Die
Probefahrt nach Amerika.


Roman
von
Leopold Schefer.


Bunzlau,
Appun’s Buchhandlung.
1837.

Die
Probefahrt nach Amerika.


Motto: Lasset der Welt nur den Lauf,
und das Wasser dann findet ihn selbst schon!

»Schönen guten Abend, Herr Pastor! Hier bringe ich die sechs Dreier Reisegeld nach Amerika von meinem Vater.«

So sprach eine junge Mädchenstimme in unser abenddunkles Zimmer herein, darin ich gedankenvoll, ja kummervoll, auf- und abging. Ich hatte wohl verstanden, was das liebe Kind wie mit Engelsstimme zu mir gesagt. Aber desto mehr war ich von dem himmlischen Gruß überrascht und bewegt, und stand, gewiß über und über roth geworden, im Düstern still, und hatte die Hände gefaltet. Das arme Mädchen aber mochte glauben, wir hätten es nicht gehört, und so sprach es mit leiser Stimme noch einmal: »Schönen guten Abend! Ich bringe unsre sechs Dreier zur Probefahrt . . . .«

Mache doch Licht an! — sagte ich zu meiner Frau, die in der Feierstunde am Fenster saß, zu welchem die wie jung gewordenen ersten Frühlingssterne vom dunkelblauen Himmel herein glänzten; — mache doch Licht, liebe Frau! Es ist Webers Gretchen!

Meine liebe Frau aber regte sich nicht; oder vielmehr, sie legte sich mit dem Gesicht in ihre weißschimmernde Arbeit vor ihr auf ihr Tischchen. Ich seufzete unhörbar, ging selbst, zündete einen Streifen Papier an meiner Luftfeuermaschine an — woraus die Flamme mir blitzschnell dienstfertig herausfuhr und mich dadurch sehr erquickte; und als das Licht brannte, sprach das liebe kleine Mädchen, wie nun erst getrost, recht freundlich: »Schönen guten Abend!«

Guten Abend, mein Kind! sagte ich ihr mit dem Gefühl, das ihr, ihren armen Ältern, und der ganzen armen gepeinigten Gegend recht gute Tage wünschte. Sie gab mir die sechs Dreier Reisegeld nach Amerika, lauter Kupferdreier, mit Grünspan belegt, also aus dem Salzgelde, denn der Weber verkaufte nur Salz. Du bist die Erste, die mir bringt. Gieb mir Deine Hand und Deinen Segen, mein Kind! sprach ich halblaut, meiner Frau wegen, und mit nassen Augen, des übervollen Herzens wegen. Ich trug den Weber in das dazu bereite Buch, gab ihr eine Quittung . . . . damit man den Amerikanischen Kaufleuten nicht zur Schande nachsagen möge, daß sie über jede Kleinigkeit in ihrem wohlgeordneten Lande ein Quittung geben, selbst über ein bezahltes Halstuch; und das liebe Kind schied mit einer verlegenen »Guten Nacht!« an die Frau Pastorin, und mit einer getrosten guten Nacht an mich.

Die Nacht möchte nicht gut werden! dachte ich. Ich trat zu meiner Frau, legte meine Hand ihr auf den Kopf, den sie seitwärts wandte. Mein Kind! Meine liebe Frau! sprach ich so mild als möglich. Sie regte sich nicht. Und so fuhr ich fort in meinem Styl: Laß uns betrachten! Wie wäre es denn — wenn ich ein Missionair wäre? Müßte ich dann nicht? . . . . Oder hättest Du mich dann nicht geheirathet? . . . . Und bin ich nicht wirklich ein Missionair, ein Abgesandter von dem, der uns sagte, uns, mir also auch, und in der Noth erst recht laut: Gehet hin in alle Welt! Und unter aller Welt ist doch gewiß die neue Welt, und so Gott will, die beßre Welt, auch mit begriffen! Ihm war Himmel und Erde bekannt, und gewiß auch Amerika, das in der alten Welt ja auch bekannt war, den Tyriern und Sidoniern; und wenn sie sich auch vor dem Wasser fürchten, doch auch den Juden, und dem weisesten Juden, der so viel und gern am Meere wandelte und lehrte. Und soll ich zeitlebens, oder um meine zwanzig Amtsjahre nur immer geredet haben? Soll ein Geistlicher nicht auch thun? Mit gutem Beispiel vorangehn? Mit Muth! mit Erfahrung! Wer ist denn noch überall der stille Freund und Tröster des Volkes, als die Geistlichen, die Weltgeistlichen? Bin ich’s nicht auch? Habe ich mich nicht um meine schöne laute Stimme gepredigt? Habe ich mich nicht um allen meinen eigenen Trost getröstet, so daß ich selbst wie ein Irrlicht schwebe, nicht wie ein mächtiges Licht, so stark, daß es selber steht! Habe ich mir die gute redliche Brust nicht verdorben, daß nur eine weite Seereise mich herstellen kann, aber gründlich herstellen wird, wie der Doctor sagt. Gönnst Du mir das nicht? Soll das Volk verkommen, verzweifeln, da in aller Welt doch Hülfe für alle Welt ist? Soll ich nicht reisen und ihnen die Ruhestätte der Lebendigen helfen bereiten? Soll ich sterben vor Leiden und Qual? Leide ich nicht? — denn seh’ ich nicht leiden? Laß mich leben! Komm Du mit!

»Das ist mein Tod!« sprach meine liebe Frau, sich aufrichtend, und, sahe von mir weg, hinaus, hinauf unter die Sterne. Aber sie hatte ihre rechte Hand herabhangen lassen, und das hieß von ihr — wie ich aus Erfahrung wußte: — sie hatte mir ihre Hand gegeben.

»Du gehst als ein Volksspion!« sprach sie jetzt, wie für mich sich schämend, aus ihrem edlen liebevollen Herzen.

. . . . Volksspion? wiederholte ich ohne es zu wollen. Aber, mein Kind, sprach ich mit ruhigem Selbstgefühl, haben die Hirten der Heerden nicht ihre Gesandten, die ihnen alles berichten, was ihnen frommt? Sollen die Völker nicht ihre Gesandten haben? Und willst Du den Apostel Paulus, den Columbus, den Vasco da Gamma, den berühmten Reisenden schlechtweg, und den Prinzen, einen Volksspion nennen, weil am Ende jede Reise, jede große Entdeckung, jede kleinste Erfindung für das Volk ist! Halte mich lieber für eine Taube Noäh, oder einen Raben! Und heiße ich nicht Volkmar? Was Volk ist, weißt Du; und was mar bedeutet, habe ich unsrem Gustav Adolph erklärt. Also Volkmar will ich auch seyn!

»So oft er den Soldaten, dem Volke, wie man, nach Deinem Worte, mißbräuchlich und unchristlich sagt, nachläuft, dann nennst Du den Jungen: Volks-Narr! und Du, Du willst ihm vorlaufen! Verstanden?« sprach sie; stand auf und ging hinaus, um das Abendbrot zu besorgen.

Ich aber schämte mich für Alle, die sich des Volkes anzunehmen schämen, nach Kräften, kniete auf ein Knie nieder, beugte mein Haupt und betete: O Volk, o deutsches Volk, Dein bin ich, so lange ein Athem in mir weht, der Athem Gottes. Denn in dir, o Volk, lebt derselbe alte Vater heilig, aber jetzt hier recht erbarmungswürdig, Gottes unwürdig! Denn Gott soll für alle seine Gaben doch nicht hungern und dursten, nicht halbnackend frieren, und so bekümmert aussehen, wie die theuren Menschengesichter hier alle weit und breit um mich. Gott soll kein Schloß vor dem Munde haben, Gott soll man nicht lebendig begraben, in seinem Sohne, seinen Kindern allen, dem Volke! O Gott, gieb, daß Alle erkennen, Wer, welch heiliger Wer in dem Volke lebt. Darum Dein bin ich, o Volk, so lange ich einen Tropfen Blut in den Adern habe, eine Zunge im Munde; denn ich weiß, wer es ist, der Es!Es blitzt! Es donnert! Es regnet über die Saaten! Es reißt mir am Herzen. Es führt mich fort! —

Ich stand auf, ich konnte nicht mehr. Aber ich war ruhig.

Da kam meine Tochter Marie, oder Mirjam, wie ich sie ihrer Ahnfrau zu Ehren am liebsten nenne. Sie eilte auf mich zu, sie sank mir an die Brust, und ich hielt sie umarmt an dem treuen Vaterherzen. Ich weiß nicht, eine Tochter erscheint dem Vater immer so wunderbar eigen, wie seine Mutter und sein Weib zugleich, und doch wie das zarte schöne Herzblatt des eigenen Wesens selbst. Heut rührte sie mich doppelt. Sie war in ihren Sonntagskleidern, weiß und sauber und lieblich angezogen; sie kam so hastig, ihre ganze Gestalt wollte wie eine vollgedrängte Knospe brechen; ihre Augen, ihre Lippen wollten tausend Dinge, die ganze Welt mir erzählen, vertrauen, preisen! Sie schien eine Flamme, die nicht lodern will, eine Lilie, die nicht gesehen sein will, so kam mir die Jungfrau verändert vor — aber wodurch? Wie so schnell? Denn am Nachmittage war sie auf das Schloß gegangen, das auf einem Hügel mitten in der Stadt liegt, um ihre Freundin, ihre Jugendgespielin zu besuchen, zu trösten. Denn der jungen Baronesse Freysingen war erst vor Kurzem die Mutter gestorben, eine musterhaft gute Wittwe; denn alle Weiber werden als Wittwen gut, besonders aber diese, die schon als Weib unvergleichlich gewesen. Denn um nur Eins zu sagen: sie hatte alle Einwohner der zwanzig großen Dörfer ihrer Baronie frei gegeben ohne Entschädigung. Die Mädchen waren beide siebzehn Jahr alt, also wahre Jungfrauen, ich hatte sie beide zusammen unterrichtet, und aus voller Seele mich bemüht, sie in allem Herrlichen redlich zu confirmiren. Was thut ein Vater nicht! Auch mein ältester Sohn, mein Marbod, hatte Theil an meinen ausländischen Worten, an dem Unterricht in der englischen und französischen Sprache Theil genommen. Viel Augen können Ein Licht sehen, viel Ohren Einen Mund hören, und Kindern gegenüber ist der Vater ein feuriger, reiner, undurchdringlicher Lehrer. Die Kinder waren wie Geschwister. Meine Mirjam hatte den Abend auf dem Schlosse bleiben wollen, und sie kam schon nach Hause? Zu mir? Es war also etwas vorgegangen, geschehen, ihr geschehen, und ich frug sie, was sie mir bringe?

»Mich!« antwortete sie. »Dir . . . oder, wollte ich sagen, Ihnen, lieber, lieber Vater!« Dabei drückte sie mich heftig.

Hat Dir die Mutter draußen gesagt? — Ach die Mutter! Du weißt, daß sie schon ein Jahr und länger her nie ein Wort dagegen gesagt, daß ich nach Amerika will, auf Probe; aber um wirklich sagen und fühlen zu können, wie Auswanderern um das Herz ist, wie ihnen also in Wahrheit geschieht, bin ich mit Gott entschlossen, auf immer auszuwandern. In den zwanzig Dörfern sammeln die Vorsteher . . . . das arme Reisegeld; hier aus der Stadt brachte jetzt ein Kind an mich die ersten sechs Dreier. Nun also ist Ernst! Das Reden ist aus, das Thun geht an, und nun spricht die Mutter: das ist mein Tod! — nicht meiner, mein Kind, sondern ihrer, meint sie — und das macht mir den schweren Gang nur schwerer, denn ich gehe — und sie wird bleiben! Nun, soll ich allein gehen? Oder — kommst Du mit? Denn unser Marbod bleibt hier in der Pfarre als mein Vicar, mein Substitut, cum spe succedendi — sag’ ich Dir heut. Und bleibst Du auch bei der Mutter, so reis’ ich allein mit meinem Gustav Adolph und Gott! Und euch befehle ich Gott!

Ich hielt inne. Du weinst? frug ich dann. Ja, Scheiden ist schwer. Scheiden von Lebendigen schwerer, als von den Todten; denn da hat die Natur geschieden, das Schicksal. Wer aber von Lebendigen, von Geliebten scheidet, der kommt ihnen vor wie ein übermüthiger, leichtsinniger — Narr! Denn so hat mich die Mutter genannt — Volksnarr!

»Ach, mein Vater!« sprach sie leise, »wie soll ich Ihnen nun gestehen — sagen, wollte ich sprechen, daß ein Amerikaner hier ist! Im Schlosse! Den zweiten Osterfeiertag reist er schon fort nach Bremen, sich wieder einzuschiffen. Er will Sie mitnehmen. Sie sollen ihn heut besuchen. Ich soll Sie holen! Ach! —«

Mir war ernst, mir war froh zu Muth. Und doch kam mir meine Tochter noch räthselhaft vor. Ich war bewegter als sie. Denn Alles in meinem Hause, in der Meinen Herzen hat mir immer das Wichtigste geschienen. Und scheinbar gleichgültig frug ich meine Tochter nur: Ist er jung?

»Zehn Jahr gewiß jünger als Sie, mein Vater!«

Also dreißig! — Ist er verständig?

»O wie es sich ihm zuhört! Und dann hat man doch nichts verstanden, nichts gemerkt! Ich könnte kein Wort treu wiedererzählen!«

Also ist er schön? frug ich eben so gleichgültig.

»O Vater,« fuhr sie fort, meine Frage zur Seite lassend, »das Herz klopft Einem vor Freude, endlich einmal einen Mann sprechen zu hören, männlich, frei, stolz — als wenn der blaue Himmel über ihm voll Heldengeister schwebte, die ihn durch frohe Billigung stärkten und zur Feuerflamme machten. Mein Gott! denk’ ich mir selbst den General, den Vormund der Baronesse, oder den Superintendenten dagegen, die mit eingezogenen Achseln stehn, und mit schüchternen Blicken inne halten und lauschen, ob ja nicht etwa ein Minister oder Prinz da oben schwebt, der ihre kriechenden Worte noch nicht kriechend genug findet und sie von oben herab mit dem Finger warnt, daß sie zusammenfahren . . . . . Was habe ich doch gesagt, mein Vater, ja, ja, so kommt es mir vor, als wenn ich bis heut noch keinen Mann reden gesehen hätte, verzeihen Sie, lieber Vater, als Sie auch. Sie können auch reden! — Aber Sie sind ja — mein Vater. —«

Schon gut, schon gut! sprach ich, und wußte genug und seufzte: o Freiheit, wie machst du den Menschen schön! Mein armes Mädchen, dachte ich, auch Dir ist es geschehen! — Ist er verheirathet? ist er reich? frug ich weiter.

». . . Würde er so weit reisen, wenn er eine Frau hätte . . . .«

— meinst Du! Du Schelm! schaltete ich ein. —

». . . ich meine nur: er kommt aus Petersburg, über Constantinopel, Alexandrien und Rom durch Österreich, Baiern. In Nürnberg hat er tausend Dutzend Schachspiele bestellt und bezahlt. Gehn Sie hinauf auf das Schloß; ich will noch bei der Mutter bleiben!«

Noch? Du gutes Kind! Du willst also mit mir! Das danke Dir Gott! Freilich. Die neue Zeit ist wunderbar, oder die neuen Menschen, die den alten elenden Menschen ausgezogen haben, den neuen anziehen wollen, und indeß schauernd stehn wie Bettler. Decke den Tisch.

Die Mutter wollte das Essen noch nicht auftragen. Ich bestand auf Eile: und sie folgte mir zwar, doch mit einer Miene, als wenn ich mich um eine Freude brächte. Warum aber heut am Sonntag Abend ein gebratenes Huhn? — Warum heut Alles so besser als sonst, das erfuhr ich, als zwei Reiter in den Hof gesprengt kamen, und bald darauf ein Husar in der Mutter Armen lag, und in der Schwester Armen. Denn es war mein Sohn, mein Vicar! noch in der bunten Soldatenraupe. Mein Ersatzmann! Die Ankunft des Sohnes bedeutete der Mutter ganz sichtbar meine Abreise, meinen Verlust, und so hatte sie ihn ohne lauten Ausruf, nur mit stillen Thränen empfangen. Darauf setzten wir uns zu Tisch. Ihre Augen hingen immer an seinem — schönen Gesicht; denn warum soll ich als Vater blind und stumm seyn? Sie aß wenig und nichts, er allein fast alles! Denn mein Gott, wie war überhaupt der junge Mensch verwandelt! Einen fein gebildeten jungen Mann hatte ich vor Jahr und Tag fortgeschickt, unter die Soldaten, einen Candidaten der frömmsten Wissenschaft, einen Nachfolger der Jünger Christi, der nie zu laut sprach, wie ein Mädchen erröthete, sich einfach kleidete, die Kartenkönige und Ober nur vom Amtmannspiel her kannte, der nicht tanzte, nicht Pistolen schoß, nicht Wein nicht Branntwein trank, nicht Tabak rauchte, nur von belebenden Dingen, wenn auch froh und heiter, sprach — und ach! was mußte ich jetzt von ihm hören! Nichts wie von Pferden, Jagden und Hunden, von Spielgewinnst, von vortrefflichem Tabak, und noch edlern Tabaks-Pfeifen; von Bällen, von schönen Mädchen in den Quartieren bei der Musterung, Geschichten und Abentheuer von seinen Cameraden, wie sie vielleicht heut an andern Orten seine Abend- oder Nachttheuer erzählten! Und seine Sprache — wie baßrauh, cantormäßig ausgetrunken seine Stimme, sein Auge so zu sagen frech, sein Ansehn — dem Ansehn nach gesund . . . . aber ich bin Kenner, ich sah mit Vateraugen. Da muß ein Vater Freude haben! seufzete ich herzinniglich. Da müssen tausend Väter jetzt Freude haben, denen ihre Söhne so wiederkommen. Alle redliche Mühe der Mütter, alle Sorgfalt der Väter, alle Zucht im Hause, aller heiliger Zorn über die kleinen Keime von Unarten der Knaben, alle Lehren in den Schulen, alle Predigten in den Kirchen — Alles umsonst! Von Unkraut erstickt alles ächte, rechte Menschenwesen und Menschensinn. Predigt doch nicht, lehrt doch nicht! Lehrer und Prediger! Lieben Eltern, laßt doch alle Knaben aufwachsen wie Wilde, ja eure Mädchen auch — denn auf der Universität aller Rohheit und Laster bekommt ihr doch Candidaten der Unreligion nach Hause, die euch Gott und Herz und Athem und Lunge ersparen; die mit ausgerenktem und ausgerenkt verwachsenem Herzen verdorben, sie euch doch verderben, euer Leben und ihres. Aber so verlangt es die in Europa eiserne Zeit. — Ich ward immer überzeugter von der Wahrheit meiner innern Worte. Die Mutter hatte die letzte Flasche Wein ihm zu Ehren herauf holen wollen — denn er hatte bescheiden seine Schwester blos um ein Weinglas gebeten — die Mutter aber kam mit leerer Hand wieder, denn ich hatte den Wein armen Kranken hingetragen, und ihr Auge gab mir ihren Dank; der Sohn lächelte und sein Calfactor mußte die Feldflasche mit Arrak bringen — und ich mußte den vortrefflichen kosten! Ich trank den Tropfen aber auf die Gesundheit der Mäßigkeitsvereine in Amerika, und bat den Sohn um Verzeihung . . . . daß ich den Wein, und heimlich, fortgetragen in der Tasche, mit der ich im Finstern an das Geländer der elenden Treppe der armen Leute angestoßen habe, und die guten Kinder derselben hätten mir die Glasscherben aus der Tasche gezogen — und mit hohlen untergehaltenen Händchen den filtrirten Trank der Mutter hingetragen — und auch noch vergossen, weil sie auf die Mutter gesehen, und nicht auf das Händchen.

