am Flusse Metaurus, im Jahre 207, das feindliche Heer. Als Hasdrubal die Niederlage der Seinen erkannte, stürzte er sich unter die Feinde und kämpfte, bis er den Tod fand. Darauf kehrte Nero in sein altes Lager zurück und ließ, wie erzählt wird, das blutige Haupt Hadrubals unter die feindlichen Vorposten schleudern. Als Hannibal seines Bruders Kopf erkannte und seine letzte Hoffnung geschwunden sah, soll er in bitterem Schmerze ausgerufen haben: „Daran erkenne ich Karthagos Schicksal!“
In den letzten Jahren behauptete sich Hannibal nur noch im Gebiete der ihm treuen Bruttier und verfuhr nur verteidigungsweise. Endlich ward er vom Rate zu Karthago zum Schutze der Vaterstadt zurückgerufen, da die Römer in Afrika gelandet waren und Karthago selbst bedrängten. Hannibal zögerte nicht dem Ruf zu folgen; denn seine Rolle in Italien war ohnehin zu Ende. In Kroton (Cortona) bestieg er mit dem Reste seines Heeres die Schiffe und verließ den Schauplatz seines sechzehnjährigen Kampfes (203). Ebenso wurde sein jüngster Bruder Mago, der seit drei Jahren in Norditalien sich festgesetzt und behauptet hatte, heimgerufen, starb aber auf der Fahrt an einer Verwundung.
In Rom atmete man auf, als der gewaltige „libysche Löwe“ endlich den italischen Boden freiwillig verließ. Bei diesem Anlaß ward dem einzig überlebenden der Feldherren, die gegen ihn gefochten hatten, dem bald 90jährigen Quintus Fabius von Senat und Bürgerschaft die höchste Ehre erwiesen, die ein Bürger erreichen konnte. Er empfing den Graskranz, den nach alter Sitte das Heer seinem Feldherrn darbrachte, dem es seine Rettung zu verdanken hatte. Noch in demselben Jahre starb der alte Held.
Der Feldherr aber, der den Krieg nach Afrika verlegt hatte, war Publius Cornelius Scipio, der Sohn jenes Scipio, der im Treffen am Ticinus verwundet worden war. Sein Vater und sein Oheim hatten, nachdem sie fast ganz Spanien erobert hatten, zuletzt im Kampfe gegen Hannibals Bruder Hamilkar schwere Niederlagen erlitten und selber den Tod gefunden (211), und so hoffnungslos schien damals die Lage der Römer auf dieser Halbinsel, daß in Rom jeder den Oberbefehl in diesem gefahrvollen Kriege ablehnte. Nur der erst siebenundzwanzigjährige Publius Scipio bot dem Vaterlande seine Dienste an. Er hatte noch nicht das zu Staatsämtern erforderliche Alter erreicht, aber der aus schönem Körper hervorleuchtende hohe und stolze Geist, seine Begierde den Tod des Vaters zu rächen und seine schon bewährte Tapferkeit bestimmten den Senat dem edlen Jüngling den Heerbefehl zu übertragen. Im Jahre 211 ging er, den die Römer mit dem Kriegsgott selber verglichen, nach Spanien, um dieses wichtige Gebiet dem Feinde zu entreißen.
