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Zwischen neun und neun
Ein Verzeichnis
der Schriften
von
Leo Perutz
findet sich
[am Schluß
dieses Buches]
Zwischen neun und neun
Roman
von
Leo Perutz
4. bis 6.
Auflage
Albert Langen, München
Copyright 1918 by Albert Langen, Munich
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, auch für Rußland, vorbehalten.
Leo Perutz Albert Langen
1
Die Greislerin in der Wiesengasse, Frau Johanna Püchl, trat an diesem Morgen gegen halb acht Uhr aus dem Laden auf die Straße. Es war kein schöner Tag. Die Luft war feucht und kühl, der Himmel bewölkt. Das richtige Wetter, um sich einen kleinen Schnaps zu vergönnen. Aber Frau Püchls Slivovitzflasche, die im Kasten stand, war beinahe geleert und die Greislerin beschloß, den kleinen Rest, der kaum ein »Stamperl« zu füllen vermochte, für die »Zehnerjausen« aufzusparen. Vorsichtshalber versperrte sie die Flasche in den Küchenschrank, denn ihr Ehegatte, der im Lichthof den zerbrochenen Greislerkarren reparierte, stimmte mit ihr in der Wertschätzung eines guten Schnapses völlig überein.
Vor acht Uhr kamen nur ein paar Stammkunden: Der Friseurgehilfe, dem sie allmorgendlich sein Frühstück, ein Butterbrot mit Schnittlauch und ein Büschel Radieschen, zurechtmachte. Zwei Schulkinder, die um zwölf Heller »saure Zuckerln« kauften. Die Köchin der Frau Inspektor aus dem ersten Stock des Elferhauses, die ein Häuptel Salat und zwei Kilo Erdäpfel bekam, und der Herr aus dem Arbeitsministerium, der seit Jahren täglich einen »feinen Aufschnitt« für sein zweites Frühstück im Geschäfte der Frau Püchl erstand.
Lebhaft wurde das Geschäft erst nach acht Uhr und gegen halb neun hatte Frau Püchl alle Hände voll zu tun. Kurz nach neun Uhr erschien die alte Frau Schimek, der die Ecktrafik in der Karl-Denk-Gasse gehörte, zu einem längeren Plausch. Das Gespräch drehte sich um das Mißgeschick, das der Frau Püchl mit einer aus Ungarn bezogenen Sendung Brimsenkäs zugestoßen war. Und in diesem Gespräch wurden sie durch das Erscheinen Stanislaus Dembas unterbrochen, eben jenes Herrn Stanislaus Demba, dessen merkwürdiges Verhalten den beiden Frauen noch wochenlang reichlichen Gesprächsstoff bot.
Demba war dreimal an der Tür vorbeigegangen, ehe er sich entschloß, einzutreten, und hatte jedesmal einen scheuen Blick in das Ladeninnere geworfen. Es sah aus, als suche er jemanden. Auch die Art, wie er eintrat, war auffallend: Er drückte die Klinke nicht mit der Hand, sondern mit dem linken Ellbogen nieder, und bemühte sich sodann, mit dem rechten Knie die Tür aufzustoßen, was ihm nach einigen Versuchen auch gelang.
Dann schob er sich in den Laden. Er war ein großer, breitschultriger Mensch mit einem kurzen, rötlichen Schnurrbart in einem sonst glattrasierten Gesicht. Er trug seinen hellbraunen Überzieher zu einer Art Wulst gewickelt, in welchem seine Hände staken, wie in einem Muff. Er schien einen langen Weg hinter sich zu haben, seine Stiefel waren schmutzig, seine Hosen bis zu den Knien hinauf mit Straßenkot bespritzt.
»Ein Butterbrot, bitte!« verlangte er.
Frau Püchl langte nach dem Messer, ließ sich aber vorerst in ihrem Gespräch mit der Trafikantin nicht stören.
»Also schon das hat mir net g'fall'n: Wie das Kistl ankommt, wiegt's vierasiebz'g Kilo, und i hab' doch von dem Brimsen fünfasiebz'g Kilo b'stellt. Na, und wie i erst den Deckel aufmach', – na also, i sag' Ihna, der Brimsen hat ausg'schaut, daß ma'n hätt' glei auf a Sommerfrisch'n schicken können zur Erholung. Alles wach, alles zerlaufen. Was bekommt der Herr?«
Stanislaus Demba hatte in seiner Ungeduld mit dem Fuß mehrere Male heftig gegen den Ladentisch gestoßen. »Ein Butterbrot, bitte, aber rasch. Ich habe Eile.«
Die Greislerin ließ sich jedoch nicht ohne weiteres von dem wichtigen Gesprächsthema abdrängen. »Entschuldigen, die Frau is vor Ihnen kommen,« sagte sie zu Herrn Demba. »Muß ich sie auch z'erscht bedienen.« Das »z'erscht bedienen« bestand vorerst lediglich darin, daß sie die Fortsetzung der Brimsengeschichte ungekürzt zum besten gab.
»Also i hab' natürli glei reklamiert, und was glauben S' antwort't mir der Mensch! Er hat« – sie holte einen fettbefleckten, zerknitterten Brief aus der Schürzentasche hervor und begann die Stelle zu suchen. – »Aha, da seh'n S', da steht's: … ›den Käse ordnungsgemäß verpackt, und habe ich für den geringfügigen Gewichtsverlust, den die Ware während des Transportes erleidet, nicht aufzukommen‹. Für den ›geringfügigen Gewichtsverlust‹! I hab' glaubt, mi trifft der Schlag, wie i das les'.«
»Das ist halt so die gewöhnliche Redensart bei die Leut',« meinte die Trafikantin.
»Ah, da hat er aber bei mir an die unrechte Tür g'läut't. Glaub'n S', i lass' mir das g'fall'n? Da wär' i ja der Trottel umasunst!«
»Die Leut' haben halt ka Bildung net g'lernt!«
»Das kann ja nur a Verbrecher sein, der si so äußern tut!« rief Frau Püchl im höchsten Zorn.
Hier wurde sie zum drittenmal von Herrn Stanislaus Demba unterbrochen, der nicht gewillt schien, noch länger auf sein Butterbrot zu warten.
»Also vielleicht,« sagte er mit einer Mischung von Nervosität, Hohn und mühsam unterdrückter Wut, »wenn sich Ihr gerechter Zorn ein bißchen gelegt haben wird, vielleicht bekomm' ich dann doch endlich mein Butterbrot.«
»Bin eh scho dabei,« sagte die Greislerin. »Nur a bisserl Geduld. Der Herr hat's aber eilig!«
»Jawohl,« sagte Stanislaus Demba kurz.
»Bleiben S' net noch, Frau Schimek?« rief Frau Püchl der fortgehenden Trafikantin nach.
»I muß hinüberschau'n in mein G'schäft, i komm' nachher eh wieder auf an Sprung.«
»Der Herr ist wahrscheinlich wo fix ang'stellt; in einem Büro oder in einer Kanzlei?« fragte die Greislerin ihren neuen Kunden. »I mein' nur, weil's der Herr so eilig hat.«
»Jedenfalls hab' ich meine Zeit nicht gestohlen,« antwortete Demba grob.
»Bin eh scho fertig.« Frau Püchl schob ihm über den Ladentisch das Butterbrot zu. »Vierundzwanzig Heller.«
Herr Demba machte eine hastige Bewegung nach dem Butterbrot. Aber er nahm es nicht. Er fuhr sich mit der Zunge ein paarmal langsam über die Lippen, runzelte die Stirn und sah aus, als seien ihm plötzlich ernste Bedenken gegen den Genuß von Butterbrot aufgestiegen.
»Soll ich's vielleicht zerschneiden?« fragte die Greislerin.
»Ja, natürlich, zerschneiden Sie's. Selbstverständlich. Oder glauben Sie, daß ich das Brot auf ein mal in den Mund stecken werde?«
Die Frau schnitt das Brot in schmale Stücke und legte es vor den Kunden hin.
Demba ließ das Brot liegen. Er trommelte mit der Fußspitze gegen den Boden und schnalzte mit der Zunge, wie jemand, der ungeduldig auf ein Ereignis wartet, das sich nicht einstellen will. Seine Augen blickten unter dem horngefaßten Zwicker wie hilfesuchend im Laden umher.
»Bekommt der Herr sonst noch was?« fragte Frau Püchl.
»Wie? Ja. Haben Sie vielleicht Krakauer?«
»Krakauer net. A Extrawurst wär' da, a Preßwurst, dürre Wurst, Salami.«
»Also Extrawurst.«
»Wieviel?«
»Acht Deka. Oder zehn Deka.«
»Zehn Deka. So bitte.« Die Frau schlug die Wurst in ein Papier und legte das Päckchen neben das Butterbrot. »Macht vierundsechzig Heller, beides zusammen.«
Demba nahm weder das eine, noch das andere. Er hatte plötzlich außerordentlich viel Zeit und zeigte ein überraschendes Interesse für die kleinen Besonderheiten der Inneneinrichtung eines Greislerladens. Er suchte die Etikette einer Essigflasche zu entziffern und wandte sich sodann dem Studium mehrerer Blechplakate zu, die an den Wänden und über dem Ladentisch hingen. »Verkaufsstelle des beliebten Hasenmayerschen Roggenbrots.« – »Chwojkas Seifensand hält rein die Hand«, las er mit großer Aufmerksamkeit, wobei sich seine Lippen lautlos mitbewegten.