Da lachte mein Sohn! Und wie Odysseus überlegte ich, ob ich das lachende Gesicht aus väterlichem Zorne ganz einschlagen sollte, oder ihn nur so ein wenig schlagen, daß ihm Kinnlade und Zähne ausfielen — aber er hätte ja vielleicht den Säbel gezogen, und ich hätte ihn dann selber todtstechen müssen, und alles war aus! Meine Fahrt nach Amerika! Selbst meine Hülfe an alle arme Ältern gegen solche Freude an ihren Söhnen! Die himmelschreiende Freude! Ich stand nur vom Tische auf, und meine feinfühlige Tochter Maria hing sich mir an meinen Arm und flüsterte mir beschwichtigend zu: »Vater, liebes Väterchen! Der Bruder wird in drei Tagen, oder doch in drei Wochen ganz anders seyn, wieder wie zu Hause! Vergeben Sie ihm!«

»Habe ich Sie beleidigt? Vater! Womit denn?« frug der Sohn, so unschuldig unbewußt — daß es einen Stein hätte erbarmen mögen. Das war das Ärgste: er wußte nicht mehr, wo und wie er fehlte! Und ich sagte zur Antwort die Wahrheit: Du nicht, mein Sohn! Du hast mich nicht beleidigt, nicht gekränkt. Du hast nur Ordre pariert. Du erfüllst nur das Gesetz. — Und so begriff ich einigermaßen die neue, wahrhaft edle Absicht: die Soldaten nun fromm zu machen, ihnen Gebetbücher in die Hände und Tornister zu bringen, und die Commerschlieder mit frommen Morgen- und Abendliedern zu ersetzen. Nur so ist ihnen zu helfen.

Desto heißer brannte ich auf das Schloß zu gehen. Da kamen sie schon! Meine Augen waren, wie des alten Zacharias Augen, auf den Amerikaner gespannt. Aber vor ihm trat ein junger schlanker Schwarzer ein, ein Afrikaner, der fröhlich und wohlgemuth seinen Herrn meldete. Den Namen überhörte ich, weil er selbst schon mit der Baronesse und ihrem Vormund, dem General, eintrat. Die Weiber beknipten sich, die Männer — nämlich ich mit — krümmten sich wie lange Haarwürmer, die lange in einem hölzernen Violinbogen gesteckt. Der Amerikaner aber grüßte blos durch seine anständige Erscheinung, das heitre gesunde Antlitz, den wohlwollenden Blick aus den blauen Augen, zu welchen das braune Haar ihm so wohl stand. Nach und nach schied sich die kleine Gesellschaft und vereinigte sich. Die Mutter klagte vermuthlich dem General-Vormund die Noth, der Husarenoffizier theilte der jungen Baronesse seine mit Freuden aufgenommene Freude mit, sie wieder zu sehen, wozu Maria mit einer Hand auf dem leisen Harfenzuge des Pianoforte von Zeit zu Zeit die Melodie von dem Volksliede hören ließ:

»Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark!

Der Abschiedstag ist da.

Schwer liegt er auf der Seele, schwer,

Wir müssen über Land und Meer

In’s heiße Afrika!«

Und so trugen die alten, im Volke unvergeßnen und jetzt neu lebendig gewordenen Töne meine Seele in dem nun entsponnenen Gespräch mit dem willkommenen Gaste, dem Amerikaner.

Ihre Kunde, sprach ich am Caminfeuer mit ihm sitzend, darf ich als Wegweiser wohl benutzen, denn Wegweiser sollen etwas mehr wissen und eher als die Wegwandler — Auswanderer.

»Also wirklich! Sie wollen auswandern? — — Auswandern?« sprach er ernst. »Auswandern, sich selbst verbannen! Sich selbst ermorden! — um der Kinder willen. Seinen Leib, sein Herz, seine Seele aus dem Leibe reißen — um der Freiheit willen. O schwer, o bitter, das Bitterste auf der Welt. Sterben wir, so ist hoffentlich Land und Erde vergessen. Meine ich. Aber! Wandern wir aus, so geben wir Vaterland und Leben verloren — es bleibt Alles, Alles hinter uns, wie hinter einem Lebendigbegrabenen. Denn so eng, so dumpf und schweigend und leblos, so jammervoll ist es um den Ausgewanderten, sagte mein Vater uns Kindern bei jeder Gelegenheit, bis in das Alter, noch oft; selbst auf dem Sterbebette — bald leise, bald laut; und im letzten Traume sprach er erst recht bewegt von der Heimath, hier drüben von dem Berge! von dem Vaterhaus — dem Schlosse hier drüben — von den alten Linden — so daß uns in der Fremde geborenen Kindern zu Muthe ward, als wäre ein weltfremder Mann, ein gutmüthiger Wilder — ein Sohn der Sonne unser Vater! Ich führe das nur an, so wie er auch sagte: Selber Bäume, einen ganzen Wald würde man für desto rasender halten, wenn sich die Bäume alle selber ausrissen, über Felder und Berge und das Weltmeer liefen, und drüben mit den Wipfeln oder Köpfen sich in die Erde pflanzten, und die Wurzeln hoch in die Höhe kehrten, daß sie grünten und blühten und Früchte trügen! Doch wenn ich euch ansehe, Kinder, sprach er auch wohl, sehe ich doch, in der Welt ist Alles möglich! . . . . wenn es nöthig ist! Das Unglück ist das einzig wahre Saamenkorn des Glücks! Die Noth, die äußerste Noth ist dem Menschen die Todtenerweckerin, die unbarmherzige Aufschreierin seiner tiefsten, gewaltigsten Kräfte, die ihn über bloßes Menschenseyn mit zwei Beinen und Armen erhebt, und ihm Flügel giebt über das Meer. Es giebt ein kleines Insekt, der Vater wies es mir oft, das hat zwar Flügel unter den Flügeldecken, aber es läßt sich von den Kindern jagen, martern, stechen, brennen — und erst, wenn man ihm die Flügel ansreißen will, dann fliegt es fort, hoch in die Luft, und macht sich unsichtbar seinen Marterhölzern von Menschenfleisch oder Menschenfleischern. Der Mensch ist noch lebenszäher als ein Polyp, der sich umkehren läßt, das Innere heraus, die Haut hinein, und fortlebt — das vermag der Mensch bei Herz und Seele im Leibe — aber mein Vater kam mir doch vor wie . . . . wie eine nackte Seele, so immer wund, so immer schauernd, daß mir erst wohl ward, als er mir seinen Segen gab, der gewaltig klang und voll Verheißung triefte wie Gottes Wort. Aber sein Schloß, seine Kinderstube, seine alten Linden hier mußte ich doch sehen. Wahrlich, mich trieb nicht das Capital, welches noch von ihm her auf diesen Gütern steht. Es mag stehen bleiben, wenn es sicher ist. Sonst will ich sehen, was hier zu unternehmen und auszuführen ist — nach seinem Testament

Ich denke, es steht sicher; sprach ich, nicht ganz überzeugt, meinte aber, daß die Sequestration, die jetzt eingetreten war, das Capital desto sicherer stellte. Der Amerikaner war also der Sohn des vorigen alten Herren der Baronie, und der jüngere Herr von Steinbach, und Herr von Steinbach wollte ich ihn nennen, als er nicht unanständig, aber gnugsam lachte, und sprach: »Ich heiße Winhing, mein Bruder Johannes, meine Schwester Sabina, und auch meine Mutter heißt Susa, so daß alle Vornamen der Straßburger Familie sich in uns einmal wiederholen. Aber dem a und de Steinbach haben wir Ade gegeben und den Taufnamen Erwin zu unserem Familiennamen gemacht, da wir einen Mann haben, der den Geschlechtsnamen erst durch Verstand und Fleiß und Kunst geadelt. Das ist nicht ganz zum Lachen, und nicht ganz des Vergessens werth.« Er lachte aber. Und doch freute er sich über mein Weib, auch eine geborne von Steinbach, also eine Mitenkelin vom alten Erwin von Steinbach, der den Straßburger Münster erbaut, und blos als Andenken zeigte er mir das Wappen auf seinem Petschaft —: das gekrönte Kind, das aus blauem Meer auftauchend eine weiße Rose in der rechten Hand hält.

»Mein Vater!« erzählte er dabei, »ging aus dem Wunsch aus Europa: kein armer Adliger mit unglückseligen Sclaven oder sogenannten Unterthanen, wie man sie hier nennt, zu seyn, sondern lieber ein reicher, freier, bloßer Mensch; durch Landbesitz, den er für sein Geld erworben, also adliger, als jene ersten Adligen in Deutschland, die mit gewaffneter Faust einwandernd Leute und Land behielten. Mein Vater hat mir in seinem Testamente vermacht und aufgegeben — und Geld dazu: — in meinen männlichen Jahren eine Colonie verarmter Adliger und bauergutsloser Rittergutsbesitzer nach unsrer Union überzusiedeln, und ich habe schon sechzig Familien, freilich kaum ein Hunderttheil der ganzen Trauerliste. Aber entschließen sie sich? Sie hängen wie Faulthiere am abgefressenen, eingegangenen Brotfruchtbaume, bis sie verschmachtet herabfallen und dann kaum weiter schleichen können auf den neuen Lebensbaum.«

Freilich, kann ich sagen, sprach ich, Frau und Mann müssen Beide gleich entschlossen seyn, auszuwandern! Das ist die erste Regel! Freilich muß die neue Europäische Noth der alten Asiatischen Noth, gleichsam einer ägyptischen Finsterniß gleich kommen, ehe die Deutschen ihr Ruheland Deutschland verlassen, wie einst Asien, aus welchem sie noch verschiedene Kasten voll und von Noth mitgebracht. Die Deutschen vor allen sind Erdwanderer, vielleicht Erdumwanderer — bis ihre Enkel klug und glücklich durch Californien und das von den herrlichen Menschen volle Sibirien wieder heimkommen! Aber was ist Noth? Wenigstens bei den Deutschen, also auch Menschennoth? . . . . »Noth« heißt bei den alten Deutschen: Fessel, Gewalt und Zwang. Dieses Kleeblatt von der Todes- oder Höllenwiese war ihr tiefstes Unglück! Ihr einziges! Sonst ertrugen sie Alles! Was nicht Fessel, Gewalt und Zwang war, war keine Noth — und Noth bezeichnet, wie ihnen, auch uns noch das tiefste Unglück; das letzte aber auch. Ein Volk von Charakter hat Jahrtausende dasselbe Herz, denselben Sinn. Glauben Sie, Master Erwin, daß der klügste Mann von Rom, Cäsar, ein Esel gewesen ist, oder daß er Luchsaugen gehabt? Und dieser alte Luchs und Fuchs, Cäsar, sagt von den Deutschen: »Ubi fons, campus, nemusve iis placuerit, ibi domos figunt, mox alio transituri cum conjugibus et liberis. Nam diu eodem in loco morari periculosum arbitrantur libertati.« Und schon haben es sich die Deutschen über 2000 Jahre hier zu Lande gefallen lassen.

»Wir Amerikaner haben auch die lateinische Sprache abgethan! Was sagen Sie also, Herr Volkmar?«

Und froh verwundert darüber sagt ich: »Wo ein Quell, Feld oder Hain den Deutschen gefällt, da befestigen sie ein Haus, mit der Absicht bald vorüber zu ziehen mit Weibern und Kindern. Denn lange an demselben Orte zu sitzen, halten sie gefährlich für die Freiheit.« — Wir Deutschen kennen unser Vaterland nicht, blos unser Gasthaus und Wirthshaus. Und schändlich wäre es von Einem Deutschen, Einen Deutschen zu beschuldigen, von Einem Übles zu reden, denn es ist nur geschehn, was sie Alle hier gewollt und gesollt, oder geduldet. Nur vom Übel redet ein Redlicher. Aber davon auch frei. Wohin aber nun unser Zug geht, der unwiderstehliche Zug, aus unerklärlichem Drang und Zwang, wo nun das Zelt aufschlagen? Das ist die Frage!

»Kleinasien, Rußland faßt viele Millionen,« bemerkte der Amerikaner. »Ägypten!« —

Da giebt es nur Einen Stoffehändler. Freier Handel wäre uns lieb! versetzte ich.

— »Griechenland ist schön und öde.« —

Da fürchten wir den Religionskrieg, die Pest.

— »Italien ist nah, und Wüste genug um Rom.« —

Von den Römischen Pfaffen ist den Deutschen alles Unglück gekommen, Beten lehrt uns die Noth schon genug. Den Papst hat ein Nebenzweig von unserem Stamme, die Trojaner und ihre Colonie die Römer, mit aus der Mongolei gebracht. Er ist weit genug geschleppt.

— »Also nach Spanien! Das Hesperien selbst der Hesperiden, der Italiäner. Nicht? — Südamerika? An der Grenze von Peru kauft man ein Königreich um das Geld für ein englisches Pferd. —«

Lieber in die Wüste gebaut, als neben unruhige Nachbarn.

— »Also nenne ich Mexico nicht, weil es Neu-Spanien ist. Aber Canada?«

Das soll erst werden und thun, was die vereinigten Staaten von Nordamerika sind und gethan, hört man von dort. Aber warum wollen Sie uns nicht zu sich?

— »Wenn die Deutschen ihren Charakter behaupten können! Und den Charakter verdirbt alles Nachmachen, Nachreden, die angenommene Sprache, Nachsitten, Nacharten, Nachneigen, Nachgehorchen, selbst wenn Gesetze, Verfassung und Regierung höchst menschlich und wünschenswerth wären.«

Wir geben klein zu! Dürfen wir bei Ihnen Wir seyn und Wir bleiben, wenn wir kein Gesetz, keinen Menschen beleidigen?

— »Ja! Ich meine! —« schloß der Amerikaner.

Wir hatten Amerikanisch, also Englisch, und im Grunde dann Altsächsisch, Altdeutsch gesprochen, und dieses uralte »I guess« ich meine, vergesse ich nie. Ich stand auf. Wir waren fertig mit dem — Friedensplan und Friedenszug. Nur noch das Wort setzte mein neuer Freund hinzu: »Raum zu leben und sich wohl zu befinden, haben noch Vierhundert Millionen Menschen, so breit sie sich machen, so hoch sie wachsen wollen. Aber auf den Einmalhunderttausend deutschen Quadratmeilen Land ist unterschiedliches Klima, mit Seeen, mit Wald, mit Bergen, mit Strömen, mit Meeren nach Morgen und Abend und Mittag, mit Pflanzen und Blumen und Kräutern und Bäumen, mit Fischen und Vögeln, mit zahmen und wilden Thieren der Erde, daß Jeder das Seine sich wählen kann. »Brot und Freiheit« steht mit Schweiß und Thränen für unsere Gäste angeschrieben über dem Thor zu unserem Lande. Aber nicht mit Blut! Wir haben keine Schulden — wenn Ihr das Wort versteht. Wir haben keine Feinde, als solche, die wir verachten könnten — wenn Ihr das Wort versteht. Wir haben Frieden auf lange Jahrhunderte — wenn Ihr das Wort versteht. Wir haben keine Armen — wenn Ihr das Wort versteht. Ja wir haben selbst eine miserable Miliz, einen lächerlichen Landsturm, der aber gradezu eine himmlische Heerschaar ist, weil er lächerlich seyn kann — wenn Ihr das Wort begreift. Ich meine.«

Ich meine auch; sagte ich. Heut zu Tage braucht man nichts mehr zu sagen. Die ganze Welt meint blos, und die ganze Welt versteht. So weit haben wir es durch Cultur gebracht! Wie stehen in Etwas erschrecklich hoch, und was bei Ihnen fehlt, weil es noch nicht nöthig ist, die Humanität ist unser Unglück. Denn ein Vernünftiger läßt sich am Ende Alles gefallen, selber ans Kreuz schlagen, weil er meint, es thut Andern wohl, und so thut es ihm nicht weh. Aber das lange Hängen macht Zappeln.

Der General-Vormund fühlte sich bedrückt, daß seine ganze schöne Armee in Amerika mehr als überflüssig und ein Unding sein sollte! So viel Festungen — Undinge! So viel Kanonen — Undinge! So viel Plage, Geschrei und müde Gebeine — Undinge! Aber er fühlte sich schuldig, verschuldet, und schwieg. Mein Sohn Marbod saß in seiner Husaren-Uniform wie ein Gespenst da, und das Gold darauf blitzte umsonst. Meine Tochter hatte endlich ein wenig lauter auf dem Pianoforte, wenn auch nur mit einem Finger, die Melodie des neugebornen Liedes: »Auf, auf, ihr Brüder, und seid stark!« gespielt, und Master Erwin trat nun sehr bescheiden zu ihr und bemerkte blos, daß in der ganzen Union Sonntags kein Laut Musik aus Schonung der vollständigen Ruhe der Andern erklingen dürfe — als sie feuerroth ward und das Instrument verschloß. Der Gehorsam rührte mich schwer und bewegte mich tief zu seufzen, denn meine Braut war mir einst auch so gehorsam gewesen. Kaum aber hatte ich dies sichere Zeichen der Neigung gesehen, als sie erblaßte, sich an die Freundin lehnte und bald darauf aus dem Zimmer ging, ja nicht mehr wieder kam, so lange die Gäste dablieben, denn ihr bewunderter Freund hatte im ferneren Gespräch gesagt: »daß er hundert Sclaven habe.« Hundert Menschensclaven — Er!

Es war schon spät. Abreden wurden getroffen, sie sagten gute Nacht, und Erwin ließ gute Nacht dem armen Kinde sagen. Als sie fort waren, kam meine Maria wieder und versicherte mich: daß sie nun getrost mit mir gehe. Ich wünschte ihr gute Nacht. Da hob sich ihre Brust nur, und ihre Augen blinkten vor dem Licht in ihrer Hand, und sie getraute sich nicht, die Augen vor ihrem Vater aufzuschlagen.

