Anmerkungen zur Transkription
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Achtzehn Töchter.
Eine Frauen-Novelle
von
Leopold Schefer.
Breslau, 1847.
L. M. R. Kühn’sche Verlags-Buchhandlung.
I.
Wer besitzt, wird besessen.
II.
Der siebenundzwanzigste Geburtstag.
III.
Der Donner als Brautwerber.
IV.
Das einzige Kind.
V.
Die Vorstellung.
VI.
Die jetzt verführte Jugend.
VII.
Der Vater und das Kinderhaus.
VIII.
Verwickelungen.
IX.
Der betrogene Freier.
X.
Die feindlichen Schwestern. Der Brief.
XI.
Ruhig zum Guten, getreu zum Glück.
XII.
Der Vater Semi-morto.
I.
Wer besitzt, wird besessen.
So hatte ich mich denn angekauft! Vorher frei wie Jeder, der großes oder hinlängliches Vermögen hat, um allen Geschicken eines Landes aus dem Wege zu gehn, war ich nun selber verkauft, an mein Schloß, meinen See, meine Eichen, meine Unter-Herren (denn das heißt Unter-Thanen); mir ging es nur wohl, wenn es meinen Ochsen und Kühen und Kälbern und Fohlen wohlging! Ja, als ich das erstemal den Schäfer sah mit seinem Stabe und Hunde die Schafe austreiben, ward mir so demüthig zu Sinne, daß ich im Geiste als Milchschaf mich unter der Heerde hinwandeln sah, eine stattliche Schweizerglocke am Halse. Mir war ganz demüthig, bis ich mich besann, daß ich doch mehr der Hund, der Wächter, ja der Hirt meiner kleinen Menschenheerde sei... denn, wie mein Doppelgänger, bot mir der Hirt seinen: „Guten Morgen, gnädiger Herr Baron.“ Aber der Hund knurrte mich neubackenen Herrn noch an. — Ich hatte ihn noch nicht geprügelt; wie mir der Schäfer zu thun rieth. Denn Prügeln macht zum gnädigen Herrn! sagte er. Aber ich, mich keinen Augenblick zu verläugnen, sondern sogleich fest und wahr zu erscheinen wie ich bin, ich verbot ihm, bei Cassation ohne Phrase, was er als ohne Fraß... ohne Brot verstehen mochte: mich jemals wieder „gnädigen“ Herrn zu nennen. „Herr“ sei mehr, wenn nicht schon zu viel. Aber die Sprache hat für die neuen Verhältnisse noch keine neuen Ausdrücke.... doch die deutsche Sprache ist bildsam, ja verwandlungsfähig wie der deutschen Gesinnung, und schafft sich noch alles. Wie oft hatte ich Gott heimlich gebeten, mich vor „gnädigem Lächeln, herablassenden Mienen und huldreichen Worten“ zu retten! Meinen Ingrimm wollte ich also, mir zum Heile und Wohlwollen, meinen Unter-Herren ersparen. Es wäre nun noch bedenklicher gewesen, sich in dieser gewitterdrohenden Zeit auf Erdbebenschwangerer Erde anzukaufen; aber meine Mutter wollte nicht nach Massachusets, wo mich mein redlicher Vater bei seinem ausgewanderten Bruder hatte erziehen lassen, um den Deutschen ein antirussisches Beispiel zu geben, und die in freiem Lande erzogenen Söhne gerade nach dem fünfundzwanzigsten Jahre — wo Russen als durchjuftet genug, erst in gelobte Länder reisen dürfen — nach Hause zu nehmen. Bei Ankauf von Gütern in Deutschland machte mir meine Mutter nur zwei Bedingungen aus weiblicher Furcht. „Im dreijährigen Kriege von 1813–15 nämlich war ihre Mutter von den bekannten singenden Bärten „übermannt“ worden und war zum Glück wahnsinnig gestorben. Ihr Vater, gewaltsamer Wittwer, hatte es dafür zum Geschäft seiner Trauer gemacht, den Rettungs- oder Auferstehungs-Menschen überall hin nachzureisen, und in Jahren ein nicht zu verachtendes Werk von sechs Quartbänden mit Illustrationen zusammen getragen, das unter dem Titel „Nebenthaten“ wahrscheinlich jetzt bald erscheinen wird. Ihre Sieben Brüder aber waren, am zerblasenen Werke Napoleons Blutarbeit verrichtend, alle umgekommen, bis auf Einen, der noch ohne Beine dasaß, jetzt 70 Jahr alt. Daher hatte ich als erste Bedingung einen Ort in Deutschland auszusuchen, an welchem weder ein Kosak, noch ein Franzose gewesen war, also wahrscheinlich auch nie Einer mehr hinkäme. Und ein Anverwandter berichtete ihr, daß einige Neugierige aus dieser Gegend am See sogar endlich eine Reise hätten unternehmen müssen, um Franzosen zu sehen, diese Weltwunder und Russen, diese Weltwunder. Die zweite Bedingung war, wenn es einen gäbe, einen Ort auszusuchen, an welchem der Blitz seit Menschengedenken nicht eingeschlagen hätte. Denn sie war bei einem Gewitter mit meinem Vater unter großen einzelnen Tropfen vom Felde nach Hause gegangen, und auf einmal war ihr der Mann, wie auf dem wahren feurigen Wagen Elias so zu sagen: gen Himmel genommen oder gefahren worden, denn er sei mit Haut und Haar verschwunden gewesen. Es war ihr trotz allen Suchens, Rufens und Scharrens auf der schwarzen schwefeldampfigen Erdstelle nichts übrig geblieben, denn als Wittwe nach Hause zu gehen. Den Prozeß wegen hochadeliger Begräbnißkosten an Geistlichkeit, Schule und Todtengräber loci hatte sie mühsam in dritter Instanz zwar gewonnen, aber meine rechtschaffene Mutter meinte, sie hätte für die Prozeßkosten gern 3 Männer sehr adlig begraben.... lassen.... können. Nur der Tischler loci hatte nichts für den, nachweislich nicht gemachten Sarg verlangt! Aber gerade diesem alten armen Manne hatte sie den Preis für den schönsten prachtvollsten Sarg bezahlt, und die arme achtzigjährige Todtenfrau loci für die Einbuße ihrer Einnahme, — auf welche sie sich schon bei einer guten jüdischen Nachbarin Einen Thaler geborgt — so reich bis zu Thränen entschädigt. — Meine rechtschaffene Mutter rieth mir also das Gut Südfrei am See zu erstehen, weil bei Subhaftationen den Bietern noch keine Stühle gesetzt werden. Und warum soll ich es läugnen, mich zog in die Gegend ein einfacher Magnet, die als das schönste Mädchen weit und breit gerühmte Tochter des bankrott gewordenen, alten armen Herrn von Hase; und der achtzehnfache Magnet, die als nereidisch schön bekannten achtzehn Töchter des Herrn von Sangallo, also meines künftigen Nachbars in Ostfrei.
So besah ich mir das sub hasta, wie es lag und stand, zu erwerbende reizende Gut Südfrei. Der Gerichtshalter, der vom Wunsche meiner Mutter nach Gewitterlosigkeit gehört, auch daß sie bei fernem Blitzleuchten oder nur leisem Donnermurren, ja vor einer Wolke, die die geniale kecke Gestalt einer Gewitterwolke trug, schon leise zittre und unwillkührlich und unwiderstehlich, vor Angst zu jedem Geschäft, ja nur zu Ruhe und Schlaf ganz unfähig war, sagte mir daher: Ihrer Frau Mutter zur Beruhigung, gnäd.... verzeihen Sie, Herr Baron, will ich den beiden ältesten Männern des Ortes den Eid deferieren, daß es, bei allen Heiligen! seit sie gedenken können, allhier nicht eingeschlagen hat. Es kostet zwei Lichter — halb! Summa Ein Licht! Und wozu ist die schwarze Schwurgrotte, als daß darinnen soll und muß geschworen werden? Hat mir doch gar ein sogenannter Spaßvogel, oder wohl Ernstvogel, mit Bleistift sowohl aus der alten, wie aus der neuen Diatheke Stellen daran geschrieben, und gesetzwidrige Geister zitiert, die vergeblich behauptet haben: Du sollst nicht schwören. Der Herr Citateur, der wahrscheinlich das berühmte französische Buch „le Citateur“ zu Herzen und zu Verstande genommen, sitzt mir eben criminalisch! Es war mein eigner Gerichtsschreiber! So nahe sitzen uns unsere Feinde, die uns alle untergraben mit unsichtbaren Handwerkszeugen; sie reden mit uns; sie hören uns unterthänigst an; sie preisen sich glücklich: unsere Befehle ausführen zu dürfen; sie essen mit uns, sie schlafen mit uns, sie bewachen uns, so zu sagen! Sie tauchen den Bissen mit uns in eine Schüssel! — So geht es, so steht es. Ja, so steht es. „Der Welt-Lauf“ ist ein bekümmernder Ausdruck geworden, den ein Wurm von Manne sich nicht mehr untersteht im Munde zu führen. Wir alle sind doppelt geworden. Nur daß wir nicht doppelten Gehalt oder Abgaben — beziehen; leider nicht.... außer: Gott bezahlt uns die Gedanken und Wünsche: durch Erfüllung! Denn wir dürfen vertrauen, nicht daß die Welt das Rauhe herauskehrt, sondern das Innere! Daß alles zu Tage kommt, daß es keine Schande, kein Verbrechen mehr ist, aufrichtig zu sein, und daß endlich allen klar wird: aus welchen Fonds eigentlich alles Volk lebt, nämlich aus dem bloßen Herzen; da eine die Juristen und Richter erstaunende Unkenntniß der Gesetze und beklagenswerthe Gleichgültigkeit gegen alle Verordnungen hereingebrochen ist, so daß Einzelne nur noch etwa mit den Strafgesetzen nothgedrungen Bekanntschaft machen, oder bestimmter gesagt, mit den Strafen. Wir, wir leben in dem großen Interim, das gewiß nicht den Schalk wird hinter sich haben dürfen, der eben noch jetzt vielfach verkappt darinnen steckt. Es ist ein gräßliches Wort: Die Erwartung besserer Zeiten hebt schon in Allen alles Alte auf, und Alles ist Traum, oder schlimmer: alles scheint Druck, Ungerechtigkeit, selbst das, was nothwendig und heilsam einst (wünschenswerth: bald) seine ihm leerstehenden Plätze einnehmen wird. Wir wollen also indessen, verehrter Herr Patron, human sein, uns des unschädlichen Alten bedienen — und wollen die beiden alten Bauern das hiesige Gewitter abschwören lassen.
So sprach er und that er.
Auf das ihr eingesandte Schwurprotokoll kam nun meine rechtschaffene Mutter zum Tage meiner Huldigung an. Sie sollte, als noch mit großem eigenen Vermögen behaftet, ja beladen, meine Großalmosenierin werden; ich kannte ihren Wohlthätigkeitssinn: sich alles Häßliche und Dürftige aus den Augen und somit aus der Welt zu schaffen — als Vorbereitung: daß das Schöne und Gute aufkomme und vollständig erscheine. Ich mußte es also ganz anders einleiten, als furchtsame lobbegierige Menschen, die den reisenden Herrschaften alles Mangelhafte, Aermliche und Elende ängstlich verbergen, um ihnen das Mitleid mehr als gnädigst zu ersparen, und jede Verbesserung erst wirklich gottlos unmöglich zu machen. Mein Voigt kam und fragte, ob ich nicht die Wege zu uns ausbessern lassen wollte? und dergleichen. Ich aber befahl ihm: Nichts verkleistert! Nichts verheimlicht! Keinen falschen Schein von Sicherheit, Bequemlichkeit, Wohlhabenheit oder Ordnung. Kein Loch im Wege, im Zaune, im Dache, kein Loch im Rocke ausgebessert! Brechen die Wagenachsen, bleibt der Wagen im Sande stecken, staubt es Wolken, desto besser! Desto besser wird der Weg dann für immer werden! Keinen Bettelmann, kein armes Lumpenvolk, kein Kind im Hemde von der Straße vertreiben! Jeder Krüpel, jedes alte dürre Weib, alle armen Kinder sollen freien Zutritt haben. Wenn alles wohlhabend, zufrieden und fröhlich scheint, wie soll selbst ein barmherziger Bruder, eine barmherzige Schwester oder Dorfmutter, wie nun meine Mutter, einen Funken Mitleid, Lust zu Schonung, Drang zu Besserung fühlen? Keine Ehrenpforte gebaut; kein Halloh geschrieen; außer es machte den Kindern selber Spaß, wie sie Puppenspielern nachschreien. Vielleicht bricht ein Rad an ihrem Wagen zu Nacht, und sie muß einmal zu Nacht essen und des Nachts schlafen wie die gemeinen Leute immer! Das wäre eine Cur, um Respect vor gemeinen Leuten zu bekommen, und das nicht als Träume anzuhören, was sie dann später bitten kommen!“
Und die Speculation: meine rechtschaffene Mutter rechtschaffen zu rühren, statt trunken vor Stolz und Glück zu machen, gelang über Erwartung! Sie mußte richtig im Hause einer armen Familie im Walde übernachten.... wofür sie am Morgen den guten Leuten ein neues Haus versprochen. Die Wege zu mir wollte sie machen lassen. Die gesprungene, abscheulich klirrende wimmernde Glocke, die der Schulmeister zu ihrer Einfahrt mit geläutet hatte, sollte mit einer neuen großen gut metallenen Glocke ersetzt werden, zu welcher sie mir gleich Geld auf den Tisch stellte, indem sie mich der Ueberraschung anklagte und sprach: hätte ich nur nicht im Vertrauen auf deinen guten Kauf die alte Gräfin mitgebracht! Welche Nacht! Welche Bewohner! Sie bekam Grimmen von der Glocke, und der Klang war ihr in die Zähne gefahren.
Das war wohl zum Lachen; so wie die mir dargebrachte Huldigung am folgenden Tage! Alter, Dummheit, Falschheit, Armuth — in Galla! Der hasenmüde Jäger sah mich manchmal an mit fragenden Augen, ob ich ihn nun verabschieden und verhungern lassen würde? Leuten, die nun das Himmelreich erwarten oder die Hölle, muß man doch ein Paar Worte sagen, und ich sprach: „Lieben Menschen und Mitleider dieses Lebens! Ich will Euch nichts vorreden; Ihr sollt mir nichts nachsprechen. Ich will Euch nichts versprechen, da brauche ich nichts zu brechen; Ihr sollt Mir nichts halten — wie Jedem — als die Redlichkeit. Ich will Euch nichts rund absagen und abschlagen; denn es könnten Umstände mich bändigen, daß ich Euch noch mehr als alles, Euch im Herzen durch Worte doch nicht Todtgemachte, sogar anbieten müßte. Sondern wir wollen in unserm Lebensschiffe zusammen verträglich, mittheilend und aufrichtig fahren — und um gut Wetter bitten! Uebrigens: wenn die Blätter abfallen, oder schon die Blüthen — wenn Euch die alten Leute sterben, oder die Kinder; wenn es hagelt oder dürre wird; wenn Unvorsichtige und Dumme Hals und Beine brechen, so wollen wir uns das Unglück einander nicht zuschreiben, noch das Glück. Denn ein Herr ist leider wenig; am wenigsten aber ist ein Herr für alle, die ihn auf dem Kopfe haben: ein Wünschhütlein! ein Eselschlagaus, der Gold verstreut, oder ein Knüppel aus dem Sack gegen alles Mögliche! Selber müßt ihr klug sein und rüstig zur That. Das Uebrige muß die Geduld thun, nicht die Wuth!“ — Meine Mutter, die als Sultanin-Valideh dabei saß, weinte über diese unschuldigen Worte dennoch, wohl nur aus der Rührung, die alle solche Ersten oder Letzten „Akta“ den Menschen erregen. Mein Pastor, ein getaufter Jude, mit dem erwählten neuen Namen „Doctor Schleierlöser“, beglückwünschte mich gehörig und fein bei den Haaren der Seele zupfend. Wie jetzt gewöhnlich, hatte er aus dem Magister-Diplom, das zum Doctor und Magister ernennt, den Magister fallen lassen und den an Luther erinnernden Doctor gewählt. Unglaublich, was Männer im Fache das Fach kindisch macht — er freute sich so fein und witzig über die neue Glocke, wie ich mich als Kind einst, da mein Schaf eine neue Klingel bekommen hatte, die ich, als das Schaf zuletzt denn doch auch gestorben war, mir noch oft vor dem Ohre leise läutete, zu seiner Erinnerung und meiner großen Kinderseligkeit! Ich habe das Glöckchen noch. — Der alte Ziegelstreicher gab mir die Hand; auch der Schulmeister, die Teichwärter und Fischer; der Bleicher; kurz alle meine Vasallen. Zuletzt kam auch der Dorfchirurgus und Barbier, ein schlauer Patron — mein künftiger Hausdoctor, ein Jude, mit seinem nicht weggetauften Namen Salomon. Ich nannte ihn Herr Doctor, als ich mich ihm — als dem nächsten Arzt in der Noth — auf Leben und Sterben ergab; aber er sprach unbeschreiblich würdig und scheinbar spottlos: „Wer hält nicht auf eine Ehre? wer verläugnet den Menschen in Noth seine allerhöchste Wissenschaft! Aber verzeihen Herr Baron, ich bin nur Chirurgus von der letzten Sorte, und darf nur in der allerhöchsten Noth und dringendsten Lebensgefahr — wo wohl grade die allergraduirtesten oder allerkundigsten gewaltigsten Aerzte benöthigt wären — als Nothengel und Nothnagel eingreifen, auch innerlich! Desto getroster sind wir Dorf-Sorte; Glück gehört zu allen Dingen, also auch zu allen Curen; und ich genieße den allgemeinen Ruhm im ganzen Kirch-Spiel um den See, in Ostfrei-, Westfrei- und Südfrei-Dorf, daß ich Glück habe, selber unverdientes Glück, als das angenehmste und wahrste. Fassen Sie Vertrauen zum Glück, erkundigen Sie sich drüben bei Ihrem neuen Herrn Wassernachbar in Ostfrei, dem Herrn von Heiligenhahn; (wie sein Vater seinen auswärtigen Namen Sangallo verdeutscht hat) ich erhalte ihn nebst seinen Achtzehn Töchtern stets gesund! Drüben in Westfrei: den Herrn von Stifter, mit seinen vier Nebensöhnen — immer gesund! Seine Frau, immer sterbend! Selber den Herrn Kriegsrath von Hase, nebst Fräulein Tochter Brigitta hoffe ich gesund zu erhalten, so lange der ausgepfändete blutarme Mann, dessen Gut, unser liebes schönes Südfrei hier, Sie, wie es steht und liegt, sub hasta gekauft haben, bei Ihnen hier im Schlosse bleiben darf. Der so edle, so arme Mann ist unter der Decke der Gesetze schändlich betrogen. Wir Einwohner müssen ja das allgemeine Elend gut machen. Verachten Sie meine Fürbitte nicht, weil ich ein Jude bin! Ich wollte mich taufen lassen und ein Heuchler scheinen, ja sein, wenn Ich — der Kirch-Spiel-Barbier Salomon, dem guten Mädchen helfen könnte!“ — Ich gab ihm die Hand, da ich ihm nöthigen Falls ja den ganzen Leib geben mußte, und wunderte mich nur innerlich: wie gründlich das Volk urtheilen kann; ob es gleich nicht gut ist, wo es klüger und verständiger ist als der Kalender und die Verordnungen der unverantwortlichen Minister oder des Parlaments. Das ist unfehlbar: Demjenigen Reiche ist das höchste Glück zu prophezeihen, welches zuerst nur in seinem Kalender gleich oben zu Anfange das „Jahr von Erschaffung der Welt“ wegläßt. Denn mit diesem Weglaß wirft es sich Gott in die Arme, und eine große Welt-Constitution wird ihm und allen „eine Wahrheit.“
Wie ich sehe, spukte auch in mir ein wenig der Kobold, der neue Herren besitzt — bis sie der Alp drückt. Ich war sehr fröhlich, gut gelaunt und freigebig. Und: ich hatte baar bezahlt! Da fehlte mir der Kummer vieler hundert Güterkäufer; ich hatte also keine Schulden, also fehlte mir das Blei aller Lebensfreude und Unternehmungen vieler hoher und niedriger Herrschaften zu Lande oder des Landes. Sonderbar! Ich schrieb nur neun Zeilen Anweisung an meinen Banquier, so und so viel für meine Rechnung, die und die Zeit, als Kaufgeld für das erstandene Gut des Herrn von Hase zu bezahlen — und nun seh’ ich als Eigenthümer des Schlosses zu seinem Fenster hinaus auf seinen Hof, auf die mühsam erzogenen Rinder, Kühe, Pferde und Schafe! Das alles brüllt, blöckt und wiehert mir! Der Brunnen rinnt mir, die Tauben auf dem Taubenhause girren und trommeln mir — denn ich kann Krieg erklären — ihre Kinder alle — sie selbst müssen für mich bluten und sterben, ja noch schlimmer, sich täglich für mich plagen. Das Wild im Walde, Hasen und Hühner in Busch und Feld sind meine wahren Unterthanen; ich bin ihr wahrer Herr, wie kein Menschenherr über Menschen. Und Herr von Hase wohnt im Kellergeschoß in der Jägerstube, bis auf mein erlaubendes Wort, sich im Walde eine Hütte zu bauen. — Alles für Geld. — Da kommt seine Tochter Brigitte über den Hof vorsichtig; sie hat für ihr erarbeitetes Geld, dem Vater ein Töpfchen Milch gekauft für den Vater und sich zum Abendessen. Sie hat wahrscheinlich auch ein paar Pataten (das klingt englischer und amerikanisch-freier als Kartoffeln) in der heraufgesteckten blauleinwandenen Hausschürze. Die Schürze geht ihr auf. Himmel! die Früchte rollen ihr verrätherisch auf die Erde! Sie wird aber nicht roth! auch nicht blaß, sondern sie bückt sich so, wie alle Mädchen und Weiber allein sich gesund, vorsichtig und anständig bücken — sie knieet auf ein Knie und lieset ihr Abendbrot zusammen ruhig. Aber, mein Gott, das hingesetzte umgestoßene Töpfchen Milch kann sie nicht auflesen! Doch;... sie holt unsere Schloßkatze, die Junge hat, die leckt der Erde den Trunk weg. Nun grüßt sie mich, als sei nichts geschehen, ruhig und bescheiden und geht in das Haus. — Alles für mein Geld! Richtiger: für das Geld, das Er an den betrügerischen Verkäufen verloren. Ich darf ihn und sie nicht so oft mehr zu Tische bitten unter dem Vorwande etwas Gutes aus der Stadt, oder etwas Neues vom Jahre zu haben, denn da ich das Gut und das Schloß, wie es steht und liegt unter dem Matterholze aller Lüderlichen, Unvorsichtigen und schuldlos Armgewordenen, unter dem grausamen Spieße der Juristen, der Hasta, erstanden habe, so esse ich auf ihrem Silberzeuge, ihren silbernen Tellern, mit ihren Löffeln, Gabeln und Messern, auf denen ihr Wappen, ja schon ihr Namen: B. v. H. eingegraben ist! Ich will mein Silber in Gebrauch nehmen lassen. Neulich erklärte sie mir sogar ihr Wappen und die Devise an der Terrine. Welch’ ein Mädchen, welch’ ein Erzieher ihr Vater, wenn das Betragen reine Fassung und himmlische Zufriedenheit ist, wie ich glauben muß. Was kann ein Vater sein, ein Vater thun; welchen Edelmuth, welche Ruhe auf ein Jahrhundert bei seinen Kindern und durch diese bei seinen Enkeln gründen! Und thut das etwa die Gewalt? Oder der Gehorsam! — o Thoren! — Sie scherzt sogar! Sie sah sich inwendig im spiegelblanken Löffel verkehrt; dann auf der äußern erhabenen Seite... erst die Länge... dann die Breite, lachte und sagte: „Wer in einem silbernen Löffel schön aussieht, der ist gewißlich schön. Aber eine Probe ist es nicht.“ Dabei ward sie feuerroth.
II.
Der siebenundzwanzigste Geburtstag.