»Das ist doch das beliebte Hasenmayersche Roggenbrot?« fragte er dann und bückte sich prüfend über das Butterbrot, auf das sich inzwischen zwei Fliegen niedergelassen hatten.
»Nein, das ist Brot aus den ›Heureka‹-Werken.«
»So. Eigentlich habe ich Hasenmayersches Roggenbrot haben wollen.«
»Schmeckt eh eins wie's andere und billiger is a net,« gab die Greislerin zur Antwort.
»Dann ist's gut.« Dembas Verhalten wurde immer rätselhafter. Jetzt blickte er mit verzerrtem Gesicht zur Ladendecke hinauf und biß sich wütend in die Lippen.
»Könnten Sie mir die Sachen da nicht nach Haus schicken?« fragte er plötzlich, während ihm ein kleiner Schweißtropfen die Stirne herunterlief. »Mein Name ist Stanislaus Demba.«
»Die Sachen nach Haus schicken? Welche Sachen?«
»Die Sachen da.« Herr Demba wies mit den Augen auf das Butterbrot und das Wurstpäckchen.
»Die Extrawurst?« Die Greislerin starrte Herrn Demba verwundert an. Solch ein Ansinnen hatte ihr noch niemand gestellt.
»Geht das nicht? Ich dachte nur, weil ich noch einige Wege habe, bevor ich nach Hause gehe, und das Zeug nicht herumschleppen will. Man sollte glauben, in einem so großen Betriebe – Geht's nicht? Gut. Das macht nichts.«
Er pfiff leise vor sich hin, sah ein paar Augenblicke den Fliegen zu, die sich auf dem Butterbrot tummelten, und musterte dann mit prüfenden Blicken ein Holzkistchen, das getrocknete Zwetschen enthielt.
»Wie wird denn heuer die Kirschenernte ausfallen?« fragte er dann.
»No, halt in der einen Gegend gut, in der andern wieder schlechter, wie halt die Witterung war,« meinte Frau Püchl und griff nach ihrem Strickstrumpf.
Demba rührte sich noch immer nicht fort.
»Werden sie billiger sein, als im vorigen Jahr?«
»I glaub' net.«
Das Gespräch geriet wieder ins Stocken. Die Greislerin strickte an ihrem Strumpf, während Dembas Aufmerksamkeit von einer Büchse Ölsardinen völlig in Anspruch genommen war.
Zwei neue Kunden kamen. Ein kleines Mäderl, das Salzgurken verlangte, und ein Droschkenkutscher, der eine Knackwurst kaufte. Als die beiden den Laden verlassen hatten, stand Demba noch immer da.
»Kann ich vielleicht ein Glas Milch bekommen?« fragte er jetzt.
»A Milli führ' i net.«
»Also einen Schnaps?«
»Schnaps führ' i net. Is dem Herrn leicht net wohl?«
Stanislaus Demba blickte auf. »Wie meinen Sie. Ja. Gewiß. Mir ist nicht wohl. Ich habe Magenschmerzen, schon die ganze Zeit hindurch. Haben Sie das nicht gleich gesehen?«
»A Lackerl Slivovitz hätt' i no drüben in meiner Wohnung. Vielleicht, daß Ihna davon besser wird,« sagte die Greislerin.
Herrn Dembas Gesicht erhellte sich mit einem Male. »Ja, ich bitte Sie darum. Liebe Frau, bringen Sie mir den Slivovitz! Das soll das Beste sein, was es gegen Zahnschmerzen gibt.«
Die Katherl, Frau Püchls Älteste, spielte im Wohnzimmer mit ihrer Springschnur. Sie war ein dickes, unbeholfenes Kind, und es gelang ihr nur selten, den Vers, nach dessen Takt sie über die Schnur hüpfte, fehlerlos zu Ende zu bringen. Eben hatte sie von neuem begonnen:
»Herr von Bär
schickt mich her,
ob der Kaffee fertig wär' –«
»Kathi,« sagte die Greislerin, »geh eina, daß wer drin is im Laden. Weißt vielleicht, wo i die Schlüsseln hin'tan hab'?«
»Liegen eh in der Lad',« sagte die Katherl und begann weiter zu springen.
»Morgen um acht
wird er gemacht,
morgen um neun
schaust herein –«
Frau Püchl öffnete den Küchenschrank. Aber während sie das Schnapsglas füllte, kam ihr plötzlich ein Gedanke, der sie mit Besorgnis erfüllte. Der Mensch hatte sich so merkwürdig benommen. Zuerst hatte er solche Eile gehabt, und dann war er nicht aus dem Laden herauszubringen gewesen. Hatte herumstudiert und herumspioniert, wie nicht recht gescheit, und am Ende hatte er es auf das Geldladl abgesehen. Vierzehn Kronen waren drin und die Korallenkette, dann zwei Ringe mit Türkisen, das Sparkassabüchl von der Katherl und zwei Heiligenbilder aus Maria-Zell!
Mit dem Stamperl Slivovitz in der Hand stürzte Frau Püchl schreckensbleich in den Laden.
Natürlich! Der Laden war leer! Der feine Herr hatte sich aus dem Staube gemacht. Da haben wir's! Vierzehn Kronen! Das schöne Geld! Frau Püchl ließ sich schweratmend in einen Stuhl fallen und riß wütend die Geldlade auf.
Aber es war alles in schönster Ordnung! Da stand die Schale mit dem Silbergeld, daneben lagen die beiden Ringe, die Korallenkette, das Postsparkassabüchl und die beiden Heiligenbilder.
Gott sei Dank! da fehlte nichts. Nur mit dem Butterbrot und der Wurst war er durchgebrannt. Dafür hatte sie andererseits den Slivovitz für ihre »Zehnerjausen« gerettet. Diese Tatsache versetzte sie in eine versöhnliche Stimmung. Der arme Teufel! Natürlich hatte er kein Geld gehabt, das Brot und die Wurst zu bezahlen. Nun, sie hätte es ihm auch geschenkt, wenn er sie darum gebeten hätte. Man ist ja schließlich doch auch ein Mensch und hat ein Herz im Leib.
Frau Püchl trank nach dem ausgestandenen Schrecken eilig das Slivovitzglas leer. Dann trat sie auf die Straße, um nach dem Flüchtling Ausschau zu halten.
Aber Stanislaus Demba war nicht mehr zu sehen.
Erst als sie zurückkam, fiel ihr Blick auf ein paar Nickel- und Kupfermünzen, die auf dem Ladentisch lagen. Drei Zwanzighellerstücke und zwei Kreuzer. Vierundsechzig Heller.
Stanislaus Demba hatte das Geld gewissenhaft auf den Tisch gezählt und sich dann mit dem Butterbrot davon geschlichen, als ob er es gestohlen hätte.
2
Hofrat Klementi machte mit seinem Freunde, dem Professor Ritter von Truxa, und seinem Hunde »Cyrus« den täglichen Morgenspaziergang in den Liechtensteinpark. Hofrat Klementi, der Direktor der altorientalischen Spezialsammlung des kunsthistorischen Museums, derzeit vorübergehend auch mit der Oberleitung der ethnographisch-anthropologischen Abteilung betraut, muß den Lesern wohl nicht erst vorgestellt werden. Mit seinem grundlegenden, von der Akademie der Wissenschaften subventionierten Werke über die »Bildung altassyrischer Eigennamen« hat er sich in der Gelehrtenwelt eine angesehene Stellung gesichert, während seine scharfsinnigen Untersuchungen über »indische Kachelmotive und ihren Einfluß auf die persische Teppichornamentik« seinen Namen auch in weitere Kreise der Künstler, Kunstfreunde und Sammler getragen haben.
Professor Ritter von Truxa, wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften (philosophisch-historische Klasse) und Lehrer an der Konsular-Akademie, ist weniger bekannt.
Von seinen zahlreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten ist sein vorzügliches kalmückisch-deutsches Wörterbuch an erster Stelle zu nennen. Andere Werke, so zum Beispiel seine Studie über die Häufung der Halbvokale r und l in den kymrischen Dialekten und sein umfangreiches Werk: »Zur Ethnographie und Sprache der Somalistämme« haben auch den Weg ins Ausland und in der dortigen Fachwelt Anerkennung gefunden.
Die wissenschaftliche Tätigkeit dieser beiden Herren spielt jedoch in dieser Erzählung keine bedeutende Rolle, und so sei nur noch rasch angemerkt, daß Professor Ritter von Truxa erst vor kurzem von einer mehrmonatlichen Studienreise aus dem nördlichen Haurangebiet zurückgekehrt und derzeit damit beschäftigt war, die wissenschaftliche Ausbeute dieser Reise, eine Anzahl mehr oder weniger gut erhaltener chettischer und phönizischer Sprachdenkmäler, gemeinsam mit Hofrat Klementi zu bearbeiten und zu veröffentlichen.
Was des Hofrats Hund Cyrus betrifft, so läßt sich seine Rasse mit absoluter Zuverlässigkeit nicht feststellen. Man wird sich jedoch nicht allzuweit von der Wahrheit entfernen, wenn man ihn als – im großen und ganzen – zu der Familie der Spitze gehörig bezeichnet. Er konnte apportieren, Pfotl geben und »bitten« und besaß ein weißes, braungeflecktes Fell und ein verwegenes Temperament.