Vom Morgen an war nun ein neuer Geist über mich gekommen. Die Zeit zur Abreise war kurz. Ich verzeichnete mir alle Geschäfte, ich theilte sie in die Tage ein. Durch meinen Entschluß zu reisen war mir die Heimath zur Fremde geworden, das Volk selbst zu Gästen im Lande. Ich war wie ernstlich krank geworden. Ich war mir und Andern unnütz, zu jeder Arbeit unwillig, ungeschickt, verdrossen. Daß die Sonne zum Frühling höher und wärmer schien, kam mir überflüßig vor. Aus jährlicher Gewohnheit deckte ich die Weinlaube ab; aber ob die Reben Augen hatten — die Kirschbäume Knospen — ich sah nicht darnach! Daß die Primeln in reichem Flor standen, erregte mir nur Bedauern; daß ich Kinder taufte, junge Paare traute, schien mir ganz überflüßig. Jemanden zu begraben, that mir recht leid. Hier war es ja nicht werth zu leben, nicht werth zu sterben, oder recht werth, und ich segnete die Todten mit gewaltigen Worten ein — mit Zornworten von der Erde, nicht mit Vorbereitungsworten für ihre neue Welt, ihre beßre Welt. Dem Kaiser Karl V. kann nicht so zu Muth gewesen seyn, als er sich lebendig begraben ließ. Denn um mich sangen ganz andere Stimmen! Prophetenworte riefen mich. Den kommenden Vögeln sagte ich: bleibt dort, liebe Kinder! Alle Papiere suchte ich durch, um Jedem jeden Heller zu bezahlen. Ein langes Geschäft. Ich hatte Geld einzufordern. Ein längeres, undankbareres Geschäft. Von nahen und fernen Freunden hatte ich Abschied zu nehmen, und einen lithographirten Brief schämte ich mich an Alle zu schicken. Da mußte Sohn und Tochter schreiben, ich unterschrieb nur. Von den Andern hatte ich in den Zeitungen Abschied genommen. Aber darauf erhielt ich nun Briefe, dringende Bitten: Zehn, Zwanzig, Hundert, Tausend, Zweitausend Menschen mitzunehmen oder nur zu führen! Diese Briefe voll Noth und Klage, schwerer als sie zu ertragen schien, so lange zu ertragen unmöglich schien, ließ ich in Quartbände heften, binden: die Briefe unglückseliger armer Geistlichen, die auf Korn gesetzt, bei Korn fast verhungerten, weil es nicht galt; die Briefe von — bei ihren Gemeinden verhaßten Geistlichen, weil sie in ein gewisses Horn geblasen; Briefe von examinirten oder gleichsam im Examen entseelten — durchgefallenen Candidaten; die Briefe von Rechtsconsulenten, die nächstens zu verhungern versprachen, weil Bauer und Bürger aus Mangel an Geld zu Prozessen lieber gleich alles Unrecht über sich ergehen ließen; Briefe von Hammerwerksbesitzern, die nur noch den großen Hammer besaßen, aber keine eisernen Gänse; Briefe von Gelehrten, Philologen, Schriftstellern, Professoren, Juris-Doctoren, ja sogar die trübseligsten Briefe von Censoren, Waschweibern, Kammerjungfern, von Studenten, Gymnasiasten und Schuljungen sogar! Briefe von armen Bergleuten, die Tagelöhner, Klafterschläger und Stöckeroder geworden, von ihren Frau-Spitzenklöpplerinnen, den Nachkommen der Frau Barbara Uttmann, die für sie nach Brabant gereiset, und für welche ich nach Amerika reisen sollte, als ein Barbarus Uttmann; denn die armen Weiber versicherten, daß sie ihre Männer und Kinder von dem Kleinhandel nicht ernähren könnten, sondern aus Noth das Körbchen Obst, Gemüse, ja Nägel, Blechgeräthe, Schwefel und Zündhölzchen angreifen und veressen müßten. Der Amerikaner, Master Erwin, besuchte mich täglich, oder ich ihn; er war mein neuer Freund, denn die Noth macht Freunde, oder zum Glück, sie hat auch noch Freunde. —Ich sollte nun aller Welt Freund und Erlöser seyn, wie die Briefe sagten; ein abgesetzter Professor der Geschichte titulirte mich den neuen Cadmus oder Pelops; denn die Noth und der Druck in Ägypten möge wohl auch entsetzlich gewesen seyn bis zum Aus-der-Haut-fahren; denn das Vaterland sei die weite Haut des Menschen oder der Leib des Leibes. Das war auch Erwins Meinung; er war nicht recht einverstanden mit meiner Reise, und sprach eines Tages: »Denken Sie sich nur, wenn wir Amerikaner auswandern wollten; wenn wir freien Amerikaner in Deutschland eine Niederlassung gründen wollten, als saurer Sauerteig in das alte Backfaß . . . .«

Ich erschrak billig, wie Tausende oder Hundert doch, vor diesem furchtbaren Gedanken. Aber es schien Ernst dahinter, er verzog keine Miene, gab mir Plan und Ausführung an, und als sie ihm immer schöner und heilsamer, mir immer grausenvoller erschien, frug er mich: Was Wir denn bei Ihnen zu Lande wollten — als abgebackenes Obst oder Mehl, nicht Korn!

Da brachte mir meine Frau zwei Briefe zusammen herein. Ich überflog sie. Ich ließ sie ihn lesen. Und so laut vorgetragen rauschten und zündeten sie ordentlich in der gemeinen Luft, und es kam fast Entsetzen über mich, daß der heilige Äther auch dazu da seyn solle, solch Geistergift und Elend zu tragen — wie das heilige Meer Sclavenschiffe mit dumpfem Gestöhn. Und so zitterte in der Luft der

Brief des Executors.

»Sie gar lieber Herr Pastor, Sie wissen, daß ich im Nachbarland Justizamtmann gewesen, aber untergehen mußte, weil ich keine Arbeit mehr hatte. So habe ich nunmehr hier die allerhöchste, wichtigste Stelle der Justiz erstiegen, als Executor. Nur ein Executor kennt Recht und Unrecht, von Gerechtigkeit will ich nicht reden. Er kennt Milde und Elend, Milde derer, die auf alte Gerechtsame halten, wie mit Händen von Eisen, um nicht um Schloß und — Thür zu kommen, und das Elend derer, die alte Schuld der Zeit und der Menschen, die sie sich im Schlafe der Dummheit und Feigheit haben aufladen lassen, nun mit erwachten Herzen abzahlen sollen. Kurz, ich bin müde, den Leuten die letzte Kuh aus dem Stalle zu nehmen, und die dürren Thiere meilenweit an miserablen Stricken fortzuschleppen und für ein Hundegeld, kein Kuhgeld, erstehen zu sehen von den abscheulichsten, hartherzigsten Stöcken von armen Teufeln, welche aus Noth ein Auge zudrücken müssen, und das Herz im Leibe todt. Ich heiße zwar kein Sclave, aber ich bin ein Seelensclave, ich lebe in der Seelen- und Herzens-Sclaverei, und ich bitte mit dem letzten Tropfen guten Blutes im Herzen, daß Sie mich mitnehmen, und mich für die Kosten der Überfahrt vermiethen, auf tausend Jahre meinetwegen, oder gradezu als leiblichen Sclaven verkaufen, und mir soll wohl seyn. Die alten Deutschen verspielten sich auch und verkauften sich selbst. Meine Seele verkauft meinen Leib. Brot habe ich so nicht. Nehmen Sie mich mit, oder, ich versichre Sie, lieber Herr Pastor, ich habe noch mehr als einen alten Strick, und so morsch er ist — schwer bin ich nicht. Ich stehe draußen vor Ihrer Thür und warte auf Antwort.«

Ich sprang gleich hinaus, sahe den Mann mit seinem verwilderten Barte, Thuiskon und alle alten Götter standen vor mir; ich führte ihn herein. Er mußte sich setzen, und schwieg. Denn der Amerikaner war ins Feuer gekommen und las nun laut den zweiten:

Brief des Schulmeisters.

»Ew. Hochwürden verzeihen, Sie als Christ von Ihrem großgünstigsten Vorhaben abreden zu wollen. Ist gegen allen herkömmlichen Respekt. Aber wo der Respekt in solcher Zeit hingekommen, weiß ich sub fide quasi pastorali nicht anzugeben. Jetzt speculirt man gradezu auf Alles, die Menschheit sogar zu vermindern, was doch stracks gegen das Einzige Gebot läuft, welches der alte Vater im Paradiese gegeben hat: »Seid fruchtbar und mehret euch!« Ein wahrhaft göttliches, ja paradiesisches Gebot! Wie ich denn selber 9 Kinder habe, zwei Mädchen und sieben Söhne, welche für die Prämie von 50 Rthlr. — also 9 Rthlr. 3 Gr. 5 1/7 Pf. pro Sohn — nun, Gott sei Dank! alle bei den Soldaten auf Lebenszeit versorgt sein werden und müssen. So habe ich als Speculant nun gelesen, daß in China Hungerschulen in Flor sind. Erschrecken Sie nicht, Hungerschulen, worin und wodurch man nicht verdächtig und strafbar die Noth sucht abzuwehren, sondern menschlich und hochpreislich zu ertragen. Wer hungern kann, kann gradezu Alles auf Erden. Und Wer hungern will, der will Alles, der ist zufrieden mit Allem, es heiße wie es wolle, ja es sei, was man will. Ich lege Ew. Hochwürden, sub signo solis, einen ausführlichen Plan bei, worin Alles landesmäßig ausgearbeitet ist, aus dem chinesischen Reiche und Clima in unser deutsches Reich oder Clima übersetzt. In China heißen diese respectablen Schulen gradezu Hungerschulen oder Tsing-Long. Ich schlage für uns und die lieben Unsern lieber den Titel vor: Friedensschulen, Geduldschulen, oder höchstens: Magenschulen. Dort existiren sie zu tausenden. Die Studenten darin tragen eine Ehrenkleidung, die nur sie und auch der Kaiser trägt. Sehr gut und exemplarisch. Denn daß bei uns die Armen wissen, daß Fürsten und Fürstinnen, nebst Prinzen und Prinzeßchen, doch zu Zeiten auch Kartoffeln essen und alle Tage Salz, das giebt den Armen einen gewissen Adelstolz, auch wenn sie selber nichts andres haben. Über die Kleidung wollten wir uns nicht streiten, denn das dort Wohlfeile ist hier theuer, und so habe ich Nanking etwas frei mit »roher Leinwand« übersetzt. Climatisch! Oder Schaafpelz? (Der Kälte wegen. Denn hungern und frieren ruinirte alle unsere Schüler, Studenten oder Akademiker; denn dieser Ehrentitel »Akademiker« würde die deutschen armen Schlucker sehr anlocken.) Beispiele von Vornehmen, Adligen u. s. w. würden Wunder wirken, wie der Hof den Dänen das Pferdefleisch zur Probe gegessen hat. Beilage sub signo lunae aber enthält ein vorläufiges Verzeichniß der Studenten und — hier fehlt mir das Wort — etwa der geistlichen Schwestern unserer Gegend. Die ganze Kunst der Chinesen beruht nun auf dem (sonderbar!) deutschen Sprichwort: »Der Hunger ist der beste Koch!« Die Chinesen in sothanen Schulen, Gymnasien oder Akademieen fasten also, geistlich gesprochen, blos so lange, als es nur ein Araber oder Wilder aushalten kann. Der Schmachtriemen hilft nach; Wasser thut Wunder und nährt lange allein, wie man an Pflanzen sieht. Wenn aber keine Kunst, keine Geduld, kein Zureden der angestellten geistlichen und weltlichen Beamten mehr hilft, und auf lange Schwäche endlich Ohnmacht schon eingetreten, dann wird das Zimmer mit Gänsebraten geräuchert, nämlich mit ungebratenem, mit den Federn, die ein prächtiges Gastmahl vermuthen lassen; oder Kinder schreien im Hofe der Anstalt wie ein Kalb und bellen dazu wie ein Hund, als führe ein Fleischer eins heim, oder schlachte es schon; oder es ertönt quickendes und erquickendes Schweinegeschrei, als werde sogar schon ein Schwein geschlachtet. Andere Knaben klopfen mit zwei stumpfen Beilen auf ein Bret, als mache man Wurst. Kurz nach allen Kunststücken der Politik und der Seelenlehre, wenn der Studiosus wirklich zu sterben drohte vor Appetit — dann wird ihm ein wenig — aber was? — Pferdefleisch gebracht, und die gute ehrliche Seele bleibt wieder in ihrem Leibe oder in ihrem irdischen Vaterlande, und läßt sich wieder täuschen. So lernt er, so kann er, wird sanft, mildthätig, lehrfähig, und stiftet dann selbst wieder eine Magenschule in andern eßbegierigen Gegenden, und alle Unzufriedenen, durch Steuern oder Prozesse, oder gar Arbeitslosigkeit zu Grunde Gerichteten gehen in diese dem Lande räthlichen Schulen. Aber erst in unsern Kleinkinderschulen diese wahre Koch- und Eßkunst einzuführen, wäre eine Verbesserung, welche die Sache an der Wurzel angriffe, und bleibt wie die Erfindung derselben uns Abendländern vorbehalten . . . . Ihnen, ich erspare Ihnen und der seelensguten Frau Pastorin Ihre Auswanderung, und 30,000 unwissenden, armen, deutschen, jährlich blos darum Auswandernden, weit sie eine Erfindung der Chinesen nicht ahnen, die ihnen doch Allen so nahe liegt, sich so aufdrängt Tag für Tag. Aber vergebens. Denn die Welt ist blind. . . . .«

So weit hatte der Amerikaner gelesen, laut, und wir sahen uns billig an, und zuckten die Achseln, als der Verfasser, mein braver Schulmeister in Hammersdorf, hereintrat, weil ihn das Vorlesen wie ein Strom in seine eigenen Worte gezogen. Er hatte seinen besten Staat an, ein abgeschabtes, gewandtes, schwarzes Kleid, aber das blasse, redliche, wohlmeinende, kummervolle lange Gesicht, die mild und treu uns anblickenden Augen benahmen uns jeden Gedanken, als den des redlichen frommen Willens in diesem Manne.

»Daß die Natur so weit herabsinken kann bis in eine solche Gestalt, bis in solche Gedanken!« sprach der Amerikaner leise zu mir. »Er scheint seinen — Schulplan schon selbst erprobt, ja probat gefunden zu haben; so himmlisch-chinesisch sieht er aus. Aber das nennen wir in Amerika: Phantasmen! Schlimme Zeichen schlimmer Krankheit! Sogar in unsern Irrenhäusern spuken doch andere Pläne. Solche nicht. Der redliche Mann ist mir wie ein Verwesungszeichen an einem noch Unbegrabenen — den man nun begraben kann! Man begräbt sicher nur einen Todten. Jetzt rathe ich Ihnen mit mir zu reisen! Noch ein anderes Zeichen habe ich unterweges bemerkt. Die Leute, besonders die Männer bei Ihnen und weithin, scheinen nämlich taub. Man muß schreien, ehe sie hören, zweimal es sagen, ehe sie antworten. Das bedeutet Geistesabwesenheit, Versunkenheit. Kurz, wir reisen! —«

Ich sagte ihm, daß der Schulmeister Tolera, als Repräsentant aller möglichen Toleranz, von den armen Schulkindern kein Schulgeld nehme — und der Executor bestätigte, daß er nie Leute für ihn habe auspfänden sollen — daß derselbe mit Kühen handle, Capitale von 3 bis 20 Thalern den Armen negozire, und der Amerikaner rieth mir, diesen Speculanten mitzunehmen; Fracht und Spesen wolle er für ihn tragen. Ich sagte das laut. Tolera nahm es an, und versprach in seinem Eifer die Magenschule in der vereinigten Republik anzulegen, worauf ihm bemerkt ward, daß dort nur die Faulen hungerten, nicht die Fleißigen »und Fleiß ist die Tugend der freien Amerikaner.« Der Schneider brachte mir eben meine Reisesachen, und so konnte ich dem armen Tolera sogleich meinen respectablen Rock schenken, welchen er draußen anzog und sich dann uns präsentirte. Er ging ihm bis auf die Knöchel, aber das gab ihm Würde. Der Executor hätte den Rock gern gehabt, aber er schlug die Augen nieder und weinte fast, denn für ihn schien der Amerikaner nicht Fracht und Spesen tragen zu wollen. — »Das Glück ist selten doppelt,« sprach er, »das Unglück aber oft. Ich mußte oft wegen zwei Schuldposten auspfänden — und ich will es ferner mit Gottes Hülfe.«

Mit Gottes Hülfe! Das verzweifelte Wort entsetzte und rührte mich. Soll Gott zu Druck und Rache helfen? Ich getraute mich, beim General-Vormund ihm die vacante Stelle des glücklichen Meisters Tolera zu verschaffen, damit er lieber ein Executor des göttlichen Willens werde. Das war er zufrieden und fühlte sich glücklich. Master Erwin nahm dagegen mit feinem Lächeln den Schulmeister in Pflicht, zum Heil Amerika’s dort die Hungerschulen einzuführen. Das war er zufrieden und fühlte sich glücklich.

Ich hatte in den Zeitungen von meinen entfernten Freunden Abschied genommen, aber die Nahen konnte ich nicht besuchen. Mein Gott, so sollte ich sie denn hier lassen, dahinten auf immer! Sie sollten alt werden, Staub werden, vergessen seyn! Wahrscheinlich, wie bisher, sahe ich — wenn ich blieb — etwa nur Einen oder den Andern in Jahren, und noch zufällig irgendwo auf eine Stunde! Aber es war doch möglich, daß ich zu ihnen konnte, sie zu mir! Diese beglückende Möglichkeit schnitt ich mir nun ab. Ach, die Möglichkeit! Die Menschen wissen gar nicht, was sie an der bloßen Möglichkeit haben. Oder vielmehr, sie wissen es wohl, Alle überschätzen sogar die Möglichkeit! Weil alles Gute, Freiheit, Friede, Glück, möglich ist — darum halten sie aus wie besessen, so lange es möglich ist, ja meist noch länger, noch schändlicher. Diese Betrachtung stärkte mich recht, wenn ich mit meinem Sohne durch die zwanzig Dorfschaften ritt, deren Ambassadeur ich war. Wie sie so still vor den Thüren saßen, wie sie sich um mich versammelten, die Greise, die Männer, die Weiber und Kinder, die Jungfrauen und Junggesellen! Sie waren Alle ausgewurzelt mit dem Geiste, nur leicht in Erde geschlagen, wie Bäume, die versetzt werden sollen. Aber es war auch schon ein Geist über sie gekommen, wie ich ihn diesen Leuten nie zugetraut hätte, sondern überhaupt nur der Welt und dem Gott, von wannen er ihnen gekommen. Ja die Leute trösteten mich und drängten mich! In Frankreich hatten die Pfaffen wieder einmal dem Volke den jüngsten Tag weiß gemacht und angesetzt. Der Wirrwarr soll aus der Maaßen gewesen seyn. So konnte ich auch an jedem Abend sagen: Ich habe heut seltsame Dinge gesehen. Wie vor dem jüngsten Tage ging es auch hier zu — und wer weiß, wie nahe er ist — nur alles hier geordneter und zu einem vernünftigen Zwecke, wozu eine besondere Thätigkeit nöthig war, kein Heulen und Zähneklappen und Lippengeplärr. Fast Alles, was die guten Leute hatten, war auf die Bedingung verkauft, verschenkt, ja durch Testamente vermacht an Andere, Bleibende, Herziehende, wenn ich ihnen Nachricht sendete, Freudennachricht: »Ihr Menschen kommt! Ich habe gefunden, was Ihr gesucht, seit Eure Väter aus Indien gezogen, so viel tausend Jahre sie hier sich versessen, und am Teich Bethesda gelegen, den kein Engel bewegt, geschweige ein schwarzer Engel oder mehrere.« Sie betrachteten den Amerikaner, wie ohngefähr die Peruaner einst einen weißen Sohn der Sonne, der zaubern könne. Und so thaten wirklich seine einfachen, graden, wahren Worte, keine Versprechungen. Selber der kleine Landesherr würde keinen solchen Eindruck mehr auf sie gemacht haben, wie Er. Ich seufzte und schwieg. Mein Sohn ging statt rothweltlich nunmehr wiederum schwarzgeistlich; auch den Schnurr- und Schnauzbart hatte ich ihm im Schlafe abrasirt, versteht sich in Eil nur ein Wenig davon, nur die Hälfte auf einer Seite, und die andere Hälfte mußte er Schande halber am Morgen dann selbst cassiren. Alles Volk kam mir auch wie von einem guten Vater jetzt so halb rasirt vor, und die Schande des Halben wird alles Halbe nun selbst rasiren. Wie lange saß ich selber nicht eingeseift! Ich ermahnte die guten Leute zu Geduld, und sie frugen mich fast wehmüthig, ob sie nicht Geduld gelernt hätten, und nun eben erst recht beweisen wollten dadurch, daß sie wegzögen? Ich hatte mich mit den Anordnern von Auswanderungen in vielen andern Gegenden in Verbindung, gesetzt; mit den sehr löblichen Anordnern und Versorgern der Auswanderer aus der Schweiz, aus Würtemberg, aus Rheinbaiern, den Rheinprovinzen, aus Hessen und Sachsen, und manches Gute erfahren, auch Bücher zugesandt erhalten, viele von den Verfassern selbst; denn welcher Deutsche meint es nicht selbst mit dem Teufel gut — wie Klopstock mit dem bösen Engel — geschweige mit Deutschen. Diese Bücher vertheilte ich nun in alle die Dörfer so, daß sie wechselten und Jedes in jedem den Gemeinden an den Sonntagen vorgelesen wurde. Als: Kromme’s Reise durch die vereinigten Staaten; Klinkhardts Reise nach Nordamerika; das herrliche: »Michigan«, ein Wegweiser für Auswanderer; »Illinois«, ein Wegweiser für Einwanderer; (schön gesagt: ein statt aus, denn wer auswandert, thut es eben blos um einzuwandern) »Leben und Sitten in Amerika«; — »Missouri, ein Wegweiser für Einwanderer«; — »Doctor August Neanders Richard Boxter«; — »Kurze Schilderung der Nordamerikanischen Staaten nebst ausführlichen Vorsichtsregeln für Auswanderer, von Witte«; — »Der Nordamerikanische Rathgeber von Gerke«; — »Der vollkommene Nordamerikaner, von Dalp aus Bern.« (Das bis jetzt beste Buch von allen). Und so manche andere Bücher und Charten. Auch hatte ich mir selbst eine enorme Charte der vereinigten Staaten zusammengemalt, eine Specialcharte, illuminirt, so groß, wie ein Scheuntenne, und auf ein Tenne ließ ich sie breiten, und mein bester Schulmeister Tolera erklärte sie mit einem Rechenstiele den Zuschauern im leeren Bansen. Abends fand ich gewöhnlich Handwerker mit ihren Weibern bei mir; und selbst ein sonst immer betrunkener Schlosser war so feierlich-nüchtern, so weiß gewaschen, verständig, so wohl gekleidet und artig, voll vom Gefühl, daß sie nach Amerika wollten — als wenn sie wegen einer edlen That sollten zu einem König zur Tafel gehen, und bei mir Probe äßen, denn ich behielt die guten Leute zu Tische. Meine Tochter Maria hatte ihre Kleider, und Alles, was ich von Weiberhand bedurfte, selbst fleißig gemacht und fertig. Die Mutter hatte keine Hand dabei angelegt. Mein Sohn Marbod war in meine Stelle eingewiesen. Ihr ward noch kein Auge feucht. Erst als ich am Auferstehungstage meine letzte Predigt gehalten, als ich den Leuten das Abendmahl ausgetheilt und es selbst genommen, noch einmal den lieben Ort, die versammelten Menschen, die Apostel über mir im Gewölbe angesehen, und die Altarstufen hinunter gewankt und über die Gräber nach Hause geeilt war, und meiner Frau um den Hals fiel, da glaubte sie mir — denn sie war in der Kirche gewesen und, aus Wehmuth, vor mir nach Hause geeilt. Als sie sich ausgeweint hatte, stand sie, düster zur Erde blickend, glühend im Gesicht, und sprach zuletzt: »Das hätte ich nicht von Dir geglaubt, daß Du mich verlassen würdest . . . .«

Und ich nicht von Dir, sprach ich gestärkt, und bat und drängte sie, mitzukommen.

