Der Jäger von Fall
Der Jäger von Fall
Hochlandsroman
von
Ludwig Ganghofer
Vollständige Originalausgabe
350000 Gesamtauflage aller Ausgaben
Verlag von Th. Knaur Nachf.
Berlin
Druck: Hallberg & Büchting (Inh. L. A. Klepzig), Leipzig C 1
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
Copyright 1920 by Adolf Bonz & Comp., Stuttgart
Printed in Germany
Vorspiel
Eine stille, kalte Dezembernacht lag über dem Bergdorfe Lenggries. Die beschneiten Berge schnitten scharf in das tiefe Nachtblau des Himmels, aus dem die Sterne mit ruhigem Glanz herunterblickten in das lange, schmale Tal. Dick lag der Schnee auf Flur und Weg, auf den starrenden Ästen der Bäume und auf den breiten Dächern der Häuser, hinter deren kleinen Fenstern das letzte Licht schon vor Stunden erloschen war.
Nur die Wellen der Isar, deren raschen Lauf auch die eisige Winternacht nicht zum Stocken brachte, sprachen mit ihrem eintönigen Rauschen ein Wort in die alles umfangende Stille; und zwischendrein noch klang von Zeit zu Zeit der Anschlag eines Hundes, dem die Vergeßlichkeit oder das harte Herz seines Herrn die Tür verschlossen hatte, und der nun aus seiner fröstelnden Ruhe unter der Hausbank auffuhr, wenn vor dem Hofgatter die Tritte des Nachtwächters im Schnee vorüberknirschten.
Langsam machte der Mann dieses einsamen Geschäftes seine Runde im Dorf, eine hagere, noch junge Gestalt, eingehüllt in einen weitfaltigen, bis auf die Erde reichenden Mantel, dessen Pelzkragen aufgeschlagen war; eine dicke Pudelmütze war tief über den Kopf gezogen, so daß zwischen Mantel und Mütze nur der starke, eisbehauchte Schnurrbart hervorlugte. Die Hände des nächtlichen Wanderers staken in einem Schliefer aus Fuchspelz. Mit dem Quereisen in den Ellbogen eingehakt, hing unter dem rechten Arm der hellebardenähnliche „Wachterspieß“, dessen Holzschaft lautlos nachschleifte im fußtiefen Schnee.
Plötzlich hielt der Wächter inne in seiner Wanderung. Vor ihm stand ein kleines Haus, dessen Giebelseite bis dicht an die Straße reichte, von der es durch einen schmalen eingezäunten Raum getrennt wurde. Wenn man sich ein wenig streckte, konnte man mit der Hand über den Zaun bis ans Fenster greifen. So tat der Einsame, und zweimal klirrte unter einem schwachen Klopfen das letzte der drei Fenster. Nach einer Minute klopfte er wieder, etwas stärker. Wieder wartete er, klopfte von neuem und immer wieder. Hinter dem eisblumenbedeckten Fenster wollte nichts lebendig werden.
„Heut hört’s wieder amal gar nix, dös Teufelsmadl!“ brummte der Wächter, während er zusammenschauerte und mit den Lippen schnaubte, daß ihm die Eistropfen vom Schnurrbart flogen. Eine Weile besann er sich, ob er gehen oder bleiben sollte. Dann schlug er mit der ganzen Hand an die Scheibe, die bei dieser groben Mißhandlung so heftig klirrte, daß auch ein stocktauber Schläfer hätte erwachen müssen. Und wirklich, in der Stube ließ sich ein Geräusch vernehmen, als würde ein Stuhl gerückt; gleich darauf zitterte die Fensterscheibe, öffnete sich um ein paar Fingerbreiten, und durch den Spalt fragte eine gedämpfte Mädchenstimme: „Was is denn? Was für einer is denn schon wieder da?“
„Ich bin’s, der Veri!“ klang leis die Stimme des Wächters. „Geh, Punkerl, mach a bißl auf! Ich muß schier sterben vor Kält und Langweil.“
Veri neigte den Oberkörper so weit als möglich über den Zaun. „Daß ich a bißl fensterln möcht bei dir!“
„Was dir net einfallt!“ lautete die unwillige Antwort des Mädels. „Es scheint, du bist noch net gscheid auf deine dreißg Jahr? Meinst, ich stell mich bei so einer Kälten im Hemmed daher ans offene Fenster?“
„Kannst ja in a Rock einischlupfen.“
„Ah na! Gut Nacht! ’s warme Bett is mir lieber.“
Das Fenster schloß sich, und alles war still.
„So, so? An andersmal mag ich halt nimmer. Weißt was? Steig mir am Buckel auffi!“ Diese Worte schienen den Ärger des Abgeblitzten beschwichtigt zu haben. Gleichmütig, als wäre nichts Kränkendes geschehen, schritt er wieder die Straße dahin.
Die Langweile machte ihn gähnen. In der ersten Hälfte der Nachtwache hatte er von Stunde zu Stunde auf den Glockenschlag passen können, um seinen Wächterspruch in die Nacht hineinzusingen. Das letzte seiner Lieder war längst erledigt:
„Ös Mannder und Weibsleut, laßts enk sagen,
Die Glock am Turm hat zwei Uhr gschlagen!
Bewahrt das Feuer, bewahrt das Licht,
Daß enk an Leib und Seel kein Schaden gschicht!“
Nun war ihm auch sein Gesangsvergnügen genommen, weil ihm von dieser Stunde an die Gemeindevorschrift das Absingen des Wächterspruches untersagte. Ein nächtliches Unheil, das um zwei Uhr morgens noch nicht geschehen ist, kann warten, bis es Tag wird und bis sich die Bauern den Schlaf aus den Augen reiben. So schritt der Wächter seines Weges, sich damit unterhaltend, daß er von den Stangen der die Straße geleitenden Zäune mit dem Schaft seines Spießes den Schnee wegstreifte. Von dem vielstündigen Umherwandern ermüdet, setzte er sich auf einen der dicken Holzpflöcke, die an Stellen, wo von der Straße ein Fußpfad durch die Gärten führt, zum leichteren Übersteigen der Zäune dienen.
Veri machte sich’s bequem, scharrte von dem Fleck, wo seine Füße standen, den Schnee fort und betrachtete das ihm gegenüberliegende Gehöft des Meierbauern. Es war ein hölzernes Haus: Wohnraum, Stallung und Scheune in ein Ganzes zusammengebaut und alles überdeckt von dem langgestreckten, weit über die Holzmauern vorspringenden Schindeldach, über dem sich der Schnee mit fester Decke gelagert hatte. Es war kein großer, reicher Bauernhof, aber Veri wäre glücklich gewesen, sich im Besitz eines solchen Gütls zu wissen; vielleicht wäre dann das verfrorene Punkerl vor einer halben Stunde weniger empfindsam gegen die Kälte gewesen.
Beim Meierhofer ging Veri häufig ein und aus, als Freund und „Spezi“ des fünfundzwanzigjährigen Lenzl, der mit den Eltern und seinem dreijährigen Stiefschwesterchen Modei[1], einem Kind aus zweiter Ehe, hier wohnte. Es war ein bißchen Neid gegen Lenzl, was Veri empfand, als er sich dachte, wie hübsch es wäre, wenn er mit Punkerl, nein, mit einem anderen, mildherzigeren und warmblütigeren Mädel durch diese schmale, niedere Haustür einziehen könnte als Mann und Frau. Er dachte sich mit einem jungen, fröhlichen Weiberl in die geräumige Wohnstube, die mit der Küche den Raum zu ebener Erde einnahm; die große Bodenkammer, die über dem Stalle lag, an der Langseite ein Dachfenster hatte und den beiden alten Leuten als Schlafraum diente, erschien ihm in seinen Träumen von Glück und bettwarmer Liebe als die gemütlichste Ehestube; für die kleine Kammer, deren einziges Fenster nach der vorderen Giebelseite ging und in welcher Lenzl mit dem Schwesterchen schlief, hätte sich im Lauf der Zeit wohl auch eine passende Verwendung gefunden, meinte Veri. Und nun gar der schöne Stall mit den acht Kühen! Und die große Scheune, dick vollgepfropft mit dem besten Heu!
[1] Maria.
Aber Veri war ein armer, heimatloser Bauernknecht, der, um sich ein paar Kreuzer zu verdienen, jede Nacht für irgendeinen faulen und schläfrigen Burschen die von Haus zu Haus wechselnde Nachtwache übernahm. Ein Seufzer hob seine Brust, während sein Blick über das stille Gehöft glitt. Da bemerkte er auf dem Dach eine schwarze, schneelose Fläche, die ihm früher nicht aufgefallen war. Je schärfer er hinsah, desto deutlicher kam es ihm vor, als würde dieser Fleck immer größer; nun schwand auch an anderen Stellen der Schnee, und es klang dabei wie das Klatschen fallender Tropfen.
Kam Tauwetter? Veri hauchte kräftig in die Luft. Als er im Dämmerschein des Schneelichtes den feinen Eisstaub gewahrte, zu dem sein Atem in der Kälten gerann, schüttelte er nachdenklich den Kopf und sah wieder hinauf zu den rätselhaften Flecken, die sich erweitert hatten und schon hinaufreichten bis zur Schneide des Daches. Nun war es ihm, als kräuselten sich da oben kleine, weiße Dampfwölkchen in die Luft; nun kam es dicker, nun grau, nun in schwarzen Wolken – nun barst das Dach, und eine funkensprühende Feuergarbe schoß gegen den Himmel.
„Feuerjo! Feuerjo!“
Gellend hallte der Schreckensruf in die Nacht.
Veri stürzte auf das Haus zu und sprengte das verschlossene Gartenpförtchen. In hallenden Schlägen fuhr der Schaft seines Spießes gegen die verriegelte Haustür. Nichts regte sich da drinnen; nur im Stall war es unruhig; dort rasselten die Ketten, und dumpf brüllten die Kühe durcheinander. Immer wieder schlug Veri gegen die Tür und schrie den Feuerruf. Da war es ihm, als hätte er im Haus ein Poltern und Rufen vernommen; hastig sprang er auf die Straße hinaus, und in keuchendem Laufe rannte er hinunter durch das Dorf, vorüber an den Häusern, deren Fenster sich zu erleuchten begannen.
„Feuerjo! Feuerjo!“
Die Fenster klirrten, die Türen wurden aufgerissen. „Jesus, Mar’ und Joseph!“ klang es. „Wo brennt’s?“ Und der Schreckensruf des Wächters fand in hundert Kehlen ein kreischendes Echo. Wenige Minuten, und das stille Dorf war Leben und Aufruhr. Lärmend liefen die Leute zum Unglückshaus.
Der ganze Dachstuhl war schon umwirbelt von Flammen, die das brennende Heu und Stroh in dicken Bündeln mit sich hinaufrissen in die Lüfte und einen sprühenden Funkenregen niedergossen über die Nachbarhöfe. Und immer noch standen die Türen geschlossen. Aus der Stallung klang ein Poltern, Klirren, Stampfen und Brüllen, daß es zum Erbarmen war. Und immer noch standen die Türen geschlossen.