Hofrat Klementi ging langsam und hatte zudem die Gewohnheit, im Gespräche öfters, am liebsten in besonders belebten Straßen, stehen zu bleiben; er schien sich nur als Verkehrhindernis wirklich wohl und behaglich zu fühlen. Selbst der durch heftiges An-der-Leine-Zerren zum Ausdruck gebrachte Unmut seines Hundes Cyrus, der den alten Herrn sonst grausam tyrannisierte und ihm in allem und jedem seinen Willen aufzwang, konnte gegen diese Schwäche des Gelehrten nichts ausrichten, und Professor Truxa hatte seine liebe Not, den Freund beim Überqueren der Porzellangasse glücklich aus dem Gefahrenbereich der elektrischen Tramway zu bringen.
Der Liechtensteinpark war um diese Zeit – es mochte gegen halb zehn Uhr vormittag sein – bereits ziemlich stark besucht. Kleine Mäderln und Buben liefen mit Reifen und Gummibällen über den Kiesweg, Kinderfräuleins und Ammen schoben plaudernd ihre Wägen vor sich her, Gymnasiasten sagten einander mit wichtigen Mienen ihre Lektionen vor. Die beiden Gelehrten strebten einer abgelegenen Stelle des Parkes zu, an der sie eine von alten Akazienbäumen beschattete und durch dichtes Gebüsch den Blicken der übrigen Parkbesucher entzogene Bank erwartete. Auf diesem Plätzchen pflegten sie allmorgendlich, unbeachtet und von dem lärmenden Treiben ringsumher nur wenig gestört, ein oder zwei Stunden der Durchsicht ihrer Manuskript- und Korrekturbögen zu widmen.
Vorerst waren die Herren jedoch in ein Gespräch über das Verbreitungsgebiet des Haschischgenusses vertieft. Professor Truxa vertrat die Ansicht, daß der Gebrauch dieses Berauschungsmittels immer auf den Orient beschränkt geblieben sei, eine Behauptung, die den Hofrat zu lebhaftem Widerspruch herausforderte.
»Sicher ist es Ihnen bekannt,« sagte er, »daß in den prähistorischen Gräbern Südfrankreichs kleine Tonpfeifchen gefunden worden sind, welche Reste der Canabis sativa L. enthielten. Unsere Vorfahren haben zweifellos Hanf geraucht, und auch den alten Griechen war er bekannt. Erinnern Sie sich doch der Stelle in der Odyssee, in der der Trank Nepenthes erwähnt wird, der ›Kummer tilgt und das Gedächtnis jeglichen Leides‹. Und das ›Gelotophyllis‹, das ›Kraut der Gelächter‹ der alten Skythen, von dem Plinius spricht.«
»Ich möchte doch lieber auf gesichertem, wissenschaftlichem Boden bleiben,« warf Professor Truxa ein. »Wirth in München geht ja noch viel weiter als Sie, ohne übrigens auch nur den Schatten eines ernstzunehmenden Beweises für seine Theorien zu erbringen. Nach seiner Behauptung wären die großen Massenpsychosen der Vergangenheit, der Flagellantismus ebenso wie die merkwürdigen Tanzepidemien, als Folgen des übermäßigen Genusses des Haschischs oder eines Narkotikons von ähnlicher Wirkung anzusehen.«
»Ich kann mich natürlich diesen Seitensprüngen Professor Wirths, der in seinem eigenen Wissensgebiet übrigens Tüchtiges geleistet hat, nicht anschließen. Ich habe ja nur behauptet, daß vereinzelte Fälle von Haschischgenuß auch in Europa zu allen Zeiten einwandfrei beobachtet worden sind und wahrscheinlich auch heute noch auftreten. Wohlgemerkt: Vereinzelte Fälle! Ich erinnere mich beispielsweise eines neapolitanischen Hafenarbeiters – welche Symptome könnten Sie übrigens feststellen, Professor?«
»Ich erkenne Haschischraucher sofort an ihren blitzartig wechselnden Neigungen und Stimmungen und an ihrer aufs äußerste gesteigerten Einbildungskraft. Ein Limonadenverkäufer in Aleppo, den ich im Rauschzustande beobachten konnte, hielt sich für den Erzengel Gabriel. Ein arabischer Briefträger in Waran gab sich für eine Heuschrecke aus und machte solange Flugversuche von der Stadtmauer herab, bis er das Bein brach. Manchmal treten ganz unerwartet brutale Roheitsakte bei sonst sehr ruhigen und friedliebenden Temperamenten auf. Ich habe gesehen, wie ein Nachtwächter in Damaskus einem harmlosen Spaziergänger ohne jeden Anlaß einen solchen Tritt in den Magen versetzte, daß der arme Teufel vom Fleck weg ins Spital gebracht werden mußte.«
»Die Rauschwirkung wird sich aber wahrscheinlich bei den einzelnen Rassen doch auf verschiedene Art äußern, nicht wahr?« fragte der Hofrat.
»Ich möchte da sogar noch weitergehen. Wenn ich von einzelnen, unbedingt sich immer wieder zeigenden Symptomen absehe, dürfte jedes einzelne Individuum in besonderer Art auf den Haschischgenuß reagieren.«
Die Herren waren im Eifer der Debatte stehen geblieben. Es wäre aber unrichtig, zu glauben, sie wären durch das Gesprächsthema so weit absorbiert worden, daß sie den Blick für all das, was in dem menschenerfüllten Park rings um sie vorging, verloren hätten. Das Gegenteil ist richtig. Ein Gummiball, den ein kleiner Bub seinem Kameraden aus der Hand geschlagen hatte, war knapp vor die Füße des Hofrates gerollt. Der Gelehrte hob ihn auf, betrachtete ihn nachdenklich und versuchte ihn sodann in seiner Rocktasche unterzubringen, offenbar im Glauben, daß ihm selbst der Ball eben aus den Händen gefallen sei. Professor Truxa lächelte nachsichtig und nahm dann behutsam seinem Freunde das Spielzeug aus den Händen, sehr darauf bedacht, den Hofrat in seinem Gedankengang nicht zu stören. Gleich darauf vergaß er jedoch selbst, wie er in den Besitz des Balles gekommen war, hielt ihn ratlos in den Händen und wußte nicht, was mit ihm beginnen. Der unglückliche Eigentümer des Spielzeugs war bis auf einige Schritte herangekommen und beobachtete mißtrauisch und stets fluchtbereit die weitere Entwicklung der Dinge.
»Haben Sie die Wirkung des Haschischs auch am eigenen Leib erprobt?« fragte der Hofrat.
»Ja. Aber nur einmal. Ich sah einige Arabesken sinnlicher Natur und bekam Magenbeschwerden.« Professor Truxa war hinsichtlich des Gummiballs zu einem Entschluß gelangt. Er säuberte ihn mit seinem Rockärmel sorgsam von Lehm- und Sandspuren, blies einige Staubkörnchen weg und legte ihn dann behutsam auf den Kiesweg zurück. Der kleine Junge stürzte sich sofort auf sein Eigentum und machte sich mit einem Triumphgeheul aus dem Staube.
Die beiden Gelehrten setzten ihren Weg fort. Sie waren jetzt in dem weniger belebten Teil des Parkes angelangt. Der Kiesweg, durch dichtes Buschwerk zu beiden Seiten in einen Fußweg verengt, führte sie zu ihrem Lieblingsplätzchen, der hinter einer sandsteinernen Gruppe – Kinder, die mit einer Rehkitz spielten – und Gesträuch verborgenen und von zwei Akazien beschatteten Bank.
Auf der Bank saß Stanislaus Demba.
Er war beim Frühstück. Er saß vornüber gebeugt, den Kopf in die Hände gestützt und kaute. Der Rest des Butterbrots und eine Anzahl Wurstscheibchen lagen neben ihm auf der Bank. Sein hellbrauner Überzieher schien ihm jetzt als eine Art Serviette zu dienen. Er hing ihm vom Hals herunter, wie ein Theatervorhang, und verbarg Brust, Hände, Arme und Beine hinter seinem Faltenfluß. Die langen, leeren Ärmel flatterten im Wind.
Der Hofrat und der Professor trafen ihre Vorbereitungen. Die Bank war feucht und nicht sehr sauber. Professor Truxa suchte in seinen Taschen nach einer Unterlage und entschied sich, als er nicht gleich etwas Passendes fand, mit der raschen Entschlossenheit, die diesen Gelehrten in großen, wie in kleinen Dingen kennzeichnet, dafür, dieser Verwendung die Korrektur- und Manuskriptbögen zuzuführen, zu deren Durchsicht der heutige Vormittag bestimmt war. Nur der Geistesgegenwart des Hofrates, der noch im letzten Augenblick die kostbaren Papiere dem Freunde entriß, war es zu danken, wenn ein nicht wieder gutzumachender Schaden verhütet wurde.
Cyrus wurde mit der Leine an die Banklehne gebunden und dafür vom Maulkorb befreit. Dann nahmen die Herren Platz.