»Siehe,« sprach sie aufblickend, »soll ich es denn sagen? Wie elend haben wir Jahre lang uns durchgebracht, wie schwer die Kinder erzogen! Denn was Ältern jetzt auf Kinder wenden wollen, das müssen sie sich abdarben. Ihr Geistlichen seid zumeist auf Korn und Hafer gesetzt — auf Geld sitzt Ihr nicht; höchstens auf den paar Groschen für Trauen und Taufen; zum Abendmahl gehen Viele nicht, weil sie es bezahlen müssen — und Korn und Hafer gilt nicht, und von Brot lebt man heut zu Tag nicht — und so haben wir schändlich genug auf den Tod meiner alten Muhme, der Frau von Gaispitzheim in Breslau, gewartet; aber heute lebt sie noch und sitzt auf ihren drei Tonnen Goldes. Gehe ich nun . . . sterbe ich vielleicht, so bekommen unsere Kinder Nichts! Und die armen drei Kinder müssen sich eben so plagen, so darben und dulden wie wir. In Breslau liegt Amerika für mich! Also weil ich redlich als Mutter denke, darum bleibe ich! — Sprich nicht, ich bin kein gutes Weib, oder gar: ich scheide mich von Dir. Du scheidest Dich ja auch nicht von mir — das weiß ich — Du gehest nur! Ach, darum gehe, und gehe getrost, und laß mich getrost. Nur Eins wäre schlimm, und ein schlimmer Betrug, wenn ich bliebe und doch vor der Erblasserin stürbe. Dann gedenke mein! Ich habe es gut gemeint.«

Darauf gab sie sich mir wieder hin. Ich fühlte ihre Nähe, ihr Glühen, ihre Liebe, Ihren Besitz. Die helle schöne Sonne schien uns Beide an, wir hatten zwei Schatten, aber Ein Herz für die Unsern — Wen wir jedes denn für die Unsern hielten! Wie wir es Beide denn gut mit ihnen zu meinen glaubten. Und von ihren heißen Worten schmolz mein Verdacht, als bliebe sie nur weil sie eine Adlige war, und sie wußte, daß ein Adliger eben grade viel weniger in den Freistaaten gilt, als ein verständiger Bauer, und alle Europäische Thorheit, wie türkische Pantoffeln vor dem Gotteshause, auf dem Strande von Amerika abgelegt werden muß, wenn Jemand noch so halsstarrig gewesen, sie nicht zu Hause abzulegen, oder auf der tausend Meilen langen Bußreise durch die Meereswüste, und da sie Gott und Menschen, selbst Wallfischen und Gestirnen abzubitten. Mir war also ein Stein vom Herzen, aber ein anderer darauf gewälzt — mit sehenden Augen, mit Liebe im Herzen, bei lebendigem Leibe und vollem Verstande von meinem Weibe zu scheiden. Denn meine Trennung war einer Scheidung wenigstens gleich! Aber ich hatte mein Wort gegeben, ja meine Seele, das heißt: meine Überzeugung, und so schied ich mich als Geistlicher mit den gebräuchlichen Worten von ihr; aber sie war dazu vor mir niedergeknieet — und ich knieete zuletzt auch zu ihr, und wir hielten uns an den Händen und sahen uns an einander noch einmal satt. Da hörten wir den Gustav Adolph gelaufen kommen. Wir standen gefaßt auf. Und daß der Knabe bei der Mutter bleiben sollte, — weil er wollte, war mir nun lieb; denn sie blieb bei unserem Sohne Marbod, und wenn Dieser nun droben über ihr in der Studirstube umher ging, konnte sie denken: Ich bin’s. Bis sie weinte und sprach, ach, Er ist es nicht, Der ist geschieden! Aber ich will ihm alle Jahre schreiben zur Christbescherung und er schreibt mir, und wenn die Dörfer nachwandern, wandre ich mit . . . . oder schiffe nach! —

Drauf saßen wir Alle vereint, die Henkersmahlzeit zu essen. Da ereignete sich noch eine kurze Scene. Nun, da meine Mirjam mit weggehen sollte, jetzt war es meinem Diakonus Bierey eingefallen sie zu heirathen. Er kam noch vor Tische und hielt um sie an. Ich überließ die Antwort meiner Tochter, die ihm Ja sagte — wenn er mitgehen wollte. »In Amerika soll das vortrefflichste Bier seyn,« sprach er, »auch Wein schon. Das lockt mich sehr; aber dort bin ich von der Gemeinde absetzbar, und meine Einkünfte hängen von der Vortrefflichkeit meiner Predigten ab — und da man sich auspredigt, und alle Jahre schlechter — schlecht will ich nicht sagen — so will ich doch in meinem Europäischen schwarzen Talar stecken bleiben — so leid es mir thut, beste Maria! Nun heirathe ich in meinem Leben nicht, denn es war nur so ein Einfall, aus Neid gewiß nur, denn das Lagerbier ist noch zu jung und bekommt mir nicht. Also ein Einfall aus Neid, aus was Sie wollen, nur machen Sie mich nicht lächerlich, daß ich derber Vierziger habe heirathen wollen. Es würde mir schlecht gegangen seyn!«

Mit den letzten Worten meinte er seine bewährte Antipathie gegen die Mäßigkeitsvereine, nicht gegen die verschiedenen trinkbaren Stoffe, wogegen sie errichtet sind. In Amerika hätte er nun vielleicht gar an die Spitze eines solchen Vereines treten sollen. Er mußte, als Dank von meiner Seite, mein Gast seyn. Die Baronesse schickte mir zur Henkersmahlzeit mit den Meinen sechs Flaschen edlen Wein; und schon bei der zweiten hatte er seine neue Liebschaft über die alte vergessen. Was uns aber traurig überraschte — sechs sehr artige, liebe, wohlerzogene Jungfrauen, die Töchter des uns bekannten, verarmten und als Wittwer begrabenen Eisengußwerkdirectors Horazius kamen reisefertig, und baten mich, daß sie blos unter meinem Schutze mitreisen dürften. Sie wollten sich ungekannt drüben vermiethen — hier schämten sie sich. Sie zeigten mir ihre sechs kleinen Beutelchen mit dem Gelde zur Überfahrt. Es ward ein Taufen angesagt; der Diakonus empfahl sich uns allen und seinen lieben sechs Muhmen — und wünschte uns: glückliche Reise! Es ist kein Zweifel, wer das Sterben erfunden, der hat auch das Abschiednehmen erdacht, es geschieht alle Tage auf der ganzen Erde gewiß tausendfach, aber ich glaube hauptsächlich nur deswegen, daß der Mensch recht empfinden soll, was er besitzt, besessen hat, und in Wahrheit doch behält, sonst würde es bei allen bittern Schmerzen doch nicht zugleich ja gar so selig seyn! »Wir behalten uns!« sprach ich schon immer im Voraus, indem ich in der Stube auf und abging, bald meine — ach was denn! meine Kupferstiche ja nicht mehr — an der Wand ansah, bald meine Mirjam, die, auf dem Sofa sitzend, eine Hand der Mutter gegeben hatte, eine Hand ihrer Jugendfreundin, der Baronesse. Darum ist mein zweiter Hauptrath zum Auswandern: Nehme Jeder alle die Seinen mit! Sonst scheidet er nicht, nein, er schneidet sich entzwei, kommt mit dem verdrossenen Leibe drüben an, und hat die Seele zu Hause gelassen. Wo alle die Unsern sind, da ist es zuletzt überall schön oder doch gut genug. Kinder aber scheiden noch leicht und verlieren noch unbekümmert. Denn mein dummer Junge, mein Gustav Adolph, malte lieber Ostereier, als daß er eine Viertelstunde neben mir gesessen hätte, um meine letzten väterlichen Worte anzuhören! Kinder sind Etwas, sind Viel — und auch Nichts! Unsere Stube war voll vornehmes Abschiedsgesindel, Gevattern, Pathen, Anverwandte. Alles Weltneugierige. Die Menschen können Keinen sterben lassen, er muß ihnen wenigstens noch 12 mal 12 multipliciren; sie müssen ihn trösten, bedauern, vergeben, kränken und zu rechte rücken; sie können Keinen scheiden lassen, sie müssen ihm das Leben schwer und die Zunge leicht machen. Ich ging also indeß auch Abschied, nehmen — zu meinen Büchern. Hilf Gott! wie überfiel es mich da! Ich weinte bitterlich! Aber sonderbar, wie ein Sterbender that ich einen befreiten Blick über die armen Geister. Viel Freude ist in unsrer Literatur nicht, das Meiste: Bedürfniß, Noth, Hülfe. Es ging mir ein Licht auf; ich möchte sagen, ein bitteres. Kein Mensch schreibt mehr aufrichtig! Höchstens ein Mediciner, ein Bohneneinsalzer. Keine Geographie, keine Geschichte ist aufrichtig, was verdient Aufrichtigkeit genannt zu werden. Und da nun Jeder anders fühlt und denkt, so seufzte ich schwer: Ach, mit der Aufrichtigkeit stirbt die Treue, mit der Treue stirbt der Mensch. —

»Sind wir Menschen?« frug eine höhnische Stimme, wie der Teufel, hinter mir, und ich sahe mich um. Aber nun auch, wie viel war ich los und warf ich ab: zuerst alle Landcharten, Rußland, Türkei, Kirchenstaat, Spanien, Portugal, selber Deutschland! Alle Journale fielen von mir ab, wie angeklebte Bilder von einem als Bildermann maskirten Apotheker. Alle Zeitungen, alle Kirchenzeitungen, denn nur noch eine Teufelszeitung fehlt — zerfielen in ihren deutschen Staub, Gott sei Dank! Ich war wie neugeboren. Alle Philosophie, die zuletzt nur dem Papst den Pantoffel flickte. Selbst alle Dichter. Und wie im Himmelsfeuer stand mir Göthe auf seinem Tabor verklärt. Denn sonderbar, unser Matador, der manchen Stier erlegt, unser Dichterfürst, was hat er wiederum in seinem besten, schönsten Werk, dem Wilhelm Meister, anders angelegt — und vollständig in den schwer verkannten Wanderjahren gelehrt — als die Auswanderung! Die Auswanderung! Derselbe, der Herrmann und Dorothee das einzig hülfreiche Wort zur Zeit sprach: Dächten Alle wie ich, so stände die Macht gegen die Macht auf, und wir erfreuten uns Alle des Friedens. Könnte man sich manche Deutschen so dumm denken, daß ein Mann wie Göthe, genährt mit dem Mark der alten Welt, und in Leib und Herzen und Geist das Mark der Natur, ein Mann, der für sich gar herrlich wußte frei zu seyn, und sich aus Allem los zu ringen, so vernagelt, so neidisch, so niederträchtig gelebt und gedacht, nicht Allen Andern das zu gönnen, was ihm allein nichts helfen konnte? In Amerika will ich ein Büchlein ediren »der Volksfreund von Goethe,« der seine ungeheuren Worte frei machen soll. Ja, ich getraute mich, durch Auszüge und Zusammenstellungen seiner schlagenden und erschlagenden Blitze ihn gradezu auf eine der beliebtesten Vestungen zu bringen, wenn er nicht sicher in der Fürstengruft ruhte. — Sicher? — Hat man nicht schon gesagt, er werde wieder hinaus practicirt werden? Weil auch der Staub verschieden sei . . . . weil auch noch die Feder der todten Taube sich vor der Feder des todten Habichts krümme, also krümmen müsse. Fahret hin! sprach ich lachend. Ich fahre auch hin. Aber zur Mitgift auf die Reise stach ich mit dem Finger blind in ein Buch, dachte dabei an Amerika, blickte dann hin und las mit Rührung die schöne tröstliche Stelle in Iphigenia:

»Denken die Himmlischen

Einem der Erdgebornen

Viele Verwirrungen zu,

Und bereiten sie ihm

Von der Freude zu Schmerzen

Tief-erschütternden Übergang;

Dann erziehen sie ihm

In der Nähe der Stadt,

Oder an fernem Gestade

Daß in Stunden der Noth

Auch die Hülfe bereit sei —

Einen ruhigen Freund

Ich küßte den Band und ließ ihn wie Honig in einem absterbenden Baume. Die größte Aufgabe der Indier während ihres Lagers im sogenannten Deutschland scheint mir die Läuterung des durch die herrschsüchtigen Neu-Römer verfälschten Christenthums, und so nahm ich als reines Facit nur »D. August Neanders Werke« und »Reinhards Plan Jesu« mit mir. Von weltlichen Büchern aber ein Buch — wozu ein Volk von Gelehrten gehörte, also die Deutschen, und Jahrtausend alte und reiche Kenntniß es zu schreiben — eine Bibliothek in Einem Werke, mit einem Wort: die unschätzbare »Encyclopädie von Gruber und Ersch.« Wenn einmal ein auf Welt-Unkosten reisender himmlischer Regierungsrath, oder himmlischer geheimer Consistorial-Assessor käme, und auf der Erde Schulexamen ihrer Kinder vorgehalten haben wollte, oder Adam früge: wie viel wissen denn nun meine Kinder durch die Frucht vom Baume der Erkenntniß; so thäte man füglich am kürzesten, dem Vater Adam oder dem himmlischen Regierungsrath oder himmlischen Ober-Consistorial-Assessor die Encyclopädie von Gruber und Ersch als Scriptum der geistreichen Kinder zur Einsicht und Kenntnißnahme gehorsamst darzureichen. Und der Bericht an die Weltregierung, das große Ministerium des wahren Cultus, würde glänzend ausfallen.

Jetzt Abends brachten mir arme Bürger eine Musik. Ich weiß nicht, ich bin bei allen Dingen standhaft, sie kommen mir alle noch weltlich, oberflächlich, menschlich vor. Aber, so wie Musik erschallt, wie Klänge aus der gewöhnlichen Menschenluft da draußen sich regen und hervorbrechen wie rosige Blitze aus Wolken, und wie Donnergemurr und Gottes Rede aus Wolken — dann bin ich hin, dann bin ich erweicht, und die Geister machen mit mir was sie wollen, und das Ereigniß erscheint nun geweiht, es geschieht nun im ewigen schönen geheimen Leben; die Geister des Himmels wissen darum, sie loben, sie preisen, sie verherrlichen es mit ihren Engelszungen, und nur mit höchster Überwindung bring’ ich’s dahin, dazu und darein zu singen, und wenn mir’s gelingt, dann lebe ich mit in dem Leben der himmlischen Heerschaaren! Und nun sangen sie gar: »Befiehl du deine Wege!« . . . und mit erhöhter gewaltiger Stimme: »Und ob gleich alle Teufel hier wollten widerstehn, so wird doch ohne Zweifel Gott nicht zurücke gehn. Was Er sich fürgenommen, und was Er haben will, das muß doch endlich kommen zu seinem Zweck und Ziel!« . . . und das Kraftwort: »Mach’ End, o Herr, mach’ Ende an aller unser Noth!« — Da trat der General-Vormund mit meiner lieben Lehrtochter, der Baronesse, zu mir Einsamen herein. Sie wünschten mir Glück, sie empfahlen sich meiner Gunst und Vorsorge. Denn er übergab mir 2000 Guineen als Privateigenthum seiner Mündel, das in der englischen Bank gestanden und den Gläubigern nie mit gehört habe — nur die Baronie — und auf den Fall, daß sie den Gläubigern ganz gehören werde, sollte ich dem armen Kinde reicher Ahnen, der jungen Baronesse, drüben wieder ein Stück Amerika kaufen, so groß es für das Geld seyn werde und könne. Kaufen aber sollte ich jedenfalls; »denn,« sprach der General-Vormund, »in Zeiten muß Jeder für seinen Fall besorgt seyn. Vorsorge ist die wahre Sorge. Alles Andere ist Kummer und Noth.« — Dagegen versprachen sie mir, für meinen Sohn alles Mögliche zu thun, und meiner — Strohwittwe Freude zu machen, die eigentlich nur um des geliebten Sohnes willen dableibe — und die Freysingen gab mir ihr Händchen darauf, aber sie zitterte, sie war erröthet und ihre Augen schlug sie schüchtern nieder und ein Lächeln schwebte über ihr Gesicht und — ich segnete sie . . . . . wenn mein Vaterherz sie recht verstanden hatte, und sie weinte.

