Anmerkungen zur Transkription
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Landesverein Sächsischer
Heimatschutz
Dresden
Mitteilungen
Heft
10 bis 12
Monatsschrift für Heimatschutz und Denkmalpflege
Band X
Inhalt: [Hermann Vogel, dem Malerpoeten des Vogtlandes zum Gedächtnis] – [Kamenzer Weihnachten] – [Wanderbilder aus dem östlichen Vogtland] – [Trachtenechtes Spielzeug] – [Caprivi und die Bäume im Garten des Kanzlerpalais] – [Drei Baumbilder aus der Wilsdruffer Heimatsammlung] – [Pflanzt Nußbäume] – [Praktischer Heimatschutz] – [In den Hütten meiner Heimat] – [Das Weberhaus in Hosterwitz] – [Wissenschaft und Vogelschutz] – [Kursächsische Streifzüge] – [Erzgebirgische Christ- und Mettenspiele] – [Von der Schönheit des Baumes] – [Bücherbesprechung]
Einzelpreis dieses Heftes M. 20.–, Bezugspreis für einen Band (aus 12 Nummern bestehend) M. 30.–, für Behörden und Büchereien M. 20.–. Mitglieder erhalten die Mitteilungen kostenlos, Mindestjahresbeitrag M. 10.–
Geschäftsstelle: Dresden-A., Schießgasse 24
Postscheckkonto: Leipzig 13 987, Dresden 15 835 Stadtgirokasse Dresden 610
Dresden 1921
An unsere werten Mitglieder!
In dem vorliegenden Weihnachtsheft bieten wir unseren Mitgliedern, Freunden und Gönnern etwas ganz besonderes:
Wir sind in der glücklichen Lage, zehn ganz vortreffliche Zeichnungen Hermann Vogels, des gemütvollen Illustrators der »Fliegenden Blätter«, der Anfang dieses Jahres seine Augen für immer schloß, abzudrucken und so dem Hefte eine besondere Weihnachtsstimmung zu geben.
Unser Verein hat in dem nun ablaufenden Jahre an Mitgliedern ungeahnt zugenommen. Fast hat sich unsere Mitgliederzahl verdoppelt, denn wir werden mit einem Bestand von 12 000 Mitgliedern abschließen. Freilich haben unsere Einnahmen durch die zunehmende Geldentwertung mit der Erhöhung unserer Mitgliederzahl nicht Schritt gehalten. Eine obligatorische Erhöhung unseres Jahresbeitrages (Mindestbeitrag 10 Mk.), der in unseren Brudervereinen schon 20 Mk. und mehr beträgt, möchten wir vermeiden, um auch unseren minderbemittelten Volksgenossen, den zahlreichen Schülern, die sich an unserer Bewegung und an unseren Veröffentlichungen erbauen, auch weiterhin die Zugehörigkeit zum Heimatschutz zu ermöglichen. Wir hoffen daher, daß
unsere Bitte um freiwillige Erhöhung des Jahresbeitrages
auch weiterhin Gehör und Erfüllung finden und das besonders der Inhalt dieses Heftes, das uns fast 10 Mk. (unseren Mindestbeitrag) selbst kostet, dazu anfeuern möge.
Wir fügen daher auch diesem Hefte eine Zahlkarte bei und bitten alle diejenigen, davon Gebrauch zu machen, die dazu irgendwie in der Lage sind, ihren Beitrag freiwillig zu erhöhen oder uns eine Weihnachtsgabe für das Jahr 1921 noch zu übermitteln. Die jetzige Teuerungswelle bringt auch unseren Verein erneut vor wirtschaftliche Schwierigkeiten. Möge der Opfersinn und die Opferwilligkeit aller derer, die uns angehören, an unseren Bestrebungen Freude, Gefallen und Genugtuung finden, dazu beitragen, daß wir auch über die neue verschärfte wirtschaftliche Lage hinwegkommen und weiter unseren Bestrebungen für Heimat und Volk mit allen unseren Kräften in der bisherigen Weise gerecht werden können.
Wir danken allen aufrichtig und von ganzem Herzen, die uns bisher geholfen haben und unseren Verein in die Lage versetzten, einer der größten Vereine mit idealen Bestrebungen von ganz Sachsen zu werden.
Wir bitten alle, dazu beizutragen, daß wir im nächsten Jahre unser zwanzigtausendstes Mitglied aufnehmen und an Macht und Ansehen weiter gewinnen können. Zu diesem Zwecke fügen wir eine Anmeldekarte zur Gewinnung eines neuen Mitgliedes bei. Die Mitgliedschaft wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk für Sachsens Jugend.
Dresden, im November 1921
Landesverein Sächsischer Heimatschutz
Die Mitteilungen des Vereins werden in Bänden zu 12 Nummern durch den Vorstand herausgegeben
Abgeschlossen am 1. Oktober 1921
Hermann Vogel dem Malerpoeten des Vogtlandes zum Gedächtnis
Von Karl Rödiger, Plauen i. V.
Die beigedruckten Bilder stammen »Aus den Fliegenden Blättern«, Braun & Schneider, München
»Bin kein Heimatkünstler im eigentlichen Sinne des Wortes, bin kein Vogtlandmaler«, schrieb mir Hermann Vogel in seiner kurzen, offenen Art, als ich mich vor etlichen Jahren an ihn gewendet hatte mit der Bitte, mir aus dem Reichtum seiner Bilder solche zu nennen, denen ein vogtländisch-heimatliches Motiv zu Grunde liegt. Und wer das gesamte Schaffen des Künstlers, der sich selbst einmal, auf dem Titelblatt seines »Bilder- und Geschichtenbuches«, als »romantisch-humoristischer Illustrator« bezeichnet hat, auch nur einigermaßen kennt, seine Illustrationen zu Scheffels Ekkehard, zu Wagners Deutschen Heldensagen, zu Schwabs Volksbüchern, zu der achtbändigen Weltgeschichte seines Lehrers Otto Kaemmel, seine wundersamen Bilder zu den Märchen der Brüder Grimm (1892/94), zu Rudolphis Märchen (1905), seine ungezählten Bilder und Gedichte, Tierfabeln und Geschichten in den Münchener »Fliegenden Blättern«, denen Hermann Vogel mehr als drei Jahrzehnte lang sein bestes Dichten und Können gewidmet hat, wer dies alles überblickt, der wird, erstaunt ob solcher Gestaltenfülle aus allen Zeiten und Völkern und Ländern, den Künstler nicht mehr in den engbegrenzten Begriff des Heimat- und des Vogtlandmalers hineinzwängen wollen.
Der Schatzgräber
Und doch, wer näher zusieht, wer als geborener Vogtländer wie ich von Jugend an leidenschaftlich gern Hermann Vogelsche Bilder aufgesucht und stundenlang betrachtet hat, der wird mit aufrichtiger Freude entdecken können, wie Hermann Vogel auch seiner Heimat, seinem Vogtland, immer und immer wieder reizvolle Motive für seine Bilder abzulauschen wußte.
Hexenküche
Kein Wunder. Denn in Plauen, im Herzen des Vogtlandes, am 16. Oktober 1854 als zweiter Sohn des Maurermeisters Traugott Wilhelm Vogel geboren, ist der Künstler zeitlebens ein rechter Vogtländer von echtem Schrot und Korn geblieben. Mit allen Fasern seines Herzens hing Hermann Vogel an seinem Vogtland. Mit seinen Landsleuten hat auch er, wie Julius Mosen, der Vogtlandsänger, im Eingang der »Erinnerungen« von sich sagt, immer die Anhänglichkeit an die heimatliche Erde des Vogtlandes gemeinsam gehabt. Ein doppeltes Heim hat Hermann Vogel besessen, ein Sommerheim an der Plattleithe im sonnigen Loschwitz bei Dresden und ein Winterheim in seinem obervogtländischen Dörflein Krebes beim Burgstein, zwischen Ruderitz und Gutenfürst. Sobald es zu herbsteln begann, sobald die ersten Schneeflocken herabwirbelten, litt es den Künstler nicht länger im wohligen Loschwitz. Das Heimweh trieb ihn hinauf in seine heimatlichen Vogtlandberge und Vogtlandwälder. Und hier, in der Weltabgeschiedenheit des Krebeser Waldes, in nie befriedigtem Selbststudium, in unablässigem Naturstudium hat er, den kein Kunstlehrer und keine Kunstakademie dauernd hatte fesseln können, mühevoll sich den Weg zu seiner Künstlereigenart gebahnt. Hier hat er am 22. Februar 1921 sein Künstlerauge für immer geschlossen. Hier haben wir ihn, den »Krebesaere«, auf seinen ausdrücklichen Wunsch in den mütterlichen Schoß seiner heißgeliebten Vogtlanderde gebettet. –
Mit Stift und Skizzenbuch hat Hermann Vogel sein Vogtland kreuz und quer durchstreift und, als Maurermeisterssohn, mit ganz besonderer Vorliebe architektonische Motive heimgetragen. Immer wieder ragen in seinen Bildern die zerfallenen Mauern der beiden romantischen Burgsteinruinen empor, die seinem Krebeser Heim und seinem Künstlerherzen so nah benachbart waren: in Maiensonntagsbildern die untere Burgsteinruine mit dem ländlich gemütlichen Kegelschub, im mondlichtüberflossenen Schatzgräberbild die obere Burgsteinkapelle, in dem köstlichen Waldmappenbild von der Märchen erzählenden Großmutter die altersgrauen Burgsteinmauern mit dem geheimnisdunklen Spitzbogentor im Hintergrund, im Bild vom grauen Männel, das den späten Gast vom Burgstein heimleuchtet, in zahlreichen Bildern der Ora-pro-nobis-Brüderschaft, deren Seele der Künstler gewesen, im Bild vom eingeschneiten Einsiedler, in der innigen Dornröschenkarte vom Burgstein, deren Geleitgedicht der Malpoet ausklingen läßt:
Hier schläft, umraunt von Wald und Wind,
Der Heimat Poesie.
Waldseeklause
Aus vielen, über alle Welt verbreiteten Bildern Hermann Vogels grüßen uns wie vertraute Freunde Dorfkirchen des Vogtlandes mit ihren runden Zwiebeltürmen: das Kirchlein von Krebes, von Kemnitz und Geilsdorf, die weit ins Land schauende St. Clara-Kapelle von Heinersgrün, die berühmte Bergkirche von Schleiz, eine der ältesten und denkwürdigsten Kultstätten des gesamten Vogtlandes. Alte Bauwerke, »Wohnungen der Frau Romantika«, Burgruinen, Kirchen, Tore, Türme und Schlösser, haben es ihm angetan: der zierliche Schloßturm des Rittergutes von Wiedersberg im oberen Vogtland, das Stadttor von Saalburg, der Wartturm von Ziegenrück, Schloß Ranis, das efeuumsponnene, im Pößnecker Kreis, vor allem das herrliche Schloß Burgk an der Saale in Sommersonnenglanz und deutscher Winterweihnachtspracht.
Wahr’ dich vor Waldschmieds Töchterlein!
Wie Eisen so stark, wie Gold so fein
Schwingt sie den Hammer wie Wieland gut,
Wie Kohle loht ihrer Augen Glut!
Und naht der Schmiede ein Reitersmann,
Der nicht mehr fechten und traben kann,
Dem bessert sie Harnisch und Huf zur Stund’,
Brennt aber auf ewig das Herz ihm wund!
Als begeisterte Anhänger und Vorkämpfer des Heimatschutzgedankens sind wir dem Künstler aber noch besonders dankbar, daß er bemerkenswerten Resten und Zeugen heimatlicher Bauweise so liebevoll nachgegangen ist und diese uns in vielen seiner Bilder erhalten hat: die schindelgedeckten Bauernhütten des Vogtlandes mit dem Rundbogenbalken über den kleinen Wohnfenstern, den kunstvoll mit Schiefer verkleideten Giebel der Waldschmiede in Heinersgrün, den altmeisterlichen Holzwerkgiebel ebendort (in dem Bild von der »Hochzeitsmusik«), das echt vogtländische Bauernhaus mit Holzgalerie (in Grimms Märchen von den klugen Leuten), das heimatliche Bauerngehöfte mit Taubenschlag und Bienenstöcken und Kleinod- (»Klaanet«) Garten (beim Märchen vom Frieder und Katerlieschen), die altvogtländische Bauernstube mit Spinnrad, vogtländischem Hauskalender und Kachelofen und volkskunsthandwerklicher Holzverkleidung (aus den Waldmappenbildern), den urwüchsigen Dorfbrunnen mit bretternem Brunnenhaus und wuchtigem Klotzhebel, im Volksmund »Leerl« genannt, (beim Märchen vom Fundevogel), den Wiedersberger Gasthof mit seinem Fachwerk und kunstschmiedeeisernem Wirtshausschild (im Märchen von dem, der das Fürchten lernen wollte) und endlich, nicht zuletzt, auch die weltabgeschiedenen Mühlen alle in den Waldbachtälern des Vogtlandes, vor allen die Kienmühle im Kemnitzgrund nahe dem Burgstein, zwischen Ruderitz und Geilsdorf, des Künstlers Lieblingsmühle, wo er so gern geweilt, die er in einem seiner schönsten Gedichte also preist:
Am Erlenbach, im engen Grund, du Mühle hast mir’s angetan,
Seit sich dein stiller Frieden mir zum ersten Male aufgetan.
Wie oft saß ich am Felsenhang, von Fichtenkronen rings umsäumt,
Und späht’ dein stilles Tal entlang, so heimatfröhlich und verträumt.
Noch heute summt durch meinen Traum ein fernes Lied, so leis und lind,
So liebend, wie wenn in den Schlaf die Mutter singt ihr krankes Kind.
’s ist ein gar eigen, stilles Lied, so waldeskräftig, sonnenmild,
Bald fröhlich wie der Mühlenbach, wenn er um moos’ge Felsen quillt,
Und bald wie Waldesbrausen ernst, dem scheu der Sprung der Rehe lauscht:
Es ist der Heimat Zauberlied, das durch die Fichtenkronen rauscht.
Im Maien.
Wenn der Hans die Grete nimmt,
Die Musica auf’s Feinste stimmt;
Wenn der Hans die Grete hat,
Wendet sich das Notenblatt –
Nun toent’s bald sueß, wie Nachtigallsang
Bald, als keiften zwei Kater die Daecher entlang!
H. V. 1904
Der Heimatmühle tief drunten im Tal und dem Heimatwald hoch droben auf den Vogtlandbergen gehörte des Künstlers volle, treue Liebe.
Du Wald auf meiner Heimat Höh’n,
Mein ganzes Glück bist du!
bekennt er am Schluß des Geleitgedichtes zu seinem ergreifend schönen Heimatwaldbild. Tagelang und nächtelang ist er als Jäger durch den Krebeser Wald gestreift und durch die Wälder der Ruderitzberge und der Plattenberge, mit der Donnerbüchse über der Schulter. Nur selten hat er’s über sich vermocht, ein Wild des Waldes mit seiner Flinte wirklich tot zu schießen. Mit seinem Stift, dem treffsicheren, hat er die Tiere belauscht und im Skizzenbuch als Beute heimgebracht: den leichtflüchtigen Hasen, den listigen Fuchs, das keusche Reh (des Künstlers Lieblingstiergestalt), die gurrenden Holztauben, das übermütige Eichkätzchen und die nachtschwarzen Unglücksraben Wotans. (Hermann Vogel als Gestalter der heimischen Tierwelt ist ein besonders reizvolles Kapitel für sich allein.) Aber über die oft verblüffende Wirklichkeitstreue hinaus drängte es den Künstler, den heimatlichen Wald romantisch zu beleben, »märchenhaft und wunderbar«, mit Gnomen und Zwergen und Elfen und Nixen und Drachen und Hexen und Riesen. Die Bäume bekommen Gesichter, Arme und Hände. Hinter den Felsen lauern spukhafte Ungeheuer. Hänsel und Gretel, zwei vogtländische Bauerskinder, schreiten herzklopfend durch den verzauberten, nächtlichen Vogtlandwald. Hermann Vogel ist einer der bedeutendsten Märchenwaldmaler des deutschen Volkes. (Wer sich jemals in seine Waldbilder zu den Volksmärchen der Brüder Grimm und seine beiden Waldbildmappen vertieft, wird es bestätigt finden.)