Darauf war Pfingsten — das uralte deutsche, nicht erst aus dem gelobten Lande gebrachte Fest. „Denn die Deutschen mustern die ganze Welt durch, und fangen an, gegen alles Ausländische, ohne Ausnahme der Person und der Sache, das nicht aus ihrem Volke und ihrer Seele stammt, einen fast bedenklichen Widerwillen furchtbar im Stillen groß zu ziehen! Deswegen ist es ohnfehlbar interessant, die nächsten dreißig Jahre in Deutschland mitzuleben.“
So sagte mein Großoheim; und deswegen mußte ich nach Deutschland heim und mich in einem kleinem Ländchen mit einem der kleinen Herren ankaufen, die wie kleine Schiffe sicher durch alle Stürme kommen; die nichts Großes gethan haben, denen keine fremde Vergeltung zuhängt, die nicht die Waage in Händen halten, nur Ausgleichungsgewichte sind, am meisten sicher, wie die Zunge im Munde leben, und die Früchte des Lebens am meisten genießen.
Diesen Pfingstsonntag also traf mein siebenundzwanzigster Geburtstag, wozu mir meine Mutter am Morgen Glück zu wünschen kam. Dabei erschien der Geist meines Vaters, in hellem Sonnenscheine, um es wahrhaft auszudrücken: leibhaft. Denn es ist jetzt offenbar, daß auch und gerade die Geister leibhaft sind.
Ich will aber nicht „jungstillingen“ oder „justinuskernern“, sondern wissenschaftlich reden und sagen: meine Mutter übergab mir einen Brief meines Vaters, in welchem sein Geist abgedrückt, eingeschlossen gelebt, und jetzt auferstehen wollte unter der Sonne. Auch mein Pastor, Dr. Schleyerlöser, kam dazu, sah mich mit dem Briefe, wie ich ihm sagte, aus der Unterwelt, in der Hand und sprach: „die Wilden, die Naturmenschen haben von allen Dingen die richtigsten Begriffe, kurz, bündig, poetisch und wahr. Poesie und Wahrheit wird nur von Kindern und kindlichen Menschen durch ungetrenntganze ungeheure unbewußte Kraft verbunden. Ist den Wilden ein Brief — ein Geist, so ist auch nichts wahrer als die Auferstehung! Und Homer, König David, Moses, Sophokles und Hunderte sind alle wahrhaft Auferstandene. Die Geistlosen bleiben im Grabe. Und so nur sind die Auferstandenen noch etwas nütze den Andern, und also auch nur vor ihrem Tode: sich selbst. Was Ihr guter Herr Vater aber selbst indessen wohl machte und dachte? Und ob er was machte und dachte? Wahrscheinlich Etwas! Da Ruhe der Tod ist, Geist aber Leben; und die Welt wirklich ruhig machen wollen, hieße: ihr den Geist abzapfen, beschwören, den Geist todtschlagen.“ — Ich war sehr gerührt, beinahe furchtsam, und Dr. Schleyerlöser setzte hinzu: „Lassen Sie Ihren Herrn Vater auferstehen in sich! Nur durch die Lebendigen stehen die Todten auf, und nur in die Lebendigen. Ohne neue Geister wären alle alten Geister todt. Denn was wollte etwa nur — Elias bei Murmelthieren? oder was geschah den Geistern in der Heerde Säuen...., deren Besitzer bei uns gewiß eine Entschädigungsklage eingereicht, gewonnen, und gehörigen Ersatz erhalten hätte. So ändern sich die Zeiten und die Besessenen.“
Meine Mutter, die wahrscheinlich vom Vater eine Abschrift des Briefes an mich besaß, lächelte mir sehr mütterlich zu, küßte mein Haupt und zog sich mit dem Pastor in die Fensterbrüstung zurück, um die Leute aus den Dörfern in ihren Kirchkähnen über den See kommen zu sehen; unter denen auch, wie ich hörte, der Herr von Heiligenhahn mit seinen 18 Töchtern war, die 3 Kähne füllten. Ich erbrach den Brief. Ein Ring fiel heraus. Ich fand ihn kostbar. Mein Namen stand darin. Der Vater schrieb:
„Mein lieber Sohn!“
„Zuerst sei gegrüßt! innig gegrüßt! Umarmen und küssen kann dich meine Gestalt nicht, die gewiß jetzt aus deiner Seele dir vor Augen schwebt. Vielleicht kennst Du noch das Wort: „Es werden nicht Alle auferstehen;“ aber Vater und Mutter haben das Schöpferrecht im Kleinen: auch todt bei ihren Kindern zu sein, als ihre guten Geister, als die Vollmacht und Vollkrafthaber, Ableger und Geschäftsführer des Alls, als — wie die Alten sagten: die gegenwärtigen sichtbaren Götter. Als solcher Geist rede ich heute zu Dir und mahne Dich: Thue was alle Kräfte zu ihrer Zeit thun, ohne das sie alle vergebens da wären; thue was die Erde alljährig thut, was die Sonne und alle Sonnen thun, was die Wolken, der Blitz, das Gewitter thun: heirathe! heirathe! Heirathen, das ist das Wort, vor welchem die ganze Welt süß bebt, zu welchem die ganze Welt immer fort lebt, sinnt, liebt, drängt und bebt. Du aber suche dazu — ein Bild das dir gleich sei, eine Gestalt, die ohne Dich nichts ist, ohne die Du nichts bist — ein Schatten auf Erden: Nimm eine Jungfrau! zaudre nicht, säume nicht, keinen Tag! Denn über dir stürzen in sausender Eile die Augenblicke dahin, schrecklich in ihrem Schweigen! Zur Verzweiflung dem, wer am Strome des Lebens schlief wie ein wahnsinniger Müller. Jeder Wurm thut alles mit Blitzeseil, was ihm aufgegeben ist; was die Flügel nur regen kann, fliegt sogleich; die schöne Distel ist nur reif, und schon fliegen ihre Kinder an Fallschirmen mit dem eben heranwehenden Winde hinaus: ihr Hauswesen zu gründen! Jede Blüthe, jede Blume blüht kaum auf — so heirathet sie! Der ganze betäubende Frühlingsblüthenduft ist nur Hochzeitduft aus ihren tausend kleinen Hochzeitküchen und Bechern. Nur der Mensch hat Unverstand zu Blindheit und Säumniß; aber Verstand: was er ist, zu sein; was er soll, zu werden. Selber der Bauer sät nicht erst in den Schnee, oder neben die Furche, oder auf des Nachbars Acker! Jede Stunde ist dem Manne, der einem Weibe erwachsen, verloren; und dem Weibe, die dem Manne zusteht, verloren, die sie zu spät heirathen. Ein zu zeitiger Wittwer ist entweder eine Schandthat an den Naturgesetzen oder ein Unglück, groß wie Eins in der Natur. Vaterlose Waisen sind, wenn nicht Mißgeburten, doch Missethaten, Versündigungen an der Schöpfung, mißrathene Selige, nackt aus dem Nest geworfene Junge, von Liebe nicht groß gezogen, nicht Freude der Eltern, Beraubte der Freude an Vater oder Mutter. Eine zu frühe Wittwe, weil ihr Mann seine und ihre Jahre versäumt, ist die größte Leidträgerin der ganzen Welt. Sie muß dulden und verwürgen, was einem Thiere zu hart wäre; sie muß dasein, ohne zu leben! Sie muß aufstehn mit Thränen, und zu Bett gehn mit Klagen oder Verstummen; und was alle Welt erfreut, das bedrückt, erdrückt und erstickt sie fast. Aber auch zu frühe mutterlose Waisen sind elend. Ein früher Wittwer wird ein halbes Weib oder ein ganzer Thor; er verfällt vor Erinnerung in Irrsinn; heirathet er wieder, was freilich selber ein Affe kann, so geschieht es, weil er die Liebe für ein Irrlicht hält, geradezu alle Weiber für Eins, da er die zweite Frau für ein, für sein Weib hält. Und so bahrt er das Hochzeitbett auf dem Todtenbett seiner Geliebten auf, worin ihm die Lebende dann zur Leiche wird, zu gerechter Rache. Darum — halte deine Frau heilig! Die Frau halte den Mann heilig! heiliger wie alle Heiligen und bloße Fürbitter. Mann und Frau sind sich einander einzige, unersetzliche Schätze! Sie bitten nicht für einander, sie leben und sterben für einander, umeinander. Also: nimm eine Frau! und unmißverstehbar: nimm eine Jungfrau zur Frau, die fest und lebenswillig ist, also doch 21 Jahre. Eine Wittwe nehme ein Wittwer allein aus Noth, als dann noch leidlich passend; weil beide schon abgestorbenes Gut sind, beide entzauberte Wesen, mit zerrissener Liebe, ausgespieltem oder verblasenem, zerstücktem, halb im Grabe liegendem Herzen, beide an unsichtbaren Ketten der Todten gehend, beide nothwendig einander nur Klepperbeinsche Magenpflaster, trotz aller aufgekochten Liebe und vergeßlicher Zärtlichkeit und Treue. — Denn die Treue ist, wie du siehst, nur eine gemeine Mitgift der Liebe, eine den Liebenden unbewußte Tugend — trotz aller Güter und alles Goldes, ja trotz eines noch jugendlichen schönen Leibes, selbst wenn der Wittwer oder die Wittwe es vor ihrer Brautnacht geworden. So heilig ist die Liebe — aber verstehe endlich mich wohl und merke es endlich wohl — so heilig ist nur die menschliche bezaubernde wahrhafte Liebe; die uralte, ewig geübt, von Keinem zu unterlassenmögliche! Nicht das Wohlwollen, gleich gegen Alle, was in der Diatheke überall nur Agape heißt, und was Luther aus Mangel unterscheidender Wörter, in dieser großen Natursache so irrthümlich und zuvielverlangend mit dem allen Jünglingen, Jungfrauen und Gatten allein verständlichen und zugehörigen Worte „Liebe“ übersetzt hat! Auf diesen, diesen Zauber durch Schönheit, holdselige Gegenwart mit Leib und Seele, auf dieses Weltwunder allein, was unser deutsches Wort „Liebe“ meint, ist jede Wonne, jede Treue, jede reine hohe feurige Seligkeit der Jugend.... jedes Paares.... jedes Hauses.... also des Volkes, aller Völker, und des menschlichen Geschlechtes begründet! Dies Wort Liebe bezeichnet diesen heimlichen heiligen seligen Zustand allein; wenn Agape, laut allen Griechischen Wortbüchern der Welt, nur Wohlwollen, Wohlthun, sehr eifrig für jeden Andern sein, bedeutet und verlangt. Deine Seele giebt mir so gern, und fromm, und freudig Recht, wenn Du mich weiter hörst. Nur höre unverstockt! Für Andere, für alle um uns, ist diese Agape auch genug, und genügt zu einem freundlichen Zustand im Lande, zwischen Nachbarn der Hütten und Völker; aber Wir fordern für Uns selbst und die Unsern, also für Mutter, Vater, Weib, Mann und Kinder in aller Welt allein die alleinwahre Liebe — und für keinen andern als die Unsern ist sie zu verlangen und zu erlangen; und sie ist für diese nicht etwa nur genug, sondern allein Wonne, Freude und Seligkeit des Lebens. So ist diese endlich erkannte Liebe die Verknüpfung, der Halt, der Preis und Werth des Lebens Aller, Aller, weil sie es von allen wirklichen Paaren ist. Darum nimm die Geliebte zum Weibe! die Liebende nehme Dich zum Manne! Was ihr Euch sonst zubringt, ist alles geringer als die ausschließende, nur durcheinander beseligte Liebe. Nimm es mit ihr, wenn es da ist: Gut und Gold, mächtige Freunde, Wissen und Können — aber aller Welt Kunst und Schätze ersetzen Dir nicht ein Weib, das Du liebst (denn das geht über alles, da ist aller Zauber vollendet) und ein Weib, das Dich liebt (denn da gedeiht Dir Deine Liebe, und bringt Dir Freude und Wonne.) Freude und Wonne... diese zwei Kleinigkeiten der Pfaffen, ohne welche doch ihrer Keiner überhaupt nur da wäre; und nun schütten sie Teufels-asa auf das Aroma der Welt. Diese, die ganze Natur durchglühende, alle Wesen hervorzaubernde, allen Wesen das Leben erst werthmachende Liebe, konnten Leute nicht meinen, die da meinten: Nicht freien, nicht heirathen, ist besser. Bewundern des Schönen, Erstaunen über Lebendiges, allerheißestes Verlangen, süßestes Erlangen, himmlische Gnüge, Begründung unsterblichen Lebens, und noch ein reiner göttlicher Hauch — das alles in der flammenden Seele — ist Liebe! Diese Liebe! allein werth, allein genug: der Inhalt und der Grund des Lebens des Mannes und des Weibes, also allen Volkes zu sein, der Grund aller Reiche, wie die Verehrung des Vaters es ist bei Chinesen. In dieser Liebe ist alles klar, anschaubar, möglich, jedem erfreulich; sie hat die heilige Vernunft, als Verwahrerin vor Selbstbetrug und Täuschung, zur Seite. Siebenmal drei Jahr soll das Weib sein, der Mann neunmal drei. Nur die Ehe zu rechter früher Tageszeit erstickt die Laster der Ehelosen, erspart Schande und bitteres Unglück, erspart unzählige verwilderte Kinder, Kerker, Zucht- und Irrenhäuser, die Pein der Strafen; nur sie giebt das rechte Glück. Dir ist möglich, es zu erlangen. Ergreif’ es. Bei Deinem Wahrsinn oder Wahnsinn —: Du sollst ein Weib haben, ehe das letzte Jahr der rechten Zeit voll wird.
Ich glaube, ich habe Dich bewegt, wenn Du meinen einzigen, dir so gut wie bei Todesstrafe gegebenen Befehl getreu befolgst, wenn ein Weib dir noch neu ist! Alles Erste hat Gewalt des Göttlichen und verbindet auf Lebenszeit; alles Einzige, oder Einziggehaltene bewährt seine Wunderkraft und Herrschaft.
Und so verschwind’ ich Dir wieder, und komme nur noch einmal — in Deiner Todesstunde. Mir wird die kurze Zeit dahin nicht lang; sei sie Dir schön, sei sie Dir werth: daß die Sonne vom Himmel scheint! Du, mein lieber Arminius, befolgtest als Knabe meine geringsten Worte auch hinter meinem Rücken — befolge mein wichtiges Wort jetzt über meinem Grabe. Auch todt, dennoch stets
Dein
treuer Vater
B. v. Kopernik.“
Weint denn der Mensch auch, wenn er soll glücklich werden? nicht blos wenn er unglücklich werden soll! So fragte ich mich, als ich Tropfen auf den Himmelsbrief fallen sah. Ich glühte. Solchen treuen, wahren, mächtig überzeugenden Worten war nur sich hinzugeben, da sie mir die Welt in neuem freundlichem freudigem Lichte zeigten, das gewiß auf allen Gestirnen leuchtet, das schon die Alten, die alten Juden, die alten Aegypter, die alten Griechen, gekannt und danach gelebt hatten. Darauf war das Beste, der Kern und das Leben der Welt, bei den himmlischen Seelen, ein mißliches Geheimniß, das unausrottbare Stück Heidenthum, ein Punkt der Duldung geworden; bis jetzt die Menschen nun endlich von göttlichen Geistern erlöst, mit dem einzigen Gewinn von zwei zerstiebenden Jahrtausenden, einem reinen gönnendern Empfinden und Behandeln auch der Nebenmenschen, wieder zu den alten ewigen Schätzen greifen, die ihnen kein Zepter noch Bischofsstab mehr aus den Händen schlagen kann, und mit voller Ueberzeugung auch nicht mag; denn die Schätze sind ihnen selbst zu herrlich und schön und nützlich und wahr. Was Herrschsucht und Eigennutz nicht stört, hat freien Eingang; besonders Ansichten, die nie selbst zu erscheinen brauchen, und wodurch jeder nur die alten unklaren Dinge als Carricatur sieht. Das Gute vom Altem besteht ja dabei, und das Ewige erhält ein Recht.
Meine Mutter winkte mir an das große bunte Glasfenster zu kommen, hinter dem ich unbemerkt die 18 Töchter durch die rosenrothe, goldgelbe, blaue, grüne oder schwarze Scheiben sehen konnte, — und sie zupfte den Pastor, als sie bemerkte, daß ich nach den, als schön und besonders schön gewachsen berühmten Jungfrauen, durch die rosenrothe Scheibe sah! — „Er folgt dem Vater!“ lispelte sie hinter meinem Rücken ihm zu, doch mir nicht leise genug.
Und sonderbar, ich suchte die Mädchen — am Himmel! jetzt freilich mit Unrecht, da sie ja schon daraus auf die Erde eingeblüht waren, aber mit Recht, da jede Blüthe vom Himmel gewebt und gewirkt wird. Das war meiner Begeisterung jetzt sonnenklar. Aber ich sah nur im Fluge eine milde unsäglich schöne Rose am Himmel, statt Sonne! Wehende Rosenblätter statt Wolken! Drunten den See, wo ich nun suchte, als einen großen Spiegel aus flüßigen Rosendiamanten gegossen, und noch glimmend und schimmernd — und noch heller flammend den schmalen glitzernden Sonnensteg darauf, und Kähne voll festlich gekleideter stehender Menschen, alte Männer, kleine Mädchen an der Hand; alte Weiber, Knäbchen an der Hand; junge Männer und Weiber und Jungfrauen mit Büchern unter dem Arm — alles von fernen, wie chinesischen Zwergbuchen und Zwergeichen und Rebenhügeln umgeben — und von dem Klange der in reinen Dreiklang gestimmten Glocken überhallt. Das alles ergriff ich mit Augen und Ohren wie im Fluge. Aber Sangallo’s achtzehn Töchter, sie sah ich nun schon zwischen den glimmenden Leichensteinen, mit wie aufgeglühten alten Rittergestalten, in die Mauer der Kirche nach und nach verschwinden! Keine sah sich um. Aber da waren sie mir in ihrer neuen vergrößerten Loge gefangen! und meine Loge war gegenüber!
Der Schulmeister kam den Pastor abzuholen und zu begleiten. Ich begleitete meine Mutter — und hinter uns kam in die, mit duftenden grünen Maien geschmückte Loge, wer? der arme Herr von Hase, mit seinem einzigen armen Häschen, Brigitten. Sie betete erst still; dann trat sie vor mich, verneigte sich und bat: „Sie erlauben uns doch noch, daß wir hieher kommen?“ — Und ohne Antwort abzuwarten, zog sie sich zu ihrem Vater auf den Sitz im Hintergrunde zurück. Ja, mir nichts dir nichts, sangen sie auch getrost, doch sanft.
Ueber der Loge des Herrn Sangallo stand das in Stein gehauene in schönen Farben prangende Wappen, ein silberner Hahn mit dem Heiligenschein in himmelblauem Felde. Erst neulich sagte mir ein Franzose: wir alle haben den Hahn als Sinnbild der Verehrung der Frauen im Wappen, und führen ihn alle im Kopf. — Da drüben war er im Himmel! Doch das träumte mir jetzt nur; wie denn der Mensch immer von tausend Gedanken als Dämonen und Sylphen umschwebt und umflüstert ist. Wenn der Mensch die Geister nahen läßt, wie der Dichter, dann reden und vielleicht auch fühlen sie für ihn, und bilden ihm das Gedicht: das Leben! Ich verneigte mich, verehrungsvoll hinübergrüßend, und Sangallo verneigte sich wieder, und seine 18 Töchter — wie an einem Faden. Das hätte mir noch gestern etwas Lächerliches gehabt. Aber die Mädchen blieben in der Würde, und flüsterten auch nachher sich kein Wörtchen zu. Welche Erziehung oder welche anständige Natur. Und wie sie sangen! das war die edelste Schule, das war geoffenbartes, tönendes Herz. — Da sagte mir meine rechtschaffene Mutter: Lieber Armin, siehe nur, das prachtvolle Altartuch haben sie auch gestickt, in den Zipfeln ihr Wappen und an den Goldborten ihre Namen umher, die alle Achtzehn mit A anfangen; du siehst da gerade „ARMINIA“. — Die Kanzeldecke aber hat, zum Andenken das arme Häschen gestickt und geschenkt. Das arme Häschen! So bleibt doch ihr Wappen und redender Namen, der Hase, an der Kanzel zu unserem Andenken und aller künftigen Geistlichen.
Als Doctor Schleyerlöser, mit Recht ohne sich gegen uns Herrschaften zu verneigen — woran ihr im Herzen mitgebrachter Inhalt die Liebediener verhindern sollte, und ohne an unterschiedene Menschen an ihrer Stelle auch nur zu denken, auf die Kanzel getreten war, überraschte es mich angenehm bittersüß, in seiner Person die Urgestalt der Juden zu sehen, die Rom und ganz Europa so tief besiegt haben, daß auch wir Deutsche nur gepfropfte Juden sind, bis nun unser alter ursprünglicher Germanen-Stamm aus ureigener göttlicher Wurzel den heiligen Sproß treibt, so daß der gepfropfte allmälig nothwendig eingeht, nach Naturgesetz. Noch mehr überraschte mich die Wendung und Nutzanwendung, die er vom Pfingstevangelium zu machen verstand, indem er zur Gemeinde — „von dem Geist der zur Ehe treibt“ sprach, ja sich des Ausdrucks meines Vaters bediente: „von der Verheirathung zur rechten frühen Tageszeit!“ Dann stellte er den Niedrigen und Armen ihr Glück vor, daß ihre Jünglinge über Prinzen und ihre Jungfrauen über Prinzessinnen auch der mächtigsten Kaiser, frei und glücklich darin wären, zur rechten frühen schönen einzig richtigen Tageszeit heirathen zu können, weil kein Zwang sie hindere, kein Warten ihnen nutze, und sie allein nur durch glückliche freie Liebe, und zur rechten Zeit geschlossene Ehen so froh seien bei der geringsten Ursache; so ungebeugt und unbeugbar bei Leid, so fast übermenschlich geduldig; — daß nur ihr kräftiges Geschlecht auf Erden bleiben werde; — daß aus allen „Spät“ also immer zu spät Verheiratheten allmälig nur ein trauriges, schlechterzogenes, verwahrlosetes, allem Laster und Unglück zum Opfer freigegebenes Volk erwachsen werde, und müsse, wenn nicht die tausend äußeren und inneren Hindernisse der Ehe „zur rechten frühen Tageszeit“ mit aller Gewalt ausgetilgt würden; gegen welche Verbesserung alle Reichs- und Volksverbesserungen nur Eitelwerk, vergebliche Mühe und Tappen der Blinden nach Schätzen wären. Und mit erhobner feierlicher Stimme sprach er: Der gesunde, vollendete Zustand eines Volkes und der Menschheit hat nur Ein Zeichen: die Ehe zur rechten frühen Tageszeit. Wo sie allgemein ist und sein kann, da ist der Naturzustand neben aller menschlichen nöthigen Bildung erst wieder erreicht. — Das führte er aus, das bewies er sonnenklar und Gottesmächtig. Nach welchen Wünschen er Amen sprach, — zu welchem Amen der Himmel, wie bestellt, donnerte, daß die ganze Gemeinde und meine Mutter betroffen aufsah — will ich nicht wiederholen; aber ich erstaunte: was wahre Geistliche alles sagen dürfen ja müssen, ohne daß ihnen Jemand anders als ein Unsinniger, Schändlicher, ein Haar krümmen darf: wenn sie nur Geist und Herz und Muth haben. Aber sehr viele sind Feiglinge geworden. Von den Mädchen schaute während der Predigt keine auf, oder gar von drüben Eine herüber! Auch Brigitte regte sich nicht, oder nahm gar Stellung und Miene an, wie solche, die nur voraussetzen, man wird sie jetzt ansehen. Auch Herr von Hase hustete nicht, oder niesete gar!
Diese Mädchen, so über Blumen bescheiden, — die doch noch im Hauche der Luft den Bienen ihre Gegenwart verrathen — rührten mich innig zur männlichen Bewunderung von solcher Geduld in gewiß liebeschwervollen Herzen! vor solcher Sicherheit: sie seien gewiß einem Liebenden heraus auf die Erde gesandt; vor solchem Vertrauen auf sich: weil sie alle Huld und Wonne tragen, werden ihre Blüthentage, ihre Zeit der Früchte kommen! werde gewiß doch der Eine Augen und Herz und ein Häuschen und ein Bettchen für sie haben, den sie in heiligen Naturschweigen erwarten. Wen gäbe es wohl so Unverschämten: diese Mädchen bei Jünglingen umher auf die Heirath zu schicken! Aber ihr Nein ist der Jungfrau gegeben, um des Jünglings und ihr eigenes Glück nicht vergeuden ja opfern zu müssen. Denn selbst an Liebende wirft sich noch die Nichtliebende weg; wenn ihm die Wiederliebende erst ein Glück bringt.