»Ja, es ist ein Elend,« stöhnte der General-Vormund; »die alten Burgen wäscht der Regen herunter, und auch alle die Herren von »»die Herren von Hab’ und Gut«« — führt der Himmel auch herab unter die Menschenkinder.«

Am schwersten schien mir der Abschied von meiner alten lieben Großmutter, die in dem Alter von 88 Jahren und staarblind in meinem Hause lebte, still und ungemerkt. Aber er ward mir am leichtesten. Denn die gute Alte segnete meinen Gang und sprach: »Du hast wohl einmal gehört, mein Kind, daß mein jüngster Sohn August, um mich als Wittwe zu kränken, von mir gegangen ist nach Amerika. Das hab’ ich aus Rotterdam erfahren. Er war kaum Chirurgus. Meine Augen waren immer schwach; er wollte mich heilen und sein Mittel machte mich blind. Da stieß ich harte Worte im ersten Schrecken gegen ihn aus. Er solle aus meinen Augen gehn! Ich wolle ihn nicht mehr sehn! — Ich will Sie nicht mehr sehen, meine Mutter; ich kann es auch nicht! sprach er und floh. Mein Gesicht kam wieder. Er blieb fort. Nun bin ich blind! Nun kann er kommen! So lange habe ich gelebt, ihn wieder zu sehen! Und gieb Acht, er lebt noch, Du findest ihn! Ja, so lange sterbe ich nicht, bis er kommt. Und Du kommst auch wieder, mein Sohn!«

Nach Allem endlich schliefen wir zum letzten Male im Hause zusammen. O das letzte Lichtauslöschen! Das letzte Gute-Nachtsagen! Und die Glockenschläge der alten Uhr vom alten Thurme! Und das letzte Tagabrufen des Nachtwächters! O die Welt ist entsetzlich tief und schauerlich! Und das Menschenherz ist sehr stark, und unzerreißbar von allen Erdbeben und Stürmen, die unter Gewitterwolken es zittern und klingen lassen von unbegreiflichen, hinreißenden Melodieen des Lebens. Und die Träume kamen; die alten Träume, die weinenden, kamen lachend; und die neuen Träume, die lachenden, kamen weinend! Und ich schlummerte ein wenig, und die Träume weinten viel, aber die Thränen standen am Morgen mir in den Augen. Und ich dachte, so ist schon Hunderttausenden gewesen, in alten Tagen und neuen! So wird noch Millionen seyn, so Gott will. Alle Thüren im Hause standen offen, als ginge es auf einen großen Jahrmarkt . . . . ich jagte noch unser Rothkehlchen hinaus in die Freiheit; ich lies den Zeisig aus dem Gebauer in die Freiheit — die Katze blieb und der Hund lief mit! Und sonderbar — ich schied von Nichts und von Niemand schwerer, als von Jemand, den ich doch mit mir nahm — von meiner Tochter! Wohl weil ich sah, wie sie Mutter und Bruder und Heimath verlor. Man muß die Augen zumachen wie ein Todter, den man hinausträgt, sprach ich zu mir. Mit offenen Augen schiede er selber schwer! —

»Du kommst wieder!« sprach mein Weib zum Abschiedswort, und blieb fest in der Hausthür stehen, »Komm’ wieder, Vater!« sprach mein Knabe, und kroch mir noch in den Wagen nach, um mich noch einmal zu küssen; — denn ich hatte Pfefferkuchen bei mir!

Ein Wagen ist so dumm nicht erdacht; nach hinten und an den Seiten zu — nur nach vorn, nach der Zukunft offen! Die Tochter saß neben mir, mein Schulmeister gegenüber und mein ältester Sohn, der mich begleitete. Der Schwager stieß in sein Horn . . . . mein Gott! ich hatte die Nacht noch Abschied nehmen wollen von Vater und Mutter auf dem Kirchhof — und nun mußte ich denken: wir lassen nur Staub hier; was die Todten uns gewesen und was sie noch sind, das besitzen wir, das sind wir selbst, das nehmen wir mit. Sie waren auch überhaupt nicht von hier — sie sind auch noch weiter ausgewandert! Sie mußten. Wir müssen. Und in den frischen Morgen klang das Horn in den Wald hinein, in den Gesang der Vögel, den Berg hinan, dann den Fluß entlang — und die stillen Wellen reiseten ja alle so Tag und Nacht, so still nach dem Ocean! Die Morgensonne trat auf die Berge und lächelte uns an, die große Reisende, die gestern das Land gesehen, wohin wir wollten, und sie leuchtete uns dazu, gewiß dazu! Meine Frau hatte mir ein Blatt Papier beim Scheiden gegeben, ich entfaltete es; es war ein Notenblatt, das Lied: »Dir folgen meine Thränen!« Da that ich einen Morgenschlaf im Wagen, und die Ändern wurden still, und schliefen wohl auch. O Schlaf! Zwei Augen zu — und die Welt ist still, und das Herz wird leicht und rein, als schmölze der Schlaf es ein, läuterte das Gold, und gösse es nun in die Form des neuen Tages, die ihm die Hoffnung gegeben und reizend geschmückt. Im bestimmten Nachtquartier fanden wir uns mit dem Amerikaner und seinem Neger Wilberforce zusammen. Als er auch meine Mirjam aussteigen sah, schien er sehr froh — er diente ihr höflich-amerikanisch; er frug lächelnd: ob nicht der Diaconus mitgekommen? Sie sah ihn an, er sie; und sie errötheten Beide so flüchtig, wie eine Schwalbe vorüberfliegt. So kamen wir nach und nach, geschwind genug, durch vieler Herren Staaten, über Grenzen und Grenzen, durch mannigfarbig bemalte Schlagbäume, erhielten mancherlei kleines Geld heraus und bekamen nach mancherlei Ellen gemessen. Wir sahen das Bewegen, das Hinundherregen, das Umherdrehen von Soldaten, Fuhrleuten, Landleuten. Nur zu einer Übung in allerhand Privatkleidern sagte der Amerikaner: »Vergessen Sie das nicht!«

Und als wir so viele mißmuthige, verdroßne Gesichter gesehen, und wenig von Lust und Freude gehört, sagte er wieder: »Vergessen Sie das nicht! wenn Sie unsere Gesichter sehen. Kind und Greis sehen einerlei gleichgültig aus, und innerliche Betrachtungen und Überlegungen hemmen Hand und Fuß und Auge und Leben. So tanzen wir auch noch nicht. Die Seele ist zu steif dazu.«

Endlich eines Abends überholten wir in einem dünnen Walde, im Sandweg, Auswanderer! Deutsche Auswanderer nach Amerika. Scheckige Ochsen zogen langsam einen Wagen fort, darauf Grabscheite, Hacken, ein Gebund Betten und kleine Kinder saßen, während die Väter, Mütter, Söhne und Töchter von drei Familien nebenher zu Fuße gingen. Ein andrer Wagen mit Pferden fuhr die letzten oder ersten nöthigsten Sachen, Säckchen mit Sämereien und allerhand Zusammengehäuftes von mehreren Haushaltungen. Wenn Swift ein Gebet über den Besenstiel verfertigt, so wäre mir gewiß jetzt ein rührenderes »Gebet über ein Grabscheit« gelungen, deren Eisen mich glänzend anblitzte. Die Leute gingen anständig gekleidet, aber stumm, wie der Sprache beraubt. Nur eine Jungfrau frug uns: »Wie weit ist noch Bremen?«

Dort liegt es ja! antwortete ich selber überrascht. Die Wagen hielten, die Männer nahmen ihre Mützen ab, Alle falteten die Hände und beteten ein stilles Vaterunser, ein Walte-Gott, oder ein: Nun danket alle Gott! vermuth’ ich. Nun standen die Thürme der Stadt uns auf aus der Hoffnung, der hohe Angariusthurm, die Liebfrauenkirche, das Rathhaus, die Domkirche, die Sternwarte, alles in dem geschmückten grünen Wall umher wie Spielsachen in dem Raum eines Geburtstagskuchens. Dann die Masten der Schiffe! Seiler spannen hier Schifsstaue; dort schmiedeten Männer in Hemden große Anker. Dann umfing uns die enge Straße mit Häusern voll Erkern, über und über vorn mit Fenstern, wie eine streifige gläserne Weste, die Gott vor Schloßen bewahren möge. Endlich die lange Brücke, die liebe Weser und das große Wasserrad. Ein schöner junger Mensch begegnete uns, der unwillkürlich sein englisches Pferd anhielt, wohlwollend, ja fast zärtlich uns . . . ich glaube, zumeist meine Tochter, ansah, den Kopf senkte und dann erst still des Weges ritt. Zufall! Schicksal!

Denn mein lieber Master Erwin kehrte bei einem Handelsfreunde ein; ich, bei meinem redlichen, guten, besten Freunde, dem Doctor Professor Weber. Wir stiegen hinauf, er kannte mich nicht; ich aber wußte, daß er es war, ich brachte ihm Grüße von meinem Bruder, den ich gar nicht habe — und nun fiel er mir um den Hals. Seine schönen Kinder standen um uns und hielten den Athem an — meine Tochter hatte er nicht gesehen, und es ist wohl die eigenste Befriedigung, die schönste Lösung des heiligen Lebensräthsels: einem Freunde die erwachsene Tochter zu bringen, zu zeigen. Und das gute Mädchen stand vor ihm befangen, ja gefangen da, wie eine unbewußte Schuldnerin von unabwehrbarer Neigung und Liebe, die ich dem theuren Freunde im Herzen bewahrte. Er führte sie zu seinem Weibe, der auch ich gleich wie ein naher Verwandter war; und meine Augen hingen an seinen Knaben, wie an Ablegern einer köstlichen Nelke, die der Gärtner bisher nur immer allein gesehen hat! Und nun hat sie sich verdoppelt, vervierfacht, verjüngt, verschönt. Er fand mich im Verlieren, ich wollte nach Amerika, und die Glocke der Freude zersprang. Und so sagte er mir im Vertrauen, daß sein werther Freund und Gönner, der Graf B . . . . . St . . . . . . . ihm den jungen, incognito hierher gekommenen Prinzen empfohlen, der neben ihm wohne und den Titel eines Herzogs in seiner ursprünglichen Bedeutung den Deutschen auffrischen wolle — und als Führer der Auswanderer aus seinem nicht gar großen Ländchen auftreten, da sein Vater sich noch nicht entschließen könne, dem das Amt eigentlich zukomme. Denn, sage er, mit einem Schwarm junger Bienen, welche den alten Mutterstock verlassen, und in die neue, von den Spurbienen gesuchte Bäute schwärmen, zieht nicht ein junger Weisel, sondern der alte erfahrene Weisel des Stockes, als rührendes Beispiel für Menschen! Die Herzöge der alten Deutschen seien es auch nur für die Zeit des Zuges oder der That gewesen, und in dem drüben angekauften freien Lande möchten ihn die Seinen nun ferner zum Haupt wählen, oder einen Andern, wenn er nur brüderlich für sie gesorgt, bis wo sie sein und des Vaters nicht mehr bedürften. Er meine eine große, deutsche, zeitgemäße That dadurch zu thun, indem er mit Willen und Liebe sich an die Spitze der Bewegung stelle; aber sein Vater wolle ihn davon abhalten, und werde dieser Tage in Bremen eintreffen, »um den so guten, edlen, feurigen, jungen Sohn auf gute Weise zurückzuführen und wieder einzuspannen in den alten schweren Wagen von Europa, von dem Niemand wisse, wohin er fahre, nur wie schlecht der Weg sei —« wie er selbst ihm geschrieben. Übrigens lagern Tausende von Auswanderern so eben jenseits der Altstadt, nach Elsfleth zu, die ich lieber sogleich gesehen und ausgefragt hätte. Da kam der junge Prinz gesprengt, er sprang ab, er kam herauf, und überrascht, uns . . . . ich muß es sagen . . . . meine Mirjam hier zu finden, sah er noch einmal so schwärmerisch schön aus, seine Augen leuchteten, aber seine Anrede verwirrte sich, selbst sein Gruß stockte, seine Frage blieb aus, und er schlug die Augen wie ein Mädchen zur Erde. Im Geiste hatte er schon seinen Titel abgelegt, und dem gewünschten Incognito gemäß, lernten wir ihn nur als Herrn Leuthold kennen! Leuthold — Publicola — der Name machte mir ihn werth; und als er nun hörte, daß ich die armen Einwohner von zwanzig großen Dörfern hinübersiedeln wolle, überschüttete er mich mit einer Masse von wohlgegründeten Nachrichten aus redlicher Männer Munde, drückte mir die Hände, und es ward verabredet, das Lager der Auswanderer gegen Abend zu besuchen, und auf dem Pianoforte spielte er mir den unvergleichlich rührenden »Gesang der Pilger« aus Hasses Pilgerinnen vor, und sang dazu mit feuchten Augen und bebender Stimme. Ungern schied ich indeß. Denn ich hatte die eben angekommenen sechs Freundinnen meiner Tochter unterzubringen, die sich drüben vermiethen wollten.

Gegen Abend also gingen wir dann. Ich mit dem Freunde; der Prinz führte meine Tochter und sprach in seinem Feuer mit edlem Anstand zwar, doch wenig verhalten zu ihr — als uns der Amerikaner begegnete und als Freund sich uns anschloß. Er gesellte sich aber zu mir, ging mit mir hinter dem Paare, und sahe ernst und blaß aus und sprach nicht, und sahe bisweilen murmelnd lange starr zu Boden, als schimmere ihm unter der Erde ein großes Buch, dessen Schrift er mit Gewalt entziffern wolle. Der immer vorsichtige Mann stolperte jetzt sogar. Zuletzt trug er, wie ich wohl bemerkte, erst Eine, dann beide geballte Fäuste in der Tasche. Wilberforce, sein Neger, sahe, wie ein treuer Hund nach dem Jäger sieht, gespannt nach den Augen seines Herrn. Er frug endlich, doch leise, meinen Freund, wer der junge Gentleman sei, der die Miß vor ihnen führe. . . . . . »Der Prinz . . .« sagte ich ihm, zwar leis, doch etwas unvorsichtig, und er hörte es kaum halb, als ihm recht wohl schien. Es stand ein Lächeln auf seinem Gesicht, das ganz Europa weglächelte, ein kostbares Lächeln, das mich hinriß. Aber meine Tochter war noch Gänschen genug und noch von keinem Prinzen und so verbindlich geführt worden, und ich als Herr Vater und Unterthan steckte auch noch so tief in der Eselshaut, daß ich keine Scene, besonders nicht gleich und hier auf der Straße besorgte. Der schätzbare Master Erwin aber nahm mich unter den Arm, hielt mich zurück, als wolle er mir etwas zeigen; und als die Übrigen voraus genug waren, frug er mich ehrerbietig und lüftete den Hut dazu: »Wollen Sie mir Ihre Tochter gönnen?«

Wie so? — frug ich.

»Zur Hausfrau! — meine ich.«

Ich wußte, wie meine Tochter dachte und fühlte. Ich gestand ihm das; aber auch, daß sie ihm, daß sie der je ihr eignen und freien Neigung entsagt — weil er Sclaven — hundert — fünfhundert Sclaven habe.

Der Mensch in dem Amerikaner, in dem Kaufmann und reichen Plantagenbesitzer ward roth. Er preßte die Lippen zusammen, blickte mit starren Augen ein inneres Bild vor seiner Seele an, und sprach dann: »Schon gut! meine ich. Also Sie meinen sonst Ja?«

Ich zuckte, eigentlich wunderbar froh die Achseln und meinte: Ja!

Da verließ er mich, ohne Übereilung, ging dem guten Prinzen zur Seite und sprach: »Wollen Sie mir nicht erlauben, meine Braut zu führen?«

Da ließen die Arme der beiden unschuldigen Kinder sich los. Mein Kind war blaß, so viel ich sehen konnte, sie stand ein wenig vorgeneigt, mit gesenktem Antlitz, und hielt ihre linke Hand leicht über die Augen, ihre Lippen standen geöffnet, als wäre eine Rose plötzlich aufgeblüht.

. . . . Das habe ich nicht gewußt; — stammelte der Jüngling.

»Ich auch nicht! Aber Sie wissen es jetzt;« sprach der überraschte und überraschende Bräutigam.

Der Jüngling trat zurück. Die Braut ließ sanft und langsam ihre Hand von den Augen sinken, und ihre großen Augen sahen einen wunderbaren Augenblick nach mir zurück; dann sah sie vorwärts, sah nicht den Bräutigam an, der den gesenkten Arm anständig an den seinen nahm.

Und nun gingen wir — schweigend bis ganz in die Nähe des friedlichen Lagers. Da hörten wir singen, blieben betroffen stehen, und hörten nach rührender Weise in Moll ganz deutlich die Worte:

»Nun wandern wir mit Thränen aus,

Von Bergen und von Thal!

Die Erde ist ein großes Haus

Mit manchem Saal!

Du Sonne, kommst mit über’s Meer

In jene beßre Welt;

Du Mond, du schiffst still nebenher

Am Sternenzelt.

Der Boden zieht sich unterm Meer

Dahin, in sichrem Band;

Und drüben hebt er sich so hehr

Als freier Strand!

Da drüben blüht der Frühling auch

Im alten Himmelreich;

Die Erde hält den alten Brauch —

Bleibt Euch nur gleich!

Habt Dank, Ihr Brüder, nah und fern!

Ihr halft uns Alle gern;

Habt großen Dank, Ihr großen Herrn,

Habt Dank, Ihr Herrn!

Ihr Flüsse habt den schönsten Dank

Für eure klare Fluth;

Doch euer Trank, der macht uns krank,

Ihr meintet’s gut!

Nun sind wir Furcht und Qualen los,

Wir werfen Alles ab;

Und glückt uns Nichts — im Erdenschooß

Bleibt uns das Grab!

Drum angenehme Ruh! Glück zu!

Nun Alle gute Nacht!

Haus, Bäume, Feld und Pferd und Kuh —

Es ist vollbracht!

Viel thaten wir mit unsrem Arm,

Viel tausend Städte stehn! —

Der Korb ist nicht der Bienenschwarm.

Sie stehn — wir gehn!

Wohl hundertmal jed’ Beet mit Fleiß

Umpflügten wir mit Muth —

Das Land ist naß von unsrem Schweiß,

Von unsrem Blut.

Manch Schlachtfeld deckt die Väter zu,

Der Todten morsch Gebein!

Drum laßt uns ziehn in Fried’ und Ruh,

Uns unser seyn!

Nicht hundert Jahr, so kommen wir

Zurück zu Euren Gau’n,

Und wie’s Euch geht, geloben wir,

Mit Ernst zu schau’n!«

* *
*

So etwas hatte ich noch nicht gehört auf Erden, gedachte aber an das Lied: »An Wasserflüssen Babylon.« Die Leute, die gesungen, schwiegen kaum, als wir von einer andern Seite her schon den Ausgang eines andern Liedes vernahmen, das junge Burschen in lustiger Weise sangen:

»Nun schnürt die letzten Lumpen ein

Und macht ein groß Gebund!

Schnürt Sonne, Mond und Sterne drein!

Und bleibt nur fein gesund!

Vor allen schnürt die Hände ein!

Und Kopf und Herz und Mund!

Ein Hüttchen wird schon drüben seyn,

Das glaubt sogar mein Hund!«

* *
*

Einer von ihnen wollte jetzt das bekannte Lied anstimmen: »Was ist des Deutschen Vaterland?« — als Andre ihn unterbrachen und frugen! Ist das noch nicht aus? — und Einer wollte in das Lied eingestimmt haben: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende?« — Mädchen kamen uns entgegen gesprungen, welche schon einen Maikäfer gehascht und wieder fliegen lassen, und aus der dreißigjährigen alten Noth dazu sangen:

»Flieh, Käfer, flieh!

Dein Vater ist im Krieg,

Deine Mutter ist in Pommerland —

Pommerland ist abgebrannt —

Flieh, Käfer, flieh!«

Die Knaben aber sangen ein andres, mir unbekanntes, schwermüthiges, treues Lied, auch aus Moll, was »die Schwalbe« hieß; denn unter diesem Titel forderten es von den andern Kindern zwei liebe, schöne Knaben, beide wie Brüder gleich gekleidet; beide gelbe Strohhütchen auf, beide blaue Jäckchen an, beide weiße lange Hosen und beide baarfuß. Sie sahen gesund, aber kummervoll aus. Und die andern Kinder wollten es, manche dem Anselm, manche dem Wilhelm zu Liebe mitsingen; die Brüder selber sangen nun, hell und bang herauszuhören aus dem lieben Knabengesang:

Du, meine liebe Schwalbe,

Ziehst weit nun über’s Meer,

Siehst meine Heimath wieder —

Ach, wenn Ich doch — Du wär’!

Ich baut’ an Mutter’s Fenster

Mein Nest mir einsam, leer;

Ich säng’ ihr meinen Kummer,

Wenn Stille um uns wär’!

Da spräch’ sie einst zum Vater:

»Das Lied macht mir so schwer!

Ach, fange doch die Schwalbe,

Und bringe sie mir her!«

Da laß ich mich ihn fangen;

Die Mutter küßt mich sehr!

Drauf soll ich wieder fliegen —

Da bin ich schon nicht mehr!

Da steht sie tief betroffen,

Denkt bang an mich und schwer,

Begräbt mich bei dem Weinstock,

Der sagt ihr: daß Ich’s wär!

