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Der Schandfleck
Eine Dorfgeschichte
von
Ludwig Anzengruber
Herausgegeben und eingeleitet
von
Carl W. Neumann
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Einleitung
Ein Menschenalter ist hingeflossen, seit man in Wien (am 12. Dezember 1889) den fünfzigjährigen Anzengruber zu Grabe trug. Im kommenden Jahr also wird, was er schrieb, nun Gemeingut des Volkes — gesetzlich frei zur Vervielfältigung und Verbreitung für jedermann.
Es sind nur vereinzelte deutsche Dichter, die aus dieser schönen Gesetzesbestimmung Gewinn für ihr Lebenswerk ziehen; wenige nur werden auserwählt von den vielen Berufenen. Das Urteil der Mitwelt hält nicht immer stand vor dem unparteiischen Richterspruch der Geschichte, die alles abzieht, was die Gunst des Augenblicks einem Dichter an Kränzen gewunden. Bei Anzengruber jedoch hat es stand gehalten. Er hat seinen gesicherten Platz in der Literaturgeschichte, die seinen Namen mit Ehrfurcht ausspricht, und seinen nicht weniger sicheren Platz in den Herzen des Volkes. Und das ist bei ihm das Entscheidende.
„Ich sah dem Volke nackten Unsinn bieten, oft mit krausester Tendenz verquickt, Handlung, Charaktere, alles unwahrscheinlich, unwahr, nicht überzeugend, so daß der guten Sache der Volksaufklärung mehr geschadet als genützt wurde. Und rings lagen doch so goldreine, so prächtige und mächtige Gedankenschätze, ausgestreut von den Geistesheroen aller Zeiten und Völker. Alles das mußte sich in kleiner Münze unter das Volk bringen lassen, von der Bühne herab, aus dem Buche heraus. Ein anderer wollte sich nicht finden, welcher der Zeit das Wort redete, also mußte ich es sein.“ In diesen Sätzen aus einem Briefe an Julius Duboc hat er sein Ziel und den Weg dazu leise angedeutet: der Zeit das Wort reden, das war’s, was er wollte. Und wenn wir sein Werk daraufhin überprüfen, so müssen wir ihm schon die Auszeichnung lassen, daß er wie wenige vor ihm und nach ihm das Zeug dazu hatte.
Am liebsten sprach er zum Volk von der Bühne herunter, nach der sich schon früh seine Kräfte spannten und der er als wandernder Thespiskärrner beinahe ein volles Jahrzehnt hindurch angehörte. Die lange Reihe seiner Bühnenwerke, vom weit und breit bekannten „Pfarrer von Kirchfeld“ (1870), der seine erste, bis zu dem „Fleck auf der Ehr“ (1889), dessen erfolgreiche Aufführung seine letzte große Lebensfreude bedeutete, legt Zeugnis ab für den heiligen Ernst, der sein Schaffen im Dienste der Volksaufklärung und Volkserziehung beseelte. Es steckt ein Stück Kulturgeschichte in diesen Werken, im gewaltigsten Drama wie in der ausgelassensten Komödie; sie sind wie ein Spiegel der mancherlei sittlich-religiösen Tendenzen, die seine Zeit bewegten und erschütterten. Wie er im „Pfarrer von Kirchfeld“ das wahrhafte Christentum ausspielt gegen den Geist des Zelotentums und der Unduldsamkeit, so ist im „Meineidbauer“ die fromme Gewissenssophistik des Titelhelden, die selbst das Verbrechen zur göttlichen Schickung umlügt, der Angelpunkt des Geschehens. In „Hand und Herz“ ist es die Unlösbarkeit der katholischen Ehe, die er an einem herben Einzelfall als menschlich und sittlich verwerflich erweist; im „Vierten Gebot“, seinem wuchtigsten Drama, schärft er mit Nachdruck den Eltern ein: Seid eingedenk euerer Verantwortlichkeit! Der Zeit das Wort reden, das war’s, was er wollte. Der Widerspruch gegen Aberglauben und fromme Duckmäuserei, gegen kirchlichen Zwang, gegen alle geistigen und sozialen Ungerechtigkeiten lag ihm im Blute, so wenig der tiefe Menschenkenner und große Gestalter deshalb zum „Tendenzdichter“ wurde. Wahrheit verlangte und bot er, Wahrheit und Ehrlichkeit der Gesinnung, und seine höchste Moral war auf Mitleid gegründet. Die seine Sache zu führen haben, sind immer die Ärmsten und Letzten in der Gemeinde, die „Leidensfiguren aus dem Volke“, die Wurzelsepp oder Steinklopferhanns, und immer lautet die Anklage dann auf zu wenig Mitleid und Nächstenliebe. Für unsere Zeit kann es keinen moderneren Dichter geben als Ludwig Anzengruber. Ihn, den bei Lebzeiten nach seinen eigenen Worten die Mode versinken und darben ließ, muß die Gegenwart zwiefach verehren und lieben, als Schutzgeist der Gewissensfreiheit und Anwalt aller Bedrückten.
Er war aber nicht bloß Dramatiker, er war auch Erzähler, und wiederum einer von großem Format und von eigener Prägung. Nicht alles, was er geschrieben hat, läßt das erkennen; zu oft zwangen Sorge und Not ihn zu billiger Tagesleistung. Schriftsteller, „die nur tun müssen, was sie nicht lassen können, aber was sie lassen wollen nicht tun müssen“, hat er sein Lebtag beneidet. Wem seine „Dorfgänge“ aber vertraut sind, die er noch selber für die Gesamtausgabe seiner Werke zusammengestellt hat, die tiefschürfenden Charakterstudien vom „gottüberlegenen Jakob“ und „Hartingers alter Sixtin“, vom „Sündkind“, vom „Sinnierer“ oder vom „Mann, den Gott lieb hat“; wer seine erschütternde Novelle „Der Einsam“, vor allem jedoch seine großen Romane „Der Sternsteinhof“ und „Der Schandfleck“ kennt, der weiß, daß sie kräftig vom Leben durchglüht und mit der Gestaltungs- und Erfindungsgabe des echten Künstlers entwickelt sind.
Auch dem Erzähler blickt meist der Dramatiker über die Schulter. Die Charaktere so sicher wie möglich zu erfassen und aus ihrem Wesen und Wirken, ihren Gesinnungen und Leidenschaften naturnotwendig ihr Schicksal hervorwachsen zu lassen, das lockt ihn am meisten. Die breite, behagliche Freude am Ausmalen und am Beschreiben, das liebevolle Sicheinfühlen in die Umgebung, das Gottfried Keller als Epiker groß und bedeutend macht, ist ihm fremd. Nicht wenige seiner Erzählungen sind überhaupt echte Dramenstoffe, die nur aus begründeter Furcht vor der Wiener Zensur nicht die Bühne erreichten.
Zu dieser letzteren Gattung gehört auch der „Schandfleck“, der erste große Roman Ludwig Anzengrubers, der Weihnachten 1876 als Buch herauskam, nachdem er zuvor in der österreichischen Familienzeitschrift „Die Heimat“ veröffentlicht worden. Der Dichter stand auf der Höhe des Ruhmes. Der „Pfarrer von Kirchfeld“, der „Meineidbauer“ und die drei Meisterkomödien „Kreuzelschreiber“, „Gewissenswurm“ und „Doppelselbstmord“ hatten die Probe im Rampenlicht glänzend bestanden, dagegen war der Erzähler Anzengruber bisher nur mit kurzen Geschichten und Märchen hervorgetreten. Würde der große Roman den Vergleich mit den Dramen vertragen?
Die Frage war nicht unbedingt zu bejahen. Während der erste, im Dorfleben wurzelnde Teil der Erzählung vortrefflich geglückt war, fiel die Geschichte im zweiten Teil — Schauplatz Wien — merklich ab. So ungleichwertig waren die beiden Hälften, daß Geibel beim Lesen den Eindruck gewann, als ob eine fremde Hand den Roman von der Mitte ab fortgeführt habe, und Berthold Auerbach schlechthin erklärte, so kraftvoll und plastisch der erste Teil sei, so „unbegreiflich abgeschmackt“ sei der zweite. Wir wissen heute, worauf das beruhte: der Dichter gab leider der Einwirkung nach, zugunsten der Zeitschrift und ihres Leserkreises den Schauplatz vom Dorf in die Stadt zu verlegen. Die Stadt aber, wenn sie auch Wien heißen mochte, blieb stets seiner Muse ein fremdes Gebiet.
Die heutige reife Gestalt des Romans ist das Werk einer späteren Umarbeitung, und daß sich der Dichter dazu bereit fand, bereit finden konnte in seiner Lage, die ständig ein Kampf um das tägliche Brot war — das ist das Verdienst eines trefflichen Mannes, der Anzengruber die Möglichkeit schenkte, eine Weile dem drängenden Tageserwerb zu entrinnen. Ohne sich selbst zu erkennen zu geben, ließ er dem Dichter im Herbst 1879 von Hamburg aus „als die Spende ungenannter Freunde seines Talents“ die Summe von tausend Gulden zur Verfügung stellen und daran den Wunsch der Verehrer knüpfen, es möge der „Schandfleck“ die Fassung erhalten, die dessen ursprünglichem Anlageplane entspräche.
Anzengruber hat lange gezögert, das Angebot sich zu eigen zu machen. Wohl kannte er selbst die Achillesferse, doch bangte ihm nicht allein vor dem harten Stück Arbeit einer tiefgreifenden Umgestaltung des „Schandfleck“, die für beträchtliche Zeit alle anderen Pläne zurückdrängen mußte, er glaubte auch hinter dem Angebot jenen selbstlosen „allerentferntesten“ Freund zu erkennen, der wiederholt seine lebhafte Teilnahme an dem Roman schon betätigt hatte: den feinsinnigen Ästhetiker Wilhelm Bolin, der als Professor und Bibliothekar an der Universität Helsingfors wirkte. Durfte er aus dieses Freundes Hand solch ein Geldopfer hinnehmen? „Ein Anbot, wie es mir gemacht wird, kommt nicht ohne irgendeinen Anstoß,“ schrieb er am 9. November 1879 dem Hamburger Mittelsmann, „das kommt nicht von einer Anzahl Leser, die bloß an dem Autor teilnehmen, das kommt von einer auch dem Menschen befreundeten Seite; ich denke nun — ich weiß es allerdings nicht, aber ich halte mich für berechtigt, es zu denken — daß ich keinen Freund habe, dem in der fraglichen Angelegenheit selbst nur durch die Ergreifung der Initiative nicht ein Opfer auferlegt wäre, und ein solches anzunehmen, dazu halte ich mich nicht berechtigt.“ Erst als die ungenannten Freunde seine Bedenken zerstreut und ihm ausdrücklich versichert hatten, daß keinerlei Opfer vorwalte, nahm Anzengruber die Geldspende an. Sobald er einigermaßen die Hände frei habe, werde er sich an die Neuschöpfung machen, die eine gewisse Feiertagsstimmung bedinge; Werkeltagsarbeit vertrüge die Sache nicht.
Es war, wie der Dichter ganz richtig vermutete, wirklich Bolin, der ihm über Hamburg hinweg die gefüllte Freundeshand reichte, doch hat er zeitlebens den Sachverhalt nicht erfahren. Erst 1890 lüftete Wilhelm Bolin sein Inkognito durch die Erklärung, er habe das Honorar für seine schwedische Bühnenbearbeitung Shakespeares nicht besser verwenden zu können geglaubt, als zur Erlösung des Schandfleck-Romans aus der ihm durch redaktionelle Willkür aufgezwungenen bösen Entstellung.
Für Anzengruber bedeutete damals die Spende nicht wenig. Viel größer jedoch ist der Dauergewinn, den sein schwedischer Freund unserer deutschen Literatur dadurch sicherte.
Leipzig, Dezember 1919.
Carl W. Neumann.
Der Schandfleck
1.
Zu beiden Seiten der Straße erhoben sich Hügel, dehnten sich mählich hinan und machten den Versuch, eine Gebirgskette aufzubauen, welche aber etwas nieder ausfiel. Es war eine vornehme Straße, sie erlaubte den Häusern nur rechts und links Spalier zu machen und bewilligte der Ortschaft nur eine einzige Gasse. Ab und zu verzweigte sich auch ein Fahrweg und wand sich zwischen den Hügeln hindurch. Wer sich dort angesiedelt hatte, in den vereinzelten, verstreuten Gehöften, der gehörte wohl zur Gemeinde, aber ein Ortskind war er nimmer, er wohnte — wie sollte man es heißen, in der Schlucht, im Hohlwege? Das hieße den sanftansteigenden Hügeln doch zu viel romantische Ehre antun, der Volksmund traf auch hier das Richtige und nannte diese Wegstrecken „Gräben“, und so wohnte ein und der andere Bauer im „mittleren“, im „Heu-“, „Wasser-“ oder sonst irgendeinem Graben.