Neben mir in der Loge der Herrschaft des Gutes Westfrei („Dorf“, lassen die Leute weg) befand sich Herr von Stifter, mit seiner kinderlosen Frau und seinen vier Nebensöhnen, jungen wie Engel schönen Männern, die mir, ich weiß, nicht, welche Eifersucht erregten! Sie zerbrachen sich bald die Rücken bei den Abschiedsverbeugungen zu den Mädchen hinüber! Ihnen hatte ich auf morgen meinen ersten Besuch in Westfrei ansagen lassen; dem Herrn von Sangallo in Ostfrei aber auf heute Vormittag. Ich sah ihn daher mit seinen Töchtern nach dem Segen — nach dem stillen Vaterunser — und nach achtzehn Verbeugungen, mit einer gewissen Sicherheit fortgehen, nicht heimeilen.
Im Schlosse legte meine rechtschaffene Mutter noch großen Staat und ihren schönsten Schmuck an; ich gab ihr den Mantel um, wegen wahrscheinlicher Zugluft auf dem See, nahm den meinen um, und wir stiegen in unsere mit Maien geschmückte Prachtgondel, unsern Bucentoro, als gerade der Doctor Schleyerlöser mit seiner Frau in seinen Abendmahlkahn (für Berichten, Krankenbesuche und Hauskindtaufen bestimmt) nebst meinem Schulmeister einsteigen wollte. Auf meine Einladung kamen sie, zur Gesellschaft auf der halbstündigen Ueberfahrt, in unsern Kahn. Der „Chirurgus von der letzten Sorte“ fuhr rasch an uns vorüber und voraus, und antwortete auf meine Frage: wohin? immer entfernter: „Geschwind nach Ostfrei hinüber!“ Ein Junge ist von der Maistange gefallen. Unter der Kirche ist er heimlich nach einem Tuche gestiegen. Er soll alle Arme gebrochen haben, wie der alte Dorfwächter hier sagte. Gesunde Nachkunft! — „Es steht ein Gewitter am Himmel!“ schrie er noch, schon von weitem zurück.
Wir sahen hinauf, und allerdings! Aber meine Mutter hatte das Schwurprotokoll! Ich hatte Seesturm und dreitägige und dreimächtige Verfolgung und Getöse von hallenden Seegewittern überlebt; und es ist gut: die größten Unannehmlichkeiten aller Art überstanden zu haben; denn damit hat man alle folgenden kleinen im Geist überwunden und sich leicht gemacht. Was konnte hier werden in 30 Minuten? — Und doch!
III.
Der Donner als Brautwerber.
Der Pastor erklärte mir den Zweck seiner Reise — eine Magenreise! Mein und meiner Frau Magen fahren zum Diner! Weihnachten muß ich die Ehre genießen, bei Ihnen in Südfrei unsere Magen einzustellen, laut Vocation; Ostern in Ostfrei; Pfingsten in Westfrei; und also dermalen bei Herrn von Sangallo, dessen Vater schon ein Muster aller kleinen und größeren Herren war; die großen haben oder leiden kein Muster, so wie sie denn wenig ihres Gleichen haben. Der selige Herr von Heiligenhahn, der den Heiligenschein, als bei ihm eine Wahrheit, verdient, was hat er gethan? Denken Sie! Freuen Sie sich, daß Sie und keiner Ihrer so gottwilligen Erben es nun zu thun braucht; oder bedauern Sie, daß er Ihnen solche Thaten, nach denen kein Hahn kräht, weggenommen hat! Und fühlen Sie die Beraubung, so ersinnt Ihr Herz gewiß ein Neues Gute; oder räumt ein anderes, auf den Menschen lastendes Uebel weg, wovon zur Freude aller Arbeitslustigen noch Bergevoll und Bergehoch zu beliebiger Auswahl vorhanden und vor Augen liegt. Das hilft aber nichts, bis etwas den Leuten vor — Herzen kommt, oder die Buße wieder Mode wird, oder von hohem Ort wieder Mode gemacht wird; und der Buße allein verdanken wir die meisten Kirchen und Hospitäler! Alte christliche Ritter, die aber unbeschadet ihres riesenfesten Glaubens, schlimmer wie die Heiden lebten, verstanden das Wort „Kirchenbuße und Klosterbann“ so: daß sie mit Kirchen und mit Klöstern büßten! Gott, welche Sünden und Verbrechen stehen da gemauert in unserm heiligen Deutschland umher, und die Glocken lallen sie unverständlich zum Schrecken; wie Kinder, welche die schändliche Mutter noch nicht dem Vater verrathen können.
Und was stiftete Er? fragte ich.
Kirchen- und Schulfreiheit! Hochzeit- und Kindtaufenfreiheit in Ost-, West- und Südfrei; Nordfrei gibt es nicht, versetzte der Pastor.
Wie in Amerika? fragte ich, erstaunt über Deutschland; wie dort, wo man Alles unversehrt lehren kann und lehrt, wo erst Menschen eine Kirche bilden — können, wenn sie wollen, und nicht eine Kirche: Menschen!
Sie wissen nicht, woran wir absterben, wenn nicht sollen, doch werden; sprach mein Pastor. Herr von Sangallo konnte es nur plump thun. Er hat Gestifte gemacht: Hier giebt kein Mensch in Ewigkeit — verzeihen Sie den unprophetischen Ausdruck — etwas zu Kirche oder Schule, für Pastor oder Schullehrer; freier Unterricht, freier Gottestisch, freie Hochzeit — um die Trauung so zu nennen — frei Taufen, freies Begräbniß! Also alle göttliche Dinge — Sonne, Mond und Erde ausgenommen — frei! Er hat, freilich jetzt sehr achselbezuckt, geglaubt: ein Herr ist nicht blos, der Dienste und Gaben von seinen Leuten, die Wolle von den Schaafen, die Garben vom Felde, die Bäume aus dem Walde nimmt, und alles Andere Gott überläßt; sondern ein Herr ist, wer seinen Leuten das, wozu ihr Verstand und ihre Mittel nicht reichen, verschafft, selbst mit Opfern. Und wie klein ist dies Opfer gewesen? Was hat so lange Wohlthat geleistet? —: ein Stück Wald! wie ihn andere Herren oft in einer Nacht verspielen, oder in eines Jahres Lauf vertrinken und verschmausen. Und wie gesegnet: Dort sehen Sie die himmelanstrebenden Fichten wieder stehen, daß einem das Herz im Leibe lacht.
— Ich habe vor Kurzem die Berechnung eines Engländers fast beweint, sprach mein Schulmeister, Lieutenant Groll: Wie viel Vermögen der Völker eitel vergeudet wird, unnachgefragt, so daß nichts nachbleibt, unnachgefragt. Aber von jetzt an doch nachgesagt und vorgesagt. — Er hatte die bejammernswürdige Summe gezogen, was alle europäischen Heere seit 30 Jahren kosten. Er sagt: „Deutschland feiert jetzt bald den dreißigjährigen Frieden; keine Flinte ist gegen einen Feind loszuschießen gewesen.“ Aber da waren: Welche Nachbarn, gegen die das ganze Volk in Waffen stehen muß! oder welche Furcht vor den eigenen Völkern! Und wohlgemerkt, die so theuren Heere sind nicht mehr da. Die Soldaten waren nicht unsterblich, sondern sind gestorben, gealtert; also soll die genossene Ruhe die Frucht sein. Aber war es möglich und waren etwa 5 Millionen Thaler nur eines angenommenen Landes auf den Stamm eines Heeres verwendet, andere 20 Millionen jährlich gespart worden, also in 30 Jahren 600 Millionen Thaler, und diese 600 Millionen Thaler wären auf Schulen, Schulmeister, wahre Heil-Anstalten aller Art, Verbesserungen des Landes, zu Abgaben-Erlässen ganzer armer Städte; kurz, statt auf die Furcht, auf die Liebe verwendet worden — wo wäre da im ganzen Lande ein Unsinniger gewesen, der seinen Herrn nicht auf Händen getragen hätte? Wo wäre ein Mensch zu Hause geblieben: um dieses sein solches Vaterland nicht gegen Legionen Teufel glorreich zu beschützen? Da quollen Geister aus der Erde, da stiegen begeisterte Engel vom Himmel.
Wie eine feurige Schlange fuhr jetzt ein Blitz über den ganzen Himmel, und Donner schmetterte hinter ihr drein.
Nicht weiter! sprach ich. Sie spielen ganz vortrefflich Orgel, Herr Lieutenant? Wie kommt das? —
Ich bin Theologiemüder Candidat, antwortete er, und war lange Musiklehrer der Fräulein Sangallo. Der Herr Pastor sollte Sie doch vorher ein wenig mit diesem, seinem Schicksal gemäßlebenden Vater so vieler Töchter bekannt machen; obgleich der Oberförster in nächster Stadt auch schon 11 Töchter hat. Auch unser Barbier Salomon ist das achtzehnte Kind von Einer Mutter.
Und ich vervollständigte: Ich selbst habe auf meiner Heimreise über England in Leeds bei einem Wirth logirt, der gerade sein neunundzwanzigstes Kind taufen ließ.
Herr von Stifter, Ihr Gutsnachbar hier am See, der lange in der Levante gereist ist, bemerkte der Pastor, hat gesehen, daß viele Türken, gewiß nur eigene, 30 bis 40 Söhne hatten; Töchter werden da nicht gezählt. In Sicilien sind um sein ankommendes Schiff die Kinder von nur 13 Matrosen herbeigelaufen, ein Schwarm von 105! Aber die Erziehung! die Erziehung! das ist die Sache; und die Verheirathung, die gute Verheirathung! Denn die Töchter sind schon alle so so, oder so wie ihre Mutter Agathe, verheirathbar, welche gewiß dem Fürsten zu Lynar zu seinem wunderhold naiven Gedicht, „die Frau von sechzehn Jahren“, das schöne Vorbild gegeben hat, oder doch gegeben haben könnte; um dem Autor sein Eigenthum nicht anzutasten. Mit 19 Jahren ist sie schon Mutter von 7 Kindern gewesen, laut Kirchenbuche; denn darin stehen einmal Drillinge, zweimal Zwillinge; darauf in fünfzehn Jahren eilf einzelne Töchter. Nur 33 Jahr jung, ist sie über die jüngste Tochter eingegangen. Jetzt ist sie gegen 13 Jahre todt; also ist diese Jüngste schon so alt; und die älteste erst in dem berühmten und beliebten Standjahre 29, in welchem alle noch ältere Mädchen sich rühmen zu sein. Diese Aelteste, Antonie, ist Wittwe; Auguste: Wittwe. Und auffällig, beide kurz hintereinander zu Wittwen geworden. Zwanzig Jahre auseinander wäre es Niemandem aufgefallen. Antoniens Mann ist nicht in die Brautkammer gekommen, weil er am Hochzeittisch an einer Fischgräte, die ihm durch Husten den Blutsturz erregt, krank geworden. Auguste ist beim Austritt aus der Trauung krank geworden, und ihr Mann ist vor ihrer Genesung mit dem Pferde gestürzt und gestorben. Darum bedenkt sich die jetzige Braut, Afanasia, durch die Verheirathung ihren schönen jungen Bräutigam, dem Postsecretaire Herrn von Rheingraf geheimnißvoll umzubringen! Zehn andere Töchter haben jetzt Brautbewerber. — — —
Ich wollte mir ihre Namen so eben nennen lassen, um zu hören — daß er nicht Arminia darunter nenne; als es wieder furchtbar blitzte und einschlug, am Ufer von Westfrei. Wir wußten Herrn von Sangallo mit seinen schönen Nereïden gelandet. Wir sahen sein Schloß. Kein Rauch quoll aus; keine Flamme stieg auf; und wir waren ruhig, bis auf meine rechtschaffene Mutter, die in Beschwerden ausbrach und mir vorwarf: „Da hast Du den Schwur!“ Und ich mußte mir erlauben, ihr vorzustellen: Liebe gute Mutter, der Schwur hat sich nur auf ein Menschengedenken zurück bezogen; aber Niemand kann beschwören, das nicht ferner, oder bald bei uns ein Gewitter aufzieht und donnert und blitzt und einschlägt! Ja gerade, weil noch nicht, desto wahrscheinlicher!
Der Gewittersturm jagte uns; die Wellen drängten den Nachen; die Ufer flogen zurück. Der herabstürzende Wind wühlte hohle Kessel im See aus; uralte große Fische, Karpfen von 20 bis 30 Pfunden, mit bemooseten Häuptern und gelben fleischernen Schnauzbärten wie Seehusaren, tauchten empor; große Hechte stoben vorüber. Aus der Gegend, wo wir fuhren, sollten alle drei Schlösser und Dörfer in den Buchten des kühn verzogenen dreieckigen Sees zu sehen sein. Aber dichter Regen ergoß sich uns seitwärts herab und warf Blasen auf dem Wasser. Ich will nicht behaupten, daß die Frau Pastorin, obzwar eine getaufte Jüdin, nicht den Messias erwartet habe; denn Er hatte sie gewiß auch darum mit geheirathet, um im Hause im Gespräch von alten Tagen und neuen Hoffnungen, von denen das alte Herz nie abgewaschen wird, stets in der Seele verstanden, mit ihr reden, mit ihr leben zu können. Auch nur Sie konnte seinen Kindern nicht die morgenländische Nase.... und Er nur auch ihr nicht die großen schönen Augen der Töchter und ihr immerfremdes, oft linkisches, oft engelhaftes Wesen vorwerfen. Kurz sie war voll Andacht; er war sonderbar still. Wir andern, die wir keine, keine Hoffnung mehr haben, als das unabsehliche Weltende — waren sehr froh, als wir auf das Ufer sprangen.
IV.
Das einzige Kind.
Aber noch weit vom Ufer hatten wir eine Geistererscheinung auf dem Wasser; denn es ging nicht, sondern es fuhr ein aufrecht stehender dürrer blasser Mann mit einem krank aussehenden Jungen, nur von einem alten Landmann gerudert, an uns vorüber nach meinem Kirchhof zu.
Ein Gespenst! sprach der Pastor zürnend, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
Wer war das? fragte meine rechtschaffene Mutter.
Sie können sich rühmen etwas Wunderbares, ein grassirendes Wunder gesehen zu haben! Das war ein Patentirter! eine neue Art Reisender, der „in Gebeten“ und verwandten Artikeln macht, nach dem Kunstausdrucke; kurz der früher abgesetzte, jetzt scheu-belobte Pastor mit seinem Bet-Jungen.
Aber, mein Gott, sprach meine rechtschaffene Mutter, würden Sie denn Luthern einstecken oder verbrennen wollen, wenn Er heute umherzöge und auch zu Ihnen käme, und Sie Macht hätten?
Die Niemand mehr hat! versetzte der Pastor. Aber, erlauben Sie, es ist ein großer Unterschied zwischen den Zeiten. Wie nützlich, zum Beispiel, war nicht die Sündfluth zu ihrer Zeit! Aber was soll uns Noah jetzt mit seinem Kasten voll Thiere, in welchem, laut Oken und ausgerechneter Maaßen, nicht der zwanzigste Theil der Ehepaare aller ersaufbaren bekannten lieben Thiere Platz gehabt hätten. Aber das ist ja eben das Wunder! so gut wie die 11,000 Jungfrauen nicht in ihren Paar Schiffchen Platz gehabt hätten. Aber das schadet nichts: das ist eben das Wunder! sonst wäre es ja keins, und Wunder müssen ja sein! Die sind besser als die ganze Welt; sie bereichern sie und machen die Welt und den Menschen erst vollkommen. Verzeihen Sie den Abstecher in die aschgraue Unmöglichkeit, in das Eldorado der Gläubigen. Himmel, was gäben wir alle darum, wenn jetzt wieder ein Luther käme! der alle weitere Offenbarung des Geistes dem Volke gestattet. Und er kommt gewiß und sein Melanchton dazu. Aber die ernsthaftesten Ursachen sind oft nicht ohne die spaßhaftesten Folgen, und die lächerlichsten Wirkungen nicht ohne die traurigsten Ursachen — der eilende schuhmacher-blasse und doch kochende Mann will gewiß mit seinem Betjungen ein Wunder thun in meiner Kirche; denn uns handwerkmäßigen Pastoren pfuschert, bei auch geistlicher Gewerbefreiheit, jeder ins Handwerk; es ist also gewiß in Ostfrei ein Unglück geschehen! Feuer, da wir keins sehen, ist es nicht! zu Hause will ich Ihnen eine kleine Schrift mittheilen: „Das Popenland“, woraus ein Blinder sehen kann, wie gräßlich sich die Herren die eigenen Hände binden, welche ihre Leute suchen unter das Joch der Popen aller Art zu bringen. Denn sie selbst am meisten und die Leute brauchen zum künftigen Leben auf dieser Welt die freie Wissenschaft. Nicht zurück! sondern noch klüger und noch besser! das wahrhaft aufgeklärte Volk ist das treuste! Vom Glück und dem Recht ein Mensch zu sein, gar nicht zu reden.
Man hatte mich in Amerika theils bedauert, theils ausgelacht: daß ich nach Europa wolle, nach Deutschland. Aber ich freute mich im Herzen meines unverwüstlichen Vaterlandes voll herrlicher Männer, groß und stark wie Saamenbäume, und über das frische kräftige junge Gehege voll singender Vögel!
Am Ufer hörten wir nun wirklich sogleich ein verworrenes Geräusch. Rechts, aber weit ab von dem Wege zum Schlosse des Herrn von Sangallo standen die bunten Kirchleute, Männer und Weiber und Kinder, die vor uns über den See nach Hause gefahren, noch ihre Bücher unter dem Arm, und sahen durch den hohen lichtblauen Gitterzaun in den herrschaftlichen Garten. Es fing an zu tröpfeln. Ich eilte mit meiner rechtschaffenen Mutter und Pastors nach dem Schlosse, in welches ich voraus meinen goldbetressten Jäger zur Meldung sandte. Wir eilten nach. Kein Jäger kam zurück. Wir traten in die Halle. Niemand da. Alle Thüren offen. Auch die Thür nach dem Garten. Dort sah ich zwischen großen Linden um ein erhöhtes abgeblühtes Hyazinthen-Quartier viele Menschen stehen. Ich hatte die erste Visite im Kopfe, was mir verbot gegen den Anstand zu handeln, ob ich gleich wie die Andern vor Ungeduld der Neugier brannte und vor Furcht eines Ungeheuern mich fröstelte. Da stürmte der Chirurgus Salomon in das Haus um hindurch zu eilen.
Ich vertrat ihm den Weg und fragte: Was ist?
„Das fragt sich erst!“ antwortete er eben so hastig.
Was scheint?
„Jemand vom Blitz erschlagen.“
Herr von Sangallo?
„Möglich!“
Oder die Fräulein? Alle?
„Das geschieht auch den Schafen.“
Fort! rief ich und drängte ihn rasch in den Garten.
Der Pastor schlich nach. Ich endlich dem Pastor. Warum nicht? Aber langsam. Ich blieb stehen, denn alle unnöthigen Zugaffer, auch mein Jäger, wurden zurück getrieben. So standen wir Viele auf den Gängen in der Ferne. Ich fragte, wer denn todt sei?
Eine Tochter vom Hause, antwortete der Jäger, die allerschönste, die allerbeste!
Welche?
Die Arminia!
Das durchzuckte mich. Nie sie gesehen; und auf Sie schien mir der Wechselbrief vom Vater gestellt. Man verliebt sich schon voraus, vorher, ehe man Jemand sieht, hört, anrührt! Und doch nicht: hatte mich nicht schon viele Tage zuvor das Wort gerührt, das ich heute nur wieder hörte: „die Allerschönste, die Allerbeste!“ Herr von Stifter, ein nur zu bekannter Weiberkenner, hatte das Wort gesagt. Und wußte Ich von Natur nicht: was ein Mädchen überhaupt ist, was jeder Jüngling von Natur? und Jeder würde die Gestalt des Weibes zeitlebens vermissen, wenn kein Weib auf der Welt wäre. Was sie ihm aber besonders sein und werden soll, o das weiß er erst recht. Und von welchem naturadligen schönem Geschlechte auch die Arminia sein mußte, das hatte ich heute an Siebzehn ihrer Schwestern gesehen, vielleicht an ihr selbst!
Merke wohl: wie hier der Himmel dich im Voraus lehrte: sie zu entbehren, sie nicht zu besitzen! Aber das Wort, besitzen von einer Geliebten oder einem Weibe gesagt, ist doch zu abscheulich und sollte nie von jemand gebraucht werden, der seine Ausdrücke gemalt, von der Phantasie illustriert und ausgeführt vor Augen sieht. Ein anderer Tropus statt besitzen, eines Engels, wäre aber noch unziemlicher, obgleich das Wort besitzen auf ewig nur dem Alp zu vermachen ist.
Jetzt wurden auch die Hunde, Neufundländer, zu uns gejagt. Sogar zwei zahme Kraniche und Störche. Das thaten die Schwestern, die jetzt einen Kreis um die in ihrem weißen Kleide daliegende Todte schlossen, aber den Rücken auf sie zugekehrt, die blassen Gesichter nach außen. Sie trockneten sich manchmal die Thränen selbst, oder auch Eine der Andern. Doch sah ich noch, daß der Pastor dem Chirurgus mit einem weißen Tuche die Augen verband, dann Herr von Sangallo dem Chirurgus. Darauf kam der Vater selbst aus dem Kreise hervor.
Was machten sie nur? Ich hatte keinen Teller mit Blut von einem Aderlaß wegtragen sehen. Die Frau Pastorin meinte: vielleicht ist das eine Bezauberung, die der vagabundirende Pastor angeordnet hat. Aber da gäbe sich mein Mann ja nicht dazu her! Vielleicht eine magnetische Kur aus der Ferne; meinte ein Herr.
Darauf fing es zu regnen an, warmen befruchtenden Regen in großen Tropfen. Ich hörte freudige Stimmen. Der Kreis der Schwestern löste sich auf; aber sie blieben zerstreut, oder hier Drei, wie Grazien; dort Neun, wie Musen; dort wieder zwei in der Nähe stehen, so daß ich nun durch die Lücken deutlich sah: die beiden Männer nahmen sich die Binden von den Augen, und mit ihren Schaufeln schaufelten sie noch hie und da. Dann standen sie, auf die Geräthe gelehnt, bis der Pastor sein Grabscheid in die Erde stach, seine Frau holen kam, die mit ihm näher hinging, dann mir winkte, zu folgen.
Ich nahte mich. Von dem großen eirunden schwarzen lockeren Blumenbeet waren alle Blumen ausgerissen, und in der Mitte lag Arminia begraben; leicht, doch sorgsam bedeckt. Nur ihr dem Himmel zugekehrtes bloßes Antlitz blinkte aus der schwarzen Erde. Die Augenlieder bedeckten die Augen, die Lippen die Zähne. Kein Hals, keine Schultern, kein Arm erschien. Es sah aus, als wenn man einen Engel aus einem Bilde begraben hätte, der ohne Leib war. Und wenn dieses schöne Antlitz mit diesen schwarzen Haaren allein lebendig gewesen, allein liebte, redete, blickte — wäre das: das Weib? das ganze Weib? Ich lachte bald der Thoren, und lächelte wirklich; und empfand in meinem ganzen Wesen von Jammer entzückt und von Wonne durchjagt: ein Weib ist mehr wie ein Engel. — Und da lag sie begraben — wenn der Himmel noch seine Wunder könne, um aufzuerstehen von den Todten! Wie der Erdschooß das erste Weib hervorgequollen, so sollte er sie heute, groß und vollendet, noch einmal zur Welt bringen.
Welche Wunder geschehen vielleicht jetzt! sprach Doctor Schleyerlöser. Weil das Volk keinen wahren Begriff von den wahren alle Tage geschehenden Wundern hat, weil ihm Sonne, Mond und Sterne bloß nützliches oder schönes Gaukelspiel, der Wind mäßiges überflüßiges Gesause dünkt, und Geburt eines Kindes nur ein Anlaß zu einem Schmause ist; weil alle gerade zu erstickt und ersoffen in Wundern sind, weil sie selbst — sie die elenden Schlucker und elenden Schluckerinnen — deren Eins eine bekannte Prinzessin, das Andre eine Frau Besenbinderin, oder Frau Justizräthin, wieder ein anderer ein Schornsteinfeger oder ein bekannter Fürst ist — weil sie Selbst nicht allein ein Wunder mit sein sollen, sondern sogar Eins der größten Wunder — darum verlangen die Zeichen und Wunder; darum halten sie Unsinniges und Unmögliches für mehr, ja für heilig und allein für göttliche Religionspflicht es zu glauben, weil es ihr Verstand und also jeder Verstand nicht faßte. Soll man nun diese Menschen beneiden, daß sie Etwas mehr haben als alle Andere? oder sie verlachen und verspotten? Ich meine: Keins von beiden; aber sie belehren und belehren lassen — und auch dazu reicht die einzige Freiheit, außer der wir nichts mehr bedürfen, (als die große Mutter der Götter und Menschen) — die Preßfreiheit.