Jetzt hatten wir Stimmung! Das Herz war uns schwer, und wir begriffen, wie den Abgeschiedenen zu Muth war, die mir so eigen bedürftig, so eigen heimathlos vorkamen, wie den Schiffern die müden Vögel, die vor Hunger und Müdigkeit ohne Menschenfurcht sich auf dem Fluge über das Meer in die Segelstangen setzen, sich ausruhen, auch wohl schlafen und im Schlafe vom Morgen träumend singen! — O Natur, du bist unter allen Masken nur Eine, voll Leid und Freude und Trost und Hoffnung immer und überall.

Darauf gingen wir hinter in den grünen Raum, wo die deutschen Auswanderer lagerten, theils in offen stehenden leeren Magazinen, Scheunen, theils auf dem Platze davor. Es ist unmöglich, zu leugnen, daß der Anblick ergriff: diese kraftvollen, rüstigen Männer, diese gesunden, auch schönen Weiber und rosigen Jungfrauen, diese Knaben und Mädchen, diese kleinen Kinder in Bettchen hier, dort auf Strohe liegend, und von den kleinen Schwesterchen gewiegt, herumgetragen, oder im Schlafe bewacht von einem treuen Hunde, der wie aus dem Schlaf die Augen nach uns richtete, aber die wohlwollende Seele in den unsern erkannte, nicht anschlug, nicht knurrte, sondern ruhig wieder die Schnauze hinstreckte. Auch alte Männer mit weißen Haaren saßen da, welche, kaufmännisch betrachtet, doch kaum die paar Thaler für die Überfahrt werth waren, und welche doch — wie die Türken in Constantinopel sich drüben in Scutari begraben lassen — auch drüben wollten begraben seyn. Sie schnitzten Löffel, auch nur Spielsachen für die Kinder. Hier und da hing ein Ochse oder eine Kuh, welche für ihre Mühe: die Wagen hierher an das Ufer zu ziehen, geschlachtet und für die Seereise in Fässer eingepöckelt wurden. Selbst einigen Ziegen war es so gegangen, die räuchern hingen, und ihre gehörnten Felle nicht weit davon zum Trocknen. Andere Ziegen mit schwellenden vollen Eutern, von den Jungfern mit Gras gefüttert und eben gemolken, sollten den Kindern auf der See frische Milch geben, und es drängte mich, den Weibern zu lehren, wie sie auch Milch aufbewahren können. Kessel kochten das Abendessen über Feuern; im Strom gefangene Fische zappelten auf dem Rasen noch ungeschlachtet. Wasserkrüge und kleine Trinkkrügchen standen bereit. Alle waren anständig gekleidet, Manche vielleicht aus Armuth sonntäglich.

»Welche Wehmuth geht von dem Raume aus!« sprach der Prinz. »Hier schaut man unleugbar: Ganz gewiß ist etwas vorgegangen, ganz gewiß ist diesen Menschen etwas Unleidliches geschehen, ganz gewiß hoffen sie Erlösung, eine bessere Zukunft, als sie hier abwarten und mit durchleben wollen, daß wir diese Tausend und schon Legionen und noch Legionen hier am Eingang des Meeres sehen! Etwas ganz gewiß. Das ist unleugbar. Etwas, dem Niemand helfen kann oder will. Denn menschliche Geduld ist — übermenschlich, oder deutsch. Ach, wer in alle die Herzen sehen könnte! Diese Menschen sind nur — heilige Meerschweine, die auf die Oberfläche der See kommen, wenn Sturm soll kommen! Sie sind Sturmvögel! Oder fliegende Fische, die nicht vor Vergnügen . . . . sondern, dem Tode zu entgehen, vor Angst vor einem oder vielen kleinen Haien, sich der ihnen von der Natur aus Vorsorge zu Lehn gegebenen großen Flossen oder Flosse — der Schiffe — bedienen. Sie sind Männchen im Mantel, die aus dem Wetterhäuschen bei schlechtem Wetter herauskommen, und von der gekrümmten Darmsaite gezwungen, sich herauswinden müssen. Denn welche Schnecke bleibt nicht gern in ihrem Hause? Welcher Fuchs ist so dumm, aus der Haut zu fahren, als wenn sie aufgeschnitten ist und er gebrannt und geprellt wird. Der Mensch ist nicht dümmer als das Vieh, aber am Ende auch so klug und so tapfer. Ja der Zahnarzt, der keinen Zahnarzt findet, nimmt sich in der Angst selbst einen Zahn aus, und je weher er sich selber thut, je lieber er sich selber zur Thür hinauswerfen möchte, je gewaltiger ruckt er an seinem Zahne, bis er hinausfliegt. Kurz, hier schmerzen die Zähne, oder die Herzen. Herzensweh, größtes Weh!« sprach er und schlug die Augen nieder. Meine Tochter auch, die dem von Wohlwollen leuchtenden Jüngling mit feuchten Augen zugesehen, oder zugehört — ich weiß nicht.

Mein ehrwürdiger Prinz — wollte ich sagen — aber durfte nur sprechen: Sie einziger, theurer Herr Leuthold, wie ungern gebe ich Ihnen Recht — verzeihen Sie, es ist höchst unrecht und unanständig, vornehmen Leuten Recht zu geben — Furcht und Hoffnung treibt und jagt die Welt. Indeß, was Jeder, oder was Alle hoffen oder fürchten, ist nach der Bildung des Geistes und Herzens eines Jeden verschieden, und stuft sich ab von Brot bis zur Freiheit, von Qual bis zu Kälberbraten und Salat. Indessen wäre es doch höchst wichtig, selbst den Höchstwichtigen, zu wissen: was diese fliegenden Fische oder Wettermännchen fürchten oder hoffen, oder hoffen und fürchten. Wir wissen es so ziemlich gewiß, aber ob auch Diese? Doch das Volk weiß Alles wahr und klar, durch handgreifliche Dinge, und beurtheilt die Saaten und die Bäume nach Garbe und Frucht; die Graf Magnische Wolle, Electoral- und Königlich-Spanische Wolle beurtheilt es aber blos nach dem Rocke — den es selber tragen kann!

»Rem acu tetigisti! Sie haben den Schaden mit der Sonde berührt, und er schmerzt mich!« versetzte Herr Leuthold. Mein Schulmeister Tolera hatte schon Bekanntschaft unter der Menschenheerde gemacht, und er zeigte uns Studenten von verschiedenen Universitäten, die, wie er uns erzählte, statt Doctoren zu werden, mit dem Gelde von ihren Ältern, theils ohne . . . theils daß diese es wußten, und zufrieden waren, nach Amerika auswanderten. Sie wollen auf einer Nordamerikanischen Universität studiren, oder drüben Garten-, Vieh- und Menschenzucht betreiben, und haben sich schon die haltbarsten, schönsten Mädchen hier ausgesucht, die ihnen die Ältern nicht abschlagen wollen. Ich begreife gar nicht, wie aus altem Holze schon neue Triebe wachsen, wie man auf der Reise an’s Heirathen denken kann. Freilich paaren sich Störche, Amseln, Kraniche und Schwalben, grade ehe sie fortziehn — wie die fortgeschickten Polen in Danzig alles von der Straße wegheiratheten. So wundre ich mich nun nicht mehr so sehr. Vorhin war ein Herr hier, der frug einen Professor, der auch mit auswandert: »Das sind wohl eigentlich alles Pracken?« Gewiß, versetzte der Professor; aber es bleibt dabei die Frage: ob sie geprackt worden, oder ob sie geprackt haben — alle Andern, alle Solche wie Sie, und Sie nicht ausgenommen. Dabei kehrte er ihm den Rücken. Tolera brachte uns aber eigentlich nur die beiden Knaben, die vorhin das Lied von der Schwalbe gesungen, und winkte sie näher. Sie kamen, die gelben Strohhütchen in den wie zum Beten gefalteten Händen, waren bildhübsch, und der Älteste, der Anselm, sprach: »Ach, liebe Herren, Alle oder Einer, unser Vater ist blos über dem Wasser hier drüben, in einer großen Stadt, die Kentucky heißt; unsre Mutter hat sollen nachkommen, sie ist aber gestorben, und nun lacht uns jeder Schiffscapitain aus, wenn wir ihn bitten: uns ohne Geld mit hinüber zu nehmen. Erbarmen Sie sich, Einer oder Alle, unsres Vaters, der wird sich doch gar zu sehr freuen! Ach, und das ist ein rechtes Unglück, man kann drüben nicht mehr die Überfahrt abverdienen, wenn Einen der Capitain dafür auf ein paar Jahr vermiethet, das hat der drübensche Congreß verboten! Ach, wenn der Congreß uns sähe am Ufer stehen, er wäre ein barmherziger Amerikanischer Congreß! Aber die Congresse sind so weit von uns, so unbarmherzig und hart und wie blind, daß sie uns arme Kinder freilich nicht hier stehen sehen können! Aber Sie sehen uns stehen, beste Herren! Oder wenn Sie kein Geld haben, oder an uns nichts wenden wollen, befehlen Sie nur einem Capitain, daß er uns mitnehmen muß! Schreiben Sie es mit ihm nieder, daß er mich drüben verkaufen muß, für mich und meinen Bruder, den armen Schelm! Ich will Gutes thun. Indeß wachs’ ich noch größer. Und wenn ich meinen Vater erst in zehn Jahren sehe, so sehe ich ihn doch einmal und mein Bruder auch.« Die Kinder faßten vor Freude sich schon bei den Köpfen.

Master Erwin sagte uns, daß alle europäische Contracte in der Union gar nichts gelten, und warnte uns. Meine Tochter schien ihn zu bitten, den lieben Knaben die Überfahrt zu bezahlen, als sie der Prinz schon beide an den Händen ergriff, und zu einem Capitain führte, der jetzt aus einer Scheune kam. Ein sonnegebräunter, kerniger, hoher Mann im blauen Frack und langen, weiß und roth gestreiften Hosen und Schuhen, einen dreieckigen langen niedrigen Hut die Quere auf dem Kopfe, wie ein kleines schwarzes Boot. Er gab jedem der Knaben darauf eine Karte aus seiner Brieftasche; und ohne vor Freuden sich nur zu bedanken, sprangen sie fort und rissen vor Eifer im Laufe andere Kinderchen um. Der Prinz kam still wieder zu uns. Master Erwin, oder nun mit Gott denn: mein Schwiegersohn, hatte indeß ein Gespräch mit mehreren Auswanderern angeknüpft, deren Einer ihn jetzt als Amerikaner auf sein Gewissen frug:

Also freies Raff- und Leseholz können Sie uns gewiß versichern?

»Auf fünfhundert Jahr vor der Hand, meine ich.«

Der Kreis sahe sich froh an. Eine alte Frau rieb sich den Rücken und seufzte: Da werde ich also nicht krumm und lahm geprügelt. — Mein Gott! wie bist Du doch gnädig da drüben über dem Wasser! Hier war es wie’s war!

Und ein Anderer frug wieder: Herr, ich habe wegen Angeln und Krebsen vier Jahr gesessen, und bin freilich ein Liebhaber, aber auch ein armer Teufel — wie steht es da drüben?

»— Freier Fischzug in allen Flüssen und Seeen. —«

Der Mann machte eine besondere Geberde, die aber uns nicht galt, zog einen alten Jäger herbei, und frug weiter: Der hier hat, als streng angewiesener Grünspecht, einen oder ein paar Wildschützen erschossen, die einen Hasen nicht haben herausgeben wollen — ist dort Wildpret genug? Denn, lieber Herr, wo jeder Bauer den Garten voll Pflaumenbäume stehen hat, da stiehlt kein Kind eine Pflaume.

»— Freie Jagd und Wildpret in Unzahl. Geflügel in Unzahl. Maisvögel, Truthühner, Tauben.«

Da möchte man sich das Leben nehmen! seufzte der alte Jäger, dessen Augen und Wesen deutlich verriethen, daß er dem Wahnsinn und einer schrecklichen That an sich selber ganz nahe stand.

Aber Wiesewachs, Futter für die Kühe! Wie viel Stunden weit hat man wohl in das Gras? und wächset auch welches?

»— Liebe Frau, da wird ihr der Rücken nicht weh thun. Die Kühe hinaus! und wenn Ihr hundert habt; und welche ihr melken wollt, die ruft Ihr bei Namen. Aber einen Namen muß sie haben. So macht Ihr es auch mit Euren hundert Schweinen, und Ihr ruft nur: Komm, laß dich schlachten! Ich lüge nicht, so mach’ ich es, so machen es tausend Nachbarn noch hundert Jahr . . . Ein Pfaffe hat Europa verdorben, und das Schwein verdirbt Amerika. Haltet keine Schweine, damit ihr keine Schweine werdet; denn auf dreimal Schinken den Tag, setzet Ihr auch vielleicht dreimal Whisky und Rum.«

Ach Gott! nur zu Weihnachten ein Schweinchen! schmunzelte eine Frau.

»— Schlachtet Ochsen! —«

Ach, der liebe Gott ist doch sehr gnädig da drüben über dem Wasser! Hier war es mit den Ochsen nicht recht richtig; stöhnte die alte Frau und sahe ganz jung aus vor Freude.

Aber, aber! sprach ein alter Mann: Ich habe Zeitlebens gearbeitet wie mein eigener Sclave, und habe Nichts, als diese Jacke auf dem Leibe, weil Arbeit uns hier nicht mehr nährt, Alles der bösen Nachbarn wegen, des Krieges wegen, der Schulden wegen, der Furcht wegen! Was wollte ich noch fragen? Ja! — Sind drüben gute Nachbarn? Sonst kehre ich heim.

»Das Weltmeer ist der schlimmste und beste Nachbar; übrigens ist dort kein Papst, kein Kaiser, kein König auf weit und breit. Friede und Brot!« sprach mein Schwiegersohn.

Friede und Brot! wiederholte der alte Mann; und drei alte Weiber sprachen nun wie die drei Eumeniden wieder im Chor: Mein Gott, wie bist Du doch gnädig da drüben über dem Wasser!

»Meine Söhne!« rief hier eine Mutter zu ihren vier Jünglingen. »Meine Söhne!« sprach eine andere Mutter zu ihren Sechsen. »Mein Sohn!« rief eine dritte Mutter.

»Ja, Euer seid Ihr dort!« sprach mein Schwiegersohn; »selber das ganze Land oder Reich, nämlich die souveraine Republik, ist dort Euer, und selber der Präsident, der bloß Euer Vorsitzer ist. Ohne Erbe ist kein Erbfolgekrieg; ohne Furcht vor dem Volke ist keine Unterdrückung, ohne Schulden sind keine Zinsen, ja, es ist die bitterste Wahrheit: in wenigen Jahren muß Jeder bei uns von der Regierung alle Jahre Etwas heraus bekommen an Gelde!«

Und die drei Eumeniden sprachen wieder: Mein Gott, wie bist Du doch gnädig da drüben über dem Wasser!

»Ihr habt Recht!« sprach er, »aber vergeßt nicht: blos Europa hat es dadrüben gut gemacht! Alles, was man hier im Geiste gesehn und gewünscht, das wird da drüben in Wahrheit; was man hier verwünscht hat, das bleibt hier begraben. Drum tretet dankbar und leise auf das heilige Grab und segnet es hier und noch drüben!«

Und es war wunderlich anzusehen, wie Einige leise und schonend auf dem heiligen Boden des Vaterlandes — des Mutterlandes der Freiheit — fort zu den Ihren schlichen. Mir quollen die Thränen in den Augen.

Herr Leuthold aber drückte meinem Schwiegersohn die Hand, daß er Deutschland gepriesen als die saure Rebe der süßen Traube. Das Lager der Auswanderer hatte den tiefsten Eindruck auf ihn und uns Alle gemacht. Und diese ihre erzwungene Muße, dieses große Müßigsein voll stiller Geduld und schönen Zutrauens war allerdings ein eigener Zustand der Menschen auf Erden, in deren Leben wir einen tiefen, düstern und erfreulichen Blick thaten. Diese hier sangen, andre wuschen die Kinder, noch andre aßen, alles in herzlicher Eintracht. Einer theilte dem Andern mit, was er hatte, und es that ihm nur leid, wenn es ihm fehlte, und er sprach wohl freundlich zu ihm: Bruder, das habe ich nicht! und ein Nachbar hatte es gehört, rief ihn und sprach: Bruder, ich habe noch, komm! So wurden die Verschiedenen zu Einem. Denn gleicher Wille und gleiches Ziel verbinden die Völker.

Es war noch Zeit, unsre Arche, das Schiff zu besehen, das mein Schwiegersohn gemiethet. Wir fuhren zu Wasser hin. O so ein Haus! So ein großer verständiger Fisch! Wie sauber Alles. Und die goldenen Sterne, 27 Sterne, für jeden Freistaat ein Stern in himmelblauem Eckfelde der roth, blau und weißen Flagge. Seine Flügel schliefen. Die sauberen Räume standen noch leer. »Es ist nicht groß, darum geht es nicht tief, und kann überall eher ans Land;« sagte mein Schwiegersohn; »es ist neu, also wird es der Capitain nicht mit Willen stranden lassen, um die versicherte Prämie zu gewinnen. Ich habe es ganz gemiethet, es faßt 150 Menschen, und so kostet Jedem die Überfahrt ohne Essen und Trinken nur 30 Thaler. Sie kommen mit nach New-Orleans, um Florida zu sehen, das man so rühmt, und dann den Todtenstrom, den Missisippi hinauf, auf einem der Dampfboote, nach Kentucky, Ohio und wohin Sie wollen.«

So hatten wir denn, wie die Kinder, schon in der Kutsche gesessen, die noch ohne Pferde steht. Abends aber führte uns Master Erwin in die Versammlung der verarmten Rittergutsbesitzer, denn wohl zwanzig Familien hatten seiner, auf des Vaters Befehl gethanen Einladung, mit Freuden Folge geleistet. Sie wohnten alle in der Nähe, sie waren versammelt, sie lernten ihn kennen, wir sie. Unter den merkwürdigen, anständigen, mitunter schönen Gesichtern und den unleugbar sich auszeichnenden Gestalten der Männer, Frauen, jungen Herren und Fräulein, und unter den mannigfachen Reden der Verdrossenen, Neu-hoffenden, vergesse ich nie die Valet- oder Standrede des Adels, welche ein launiger alter Herr hielt, welcher sich selbst den Herrn von Habenichts nannte. Unter andern sprach er: »O Don Colibrados, und alle Ihr Colibraden, kommt mit! Was Ihr einmal waret, begreift Niemand, Ihr selber nicht mehr! selbst Euren Namen nicht. »Wir sind vom Geschlecht der Colibraden!« Das Wort mußte uns Spannung geben. Für den Schein mußten wir alle Wahrheit opfern! Pferde, Spiele, Bälle. Wir tanzten wie ein gewisses fettes Thier vor Angst auf den heißen Eisenstäben. Denn der Güterhandel, der Pferdehandel, der Holzhandel, der Wollhandel, der Getreidehandel, kurz alle Handel und Händel brachten uns zum Tanzen. Was waren wir noch? Sequester der Juden! Sclaven unserer Schaafe und Ochsen. Und nun sollten unsere Junker lernen! Lernen, was andere Menschen, die Krety und Plety, wissen und können; unsere Fräulein sollten Bürger heirathen — blos um das einzige Wörtchen von im Stillen zu behaupten! Das sei Gott geklagt. Wir werfen das einzige Wörtchen »von« von uns ab, als den alten schweren Harnisch, verlassen die hohe Region, erwerben im Thale des Lebens für unser letztes Hab und Gut große Güter, und nennen uns heimlich, bis wir es sind, »die Herren von — Europa.« Und sind wir nicht dennoch die Vorbilder des Volkes gewesen? Und haben wir es nicht vortrefflich gehabt, so lange wir es gewesen? Haben wir Edlen nicht alle wilden Schweine, Hirsche, Rehe, alle Hasen, alle Rebhühner und Lerchen gebraten und gekocht, alle Hechte, Karpfen, und Krebse gegessen, bis wir dem gemeinen Volke den Mund wäßrig gemacht, und alle das liebe Wild ihnen verkauft, um Kutschen und Kleider zu kaufen. Sind wir nicht Keiler, Zehnender, Hasen, Bretklötzer, Hechte u. s. w. über und über? Ja durch und durch! Und unsere Burgen und Zimmer, haben sie nicht nun Alle? Was wir tragen, trägt es nicht Jeder? Was wir wissen, weiß es nicht Jeder? Wie wir ohne Steuern und Gaben zu seyn wußten, will es nicht Jeder? Haben wir uns nicht gegen den hohen Adel gestemmt, und ihm Alles abgetrotzt? Kurz, durch uns Muster und Modelle sind nun Alle im Lande Edelleute geworden, ja sie wollen sogar edle Leute seyn! Und so sind wir die Steinplatte mit der ersten, so so gezeichneten Menschengestalt gewesen, welche man tausendfach abgedruckt hat, die aber selbst darüber abgenutzt und verwischt worden bis zum Unkenntlichen, hoff’ ich. Das war nobel! hoff’ ich. Und unser Lohn ist, der Abschied eines Dieners, oder eines Herrn, der sich unnütz gemacht hat — eines Stockes, der durch Lehre und Zucht der Schulknaben zu kurz geworden — eines Flegels in genere, der durch Dreschen abgedroschen ist, und in der Scheune verloren dahängt, als sein eignes Monument. O Welt, wie schön bist du, wie dankbar! so daß dein größter Dank für die Größten und Edelsten grace, der himmlische Dank ist: daß sie darin überflüßig, verachtet, verspottet, zum alten Flegel werden, vom seligen Herrn von Habealles, allmählig zum Herrn von Habewas, bis endlich zu meines Gleichen: den seligen Herrn von Habenichts! Und so danke ich allen meinen Ahnen, die das vollendet, — allen Schatten der nobelsten Geschlechter danke ich hier in dem Einen schwarzen Schatten, der von mir an der Wand schwebt, als letztes concretes und concentrirtes Bild unsrer edlen Kaste, ich gehe hin und küsse ihn dreimal laut: Dank! Dank! Dank!«