Hier fand er ein niedergeschlagenes und zerrüttetes Heer, dem er erst Mut und Vertrauen einflößen mußte. Schon 210 eroberte er Neukarthago und gewann unermeßliche Beute. Die Geiseln, welche die Karthager für die Treue der Spanier hier aufbewahrten, behandelte er mit großer Freundlichkeit und Schonung. Unter ihnen befand sich eine Jungfrau von ausgezeichneter Schönheit. Er fragte sie nach ihren Eltern und ihrer Heimat. Sie sagte ihm, sie sei die Tochter eines keltiberischen Häuptlings und die Braut des Allucius, eines keltiberischen Fürsten. Sogleich ließ Scipio ihre Eltern und ihren Bräutigam herbeikommen. Sie naheten sich in banger Ungewißheit, aber Scipio beruhigte sie: „Hier ist deine Braut“, sprach er zu Allucius, „nimm sie unverletzt und ohne Lösegeld zurück, und werde ein Freund der Römer!“ Da ergriff Allucius, von Dankgefühl und Freude hingerissen, die Rechte des Scipio und bat die Götter solchen Edelmut würdig zu belohnen. Auch die Eltern des Mädchens waren tief gerührt. Sie hatten ein großes Lösegeld mitgebracht und baten ihn dies als ein Zeichen ihrer Dankbarkeit anzunehmen. Scipio nahm das Geld, wandte sich noch einmal an Allucius und sagte: „Zu der Mitgift, die du von deinem Schwiegervater erhalten wirst, nimm von mir dieses Hochzeitsgeschenk.“ Freudig kehrte der glückliche Bräutigam mit den Seinigen zurück, und indem er überall das Lob des Scipio verbreitete, brachte er seine Mitbürger auf die Seite der Römer. „Ein Jüngling,“ sagte er zu den Keltiberern, „ist nach Spanien gekommen, ganz den Göttern ähnlich, der nicht bloß durch Waffen, sondern auch durch Milde und Wohltun alles besiegt.“
Nachdem Scipio in sechsjährigem Kriege die karthagische Macht in Spanien völlig vernichtet und die Einwohner teils mit Waffengewalt, teils durch kluge Großmut und Milde unter römische Botmäßigkeit gebracht hatte, kehrte er sieggekrönt nach Rom zurück (205), wo ihm das Konsulat für das folgende Jahr übertragen wurde. Er ging nach Sizilien und traf hier gewaltige Zurüstungen zu einem Zuge nach Afrika, an dessen Küste er im Jahre 204 landete. Die Karthager hatten ein bedeutendes Heer unter Hasdrubal und Syphax, dem König von Westnumidien. Aber Scipio wußte durch eine List ihr Lager auszukundschaften, steckte es bei einem nächtlichen Überfall in Brand und rieb fast das ganze Heer auf. Auch in einer zweiten Schlacht schlug er die Feinde. Da riefen die Karthager, im eigenen Lande gefährdet, ihren Feldherrn Hannibal zurück.
Der gefürchtete Held erschien in Afrika und bezog bei Zama, fünf Tagereisen von Karthago, ein Lager (202). Vor der Schlacht wünschte er, da er wohl einen unglücklichen Ausgang voraussah, eine Unterredung mit Scipio, um über den Frieden zu verhandeln. Sie ward ihm gewährt. Auf einer Ebene unweit von Zama kamen beide Feldherrn zusammen. Sie gerieten beim ersten Anblick in solches Erstaunen, daß sie sich eine Zeit lang schweigend betrachteten. Beide hatten sich noch niemals gesehen und doch schon so viel von einander gehört. Beide waren die größten Feldherrn ihrer Zeit, aber in ihrem Äußeren weit verschieden. Hannibal, damals fünfundvierzig Jahre alt, zeigte ein finsteres, schwermütiges Antlitz; die Mühseligkeiten seiner langen und wechselvollen Feldzüge hatten ihre tiefen Spuren darin zurückgelassen. Scipio hingegen, damals in einem Alter von fünfunddreißig Jahren, war ein Muster männlicher Schönheit. Nach langem Schweigen fing endlich Hannibal die Unterredung an. Er sprach zuerst von der Veränderlichkeit des Glücks und seinen eigenen Schicksalen; dann riet er Scipio, er möge dem Glücke, das ihm jetzt lächele, nicht zu sehr vertrauen, und einen sicheren Frieden einem ungewissen Kampfe vorziehen. Hierauf legte er ihm seine Friedensbedingungen vor; er versprach im Namen der Karthager Spanien, Sardinien und alle anderen Inseln zwischen Afrika und Italien den Römern abzutreten. Scipio aber verwarf diese Bedingungen und forderte vollständige Unterwerfung der Karthager. Da Hannibal diese nicht versprechen wollte noch konnte, so schied man ohne Ergebnis von einander, um sich zum Entscheidungskampfe zu bereiten.