Madonna im Walde
Als echter Malerpoet des Vogtlandes erweist sich Hermann Vogel auch in seiner Darstellung der vogtländischen Menschen, die er oft und gern in seine Bilder hineinführt. Echt romantisch ist es, wie er auch hier Märchentraum und Wirklichkeit oft seltsam zu verketten weiß. Wie wirklichkeitsscharf verkörpert er die junge Vogtländerin mit dem Leibgericht aller Vogtländer, den grünen Klößen (Griegenifften) in der runden Schüssel, und mit der alten, schönen Vogtlandtracht, der perlenverzierten Buckelhaube, dem reichbestickten Brusttuch, dem schwarzen Mieder, den kurzen, blütenweißen Hemdärmeln, dem langen, weiten Rock und der breiten, bunten Schürze. (Mit dem Künstler beklagen auch wir, daß die altheimische Tracht von den Dorfbewohnern im Vogtland nicht mehr getragen wird und nur noch in Museen, in Kästen und Truhen ein verborgenes Dasein fristet.) Was für altvogtländische Prachtgestalten sind die Mitglieder der Stammtischrunde in der Gutenfürster Waldschenke, wo auch Hermann Vogel gern gesessen und seinen Jagdabenteuerdurst gelöscht. Und dann der alte Nachtwächter, Totengräber und Bälgetreter von Krebes, des Künstlers liebvertrauter Freund, dem er in Bild und Vers ein dauerndes Denkmal geschaffen! »A’ schön’s Geld kriagt er aa’ … fufzig Pfenning für’n Tag. Und sei Spritzenhausstüberl hat d’feinste Lag’.« Nicht die Menschen der Großstadt, nein, die schlichten Menschen der weltfernen vogtländischen Dörfer, die arbeitgewohnten Männer und Frauen, die Alten, die Einsamen, sind des Künstlers liebster Umgang und Gesellschaft gewesen, und in den Bildern und Liedern des »Einsiedlers von Krebes« leben sie alle fort: die einsame Hirtin von Ruderitz, die einsame Waldfrau aus den Plattenberghäusern, weit im Umkreis als »Waldhex verschriern« und gemieden, der kranke Einsiedler, den das Märchen selbst in seiner Waldeinsamkeit besucht und tröstet, der eingeschneite Einsiedelmann auf dem wundervollen Burgsteinwinterbild, wo zwei Damen aus der Stadt im schicken Schikostüm den Eremiten mehr erschrecken, als es der dickste Vogtlandschnee vermag.
Sneewittchen
Der Winter war des Künstlers liebste Jahreszeit. Bis ins beschwerliche Alter war es sein größter Spaß, mit Toni Kettner, seinem »Hausgeist«, seiner verständnisvollen Schwägerin und Pflegerin, auf Schneeschuhen über die Hochflächen und Talhänge des südwestlichen Vogtlandes hinzuflitzen. Winter und Hermann Vogel, einander innerlich verwandt, beide – Schwarzweißkünstler! Der Künstler ist nicht müde geworden, immer von neuem den Zauber des Winters in seinen Bildern festzubannen. Wintermärchenbilder und – Weihnachtsbilder, aus Vogtlandheimaterlebnissen geboren, sind wohl das Allerschönste, was Hermann Vogel, der herzinnige Kinderfreund, der kerngetreue Vogtlandsohn, der deutschfromme Mann, seinem Volk und Vaterland geschenkt und hinterlassen hat. Als urdeutscher Künstler überträgt er die Christnachtsgeschichte aus dem fremden Osten herein in seinen heimatlichen Vogtlandwald. Maria und Joseph sind vogtländische Bauersleute. Joseph, der Zimmermann, hat Herberg’ mit seinem vertrauten Weib in Wiedersberg, dem lieblichen, obervogtländischen Dorfidyll, gefunden. Durch den tiefverschneiten Krebeser Wald flieht die heilige Familie vor dem bösen König Herodes. In Vogtlandwaldesstille treu geborgen hält die heilige Familie Rast auf ihrem von echt vogtländischen Rindern gezogenen Schlitten. Vogtländische Bauern, Bäuerinnen und Kinder, vogtländische Hirten und Knechte drängen sich glückselig zum Christkind oder knien anbetend am Waldsaum. Engel bringen vom Himmel die Wiege des Christkindleins hernieder zur Erde, zum Schlosse Burgk an der Saale in seinem wundersamen Winterweihnachtskleid. Durch die Torbogen des Schlosses Burgk auf hölzernem Schlitten von Englein gezogen, hält das Christkind Einzug auf dieser armen, kalten Erde, die frohe Botschaft von Licht und Liebe, Wohlgefallen und Frieden verkündend. Eines der prächtigsten Vogtlandwinterbilder, die unserm Künstler gelungen, ist endlich noch das Neujahrsbild, das er für die Jahres- und Jahrhundertwende 1900 geschaffen: in zauberischem Mondlicht, von blendendem Schnee bedeckt, gleichsam wie Schneewittchen, atmet vor uns das Dörflein Krebes. (Wie wundersam zart die kahlen Bäume, Zaun und Hütten ihre Schatten auf dem weichen Schnee hinbreiten.) Und der treue Wächter des Dorfes mit seinem Horn und Spieß steht mitten in der Dorfstraße und blickt empor zu den jagenden Wolken, in denen der deutsche Erzengel Michael gegen drohende, feindliche Gewalten in den Kampf zieht. (Dies Traumgesicht des Künstlers ist im Weltkrieg furchtbare Wirklichkeit geworden.) Heimatliches und Vaterländisches sind in diesem, wie in vielen, vielen Bildern Hermann Vogels innig zusammengekettet. Heimat und Vaterland waren die Grundpfeiler seines Wesens und Schaffens. Mit dem heißgeliebten deutschen Vaterland ist auch ihm die schöpferische Kraft zusammengebrochen. In der Neujahrskarte 1919, die des Künstlers heimatlich-romantische Eigenart in Bild und Vers noch einmal ganz besonders klar wiederspiegelt, hat Hermann Vogel seinem bitteren Weh erschütternden Ausdruck gegeben:
Wir graben mit dem alten Jahr
Ein Grab dem, was uns heilig war.
Der Märchenwald sein Hüter sei,
Der macht die Herzen wundenfrei.
Dann, Neues Jahr –
aus Not und Schand’
Schaff uns ein neues Vaterland!
Es war einmal
Es konnte und sollte in diesen Zeilen dankbaren Gedächtnisses nicht des Meisters gesamtes Lebenswerk umfassend gewürdigt werden, sondern, den Zielen des Heimatschutzes gemäß, nur insoweit, als es in der Vogtlandheimatscholle des Künstlers wurzelt, und auch da nur in knappen Andeutungen, Anregung gebend, selbst noch inniger und tiefer in das malerische und dichterische Schaffen unseres Hermann Vogel einzudringen.
Weihnachten
Ein einigermaßen abschließendes Urteil über ihn, den traumvollen Romantiker des Stiftes, wird erst dann möglich sein, wenn sein künstlerisches Vermächtnis in dem geplanten Hermann Vogel-Zimmer des vogtländischen Kreismuseums seiner Vaterstadt Plauen gesammelt vorliegt: seine frühesten Kinderzeichnungen, seine Illustrationen zu deutschen Helden-, Geschichts- und Märchenbüchern, seine Bilder und Gedichte für die »Fliegenden Blätter« und zahlreiche andere deutsche Zeitschriften, möglichst viele seiner Originale, unveröffentlichte auch aus Privatbesitz, seine Skizzenbücher, seine handschriftlichen Erinnerungen und Briefe (Hermann Vogel, Plauen ist ein unermüdlicher, geistvoller, humorvoller Briefschreiber gewesen) und seine hinterlassenen, zum Teil noch unvollendeten Werke. (Ein »Volksband« mit seinem Bildnis und Lebensabriß wird vorbereitet, und die Grimmschen Volksmärchen mit Hermann Vogels herzerquickenden Märchenbildern sollen von Braun und Schneider in München neu herausgegeben werden.)
Dann erst wird uns Hermann Vogels künstlerische Bedeutung und Stellung noch viel eindrucksvoller zum Bewußtsein kommen, namentlich sein inneres Verhältnis zu Moritz v. Schwind und Ludwig Richter, seinen beiden »Kunstheiligen«, denen er auf dem Titelblatt seines Bilder- und Geschichtenbuches (vgl. Kunstwart-Heft vom April 1921), in gestaltenreichen Gedenkblättern und zahlreichen Märchenbildern gemütinnige Ehrenmale geschaffen hat. Bemerkenswerte Kunstbekenntnisse Hermann Vogels enthält auch ein Bild, auf dem er in die Rinde des Eichbaums deutscher Kunst, der von modernen Stürmern gefällt werden soll, folgende Namen eingeschrieben hat: Dürer, Holbein, Cornelius, Rethel, Moritz v. Schwind, Spitzweg und Ludwig Richter. Ferner sein Spruch, in dem er seinen Meister Schwind zur Deutschen Kunst sagen läßt:
»Ob alt, ob neu, der Streit is umsunst:
Es gibt nur a gute und a schlechte Kunst!«
Heimat und Vaterland waren die Grundpfeiler seines Wesens und Schaffens. Heimat und Vaterland allein werden auch die unerschütterlichen Grundpfeiler sein, auf denen die Zukunft unseres deutschen Volkes neu aufgebaut werden kann. Darum ist uns Herzenswunsch und Hoffnung, was Ferdinand Avenarius in seinem Hermann Vogel-Nachruf ausspricht, daß kommende Geschlechter, wenn die »Richtungen« noch manchmal geschwenkt haben, sich zu Hermann Vogel, dem Bescheidenen, zurückfinden werden, vor allem unsere Jugend, unsere Kinder, die deutschen Jungen und Mädchen, und an seiner glühenden Liebe zu Heimat und Vaterland sich begeistern, so treu und deutsch zu sein wie er, von dem Fontanes Wort gilt:
»Der ist in tiefster Seele treu, wer die Heimat liebt wie du.«
Anmerkung. Auch für uns hat Hermann Vogel ein köstliches Blatt »Heimatschutz« geschaffen, das dem längst vergriffenen Bande I unserer Mitteilungen beigegeben wurde. Abzüge dieses Kunstblattes, auf weißen Karton gedruckt, können wir in beschränkter Anzahl zum Preise von 15 Mark noch abgeben. Für alle Heimatfreunde bildet das Blatt eine schöne Erinnerung an den gemütvollen Künstler. (Bestellung auf beigefügtem Bücherzettel erbeten.)
Kamenzer Weihnachten
Von Gerhard Stephan
Kamenz feiert wieder einmal sein Weihnachtsfest. Die andern tun es auch, aber Kamenz feiert es anders – sinniger, schöner. Man lebt hier in der »wendischen Türkei« zwar etwas hinter der Zeit her, dafür halten sich aber die alten Gebräuche auch um so länger, und wehe dem, der es wagen wollte, an ihnen zu rütteln. Am 30. April ist »Hexenabend«, im August ist es das Forstfest, das unser liebes Städtchen fast eine Woche lang in Atem hält und dessen Ausfall während des Krieges von allen Einheimischen schwer empfunden wurde. Zur Weihnachtszeit ist es »der Fackelzug«, der in so recht poesievoller Weise das liebe Christfest einleitet.
Unsre brave Freiwillige Feuerwehr muß auch hier wieder ran und die Fackelträger stellen. Auf dem alten Klosterhof der Franziskaner, der jetzt den Schulkindern als Aufenthalt während der Unterrichtspausen dient, und der auch beim Forstfest den Ausgangspunkt bildet, am bescheidenen Denkmal des größten Stadtsohnes sammelt sich die Schar der Sänger – die Schuljungen, verstärkt durch einige Mitglieder des »Sängerbundes«. Der geschäftige Kantor mustert die Reihen und erteilt die letzten Anweisungen: »Also, erst die Musik einen Vers und dann wird der erste Vers gesungen, dann kommt wieder die Musik und dann der zweite Vers!« Die Feuerwehr zündet ihre Fackeln an und verteilt sich auf den Zug, die Musik stellt sich an der Spitze auf.
Vom Turme des Rathauses ertönt es sechs Uhr, die Hauptkirche antwortet. Ihre Glocken klingen fort, sie läuten das Christfest ein. Der Zug setzt sich in Bewegung, das alte liebe Lutherlied erklingt, bald von der Musik allein gespielt, bald von den Kindern gesungen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!«
Durchs Klostertor geht der Zug über die Kirchstraße nach dem Markt, genau wie beim Forstfest. Stark ist die Zahl der Zuschauer, besonders die der Kinder. Für sie steht am Heiligen Abend das Programm fest: »Erst zum Fackelzug, dann heim zur Christbescherung.« Und die Alten schließen sich an, ihnen fehlt auch etwas, wenn sie nicht zum Weihnachtssingen waren. –
Die Glocken tragen es hinaus in die Ferne: Weihnachten! – Die Sängerschar hat ihren Weg zum Rathaus genommen und sich im Kreise aufgestellt. Der ganze Marktplatz aber ist schwarz. Und laut erklingen die Weihnachtslieder: »Tochter Zion freue Dich!«, »Halleluja« und das alte ewig neue »Stille Nacht«. Dann eine große Teilung der Sänger, und der Höhepunkt kommt mit dem zweichörigen: »Hosianna, gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn.« »Im Namen des Herrn«, so gibt es der andere Chor zurück. (Im Kriege wurde es einmal nicht gesungen, da fehlte etwas am Weihnachtsfeste.) – Die beiden Abteilungen finden sich wieder zusammen in dem: »Nun danket alle Gott!«
Dann aber stürmt die jugendliche Schar der Sänger und Zuhörer auseinander – dem Weihnachtstische zu. Was bleibt den Alten übrig? Sie müssen auch mit. Und in wenigen Minuten ist der Platz wieder leer, als wäre nichts geschehen. Nur die Glocken singen ihr Lied weiter und jubeln es hinaus in die Ferne: »Christ ist geboren!«
(Niedergeschrieben Weihnachten 1920.)
Die preußische Polizeiverordnung vom 30. Mai 1921, den Naturschutz betreffend
Von Martin Braeß
Während man bei uns in einzelnen Kreisen neuerdings bestrebt ist, eine Lockerung der Vogelschutzgesetzgebung herbeizuführen, trifft eine ausführliche Polizeiverordnung für den Umfang des ganzen preußischen Staatsgebiets Bestimmungen, die auf Grund des Gesetzes vom 8. Juli 1920 eine große Anzahl von Tieren weit über das Vogelschutzgesetz und die Jagdgesetze hinaus in Schutz nimmt. Auch eine Reihe wildwachsender Pflanzen werden durch die neue Polizeiverordnung vom 30. Mai 1921 geschützt. Diese Verordnung ist in mehrfacher Beziehung bemerkenswert; sie verdient die größte Beachtung auch in allen andern Ländern des Reichs.
Der Naturschutzgedanke, das ist der erste hocherfreuliche Eindruck, hat sich hier durchgerungen; ungetrübt tritt er in die Erscheinung. Die Frage nach Nutzen und Schaden steht nicht mehr im Vordergrund, sondern einzig die Sorge, unsrer Heimat die Mannigfaltigkeit, den Reichtum ihrer Tier- und Pflanzenwelt zu erhalten. Deshalb Schutz all den Geschöpfen, deren Dasein ernstlich bedroht ist! Es ist verboten, ihnen nachzustellen, sie mutwillig zu beunruhigen, sie zu fangen oder zu töten. Ihre Eier, Nester oder sonstigen Brutstätten dürfen weder fortgenommen, noch beschädigt werden. Diese Bestimmungen gelten auch für den Meeresstrand und das Küstenmeer. Nur das Sammeln der Möweneier, wie es bisher geübt ward, bleibt unberührt; dagegen sind die Eier der Seeschwalben geschützt.