„Wo is der Bauer, die Bäuerin? Wo is der Lenzl?“ scholl es um das brennende Haus. „Heiliger Herrgott! Helfts! Um Gotteswillen, helfts! Schlagts alle Türen und Fenster ein!“
„Da her, Mannder, da her!“ schrie im Hintergrund des Gartens eine Stimme. „Da liegen zwei Zaunpfosten, da können wir d’ Haustür einschlagen!“
Wer in der Nähe stand, griff zu, die Balken wurden herbeigetragen, dröhnend schlugen sie gegen die Haustür. Einige Sekunden noch, und krachend flog die Tür in den Flur zurück. Ein paar der Mutigsten versuchten einzudringen. Eine stickende Rauchwolke schlug ihnen entgegen, und im Dunkel des Flures leuchtete das vom Luftzug ermunterte Feuer. Alles da drinnen war altes, hundertjähriges Holz, an das die Flamme nur zu rühren brauchte, um Nahrung zu finden.
Ein Jammern ging durch das Gedräng der Leute; die Weiber fingen zu beten an, und vom Kirchturm klang das schrille Wimmern der Feuerglocke.
Plötzlich hörte man laute Hilferufe von der Giebelseite des Hauses. Die Leute rannten dieser Stimme nach.
„Heilige Maria! Helfts! Helfts! Mein Vater verbrennt und d’ Mutter!“ An dem kleinen Fenster der Giebelkammer stand Lenzl, in den Armen das Schwesterchen, dessen herzzerreißendes Geschrei sich in die Hilferufe des Bruders mischte. Über seinem Kopfe qualmte der Rauch durch das Fenster, stieg an der Holzwand in die Höh und verschwand in den Flammen des Firstes. Eine wilde Aufregung bemächtigte sich der Leute, die zu dem grauenvollen Bild hinaufsahen. „Lenzl, spring aussi!“ rief ein Bauer. „Bringts Leitern!“ schrie ein zweiter. Ein dritter: „Tragts Betten her, daß er draufspringen kann!“ Ein anderer wies auf einen großen, mit Brettern überdeckten Heuhaufen, der im Hof eines Nachbars stand. Männer und Burschen sprangen hinzu, rissen die Bretter fort und schleppten das Heu herbei, das sie unter dem Fenster auf die Erde warfen, während die anderen zu Lenzl hinaufschrien: „Spring, Bub! Jesus, Maria! Spring!“
Lenzl schien nicht zu sehen, was unten vorging. Mit erwürgter Stimme schrie er immer hinein in die Tiefe des Hauses: „Vater! Mutter! Vater! Mutter!“
Da scholl aus dem Innern des Hauses ein dumpfes Krachen. Hoch schlugen über dem Dach die Flammen auf und leckten über den First gegen die Wände des Giebels. Es war höchste Zeit für die beiden Menschen dort oben am Fenster. Der ausströmende Rauch zeigte schon eine rote Färbung, die vom Feuer im Innern herrühren mußte. Und immer noch wollte Lenzl nicht springen. Das schreiende Kind an seine Brust gedrückt, neigte er nur manchmal den Oberkörper heraus über die Fensterbrüstung, wenn der Rauch stärker anschwoll. Dann klangen wieder seine Jammerrufe: „Vater! Mutter!“
„Er springt net! Und verbrennt mitsamt dem Kind!“ flüsterte einer der Bauern dem Pfarrer zu. „Ich bitt Ihnen, rufen S’ auffi zu ihm, daß der Vater und d’ Mutter schon heraußen sind.“
„Seid ruhig“, gebot der Pfarrer den Leuten, „damit er mich hören kann!“ Dann hob er die Stimme: „Lenzl! Spring herunter! Dein Vater und deine Mutter sind nicht mehr im Haus!“ Ein wilder Freudenschrei gellte droben von den Lippen des Burschen; hastig schwang er sich auf die Fensterbrüstung und sprang herunter in das aufgeschüttete Heu, das über ihm zusammenschlug. Alles drängte auf den Heuhaufen zu, aus dem sich Lenzl herauswühlte. Das Hemd und die kurze Lederhose war alles, was er am Leibe trug, und an der Brust hielt er das Kind umklammert, eingewickelt in eine Lodenjoppe.
„Wo is der Vater? Wo is d’ Mutter?“ fragte er mit bebender Stimme, zitternd an allen Gliedern. Er hörte keine Antwort von den Leuten, die still und bleich den Geretteten umstanden. „Wo is der Vater? Wo is d’ Mutter?“ schrie Lenzl wieder. Ein Schauer rieselte über seine Gestalt. Da trat der Pfarrer auf ihn zu und legte ihm die Hand auf die Schulter: „Fasse Mut! Wir alle sind sterbliche Menschen. Der Tod ist nur ein Übergang zu besserem Leben. Dort oben im Himmel wohnt ein Gott –“ Er konnte seine Trostrede nicht zu Ende bringen. Mit weitgeöffneten, verglasten Augen hatte ihm Lenzl auf die Lippen gestiert. Nun fuhr er auf, stieß mit harter Faust den Tröster von sich und schrie: „Ich will kein’ Herrgott jetzt! Ich will den Vater haben! Und d’ Mutter!“ Scheu wichen die Leute vor ihm zurück, als er mit taumelnden Knien auf sie zuwankte. Er irrte durch Garten und Gehöft, im Kreis um das brennende Haus. Jedem Menschen spähte er ins Gesicht. „Vater! Mutter!“ klang immer wieder sein Schrei. Und wenn das Kind in seinen Armen zu wimmern begann, neigte er das Gesicht zu ihm und flüsterte: „Sei stad, liebs Modei, sei stad! Ich find ihn schon, mein’ Vater! Und dei’ Mutter! Sei stad, sei stad!“
Er fand sie nicht.
Gewaltsam mußte man ihm den Weg zur Haustür verlegen, aus der schon die Flammen lohten. Mit geballter Faust schlug er auf die Burschen ein, die ihm den Zugang verwehrten, dann wankte er nach der Giebelseite des Hauses, trat wie ein Irrsinniger auf den Pfarrer zu und schrie ihm ins Gesicht: „Anglogen hast mich, Pfarrer! Sag mir’s, du! Was für a Herrgott is denn der deinig? Einer, der d’ Leut verbrennt? Mein Vater und d’ Mutter –“ Seine Worte verloren sich in ein schweres Stöhnen.
Da drängte sich durch den Kreis der Leute eine alte Bäuerin und faßte den Schluchzenden am Arm. „Komm, Lenzl! Dein Schwesterl kunnt verkranken in der Kält.“
Lenzl starrte in das vom Feuerschein gerötete Gesicht der Alten. „Grüß dich, Godl! Bist auch da? Weißt es schon?“ Tränen erstickten seine Stimme. „Der Vater und d’ Mutter –“
Es waren nicht übermäßig kluge Worte, die das alte Weibl in Lenzls Ohr flüsterte, aber es waren Worte, die aus einem fühlenden Herzen kamen. Lenzl hörte nur den warmen Klang dieser Worte, nicht ihren Sinn. Seine Kraft war zerbrochen. Willenlos folgte er der Alten, die ihn mit sich fortzog, hinaus aus dem Hofraum, ein Stück entlang die Straße und durch die niedere Tür ihres kleinen Hauses. Als sie mit ihm in die enge, vom Abend her noch wohldurchwärmte Stube trat, die von dem durchs Fenster hereinfallenden Feuerschein und von einer kleinen, auf dem Tische stehenden Öllampe rötlich erleuchtet war, stieg ein achtjähriger Knabe von der Fensterbank. „Grüß Gott, Ahnl“, sagte er schüchtern, „wo is denn der Vater und d’ Mutter?“
„Draußen sind s’ und helfen löschen. Geh zu, Friederl, hol a paar Kissen aussi aus der Kammer, und warme Decken! Geh, tummel dich!“ Der Bub warf einen scheuen Blick auf Lenzl und auf das klagende Kind, dann sprang er davon und verschwand in der Kammertür.
Nun nahm die Alte das Kind aus den Armen des Burschen, der wie geistesabwesend vor sich hinstarrte, und zog ihn zum Tisch. „Geh, setz dich a bißl nieder!“ Sie drückte ihn auf die in das Mauerwerk eingelassene Bank; willenlos ließ Lenzl alles mit sich geschehen; dann kreuzte er die Arme über dem Tisch, und stöhnend vergrub er das Gesicht. Mit zitternder Hand fuhr ihm die Alte ein paarmal über das kurze, struppige Haar.
Da kam der kleine Bub. Er trug zwei große weiße Bettkissen und schleifte eine wollene Decke hinter sich her. Mit der freien Hand ergriff die Alte die beiden Kissen und legte sie, jedes ein wenig aufschüttelnd, über die niedere Lehne des neben dem Ofen stehenden Ledersofas. Dann wickelte sie das Kind aus der Joppe heraus, legte es in die Kissen, zog ihm das Hemdchen glatt, breitete ihm über die nackten Füße die Joppe und darüber die doppeltgefaltete Decke. Als sie das Kind noch auf dem Arm getragen, war es schon eingeschlafen, und regungslos lag nun das Köpfchen mit den heißroten Wangen in den Kissen; die halb geöffneten Lippen zitterten unter stockenden Atemzügen, und von Zeit zu Zeit flog ein Zucken über die geschlossenen Lider.
Während die Alte sich in Sorge über das Kind beugte, fühlte sie ein leises Zupfen am Rock. Als sie aufsah, hingen die großen Augen des Buben angstvoll an ihrem Gesicht. „Ahnl, was is denn?“ fragte er scheu die Großmutter. „Is denn ’s kleine Maderl krank?“
„Gott soll’s verhüten!“ lautete die flüsternde Antwort. „Geh, Friederl, bet a Vaterunser! Dem armen Kindl is der Vater und d’ Mutter verbrennt.“
Die Tränen schossen dem Buben in die Augen, und erschrocken faltete er die Händchen über der Sofalehne.
Die Alte ging zum Tisch hinüber. Lenzl rührte sich nicht, als sie halblaut seinen Namen rief. Sie glaubte, daß auch ihn nach Aufregung, Schmerz und Ermattung der Schlaf überkommen hätte. Leise schlich sie durch die Stube und kauerte sich beim Ofen nieder, um das Feuer anzuschüren. Während sie langsam, jedes Geräusch vermeidend, die kurzen, dürren Holzscheite unter dem Ofen hervorzog, murmelte sie einen Feuersegen und bekreuzigte sich. Von draußen leuchtete noch immer mit wechselnder Helle die Lohe des brennenden Hauses in die Stube.
Friederl hatte, als die Großmutter hinter dem Ofen verschwunden war, die Hände unter das Kissen geschoben. Immer betrachtete er das schlafende Mäderl. Jetzt kam die eine Hand wieder zum Vorschein und glitt über das Kissen, bis sie das Kind berührte. Ein Zittern überflog die schmächtige Gestalt des Buben; nun neigte er das Gesicht und küßte schüchtern die heiße Wange des Kindes.
