21.-25. Tausend
LEONHARD FRANK
Die Ursache
Erzählung
1929
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Copyright 1915 by Insel-Verlag in Leipzig
Lisa Ertel gewidmet
1
Nach vierzehn unter der ständigen Beobachtung verbrachten Jahren, daß er eine entlarvte Illusion nach der andern für eine Portion Seelenschmutz hatte hingeben müssen, verspürte der vermögenslose Dichter Anton Seiler im Winter 1907, ohne die Ursache zu kennen, unvermittelt und heftig den Drang, von Berlin in die kleine Stadt zu reisen, wo er als Sohn eines Wagnergesellen auf die Welt gekommen war.
Die resultatlos verbrauchte Energie hatte sein Gesicht scharf gemacht wie das eines gefährlichen, rücksichtslosen Verbrechers. Alle Reisenden im Abteil fühlten einen Widerstand, den Dichter mit in die Unterhaltung zu ziehen. Und alle verstummten vor Verwunderung, weil ganz unerwartet die scharfe Verbrechermaske seines Gesichts von einem traurigen Lächeln zerbrochen wurde, als er dem im Seitengang stehenden kleinen Mädchen zunickte.
In der Nacht vor dem Reiseentschluß hatte der Dichter von einem bestimmten Schulausflug, durch den heimatlichen Laubwald, geträumt: der gefürchtete Lehrer Mager geht voraus, wendet sich drohend um. Da wechseln, wie damals, die fünf Rehe über den Weg. Besonnte Morgendämpfe. Vogelgeschrei. Die Fröhlichkeit geht durch mit dem Achtjährigen, über den gefährlichen Lehrer weg, reißt alle Schulkameraden mit. Von Ast zu Ast mit dem Eichhörnchen in die Höhe fliegend, sitzt er auf dem letzten wippenden Zweig der Baumkrone und singt lachend in wildem Glück zum blauen Sommerhimmel hinauf. Tief unten staunen die Schulkameraden. Plötzlich ist der Himmel tintenschwarz. Alle sitzen, Milch trinkend, fröhlich im Wirtshausgarten — er allein steht vor dem Zaune. Der Lehrer Mager hält ein kirchturmgroßes Milchglas in der Hand, in der anderen das heiße Herz des Dichters, stopft es ihm ins Gehirn und schließt den Kopf wieder. Mit diesem ununterbrochen schmerzhaft zuckenden Druck hinter der Stirn erlebt der Dichter viele peinigende Demütigungen späterer Jahre traumhaft vergrößert noch einmal.
Die Fingernägel tief in die Kopfhaut gekrallt, in dem Bemühen, das Gehirn freizulegen und den Druck herauszureißen, erwachte er, wußte nicht mehr, was er geträumt hatte.
Und fand sich etwas später plötzlich auf dem Bahnhof, sah dann stundenlang gedankenlos aus dem Fenster auf die vorübergleitende Landschaft.
„Tanten, Anfangsgründe!“ hörte er wie aus weiter Ferne den ihm gegenübersitzenden Herrn zwei Damen zurufen.
„Ja, das ist keine Erziehung.“ Die Damen waren klein und trugen beide Klemmer. Die vier kurzen Beine baumelten gleichmäßig über dem Kokosteppich.
Der Dichter war vergebens bemüht, sich an seinen Traum zu erinnern.
Die eine Dame sagte: „Wenns auch pedantisch ist, das ist ganz gut für den Jungen.“
„Ja, ich kann auch gar nicht anders. Anfangsgründe sind die Hauptsache, Tanten.“
„Ganz gut für den Jungen!“
„Nein . . . es ist nicht gut für den Jungen“, sagte der Dichter plötzlich und sah die Damen an.
„Was meinen?“
„Nichts . . . Es ist eben auf keinen Fall gut für den Jungen.“
Der Schaffner rief etwas Unverständliches. Der Zug fuhr langsam in die Station ein.
Das Gesicht des Dichters war wieder gespannt und scharf.
Aus dem Gefühle heraus, daß die Reisenden nicht nur weiterfuhren, sondern immer an ihm vorbeigefahren waren, verließ er, ohne zu grüßen, unsicher das Abteil und den Zug. Verlegen empfand er beim Durchqueren der Bahnhofshalle den Kontrast zwischen seinen neuen eleganten Lackschuhen und dem alten, fleckigen Anzug.
Auf der Treppe blieb er zurückweichend stehen vor dem bekannten Platz, den Kirchtürmen, dem Geruch der Heimatstadt. Rasend schnell durchliefen die Erinnerungen sein Gehirn: Armut, Prügel, Demütigungen, Schulqualen; so daß er den Kopf einzog und geduckt gegen die Stadt blickte. „Dieses böse Tier hat mir die Seele krank gemacht“, flüsterte er. „. . . Nein, ich habe kein Gepäck.“
Der Dienstmann trat wieder zurück zu seinen Kollegen; und der Dichter fühlte sich geschlagen, als er die geringschätzig musternden Blicke der Dienstmänner sah.
„Ich habe doch längst erfahren, daß ich ohne Gepäck kein Mensch bin“, sagte er, nachdem er sich die ganze Bahnhofstraße hinuntergequält hatte — und schaukelte erschrocken gegen ein Schaufenster, denn er war der Meinung, der schräg über die Straße auf ihn zukommende Herr sei Herr Mager, sein früherer Lehrer.
Ein Schuster, der ein Paar schwebende Röhrenstiefel an den Stulpen trug, begrüßte den Herrn mit dem Titel Kanzleirat. Der trat, mit den Händen fuchtelnd, wütend und schnell von einem Fuß auf den andern und beschwerte sich. Der Schuster beugte sich hinab, drückte das Oberleder, zuckte die Schultern — gegen das Knarren sei nichts zu machen. Der Kanzleirat fauchte speichelspritzend den Schuster an, schritt knarrend davon.
Und dem Dichter, der auf der ganzen Reise vergebens darüber nachgegrübelt hatte, was ihn zwang, die Heimatstadt zu besuchen, war von dem unvermittelten gierigen Haß auf seinen Lehrer die Denkfähigkeit vollkommen niedergeschlagen worden.