Die Liste der geschützten Tiere beginnt mit zwei Insekten, den beiden Formen des prächtigen Apollofalters und der Gottesanbeterin, deren Gestalt wohl ebenso wunderlich ist wie ihr Name. Für Preußen mögen die beiden Tiere allerdings zu den größten Seltenheiten gehören: ich kenne sie nur aus Südbayern und Österreich. Diesen Kerbtieren schließt sich als einzige Vertreterin der Reptilien die Sumpfschildkröte an, die noch in Westpreußen und den benachbarten Gebieten lebt, auch im Regierungsbezirk Lüneburg, an der Unterweser, in Schleswig-Holstein, ebenso vereinzelt in der Altmark, im Braunschweigischen und in Schlesien nachgewiesen ist, während es sich bei unsern sächsischen Funden, wie es scheint, nur um ausgesetzte und verschleppte Tiere handelt. Es ist dringend erwünscht, daß diese einzige Vertreterin ihrer Ordnung dem Deutschen Reich als seltenes Naturdenkmal erhalten bleibe.
Die Reihe der geschützten Vögel ist sehr groß, obgleich bereits das Reichsvogelschutzgesetz über die meisten unsrer gefiederten Freunde seine schützende Hand hält, so daß es nicht nötig war, sie hier mit aufzunehmen. Trotzdem umfaßt diese Liste 51 Nummern, wobei zu bedenken ist, daß Sammelnamen wie Weihen, Eulen, Reiher u. a. mehr oder weniger zahlreiche Einzelarten umfassen. Sehr zu begrüßen ist es, daß überall hinter die deutschen die wissenschaftlichen Namen gesetzt sind, so daß jede Unklarheit ausgeschlossen ist, während dieser Mangel beim Reichsvogelschutzgesetz hier und da störend zutage tritt. Dieses schützt z. B. die »Bussarde« (§ 8). Sind darunter nur die in Europa brütenden Formen der Gattung Buteo mit Einschluß des Rauhfußbussards (Archibuteo lagopus) gemeint oder auch der Wespenbussard (Pernis apivorus)? Dieser gehört ja zur Familie der Weihen und ist ebensowenig ein Bussard, wie z. B. die »Turmschwalbe« (Cypselus apus) eine Schwalbe.
Der Schutz, den die Polizeiverordnung den angeführten Vögeln gewährt, ist dreifach abgestuft. Das ganze Jahr über sind geschützt: der Kormoran, der Höckerschwan, die Zwergtrappe, schwarzer und weißer Storch, Reiher und Rohrdommeln, mit Ausnahme des Fischreihers, der Schlangen-, Schrei-, Stein- und Seeadler, der Wespenbussard, der Baum-, Rotfuß- und Turmfalk, alle Eulen einschließlich des Uhus, die Spechte, der rotköpfige und der schwarzstirnige Würger, der Kolkrabe, der Steinsperling, der Karmingimpel und der Wasserschmätzer (die Wasseramsel). Man sieht, eine ganze Anzahl Fischerei- und Jagdschädlinge, wie Kormoran, Rohrdommel, die verschiedenen Adlerarten, der Uhu, sollen geschützt werden, doch aus keinem andern Grunde, als weil sie zu den seltenen Naturdenkmälern gehören, die wir unsern Grenzen erhalten wollen. Welch’ gewaltiger Fortschritt gegenüber den bisher in Preußen geltenden Bestimmungen! Da waren Kormoran, Wespenbussard, Baum- und Rotfußfalk, der Uhu, alle Würger, der Kolkrabe »vogelfrei«, d. h. sie durften von jedermann gefangen und getötet, auch ihrer Eier und Jungen beraubt werden. Nun genießen sie auf einmal innerhalb Preußens den denkbar größten Schutz. Andere wieder, wie die Störche, Eulen (mit Ausnahme des Uhus), der Turmfalk, die Spechte, der Wasserschmätzer erfreuten sich auch schon bisher des Schutzes durch das Reichsgesetz. Ihre Aufzählung in der vorliegenden Liste glaube ich nur dahin deuten zu sollen, daß man den unbedingten Schutz dieser Vögel nochmals nachdrücklichst betonen will. Von den in Preußen jagdbaren Vögeln nennt die Verordnung den Höckerschwan, die Zwergtrappe, die Rohrdommel und die verschiedenen Adler.
Während der Brutzeit, nämlich vom 1. März bis 31. August, sollen die folgenden geschützt sein: Eisalk, Trottellumme, Papageien- und Polartaucher, Möwen und Seeschwalben, Eider- und Schellente, Brandgans, Austernfischer, Steinwälzer, Regenpfeifer, Kiebitz, Triel, Säbelschnäbler, Strand-, Kampf- und Wasserläufer, Uferschnepfe, Brachvogel, Kranich, Turtel- und Hohltaube, die Weihen (mit Ausnahme der Rohrweihe), die Milane, der Wanderfalk, der Raubwürger und der Tannenhäher.
Man sieht, es sollen sehr viele jagdbare See- und Küstenvögel, deren Schonzeit bisher viel enger begrenzt war, nämlich vom 1. Mai oder auch vom 1. März an bis zum 30. Juni, eine wesentlich längere Schonzeit genießen, damit sie ihre Bruten in Ruhe und Sicherheit großbringen, während die angeführten Tauben sich bisher überhaupt keiner Schonzeit erfreuen durften. Die zuletzt genannten Raubvögel aber, mit Einschluß des großen Raubwürgers, ebenso der Tannenhäher waren bisher in Preußen völlig schutzlos der Willkür eines jeden preisgegeben. Es ist dankbar anzuerkennen, daß die Idee des Naturschutzes auch hier über alle engherzigen Bedenken gesiegt hat. Hoffentlich gelingt es noch in letzter Stunde, die recht seltenen Vögel durch diese Maßnahmen unserm Vaterland zu erhalten.
Vom 1. März bis 30. Juni aber sollen geschützt sein die Säger und die Graugans. Erstere waren bisher vogelfrei, die Graugans aber, zu den jagdbaren Vögeln gehörend, entbehrte jeder Schonzeit.
Auch einige Säugetiere werden aufgeführt, die alle mehr oder weniger schädlich sind. Ihre Seltenheit oder ihr meist nur vereinzeltes Vorkommen rechtfertigt aber den unbedingten Schutz, den die neue Polizeiverordnung ihnen gewähren will. Es sind die folgenden: Sieben-, Baum- und Gartenschläfer, die Haselmaus, der Biber und der Nörz (Sumpfotter). Es ist möglich, daß die genannten kleinen Nagetiere noch in vielen Gegenden des mittleren Deutschlands auftreten, namentlich dort, wo Laubwaldungen vorherrschen, aber sie führen ein recht verstecktes Leben, und warum soll man mit dem Schutz eines Tieres immer erst so lange warten, bis es die allerhöchste Zeit ist, sich seiner anzunehmen? Biber aber und Nörz sind für Deutschland so seltene Tiere geworden, daß ihr unbedingter Schutz von jedem Naturfreund gefordert werden muß. Der Biber, ehemals in unserm Vaterland weit verbreitet, lebt nur noch an der Elbe zwischen Magdeburg und Wittenberg, wo zu seinem Schutz bereits alle Maßnahmen getroffen sind; der Nörz aber galt sogar vor kurzem für ausgerottet, bis einige Funde dies widerlegten. Er wird sicherlich vielfach verkannt und übersehen.
Von allgemein geschützten wildwachsenden Pflanzen führt die Liste folgende Arten an: Straußen- und Königsfarn, alle Arten von Bärlapp, Schlangenmoos, Eibe, Federgras, Türkenbund, Frauenschuh, Strandvanille, Seidelbast, Wassernuß, Stranddistel, eichenblättriges Wintergrün, die ausdauernden (blaublühenden) Arten von Enzian und Linnäe. Es ist verboten, die genannten Pflanzen zu entfernen oder zu beschädigen, insbesondere sie auszugraben, auszureißen, Blüten, Zweige oder Wurzeln abzupflücken, abzureißen oder abzuschneiden.
All diese Verbote würden aber wenig erreichen, wenn die Verordnung nicht zugleich den Handel mit den geschützten Tieren und Pflanzen untersagen würde. In § 5 heißt es: »Es ist verboten, die auf Grund dieser Verordnung geschützten Tierarten, einschließlich ihrer Eier und Nester, sowie Pflanzen, soweit nicht eine anderweitige Anordnung getroffen ist, feilzuhalten, anzukaufen, zu verkaufen, sowie zu befördern.« Ausnahmen sind bei besonderen Gründen vorgesehen, namentlich wenn es sich um Abwendung wesentlicher, wirtschaftlicher Nachteile handelt, um Zucht- und Brutzwecke oder um wissenschaftliche und Unterrichtszwecke. In diesen Fällen kann der Regierungspräsident für den Bereich oder für Teile seines Bezirks Ausnahmen gestatten; doch muß zuvor die Staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege gehört werden. Diese, sowie für seinen Bezirk der Regierungspräsident und die von ihm ermächtigten nachgeordneten Behörden sind außerdem befugt, »schriftliche Ausweise zu erteilen, welche die darin bezeichnete Person berechtigen, fremde Grundstücke zu solchen Untersuchungen und Ermittlungen zu betreten, die den Schutz von Tierarten, von Pflanzen oder von Naturschutzgebieten betreffen.« »Die Grundstückseigentümer und Nutzungsberechtigten sind verpflichtet, den mit Ausweis versehenen Personen den Zutritt zu gestatten und ihnen die zur Erfüllung ihrer Aufgaben erforderlichen Auskünfte zu erteilen.«
Man muß gestehen, daß diese Anordnungen allen Wünschen des Natur- und Heimatschutzes gerecht werden. Besonders daß der Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen der Platz eingeräumt wird, der allein ihr gebührt – eigentlich eine Selbstverständlichkeit – ist sehr erfreulich. Nur mit dem letzten Paragraphen der Verordnung, der die Strafandrohung bei Übertretungen ausspricht, kann man sich nicht einverstanden erklären. Was bedeutet heutzutage eine Strafe von 150 Mark! Und das ist die Höchststrafe, die auf Grund von § 34 des Feld- und Forstpolizeigesetzes in der Fassung des Gesetzes vom 8. Juli 1920 in Frage kommen kann. Es erscheint dringend geboten, daß ein Naturschutzgesetz erlassen wird mit Androhung von Strafen, die wirklich als solche empfunden werden.
Vor unsrer weißgrünen Grenze macht die neue Polizeiverordnung halt. Leider gilt sie eben nur für Preußen. Aber selbstverständlich, auch wir, die Nachbarn, werden hoffen dürfen, daß jene Verordnung, wenn sie in den angrenzenden preußischen Gebieten genau befolgt wird, auch für unsre hartbedrängte heimatliche Tier- und Pflanzenwelt nicht ganz ohne segensreichen Einfluß bleibt. Zugleich aber erwächst uns die nachbarliche Pflicht, alles zu vermeiden, was dem Sinne jener Verordnung zuwiderläuft. Es wäre zu wünschen – und ich meine, man kann sich diesem dringenden Wunsche gar nicht verschließen – daß die Regierungen auch der andern deutschen Länder Naturschutzverordnungen erlassen, die sich dem von preußischer Seite gegebenen Vorbild aufs engste anschließen.
Wanderbilder aus dem östlichen Vogtland
Von Studienrat H. Hänig, Wurzen
Aufnahmen von Curt Sippel, Plauen i. V.
Es geht mir, wenn ich die Feder ergreife, um den Leser nochmals zu einer Wanderung durch das Vogtland einzuladen, ähnlich wie einem alten Schriftsteller: ich muß ihm zunächst Dank dafür sagen, daß er mir durch das verhältnismäßig einförmige Gebiet jenseits der Elster gefolgt ist, und ich kann ihm dafür versprechen, daß ihm der östliche und südliche Teil dieses Landes wenigstens landschaftlich mehr bieten wird als der westliche. Allerdings verfügt er nicht über Glanzpunkte wie die vogtländische Schweiz und das Triebtal, das ja im übrigen selbst auf der rechten Seite in das Elstertal einmündet, und er vermag keine Edelsteine dörflicher Kunst wie die erwähnte Kirche zu Kürbitz aufzuweisen, aber die Bodenformen selbst sind hier weit mannigfacher, und derjenige, den immer wieder gerade der Blick ins Weite und die Sehnsucht nach den Höhen in die Natur hinauszieht, wird hier eher auf seine Kosten kommen als bei einer Wanderung jenseits der weißen Elster, wie wir sie früher zurückgelegt haben. Wer einmal von der Höhe des Friedrich-August-Steines in Schöneck hinabgeschaut hat ins weite Land oder dem Plätschern der Rißfälle gelauscht oder wer auf dem Grenzwall des vogtländischen Erzgebirges mit seinen Blicken nach Sachsen und Böhmen gewandert ist, der wird anerkennen müssen, daß sich gerade dieser Teil des Vogtlandes mit jedem anderen Sachsens an Naturschönheiten messen kann, und der wird verstehen, daß es einen Dichter wie J. Mosen immer wieder, wenn auch in weiter Ferne, zur Muttererde hinzog.
Wo auf hohen Tannenspitzen,
die so dunkel und so grün,
Drosseln gern verstohlen sitzen,
weiß und rot die Moose blühn,
zu der Heimat in der Ferne
zög ich heute noch so gerne –
Es liegt mehr darin in diesen Worten als so mancher ahnen dürfte – es ist die wahre, tiefe Sehnsucht nach dem Mutterboden, nach den Bächen und Tannen der Heimat, von der der Dichter auch weit in der Ferne nicht lassen konnte. –
Abb. 1 Kirche in Kürbitz
Allerdings wird man hier, wo es sich darum handelt, dem Leser einen Gesamtüberblick über das Ganze zu geben, ohne eine Einschränkung nicht auskommen können: das eigentliche Volkstümliche, Heimatliche findet sich im Vogtland mehr nach dem Süden zu, während der nordöstliche Teil heute von einem Netz von Industriestätten überzogen ist, die wenig Merkmale der ersteren Art aufkommen lassen. So bietet gleich Reichenbach, wo wir unsere Wanderung beginnen wollen, das Bild einer wohlhabenden Mittelstadt mit stark industriellem Einschlag, und der Ort enthält wenig, was gerade den Kunst- und Altertumsfreund zu längerem Bleiben einladen möchte. Das Hasten und Treiben der modernen Zeit pulsiert hier tagaus – tagein in dem Stadtkörper, und wie eine Erleichterung überkommt es den Wanderer, wenn er etwa um Mittag einen Blick über das Tal schweifen läßt bis hinüber zu der Höhe des Netzschkauer Kuhberges, wo eine Bismarcksäule Wacht über das nördliche Vogtland hält: aus hundert Fabrikschornsteinen strömt wie erlösend der Rauch, und Tausende von Händen feiern, um nach kurzer Zeit wieder die Arbeit zu beginnen. So ist die Stadt voll von Webereien, Färbereien und Spinnereien, und die größte dieser gewerblichen Anlagen, die Schlebersche Färberei, stellt mit ihren vielen Schornsteinen einen Organismus für sich dar, wie er in dieser Ausdehnung nicht so leicht wieder gefunden wird. Und doch vermag auch in dieser Gegend so manches daran zu erinnern, daß alles einst geworden ist und seinem Wesen nach mit Vergangenem zusammenhängt. Schon der Name der Stadt, der an den des Goldflusses, der Göltzsch, erinnert, weist auf ein hohes Alter der Ansiedlung hin, und so wird denn Reichenbach schon 1140 in zwei alten Urkunden als Stadt genannt, während Plauen damals nur als »Ortschaft« erwähnt wird. In der Altstadt fließt der Seifenbach, wo das Gold geseift, d. h. die Goldteilchen aus dem Sande herausgewaschen wurden, und auf den früheren Bergbau weisen noch heute Stollen hin, die sich in dieser Gegend erhalten haben. Reichenbach gehörte mit den umliegenden Dörfern zu der Herrschaft, mit der 1212 König Ottokar v. Böhmen von Friedrich II. belehnt wurde, und es war später zeitweise Reichslehen, bis es durch den vogtländischen Krieg wieder an Böhmen fiel. Schon zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts muß die Industrie hier bedeutend gewesen sein, bis 1720 eine furchtbare Feuersbrunst den größten Teil in Asche legte, aber diese vermochte ebensowenig wie die von 1833 den Aufschwung der Stadt zu hindern, sondern hat im Gegenteil zu ihrer Erneuerung beigetragen, so daß besonders die Bahnhofsvorstadt heute ein freundliches Bild bietet. In weit höherem Maße vermag Mylau mit seinem Kaiserschloß und der vielbogigen Göltzschtalbrücke das Auge des Wanderers zu fesseln. In der Stadt selbst ist vor allem die prächtige, reiche Stadtkirche hervorzuheben, das Schloß dagegen liegt auf einem Hügel, der nur auf einer Seite bequem zu erreichen ist. Es zerfällt in zwei Höfe: den großen westlichen Burghof mit seinen beiden viereckigen Türmen und dem verwitterten Löwen über dem Haupteingang, der zum böhmischen Wappen gehört und die frühere Zugehörigkeit des Mylauer Schlosses zu Böhmen zeigt, – dahinter der kleinere, östliche Burghof, der »Kaiserhof«, der mit seinem Bergfried und seinem Saalbau sowie dem ehemaligen Frauen- und Herrenhause noch ein ziemlich gutes Bild der früheren Zeit zu bieten vermag. Allerdings sind von der früheren Herrlichkeit des Saalbaues nur noch wenige Wappenschilde vorhanden, und das ehemalige Frauen- und Herrenhaus ist zu einer vielbesuchten Schenke geworden. Auch die Kapelle ist ihrer Würde entkleidet, so daß von ihrem Schmucke nur noch die gewölbte Decke mit rohgemalten Blumen und Engelsfiguren sowie einige Wappen übriggeblieben sind. Immerhin steht das Schloß mit seinen wuchtigen Mauern und dicken Türmen auch heute noch wie ein Wächter über Stadt und Land, und von den Fensternischen schweift der Blick gern in die Weite: nach der gewaltigen, fast hundert Meter hohen Göltzschtalbrücke, die sich in vier gigantischen Bogenreihen über das hier stark verbreiterte Göltzschtal spannt, oder nach dem gewerbfleißigen Netzschkau, das sich von dem Tale bis zur Höhe des Kuhberges hinaufzieht, dessen von Gesteinstrümmern übersäte Kuppe selbst bewaldet ist.