Da scholl von draußen ein dumpfes Krachen, begleitet von hundertstimmigem Geschrei. In der Stube zitterte der Boden, und die Fenster klirrten.
Lenzl fuhr auf und blickte verstört um sich.
Da fiel ihm der Feuerschein in die Augen. „Heilige Maria!“ schrie er. „Vater! Mutter! Es brennt!“ Dann sprang er zur Tür und stürzte hinaus. „Wo brennt’s denn? Jesus, wo brennt’s denn?“ scholl von draußen seine Stimme.
„Lenzl!“ jammerte die Alte, während sie sich aufrichtete und dem Burschen nachrannte. „Lenzl!“ schrie sie über die Straße hinaus. „Lenzl, wo bist denn?“ Sie sah und hörte nichts mehr von dem Burschen. So schnell, als ihre alten Füße sie zu tragen vermochten, lief sie hinüber zur Brandstätte.
In sich zusammengestürzt lag das Haus; glühend, glimmend und rauchend kreuzten sich auf der Erde die eingesunkenen Balken und Sparren; nur auf der Stelle, wo der Stall gewesen, prasselte noch eine helle, gelbe Flamme, und zugleich mit ihr wehte ein dicker Dampf und ein widerlicher Fettgeruch in die Lüfte. Vor dem Gluthaufen, im Hofe, stand die Feuerspritze des Dorfes und sandte stoßweise ihren dünnen Wasserstrahl zwischen das eingestürzte Gebälk. In zwei langen Reihen standen die Leute bis hinunter an die Isar, und die leeren und wiedergefüllten Wassereimer wanderten durch hundert Hände hin und zurück. Diese Arbeit ging schon träge vonstatten; das verschüttete Wasser hatte in der scharfen Kälte die Hände der Leute starr gemacht; auch sahen sie ein, daß hier nichts mehr zu retten und für die Nachbarhäuser ein Schutz nimmer nötig war. Die einen und anderen waren schon aus der Reihe getreten, die Hände reibend und behauchend oder die Arme um die Brust schlagend.
Bei allen Gruppen, überall hatte die Alte nach Lenzl gefragt; niemand konnte ihr Bescheid geben, niemand hatte den Burschen gesehen.
„Mich sollt’s gar net wundern“, sagte ein Bauer, „wann der arme Kerl mitten eini gsprungen wär ins Fuier oder am End gar in d’ Isar. Vater und Mutter verlieren! Und so a schöns Anwesen! Dös is kein Spaß. Mich dauert er schon recht, der Lenzl!“
„Und erst die armen Küh!“ jammerte ein anderer. „Die dauern mich am meisten. So viel dumm is so a Viech. Wann’s brennt und man macht ihm d’ Stalltür auf, meinst, es lauft aussi? Na! Erst recht rennt’s mitten eini ins Fuier!“
„Jesus! Da is der Lenzl!“ scholl die Stimme der Alten aus einer Ecke des Gartens. Die beiden Bauern und mit ihnen noch ein paar andere liefen der Stimme nach. Lang ausgestreckt, die Arme gespreizt und unbeweglich, lag Lenzl mit Brust und Gesicht im Schnee. Wie es schien, hatte er den Zaun überklettern wollen und einen bösen Sturz getan. An seiner Seite kniete die Alte, rief seinen Namen und schüttelte seine Schulter. Und bettelte: „Mannder, so helfts mir doch a bißl! Und hebts ihn auf! Und tragts ihn ummi zu mir! Ich fürcht, ich fürcht –“
Vier Männer hoben den Lenzl auf und folgten mit ihrer Last der Alten. Eine Schar von Neugierigen geleitete den Zug; ein Teil von ihnen kehrte auf halbem Wege wieder um, denn die Leute mußten nun auch daran denken, die ausgefrorenen Glieder zu wärmen und an die Arbeit zu gehen, die der Morgen brachte.
Längst schon hatte sich das Dunkel des Himmels abgetönt in das fahle Grau des werdenden Wintertages, und über die Spitzen der Berge fiel das erste Frührot.
Als die Alte mit den Männern, die den Ohnmächtigen trugen, in die Stube trat, fand sie den kleinen Friedl vor dem Sofa auf den Knien liegen. Sein Kopf ruhte auf den Kissen, und schlummernd hielt er ein Händchen des Kindes an seinen Mund gehuschelt.
Das Öllicht auf dem Tische mußte eben erst erloschen sein; von dem rußigen Dochte stieg noch ein dünner Qualmfaden gegen die Stubendecke.
Wer von Lenggries an der Isar aufwärts wandert
Wer von Lenggries an der Isar aufwärts wandert, um über Hinterriß und das Plumserjoch hinabzupilgern an den blaugrünen Achensee, der hat voraus zwei gute Stunden zu marschieren, um die erste Haltstation, den Weiler Fall, zu erreichen. Eng eingezwängt zwischen ragende Berge und bespült von den kalten Wassern der Isar und Dürrach, die hier zusammenfließen, liegt dieser schöne Fleck Erde in stillem Frieden. Hier ist nur wenig Platz für Sommergäste; ein kleines Bauernhaus zuvorderst an der Straße, dann das Wirtshaus, das den Köhlern und Flößern zur Herberge dient, dahinter das langgestreckte Forsthaus mit den grünen Fensterläden und dem braungemalten Altan, das neue weiß getünchte Stationshaus der Grenzwache, eine kleine rußige Schmiede und einige Köhlerhütten, das war um 1880 der ganze Häuserbestand von Fall.
Im Hochsommer, zur Zeit der Schulferien, sah man wohl von Tag zu Tag ein paar Touristen, selten einen Wagen. Die Stille des Ortes wurde nur unterbrochen durch das dumpfe Poltern der Holzstämme, die, von den Hebeln der Flößer getrieben, hinabrollten über die steilen Ufer der Lagerplätze und mit lautem Klatsch in das Wasser schlugen. Hier und da durchhallte ein krachender Schuß das kleine Tal, wenn der Förster oder einer der Jagdgehilfen seine Büchse probierte. Am lautesten war es, wenn des Abends die Schatten niederstiegen über die Berge; dann füllte sich die geräumige Gaststube des Wirtshauses mit Köhlern und Flößern, die Jagdgehilfen kehrten zu und die Holzknechte, die in den benachbarten Bergen arbeiteten. Durch die offenen Fenster schollen dann vergnügte Lieder hinaus in die Abendluft, die Zither klang, verstärkt durch die schnarrenden Töne einer Gitarre oder einer Mundharmonika, und der Fußboden dröhnte unter dem Stampftakte des Schuhplattltanzes. Dazwischen tönte lautes Gelächter über ein gelungenes Schnaderhüpfel, über irgendeinen derben Witz oder über den mißlungenen Sprung eines Tänzers, der es vergebens versuchte, im Tanz den schwerbeschuhten Fuß bis an die Stubendecke zu schlagen. Das Wirtstöchterchen und die Kellnerin hatten dann vollauf zu tun mit Tanzen und Einschenken, und erst in später Nacht endete die laute Fröhlichkeit, wenn entweder das Bier ausging oder wenn die Gäste sich daran erinnerten, daß die frühe Morgenstunde sie wieder zur Arbeit rief.
So war’s im Sommer. Im Winter liegt hier alles eingeschneit; oft reicht der Schnee bis hoch an die Fenster, zum großen Leidwesen der Jagdgehilfen, die sich dann mit schwerer Müh einen gangbaren Weg bis zur Tür des Wirtshauses ausschaufeln müssen. Nur die Isar bleibt auch in solcher Zeit noch munter und lebendig. Jahraus, jahrein, durch Sommer und Winter, rauscht das eintönige Lied ihres hurtigen Wellenlaufes. Früher, vor Jahren, suchte sie nicht so gemütlich ihren Weg. Da grollte, brauste und toste sie in ihrem steinernen Bette, warf an den starrenden Felsen ihre lauten, weißen Wellen auf, mit wilder Gewalt zwängte sie ihre Wassermassen durch die einengenden Steinklötze der beiden Ufer und stürzte sie dann hinab, schäumend und wirbelnd, über drei aufeinanderfolgende Fälle. Da hatten die Flößer schwere Not, wenn sie mit ihren zerbrechlichen Fahrzeugen diese Stelle passieren mußten, und mancher verlor mit seinem Floße auch das Leben. Die meisten Schiffer zogen es vor, eine Strecke oberhalb der Fälle ans Land zu steigen, die steuerlosen Flöße an den Felsen der Flußenge zerschellen zu lassen und dann weiter unten im Strom die einzeln dahertreibenden Stämme wieder aufzufangen. Die Klugheit der neuen Zeit hat sich auch hier betätigt. Pulver und Dynamit haben die „Steine des Anstoßes“ zertrümmert, und ungefährdet passieren jetzt die Flöße die einst so gefürchtete Stelle der Isar.
Hier in Fall, ganz zuvorderst an der Straße, die von Lenggries einherzieht, steht ein kleines, freundliches Bauernhaus. Der ebenerdige Stock, der einen nicht übermäßig geräumigen Stall und eine Futterkammer umfaßt, ist aus Felsstücken aufgeführt und lehnt sich mit seiner Rückwand gegen einen Hügel, in dem Winkel, den die Straße mit dem Strom bildet, wo sie vom Ufer sich abzweigt gegen das Wirtshaus. Über dem Unterstock erhebt sich der aus Balken gefügte Oberstock, der die Wohnräume umfaßt: neben Flur und Küche eine Wohnstube und zwei Kammern. Darüber spannt sich, weit vorspringend über den Giebel, das mit schweren Steinen belegte Schindeldach. In seinem Schatten hängen drei Scheiben an der Giebelwand. Der kleine weiße Holzzapfen, den jede in ihrem durchschossenen Zentrum trägt, verkündet, wie gut der Herr dieses Hauses die Büchse zu handhaben weiß. Unter diesen Scheiben und zwischen den beiden Fenstern des Giebels führt in das Innere des Hauses eine niedere Tür, zu der sich vom Hügel her eine kleine Holzbrücke spannt.
Es ist ein heißer Augusttag. Die Sonne brennt vom Himmel herab und zeichnet mit dunklen Schatten die Umrisse des vorspringenden Daches auf die Holzwand des Hauses.
Auf der Brücke vor der Tür steht ein schlankgewachsener Bursch in der Tracht der Jagdgehilfen: schwergenagelte Schuhe an den nackten Füßen, dickwollene weiße Wadenstrümpfe, die kurze gemslederne Hose, ein blaugestreiftes Leinenhemd, an der Brust offen und nur zusammengehalten von einem leichtgeschwungenen schwarzen Halstuch, die graue Joppe mit dem grünen Aufschlag, der als Dienstzeichen das goldgestickte Eichenlaub trägt, der Bergsack auf dem Rücken, und auf dem Kopf der kleine, runde Filzhut mit dem nickenden Gemsbart. Das Gewand des Burschen ist abgetragen und verwittert; die Büchse, die er hinter dem Rücken trägt, ist neu und blank, und die Stahlläufe blitzen in der Sonne.