Stanislaus Demba schien die Ankunft der beiden Gelehrten als lästige Störung zu betrachten. Er hörte zu essen auf, hob den Kopf und biß sich verdrießlich in die Lippen. Er schien enttäuscht, als er sah, daß Vorbereitungen zu längerem Aufenthalt getroffen wurden, stand auf und wandte sich zum Gehen. Da fiel sein Auge auf das Butterbrot. Er zögerte, blieb eine Weile unentschlossen stehen und ließ sich dann resigniert wieder auf die Bank nieder.
Hofrat Klementi und Professor Truxa hatten ihre Manuskriptbögen geordnet und zurechtgelegt, machten sich Notizen und tauschten halblaute Bemerkungen. Ein paar Minuten vergingen, dann wurden sie in ihrer Arbeit gestört.
»Würden Sie vielleicht die Güte haben, Ihren Hund zu sich zu rufen?« sagte Demba mit einem unangenehmen Lächeln zum Professor, der ihm zunächst saß.
Professor Truxa hob den Kopf. Cyrus verspeiste eben zwei Stücke von Dembas Extrawurst.
»Er ist mir lästig. Ich kann Hunde nicht vertragen.« Dembas Stimme zitterte vor Wut.
»Herr Hofrat, sehen Sie doch, was Ihr Hund angestellt hat!« rief der Professor verlegen.
»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung!« klagte der Hofrat, dem das Benehmen seines Hundes sehr peinlich war. »Ich muß Sie wirklich um Verzeihung bitten. Cyrus! Daher zu mir!«
Es ist nicht bekannt, in welcher Sprache Hofrat Klementi sich für gewöhnlich mit seinem Hunde verständigte. Vielleicht hatte sich Cyrus in langjährigem Zusammenleben mit seinem Herrn einige Kenntnisse im Aramäischen oder Vulgärarabischen erworben. Deutsch schien er auf keinen Fall zu verstehen. Er wiederholte seinen Angriff auf die Wurst, und der Versuch des Hofrats, ihn an den Ohren zurückzuziehen, hatte nur die Wirkung, daß Cyrus böse wurde, knurrte und nach seines Herrn Hand schnappte.
Demba folgte mit ängstlicher Spannung jeder Bewegung des Hundes, rührte jedoch keine Hand, um ihn zu verjagen oder seine Wurst zu schützen.
»Könnten Sie vielleicht Ihre Eßwaren auf die andere Seite der Bank legen? Dorthin kommt der Hund gewiß nicht,« bat der Hofrat.
»Auf die andere Seite?« Demba sah keinen Anlaß, die Sachen auf die andere Seite zu legen. Er wäre dazu nicht verpflichtet. Und überhaupt dort sei Sonne und die Wurst würde zweifellos in der Sonne verderben, das werde der Herr wohl einsehen.
Der Hofrat sah das natürlich ein, obwohl der Himmel bewölkt und keine Spur von Sonne zu sehen war.
»Übrigens,« fuhr Demba fort, »ist die Wurst eigentlich schon jetzt nicht mehr zu genießen. Sie ist nicht mehr frisch, man kann sie ruhig dem Hund geben. Brot frißt er wahrscheinlich nicht? Auf das Brot habe ich nämlich selbst Appetit. Es ist das beliebte Hasenmayersche Kornbrot und feinste dänische Butter.«
»Wollen Sie es nicht doch von hier fortnehmen?« bat der Hofrat. Cyrus war mit der Wurst fertig und fiel rücksichtslos über das Butterbrot her. Stanislaus Demba schluckte ein paarmal, verschlang das Butterbrot gierig mit den Augen, aber er tat nichts, um es in Sicherheit zu bringen.
»Na!« zischte er wütend. »Ihr Hund scheint ja geradezu ausgehungert zu sein. Nicht ein Stückerl läßt er übrig, nicht das allerkleinste Stückerl.«
»Ja, warum haben Sie es denn nicht fortgenommen?« fragte Professor Truxa.
»Das Brot ist altbacken, wissen Sie, und vor Butter habe ich bei warmem Wetter geradezu einen Ekel. Ich hätte es ohnedies nicht berührt.«
Die beiden Gelehrten wandten sich wieder ihrer Arbeit zu. Aber für Demba schien die Angelegenheit noch nicht beendet zu sein. Ob es den Herren etwa nicht recht sei, fragte er herausfordernd, daß er ihren Hund mit seinem Butterbrot füttere. Es sei merkwürdig, daß manche Leute ihrem Hunde sein bißchen Fressen mißgönnten, selbst wenn es sie nicht einen Heller kostete.
Professor Truxa fragte seinen Freund, ob er es nicht für rätlich halte, sich nach einer anderen Bank umzusehen. Der junge Mensch wolle einen Streit vom Zaun brechen. – Um von Demba nicht verstanden zu werden, bediente Professor Truxa sich des Idioms der nördlichen Tuaregvölker, und zwar – der größeren Sicherheit halber – des Dialekts eines bereits seit längerer Zeit ausgestorbenen Stammes.
Stanislaus Demba schien es wirklich darauf abgesehen zu haben, die Gelehrten an der Weiterarbeit zu verhindern. – Ob der Herr vielleicht etwas Besonderes daran finde, wenn es ihm einfiele, einem fremden Hund sein Frühstück zu schenken, – fuhr er in gereiztem Ton den Professor an. Was denn weiter dabei sei? Bißchen Wurst und Brot. Um vierundsechzig Heller in jedem Greislerladen zu haben. Oder ob der Herr etwa glaube, daß man besondere Tricks oder Schliche oder Winkelzüge anwenden müsse, um in den Besitz von Wurst und Brot zu gelangen.
»Nein. Natürlich nicht,« sagte der erstaunte Professor höflich. Und der Herr sei augenscheinlich ein großer Tierfreund, – setzte er hinzu.
»Aber du bist ja ein liebes Hunderl!« rief Stanislaus Demba in plötzlich erwachter Begeisterung. »Du bist ein reizendes Hunderl.« Ob die Herren den Hund vielleicht abgeben wollten. »Nicht? Schade!« – Der Hund würde es bei ihm gut haben. Stanislaus Demba, – wenn er sich den Herren vorstellen dürfe. Demba, cand. phil. … Nach so einem Hund sei er schon lange auf der Suche. »Und von wem hat denn der Hund das schöne, rote Mascherl bekommen? Du bist aber ein herziger Hund! Na, so komm doch her zu mir! Willst du Zucker haben?«
»Geh hin, Cyrus!« sagte der Hofrat. »Gib dem Herrn schön das Pratzerl.«
Cyrus ging arglos ganz nah an Stanislaus Demba heran und hob die Vorderpfote.
Darauf schien der Student jedoch gewartet zu haben. Der unglückliche Hund erhielt statt des Zuckers einen gewaltigen Fußtritt und fiel heulend auf den Rücken.
Und nun sprang Stanislaus Demba auf und stürmte ohne Gruß davon. Das untere Ende seines Mantels, den er über den Armen hängen hatte, geriet ihm unter die Füße und brachte ihn zum Stolpern. Ein leises, metallisches Klirren war plötzlich zu hören, ähnlich dem Rasseln eines Schlüsselbundes. Aber Demba bewahrte sein Gleichgewicht, raffte den Mantel zusammen und verschwand hinter der Biegung des Fußpfads.
Professor Truxa erholte sich nur langsam von seinem Entsetzen. »So ein roher Mensch!« rief er entrüstet dem Hofrat zu.
Der Hofrat war merkwürdig ruhig geblieben. »Professor!« sagte er leise, ohne sich um den jammernden Cyrus zu kümmern. »Haben Sie das gesehen?«
»Natürlich! So ein roher Mensch!«
»Ist Ihnen sonst nichts an dem Menschen aufgefallen?« flüsterte Hofrat Klementi geheimnisvoll. »Ich habe ihn die ganze Zeit hindurch beobachtet. Denken Sie doch: Dieser jähe Umschwung der Stimmungen! Dieser anfängliche Heißhunger, der sich plötzlich in Ekel vor allem Eßbaren verwandelte. Dieser Roheitsausbruch, diese Brutalität gegen ein harmloses Tier, das er kurz vorher geradezu liebevoll gefüttert hat. Professor! Merken Sie nichts?«
»Sie meinen –?« fragte Professor Truxa.
»Haschisch!« schrie der Hofrat. »Ein Haschischraucher hier bei uns! In Europa!«
Professor Truxa erhob sich langsam und starrte dem Hofrat ins Gesicht.
»Sie könnten recht haben, Herr Hofrat,« sagte er. »Wie merkwürdig! Ein Haschischtrunkener! Er wäre der erste, dem ich in Europa begegne!«
»Natürlich hab' ich recht!« frohlockte der Hofrat.
»Mir ist die Art, wie er seinen Mantel trug, aufgefallen,« meinte der Professor nachdenklich. »Als ob er etwas Kostbares unter dem Überzieher vor den Augen der Menge zu verbergen hätte. Sie wissen, der Haschischraucher bildet sich immer ein, irgendeinen geheimnisvollen Schatz bei sich zu tragen.«
»Kommen Sie, Professor!« rief der Hofrat, »rasch! Wir holen ihn noch ein, wir dürfen ihn nicht aus den Augen lassen!«
Sie eilten dem Studenten in solcher Aufregung nach, daß sie den Hund Cyrus ganz vergaßen, der, mit der Leine an die Bank gebunden, vergeblich seinen Herrn durch Bellen und Winseln an seine Existenz zu erinnern suchte.