Im „mittleren“ Graben, nahezu eine halbe Stunde vom Orte, befand sich ein Häuschen, über dem Hügel vor demselben stand die Sonne und spiegelte sich in den Fensterscheiben, diese gaben für diesmal das Bild in scharfen Umrissen wieder, denn sie waren dicht verhangen. Im ganzen Gehöfte ist alles still und ruhig, nur in der Küche, gerade vor der Stube mit den verhängten Fenstern, da brodelt manchmal vorlaut das Wasser in einem Topfe, oder es tropft von einem Deckel und verzischt auf der heißen Herdplatte; eine stämmige Dirne, die da herumhantiert, ruft dann immer ein strafendes „Pscht“, nach einer Weile aber beginnt sie einen Ländler vor sich hinzusummen, bis sie ein Schmerzenslaut aus der Stube vermahnt, daß sich das doch auch nicht recht schicken will, und dann läuft sie geschäftig nach der Tür derselben und guckt hinein und nickt den beiden Weibern zu, die da drinnen um die in Kindesnöten liegende Reindorferin geschäftig sind; geschäftig wohl nur die eine, die künftige Gevatterin, die andere, ein altes, zusammengeschrumpftes Mütterchen, blickt aus großen nichtssagenden Augen, als ob sie sich über alles höchlich verwundern würde, sitzt aber eigentlich ganz ruhig nebenbei und wartet, bis die Pflicht sie ruft.
Draußen im Hofe steht ein alter Mann, er mag sich immerhin auf seinen Taufschein berufen, der ausweist, daß er noch nicht die erste Hälfte der Fünfziger überschritten hat, er ist aber von der Zeit so übel mitgenommen, daß ihm diese Berufung wenig nützen wird, er denkt wohl auch nicht daran, und was den Taufschein anlangt, wäre ihm wohl lieber, der Pfarrer hätte nie die Mühe gehabt, einen Joseph Reindorfer in das Kirchenbuch einzutragen.
Also der Bauer war es, der Herr der Liegenschaft, der Joseph Reindorfer, der da draußen im Hofe vor einem Leiterwagen stand, dem ein magerer Braun vorgespannt war; auf dem Sitzbrette saßen ein vierschrötiger Bursche, etwa sechzehn Jahre alt, und ein Mädchen, das vierzehn zählen mochte, die Kinder des Bauers.
Reindorfer nahm die Peitsche, die an der Deichsel lehnte, und langte sie dem Jungen zu. „Nun macht, daß ihr fortkommt, grüßt mir meinen Bruder und fahrt fein gescheit, es hat keine Eile, ihr braucht mir“ — setzte er verlegen hüstelnd hinzu — „nicht vor Abend heimzukommen.“
Der Bursche lachte. „Tut doch der Vater gerade, als wüßte man von nichts!“
Das Mädchen wurde rot, blickte zur anderen Seite des Wagens nieder und stupfte den Bruder leise mit dem Ellbogen.
„Was wirst auch viel wissen,“ brummte der Bauer.
„Für seine alten Tage,“ sagte der Bursche keck, „hätte der Vater auch gescheiter sein können.“
Der Alte riß eine Mistgabel an sich und holte damit aus, aber er besann sich, sah den Buben giftig an und schlug nach dem Pferde, das erschreckt zum Hoftor hinausjagte und den Wagen hinter sich her riß.
Das Mädchen kreischte, der Junge fluchte und als er den Wagen in ruhigen Gang gebracht hatte, sagte er zur Schwester: „Der Hof ernährt ohnedem kaum eines, bist du schon zu viel, weil du ja auch ausgesteuert werden sollst, nun soll gar noch ein drittes davon fressen und zehren und beteilt werden.“
Er machte durch einen Peitschenhieb seinen Gefühlen Luft, und das Mädchen, das im übrigen seine Anschauungen zu teilen schien, vergalt die Anspielung auf sich nur durch einen nicht ernst gemeinten Puff.
Reindorfer hatte das Hoftor hinter den Davonfahrenden geschlossen, jetzt ging er langsam dem Garten zu; als er an der Küche vorüberkam, trat die Magd an die Schwelle und lächelte ihm zu, er sah sie groß an, dann wandte er sich ab und schritt kopfschüttelnd weiter. Im Garten war eine Laube, dicht mit Reben umrankte Latten, dort ließ er sich auf die Bank nieder, stemmte die Ellbogen auf den Tisch und starrte auf den feinen Kies der Wege.
Durch das breite Weinlaub spielte das Sonnenlicht, die Wiese, die hinter dem Garten hinanstieg, ließ es in hellem Grün erglänzen, bis hinauf zu dem Kamme des Hügels, den eine tiefdunkle Tannenwaldung umsäumte. Kroch, schwirrte und surrte es nicht durcheinander in Halmen, Büschen und Bäumen, flatterte, flirrte und sang es nicht in den Lüften? Das wirkt der Sonnenschein mit Licht und Farbe und Wärme — es ist doch sonst oft dem Bauer dort in der Laube das Herz im Leibe dabei aufgegangen, daß ihm das Grün so erfreulich, der Vogelsang so lustig schien, warum gerade heute nicht, wo man aus der linden, wohligen Luft mit jedem Atemzuge Lebensfreudigkeit und Lebensmut in sich sog, wo im lieben klaren Tageslichte jede Sorge verbleichen mußte; warum schlich er nicht über den Hof, und stahl sich leise durch die Küche, und lauschte an der Türe der Stube mit den verhängten Fenstern, die Magd hätte ihn sicher nicht verraten und wunder nähme sie es auch nicht, wenn er es täte, das wollte sie ihm nur zu verstehen geben, als sie ihn vorhin anlachte — warum hielt er sich ferne?
Ein paarmal rückte der alte Mann unentschlossen auf der Bank hin und her. „Solltest doch nachschauen geh’n, daß es nicht auffällt. Ja, wer es so weg hätte, sich zu verstellen, daß es ihm niemand anmerkt und jeder glaubt! Vielleicht verstellt sich die ganze Welt so, als wär’ alles gut und schön, und es ist der Sonn’ nicht ernst damit und dem Gefiederwerk, das da herumlärmt; und dem ganzen lichten Tag ist es anders um das Herz, als er glauben machen will, und ich trau’ ihm heut’ nicht.“
Ja, er hatte seinen guten Grund, fernzubleiben, aber er konnte ihn niemandem sagen, denn auch der Bauer hält auf seine Ehr’ und Reputation in der Gemeinde und vor den Nachbarsleuten, und eben darum durfte er nicht auffällig tun, daß man nach keinem Grunde suchte, eben darum sollte er doch nachschauen geh’n, damit keines ahnen konnte, was ihm, dem Reindorfer, nur zu gewiß war.
Das Kind war nicht sein!
Ja, wer es weg hätte, sich so zu verstellen! Was heute kommen sollte, war schon lange vorher zu wissen, von dem Tage an, wo es sich nicht mehr verheimlichen ließ, daß die Bäuerin sich vergessen habe, und wo er sich mit Mühe zurückhielt, daß er sie nicht mißhandelte. Er wollte ihr erst ein volles Geständnis erpressen, aber die Bäuerin schwieg in hilf- und ratloser Scham, und als er ruhiger geworden, da dachte er, er brauche ihr nicht abzufragen, was er wohl wußte. Herbergte er nicht im vergangenen Herbste ein paar Tage den Bankert des Müllers im Wasser-Graben, den Urlauber, dem niemand Gutes zutraute, und der in der Stadt drinnen vor nicht lang auch wieder eine ins Unglück gebracht haben soll? —
Bisher meinte er, er würde es auch, wenn die schwere Stunde käme, erzwingen können, daß er den Leuten keinen Anlaß zum Nachdenken gäbe, aber jetzt stand sie vor der Türe und er konnte nicht wider das Gefühl, das ihm die Brust verschnürte.
So saß er denn da außen im Garten, sah nieder auf den Kies und traute dem leuchtenden Tage nicht, von Zeit zu Zeit seufzte er schwer auf, als wollte es ihm — volkstümlich gesprochen — das Herz abdrücken. Das machte ihn verwirrt, denn jeder Seufzer erinnerte ihn, daß er litt, körperlich litt, daran hatte er nicht gedacht und nun war ihm, als sei alles in seiner Brust zusammengeschrumpft, leer, und eine ungeheure Last drücke von außen nach, als wollte sie ihm den Brustkasten in die Höhlung pressen, und dieses Gefühl ließ sich nicht verwinden, darunter seufzte er auf.
„Man kommt nicht auf gegen das Blut, meint man’s noch so gescheit, man kommt ihm nicht auf! Sagt ja auch die Bäuerin aus, sie hätt’ niemal kein’ Gedanken an so was gehabt und weiß jetzt selber nicht, wie sie es hat tun mögen. Was taugt aber der Mensch, wenn er auf sich selber kein’ Verlaß hat? Dann sind Treu und Glauben auf der Welt Narrensachen! Wofür ist gar ein Sakrament auf der Ehe, wenn eines so ungerufen durch eine Hintertür ins Leben kommen kann? Wär’s nicht recht und ihm selber besser, ich brächt’ den Bankert gleich um?“ — Seine Hände zuckten krampfhaft ... und da sah er auch leibhaftig das Kind vor sich liegen, mit dem gleichmütigen Munde und den großen verwunderigen Augen, er zog die Arme an sich und dachte an den schuldigen Teil. „Zwanzig Jahr’ hat sie ausgehalten, hat sich jung nie was vergeben, auf ihr Alter hat sie sich’s versparen müssen. Ich weiß mich nicht aus, o du heiliger Gott, ich weiß mich nicht aus! Wir waren nie anders als gut aufeinander, sie hat es oft selber gesagt, sie könnt’ sich nicht beklagen; zwanzig Jahr’, zwanzig Jahr’ haben wir in Ehr’ und Einträchtigkeit verlebt, da vergißt sie ’n Mann und ihre eheleiblichen Kinder um einen hergelaufenen Lumpen und nicht lange von heut, so läuft — als müßt’ es sein und gehör’ es ihm — der lebendige Schandfleck im Hause und in der Familie herum! Sie hätt’ mir’s doch nicht antun sollen, sie hätt’ mir’s doch nicht antun sollen!“ Sein Blick wurde ungewiß und seine Mundwinkel zuckten. Da erhob er sich, strich mit der harten, schwieligen Handfläche über den Tisch. „All’ vorbei!“
Er ging zurück über den Hof.
„Treu und Glauben sind Narrensachen!“
Als er vorbeikam, wollte der Kettenhund an ihm hinaufspringen, er aber jagte ihn mit einem Fußtritte in die Hütte, dann tat er ihm wieder leid. „Sultan,“ rief er, „Sultan!“ Und klatschte sich auf das Knie.
Der Hund war verschüchtert und verkroch sich in das Stroh.
„Herein, da herein!“
Das Tier gehorchte und er tätschelte ihm mit der Hand auf den breiten Schädel. „Ja, ja, du bist mein guter Hund, ich weiß, ich weiß schon,“ sagte er, als der plumpe Köter vor Freude immer in wunderlichen halben Sprüngen aufhüpfte. „Auf dich ist schon Verlaß, dich kann freilich nicht verdrießen, daß du bleibst, wie du bist — ist dir ja gar keine Zeit gelassen — bringst es ja kaum auf zwanzig Jahr’! — Bist nur ein dummes Vieh und bleibst eines! — Ja, ja — bist ein braver Hund!“
Er bückte sich hinab und beschwichtigte das immer zudringlicher werdende Tier. Da kam jemand rasch heran und blieb neben ihm stehen und sagte: „Bauer, es ist da, ein Dirndl ist’s!“ Es war die Magd. Reindorfer erschrak, er blickte empor, kniff die Augen zusammen, verzog grinsend den Mund und nickte ein paarmal hastig mit dem Kopfe. Er dachte, er habe das recht hübsch gemacht und niemand könne es anders deuten, als er sei über die Botschaft erfreut, die Magd nahm es auch dafür und lief vor ihm her nach der Küche, öffnete die Stubentüre und lachte hinein: „Der Bauer kommt schon!“
Reindorfer trat in das Zimmer, nahte sich auf zwei Schritte dem Bette und sagte, ohne die Bäuerin anzusehen: „Ich bin froh, daß es vorüber ist!“
Das Kind wurde ihm in den Arm gelegt. Es schrie kräftig und schien stark und gesund.