Ich sah aber, wie dem armen Mädchen vom Regen die Augenwinkel, wie von gesammelten Thränen voll Wasser standen, das von Stirn und Wangen da zusammenfloß, und über die blassen Wangen ab.
Mein Chirurgus Salomon trat noch hoffnungsvoll zu mir, und sagte: Sie verwandelt sich nicht! Sie hat sich nicht verwandelt. Sie hatte im Augenblicke des Getroffenwerdens Ernstes gedacht — und ihre Züge sind noch ernst! Wäre sie todt, so müßte ihr immer heiteres Wesen wieder aufschlagen; sie müßte freundlich sein, wie sie war! Aber wer ist in der Noth zuverläßig? Konnten die Schwestern vor Zittern und Zagen die eigene Schwester entkleiden? nicht möglich! Konnte der Vater, oder wollte er seinem Kinde das Letzte vom Leibe ziehen? Wir mußten es blind thun; wir, sie in die Erde zu Bett legen! Er brachte nichts hervor als immer nur: „Mein einziges Kind! Mein einziges Kind!“ und man durfte nicht einmal sagen, daß er noch Siebzehn Töchter hat. Der Regen soll, wie den tausend Apfelbaumknospen, auch ihr die Augen wohl wieder aufthun!
Wohl? sagen Sie, sprach ich. Das klingt übel!
Versehrt ist sie nirgend am ganzen Leibe. Blau aber kann man nicht fühlen; der klügste Blinde kann das nicht; ich hätte sie sehen müssen; doch eine der getrostesten Schwestern, Wittwe Antonie, sagte nein; sie ist so weiß wie Schnee. Und gegen das Lebendigbegrabenwerden ist kein anderes Mittel, als den Menschen zu begraben! Auch zum Auferstehen soll es allein helfen. Mir, als Juden, war immer am meisten davor Angst, nämlich nicht gerade vor dem Auferstehen, aber vor dem Lebendigbegrabenwerden, (das nun ausgerottet ist), indem gewiß mehr Juden nur lebendig begraben worden sind, als Christen glauben.
Doctor Schleyerlöser drohte ihm mit dem Finger.
Mir aber sagte Salomon näher und leise: Ich muß nur auf jeden Fall nach dem warmen Bade sehen! Auf den besten Fall aber darf ich mir ein gutes schönes liebes Sostrum versprechen! Herr von Sangallo hat einen Geniestreich vor: alle seine Töchter zu verheirathen und vielleicht, ja wahrscheinlich schließt er mich mit darein; wie denn bei großen Gelegenheiten allemal viel Kleines mit durchgeht. Arminia’s Liebe schläft noch in ihr, es hat sie ihr noch Niemand angezündet. Weiber halten oft Dank für Liebe; wo sie belohnen wollen, glauben sie es nicht höher und lieber thun zu können, als geradezu mit ihrer ganzen Person! Mein Bruder, der Doctor David in der Stadt, der keinen goldenen oder silbernen, leiblichen oder geistigen Profit von der Hand weiset, hat mir Wunderdinge erzählt, wie überaus dankbar kurirte Frauen sind! Nach überstandener Todesgefahr sollte jeder hübsche oder gar schöne Doctor sogleich abgedankt werden; das ersparte auch das Mahnen des Liquidationsbetrages. In unserem vernünftigen Ländchen dürfte auch Keiner von uns „changiren.“ Kein Leib eines Weibes oder Mannes ist katholisch oder reformirt, keine Liebe ist türkisch oder jüdisch, und Leib und Liebe ist einzig zum Ehestande tauglich und genüglich. Diese schwere Weisheit haben sie jetzt zu Tage gebracht, und es ist wirklich Hoffnung, daß man so klug werden wird — wie alberne Kinder. Das Andere ist Angewohnheit, und Vieles, Vieles ist nicht mehr — als nur noch Gewohnheit, und wird nur noch der Bequemlichkeit wegen gebraucht. Möchten Sie daraus sehen, daß ich nicht ganz dumm bin! Ich bin ein guter ehrlicher Kerl, für den Sie wohl ein Wort mit verlieren sollten!
„Verlieren“, wollte ich, von Eifersucht selbst aus dem Grabe angehaucht, entgegnen; als er schon fortsprang. Denn indessen war uns eine Gestalt in braunem Mantel genaht, die Kapuze über den Kopf gezogen. Kleine Händchen öffneten die Kapuze vorn ein wenig, wie einen Heiligenschrein, darin ein Muttergottesbild schimmert. Das wehmüthig freundliche Gesicht gehörte unserer Brigitte; die Ruhe, Gelassenheit und unmerkliche Wehmuth in ihren Zügen war aus Umständen ihre Alltagsmaske. Pfui doch, Maske! Es war ihre sichtbarerscheinende Seele, ihres Herzens treue leider wahre Empfindung!
Uns nimmt der Himmel alles Liebe und Gute; nun auch meine einzige beste Freundin Arminia! sprach sie zu mir mit jener Ergebenheit, welche weit über alle Schicksale, Entbehrungen und den bittersten Mangel erhaben ist, und statt Ergebenheit einzig richtig nur „freies Bewußtsein, reiner Göttergeist, Herrschaft über die immer unsichere unvergänglichen Erscheinungen“ heißen sollte. Aber es glühte, oder doch glühte in ihrem Wort eine Neigung, eine Gunst und Liebe zu dem, was ihr der Himmel alles genommen, daß sie es mit Entzücken und Jubel wieder empfangen hätte! Dieser Widerstreit im Geiste, oder diese doppelte Eigenschaft macht alle Seligkeit und alle Schmerzen der Liebe, kurz, den Inhalt des ganzen menschlichen Lebens aus. Daher war mir ohngefähr so, als wenn Jemand des Andern warme Hand in seine Hand nähme und auf meine bloße Brust legte; aber der Jemand zuletzt mir eine eigene Hand daneben sogar auf das Herz legte, als Brigitte leise mir anvertraute: Arminia wird nicht mehr aufstehen, und immer darf ich es sagen: „Ihnen hatte ich sie zugedacht; als das Beste was ich kenne, was mich am liebsten hatte, und was ich“ —
Die kleinen Hände verschlossen wieder den Heiligenschrein mit dem Mund der Liebe; und die braune Gestalt knieete zu ihrer Freundin, beugte sich über sie, schwebte mit Augen und mit den halb ausgebreiteten Händen über ihr, dann mit der Stirn auf ihrer Stirn ruhend, nahm sie Abschied und schlich hinweg.
Warum kommt nun in einen Mantel verborgen, wie in ein Nachtgewölk verhüllt, uns Sprache, Worte und Geist der Liebe so geisterhaft vor? Was hat die schöne Gestalt, die Menschengestalt, was haben Füße, Brust und Hände, was hat sogar das Antlitz und seine Sterne, die Augen, was haben sie so Gemeines, Alltägliches — daß wir sogar über Kleider, ja über eine Haube, das Weib, die Seele vergessen! Oder wissen das die Weiber? und treiben sie durch Putz und Lappen und Bänder und Schnüre Spott mit dem Himmlischen — um das Himmlische alltäglich, umgänglich, angreifbar zu machen? oder den Kindertand himmlisch und ewig! — „Schändlich! Räthselhaft!“ sprach ich dem verschwebenden Mantel nach, welcher allein mir jetzt die ganze Brigitte schien! Doch wenn ich zuvor durch des Pastors Kanzelwort „von der Heirath zur rechten frühen Tageszeit“ ein Verständniß desselben mit meiner rechtschaffenen Mutter, oder eine Mittheilung anzunehmen mir erlauben durfte; wenn mir Brigitte, als Vermittlerin, noch mehr Gedanken machte, so lag doch die vom Blitz Getroffene, die Begrabene, außer aller Berechnung. Der Himmel conspirirt nicht; er hält auch keine Conferenzen, und verfolgt keinen, der seine Geheimnisse verräth.
Vor Trauer und Regen hatten sich die Schwestern verloren, um sich ihr Leid zu klagen, zu hoffen und zu fürchten. Die Diener waren in Geschäften; nur die treuen Hunde hatten sich wieder als Wächter der Begrabenen eingefunden; Arminia’s Reh kam auch, umwitterte ihr so stilles stummes Gesicht, schüttelte die silbernen Schellen am Halsband von Silbertressen und legte sich ihr dann zu Häupten. Herr von Sangallo war in den Gartensaal gegangen, wo ich ihn von weitem durch die hohen offenen Glasthüren, unter dem großen Spiegel mit goldenen Rahmen, auf einem rothen Sopha sitzen sah. Ich ging zu dem armen Vater. Eine bange Stunde mußte entscheiden. Die wollt’ ich ihm überstehen helfen.
V.
Die Vorstellung.
Er blieb sitzen, als ich eintrat. Ich verneigte mich vor ihm, wie man es vor dem Unglücklichen aus Ehrfurcht und einer heimlichen Scheu thut, indem man in ihm den Träger, Leider und Darsteller einer gar nicht zu verachtenden, wenn auch meist unerfreulichen Macht sieht; und wahrlich eben sowohl diese Macht bedauert, als ihren Schauspieler. Und die Macht wird nur in unserer Seele vom Hasse los, sie wird gleichgültig, ja sie wird etwas werth, wie Eisen, daraus ein Meister ein angenehm schönes Kunstwerk, auch nur eine Spielerei gegossen; oder wie ein tückischer Strom, woran ein Kind ein Glockenspiel aufgestellt — und die Glöckchen klingen! sie spielen gar:
„Freut euch des Lebens!“
So geschah mir vor dem, noch schönen ernsten Manne; ein Mann von 50 Jahren, dem Leibe nach, dessen Geist aber heute so alt und gefaßt und ruhig wie die Welt, die schweigsame Welt schien. Denn er lächelte. Er reichte mir die Hand und „nannte mich bei Namen“ wie Homer sagt. Ich nannte ihn aber nicht bei Namen, um ihn nicht aufzuwecken — wie einen vor Schmerz jetzt Mond- oder Sonnensüchtigen, dessen Gefühle und Gedanken durch alle Himmel schweiften und nach allen Ursachen, Geheimnissen und Seligkeiten forschen und verlangen mochten.
Er deutete mir, mich zu ihm zu setzen. Er holte tief Athem. Lange darauf erst sprach er unter dem leisen Donner: „Welches große, durch Endlosigkeit grause Muß, das da Welt heißt, das vielleicht in einer fürchterlichen Einsamkeit so hangen und weben muß! Das nie auf seinen Tod hoffen darf, wie doch wir, die wir.... einzeln.... nacheinander.... ihn für dasselbe sterben. Und so quält es sich selbst, ohne alles andere mögliche Ergebniß ab, als daß es sterbend, verwandelt, so fort lebt! O wie heilig ist das Leben!“ Mir ist heute und vielleicht auf immer der Humor zerstört, dieser süße Duft aus bitterem Aloeholz; das höchste Rauchopfer, das wahrsagende singende Kind aus dem Zauberkessel! Ich gedachte jetzt an das, was mir einst mein Lehrer — der jetzt noch sogenannte, aber dem Blitz und Donner und allen Sternen unbekannte, äußerstgeheime, verborgene Oberconsistorialrath X...., dem ich die Paulus’sche Ausgabe des Spinoza brachte — heimlich in der Laube seines Gartens sagte, als höchsten Lebensrath: „Thue alles; nur nimm kein Weib!“ — Damit meinte er sein treuloses Weib — also kein wahres Weib. Ich wußte sein Leid. Treulosigkeit ist Lieblosigkeit; ja, Untreue mag einem Weibe darum noch angenehm sein. Die einmal so Leichtsinnige, wird sich vielleicht auch leichtsinnig trösten; aber dem liebenden Manne ist mit ihr alle Schmach, Schande, alle tiefste Verachtung angethan. Und warum ihm? Er hatte dieselbe Schmach einem Andern angethan. Schlimm, wer Vergeltung zu fürchten, ja zu hoffen hat, daß seine Seele Ruhe gewinnt; denn die Vergeltung kann nie ausbleiben. Wenn sein Weib auch nichts davon wußte, Er wußte es; Er war kein Mann, der sein Leben ursprünglich vom wahren allein gesegneten Anfang mit seiner Frau angefangen hatte. Das Leben zusammen rein und freudig anfangen, das allein ist der hinlängliche feste Grund zur Ehe. Allen andern ist die Möglichkeit zur Ruhe und Glück voraus schon abgeschnitten. Ich bin strenger, als alle Stoiker und möglichen und gewesenen Sittenlehrer, nur aus Seelenkunde, ja aus Chemie! Auf welche, welche erstaunende Reinlichkeit muß der Scheidekünstler halten, der viel richtiger ein Verbindungskünstler heißt. — Ich nun, ich hatte das Leben, die Ehe, mit meinem Weib rein und ursprünglich angefangen — mein treues Weib, die unabwehrbar fleißige Hausfrau, die liebende Mutter ist rein wie ein Engel von mir geschieden. Das heimtückischeste Unglück hat mich glücklichen Mann nicht getroffen — auch pries ich mich als den glücklichsten Vater: mir war kein Kind gestorben! Mir verlief die Natur nach ihrem Gesetz: „die Eltern sterben vor den Kindern.“ Aber wie wahr sagt der in allen andern so ungewöhnlich glückliche, in den Hauptstücken des Lebens, an Weib und Kind aber unglückliche Göthe aus tiefer Brust ein Wort, wie aus der Brust Gottes als Stimme des Weltalls:
„Ein jeder hat, er sei auch wer er mag,
Ein letztes Glück und einen letzten Tag!“
Ich habe mein einziges Kind verloren: ein einziges Kind. Nur sie war sie. Keine gleicht ihr nur, Keine ersetzt sie. Sie ist hinweg! Schneiden Sie Jemandem nur eine Zehe, einen Finger weg, er fühlt nur die schmerzende Stelle, keinen der gebliebenen Finger. Ein Vater hat für jedes Kind ein ganzes Herz, die volle Liebe! Das ist für alle meine Töchter so wahr, daß ich einmal ganz überrascht wurde von einem aus der Türkei zurückgekehrten Freunde, der behauptete: „So kann ein Türke — also auch ein Mann, ein Mensch auch seine mehre Weiber lieben, und alle mit ganzer Liebe! und sie alle nur ihn.“ Aber wir Deutschen haben nicht Wörter genug, um, wie Blumengeschlechter, alle Gattungen der Neigungen des Herzens zu unterscheiden, und stecken alle im Rummel in den Sacknamen „Liebe.“ Glauben Sie, ich ehrte meine Töchter, weil sie wie wandelnde Gefäße der höchsten schönsten Glut, der seligsten und beseligendsten fähig sind. Und Arminia ist dahin. Der Mensch soll auch, was er liebt, noch beweinen, noch beklagen, um die ganze Wunderbarkeit und Ewigkeit desselben, seinen ganzen Himmel sich aufzuschließen. Wir haben schon die Priester der künftigen Welt. In welchem alten Buche, in welchem Gesangbuch stehen da Worte, wie Schillers heiliges Machtwort in dem himmlischen Requiem über alle Todten; wie der aus der Messe seliger Geister tröstliche Text für alle Welt, (da Jedem sein Tag kommt) wie das göttliche Wort:
Laß rinnen der Thränen vergeblichen Lauf!
Es wecke die Klage den Todten nicht auf!
Das süßeste Glück für die trauernde Brust
Nach der schönen Liebe verschwundenen Lust
Sind der Liebe Schmerzen und Klagen. —
Und nun weinte er bitterlich hinter seinen Händen.
Was war da zu sagen? Was an dem Mann zu trösten, der auch die Leiden der Liebe als Leben erkannt, als zuletzt jedes Menschen stilleres inniges Leben! Ich lernte an dem Manne künftige Fassung. Es gereute mich nicht, ich gelobte mir, es nie zu bereuen: nach Deutschland gekommen zu sein.
Darauf kamen einzeln seine Töchter um ihm Bericht von Arminia abzustatten. Er fragte jede nur stumm mit den Augen. Aber jede bewegte nur leise das Haupt zur Verneinung, und faltete die Hände. Ehe sie sich dann setzten, nannte er mir nur jede bei Namen. Und so erschienen, nach und nach in Zwischenräumen: eine schwarzhaarige Adda — eine blonde Adelheid, eine braune Alma, eine gedrungene Aurelie — eine schlanke Amalie, eine glutäugige Anna — schwebende Angelika — feurige Armida —; dann eine hagere Alexandra — blauäugige Alwina — kleine Armgard — hohe Adele — sanfte Agnes — lockige Apollonia — dann die jungfräulichen Wittwen, die Sympathievögel Antonie und Auguste, in der Mitte die bräutliche Afanasia. Bei ihrer Verschiedenheit an Haar, Farbe, Gesicht, Augen, Mund, Wuchs und Gang, Charakter und Stimme, drängte es sich auf, daß in ihnen viele alte Großmütter und alte Muhmen wieder auf der Welt erschienen waren, um sich aufs neue umzusehen! Die Heimlichkeit des Ortes; die blassen Gesichter, daraus nur Augen sich zuwinkten; die Stille; das bisweilige Flüstern, das eintönige Tröpfeln des Regens auf die Blätter der hohen Bäume; dann wieder ein leises Murren der Wolken, die wie berauschte oder gutmüthige Wahnsinnige im Schlafe murmelten; ein rosiges Aufthun des ganzen Himmels; Schrecken in den Gliedern, den Tod im Sinn, und selber die Verdoppelung aller Gestalten in dem deckenhohen breiten Spiegel — dem foppenden Echo der Augen, wie das Echo der redende Affe der Natur — das Alles machten uns alle zu Traum und zu Bild, das in der traurigen düsteren Stunde bis zum märchen- und fabelhaft Wahrem nachdunkelte! O wie unendlich Süßes und Schönes giebt diese vergänglich gescholtene Welt zu fühlen, zu leben, zu sein! Und nur weil sie vergänglich ist, kein starrer Himmel.
Jetzt rief der Kukkuk auf den Bäumen über uns. Und der Vater sprach: Ich nehme alle Zeichen der Natur nicht als Orakel, aber als Mahnungen stets mir an. Mir fliegt keine Biene, daß ich als Mensch nicht aufgeweckt zu meiner Arbeit eile. Gehen Sie, lieber Nachbar, sehen Sie noch einmal nach; dann wollen wir das liebe Kind bis zu seiner Ruhe bei uns bewahren.
Ich ging in meinem Mantel. Aber ich fand, daß der Regen ganz aufgehört hatte. Die Sonne brach durch die zerrissenen Wolken, die noch wie wunderliche Thiere über den Himmel zogen. Bei Arminia lagen die treuen Hunde noch wachsam, sahen mich an, setzten sich auf und schüttelten sich den Regen ab. Das Reh lag noch auf ihren Kleidern und blickte mich an, aber stand nicht auf. Nur von einer Fingerspitze hatte, wie von einem weißen Keime, der Regen die Erde abgespült. Ihr Gesicht überflog die hervorblitzende Sonne. Aber da zuckte kein Auge, keine Lippe! So niederblickend, und mit dem allerhöchsten bitterwonnigen Gefühle der ganzen Natur „das Schöne todt zu schauen“ ganz überladen, wie die Blumen umher von Gewitter-Ichor, zuckten meine Augen kaum von einem plötzlich niederfallenden Blitz; aber von dem herniederstürzenden Donner, krachend als bräche der ganze Himmel ein, knickte ich wie ein Rohr, und fiel auf meine Kniee. Der Schooß der Erde hüpfte von der Erschütterung ordentlich auf, und ein Zittern lief durch die Glieder der heiligen Mutter. Ich besann mich wieder durch das plötzliche Aufflammen eines Strohdaches mit Fischernetzen am Ufer des See’s. Aber — vor mir fuhr die nackend Begrabene empor! Ihre Hände langten über ihr Haupt, wie in die rollenden Wolken hinauf. Sie saß. Die nasse Erde fiel ihr von Hals und Nacken und Schulter und Brust in den Schooß. Vor Erstaunen, das noch nicht Entzücken zu werden vermochte, starrte ich sie an. Ihre Augenlieder bedeckten noch die Augen und zuckten.... ihre Lippen zuckten; ihre Wangen überströmte eine Rosengluth; auch ihre Stirn ward wie sonnenabendroth, ihre Gestalt zitterte; die wie nach mir ausgestreckten Arme bebten, daß die Steine der Ringe an ihren Fingern im Sonnenstrahl blitzten wie Thau. Ich griff ihr unter die Arme, ich hob sie an meiner Brust aus dem Grabe empor. Sie ruhte an mir wie ein verschlafenes Kind, das aufstehen soll zu einer Reise, und legte den Kopf auf meine Schulter. So, mit ihr stehend, löste ich das Schloß des Mantels, umhüllte sie allein damit, und befestigte das Schloß ihr unter dem Halse. So hielt ich die Wankende, die ohne mich gefallen wäre, während das Reh an ihr heraufsprang, und die Hunde sie wie rasend vor Freude umbellten. Jetzt schlug sie die Augen auf. Welcher Gestirne Aufgang ist irgend wo schöner in der ganzen Welt!
Wie die Schaar Nereïden, umgaben uns die herbeigesprungenen Schwestern und drängten mir die Schwester ab. Arminia! — Arminia! — Arminia! rief es, sie weckend, sie ermunternd und ermunternder. Sie wandte die Augensterne nach ihnen; aber ihre Lippen konnten nur zucken.
VI.
Die jetzt verführte Jugend.
Sie wollten sie fortführen, aber sie war noch fühllos wie ein Kind, das zum erstenmal wagen will ein Schrittchen allein zu thun. Endlich kam der Vater — wie er meinen mochte herbeigestürzt; aber er konnte kaum die Füße heben, wie ein alter schwacher Greis, und mußte noch auf dem kurzen Wege vielmal stehen bleiben, Athem schöpfen und ausruhen von der himmlischen Müdigkeit. „O würde doch allen Armen und Unglücklichen auf der Erde vor Freude der Weg so sauer! Müßten sie doch solchen Athem schöpfen! Gingen sie alle doch einem solchen Glücke entgegen;“ sagte mein Pastor Doctor Schleyerlöser, als ich ihm des Vaters Gang erzählte. Meine rechtschaffene Mutter schenkte ihm für diesen Regentenwunsch einen fetten Ochsen, den er — redlich unter die Armen vertheilte. Auch das Geld für das Leder. Nicht die Zunge hat er behalten. Stupor in — gentibus! auf Deutsch: ein weißer Sperling unter den schwarzen oder schäckigen.
So eilte der Vater herzu. Sie machten ihm Platz und reiheten sich zum schönsten Spalier in der Welt! Sie riefen: der Vater! der Vater! Sie starrte hin. Er nahte. Sie war nicht gelähmt, sie lief ihm entgegen! Sie war nicht stumm geworden: sie rief: „Mein Vater! mein Vater.... o mein Vater!“ Der Vater konnte nicht sagen: O mein einziges Kind! Aber er schloß sie in seine Arme.
Da brachen alle in Thränen aus! Da waren alle — was man sonst Engel nannte —: selige Geister in Wundergestalt! mit Haupt und Haar! Denn nicht das Unglück rührt am tiefsten, wie unser biedere, auch an Geist colossale Rückert sagt; denn das Unglück ist der Abscheu, das Unwürdige, das verhaßte Ungethüm der Natur. Das Glück erhebt uns zu Göttern, in unsern wahren Stand! Nicht das unermeßliche Unglück der Deutschen in dem Kriege für die Freiheit der Könige rührt uns so. Aber wenn ich Varnhagen’s kostbares „Leben Blüchers“ lese, und dahin gelange, wo Blücher nach England kommt, und er vor Freuden über das Glück von den Menschen fast erdrückt und zerzauset wird. — Da schluchz’ ich vor unermeßlicher Wonne! Denn doch die Ehre, das Bewußtsein der Kraft haben wir Deutschen wieder; und das ist, das erwirbt alles.