Als die beiden Gelehrten atemlos den unteren Teil des Parkes erreichten, war der Haschischtrunkene schon lange im Gewühle der spielenden Kinder verschwunden.
3
Das »Fräulein« wußte genau, wie gut ihr ihre neue Voilebluse mit den beiden sich kreuzenden roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie im Park auf der Bank saß und in ihrem Buch las, während der kleine Bub und das Mäderl, die sie spazieren zu führen hatte, mit ihrem Miniaturspritzwagen spielten oder Sand in allerlei kleine Gefäße und Formen füllten, so kam es nur selten vor, daß sie lange allein blieb. Ein oder zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei waren ihr gewöhnlich lieber, denn es war so lustig zuzusehen, wie dann einer dem andern im Weg war), taten anfangs überaus gleichgültig, so als ob sie sich aus reinem Zufall oder weil gerade der Platz so hübsch schattig war für diese Bank entschieden hätten, bezeigten ein forciertes Interesse für alles mögliche: für die Spatzen und Tauben, für die Leute, die vorübergingen, oder für ihre eigenen Stiefelspitzen, – bis sie schließlich doch ein Gespräch anknüpften: »Fräulein lesen da sicher etwas sehr Interessantes!« oder: »Zwei reizende Kinder, Ihre beiden kleinen Zöglinge, wie heißt du denn, Mäderl?« Oder die Keckeren unter ihnen: »Sie werden sich Ihre schönen blauen Augen verderben, Fräulein, wenn Sie fortwährend lesen.«
Ernstere Bekanntschaften ergaben sich für das Fräulein aus solchen Anfängen fast niemals, denn die jungen Herren kamen meist schon bei der zweiten Zusammenkunft mit Vorschlägen, Wünschen und Anliegen, die weit über das hinausgingen, worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause, – bitte, »Fräuleins« Vater war Oberoffizial bei der Post gewesen und ein Onkel ihrer Mutter war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium –, worüber ein junges Mädchen aus gutem Hause also vielleicht nach längerer Bekanntschaft, eventuell, unter Umständen mit sich reden lassen darf. Bei manchen Herren mußte man überhaupt schon nach zwei Minuten das Gespräch abbrechen, solche Reden führten sie, man mußte aufspringen: »Willi! Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen!«, und den unverschämten Menschen einfach sitzen lassen. Das kam öfters vor, obwohl das Fräulein durchaus nicht prüde war, sondern im Gegenteil ein gewisses Vergnügen an vorsichtig-andeutenden Gesprächen über schlüpfrig-pikante Themen hatte.
Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose Bekanntschaft in einen Ansichtskartenverkehr überging. Ansichtskarten ließ sich das Fräulein für ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens kam, bedeutete für sie den Höhepunkt des Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der Unterschrift eines ihr völlig gleichgültig Gewordenen oder gar Vergessenen, das letzte Echo einer nichtigen, verplauderten halben Stunde. Aber es war so lustig, wenn die Gnädige ärgerlich ins Zimmer kam und auf die Frage ihres Mannes, ob der Briefträger schon dagewesen sei, verdrossen zur Antwort gab: »Ja, aber für uns war nichts, nur für das Fräulein zwei Karten.«
Heute saß kein junger Mann neben dem Fräulein, sondern Frau Buresch, eine ältere Dame, die mit ihren beiden Kindern Tag für Tag den Park besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten, alle vier zusammen; Frau Buresch und das Fräulein tauschten Bemerkungen über das Wetter aus.
»Hat es sich doch aufgeheitert,« sagte das Fräulein.
»Mir ist lieber, es regnet, als man weiß nicht, wie man dran ist,« meinte Frau Buresch pessimistisch und holte ihre Häkelarbeit hervor.
»Wie ich heut früh aus dem Fenster geschaut hab', hätt' ich geschworen darauf, daß es den ganzen Tag regnen wird, so hat's ausgesehen. Jetzt ist's doch wieder ganz schön geworden, merkwürdig.«
Das Wetterthema war erledigt. Das Fräulein blätterte in ihrem Buch. Frau Buresch häkelte.
»Im Votivpark sollen dieses Jahr Sessel aufgestellt werden statt der Bänke«, erzählte das Fräulein. »Vier Heller pro Person.«
»Alles wird täglich teurer. Ich sag' Ihnen, Fräulein, grau in grau ist das Leben. Was, glauben Sie, kostet heuer ein Kilo ganz gewöhnliches, ausgelassenes –«
Sie verschluckte das ganze Kilo ganz gewöhnlichen ausgelassenen Schweinefetts, das sie auf der Zunge hatte, und verstummte. Ein junger Mann hatte sich zwischen sie und das Fräulein gesetzt. Und wenn sich ein junger Mann neben das Fräulein setzte, dann wollte Frau Buresch um Gottes willen nicht stören. Dann schob sie sich rücksichtsvoll bis an das äußerste Ende der Bank und vertiefte sich in ihre Häkelarbeit.
Stanislaus Demba trug seinen hellbraunen Havelock um die Schultern geworfen und vorne flüchtig zugeknöpft. Die leeren Ärmel hingen schlaff hinunter. Er hatte sich erschöpft auf die Bank niedergelassen, wie einer, der einen weiten Weg hinter sich hat und froh ist, daß er ein paar Minuten lang ausruhen kann.
Erst nach einer Weile schien er zu bemerken, daß seine Nachbarin ein ausnehmend hübsches Mädchen war. Er setzte sich zurecht und schaute ihr aufmerksam ins Gesicht. Er schien zufrieden.
Dann fiel sein Auge auf das Buch, das sie in der Hand hielt.
Dem Fräulein entging der Eindruck, den sie auf ihren Nachbar machte, nicht. Verstohlen hatte auch sie ihn gemustert, ohne dabei von ihrem Buche aufzublicken. Er mißfiel ihr nicht. Freilich, elegant konnte man ihn beim besten Willen nicht nennen, und die gut angezogenen jungen Leute waren ihr eigentlich lieber. Aber dieser junge Mann schien ihr von andrer Art zu sein, als die Leute, mit denen sie sonst verkehrte. Vielleicht gehörte er zur Boheme – dachte sie. – So sieht er aus. Er hat lebhafte Augen und macht den Eindruck eines energischen und klugen Menschen. Wenn man es recht überlegte, so konnte man sich diesen schweren und ungefügen Körper gar nicht in einen feinen, gutgemachten Anzug hineindenken. Er kleidete sich eben, wie es seiner Natur entsprach – stellte das Fräulein fest. Freilich, die Hosen, die über und über mit Kot bespritzt waren, hätte er sich wohl abbürsten können, bevor er sich neben sie setzte. Aber trotzdem! Das Fräulein fand, daß irgend etwas an dem jungen Menschen sie anzog. Sie beschloß, sich seinen Annäherungsversuchen gegenüber, die ja nicht ausbleiben würden, das wußte sie genau, entgegenkommend zu verhalten.
Stanislaus Demba begann das Gespräch in nicht gerade origineller Weise, indem er das Fräulein nach dem Gegenstand ihrer Lektüre fragte. »Das ist ein Ibsen, nicht wahr?«
Das Fräulein war sehr geübt darin, zusammenzufahren, wenn sie angesprochen wurde und dem Fragenden ein erschrockenes, verwirrtes und ein wenig indigniertes Gesicht zuzukehren.
Stanislaus Demba wurde sofort verlegen. »Hab' ich Sie gestört?« fragte er. »Ich wollte Sie nicht stören.«
»Ach nein,« sagte das Fräulein, senkte die Augen und tat, als ob sie weiterlese.
»Ich wollte nur fragen, ob das Buch da nicht ein Ibsenstück ist.«
»Ja. Die Hedda Gabler.«
Stanislaus Demba nickte mit dem Kopf und wußte weiter nichts zu sagen.
Pause. Das Fräulein blickte in ihr Buch, ohne jedoch zu lesen. Sie wartete. Aber Stanislaus Demba schwieg.
Ein bißchen schwerfällig ist er – dachte das Fräulein. Sie kam ihm zu Hilfe. »Sie kennen das Stück?« fragte sie. Jetzt ließ sie das Buch sinken zum Zeichen, daß ihr nicht sonderlich viel am Weiterlesen gelegen sei.
»Ja. Natürlich kenne ich's,« sagte Demba. – Weiter nichts.
Dem Fräulein blieb nichts anderes übrig, als umzublättern und die Lektüre fortzusetzen. War er so ungeschickt? Wußte er nichts weiter zu sagen? Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu haben? Mißfielen ihm etwa die beiden kleinen Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum. Alle Leute fanden gerade diesen kleinen Schönheitsfehler reizend und apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit. Und das Fräulein entschloß sich, ihm eine letzte Chance zu geben. Sie ließ ihren Regenschirm fallen.
Jeder junge Mann, auch der dümmste und ungeschickteste, wird in einem solchen Fall blitzschnell nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswürdigen Redensarten überreichen. Und die Dame bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt, ist das Gespräch im Gange.
Aber diesmal geschah etwas Unerhörtes. Etwas, was sich in der Geschichte aller Parkanlagen der Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus Demba ließ den Schirm liegen. Er sprang nicht auf, er haschte nicht nach ihm. Nein. Er rührte sich nicht und ließ es zu, daß sich das Fräulein selbst nach dem Schirm bückte.