Da war es, trug kein Mal und kein Zeichen, — war ein Kind wie ein anderes.
„Daß es leben mag!![1]“
Der Bauer schüttelte den Kopf, die Hände begannen ihm unter der winzigen Last zu zittern, und die Wöchnerin verlangte hastig das Kleine zurück.
Nachdem er mit einigen hervorgestotterten Worten den beiden Weibern gedankt hatte, „für ihre Freundschäftlichkeit und Gutheit und Hilfeleistung“, versah er sich mit Pfeife und Tabaksblase und verließ die Wochenstube. In der Küche brannte er mit einer Kohle den Tabak an, klappte den Pfeifendeckel zu, schritt dann über den Hof hinaus auf den Fahrweg und wandelte wie ein Träumender dahin.
In wirren, wechselnden Bildern drängten sich dem alten Manne die Erinnerungen seines Lebens auf und er sammelte und sichtete, wie es sich bot, ob es fern oder nah lag, was er genossen oder gelitten, gut gemacht oder übel getan, und suchte es gegeneinander abzuwägen; denn was eines erlebt, das muß doch einen Sinn haben, Freud’ und Leid, Rechttun und Verschulden mußte sich ja doch ausgleichen! Aber die Rechnung wollte ihm nicht stimmen.
Warum er den Hof verlassen hatte und jetzt beharrlich nach einer Richtung den Weg verfolgte, er wußte es nicht. Plötzlich blieb er stehen und horchte auf, er vernahm das Geräusch eines herankommenden Wagens, nun besann er sich, seinen Kindern war er entgegengegangen. Nun rief er sie an, sie mußten halten und ihn auf das Sitzbrett, in ihre Mitte nehmen. Da saß sich’s gut.
„Nun, wie geht’s daheim?“ fragte der Bursche.
„Eine Schwester habt ihr gekriegt.“
Mehr sagte der Bauer nicht und die beiden frugen nicht weiter und so fuhren sie denn schweigend dahin.
Abenddämmer lag über den Matten.
Als sie der Stelle zulenkten, wo der „Wasser-Graben“ in den ihren einmündet, da rasselte ein anderes Fuhrwerk daher und sie wurden angerufen: „Liebe Leuteln, haltet ein wenig auf, laßt mich vorfahren!“
„Ist’s nicht der Knecht aus der Mühl’?“ fragte Reindorfer, indem er die Zügel anzog. „Wohin noch in der Eil’?“
„Nach’m Pfarrhof. Der Müller macht’s nimmer lang! Gute Nacht!“
Damit polterte der Wagen ihnen voran, er war ihnen lange aus Gesicht und Gehör, als sie durch ihr Hoftor einfuhren.
Vom Hofe aus führt eine Stiege nach dem Dachboden, einige Pfeiler stützen sie, und der Raum zwischen ihnen und dem Treppengang heißt „die Lauben“, in derselben befand sich ein Tisch und dahin trug jetzt die Magd das Abendessen für den Bauer und das Gesinde. War ja ohnedies heut spät geworden.
Der junge Reindorfer trat nur unter die Türe, um seine Mutter zu grüßen, das Mädchen aber schlüpfte an ihm vorbei und eilte zur Wiege.
Die Bäuerin erwiderte den Gruß ihrer Kinder, dann kehrte sie sich hinüber zur Wand.
Als der Bursche die Türe hinter sich zuzog, sagte die Tochter, welche sich über den Säugling gebeugt hatte: „Ist ein klebers[2] Ding. War ich auch so?“
„Ist doch keines anders.“
Der Bescheid ward mit halb ungläubigem Lächeln aufgenommen.
„Gute Nacht, Mutter!“
Die Wöchnerin war allein — und sie sollte auch allein bleiben.
Nach dem Abendessen und geschehener Danksagung bedeutete Reindorfer die Magd, sie möge in der Küche schlafen, daß sie zur Hand sei, wenn etwa der Bäuerin nachts etwas zustoßen sollte, er meine aber, Ruhe sei ihr vor allem vonnöten, und darum geh’ er heute mit seinen Kindern auf den Dachboden schlafen.
Noch friedlicher als er im Tageslichte gelegen, lag nun der Hof im Mondenschimmer, denn auch seine Einwohner ruhten; der Schlaf hielt sie in seinem Banne, den Sinnen — durch die aller Reiz und alle Regung, all’ Lust und Leid ihren Einzug halten — räumte er schmeichelnd die Wirklichkeit hinweg, wie eine Mutter spielmüden Kindern das Spielzeug, und während wir oft, wenn wir über die arme Frist unseres Daseins erbangen, ihn kindisch anklagen, als ob er sie unterbräche und uns davon wegnähme, teilt er von Tag auf Tag die Last des Lebens; trage sie einer, sei Schmerz oder Wonne ihr Druck, in einem Stücke, wie gar zu bald erläge er.
Geräusch ist sonst ein ohnmächtiger Feind, aber wenn sich Unruhe im Innern des Schläfers mit ihm verbündet, dann verscheucht es den Schlaf.
Fuhr nicht ein Wagen eilig an dem Hause vorbei? die Leute darauf mußten eine Laterne mit sich haben, denn ein Lichtschein streifte die Tücher, womit die Fenster verhangen waren.
Die Reindorferin ermunterte sich, sie horchte auf — wie stille war alles — sie war gewohnt, dort von der Ecke her die regelmäßigen Atemzüge ihres Mannes zu hören, nun gewahrte sie in dunklen Umrissen das unberührte Lager, sie tastete neben sich, da stand die Wiege und in derselben lag das Kind, ohne Laut und Regung; war es Furcht oder Hoffnung, was sie mit zitternder Hand nach dem kleinen Körper langen machte? Sie fühlte Wärme und verspürte den leisen Atem. Sie zog hastig den Arm unter die Decke, war es Widerwille oder Freude, was sie empfand? Wußte sie es? — Und in ratlosem Unwillen über sich selbst und alles, wie es gekommen war und noch drohend ausstand, drückte sie heftig das Gesicht in die Polster, und ihre Augen wurden feucht. Weinte sie über sich oder über das Kind? Wie unschuldig das auch war, konnte sie je ein Herz zu ihm fassen? denn auch sie wird es, solange es lebte, vermahnen, denn auch für sie, die Mutter, verbleibt es, wie es der Bauer genannt, ein Schandfleck!
2.
Der Wagen, der an dem Hofe Reindorfers vorübergefahren, hielt vor der Mühle im Wasser-Graben. Der Knecht war einem Geistlichen, welcher Chorhemd und Stola trug, beim Absteigen behilflich, und dieser zog dabei das Ziborium vorsichtig an sich, damit ihm der Knecht nicht ungeschickterweise nach demselben tappe. Der Kirchendiener, welcher eine Laterne mit sich führte, kletterte, durch dieselbe wohl etwas behindert, aber doch ungefährdet an der rückwärtigen Seite des Fuhrwerkes herab und leuchtete voran, als sie in den Hausflur traten, wo das Gesinde versammelt war. Ein Glöckchen schrillte, die Anwesenden knieten nieder, der Priester erteilte ihnen den Segen und trat dann in die Stube zu dem todkranken Müller. An dessen Lager wachte eine alte Magd, sie erhob sich und küßte dem Geistlichen die Hand.
„So viel unbußfertig ist er halt, Hochwürden,“ flüsterte sie mit einer bedauernden Gebärde nach dem Kranken, „so viel unbußfertig.“
Ein Wink bedeutete sie, sich zu entfernen.
Der Priester und der Sterbende waren allein. —
Der Seelsorger war ein kräftiger junger Mann von Mittelgröße, galt aber wegen seiner Körperfülle eher für klein, und ein sogenanntes Doppelkinn verlieh ihm vollends dem Äußeren nach einen behäbigen Anschein, welchem jedoch sein lebhaftes Auge und seine rege Beweglichkeit widersprach. Er schritt rasch nach dem Tische und entfernte für einen Augenblick den Schirm von der Lampe, um nach dem Kranken zu sehen, der mit geschlossenen Augen im Bette lag, der farbige Überzug der Polster hob die eingefallenen, scharfen Züge noch mehr hervor, die abgezehrten Arme lagen schlaff über der Bettdecke, nur manchmal zuckte es in den Fingerspitzen.
Der Kranke merkte sich beobachtet, er meinte zeigen zu müssen, daß er wach sei. „Die Gundel,“[3] sagte er heiser, „die Gundel“ — so hieß seine Wärterin — „hat mich wohl verklagt, ich bete ihr alleweil zu wenig, es hilft ja doch zu nichts mehr, nein, es hilft nichts mehr; wenn nur das Versehen[4] helfen möcht’.“
Der Priester trat an sein Lager.