An der erst vor einigen Jahren gebauten Göltzschtalbahn gelangen wir durch stille Waldtäler, in denen sich heute gleichfalls hier und da eine Fabrikanlage erhebt, nach Lengenfeld, das im übrigen wie seine Nachbarstadt Treuen seiner Entwicklung nach nicht von den weiter südwärts gelegenen Städten Auerbach und Falkenstein zu trennen ist. Aber im Wettlaufe, den die letzten Jahrzehnte mit sich gebracht haben, ist die zuerst genannte Stadt zurückgeblieben: seitdem die von Bewohnern vielleicht slavischen Ursprungs lebhaft betriebene Tuchmacherei in Verfall gekommen ist, genügte die hier eingeführte Industrie (Spitzen, Filzwaren, Spinnereien) gerade noch, um die Bewohner ernähren zu können, während der Grund, der sich von hier aus bis hinauf zu den Quellmooren der Mulde zieht, in ungleich schnellerem Maße besiedelt wurde, so daß sich gerade hier die Schwankungen, denen die Industrie unterworfen ist, in der Gegenwart unangenehm bemerkbar machen. Und doch haben vor allem Auerbach mit seinem alten Schloßturm und das hochgelegene Falkenstein mit seiner schönen Kirche auch als Städte etwas Anziehendes. Besonders die letztere Stadt ging erst dann zur Industrie über, als es mit dem Bergbau vorüber war, der ihr schon im sechzehnten Jahrhundert die Rechte einer freien Stadt verliehen hatte, und wie bei Auerbach und Lengenfeld griff auch hier ein großer Brand gewaltsam ein, so daß diese Orte im wesentlichen ein neuzeitliches Aussehen haben. Der Naturfreund freilich wird gerade hinter Falkenstein die Natur des oberen Vogtlandes selbst suchen, die sich mit ihrem Waldreichtum unmittelbar hinter der Stadt nach allen Seiten auftut. Schon die Felspyramide des Lochsteins und die zackige Wand des Wendelsteins verdienen als Naturdenkmäler ebenso gewürdigt und besucht zu werden wie die Rißfälle, die in etwa einer Stunde von Falkenstein aus zu erreichen sind. In vielen kleinen Wasserfällen stürzt hier die Göltzsch zwischen Wald und Felsen in die Tiefe und zaubert die verschiedenartigsten Bilder vor das Auge des Wanderers. Wir befinden uns hier auf einer Höhe von etwa siebenhundert Metern und beinahe auf dem Kamm des Elstergebirges, das sich in dieser Gegend über das weite Gebiet des Schönecker Waldes nach Süden dahinzieht. Die Siedlungen werden spärlicher, wenn sie überhaupt das Wald- und Moorgebiet unterbrechen: ein paar Holzhütten oder höchstens das eine oder andere Dorf hat sich auf diese Höhe gewagt, und der Rauch, der von hier aufsteigt, ist an stillen Nachmittagen oft das einzige, was noch den Wanderer an die Tätigkeit des Menschen zu erinnern vermag.
Abb. 2 Kirche in Kürbitz
Die große Ausdehnung des Schönecker Höhengebietes erklärt sich übrigens daraus, daß hier mehrere Gebirgszüge zusammenstoßen: das Elstergebirge, das sich von hier aus nach Südwesten hinzieht, und von der Kirchberger Seite her der westlichste Ausläufer des Erzgebirges, der vom Kuhberge bei Schönheide beginnt und wegen seiner Höhe bis zu siebenhundert Metern eine Reihe von Genesungsstätten enthält, die, von ausgedehntem Hochwald umgeben, von ihrer luftigen Höhe aus freundlich in das gewerbfleißige Tal der oberen Göltzsch herabschauen. Auch der etwas südlich davon verlaufende vogtländische Kamm des Erzgebirges, der sich etwa vom Kranichsee bis zum Schönecker Wald dahinzieht, ist anziehend genug, um mit dem übrigen Teile dieses Gebirges einen Vergleich aushalten zu können. Um den hohen Wall, der sich hier zwischen das sächsische Niederland und das Egertal schiebt, durchwandern zu können, verläßt man am besten bei Rautenkranz, das bereits dem Vogtlande angehört, die Bahn des romantischen oberen Muldentals, die von Aue ab stundenlang zwischen Felstürmen und Wiesentälern bis zur Höhe des Schönecker Waldes hinauf dahinführt und wandert auf der wohlgebauten Straße in dem Tal der großen Pyra aufwärts, die in den Mooren des Kranichsees entspringt. Noch zwei Dörfer mit den charakteristischen erzgebirgischen Holzhäusern haben hier Platz gefunden, bis nach etwa zwei Wegstunden auch die letzten menschlichen Siedlungen aufhören und ein einsames Waldtal die Blicke des Wanderers bannt: bis fast an die drei oder vier Häuser von Sachsengrund ziehen sich von den Höhen die Fichten herab, und eintönig plätschern die Wässer im Wiesengrund, während nach der böhmischen Grenze zu der fast tausend Meter hohe Rammelsberg die Wacht hält. Was noch jenseits dieser Häuser liegt, gehört bereits der Waldwildnis an, in der sich der Weg noch eine Stunde lang hinaufzieht, bis der Kranichsee mit seinem Hochmoor sich weit über die Höhe von fast neunhundert Meter ausbreitet. Hier beginnt auch der sogenannte Schwertweg, der über den Rücken des kleinen Rammelsberges nach dem Vogtlande hinführt. Eine merkwürdige Höhenstraße, von der sich der Blick rasch nach allen Seiten weitet: im Norden die blauen Linien der Auerbacher Berge mit ihrem Waldreichtum, und nach Süden zu der Steilabfall des Gebirges nach der Egerebene, hinter der weitere Gebirgszüge Nordböhmens hervorschauen. Bei einer Waldlichtung überschreitet hier die Landstraße die Gebirgshöhe, die von Tannenbergstal nach Klingental hinüberführt. Aber wir wollen das merkwürdige Gebilde des Schneckensteins nicht vergessen, das sich bescheiden im Walde versteckt hält und der schwer zu finden wäre, wenn ihn nicht die Markierung des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine jedem bequem zugänglich machte. Von den Topasen ist allerdings gegenwärtig ebensowenig mehr zu sehen, als von den kleinen Schnecken, nach denen dieser einsam im Walde emporragende Fels seinen Namen hat. Auf Treppenstufen ist sein Gipfel auch für Ungeübte zu erklimmen, und man könnte, wenn man die Felsrisse und Felsblöcke vor sich hat, einen Augenblick an irgend einen Gipfel der Kalkalpen erinnert werden, wenn uns nicht die bescheidene, nur nach Norden und Westen reichende Aussicht belehrte, daß wir uns nur auf einer Höhe von etwa achthundert Meter befinden und daß wir uns durch den Waldreichtum, der hier überall zutage tritt, für die Schönheiten der Alpenwelt entschädigen müssen.
Das Elstergebirge macht hier eine ziemliche Biegung nach Süden und zieht sich waldbedeckt bis zum Kapellenberg hin – aber wir dürfen von ihm nicht Abschied nehmen, ohne der Stadt Klingental zu gedenken, die von hier aus in kurzer Zeit zu erreichen ist. Hart an der böhmischen Grenze hat sie bis heute ihr Bild als sächsische Kleinstadt bewahrt, und nur die kleine Rundkirche macht eine Ausnahme, die sich inmitten des Ortes anstatt der sonst üblichen Renaissance- oder gotischen Kirche erhebt. Mit Böhmen wird sie allerdings immer in einem gewissen inneren Verhältnis bleiben, denn es waren böhmische Musikanten, die hier herüberkamen und die Stadt gründeten – die Geigen, Trompeten und Klarinetten, die noch heute hier gefertigt werden, wandern in alle Welt, und in jedem Hause des weit bis hinauf besiedelten Grundes klingt und singt es ebenso wie in Markneukirchen, das weiter westwärts in einem Seitentale der weißen Elster eingebettet ist.
Abb. 3 Winnknock am Wendelstein
Übrigens ist auch der Kamm des Elstergebirges oberhalb Klingentals reich an Aussichtspunkten aller Art und hat auch einzelnen Gehöften Raum gegeben, sich da oben anzusiedeln, und man kann das weite Waldgebiet vom Kuhberg bei Schönheide aus stundenlang durchstreifen und findet immer wieder Punkte, die solche Wanderungen lohnend machen. Ganz einsam wird der Wald erst in der Gegend von Kottenhaide bei Schöneck, aber auch hier ist der Blick in das Waldgelände und über die Wipfel der Fichten anziehend genug, um die Beschwerden des Weges vergessen zu machen. Stundenlang schwellt ein weicher Moosteppich unter den Schritten des Wanderers, während der Kuckuck lockt und der Specht seine Schläge durch den Wald erschallen läßt. Wie ein fernes Sagen erklingt das Rauschen der Bäume und das Murmeln der Bäche, die hier oben zahlreich in dem Moore ihren Ursprung haben. Nur selten verhallt in der Ferne der Schrei einer Lokomotive, die keuchend das Muldental heraufkommt, um nach kurzer Zeit bei Schöneck wieder in weitem Bogen ins Tal hinabzufahren. Den Schwarzwald des Vogtlandes hat man diese Hochfläche genannt, und wer einmal auf ihr gewandert ist, wird diesen Vergleich nicht unrecht finden und zugeben, daß so manches, was wir bisher nur in der Ferne zu suchen pflegten, auch in unserem engeren Vaterlande zu finden ist. Erst an dem Abfalle nach Westen zu lichtet sich der Wald. Wie ein Wahrzeichen dieses Höhengebietes liegt nach dem Elstertale vorgeschoben etwa zwei Wegstunden von Falkenstein Schöneck, das schon durch seine Lage zu den seltsamsten Städten Deutschlands gehört und deshalb wert ist, längere Zeit unsere Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen.
Abb. 4 Rißfälle
Die Stadt Schöneck ist eine Bergstadt, wenn ein Ort in Deutschland überhaupt diesen Namen verdient; denn sie liegt nicht nur auf der stattlichen Höhe von siebenhundertachtundsechzig Metern, sondern sie baut sich hier auch hart am Rande der erwähnten Hochfläche auf, die sich von dem Elstergebirge zum Erzgebirge dahinzieht und nach Westen zu ziemlich rasch zum Elstertale hinabfällt. Es ist, als wäre hier oben jeder freie Platz bis zum letzten ausgenützt worden und als klammerte sich ein Haus eng an das andere, um noch auf der Höhe selbst bleiben zu können, denn schon die Hauptstraße des Städtchens führt steil abwärts und noch mehr die Verbindungswege, die von der Stadt westwärts nach den nächsten Dörfern weisen, und dem Wanderer, der etwa von Ölsnitz her heraufsteigt, muß es zu Mute sein, als habe er hier endlich die Höhe erreicht und müsse durch den Rundblick für die Mühe belohnt werden, die ihm das Steigen gekostet hat. Und das ist tatsächlich der Fall; denn zwischen jeder Häuserreihe drängt sich ein Stück vogtländischer Gebirgslandschaft hinein, und von dem Friedrich-August-Stein, der sich neben der Kirche unvermittelt aufbaut und auf dem früher eine stattliche Burg zum Schutze gegen die Sorben gestanden hat, bietet sich dem Auge eine geradezu überraschende Aussicht dar: wie auf einer Landkarte liegt das ganze Vogtland vom Kuhberg bei Netzschkau bis hinüber zum Kapellenberg an der böhmischen Grenze vor dem Auge des Wanderers ausgebreitet, und Hügel wechseln in endloser Reihe mit Wäldern, Wiesen und Dörfern, bis sich fern am Horizonte die sanften Bogen des Frankenwaldes und der bayrisch-böhmischen Berge darüber spannen. Und diese Landschaft zeigt immer neue Reize, zu welcher Zeit man sie auch betrachten mag: wenn an einem Sommerabend der rote Mond emporsteigt hinter den Bergen und die ganze Gegend in seinem Dämmerlichte versunken ist oder wenn im Herbste die Heidefeuer emporsteigen und klarer als je sich die Linien der Berge und Wälder hervorheben, oder wenn an einem Januartage die ganze Landschaft in dem Winterkleide leuchtet und die unendliche Mannigfaltigkeit dieser Landschaftsformen in tausend Farben glitzert. Nur die Stadt selbst bleibt immer dieselbe im Wechsel der Jahreszeiten, ob man sie nun von Kemmler bei Plauen sehen mag oder von Mißlareuth oder von dem Granitsockel des Kapellenberges: sie hängt, die Häuser eng um den Markt und die Kirche gedrängt, hoch oben über dem Tale, und mir fallen, so oft ich sie sehe, immer zwei Städte in Italien ein, mit denen ich sie am ehesten vergleichen möchte: Assisi in Umbrien, die Stadt des heiligen Franziskus, und Rokka di Papa, das Räubernest im Albanergebirge bei Rom, das hoch oben am Latinerberg seine Stätte gefunden hat.
