Leopold Schefer
Die Osternacht

Die Osternacht.

Erste Abtheilung.


Sinnwort:

Erdennoth

Keine Noth!

Nur vom Herzen

Kommen Leiden,

Leben, Freuden,

Tod und Schmerzen.

1.

Wer machte denn die Thür auf, Johannes? — Johannes, hörst Du! schlafe nur nicht so fest. Es weht die Kinder kalt in ihren Bettchen an. Geh’, mache sie zu! ich fürchte mich. Sieh’, guckt es nicht dort mit funkelnden Augen herein? hat es nicht Hörner? —

Christel fuhr unter die Bettdecke. Du bist ein furchtsames Kind, sprach Johannes; und das kommt daher, daß Deine Mutter Dich zehn Jahre nach ihrem vorletzten Kinde getragen und sich vor den Leuten geschämt und nur im Dunkel ausgegangen. War sie denn nicht eine eheliche Frau, noch ein Weib in ihren besten Jahren? Nun hab’ ich mein Leiden mit Deiner Furcht, und auch der ganz kleine Junge alterirt sich schon, wenn man ihn nur mit einem Hasenfuß anrührt. — Geh’; Daniel, stehe Du auf und mache die Thür zu und sperre die Ziege ein.

Der kleine Daniel sprang mit bloßen Füßen aus dem Bett, um zu gehen.

Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis über die Kniee! Mutter, die Wiege ist schon zum Fenster geschwommen.

Du bist noch im Traume! Daniel, sprach die Mutter.

Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hörst Du? — Und nun rauschte er mit den Füßen darin.

Auch die Ziege kam gewatet. Die Mutter sprang aus dem Bett und eilte zum Kleinen in der Wiege. Der Vater sah zum Fenster hinaus.

Um des Himmels willen, was ist denn? fragte Christel. Hu, wie kalt ist das Wasser! —

Johannes antwortete nicht. Er hörte nur scharfes Läuten vom Kirchthurm, ein dumpfes Rauschen, ängstliche Stimmen im Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der Kinder und hohles gedämpftes Gebrüll des Viehes. Männer und Weiber und Kinder fuhren wie im Schattenspiel in der Nacht, selbst wie Schatten in Kähnen vor dem Hause vorüber, wo Abends noch trockene Straße war. Ein Mann führte seine Kühe watend nahe am Zaune des Gärtchens vor seinem Fenster hin. — Was ist das? fragte er ihn. Keine Antwort. Ein Anderer ritt auf dem Pferde, einen Knaben vor sich. Ist denn das der Rhein hier? fragte er diesen. — Das Wasser hier im Hause der Rhein! wiederholte Christel. —

Das Mal ist er es! antwortete Jener draußen vom Pferde, vorüber eilend; macht, daß Ihr fort kommt, Johannes! der Damm ist gebrochen! —

Das hier der Rhein? das Wasser hier! Hat davon jemals im Dorfe ein alter Mann erzählt? fragte Christel.

Das Mal ist das der Rhein! Wir stehen hier im Rhein in der Stube! sagte Johannes. — Horch, wieder die Sturmglocke vom Thurm! das klingt ängstlich! Nimm die Kinder, die Kinder, und fort, fort!

Laß Dich nicht übereilen, Johannes! sagte Christel gefaßt. Einen Augenblick überlegt, was wir thun, was wir nehmen und lassen. Der Augenblick kommt nicht wieder! Das hat Dir Gott eingegeben, den Kahn noch gestern im Hofe fertig zu machen, selber die Ruder hab’ ich hineingelegt. — Das Erste ist die Nürnberger Bibel von meinem Vater, dann die Kinder und die Sonntagskleider! Weißt Du noch Etwas?

Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Händen. Unser Haus war das Beste — und der Garten. Die Fische werden doch leben bleiben! So bleiben wir Fischer! —

Nun in Gottes Namen! ich bin angezogen; trieb Christel.

So nahm sie denn das Kind in seinem Bettchen aus der Wiege, der kleine Daniel rief seinen Staar vom Ofen: du Dieb! du Dieb! dann nahm er den Vogel, der Vater den Daniel auf einen Arm, auf den andern das Mädchen, sein Sophiechen, und so wateten sie zum Kahn, der schon flott war. Christel stieg ein und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nürnberger Bibel und die Federgebette und die Sonntagskleider aus der Lade, legte auch das hinein und fragte: haben wir sonst etwas Wichtiges vergessen? Daß ich nicht weiß! sagte Christel; ich habe Alles! Da sprang noch die Ziege in den Kahn, die Kuh war nicht mehr zu retten. Nun walte Gott! sprach Christel; und so fuhr denn Johannes sachte und vorsichtig über die niedrige, schon überschwemmte Mauer des Gehöftes mit dem Kahn voll seiner besten Habe hinüber nach den Bergen, über welchen ruhig, sicher und fern der Komet mit langem, weißem Schweife stand, der wie ein langes hinaufgestrecktes Schneckenhorn des Berges zum Himmel reichte und geisterhaft und doch gütig und freundlich den Menschen leuchtete.

Du hast gut da im Trocknen scheinen und steuern! sagte Johannes. Du bist an Allem schuld!

Spotte nicht! verwies ihm Christel; es ist ein Bote des Herrn mit seinem Stabe.

Es ward plötzlich still auf den verworrenen Lärm im Dorfe. Das Schreckliche war geschehen. Die sich retten konnten, waren gerettet und waren nun still, auch wo sie flohen; und die sich nicht gerettet; waren auch still; nur manchmal erscholl noch Hundegebell, oder Geschrei der Hähne, die den Morgen anriefen, oder Geläut aus benachbarten Dörfern, auch wohl ferner Schüsse Hall das Thal hinab und hinauf, und ein lauer Thauwind fiel in zuckenden Stößen vom Himmel.