„Herlinger, kennt Er mich denn?“
„Ach ja wohl, freilich, Hochwürden. Hab’ Euch ja rufen lassen, damit Ihr mich einölen sollt, der Doktor meint, er könne nichts mehr richten, da müßt halt Ihr jetzt Eure Kunst probieren. Ich hab’ mehrere gekannt, die es ein paarmal mitgemacht haben und nach jedem Versehen noch eine Zeit herumgelaufen sind. Es ist fast so, wenn man das liebe geweihte Öl auf dem Leibe hat, als könnte der Tod nimmer so hart anfassen, — hihi — man rutscht ihm aus.“
„Nun ja, Herlinger, wenn Gott will, kann er Ihm auch noch Seine Zeit verlängern, aber das Sakrament der letzten Ölung ändert nichts an seinem ewigen Ratschlusse.“
„Und warum nicht? Zu was hätten wir denn dann die hochheiligen Gnadenmittel, als um etwas gegen ihn ausrichten zu können, wenn kein Gebet mehr verfangen will?! Dazu sind sie da, o, ich kenn’ mich aus, ich verabsäum’ es nicht, denn da heißt’s wohl auch: Friß Vogel oder stirb!“
„Herlinger, weiß Er auch, was Er spricht? Regt Ihn etwa das Reden zu viel auf?“
„O nein, nein, Hochwürden. Ich müßt’ ohnedem in einem fort reden, denn mir geht allerhand durch den Kopf. Aber ich laß mich nicht irremachen und wenn ich bei einer Sach’ verbleib’, so weiß ich ganz gut meine Meinung.“
„Gut, doch muß Er auch imstande sein, Müller, auf das zu hören, was ich Ihm zu sagen habe.“
„Ich bin ja noch bei mir, warum sollt’ ich nicht aufmerken können?“
„Ich finde Ihn in einer schlechten Verfassung; Herlinger, das ist keine Vorbereitung zu dem Empfange der heiligen Sterbesakramente, das muß Er ganz anders anfassen, sonst kann ich sie Ihm nicht spenden.“
Das Bett schütterte unter dem Kranken, dem die Angst die Schlaffheit der Glieder löste. „Ihr müßt,“ kreischte er auf, „Ihr müßt! ich gehöre zur Pfarre, habe immer mein Teil und darüber gerne gegeben, Ihr habt mein Geld genommen, Ihr müßt! — Ihr werdet es ja doch nicht über Euer Gewissen bringen, Hochwürden,“ setzte er flehend hinzu, „daß Ihr mich da liegen laßt, ohne Versuch, mir aufzuhelfen?“
„Das ist es eben, Herlinger; Er vermeint, durch die Sterbesakramente bleibe er am Leben, darum verlangt Er nach ihnen. Ihm fehlt die christliche Ergebenheit in den Willen Gottes, Er glaubt wohl gar, es anders erzwingen zu können, Er begehrt keine Gnadenmittel, Er will Wundermittel, und die habe ich nicht. Eine heilige Handlung kann ich aber nicht mißbrauchen lassen, es hieße Spott damit treiben, wollte ich einem Menschen die letzte Ölung spenden, der sich dabei mit dem Gedanken trüge, es möge doch nur die vorletzte oder drittletzte gewesen sein!“
„Tut nur nicht gleich so bös’, hochwürdiger Herr. Ihr wißt freilich besser Bescheid in solchen Sachen wie ich, müßt mir halt sagen, was ich tun muß, daß ich dazu gelangen kann.“
„Wenn Er auf Seinen verfallenen Leib blickt, Müller, dann muß Er sich wohl selber sagen, wie wenig zu hoffen ist und daß Er ganz etwas anderes der Barmherzigkeit Gottes zu empfehlen hätte.“
„Nichts für ungut, — aber wie man sich halt oft so Gedanken macht, — ich begreif’ schon, mit ihm vergleichen muß man sich wohl, daß er es einem im Leben gut geschehen läßt, gut’ Freund muß man wohl mit ihm bleiben, sonst verhagelt er einem die Felder und schickt Kümmernis und Trübsal, aber man vermeint doch, für weiter hinaus könne er einem nichts mehr anhaben! Wenn es aus sein soll mit mir, wozu brauch’ ich ihn dann? Wenn einer verstorben ist, so ist er wohl ganz und gar verstorben.“
„Herlinger, Er ist auch einer von denen, die Gott fürchten wie den Teufel, darum möchte Er ein Ende der Herrschaft absehen. Ich aber sage Ihm, Gottes Macht und Herrlichkeit leuchtet über Lebende wie über Tote in gleicher Helle, und darüber ist keiner so ganz sicher, ob ihm nicht dereinstens vor ihr die Augen übergehen; denn wie keiner weiß, von wannen er kommt, so ist er auch nicht gewiß, wohin er geht, und ich möchte den Allmächtigen nicht versuchen, was er für weiter hinaus mir anhaben, wozu ich ihn noch gebrauchen könnte, denn nach der Zeitlichkeit beginnt die Ewigkeit!“
„Hochwürden, glaubt Ihr daran?“
„Warum sollte ich sagen, was ich nicht glaube?“
„Wohl, Ihr hättet es nicht Ursache. Aber doch — nicht jeder darf reden, wie er es vermeint; was seines Amtes ist, daran muß er sich halten. Hab’ einen Advokaten gekannt, der hat auch gesagt, von der Wahrheit könne er nicht leben.“
„Verblendeter Mensch! Wenn ich dir jetzt mit den Tröstungen der Kirche beispringe, was bin ich denn anders als dein Advokat, der dich nicht unvorbereitet, nicht unverteidigt vor den Richterstuhl Gottes treten lassen will?! Aber auch ich werde da mit der Wahrheit nicht weit kommen, denn ich darf deine Sünden und Vergehungen nicht die strenge Gerechtigkeit Gottes aufreizen lassen, austilgen muß ich sie durch die Gnadenmittel, damit ich seine Erbarmung für dich anrufen kann!“
„Ja, ja, es möcht’ schon recht sein, wenn Ihr so tätet, es könnt’ nicht schaden, wenn es nur nützt! Aber ihr hochwürdige Herren seid ja selber so, alle Ostern seht ihr einem die Sünden nach, und darauf rückt ihr sie ihm wieder allzusammen vor, — wenn bestimmt ist, daß es einem eingebracht werden soll, so steht wohl auch schon das Urteil fest, was hilft nachher alles Beten und zum Kreuz kriechen?“
„Es hilft auch nicht ohne aufrichtige und — wo es noch etwas gutzumachen gibt — tätige Reue. — Wie aber kommt Er dazu, Herlinger, daß Er sich leichter in eine harte Führung und ein strenges Gericht Gottes ergibt, als an dessen Milde und Barmherzigkeit glaubt?“
„Ja, es ist mir halt alles im Leben so überquer gekommen, immer eines auf das andere, als ob es hätt’ sein müssen, niemal ist es mir so gut geworden, daß ich einem Jammer hätt’ ausbeugen können, niemal hat es mich aus einem Drangsal gerissen, wie andere oft, daß man meint, ihr Schutzengel führt sie an der Hand heraus, und wenn man so immer und alleweil ohne jede Hilfe verbleibt, dann merkt man wohl, wie man nie etwas hat tun können gegen das, was werden will, und wenn es der Herrgott auf einen abgesehen hat, da muß man noch froh sein, wenn man ihm abbetteln kann, daß er es nicht gar zu grob macht. — Als kleiner Bub’ hab’ ich meine Mutter verloren, mein Vater hat nach ihr ein junges Weib genommen und kurz darauf kam auch ein Stiefbruder zur Welt, natürlich waren bald alle drei gegen mich, die Bäurin wegen ihrem Kind, der Vater wegen der Bäurin und der kleine Stiefbruder hielt sich an das Beispiel der beiden; nun ja, mein Erbrecht auf die Mühle trug mir all die Gehässigkeiten ein, das konnte ich freilich damals nicht wissen, in so jungen Jahren hat man noch nicht den Verstand, aber eben wo man gar keine Ursache weiß, da tut es desto weher, wenn man immer so lieblos aus dem Wege geschoben wird. — So bin ich aufgewachsen, daheim hab’ ich nichts Gutes genossen, aber auch außerm Haus hätt’ ich mir nichts herausnehmen sollen. Die andern alten Leute lachten, wenn ihre Bursche wild und toll taten, und meinten, so verbleibt’s nicht und sie würden sich schon die Hörner ablaufen, mir aber sagte mein Vater, ich sollte mir derlei vergehen lassen, sonst erschlüge er mich. Daß ich ihnen neidig war, sahen sie gar bald, und sie zahlten mir mit Spott heim. Da hab’ ich denn aus Trotz angefangen, es heimlich ärger zu treiben, wie sie offen; o, auf krummen Wegen findet man schon auch seine Leute, ist zwar dem einen an dem andern nichts gelegen, aber zum Gruß und Dank ist man sich gerade gut genug.“
Der Pfarrer rührte mit der Hand an die Bettdecke. „Hör’ Er, Müller, da gibt Er wohl selber zu, daß das nicht zu loben und nicht gut getan war, ich denke, es könnte Ihm auch die Reue darüber nicht schwer fallen.“
„Das nicht, Hochwürden, das wohl nicht, derlei unbedachte Sündigkeit mag wohl einer rechtschaffen bereuen! Wer weiß, ob es nicht ohne das mit mir ganz anders stünde, — ob ich jetzt auch schon so siech daläge?! Hab’ ohnehin meine wilde Zeit einmal abbrechen wollen, aber es hat ja nicht sein sollen. Das war, wie die Weninger Kathrin’ zu uns auf die Mühle in Dienst kam, mit der hielt ich es auf der ehrlichen geraden Straße, der war viel an mir gelegen, und ich freute mich, daß ich einmal auch so eine fand. Was für ein Ende es genommen, darauf mögen sich wohl noch viele Leute im Ort besinnen, mein Vater steckte sich hinter den Herrn Pfarrer und den Herrn Bürgermeister, durch den Schandarm ließ er die Dirne, die keine sichere Stunde mehr hatte, von der Mühle wegholen, mit Dieben und Landstreichern auf einen Karren laden und nach ihrer Heimat abschieben. Seither hab’ ich das Weibsbild nicht mehr gesehen. Mich aber nahm der Vater in seine Stube und sagte, wenn mir nur um das Heiraten zu tun wäre, so hätte er eigentlich nichts dagegen, und es schicke sich eben eine Gelegenheit dazu, die ihm tauge und auch mir recht sein könne; auf den Strauch geschlagen habe er schon, die reiche Müllerstochter aus dem Nachbarort gäbe man mir gerne und die dürft’ mir doch nicht zu gering sein? Am Hochzeitstage wolle er mir die Mühle verschreiben, und dann mit Weib und Kind nach dem Hof der Schwiegereltern ziehen, weil die alten Leute sich zur Ruhe setzen möchten. Ob ich mit all dem einverstanden wäre? Ich sagte: nein, — und wenn er mir eine Kronprinzeß zum Weibe angetragen hätte, ich hätte ihm nein gesagt, nur um ihn zu ärgern, und dabei glaubte ich auch bleiben zu können; aber er führte mich zu seinen Büchern und Aufschreibungen, und da hatte es nicht viel Rechnen not, so wußte ich, wie eine Stiefmutter wirtschaften und zur Seite schleppen kann. Der Vater hatte mir gar nichts mehr zu vererben, binnen Jahr und Tag konnten uns die Gläubiger aus unserm Besitze treiben und ich hätte, wie der ärmste Knecht, mir Brot und Unterkunft suchen müssen; wollte ich die Mühle, worauf die Herlinger an die hundert Jahre gehaust hatten, behalten, so mußte ich wohl die Müllerstochter nehmen und so hab’ ich sie denn auch genommen. Meine Sippschaft zog fort, und wenn nur ein wenig Glück mit meinem Weibe hätte einziehen wollen, es wäre nun Platz gewesen! Viel Geld, das muß ich sagen, kam mit ihr in das Haus, aber wenig Segen. Ich merkte bald, wir waren einander zu gleich, es hatte eines dieselben Fehler und Untugenden wie das andere, und da rechtet keines mit sich, sondern was man nicht gerne an sich selber sieht, das verschimpfiert man dann an dem andern. Sie war nicht besser wie ich. Ich sage nicht, daß sie auch leichtlebig gewesen wäre, aber sie war nicht besser als ich, und die Weibsleute sollen immer besser sein wie der Mann, sonst taugen sie nichts. Das war ein böses Einsehen, denn mit aller Hoffnung auf einen gedeihlichen Hausstand war es vorbei, und als Gott mein Hauskreuz zu sich nahm, da war es zu spät, ich hatte mich schon in alles darein ergeben, und es war nichts mehr da, nach was ich hätte verlangen mögen. — Ja, die erste Zeit hatte ich oft an die Kathrin’ gedacht, denn manchmal hätte ich wohl auch gerne jemanden zur Ansprache gehabt, von dem ich wußte, er sei mir so recht vom Herzen gut. Eines Abends setzte ich mich hin und schrieb einen Brief an sie, schrieb ihr, daß ich für sie und ihr Kind sorgen wolle, daß ich sie noch immer lieb hätte und daß sie auch mich nicht vergessen solle; und ich gestand ihr zu, es wäre vielleicht besser gewesen, ich wäre ihr zuliebe Knecht geworden, als wegen der andern auf der Mühle verblieben. Es war der erste Brief, es sollte auch der letzte sein. Eben als ich ihn zusiegeln wollte, erhielt ich eine Vorladung vors Kreisgericht, die Katharina Weninger hatte sich einen Advokaten genommen, damit er vor Gericht ausmache, daß ich ihr das Kind veralimentiere. Da hatte ich die Antwort auf meinen Brief und konnte das Porto ersparen. Die Vorladung vors Gericht, Hochwürden, die Vorladung vors Gericht, das war der erste Gruß nach so langer Zeit, das war das erste Lebenszeichen, das der Vater von seinem Kind erhielt. Da hab’ ich denn meinen Schreibbrief zerrissen, und weil gar kein Vertrauen zu mir war, auch für den Buben, so lang noch mein Weib und die andere lebte, nicht mehr getan, als mir ist aufgetragen gewest; an die Ansprach’ war nicht mehr zu denken, und seither hab’ ich mich auch ohne einer beholfen.“