Aber das Fräulein war seltsamerweise nicht beleidigt. Nein. Gerade das imponierte ihr an Stanislaus Demba, daß er so anders als die anderen vorging. Er verschmähte die abgebrauchten Mittel, mit denen Dutzendmenschen auf Frauen Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht galant erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger Ritterlichkeit. Des Fräuleins Interesse an Demba wuchs. Und vielleicht hätte jetzt sogar sie ihn angesprochen – Frau Buresch häkelte und sah nicht hin –, wenn nicht Demba selbst mit einem Male zu reden begonnen hätte.
»Wenn ich Ihr Vater wäre, Fräulein,« sagte er, »würde ich Ihnen verbieten, Ibsen zu lesen.«
»Wirklich? Aber warum denn? Paßt er denn nicht für junge Mädchen?«
»Weder für Erwachsene noch für junge Mädchen,« erklärte Demba. »Er gibt Ihnen ein falsches Weltbild. Er ist die Marlitt des Nordens.«
»Aber das müssen Sie doch wohl begründen.« Das Fräulein kannte die Art der jungen Leute, denen es nicht darauf ankam, ein paar Größen zu stürzen, wenn sie durch kühne, literarische Behauptungen Interesse für sich erwecken konnten.
»Es würde Sie langweilen. Mich langweilt es auch,« sagte Demba. »Ich müßte Ihnen vor allem erklären, wie wenig und wie Gewöhnliches hinter seinen Symbolen verborgen liegt. Wie alle seine Menschen sich am leeren Klang ihrer Worte berauschen. – Aber lassen wir das, mich langweilen literarische Gespräche. Nur etwas noch: Haben Sie es noch nicht bemerkt? Seine Menschen sind alle geschlechtlos.«
»So? Geschlechtlos?« – Das Fräulein hatte nicht viel von Ibsen gelesen. Mein Gott, man kommt so selten zu einer ruhigen Stunde und zu einem guten Buch. Außer »Hedda Gabler« kannte sie nur noch »Gespenster«. Aber sie verstand es, hauszuhalten mit ihrem Wissen und den Eindruck großer Belesenheit und einer lückenlosen Kenntnis der neueren Literatur hervorzurufen.
»Und der Oswald?« fragte sie. »Finden Sie den etwa auch geschlechtlos?«
»Oswald? Ein verkappter Kandidat der Theologie. Glauben Sie ihm doch den Kuß im Nebenzimmer nicht!« – Stanislaus Demba raffte sich zu einem Witz auf. »Das ist ein Schwindel: Ein Theaterarbeiter ist es, der im Nebenzimmer die Regina küßt, ein Kulissenschieber, der Inspizient vielleicht, aber nicht der Oswald.«
Das Fräulein lachte.
»Übrigens,« fuhr Demba fort und rückte näher an das Fräulein heran, »ist der Kuß ein Betrug an der Natur. Ein Ausweg, von Frauen ersonnen, um den Mann um sein Recht zu prellen.«
»Sie sind aber unbescheiden. Sie gehen wohl gleich aufs Ganze, nicht?« meinte das Fräulein.
»Küssen, Streicheln, Körper an Körper schmiegen,« predigte Stanislaus Demba, »sind nur dazu da, um uns abzulenken von dem einen, das wir der Natur schulden.«
Das Fräulein überlegte, ob es nicht besser sei, aufzustehen und die Unterhaltung zu beenden, die ein wenig schwül zu werden drohte. Aber ihr Nachbar sprach ja vorerst ganz akademisch, reine Theorie alles, und der Gegenstand des Gesprächs behagte ihr im Grund genommen. Sie schielte nach Frau Buresch: die saß und häkelte und hatte sicher kein Wort verstanden, und die Kinder spielten in beruhigender Entfernung.
Aber Demba gab jetzt selbst dem Gespräch eine andere Wendung.
»Ich habe Hunger,« sagte er.
»Wirklich?«
»Ja. Denken Sie. Seit gestern mittag habe ich nichts gegessen.«
»So rufen Sie doch dort das Brezelweib und kaufen Sie sich ein Stück Kuchen.«
»Das sagt sich sehr leicht, aber es ist nicht so einfach,« sagte Demba nachdenklich. »Wieviel Uhr ist es eigentlich?«
»Halb zehn vorüber ist es auf meiner Uhr. Gleich dreiviertel,« sagte das Fräulein.
»Herrgott, da muß ich ja gehen!« Demba sprang auf.
»Wirklich? Das ist schade. Es ist so langweilig, hier allein zu sitzen.«
»Ich habe mich verplaudert,« sagte Demba. »Ich habe viel zu tun. Ich hätte mich eigentlich gar nicht setzen dürfen. Aber ich war todmüde und die Füße schmerzten mich. Und außerdem« – Demba schwang sich zur höchsten Liebenswürdigkeit auf, deren er fähig war –, »ich konnte ja gar nicht an Ihnen vorbeigehen. Ich mußte Sie kennen lernen.«
»Es ist eigentlich schade, daß wir nicht weiterplaudern können.« Das Fräulein wippte leicht mit der Fußspitze und ließ einen zarten Knöchel und den Ansatz eines schlanken, schöngeformten Beines sehen.
Stanislaus Demba starrte wehrlos auf ihren Fuß und blieb sitzen.
»Ich möchte Sie gerne wiedersehen,« sagte er.
»Ich gehe häufig um diese Zeit mit den Kindern spazieren. Freilich, in diesem Park bin ich nicht immer.«
»Und wo sind Sie gewöhnlich?«
»Das ist verschieden. Es hängt von meiner Gnädigen ab. Ich bin Erzieherin.«
»Dann werde ich wieder mal hierher schauen.«
»Wenn Sie es dem Zufall überlassen wollen – aber Sie können mir ja schreiben,« sagte das Fräulein.
»Gut. Dann werde ich Ihnen schreiben.«
»Also notieren Sie sich meine Adresse: Alice Leitner, bei Herrn kaiserlichen Rat Adalbert Füchsel, neunter Bezirk, Maria-Theresien Straße 18. – Warum notieren Sie es nicht?«
»Das merke ich mir auch so.«
»Das ist unmöglich. So eine lange Adresse kann man sich nicht merken. Wiederholen Sie sie doch einmal.«
Stanislaus Demba wußte nur noch Alice und kaiserlicher Rat Füchsel. Alles andere hatte er vergessen.
»Also schreiben Sie sich's auf!« befahl das Fräulein.
»Ich habe weder Bleistift noch Papier,« sagte Demba und verzog ärgerlich das Gesicht.
Das Fräulein holte einen Bleistift aus ihrer Handtasche und riß ein Blatt Papier aus ihrem Notizbuch. »So. Notieren Sie sich's.«
»Ich kann nicht,« versicherte Stanislaus Demba.
»Sie können nicht?« fragte das Fräulein erstaunt.
»Nein. Ich bin leider Analphabet. Ich kann nicht schreiben.«
»Machen Sie doch keine Scherze!«
»Das ist kein Scherz. Es ist eine bekannte statistische Tatsache, daß 0,001‰ der Wiener Bevölkerung aus Analphabeten besteht. Dieses eine Null Ganze, Null, Null eins pro Mille bin ich.«
»Das soll ich Ihnen glauben?«
»Gewiß, Fräulein! Sie haben heute die Ehre –«
Stanislaus Demba verstummte. Ein Windstoß hatte ihm den Hut vom Kopf gerissen und über den Kiesweg auf den Rasen getrieben. Stanislaus Demba sprang auf und machte einige Schritte hinter dem Hut her. Plötzlich blieb er stehen, kehrte sich langsam um und ging auf seinen Platz zurück.
»Dort liegt er,« murmelte er, »und ich kann ihn nicht holen.«
»Sind Sie komisch,« lachte das Fräulein. »Haben Sie vielleicht Angst vor dem Parkwächter?«
»Wenn Sie mir nicht helfen, bleibt er dort liegen.«
»Ja, aber warum denn?«
Stanislaus Demba holte tief Atem.
»Weil ich ein Krüppel bin,« sagte er mit tonloser Stimme. »Es muß heraus. Ich habe keine Arme.«
Das Fräulein sah ihn entsetzt an und brachte kein Wort aus der Kehle.
»Ja,« sagte Stanislaus Demba. »Ich habe beide Arme verloren.«
Das Fräulein ging wortlos in den Rasen und holte den Hut.
»Bitte, setzen Sie mir ihn auf. – Ich bin leider auf fremde Hilfe angewiesen. – So, danke.«
»Ich war Ingenieur,« sagte Demba und ließ sich wieder auf die Bank nieder. »Demba, Ingenieur in den Heurekawerken. Ich war so ungezogen, mich nicht gleich vorzustellen. Kennen Sie die Heurekawerke? Nein! Broterzeugung. Hasenmeyers beliebtes Kornbrot. Haben Sie nie davon gehört?«
»Nein,« flüsterte das Fräulein und schloß die Augen. Jetzt verstand sie manches an ihres Nachbars Benehmen. Sie begriff, warum er ihr vorhin den Schirm nicht aufgehoben hatte, der Arme. Und warum er sich geweigert hatte, ihre Adresse aufzuschreiben.