So vor Freude weinend führten sie mir den Vater mit der Tochter in das Haus. Der Himmel glänzte wieder blau und klar — der Schelm! — die Vögel sangen wieder, der Kukkuk rief. Eine Schaar Studenten, die im Gasthaus den Regen verpaßt und vertrunken, jetzt wieder flott hinaus auf ihre Pfingstreise ziehend, sangen auf dem Wege längs des Gartens vorüber. Und süßer wie dem Freiheit liebenden Volke im Theater nach des Landvoigts Falle der Gesang der fahrenden Bettelmönche ertönt, ertönten mir aus ihrem Liede mit unvergleichlich schöner Melodie gerade jetzt die Worte:
— — — „auf’s Wohlsein deiner Schönen,
„Die deiner Jugend Traum erhellt!“
Mir — schwebte dabei Arminia vor. Ich hatte, wenn auch wie im Traume, im Eifer der Rettung genug gesehen, um mir entweder überhaupt ein Weib zu wünschen; oder insonderheit dieses wider Willen bestaunte schöne Wesen zum Weibe. Das konnte mein summendes Haupt nicht unterscheiden. Den väterlichen Befehl zum Heirathen hatte ich in der Tasche, was ich merkte.... da ich wirklich danach fühlte, um ein Zeichen vom Himmel, à la Sangallo, zu haben: ob höchst derselbe vielleicht auch meinte — (ich hatte gestern erst vielleicht die aufrichtigste kleine Schrift über Göthe gelesen) — daß ich „diese Person“ heirathen solle, wie er seine todte Frau im Wagen genannt, und sie auch „nach Hause fahren“ solle? So kann Ich jetzt nur schreiben. Damals konnte ich nicht so denken. Denn Brigitte, die mich allein stehen und nicht folgen gesehen, kam zu mir und führte mich ganz Betäubten.
Ach Gott, sprach sie, hätte ich Ihnen nur vorhin nicht die Worte gesagt! Vergessen Sie alles! Ich bin außer mir! Das trübt mir die Freude darüber, daß sie wieder lebendig ist. Wir haben uns so lieb; wir gönnten Eine der Andern das Herz aus dem Leibe. Aber die Liebe verräth sich nicht! Sie ist der Jungfraun Geheimniß — und das Räthsel der Andern!
Ich beruhigte sie damit, daß ihr Gönnen, ja keine Gewalt über ihrer Freundin und Niemandes Herz habe! Sie lächelte mich noch geschwind dankbar an, und wir betraten das Haus. Der Pastor kam uns mit meiner rechtschaffenen Mutter entgegen und sagte: „Ich habe uns beurlaubt! Heilige Feste, ich meine alle, soll und kann nur der Mensch in seinem Hause feiern; sie leiden durch die Prostitution, das heißt hier: wenn sie Vorstellungen für Andere werden. Wir Anderen sind ja so glücklich, daß unsere ächten Erben nicht vor Zeugen müssen geboren werden; unsere Lieben nicht vor Zeugen sterben müssen; wir sind der chambre ardente, der Beilager, der öffentlichen Bewillkommung unserer Lieben in Gnaden überhoben; wir dürfen nicht erst beweisen, daß wir umarmen und weinen können. Der Vater Sangallo bat uns kurz, morgen zum Mittagsessen und Trinken wiederzukommen. Den Herrn von Hase sollen wir ja mitbringen, Fräulein von Hase! Arminia ist im Bade und wird von den Nereïden bedient.“
Brigitte sah mich leicht an, und sprang zu ihr in das Bad. Ein vornehmes mir fremdes Fräulein brachte mir meinen Mantel, in den ich mich mit süßem Schauder hüllte, als würde ich die Prinzessin mit der Schwanenhaut! Ich dankte ihr überaus beschämt vor ihrer Herablassung. Sie ging. Der Pastor lachte und sprach im Fortgehen zu mir: Herr von Heiligenhahn kennt zwischen den Frauen keinen Unterschied. Jung ist einmal jede. Schön, wohlgekleidet will jede sein. Und so gehen die dienenden Mädchen in seinem Hause wie arme Prinzessinnen; alles schön in Form, rein, solid, nur ohne falschen Schmuck, und vom Stoff ihrer Kleider kostet die Elle zehn Kreuzer. Er statuirt nur einen Beutelunterschied zwischen den Mädchen, der denn wirklich existirt und groß genug ist. Alle andern Naturrechte und Menschenrechte und Ansprüche auf Freude an sich und der Welt gesteht er gerade erst recht allen armen und allgemeinen Volke zu; gesteht er ihnen zu — als Wundern Gottes. Er sagt laut, man muß auf alle mögliche Art das Volk heben, daß es die falschen niederträchtigen Ehrfurchten verliert, damit es die Hochträchtigkeit verliert, wenn Albernes, Hohles, Verderbliches ihm nicht hoch, sondern ausrottungswerth erscheint. Er sagt: es ist möglich, daß ein ganzes Volk blos an Rang- und Titelsucht untergeht, zum Beispiel, das deutsche; wenn selbst die besten Männer, das Salz des Volkes, für einen Titel oder Orden von Gesinnung und Gott abfallen. Doch man kennt jetzt die Wege des Herrn. Mit Erkenntniß und Urtheil ist allem Volke geholfen.
An der Stiege zum See holte uns der Noth-Doctor Salomon ein. Geschwind nehmen Sie mich mit, forderte er mehr als er bat. Ein neues Unglück oder Glück!
Nun? fragten wir, schon fahrend.
— Der Betjunge ist auf der Hinfahrt ersoffen! Er hat aus dem Kahn einen großen Karpfen richtig ergriffen, aber das Uebergewicht verloren. Der geistliche Herr hat, nach seiner Art Todte zu retten, nur den Ersoffenen erwischt. Dem soll ich nun eine neue Seele einblasen! Wenn das jetzt möglich wäre, dann wäre ich über alle Potentaten. Wie sich der Vater und die Schwestern bei mir bedankten — bei mir Naturpfuscher! Bei der Natur hätte man sich nur für ihre Eigenschaften bedanken sollen, so wie der Inhaber einer Nase dafür, daß sie riecht, und dergleichen. Doch dergleichen kommt aus der Mode. Hier die 100 blanken Dukaten habe ich dafür, daß ich die Satyre auf den Tod —: das Begraben als Mittel wußte, und daß es anschlug, nämlich daß es wieder einschlug! Das war mein Glück! Die Natur verklärte mich! Sie zeugte für die Wissenschaft! Der Vagabundus hat nun historisch das Wunder an Arminia nicht gethan, und prostituiert, wird er nun wohl nach Tyrus und Sidon entweichen! Nur der arme verführte Junge thut mir leid. Darum geschwind!
Gott, wozu wird jetzt die Jugend gemißbraucht! seufzte der Pastor. Klage Jemand noch Zigeuner und Englische Bereiter an!
Er und ich halfen nun rudern bis zum Angstschweiß. Der arme Junge lag in meinem Dorfe im geöffneten Spritzenhause. — Er blieb tod. Seinem Führer mußte eine Erleuchtung gekommen sein: er hatte sich in der Nacht ersäuft, wie die Teichwächter sagten.
Am andern Tage zu Mittag standen wir wieder in der Halle von Westfrei. Diesmal der arme Herr von Hase, in seinem letzten wohlausgebürsteten Rock mit uns.
VII.
Der Vater und das Kinderhaus.
Herr von Sangallo in der Mitte der beiden jungfräulichen Wittwen empfing uns sechs Gäste. Brigitte nahm sogleich ihr Väterchen in Beschlag; die zwei Töchter, meine Mutter und die Frau Pastorin, um sie zu Arminia zu führen. Der Schulmeister ward gebeten, das Pianoforte zu stimmen; der Pastor hörte von angekommenen Candidaten und ging sie aufzusuchen. Ich bat meinen Nachbar Sangallo, mir bis zur Tischzeit sein Haus zu zeigen.
Da hängt zwar der Riß, sprach er. Aber der Weltbaumeister schickt uns auch lieber selbst in seinem Hause umher, und läßt alle par terre wohnen. Ich habe auch nur par terre gebaut. Hohe Häuser mit vielen Stockwerken sind Nothställe; Treppen sind Lungenverderber, Dienerund Köchinnenplagen, Marterwerkzeuge der Alten, Zeitdiebe, Buckelmacher und Beinbrecher der Kinder, und Leichenpein! Wer baut, muß für alle Alter und alle Vorkommenheiten sorgen. Ich habe meiner Frau und den Kindern alles auf ebener Erde hergerichtet. Glücklich, wer Raum hat! Diese große Halle ist — das Atrium der Alten, nur nordisch nöthig mit Glas, mit bunten Scheiben gedeckt, ist der Hof in der Mitte des Hauses. Vier Flügel mit Zimmern liegen umher, groß und klein; Küche, Gewölbe und Kammern. Ich wohne bequemer, gesünder, wie jeder König. Ich brauche keine Treppen der Ehre, worauf sich die Menschen erst — klopfende Herzen ersteigen müssen oder sollen. Freilich mußte ich, endlich überschwemmt von Kindern, den Schlafsaal oben anlegen; aber Sie sollen sehen, wie sicher und bequem. Sie sind doch einmal neugierig, und wohlgesinnten Nachbarn müssen wir uns zeigen, wie wir sind, damit sie uns gegen böse Zungen mit vertreten.
Er öffnete eine Thür, sah in einen Saal, wollte sie mit dem Ausruf „aha!“ wieder zudrücken, aber sagte: Desto besser! Und so fand ich darin auf einer Seite den Schuhmachermeister, den Schneidermeister auf der andern, die beide auf Stühlen und Tischen ihre mitgebrachten Arbeiten auslegten. Ich ging stumm mit dem Vater daran hinunter, und zählte 72 neue Schuhe und 72 neue Frauenkleider; an jedes Stück den Namen der Tochter gesteckt.
„Auf das Sommerhalbjahr!“ Ostern ist zu früh in Deutschland, sich anders zu kleiden; erklärte er mir. Jeder Tochter ein Paar Sonntagsschuhe und ein Paar Wochentagsschuhe; ein Sonntagskleid und ein Wochentagskleid. Zum Winter, um die Fischzeit, geht es mir wieder so! Ich sehe, ich bin wirklich ein lächerlicher Vater für andere in der ganzen Gegend; für mich oft ein weinerlicher! sagte er aber seelenvergnügt und heute wieder in vollem Glanze einer zufriedenen glücklichen Seele. Die Sommerkleider bezahle ich mit grünen Gurken oder Kirschen; die Winterkleider mit sauren Gurken oder Pfeffergürkchen. Er entließ die beiden Lieferanten bis nach dem Anprobiren der neuen Sachen, und sprach: Wie viel hundert solcher, erst winzigen, dann immer größern, besseren Schuhe hat die gute Mutter Erde schon für mich bezahlt! Gut ist’s, wenn in einem Haushalt Jedes zu Etwas besonders angewiesen ist, als seiner Quelle, seiner Möglichkeit! Wie hält man da auf alles! Sie sollten nur sehen meine Kinder Melonen pflegen, (denn das sind — Brusttücher) die wälschen Nüsse klopfen, (denn das sind Bücher und Musikalien) — die Champignons suchen, (denn das sind Zwirn, Nähnadeln und Stecknadeln) die Gänsefedern und Kielen sammeln (denn das sind Bücher, Papier, Siegellack und Postgeld). Einer mißrathenen Kasse darf eine der reichlich gerathenen ihre Wohlthätigkeit beweisen. Als ich anfing lächerlich zu werden, wollte ich dazu zu lachen scheinen, und fuhr — wie man meine Kutschen ins groteske Deutsch übersetzte — mit drei Heuwagen voll Mädchen auf den Ball. Wie Ich geärgert ward, so ärgerte ich einige Töchterbegabte Väter wieder, und bat die weitläuftigen Freier derselben auch zu uns zu Gaste! Und dergleichen, und dergleichen. Denn es ist thöricht, von beschwerlichen, ja gefährlichen Dingen nicht auch den Scherz und die Genugthuung zu erndten! Meine Töchter bekamen den übelsten Stand; sie sollten nicht zu sehr gefällig erscheinen, wie Mädchen aus dem Kinderliede „fünfzehn um ein Strohseil“; und, wie alle Fehler leicht in ihr Gegentheil umsetzen, gab ich acht, und es gelang mir: daß sie aus Haltung und sehr gemessenem Wesen nicht stolz wurden; wie es einem Vater mit 10 großen Töchtern und einem Sohne in der nahen Stadt L...... ergangen ist, denen eigentlich die vielen barocken Anecdoten zukommen, welche die Sage — nun auch von meinem Hause umherträgt. Sie werden sehen und unterscheiden.
Jetzt sah ich durch das Fenster; Vier Lieutenants kamen geritten. „Jeder auf einem Pferde“ setze ich der Folge wegen hinzu. Der Vater fuhr fort:
In welche seltene Lage hat mich der himmlische Vater hineingesegnet, mich, der ich doch fortwährend meinte: doch endlich einen Sohn in der Ehestandslotterie gewinnen zu müssen; das war mein tragischer Fehler. Da ist mir mein Schicksalstrotz vergolten! Ich leide gerechte Strafe, der ich doch kein Majorat habe, die Niemand mehr Mode machen wird, weil vernünftige, alle ihre Kinder gleichliebende Eltern nicht um Einen Gesegneten die andern so zu sagen verdammen wollen: sich in der Welt herumstoßen zu lassen als allerhand Gethier. Denn Sinecuren, Befehlshaberstellen in aller Welt, käufliche Hauptmanns- und Majorpatente sind wir nicht zu haben so glücklich wie die Engländer. Ich allein kann noch reich heißen; meine Töchter eher arm; soll ich Siebenzehen von ihnen selbst mit dem Blitz erschlagen? Reichthum hilft so schlimm wie nichts: Töchter an Männer zu bringen. Denn von nur 10 schönen Töchtern, deren jede eine Zehntel-, vielleicht eine Fünftelmillion Mitgift erhält, hat mein hochverehrter polnischer Freund, Graf N...., jetzt in D.... erst Eine an Mann gebracht; während Tausend arme Mädchen umher Tausend von Männern im Lande geheirathet haben. Auch Schönheit hilft nicht zur Heirath, möchte ich sagen dürfen. Gute Wirthinnen sein — gar nichts. Angesehene Verwandte haben — gar nichts. Gesundsein — nichts. Selbst Bucklige, Küchenignorantinnen, den Scharfrichter zum Vetter, versorgt Hymen.
Jetzt kamen Vier Herren in Einem Wagen gefahren. „Referendarien“; bemerkte der Vater, und sprach weiter:
In die Bäder — diese vornehmen Gesindevermiethungs-Märkte — zu fahren mit so vielen Töchtern, wäre rasend! Auf Messen und Jahrmärkte mit den angreifischesten Artikeln, unklug! Auf Bälle Eine oder Zwei, ist fruchtlos. Kein Mädchen ertanzt sich einen Mann. Ja, viele vertanzen sich die Nehmer. Denn schon die jetzigen rasenden Tänze machen die schönsten Gestalten, Gesichter, Kleider — im Schwunge geradezu unsichtbar; alle Grazie weicht vor der Wuth; und nach dem Tanze steht ein keuchendes, pustendes, krebsrothes oder todtenblasses bedauernswürdiges Wesen (das nur die Wiener mit dem Wort Pamperlätschen bezeichnen können), da, von den Herren bedauert, weil es Grazie, Gesundheit, Schaamhaftigkeit durch den privilegirten schaamlosen Ballanzug wegwirft — um einen Mann zu ertanzen. Das soll ein Vater mit anhören und ansehen! Etwa Ich! Meine Töchter tanzen nicht, bis die reizendste Pantomime von der Welt, die Minuett wieder Mode wird, und das schöne Steyerisch, wozu wohl noch die steyrische Mädchentracht gehörte. Und nur nach den vergeblichen Fischzügen und Angelhakenauswerfen und Reißenlegen ängstlicher Eltern, was bleibt noch: als ehrsame, wohlerzogene Mädchen im Hause aufsuchen zu lassen! Aber da müßte man wieder eine große vergißmeinnicht-blaue Tafel auswendig über die Hausthür setzen lassen mit den großen goldenen Worten: „Suchet, so werdet Ihr finden“ (das „Ihr“ ja höflichst mit dem großen I!) „Klopfet an, so wird Euch aufgethan;“ und die Tafel inwendig Abends zum Fortgehn illuminiert: „Vergeßt das Wiederkommen nicht, theuerste Freunde!“
Jetzt, sahen wir, kamen fünf schwarzgekleidete Predigtamtscandidaten jeder auf seinen Füßen gelaufen!
„Sie sehen, sprach er, an Heirathscandidaten fehlt es nicht. Gott, wer Gefühl hat, will nicht heirathen? Jedes Mädchen ist gleich bezaubert und gebannt von dem Wort: Wollen Sie heirathen? Denn in dem Wort steckt Alles, was Jugend und Phantasie nur wünschen und träumen. Erst bei der Frage: Wollen Sie mich heirathen, sehen sie sich „den Mann auf Tod und Leben“ etwas genauer an, und haben den Freier sogleich ganz und gar auf einmal weg auf ewige Zeiten; richtiger, wie ein Wechsler die Wichtigkeit eines Dukaten oder die Aechtheit eines Steines nach drei Tagen Probe. Diese Sicherheit, diese Schärfe eines fast augenblicklich summarischen Urtheils ist die wahre Gottesgabe der Mädchen! So beurtheilt die junge Biene schwebend jede Blume vollkommen wahr für sich. Zuletzt, glaub’ ich, das Wahre getroffen zu haben: mannbare Töchter müssen Eltern weder verbergen noch vorführen, also in anständigem Verkehr bleiben mit der Nachbarschaft, mein Herr Nachbar! Was Niemand sieht noch kennt, kann Niemand liebgewinnen und wählen. Guter Ruf der Eltern empfiehlt die Kinder weit genug umher. Denken Sie aber, wie viel müßten mir Freier kommen, wenn meine deux fois neuf-Mädchen, zweifachen Musen und sechsfachen Grazien schnippisch und kostbar auswählen sollten; mein Herr Nachbar? Wie wohlerzogen und schön müssen sie alle sein, daß sie alle jeden Gekommenen hinreißen — wie Göthes „feuchtes Weib“ den Fischer, mein Herr Nachbar. Ich stelle also aus väterlicher Weisheit den Herren, welche kommen, höchstens Drei, besser Zwei, am richtigsten nur Eine meiner Nereïden vor. Zu viel Liebes verwirrt; jedes Weib ist des Andern Vernichterin, Eine hebt die Andere auf. Einzeln ist jede ein Kleinod. Wie würde etwa Robinson Crusoe schon über die Fräulein Po...... in Berlin oder das berühmte aufsätzige „Kind“ entzückt gewesen sein! Müßte aber vor jedem jungen Manne, der ein Weib nehmen will, der ganze unendliche Zug von Mädchen auf der ganzen Erde in Putz, oder ohne allen Putz, vorüber ziehen — welcher Parademarsch[1] von den hundert Millionen Hindostanerinnen, Perserinnen, Cirkassierinnen, und so aller anderen, in geziemendem anständig langsamem Schritt, der ein Schauen, Lächeln und Zulächeln gestattete, und freilich mehrere höchst angenehm verständerte Monate ausdauern dürfte, — so würde der unglückliche Heirathskandidat, wenn sie alle vorüber marschiert wären, wenigstens wahllos, rathlos und verwirrt geworden sein. So ist eine Bildergallerie eine Bildermords-Anstalt, wo nicht nur einzelne leidliche, reizende Bilder, sondern selbst die besten alle Tage ermordet werden.“
[1] Hiezu erscheint hoffentlich eine Illustration.
Jetzt kam in einer blasenden Extrapost (die ganze Erscheinung für ein von Menschen geschaffenes Thier angesehen und angehört) ein an seiner Uniform als Postsecretair erkenntlicher, sehr angenehmer junger Mann.
„Meine der Natur nachgemachte List, sprach Herr von Heiligenhahn, hat Früchte getragen; denn wie die vorigen Gäste, so ist auch dieser ein an der Natur, als an schön blühender Venus muscipula Klebengebliebener; kein Freier, sondern ein Nehmer; ein furchtbarer, oft ehrenräuberischer, manchmal sogar tödtlicher Unterschied! Denn die geradezu göttliche Kraft der Weiber: in Einem ihre Welt zu schauen, diese wohlerdachte Eigenschaft: überschwenglich glücklich zu werden, wird auch durch die Maske der Liebe, die ein blos lüsternes, betrügerisches, von der Natur auf den Kauf gemachtes Männchen vornimmt, der Weiber äußerstes Unglück, die dann verstandlos wähnen, gar keines Mannes werth zu sein, wenn ein Betrüger ihrer unwerth war! So unsinnig sind sie aus Herzentzündung!“
Mein Herr Nachbar, der mir, ich wußte nicht wie, eine Respectsperson geworden, schwieg, setzte sich, und eine Falte, die sehr oft seine Stirn gefurcht haben mußte, furchte sich wieder, und tief. Doch lächelte er dabei und schielte unter den Wimpern tiefsinnig hervor. Seine Reden waren so wahr! Aber daß er so offen solche Hausgeheimnisse redete, die wohl vielen tausend Vätern das Herz bedrücken, das machte mir den Mann unheimlich. Es fiel mir ein, daß er um die Zeit, wo er sein erstes Gut verkaufen müssen, tiefsinnig gewesen sein soll, und dann wieder, als er sein zweites Gut um die Erziehung der Kinder willen — verstoßen. Doch soll sich der Tiefsinn nicht schlimmer als nur dadurch geäußert haben, daß er an seinem Pianoforte die Melodie von „Freut Euch des Lebens“ mit Einem Finger gespielt; oder einige Male Hölty’s schönstes Lied also gesungen:
und weiche keine Meile weit
von Vaters Wegen ab!
Ich besah mir indeß einige Bilder an der Wand dieses Ankleidezimmers und fand unter colorirten Modejournalbildern, worauf Mädchen und Mütter mit kleinen Mädchen und Knaben freilich bejammernswürdig zum Muster gekleidet da standen, wie die neuentdeckte hundertste Art Familienaffen, oder Affenfamilien. Darunter stand die Schrift: „Putzaffen“ und der Vers, angeblich von Logau:
„Du edles deutsches Weib, wie bist du angethan!
Um andern gleich zu sein, dem Höll’entstiegnen Wahn;
Zerputzt, belappt, beschnürt, der Aeffin gleich gemacht,
Doch als ein menschlich Weib, so schön, mit Recht verlacht;
Der Gute aber weint ob solch verstellter Zier,
Die Dich zur Geckin macht, zum bunten Sclaventhier.“
Unter einem Bilde mit sogenannten Wespentaillen „Weibern,“ stand:
„Schämt Euch, Männer, hier über dies Weib, der Erbärmlichkeit Tochter!
Weint, daß die Herzlose Glück, Güter und Liebe verputzt.
Ist es denn wahr „„Gebt täglich dem Weib: Schmuck! Spitzen und Kleider!