„Das war wohl auch das Klügste, Herlinger. Der Brief, den Er an die Weninger schrieb, hätte doch zu nichts Gutem geführt. Wenn die Dirn’, nachdem sie einmal durch Ihn ins Unglück gekommen war, nicht weiter samt dem Kinde von ihm abhängig sein wollte, sondern ihr Recht suchte, so hat sie nur ihre Pflicht getan, und das war auch von ihr klug.“
„Ah ja, gescheit war schon, wie sie getan hat; war ja alles, was mir im Leben aufgestoßen ist, so viel gescheit, wie ich sag’, alles ordentlich ausgetipfelt, wie es kommen soll und will, daß ich mich nie dagegen hab’ rühren und wehren mögen, so hab’ ich mich schon in alles darein ergeben, aber Vertrauen hab’ ich nie eines gehabt und hab’ noch keines. Oft ist mir schon beim „Vater unser“ in den Sinn gekommen, auf die Letzt hat unser Herrgott auch — wie manche da herunten — doch viel Kinder und kann nicht für jedes auf gleiche Weis’ sorgen.“
„Herlinger, Er hat wohl wenig Zeit mehr, am allerwenigsten dazu, daß Er sich Gedanken macht, wobei Er sich wahrscheinlich selber wunderklug vorkommt; die Stadtleute nennen das Philosophieren, überlass’ Er das den Studierten, bei denen es doch Hand und Fuß hat, der Kopf oder das Herz, eines oder das andere, bleibt ja doch immer davon weg. Wenn ich nicht umsonst gekommen sein soll, so muß Er auf mich hören.“
„O ich bitt’, hochwürdiger Herr, ich bitt’, tut nur reden.“
„Darüber sind wir doch wohl einig, was Er sich erinnert in seinem Leben übel gemacht und getan zu haben, das will Er auch bereuen? Nicht?“
„O ja, gewiß, gewiß.“
„Damit die Reue nicht unfruchtbar bleibt, muß ich Ihm auch sagen, was Er noch gutzumachen hat.“
„Gutzumachen, an wem? An die Kathrin’ vielleicht! Der tut kein Bein mehr weh.“
„An euer beider Kind!“
„An dem Burschen, dem Florian? Der tut ja kein gut; der Herumtreiber, wie viel Geld hat er mich schon gekostet, und im vergangenen Herbst, wie ich ihn hab’ auf der Mühle behalten wollen, ist er geblieben? Ei ja, hätt’ ich seine Stadtdirn’ und ihr Kind dazu, die ganze leichtfertige Wirtschaft, mit in Kauf nehmen wollen ... das soll er sich aber nur vergehen lassen!“
„Müller, eben das wäre der gewiesene Weg, den Herumtreiber zum seßhaften, ehrlichen Mann zu machen. Und gerade von Ihm, Herlinger, hätte ich nicht gedacht, daß Er dagegen wäre, da Er weiß, wie es tut, wenn man da den Vater wider sich hat.“
„Ah, Hochwürden, nichts für ungut, das ist da ganz etwas anderes. Mein Vater war mein Vater, mußte es sein, bei mir aber kommt es doch auf den guten Willen an, ich kann meine Bedingung stellen, ich kann sagen, so bin ich dir Vater, und anders bin ich dir es nicht! — Ihr müßt dem Herumtreiber nicht das Wort reden, Hochwürden, es wird Euch auch keinen Dank einbringen.“
„Dankes wegen tue ich es auch nicht, es geschieht wegen Ihm selber, Müller, damit es Ihm nicht auf dem Gewissen bleibe, komme er mir daher nicht mit Kniffen, den Burschen braucht Er vor mir nicht schlecht zu machen, Er muß es ja am besten wissen, Herlinger, daß ich auch mit räudigen Schafen wohl umzugehen weiß; wenn ich Ihn jetzt verliere und dafür mit dem neuen Müller ein anderes in den Stall kriege, so gleicht sich das nur aus.“
„Hihi, dasselbe dürft’ schon sein.“
„Daß ich auf die Art nicht zu kurz komme, möchte ich gerade keinen Vorteil nennen, und so mag Er wohl glauben, Müller, daß ich nach keinem frage. Ich frage auch nicht danach, wozu Er nach weltlichem Rechte etwa gezwungen oder nicht gezwungen werden könnte, frage nicht, ob es vielleicht, der Leute wegen, besser wäre, das böse Beispiel, das Er einst gegeben, vergessen zu machen und damit aller üblen Nachrede ein Ende zu bereiten. Wozu Ihn die Gerichte bemüssen, die Leute bereden könnten, danach habe ich nicht zu fragen; aber das habe ich zu fragen, ob Er es auch vor Gott wird verantworten können? Der Bursche ist leichtsinnig, liederlich ..... schlimm genug, aber eben nur ein Grund mehr, sich seiner anzunehmen, ihn nicht ganz sich selbst zu überlassen. Herlinger, Er weiß recht gut, wie einem Kinde ist, das keine Elternliebe genossen hat, Er weiß recht gut, daß des Verwilderns kein Ende ist, wenn man einem ohnehin leichtlebigen Burschen die Dirn’, die er einmal für sein Leben gern hätte, zum Hause hinausjagt, — und davon will Er seinem eigenen, leiblichen Kinde nichts ersparen? Auch das soll sich im Leben nie rühren und nie wehren können, und was wird endlich aus ihm werden, da ihm der letzte Anhalt fehlt, den doch Er, Müller, immer gehabt hat, ein Heimwesen!? Herlinger, bedenk Er wohl, Er kann seinem Kinde ein Heiland oder ein Verderber werden, Er kann machen, daß es Ihm nachsegnet oder nachflucht, und es ist ganz in Seine Hand gegeben, welches Bewußtsein er mit sich in die Grube nehmen will.“
Die mageren Hände über der Bettdecke hatten in ratloser Eile herumgesucht, jetzt zerrten sie ein verwaschenes, blaues Sacktuch aus seinem Verstecke hervor und führten es rasch nach dem Gesichte des Kranken, der nun mit außergewöhnlichem Nachdrucke dasselbe in gewohnten Gebrauch nahm, dann knüllte er es zusammen, schob es wieder unter die Polster, und sagte trocken: „Nun, so werd’ ich halt den Sappermenter auf meinen Namen und an die Mühle schreiben lassen. Aber das gilt erst, wenn ich verstorben bin, solang ich leb’, bin ich der Herr, und da darf sich keines wider meinen Willen einnisten.“
„Gut, Herlinger, verlieren wir darüber keine Zeit, sondern lasse Er uns die Hauptsache erst in Ordnung bringen.“ — Der Pfarrer öffnete die Tür und rief den Knecht herbei, der ihn gefahren hatte. „Barthel,“ sagte er zu diesem, „du mußt dann, wenn du mich nach dem Pfarrdorf zurückgebracht haben wirst, weiter nach der Kreisstadt fahren, dort den Herrn Notar aufsuchen, und ihn morgen mit dem frühesten mitbringen.“ — Er wandte sich an den Kranken. „Was soll er denn dem Doktor Schneller sagen?“
„Der Herr Doktor möcht’ so gut sein und die Schriften wegen dem Florian wieder hervorsuchen, er wird es schon wissen, im vorigen Herbst war ja schon alles bereit, aber da hat es der Bub’ durch seine Bockbeinigkeit rückgängig gemacht.“
Der Knecht kraute sich verlegen hinter dem Ohr. Ihn dauerte nur die Mühle, der Florian wird einen raren Dienstherrn abgeben! Vergangenes Jahr noch hat ihn jeder verlumpt den lieben Tag lang herumstromen gesehen, wo soll da der Respekt herkommen? Da kann auch kein ordentliches Gesinde mehr aushalten, kein Weibsbild, das in Ruh verbleiben will, und kein Knecht, der seine Sach’ besser weiß als der Herr; aber die Mühle kann einer schon bedauern.
Der Pfarrer stellte sich auf die Fußspitzen, um dem langen Burschen auf die Achsel zu klopfen. „Barthel,“ sagte er zu dem Zusammenschreckenden, „du kannst auch dem Notar sagen, daß er dem Florian nach der Stadt telegraphieren soll, so kann auch der morgen schon da sein.“
„Wozu braucht Ihr den Burschen, Hochwürden,“ fragte heiser der Kranke, „was soll der hier machen?“
„Will Er ihn denn nicht noch einmal sehen, Herlinger? Ich denke, es ist gut, wenn er dabei ist.“
„Nun, so mag er dabei sein, aber mit dem Verbleiben hat es noch seine guten Wege, dann soll er nur wieder fort.“
„Du weißt nun, Barthel, was du zu tun hast, richte dich auch danach, und jetzt geh und sag den Leuten, sie sollen sich da vor der Türe versammeln, ich werde sie hereinrufen, wenn ich dem Müller den Leib des Herrn reiche.“
Der Knecht entfernte sich.
Jetzt wandte sich der Priester nach dem Kranken und sagte: „Da ich Ihn nun für genügend vorbereitet halte, Müller, so will ich an Ihm die heilige Handlung vornehmen!“
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Die vor der Tür Flüsternden und Wispelnden wurden bald in die Krankenstube eingelassen, was sie für das Seelenheil ihres Dienstherrn das Beste hoffen ließ, denn gar viele Sünden konnte er doch nicht haben, da er in so kurzer Zeit mit dem „Hersagen“ fertig war.
Nachdem die Zeremonien mit aller Förmlichkeit und Feierlichkeit zu Ende gebracht waren, sagte der Pfarrer: „Verbleibe Er mir hübsch in christlicher Ergebenheit, Müller, wie Gott will, Er kann das jetzt mit Beruhigung abwarten!“ — Dann segnete er noch einmal die Anwesenden und schritt, von dem Meßner gefolgt, zum Hause hinaus nach dem Wagen.
Der hagere Kirchendiener duckte sich zu seinem geistlichen Vorgesetzten hinunter, um ihm bewundernd zuzuflüstern: „Wie Hochwürden mit den Leuten umzuspringen wissen, da hab’ ich doch immer meine helle Freude daran.“
„Weiß Er, Wolfbauer,“ sagte mitteilsam der Pfarrer, „wen ich immer gerne bei so einem Versehgange mit hätte, damit sie diesen Menschenschlag auch kennen lernten? Ein paar Idealisten, die glauben, mit ethischen Mitteln aufkommen zu können, ein paar Träger der Kultur, die aber nebenbei die Kirche fallen lassen wollen; vielleicht gingen ihnen doch darüber die Augen auf, daß unter der Masse nichts verfängt als Einschüchtern und Vertrösten, und wenn wir diese beiden Zügel nicht immer stramm angezogen hielten, schon längst ihre ganze Herrlichkeit zertrampelt und zertreten wäre.“
Der lange Meßner nickte ein paarmal mit dem Kopfe, eigentlich aus purer Gefälligkeit, denn verstanden hatte er nichts; nur weil von zwei Zügeln die Rede war, so meinte er, es sei damit auf eine Hartmäuligkeit des Volkes angespielt, um doch zu zeigen, daß dieser versteckte Gedanke nicht an ihm verloren gegangen sei, sagte er, während er mit seiner Laterne in das Korbgeflechte des Wagens kletterte: „Ja, die sollten es nur einmal versuchen mit dem hartmäuligen Volke!“
Der Pfarrer bog sich von seinem Sitze nach dem Meßner zurück, und, da sich der Wagen gerade in Bewegung setzte, so fuhr er mit forschenden Augen auf ihn zu, während das groblinige Gesicht des letzteren nichtssagend zurückwich. Der Mann war unschuldig an den Gedanken, die er mit einem Worte in dem jungen Seelsorger weckte und die sich nun, begünstigt durch das Schweigen und die Einförmigkeit der Nachtlandschaft und durch das gleichmäßige Dahinrollen des Gefährtes, stille in ihm fortspannen. — — „Das ist eine ganz vertrackte Arbeitsteilung, der Wolfbauer findet das Wort und ich muß die Gedanken dazu nachholen. Es liegt ein fertiger Einwurf darin. Die Hartmäuligkeit kann auch von dem strengen Gebrauche der Zügel herrühren, und dann vermeint man nur die Masse zu lenken, während sie seelenmüde und gleichmütig in den ausgefahrenen Geleisen dahinzieht — bis sie ein gewaltiges, unerwartetes Ereignis scheuen macht, und sie mit elementarer Gewalt unberechenbare Wege dahinrast. Darin liegt die Gefahr, sie ist furchtbar, doch sie tritt selten auf, der Vorteil aber liegt in der angewohnten Fügsamkeit der Massen und die ist alltäglich. Es ist doch nur Geschmacks-, eigentlich Parteisache, ob man den Vorteil nützen oder der Gefahr vorbeugen will, die einen wollen die Menschen zu Massen ballen, das sind die politischen Praktiker, die andern wollen die Massen in Menschen auflösen, das sind die — Idealisten!“ Er seufzte leise auf. Vielleicht war er in seinen Studienjahren auch einer gewesen.
Bis er das Geräusch des davonrollenden Wagens aus dem Gehör verlor, hatte der Müller aufgehorcht, er hatte sich im Bette halb aufgerichtet, jetzt griff er mit der Rechten hinter sich, bauschte die Polster auf und lehnte sich zurück. Er fühlte sich leichter. Er sah um sich, er war wieder allein.
„Schau,“ sagte er, „der Pfarrer, das ist ein feiner! Zum Streiten möchte er gar anheben, wenn man ihm nicht in allen Stücken zu Willen wär’. Bei all dem ist nichts verhaut, solang ich lebe. Hab’ ihm doch auch manche Red’ gegeben, wo er ein Gesicht dazu gemacht hat, als hörte er den Teufel Mess’ lesen — — und einölen hat er mich doch müssen, hihi“ — er schlug mit der flachen Hand auf die Bettdecke —, „einölen hat er mich doch müssen.“
3.
Der Morgenwind strich vor der Sonne her, als wollte er Busch und Kraut wach fächeln, und ein geheimnisvolles Weben und Regen begann in der Luft, im Dämmer schienen sich die Gegenstände auf die Farbe zu besinnen, die sie im Lichte trugen, — der Tag brach an. Vorüber war die Nacht, die letzte auf Erden für den alten Mann in der Mühle, die erste für den Säugling im Reindorferhof, dort verflackerte ein ausgebranntes Licht, hier glimmte ein verwandter Funke mählich an.