Noch immer lehnte er gelähmt am Schaufenster und sah dem Kanzleirat nach, den er für seinen Lehrer gehalten hatte. Nur allmählich stellte sich die Denkfähigkeit wieder ein und mit ihr die vom Lehrer empfangenen Demütigungen, die er in den vierzehn Berliner Jahren oft und kritisch durchdacht hatte. „Diese Gemeinheiten können nicht der Grund meines unvermittelten Hasses sein“, sagte er langsam.
„Ist es denn aber möglich, daß ein Mensch als Kind qualvolle Erlebnisse hatte . . ., von denen er nichts mehr weiß, die aber in seinem Gefühlsleben ein dunkles Dasein weiterführen und plötzlich einen Haßausbruch verursachen?“
Der drückende Klumpen unter seinem Brustbein sprach dafür.
„Aber was war es? Was?“ flüsterte er, schloß die Augen und horchte, ohne zu denken, nach innen — glaubte plötzlich, Kaffeegeruch zu riechen, sieht den Vater morgens die Wohnung verlassen, eine Frau, die zum Fenster hinaus „Karo“ ruft. — Erinnerungsfetzen, welche er anfangs in keinen Zusammenhang bringen konnte, die sich jedoch durch ein weiteres Glied (der Hund fährt kläffend nach ihm) zu einem ganz bestimmten Schultage verdichteten. Seine Beklemmung steigerte sich; er sieht die Bankreihen, frohe Aufregung unter den Schülern. Plötzlich wurde er heiß. „Wegen des Schulausfluges.“
„Schulausflug?“ flüsterte der Dichter immer noch, als er schon die enge, dumpfriechende Treppe zur Elternwohnung hinaufstieg. Belastet und verwirrt blieb er vor der Gangtür stehen, ohne zu läuten, weil er fühlte, daß er nahe daran war, die Ursache seines Hasses gegen den Lehrer zu finden. „Schulausflug durch den Wald . . . Wald.“ Da verlor er das Gedächtnis, so gänzlich, daß er nicht wußte, wo er sich befand, als der Vater die Tür öffnete und erstaunt zurückwich, weil ihm sein Sohn „tückisch . . . tückisch“ ins Gesicht sagte.
Ganz schnell rief der Dichter dem Vater zu: „Wart, wart, wart!“ Und: „Ah! . . . Aha! Ja, ich wollte euch einmal besuchen.“
„Kommst du endlich einmal zu uns?“
„Ja, wegen des Lehrers . . . Vielleicht bin ich wegen des Lehrers gekommen.“
„Wegen des Lehrers? . . . Gehe nur hinein, Anton, zur Mutter. Ich muß in die Singprobe.“
„So? . . . Bist du immer noch Vorstand vom Gesangverein ‚Zwischen grünen Bäumen‘?“
„Ja freilich!“ Der Vater lächelte freundlich und schüttelte seinem Sohne schnell die Hand zum Abschied, um rechtzeitig in die Singprobe zu kommen. „Gehe nur hinein zur Mutter.“
Schweißnaß trat er der Mutter entgegen.
Der stiegen die schnellen Tränen in die Augen.
„Nun, Mutter“, sagte er weich. „Nein nein!“ Und er drückte das Schluchzen zurück.
„Das weiß ich nicht, wie lange ich hier bleibe.“
Die Mutter legte den alten Kopf in die Hand, an den Mund die kleinen Finger, die von der Scheuerarbeit stumpf geworden waren.
„An was denkst du denn, Mutter?“
„In diesem Bett schläft der Vater“, deutete sie, „und ich in dem.“
Der Dichter sah umher im einzigen Zimmer, in dem nichts verändert war. Nur der Stahlstich nach einer Kreuzigung von Rubens fehlte. „Ich schlafe eben wie früher neben dir auf dem Kanapee . . . Wo ist denn der Christus?“
„Den hab ich für eine Mark verkauft.“
„So, du hast den Christus verkauft? . . . Unsern Christus.“
„Ja. O Gott! Es ging nicht anders. — Womit soll ich denn deine schönen Schuhe putzen? Wir haben nur unsere Fettglanzwichse.“
„. . . Jetzt muß ich dich aber doch fragen, Mutter. Sag, bist du wirklich so viel kleiner geworden?“ Er sah verwundert hinunter auf ihren weißen Scheitel.
Und sie lächelnd auf zu ihm. „. . . Ich war doch nie größer.“
Und das Leben könnte so schön und hell für alle sein, dachte der Dichter. — Arbeit, Freiheit. Eine Frau mit weißem Gesicht und dunklen Augen. Das Schlafzimmer . . . schön beleuchtet. „Hast du’s erfahren, Mutter? Einsperren wollten sie mich, wegen meines Artikels.“
„Ja, ich habs gelesen . . . Ich hab ihn aber verstanden. Ich sag dir, ich hab deinen Artikel ganz gut verstanden.“
Unversehens wurde der Dichter heiter. „Sie nannten mich einen Weltverbesserer.“
„Ja, ja . . . Wenn der Vater nächstes Jahr wirklich die drei Mark Wochenlohn mehr bekommt . . ., dann gehts uns auch besser. Dann wirds schön sein.“
„Sechzig ist der Vater jetzt?“
„Oh! ins Siebenundsechzigste geht er.“
Guter Gott, dann wirds schön sein, glaubt sie. Immer noch Illusionen, immer noch, dachte der Dichter. Und sein Leben lag entlarvt und gemein vor ihm. „Dann wirds schön sein“, sagte er zärtlich zur Mutter, in plötzlicher, trauriger, ungeheurer Liebe, worauf die Mutter beglückt ihn neben sich aufs Kanapee zog.
Und durch die nach vierzehn tödlich harten Jahren zum ersten Male wieder empfundene Weichheit schritt aufrecht der Lehrer. Das Gesicht des Dichters wurde spitzig.
Es klingelte.
So starr blickte der Dichter zur Wand, daß er das Aufstehen der Mutter nicht bemerkte, die lautlos aus dem Zimmer ging.
„Schulausflug . . . durch den Wald“, tastete er, den Atem angehalten, und horchte dabei auf das Schimpfen der fremden Stimme in der Küche.