So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, über Gärten und Wiesen, die zum See geworden. Nur zuweilen kam es ihnen vor, als hörten sie rufen: „Johannes!“ und dann wieder schwächer: „Johannes!“ aber es fiel ihnen nicht ein, daß sie ihre Dorothee vergessen, die auf dem Boden geschlafen. Sie waren froh, daß ein Kahn sie einholte. „Guten Morgen!“ grüßte es beklommen herüber. „Guten Morgen!“ dankten sie wehmüthig hinüber, und schweigend gelangten sie ans Ufer.

2.

Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und hielt es ihr aus dem Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen sei zuerst ans Ufer gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn? rief sie noch einmal. Sie sahe sich um, sie überblickte den Kahn, da war keine Dorothee, und vor Schrecken hätte sie bald das Kind von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen lassen. Sie setzte sich aber und beugte sich über das Kind. —

Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob wir Etwas vergessen.

Etwas ist kein Mensch, erwiederte sie.

Du sagtest, ich habe Alles! sprach er. —

Ach, ich habe Alles, das sagt’ ich, weil ich meine Kinder hatte! den Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr’ um! Soll sie so mißlich umkommen? Wie viel Häuser sind schon eingestürzt. Johannes kehre um. „Johannes!“ rief sie, „Johannes!“ jetzt weiß ich, wer rief, und wen sie meinte — Dich, mein Johannes! —

Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So stiegen sie aus und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert; Daniel las Holz zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nächsten Unglücksgenossen, und während dessen erschien der Purpurstreif der Morgenröthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es noch im Dorfe vom Thurme. — Wer muß das sein? sagte der junge Prediger, der herzugetreten, denn dort steht der alte Küster mit allen den Seinigen. Die Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nächst Gott, am meisten verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im geöffneten Kirchthurmfenster? — Es ist ein Mann! sagte Johannes, und keiner aus dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er wieder läuten, horch!

Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger.

Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang selber zu läuten. Er ließ sich’s nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd.

Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle dort tief.

Das war wohl ein Schreckliches!

Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße Gestalt saß neben der Leiter.

Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.

Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt, denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht gethan! —

Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm? Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.

Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine Lage. — So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke! erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über und über roth. Sie wähnte sich vernachlässigt, als eine arme vater- und mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes zuerst den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen und kehrte sich ab. — Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.

Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen.

Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun seid Ihr so arm als ich!

Ist das Dir ein Trost! erwiederte Christel.

Nun werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei ihm, wie oft hab’ ich geweint!

Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten Dich! wir lieben Dich und sind nun arm.

Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl.

Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit Verwunderung betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt’ er. Schöne Mädchen müssen nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger. Dorothee wollte ihn böse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem freundlichen Blick getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er lächelte.

Mir ist nicht wohl, sagte er, daß ich jetzt arm bin. Ich kann nicht einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken!

Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie er spricht. Oder nicht?

Freilich! sagte Johannes.

So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an die Kinder, schrieb sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drückte ihm die Hand, versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock aus dem Haselgesträuch, ließ sich den Weg nach Groß-Breitenthal weisen und wanderte in die Berge.

Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf den Wellen — und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine Strömung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! — Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück für die Kinder.

3.

Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach Mittag seine Christel, die darin las; welches Winzerhäuschen in den Weinbergen ist denn noch leer? oder wohin sollen wir wandern? und was sollen wir anfangen?

Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser fest, und eine Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an. Siehst Du nicht, fragte sie ihn, was darin steht? wenn Du auch die Schrift nicht lesen kannst: so kannst Du doch in meinem Gesicht lesen, was darin steht: Zufriedenheit und Vertrauen!

Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können wir sie den Kindern geben als Brot?

Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel. Dir muß man das anders sagen. Siehst Du, — zu deinem armen Vater Frommholz können wir einmal nicht, da fern auch über den angeschwollenen Main, aber unter dem Lesen ist mir nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus in guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen hat. Er war ein schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn geleckt, wenn ihm ein „Herr von“ die Hand gedrückt und sein erspartes Geld in eigner hoher Tasche nach Hause getragen. Doch das Geld hab’ ich ihm mit dem Voigt selber hinauf nach Breitenthal getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den unser Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich mir hundert Mal abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich brach in seinen Armen vor Scham und Schande und Jammer, und wer weiß vor was allem in Thränen aus und war gar nicht zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben, verdorben, entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte Herr sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung. Und die 1000 Gulden gehören von Gott und Recht laut Testament nun mir. Darum wollen wir hinauf; denn unser Haus, das siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir es neu auf.

Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen entrichtet und behauptet, er hätt’ es dem Vater schon wieder bezahlt! lächelte Johannes.

Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan — als wir noch Etwas hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, nun wird er es nicht leugnen, nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß! nun wir verarmt sind.

Du hast einen guten Glauben! meine Christel, sagte Johannes fast unmuthig.

Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf dem Schooß in die Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage Du mir, Sophiechen, werden wir das Geld bekommen? Nein? oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag’! werden wir das Geld bekommen?

Ja! sagte Sophiechen, mit der Post! —

Da hörst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat es gesagt.

Du hättest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage ja! — Ist denn das Kind eine kluge Frau? oder bist Du eine kluge Frau? Du wirst schon abergläubisch; das macht das Unglück! meine gute Christel.

Du wirst sehen, Johannes! was die unschuldigen Kinder sagen, ist wahr.

Wenigstens unschuldig. Was wollen wir Anderes machen als hoffen. Im Dorfe kann uns Niemand helfen, Jeder braucht selber Hülfe. Es ist nicht zu weit hinauf, darum wollen wir noch vor Abend hinüber! hier haben wir uns satt gesehen an der lieben Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein Häuschen, oder ein Stübchen haben der Borromäus. Es sind auch Wagen von Breitenthal da; Alles ist ausgetheilt, und sie fahren nun leer zurück, die nehmen die Kinder mit, und wir gehen.

Das war bald geordnet, und so zogen sie in die Berge hinauf durch den Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurück und weinte dann, wenn er die Kinder auf dem Wagen fröhlich darüber sah, daß sie fuhren, und Daniel, daß er das Ende der Zügel halten durfte.