Es lag noch alles in anheimelnder Stille. In den Büschen längs des Fahrweges begann es mit ungelenkem Flügelschlag zu flattern und in einzelnen Tönen zu zwitschern, und von gegenüber rief eine Stimme: „Seid ihr noch verschlafen, Geflieder?“ Es war der Reindorfer, der an seinem Hoftor lehnte, er zwinkerte dabei lustig mit den Augen, sah dann zu dem blassen, reinen Himmel auf und rings nach den bewaldeten Hügelkämmen und tat einen tiefen Atemzug. Ja, der Morgen, wo man so mit der lieben Gotteswelt allein ist! —
Es dauert aber nicht so lange, als man eine Pfeife raucht, so rufen sie einem zum Frühstück und da sitzt man wieder mitten drinnen ... Sein Gesicht verfinsterte sich, er führte die Pfeife nach dem Munde und preßte die Zähne auf die Spitze, dann trat er zurück, schloß hinter sich das Tor und ging durch die Küche nach der Wohnstube, an der Tür lauschte er, die Bäuerin hustete, sie war wach, da begann auch das Kind zu schreien, unwillkürlich ballte sich ihm die Faust und siedig heiß schoß es ihm nach den Augen, als solle er vor Zorn weinen, er wandte sich ab.
„Das Kleine schreit recht brav,“ sagte die Dirn’, die am Herde stand.
Da lehnte er seine Pfeife in den Herdwinkel und trat in die Stube.
Er ging nach dem Fenster, die Bäuerin sah ihm mit furchtsamen Augen nach, sie erwartete keinen Gruß von ihm, aber sie getraute sich auch nicht, ihn zu grüßen.
Der Bauer blieb, wo er war, zog den nächsten Stuhl an sich, setzte sich, sah auf seine Stiefelschäfte nieder und begann ohne weitere Einleitung: „Ich bin alt und du bist nimmer jung, lärmendes Getue und Getreibe macht uns keine Aufheiterung mehr, wozu sollen wir derlei uns ins Haus laden? Aufsehen macht es auch, wenn man das Kind im Aufzug zur Kirche bringt, all das mag mir nicht taugen, so will ich gleich dazusehen; heut’ fährt der Herr Pfarrer gewiß wieder vorbei nach der Mühle, und da will ich ihn abpassen und ihn bitten, daß er zu uns kommt und das Kind im Hause tauft. So mein’ ich, könnt’ alles in der Stille vor sich gehen, und brauchte nur die Gevatterin und wer sonst not ist, dabei zu sein; man kann ja sagen, man tu’ so eilig, weil es mit dem Kind nicht recht richtig wär’,“ — er blickte seitwärts nach der Wöchnerin und setzte halblaut hinzu — „wär’ auch nicht gelogen, und doch die Wahrheit im Sacke behalten.“
„Du sitzest soviel weit weg,“ klagte die Bäuerin, „daß man nicht reden kann, ohne daß eines draußen alles hört.“
„Was braucht es da Heimlichkeiten, sag’ ja oder nein.“
„Schau, wegen der Tauf’, da tu nur, wie du dir vorgenommen hast, aber ich hätt’ noch etwas zu sagen, und das kann ich nicht laut.“
Der Bauer erhob sich und trat näher.
„Du wirst wohl nicht dagegen sein, und mir wäre es ein rechter Trost in meinem Unglück. Weißt,“ flüsterte die Bäuerin, indem sie den Arm etwas hob und nur mit dem Handrücken gegen die Wiege deutete, „wenn es aufkommt, möchte ich es gerne in die Stadt zu den frommen Frauen geben, damit es christlich auferzogen wird und einmal selber eine werden kann. Da wäre es gut aufgehoben, der Herrgott möchte ihm sein Dasein nicht so übel vermerken und wohl auch ... anderen ihre Sündhaftigkeit nicht mehr so schwer aufrechnen.“
Der Bauer trat hart an das Bett.
„Sei nit so dumm,“ sagte er, „unsern Herrgott geht es nicht so nah’ an, wie mich, so wird er doch keinen Zorn auf das Kind haben, das an allem ganz unschuldig ist; du aber verbleibst eine Sünderin, wenn es gleich eine Heilige werden möcht’, und es soll doch vorerst nur eine Klosterfrau werden, und die sollen nicht alle auf das Heiligwerden aus sein. Es ist nicht mein Kind, so red’ ich ihm auch nicht das Wort, aber die Frommheit kann man keinem anlernen, wie jungen Hunden das Wildaufspüren, und wenn dann plötzlich eines zu Jahren und zu Verstand kommt und es mag sich nicht darein finden, dann taugt es für Erd’ und Himmel nicht mehr. Und sich dabei auf gut Glück verlassen, wie es ausgeht, dazu ist heuttags schon gar kein Zeitpunkt, wo alle Welt hinter den Kutten her ist, früher hat man noch manches vertuschen können, jetzt aber braucht unser Herrgott nur Leute in seinem Dienst, die ihm Ehre machen, die andern sollen davonbleiben. Wär’ das aber auch nicht meine Meinung, hierin tät’ ich dir doch nicht deinen Willen! Du hast vermeint, ich würde ja sagen, weil ich selber das Kind nicht gerne vor mir sehen möcht’, und dabei hättest du es auch aus den Augen gekriegt und aus dem Sinn, und das wär’ dir recht gewesen, denn mit der Schamhaftigkeit über seine Sünden hält es der Mensch, wie die Katze mit dem Unrat, weiß sie den nur eingescharrt, so geht sie stolz davon, als hätte man sie nie darüber hocken gesehen. Du hättest darauf vergessen und dir einbilden können, es wäre noch alles in alter Gehörigkeit. Darum bleibt das Kind im Hause und dir unter Augen!“ —
„Freilich, wenn du es willst,“ sagte kleinlaut die Bäuerin, „muß es schon verbleiben, das Weggeben war auch nur so ein Gedanke von mir.“
„Dasselbe und das der Taufe wegen hätten wir also unter uns ausgemacht, mehr hab’ ich auch nicht zu sagen gehabt und so geh’ ich jetzt wieder, damit ich den Wagen mit dem Herrn Pfarrer nicht verabsäume. Oder weißt du noch etwas?“
Die Bäuerin war trotz ihrer achtunddreißig Jahre noch immer ein hübsches Weib, das wußte sie, auch das, daß Schmerz und Angst ihre Züge nicht verstelle, denn schon als Kind sagten die Leute von ihr, sie könne so schön weinen. Der Bauer stand noch immer knapp an ihrem Bette, er hatte beide Arme sinken lassen und zunächst ihr befand sich seine Linke, schon lange schielte sie danach, als wollte sie des Griffes sicher sein, als er sich nun zum Gehen wandte und sie dabei aus den Augen lassen mußte, während er den Arm ihr etwas zurückte, da faßte sie mit beiden Händen zu, hielt ihn an der Hand und über dem Ellbogen und suchte ihn gegen sich zu ziehen, daß er ihr in das Gesicht sehe. „Joseph, mein Joseph,“ rief sie bittend.
Reindorfer aber riß sich von ihr los, wischte mit der Schürze über den linken Jackenärmel und über die Hand und sagte: „Laß das gut sein! Aus Angewöhnung und aus Scheu vor jedem Aufsehen mag ich mir in meinem Hauswesen nichts verändern, und so muß denn auch vor den Leuten alles beim alten bleiben, wenn du aber meinst, es könnte noch einmal werden wie früher, da irrst du dich groß, das hat vertan für alle Zeit!“
Er ging. Die Tür schloß sich hinter ihm. Seine Tritte verhallten.
Die Bäuerin war mit dem halberhobenen Oberleibe wieder zurückgesunken und lag ohne Laut und Regung.
Er war ja im Rechte!
Ihn zu gewinnen mußte sie wohl versuchen, welch eine hätte auch das nicht versucht? Eine Schwäche für sie hätte ihr ihre eigene verzeihlicher erscheinen lassen. Es kam aber, wie sie selbst gefürchtet hatte, daß es kommen werde. Nun war es auch gewiß.
Und er hatte recht.
Sie schloß müde die Augen und wünschte, sie täte sie nie mehr auf.
— — — — — — — — — — — — — —
Ein Wagen kam jetzt in raschem Trabe angefahren, Reindorfer lief vor das Tor und sah nach demselben aus, es war schon der rechte, der Knecht von der Mühle kutschierte, zwei Herren saßen hinter ihm, der eine war der Pfarrer und auf den andern besann er sich nur so lange, bis sie etwas näher kamen, er hatte ihn oft in der Gegend herum gesehen, es war der Herr Notar aus der Kreisstadt. Er nahm die Pfeife aus dem Munde und trat hinzu und grüßte.
„Guten Morgen, Reindorfer,“ sagte der Pfarrer, „will Er mir etwas? So sage Er es nur schnell, wir haben Eile.“
Reindorfer legte die Linke auf den Kutschensitz und ging neben dem Wagen, den man etwas langsamer fahren ließ, eine Strecke her. Er brachte sein Anliegen vor, der Pfarrer sagte zu, er dankte und trat zurück und der Wagen schoß wieder in Eile dahin.
Stunden waren darüber vergangen, die Sonne stand schon ziemlich hoch und meinte es gar zu gut. Auf einer großen Wiese, die gegen den Fahrweg abfiel und von diesem durch einen lebenden Zaun geschieden war, rechte der Reindorfer mit seinen beiden Kindern und einem Knechte Heu zusammen. Er ließ gerade den Stiel des Rechens gegen seine Schulter fallen und wischte sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirne, als er über den Zaun gegrüßt wurde.
„Grüß’ Gott, Reindorfer!“
Er fuhr bei dem Klange dieser Stimme zusammen und blickte auf.
Jenseits des Zaunes stand ein Mensch in verwahrloster städtischer Kleidung, eine Lagermütze, die er schief über dem rechten Ohre sitzen hatte, verlieh ihm ein unternehmendes Aussehen und ließ erraten, daß er Soldat gewesen oder wohl noch war. Er mochte über dreißig Jahre alt sein, aber trotz seines herabgekommenen Äußern ließ ihn seine kleine schmächtige Gestalt und der sorglose Ausdruck seines Gesichtes viel jünger erscheinen. Unter der Mütze fiel ihm schwarzes Haar in Ringeln bis in die Stirne, große braune Augen blickten keck in die Welt und unter der geraden Nase mit den scharf vortretenden Nüstern trug er einen Schnurrbart, dessen eine Spitze er eben jetzt durch die Finger zog.
Reindorfer sagte, ohne seinen Gruß zu erwidern: „Du bist wieder da? Lump!“
Der Urlauber lachte. „Ein bißchen höflicher könntest du wohl auch gegen mich sein, wer weiß, was geschieht!? Diesmal haben sie mich extra aus der Stadt gerufen, und wenn die Mühle nun doch an mich käme, dann sollten wir als Nachbarsleute in gutem Einvernehmen stehen.“
Der Bauer kehrte ihm den Rücken und schickte sich an, seine Arbeit wieder aufzunehmen.
Das schien den auf der Straße zu verdrießen, er drehte den Schnurrbart heftiger und nach einer Weile sagte er, während sein Gesicht durch die lauernd zusammengekniffenen Augen und den breitgezogenen Mund ein unsäglich gemeines Aussehen bekam: „Ist es wahr, was ich gehört hab’? Seit ich das letztemal da war, ist eines mehr auf dem Reindorferhof geworden.“
Da riß der Bauer mit einem Ruck den Rechen an sich, alle Muskeln in den Armen krampften sich ihm zusammen, die Adern an der Stirne traten hervor und die Wiese zerrann vor seinen Blicken, nur ein roter Fleck verblieb aufdringlich in seinem Auge, er besann sich, die Farbe trug der Rock seiner Tochter, und indem er sich besann, sah er auch wieder diese selbst, seinen Buben und den Knecht, die in geringer Entfernung von ihm gleichmütig fortarbeiteten; da ließ er den verhaltenen Atem von sich, handhabte wieder seinen Rechen, und indem er sich dabei dem Zaune etwas zukehrte, warf er über seine Arbeit weg dem Urlauber einen einzigen Blick zu; aber es war jener Blick, dem selbst der Unverschämteste nicht standhält, jener Blick, der dem Beleidiger sagt: Die Unbill ertrag’ ich, aber dich nicht!
Langsam entfernte sich der Urlauber, und erst, als er sich außer dem Gesichtskreise Reindorfers wußte, schritt er rascher auf dem Wege nach der Mühle hin.