Wie ein junges Mädchen sieht sie jetzt aus, dachte der Dichter gerührt, als er seine Mutter ansah, die verlegen zurückkam. Bis zum weißen Scheitel stieg in ihr die Schamröte.
Seine Gedanken kehrten sofort zum Schulausflug zurück.
„Die Milch . . .“
„Die Milch?“ unterbrach der Dichter entsetzt.
„Weil ich die Milchrechnung nicht bezahlen konnte.“
„Halt!“ brüllte er und sprang auf. „Nein, still!!“ Mit der Hand hielt er die Mutter weg und blickte starr auf das Schulerlebnis, das jetzt scharf aufhellte. Sein ganzer Körper begann zu zittern, sein Gesicht verzerrte sich wie das eines Verfolgungswahnsinnigen, den der Arzt in eine Krise versetzt hat. Bebend klammerte er sich an die Mutter an — der Traum blitzte auf. Und seine weißen Lippen formten die Worte: „Weil ich bei dem Schulausflug die zehn Pfennige nicht hatte, um das Glas Milch bezahlen zu können . . .“
„Anton! Anton! O Gott! Was ist denn! Trink Wasser . . . Willst du ein Glas Milch?“
„. . . ließ mich der Lehrer nicht mit ins Wirtshaus gehen. Ich mußte vor dem Zaune stehen . . . vor allen Schulkameraden.“
Er stieß ein klagendes Wimmern aus.
„Anton, komm doch zu dir! Ich geb dir Wasser . . . ein Glas Milch!“
Da flehte der Dichter kindlich: „Oh, bitte, Glas Milch . . . Mir auch Milch.“
Als die Mutter zurückkam, war die Krise vorüber. Wunderbar lächelnd saß er auf dem Kanapee und nahm, glücklich wie ein Knabe, die Milch aus der Mutter Hand. „Acht Jahre war ich alt, damals.“
„Was ist denn?“
„Ganz vergessen hatte ich es.“
„Was redest du?“
„Später. Ich erzähle dirs später.“ Er hob das Milchglas. „Die ist nicht bezahlt?“
„Jetzt warum redest du so . . . Das richt ich schon alles noch.“
„Mutter, Milch muß man bezahlen können . . . Sonst leidet man zweiundzwanzig Jahre lang darunter.“
„. . . Dich versteh ich nicht mehr.“
Er stellte das Milchglas auf den Tisch zurück, ohne getrunken zu haben. „Ihr seid also immer noch so furchtbar arm wie früher?“
„Oh, Anton! . . . Aber wenn der Vater jetzt die drei Mark mehr bekommt, dann gehts uns besser. Wir sehn getrost in die Zukunft.“
„So wird man zum Weltverbesserer.“
„Das Brot soll jetzt auch um sieben Pfennige billiger werden . . . Erinnerst du dich noch: als Junge bist du oft im Dunkeln mit einem Sack an die Rückseite der Infanteriekaserne geschlichen.“
„Um billiges Kommißbrot von den Soldaten zu kaufen.“
„Die wollen lieber Weißbrot essen.“
„Und einmal haben die Soldaten einen Eimer voll Spülwasser über mich geschüttet, anstatt mir Brot zu geben.“
„Tropfnaß bist du nach Hause gekommen.“ Die Mutter legte dem Dichter die Hand auf die Schulter und lachte. „Wie ein Hund, der ins Wasser gefallen ist. So naß. Oh, und fettig warst du!“
„. . . Und der Vater hat mich geprügelt dafür.“
„Ja no, weil halt dein ganzer Anzug verdorben war.“ Der Dichter sagte nachdenklich: „Viele solche Sachen . . . Aber das eine, das mit der Milch, habe ich nicht mehr gewußt.“
„Trink sie doch!“
„Warum nicht!“
„Und ich muß jetzt ins Bett, Anton. Um fünf Uhr früh geht der Vater auf die Arbeit. Ich richt dir das Kanapee zum Schlafen.“
An der Fensterwand hing die Schwarzwälder Uhr. Sie legten sich nieder.
Der Perpendikel ging zwischen Mutter und Sohn hin und her.
So viele Familien es gibt, so viele Wohnungsgerüche gibt es, dachte der Dichter. „Hier riechts nach Schweiß und süßem Stroh,“ flüsterte er im Halbschlaf, „nach Vater.“
„Der kommt auch bald heim.“
„Das Käfiggitter ist aus Gold.“
„Was sagst du?“
„Nein, ich hab doch kein Gepäck!“
„Schläfst du?“ Die Mutter horchte auf die Atemzüge ihres Sohnes und verlöschte die Kerze.
Am andern Tage, beim Spaziergang durch das Heimatstädtchen, schienen dem Dichter die Häuschen kleiner geworden, zusammengeschrumpft, zur Hälfte in die Erde gesunken zu sein.
Als er noch einmal durch die einzige Geschäftsstraße ging, war er schon im Bilde seiner Jugend. Nichts hatte sich verändert im Städtchen. Nur dreißig Meter Asphalt waren in der Geschäftsstraße gelegt worden. Unauffällig beobachtete er die Bürger, die stehen blieben und sich befriedigt über den Asphalt unterhielten.
Der Dichter ging ins Café, durchblätterte die neuesten Zeitungen und fand, daß er sie schon vor seiner Abreise in Berlin gelesen hatte. Wie einen Automobilrennfahrer, dessen Motor auf der Strecke aussetzt, befiel ihn Beklemmung, in dem Bewußtsein, sich in einer Stadt zu befinden, die drei Tage hinter der Welt herlebte.
Die Öde steigerte sich, da es ihn beim Rückweg wieder zur Geschäftsstraße zog, die ihm schon nichts mehr Neues bot.
Eigensinnig bog er in die Lochgasse ein. Die war dunkel und so eng, daß die Dachrinnen der krummen Häuserreihen einander fast berührten.
Erst als er schon vor dem Hause stand, dachte er daran, daß auf seine Frage hin die Mutter ihm gesagt hatte: Herr Lehrer Mager wohne jetzt in der Lochgasse.