An der Waldkapelle mit dem Marienbilde aber war Christel heimlich zurück geblieben, hingekniet und dankte für die glückliche Rettung und betete für die Zukunft. Johannes hatte es gesehen, schlich hinzu und zog sie hinweg.

Ist das unsre Heilige! fragte er sie strafend.

— Auch unsre! sprach Christel gelassen. Sie stellt die Mutter des Heilandes vor, der doch unser Heiland ist, und sie bleibt ja auch seine Mutter. Ich bin auch eine Mutter, darum lasse mich nur! Mir war das Herz zu weich, und das Auge zu voll, ich dachte nur an den himmlischen Vater, das kann ich Dir sagen — und das Herz ist mir ganz leicht geworden, das kannst Du mir glauben.

Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er führte sie fort, und nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebüsch einen Jäger stehen, der dem Wagen nachsah.

Waren das Eure Kinder? fragte er sie, als sie ihm nahe gekommen.

Sie sind noch unser! Gott sei Dank! antwortete Johannes.

Ihr seid also mit verunglückt, sagte der Jäger mit halbem Frageton! und mit stillen Blicken auf dem hübschen jungen Weibe, den braunen Augen, den rothen Wangen, den vollen Armen ruhend, und dann in sich lächelnd, fragte er Johannes: Wo gedenkt Ihr denn hin? —

Christel entdeckte ihm nun ihr Vorhaben, sogar von wem sie Geld zu erwarten hätten.

Da kann ich Euch rathen! sagte der Jäger; ich heiße Niklas und bin in Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde weiß ich nun freilich nichts; aber daß der alte Herr Schulden hat, viele, was man sagt: Gläubiger, die an ihn geglaubt haben, das singen die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das eine und dasselbe Präludium des Schulmeisters Wecker, das sie alle Sonntage auf der Orgel hören. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehört, daß er zu seinem Herrn Sohne, dem gnädigen Gottlieb — denn so heißt er — und das ist er auch wirklich, einst sagte: Mein Sohn, lerne von mir! Ich spiele das chinesische Sackspiel, wo zehn, ja zwanzig mit Sand gefüllte Säcke im Zimmer von der Decke hängen, und der Spieler stellt sich mitten in die Säcke, setzt sie in Bewegung, daß sie alle gehen, wie geläutete Glocken: bim baum, bim baum! und nun besteht die ganze Kunst darin: jeden Sack, der ihn stoßen will, selber zuerst fortzustoßen, und weder von den groben Säcken allen zur Seite noch von vorn und von hinten tüchtig getroffen zu werden! Freilich bricht mir der Angstschweiß aus, von der unaufhörlichen Arbeit mit meinen sackgroben Gläubigern! aber ich stehe doch noch fest, wenn auch mit tüchtigen blauen Flecken, woher ich sie gar nicht vermuthet. — Doch ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kümmert nur das Proxeneticum! — so sagt’ er und lachte. — Aber laßt das nur gut sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare Brennerei angelegt, da das Getreide gar nicht gilt, und wenn er an den vielen Stückfässern sich nicht die Seligkeit an den Hals trinkt, weswegen er in seinem ewigen Taumel schon bei lebendigem Leibe nur der selige Herr im Dorfe heißt — und eine rothe Nase hat er sich auch schon bloß angekostet, und statt der Gradewage braucht er nur die Zunge, so ein Kenner ist er — wenn er noch lange der selige Herr bleibt: so hat er, wie er sagt, in wenigen Jahren alle seine Gläubiger sich vom Halse gebrannt und wegdestillirt! Darum habt nicht gerade die größte Sorge, aber desto größere Geduld. —

Wenn er das Sackspiel so gut spielt, meinte Johannes —

— so wird er Euch auch für einen ansehen, glaubt Ihr? Gedanken sind zollfrei. Aber dafür ist der gnädige Gottlieb; das ist ein prachtvoller Mann! dabei blickte er wieder auf Christel — und daß er eine Frau hat, das schadet nichts.

Das sollte ihm schaden? fragte Johannes.

Nun wie ich das meine! versetzt’ er. Die Frau ist so schön und brav, daß sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht, eben wenn ich bedenke, daß sie gar so brav ist! Da kommt es auf Eins hinaus. —

Diese Aeußerung des rohen Niklas bewog Christel, den Jäger das erste Mal freundlich anzusehen. —

Nun kommt nur, kommt! ermuntert’ er sie. Bei uns ist kein Raum, auch im Dorfe wüßt’ ich eben keinen. Aber ich getraue mich bei dem gnädigen Gottlieb es zu verantworten, wenn ich Euch in ein leeres Häuschen weise. Bewohnt ist es nie gewesen, aber es ist zu bewohnen. Denn in dem einen Stübchen ist auch ein Ofen, daß wir es aushalten konnten, wenn wir früh an kalten Wintermorgen auf die Vögel lauerten, und daß die Locken für den Heerd des Nachts nicht erfroren. Es fließt ein muntrer Bach dabei vorüber in den Main hinab. Aber jetzt kommt Niemand hin; die Vögel haben einen andern Strich genommen, das junge Holz ist zu hoch geworden, und auch der gnädige Gottlieb ist groß und hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drüben stehen noch die Krakelstangen für die Vögel, wo sonst in der Mitte der Heerd war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gäbe bald ein hübsches Gärtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der Miethe thut Ihr ein paar Erntedienste mit der Hand, und ein paar Jagddienste mit den Füßen.

Ist das ein Vogelheerd, Vater? fragte Daniel; Vater, da wollen wir hin!

Der Jäger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm zu dem Heerde vom Wege ab.

4.