— — — — — — — — — — — — — —
Auch in der Mühle waren, wie den Tag zuvor im Reindorferhofe, die Fenster verhangen. Das Licht tut dem Menschen wehe, wenn er zur Welt kommt und wenn er von ihr geht, er muß es erst gewöhnen und er muß seiner entwöhnt werden, denn aus dem Dunkel kommt er und in das Dunkel soll er wieder; das Licht ist ein armes Geschenk, es scheint ihm nur gegeben, um sich von der Wiege in den Sarg zu finden, die kurze Strecke dahin wirft es nur schwanke, zitternde Kreise auf die Welt, und keiner weiß, wo hindurch eigentlich sein Weg gegangen.
Der Pfarrer und der Notar waren am frühen Morgen angelangt.
Der Notar war ein kleines, bewegliches Männchen, er schien gerne eine gewisse Feierlichkeit zur Schau zu tragen, ging stets in schwarzer, städtischer Kleidung, und einer ziemlich hohen, steifen, tadellos weißen Halsbinde verdankte er die würdevolle Haltung seines Kopfes, derselben wurde durch dessen Kahlheit und die durchwegs rundlichen Züge seines Gesichtes, die ihm ein stets freundliches, wohlwollendes Aussehen verliehen, durchaus keinen Abbruch getan, nur weil die Bauern überhaupt gerne über Brillen lachen und witzeln, so war es ein ziemlich gewagtes Unternehmen von ihm, auf seinen Fahrten über Land farbige kreisrunde Staubgläser mit einer massiven Einfassung zu tragen.
Nachdem sie in die Krankenstube eingetreten waren, legte der kleine Mann einen ihn behindernden Pack Schriften auf ein Tischchen und entfernte für das erste diese ihm nun selbst bedenklichen Gläser; er tat das mit großer Bedächtigkeit, reinigte sie erst sorgfältig mit dem Taschentuche, holte aus den Tiefen eines Rockschoßes das dazu gehörige Futteral hervor, schob sie vorsichtig hinein und steckte das Ganze mit ebensowenig Eile wieder zu sich. Aber er sollte bald aus dieser gemütlichen Verfassung herausgeschreckt werden.
Er trat an das Bett des Kranken: „Nun, Alter, wie geht es denn?“
„Dank’ der Nachfrag’, ich bin schier völlig gesund.“
„Kennt Er mich, Herlinger?“
„Ei freilich, Ihr seid ja der Herr Notar, freilich.“
„Nun und warum bin ich denn da?“
„Hihi, warum werdet Ihr da sein? Heirat’ ich nicht heut die Weninger Kathrin’?“
Der Notar warf einen erschreckten Blick auf den Pfarrer, dieser trat näher und sprach, indem er jedes Wort nachdrücklich betonte: „Aber, Herlinger, wohin denkt Er denn? die Weninger Kathrin’ ist ja schon lange tot.“
„So, so, die Kathrin’ wär’ schon lang’ tot? Ja, wie werden wir es denn nachher anfangen?“
„Er hat es mir ja gestern selbst gesagt, besinn’ Er sich nur.“
„Ja, ja, mag schon recht sein.“
„Und heute ist der Herr Notar mit mir herausgefahren, um den Florian an die Mühle zu schreiben.“
„Ja, ja, den Florian auf meinen Namen und an die Mühle schreiben. Ist schon recht.“
„Also darauf besinnt Er sich,“ fragte hastig der Notar, „das ist Seine Willensmeinung?“
„Ja freilich, das ist schon so meine Willensmeinung.“
„Da ist allerhöchste Zeit, Hochwürden“ — der kleine Doktor stürzte nach dem Tischchen, wo die Schriften lagen —, „in ein paar Minuten kann der Mann nicht mehr bei sich sein, und dann ließe sich nichts machen; ich bitte nur um noch einen Zeugen, um einen dritten Zeugen.“
Der Pfarrer eilte zur Türe. „Barthel,“ rief er hinaus, „laufe nach dem Anrainer[5] Kleehuber, er möchte gleich kommen, er soll nur alles liegen und stehen lassen!“
Der Knecht rannte fort.
„Hochwürden haben gehört, daß er auch an dem Gedanken festhält, den Florian auf seinen Namen zu schreiben; wie ich schon die Ehre hatte auseinanderzusetzen, so ist das vergangenes Jahr an der Bockbeinigkeit von Vater und Sohn gescheitert und läßt sich jetzt nicht mehr ins Werk richten, es ist das ein Geschäftsgang, der gesunde Leute erfordert.“
„Die noch ein langes Leben vor sich haben, Herr Doktor?“
„Es ist auch nicht anders, Hochwürden. Unter den gegebenen Umständen ist es unmöglich und halte ich es auch für ganz nebensächlich. Eine Aufklärung darüber verstünde der Alte nimmer und sie würde ihn nur ganz verwirren. Die Schriften habe ich, Gott sei Dank, vom vorigen Jahre her fix und fertig liegen gehabt und daher nur von der Adoption Umgang genommen und an die Stelle derselben in der letztwilligen Verfügung ein Bekenntnis der Vaterschaft treten lassen, das zwar keine Rechtsfolge hat, aber, ich denke, wir begnügen uns diesfalls mit der moralischen. In dieser Form werde ich auch das Testament vorlesen und zur Unterschrift unterbreiten; mein Schreibzeug führe ich mit mir,“ — der Notar stieß zum Beweise dessen ein kleines, eiförmiges Tintenfaß mit dem eisernen Dorne in die Tischplatte, — „so haben wir auch einerlei Tinte bei der Fertigung der Dokumente, wenn uns nur der Müller noch die paar Minuten aushält.“
„Ich hoffe, das wird er wohl,“ sagte der Seelsorger. „Nun, Herlinger, wie ist Ihm denn?“
„Gut, recht gut.“
Und näher zu ihm tretend, sagte er, damit der Sterbende an dem Gedanken festhalte: „Nun werden wir halt den Florian an die Mühle schreiben.“
„Ja an die Mühle schreiben und auf meinen Namen, die Kathrin’ wird eine Freude haben, es ist ja unser Kind.“
Da öffnete sich die Türe und mit dem zurückkehrenden Knechte stürzte der Anrainer Kleehuber herein. Der Mann sah wie verwildert aus, die Haare hingen ihm in das Gesicht, seine Hände waren mit Lehm beschmiert und er wischte beständig mit der blauen Schürze an ihnen, um sie rein zu bekommen, denn früher schien ihm doch nicht geraten, sich damit über die Stirne zu streichen.
„Da bin ich, Hochwürden, da bin ich,“ sagte er atemlos, „sauber bin ich hergelaufen, der Barthel hat mich auf dem Erdäpfelacker getroffen, und weil er gesagt hat, es müßt’ gleich sein, so bin ich halt mit, wie ich auch ausschau’, nichts für ungut.“
„Das ist schon recht, Kleehuber,“ sagte der Seelsorger, „und so hab’ ich es auch gemeint, wie Er aussieht, das hat nichts zur Sache, wir brauchen eben schnell noch einen Zeugen, der Müller will seinen letzten Willen angeben.“
„So, so, nun, das freut mich, da bin ich schon gern dabei,“ sagte der Kleehuber, „der Barthel hat mir schon gesagt, er müßt’ auch seinen Namen dazu hergeben, aber, Hochwürden, ich bitt’, wer ist denn hernach der dritte Zeuge, der mit uns schreiben soll?“
„Der bin ich!“
„Nein, Hochwürden, das geht nicht, da mach’ ich mich doch lieber sauber, ich bin gleich wieder da, nur meinen Sonntagsrock zieh’ ich an, was würden die Leute sagen, wenn ich mich so, wie ich da bin, Euer Hochwürden nebenan schreiben täte, und die Herren vom Gericht erst, wenn sie es lesen?!“
Der Notar, der bisher dem Müller zugesprochen hatte, kehrte sich rasch gegen Kleehuber und fuhr den „ersuchten Herrn Zeugen“ an: „Wird Er dableiben! Sei Er doch nicht gar so dumm, Seinem Hühnergekratze kann doch niemand ansehen, ob Er es im Sonntagsrock oder in Hemdärmeln hingekleckst! — Den Müller Herlinger kennt Er?“
„Aber freilich, Herr Doktor, da liegt er ja.“
„Es ist gut! Der hochwürdige Herr Pfarrer hat Ihm bereits gesagt, um was es sich handelt, merk’ Er nun auf, auch du, Barthel, ob alles hübsch in der Ordnung vor sich geht, damit jeder mit gutem Gewissen seine Zeugenschaft abgeben kann.“
„Wollen schon aufpassen, Herr Doktor.“
„Wer ist denn der da mit der blauen Schürze?“ fragte der Müller.
„Der Kleehuber ist es,“ sagte der Pfarrer, „der Kleehuber. Kennt Er ihn denn nicht?“
„Ah ja, der Kleehuber. Aber was will denn der auf der Hochzeit mit der blauen Schürze?“
„Nun sehen Hochwürden, ich bin ihm selber nicht gut genug.“
„Aber Herlinger,“ sagte der Seelsorger und legte seine Hand auf den abgezehrten Arm des Kranken, „besinne Er sich doch, daß wir keiner Hochzeit wegen gekommen sind.“
„Der Kleehuber“, nahm der Notar hinzutretend das Wort, „ist nur da, damit auch alles ordentlich aufgeschrieben wird, was zu geschehen hat wegen dem Florian.“
„Auf meinen Namen und an die Mühl’ schreiben,“ sagte mechanisch der Sterbende.
„Ich muß Ihm bemerken, Müller, daß diese Seine Äußerung lediglich nur von einer Wirkung auf die anwesenden Zeugen ist und bleibt, daß ich aber gleichwohl voraussetze, daß Er schriftlich aufgezeichnet haben will, daß Er sich in Seinem Gewissen verpflichtet fühle, den Sohn der Dienstmagd Katharina Weninger, Namens Florian Weninger, für Sein leibliches Kind anzuerkennen und demselben für den Todesfall die Mühle samt allem, was dazu gehört, wie es liegt und steht, zu hinterlassen?“
Der Müller nickte.
„Dann muß Er sich aber zusammennehmen, Herlinger, daß Er hübsch bei sich bleibt, denn ich muß Ihm jetzt vorerst die Schrift vorlesen, und da muß Er gut aufhorchen, damit Er auch alles recht versteht und uns sagen kann, ob Er es auch so und nicht anders gemeint hat, wie da aufgeschrieben steht.“
„O, hören tu’ ich noch recht gut, auch verstehen, wenn ich mich zusammennehme, nur was ich rede, da weiß ich oft nicht, wo ich es her habe.“
„Dann muß Er auch noch Seinen Namen daruntersetzen können.“
Die magere Rechte über der Bettdecke versuchte zu schreiben.
Der Notar las rasch die letztwillige Verfügung vor.
„Ist das so recht, will Er nichts davon weg haben oder dazu tun, Herlinger?“
Der Müller langte nach der eingetauchten Feder, die der Notar in der Hand hielt.
„So gut und deutlich es geht,“ — sagte dieser, hinter den Schreibenden tretend — „den vollen Namen: Matthias Herlinger.“
Da stand es in großen unsicheren Zügen auf dem Papiere: „Matthias Herliner“. Bei dem Punkte stach die Feder tief in das Blatt und der Notar löste sie rasch aus der zusammenzuckenden Hand, damit nicht das Schriftstück in Fetzen gerissen werde.
Der Müller sank mit einem tiefen Seufzer zurück.
Der Notar aber atmete erleichtert auf, als er mit dem unterfertigten Dokumente zu dem Tischchen trat.
„Ich bitte, Hochwürden, als Zeuge.“ Er präsentierte dem Pfarrer die Feder. Dann wies er dem Kleehuber die Stelle, wohin derselbe seinen Namen zu schreiben hatte.
Der Mann besann sich lange, nicht wie er heiße, sondern auf das Aussehen jedes einzelnen Buchstabens, den er bei der Namensfertigung anzubringen hatte. Zuletzt schrieb der Knecht.
Vom Bette her klang es flüsternd: „Die Blumen, die gar vielen Blumen, die sie mir hergebracht haben.“
Der Notar und die Zeugen traten von dem Tische zurück und wandten sich nach dem Sterbenden. Die langgestreckte Gestalt mit den verfallenen Zügen, die dort im Bette lag, leise vor sich hinflüsternd und mit den eigenen Fingern spielend wie ein Kind, das war nicht mehr der Müller Herlinger. Wer sonst? Niemand. Das war das, was einst war, als wir uns noch nicht fühlten, das nämliche, das sich schon einmal ohne uns behalf, als es rege an unserem Bewußtsein baute, und das, wenn uns dasselbe verläßt, sich zum letzten an den angesammelten Erinnerungen schreckt oder erfreut, das nämliche, das die Kinder weinen oder lachen macht, und das auch den Sterbenden als letzten Gruß eine Träne oder ein Lächeln mit auf den Weg gibt.