Und nie frägt sie nach Mann, Kinder und Himmel und Gott?““ —
Nein! das ist Lug! Denn kost’ es dem Mann Gut, Ehr’ — Ihr das Leben,
Fragt sie noch dann nach — Hut, Schleier und Hauben und Band!“
Er sah mich lesen und sprach: „Das war ein schwerer Punkt, der Mode trotzen lehren: Achtzehn junge Weiber im Hause! Ich mußte zu den bittersten Räucherungsmitteln greifen: die Wespen zu Tode zu räuchern! Was ist schöner, und den edelsten Marmor-Götterbildern gleicher als ein ohne Bänder aufgewachsenes Mädchen! Von allem das Verführerischeste sind am Weibe die Hüften, und ich beschuldigte alle Wespenweiber offenbarer Verführung zu — dem schwer von einem Vater vor seinen Kindern auszusprechendem Worte — Wollust. Sie erblaßten vor Schaam. Ihre reine Seele war besiegt — das Uebrige that ein Seitenstück zum Bilde eines Trinkermagens, das Bild einer, an der Schnürbrust, elend und schmerzlich gestorbenen Apothekerstochter in S****. Den herzgewinnenden Ausschlag aber geben die Pariser Abgüsse der unvergleichlich schönen griechischen Marmorbilder der Frauen, die dem Bildhauer zur Medizeïschen und der Capitolinischen Venus Modell gestanden — mit vollen Taillen. Jener Nachtwächter hatte Unrecht, die Frauen lassen sich schon etwas sagen, aber nicht mit Worten auf der Gasse, sondern mit reizenden Dingen. Die Sinne der Frauen müssen besiegt sein, dann ist es ihr Verstand. Wir reden das unter uns. Vatersein, Muttersein ist ein Amt, das einzige, höchste, göttliche, und das süßeste, belohnendste! Dieses treu zu erfüllen, bin ich weiter nichts geworden als ein Vater. Ich hoffe aber: eine Schaar Töchter, künftige Gattinnen und künftige Mütter wohl und schön ausarbeiten, wie ein Bildhauer in Fleisch und Geist, das heißt viele Männer glücklich machen, eine Heerschaar weise ins Leben geführter Kinder und Enkel in heiliger Stille säen! Ich habe nur Einen Wunsch: Endlich auf meiner jüngsten Tochter Hochzeit tanz’ ich den Großvatertanz, davon glücklich ermüdet schleich ich zu Bett, und — bin todt. —
In solchen Worten schaute ich keinen Unsinn, keinen eingeschlichenen Gedanken; und wir gingen durch saubere freundliche Arbeitszimmer der Mädchen, worin er mir kurz sagte: „Leibliche Arbeit muß mit geistiger Freude bedeckt werden“, wie den Kameelen ihr saurer Weg durch frohe Schalmei! Darum ist die Zeit gewonnen, nicht verloren, die Eine dazu verwendet, Allen vorzulesen. Was? steht dort im kleinen Bücherschrank.“ —
Das war eine Aufforderung. Aber ich will nicht verrathen, welche Bücher ich dort nicht fand. Es könnte es manche Celebrität übelnehmen. Eins aber sage ich: ich erstaunte, wie viel Kernbücher schon die Deutschen in aller Stille aus freier göttlicher Seele geschrieben haben! Die Deutschen werden mit Völkerrecht auch ihre deutsche Bibel haben, damit es wieder etwas Neues zum Verbieten und zum Verbrennen giebt.
„Wenn ich ein Kaiser oder nur ein König wäre, zu welcher Schule des Lebens wollte ich die jahrelange Versammlung der Jugendblüthe des Volkes machen, welche „Soldaten“ heißt! O Gott, welche Gelegenheiten werden versäumt, auf ewig versäumt; „denn auch die Jahre des Volkes sind gezählt!“ Das sagt’ er stöhnend und auf der Stirn furchte sich seine düstere Falte. Ich fand auch deutsche Journale, wozu er sagte: Fast in jedem Journal stehen schöne, wahre, oft für immer merkwürdige Aufsätze oder Stellen, an welchen die mächtigsten Magen zu verdauen haben. Diese, nämlich die schönsten Stellen aus den jährlichen Journalen, müssen gesammelt und dem Volk als Bücher gegeben werden. Die Weiber, da sie gerade das größte Interesse am öffentlichen Volksleben haben, um nicht im Hause die öffentlichen Sünden zu büßen, oder ihre Söhne und Brüder zuletzt einer Verwirrung zum Opfer zu geben, die Weiber müssen in das Volksleben gezogen werden, um miturtheilen und mit den Männern Stimmung geben zu können; darum muß die Jugend, die heranwachsende Mutterschaft schon Kenntniß erhalten, und ein deutsches edles Weib doch so viel, wie jede Höckerfrau in England! Wo Volksverlangen und Volkswohl ein Geheimniß ist, da wird es auch unsichtbar bleiben. Sela! nicht etwa Amen! Aber wie fällt meine deutsche Jugend über die Wahrsagungen und Prophetenstimmen her! Der morgende Tag, das morgende Brot auf dem Tische ist ihr nicht so wichtig, wie ihre Zukunft auf Erden, in welche sich die vormalige ewige Seligkeit verwandelt hat. Aber kommen Sie in den Musiksaal!“
Darin nun überzählte ich 10 Pianoforte, außer dem Directionsflügel, einer herrlichen „Repetition“ von Breitkopf und Härtel in Leipzig, mit einer Claviatur, elastisch und Händebeflügelnd zur Wonne! von einem Tone, erst in der Ferne recht laut und klar. Mein Schulmeister stimmte nur eine Saite, wie er sagte. Vor Abend, sprach der Vater — denn bei Licht Noten lesen ist bei Cassation den Augen der Meinen verboten — werden wir Ihnen und den Gästen eine Sonate à quarante quatre mains vortragen. Warum setzt man unserem deutschen Schröder, der durch das Pianoforte die Musik vom Himmel in alle Häuser getragen hat, nicht auch ein Monument! Wem verdanken unsere, als Muster aus jedem Hause zu werfende Pianofortekünstler ihren Ruhm und ihr Gold? Schrödern! Also Ihm als Tantieme ein Conzert von Jedem! dazu legt jeder Pianoforte-Spieler Einen Pfennig — und so ist das Monument erbaut. Ohne Musik kein deutsches Leben mehr. Musik ist unsere halbe Religion, unser Herzenscultus des Himmlischen allen in der Natur. Der Conzertsaal ist der Tempel der Gefühle, wie an jedem Musikherd, dem Pianoforte — diesem hölzernen Engel, und doch einem Engel! Wer hat schon ermessen, welche Ströme Andacht durch die Musik neben der Kirche vorbeifließen! Wer ermißt die Tiefen der Musik ohne Text, der Jeder frei weltprotestantisch sein Herz unterlegen kann und unterlegt; selbst die Ultramontanen und unsere Citramontanen thun das, die gar nicht wissen: wie frei sie die Musik macht, sonst wäre sie längst verboten, und jede Liedertafel wie eine Herzen- und Seelen-Freimaurerloge, auch noch verboten. Aber den Deutschen die Musik zu nehmen, daran scheiterte endlich Alles. Und wie die Musik die Gemüther erhebt! wie Beethoven die Männer stählt und stolz und feuerfest macht, wie Prometheus! Aber vergeblich war der Schwalbe Warnung an die Vögel: den blühenden Lein auszureißen! die Vögel kannten die Stricke und Netze daraus nicht; „die Vögel lachten;“ Gott regiert die Welt durch Wetter und Wind, und auch die Musik ist so ein Wind! jeder kraftreiche seelenvolle Tonsetzer ist sein Untergott. Aber still, daß wir nicht Kaffeeriecher — Tonlauscher bekommen, deren freilich die unmögliche Zahl von ein Paar Millionen zu besolden wären. Auch ein Quartett von Haydn werden wir Ihnen vortragen. Denn selbst Mozart hat aus so kindlich großem Herzen kein Quartett geschrieben: Haydn ist unser tiefer Orpheus und klarer Homer zugleich. Blos den Quartetten Haydn’s verdanke ich den Besitz meines Herzens, und dadurch der ganzen seligen Welt, von Thau und Blume bis Mensch. Mit seinen Adagio’s und Andante’s darin, getraue ich mich einen vollkommnen sittlichen Menschen zu bilden, ohne jedes Buch, ohne alles „Wort“. Denn Worte sind auch nur in Laute übersetzte Gefühle. Bloße sittliche Worte kenne ich aber nicht.
Mein Schulmeister und Lieutenant spielte jetzt den ersten Satz der einzigschönen Sonate Beethovens, Op. 18 aus C moll, während ich die Musikalien musterte, die endlich so bequem aufgestellt waren, daß sie nicht unter den andern aus dem Stoß durften hervorgezogen werden. Welch ein Reichthum, und nur von den schönsten Werken, unserer Meister! Lohn’ Euch Gott, ihr Künstler! betete ich fast; da ich bedachte: der ächte Künstler arbeitet für die ganze Menschheit, für alle folgenden Geschlechter. Wie viele dieser Werke schon in Amerika, in Ostindien, auf den Inseln oft an schönen Tagen und Nächten ihre Blüthe entfalten und duften, so werden sie die Runde um die ganze Erde machen! Ich brach aber die Hände, nun ich hinaus sah, und ahndete: Alle diese Blätter wird einst die Natur wie Baumblätter verwehen, begraben! Das alles wird nicht mehr sein! Ich klagte das laut. Aber Herr von Sangallo sprach, das bedeutet uns Freude! Was auch andere Sterne in dem großen chemischen Wetterglase das Welt heißt, des Schönen besitzen: Helena und Homer haben Wir allein! nur Wir haben in aller Welt: die schöne Venus und den Apollon, Göthe und Schiller, selber das Wort „und“ haben wir allein! Das ist auch etwas werth: einzige Schätze besitzen! Und die größten Deutschen werden erst kommen, wir sind berechtigt sie erst zu erwarten; so wie das ganze deutsche Volk, nach den Frühlingsstürmen, in herrlicher Blüthe mit reichlichen Früchten in seinem heiteren ruhigen Herbst! Amen, das heißt: das Werdewahr! —
Durch das Frühstückszimmer gingen wir dann in das Ankleidezimmer. Ich durfte durch eine halb mir geöffnete Thür einen Augenblick in das leere Bad der Nereïden sehen. Dann ladete der Vater mich in einem Cabinet auf ein Sopha zum Sitzen ein; er setzte sich mir gegenüber, zog an einer Schnur, und leis und rasch schwebten wir hinauf — auf seiner früher angedeuteten Treppe, die sich wieder senkte — und landeten gleichsam droben in dem freundlichen Schlafsaal mit den schneeweißen Lagerstellen der Mädchen. Eine kleine, kleine gothische Kirche mit Thürmen, aus Gyps geformt, mit bunten Glasfenstern, nannte der Vater — die Nachtlampe. „Den Schwestern liest Eine aus den neuesten Religionsbüchern vor; dann spielt sie ihre Seelen durch die schändlich im Volke vergessene Glasharmonika in den Schlaf. Früh erweckt sie sie so, und liest ihnen und sich dann Leben und Tag überschauend, weihende Worte.“ Unter den „neuen“ Büchern fand ich Astronomische und auserlesene Poesien. Nur Eins hat mir Mühe gemacht, sprach er lachend: das Frühaufstehn! Ich mußte zu dem verzweifelten Mittel greifen, am hellen Morgen den Nachtwächter vor dem Fenster der süß und fest schlafenden Mädchen ein Horn blasen und singen zu lassen. Das war wohl Schande! Doch nur in der Meinung der Verschlafenen. Der Nachtwächter aber wußte von mir nicht anders, als er solle mir den Haushund gewöhnen, daß er über sein Horn nicht heule; welche Abgewöhnung ich nicht in der Nacht vornehmen wolle. Ein Hauptfehler wäre: Kindern durch Ausplaudern ihrer kurzen vergänglichen Fehler, Schande oder Nachrede auf Lebenszeit zu machen! Der Fehler wird verbessert, selber die Kinder und Eltern vergessen ihn. Aber Nachrede bleibt. Die Sache mit dem Nachtwächter ist wahr; aber von einem Andern auf mich, als eisernen Erzieher übertragen ist die Begebenheit: Ich hätte meine stets unvorsichtige und ungeduldige große Tochter Armida in kurzer Zeit von Ungeduld und Unvorsichtigkeit dadurch kurirt, daß ich ihr für ein Tag und Nacht im Busen ausgebrütetes Ei 100 Louisd’or gegeben. Was hilft, ist ein Mittel; und es sieht mir ähnlich! Denn Vorsichtigkeit und Geduld einer Frau sind wohl Goldes werth, und mit 100 Louisd’or durchaus nicht zu theuer bezahlt!
Darauf führte er mich in die Kinderschatzkammer — in das grüne Gewölbe der Jugend, wie er sagte. Aber eine weiße Gestalt war uns leise nachgekommen, nur von mir bemerkt. Sie blieb in der Thür stehen, erröthete vor mir und schlug die Augen nieder. Das war wohl lieblich! Ich erkannte Arminia! Mir klopfte das Herz auf. Ihr gewiß auch. Aber wer anders war da sie zu retten bei ihr in der Noth, als Ich? Denn die letzte Schwester war, verzweifelnd an ihrer Auferstehung, zum Vater gekommen. Wer müßte der sein, der ihr nicht geholfen! Ich fühlte: wie heimlich vertraut wir einander geworden waren und blieben. Sie that keinen Schritt; sie blieb stumm. Und der Vater forderte mich auf zu sehen: die vielen kleinen Jahresschuhe der Kinder! unter durchsichtigen Florstaubschleier. Das war wohl liebliche Waare! Dann eben so die schneeweißen kleinen Strümpfchen, wie für Lämmchen; dann die kleinen Kinderhäubchen alle; rosig, himmelblau, grasgrün, golden — und die Schneeweißchen, Tauf- oder Westerhemdchen mit Spitzen. Lieblich! — Dann mußte ich die Reihe Puppen sehen, zerspielt, mit ernsten Gesichtchen: jede ihren Namen aus dem Kinderparadiese, großgeschrieben in der ausgestreckten steifen Hand! — Hier, das erste Gestricke der Kleinen! Dort das erste gesponnene Garn, vom Vater Katzengarn genannt. Und von der Decke hingen die Christbäume alle, jeder mit seiner Jahrzahl, vertrocknet, fast nadellos; die paar Nadeln daran gelb und braun, wie Haare in einer Gruft! Auf den Zweigen noch die Enden der Wachstocklichtchen, die goldenen und bunten Rosen, und die Zuckermännchen und Weibchen. — Dann wieder die ausgestopften Vögel, die einstige Freude der Kinder: Rothkehlchen!... Zeisig!... Staar!... Kanarienvogel! Dabei ein Lämmchen, ein kleines Hündchen, ein Eichhörnchen. Das war wohl lieblich! Mir war so, als wäre ich in den Himmel gekommen, in das Zimmer, worin der Kindervater seinen unsterblichen Vorrath hat, und daraus immer den Menschenkindern herabfliegen, herabbringen läßt, was ihnen Freude macht. Aber da lagen noch im Sonnenschimmer auf blauer Seide gebettet, unter hellen Glasglocken, die Kinderhärchen! Das war wohl lieblich! Rings umher aus den goldenen Rahmen aber sahen noch die Bilder der Kleinen lächelnd in ihre Kindertage! Und so stand auch der Vater, der jetzt Arminia erblickte und sie zu uns winkte. Sie kam. Der Kukuk rief wieder — dieser Schutzheilige, Allgegenwärtige in den Frühlingen der Jugend und des Alters, der Vogel der Hoffnung und der Erinnerung — und erweckte uns die Gefühle von gestern.
Sie stand vor uns. Aber nicht etwa ein Lächeln war unter ihrem Gesicht verborgen. Und der Vater sprach:... Und Tochter, Du dankst nicht unserem Freunde?
Ihre Glieder regten sich zu einer Bewegung, die gleichsam im Keime, im Hervorbrechen erstickte. Doch reichte sie mir die Hand und bemühte sich mir in die Augen zu sehen.
Das ist schon mein Weib! sprach meine Seele heimlich jauchzend zu mir.
Der Vater aber entschuldigte sie mit den Worten: die Begrabene fühlte sich, wie alle ihres Gleichen, durch den Todesschlaf der Angst überhoben, die wir alle um sie trugen — nun fühlt sie unsere Angst nach!
Sie lehnte sich an den Vater: sie küßte Ihn — ein himmlisches Zeichen zu Gunsten meiner — dann bat sie ihn zu Tisch zu kommen, wo mich und ihn die Anderen schon lange erwarteten.
Ist der alte General da? fragte er.
Auch; antwortete sie, sich die Lippe beißend; und Herr von Stifter mit seiner Frau und den vier Söhnen? Sie verneigte sich ganz erblaßt und ging. Er sah ihr nach und meinte dann: Wie gern seh’ ich meine Tochter noch in ihrem Frieden, so noch ungedungen! unbezwungen von Augen und Herz und eigener Himmelsgewalt. Aber ich muß des Nordlichtes schon gedenken, das bald in ihre Blüthen, auf ihre Früchte, in ihre Nächte fällt.
Aus allem diesem nahm ich ab, ich solle abnehmen: daß sicher noch Niemand Anwartschaft auf Arminia habe. Ich blickte zur Sonne, um mich zu stärken, mit Muth zu erfüllen, indem ich mir an ihrer Ewigkeit alles zu Traum verschweben lassen wollte, nur Arminia eben nicht! Dann sprach ich wahrscheinlich — denn ich hörte nichts von meinen Worten —:
Geben Sie mir dies Mädchen zum Weibe!
Kurz darauf setzte ich hinzu: Gestern, als sie begraben war, hätten sie mir sie gegönnt!
Er lächelte, als dächt’ er: heute lebt sie; dann antwortete er mir: Herkömmlich ist es, sich für die Ehre zu bedanken.... die ich nicht begreife. Sie scheinen zu lieben; das würde Ihr Glück sein, wenn ihre Liebe — — Liebe ist; (mir fehlt ein Gleichniß, ein Beiwort, denn der Liebe gleicht Nichts). Prüfen Sie sich. Daß Sie aber meine Tochter von mir, dem Vater, verlangen, bei mir um sie anhalten, das erlaubt drei Antworten auf drei Voraussetzungen. Eine, die: Ich sitze, wie ein Mann in der Bude, überhäuft von Waare. Ich muß losschlagen — mit Schaden —; und meine Töchter sind so wohlerzogen, so dankbar und mir so gehorsam, daß Ich nur ja sagen darf. Aber meinetwegen in allen Dingen, nur in der Liebe keinen Gehorsam! Das heißt mit der Liebe. Das ist ja eben die bittere Erfahrung, die jetzt viele Tausende machen: die Liebe läßt sich nicht befehlen; nur das, mit Zwang ja mit Abscheu „Thun“ — zur Noth. So aber meint der reiche alte General — der gestern um meine Arminia angehalten hat, und heute kommt, mein Jawort zu holen. Hier ist ein Brief. Er ist wahrscheinlich kein Frommer, der sich auch den Glauben und das Beten hat zum Schein befehlen lassen, und denkt: Ich und Er werden mit dem Schein, also mit der Heuchelei zufrieden sein, weil er hochgestellt und reich ist. Ich werde nach Tisch ihm die Antwort schriftlich zusagen, und Sie sollen die Antwort concipiren! Auf gleiche Bedürfnisse schließt man weltliche Bündnisse, und Verträge mit Denen, die gegen unsere Bedürfnisse fanatisch denken und handeln. Also muß der Brief ein Concordat mit ihm sein. Das wirksame Gefühl dazu geben Ihnen etwa die Sätze: Alle goldenen Schätze und Kreuze, ja Kronen eines Alten, wiegen nicht die jungen Jahre eines Mädchens auf. Das ärmste Bauermädchen, das den alten uns bekannten Dalailama heirathete, wäre schändlich um das betrogen, was die ganze Welt Einem nur einmal zu geben hat, um die Jahre, das Leben! Der Werth der jungen Jahre ist unermeßlich! Dagegen ist aller Reichthum der Reichen nichts, gar nichts; aller Rang und Stand der Berangten ist dagegen nichts, gar nichts. Denn die Jahre sind die einzigen Gaben der Welt an Jeden, sein eigener schönster und höchster Besitz, die Blüthe der Zeit, die Frucht der Ewigkeit. O möchten doch alle vermeintlich armen Mädchen einsehen, was sie besitzen mit ihrer Jugend! Aber die Unschuld nur giebt uns Achtung vor uns selbst und Werthgefühl unserer selbst, jeden Haares an unserem heiligen Leibe, heiliger, als Reste von Todtenknochen, und wenn Gott selbst der Todte wäre! Ein Alter, der ein junges Mädchen liebt, wie er seine Anfechtungen nennt, hat den Weltverstand verloren und meint, was ihm tausend Fälle bestätigen: die Mädchen denken: „lieber äußerlich glücklich, als doch nicht innerlich! Lieber Pein und Strafe, als Leere! Lieber schlecht und kurz geheirathet, als gar nicht.“ Solchen Unverstand müssen Eltern mit Gewalt brechen. Stellen Sie sich vor, junger Mann und hoffentlicher Herr Schwiegersohn: eine alte Frau will Sie zum Manne haben; und mit der Erbitterung gegen diese ehrwürdige Dame, verfassen Sie dem alten reichen hohen Herrn den Absagebrief, aber so artig, als wenn die Begehrte — Arminia wäre.“
Ich versicherte meinen ganzen Kopf und mein ganzes Herz auf den Brief zu verwenden.
Die Zweite Antwort für Sie wäre: Sie ahnden und ehren den Verlust, den ein Vater leidet, wenn er ein Kind hingeben soll! Die gediehene Fruchtpalme seiner Sorge und Mühe, seine als holde Lebendige auferstandene Lehre, Liebe und Treue, einen Hauptgewinn seines Lebens — da Sie dem alten Stamme die grünen Zweige abhauen, daß er kahl und leer stehen soll, bis er eingeht. Mögen Sie dafür einst mit der freudigen Wehmuth belohnt werden: dem heiligen Gange der Welt sich hoffnungsvoll zu fügen. Eine Tochter glaubt man wegzugeben, zu verlieren — ein Sohn scheint etwas zu nehmen, zu gewinnen — eine Frau. Aber beide sind verloren; doch wenn die Kinder gewinnen, dann werden gute Eltern reich. Dr. Troxler hat mich versichert, meine Herren Schwiegersöhne würden fast lauter Söhne haben. Der Familientypus, der Mensch bleibt: „Mädchen und Knaben sind nur Revers und Avers derselben Goldmünze der „Geister-Falschmünzerei““ — spricht unser Nachbar von Stifter darein; weil seine gute Frau, die bei ihm zum bleichen Gespenst sich verzehrt hat, ihm gar keine Kinder gebracht; und seine Verwandten ihn verhindern, daß auch nur Einer seiner Nebensöhne legitimiert werde, um sein nicht fern von hier liegendes großes Majorat zu erben. Deswegen ist er schon bei Lebenszeit nach Ostfrei gezogen, das seiner Frau verschrieben ist. Sie werden die Unglückliche sehen, die so gut ist, wie ein homerisches Weib, das seines Mannes natürliche Kinder mit solcher Liebe und Eifersucht, und solchem Neid und Gram erzogen, daß sie bald zu den Schatten steigen wird. Und stellen Sie sich vor, diese Unglückliche wird in weitem Kreise hiehin und dahin als wunderthätiges Bild geholt! — eingeladen von Frauen schon oder noch wankender Greluchons. Und ihr Anblick, ihr Schweigen, ihre himmlische Geduld, ein leichtentschlüpftes Wort, ihr widerwilliges leises tiefes Aufathmen, das ein Seufzen oder Gebet schien, hat nach ihrem Abschied die verstocktesten, verblendetsten Männer ihren Frauen zu Füßen geworfen.
Trotz meiner Rührung freute ich mich; denn welchem Schwiegersohne kann man eine einschneidendere Warnung geben, als er that; und noch mehr dadurch, daß er mich darauf bei Tisch der wie vom Tode erstandenen blassen armen Frau gegenüber setzte, von der ich schon bei meinem heutigen ersten Besuch vor Jammer fast übereilt geschieden war. Er zahlte mir also schon Gold „auf den Schwiegersohn“ aus!
„Meine dritte Antwort an Sie wäre, fuhr er fort: Sie haben den weisen Vorsatz: Du mußt dir die Liebe der Geliebten gewinnen. Ohne zu lieben heirathen, ein dich nicht liebendes Weib nehmen, ist Todsünde, weil es nicht das wahre göttliche Leben bringt. Liebe ist ja die ganze Sache dabei. Mit Begeisterung muß alles geschehen. Die Begeisterung ist alles selbst. Ob einander Liebende dann verstehen die Liebe zu erhalten, das ist ein Anderes. Darum ist ein Herrnhutisches Losen und Gelost werden die Austreibung — des höchsten Wesens! Darum ist Weibergemeinschaft: Erniedrigung unter den Elephanten! Nur Jüngling und Mädchen lieben einander mit der Liebe, die einzig den Namen Liebe verdient! Sie nur macht Weib und Mann glücklich, glücklich die Kinder. Nur unter Weib, Mann und Kindern ist Liebe — gegen Andere alle ist nur: Agape, und von ihnen ist auch nur Agape zu verlangen, Anderen wohlzuwollen, wie sie uns; aber Niemand kann sich selber lieben, also auch nicht alle Anderen. Aber alle Anderen lieben sich untereinander, aber alle nur als Mann und Weib und Kinder. Und das thut der Eisbär! Das, die Vögel alle in allen Nestern! Das, die Blumen und Blüthen alle! — Das ist der Geist der Welt und ist das, was man sonst die Seligkeit nannte, aber was sie allein überall wirklich und ewig ist. Andere sollte man nur agapiren wie sich — aber alle Liebende lieben den geliebten Anderen mehr wie sich! Die Schlange läßt das Leben für ihre Kleinen! Die Menschenmutter stirbt für ihre Kinder — und mit Freuden! mit Freuden! Glücklicher kann der Geist der Welt in keiner Gestalt werden. Ich wünsche meine Tochter glücklich. „Darum, heißt es, soll Dich die Tochter lieben; wenn der Vater, als Hausverstand sie Dir geben soll! Zwinge sie also dazu dadurch, daß Du ein Mann bist, durch alles was und wie Du da bist und was Du hast. Denn das alles eben bist Du. Nur hüte Dich, daß die Geliebte nicht blos Deine Liebe liebt, und sich Dir aus Rührung, Eitelkeit, Mitleid oder Weiblichkeit nur ergiebt. Ihre Liebe muß nach Dir heimlich weinen!“ — Aber zu dem allen spreche ich, und gebe Ihnen ein Zeichen: Wenn Arminia zögert und ihr Jawort zu geben hinausschiebt, dann gerade liebt sie Sie. Denn jedes Haus und jedes Herz hat seine eigene Religion! Ich werde ihr von Ihrem gottseligen Vorhaben sagen, und wenn sie bei Tische nicht ißt — dann trinken Sie auf meine Gesundheit! —“
VIII.