Am folgenden Tage stellte Scipio die drei Linien seines Fußvolkes in die Mitte, und zwar in durchbrochenen Gliedern, um den achtzig Elefanten, welche Hannibal vor seiner Schlachtlinie aufstellte, Raum zum Durchbrechen zu lassen. Auf dem linken Flügel stand die italische Reiterei, auf dem rechten Massinissa, der mit den Römern verbündete König von Ostnumidien, an der Spitze seiner numidischen Reiter. Auch Hannibal ordnete sein Fußvolk in drei Linien. Vorn, gedeckt durch die Reihe der Elefanten, die karthagischen Soldtruppen, hinter diesen die libyschen Truppen, und darauf die Veteranen, die er aus Italien hergeführt hatte. Auf den beiden Flügeln standen wie üblich die Reitergeschwader.
Gleich beim Beginn des Treffens wurden die Elefanten durch das Kampfgeschrei und die Feldmusik der Römer, dann durch einen Hagel von Geschossen scheu, brachen durch die Lücken der römischen Aufstellung und warfen sich auf die Reiterei des eigenen Heeres. Diese geriet in Unordnung und ergriff, als jetzt die römische zum Angriff vordrang, die Flucht. So wurden gleich anfangs die Flügel des punischen Heeres entblößt. Aber auch die Leichtbewaffneten in der ersten und zweiten Linie der Karthager wurden nach kurzem Gefecht auf die Hauptkolonne zurückgeworfen. Ganze Haufen von Erschlagenen lagen der vordringenden ersten Linie der Römer im Wege und hinderten sie im weiteren Vorrücken. Da ließ Scipio die zweite und dritte Linie eine Schwenkung machen und in die Flanken des Feindes vordringen. Gleichwohl hielt das punische Heer, von Hannibal rasch wieder gesammelt und geordnet, und zumal seine italischen Kerntruppen noch tapfer stand, bis die römische Reiterei von der Verfolgung der punischen zurückkam und dem Fußvolk in den Rücken fiel. Dies entschied die Niederlage der Punier; 20000 lagen tot auf dem Schlachtfelde, etwa ebenso viele wurden gefangen. Hannibal selbst entkam mit wenigen Reitern. Er erkannte, daß fortan jeder Widerstand vergeblich sei, und riet in Karthago dringend zum Frieden.
Der Friede kam auf folgende Bedingungen zustande (201): die Karthager behalten nur ihr Gebiet in Afrika, bezahlen 10000 Talente (über 47 Mill. Mark) in 50 Jahren, liefern ihre 500 Kriegsschiffe bis auf 10 aus, ebenso die Elefanten, und dürfen ohne Roms Genehmigung keinen Krieg anfangen. Damit war die Macht und die Vorherrschaft Karthagos im westlichen Mittelmeer gebrochen. Sicilien und die iberische Halbinsel standen fortan als die ersten Provinzen des erstehenden römischen Reiches (imperium) unter der Verwaltung römischer Statthalter. Nicht lange, so gerieten auch die Küstenländer des östlichen Mittelmeeres unter die Hoheit dieses Reiches.
Nach seiner Rückkehr feierte Scipio in Rom einen Triumph, der alle früheren an Bedeutung und Glanz übertraf, und erhielt den Ehrennamen Africanus.
9. Hannibals und Scipios Ausgänge.
Nach Abschluß des Friedens war Hannibal rastlos bemüht die durch den langen Krieg erschöpften Kräfte seiner Vaterstadt wieder herzustellen und einer besseren Zeit, auf die er immer noch hoffte, vorzusorgen. Vor allem verwaltete er die Einkünfte und Ausgaben des Staates so weise und sparsam, daß nicht nur die außerordentliche Kriegssteuer regelmäßig an die Römer bezahlt wurde, sondern sogar noch ein Überschuß blieb. Aber unter den Bürgern fehlte es ihm nicht an mächtigen Feinden, die, von den Römern heimlich ermuntert, auf sein Verderben sannen. Um ihren Nachstellungen zu entgehen, verließ er nach vier Jahren sein Vaterland und ging zu Antiochus, dem König von Syrien, mit dessen Hilfe er aufs neue einen Kampf gegen Rom zu beginnen hoffte. Dieser mächtige König geriet einige Jahre später in Krieg mit Rom, den er auf Hannibals Rat in Griechenland und Italien zu führen beschloß. Aber statt mit aller Macht nach Italien zu gehen, zögerte er in Griechenland, bis ein römisches Heer dort erschien und ihn bei Thermopylä besiegte, worauf er eiligst nach Asien zurückkehrte (191). Hier trat ihm im folgenden Jahre der römische Konsul Lucius Cornelius Scipio entgegen, dem sein Bruder Publius, der Sieger von Zama, als Berater und eigentlicher Leiter des Feldzugs beigegeben war. Die entscheidende Schlacht erfolgte in Lydien bei Magnesia am Berge Sípylos (190).