Abb. 5 Großer Rammelsberg und Sachsengrund, Kammweggebiet
Die Stadt Schöneck darf sich schon im vierzehnten Jahrhundert der Rechte rühmen, die ihr von Karl IV. erteilt worden sind und ist heute wegen ihrer Lage ein stark besuchter Luftkurort geworden, während die Bewohner vorzugsweise in der Industrie (Zigarren usw.) beschäftigt sind, dagegen sind die Abhänge zwischen der Stadt und dem Elstertale erst allmählich besiedelt worden, und manches der hier liegenden freundlichen Dörfer ladet zu längerem Verweilen ein. Durch den sogenannten Buttergrund führt ein Weg stark bergab nach dem Dörfchen Marieney, das zwischen Wiesen und Wald dahingestreckt liegt und das sich rühmen kann, die Heimat des größten vogtländischen Dichters, Julius Mosen, zu sein. Dort streifte er als Knabe allein durch Wälder und Auen oder lag am murmelnden Erlenbach oder er saß stundenlang auf dem alten Kirchenboden, um dem Ticken des Perpendikels und dem Schnarren des Räderwerks der großen Kirchenuhr zu lauschen. Von dem sprachkundigen Vater wurde er schon in der Heimat in den Anfangsgründen der lateinischen Sprache unterrichtet und selbst als er auf das Gymnasium zu Plauen kam, wanderte er noch oft hinaus in das Heimatsdorf, um die Eindrücke der Jugend wachzurufen. Die schöne Gabe, Land und Leute zu schildern, die uns besonders in den Bildern »Im Mose« entgegentritt, mag auf des Vaters Art zurückgehen, wie er den Kindern die biblischen Geschichten und die Weltgeschichte erzählen könnte. Auch die rauhe Kriegszeit, die damals über das Vogtland dahinging (Mosen ist 1803 geboren), hinterließ bei dem aufgeweckten Knaben lebhafte Eindrücke und klingt in den Vaterlandsliedern wieder, durch die er volkstümlich geworden ist – wer vergißt von seinen Erzählungen das Heimweh oder Ismael, oder von seinen Gedichten Zu Mantua in Banden oder den Trompeter an der Katzbach oder den Löwen zu Braunschweig und wie die Gedichte alle heißen mögen, durch die sein Name in ganz Deutschland bekannt geworden ist. Nach der Heimat zog es ihn immer wieder zurück, mochte er nun als Aktuar in Kohren oder als Rechtsanwalt in Dresden beschäftigt sein, wo er übrigens seine glücklichste Zeit verlebte, und wie schwer mag es ihm geworden sein, als er nach dem fernen Oldenburg übersiedelte, wo er eine sichere Stelle als Hofrat und Theaterdichter im Dienste des dortigen Großherzogs gefunden hatte. Eine zunehmende Krankheit verbitterte ihm seine letzten Lebensjahre, und nur noch einmal fiel ein Lichtbild in diese Nacht, als Freunde mit vieler Mühe eine Gesamtausgabe seiner Werke veranstalteten. Zwei Fichten aus dem Vogtlande beschatten sein Grab, in welchem er nach zweiundzwanzigjährigem Leiden am 10. Oktober 1867 zur Ruhe gebettet wurde. –
Abb. 6 Schneckenstein
Von Marieney gelangen wir in zwei Stunden nach Markneukirchen, dessen wir schon bei der Erwähnung von Klingental zu gedenken hatten. Die Stadt, die zwei Kilometer von der Adorf–Aue–Chemnitzer Bahn entfernt liegt, ist neben dem genannten Orte der Hauptsitz der vogtländischen Musikinstrumentenfabrikation, und man erhält in die Reichhaltigkeit dieses Erwerbszweiges am besten einen Einblick, wenn man die wertvolle Sammlung in- und ausländischer Musikinstrumente aus älterer und neuerer Zeit besichtigt. Auch hier die Mannigfaltigkeit der Bodenformen, die für das obere Vogtland charakteristisch ist und die sich auch in dem südwestlichen Teile jenseits der Elster findet: die ganze Landschaft aufgelöst in Berg und Tal, Teilstücke von Hügeln mit Dörfern oder Einzelgehöften und Wäldern, so daß es sich auch hier lohnt, einmal seitwärts vom Elstertal selbst auf die Höhen hinaufzusteigen. Wer von Plauen kommt, wird allerdings noch durch eine ganze Anzahl von vogtländischen Städten aufgehalten werden, die sich hier, wo eine alte Straße am Elsterlauf entlang hinüber nach Böhmen führt, angesiedelt haben. So liegt gleich Ölsnitz am Ende der erwähnten Straße, die von Eger bis hierher führte, und gilt als eine der ältesten Städte des Vogtlandes, die vielleicht von den Sorben gegründet ist. Als dann die Deutschen das Land besiedelten, wurde hier eine befestigte Straßensperre angelegt, und man grub gegen einen Angriff der Feinde die großen Teiche (der letzte ist 1898 verschwunden), wobei die Befestigungsanlagen noch durch das Schloß Vogtsberg verstärkt wurden, dessen Türme auch von Schöneck sichtbar sind. Aus den Mitteln des Bergbaues – die Zinn- und Kupfergruben wurden 1519 durch Wasser zerstört – wurde die schöne St. Jakobskirche errichtet, die mit ihren beiden Türmen weit über das Städtebild hervorschaut. Sie ist ein Muster gotischen Kirchenbaues, obwohl von der ursprünglichen Anlage nur noch die Türme in ihren Unterteilen sowie ein sandsteinernes Dreipaßrelief von der äußeren Südseite des Chores erhalten sind. Auch später ist sie öfters umgestaltet worden; so erhielt sie ihre jetzige Gestalt nach dem großen Stadtbrande, während das Innere 1888/89 künstlerisch erneuert wurde. Die Türme wurden 1865 nach den Plänen von Lipsius errichtet, und auch im Inneren findet sich manches schöne Denkmal kirchlicher Kunst: die Chorfenster von C. L. Türcke in Zittau mit prächtiger Glasmalerei, sowie das Altargemälde: Abendmahl der Emmausjünger von Moritz Heidel und der Taufstein, der 1833 von E. Rietschel gefertigt worden ist. Ähnliche Umwandlungen hat auch die alte Kirche St. Katharina am alten Friedhofe durchgemacht, deren Sterngewölbe im alten Chor aus der alten Kirche noch auf das fünfzehnte Jahrhundert zurückweist. In neuester Zeit hat Ölsnitz seinen Aufschwung besonders der Industrie wie der Teppich- und Kammgarnfabrikation zu verdanken gehabt, nicht zu vergessen seine günstige Lage, durch die es besonders wegen der Nähe der sächsischen und böhmischen Bäder zu einem Standquartier für Touristen geworden ist.
Abb. 7 Schöneck
Das weiter südlich liegende Adorf, ein freundliches Städtchen mit etwa achttausend Einwohnern, ist besonders durch die Perlmutterfabrikation groß geworden, die auch in Ölsnitz zu Hause ist, die Muscheln wurden früher zahlreich in der Elster gefunden, und der Erwerbszweig ist geblieben, auch nachdem die Funde seltener geworden waren, so daß heute auch zahlreiche importierte Stücke dort verarbeitet werden. Im übrigen zeigt auch Adorf mit seinem geräumigen Marktplatz dasselbe freundliche Bild wie alle diese vogtländischen Kleinstädte, und die Industrie, die sich auch hier zahlreich findet, hat es nicht wesentlich zu beeinflussen vermocht. Abseits davon sind noch zwei Orte zu erwähnen, deren Name jedem bekannt ist und die dem Reichtum der Erde selbst ihre Blüte verdanken: Bad Elster und Brambach. Inmitten der Nadelwälder des Elstergebirges ist hier eine Stätte für Genesungsuchende entstanden, die mit ihren Quellen und Sprudeln (alkalisch-salinische Eisensäuerlinge, Glaubersalz, kohlensaure Stahlbäder) jährlich Tausenden Genesung bietet und sich zu einem modernen Bade entwickelt hat, wobei auch dem Moorboden aus den großen Lagern der Umgebung ein wesentlicher Anteil zufällt. In weitaus freierer Lage ist Bad Elster, wenn auch in weit bescheidenerem Maße, Brambach gefolgt, das in der Nähe der böhmischen Grenze am Fuße des Kapellenberges in einer engen Talmulde eingebettet ist. Wer von Adorf nach Brambach wandert, durchschreitet zuerst in fortwährender Steigung ein stilles Waldtal, bis der Weg zuletzt steil auf die letzte Hügelwelle hinaufführt, die vor Brambach gelagert ist und erblickt von hier hinüber nach den waldbedeckten Höhen des Elstergebirges und ein Stück ins böhmische Land hinein, das sich hier von beiden Seiten an diese Ausläufer des Vogtlandes heranschiebt. Auch Brambach selbst hat sich, so gut es möglich war, an die eingeengte Lage im Tale des Fleissenbaches, der hier in westlicher Richtung der Elster zufließt, angepaßt. Die Straße nach Eger führt von hier unmittelbar am Kapellenberg vorbei, der mit seinem granitenen Aufbau wie ein Wächter des südlichen Vogtlandes dasteht und von dessen Gipfel eine weite Rundsicht nach Norden und über Böhmen gestattet ist. Die beiden nächsten Dörfer, die südlichsten des Vogtlandes, liegen bereits tief unten am Steilabfall des Elstergebirges, und Straße und Eisenbahn haben die Senkung nur künstlich durch große Bogen überwinden können. Wir sind hier am Ende unserer Wanderung angelangt, aber an einer Stelle, von der sich in kurzer Zeit weitere Glanzpunkte landschaftlicher Schönheit erreichen lassen: das herrliche Egertal im Osten, oder das Kaisergebirge mit Eger und Franzensbad oder das Fichtelgebirge mit seinen östlichen Ausläufern bei Selb und Tirschenreuth und der uralten Kultstätte des Klosters Waldsassen, die von hier in ein paar Wegstunden zu erreichen ist.
Abb. 8 Kirche von Bösenbrunn am Triebelbach
Es war nicht meine Absicht, eine vollständige Beschreibung des Vogtlandes zu geben, sondern es waren nur Wanderbilder, die vor dem Auge des Lesers vorüberziehen sollten, um ihn selbst zu einer Fahrt durch diesen südwestlichen Gau Sachsens einzuladen. Wer mehr mit der Landschaft selbst vertraut werden will, der möge selbst kommen und schauen, und er wird mit der Überzeugung zurückkehren, daß kein Grund vorliegt, das Vogtland hinter den übrigen Gegenden unseres engeren Vaterlandes zurückzusetzen. Daß es noch nicht »Mode« geworden ist, ist wohl der beste Beweis, daß ein Unterkommen auf den Wanderungen auch denen ermöglicht ist, die nur über bescheidene Mittel verfügen.
Abb. 9 Bad Elster
Anmerkung. Wer mehr über das Vogtland erfahren will, sei auf die Literatur verwiesen, die auch bei den vorliegenden beiden Arbeiten benutzt worden ist, vor allem auf: Unser Vogtland (Heimatkundliche Lesestücke für die Schulen des sächsischen Vogtlandes, bearbeitet von einer Kommission Plauenscher Lehrer, Verlag der Dürrschen Buchhandlung, Leipzig), Das Königreich Sachsen in Wort und Bild von Leo Woerl und Steche: Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreich Sachsen; weitere Literatur ist in dem zuerst genannten Buche angeführt. Denen, die ihr Wissen und Können in den Dienst dieser Sache stellten, besonders Herrn C. Sippel, Schriftführer des Verbandes vogtländischer Gebirgsvereine in Plauen, der für beide Aufsätze eine Reihe von eigenen photographischen Aufnahmen zur Verfügung stellte, bin ich zu großem Danke verpflichtet.
Trachtenechtes Spielzeug
Von Karl Lucas, Meißen
Weihnachten naht. Es wird gebastelt, gesägt, geschnitzt, geleimt, geklebt bis über die mitternächtige Stunde hinaus. Das Weihnachtsfieber hat uns gepackt.
Auch mir ging es so. Auf dem Wunschzettel meiner Mädel waren kleine Tierchen, Männer und Bauernfrauen verzeichnet. Diese Sächelchen waren bereits in Anzahl im Besitze der kleinen Bittstellerinnen. Aber es sollten noch mehr sein. Es sind das jene reizenden Gegenstände, die aus unseren Erzgebirgsdörfern ihren Weg in jede Spiel- und Holzwarenhandlung gefunden haben. Bei ihrer Naturtreue und ihrem auch heute noch verhältnismäßig billigen Preise werden sie sehr gern gekauft. Sie treten in scharfen Wettbewerb mit den altbekannten früheren »Pfengstückchen«. Auch ärmere Leute greifen oft nach den natürlicher wirkenden »Dreiertierchen« (Friedenskurs!). Es wird der leider nicht überall befolgte Grundsatz angewandt: Wenig und gut ist besser als viel und schlecht.
Ein Vorzug der »Dreiertierchen, Fünf-Pfeng- oder Groschentierchen und -männel« ist es, daß sie sich in ein besseres Größenverhältnis zu den aus Bauklötzchen, Modellierbogen usw. aufgebauten Gebäuden einstellen. Das Spiel gibt so ein getreueres Bild der Wirklichkeit und wird natürlicher und lebendiger.
Bei anderer Gelegenheit stieß ich auf die Künstlermodellierbogen. Diese verhalten sich zu den schablonenhaften früheren Bogen wie Tag zur Nacht. Leider gibt es auch heute noch Bogen, bei deren Herstellung derartig hohe Maßstäbe wie an die Künstlermodellierbogen nicht angelegt worden sind. An zwei aufgestellten Modellen – Lappenlager und rumänisches Bauerngehöft – hatte ich erfahren können, was für ein anschauliches Bild diesen Siedelungen samt dem Leben und Treiben der Bewohner durch diese Bogen vermittelt wird.
Einem Zuge nach der Heimat folgend, wählte ich für meine Mädel das »Altwendische Bauerngehöft« (Teubner Nr. 19) aus. Eine Pappe 37 : 50 Zentimeter genügte zur Aufstellung. Dabei blieb noch Platz für Wege, Raine, Brücken, Baumgruppen, für einen Bach mit Entenpfütze. Die Gebäude wurden durch eingelegte Pappe gesteift. So entstand ein ziemlich standhaftes Spielzeug. Zur Belebung sind auf dem Bogen eine Anzahl Leute, Tiere und Bäume aufgezeichnet. Sie erfüllen ihren Zweck nicht recht. Die ausgeschnittenen, auch gesteiften Gestalten vertragen das fortgesetzte Anfassen schlecht. Dann fehlt ihnen die Körperlichkeit, die die Gebäude nach ihrer Aufstellung besitzen. Die Einbildungskraft der Kinder überwindet den Mangel der Gestalten zum Teil. Freudiger aber greifen sie zu den körperlichen Gestalten, die aus unserer sächsischen Spielwarenerzeugung hervorgegangen sind.
Ich entschied mich von vornherein für die Aufstellung der Holzsächelchen. Beim Durchstöbern der Vorräte in den Läden fand ich Tiere, Taubenschläge, landwirtschaftliche Geräte, Wagen, Hundehütten, Bienenstände in reicher Auswahl und geeignet für meinen Bauernhof. Aber Menschen, wie ich sie brauchte, konnte ich nirgends auftreiben. Um meinen Hof nicht verwaist stehenzulassen, nahm ich, was da war: Bauern, Bäuerinnen, Butterfrauen, Nachtwächter, Kinder, Geistliche, Brautleute, Kränzeljungfern, Stadtvolk. So hatte ich Leben. Aber es paßte wie die Faust aufs Auge, wenn ich in meinem Hofe den Großknecht in Älplertracht spazieren sah.
Meine Mädel freuten sich zunächst uneingeschränkt, nach und nach wurden ihnen die Widersprüche aber bewußt. Freude löste diese Entdeckung bei ihnen nicht aus.