Verwickelungen.
.... Und ich konnte trinken! darüber trank mir wieder der schon innerliche Schwiegervater zu. Die Mittagstafel war aber zugleich Verlobungsfest der Afanasia mit dem Postsecretair Rheingraf, einem allerliebsten jungen feingebildeten mit Sprachen und Wissenschaften reich versehenem Adligen, der sich der Einpferchung und Einstellung zum Schwiegersohn seines, an schönen und guten Töchtern, so wie an Gelde reichen Postmeisters, heimlich und glücklich entzogen hatte.
Eine Verlobung erregt anderer Mädchen Herzen, erweicht sie, zieht sie an, und macht sie handgiebig. Besonders wenn eine Schwester des Hauses Braut ist, oder gar geheirathet hat, dann sind alle leichter zu erwerben. Denn ein leiser Neid erweckt mit Recht ein Begehren nach den göttlichen Dingen. So auch hatten die Herren Referendarien, Candidaten und Offiziere heute das Leben sehr süß und hoffnungsreich! Aber da ich ihnen, durch Vater und Tochter gewiß schon als künftiger siebenzehnfacher Schwager im Herzen lebte, so war doch auf keinem der schönen Gesichter ein Zug des Neides, ein Zürnen über Zurücksetzung wahrzunehmen. Wie schön, dacht’ ich, auch, wann — Schwestern, ein Haus voll, so einträchtiglich und gönnend bei einander wohnen! Was für Arbeit und Mühe, Pflege und Lehren des Vaters und der Mutter stecken doch in Kindern, wie in einem Nelkenflor der Gärtner steckt. Nur unsere Brigitte aß auch nicht, sondern sah ihre Freundin Arminia mit den allerzärtlichsten, ja wirklich liebebeladenen Blicken an. Sie bewunderte sie; sie erblaßte und erröthete vor ihr, daß ich nicht wagte, das arme Häschen anzusehen. Aber wie zärtlich streichelte sie auch den sammtenen Kopf meines Hundes, der als ein stummer, aber gewiß tiefaufmerksamer Beobachter und Kundiger der Seele seines Herrn neben Brigitten saß! Versteht sich, auf der Erde. Der Psycholog! Der Herzenkenner! Konnte mir nicht eine Stimme vom Himmel damals zuflüstern, was später einmal der Weiberkenner Herr von Stifter mir sagte: „Liebende Weiber lieben alles, was ihr Geliebter liebt, sogar seine Geliebte. Sie allein finden den Weg: sich selber quasi zu lieben! Ja, im Morgenlande finden Männer-schwärmerisch-liebende Frauen zuletzt jedes schöne Weib zum Anbeten schön!“ — Mir geschah nur, daß ich einen Augenblick denken mußte: „wenn Du Brigitten so aus dem Grabe gezogen!“ — Darüber mußte ich wenigstens mit dem Stuhle rücken, um nicht gar aufzustehen. Da erblickte ich mir gegenüber die blasse unglückliche Frau von Stifter, und ich war vollständig retabliert. Fast ein jeder Bräutigam soll noch in der Entscheidungsstunde einen solchen Abschiedsanfall haben, wo ihm alles geschauete Schöne und Liebe noch einmal — zur Prüfung — vor Augen erscheint. Dann macht die Phantasie ihr Bilderbuch zu, und die ernste Liebe tritt heran. Denn die Liebe, sie, die allein wahre, die alles Leben hervorbringende, alles berauschende Glut aller Welt, ist das ernsteste und lebensgefährlichste Wesen zugleich. Verwandelt, zersetzt, zerstört und nur leise gekränkt, ist sie Gift und Tod, wie kein anderes Schrecken. Arminien betrafen meine Augen auf einem langen finstern wie recht zürnendem Blick nach mir. — Das lobte mir Herr von Stifter, der heimlich mich gern rasch zur Verheirathung mit Arminien drängen wollte, mit den Worten: „Finstere Mädchen, lohende Herzen. Heiter lachende Mädchen machen finstere Männer. Ich möchte wohl wissen, worauf die Finstern so zürnen? Denn es ist keine Verstellung. Ich glaube, wenn ihnen ein Mann verkündigt wird, das ist kein Scherz!“
„Gewiß nicht“ sprach seine Frau gegenüber in ihrer Rede mit dem Nachbar, und Herr von Stifter ward über das unwillkührliche Orakelwort finster und stumm. Weil man ihn Barnabas Habakuk Gallus getauft hatte, deswegen war er ein Todfeind von Kalendernamen und hatte seinen Söhnen, nach Art der Alten, bedeutende und mahnende, nicht zu Tode abgetragene Namen gegeben, die ich über Tische im Gespräch von ihm nennen hörte: Ehrenfest, Wohlgemuth, Fürchtenichts, Freimund. Wie wohlthätig wären auch zeitlebens sie erinnernde Namen, sagte er, statt hohler unverständlicher, nichtssagender, heiliger, weil sie alte Schafe schon getragen haben; jeder besondere Mensch ist seinen eigenen Namen werth. Doch still! Wo bliebe sonst das Brigittenfest etc.! Doch ernstlich, auch vom Kalender müssen wir uns emancipiren, besonders von Krebs, Scorpion; Zusammenkunft, Drachenkopf und Drachenschwanz, Erdfinsternissen; denn die Sonne wird nicht finster, und von den Schaltjahren! Ich sehe, Sie freuen sich über meine Söhne, die einen König freuen würden, die armen Menschen! Bei den abscheulichen unchristlichen Türken wären sie nach ihrem Gesetz Menschen, wahre Söhne, Erben — ehrliche Leute! bei uns über alle Türken bis zum Himmel erhabenen künftigen Seligen, gilt ihre Sohnschaft und meine Vaterschaft — nichts. Welche Schande für alle Götter, selbst für die als albern bekannte Erde! die Türken ehren und achten jeder Mutter Kind dem andern gleich; jedes Frauenzimmer ist also bei ihnen in der Hauptsache emancipiert, und die ärmste Schöne kann Kaiserin werden, und Mutter sein mit Ehren und mit Gerechtigkeit. Dort ist, Gott sei Dank, kein unschuldiges Kind, kein Fehlender mit dem Fehler verachtet.
Jetzt wurden Gesundheiten getrunken und wir alle sammt und sonders auf Sonntag über acht Tage zu Afanasia’s Hochzeit geladen.
Mit einem eintretenden Bedienten war Arminias Reh mit hereingekommen, und wollte den Braut-Strauß von Afanasias Busen sich kapern, aber er war zu fest, dagegen erwischt’ es Arminias Strauß. So ein Thier! Sie ließ ihm die Blätter, da es die Blumen zerrupft hatte. Das war ein Characterzug, den ich mir merkte.
Meine rechtschaffene Mutter zog eine traurige Miene zu dem Orakel. Wir hatten sehr lange getafelt, und als wir im Begriff waren aufzustehen, meldete der Bediente dem Verlobungsvater, den Herrn von Rizzi. So blieben wir noch an der splendiden Tafel sitzen. Denn mein gewünschter Schwiegervater sprach: Ach, mein eigener, oder mein Stroh-, Hafer- und Heufreund, der redliche liebe Postmeister vom alten Geschlecht der Rizzi!
Der lange hagere feingebildete Mann trat ein und überschaute sein Unglück.
Wahrscheinlich in seiner letzten Angst hieher nachgefahren, um noch geheim ein Wort an seinen Rheingraf zu verlieren, hatte er sich hinter das Heu versteckt, das er zu handeln kam; und wohl empfangen als gütiger braver Mann und Duzbruder aller Welt, mußte er sich jetzt der Fräulein Afanasia als eines Rheingrafens verlobter Braut vorstellen.... sich mit seinen fünf Töchtern zur Hochzeit einladen lassen, und des „überraschendrasch“ verlobten Brautpaares Gesundheit in, ihm wahrscheinlich wie pures bloßes Wasser oder bittere Tisane schmeckenden Champagner trinken. Denn mein Nachbar von Stifter machte mich aufmerksam, daß dem Herrn von Rizzi dabei die Thränen im Auge standen und hatte die Worte gehört, die er beim Niedersetzen dem Brautvater zugemurmelt: Dir kann niemand etwas verdenken! Du hast angeborene vielfache Vorrechte vor uns allen. Du bleibst dennoch uns andern Vätern allen der liebe Leidenstrost, die lebendige Altar- und Taufstein-Hoffnung! Meine Paar Rizzi’s werde ich vor meiner Ruhe schon noch an Folgende anbringen. Denn hoffentlich wirst Du nun deinen Rheingraf poussiren; ich gratulire Dir also von Herzen! denn eines rechtschaffenen Vaters Noth ist groß, die fahren sechs Beiwagen nicht!
Darauf trank er ein „Hurrah“ dem Rheingrafen, Herrn von Postmeister! — wie er sich in seiner sich sedimentirenden Verlegenheit noch versprach, statt dem Postmeister, Herrn von Rheingraf.
Aber — kein Hurrah im gebildeten Europa! sagte höflich der tapfere bildschöne Offizier von P....., nachdem Herr von Rheingraf sich für die Gesundheit bedankt; Hurrah ist von Praga und Suwaroff her, ein garstiges russisches Wort! Hurrah ist auch ganz unverständlich, ja eine zu freimüthe Assonanz, ganz unaussprechbar vor manchem „hohen Balkone,“ wie Schiller sagt. Dieses schnarrende, trommelnde Wort ist das offenbar allein unedle von unserem ganzen Soldatenleben. Ich bin kein Sprach- sondern Herzens-Purist! Wir Deutschen haben ja unser schönes Glück auf; oder klingt das zu unterirdisch, oder wie der Wunsch: Glück aus, so haben wir das: Glück zu: oder das „Heil“; gewiß aber immer das schöne „Lebe hoch“ — hoch, hoch in allen Lüften! was — Viele so Vielen wünschen. Aus wohlmeinendem Scherz tranken nun alle dem Herrn von Rizzi ein Glück zu.... (zu was, das ward nur angedeutet) und noch Eins und zum dritten und letzten Mal Eins, dem ganzen Geschlecht der Rizzi; wofür er sich, als aus Italien stammend, aber der Italienischen Sprache vergessen, sich für uns zur innerlichen Freude überaus feierlich bedankte.
Der gute Vater weinte aber, da er seinen einzigen unvergeßlichen Sohn verloren, und wir küßten ihn ruhig.
Nach aufgehobener Tafel zerstreuten wir uns in den Garten, und das junge Volk entwickelte und sonderte sich allmälig in Paare und entfernte sich im Gespräch. Aber alle wandelten wir übersehbar im Schatten der Bäume; und auf dem weiten Wege im Kreise begegneten Alle in kleineren und größeren Zwischenräumen Allen. Das nannte Herr von Stifter eine große Liebespolonaise. So war ich zuletzt mit Brigitten und Arminien allein stehen geblieben. Die Freundinnen führten sich jetzt, so daß ich bald dieser, bald jener zur Seite gehen mußte. Als wir aber zu den beiden jungfräulichen Wittwen, zu Antonien und Augusten gekommen, die, ihre verlobte Schwester Afanasia in der Mitte, im heimlichen Gespräch auf einer Gartenbank saßen, und leise Brigitten winkten, beurlaubte sie sich von mir; die drei Schwestern standen auf und alle Vier gingen weit hinter nach dem Gartenpförtchen. Der Bräutigam wollte ihnen folgen, aber Afanasia bat ihn zu bleiben.
Ihre Stimme klang wie eine Geisterstimme, sprach ich zu Arminia. Eine so betretene Braut habe ich kaum gesehen! Wenn sie über Tisch ihren Bräutigam anblickte, verwandelte sich ihre Farbe in Blässe. Daß Antonie, daß Auguste heute aus Erinnerung ihres Glückes, oder — verzeihen Sie — ihrer todten Männer, zu keiner Freude kamen, oder vielmehr erst recht in Trauer versanken, das finde ich so wahr und treu und lieb, daß es mich selbst innig gerührt. Aber Afanasia — — doch ich habe kein Recht zu fragen und wünschte es so — so — so über alles in der Welt, denn nur ein....., ach, kann es mir geben!
Wer? fragte Arminia.
Und auch ich mußte es ihr sagen: ein Engel, eine Göttin, meine Göttin.
Und sie freute sich ächtweiblich. Und warum soll ein schönes Mädchen nicht auch hören, was sie ist! Denn der tiefsten Wahrheit gemäß, ist ihre Gestalt ja eben nicht erst so lange vom Himmel, ist auf Erden das Schönste — und bleibt nicht so lange, wie ja die Sonne weiß. Auch flüsterte mir Herr von Stifter bei Tische ins Ohr: „Es ist doch von Dalailama und allen Petern unläugbar: Kein Mann von allen möchte einen Geist heirathen! Kein Geistlicher selbst! Säßen diese schönen Jungfrauen hier alle als Geister — hui, wie nähmen die Herren alle Extrapost und Courierpferde bei Nacht und Nebel, kämen nie wieder, verwünschten das Schloß und sprächen: darinnen spuckt es! Also was zu beweisen war, also heirathen alle Männer: Leiber, wo möglich mit Geist, aber wenn nur mit Liebe, vor allem gern schöne Leiber, und solche, die Weiber heißen und sind.“ — Darauf ließ er mich die schönen Mädchen alle bewundern, besonders Brigitten und Arminien, wozu ich schon vom Himmel am Probegrabe Gelegenheit gehabt.
Gelegenheit, Miteinanderalleinsein und gepreßtes gedecktes Gespräch also thaten auch an mir das Wunder, dem Herzen Sprache zu geben. Wie ich weiter an den Engel und die Göttin anknüpfte, was ich weiter stammelte oder ausströmte — ich weiß es nicht mehr — denn ich bin kein Göthe, der sich selbst und sein lebendiges Präparat der Liebe behorcht, wie ein Tonsetzer vor dem Instrument, um Studien zu machen. Ich, war hingerissen! Das Ergebniß meiner Worte war die Antwort von Arminia: In sechs Wochen nach meiner dritten Schwester Afanasia Hochzeit bereiten Sie sich auf meine Entscheidung. Bis dahin gebe ich Ihnen alle mögliche Hoffnung, selber schon das Jot vom a, so daß Sie nur noch das kleine a zu der ganzen A...rmini...a zu erwarten haben.
Wir standen zufällig vor dem Beet, wo sie in der Erde gelegen. Sie erröthete, verneigte sich mit gesenktem Gesicht, wandte sich rasch und ging zum Vater. Und ich sah ihr nach, sah sie hingehen, mit welcher Bezauberung von ihrer Gestalt, ja Erstaunen vor ihrem „in der Welt sein!“ Mit welchem Entzücken der Ahndung, solch ein Wesen, das so gewöhnlich „ein Weib“ heißt, zu — besitzen. O welche Göttinnen schlafen und schliefen schon alle im Himmelblau! Nun sind sie hier, sie sind da — und in Einer sind alle dein. — Das mußt’ ich der Sonne sagen, und sagt’ es ihr leise hinauf. Aber sie schwieg.
Da trat Brigitte wieder vor mich hin, und lächelte mich an. Ich fragte sie nicht, sie gestand mir nichts. Sie fragte nicht, ich gestand ihr nichts, aber sie sah mich so wehmüthig an. Jetzt ging ich mit ihr zu dem offenstehenden Gartenpförtchen. Eine schwarzeiserne Thür in weißem Marmor. Drüber auf himmelblauer Marmortafel mit goldenen Buchstaben:
Hier bist du hinausgegangen —
Wann kommst du hier wieder herein?
Ich erfuhr aber nichts, als das sei das Ende eines Liedes. Und sie sang mir die Melodie. Sie stammt aus Rom vom Capitol, und ist uralt, sagte sie dazu. Ich mußte nur rathen, daß die Männer der beiden jungen Weiber zu demselben Gartenpförtchen hinausgegangen und nicht wieder hereingekommen waren, aus Ursachen, die am Ende allen bevorstehen, vielen zu Anfang und in der Mitte; nicht nach irgend einem Unglücks-Gesetz, sondern nach dem alle Augenblicke neuem Ergebniß aller Himmelskräfte — nach dem Wetter der Welt.
Den Sonnenuntergang feierten die Töchter durch Musik, die große Sonate zu 44 Händen. Der Vater entschuldigte zuvor die nur hinreichende Fertigkeit, da sie keine Virtuosen wären, die alle nur aus Eitelkeit oder Gewinnsucht reisten, als musikalische Riesen. Alle Hauswesen, alle Gefühle würden zerrüttet, wenn alle sich so aufblasen wollten wie Frösche um den — morgenländischen Dreschern zu gleichen. (Auch den Sängern soll man nicht den Mund verbinden.) Zuletzt sangen sie die Nänie von Schiller „Auch das Schöne muß sterben“, dies allerhöchste und schönste Gedicht der Welt, dieser unendlichen und unermeßlichen Elegie, und Göthes eben so schöne als traurige Antwort darauf:
Warum bin ich vergänglich, o Zeus? so fragte die Schönheit,
Macht’ ich doch (sagte der Gott) nur das Vergängliche schön.
Und die Liebe, die Blumen, der Thau und die Jugend vernahmen’s,
Alle gingen sie weg, weinend von Jupiters Thron.
Leben muß man und lieben; es endet Leben und Liebe,
Schnittest du, Parze, doch nur beiden die Fäden zugleich.
Hören Sie, der Vater läßt Ihnen allen vorsingen: „Geschwind zugegriffen! Sie können es! sprach Herr von Stifter und sagte dazu: Sonst hielt ich ein schönes Weib auf einem schönen Pferde für alles Schönste vereinigt, was es geben kann überall. Heute erfahre ich: Schöner Gesang aus schöner Frauen Munde, die die Seele der Welt auszuhauchen scheinen — das ist das Befriedigendste! Dabei, danach rührt sich kein Wunsch. Auf solche Klage giebt es keine Klage! Ich bin kein Mensch mehr; ich glaube, wenn mich Jemand schnitte, ich blutete nicht, oder ich sänke aus dem Kahn in den See, und rührte keine Hand zu meiner Rettung. — Kommt essen, rief er auf einmal laut, daß man wieder zum Menschen wird, der Steuern und Gaben bezahlen muß!
Nach dem Essen fuhren wir Westfreien spät im Mondenglanz nach Hause. Wir schwiegen zu Anfang; keiner wollte den Schein haben, das Haus zu bereden, oder die Fremden. Aber endlich brach denn doch die Frau Pastor aus und sprach: Stecken uns die Fische an? So stumm sein, nach so viel Geschautem und Gehörtem ist doch unmenschlich. Es ist zu natürlich, daß alle aus einer Gesellschaft nach Hause Gehenden, das Haus, die Speise und Getränke, die Bedienung, den Koch, das Geschirr bei Veranlassung des kleinsten Fehlers bereden, aus Besserwissen oder Besserhaben oder Besserwünschen tadeln; die Heuchler aber alles in Bedauern einkleiden. Dann kommen die Herren und Frauen Gäste daran, welche unter der Maske redlicher Theilnahme wieder bedauert werden. Dann scheidet eine Gesellschaft, eine Familie unterwegs von der anderen, und nun beredet jede besonders wieder die Anderen nach gehöriger Entfernung. So mögen auch wir jetzt beredet werden, denn mir klangen die Ohren, und wie!
Wohl nur von der Zugluft auf dem See; sprach ich, wie allen nach Hause Gehenden leicht nach der Erhitzung durch Zimmer, Getränk und Gespräch. Oder.. so wären es gar die Götter selbst, die das Klatschen erfunden, indem sie durch Ohrenklingen zur Rache erinnern! Da muß ich etwas erzählen: Als ich jüngst in der Hauptstadt war, hörte ich, daß ein vornehmer Wirth, der loyalste prächtigste Mann, nach einem in Wahrheit übersplendidem Fest schändlich war beredet worden, von den Heuchlern, daß er, wie Pyrrhus, nach mehreren solchen gewonnenen Terrinen- und Bouteillen-Schlachten das Feld werde räumen müssen. Er hatte daher zum folgenden Fest im reizenden Boudoir einen kostbaren kleinen Schrein in einer Ecke angebracht, auf die Thür desselben das Wort „verbotene Frucht vom Baum der Erkenntniß“ setzen — und den kleinen goldenen Schlüssel daran stecken lassen. Das hieß eine schöne Eva reizen — und lesen. Bald winkte sie einem Legationsrath, der gelesen; und Andere zum Schränkchen schickte. So schickte auch Einer mich hin, und ich las: „Ein freundlicher Wirth giebt alles von Herzen gern allen Magen ohne Dank zu erwarten. Aber Undank thut weh! Möchte doch Jede und Jeder mir gnädig ihn aufsparen bis nach dem Fest bei einem Anderen, und Diesem wieder so lange! Denn ich habe 100 solche Schränkchen unsern vorzüglichsten Festgebern zum Geschenk gemacht. Wo Sie also ein solches Schränkchen oder großes Buch mit der Aufschrift „Verboten“ erblicken, da bitte ich, sich meiner großgünstigt zu erinnern, auch wenn der Hausherr schonend die Inschrift, als jetzt notorisch nicht ausgestellt hätte. Noch melde ich, daß auch zwei kleine kostbare Schwur-Boudoirs für Herren und Damen besonders eingerichtet sind, welche vor Eintritt in die Gesellschaft schwören wollen: einander nicht zu bereden, oder moralisch todt zu schlagen. Der Zugang dazu ist geheim, so daß jeder von dem anderen annehmen kann: er habe geschworen, und nun sicher von ihm nicht beredet zu werden, ihn auch durchläßt. Gezeichnet: Graf N.
Wir lachten und schwiegen. Nach langer Zeit erst setzte ich mich zu dem alten guten Herrn von Hase und fragte ihn theilnehmend, warum er denn gar so still, so unaufgeweckt von anderer Freude sei?
Die Türken haben einmal einen braven Mann gehabt, sprach er seufzend, der hat Mezzo morto, der Halbtodte geheißen. Der bin ich wieder. Meine Freunde in der Stadt haben für mich gesorgt, und ich kann Bogenschreiber werden, zu 3 Kreuzer den Bogen. Aber meine Hand will nicht mehr fort, weil meine Seele vom Unglück gelähmt ist. Ich habe keinen Trost, als daß meine Frau gestorben ist, ohne meine Lage zu erfahren! Denken Sie, so etwas muß mein Trost sein! Aber es ist ein großer Fehler, daß ein Mann alle seine Geschäfte geheim hält und allein betreibt, um seiner Frau die vorübergehenden Sorgen und Gedanken zu ersparen! Denn die Weiber wissen den besten Rath, haben viel unbrauchbare Einfälle, aber ihr Herz entdeckt auch den rechten, wie durch Eingebung; sie trösten gewiß, und so sind sie getrost und getröstet. Für meine Liebe ist meine Frau nun ganz- und ich bin halbtodt, und mein armes Häschen, das lebt und möchte leben. Unglück ohne Aussicht, auch wenn man Blitze zu Blicken hätte, lähmt völlig. Denn es ist alles vergebens zu sinnen, zu reden, zu thun. Warum ich esse und trinke, ist mir unbekannt. Ich sehe völlig klar: alles Menschenthun ist nur ein Streben nach einem inneren Ziel; ich beneide Niemanden, ich beklage Niemanden, selbst mich nicht. Am liebsten schlafe ich, oder sitze mit gefalteten Händen. Ich würde doch entlassen als Bogenschreiber! Nur drei Bemerkungen möchte ich zum allgemeinen Besten niederschreiben. Wenn ein Gut sieben bis achtmal verkauft wird, so hat die Landeskasse den ganzen Werth dafür baar durch Verschreibungskosten, Lehnwaare, Stempel und Taxen. Das hieße also: Behaltet was ihr habt, kauft und verkauft nicht so oft! Güterhändler sollten unerschwingliche Gewerbsteuer zahlen, statt frei davon zu sein. Dann: Wann ein Käufer offenbar über die Hälfte betrogen ist, dann sollte ihm ein Jahr lang der freie Rücktritt zustehen. Die Clausel der Verzicht über oder unter die Hälfte, sollte nicht gelten. Und zuletzt: Wenn zwei Jahr dürre Zeit und allgegenwärtiger Mißwachs im Lande sein wird, dann hilft Gott dem Volke ohne Mühe zu allem Erwünschten; wie er mit 29 Grad Kälte, Deutschlands unüberwindlichen stolzen Feind mit der großen Armee in Rußland nur weghauchte. Das prophezeihe ich, nämlich Gottes Hilfe allein und gewiß. Nur partielles Unglück ist Unglück, das hab’ ich erfahren.