„Früher wohnte er doch am Rennweg.“ Der Dichter las den Namen auf dem Porzellanschild, blickte am Hause empor und fragte sich mißtrauisch, wieso denn erst jetzt, da er schon vor dem Hause stand, ihm einfiel, daß die Mutter gesagt hatte: der Lehrer Mager wohne in der Lochgasse.
Da erinnerte er sich, daß er nach dem ergebnislosen Versuch in der Eisenbahn, sich seinen Traum ins Gedächtnis zu rufen, flüchtig daran gedacht hatte, den Lehrer zu besuchen. Dieser wiederholten Vergeßlichkeit wegen steigerte sich sein Mißtrauen. „Fehlt mir vielleicht der Mut, den Lehrer zu besuchen, weil ich diese Angelegenheit zweimal von mir wegschob?“
Und plötzlich klopfte rasend sein Herz, bei dem Entschluß, die Treppe hinaufzusteigen. Die Angst des Schulknaben war ihm in die Brust gesprungen. In Gedanken stand er vor dem Lehrer: achtjährig. Und mußte die Augen schließen und die Hände tastend vorstrecken, um ein Minimum von Selbstbeobachtung erübrigen zu können.
„Aber ich bin doch dreißig Jahre alt“, sagte er laut, las grübelnd den Namen auf dem Schild, klinkte die Haustür auf — da stiegen Jahre und Erfahrung von ihm weg in die Luft. Als Schulknabe schlich der Dichter angstbehangen aus der dunklen Lochgasse.
„Es ist mir also unmöglich?“ fragte er und blieb stehen, in der sonnigen Geschäftsstraße. „Bring die Furcht nicht heraus aus mir? . . . Ist das mit allem empfangenen Leid so?“ fragte er ganz langsam. „Dann trüge der Mensch alle erlittenen Demütigungen mit sich herum? Bis ins hohe Alter. Sein ganzes Leben würde davon bestimmt?“
„Gott, ich fahre sofort nach Berlin zurück. Was geht mich der Lehrer an“, sagte er und ging in der Richtung seiner Elternwohnung, um Abschied zu nehmen.
Im Spiegelglas eines Schaufensters sah er sein Gesicht — ein trotziges Schulknabengesicht. Verblüfft starrte er es an, so daß es sich unter seinem Blicke zu einem verblüfften Männergesicht verwandelte.
„Mit Trotz ist nichts erledigt“, flüsterte er.
Und ohne daß er bewußt den Willen dazu hatte, wandte er sich um und eilte, dicht an den Häuschen entlang, fluchtartig direkt zum Bahnhof.
2
„Den Sack mit Ihren Sachen habe ich auf den Speicher getragen“, sagte die Berliner Wirtin und blieb kampfbereit im Vorzimmer stehen. „Mein neuer Zimmerherr hat die zwei Großen vornehinaus gemietet. Und da hat er Ihre Kammer dazu gewollt.“
„Ich hatte ja nicht gekündigt.“ Der Dichter blickte unausgesetzt aufs Flurfenster, gegen das die harten Schneeperlen prasselten.
„Mein neuer Herr hat gleich für zwei Monate vorausbezahlt.“
„In vierzehn Tagen bekomme ich ganz bestimmt zwanzig Mark. Damit hätte ich Ihnen meine Schuld bezahlt.“
„Die zwanzig Mark sollen Sie jetzt schon . . . ich weiß gar nicht, wie lange Sie die schon bekommen sollen. Es ist ja möglich, daß Sie einmal zwanzig Mark bekommen . . . Mein neuer Herr bezahlt mich im voraus.“
„Ich bezahle auch.“
„Sie sagen immer: ich bezahle . . . Es ist ja möglich.“
„Aber Sie stehen der Sache skeptisch gegenüber“, rief fröhlich der eintretende neue Zimmerherr und reichte seinen Zylinder der Wirtin, deren fettige Hände die Schürze erst eifrig rieben.
Während sie den Zylinder vorsichtig hielt, zog der neue Herr seinen Pelz aus. Und verbeugte sich: „Doktor Wiener.“
Der Dichter sah gleich wieder zurück aufs schneebeschlagene Flurfenster. — Was hab ich hier noch zu suchen? Meinen Sack und fort!
„Von Ihnen weiß ich alles, alles, Herr Seiler. Sie kenne ich wie meinen Bruder“, sagte Doktor Wiener und tätschelte der erschreckenden Wirtin beruhigend die Schulter. Sein Tonfall sank: „Was wollen Sie, warum soll denn der Mensch nicht plappern?“ Doktor Wieners gesundrotes, hübsches Gesicht lachte ununterbrochen. Sein blondes Schnurrbärtchen sprühte Frische und Glanz.
Der Dichter dachte: entweder fort, oder ein gleichgültiges Gesicht machen!
„Also, in einem Vierteljahr übernehme ich das Sanatorium meines alten Herrn, sehen Sie, und bis dahin praktiziere ich noch in der Klinik. Da bin ich fast den ganzen Tag nicht zu Hause. Sie können demnach ruhig in der Kammer wohnen, Herr Seiler. Darum handelt sichs doch . . . was?“
„Wenn Sie denken“, stotterte der Dichter und suchte, trotz seiner Verlegenheit, herauszubekommen, was für ein Parfüm vom Doktor ausströmte. „Ich könnte ja ein ganz anderes Zimmer suchen gehen.“
„Ganz anderes? . . . Überhaupt, bei dem Wetter! Papperlapapp! Sie bleiben hier“, schnitt der Doktor das Gespräch ab. „Ist gut geheizt bei mir?“
„Jaaa, freilich, angenehm durchwärmt.“
„Ist ja großartig!“ rief der Doktor, ohne die Wirtin anzusehen, die neben ihm herlief und beteuernd auf ihn einredete.
„Na, da holen Sie halt Ihren Sack wieder runter!“ sagte sie, nachdem der Doktor in seinen Zimmern verschwunden war.
Und als der Dichter neben seinem Sack in der Kammer saß, dachte er darüber nach, ob er auf eigene oder auf des Doktors Rechnung die Kammer bewohne.
„Wo waren Sie denn heute nacht wieder?“ Sie stand unter dem Türrahmen.