Auch der Erwachsene spielt gern mit, wenn das Spiel heimatliche Vorstellungen und Gefühle auslöst. Eine rechte Freude kann aber bei ihm nicht aufkommen, wenn sich solche Stilwidrigkeiten fortgesetzt aufdrängen. Das bedeutet aber einen Verlust für den Erwachsenen und für das Kind. Unsere Zeit hastet. Sie löst den einen früher, den andern später aus der Umgebung, in der er seine Kindheit verlebte. Ein großer Teil unseres Volkes führt ein modernes Nomadenleben. Nur noch ganz bestimmte Volksgruppen haben sich die Seßhaftigkeit bis zu einem gewissen Grade bewahrt. Aber auch diese Kreise fangen an, den Sinn in die Weite schweifen zu lassen und das Naheliegende zu übersehen. Der sich überallhin ausbreitende Verkehr mit seinem Einebnen alles dessen, was kennzeichnend hervortreten will, läßt die besten Eindrücke der Kindheit rasch verblassen. Alles wird käuflich, verkäuflich. Es scheint, als ob jene innerlich wirkenden Werte einer Sache, die aus der Geschichte, aus der Pietät heraus zu erklären sind, schwänden. Gerade diese Werte aber machten früher eine Sache oft unbezahlbar. Darum müssen wir das alles mit Freuden begrüßen, was uns helfen könnte, jene verborgenen, in der Vergangenheit wurzelnden Werte wieder zu erschließen. Im Geiste wenigstens lerne jedes sich wieder versenken in die Schätze der Vergangenheit, damit die Gegenwart mit ihren verwickelten Verhältnissen besser verstanden werde. Alle Gegenwart ist Gewordenes. Alles Gewordene fußt in der Vergangenheit. Wir sollen nicht mehr bloß Gegenwartsmenschen sein wollen, sondern sollen uns wieder als etwas betrachten lernen, das in der Vergangenheit wurzelt. Wir werden dann einsehen, daß jedes gewaltsame Lösen der Fäden, die uns mit der Vergangenheit verbinden, einen nie wieder gut zu machenden Schaden für den einzelnen wie für die Gesamtheit bedeutet.
Unsere Spielwarenerzeugung kann uns helfen, die verborgenen Beziehungen zum Vergangenen wieder aufzudecken, kann uns helfen, Einkehr zu halten in den Tagen der Kindheit wie in denen der reifen Jahre, kann uns helfen, die Heimat durch ihre Vergangenheit zu verstehen. Ein weites unbebautes Feld breitet sich hier für diese Industrie aus. Rechte Bearbeitung muß eine gute Ernte für den Erzeuger und für die Gesamtheit unseres Volkes bringen. Gefühl und Sinn für Heimatliebe, Volkskunst, Heimatschutz würden zu gleichen Teilen durch Belehrung im Spiel schon in den Kleinen geweckt werden. Fortgesetztes Spiel mit Spielzeug, das mehr wie Spielzeug sein will, brächte diesen Sinn, diese Gefühle zum Wachstum. Schließlich würden sie beim Erwachsenen unbewußt zum unveräußerlichen Besitzstand geworden sein.
Wie können die beteiligten Industrien diese Forderungen erfüllen? Kurz gesagt dadurch, daß sie Erzeugnisse schaffen, die die Verbindung mit der Heimat erkennen lassen und echt sind, also jede Scheinkunst vermeiden. Wir brauchen Modellierbogen, die uns einen sächsischen wendischen Bauernhof, einen sächsischen ländlichen Bahnhof, ein sächsisches mittelalterliches Rathaus usw. darstellen. In unserem Vaterlande haben wir reichliche Stoffbeispiele dafür. Ferner sei zur Auswahl gestellt: Oberlausitzer Weber- und Gutshäuser – Erzgebirgische Gebäude – Moritzburg – Altes Leipziger Rathaus – Meißner Dom, Albrechtsburg, Rathaus, Bürgerhäuser – Bautzener Gebäude – alte sächsische Kirchen, Mühlen, Pochwerke – Gebäude, deren Erhaltung mit besonderer Sorgfalt oft unter Aufwendung nicht geringer Mittel durchgeführt wird (Frohnauer Hammer) – Bogengruppen mit Planzeichnungen zur Veranschaulichung der Siedlungsweisen (Pfahldorf, Rundling, Längsdorf, Dörfer mit sägeblattähnlicher Gebäudestellung, Klosterbauten, Gartenstädte, Alt-Dresden, Alt-Leipzig). Wenn heute die Festung Königstein als Modell herausgebracht würde, so würde wohl kaum etwas dagegen eingewendet werden.
Seien nun die Gebäude auszuführen vom Modellierbogen aus, seien sie besser aus einzelnen bemalten Holzteilen zusammenzuschränken, jedenfalls werden dem Kinde im Spiel die Unterschiede der Bauweisen, der Siedelungsanlagen auffallen. Fragen nach zeitlichen und örtlichen Gründen, auch nach solchen der Zweckmäßigkeit werden auftauchen. Nicht alle Fragen wird der Erwachsene befriedigend beantworten können. Er wird mit dem Kinde und durch das Kind Heimatkunde und Heimatgeschichte treiben müssen, wenn er nicht dauernd die Fragen halb oder ausweichend oder mit »ich weiß das selber nicht« beantworten will. Darum dürfen die Modellbogen nicht ohne Erläuterungsblätter gelassen werden. Gute Bücher können noch gründlichere Auskunft erteilen. Ansätze in dieser Richtung sind vorhanden. Aber die Heimatforschung hat noch genügend Brachland zu bearbeiten, ehe sie alle Wünsche nach dieser Seite hin befriedigen kann. Es gibt wohl keinen Ort Sachsens, der nichts hätte, was als bauliches Wahrzeichen für Modellzwecke festgehalten zu werden verdiente.
Zu den Modellen von Bauwerken gehört das richtige Gestaltenmaterial. Getreu dem Leben oder – wenn dies keine Kunde mehr gibt – getreu den kulturgeschichtlichen Quellen wird es dargeboten. Wie viele verborgene Schätze unsrer Heimatsammlungen, Geschichtsmuseen, Bildergalerien, Innungsschränke, Zunftladen könnten da eine fröhliche Auferstehung feiern! Wie könnte aus dem, das hinter Glas und Rahmen, Tür und Riegel wohlverwahrt gehalten wird, ein Quell der Heimatliebe entspringen! Da werden lebendig: alte Zünftler, Landsknechte, Zöllner, Sänftenträger, Narren, fahrende Gesellen. Dazu die alten Gebäude. Die Vergangenheit wird lebendig in der Gegenwart. Aus Papierstoff, Holz, Zinn, Linoleum, durch Guß, Pressen, Drehen, Schnitzen werden die zeit- und trachtenechten Gestalten hergestellt. Sie sind einzeln käuflich (zum Aussuchen). Sie können aber auch – zu fein abgestimmten Gruppen geordnet – in widerstandsfähigen Schachteln erstanden werden, die recht wohl die überlieferte Aufschrift tragen können: Andenken an … Zur Erinnerung an … Oheim Max bringt dem kleinen Hans eine Schachtel mit: Andenken an Leipzig. Drinnen liegen Studenten in Wichs. Das Fräulein mit farbigem Band ist Base Lotte, die Studentin. Burschen heraus zum Couleurbummel! Muhme Alma bringt eine Schachtel mit: Erinnerung an Meißen. Da sind zu sehen: Aschekarl, Aschemarie mit dem Spitz auf dem Arme, Kalmus, der dumme Junge von Meißen, ein Fremder mit der Fummel, Winzer, Winzerinnen. Freiberg wartet auf mit Bergstudenten, Bergleuten in Parade- und Arbeitstracht, Kloster Marienstern mit Osterreitern und Nonnen, Bautzen mit dem Taubenjokel, wendischen Männern und Frauen und Kindern, dem Hochzeitsbitter, der Braut und dem Bräutigam, Oybin mit Mönchen. Anderswo gibt es beim Schützenfeste die ganze Schützengilde in einer Schachtel wohlverwahrt zu erstehen. Radeberg knüpft an seine Bürgerwehr, seinen ehemaligen Bergbau, sein Gregoriusfest, seine Soldaten an. Leppersdorf und Augustusbad bieten an eine Einsiedelei mit Bäumchen, Hasen, Rehen, kleinen Vöglein und dem »Lampert im Walde«. Ein Steinkreuz, ein Grenzstein, ein altes Denkmal gehört auch manchmal in so eine Schachtel. Schmiedefeld bei Stolpen und andere Orte waren vor Einführung der Eisenbahn belebtere Orte als jetzt. Sie lagen an den alten Poststraßen. Eine Schachtel zeigt als Inhalt eine alte Postkutsche, ein Land-(fracht-)fuhrwerk, Zöllner, Torwächter, Handwerksburschen, Reisende in Biedermeiertracht. Kriegszeiten haben viele sächsische Orte durchleben müssen (Hussiten-, Schweden-, Franzosenzeit). Kamenz bringt bei seinem Forstfeste eine Schachtel heraus, deren Inhalt die Erinnerung an eine glückliche Errettung aus solch schweren Tagen wach hält. Bei Regimentstagen können Gestalten in den Regimentstrachten der verschiedenen Zeiten vertrieben werden. Vom Trachtenfest »Biedermeierzeit« bringen Vater und Mutter eine Spielschachtel mit, die entsprechende Gestalten, Rosenlauben, grüne Hecken enthält. Das, was bei Ausstellungen mit den »alten Städten« (Vergnügungsecken) geboten wird und nach seiner oft recht beachtlichen geschichtlichen Treue wert wäre, länger zu bestehen, das könnte in verkleinerter Ausgabe zum Spiel geschaffen, als Andenken verkauft werden.
Im Vereine mit guten Gebäudenachbildungen müssen solche Geschenke oder Andenken in Vergangenheit und Gegenwart vertiefen helfen, müssen sie alt und jung zur Besinnung einladen. Die Sachen haben ja etwas zu erzählen. Der Quell der Sage und Geschichte muß da sprudeln. Kinder und Erwachsene werden beim Spiel oft in den Geleisen wandeln, die der Darstellung zugrunde liegen. Wie wir aber einen »Freiberger Bauerhasen« stets mit einer gedruckten Erklärung zu kaufen bekommen, so darf bei all diesen Sachen nicht mit frisch und lebendig geschriebenen Erläuterungen gespart werden.
Trachtenechte Puppen, stilgerechte Puppenmöbel (Himmelbetten, Bauerntische, Schemel, Wiegen, Stühle, geblümte Vorhänge, Teller, Tassen, Kannen), eine rechte Bauernstube, Weberstube, Patrizierstube, Spinnstube: das müßte Mädchen eine wirkliche Freude geben!
Das sind wirkliche Reiseandenken, die ihren Zweck erfüllen, ein Band zu schlingen über den Geber hinweg vom Empfänger zum kulturgeschichtlichen, heimatkundlichen Stoff. Das kann von den jetzt noch beliebten Fangbällen, Windrädern, Abziehbildern und Postkarten auf Holzquerschnitten, Steingutsachen u. a. m. nicht behauptet werden. Welche Sorte von Reiseandenken verraten wohl Verlegenheit und Gedankenlosigkeit des Gebers, welche begegnen Verlegenheit und Gleichgültigkeit beim Empfänger?
Strenge Wahrhaftigkeit in der Darstellung des trachtenechten Spielzeugs gibt den Kleinen auch wahre Anschauungen. Eine nach irgendeiner Seite hinzielende, da hinzufügende, dort verheimlichende Scheinkunst ist verpönt. Sie würde Truggebilde der Heimat erzeugen und die Jugend verwirren. Für die Jugend muß nur das Beste gerade gut genug sein. Aber auch viele Erwachsene gleichen in dieser Hinsicht Kindern und verlangen die gleiche Behandlung. Auch ihnen dürfen wir das Bild der Heimat durch Unwahrhaftigkeit des gebotenen Spielzeuges nicht entstellen oder verzerren.
Die Bestandteile der Kleinspielzeugkästen werden etwas schematisch, maschinenmäßig aussehen. Auf die Maschinenhilfe kann aber aus Gründen möglichster Billigkeit nicht verzichtet werden. Doch der handarbeitende Holzschnitzer mag nicht abseits stehen. Wie verschieden können ein Student, Soldat, Bergmann, Mönch, Bauer, Schützenhauptmann gestaltet werden in Bewegungen, Gesichtszügen, Farbengebung! So können wir auch mit handgeschnitztem Kleinspielzeug unsere Schachteln füllen, die freilich nur zu einem höheren Preise zu haben sein könnten. Ein Vergleich von geschnitzten und gedrehten Figuren wird die Berechtigung des Preisunterschiedes beweisen. Der Schnitzer kann seine Gestalten aus dem Bereiche des gewöhnlichen Spielzeuges in das Gebiet des Kleinkunstwerkes erheben. Ich erinnere mich der Ausstellung von Krippenfiguren in Dresden. Wie verschieden hatte jeder einzelne Aussteller sein persönliches Empfinden in einem gegebenen Stoffe zum Ausdrucke gebracht. Bewegung, Ausdruck, Farbe, Gruppierung usw., das alles zusammen genommen brachte trotz Gleichheit des Vorwurfes doch durch die selbständige Auffassung der einzelnen Verfertiger große Unterschiede heraus. Dazu kam die unterschiedliche Beherrschung und Anwendung der einzelnen Techniken. Neben etwas schematisch anmutenden Sachen waren reizende kleine Kunstwerke vertreten, bei denen die Schablone einer durchgeistigten Auffassung hatte weichen müssen. So braucht sich auch der Gestalter einzelner Personen vom trachtenechten Spielzeug nicht sklavisch an überlieferte Bewegungs-, Ausdrucks- und Kompositionsschemen zu halten, sondern kann diese etwas traditionellen Sachen mit seinem eigenen Geiste durchdringen, bezw. durchbrechen, wenn am letzteren nicht höhere Gesichtspunkte hindern sollten. Tracht und Farbengebung ist ja doch durch die Überlieferung festgelegt. Mancher Käufer wird dann die auch nicht besonders billigen Phantasiegestalten der jetzt noch herrschenden Marktware zurückweisen, um nach einer nicht so billigen, aber lebenswahren Figur zu greifen, die durch einen gut empfindenden Gestalter herausgebracht worden ist. Solche Geschenke brauchen sich nicht vor dem Tageslichte zu scheuen. Sie werden immer wieder gern angesehen.
Unsere sächsischen Spielwarenerzeuger können aber auch über die Landesgrenzen greifen. Nach guten Vorbildern kann unsere Industrie jedes außersächsische Modell lebensvoll gestalten. Für Seebäder werden Schachteln gefüllt mit trachtenechten Fischern und Fischerinnen, Seeleuten, Badegästen, Badekarren, Strandkörben – für Halle Hallorengruppen usw. So können Trachtengruppen aus dem ganzen früheren und jetzigen deutschen Vaterlande zusammengestellt werden. An Künstlermodellierbogen stehen uns für diese Zwecke eine ganze Anzahl zur Verfügung, die den Aufbau von Gebäuden aus allen Teilen Deutschlands ermöglichen. Die Verzeichnisse könnten noch durch eine Anzahl Bogen von Orten mit ausgedehntem Fremdenverkehr bereichert werden. Nach diesen Orten könnte unsere heimische Industrie ihre Erzeugnisse senden. Das Schutzwort »Gefertigt in Deutschland« könnte umgewandelt werden in »Gefertigt in Sachsen«.
Auch hier muß Sorge getragen werden, daß neben den billigeren, etwas schematischen Drehbankarbeiten für das kaufkräftigere Publikum auch handgeschnitzte lebensvolle Gestalten am Lager sind. Damit der Erzeuger einen angemessenen Gewinn von seiner Arbeit habe, die Gegenstände aber trotzdem nicht zu hoch im Preise kommen, dürfte sich keine lange Reihe Zwischenhändler zwischen Verkäufer und Käufer einschieben.