Die nachlässige, vornübergebeugte Haltung des Oberkörpers läßt kaum vermuten, welch kraftvolle und sehnige Gestalt in diesem verblichenen Gewande steckt. Das Gesicht ist sonnverbrannt, ist dunkler als der leichtgekrauste, rötlichblonde Bart, der es umrahmt. Es redet eine stille, gewinnende Sprache; die klaren, lichtblauen Augen sind es, die dem Gesicht diesen freundlichen Ausdruck verleihen.
In der einen Faust hält der Jäger den langen Bergstock, während er mit der anderen die Hand einer alten Frau umspannt, die unter der Türe steht. „Pfüet dich Gott, Mutter! In vierzehn Täg bin ich wieder daheim vom Berg. Und sorg dich net!“
„Pfüe Gott halt, Friedl! Und gib mir a bißl acht beim Steigen!“
„Ja, ja!“
„Und was ich noch sagen will –“ Die Mutter zog ihn näher an sich. „Wann droben in d’ Näh von der Modei ihrer Hütten kommst, geh lieber dran vorbei!“
„Mutter, da bin ich, wie d’ Mucken sind! Allweil zieht’s mich wieder eini ins Licht, und ich weiß doch, wie’s brennt!“ Friedls Stimme klang gedrückt, und ein Schatten von Schwermut huschte über seine Augen.
Die Mutter legte ihm die Hände auf die Schultern. „Geh! So a Mannsbild wie du! Und so an unsinnige Narretei! Schau, ich setz den Fall, ’s Madl kunnt dich gern haben, so wär’s doch allweil nix mit enk zwei. Du weißt schon, wegen was! – Jetzt geh! Sonst kunnt der Herr Förstner schelten, weil dich so lang verhaltst. Pfüet dich Gott, mein Bub!“ Dabei schob sie ihn über die Brücke und durch die niedere Zauntür, die sie hinter ihm ins Schloß drückte.
Ohne ein Wort der Erwiderung hatte Friedl das mit sich geschehen lassen und stieg nun, den Blick zu Boden gerichtet, über den Hügel hinab zur Straße.
Er mußte sich beim Förster abmelden, bevor er auf die Berge stieg, um nach den paar Ruhetagen, die er genossen hatte, dort oben seinen vierzehntägigen Aufsichtsdienst wieder anzutreten. Der Weg zum Förster führte am Wirtshaus vorüber. Vor der Tür, auf einer erhöhten Backsteinterrasse, stand im Schatten der aus dem Giebel vorspringenden Holzaltane ein Tisch. Hier saß ein junger Mann; während er mit beiden Händen den vor ihm stehenden Bierkrug umspannte, lauschte er aufmerksam den Worten des neben ihm sitzenden Wirtes, der seine Rede mit lebhaften Armbewegungen begleitete.
Der Wirt – von allen, die bei ihm aus und ein gingen, kurzweg „Vater Riesch“ genannt – verkörperte mit seiner breiten, gedrungenen Gestalt und dem verschmitzten Faltengesicht, in den langen Schlotterhosen, dem weißen Hemd und der offenen Weste den landläufigen Typus der Hochlandswirte; auch der große Kropf fehlte nicht, dem ein braunseidenes Halstuch zur bequemen Schlinge diente. Sein Zuhörer trug ein Gewand, das der Tracht eines Jagdgehilfen glich; es war verwittert und abgetragen, zeigte aber doch eine bessere Art und einen feineren Schnitt. Die nackten Knie waren wohl auch gebräunt und von mancher Narbe durchrissen, aber die Stirne war weiß, und der wohlgepflegte blonde Bart wie die goldene Brille vor den blauen Augen verriet den Städter. Der Förster und die Jagdgehilfen nannten ihn „Herr Doktor“. Sein Vater, der einst Oberförster gewesen, amtete seit einigen Jahren in der Residenz als Forstrat; den Sohn zog es mit jedem Sommer in die Berge, und gerne saß er mit Flößern und Holzknechten beisammen, plauderte und sang mit ihnen in ihrer Art und Sprache, oder zog, das Gewehr auf dem Rücken, mit einem der Jagdgehilfen hinauf ins Gemsrevier, wo er an Ausdauer und Handhabung der Büchse keinem gelernten Hochlandsjäger nachstand, oder er saß, wie eben jetzt, mit dem Wirte hinter dem Bierkrug und ließ sich alte Geschichten von Jägern und Wildschützen erzählen.
So eifrig waren die beiden in Schwatzen und Lauschen vertieft, daß sie den Jäger nicht bemerkten, bevor er nicht dem Doktor auf die Schulter klopfte mit den Worten: „Sie sind ja schon ganz blau! Was hat er Ihnen denn schon wieder für a grausige Gschicht aufbunden, der Vater Riesch?“
„Gehst net weiter, du Kalfakter!“ schalt der Wirt. „Willst mir leicht gar mein’ besten Kunden abspenstig machen? Da, trink lieber, is gscheider!“
Friedl faßte den Krug, den der Wirt ihm geboten hatte, und tat einen festen Zug.
„Gehst du in Dienst? Wohin?“ fragte der Doktor.
Friedl setzte den Krug auf den Tisch. „Zur Lärchkoglhütten muß ich heut auffi. Was is? Nix mit? Im Luderergwänd wär a guter Gamsstand. Ich mein’, da schauet was aussi, wann wir morgen durchsteigen möchten.“
„Oho! Gleich bin ich fertig!“ rief der Doktor erfreut, sprang auf, steckte die auf dem Tisch liegende Zigarrentasche zu sich, auf deren Leder in Silber der Name des Eigentümers, Benno Harlander, eingepreßt war, bot dem Wirt einen hastigen Gruß und rannte zum Forsthaus hinüber.
„Pressiert net so!“ rief ihm Friedl nach. „Ich muß sowieso noch beim Herrn Förstner fürsprechen!“
Benno war bereits in der Tür des Forsthauses verschwunden. Den Krug, den er auf dem Tisch hatte stehenlassen, zog der Wirt an sich und untersuchte ihn auf seinen Inhalt. „Hat wirklich wieder ’s ganze Bier vergessen!“ brummte er. „Is dös a Herr! Grad reden därfst von eim Gams, nacher is er schon in der Höh. Geh zu, Friedl, trink’s aus, wär schad um dös gute Bier.“
„Muß net so arg gut sein, sonst tätst es selber abischlücken.“
„Red net lang, trink!“
Friedl leerte den Krug und setzte ihn auf den Tisch, daß der Deckel klappte. „So! Vergelts Gott! Und pfüet dich Gott!“
„Halt a bißl!“ rief der Wirt und faßte den Jäger an der Joppe. „Was ich sagen will – a Neuigkeit, ja! Weißt es schon? Der Huisenblasi is dagwesen, a Stündl mag’s her sein.“
Friedls Gesicht wurde hart. „So? Ich hätt gmeint, der Weg nach Fall wär ihm a bißl verleidet worden, seit er Isarwasser hat schlucken müssen, der Lump!“
Der Wirt zuckte die Achseln. „So einer vergißt leicht! Er wird sich halt denken, daß daheraußen in Fall die Hirschen und die Gams a bißl gar z’viel geschont werden, und da meint er wohl, er kunnt dem abhelfen, daß in der nächsten Brunft die Hirschen wieder dutzendweis auf meiner Wiesen schreien.“
Friedl lachte kurz und rückte den Hut aufs Ohr. „Es scheint, der Blasi hat Langweil nach seinem Bruder, der in Fall den letzten Schnaufer gmacht hat? Wann er wieder zuspricht, der Blasi, kannst ihm ausrichten, daß ihm z’helfen wär. Adjes!“ Kurz wandte Friedl sich ab und ging auf das Forsthaus zu.
„Oho, oho!“ brummte der Wirt. „Meintwegen derschieß ihn heut oder morgen! Is grad a reicher Tagdieb weniger auf der Welt.“
Als Friedl in den Flur des Forsthauses trat, kam ihm Benno bereits entgegen, Rucksack und Büchse hinter den Schultern und den Bergstock in der Hand. Noch ein kurzer Plausch mit dem Förster. Dann wanderten die beiden über die Wiesen hinaus.
Durch junge Pflanzungen zog der schmale Weg, näherte sich der zur Isar hinabrauschenden Dürrach und führte über den langgezogenen Rammsteg, an dem zur Zeit des Tauwassers und der Regengüsse das vom Berge niedergeflößte Scheitholz aufgefangen wird. Enge und hohe Stufen leiten von hier aus hinauf über die Höhe, die zur linken Seite der Dürrach steil emporsteigt; droben führt ein bequemes Sträßchen bergan, immer die vielzerrissene Schlucht begleitend, in deren dunkler Tiefe das Bergwasser rauscht.
„Gelt, Friedl, der große, saubere Bursch, der vorhin drunten im Wirtshaus war, das ist der Blasi?“
Friedl nickte.
„Was ist denn das mit dem Blasi eigentlich?“
„A Lump is er, a gottvergessener! A Lump, der mir alles gstohlen hat, was –“ Mitten im Worte brach Friedl ab, und als Benno zu ihm aufsah, flog eine dunkle Röte über das Gesicht des Jägers, der die gesprochenen Worte zu bereuen schien. Benno merkte, daß er mit jenem Namen eine wunde Stelle im Herzen des Jägers berührt hatte, und schwieg, so gern er auch weiter gefragt hätte. Wortlos schritten die beiden eine Weile nebeneinander her. Dann sagte Friedl: „A Wildschütz is er, der Blasi! Oder is wenigstens einer gwesen, bis ihn ’s End von seim Bruder abgschreckt hat.“
Der Jäger streifte mit forschendem Blick das Gesicht seines Begleiters.