Das Häuschen war nett. Christel öffnete die Thür, stieß die Fensterladen auf, musterte es und sahe, was daraus zu machen sei, und wie Alles eingerichtet werden müsse. Daniel brachte einiges bestaubte Werkzeug hervor, eine Axt, ein Schnittmesser und Stricke und Breter. Johannes stand mit gefalteten Händen noch draußen und hatte den Kopf gesenkt. Christel küßte ihn, lachte und sagte: Vater, mache einen Tisch; und Du, Dorothee, was sitzest Du auf der Schwelle und getraust Dich nicht hinein, oder schämst Du dich! rühre dich, Mädchen, und hole Wasser aus dem Bach, daß Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste! Worin man beinahe das halbe Leben zubringt, das muß bequem und weich und immer gut gemacht sein.

Auch die Ziege bekam ihr Cabinet. Der Staar hatte wieder seinen Sitz auf dem Ofen erwählt. Der ausgetheilte Wein und das Brot langten noch morgen. Und als die Kinder, zeitig zu Bett gegangen, schliefen, als das Feuer auf dem Kamin loderte und in das Stübchen leuchtete, kniete Christel vor Johannes hin, stützte sich auf seine Kniee und sah ihm in die Augen. Bist Du mir gut? fragte sie ihn. — Du armer Schelm! sagte er und hielt die Hand auf ihrem Kopfe. Nun bin ich wieder froh, ich habe Alles! sagte sie fast weichmüthig. Sieh’ nur, wie herrlich die Kinder schlafen! und hast Du gehört, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer. Nur Daniel weinte still und kehrte sich von mir, als er betete: „unser täglich Brot gieb uns heut’.“ Der fängt schon an zu verstehen, wie den Aeltern um’s Herz ist! Morgen haben sie Alles vergessen! Und wenn die Kinder dann fröhlich sind, was fehlt uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier überall; in den Weinbergen ist Plage vom Frühling bis Herbst, und die Ernte will auch geschnitten sein, und der Acker wieder bestellt. Das hört nicht auf, das heilige Jahr! und die Jahre hören nicht auf! Das geht so fort wie eine Mühle. Und muß denn die Mühle unser sein? Den meisten Menschen gehört sie ja nicht, sie gehört nur Einem, der Alle aufschütten läßt, was sie eben bringen. In der Welt nährt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und Andern arbeiten, ist ja auch eigene Arbeit und bringt uns eigenes Brot. Nicht wahr, mein Johannes?

Johannes antwortete nicht, sondern hatte die Augen geschlossen, und so ruhte sie ein Weilchen mit dem Gesicht auf seinem Schooß. Und — fuhr sie dann lächelnd fort — wenn das Wasser verlaufen ist, gehen wir hinab und sehen, was uns noch etwa geblieben, und was für Fische auf unsern Bäumen hängen!

Du willst mich munter reden, Du armer Schelm, sagte Johannes; aber es ist Dir selber nicht recht um das Herz, sonst würdest Du mich nicht trösten. Das hast Du nicht gewußt. Nun geh’ nur auch zu Bett! sieh’, Dorothee hat sich schon fortgeschlichen. Die Zeit wird ihr lang bei uns, und nun erst recht lang werden.

Sie weiß, was sich schickt, lächelte Christel. Wir sind ja Eheleute! —

Versteh’ ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes. — Und Du mein lieber Schelm, flüsterte Christel. — Jugend ist doch Goldes werth! meinte Johannes; wer im Alter arm ist, der ist wirklich arm! Lege an, Christel! — Der Kien ist alle; meinte sie lächelnd. — Du bist mein gutes Weib, sagte er; denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich Dich lieb habe von Herzen.

Wie ich Dich! sagte Christel.

5.

Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das Dorf. Dorothee blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem Herzen; aber ihr eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen durch das Mitleid mit vielen, vielen Menschen! Sie hörten schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und Geläut von Begräbnissen, die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß ihre Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd’ und Sand verschwemmt waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie bedauerten kaum, daß ihr Häuschen eingestürzt und der Boden ausgewühlt war, denn sie lebten, und ihre Kinder lebten alle! und drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach dem Andern ein, um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die Menge der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich still durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann hörten sie die Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel getraute sich kaum, ein Kind anzusehen, das seine Mutter verloren; und sie bejammerte nur still im Geiste den Schmerz ihrer Kinder um sie; — oder eine Mutter anzusehen, die ein Kind verloren, oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte ihrem Johannes zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern, wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott zu danken, so bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und so war sie doppelt reich und beglückt.

Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie noch zuvor auf der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las ein Körbchen voll allerhand Kleinigkeiten zusammen, die noch zu brauchen waren. Ihre Katze stellte sich ein, die Christel mitnahm, und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges Schweinchen auf, das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei in den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob und ihr Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden. So gingen sie gestärkt durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier nichts mehr zu suchen sei, daß sie nicht das Beste verloren hätten.

Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt, die Haare geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines weißes Bündel, das Dorothee nun unter den Arm nahm, welche sie nur schien noch erwartet zu haben.

Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel betreten.

Ich bin Euch jetzt zur Last, antwortete Dorothee; und ich will sie Euch erleichtern.

Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das glaube gewiß! Was Viele mit Geduld und Lust ertragen, das ist kaum ein Unglück, so schwer es zu sein scheint, und so schwer es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich mich nun ausreden, wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja! sagtest, oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und wie werd’ ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen, schweigenden Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes von der Arbeit kommt? Du meinst es nicht gut mit uns, nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee! sagte sie halb bittend.

Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand reichen, ja sie küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu lassen.

Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes. Muß es denn sein? — Uns gehst Du nichts an, wenn wir Dich nichts angehen, Dorothee!

Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte: daß Niklas hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer brauche, und so wolle sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse.

Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem Lächeln und meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär’ heut zu Tage was werth! und kein verwünschtes! Ich weiß des Niklas Worte noch wohl. Ich seh’ nicht so dumm aus, als ich bin!

Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man muß keinem Mädchen und keiner Frau Furcht machen vor einem Manne! das ist der verkehrte Weg, kann ich Dir sagen; in der Furcht regt sich das Böse und wächst wie die stachlige Wassernuß im Teiche. — Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie hat kein schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie wollen. Darauf kenn’ ich sie.