»In der Dampfmühle ist es mir geschehen. Ich geriet mit beiden Armen in die Mahlmaschine. An einem – nein, es war gar nicht einmal an einem Freitag. An einem ganz gewöhnlichen Donnerstag war's; am zwölften Oktober.«
Mit einem Male bekam das Fräulein eine rasende Angst, daß er auf den Einfall kommen könnte, ihr seine verstümmelten Arme zu zeigen. Zwei kurze, blutunterlaufene Stümpfe – Nein! Sie konnte nicht daran denken. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.
»Ich muß leider jetzt gehen,« sagte sie leise und schuldbewußt. »Willi! Gretl! Es ist Zeit, daß wir nach Hause gehen.«
Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar. Wie schauerlich die leeren Ärmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr vorher als stolz zur Schau getragene Originalität, als die gewollte Uneleganz des Bohemiens erschienen war, erkannte sie jetzt als das, was es wirklich war: Als mühsam verborgenes Elend.
Und hatte er nicht selbst gestanden, daß er Hunger litt?
»Sind Sie noch in der Fabrik?« fragte sie.
»Wo? In der Fabrik? – Ach so. In den Heurekawerken. – Nein. Wer kann denn einen Krüppel brauchen,« sagte Demba.
Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es ging ihm schlecht. – Viel Geld hatte das Fräulein nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem Handtäschchen und ein Zehnhellerstück. Die legte sie heimlich neben Stanislaus Demba auf die Bank.
Dann stand sie auf. – Einen Augenblick lang zuckte es in ihr, dem unglücklichen Menschen die Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die ganze Absurdität dieses Vorhabens zum Bewußtsein.
Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete sich von Frau Buresch. Dann nahm sie das kleinere der Kinder an der Hand und ging.
Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein, daß der arme Mensch das Geld ja gar nicht zu sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, daß ihm irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein Vorübergehender; oder Frau Buresch.
Frau Buresch, der kein Wort des Gespräches entgangen war, obwohl sie sich den Anschein gegeben hatte, als sei sie nur mit ihrer Häkelarbeit beschäftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba das Geld entdeckte. Sie beobachtete, wie sein Gesicht sich in eine Grimasse der Bestürzung, des Ekels und der Enttäuschung entstellte, und sie sah mit Staunen, wie aus seinem Mantel zwei Fingerspitzen hervorkamen, die das Geld mit wütender Gebärde auf den Boden warfen.
4
Im Bureau der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, herrschte heute keineswegs rege Tätigkeit. Der Chef war zwar wie alle Tage am Morgen hier gewesen, hatte ein bißchen mit dem Personal gebrummt, und speziell den Kontoristen Neuhäusl, der sich um eine volle halbe Stunde verspätet hatte, für den nächsten Ersten die Kündigung in Aussicht gestellt. Hatte dann in seinem Privatkontor eine heftige Auseinandersetzung mit dem Reisenden Zerkowitz gehabt – »In Wien spazieren gehen, dafür zahl' ich Sie nicht! Fällt mir nicht ein!« hatte man ihn schreien gehört. – Schließlich hatte er dem Fräulein Postelberg unter fortwährendem Husten und Räuspern zwei Briefe diktiert, und dazwischen über den Kohlenstaub in den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann aber war er mit der Bemerkung fortgegangen, daß er in einer Stunde wahrscheinlich wieder da sein werde; aber die Drohung machte auf keinen seiner Angestellten Eindruck. Man wußte, daß er mit dem Zehnuhrzug nach Kottingbrunn fahren wollte, wo nachmittag das Rennen stattfand.
An solchen Tagen pflegten die Bureaustunden im Hause Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, gemütlich und angenehm zu verlaufen. Denn der Buchhalter Braun, der den abwesenden Chef zu vertreten hatte – Mister Brown wurde er von den drei Bureaufräuleins genannt, obwohl er nach Mährisch-Trübau zuständig war und kein Wort Englisch verstand –, Mister Brown war kein Spielverderber. Er selbst arbeitete zwar gewissenhaft an seinem Stehpult weiter, addierte unverdrossen Ziffernkolonnen, schloß Konti ab und eröffnete neue, aber was rings um ihn geschah, interessierte ihn nicht. Seine Kollegen und Kolleginnen durften sich die neunstündige Bureauzeit vertreiben, wie es ihnen beliebte. Nur wenn die Unterhaltung zu laut wurde, schüttelte er mißbilligend den Kopf.
Laut war die Unterhaltung diesmal nicht. Eine einzige Schreibmaschine klapperte. Das war Fräulein Hartmann, die morgen auf Urlaub ging und ihren Rückstand aufarbeiten mußte. Fräulein Springer las aus dem Tagblatt den Sportbericht vor. Fräulein Postelberg hatte zwei Spiegel auf ihren Schreibtisch gestellt und legte die letzte Hand an ihre neue Frisur. Herr Neuhäusl beschäftigte sich mit der Malträtierung seiner Taschenuhr, der er die Schuld an seiner Verspätung beilegte. Der Praktikant Josef malte traumverloren auf einen Bogen Kanzleipapier mit blauem Bleistift seine Unterschrift, die so schwungvoll war, daß er ohneweiters zum Gouverneur der österreichisch-ungarischen Bank hätte ernannt werden können. Aus dem Lagerraum war die fettige Stimme des Reisenden Zerkowitz zu vernehmen, der irgend jemandem Vorwürfe machte, weil eine Musterkollektion noch immer nicht zusammengestellt war.
»Ethel, wie steht sie mir?« fragte jetzt Fräulein Postelberg, die eben mit ihrer Frisur fertig geworden war.
»Laß dich anschauen! Wirklich großartig, Claire,« sagte Fräulein Springer.
»Claire« und »Ethel« sind für Angestellte einer Manufakturfirma am Franz-Josefs-Kai nicht gerade alltägliche Namen. Keine der beiden Damen hätte ihr Recht auf den schönklingenden Rufnamen aus ihren Tauf-, Geburts- oder sonstigen Dokumenten schwarz auf weiß nachweisen können. Aber dem Fräulein Postelberg konnte man die Berechtigung, sich »Claire« rufen zu lassen, nicht bestreiten. Obwohl sie ein widriges Geschick als schlichte Klara Postelberg in Wien II hatte das Licht der Welt erblicken lassen, so stand sie doch bei dem männlichen Personal aller Häuser, mit denen die Firma Oskar Klebinder in Geschäftsverbindung stand, in dem Ruf, etwas »Französisches«, etwas »echt Pariserisches«, oder, wie der Reisende Zerkowitz, ein gewiegter Frauenkenner, es noch deutlicher ausdrückte, »ein gewisses Etwas« an sich zu haben. Sie bezog den »Chic parisien« im Subabonnement, pflegte auf dem Weg ins und aus dem Bureau in französischen Romanen zu lesen, und hatte im Vorjahr durch den Vortrag eines französischen Chansons bei einem Vereinsabend einen außerordentlichen Erfolg erzielt. Fräulein Springer, die ungarische Korrespondentin, hingegen gab sich, seit sie in einem Wettschwimmen im Dianabad den zweiten Preis erzielt hatte, ganz als sporting girl. Sie verbreitete Angst und Schrecken durch die robuste Art ihres Händedrucks, mit dem sie ihre Freunde und Bekannten aufs äußerste zu mißhandeln pflegte, und hatte es durch Terrorismus im Bureau durchgesetzt, daß ihr Vorname Etelka in das klangvollere Ethel abgekürzt wurde. Sie führte mit Vorliebe Gespräche über amerikanische Mädchenerziehung und über die Stellung der Frau »drüben«, »jenseits des großen Wassers«, und wußte den leichten ungarischen Akzent in ihrer Sprache durch gelegentlich eingestreute »All rights« und »Neverminds« zu verbergen.
Sonja Hartmann hieß wirklich Sonja. Sie stand jetzt auf, stülpte den Deckel über ihre Schreibmaschine und schloß sie ab.