Den Angriff machten die Syrer mit ihren furchtbaren Sichelwagen. Aber die römischen Schleuderer und Bogenschützen scheuchten die Pferde derselben durch ihre Geschosse und ihr Geschrei, sodaß sich diese mit den Wagen wendeten und auf den einen syrischen Flügel einstürmten, und als hier durch die Fliehenden eine Lücke entstand, drangen die römischen Reiter ein und brachten denselben samt dem ganzen Mitteltreffen in Verwirrung. Auf dem rechten Flügel dagegen war Antiochus schon nahe daran das römische Lager zu erobern, als er von der dort aufgestellten Besatzung so empfangen wurde, daß er sein Pferd zur Flucht wandte und den Römern das Schlachtfeld überließ. Von den Syrern waren 50000, von den Römern nur einige hundert Mann gefallen.
Antiochus, gänzlich geschlagen, mußte in einem schimpflichen Frieden Kleinasien bis an das Gebirge Taurus abtreten und 15000 Talente (über 70 Millionen Mark) zahlen. Auch gehörte zu den Friedensbedingungen Hannibals Auslieferung. Dieser floh aber zu Prúsias, dem König von Bithynien, der ihn sehr freundlich aufnahm und mit einer Burg beschenkte. Hier lebte er eine Zeitlang in Frieden, richtete aber seine Wohnung so ein, daß sie nach jeder Seite einen Ausgang hatte; denn er zweifelte ebenso sehr an der beharrlichen Treue des Königs, als er von dem Hasse der Römer gegen sich alles fürchtete. Und er irrte sich nicht.
Als die Römer von dem Aufenthalte ihres größten Feindes Nachricht erhalten hatten, schickten sie eine Gesandtschaft zu Prusias, an deren Spitze Flaminius stand. Dieser bat den König um die Auslieferung Hannibals. Der König scheute sich das Gastrecht zu verletzen, er fürchtete aber nicht minder das Gesuch abzuschlagen. Er ließ daher die Römer selbst hingehen, um sich Hannibals zu bemächtigen. Eines Tages sah dieser sein Haus auf allen Seiten von Bewaffneten umringt und keinen Ausweg zur Flucht mehr übrig. Eingedenk seiner großen Vergangenheit wollte er sich nicht lebendig gefangen geben. „So will ich denn endlich die Römer“, rief er aus, „von ihrer Angst befreien, da sie den Tod eines alten Mannes doch nicht erwarten können!“ Darauf nahm er das Gift, das er schon längst bei sich zu führen gewohnt war, und starb, wie er gelebt hatte, voll Haß gegen die Römer (183), einer der größten Feldherrn der alten wie der neuen Zeit, der furchtbarste Feind, den Rom je zu bestehen hatte.