„Nirgends. Gar nirgends!“
„Das geht nicht. Die Leute im Haus . . . Und überhaupt!“
Der Dichter wandte sein einziges Mittel an, die Wirtin in Bewegung zu setzen: blickte ihr wortlos in die Augen, die abschweiften, wieder auf den Dichter sahen, in die Ecke.
Dann hörte er sie in der Küche schimpfen.
Melancholisch hob er die zwei Zipfel in Nasenhöhe — der Sack spie alte Schuhe aus, einen Haufen schmutzige Wäsche, Kerzenstummel, Manuskriptfetzen.
Es klopfte — und Doktor Wiener trat auch gleich ein, im Hausanzug von wattierter Seide.
Der Dichter schleuderte den Sack — eine Kaffeemühle fiel auf den Wäschehaufen und polternd auf die Dielen.
„Donnerwetter! Hier bei Ihnen ists kalt.“
„Kalt.“
„Oho, man faßts tief auf.“ Der Doktor setzte sich auf die Schreibtischecke.
Der Dichter dachte gereizt, vorhin hat er über mich verfügt. „Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, weshalb Ihre Existenz so großartig glatt ist, während Millionen Menschen ihr Leben in Dreck und Elend verbringen müssen?“
„Oho!“
— Er verschanzt sich hinter sein lustiges Oho. „Und dabei sind Sie vielleicht noch besser als viele andere. Aber Ihr Oho genügt nicht . . . Glauben Sie nicht, daß man hin und wieder auch von diesen Dingen reden kann, ohne deshalb ein tiefer August sein zu müssen?“
Der Doktor senkte den Blick vor dem erbitterten Gesicht. „Natürlich traurig, daß es so viel Elend auf der Welt gibt.“
„Denken Sie darüber nach. Wer das nicht tut, ist ja wirklich ein Schurke.“
„Aber ich bitte Sie, Herr Seiler!“
Der Dichter trat ganz nahe an den Doktor heran. Sein Gesicht verzog sich in Selbstverachtung. „Ich empfinde die Not der Allgemeinheit vielleicht nur deshalb, weil ich selbst aus Not ein Schwein geworden bin . . . Materielle Not verursacht Seelennot, versaut die Seele.“
„Sie sind ja ein recht interessanter Nachbar“, versuchte der Doktor, sich aufzuraffen.
„Weil ich Ihnen erläutert habe, wieso wir beide Schweine sind? Ich, weil ich mein Leben lang alle möglichen demütigenden Schweinereien beging, um nicht zu verhungern, und Sie, weil Sie nicht darüber nachgedacht haben, weshalb zahllose Menschen vor Elend krepieren oder zu Halunken werden? . . . Es hat kein Mensch das Recht, eine glatte Existenz zu haben.“
„Sie sind ja ein recht interessanter Nachbar.“
„Ich kenne einen Menschen, der nicht schlechter ist als Sie und ausgerechnet hat, daß er vierzehn Jahre lang jährlich drei- bis fünfmal Mittagessen hatte.“
„Man siehts Ihnen an. Sie sollten Eisen nehmen.“
Der Dichter unterdrückte seinen Zorn und lächelte wirklich. „Um mir Appetit zu machen, den ich nicht stillen kann.“ Da sah er, daß der Doktor mit Verlegenheit kämpfte, und der Gedanke, den Doktor um Geld zu bitten, verursachte auch ihm Verlegenheit. So sahen sie einander an.
„Da rede ich große Worte, und zum Schluß schrumpft das Ganze zu dem Verlangen zusammen, Sie anzupumpen.“
„Aber ich bitte Sie, der Selbsterhaltungstrieb gibt Ihnen recht . . . schließlich. Lassen Sie mal gut sein. Kommen Sie rüber zu mir. Sie sind mein Gast. Fertig!“
Der Dichter rief wütend: „Warum sagen Sie nicht wieder: Papperlapapp!“
Und der Doktor lächelte zufrieden, warf das Kinn zur Brust, die Arme seitwärts. „Der Kampf ums Dasein . . .“
„Ist eine von den Menschen erfundene Gaunerei! Der Planet kann alle erhalten, die er hervorbringt.“
„Planet! Planet! Ihnen fehlts nur an gesundem Menschenverstand“, sagte der Doktor und legte dem Dichter die Hand väterlich auf die Schulter.
Der trat flammend zurück. Und der Zorn in seinen Augen wurde sichtbar zu Hohn. Er sagte deutlich: „Da erlaubt sich eine kleine Minderheit, den Verstand von Abermillionen so krank zu machen, daß sie in ihrem Elend am Ende schon glauben, das Elend müsse sein. Und für diese die Erde verdunkelnde Niedertracht nimmt die Minderheit den gesunden Menschenverstand in Anspruch.“
Der Doktor lachte: „Das haben Sie hübsch gesagt.“ Und rief fröhlich: „Es kommt eben auf die Kraft an. Der Stärkere setzt sich durch . . . Und das ist ganz in Ordnung.“
„Auf Kosten der Unterdrückten mit Brutalität sich durchsetzen, ist nicht in Ordnung“, sagte der Dichter und ging zu seinem Sack.
„Wieso Brutalität?“
Er hatte die Kaffeemühle aufgehoben und drehte beim Sprechen. „Die Herren des Lebens könnten sich sagen: die Unterdrückten haben Augen wie wir . . . und es ist brutal, auf Kosten von Wesen der eigenen Art das Leben zu genießen.“
„Aber ich bitte Sie, Ihr gesunder Menschenverstand . . .“ „Ich hab ihn nicht!“ Er ließ die Kaffeemühle senkrecht auf den Wäschehaufen fallen und sah den Doktor an.