Wir gehen kühn über Deutschlands Grenzen hinaus und umspannen den Erdball. Wir lassen im Spielzeug erstehen das ganze bunte Völker- und Trachtengemisch von Europa und den übrigen Erdteilen. Wir bringen Modellbogen auf den Markt von der Eskimohütte und dem Hottentottenzelt bis zum Wolkenkratzer, vom Pfahldorfhaus in der Südsee bis zur Baumwohnung auf Java. Die Zinngießerei bringt bereits Völker aller Welt zur Anschauung. Oft hat die Phantasie sich dabei allzu reichlich betätigt. Wahrheit in der Darstellung ist hier aber um so nötiger, als eine Verbesserung eines Modelleindruckes durch nachträgliche Sinneseindrücke am natürlichen Gegenstande nicht eintreten kann. Sind keine einwandfreien Unterlagen zu haben, dann verzichte man lieber auf die Darstellung. Auch hier darf das Erzeugnis der Handarbeit nicht fehlen, es wird sicher im Auslande kaufkräftige Abnehmer finden.
Die Darstellung deutscher Anschauungsstoffe wird von unseren Erzeugern vor außerdeutschen stets bevorzugt werden müssen. In dem Heimatlichen liegen die starken Wurzeln unserer Spielwarenerzeugung. Heimatliche Darstellungen finden den Weg über die Grenzen hinüber zu unseren deutschen Brüdern im Auslande. Ob sie in Rumänien, in Siebenbürgen, im Elsaß, im Kaukasus, in den Urwäldern Südamerikas oder sonst wo sitzen mögen: sie werden es gern sehen, wenn ihre Kinder mit Spielzeug spielen, das Fäden spinnt zur alten Heimat. Schaut der Erwachsene solchem Spiel der Kleinen zu, so wird ihn stilles Gedenken übermannen; da wird schließlich die Zunge beredt werden beim Erzählen von altheimatlichen Zuständen, von der eigenen Jugend, die – wenn auch manchmal hart – doch schön war. Die Kinder lauschen. So sprechen Vater und Mutter selten. Es muß etwas besonderes um das Spielzeug sein.
Geht aus der alten Heimat als Geschenk zur Weihnachtszeit eine solche Gabe hinaus in die Fremde, und Vater und Mutter stellen die Sächelchen auf, wie es sein muß, dann stehen jung und alt herum um das Bild aus der alten Heimat, Wehmut und Freude im Herzen. Das sind Weihestunden, der fernen Heimat gewidmet, die unermeßlichen Gewinn für die Außenposten unseres Volkes haben, aber auch für uns selbst. Da kommt kein Negerenglisch, kein Burendeutsch, kein Sprachenwirrwarr beim Erzählen und Erklären heraus, da kommt die reine deutsche Muttersprache zu ihrem Rechte. Für diese altheimatlichen Stoffe hat die fremde Zunge keine Ausdrücke. Wenn unsere Brüder draußen sich auch äußerlich verändern, sich ihrer Umgebung anbequemen, so halten wir doch durch solche in der Heimat wurzelnde Gaben bei ihnen das Heimatgefühl wach. So lange sie dies Gefühl haben, so lange sind sie noch unser, sind sie und ihre Kinder fürs Deutschtum noch nicht ganz verloren!
Wenn unsere Geschenke das erreichen, Heimatsinn zu erwecken im Lande selbst und draußen in der Fremde, dann können wir wohl sagen: Es sind rechte Geschenke gewesen. Wir haben mehr geschenkt als Spielzeuge oder Kunstwerke. Wir haben innere Werte erschlossen und mitgegeben, die unbezahlbar sind, die sich nicht wiegen und messen lassen, die nur innerlich erlebt und gewertet werden können.
Aber nicht nur der Geber kann befriedigt auf sein Geschenk blicken, nein auch der Erzeuger. Auch er gibt mehr hinaus als allein seiner Hände Fleiß. Auch er kann sprechen: Der Geist, aus dem heraus ich alles gebildet und geschafft; der Geist, der aus meiner Arbeit spricht, der Geist der Heimat, der ist an Euch, Ihr Käufer, mein Geschenk!
Caprivi und die Bäume im Garten des Kanzlerpalais
»Ich kann nicht leugnen, daß mein Vertrauen in den Charakter meines Nachfolgers einen Stoß erlitten hat, seit ich erfahren habe, daß er die uralten Bäume vor der Gartenseite seiner, früher meiner Wohnung hat abhauen lassen, welche eine erst in Jahrhunderten zu regenerierende, oft unersetzbare Zierde der amtlichen Regierungsgrundstücke in der Residenz bildeten. Kaiser Wilhelm I., der in dem Reichskanzlergarten glückliche Jugendtage verlebt hatte, wird im Grabe keine Ruhe haben, wenn er weiß, daß sein früherer Gardeoffizier alte Lieblingsbäume, die ihres Gleichen in Berlin und Umgebung nicht hatten, hat niederhauen lassen, um un poco piu di luce zu gewinnen. Aus dieser Baumvertilgung spricht nicht ein deutscher, sondern ein slawischer Charakterzug. Die Slawen und die Kelten, beide ohne Zweifel stammverwandter als jeder von ihnen mit den Germanen, sind keine Baumfreunde, wie jeder weiß, der in Polen und Frankreich gewesen ist; ihre Dörfer und Städte stehen baumlos auf der Ackerfläche, wie ein Nürnberger Spielzeug auf dem Tische. Ich würde Herrn von Caprivi manche politische Meinungsverschiedenheit eher nachsehen, als die ruchlose Zerstörung uralter Bäume, denen gegenüber er das Recht des Nießbrauchs eines Staatsgrundstücks durch Deterioration desselben mißbraucht hat.«
(Aus Bismarcks drittem Bande.)
Drei Baumbilder aus unsrer Heimatsammlung
Von A. Kühne, Wilsdruff
Auf Anregungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz hin arbeiteten wir im vergangenen Jahre an einem heimatlichen Baumbuch. Es liegt jetzt in der Handschrift vor und soll in unsrer Heimatbeilage abgedruckt werden. Dank will ich sagen den Herren Rühle und Zieschang, ersterer hat die Bäume gemessen, Geschichte und Überlieferung gesammelt, letzterer hielt sie im Bilde fest.
Von unsern heimatlichen Höhenbäumen mögen hier stehen Rüdigers Linden in Helbigsdorfer Flur. Kein Wandrer, der unsre Wilsdruffer Heimat gekreuzt hätte, ohne sie zu sehen. In einer Höhe von 334 Meter – die Generalstabskarte nennt den Hügel den Eschenhübel – beherrschen sie die weite Umgegend, und köstlich ist der Blick von dem Ruhebänkchen zu ihren Füßen. Wettergezaust und blitzgetroffen, doch stolz und stark stehen sie hier, Saat und Ernte seit einem Jahrhundert um sie her. Mögen sie noch lange Freude und Erholung für Land- und Wandersmann spenden!
Rüdigers Linden in Helbigsdorf (Amtsh. Meißen)
(Aufn. G. Zieschang, Kaufbach)
Ein Wegebaum – der Blankensteiner Bergahorn. Da wo die Dorfstraße anhebt, wo der Kommunweg Helbigsdorf–Blankenstein endet, steht dieser stolze Baum. 3,68 Meter mißt der Umfang seines Stammes in Brusthöhe, an die 26 Meter hoch quillt das Laubwerk in den Himmel hinauf. Eine gewaltige, herrliche Fülle, dieses Astwerk mit seinem Blätterwald. Einen höheren Genuß aber schafft sein Anblick im Winter, wenn ihm der Frost den Blättermantel nahm, wenn sich eine weiße Decke unter ihm breitet. Da erst wird der gleichmäßig schöne Bau der Krone offenbar, dieses Wachsen und Dehnen und Greifen in die Weite und Höhe. Und dazu die graubraune Färbung der schlanken Stämme und Schäfte auf weißem Hintergrunde. Ein köstlich Bild.
Bergahorn in Blankenstein (Amtsh. Meißen)
(Aufn. G. Zieschang, Kaufbach)
Als dritter und letzter einer der geborstenen Riesen des Weistropper Schloßparkes, eine Edelkastanie. Ihr Geschlecht mag unter all den heimatlichen beachtenswerten Bäumen das älteste sein, bei weitem älter und ehrwürdiger als die dreihundertjährigen Reformationslinden zu Wilsdruff und Wurgwitz. Der Sage nach soll Bischof Benno sie gepflanzt haben; daß die frühmittelalterliche Kirche sich um Pflanzung und Pflege des Weinstocks, der Edelkastanie u. a. verdient gemacht hat, steht außer allem Zweifel. Auch der Miltitzer Schloßpark zeigt stolze alte Bäume dieser Art, sie sollen von Karl v. Miltitz, dem päpstlichen Staatssekretär, gepflanzt worden sein. Wir freuen uns an dem ausgeprägten Artcharakter dieser Stämme, danken der Schloßherrschaft für deren Erhaltung und hoffen, daß diese Bäume uns noch manches Mal Labsal sind auf unsern Heimatwanderungen.
Edelkastanie im Schloßpark Weistropp
(Aufn. G. Zieschang, Kaufbach)
Pflanzt Nußbäume!
(Zu meinem Aufsatze: Erhaltet dem heimatlichen Landschaftsbilde die Alleen und die hervorragenden Bäume)[1]
Von A. Klengel
Zu den wertvollsten und malerischsten Schmuckstücken unseres Landschaftsbildes gehören stattliche Walnußbäume, mögen sie nun als Einzelbäume im Garten stehen, den ländlichen Hof beschatten oder als Allee der Dorfstraße das Geleit geben. Der Nußbaum ist aber nicht nur ein ausgezeichneter Schattenspender, sondern durch Frucht und Holz einer unserer wertvollsten Nutzbäume.
Der Umstand, daß sich sein Holz nicht nur für den Möbelbau, sondern vor allen Dingen für die Herstellung von Gewehrschäften ausgezeichnet eignet, ist dem Nußbaum während der Kriegszeit verhängnisvoll geworden. Alle Nußbäume, von einer bestimmten Stammstärke ab, waren beschlagnahmt und viele Tausende fielen der Axt zum Opfer, um das Vaterland verteidigen zu helfen. Empfindliche Lücken wurden dadurch in unseren ohnehin nicht zu hohen Nußbaumbestand gerissen; wir merken die Knappheit am besten an den zu schwindelnder Höhe gestiegenen Nußpreisen.
Es ist eine Pflicht aller heimischer Grundbesitzer, der Anpflanzung von Walnußbäumen erhöhtes Augenmerk zuzuwenden. Die durch den Krieg gerissenen Lücken müssen sich wieder schließen, der Nußbaum muß auch deswegen ausgiebiger angepflanzt und gehegt werden, weil uns Elsaß und Lothringen, die seither einen hohen Prozentsatz des heimischen Bedarfs an Walnüssen und Nutzholz lieferten, verlorengegangen sind. Hieraus ergibt sich ohne weiteres, daß jetzt die Anpflanzung der Nußbäume viel lohnender sein wird als in früheren Jahren. Durch reichlichen eigenen Anbau und eigene Erzeugung von Walnüssen und Holz können wir auch die Einfuhr einschränken und dadurch einer wichtigen vaterländischen Pflicht genügen. Daß wir überdies durch Hegen des stattlichen großlaubigen Baumes auch unser Landschaftsbild verschönern und dadurch dem Heimatschutz trefflich dienen, wurde bereits erwähnt.
Einer ausgiebigen Anpflanzung des Nußbaumes werden mancherlei Bedenken entgegengestellt, die sich aber bei näherer Untersuchung fast durchweg als unhaltbare Vorurteile erweisen.
Es muß zunächst vorausgeschickt werden, daß unser Walnußbaum (Juglans regia) ein Kind des heißen Orients ist, aber auch in Südeuropa ausgedehnte wilde Bestände bildet. Er ist insofern etwas anspruchsvoll, als er geschützte Lage, mildes Klima und tiefgründigen nahrhaften Boden bevorzugt und gegen Spätfröste empfindlich ist. Nach meinen, über dreißig Jahre reichenden Erfahrungen ist aber der Nußbaum durchaus nicht so zart wie oft angenommen wird. Ein neben meinem Hause in Meißen, allerdings sehr geschützt stehender Baum, hat seit über zwanzig Jahren niemals durch Frost gelitten, auch sind viele Jahre vergangen seit ich das letztemal in der freigelegenen Umgebung von Meißen erfrorene Nußblüten feststellen konnte.
Vielfach ist die Meinung vertreten, daß der Nußbaum nur bis höchstens fünfhundert Meter Seehöhe und dann nur an geschützten Standorten ertragreich bliebe; in höheren Lagen empfehle sich seine Anpflanzung lediglich des Holzes, nicht aber der Fruchtgewinnung wegen. Diese Ansicht mag viel dazu beigetragen haben, daß man von der Anpflanzung abgesehen hat. Ich habe jedoch schon ganz andere Erfahrungen gesammelt. In Bärenstein im Müglitztale trug ein alter, in über fünfhundert Meter Höhe nicht besonders geschützt stehender, leider auch dem Kriege zum Opfer gefallener Nußbaum seit Menschengedenken reichlich Früchte und versagte nur dann einmal, wenn Spätfröste die Blüte vernichtet hatten, was aber, wie bereits erwähnt, auch in tieferen Lagen zuweilen vorkommt. Ein im gleichen Orte in fünfhundertfünfzig Meter Höhe stehender jüngerer Baum trägt seit einigen Jahren ebenfalls reichlich Früchte. Völlig überraschend war aber die Tatsache, daß sogar ein in siebenhundert Meter Höhe stehender jüngerer Nußbaum am Köllnerschen Vorwerk in Hirschsprung bei Altenberg noch ausgereifte Früchte trägt. Man hatte mit Blühen und Früchtetragen nicht mehr gerechnet, weil der Baum solange damit zögerte; es war dabei aber nicht beachtet worden, daß die Mannbarkeit des Nußbaumes nicht vor dem zwanzigsten Lebensjahre, vielfach sogar noch später eintritt.
Eine weitere Abneigung gegen das Anpflanzen der Nußbäume entspringt aus dem angeblich schweren Anwachsen verpflanzter Bäume und anderen Mißerfolgen, die aber durchweg aus gärtnerischen Mißgriffen entstehen und lediglich darauf zurückzuführen sind, daß man die natürliche Eigenart des Nußbaumes sehr oft außer Acht läßt. Der Nußbaum darf nur im Frühjahr umgepflanzt werden, die Wurzeln sind dabei zu kürzen und zurückzuschneiden. Da der Nußbaum im Gegensatze zu seinem harten Stammholze sehr weiche Wurzeln besitzt, kommt es sehr oft vor, daß die noch nicht angewachsenen Wurzeln der im Herbst versetzten Bäume während der Winterruhe verfaulen und absterben, wodurch der Baum stets eingeht. Wenn irgend möglich, vermeide man das Verpflanzen überhaupt und lege die Samennüsse gleich an die späteren Standorte der Nußbäume. Der Nußbaum darf, im Gegensatz zu den meisten anderen Bäumen nur im vollbelaubten Zustande, am besten im Frühjahre verschnitten werden; der Rückschnitt im unbelaubten Zustande während der Winterruhe bringt ein Kränkeln und völliges Absterben des Baumes mit sich. Bei Anpflanzung von Alleen ist darauf zu achten, daß die Nußbäume mindestens fünfzehn Meter voneinander entfernt zu stehen kommen. Um gesund zu bleiben, muß sich der Baum nach allen Seiten frei entwickeln können.
[1] Siehe Band X, Heft 4/6, Seite 95.
Praktischer Heimatschutz
In Alt-Trachau, dem ehemaligen alten Dorfplatz von Trachau, das leider in seiner alten Ursprünglichkeit durch Einbauen moderner Großstadthäuser bedeutend eingebüßt hat, kenne ich von Jugend her ein kleines, immer sauber getünchtes Häuschen, das mich dadurch ganz besonders interessierte, weil es neben seiner kleinen grüngestrichenen Hoftür im alten Gemäuer einen alten Hausspruch barg, den nur wenige kannten; ja, wie ich bei seiner Ausbesserung beziehungsweise Sichtbarmachung erfuhr, nicht einmal alle die jetzigen Bewohner dieses Hauses.
KOM HER REIN DU GE
SEGNERDER DES HERN
WAS SEIEST DU DRAUSEN.