In demselben Jahre endete auch das Leben seines großen Gegners Publius Scipio, des Siegers von Zama. Auch dieser war dem Neide und der Mißgunst seiner Mitbürger nicht entgangen. Er war als Unterfeldherr seinem schwächlichen und wenig begabten Bruder Lucius im Krieg gegen Antiochus nach Asien gefolgt, nach dessen siegreichem Ausgang jener den Ehrennamen Asiaticus erhielt. Nach seiner Rückkehr wurde er nebst seinem Bruder, auf Anstiften des Cato, angeklagt, sie wären von Antiochus bestochen worden, um ihm einen milden Frieden zu gewähren, und hätten einen Teil der Beute unterschlagen. Viele ehrliche, aber allzu argwöhnische Bürger mißbilligten zwar eine solche Anklage gegen einen so verdienstvollen Mann; dennoch ward Scipio von den Tribunen vor das Volksgericht geladen. Und er erschien am bestimmten Tage, aber wie ein Triumphator, das Haupt bekränzt, von zahlreichen Freunden und Anhängern begleitet. Mitten durch die Versammlung schritt er zur Rednerbühne. Aber anstatt sich gegen den schmählichen Vorwurf der Bestechlichkeit und der Unterschlagung zu verteidigen, zerriß er vor den Augen des Volkes die Rechnungen über seine und des Bruders Amtsführung, und rief: „An diesem Tage habe ich einst Hannibal bei Zama geschlagen und Karthago euch zinsbar gemacht. Laßt uns nicht undankbar gegen die Götter sein! Auf! gehen wir aufs Kapitol, um ihnen zu danken!“ Mit diesen Worten verließ er die Bühne und stieg zum nahen Kapitol hinan. Alles Volk brach in Beifall aus und folgte ihm, nur die Tribunen blieben, beschämt und verhöhnt, allein auf dem Platz zurück. Scipio wurde von dem Volke zuerst auf das Kapitolium, dort zum Tempel des Jupiter und endlich in seine eigene Wohnung zurückbegleitet. So ward dieser Tag der Anklage für ihn fast noch ehrenvoller als der Tag seines Triumphes.
Da aber die Anfeindungen seiner Neider und Gegner gleichwohl nicht nachließen, so erfüllte sich das Gemüt des stolzen Mannes mit solcher Bitterkeit, daß er nicht mehr inmitten so vieler Undankbarkeit weilen mochte: er verließ Rom und zog sich auf sein Landgut Liternum in Campanien zurück. Aber der Haß der Tribunen verfolgte ihn auch hier. Sie erneuerten ihre Anklage; vergebens entschuldigte ihn sein Bruder durch eine Krankheit. Erst als Tiberius Gracchus, sonst ein Feind der Scipionen, eine solche Anklage für eine des römischen Staates unwürdige Handlung erklärte, ließen die Tribunen davon ab. Scipio aber verlebte den Rest seiner Tage in Liternum, ohne je nach Rom zurückzukehren. Ja der Groll gegen seine Vaterstadt war so groß, daß er seiner Gattin befahl seinen Leichnam nicht in dem Grabmal der Scipionen an der appischen Straße, nahe vor Rom, sondern in Liternum beizusetzen und dort auf sein Grab die Worte zu schreiben: „Undankbare Vaterstadt, auch meine Gebeine sollst du nicht haben!“
XXI.
Kriege gegen Makedonien. Ämilius Paulus. — Der jüngere Scipio Africanus. Karthagos Zerstörung.
Nachdem die Römer aus dem zweiten punischen Kriege, der anfangs ihren Staat mit dem Untergang bedroht hatte, siegreich hervorgegangen waren, dehnten sie ihre Eroberungen auch nach Osten aus, wo sie den Kampf mit den aus Alexanders des Großen Weltmonarchie entstandenen Reichen begannen. Schon ehe Lucius Scipio, wie bereits erwähnt, Antiochus, den König von Syrien, bei Magnesia besiegte, war Philippus III. von Makedonien, der im punischen Kriege auf Hannibals Seite getreten war, in der Schlacht bei Kynosképhalä in Thessalien, wo die berühmte makedonische Phalanx den römischen Legionen gegenübertrat, von Quinctius Flamininus geschlagen worden (197). Im Frieden mußte Philippus alle seine Eroberungen in Griechenland herausgeben, worauf Flamininus, für griechische Bildung begeistert, bei den isthmischen Spielen Griechenlands Freiheit verkündigte. Die Griechen sollten fortan nach eigenen Gesetzen leben, keine fremde Besatzung im Lande haben und keinen Tribut bezahlen.
König Philipp suchte zwar den Frieden mit dem stetig vordringenden Rom solange als möglich zu erhalten, erkannte aber die seinem Reiche von dort dräuende Gefahr und traf alle Vorbereitungen zu einem neuen Kriege, der auch bald nach seinem Tode unter seinem Sohne Perseus zum Ausbruch kam. Die Römer führten diesen Krieg in den ersten Jahren sehr lässig, und erst Ämilius Paullus erzwang durch den entscheidenden Sieg bei Pydna die Unterwerfung Makedoniens (168).