„. . . muß Ihnen doch sagen, daß ein gebildeter Mensch feiner organisiert ist und demzufolge andere Bedürfnisse hat als . . . unsere Wirtin.“
„Hn? . . . Das Genußverhältnis darf sich differenzieren zwischen Ästhet und Klosettreiniger? . . . Der Herr und Ästhet des Lebens ist ein unästhetischer Verräter an seiner eigenen Wesensrasse, weil er vergißt, daß auch beim Klosettreiniger sich das Wunder des Seins offenbart. Das müßte die Minderheit eigentlich demütig machen, wie?“
„Sie stehen dem wirklichen Leben phantastisch gegenüber.“
„Ach nein, ich bin ganz einfach.“
Der Doktor streckte die Hand aus und rollte sie auf sich zu in die Hüfte. „Wie wollen Sie denn dem Tüchtigen und Glücklichen, der ein sorgenloses Leben führt, klarmachen, daß er nicht viel mehr wert ist als der Kloakenreiniger . . . Das geht zu weit, Herr Seiler.“ Seine Finger zappelten über dem Kopfe. „Nein nein nein! Das Leben ist anders.“
Der Dichter schwieg.
Der Doktor sagte: „Hier ists fürchterlich kalt“, und zog fröstelnd seinen Hausrock über der Brust zusammen. „Trinken Sie einen Kognak bei mir.“
Da sah der Dichter mit einem Blick von Berlin in seine Heimatstadt — dem Lehrer Mager direkt ins Gesicht. Und der Doktor sah die starren Augen des Dichters an, die nicht mehr in der Kammer waren.
„Kommen Sie mit hinüber.“
„Einen Likör?“
„Ja, oder alten Kognak.“
Die Augen kehrten zurück in die Kammer zum Doktor. Der Dichter schauerte zusammen.
Und als er dem Doktor in den durchwärmten, eleganten Salon folgte, blieb er im Türrahmen stehen, damit die Wärme in die kalte Kammer ströme.
„Schließen Sie, es geht kalt herein.“
Der Dichter öffnete die Tür ganz, ging sehr langsam zum Wäschehaufen zurück und tat, als suche er etwas.
Die Kammer füllte sich rasch mit Wärme.
„Wissen Sie,“ sagte er und blieb wieder in der offenen Tür stehen, „Ihr warmer Salon und meine kalte Kammer illustrieren gut das Besprochene.“
„Aber machen Sie nur schon endlich zu!“
„Ich sagte Ihnen ja, daß wir beide schmutzig sind . . . Ich mache allerhand kleine Schweinereien — schinde Wärme; und Sie geben freiwillig keine ab.“ Er schloß die Tür.
„Ach deshalb! Bitte, öffnen Sie doch, ich nehme eine Decke um“, sagte der Doktor und machte ein abweisendes Gesicht.
Die Stimme des Dichters wurde immer stärker. „Seit Jahrtausenden verlangt der Mensch brüllend, stinkend demütig, stöhnend, irrsinnig, daß der Planet ihn ernähre . . . Ich hasse die Repräsentanten all derer, die das verhindern.“
Da habe ich mir etwas aufgeladen, dachte der Doktor und sagte unfreundlich: „Na na, nicht so laut!“ Er zündete das Nachtlicht an. „Der gesunde Menschenverstand sagt einem doch, daß es Unterdrückte und Unterdrücker geben muß. So ist das Leben . . . Trinken Sie doch Ihren Kognak!“ Er machte weitere Vorbereitungen zum Schlafengehen.
Und der Dichter hielt sich für hinausgeworfen. Er sagte gedemütigt: „Arbeiten muß ich auch noch heute“, verließ hastig das Zimmer und schloß die Tür.
„Ah, Sie wollen schon gehen, schade.“
„Hat er wieder über mich verfügt.“ Starr blickte der Dichter auf den Wäschehaufen. Und während er den Zettel entfaltete, den die Wirtin auf den Muschelschreibtisch gelegt hatte, flüsterte er: „Gegen Doktor Wieners kommen wir nicht auf, kommen wir nicht auf, nie auf . . . wenn wir etwas von ihnen brauchen.“
Wie immer nach solchen Erlebnissen, schien es ihm unmöglich zu sein, Würde in sein Leben zu bringen, und der Ekel vor sich selbst versetzte ihn in letzte Hoffnungslosigkeit.
„Wenn Sie nicht bezahlen, müssen Sie morgen ausziehen. Herr Doktor Wiener hat sowieso die Kammer mitgemietet“, schrieb die Wirtin.
Vor Hunger begann sein Magen wieder zu schmerzen. Es wurde ihm übel vom Geruch der alten Wäsche; er schob sie unters Bett.
Beim Schein zweier Kerzenstummeln versuchte er zu arbeiten.
Der Wunsch nach des Doktors Kognak quälte ihn. Während er schrieb, beschäftigte ihn ununterbrochen die Frage, von wem er etwas Geld bekommen könne für die Miete. Es fiel ihm nur das Straßenmädchen ein, das er einmal kennen gelernt hatte.
Ohne daß er sich dessen bewußt geworden war, hatte er auf den Manuskriptrand geschrieben: Kann denn ein Mensch sich von einer Hure Geld geben lassen? Hurengeld. Nachtgeld. Beinegeld. Schoßgeld. Männer, Männer — Schweinegeld . . . von den guten Mädchen?
„Geben würde sie es mir . . . Sie ist ja ein gutes Luder.“
„Wie wohl der gesunde Menschenverstand darüber denkt“, flüsterte der Dichter und trat zur verschlossenen Tür. „Herr Doktor! Hören Sie! Herr Doktor! . . . Glauben Sie, daß ein Mann, der noch etwas auf sich hält, von einer Hure Geld annehmen kann?“
Der Doktor fuhr im knarrenden Bett in die Höhe und schrie erschrocken: „Hallo! . . . Ist wer da!“
„Glauben Sie, daß ein anständiger Mensch sich von einer Hure Geld schenken lassen kann?“
„Von einer . . . was?“
„Hure!“
„Hören Sie, eigentlich schlafe ich schon.“
„Man könnte sich ja sagen: schließlich hat auch die Hure Augen!“ schrie der Dichter.
„Gott, mag der Kerl sich meinetwegen aushalten lassen“, rief der Doktor ärgerlich. „Das ist ja nichts Neues.“
Und der Dichter flüsterte: „Dann würden wir eben einander wert sein, meint er . . . Für den gesunden Menschenverstand ist die Lösung einfach. Aber ich, aber wir, wir, wir alle, wir betteln noch lieber die Hure an als den gesunden Menschenverstand.“
Automatisch griff er nach Mantel und Hut und verließ das Haus.