Alt-Trachau
(Aufnahme Julius Georg Perlik, Dresden-Rochwitz)
Diese alte Sandsteinplatte, welcher man bei Erbauung dieses Häuschens oder schon früher, mit ungelenker Hand und primitiven Werkzeugen diese alten Schriftzeichen eingraviert hat, lenkte eines Tages meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich hatte alle Mühe, diese alten, mit Kalkfarbe verschmierten Buchstaben überhaupt zu entziffern. Seinerzeit als es noch ein schöner, sinniger und volkstümlicher Brauch war, solche Sprüche – meist ernsten Inhalts – über Türen, an Giebeln und Torbogen, nicht nur anzubringen, sondern wo man noch Zeit fand sie auch zu lesen und darüber nachzudenken, da waren diese Buchstaben wohl noch scharf und leserlich. Doch bis dahin, als ich erstmalig darauf aufmerksam wurde, war wohl der Faustpinsel des Scharwerksmaurers verschiedene Male und in allen erdenklichen Farben darübergefahren. So kam es, daß diese alten Schriftzeichen mit der Länge der Zeit fast eins geworden waren mit dem übrigen Mauerwerk. Wind und Wetter und das Alter haben das übrige getan.
Lange, lange Jahre vergingen und immer wieder sorgte der Besitzer dafür, daß dieses alte Häuschen wieder schön wurde, mal weiß, mal hellblau, mal rosa. Das Gebälk schön dunkel. Die Hoftür, das Weinspalier, der Gartenzaun und die Fensterladen frisch blaugrün. Das alte Ziegeldach aber bekam von Zeit zu Zeit durch einige neue Ziegel, die sich hier und da notwendig machten, eine wunderhübsche Abwechslung. Es war eben immer schön.
Der alte Spruch aber verschwand immer mehr. Dann wurde ich Heimatschützler. In Nr. 3 der Heimatschutznachrichten läßt der Heimatschutz seinen Mitgliedern wissen, daß Bilder von Hausinschriften erwünscht seien. So ließ sich aber kein Bild machen. Bei dieser Gelegenheit sollte dieser alte Hausspruch wieder zu Ehren kommen.
Sonntag, den 24. Juli dieses Jahres, frühzeitig, machten wir uns ans Werk. Alles dazu Notwendige hatte ich bereits an Ort und Stelle gebracht, auch die Genehmigung des Besitzers holte ich mir. Zement – gestiftet von Kell & Löser – war auch schon da. Kurz berichtet war die Arbeit folgende:
Die Sandsteinplatte wurde von anhaftendem Mörtel und Putz gereinigt, dann die als Rahmen gedachte, vorstehende und abgerundete Wulst oder Kante aus einem Gemisch von Zement und Sand aufgetragen und verputzt; die Mauer nach hinten um einige Zentimeter erhöht, um den darauf liegenden Dachziegeln, die als Schutzdach und gleichzeitig, um das Ganze zu heben, als Abschluß und zur Zierde dienen sollen, eine schräge Lage zu geben.
Diese Arbeit nahm ungefähr sieben Stunden in Anspruch, fand aber dadurch eine unerwünschte Unterbrechung, daß wir von einem Wohlfahrtsbeamten wegen Entheiligung der Sonntagsruhe zur Anzeige gebracht wurden. Ich ließ mich selbst zur Wache führen, und erwirkte nach längerer Rücksprache mit dem Wohlfahrtsinspektor, daß wir doch diese Arbeit zu Ende führen konnten. Darüber habe ich seinerzeit im Heimatschutz persönlich Bericht erstattet.
Zum Schluß wurden die ausgebesserten Stellen dieser Mauer mit Weiße überstrichen. Die Wulst aber bekam einen Anstrich in dunkel Ocker, während die Innenfläche ganz hell Ocker gehalten wurde. So kam aber die alte Schrift noch entschieden zu wenig zum Vorschein, wir sahen aber vorläufig von einem Ausmalen der Buchstaben noch ab, da wir befürchteten, daß das Historische dieses alten Spruches dadurch einbüßen würde.
Soweit wieder hergestellt, nahm der Heimatschutz eine Besichtigung unserer Arbeit vor, wobei ihm vor allem die sich zu schwach hervorhebende und dadurch schwer leserliche Schrift auffiel. Er riet uns deshalb, das Ausmalen der Schrift doch noch vorzunehmen. Diese Arbeit wurde am 8. August ausgeführt. Mit Dunkelgrau ausgemalt wirkt dieser Hausspruch wieder wie ehedem auf die Vorübergehenden und selbst der Pastor von Trachau sprach gleich am nächsten Tage in diesem Hause vor, und war sehr erfreut und doch beschämt, daß sich Leute gefunden hatten, die diesen alten Spruch wieder zu Ehren brachten. Er selbst gestand zu seiner Schande, wiewohl er über zehn Jahre hier im Amte sei, wäre ihm dieser herrliche Spruch noch nicht aufgefallen. So mancher, der hier hunderte Male vorbeiging, ohne ihn zu bemerken, macht jetzt Halt vor diesem alten Spruch und sinnt. Der eine flüchtig, der andere nachdenklich. Was mögen sie wohl alle denken? Warum hat man den alten Spruch gerade jetzt wieder sichtbar gemacht?
Alt-Trachau
(Aufnahme Julius Georg Perlik, Dresden-Rochwitz)
Die Bauersfrau gegenüber hat mir es erzählt, immerwährend ständen jetzt Leute hier – meist alte, aber auch junge – und buchstabierten den alten Spruch. –
Herr Perlik, der mich auch hier wieder in dankenswerter Weise unterstützt hat, indem er mit besonderer Liebe und Sorgfalt den größten Teil dieser Arbeiten nach meinen Angaben ausführte, fertigte auch umstehende Aufnahmen an. Während mein Wanderfreund Burk Handlangerdienste leistete, führte Herr Schilling die malerischen Arbeiten aus. Die Skizze hierzu hatte Herr A. Wiehl nach der Natur angefertigt und den zur Ausführung gebrachten Entwurf dabei mit eingezeichnet. Ich übte das Amt eines Poliers aus.
So kann durch Mithelfen eines jeden manches wieder ans Tageslicht gebracht und der Nachwelt erhalten werden. Es gibt in unseren schönen Vororten und Dörfern noch viel Interessantes und Erhaltenswertes, aber leider noch zu wenig Helfer.
Richard Köhler.
In den Hütten meiner Heimat
(aus »Bunte Gassen, helle Straßen«, ein Buch von Kinderland und Heimat von Max Zeibig, Bautzen. 2. Band der Heimatbücherei des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz[2])
Meine Heimat läuft vom Kamme duftblauer Berge waldreiche Hänge hinab über einen Saum von blumigen Wiesen und fruchtschweren Feldern, eilt an rauschenden Schornsteinen, klirrenden Werkstätten und sausenden Webstühlen vorbei, zeigt stolz zwei alte, turmreiche Städte, davon eine immer schöner und lieber als die andere, zieht hinaus in bauernsatte Dörfer und wandert, wandert und kommt endlich ganz müde in die Heide, in die grüne einsame Heide und ruht sich dort aus.
Und bin ich des Lebens und der Arbeit, des Hasses, Neides und Streites müde, spricht mein Herz verlockend zu mir: Flieh’ auf! Deine Heimat ruft, die Heide.
Da bin ich nun. In schimmerndem Kleide grüßen die Birken, die schlanken Geliebten des Waldes. Die Fichten raunen und prahlen mit ihren jungen Trieben; aber die Kiefern träumen und schweigen. Tiefverborgen liegt ein Teich, da leuchten aus moosgrünen Binsen schneeweiße Rosen. Die sind so heilig und so schön, wie ein Mädchen in seiner seligsten Jugend. Hoch am Himmel ein beutesuchender Bussard, im Schilf Scharen wilder Enten, im Wald das sorglose, flinkfüßige Reh, dazu tausend und tausend blaue und braune brummige Käfer, Insekten mit lichtglänzendem Flügelkleid, schönheittrunkene Schmetterlinge, von Heidekraut zu Heidekraut überaus zarte, feinfädige Spinngewebe, darinnen der morgenfrische Tau funkelt und leuchtet wie Millionen Brillanten, und über allem ein ungemein feines und weiches Singen und Klingen und ein Duft und eine Seligkeit, daß das Herz schreien möchte vor so viel Schönheit.
Das ist die Ruhe, der Frieden meiner Heimat – die Heide.
Heute bin ich in ihren Hütten gewesen.
Die Menschen wohnen in niedrigen, dumpfen Stuben. (Sie sind den lieben langen Tag im Wald und auf dem spärlichen Feld! Was brauchen sie in den Stuben frische Luft!)
Wie gemütlich so ein brauner, breiter Kachelofen ist! Das Doppelbett hat einen frischen, buntblumigen Überzug. Auf dem Tisch stehen ein paar blutrote Nelken, die brennen vor lauter Liebe. An den Wänden hängen, gestickt, unter Glas und Rahmen, oder bloß auf Pappe gedruckt, fromme, bescheidene Wandsprüche. Im Glasschrank feiern silbern- und goldgeränderte Tassen, geblümelte Teller von Steingut und zierliche von Glas, allerhand nichtige, kleine Figuren, verblichene, braungetönte Photographien ein beschauliches Dasein. Von dem weißgestrichenen Fensterbrett gucken steife Geranien und herzreiche Fuchsien neugierig auf den rankenden Wein, der die kleinen Fenster wild umwuchert, wie weit er mit seinen Trauben sei. Draußen im kleinen Gärtchen verblühen späte Rosen in königlicher Pracht.
Zwei Alte kommen mir freundlich entgegen: »Schön Willkomm’«, sagen sie. Wie lieb das klingt!
Ich muß immer auf sie sehen, auf die beiden Alten. Mein Gott, die Hände, wie sind die hart und schwielig! Die haben im Leben was gerackert und geschafft, und die müden, erloschenen Augen, die haben manche Träne geweint … »Wir haben einmal zwei Söhne gehabt,« erzählen die beiden Alten, »echte, treue, starke Söhne der Heide. Da sind ihre Bilder … Sind alle beide gefallen. Für die Heide. Für die Heimat …«
Die beiden halten sich an der zitternden Hand und sitzen ganz feierlich auf ihrem zerbeulten Sofa. Gerade über ihnen hängt der Spruch: Befiehl dem Herrn deine Wege, er wird’s wohl machen! … Die beiden Alten sind ganz ruhig, ganz still. Sie haben ein Lebenlang geschuftet und gesorgt. Nun sind sie so zufrieden und so fromm … Das fühlt man.
Arme Leute! hier in der Heide …
O du ruhlose, friedlose, du laute, du törichte Welt, wenn du wüßtest, wie arm du bist … und wie reich sie sind in den einsamen Hütten meiner Heimat!
[2] Preis für Mitglieder (gebunden) M. 15,– (sonst M. 18,–). Bestellkarte anbei.
Das Weberhaus in Hosterwitz
Von Edgar Hahnewald, Dresden
Die Wohnungsnot zwingt dazu, jeden verfügbaren Raum nutzbar zu machen; dadurch werden aber in gewissen Fällen auch Stätten bedroht, deren unangetastete Erhaltung selbst in dieser Notlage geboten erscheint. Das ist auch beim Weberhaus in Hosterwitz der Fall, das bisher fast unbekannt und darum unberührt lag; besucht und bewundert von denen, die diese Stätte zu schätzen wußten, seine kulturelle und musikgeschichtliche Bedeutung kannten. Jetzt aber glauben die Wohnungsbehörden, die bisher Rücksicht übten, diesen stillen Winkel nicht länger schonen zu können. Wenn aber das Weberhaus für dauernd bewohnbar gemacht werden sollte, sind Eingriffe in die äußere und innere Gestaltung unumgänglich nötig, die den historischen Charakter des Hauses zerstören.
Der Heimatschutz bemüht sich, im Verein mit dem um die Erhaltung der Kulturstätte verdienten Besitzer, Herrn Emil Krahmer, die drohende Gefahr abzuwenden.
Es erscheint angebracht, auch weitere Kreise für diese Schaffensstätte des Freischütz-Komponisten Carl Maria von Weber zu interessieren, was durch die nachfolgende Schilderung geschehen soll.
Die Schriftleitung.
An der Dresdner Straße in Hosterwitz, in beinahe unmittelbarer Nähe des Pillnitzer Idylls, liegt Carl Maria von Webers Sommerhaus.
Hundert Jahre lang hat ein guter Stern über seiner Unversehrtheit gewacht. Kaum daß es jemand wußte. Zwar Webers Möbel stehen nicht mehr darin. Irgendwer hat später dem hinteren Fachwerkgiebel eine hölzerne Veranda vorgebaut, die aber das Ganze nicht stört und die heute schon wieder alt geworden und von der Zeit in die Stimmung des Winkels einbezogen worden ist. Aber sonst ist es noch ganz und gar Webers Haus geblieben – man meint, die Blumen, die da blühen, habe schon er gestreift, wenn er kam und seine Frau Caroline in der Laube ihm entgegensah. Und die stillwachsenden Bäume haben das Häuschen nur noch tiefer in friedevolles Grün gehüllt.
Es ist eigentlich kaum ein Wunder, daß die hundert Jahre das Häuschen nicht antasteten. Die nahe Stadt wuchs sich nach anderen Richtungen aus und ließ diesen Winkel unberührt. Und daß sonst niemand ein Aufhebens von diesem Eckchen machte, gereichte ihm zum Schutz vor absichtsvollen Aufmerksamkeiten, die vielleicht gerade das zerstört hätten, was nun so reizend daran ist: seine Unberührtheit.
Wir schätzen heute solches Erbe bewußter. Aber sofort zwingen uns auch die schärfer zugreifenden Bedrohungen dazu, uns schützend vor das ideelle Gut zu stellen, das uns gelassenere Zeiten hinterließen. Denn während es bisher gut für das Häuschen war, daß es unbeachtet blieb, müssen wir heute gerade umgekehrt aller Augen darauf hinlenken und sagen: dieses kleine Haus ist ein Schatz, den ihr alle kennen und schützen und erhalten helfen müßt!
Abb. 1 Hosterwitz, gemalt von Professor C. A. Günther um 1820
(Aus dem Dresdner Stadtmuseum)
Als Weber, königlich sächsischer Kapellmeister und Musikdirektor der eben erst geschaffenen deutschen Oper in Dresden, dieses Häuschen fand, erfüllte sich ein längst gehegter Wunsch. Schon lange spähten er und seine junge Frau nach einem »Sommernest« aus, das im Sinne der damaligen Zeit anspruchslos sein, aber nicht zu weit ab von der Stadt liegen sollte. Dieses kleine Haus, das dem Hosterwitzer Winzer Felsner gehörte, entsprach allen Wünschen. Unverdrossen wanderte nun Weber immer wieder von Dresden nach Hosterwitz und zurück, um das Ausmaß irgend eines Raumes zu holen, das Caroline zum Plane der Einrichtung brauchte. Und nachdem er sich so und so oft diesen Weg »entlang komponiert« hatte, bezog das Paar glückstrahlend am 18. Juni 1818 das erste Stockwerk des Häuschens, das ihm zum Sommerparadies wurde.
Wir fahren heute in fünfzig Minuten mit der Straßenbahn von Dresden nach Hosterwitz. Damals kostete das einen strammen Fußmarsch. Und man kann sich eine Vorstellung von dem festlichen Umstande machen, den alljährlich die Übersiedlung in die Sommerresidenz verursachte, wenn man der launigen Schilderung gedenkt, die Wilhelm von Kügelgen in seinen Jugenderinnerungen eines alten Mannes von der Badereise seiner Mutter von Dresden nach Lotzdorf bei Radeberg gibt: »Unser dottergelber Reisewagen ward nun hochbepackt mit allem Nötigen, mit Koffern, Waschen und darüber hingeschnallten Bettsäcken, vier Pferde wurden vorgelegt und die ungeheure Maschine setzte sich in Bewegung.«