Kurz vor dieser Schlacht trat eine Mondfinsternis ein, die ein römischer, der Astronomie kundiger Oberst, Sulpicius Gallus, dem Heere vorhergesagt und erklärt hatte, damit sie dieselbe nicht für ein böses Vorzeichen halten möchten, während die Makedoner sie für ein Unglückszeichen hielten und vor Angst laut schrieen. Als die Schlacht begann, bot der starre Lanzenwald der dichtgeschlossenen makedonischen Phalanx den Römern einen so furchtbaren Anblick dar, daß es lange Zeit nicht gelingen wollte die Legionen zum Angriff heranzubringen. Erst als Ämilius hier und da Lücken bemerkte, befahl er in Keilstellung sich in die Lücken einzudrängen, und während die Elefanten den einen seiner Flügel zum Weichen brachten, sprengte er selbst mit einer Legion die Mittelstellung des Feindes. So ward der Sieg in einer Stunde entschieden; 20000 Makedoner bedeckten das Schlachtfeld, 11000 wurden gefangen. Bald darauf war Perseus genötigt sich mit den Seinigen den Römern zu ergeben.
Ämilius Paulus feierte zu Rom einen dreitägigen Triumph und brachte eine unermeßliche Beute heim. In allen Straßen und auf allen freien Plätzen waren Schaugerüste für das Volk errichtet; alle Tempel waren geöffnet und strömten, mit Kränzen geschmückt, den Duft des köstlichsten Weihrauchs aus. Am ersten Tage wurden die erbeuteten Gemälde, Bildsäulen, Vasen und sonstiges Kunstgerät auf 250 Wagen aufgeführt. Am zweiten Tage wurden die eroberten Waffen und Rüstungen im hellsten Glanze und in kunstreicher Anordnung umhergefahren, darauf 750 Gefäße mit gemünztem Silber, zuletzt die kunstvollsten Silbergeräte der verschiedensten Art, von zahlreichen Trägern vorübergetragen. Am dritten Tage eröffneten 120 bekränzte Opferstiere den Zug; ihnen folgten festlich geschmückte Knaben und Jünglinge mit Opfergefäßen; dann kam des Perseus Schatz und sein Wagen mit dem Diadem und Waffenschmuck, endlich seine Kinder, Perseus selbst mit verstörtem Gesicht, samt seiner Gemahlin und Verwandtschaft. Alsdann wurden 400 goldene Ehrenkronen, welche die griechischen Städte dem Sieger gewidmet hatten, vorbeigetragen. Den Schluß machte Ämilius selbst auf einem mit vier weißen Rossen bespannten Triumphwagen in goldgesticktem Purpurgewand, einen Lorbeerzweig in der Hand, und hinter ihm das siegreiche Heer.
Perseus endete in römischer Gefangenschaft. Makedonien wurde in vier gänzlich von einander getrennte Gemeinwesen geteilt. Mit dem Siege bei Pydna war Roms Oberherrschaft auf der Balkanhalbinsel entschieden.
Bei all diesen Erfolgen aber blieb die Aufmerksamkeit der Römer auch auf Karthago gerichtet, das, an günstigster Stelle der afrikanischen Nordküste gelegen, durch seinen Handel, durch die Fruchtbarkeit und den Reichtum des Landes sich von neuem zu einem Wohlstand erhoben hatte, welcher den Neid und das Mißtrauen der Römer erregte. Sie ruhten nicht eher, als bis die alte Nebenbuhlerin gänzlich vernichtet war. Der Ruhm, Rom von dieser noch immer nicht ungefährlichen Stadt befreit zu haben, fiel dem Publius Cornelius Scipio Ämilianus zu.