Und so that der herrliche fröhliche Mann wirklich, ging hin und küßte den Schatten »mit dreimal Dank.« Und mit sonderbarem Gefühl wischte er sich den Kalk der Wand von den Lippen, setzte sich und sprach: Nun sage Niemand mehr, daß Einer sich nicht selber küssen kann! Sie meine Herren und Damen, sind männiglich Zeuge! Und männiglich sind Sie, daß Sie mich nicht etwa erzürnt zur Thüre hinauswerfen, sondern so edel, so gescheidt, so politisch, so habsüchtig, daß wir in genere die Landstraße zu Wasser nach Amerika einschlagen wollen und werden. —

»Sie lachen! Alle! Sie lachen heiter! Sie haben überwunden;« sagte mir der liebe Leuthold ins Ohr. »Es wäre vielleicht doch nicht gut, ein ganzes Ländchen mit allen Ständen und Ständchen hinüber zu setzen! Wer drüben leben und denken, unbillig leben und denken will, der bleibe gleich lieber hier und leide sich und Andere! Man dürfte nur »Constantinopel wie es ist« — »Venedig wie es ist« — »Wien — Rom — wie es ist — Neapel — Baiern, wie es ist« — nach Amerika hinüber versetzen, und ganz Amerika wäre auf immer verdorben! Und das verdorbne Europa auch! Ich fange an, Nord-Amerika für eine Art wohlgedeckte große Freimaurerloge anzusehen, wohin man nur mit Schurzfell und Kelle kommen darf. Diese Erfahrung hier wird meine Übersiedelung stark berichtigen! Aber sehen Sie nur, was Herr von Habenichts auskramt!«

Ich sah. Dieser breitete eine große Charte von einem kleinen angekauften Ländchen aus, und zeigte Jedem sein neues Gut, oder doch Habe. »Für den Rest, den Ihr auf Eure Schulden herausbekommen, für die 5000 Thaler etwa, habt Ihr Jeder so viel Erde dort wieder, als Ihr hier niemals besessen — Teiche, Wälder, Wild! Für den Werth des Holzes in Wien oder Berlin kauftet Ihr hier ein Fürstenthum; aber thut es ja nicht! Denn dort müßtet Ihr verhungern, wenn Ihr das schöne Mahagoniholz nicht verbrennen wolltet zu Acker, da die Bäume keine Brotbäume sind. Aber Menschen — denn mit Erlaubniß, so nenne ich Euch jetzt, pflanzt Pisang! Pisang! Denn ein Stück Land, das mit Euren vermaledeiten Kartoffeln bepflanzt, nur Adam und Eva nährt, das nährt, mit Pisang bepflanzt, ein halbes Hundert. Ihr seht also, daß Ihr die alte Bärenhaut mitnehmen könnt, um dort mit den Händen so viel auszuruhen, als Ihr hier mit dem Kopfe habt arbeiten müssen. Jeder findet sein Haus, und gefällt es Euch nicht, wie vermuthlich nicht — doch ein Blockhaus ist kein Stockhaus, sondern nur einstöckig — so baut Euch Ein Schloß auf der Stelle, wo alle Eure Grenzen zusammenstoßen — einen großen Boarding, ein Gemeinlogis, schämt Euch des Namens nicht! Denn ein Gut, wovon nicht Jeder das Gleiche besitzen und brauchen kann, ist ein wahres Übel, wie unsere Güter waren, welchen Namen ein alter Prophet aufgebracht, um uns einmal — das heißt jetzt — den Stolz zu benehmen. Aber was macht denn das Kartenspiel so interessant für die herrlichsten Menschen? Also auch für Euch, denn ich darf Euch nun Menschen nennen, und herrliche Menschen, denn Ihr habt wieder Etwas, ja viel — was reißt so zum Kartenspiel? Nun? . . . . daß sie Freiherrn werden, Schicksalsgötter, daß sie nach ihrem Kopfe mit Königen, Königinnen, Buben, As, Spadille und Manille verfahren können, wo ihnen keine Hausehre, kein Offizier, kein König darein reden darf, denn wenn er kann und will, sticht er — oder paßt, verpaßt. Seht, hier habt Ihr eine beßre Art Charte, die Euch noch froher machen wird — hier ist ein neues Spiel; setzt Euch ein! Da seid Ihr wieder Herren!«

Während nun die schöne klare Charte und mancher Plan den Auszug oder die Auszügler und Vorzügler des Adels beschäftigte, und sie wünschten, daß Alle als Nachzügler kämen, ward mein Freund Weber abgerufen. Er holte bald den Prinzen nach, dessen Vater, der Fürst, gekommen war, mein gnädigster Landesherr, der, obgleich souverain, doch, so viel er von höhrem Ort durfte, Jedem Freiheit ließ, ja gab. Und doch schien mir seine Ankunft dem guten menschenfreundlichen Prinzen fatal. Wir zogen uns auch zurück, und mein Schwiegersohn, Gott bewahre, nicht der neue Landesherr dieser vornehmen Neuweltsrekruten — unter welchen Obersten, Generale und große Thiere waren — sondern blos der bescheidene Herr ihres neuen Landes, ward von ihnen, wie Moses am rothen Meere von den Kindern Israels verehrt, und Jeder empfahl sich ihm einzeln zu gnädigem Schutz. So steckte noch die alte Lust und Gewohnheit: protegirt zu seyn, in den redlichen Leuten!

Zu Nacht erst war ich allein mit meiner Tochter, und konnte sie, als Braut eines ihr lieben Mannes, in meine Arme schließen und segnen. Sie war zu allem still, und sprach zuletzt nur: »O wenn nur die Mutter hier bei uns wär’!« — Ich deutete das in meinem Sinn, wie ich ihr eigentlich nur Segen von dem Segen gab, den ich durch ihre reiche Heirath über mich ausgeschüttet, fühlte. Fand ich drüben keine Anstellung als Prediger, vielleicht wohl gar bei den ausgezognen Adligen, und starb ich nicht, ehe ich verhungerte — so verhungerte ich nun nicht, sondern meine gute Tochter gab mir gewiß das Gnadenbrot! und ich konnte umsonst predigen, taufen, trauen, begraben, was bei uns der nobelste Bischof nicht thut, und wir theuren Herren kosten mit Kirchen und Schulen den armen Leuten zu viel, und ich habe immer einen Stich in der Seele gefühlt, wenn ich den Becher Taufwasser, oder den Leib des Herrn mit den paar Dreiern von den guten Leuten bezahlt erhielt, welche sie hinter dem Altare wandelnd hervorgesucht! Und doch schielte ich abscheulicher Mann dennoch manchmal nach dem Gelde, oder schlauer sogar nur freundlich, nach den Augen der Opfernden; denn, wer mit zugemachten Augen gab, der schämte sich, so wenig zu geben, als er in den bedeckenden Fingern mir auf den Altar heraufreichte — aber, mein Gott! ich bedurfte das Geld, und seufzte, wenn ich es so geschwind durchzählen konnte, und es für den Herrn Sohn auf der — Pferdeakademie nicht langte, denn er lernte reiten; oder nicht langte zu dem bestellten Weihnachtsgeschenk für die Frau . . . . und morgen ging die Post! Darum segnete ich die Tochter mit feurigem Dank für meine Erlösung und bat: daß alle Geistlichen so liebe Töchter hätten, auch so liebe Amerikaner fänden, um Alle, Alle im Geldsinn, nicht im Weltsinn umsonst zu predigen, umsonst Wein und Oblaten auszutheilen, umsonst kleine Kinder zu taufen, kurz, Alle von Judas Ischariot’s Sünde erlöst zu werden — wie ich nun schien. Ich schlief die Nacht in einem Rosengarten, der in Amerika lag; denn im Traume sah ich ungeheure Ströme, Höhlen, Wälder, Wasserfälle, Blumen und Bäume, tausend Wunder, Alles mir neu — und selbst meine Tochter wandelte dort, nebst einem Häuflein Kinder, aber mit dem Prinzen Hand in Hand, der sie dort in seiner Provinz, wohin er sein ganzes Völkchen übergesiedelt, als redlicher einfacher Herr Leuthold geheirathet hatte — — — und ich küßte ihm die Hand, aber er gab mir mit meiner Tochter Hand eine Ohrfeige, und die Hand war eiskalt! — So etwas mußte am Tage mir still durch die Seele gefahren seyn, ich meine nicht die Ohrfeige, sondern, daß die lieben Kinder ein schönes Paar wären!

Der Amerikaner sagte mir am Morgen nichts Näheres, Gewisseres über seine Verlobung — bloß, daß unser Schiff fertig liege, und daß der Wind nur nach Ost umzusetzen brauche. Freund Weber, vom Fürsten beschäftigt, konnte mir auch kein Wörtchen sagen, als: der hergeeilte Vater will den armen Leuthold nach Hause bringen oder zwingen. So kamen wir, ich, meine Tochter, Erwin, von seinem Wilberforce und nun seinem Tolera begleitet, am Ufer der Weser zu einer herzzerreißenden und doch herzerfreuenden Scene. Der junge Leuthold kam uns düster und allein entgegen. Er blieb bei uns stehen, wir lasen in seiner Seele, aber nicht laut, und deuteten lieber auf etwas auf dem Strome, den Knaben, dem er gestern mit seinem Bruder die Überfahrt zu seinem Vater in Kentucky besorgt hatte. Wir kannten den Anselm an seiner Kleidung, ja am Gesicht; sein Bruder Wilhelm fischte mit ihm. Wahrscheinlich hatten sie einen großen Lachs gefangen und der ältere Bruder beugte sich über, er konnte die Last nicht erheben, er wollte sie nicht fahren lassen, während der kleinere Bruder im Strome den Kahn nicht zu halten vermochte. Uns verging der Athem vor Angst. Er machte eine Anstrengung nach dem Fisch und stürzte in die Wogen des tiefen und breiten Stromes. Den kleinen Knaben führte die Strömung im Kahne davon. Der Verschwundene kam nicht herauf. Endlich, endlich erschien das schwarze kleine Haupt — das wieder überspielt ward, dann wieder einmal eine Hand — wie Geisterzeichen aus einer Mauer — endlich zwei Hände. Und indem wir starr hinblicken, ohne an Hülfe zu denken, erblicken wir eine Gestalt in der Gegend des Knaben — meine Tochter ruft gedämpft! es ist der Prinz! und fällt dem Amerikaner um den Hals und verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust, und so hält sie ihn auf. Indeß seh’ ich allein das Traurige. Der menschenfreundliche Leuthold ist uns entschlichen, ist weiter unterhalb in den Strom gesprungen — weil kein Kahn hier steht — und hat sich gewiß gefährlich gestoßen an einem ungeheuren Pfahl; denn aus seinen gelegentlichen Worten von gestern weiß ich, daß er schwimmen kann — und jetzt doch dort draußen mitten auf dem Wasser hält er sich kaum. Er rudert; vergeblich. Er sucht; vergeblich. Er bedarf selbst der Hülfe. Der Amerikaner sieht, was vorgeht, über die Achseln seiner Braut, oder doch meiner Tochter. Eine seiner Wangen ist glühend roth, die andere weiß — er hat ein Auge geschlossen, eins hat er mitleidig offen. Ich rede zu ihm an das linke Ohr und frage: »kann Wilberforce nicht schwimmen?« — ich erwarte keine Antwort, gehe vor Eifer auf die andre Seite. »Wilberforce!« rufe ich. Das hat nun auf dem rechten Ohre der sonderbare, halbtodte, halblebendige, halbfrohe, halbtraurige Erwin gehört — er winkt, und der Neger, der sich schon bereitet hat, theilt sicher und flink, wie ein Reh, die Fluth — endlich, endlich kommt er auf die gefährliche Mitte. Ich habe nicht Augen genug, wie es sich ereignen wird, schon ereignet hat. Ein Kahn ist vom jenseitigen Ufer herüber gekommen zu Hülfe. Der Neger hat den rettenden Jüngling ergriffen, er zieht ihn nach. Aber Leuthold, Kindhold, Menschenhold hat den Knaben mit seiner Hand an der Hand und zieht ihn nach. Ich jauchze: sie leben! Er lebt! — Meine Tochter schlägt die Augen auf und sieht mich an. Sie lehnt sich nicht mehr an ihres Bräutigams Brust. Sie sieht nun selbst — der Jüngling wird von den Schiffern in den Kahn gehoben — aufrecht gesetzt, oder setzt er sich selbst; der Knabe wird zu seinen Füßen gelegt, und ist nicht zu sehn. Der Neger schwingt sich in den Kahn. Sie rudern schnell. Sie kommen. Sie nahen. Sie landen. Sie springen ans Land. Selber der Knabe kommt wie betrunken getaumelt. Maria faßt ihn in ihre Arme, so naß er ist. Er drückt sich die schwarzen Locken aus. Leuthold bleibt ruhig in dem Kahn. Ich steige hinein. Der Amerikaner steigt hinein — der schöne Jüngling ist ertrunken, und seine schöne Hoffnung ist dahin, ins Land der Hoffnung, oder war sie zuvor schon dahin. Und die Hoffnung vieler Tausend. Durch den Vater.

Der Bruder des Knaben kommt am Ufer heraufgelaufen. Er ist weiter unten glücklich gelandet. Es freut uns nicht. Hülfe kommt; ein Wundarzt; es freut uns nicht. Das edle purpurne Blut fließt aus dem entblößten mädchenweißen Arm des blassen schönen Jünglings; die Hülfe bleibt vergebens — es betrübt uns nicht. Der Vater, der Fürst kommt. Es betrübt uns nicht. Es ist sein einziger Sohn; er hat nicht Viele retten sollen — Einen zu retten, dem er schon Freude gemacht, dem er Vater und Vaterland wiedergeschenkt, das hat er nicht unterlassen können; die abgeschnittene Rebe hat in der engen einzelnen That sich ausgeweint. Meine Tochter weint. Sie soll mit dem Bräutigam gehen. Sie hat sein Wort nicht gehört. Er geht allein. Der Fürst schenkt dem Neger seine goldene Uhr; Wilberforce läuft seinem Herren nach, zeigt sie und frägt: ob er sie behalten dürfe? Der wirft sie gelassen in den Strom und geht. Jetzt eilen wir nach. Wir kommen zusammen nach Hause. Er hat vorher geschwiegen. Er schweigt auch jetzt. Er steht nur einmal still, blickt freundlich ernst auf den Boden — und ist dann der Vorige! So hing denn auch dieses hin, wie so Vieles in der Welt hinhängt, unausgemacht, ungewiß, selber die Sonne am Himmel.

Tolera berichtete am folgenden Tage, daß sich die Auswanderer alle bereiteten, mit Leuthold zu Grabe zu gehen, der ihnen so manches Gute gethan, wie sich jetzt erst hervorthat. Der Leichenzug wäre merkwürdig gewesen. Besonders wenn die guten Deutschen, wenn Diese noch so genannt werden durften, gewußt hätten, daß er ein Prinz sey, der einmal sich an die Spitze des Volkes zu stellen entschlossen war, um Volkswillen auszuführen, nämlich das Volk, wie Moses aus Ägypten. Wir unter uns glaubten, der Vater werde ihn in dem Bleikeller der hohen Domkirche beisetzen lassen, damit er dort unverweslich und unverwandelt als die größte Merkwürdigkeit ruhe und lehre. Der Vater war aber durch des Sohnes Tod, das Andenken an ihn, das Hineindenken in ihn so zum Sohne geworden, daß er ihn wenigstens in den Freistaaten begraben lassen wollte. Aber Amerika weiset die Todten von sich; kein Schiffer schifft sie hinüber. Das nennt man Aberglauben. Ich hatte die Ehre mit meiner Tochter, den Vater an demselben Abend bei meinem Freunde zu sehen, als Leuthold nach der Gruft seiner Ahnen abgeführt worden. Da ihm als Incognito Niemand besonders krumme Rücken und jämmerlich-unterthänige Redensarten zeigte, so sahe man hier, was Behandlung, die Art des Selbstbenehmens, thut. Er war fast wie wir andern. Es waren an diesem Tage mehrere reiche Auswanderer angekommen, denen keine leiblichen Güter fehlten, also nur die geistigen Güter; denn es waren bekannte hochgebildete Männer, und Frauen darunter!

Der Fürst erzählte, er habe mit ihnen gesprochen — und solcher Deutschen Auswanderung habe ihn frappirt — an das Herz geschlagen. Und wie schlugen mir seine Worte an’s Herz! »Europa,« sprach er, »Europa ist das Land wo alle Rechtsinstitutionen zuerst im Großen auf Völker angewendet worden sind. Seit einem Jahrtausend hat es sogar versucht, die Religion auf den Staat anzuwenden, in jedes Haus, an jeden Heerd, bis in das Gewissen jedes Menschen eindringend. Das sind denn wohl ungeheure, höchst ehrwürdige Versuche! Daß ihr Gelingen aber nicht möglich war, und seyn wird, daß Europa an dem Widerstreit seiner alten, ersten und nun hinzugekommenen entwickelten Institutionen untergehen wird und muß, deswegen grade sey es glücklicheren, durch keine alten Fesseln gehemmten Völkern desto ehrwürdiger — weil es rechtlich war! Es hat den Begriff des Rechtes festgehalten, und heilig das Erworbene, Überkommene geehrt; ob es gleich in späterer Zeit nicht neu ertheilt worden wäre, so hat es doch das Bestehende geschützt — um Keinen zu kränken, und lieber den Anschein haben wollen: als kenne es nicht das Reine, Vollkommene; lieber im Kampf mit Ablösung alter Asiatischer Gebrechen untergehen, als mit dem Schritt zu einem Zustande, wie er den Einsichten der entwickelten Menschheit angemessen wäre, die Verbindlichkeiten seiner Erblasser abschütteln, und groß, frei, herrlich . . . . aber schuldig und verschuldet dastehn. Indeß sichern ihm seine niedergelegten Beweise von Kenntniß des Höchsten: die Achtung des Geistes überall; und sein Verhalten: den Adel des Herzens; und sein Schicksal und seine Verlassenschaft: die ewige Dankbarkeit aller spätern Völker. Und seine Grabschrift wird seyn: Es that, was Recht war; darüber ging es zu Grunde, der Welt zum Opfer. Have, anima pia!«

Er schwieg. Er dachte gewiß an seinen Sohn, denn er sprach noch einmal mit feuchten Augen auf Deutsch: »Ruhe sanft, du gute Seele!«

In dieser wehmüthigen Pause zogen grade die Studenten nach Elsfleth vorüber, um sich diese Nacht noch einzuschiffen. Wir hörten die ersten und letzten Verse ihres Liedes nicht, nur diese beiden, die mit Kraft und Jubel gesungen, nicht ohne Eindruck blieben:

Dem Menschen ist nichts angeboren,

Als Maul und Nase, Aug’ und Ohren

Et caetera! Et caetera!