»So. Fertig,« sagte sie. »Zwölf Tage lang rühr' ich jetzt keine Feder an. Außer wenn ich euch Ansichtskarten aus Venedig schick'.«
Sonja Hartmanns bevorstehende Urlaubsreise stand seit zwei Tagen im Mittelpunkt der Erörterungen. Das Ergebnis ihres gestrigen Bittgangs zum Chef – zwölf Tage hatte er bewilligt – war mit Spannung erwartet und eingehend besprochen worden. An der Zusammenstellung der Reiseroute hatte das ganze Bureau mit Eifer und Hingebung mitgearbeitet, für die notwendigen Einkäufe und sonstige Vorbereitungen hatte der welterfahrene Herr Zerkowitz, der Reisende, seinen sachkundigen Rat geliehen. In kaum vierundzwanzig Stunden ging der Zug ab, der Sonja Hartmann aus dem Südbahnperron in märchenhafte Fernen entführen sollte. Und vor drei Tagen hatte noch niemand auch nur die leiseste Ahnung gehabt von dem Glück, das ihr bevorstand. Aber vorgestern hatte Georg Weiner, ihr Freund, von seinem Vater ganz unerwartet dreihundert Kronen als Belohnung für ein bestandenes Kolloquium bekommen. Neunzig Kronen hatte sie selbst in der Sparkassa gehabt, die konnte sie zur gemeinsamen Reisekasse beisteuern. Und für beinahe vierhundert Kronen ließ sich schon ein ganz hübsches Stückchen Welt besehen. Freilich, das Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien – schon gestern war es im Bureau von Hand zu Hand gegangen und gebührend angestaunt worden – war dünn genug und enthielt nicht imponierend viel Blätter. Aber ebenso wie in den amtlichen Communiqués über Monarchenzusammenkünfte oder Ministerbegegnungen die bedeutungsvollen Ergebnisse nicht im Text, sondern zwischen Zeilen verborgen liegen, so sollten die eigentlichen Genüsse der Reise nicht auf den perforierten Blättern des Rundreiseheftes, sondern zwischen ihnen gefunden werden. Schon am Semmering wollte man die Fahrt für einige Stunden unterbrechen und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Für die Besichtigung Laibachs – Graz kannte Sonja Hartmann schon – und für den Besuch der Adelsberger Grotte war je ein halber Tag vorgesehen. Von Triest aus sollten größere und kleinere Ausflüge nach Pirano, Capo d'Istria und Grado unternommen und der mehrtägige Aufenthalt in Venedig durch einen Abstecher nach Padua unterbrochen werden. Denn Padua – hatte Georg Weiner erklärt –, war doch nicht solch ein Allerweltsreiseziel wie Venedig, sondern lag abseits vom Strome der Globetrotter, und schon eher im Herzen Italiens. Wer in Venedig war, der kennt nur die Fransen Italiens, wer aber in Padua war, kennt auch das Innere, – hatte auch Herr Zerkowitz bestätigt. Padua stand also gleichfalls auf dem Reiseplan, obwohl Sonja eigentlich einen längeren Aufenthalt auf dem Lido vorgezogen hätte. Von Padua aus sollte dann jenes Telegramm an Sonjas Chef, Herrn Klebinder abgehen, über dessen Abfassung es gestern beinahe zu einem Streit zwischen Sonja und Georg Weiner gekommen wäre. Sonja war unbedingt für einen draufgängerischen Text gewesen, für eine Tonart, die den Gedanken an einen Widerspruch von vornherein nicht aufkommen lassen sollte. Georg Weiner hatte einen diplomatischen Entwurf in Vorschlag gebracht, und schließlich hatte man sich auf die Stilisierung: »Durch Unwohlsein Rückfahrt verzögert, ankomme Freitag« geeinigt. Freitag, das ergab zwei volle Tage Urlaubsverlängerung, und die sollten, wenn das Geld langte, auf der Heimreise zu einer Fußwanderung durch das romantische Ennstal verwendet werden.
Sonja zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, als säße sie schon im Eisenbahnwagen und ratterte an Mürzzuschlag, St. Peter oder Opcina vorbei.
»Werdet ihr mir alle nach Venedig schreiben?« fragte sie und ließ eine Rauchwolke zur Decke schweben. »Venetia, posta grande. Sie auch, Mister Brown?«
»Was soll ich Ihnen denn schreiben?« fragte Mister Brown, ohne von seinem Buch aufzublicken.
»Was es Neues gibt im Bureau.«
»Was wird es denn Neues geben?« meinte der Buchhalter und begrub den Kopf zwischen zwei Kontoblätter: »Daß Koloman Steiner in Groß-Kikinda sechs Prozent anbietet, wird Sie wahrscheinlich wenig interessieren. Seien Sie froh, wenn Sie mal paar Tage nichts von uns hören.«
»Die Postelberg wird schon für Abwechslung sorgen,« mischte sich Herr Neuhäusl in die Unterhaltung. »Diesen Monat trägt sie das Haar kirschrot, nach dem Ersten soll Grasgrün darankommen, hab' ich aus verläßlicher Quelle erfahren.«
»Sie werden es wahrscheinlich sowieso nicht bei uns erleben, Herr Neuhäusl,« wehrte sich die Angegriffene mit unzarter Anspielung auf die Drohung des Chefs. »Also kann es Ihnen ganz egal sein. Überhaupt heiß' ich für Sie: Fräulein Postelberg, merken Sie sich das.«
»Kinder, nicht streitet euch fortwährend!« mahnte Etelka Springer. »Sag' mir lieber, Sonja, was wird Stanie dazu sagen, wenn er hört, daß du mit dem Georg davon bist?«
»Der?« – Sonja zuckte geringschätzig die Achseln. »Der soll sagen, was er will. Wir sind endgültig fertig miteinander.«
»Bei dir ist alles Egoismus und Berechnung,« sagte Fräulein Postelberg.
»Wie kannst du das sagen?« fuhr Sonja auf. »Bitte, misch' dich nicht immer in meine Angelegenheiten ein.«
Sie holte die Photographie ihres Freundes aus ihrer Handtasche hervor und hielt sie dem Buchhalter vors Gesicht.
»Das ist Georg Weiner. Ist er nicht schön, Mister Brown? Ist er nicht schön?«
»Mister Brown« war gerade mitten im Addieren und hatte keine Zeit, von seinem Buche aufzublicken. »Wie ein Angorakatzerl,« sagte er aber auf jeden Fall. »Siebzehn – sechsundzwanzig – zweiunddreißig. Wie ein Seidenschwanz.« Er hatte von seiner langjährigen Tätigkeit in der Seidenbranche her eine unklare Vorstellung, daß ein Seidenschwanz ein besonders farbenschillerndes Lebewesen sein müsse.
»Im Ernst, Mister Brown,« drängte Sonja. »Sagen Sie, ist er nicht wirklich schön?«
»Einundfünfzig – neunundfünfzig – vierundsechzig. Wie ein Karpathenhirsch.«
Sonja kehrte ihm gekränkt den Rücken zu und legte die Photographie auf ihr Schreibpult.
»Mir tut der Stanie leid,« sagte Fräulein Postelberg. »Ich weiß nicht, fort muß ich an den Menschen denken. Wenn du mir folgst, läßt du Venedig Venedig sein und den Weiner Weiner, und fährst zu deiner Tante nach Budweis wie voriges Jahr.«
Sonja verzog den Mund und hielt es nicht der Mühe wert, eine Antwort zu geben.
»Wie ein Paradeisvogel,« ließ sich von seinem Schreibpult her Mister Brown vernehmen, der während des Addierens mechanisch nach dem richtigen Ausdruck für Georg Weiners männliche Schönheit weitersuchte.
»Du hast's bequem. Natürlich,« fuhr Klara Postelberg fort. »Du bist morgen schon, wer weiß wo, wenn er heraufkommt und uns eine Szene macht. Wir können uns dann seine Vorwürfe anhören. So wie vorige Woche, wie du mit dem Weiner ins Theater gefahren bist. Ganz außer Rand und Band war er, wie du nicht mehr da warst. Wie ein Wilder hat er sich aufgeführt, schade, daß du nicht dabei warst, gebrüllt hat er mit uns wie –«
»Wie ein Bär in Sibärien,« ergänzte Mister Brown, der sich noch immer in zoologischen Vorstellungen bewegte und nicht genau wußte, wovon im Augenblick die Rede war.
»Er hat gar keine Ursache, sich aufzuregen,« sagte Sonja gelassen. »Ich hab' es ihm schon wiederholt gesagt, daß es zwischen mir und ihm ein für allemal aus ist. Übrigens könnt ihr ihm ja wirklich sagen, daß ich nach Budweis zu meiner Tante gefahren bin.«
Herr Neuhäusl legte das Taschenmesser, mit dessen Hilfe er eine wichtige Verbesserung an dem Räderwerk seiner Taschenuhr erzielt hatte, aus der Hand.
»Wenn Sie sich vielleicht einbilden,« sagte er zu Sonja, »daß Ihr Verflossener nicht ganz genau weiß, was Sie vorhaben –«
»So mag er's wissen,« sagte Sonja. »Um so besser. Ich habe keine Ursache, vor ihm Verstecken zu spielen. Wo haben Sie ihn getroffen?«
»Gestern abend hat er sich im Café Sistiana zu mir gesetzt,« sagte Herr Neuhäusl, ließ den Deckel seiner Uhr zuschnappen und steckte sie in die Westentasche. »Ich hab' ruhig meine Zeitung lesen wollen, konnt' aber nicht dazukommen. Bis neun Uhr hab' ich mir ununterbrochen seinen Liebesgram anhören müssen und ab neun Uhr seine Rachepläne. Hat mich sehr interessiert,« schloß Herr Neuhäusl ironisch.
»Wie war er? War er sehr aufgeregt?« fragte Fräulein Postelberg neugierig.
»Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schluß ist ihm dann eine Idee gekommen, da hat er sich beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird er mit dem Fräulein Hartmann nach Paris fahren, hat er gesagt, oder an die Riviera.«
Auf Sonja Hartmann machte diese Eröffnung keinen Eindruck, Fräulein Postelberg hingegen geriet durch die bloße Erwähnung von »Paris« in Ekstase.
»Sonja!« rief sie verzückt, lehnte den Kopf zurück und blickte schwärmerisch zur Decke empor. »Paris! Die Boulevards! Der Père Lachaise! Der Montmartre!«
»Eau de Cologne,« äffte ihr Herr Neuhäusl mit einer Grimasse nach, »Chapeau claque! Voilà tout!«