Ein schwerer Atemzug hob die Bettdecke, — es war der letzte. Vor den Anwesenden lag eine Leiche. Der Pfarrer war gerade darauf bedacht, das Gesinde zusammenzurufen und an derselben ein kurzes Gebet sprechen zu lassen, als sich die Türe öffnete und Florian Weninger eintrat.
Der Urlauber behielt den Drücker in der Hand und sagte kurz: „Guten Tag! da bin ich. Nun, was ist’s, darf die Lois[6] mit dem Buben jetzt kommen? Sonst geh’ ich lieber gleich!“
Der Priester aber trat rasch auf ihn zu, führte ihn vor den Toten und drückte ihn dort an der Hand auf die Kniee nieder: „Da sieh, spare vorlautes Reden und bete für ihn, — er hat sterbend deiner als Vater gedacht und dir die Mühle hinterlassen!“
Der Mensch sah verwirrt zu den Umstehenden auf, dann blickte er in das stille bleiche Antlitz vor ihm, drückte beide Hände an die Brust und sagte mit liebender Stimme: „Ich hätt’ ihn doch noch gerne getroffen, daß ich ihm dafür hätt’ danken können!“
Es war die erste Regung besseren Gefühles, der erste Keim der Saat, welche der alte Müller mit sterbender Hand gestreut hatte, und es war wohl auch das rechte Bewußtsein, das er mit sich hinübernahm!
In den Aufschreibungen der Pfarre, welche die Geschicke der Gemeinde als Abnahme und Zuwachs, und die des einzelnen Geburt, Heirat und Tod in fortlaufender Einförmigkeit aufbehielten, verzeichnete der Pfarrer die Geburt eines Mädchens, Tochter des Joseph Reindorfer und dessen Ehefrau Rosalia, welches in der heiligen Taufe den Namen Magdalena erhielt, und den Tod des Matthias Herlinger, Müller im sogenannten Wasser-Graben hierorts. Eine geraume Zeit verstrich, Schnee lag über den Hügeln und lastete schwer auf den Tannen und das Jahr war zur Neige gegangen, als des Namens Herlinger in dem Kirchenbuche noch einmal Erwähnung geschah, woselbst zu lesen stand: daß der neue Müller im Wasser-Graben, Florian Weninger, vulgo „Herlinger Florian“, — denn das Volk hielt sich an die Vaterschaftserklärung des verstorbenen Müllers, — und Aloisia Kaufmann, in der Haupt- und Residenzstadt wohnhaft, als Brautleute an hiesiger Pfarrstelle um das dreimalige kirchliche Aufgebot nachgesucht und sich darauf auch über die in der Stadt eingegangene Ehe durch legalen Trauschein ausgewiesen hätten.
4.
Auf dem Reindorferhofe wuchs die kleine Magdalena heran. Seit dieses Kind Wartung und Pflege heischte, meinte der Bauer für die anderen ein übriges tun zu müssen, er war gegen die Fehler derselben nicht mehr so strenge, sah ihnen manche Nachlässigkeit nach, gestattete ihnen mehr Freiheit, ja, er bereitete ihnen wohl auch manchmal eine kleine Freude, griff in seine Tasche und gab der Dirne auf Bänder und Tücher, dem Burschen auf Bier und Tabak, sowie für manche Kirchweih die Musikantengroschen.
Warum sollte er ihnen das Leben schwer machen? Etwas mußten sie doch vor dem anderen Kinde voraus haben, meinte er, das war nur recht und billig.
Der junge Leopold Reindorfer und seine Schwester Elisabeth waren es höchlich zufrieden und auch sie schrieben das geänderte Verhalten des Vaters gegen sie dem Kinde zu.
„Weil das Kleine einmal da ist,“ sagte der Leopold, „so hat es auch sein Gutes, seit der Vater so ein unnütz’ Maul auf dem Hofe hat, sieht er doch mehr auf die, die ihr Essen auch verdienen.“
Elisabeth fühlte sogar zu der unschuldigen Ursache dieser Änderung der Verhältnisse einige Neigung und nahm sich hie und da der kleinen Schwester an. Sie war die einzige, die sich etwas mit dem Kinde abgab. Auch sie, nicht die Mutter war es, welche das Kind den Bauer als „Vater“ ansprechen lehrte.
Wie viel Zeit verging bis dahin? Für kleine Leute bleibt die Welt immer auf einem Flecke stehen. Sie merken nicht, daß sich in ihr etwas ändert, weil sie ja auch nicht verspüren, wie sie sich selbst ändern. Welche Zeit? Fragt das die Kinder, die sich dort spielend in der Sonne tummeln.
Es war ein kleiner Junge mit großen braunen Augen, aus denen zu sehen ihn fast das Haar verhinderte, das in dichten schwarzen Ringeln ihm über die Stirne fiel, ein Hemd und ein Höschen, mit einem Träger querüber festgehalten, bildete seine ganze Bekleidung, ebenso barfuß wie er war seine Gespielin, die nur über ein grobes Hemdchen einen für ihre kleine Person etwas zu langen Rock trug und unter blondem wirren Haar auch mit braunen Augen in die Welt lugte. —
Der Kleine stand mit gespreizten Beinen, die Hände in den Hosentaschen, vor dem Mädchen und fragte: „Wer bist denn du?“
„Ich bin die Leni,“ sagte das Kind und sah verwundert auf den Knaben, der nicht einmal wußte, wer sie war, sie hielt ihn gewiß für einen recht dummen Buben. „Wer bist denn du?“
„Ich bin des Müllers Florian, vom Wasser-Graben, weißt du?“ sagte er. Er bewies männliche Überlegenheit genug, sich über die Unkenntnis des Mädchens gar nicht zu verwundern.
Die Kleine nickte, sie wußte zwar nicht, was eine Mühle sei, noch wohinzu der Wasser-Graben läge, aber sie war mit der Auskunft doch zufrieden.
„Du,“ sagte der Knabe, „siehst du Vögel gerne?“
„Ei freilich,“ sagte das Mädchen, „hast du einen bei dir?“
Der kleine Florian lachte, zog die Hände aus den Taschen und wies sie leer vor. „Dort oben da sind dir so viele. Komm mit!“ Er nahm sie an der Hand.
Die beiden gingen ein Stück Weges, da stand ein großer Busch und darunter war eine Wasserlache noch vom letzten Regen, jetzt halb eingetrocknet, in der feuchten Erde mochten sich Gewürm und Larven angesiedelt haben, die Vögel schossen ab und zu und pickten in den Schlamm. Es war ein lustiges Treiben.
Eine Goldammer gefiel den Kindern gar zu gut, und als etliche Rotschwänzchen im Kote herumtänzelten, als wollten sie ihre Beine nicht gar zu sehr beschmutzen, da brachen die Kleinen in hellen Jubel aus und hüpften mit steifen Beinen herum, wie sie es von den Tierchen gesehen hatten.
Die Folge war, daß diese sich beleidigt zurückzogen und selbst dann wegblieben, als Leni und Florian ganz ernst versicherten: sie wollten es nicht wieder tun — und sie möchten doch nicht so dumm sein und sich nicht wieder sehen lassen.
Sie warteten eine ganze Weile, aber vergebens.
Der Knabe zuckte mißlaunig die Achsel. „Das hast du gemacht,“ sagte er zu der Kleinen, „du hast sie nachgespottet.“
„Sie kommen schon wieder,“ lachte Leni.
„Heut nimmer,“ sagte Müllers Florian. „Ich geh’ heim.“
„Ich geh’ mit dir,“ rief das Mädchen. „Ist weit bis zu dir hin?“
„O freilich, ich weiß nicht, ob du es wirst gehen können; aber komm nur mit, ich trag’ dich schon, wenn du müde wirst.“
Das Mädchen überlegte.
„Ich zeig’ dir unsern Garten,“ versprach der Knabe.
„O, da haben wir einen größeren.“
„Hast du schon eine Mühle gesehen?“
„Nein, wie sieht die aus?“
„Weißt, wo man das Mehl macht. Die gehört meinem Vater, die zeig’ ich dir.“
Wer, der noch nie eine Mühle gesehen hat, möchte eine solche nicht sehen? Die Neugierde überwog, und das Mädchen lief munter neben dem Knaben her, oft über das lange Röckchen stolpernd, daß sie sich gar nicht zu halten wußte, worüber beide laut lachten. Was das war, eine Mühle, wo man das Mehl macht?
Sie waren schon ziemlich weit gegangen; das Mädchen fing an müde und ängstlich zu werden, es hörte nicht mehr auf den kleinen Begleiter, der fortwährend versicherte, gleich müßten sie dort sein; er tat dies auch zu seiner eigenen Beruhigung, — so lang wie heute war doch der Weg noch nie gewesen. Beide Kinder kamen in die bedenklichste Stimmung. Jedes fühlte sich so weit weg vom Hause, und so allein, alles war so stille, niemand zu hören noch zu sehen, höchstens ein Vogel flatterte vom Gezweige auf den Weg nieder, aber auf diese hatten sie schon lange nicht mehr acht. Sie vermieden es, einander anzusehen, denn das Weinen war jedem nahe, und wenn das eines an dem andern bemerkt hätte, dann wäre der laute Jammer unabwendbar gewesen.
Aber da hörten sie plötzlich ein helles Klappern und Rauschen, der Knabe tat vor Freude einen Jauchzer, faßte die kleine Leni bei der Hand und sie rannten um eine Ecke, da rauschte und klapperte es noch fröhlicher, und dort unten am Wege das Haus mit dem großen Rade daran, das war die Mühle, das Rauschen kam aber vom Wasser und klappern tat das Rad, so sagte wenigstens der Florian.
Sie standen über dem Fahrwege auf einem kleinen Fußsteige, diesen mußten sie verlassen und den auf der andern Seite drüben einschlagen.
„Jetzt komm, jetzt trag’ ich dich schon bis hin,“ rief fröhlich herumhüpfend der Knirps, er schärfte der kleinen Leni ein, sich ja recht fest an seinem Halse anzuhalten, faßte sie an den Füßchen und versuchte sie aufzuheben, aber das ging nicht an, und sie lachte, weil sie so schwer war; da ließ sie der Florian vorerst los, und mit ernstem Gesichte spuckte er in seine Hände, wie er es von Großen hatte tun sehen, dann packte er aber an, mit einem Ruck hob er sie empor, und — beide kollerten über das hohe Gras hinunter auf den Fahrweg, da rangen sie sich voneinander los, da saßen sie und sahen einander an und lachten, und der Knabe sprang auf und lief voran und das Mädchen hinter ihm her der Mühle zu.
Als sie nahe kamen, da bewunderte Leni wohl das Rad, wie das gar so groß war, aber da war nur noch Wasser zu sehen und kein Mehl. „Das sei drinnen in der Mühle,“ sagte der Florian. „Komm nur!“
An einem Lattenzaun war ein kleiner Einlaß, Florian hob das Querholz geschickt aus und schob das Türchen nach einwärts, die Kinder traten in den Hof, ein großer Hund schoß auf sie zu und umsprang den Knaben; da er aber gegen das Mädchen bellte, so bekam er einen Puff, dem Schlage der kleinen Hand konnte er aber bei seinem zottigen Felle keine feindseligen Absichten unterlegen und so nahm er als verständiges Tier denselben als eine bescheidene Mahnung auf, sein Betragen gegen die kleine Dame zu ändern; er reckte daher seine Pranken zu deren Füßen hin, legte den Kopf darauf und bewegte auf dem aufrechtgehaltenen Hinterleibe wedelnd die Rute, was bei deren erhabenem Standpunkte sich sehr feierlich ausnahm; hätte der Hund nur seiner innersten Überzeugung über den Wert der Umgangsformen einigen Zwang angetan und nicht dabei gegähnt, aber das tat er.
An der Schwelle der Küche, durch die man auch hier unmittelbar vom Hofe in das Haus gelangte, erschien jetzt eine große, stattliche Frau. Es war die Müllerin. Der „Herlinger Florian“ schien es für unehrenhaft gehalten zu haben, an ein Mädchen gewöhnlichen Schlages seine Freiheit zu verlieren, hier hatte er es leicht, sich auf die Übermacht auszureden, denn sein Weib war viel höher und stärker als er.