Und hat er nicht den Kopf verloren,

So steht der Bursch stets neugeboren

In Galla da! In Galla da!

Dem Menschen ist viel eingeboren —

Ein Leben, frei und unbeschoren

Et caetera! Et caetera!

Wo guter Wein gut ausgegohren,

Da singt der Bursch, wie neugeboren:

Halleluja! Halleluja!

»Die guten jungen Menschen!« sagte der Fürst. »Wirklich: junge Menschen! Sie kommen mir so unschuldig vor, wie der Lebensbalsam, der nicht in der Retorte bleiben kann, in welcher er bereitet worden, sondern übergeht! Auch keine Blume blüht in der Erde, in der sie gekeimt. Dann ist die ganze Natur treulos, wenn diese jungen Blumen, jungen Menschen treulos sind. Diese alle fliehen den langweiligen unsichern Proceß, das Recht zu gewinnen. Und . . . . sie wollen des Lebens positive Güter. Und wie kommen mir Alle, alle die Auswanderer so fromm vor, gar so fromm! Sie murren nicht, sie tadeln nicht, sie klagen nicht! Sie leiden! Sie meiden! Sie gehn! Geht mit Gott! Ruhe fordert der Mensch mit Recht; Ruhe seit uralten Tagen; Ruhe zu eigenem thätigem Leben. Und darum Sicherheit — heitere Aussicht — Lämmer am Himmel, nicht Kriegsgestalten. Und hätten wir nicht Alle die Ruhe verdient? Ist es nicht unmenschlich, dem nicht die Ruhe zu gönnen, der sie erlangen kann, der gern arbeiten will, daß ihm das Blut aus den Nägeln dringt, um nur Ruhe zu haben. Die Ruhe ist ein inneres Gut. Und wäre ich so reich, um Jedem sein halbes Brot da drüben zu sichern, und wäre der Mantel des Doctor Faust noch im Gange, daß Jeder gleich drüben erwachen könnte mit allen den Seinen, und früh zu dem Fenster hinaus sehn — wie viele Ämter würden früh ohne Männer seyn. Pfarrämter, Gerichtsämter, selber mancher Ministerstuhl würde leer stehn. Und nur die, welche vom Wirrwarr, vom Kritisiren leben, die würden, sich dann doppelt breit und groß machen, wie Kinder, die auf dem Kirchhofe den Geist spielen, und das Betttuch auf dem Rechen emporstrecken. Indessen ist das Meer eine Art von Zaubermantel. Die Reichen ziehen fort, um ihres Wohlstandes sich drüben doppelt zu freuen, doppelt reich zu seyn — leiblich und geistig. Selber die Besten ziehen fort, die da glauben, daß es in Europa gewiß gut werden wird, ja daß die deutschen »Vereinigten Staaten« die Amerikanischen himmelhoch übertreffen werden. Aber da hört’ ich ein Lied derselben, das heißt:

Und selber die Leiden

Und Wehen vom Neuen —

Die wollen wir meiden;

Dort Deiner uns freuen

Wie Hirten vom Feld —

Du geborener Held!

Und sie glauben also: Wir müssen durch den großen Umschwung in Europa uns viel mehr verwandeln, aus Mangel an Kopf oder Geld von dem in Schwung gebrachten Rade zur Seite geschleudert, als wir uns dort verwandeln müssen, nämlich nur die Augen aufmachen! Die Armen aber, sie finden drüben die oft uns genannten zehn Plagen nicht. In Amerika sind nicht: Europäische Politik; stehende Heere; zu kostspielige Hofhaltung; Aristokratenherrschaft; papistische Umtriebe und Priesterherrschaft; Staatsschulden; Staatspapiere; Handelssperre durch directe und indirecte Abgaben; Ungleichheit der Besteuerung; Ungleichheit vor dem Gesetz. — Nichts ist Viel. Viel ist Nichts. — So gehen sie denn. Und mit doppeltem Eindruck wiederholte er seine Worte: Sie murren nicht, sie tadeln nicht, sie klagen nicht. — Sie leiden! Sie meiden. Sie gehn. Geht mit Gott! Gott ist gewiß auch über dem Wasser!«

Zu diesem Worte, das uns an den Alten-Weiber-Spruch erinnerte, mußten wir beinahe lachen. Er schloß aber ernst:

»Denn keusche Reinheit, zarter Göttersinn

Wohnt in dem armen menschlichen Geschlecht.

Im stillen sanft, im Ganzen allverbreitet

Laß es das Leben allgemach sich schmücken

Auf reinstem Wege, wie dem Menschen ziemt.

Die Einzelnen nur mögen Reue fühlen,

Dem menschlichen Geschlecht ziemt Reue nicht,

Ziemt alles Große, Würdige und Schöne;

Und sicher seines Tags, in mildem Stolz,

So wandelt’s rein zum reinsten Erdenglück.«

Ich führe diese Gesinnungen deswegen an, weil sie darauf einen geheimen Contract zwischen dem Vater des Leuthold und Herrn Erwin zur Folge hatten, worunter ich mich nur als Zeuge mit unterschreiben mußte, ohne jetzt mehr zu erfahren, als daß beide Theile dabei das Beste ihres resp. Vaterlandes besonders im Werke führten. So viel jedoch konnte ich mir abnehmen, daß die Sache einen Austausch von Einwohnern oder Unterthanen betraf, wie sie für jedes Land am zweckmäßigsten wäre! Ich sollte dabei höchlich interessirt seyn, und vorzüglich wirken. Ich! Und somit ward ich in die Welt verwickelt. Wer lebt, kann in Alles gerathen. Ein Kind kann groß wachsen, ein Erwachsener kann Soldat werden, ein Soldat kann — Nelson erschießen! oder Moreau! die auch einmal Jungen gewesen sind. Denn dieß ganze Geschlecht besteht aus großgewachsenen Jungen und Mädchen, und die Kinder spielen nun Leute. Darum kann ich immer keinen rechten Respect vor allen den Herren bekommen! Und was ich selber thue, kommt mir immer nur wie ein großer Kinderstreich vor! Und wenn mich ein alter Bauer »Hochwürden« nannte, so mußte ich mich recht zusammennehmen, um das Amtsgesicht zu machen! Wie mag das dem Papst erst schwer werden! Nur nicht, wenn er bedenkt, daß alle seine Vorfahren und Pfaffen ja eigentlich auch nur Kinder sind. Im Nebenzimmer, unter vier Augen steckte mir der Fürst den kostbaren Ring an den Finger, den sein Leuthold getragen — als ein Andenken für meine schöne liebe Tochter an ihn. Die Vornehmen erfahren und vermuthen doch Alles, weil Jeder sie für seinen Beichtvater hält, dem er Alles aus dem Herzen schütten muß, und der alle Sünden vergeben kann. So war auch meine Tochter verrathen — oder ihr zur Ehre nur der gute Leuthold. Ich kehrte aber die großen funkelnden Steine des Ringes in das Inwendige der Hand — und mußte noch obendrein mich bedanken. Es kam aber nicht besonders heraus. Mehr Freude machte mir ein Beutelchen Gold zum Abschiedsfest der Auswanderer im Lager, damit sie »Einen guten Tag« in Deutschland, hätten. Und wir Andern, die sich selbst hinauspracticirenden Adligen, die Wohlhabenden, kurz wir Alle feierten das Abschiedsfest mit ihnen, unter ihnen als alle nun: Neue Landsleute! Amerikaner! Das Fest war sehenswerth, mehr aber hörenswerth, am meisten jedoch bedenkenswerth.

Ein weißer weiter Frühlingsnebel bedeckte das Vaterland am Einschiffmorgen. Wir sahen die Sonne nicht mehr. Nur einzelne Stimmen ließen sich vernehmen, und ein gewisser Krüppel sang wieder sein unvergessenes Lied: Frisch auf, Cameraden, aufs Pferd, aufs Pferd! Ins Feld, in die Freiheit gezogen! — Wir umarmten die bleibenden Freunde am Ufer, empfahlen ihnen die Abschiedsbriefe in die Heimath, und saßen dann wie die alten Helden — im Pferdebauch. Kanonenschüsse donnerten, so daß wir in der Seele recht hell erwachten und einen Blick in die Welt thaten. Der Lootse, ein Kerl wie ein Bär aus Helgoland, sprang aus dem Nebel auf das Verdeck, der Anker ward eingeladen und wir schwammen! Das nächste Land, das wir sahen, war Amerika, und dazwischen lag nur die Meereswüste, wie vor den Kindern Israel ihre Sandwüste, um in der einsamen heiligen Zeit unsere Sünden abzubüßen und neue gute Entschlüsse zu fassen. O Weltmeer, mit deinem blauen Gewölbe, worin des Tages nur Eine große Lampe vorübergetragen wird, und des Nachts viel tausend goldene Lampen — welcher Tempel vergleicht sich dir! Wo man den Menschen vergißt, da erscheint Gott! Und Deutschland lag mit seinem Gewimmel, seinen Thürmen und Hütten hinter uns, wie den Nachhauseziehenden eine kleine Stadt mit ihrem verlöschenden Jahrmarkt, wenn es drinnen finster werden will. Nur als draußen auf offener See am Abend der Mond aus der Fluth aufstieg, als ich glaubte zu Hause zu seyn, und nur die Tochter neben mir stand, da wurden die Augen mir feucht, und ich lehnte mich an sie. O was ist ein Kind in der Fremde! Wir sehen uns an — und wir reisen nicht; wir sind daheim; da wo wir auch zu Hause daheim sind, wenn wir uns ansehn. Nur die Mutter hatte mir das Herz schwer gemacht; denn das Postschiff hatte uns draußen bei Wangerooge noch eingeholt, Briefe nachgebracht — und meine Frau schrieb mir: »Ich komme! Segle vor dem Zwanzigsten ja nicht ab! Ich bringe unsern Gustav Adolph mit. Es hat sich hier viel verändert!« — Und das las ich bei vollem Winde den Achten des Monats! Zwölf Tage zu spät! Ich hatte ihr geschrieben, daß Steinbach unsere Tochter zur Frau von mir begehrt, und daß ich sie ihm zugesagt. Das war gewiß Eine von den Veränderungen, die sie bestimmt hatten, mir sogleich nachzufolgen. Und nun war ich fort! Mit einem schweren Seufzer mußte ich auch Das gut seyn lassen, wie tausend Andere in der Heimath! Ich verschwieg aber der Tochter die Nachkunft der Mutter, meine Sorge und die Verwirrung, welche nun entstehen mußte. Die Männer müssen verstehen, das Schwerste allein zu tragen. Darum sind auch noch die Weiber und Kinder so lustig in Deutschland. Dafür wußte ich Einem Vater drüben Freude zu machen, durch die zwei Knaben, den Anselm und Wilhelm, die mir anvertraut waren. Vom Schulmeister Tolera unterstützt, hielt ich Vor- und Nachmittags Schiffsschule mit den Kindern der Auswanderer, und trieb vorzüglich nur Neueweltkunde, Geographie und Naturgeschichte. Die Kinder lernten alle wie Genie’s! Denn das Interesse lag vor uns — nicht rückwärts! Das ist die Ursache, daß so viele Candidaten, besonders der heiligen Theologie, den Repuls bekommen! Die Ältern hier aber erlebten Freude und saßen mit gefalteten Händen an den Borden umher. Bisweilen sangen in der Morgen- und Abendstunde auch die Rothkehlchen dazu, und die Staare schwatzten. Denn ein Freund der Natur hatte eine kleine Arche voll Singvögel mit eingeschifft: Leipziger Lerchen, 50, je ein Männlein und ein Fräulein; Polnische Sprosser, 50, je ein Männlein und ein Fräulein. Bayersche Staare! Und Oberlausitzer Haidelerchen, die Vögel mit dem wehmüthigsten Gesange auf Erden! Und auch den fröhlichsten, liebsten Vogel der Kinder — den Kukuk! 12, je ein Männlein und ein Fräulein.

War der Mann mehr ein Menschenfreund? Oder ein Freund der Vögel, der diesen da drüben neue unermeßliche Wälder schenken wollte? Ich weinte fast, wenn ich die lieben Sänger ansah, und war voll von tausend Frühlingen. Der Inhaber derselben frug mich lächelnd: »Bin ich der Herr von Habenichts? Ich will durchaus wissen, ob ich drüben der Herr von Kannnichts seyn werde; das will ich wagen und prüfen! Die geheime Macht ist die größte; und das geheime Wissen und Können, was Jedem einwohnt, ohne daß er es weiß — das ist das Herrlichste. Was für ein Esel hat mein Ahn und Ihr Ahn — Adam geglaubt zu seyn, als ihn der Engel zur Auswanderung aus dem Paradiese genöthigt; und ward er nicht ein herrlicher Landpfleger in Asia, der Normalbauer, auch Schaafzüchter der Heidenheit! Und o wie schwer mußte dem Herrn von Adam das Leben unter nicht einmal bürgerlichen, sondern thierischen Canaillen werden — da er das Paradies geschaut hatte und drinnen gelebt! Wie viel tausendmal besser haben es wir — die wir bei uns nichts vom Paradiese gesehen haben, als Schwarzkittel, Regimenter Engel mit dem Schwerdt, und wenig Freudenhäuser — als die privilegirten! Und ist jeder Bauer im Schiff hier nicht ein Auserwählter des Herrn, wie Noah in seinem Kasten! Damit wir gesegnet würden, durften Millionen nicht ersaufen, sie durften auf trockenem Lande bleiben! Und was fand Noah, als er ausstieg? — Recta Nichts! Und was finden wir? — Recta Alles! Bis auf die Singvögel, und die bringe Ich!«

Zur Ergötzlichkeit der Andern wurden fast alle Gespräche öffentlich gehalten, und ich erstaunte, wie bald sich der Mensch an Redefreiheit gewöhnt. Die alten ertragenen Leiden waren unleugbar überstanden, und wie man von Todten spricht, so redeten hier die Leute von Europäern und Europäischen Dingen: das waren große Schulden — das waren schwere Zeiten — das waren schlechte Aussichten. Kurz, der liebe Schiller ist nie zur See gefahren, sonst hätte er wahrer gesungen: »Auf dem Meere ist Freiheit!« — Uns war es die Freiheitsschule.

Wir waren schon mehrere Wochen gesegelt, und Anselm wußte, wie wir Alle, daß Amerika da sey, wenn die Wache aus dem Mastkorbe riefe: Land! Da rief sie nach einem schweren Gewitter einst: Land! Land! — Es konnten diesmal, da uns der Sturm zur Seite gedrückt, jedoch nur erst die azorischen Inseln seyn. Der Knabe aber stieg in die Strickleitern hinauf — sahe Land, sah in seiner Meinung das heiß ersehnte Amerika — er dachte gewiß an seinen Vater, wollte gewiß die Hände ausstrecken, hatte sich also nicht mehr angehalten, und so war der arme, vor Freude taumelnde Knabe herabgestürzt auf die harten Bohlen, und wir hatten einen Halbtodten im Schiff, den der Arzt herzustellen nicht gewiß versprach. Ich bekam eine Nothtaufe; darum schrieb ich zu den andern Regeln für Überfahrer auch die: nur geborene Menschen mitzunehmen. Der Sturm hatte in der Ferne wo ein Schiff zerbrochen, und in der darauf folgenden gänzlichen Windstille erkannten wir endlich einen Menschen, der, mit einem Schwimmgürtel versehen, sein Leben gerettet hatte. Ich fuhr im Boote mit hinaus ihn aufzufischen. Welch ein Mensch! Alle die Seinen waren umgekommen. Er hatte in einer Tasche vor der Brust noch Lebensmittel auf viele Tage. Sein erstes Wort war: »Niemand muß sich allein retten. Das ist schändlich, unausstehlich!« Der Mann sah furchtbar aus. Er trug einen leichten Panzer, über und über mit Stahlstacheln gegen die Angriffe der Seeungeheuer, womit er auch schon zu Lande, in Wäldern und Sümpfen, jeder Schlange, jedem Bäre getrotzt. Er erzählte uns im Schiffe seine Abenteuer. Trotz dem, daß er der größte Wagehals schien, war er doch nur der größte Gottfried Sicher gewesen und nannte sich selbst den größten Feigling. Auch uns Auswanderern wollte er seinen Namen wie einen großen Mantel umwerfen, daß wir ausgewandert wären. Seine Worte waren schneidend. Er gab mir eines Abends seine Lebensbeschreibung in einer Glasbouteille »Leben eines Wagehalses«, und am andern Morgen war er, so sehr wir auch überall suchten, doch nirgends auf dem Schiffe zu finden. Viele hielten ihn für eine Geistererscheinung, die einem von uns den Tod bedeute. Andere konnten über das untergegangene Schiff nur beruhigt werden, daß sie von Seekundigen hörten: »Erst das hundertste Schiff scheitert, und von hundert gescheiterten Schiffen kommt erst die Mannschaft von Einem um. So steht die Seerechnung!«

Ein ander Seegesicht darauf erfreute und bestürzte mich bang! Ein Schiff segelte unter dem Winde an uns vorüber. Nicht fünfhundert Schritt weit. Die helle Morgensonne schien hinein. Ein Schiff ist auf der See eine Merkwürdigkeit. Nach meiner Gewohnheit sahe ich mit dem Fernrohr hinüber in die rosig und saffranfarbig glühenden Segel. Auch die Reisenden sahen nach uns herüber; Frauen, Knaben, die Gesichter nach uns gewandt. Endlich erblicke ich, ein Gesicht — Gott! es war mein Weib! Ich konnte vor Beben kaum sehen, wie ihr die Augen leuchteten! Wie sie sehnsuchtblaß aussah. Sie hielt die Hand auf den Kopf meines Sohnes. Aber ach! sie vermuthete uns nicht, und sahe sofort herüber in stillem Trübsinn. Das Meer rauschte; der Wind sauste. Ich wollte durch das Sprachrohr dennoch versuchen ihr zuzurufen, mich ihr bemerklich zu machen, sie wenigstens zu grüßen! Ich rief meine Tochter, ich sagte ihr: Kniee nieder! siehe hinüber, da steht ein Weib . . . . wie unsere Mutter. Sie sahe hinüber — sie hatte eben das Mutterantlitz gefunden, da wendete sich das Schiff und zeigte uns das Steuerruder. Es rauschte mit Flügeln, des Sturmes davon. Maria sah mich an. Und ich faßte mich, ich verrieth ihr nichts; und so wußte sie ruhig die Mutter daheim bei den Brüdern. Ich aber besann mich, daß die Mutter ja wußte, wir segelten nach Neu-Orleans. »Also auf fröhliches Wiedersehen in einer bessern Welt!« sprach ich gedankenlos. Und so hatte ich richtig geahnt. Ich hatte sie zum letztenmale gesehen!

Darauf überfiel uns wieder tagelange Windstille. Unser Schiff schien wie ein Schwan auf dem Wasser zu schlafen. Die Tage waren schon heiß. Anselm ward kränker; Er ließ sich noch von seinem Bruder Wilhelm das Lied von der Schwalbe vorsingen, und die andern Knaben sangen es mit; Und für seinen Vater hörte ich weinend die letzten Verse mit an:

Da laß ich mich ihn fangen;

Die Mutter küßt mich sehr!

Drauf soll ich wieder fliegen —

Da bin ich schon nicht mehr!

Da steht sie tief betroffen,

Denkt bang an mich und schwer;