Es war gegen zwölf Uhr nachts. Der Kurfürstendamm war fast menschenleer und unwirklich hell vom Schnee.
Der Dichter sah auf den Bettler, der, gegen die Gartenmauer gelehnt, im Schnee saß und eintönig die Ziehharmonika spielte.
Ein überelegant gekleidetes Straßenmädchen warf ein Geldstück in den Hut des Bettlers, der sein Spiel unterbrach und ein anderes Lied zu spielen begann:
Die Liiiiiebe ist das Schönste,
Das Schönste auf der Welt.
Das Straßenmädchen blieb stehen, schimpfte wütend zum Bettler zurück.
„Weshalb verhöhnen sie denn Ihre Wohltäterin mit diesem Liede?“ fragte der Dichter.
Und der Blinde richtete die leeren Augenhöhlen fragend in die Höhe.
Ein vages Glücksgefühl ergriff den Dichter. „Das Schööööönste auf der Welt“, sang die Ziehharmonika. Und als er das elegante Mädchen eingeholt hatte, sagte er: „Sie, er ist blind.“
Das gewohnheitsmäßige Anbietungslächeln erschien auf ihrem gepuderten Gesicht.
„Wir haben uns getäuscht, er ist blind“, sagte er eindringlich. „So etwas macht der nicht. Der gehört ja zu uns.“
Lächelnd nahm er sie bei der Hand und scherzte: „Der gesunde Menschenverstand brächte das fertig. Glauben Sie nicht?“
Sie begann, ihn abschätzend zu mustern.
Da ging er schnell davon, bis zum Platz, wo das ihm bekannte Straßenmädchen wohnte. Aus dem Nachtcafé unten im Hause klang die neueste Operettenmelodie.
Sie öffnete selbst. Ihr weißseidener Schlafrock stand vorne offen. Und als sie den Dichter erkannte, fuhr sie ungeniert fort, prüfend ihre linke Brustwarze zu drücken. „Seit einer Woche habe ich Schmerzen. Sehen Sie . . . den blauen Fleck.“
Er versuchte zu scherzen: „Was haben Sie denn da wieder angestellt?“
„Das hab doch ich nicht angestellt.“ Lachend zog sie ihn ins rote Zimmer. Auch die Ampel war rot. Und das unberührte rote Himmelbett war geöffnet.
Plötzlich lag sie wie eine müde Katze zusammengerollt auf der Ottomane. Ihre Kniekehlen ruhten im Ellbogengelenk. „Das macht der immer.“
„Was?“
„Mit meiner Brust . . . Und danach verlangt er immer etwas ganz Unglaubliches von mir . . . Meinetwegen.“
Der Dichter sah in die Ecke. — Und da will ich Geld von ihr verlangen. „Es gibt Sachen, die unmöglich sind.“
„Gott, nein.“
„Was! Hab ich etwas gesagt?“
Sie lag noch immer reglos.
Der Dichter kannte ihre Geschichte. Vor einigen Monaten hatte er sie total betrunken auf der Straße gefunden. Sie war von ihren Eltern fortgejagt worden, weil ein Reichstagsabgeordneter sie verführt und sie sich geweigert hatte, ihn als den Vater ihres Kindes zu nennen. Der Dichter wußte, daß der Abgeordnete weiter in ihrem Elternhause verkehrte.
„Das Instrument wickelt er dann immer in ein Beinkleid seiner Schwester . . . Und mir legt er zwanzig Mark auf den Tisch.“
„Wer?“
„Der Abgeordnete.“
„Der . . . kommt noch zu Ihnen?“
„Warum nicht?!“
Und dabei rührt sie sich nicht, dachte der Dichter entsetzt. „Aber wirklich, nicht aus Neugierde. Wie alt waren Sie . . . damals?“
„Ich? Sechzehn.“
Der Dichter sagte plötzlich: „Soll ich Sie heiraten?“
„Und ich wußte damals gar nichts von diesen Sachen. Wahrhaftig, ich lüge nicht.“
Sie hälts für so unmöglich, daß sie glaubt, ich hätte gescherzt, dachte er.
Und wußte plötzlich mit seinen Händen nichts anzufangen. Es war, wie wenn sie nicht zu ihm gehörten, als er sagte: „Ich brauche sehr notwendig zwanzig Mark. Können Sie mir die vielleicht geben? . . . Aber ich habe nicht gescherzt, vorhin. Wirklich nicht.“
Da stand sie auf.
Und der Dichter sah befangen in ihr erstauntes Gesicht, das aber sofort den Ausdruck automatischer Lustigkeit annahm. Lachend sagte sie: „Ich habe momentan gar nichts.“
Er ließ die Hände sinken. Sein Gesicht verschloß sich. „Darf ich?“ sagte er, griff nach der Zigarette und dachte gequält — jetzt glaubt sie dasselbe wie der gesunde Menschenverstand.
Es klopfte — die Wirtin streckte den behaubten Kopf herein. „Es kommt ein Herr.“ Sie schloß die Tür leise wieder.
Sichtbar stieg dem Mädchen das Blut in die Wangen, als sie den Dichter ansah.
„Gehen Sie ins Nebenzimmer . . . Ich kann Ihnen das Geld dann gleich geben.“ Dabei sah sie ihm gerade auf die Augen, ohne ihm in die Augen zu sehen.
Schon eine lange Minute stand er im Nebenzimmer, als ein sehr großer, brünetter Herr im Frack zum Mädchen ins rote Zimmer trat. Er schwankte kaum bemerkbar. Auffallend an ihm war, daß sein linkes Auge fast um einen Zentimeter tiefer im Gesicht stand als das rechte. Das Klirren des für ihn bestimmten Geldes riß dem Dichter die Luft aus den Lungen.
Dann hörte er das heftige Armen im roten Zimmer und preßte die Fäuste an die Schläfen. Er rührte sich nicht mehr.
Bis das Mädchen die Tür öffnete.
Äußerlich und innerlich zerwühlt, stierte er auf das verwühlte Himmelbett.
Das Mädchen wusch sich die Hände.
— Ich nehme das Geld nicht. Ich brauche es gar nicht. Es war nur ein Scherz — wollte er sagen.