„Geh, Friedl, wirst dich doch vor mir nicht scheuen!“ mahnte Benno. „Ich bin selber ein halber Jäger, in meinem Herzen ein ganzer.“
„Ich war net dabei bei der selbigen Geschicht“, begann Friedl nach kurzem Zögern, wobei er seine Stimme zum Flüstern dämpfte, „und weiß halt alles bloß vom Erzählen her. Zu der Zeit, wo der Vater Riesch, der jetzt drunten ’s Wirtshaus hat, noch der Förstner war, da is in Lenggries a Bauer gwesen, ‚beim Huisen‘ heißt man’s auf seim Haus. Der Bauer is noch allweil draußt – aber selbigsmal hat er zwei Söhn ghabt, den Toni und den Blasi. Der Toni war a Wildschütz, der’s grob trieben hat. Glauben S’, der wär zfrieden gwesen, wann er für sich allein an Gamsbock hätt stehlen können? Ah na, gleich fünf oder sechs Burschen hat er noch mitgnommen, und auch sein’ jüngern Brudern, den Blasi, hat er verführt. Und da haben s’ ganze Treibjagden angstellt auf die Berg droben, heut im Bayrischen und morgen im Tirolerischen, und alle Revier haben s’ unsicher gemacht auf zehn Stund in der Gegend, und schockweis haben dö Lumpen ’s Wild auf die Flöß abigführt nach Tölz und München. Amal, da hat’s ihnen fehlgschlagen. Da is dem Förstner gsteckt worden, daß die Huisenbuben drüben im Tirolerischen jagern und wahrscheinlich am andern Tag auf der Isar daherkommen mit’m Floß. Und am andern Tag auf d’ Nacht war an der gfahrlichsten Stell von der Isar und handbreit unter’m Wasser a Drahtseil gspannt, und in die Stauden drin sind d’ Jager gstanden auf der Paß! A Nacht war’s, so stockfinster, daß man kaum drei Schritt weit sehen hat können. Bis lang nach Mitternacht haben d’ Jager paßt. Da hat’s Käuzl grufen. Einer von die Jager war weiter oben auf der Paß, und wann er ebbes hört am Wasser, so war’s verabredt, nacher sollt er den Käuzlruf nachmachen. Der tut’s – a paar Augenblick dauert’s – nacher macht’s im Wasser an Krach, wie wann a Floß anrennt und ausanandreißt. D’Jager pulvern eini in d’ Nacht, a paar Schrei werden laut, und alles war stad, mäuserlstad. Grad ’s Wasser hast noch rauschen hören.“
„Und?“ fragte Benno, als Friedl keine Miene machte, weiterzusprechen.
„Wer außer die Huisenbuben dabei war, hat man nie erfahren. Abgangen is keiner von die Burschen, und daß einer krank gwesen wär von dem Tag an, da hat man nix ghört davon. Der Huisenblasi aber, so haben d’ Leut verzählt, wär in der selben Nacht zum Rauchentaler kommen, der a Stund unterhalb Fall an der Isar sein Haus hat, und hätt bei ihm Einlaß begehrt, weil er nimmer weiter kunnt. Tropfnaß wär er gwesen am ganzen Leib, hat’s gheißen. Er selber hat nacher überall rumgredt, als hätt er an Kuhhandel in Tirol drin ghabt, und am Heimweg wär er so viel müd gwesen, hätt beim Marschieren allweil halber gschlafen und wär über die Böschung abikugelt ins Wasser. Glaubt hat ihm dö Gschicht freilich keiner, um so weniger, als man zwei Tag später bei der Sägmühl unterhalb Lenggries sein’ Brudern, den Toni, tot aus’m Wasser zogen hat, und an drei Zentner schweren Hirsch dazu, der mit’m Gweih im Toni seim Janker einghakelt war.“
„Und du? Warst du damals schon in Fall?“
„Ah na! Ich war zur selben Zeit Jager beim Herzog von Nassau, der hinter Lenggries dös schöne Schloß hat. Aber wissen S’, die Burschen vom Ort haben damals an argen Haß auf alles gworfen, was Jager gheißen hat. Drum war für mich kein Bleiben nimmer in Lenggries. Da is noch dazu kommen, daß im selben Jahr mein Ahnl und mein Vater gstorben sind. So hat halt d’ Mutter unser Häusl in Lenggries verkauft und hat sich nach Fall verzogen, weil mein Herzog so gnädig war und hat mir’s erwirkt, daß ich in’ königlichen Dienst hab eintreten därfen. Ja, und so bin ich halt jetzt in Fall.“
Die beiden hatten während dieses Gespräches die Stelle erreicht, an welcher rechts vom Sträßchen der Fußweg abzweigt, der hinabführt zum Dürrachsteg und drüben hinauf zu den Almen und zur Jagdhütte. Stufen leiten hinunter über eine kleine Lichtung, von der aus man ein gutes Stück des gegenüberliegenden Berghanges überschauen kann. Hoch oben auf dem Berge sah Benno eine breite Almfläche liegen, in deren Mitte das sonnbeglänzte Dach einer Sennhütte blinkte.
„Was ist das für eine Hütte?“ fragte er.
„Dö Hütten da droben? – Dös is d’ Hütten von der Modei!“ Friedl machte flinkere Schritte.
„Die Modei? Das ist doch das hübsche junge Mädel, bei dem wir neulich einkehrten? Ich hätte die Alm von hier aus nicht erkannt, weil wir neulich auf der anderen Seite, gegen den Grottenbach zu, abgestiegen sind.“ Benno hatte den Steg erreicht. Mit einem lauten Ausruf der Überraschung blieb er stehen und schaute, über das Geländer gebeugt, hinunter in die Tiefe der Schlucht. Ihre Ränder waren breit auseinandergespannt, und auf vorgeschobenen Erdpolstern schwankte in dicken und langen Bündeln das Berggras über den steil abfallenden Wänden. Die am Saum des Absturzes aufragenden Fichten waren aus ihrer senkrechten Stellung geraten und neigten ihre Wipfel der Schlucht entgegen, als wollten auch sie neugierig hinunterblicken in die Tiefe. Je mehr die Schlucht sich senkte, um so näher traten die Wände zueinander, und weil von beiden Seiten massige Felsklötze nach der Mitte zu hervorsprangen, bildete die Schlucht ein zerklüftetes Zickzack. Überall sah man Reste von geflößtem Holz; in den Felsspalten lagen Scheitstücke eingeklemmt, und dicke, rindenlose Baumstämme kreuzten sich zwischen den Wänden. Unter ihnen floß das Wasser der Dürrach, bald niederrauschend über kleine Fälle, bald tiefe, stille Kessel bildend, bald wieder hinplätschernd über leicht geneigte Kiesgründe. Im Schatten der Felswände lag das Wasser mit smaragdgrüner Farbe; an einer Stelle nur, wo bei einer Wendung der Schlucht das Sonnenlicht hell hereinbrach, war das Wasser durchsichtig wie Glas, und da sah man auf dem Grund die Forellen spielen, die manchmal nach einer Mücke heraussprangen über den glatten Spiegel.
Friedl war schon ein Stück voraus den Berg hinaufgestiegen; Benno konnte sich nicht losreißen von dem schönen Bild, in dessen Betrachtung er versunken war.
„Herr Dokter!“ mahnte die Stimme des Jägers. „Wir haben noch an weiten Weg, und der Tag dauert net ewig.“
Einen Blick noch warf Benno in die Tiefe, dann folgte er dem Jäger. Eine gute Stunde stiegen sie empor mit gleichmäßigem Schritt. Kein Wort wurde gesprochen, und außer dem eintönigen Klappen der Schuhe, dem Einsetzen der Bergstöcke an beschwerlicheren Stellen und dem Kollern der kleinen Steine, die sich unter ihren Tritten lösten, hörte man nur die tiefen Atemzüge der beiden Steiger.
Sie hatten eine jener weit ausbiegenden Felskanten umgangen, die von der Höhe des Grates niederliefen über den ganzen Berg, als Friedl plötzlich innehielt und die Büchse von der Schulter riß. „Wer da? Reden, oder –“
„Oho!“ klang eine tiefe Baßstimme, und lachend, so daß man trotz der Entfernung die weißen Zähne unter dem schwarzen Schnurrbart blinken sah, trat Hies, der zweite Jagdgehilf der Wartei, aus dem Dickicht heraus. „Ich glaub, du wärst imstand und tätst mich als Wildschütz niederpulvern?“ Während er seine Büchse, die er in der Hand getragen, über die Schulter hängte, stieg er den Hang herunter: eine hagere, knochige, nicht übergroße Gestalt in einem Gewand, dessen Farben durch Zeit, Wetter und Felsen in ein gleichmäßiges Grau zusammengestimmt waren. Der schwarze buschige Vollbart, der ihm bis über die Mitte der Brust herunterhing, ließ ihn älter aussehen, als er war; auf vierzig Jahre hätte man ihn schätzen können, und doch stand er fast im gleichen Alter mit Friedl.
Überall war Hies beliebt als lustiger Sänger und Zitherschläger, und gerne saß alt und jung an seiner Seite, wenn er vom Kriege gegen Frankreich erzählte, den er als junger Bursch mitgemacht hatte.
Nun trat er zu den beiden auf den Steig. „Grüß Gott, Herr Dokter! Und grüß dich, Friedl! Wann mir jetzt der Schrecken d’ Stimm verschlagen hätt, ich glaub, du hättst mir eins auffibrennt auf’n Pelz, daß ich an Purzlbaum hätt machen können wie a Schneehas. Aber hast schon recht, daß a bißl scharf aufmerkst. Heut hab ich den Neunnägl wieder gspürt.“
Friedl hob den Kopf.
„Ja! Drüben wieder, am alten Fleck! Es waren bloß drei oder vier Trittspuren, aber ganz gnau hab ich’s gmerkt, daß er’s gwesen sein muß und kein andrer. Weißt was! Es ist noch Zeit bis auf d’ Nacht, machst halt den kleinen Umweg über der Modei ihr Hütten und fragst so nebenbei, ob ’s Madl kein’ gsehen hat. Vielleicht kannst ebbes erfahren.“
Friedl rückte den Hut in den Nacken und fuhr sich mit der Hand über die Stirne. „No ja, muß ich halt auffi und nachschauen! Da bleibt nix anders übrig.“ Er wandte sich an Benno. „Herr Dokter, jetzt müssen S’ Ihnen den Umweg gfallen lassen.“
„Macht nichts!“ Benno lachte. „Bei der Modei haben wir ein gutes Einkehren. Pfüet dich, Hies! Mach nur, daß du flink hinunterkommst. Drunten haben sie frisch angezapft.“
„Dös is recht! Da leg ich mich eini mit alle zwei Knie!“
Benno und Friedl stiegen weiter bergan. Hies stand noch, und während er den Schuhriemen, der sich gelockert hatte, fester band, hörte er Benno fragen: „Du, Friedl, wer ist denn der Neunnägel?“
Hies lachte vor sich hin. „Da wird er umsonst fragen, der Herr Dokter! Dös möcht ich auch schon lang wissen: wer der Neunnägel is!“ Nun folgte er dem Pfade bergabwärts und sang im Niedersteigen mit halblauter Stimme:
„Da drunten im Tal,
Wo d’ Isar tut gehn,
Da weiß ich a Häusl,
Im Garten tut’s stehn.
Und drin in dem Häusl,
Mein Eid, es is wahr,
Da haust a jungs Madl
Mit schwarzbraune Haar.
Und d’ Sonn, dö geht unter,
Und d’ Stern, dö gehn auf,
Da klopf ich ans Fensterl:
Liebs Herzl, mach auf!“
Zu was brauchst denn du dös viele Wasser?