Er schwieg eine Weile, dann ergriff er meine Hand und sprach leiser: Haben Sie nur noch einige Zeit Geduld mit uns! Nehmen Sie nur nicht übel, daß so oft allerlei Weiber und Mädchen aus unsern Dörfern in Ihr Schloß kommen, und mit Bündeln! Ich bitte sie alle, nur ja recht leise aufzutreten! Und sein Sie nur nicht böse, daß meine Tochter so oft und vielmal hintereinander, leider so laut, in die Hände klatscht! Sie stärkt Wäsche für die Leute, Hauben, Bänder, Tücher. Es geht wirklich nicht anders! Ich habe es selbst auf alle Arten versucht! Und dann, daß sie den armen Staat, zwar hinter den Fliedersträuchern, doch immer in Ihrem Garten aufhängt! Die Nacht aber trocknet die Wäsche nicht; sie wird thaunaß! Wir haben versucht, die Wäsche in unserm Gewölbe zu trocknen, und haben eingeheizt; aber lieber Herr von Kopernick, da haben wir uns bald zu Tode geschwitzt, und der Schlag hätte mich bald gerührt; doch kam ich mit Zahnschmerzen weg! Lieber Himmel, da hatte ich doch wieder einen Wunsch, daß mir die Zähne wehe zu thun aufhörten, wie man sagt, oder daß mir die Bratwurst wieder von der Nase fiel! Verkennen Sie mich nicht, daß ich einmal scherze. Aber wie gesagt, das arme Mädchen ernährt mich mit der lieben Wäsche, und wenn sie so in die Hände klatscht, da denken Sie gütigst nur, sie klatscht mir Brot und sich — Dank. Mein neues Halstuch, daß Sie freilich in der Nacht nicht als neu zu erkennen vermögen, aber es ist wirklich neu, das hat mir das arme Häschen auch — — — —
Brigitte hatte aber des Vaters Worte gehört, kam, hielt ihm den Mund zu, und sprach nur leise: „Vater!“ Der Vater zog sie an sich, und sprach: Schilt den Vater nicht, der sein Kind ehrt! Du bist doch mein gutes Häschen!
Es war kühl. Ich gab dem alten Manne meinen Mantel um, und in ihren Gefühlen verloren, nahmen beide das so an, und sie hüllte ihn dicht darin ein.
Um uns aus der weichen Scene zu bringen, fragte mich der Pastor: Aber was sagen Sie zu dem guten Postmeister von Rizzi, der seine schon auf Jahre voraus verlobten Töchter vor Freude schon immer gnädige Frau nennt! — Mich rührt das tief! Der sorgliche treue Vater ist ein Repräsentant so vieler Väter jetzt im Vaterlande, die zu solchen Mitteln greifen müssen, die Tänzer auf Bällen auffordern zu gehen, um mit ihren Töchtern zu tanzen; die jungen Männer, die in Jahren erst ein Weib nehmen und ernähren können, in Beschlag zu nehmen, sie buchstäblich am Aermel zu führen; nach der Verlobung: „Gott sei Dank“ zu sagen; dem Herrn Bräutigam Anstellungen zu verschaffen durch goldene Sorge; den amtlos oder kleinbeamtet Vermählten jährliche, so zu sagen, Pensionen zu ertheilen, daß jeder Vater zuletzt selbst „Oel geben“ möchte! Das ist die wahre reine heilige Vaterliebe im gerechtesten Widerstreit mit der, den jungen Männern allen jetzt zu spät möglichen Ehe! Weiter nichts, nicht lächerlich, sondern zum Weinen tragisch. An späten Ehen geht ein ganzes großes Volk unter; jedes Land verdirbt dadurch, weil es entsittlicht wird, indem es lieblos gemacht wird. Denn wie ist das Leben der meisten Spätverheiratheten Männer! und wie muß es fast sein! Alle spät, das heißt immer zu spät verheiratheten Candidaten, Beamten u. s. w. müssen verdorben sein, ihre Weiber unglücklich, oder doch nicht glücklich, wozu sie das himmelschreiendste Recht haben! Die Ehe ist in so späten Jahren eine Spekulation; die Braut muß nur reich sein; dann muß sie passen, wohl oder übel; sie muß die Kosten ersetzen, die Schulden decken, als Wittwe leben können und die paar Waisen erziehen! Alte Männer wollen reiche Weiber. Ein liebender junger Mann ist mit einer jungen Frau allein zufrieden, ja wenn sie kein Bett mit brächte! kein Kleid auf dem Leibe hätte! Das ist die einzigrechte Zeit zum Heirathen! Das ist Glück! Das ist Ehe! Und nun wie voreilig, wie unvorbereitet: die Ehen unauflöslich machen zu wollen — denn geschehen wird es nicht, weil es nicht kann — welche Grausamkeit! Da habe ich gehört von einer Gesellschaft von Sanct Francis de Regis (nicht de Regibus), die in Belgien armen Leuten mit unehelichen Kindern die Verheirathung bezahle, damit ihre Kinder eheliche Kinder werden, ehrliche Kinder wie Schneekönigskinder im Märchen! Wieder die Pferde hinter den Wagen gespannt! Die Ehen müssen erst möglich gemacht werden; es müssen nur Leute einander heirathen, die ohne einander nicht leben können; sich lieber das Leben nehmen möchten, als einander entbehren; die so wohlerzogen sind, so duldend, beschieden und bescheiden, so durch Kinderliebe gefesselt, so einander ehrend, daß man sie zerhauen müßte, um sie auseinander zu reißen. Jammer, Schande, Elend, Verzweiflung unauflöslich machen, das heißt die Hölle unsterblich machen wollen, was wir nur dem sogenannten Teufel zutrauen. Welche Einzelne geben gute Paare? Das ist die Frage! Und wie können sie sich vereinigen? Das aber will Niemand fragen, aus Furcht der Arbeit mit Umwandlung so vieler Formen! Da habe ich mir die jungen Herren Offiziere so recht herzinnig beschaut, ihnen zugehört. Welche Vaterlandsliebende — also gewiß bis auf das Herzblut tapfere Männer! Wie gebildet, wie gelehrt in ihrem Fach, wie schönes junges deutsches armes Blut! Und wie sind sie mitten im Leben aus dem Leben verbannt! — Und die Herren Candidaten! solche junge Männer machen dem Lande, das sie hervorgebracht, Ehre. Und wann werden sie das gelobte — Pfarrhaus erblicken! — Und die Herren Referendäre, die mehr Gerechtigkeit im Herzen tragen, als in allen Büchern steht, wann werden sie ihre Bräute heimführen? frühverliebt alle, manche frühverlobt, tritt ein vergelbtes sehnsuchtverdorrtes Paar vor den Altar, woran junge Leute wie Adam und Eva gehören, die übrigens gar nicht getraut wurden, und doch ihre Kinder liebten. Denn ich wüßte kein ehrenrührigeres Gebot, als:
„Jüngling! du sollst eine Jungfrau lieben und zu dir nehmen zum Weibe!“
und:
Mutter! du sollst deine Kinder lieben!
Der alte Herr von Hase bejahte das alles immerfort! Unter diesen und andern Gesprächen waren wir nach Hause gekommen, und schieden mit dem: gute Nacht! Am andern Tage ließ meine rechtschaffene Mutter den armen Betjungen begraben; und ich beschloß, ihm, der Nachwelt zur Nachricht, was es heut zu Tage für untergegangengewähnte Träume in sogenannter Menschengestalt gegeben, ein Monument setzen zu lassen; verfaßte die Inschrift und bestellte es sogleich. Ich besuchte darauf auch den in einer Dachkammer meines Schlosses sitzenden armen Schelm, den Betmeister Nox (nicht etwa Knox) der seiner Ersäufung vergessen, wieder ganz wohlgemuth dasaß! Auf dem Gange zu ihm hatte ich Brigitten begegnet, die feuerroth vor mir geworden war. Ihn fand ich wie einen Zauberer, über dem Buche Tobias brüten. Er war ein weitläuftiger Verwandter von Heiligenhahns, darum schonte ich ihn; ja ich gab ihm Taschengeld und Speise und Trank. In den folgenden Tagen sah ich ihn Würmer suchen und angeln am See, wo er alle Arten Fische, auch in weidenen Reußen fing. Die Fische schenkte er weg, und ich bekam erst eine Ahndung davon, wozu er sie fing, als ich eines Abends zu meinem offenen Fenster herein große Lamentation aus dem Garten vernahm, daß die Sperlinge ihm seine, auf Horden zum Trocknen und Dorren ausgestellte Lebern verzehrt! „Er will den Engel des Herrn von Heiligenhahn spielen und den Eheteufel Asmodi verräuchern“, sprach nach unauslöschlichem Gelächter mein Pastor. Er ist aber doch nicht rechtgläubig — er schreibt einem gewissen Fisch, also atheistisch und glaubenlos der Natur höhere Kraft zu, als dem Engel selbst und der Begehung des Opfers, weil er von allen erlangbaren Fischen die Leber nimmt, um die rechte ja dabei zu erwischen! Da können ja aber die andern das Rezept verderben! Es ist zum Lachen und Weinen: aber auch zum Trost: Denn die Verwirrung zeigt aller Dinge Ende an, vom Thurm zu Babel bis zur Schlacht bei Belle alliance; ja die Verwirrung ist schon die Verwesung; wenn dagegen eines lebendigen Baumes nackte Wurzeln sogar nicht in der feuchten Erde verfaulen!
Eins aber will ich denn doch gestehen, mußte ich meinem Pastor sagen; wenn ich eine Jungfrau wäre, und mir Sieben liebe schöne junge Männer vor dem Brautbette weggestorben wären, was ja möglich ist, so würde ich doch kopfscheu und brautbettscheu werden, und einen Achten, der mich verlangte, aus Liebe zu ihm und zu mir doch erst wohlmeinend zu den sieben Gräbern führen!
Das möchten Sie als zaghaftes Mädchen thun, sprach der Pastor. Aber wäre ich auf gut Pythagoräisch mit meinem Pastoral-Verstande der achte Bräutigam, so würde ich eine solche betrübte Siebenmännerwittwe gar nicht nehmen, als nunmehr mit Herzen und Gedanken unerwerbbar, darauf ihre siebenfach erschütterte Liebe und siebenfacher Tod liegt; aber getrost jede Andre; obgleich vielen jungen Bräuten und jungen Frauen die Männer wegsterben. Daß aber Einem oft geschieht, was allen tausendmal geschieht, das ist kein Wunder, kein Fluch, kein Bann — nur eine Art Conglomerat oder Cumulat — eine Anhäufung. Die ganze, und ganz triftige Ursache, daß es jetzt so viel Gläubige giebt, ist die: daß die Menschen jetzt von allerhand Verzweiflung und Schmach getrieben, so viele und schwere fromme Wünsche haben! Da sie ihnen Niemand realisirt, so realisiren sie sich sie selbst; wie der Dichter sein Gedicht abfaßt, drucken, mit Bildern versehen läßt, und mit Selbstgenüge und Frohlocken als fromme Scarteken in Städten und Dörfern vom durchfahrenden Wagen verliert. Aus Kinderaugen schaut auch die Mutterliebe heraus; was schaut aus unseren, aus den Augen des Volkes?
Meine rechtschaffene Mutter mußte mich aber darauf zu meiner Beschämung erst erinnern, doch dem alten Herrn von Hase sein voriges Wohnzimmer wiederzugeben! Das arme Häschen hatte kein Hochzeitkleid zu Afanasias Trauung, und hatte endlich eins zusammengenäht und aufgefärbt, das meine Mutter mit Erbarmen gesehen. Nun hatte sie auch nichts, gar nichts zu einem Hochzeitgeschenk für sich oder den Vater, da sie alles daran verwandt, dem Vater Güte zu thun. Meine rechtschaffene Mutter ließ ihr alles für sie und den Vater neu und prächtig aus der Stadt kommen; hatte ihr 100 helle Dukaten in den Strickbeutel gesteckt und sie damit zu ihrem in der Stille verweinten Geburtstage beschenkt, an welchem der Vater sich seinen Trauring vom Finger gezogen — und sie gebeten, die Augen zuzumachen, die Finger auszuspreizen und ihr den weiten Ring — auf Zuwachs — indessen auf den Daumen gesteckt. Der Mutter Geschenk aber schien sie gebeugt zu haben; sie schämte sich vor mir, und wenn ich vorüber ging, blieb sie mit niedergeschlagenen Augen und angehaltenem Athem stehen. Wie ungern erscheint die Schönheit doch arm... oder die Liebe. Nur eine Bitte wagte sie nach mehren Tagen an mich: sie brachte eine neue verschriebene Jagdflinte und bat mich, dem Vater für dieselbe seine alte liebe Jagdflinte aus nun meinem Gewehrschranke zu geben! — Wie thut doch angethanes Unrecht die Seele auf, und die Augen! Aber um mich nicht zu verrathen, gab ich ihr zwar die alte Flinte, aber nahm die neue dafür. Wer enträthselt die Lust selbst in bessern Menschen, andern schönen und gar so guten Menschen hart, schneidend hart zu sein? Mir war ganz wohl auf die That! Was ging in mir vor, als ihr die Thränen in den Augen standen? Wie verdrossen war ich, als sie mit Freuden davon eilte! Ich sah sie darauf im Kahn mit dem Vater, der wilde Enten schoß, die sie ehrlich ablieferte. Und auch die Enten ließ ich alle liegen, ohne ihr Eine wiederzugeben. Aber sie dankte sehr für die Freude, die der Vater wieder gehabt! Dann sah ich sie wieder mit ihrem heraufgesteckten Schürzchen und ihrem Töpfchen Milch über den Hof kommen.
Natürlich war ich diese Tage oft drüben in Schloß Westfrei; aber ich bat um das bewußte kleine a umsonst, auch nur um ein großes K, ein kleines u und ein ss von Arminia! Ich beschwerte mich bei Brigitten; ich befragte sie auch über den Engel Tobiä. — „Sie sind recht grausam, Armin!“ antwortete sie finster-bös. Armin nannte sie mich? Spricht sie im Traum? redet sie aus dem vertrauten Gespräch mit der Freundin?
Am Hochzeittage kam Brigitte in völligem Staat mit dem Vater in neuen Kleidern, um sich bei meiner rechtschaffenen Mutter zu bedanken. Sie war so schön, daß sie meine Mutter — vorsichtig, um sie nicht zu verderben, als ihre Schöpfung, an’s Herz drückte. Sie besah sie dann mit Freuden und Lob. Nur irgend ein Ring fehlte am Finger. Die Mutter langte ihr Ringfutteral herbei und bot es mir dar, um daraus der guten Tochter einen Ring an den Finger zu stecken. Brigitte mußte es geschehen lassen und bebte innerlich dabei, daß ihr die Finger sich leise regten.
Wir fuhren dann alle in’s Brauthaus, wo wir den Engel Tobiä obendrauf und mit innerer Ueberhobenheit über uns alle, als faiseur des Tages und der Nacht, der Hochzeitnacht, umhergehend fanden. Er stand Niemandem Rede. Der Zug zu Wasser in den rosenbekränzten Kirchkähnen war schön, über dem Wasser, und drunten. Freude und Sicherheit schaute aus aller Augen. Nur, vor der Thür meiner Kirche hatte die Braut den Trauring verloren. Ein oft sich erneuernder Fall, der aber allemal nur eine unaufmerksame, also zerstreute oder versonnene Braut beweiset, welche Eigenschaften die Leute der Braut dann für ihre immerwährende Eigenschaften annehmen, und ihr Unglück prophezeihen, ohne Recht oder Unrecht zu haben, wie in allen Glaubenssachen mit und ohne Aber; sagte Doctor Schleyerlöser den Tag nachher zu meiner rechtschaffenen Mutter.
Zur Hochzeit waren billig alle Bekannten, oft oder selten gesehenen Freunde und Nachbarn, auch die in der That sehr wohlerzogenen, herzensguten und außerordentlich wirthschaftlich vom Vater gerühmten Töchter, Schwestern von Rizzi. Nur eine Amazone — das vormalige Non plus ultra der Schöpfung für Herrn Barnabas Habakuk Gallus von Stifter — war dem Hochzeitvater auf ihrem Rosse unwillkommen, die junge Gräfin N... und er äußerte seinen Abscheu heimlich gegen uns; worauf ihm Herr von Stifter, heute höflich Recht gebend, sagte: „Die Männer verderben die Weiber und machen sie zu ihren Puppen und englischen Bereiterinnen sogar, nur zu ihrem nie laut aussprechbaren Vergnügen. Und in der That, das Roß ist für Frauen oder gar Mädchen nicht geboren, eher noch eine Jumarte, oder geradezu der wahre leibhafte einfache geduldige Esel. Querreiten — wie widersinnig! nach vorn zu geritten, aber zur Seite gesessen und gesehen! Und, nach dem technischen Ausdrucke, „à la fourchette“ reiten, ist eigentlich gotteslästerlich; und nicht à la fourchette reiten, zeigt doch klar: warum sie nicht à la fourchette reiten! Kurz jedenfalls ist ein reitendes Frauenzimmer blamiert, ausgenommen die Schamlose, bei Schamlosen.“ — So sprach er laut, ja vor Zuhörern.
Ich kenne Sie an ihren Worten nicht wieder! entgegnete Herr von Heiligenhahn.
Das macht, versetzte der schlauverstellte Herr von Stifter: Ich habe vier mannbare, richtiger: weibbare Söhne, und da sehe ich schon ihre Bräute vor Augen, und sehe sie reiten! Sehe aber zum Glück auch meine Hetzpeitsche, Herr Nachbar! Man lernt verständige Leute erst verstehen — wenn man die Jugend mit ihrer Lust ablegt und Andere an seine Stelle rücken sieht. Ich denke aber auch, daß meine Söhne wohl, sehr wohl, hochwohlerzogen sind — weil ich sie mit allen meinen bittersüßen tiefen und weiten Erfahrungen, zum ehemaligen vergessenen Gegentheil von mir, erzogen habe. Ich darf wahrscheinlich — deswegen — um nur Vier von Ihren Töchtern anhalten, und gestatten Sie meinen Söhnen ihren bekannten Weg zu machen: ob ihre Töchter sie leiden und lieben?
Schlag ein, Alter! Greif zu, Vater! sprach Herr von Rizzi! Vier Töchter auf einmal los zu werden, los vom Herzen! Das sollte mir Einer bieten!
Freilich vom Herzen! da liegen sie alle darauf! bestätigte ihm der Hochzeitvater. Ich hörte und sah das, und mußte alle die drei guten Väter ehren und lieb gewinnen. Der Postmeister nahm mich unter den Arm und führte mich zu Tische „zu Ihrer Arminia“ sagte er mir, und zu ihr: „ich bringe Ihnen Ihren Armin!“ Und so saß ich zwischen Arminia und ihrer Freundin Brigitte. Die Betretenheit der Braut Afanasia löste sich in einen Freudenschrei, als ihr der Engel Tobiä in einem verdeckten Becher ihren gefundenen Trauring überreichte. Zu Nacht sollte sogar getanzt werden, wozu aber keine Veranstaltung getroffen war. Die Herren Offiziere und Andere mit ihnen bestürmten den Hochzeitvater. Aber er sagte zum Herrn von Rheingraf und zu mir: Wenn Sie nach meinem gehörten Worte dennoch tanzen wollen, so überlaß’ ich Ihnen den Sonntagssaal; denn der Musiksaal ist den Fremden zur Nacht eingerichtet. Aber — wenn Sie bedenken, und wenn die Mädchen wüßten, wie schädlich ihnen das Tanzen ist, blos schon als das Leiblich-sich-hingeben an junge Männer in solcher nahen Berührung; wenn sie wüßten, wie mancher sich blos satt mit- und an ihnen tanzt — wie unberührbar sie Jedem sein und bleiben müßten, der sie heirathen soll, sie würden nicht so zum Tanz und im Tanz rasen. Aber leider wollen und müssen sich viele Mädchen selbst auch mit und an andern jungen Männern in so naher Berührung einmal doch — satt tanzen! Aber auch dieses Geheimniß ist nun offenbar worden; und dies üble Verhältniß hieße, wenn es ein Buch gewesen, jetzt gewiß auch desgleichen mit Recht „das entdeckte Tanzthum“ oder „der Tanz der Zukunft.“ Von Liebenden aber sagt die Schrift Göthe’s:
Laß du uns wandeln, und laß du sie tanzen,
Wandeln der Liebe ist himmlischer Tanz!
Die Herren Candidaten stimmten ihm bei. Die Herren Referendäre blieben stumm; die Herren Postsecretaire aber vermittelten die Sache mit den Herren Offizieren dahin, daß doch Brautpolonaise und Menuett getanzt werde. Und das geschahe denn überraschend neu, nach der Orgel im Saal, wozu „der Engel“ die Bälge trat. Braut und Bräutigam erharrten so Mitternacht.
Vor ihnen aber entwich schon der Engel, gewiß in die Brautkammer... dem Bräutigam den Tod zu verbannen.
Denn nach einiger Zeit verbreitete sich im ganzen Schloß ein auffälliger unerhörter Geruch, (da ein ungerochner Geruch zu sagen nicht üblich ist, auch wir ihn alle riechen mußten!) Uns Eingeweihten war kein Zweifel, daß der Engel unfehlbar mit dem Räucherpulver betrogen worden sei! Es entstand nach und nach ein kaum mehr zu unterdrückendes Gelächter, blos über den uneinathmenbaren pestilenzialischen Geruch. Viele Damen bissen sich bald die Zunge weg, oder in die gestickten Taschentücher; selbst meine rechtschaffene Mutter beklagte sich vor Lachen über Stiche im Magen; allen stand das Wasser in den Augen, und glücklich der, der in einem Winkel, hinter einer Thür, einem Vorhang oder dem Rücken eines andern das Gelächter einmal ausschütten konnte. Dann hielten sie sich die Seiten und weinten noch. Und wenn der Tod darauf gestanden hätte, da war kein Verhehlen mehr! Die Hunde, die sich hereingeschlichen, wurden pro forma hinausgepfiffen, selbst das Reh ward hinaustransportirt: zum Schein wurden in Wahrheit alle Lampen revidirt; Fenster aufgemacht, Thüren zugeschlossen; von den Bedienten auf glühenden eleganten Schäufelchen mit Eau d’une million de fleures geräuchert — alles umsonst! nur erst recht zum Todtlachen — wir mußten scheiden. Es geschah grandement und mit Anstand. Doch geschah’ es. Einige Töchter waren roth, Brigitte außer sich. Der entschieden Heiterste und Gehaltenste von allen war Sangallo. Ich verdenke Ihnen nichts! sprach er; und wenn Dergleichen einmal durch einen Mephistopheles von Kometen auf Erden geschieht, so läuft die ganze Menschheit davon — und der große Hochzeitvater bleibt allein. Bedauern sie ihn — und vor der Hand mich. Auf Wiedersehen!
Der Postmeister bot uns eine Dose, und wünschte uns eine gute — Nase, am liebsten gar keine. Ich lachte noch im Bett, daß ich keinen Athem hatte. Der arme Bräutigam! die arme Braut!