Dieser Mann war der Sohn jenes Ämilius Paullus, der den makedonischen König Perseus überwunden hatte. Er war ein tapferer und einsichtiger Soldat, wenn auch kein großer Feldherr, von reiner edler Sinnesweise, von einer Bildung, die ihn über alle seine Standesgenossen erhob, ein Kenner und Freund hellenischer Kunst, Literatur und Wissenschaft. Er war von dem kinderlosen Sohne des großen Scipio an Sohnes statt angenommen, führte deshalb nach römischer Sitte dessen Namen und außerdem, zur Erinnerung an sein väterliches Geschlecht den Beinamen Ämilianus. Nachdem er während der Belagerung Karthagos sich als der tüchtigste Offizier des Heeres bewährt hatte, wurde ihm der Oberbefehl übertragen. Dieser Krieg aber hatte folgende Veranlassung.
Massinissa, König von Numidien, den die Römer den Karthagern zum Nachbar und Aufseher hingestellt hatten, beunruhigte diese unaufhörlich und nahm ihnen Provinzen und Städte weg. Die wiederholten Klagen der Karthager fanden in Rom kein Gehör. Als sie endlich gegen ihn zu den Waffen griffen, sah der römische Senat darin eine Verletzung des Friedens. Der Mann, der fortwährend im Senate zur Zerstörung Karthagos aufreizte, war der schon oben ([S. 90]) erwähnte Marcus Porcius Cato.
Dieser Mann übte in Rom einen großen Einfluß auf den Senat wie auf das Volk. Als Bauer im Sabinerlande geboren, war er Zeit seines Lebens von derben bäuerischen Sitten geblieben, und ein erbitterter Feind der feineren griechischen Bildung und der damit verbundenen Sittenänderung. Wie er im punischen und makedonischen Kriege sich in vielen Schlachten hervorgetan, so war er auch im Frieden unermüdlich im Dienste des Staates und erreichte die höchsten Ämter. Als Zensor übte er gegen alle Bürger, selbst die vornehmsten, welche sich ihres Standes unwürdig benommen hatten, eine unnachsichtige Strenge. Man nennt ihn deshalb, zum Unterschiede von dem gleichnamigen Gegner Cäsars, Censorius. Zur Prüfung einer Streitsache zwischen Karthago und Massinissa war er nach Afrika geschickt worden, und sah mit Erstaunen und Sorge, wie sehr sich die Stadt in dem halben Jahrhundert des Friedens wieder gehoben hatte. Handel und Verkehr blühten, die Volkszahl war so groß wie ehemals, der Kriegshafen voll von Schiffen und die Zeughäuser angefüllt mit Waffen und aller Art von Kriegsgerät. Seit dieser Zeit stimmte Cato für die Zerstörung Karthagos und fügte jedem Vortrage, den er im Senat hielt, die Worte hinzu: „Übrigens bin ich der Meinung, daß Karthago zerstört werden muß.“ Einst brachte er einige Feigen in die Senatsversammlung. Als die Senatoren deren Größe und Schönheit bewunderten, sagte er: „Diese Feigen sind erst vor drei Tagen in Karthago gepflückt worden; so schöne Frucht trägt dies feindliche Land, und so nahe sind wir ihm.“ Durch solche und ähnliche Künste suchte Cato den Senat für seinen Vorschlag zu gewinnen.
Vergeblich erhob sich im Senat ein lebhafter Widerspruch gegen ein so ungerechtes und zugleich unkluges Verfahren. Man besorgte mit Recht, daß die Kräfte der Römer erschlaffen oder sich gegen den Staat selbst richten würden, wenn sie nicht mehr durch Furcht vor der Nebenbuhlerin angespannt oder nach außen geleitet würden. Endlich drang jedoch Cato mit seiner Meinung durch. Als bald darauf Karthago, durch die unablässigen Übergriffe Massinissas gereizt, sich mit Waffengewalt gegen ihn erhob, benutzte der römische Senat diesen Anlaß, um die Stadt des Friedensbruches anzuklagen, und die Konsuln erhielten den Befehl, von Sicilien aus nach Afrika zu gehen und den Krieg gegen Karthago zu beginnen (149).