„Zu was brauchst denn du dös viele Wasser? He! Punkl! Hörst heut schon wieder nix?“ rief auf der Grottenalm die Modei durch das kleine Hüttenfenster einer alten Sennerin zu, die am Brunnen stand und Wasser schöpfte. Mit der Schulter lehnte das junge Mädel am Fensterrahmen, während es sich mit der blauen, groben Leinenschürze die Hände trocknete. Es war eine schlanke, schmuck gewachsene Gestalt in ärmlicher, aber sauber gehaltener Kleidung; der dunkelbraune Rock reichte kaum handbreit über das Knie und ließ noch die grünen Wadenstrümpfe sehen; ein schwarzes Tuchleibchen umspannte die Brust; das Hemd von ungebleichter Leinwand reichte hoch an den Hals und ließ nur die Arme nackt. Das Gesicht hatte wenig Farbe; wie Schwermut lag es in den großen, dunklen Augen, und ein schmerzlicher Zug war um den Mund geschnitten; die Stirne war hoch, und darüber lagen, schwer und schwarz, drei durcheinandergewundene dicke Flechten.
„Punkl! Punkl!“ rief Modei wieder. „Hörst denn heut gar nix?“
„Ah, Modei, du bist’s!“ klang es von draußen mit einer heiseren Altstimme. „Machst schon bald Feierabend?“
„Ja! Geh, kehr a bißl zu, eh nach deiner Hütten auffisteigst!“
Ein tiefer, mehr drollig als schmerzhaft klingender Seufzer. „Heut hab ich wieder an schiechen Tag. Alls tut mir weh, der Kopf und der Buckl und d’ Füß und alls. Aber was ich sagen will –“ die Stimme kam näher, „weißt es schon? Der alte Veri, mit dem ich vor a zwanzg a dreißg Jahr schiergar a kleins Liebschaftl angfangt hätt, der is jetzt in der Monika ihrer Hütten droben als Hüter eingstanden. So viel hat er mir zugsetzt! Vor a zwanzg a dreißg Jahr. So viel zugsetzt. Aber net an einzigs Ruckerl hat mei’ Unschuld gmacht. Fest bin ich blieben. Fest wie an Eisenstangerl. Und jetzt kommt er als Hüter da auffi. Sag mir nur grad, was sagst jetzt du zu so einer Neuigkeit? Ja, ja, schau, so kommt man halt wieder zamm.“ Die Alte trat an das offene Fenster heran und reichte Modei die Hand.
Ein müdes Lächeln kräuselte die Lippen des Mädels. „No, da wirst dich aber gwiß recht freuen drüber! Ob man früher oder spater zammkommt – wann nur überhaupt amal –“
„Was?“ Punkl hob die hohle Hand hinter das linke Ohr. „Was hast gsagt?“
„Daß dich freuen wirst!“
„Heuen? Ah na, drunten sind s’ schon lang fertig mit’m Heuen.“ Die Alte verschwand vom Fenster und erschien auf der Türschwelle, eine kleine, komisch unförmliche Gestalt, weiblich nur in der oberen Hälfte, in der tieferen Halbscheid ein sonderbares Mannsbild. Die Röcke waren wulstig in die blauzwilchene Arbeitshose hineingestopft, so daß die Punkl um die Mitte herum aussah wie ein nach abwärts gerutschter Riesenkropf. Nach unten hin wurde sie in den trichterförmigen Hosenschäften immer mägerer. Fromm bekreuzigte sie das braune, von wunderlichen Fältchen durchschnittene Spitzmausgesicht. „Lieber, gnädiger Vater im Himmel droben, segne meinen Eingang!“
„Du? Punkl?“ sagte Modei, seltsam erregt. „Tut’s dich net reuen?“
„Wie? Wo? Wer?“ fragte die Alte flink, mit dem mißtrauischen Blick der Schwerhörigen.
„Ob’s dich net reuen tut?“ schrie ihr Modei ins Ohr.
„Reuen? Was?“
„Daß fest blieben bist? Vor a zwanzg a dreißg Jahr.“
Nachdenklich studierte die Alte und fing zu nicken an. „Ja ja, a bißl tut’s mich schon reuen, ja! Aber ’s Frieren hab ich halt net derlitten. Dös Luder, dös damische, is allweil bei der Nachtwachterei zu mir ans Fenster kommen, im Winter, weißt, wann’s a söllene Kälten ghabt hat, daß man scheppern hat müssen im Hemmed. Ah na, ah na! Da is mir ’s warme Bett allweil lieber gwesen. No ja, und spaternaus, wie’s a bißl gwarmelet hat, da hat sich gar kei’ Glegenheit nimmer geben.“ Ein meckerndes Lachen. „Jetzt daucht mir, ’s alte Sprüchl kunnt wahr sein: Nimmt er ihm nix, der Mensch, so hat er nix.“ Gähnend guckte die Alte in der Sennstube herum.
Modei war zum Herd getreten. Verloren sagte sie vor sich hin: „Und nimmst dir ebbes, so wird’s a Gwicht und du mußt tragen dran, bis d’ müd bist an Leib und Seel.“ Sie begann mit einer Sandbürste die hölzernen Milchgeschirre zu säubern, umfunkelt von der roten Abendsonne, die einen Strahl hereinwarf durch das kleine Fenster.
Die Stirn in Falten ziehend, guckte Punkl um sich her, als hätte sie ein geheimnisvolles Rätsel dieser Stube zu lösen. „Ich weiß net, wie dös kummt: bei dir in der Stuben schaut’s allweil nett und freundlich aus. Und bei mir droben in der Hütten is allweil a Saustall, daß eim grausen kunnt. Oft muß ich selber sagen: Pfui Teufel!“
Das schien die junge Sennerin nicht gehört zu haben. Zerstreut und müde redete sie bei rastloser Arbeit: „Heut is er hart gwesen, der Tag. Die Blässin, unser beste Kuh, is a bißl marod. Ich hab schon Botschaft abisagen lassen, daß der Doktermartl auffikommt. Und unser Geißbock, der Muckerl, muß sich verstiegen haben. Der Lenzl sucht ihn schon den dritten Tag. Allweil hat man a Sorg auf der Seel, bald mit eim Menschen und bald mit’m Viech. ’s Leben is hart.“
Wieder gähnte die Alte und trommelte mit der Hand auf ihren kreisrund geöffneten Schnabel. „Jetzt hab ich gmeint, bei dir gibt’s an Unterhaltung. Derzeit wurstelst du am Herd umanand und redst kein Wörtl!“
„Was?“ Modei mußte lachen, trat auf Punkl zu und rief ihr ins Ohr: „Ich hab ja die ganze Zeit allweil gredt!“
Verwundert sah die Alte drein. „Ah geh! Kein Wörtl net hab ich ghört. Es is mir bloß allweil so gwesen, wie wann a Brünndl rauscht.“
„Heut hast wieder an schlechten Tag mit die Ohrwascheln.“
Draußen ein schwerer Schritt. Friedl trat in die Stube. „Grüß Gott beinand! Is verlaubt, daß man zukehrt?“
„Nur eini, nur eini!“ kicherte Punkl. „Wo Weiberleut schnaufen, is a Jager a lieber Gast. Und gar a söllener, wie du einer bist.“ Sie hatte Friedl am Arm gefaßt und ihn mitten in die Stube gezogen; nun hob sie sich auf die Fußspitzen, um den kleinen Strauß frischgepflückter Almrosen betrachten zu können, den Friedl auf dem Hut stecken hatte. „Du! Den Buschen, den auf deim Hütl hast, den mußt der Sennerin schenken! Dös is Brauch auf der Alm.“
„Gern auch noch!“ Friedl nahm den Strauß vom Hut. „Da hast ihn, Modei!“
Die Alte schnitt ein langes Gesicht und brummte mißmutig: „No also! Alt sein heißt allweil: hint dran sein.“
Modei, ohne die Blumen zu nehmen, wandte sich zum Herd. „Ich dank dir schön für den guten Willen. Aber da heroben in der Einöd kunnt ich mit deim Sträußl kein’ Staat machen.“
„Wie? Was? Nimmst es ebba gar net?“ zeterte Punkl. „O du Schlauche du! Gelt, ja? An eim Buschen, den a Jager tragt, is allweil a bißl a Wildblut dran. Und ’s Blut hat a sintipadetische Kraft. ’s Blut, sagen s’, hat Einwirkung auf d’ Herzmuschkelatur. Gelt, tust Angst haben vor der Einwirkung?“
„Ah na!“ sagte Modei ruhig. „Vor so was fürcht ich mich net. Da is ebbes gut dafür. Gib her!“ Sie nahm die roten Blumen aus Friedls Hand und steckte sie an die Brust.
Mit schwermütigem Blick hing Friedl an der Gestalt des Mädels. Dann ging er schweigend zur Tür, wo er das Gewehr an einen Holznagel hängte und den Bergstock in die Ecke stellte. „Was is denn“, sprach er die Alte an, als er zum Herd zurückkehrte, „warum bist denn auf amal so stad? Was hat dir denn d’ Red verschlagen?“
„Was hast gsagt? Wen hab ich gschlagen?“
Friedl, ein Lachen erzwingend, ließ sich auf eine Bank nieder. „Hörst heut schon wieder nix? Mit dir is a Kreuz.“
„Kein Wunder, wann eim’s Kreuz weh tut. A Sennerin hat a schlechte Liegerstatt. Dös schlagt sich aufs Kreuz. Jaaa! Aber allweil kann man von Glück sagen, solang man noch eins hat, a Kreuz. Sunst müßt der Mensch sei’ Schattenseiten in der Schling tragen.“
Wieder lachte Friedl und streckte die Beine. „Heut tut mir ’s Rasten gut!“
„Hast schon an weiten Weg gmacht?“ fragte Modei.
„Ah nah, grad a paar Stund bin ich auf die Füß.“
„Dank schön“, fiel Punkl ein, „mit meine Füß geht’s gottlob noch allweil gut!“
„Aber mit’m Ghör“, schrie Friedl, „gelt, da laßt’s a bißl aus!“
„Ah bewahr! Hören tu ich ganz gut, aber halt bloß auf einer Seit. Auf der anderen muß mir ebbes zugwachsen sein!“
„Da bist net amal schlecht dran! Wann man dir zu eim Ohr ebbes einischreit, kann’s zum andern nimmer aussi.“
Modei war hinter der niederen Kammertür verschwunden; nun kam sie mit einer Schüssel voll Milch und reichte sie dem Jäger. „Mußt halt verliebnehmen mit dem, was ich hab!“
Mit bitterem Lächeln hob er das Gesicht zu ihr. „Ich bin keiner von die Ungnügsamen.“ Er sah in ihre Augen und erschrak. „Madl?“ fragte er in Sorge. „A bißl blasselen tust. Was hast denn?“
„Ich? Nix.“ Modei ging zum Herd und nahm die Arbeit wieder auf.