„Hier“, sagte sie, während sie die Hände trocknete. „Sie zwanzig . . . ich zwanzig“, und schob ihm das Goldstück hin.
Da sank ihm die Unterlippe schlaff herab. Alles an ihm wurde schlaff. Verurteilt und verkauft ging er mit dem Geld aus dem Zimmer.
Ohne Widerstand zu leisten, ließ er sich direkt zum Bahnhof gehen, um wieder in die Heimatstadt zu fahren, wo im dunklen Erlebnisknäuel seiner Jugend die Ursachen seiner Haltlosigkeit, seines untergrabenen Selbstbewußtseins, seines ruinierten Lebens zu finden sein müßten.
In der Eisenbahn träumte er: ein gewaltiger Zug junger Menschen zieht gleich ihm nach den verhaßten Heimatstädten, die Kindheit zu durchforschen nach dem Messer, das ihnen allen die Sehne der Kraft durchschnitten hat.
3
Um acht Uhr früh kam er an, verstört, mit brennenden Augenlidern.
Morgennebel und Dämmerung hingen noch in den Gassen. Der Dichter sah nach Osten, wo zart und strebend die Morgenröte stand.
Geradeswegs ging er in die Lochgasse. Der Gedanke hatte sich in ihm festgesetzt und alles andere verdrängt: Lehrer Mager müsse sein Unrecht einsehen und ihn um Entschuldigung bitten. Das würde ihm die Kraft zur Reinigung geben, zu einem neuen, rückgratvollen Leben.
Und als er die steile, muffige Treppe hinaufstieg, erlebte er die Versöhnung im voraus; er dachte, der Lehrer, der schon damals erwachsene Söhne gehabt hatte, werde jetzt ein weißhaariger, gebeugter Mann mit der Einsicht und Güte des Alters sein, mit dem sich auszusöhnen leicht fallen müsse.
Die alte Wirtschafterin ließ ihn ins niedere, mit geerbten Familienmöbeln vollgestopfte Arbeitszimmer eintreten.
Und der Dichter blickte entgeistert zum Lehrer hin, der am Schreibtisch stand, aufrecht wie ein Pfosten, zäh, mit noch dunkelrotem Haarkranz: vollkommen unverändert.
Die Mundwinkel voller Wut und hämisch in die Wangen zurückgezogen, las er den Aufsatz eines Schülers. Auf dem Schreibtisch befanden sich zwei Stöße blauer Schulhefte, korrigierte und unkorrigierte.
Der Dichter stand im Dunkel an der Tür. Der Lehrer hatte ihn noch nicht bemerkt. Er setzte sich und korrigierte mit roter Tinte den Aufsatz, wobei sein Gesicht in dem Gemisch von Wut und hämischer Freude erstarrt blieb, vom Schein der Petroleumlampe getroffen.
„Der Teufel. Der Teufel.“
„Wie? . . . Sind Sie schon zurück, Josephine?“
„Ich wollte Sie einmal besuchen“, flüsterte der Dichter sehr leise. Er zitterte am ganzen Körper so stark, daß auf dem Biedermeiertisch, an dem er sich festhalten mußte, die bemalte Kaffeekanne schepperte.
Der Lehrer klappte das korrigierte Heft entschlossen auf den Stoß.
Jetzt bemerkte er den fremden Menschen in seinem Zimmer. Der Schreck riß ihn vom Stuhl auf in halbe Kniebeuge. „. . . Wer! Wer sind Sie! . . . Was wollen Sie denn hier!“
„Ich bin ein früherer Schüler von Ihnen. Sie waren mein Lehrer. Ich heiße Anton Seiler.“
„Seiler? . . . Seiler? Haben Sie gestottert in der Schule?“
Eine Blutwelle verdunkelte dem Dichter den Blick.
Und als er wieder sehen konnte, bemerkte er am schrecklichen Lächeln des Lehrers, daß dieser sich erinnerte. Am selben Lächeln, mit dem der Lehrer, wenn der Dichter stotternd stecken geblieben war, ihn der ganzen, belustigten Klasse ausgeliefert hatte.
Der wird mich nicht um Entschuldigung bitten, sagte der Dichter zu sich. Und glaubte körperlich zu fühlen, wie in seinem Innern die letzte Möglichkeit zur Rettung erlosch. Da stand er wie ein Schulknabe, in kraftlosem Haß.
Die Haushälterin kam und reichte dem Lehrer einen Hundertmarkschein: „Der Bäcker kann ihn auch nicht wechseln.“
Zwei Schulknaben waren hinter ihr eingetreten. Sie blieben an der Tür stehen.
„Guten Morgen, Herr Lehrer, wir wollen die Hefte abholen“, sagte der Größere, schulmäßig singend.
Und der Kleine, der neben dem andern nur bis zur Brust reichte, nahm, unter dem starren Blick des Lehrers errötend, erst jetzt die Mütze ab. Langsam zog der Lehrer den Blick zurück. „Einen Moment“, sagte er zum Dichter.
Vorsichtig, und mit allen Sinnen aufnehmend, begann der Kleine sich umzusehen; er war zum ersten Male bei seinem Lehrer in der Stube.
Wie wenn er sich als Knaben erblickte, sah der Dichter mit tiefer, schmerzlicher Rührung den Kleinen an, die Augen, denen Angst den Blick bestimmte, den schon vom Leid gezeichneten Mund, die zartmodellierte, schneeweiße Kinderstirn.
Da lächelte der Kleine zum Dichter hin; augenblicklich verschwand das Lächeln, als der Lehrer sich bewegte.
Und der Dichter hatte das bestimmte Gefühl, daß die Seele gelächelt hatte und in Schrecken erstarrt war.
Das Kratzen der Feder verschärfte die drückende Stille.
Der größere Junge empfand sie nicht; er schneuzte sich laut und stand dabei fest und sicher auf seinen nach innen gerichteten Füßen.
Der Lehrer erhob sich, ebnete den Heftestoß, stellte ihn senkrecht. Der große Schüler warf seine Mütze resolut unter die Achselhöhle und trat aus dem Dunkel in den Lichtkreis. Zögernd und sehnsüchtig näherte sich auch der Kleine.