Als die Karthager davon hörten, gerieten sie in die größte Bestürzung. Im Gefühl ihrer Schwäche schickten sie zu wiederholten Malen Gesandte nach Rom und unterwarfen sich gänzlich dem Willen der Römer. Der Senat nahm ihre Unterwerfung an und befahl ihnen dreihundert Geiseln, Söhne ihrer vornehmsten Bürger, nach Sicilien zu bringen und den Konsuln Folge zu leisten. Die Geiseln wurden gestellt, aber die Konsuln segelten gleichwohl mit ihrem Heere nach Afrika. Bei der Ankunft eines so großen Heeres schickten die Karthager von neuem eine Gesandtschaft an die Konsuln, um sie zu fragen, was sie tun sollten, und mit dem Versprechen, daß sie alles zu tun bereit wären. Die Konsuln verlangten, die Karthager sollten ihre vorrätigen Schiffe, Waffen und Kriegsmaschinen ausliefern. Die Karthager stellten ihnen vor, daß sie von inneren und äußeren Feinden umgeben wären und also ihrer Waffen bedürften. Allein die Konsuln antworteten in stolzem Tone: „Rom wird für eure Sicherheit sorgen.“ Und Karthago gehorchte noch einmal. Die Schiffe wurden verbrannt, die Kriegsgeräte ausgeliefert. Ihre Zahl soll sich auf 200000 schwere Rüstungen und 3000 Katapulten (Wurfmaschinen) belaufen haben. Hierauf riefen die Konsuln die vornehmsten Senatoren der Karthager zu sich, um ihnen die letzten Befehle des römischen Senats zu eröffnen. Sie erschienen, ein ehrwürdiger Zug von dreißig Greisen, denen eine nicht minder ehrwürdige Anzahl von Priestern und vornehmen Männern folgte. Jetzt verlangten die Konsuln im Namen des Senats: die Karthager sollten ihre Stadt verlassen und eine andere bauen, die über 10000 Schritte weit vom Meer entfernt wäre Und keine Mauern hätte; denn das jetzige Karthago müsse dem Erdboden gleich gemacht werden.
Mit Entsetzen hörten die Abgeordneten diese furchtbaren Befehle, und brachen in so herzergreifendes Wehklagen aus, daß selbst das umstehende Kriegsvolk dadurch gerührt wurde. Aber die Konsuln blieben erbarmungslos, sie bestanden auf ihrer Forderung, und die Gesandten kehrten ganz entmutigt nach Karthago zurück. Hier aber, als sich die Schreckenskunde verbreitete, bemächtigte sich des Volkes eine rasende Wut und Verzweiflung. Die Wut wendete sich zuerst gegen diejenigen der Senatoren, die zur Auslieferung der Geiseln und Waffen geraten hatten. Andere ergriffen die Abgeordneten, steinigten sie und schleiften ihre Körper durch die Straßen der Stadt. Noch andere ermordeten alle anwesenden Italiker oder zogen mit Hohngelächter in die Tempel der Götter, die, wie sie sagten, nicht einmal Kraft genug zu ihrer eigenen Verteidigung hätten. Nur wenige behielten bei der allgemeinen Aufregung einige Besonnenheit. Diese verschlossen die Tore der Stadt und trugen eine große Menge Steine auf die Mauern, um damit wenigstens den ersten Angriff zurückzutreiben.
Als die Heftigkeit des ersten Schmerzes vorüber war, versammelten sich die Senatoren von neuem. Alle waren entschlossen ihre Stadt aufs äußerste zu verteidigen und entweder zu siegen oder zu sterben. Eine rastlose Tätigkeit begann und setzte alles in Bewegung. Die Verbrecher wurden aus den Gefängnissen erlöst, die Sklaven freigelassen, die Verbannten zurückgerufen und alle Einwohner zum Waffendienst verpflichtet. Aber nun fühlte man den Mangel an Waffen. Da wandelten sich alle Tempel und öffentlichen Gebäude in Werkstätten. Alle, ohne Unterschied des Standes und Alters, Männer und Weiber, arbeiteten Tag und Nacht an der Verfertigung von Waffen. Überall suchte man Eisen und Erz zusammen und nahm sogar den Gold- und Silberschmuck von den Bildnissen der Götter. Die Weiber schnitten ihre Haare ab, um daraus Stricke zu drehen. Bei einem solchen Eifer wurden täglich 140 Schilde, 300 Schwerter, 500 Lanzen und 1000 Wurfspeere verfertigt. Sogar fünfzig neue Kriegsschiffe wurden gebaut.