Wird ihr das helfen? fragte Johannes.

Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet.

— Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel wieder das Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst in guten Tagen; jetzt hat sie noch schlechte Tage dazu und kann eher bei uns nun das Essen verlernen, als Nähen lernen. Beim Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug gehabt, Alles bequem, ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater, der sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ich in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will vielleicht ihr eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und wir jetzt scheinen ihrer zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch vielleicht auf ein so schönes Glück als ihr Gesicht, wie irgend sonst ein Mädchen. Denn nicht die Reichen werden immer die Glücklichsten! selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles braucht ein Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt.

Aber zu dienen hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes. Im eignen Hause die Tochter auferzogen, und aus der Mutter Hand dem Manne anvertraut, das ist das Beste. — Ich habe keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee und sahe Johannes dabei an.

Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte Christel. Niemand dient ja um das liebe Brot und die Schuh’ und die Kleider! Sondern ein Mädchen sieht in fremden Häusern besser als in dem eignen, und mehr und anderes, wie die Wirthschaft geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und kleinen Geschäfte einer Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug ihr Kinderzeug einst nähen, was zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder Kuchen zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden Willen folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die sie gern äße, nicht so zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte — früh aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen wird, und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen gemacht, und es entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen, hören, sie lernt lernen, selbst Unrecht erdulden und sich auch für Böses bedanken; kurz sie lernt eine Frau, eine Mutter werden.

Das kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht arm, und werde bei diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich; aber eh ich mein Kind von fremden Leuten — denn die eignen schämen sich — nur scheel ansehen, geschweige — — lieber noch schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber soll sie ihren Vater nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine Schwester Martha Deinen Vater. Von Grund’ aus muß man reden! Das Drüberhin ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält.

Christel wendete sich ab und weinte!

Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie: hast Du mich lieb? wie lieb denn? meine kleine Tochter! Und das Kind schlang die Händchen um seinen Hals und drückte ihn, daß es zitterte und keinen Athem hatte. — Der Vater weinte.

Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl! ich gehe. Ich danke Euch für Alles, auch für das!

Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee! sieh’, hier schlag’ ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir laut und ohne Beben mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß sollst Du mir ihn immer lesen, wenn Du wieder zu uns kommst. Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch leben?

Dorothee war weich; aber sie las ohne Beben mit der Stimme und laut den Vers:

„Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!“

Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie gehangen, und ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm.

6.

Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten wurden gemacht, denn das Landesväterchen, oder der Ländchenvater sollte durch Breitenthal kommen und auf dem Schlosse übernachten. Niklas nämlich kam und nannte ihn so, weil ein Wolkenschatten sein Land schon überdecken konnte, und ladete Johannes ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld zusammen zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die Gläubiger. Das Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt den Juden, so viel Procent sie begehren; denn Alles soll kostbar sein, und das Bett ist auch ein Prachtstück, so daß dem Prinzen schaudern wird, sich hinein zu legen! Da sind goldne Fransen von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel, kurz Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im Stande ist. Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft, da sagt er: mit nichts Ernsthaftem kann man einem Großen das Herz rühren; die Thränen lieben sie nicht, lachen müssen sie! Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der hat einen Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb hin und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde sich ausgedacht, die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr und sich selbst präsentiren soll, wie noch keine andre Garde in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen niedergeschlagen bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht neben einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste vom Stamm geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe Stiefeln gesteckt, ihnen Hosen und Westen und Röcke angezogen, Masken vor, und Halsbinden umgebunden, und große Chakos aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und losbrennbare Flinten in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber wird eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus und exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen. Auch der Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus, wie ein separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche Flügelmann. Die rothbäckigen Masken dazu liegen schon im Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand, Pappen, Alles ist da, und der Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern Abend, in zwei Etagen sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen Christophe ausmeubliren und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir einen wandernden Schuhmachergesellen, den Ronneburger, aufgegabelt, der die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll, welcher, wenn die Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht, auf den Straßen wandert wie von sich selbst, einen Sporn am Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt, und die Gläser oben zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer bessern Welt! Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er Eins trinkt mit dem seligen Herrn, singt er auf den Helden und Schutz-Patron aller Herrnschuh-Macher und Flicker, den braven Hans von Sagan, den Ehrenvers:

Unserm Hans von Sagan zu Ehren

Laßt die klingende Musicam hören!

Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron vom Ronneburger erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten wollt; wie der Hans von Sagan, ein Schuhmachergesell, in Königsberg, das belagert war, in der höchsten Noth einen Ausfall gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm das Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne unter klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht führen die Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig im Schilde. — Und auch eine neue Chaussee wird gemacht, ein gerader Weg durch Dick und Dünn, auf jeder Seite ein Graben gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg geworfen. Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt’ Ihr mit an der Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister Wecker die Inschriften macht, und der Gärtner die großen Buchstaben darauf aus Blumen. Der Daniel kann schon Kränze winden, und wenn Eure Christel nähen will, so kann sie mit helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da draußen machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen und trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal auf und tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen Frühstückchen aus.

Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was Hände und Beine hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch Arbeit aus, ich habe nicht Zeit dazu — Gott sei Dank!

So ging er. —

Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte Christel fröhlich, als Niklas fort war.

Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt. Ist das Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld nicht mit Sünden? Und dazu lassen vernünftige Menschen sich brauchen und singen und jubeln dabei wie die Schneidergesellen und der Hans von Sagan! Dazu müssen die Pferde sich fast um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als retteten sie Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe, der Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige steht, und immer streicht „G. D.! — D. G.! — G. D.!“ denn so viel hab’ ich davon gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf, dem er seine Perücke aufgesetzt, während die jungen Burschen um die Säule toben, daß man sein G. D.! — D. G.! kaum hört. Ei, so wollt’ ich die Baßgeige! Manchmal ward er aber auch selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein, daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun gar keine Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme Mann, und die hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die Bürschlein, die mit den Mädchen darum tanzen, ja selber der Branntwein ist nobler, als wer ihn trinkt, und ist es der selige Herr von Borromäus! — Ich lerne die Welt ganz anders ansehen, viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur sagen, Christel! Aber das seh’ ich auch, wenn sie denn gar so thöricht ist und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die Puppen: so kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein Hasenfuß, eher wir, und am liebsten — ich. Den Pathen mit der Baßgeige vergess’ ich in meinem Leben nicht, und nun soll ich gar gehen: pappene Stiefel machen! Näh’ Du, was Du willst, Christel, wenn Dich’s nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten, Jahre lang — ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! —

Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit wird ja die Freude! Im Weinberg — was wird denn aus den mühselig bestellten Reben? Nicht wahr Trauben! süße Trauben; und was wird aus den mühsam gelesenen, mühsam gekelterten Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! — Da hast Du’s! Nun schweig’ und besinne Dich. Denk’ an die Kinder, wenn Du am Wege schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns, flugs wird der Sand Dir von Golde sein! Die Großen verthun ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie wollen, wenn sie es nur verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet, sie können es nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und wir Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem Pfriem, mit der Nadel, mit Säge und Hammer — was Jedem Gott in die Hände gegeben hat. Marsch, mache, daß Du zur Arbeit kommst! Willst Du fort! lachte sie und ergriff im Scherz die frischgemachte Kinderruthe.

7.

Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben häuslichen Frau langte er glücklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mußte Christel mit helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister Wecker hatte die Aufsicht. Als er aber sein Werk so prangen sah, war er überglücklich, und wie ein junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will berühmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzücken: so sah er auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr und war ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten Seite, das SALU — — — gesehen. Richtig! sagt’ er, das wollt’ ich nur wissen! nun könnt’ Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu Hause nachsehen, mein Fritz schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert — der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister für die bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige Herr bei erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges Schuldeputatholz an den Kopf, daß meine armen Herren Jungen im Winter — als wo sie bloß in die Schule gehen — nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im Stocke. Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen! und von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände zu wärmen, aus Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector.

Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes.

Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Händen und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen großen wohlriechenden Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein Mädchen hatte ein E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R, und sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen, ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher. Wollt’ Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb kommt dort geritten! — So blieben denn plötzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lücken, wie es eben kam, und schlichen sich fort.

Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten, und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche in Galla, mit aufgesetzten Büchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor Christel, die vor ihm auf dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und sie ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den Händen, und andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gnädige Frau, kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee aber grüßte kaum ihre Christel, ja es schien sie zu verdrießen, daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie es gehe?

Laß sie nur heut’, sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest.

Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei, standen und gingen dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze en parade zu sehen.

Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem Wasser gezogen. Der Wirbel der großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht, war bis ins Dorf zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem Ländchenvater glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der Pyramide.

Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie er angewiesen, die Buchstaben zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren zum Glück dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich, daß aus dem höflichen „SALUTEM“ ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes „SALUTATE“ geworden, und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert mit den Kinderfüßen, und das zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun rührend anschimmerte: „EX NOTH.“ — Das letzte O aus dem „Bono,“ das nun abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das verwirrte „G Breitenthal“ gemischt, so viel davon noch übrig gewesen, und so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit römischen Buchstaben ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die Summe von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an. —

Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterließ am andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen in die offenen Hände seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts:

Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales Memorial gelesen. Resolution: „Abgeschlagen.“

Gründe:

Tausend, außer diesem!

Ich kenne keine bessern Zeiten, als die schlechten. Was kein ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus und die Unzahl eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie setzen das Volk in den wahren menschlichen, so genannten vorigen Stand zurück und, gebe Gott, wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem, alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen — Wer hat in den verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig weniger gegeben als die Reichen? Wer mehr gegeben als die Armen? Vom Thun wollen Wir gar nicht reden! — Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf — sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus — versteht sich Alles nicht in den Topf — und dann die Hände gerührt! So soll es sein, und so muß es werden, so wird es, o Gott, durch die himmlischen — schlechten Zeiten. Ich bin außer mir, vor wahrer menschlicher Freude. „Honni soit qui mal y pense!“ Sind die schlechten Zeiten nicht die besten? — Resolution: Ja! — Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich laut Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt, mit großen Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den Meinigen, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch ausgeführt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung verdient, nämlich nach unserm System: Nichts, und daß ich Sie ganz fallen lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu wohnen, wenn Sie nur ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und die Hände rühren — und weiter nichts (scilicet haben)! Das wünsche Ich und flehe Ich vom Himmel tagtäglich jedem Reichen nur! jedem Armen auch! So hebt sich der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus — Armen-Liebe. Jetzt: Armen-Liebe, aber dann: Menschen-Liebe. Das sind die glücklichen Männer, die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die Hausfrau ist und alle Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller, Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen, nachsehen, ob etwas — und tadeln, wie etwas gemacht ist, das heißt bei Gott nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich, wie ein braves Weib ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß macht, die Unsitte und das Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt träumen die Menschen alles Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe, kurz geradezu Alles — nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen — nur nicht das Menschliche! Wann wird doch die Phantasie einmal das Volk anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird er machen, sprechen die Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nämlich von dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der Schlüssel zu mir. Ihm folg’ ich, und ihn befolg’ ich. Das zu Ihnen gesagt.

P. S.

Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden — meine Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore doch nichts. Diese Revue hat mir meine erspart! Man kann nicht Soldaten machen, nicht ansäen wie Fichten und einhegen — das haben Sie Mir gezeigt, und verdienen eine Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann fortlaufen, übergehen, sich schlecht schlagen — aber hab’ ich die Meinung für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben will: so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten, und meine Leute lassen sich geradezu todtschlagen für mich. Was will ich mehr? sagen Sie selbst, von Borromäus! Ich danke also nochmals von ganzem Herzen, Sie haben meinem Ländchen Millionen erspart und tausend Hände und Beine geschenkt, ditto viel Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister, Westen, Mäntel — die Knöpfe nicht zu vergessen!