Lachend puffte Punkl den Jäger mit dem Ellbogen an die Schulter. „Wärst bei mir einkehrt, da hättst an Schmarren kriegt. Schwimmen hätt er müssen im Schmalz.“
„Daherinn gefallt’s mir auch bei der magern Milli.“ Friedl zog seinen Blechlöffel aus der Tasche und begann zu essen. „So a Hüttl! So ebbes Liebs und Saubers!“ Lachend sah er auf. „Is schon wahr, in dö alte Hütten bin ich ganz verliebt.“
Über das Gesicht der Alten huschte das Grinsen einer holden Freude. Verschämt begann sie mit der Schürze zu spielen. „Geh weiter! Jesses! Freilich ja, dreißg Jahrln wann ich jünger wär!“ Sie guckte an sich hinunter. „Und ausschauen tu ich, o mein, o mein!“ In dem Bestreben, etwas weiblicher zu erscheinen, streifte sie flink die blaue Zwilchhose hinunter und schüttelte die Röcke. „Ja, a fünfazwanzg, bloß a zwanzg Jahrln jünger! Und a gute Glegenheit! Da kunnt ich net einstehn dafür, ob ich festbleiben tät. Freilich, ’s Unschuldskranzerl is ebbes wert. Aber du gfallst mir! An Burschen, wie du einer bist, gibt’s kein’ zweiten nimmer. So viel gute Eigenschäften hast, daß ich vierazwanzg Finger haben müßt zum Aufzählen.“
Ein kurzes Lachen klang vom Herd herüber. „Geh, lob ihn net gar a so! Andere Buben sind auch noch ebbes wert!“
„Waaaas hast gsagt?“ fuhr die Alte wütend auf. „Ah na, so ebbes därfst fein von mir net glauben! A bißl alt bin ich freilich. Aber sittenbestrebsam bin ich leider Gottes noch allweil gwesen.“
„Drah dich um, Punkl!“ rief Friedl lachend. „Dösmal hast auf der falschen Seiten ghört!“
„Was hast gsagt? Ah na! So ebbes laß ich mir net gfallen!“
Friedl zog sie am Arm zu sich herunter und schrie ihr ins Ohr: „D’ Modei hat ’s Allerbeste gredt von dir. An Ausbund von aller Tugend hat s’ dich gheißen. Is schon wahr! Dir hat’s der Landrichter zuprotokolliert, daß d’ amal von sechs weiße Jungfern tragen wirst, wann d’ auffifluderst ins Himmelreich.“
Die Alte wurde dunkelrot vor Ärger. „So? So?“ schrie sie auf die junge Sennerin ein. „Freilich, wann du amal stirbst, da mußt dich z’erst für dein Kind um an Vatern umschauen. Damit ein’ hast, der dir’s letzte Hemmed zahlt!“ Sie fuhr zur Tür hinaus, und eine Weile noch klang ihre scheltende Stimme herein in die Stube.
Bleich, an allen Gliedern zitternd, lehnte Modei an der Herdwand. Und als das Schelten und Kreischen da draußen verhallte, schlug sie den Arm vor die Augen, und ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihre Brust.
Auch aus Friedls Gesicht wich alle Farbe, als er die Folgen seines harmlos gemeinten Spaßes erkannte. „Himmel Herrgott –“ knirschte er vor sich hin. Ratlos stellte er die Milchschüssel fort, ging auf Modei zu und versuchte ihr den Arm vom Gesicht zu ziehen. „Geh, tu dich net kränken, weil die narrische Nocken im Zorn ebbes Unguts daherplauscht hat! Schau, in eim Viertelstündl weiß dö alte Hex ja nimmer, was ihr übers Radl glaufen is.“
Ruhig befreite Modei ihren Arm. Dann sagte sie, schon wieder bei der Arbeit: „Was hast aber auch mit so einer unsinnigen Red daherkommen müssen!“
„Ich hab mir nix Unrechts denkt dabei.“ Friedl setzte sich wieder auf die Bank, hob die Milchschüssel auf die Knie, zog ein Stück Brot aus der Joppentasche und brach es in kleine Stücke, die er in die Milch warf und mit dem Löffel herausaß. Es schien ihm nicht zu schmecken. Und das Essen mußte für ihn eine harte Arbeit sein. Ein ums andre Mal fuhr er sich mit dem Ärmel über die Stirn. Dabei spähte er immer zu Modei hinüber, die zwischen Herd und Kammer hin und her ging, um die gespülten Milchgeschirre zu verwahren. Und plötzlich fragte er: „Wie geht’s denn deim Büberl?“
„Ich dank schön, gut!“
„Is a liebs Kindl! Wie ich ’s letztmal draußen war in Lenggries, hab ich’s gsehen. Gsund und rund wie an Apfel. Und ’s ganze Köpfl voll braune Schneckerln. Wie alt wird’s denn schon sein?“
„Auf d’ Fasnacht wird’s zwei Jahr.“
Friedl nickte. „D’ Almkinder kommen allweil um d’ Fasnacht rum auf d’ Welt. ’s Fruhjahr auf der Alm hat halt so ebbes. Da muß der Mensch nachgeben.“ Eine Weile schwieg er. „’s Büberl wird wohl gut aufghoben sein bei dö Leut, die’s in Pfleg haben?“
„Da muß ich glauben dran.“ Das war ein schwerer Seufzer. „Viel zahlen kann ich net. Vater und Mutter hab ich nimmer. Heimat hab ich auch keine. Bei der Arbeit auf der Alm kann ich ’s Kind net haben. Was will ich denn machen?“ Müder Kummer sprach aus ihren Augen, als sie nun schweigend stand und zum Fenster hinausblickte.
Friedl erhob sich. „Madl! Schau, mei’ Mutter hat drunt in Fall ihr kleins Häusl, in dem s’ allein umanandwurstelt. Viel Plag macht ihr dös bißl Hauswesen net. Und da hat s’ allweil Zeitlang. Wie wär’s, Modei, wann ihr dein Büberl in Pfleg geben tätst? D’ Mutter hätt a damische Freud damit.“
Schweratmend ließ Modei die Hände fallen und stand unbeweglich.
Mit zerdrückter Stimme sagte Friedl: „Was die Kösten anbelangt – mein, was braucht denn so a Schnaberl, so a kleins? D’ Mutter tät’s wegen der Freud. A Kindl is allweil ’s Liebste, was man haben kann. – Modei? Was meinst?“
Langsam hatte Modei das Gesicht gewandt und sah dem Jäger lang in die Augen. Ein leichtes Rot stieg ihr in die Wangen. Dann schüttelte sie den Kopf mit dem leisen Wort: „Ich dank dir schön!“
Er bettelte: „Geh, Modei, gib ihr’s!“
„Na, Friedl! Dös geht net.“
„Schau, gar so kurz sollst mich net anlassen! Daß ich dir’s gut mein’, dös weißt doch net erst seit gestern. Denk zruck an die alten Zeiten: wie ich zu dir als a kleiner Bub schon allweil –“
„Sei stad!“ fuhr Modei auf. „Es kommt wer!“ Bleich werdend, lauschte sie auf den Schritt, der sich der Hüttentür näherte.
„Dös is bloß der Herr Dokter, weißt, der junge Herr, der ’s letztmal dagwesen is mit mir. Ich hab ihm gsagt, er soll sich vom Almspitz d’ Aussicht anschaun. Hab denkt, er verhalt sich länger. Schad drum, daß er schon kommt!“
„Oder besser – wer weiß!“ flüsterte Modei.
Benno trat ein. Mit herzlichem Gruß drückte er Modeis Hand und floß über vom Lob der schönen Fernsicht, die er genossen hatte. Als er sich setzen wollte, mahnte Friedl zum Aufbruch, weil die Dunkelheit käme, ehe sie die Jagdhütte erreichen könnten. Benno hatte keine Lust zum Weiterwandern; es gefiel ihm in der Hütte. Er stellte Gewehr und Bergstock in die Ecke, warf den Rucksack ab, zog die Joppe aus und machte sich’s am Herd bequem.
„Wissen S’ was, Herr Dokter“, sagte Friedl, „bleiben S’ da über Nacht! Morgen in der Fruh hol ich Ihnen nacher ab. Wir haben von da aus a leichters Steigen zum Gamsberg auffi, und der Weg zur Jagdhütten und zruck is Ihnen verspart.“
Benno war einverstanden. „Modei? Willst du mich behalten?“
„Ja, schon, warum net? Zum Heustadl müssen S’ halt auffisteigen! Da haben S’ a ganz a guts Liegen droben. Herin in der Hütten können S’ net bleiben. Im Kreister is grad Platz für mich und mein’ Brudern.“ Sie deutete nach einer Brettertruhe, die in Mannshöhe vom Boden die ganze Breite der hinteren Stubenwand einnahm und quer durch die Mitte von einem bis an die Decke reichenden Verschlage abgeteilt war; die eine Hälfte, mit getrocknetem Berggras angefüllt, diente als Schlafstätte für Modeis Bruder; in der für die Sennerin bestimmten Hälfte war über das aufgeschüttete Heu ein grobes Leintuch gebreitet, und darüber lag noch ein bauschiges, blau überzogenes Kissen und eine wollene Decke. Unter dem Kreister, den drei plumpe, in den Lehmboden eingerammte Pfähle stützten, lag dürres Scheitholz aufgebeugt; die vorstehenden Scheite wurden beim Aufsteigen zum Bett als Trittsprossen benützt.
Benno betrachtete den Kreister; diese Brettertruhe kam ihm vor wie ein an die Wand genagelter Sarg, den der Herr der Gräber seinem Zwillingsbruder, dem Schlaf, zur Benutzung überlassen hatte. Nein! Lieber ins Heu!
An den Kohlen, die auf dem Herde glühten, steckte er einen Holzspan in Brand und zündete sich eine Zigarre an. Dann trat er hinaus ins Freie.
„Soll ich dem Herrn noch ebbes kochen?“ wandte sich Modei an Friedl.
„Ah na! Für’n Abend hat er schon selber ebbes im Rucksack. Aber morgen in der Fruh kunnt ihm ebbes Warms net schaden.“
Friedl hatte noch nicht ausgesprochen, da schrie im Freien draußen eine zerbrochene Stimme: „Modei, Modei, ich hab ihn gfunden!“ Hastig schlorpende Tritte näherten sich der Hütte, und in der Tür erschien ein weißhaariger Mensch: Lenzl, der Bruder Modeis. Ein zerrissener Strohhut, dicht besteckt mit Alpenblumen, bedeckte den Kopf und überschattete das von einem struppigen Weißbart umrahmte Gesicht. Eine verwetzte Lederhose umhüllte die mageren Beine bis zu den Knöcheln, um Brust und Arme hing in Falten ein grobes Hemd, und darüber trug der Alte eine kurze Jacke, die weder Knöpfe noch Ärmel hatte. Keuchend lallte er auf der Schwelle: „Ich hab ihn gfunden!“ Dann preßte er die Fäuste auf die arbeitende Brust.
„Is wahr?“ rief Modei in Freude.
„Ja! Ja!“
„Wen hast gfunden?“ fragte der Jäger.