An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es sagt es Ihnen gern

Ihr

in Affect gerathener
Hannes
Manu propria.

Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er vor dem Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis führen sollte, daß er nicht lesen und nicht schreiben könne! Der außerordentlich gewandte Mann wußte in diesem Fall selber einmal nicht, wie er ihm das Lesen und Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und Buch und Feder und Hand das nicht zu beweisen vermöge. Seine Praxis war hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man jeden Unschuldigen schuldig finden konnte — ad Collubitum. Aus Desperation ward also der Schulmeister Wecker suspendirt „wegen ermangelnder Absicht“; wie statt Obsicht im Urtheil stand.

Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur — Strafe — kein Lohn für alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste für ihn, seine Christel und die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd.

8.

Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt’ er, Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, daß Du mich geheirathet hast, daß Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst, Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke, die da zu stecken sind; da geh’ ich nun hin und muß Dich die ganze Woche über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann ich mir denken, wie es daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! —

Wein’ ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren großen braunen Augen an, die sich regten und feucht glänzten.

Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt’ er.

Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir leid, daß Du mich geheirathet hast.

Sie weinte nun wirklich sanft.

Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.

Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig.

Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich schäme mich sonst so im Staate.

Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir könnten nicht unglücklicher werden — das sage nicht! Da hätte der Himmel noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben!

So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas.

Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt’ er sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die Hand hin, die sie ihm küssen würde — er würd’ es verweigern. — Sie sollte in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb ihre — seine — niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt’ er ihre Hand fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd’ ich sein, an seiner Stelle! — Dann wollt’ er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen: Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert! Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen im Schooß. — Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren schlanken Leib — sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal — dann fühlte er leise einen nur angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger — dann sog er an ihren Lippen — dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? — Aber sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie werden sich ja nicht zu mir herablassen. — Du bist ein Närrchen! sagt’ er. Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich nicht? — Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! — Und Du einen grämlichen, einfältigen Mann! — Und nun schämte sich Christel, fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe, wie er gesagt hat. —

Oder:

War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er kam, nur an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah’ sie ihm nach — bat sie ihn wieder zu kommen — sah er sich genöthigt, die Schule mit ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten, aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe hier auf dem Heerde immer mit denselben Disteln hundert schöne Stieglitze nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden.

Er lächelte nur — auch über das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe, fühlte seinen getreuen Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch.

So öffnet’ er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib — Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl; ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief ihn an: „Du Dieb! Du Dieb!“ Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte, trat er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz übersehen. Das Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und fiel über ein irdenes Näpfchen mit Milch für die Kinder her. Der Staar flog auf den Rücken des Windspiels und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus der Kammer herein, die Gelte in der Hand.

Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es erst und schalt dann Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben, während sie gemolken, und das Alles, als wenn der gnädige Herr gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? — denn zu holen ist bei uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lächelnd.

Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gespräch, und so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmälig und langsam, oft inne haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. — Aber da brach Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham, und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor, mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und zuletzt auf das Brot legte.

Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm’ ich nicht wieder! versetzt’ er im Gehen mit Drohen und Lächeln.

Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drückte und küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein Johannes könnte wieder nicht zu Hause sein — Sie sind verrufen, und wenn mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nähm’ ich mir gleich das Leben! Dabei drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden solle.

Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht für ihn, daß er ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus stillem Gram über ihn. Es ward ihm schwül unter dem Dache, er sah von Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn es war Sonnabend, und so legt’ er den Finger auf den Mund und ging ohn’ ein Wort, und der Hund boll um ihn her.

Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen trocknete und ihn wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige, unergründliche Heiterkeit aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote, glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der gnädige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen — Almosen, auch von Golde, verzeih’ mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst Du anders? —

Freilich denk’ ich anders, sagte sie; ich hab’ es gar nicht gesehen! Mein Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht wahr, so wohlfeil verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder nicht, die dann nicht mehr mein wären, und das gute Gewissen, und die Seligkeit.

Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich hab’ ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, daß Du mir das sagst; denn eine brave Frau muß nicht solche schändliche Dinge dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts.

Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht, und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die Erde mehr unter meinen Füßen.

Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bösen Dingen ist das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf! Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er mich fragt, sonst auch nicht.

Aber, mein Johannes, geh’ nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine Ente neben sich brüten; die Sperlinge beißen die Schwalbe aus ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen darunter, aber das schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht, und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer, weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut, der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth für einen Andern. Und wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet.

Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde für seinen armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von Vergißmeinnicht daran und weinten sich satt.

Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück, er sang nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die Mutter ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel.

9.

Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte, und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.

So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las: daß der selige Herr geschworen! Christel hatte nicht schwören wollen, da ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. —

Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte, dem ihre Noth zu klagen.

Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. — Wenn Du noch lange Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb’ ich mich noch ein Mal in Dich! — Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter! mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld war verloren — das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr. Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten, und das gemiethete Stübchen war nun ihre Heimath, und Johannes setzte Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth war nun erst wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam ihm einen ordentlichen Glanz — und einen bessern Ort; und wo er ging und stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage, die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt’ er zugleich auch den Mangel.

Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe, und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der Namen bezahlte.

Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war, und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:

Halt fest an Gottes Wort,

Es ist dein Glück auf Erden

Und wird, so wahr Gott lebt,

Dein Glück im Himmel werden.

Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin.

Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen, und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.

Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte: Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? — Freilich! erwiederte er; aber nur vor der Unverschämtheit! die muß man vermeiden.

Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe im Vogelheerd noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der Waldkapelle!

Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie.

Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.

So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn Gevatter-Pathen „Krieg.“ —

Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der Frankfurter?

Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt, daß sie nicht verloren gingen.

Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden.

Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die 96 hat 300 Gulden. — Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier hab’ ich’s roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt, und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! — Dann setzt’ er sich wieder an den Weberstuhl. —

Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie bete und danke. —

Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe. Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben! Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals. Mein Brot ist verdient! —

Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand, aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld hinunter fiel.

Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht’ er. Nun leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen — ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?

Christel war böse.

Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr fortkommt, sonst seh’ ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte, die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.

10.

So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür — sie waren weg! sie lief hinzu — die Thür stand nur weit offen — sie waren noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon voll ward.

Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt, damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten Namen „Johannes“ und „Martha“ und das: Halt’ fest an Gottes Wort.

Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.

Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.

Du lügst! sagte die Mutter, sieh’, wie Du roth bist! Nun weine nur nicht, mein Kind. Wer hat denn bezahlt?

Mutter! bat Daniel.

Daniel! drohte ihm die Mutter!

Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.

Wovon denn? fragte sie.

Du hast mir ja immer gebracht — Du weißt schon was! sagt’ er.

Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem Schüsselchen komme? — Und Du hast keine gegessen?

Mutter! sagte Daniel.

Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.

Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!

Christel sprang hinaus an den Wagen.

Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig. — Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! —

Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen Namen: Johannes! — Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.

Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.

Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh’ doch, da ist das Geld! sieh’ doch, da ist der Leichenstein! —

— Er schlief. —

11.

Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saßen und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben, da er den Denkstein sah.

Bist Du denn hier? Christel, fragte er.

Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen, und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.

Ja so! — jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte?

Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich und besorgt.

Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt’ fest an Gottes Wort! —

Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an.

Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend: Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?

Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. Wir haben gewonnen! Nun kann ich Dich pflegen! —

Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich denke, wie ich es weiß. Welches hat denn gewonnen?

Je nun, die 96! lächelte Christel.

Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem schwarzen Kreuze — so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh doch einmal hin!

Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter: ist No. 15,000.

Nun das ist unser! sagte Johannes.

Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth unterstrichen.

Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.

Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! — Freilich Du bist krank! setzte Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu.

Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh’, meine Christel, das Loos, die 96 ist unser.

Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn.

Recht gut! sagt’ er. Aber das Geld ist nicht unser.

Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! —

Schicke es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen.

Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blässer und gespannt. —

Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in Gedanken auf die Dorothee genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf das unsere hab’ ich zum Zeichen und Unterschied für mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel’s Tintenfasse gemacht.

Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thöricht!

Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel, meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und Gedanken?

Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel.

Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten. „Gedacht ist gethan!“ sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, laß das Gewinnloos aussägen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke die Wirthin und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom Schlosse, wenn sie will. — Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr.

Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um uns, Du guter Junge!

Ach Mutter, nun will ich Dir’s sagen! sprach Daniel froh.

Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel.

Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser und wollte nicht reden.

Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6 Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand nahm, überfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als hätt’ ich’s entwendet. Wem? — wußte ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben! und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn ich einen ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglücklichen Leuten, die sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als hätt’ ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die andern Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde mich vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin und unehrliche Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten, verwünschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach, daß sie mein Geld hätten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht gerechter „Frau Redemehr“ — sprach er — „Euer Sinn ist schlecht! Ihr wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!“ und spuckte vor mir aus. Und so geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem neuen heiligen Geiste über die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! Denn gewonnenes Geld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes aber — das hab’ ich verdient, mit meiner Müdigkeit und meinem Tage, den mir der liebe Gott gegeben. — Nun das hab’ ich dem Daniel gestern erzählt, als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld besitzen und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut er sich so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel!

Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie fort waren, setzte sie sich zu Johannes aufs Bett, und wand ihre Arme unter seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte.

Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. —

Freilich ganz anders arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! — Nun wirst Du mir traurig! versteh’ mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich! Nur um die Kinder!

So mein ich’s auch; seufzte Johannes.

Nein! ich nicht so. Daß sie Dich nicht sollen haben! das thut mir leid! und Du mich nicht! —

Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du stirbst dann auch — ich und Du.

Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben! Was hilft also Reichthum ohne Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen, so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? — Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und gesegnete Ernten und gute Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist! Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt, und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch.

Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.

Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst, — Du solltest doch denken, wessen Namen Du trägst, Johannes; ach, Du hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und Vorwurf.

Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf Erden pilgerten und bloß vom Säen lebten! sagte mitleidig Johannes.

Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem Herrgott für die empfangene Wohlthat? —

Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und laut Gott danke für Alles, was wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann strafst: Johannes! das ist kein Dank! — Wohl dem, der seinen Kindern geben kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus, worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die Kirschbäume ihnen keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nicht umsonst gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzer bezahlen kann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen, daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends jetzt! jetzt! meine Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem Gesichte an die Wand.

Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm kein Mensch helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im Herzen empfunden, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein Zutrauen zu sich verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an, zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte die Gleichgültigkeit der Todten gegen Alles, was Welt heißt — und die stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden! Ach, wir waren ihm nicht geringer geworden, als etwas so Vergängliches, wie Menschen sind. Nein! — Gott war ihm als sein Vater und unser Vater erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh’ nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen zu viel! uns verwirrt die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns, müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen.

Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte Johannes.

Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wir das Unsere gethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere gethan, wenn es auch nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb? Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage? Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! — Du wirst schon besser werden, besonders wenn Du besser wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du bist der Hasenfuß — nicht der kleine Junge!

Johannes lächelte — Christel lachte vor Freuden, und die mühsam verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, — wie es noch regnet, wenn vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit.

12.

Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie. Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte —

Christel lächelte und hob das Papier auf.

Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.

Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.

Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.

Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich das etwa beklemmt.

Aber noch Eins, eh’ Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers. Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine Ursachen dazu.

Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die Worte: Selig sind, die reines Herzens sind — aber sie seufzte unmerklich, dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.

Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.

Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es, wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es.

Meinem? erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu sehen, ob und was sie meine.

Nun ja: Deinem, versetzte Christel.

Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.

Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh’ nur mit Gott! — Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen.

Das Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.