Lenzl blickte auf. „Jeh, du bist da!“ Er legte die Hände auf Friedls Schultern. „Ich freu mich jedsmal, sooft als kommst. Bist a guter Mensch, und ich hab dich gern.“
Friedl zog den Alten an sich. „Und mir geht’s grad so mit dir! Hab allweil mei’ Freud, wann ich a Stündl plauschen kann mit dir.“
„Ich weiß schon, ja!“ murmelte Lenzl und sah mit irrendem Blick an Friedl vorüber. „Völlig anders bist als wie die anderen, die allweil spötteln und ihren Narren haben mit mir. Aber wart nur –“ Der Alte schien sich in ein anderes Geschöpf zu verwandeln. Das Gesicht erstarrte, die Augen erweiterten sich, und seine Stimme, die tief geklungen hatte, bekam einen hohen, fast knabenhaften Klang. „Es gibt an Zahltag, wie’s an Gott im Himmel gibt. Der hockt da droben und paßt, bis ’s richtige Stündl schlagt! Nacher – nacher –“ In wortlosem Brüten sank ihm der Kopf auf die Brust. Dann sah er verwundert auf, strich langsam mit dem Daumen über die Augenbrauen, war der gleiche wie früher, hatte wieder die tiefklingende Stimme und rief seiner Schwester lachend zu: „Weißt, wo ich ihn gfunden hab?“
„Wen denn?“ fragte der Jäger.
„Den Muckerl, unsern Geißbock! Zwei Tag is er uns abgangen, und d’ Modei hat sich schier d’ Augen ausgweint. Drum bin ich heut den ganzen Tag umanandgstiegen. A Stündl kann’s her sein, daß ich ihn gfunden hab, droben im Luderergwänd, auf eim Steinspitzl, wo er sich nimmer rühren hat können, der arme Teufel!“
Modei war näher getreten und sah nun erst, daß Lenzls Ärmel zerrissen und die Hose an Hüfte und Schenkel zerschunden war. „Jesus, wie schaust denn aus!“
„Wie ich den Muckerl aussitragen hab, da hat’s a kleine Schlittenfahrt geben. Macht nix, macht nix! Ich stirb net im Gwänd.“ Wieder verwandelte sich sein Gesicht, seine Stimme. „Für mich gibt’s kein Sterben. Ich muß warten bis zum Jüngsten Tag. Wann nacher mein Lisei aufsteht aus’m Grab, nacher wird Hochzet gmacht, juhu!“ Lenzl schnalzte mit den Fingern und bewegte die Arme wie zum Tanz. Dann hatte er die Augen eines Erwachenden, warf den blumenbesteckten Hut auf die Bank, und während er zum Herd ging, strich er mit zitternden Händen die langen, weißen Haare glatt, die ihm bis auf die Schultern hingen.
Modei setzte sich an seine Seite, und während sie ihn liebkoste gleich einem Kind, fragte sie in Sorge: „Tut dir auch gewiß nix weh? Hast dich net aufgrissen an eim Felsen oder an die Latschen?“
„Na, Modei, gwiß net! So a kleins Rutscherl is lustig. Dös tut eim nix.“ Er schloß die Augen und lehnte den Kopf an die Brust der Schwester. Still war’s in der Hütte. In Lenzls tiefe, wohlige Atemzüge mischte sich nur das leise Knistern der auf dem Herde glimmenden Kohlen, und von draußen klang das Läuten der Schellen und das Gemurmel des Brunnens.
Friedl saß auf der Bank. Er hatte die Pfeife angezündet und blies den Rauch vor sich hin. Die blauen Fäden schlangen sich in den roten Sonnenglanz, der durch Tür und Fenster hereinfiel in das Halbdunkel der Hütte. Da sagte Lenzl mit der hohen Knabenstimme: „Grad so, wie d’ Schwester, hat mein Lisei allweil schmeicheln können.“ Ein schrilles Lachen. „Wie, Jager? Kann’s ebba dein Schatz auch so gut?“
„Schatz? Ich hab kein’!“ sagte Friedl ruhig und griff nach Lenzls Hut, um die aufgesteckten Blumen zu betrachten.
„Gelt! Schöne Blümeln!“ kicherte Lenzl und richtete sich auf. „So a Blümel is ebbes Liebs! Und a jeds verzählt, wieviel der Herrgott kann! Dö saubern Farben, dö s’ haben! So rot und so frisch wie ’s Almröserl, so rot und so frisch war meim Lisei sein Göscherl! Und Äugerln hat s’ ghabt, so samtbraun wie’s Gamsrogerl. Und so fein und so schlingig wie d’ Fäden von der Steinrauten sind ihre Haar gwesen. Aber auf der Welt, da gibt’s kein Blüml, dös so falsch sein kunnt, als wie mein Lisei war!“ Mit zitternden Händen zerknüllte Lenzl den Hut, riß die Blumen aus dem Band, zerrupfte die Blüten, warf sie zur Erde und trat sie mit Füßen. „Weißt, Jager, da is amal a Sonntag gwesen. Und beim Wirt, da haben s’ a Musi ghabt. Und ich kein’ lucketen Kreuzer im Sack. Drum is mein Lisei mit’m Grubertoni tanzen gangen. Und gsungen haben s’ und gjuchezt. Und tanzt haben s’ allweil –“ Lenzl klatschte in die Hände und stampfte im Tanztakt mit den Füßen. „Grad zittert hat alles. Und auf amal, da kracht’s. Und der ganze Tanzboden bricht ein. Und sechs junge Leut hat’s derschlagen. Und den Grubertoni!“ Ein gellendes Lachen. Weiß traten dem Alten die Augen aus den Höhlen. „Alle hat’s derschlagen – den Grubertoni – und ’s Lisei –“ Das Lachen verstummte. Nun ein leises, klagendes Weinen.
Da klang von ferne der langgezogene Juhschrei einer Sennerin. Lenzl fuhr lauschend auf. „’s Lisei kommt!“ Er sprang zur Tür und taumelte ins Freie. „Lisei! Lisei!“ hörte man ihn schreien. Dann wieder sein Wimmern: „A Narr – ich bin a Narr, a verruckter – alle hat’s derschlagen –“
Schweigend saß Modei auf dem Herd, das Gesicht in die Hände gedrückt. Friedl nagte stumm an der kalt gewordenen Pfeife, bis ein Geräusch ihn aufblicken machte. Benno stand bei der Tür und winkte ihm. Der Jäger stand auf. Als er vor die Tür trat, faßte ihn Benno am Arm und zog ihn zu einem Grashang, von dem man hinuntersah nach Fall und in das weite, von den Schatten des Abends umflossene Tal.
Durch das Fenster hatte Benno das Gebaren des Alten mit angesehen und wollte wissen, was die Worte des Irrsinnigen zu bedeuten hätten.
Friedl seufzte. „Man kann net sagen, daß er verruckt wär. Und kann net sagen, daß bei ihm unterm Hirnkastl alles in Ordnung is. Die meiste Zeit is er ganz beinand, und da redt er gscheider als mancher andre. Aber diemal kommt’s halt so über ihn. Verargen kann man’s ihm net, dem armen Teufel! Was der schon durchgmacht hat im Leben! Über die zwanzg Jahr mag’s her sein – d’ Modei war selbigsmal noch a Kindl und der Lenzl a Bursch in die besten Jahr –“
„Ist das möglich?“ unterbrach ihn Benno. „Ich hätte den Alten auf Siebzig und darüber geschätzt.“
„So schaut er aus. Und is noch net amal in die Fufzg. Und selbigsmal is dem Lenzl sein Haus niederbrennt. ’s ganze Anwesen und ’s Vieh, alles war hin. Und Vater und Mutter sind ihm verbronnen. ’s kleine Modei hat a Bauer in Pfleg gnommen, der keine Kinder ghabt hat. Dös wär a guts Platzl gwesen, wann net der Bauer a bißl gar z’fruh gstorben wär. Wie d’ Verwandten den Hof übernommen haben, war’s für d’ Modei aus mit der guten Zeit. Kaum fufzehn Jahr war s’ alt und hat sich als Hütermadl verdingen müssen. Herr, dös is a sauers Brot. No, wenigstens hat s’ nacher keine Schläg und schiechen Reden mehr leiden müssen. Und den Bruder hat s’ bei ihr haben können und hat den Burgermeister net allweil jammern hören, was der Lenzl der Gmeind für Unkösten macht. Wissen S’, der Lenzl is selbigsmal nach der Brandnacht in a schwere Krankheit verfallen. Ich weiß net, wie s’ der Dokter gheißen hat. Lang hat’s dauert. Z’erst is der Lenzl bei meim Vater im Haus glegen. Aber wie’s allweil ärger worden is, hat er nach Tölz ins Krankenhaus müssen. Wie er aufgstanden is, hat er ganz weiße Haar ghabt. Und alls, was früher gwesen is, war ihm aussigfallen aus’m Köpfl. Erst nach und nach is ihm diemal wieder ebbes eingfallen.“
Friedl klopfte an einem Stein die erloschene Pfeife aus und steckte sie in die Joppentasche.
„In die ersten Jahr hat’s mit’m Lenzl so ausgschaut, als ob’s aus und gar wär mit seim bißl Verstand. Und wie ihm ’s Köpfl halb wieder licht war, is dös ander Elend kommen. Sie wissen ja, wie d’ Leut oft sind – schlechter als schlecht oder dümmer als dumm. Die Burschen und Madln haben allweil ihren unguten Gspaß mit’m Lenzl trieben und haben ihn zum Narren ghalten. Am ärgsten hat’s dem Rudhammer sein Madl mit ihm gmacht. Dö hat Lisei gheißen und war der Schatz vom Grubertoni. ’s Madl is sauber gwesen, aber boshäftig wie drei Katzen. Sooft d’ Lisei den Lenzl gsehen hat, hat s’ ihre Dummheiten mit ihm trieben und hat ihm fürplauscht, wie arg er ihr gfallen tät. Und schön hat s’ ihm tan, wie wann er richtig ihr Gspusi wär. Daß dem Lenzl dös gfallen hat, können S’ Ihnen denken! So ebbes glaubt man leicht.“
Die ernsten Augen des Jägers glitten hinüber zu Modeis Hütte.
„Alls hat der Lenzl für Ernst gnommen und hat von der Lisei gredt und träumt bei Tag und Nacht. Die andern haben ihn aufzogen und gspöttelt. Und d’ Lisei selber am allerärgsten. Unser Herrgott hat s’ aber auch gstraft dafür. Amal, wie Kirta war und Musi beim Wirt, da is d’ Lisei mit’m Grubertoni zum Tanz gangen. Dös hat er gmerkt, der Lenzl. Auf der Straßen vor’m Wirtshaus hat er s’ gstellt. Da hat ihn d’ Lisei an Narren gheißen, an verruckten Deppen, und hat ihm ins Gsicht gspieben. Und der Grubertoni hat ihn packt und hat den krankhaften Menschen so verdroschen, daß der Lenzl schier liegenblieben is am Platz. Wie für die andern zwei dö Lustbarkeit ausgfallen is, dös haben S’ ja grad vom Lenzl selber ghört. Wort für Wort is alles wahr!“
„Armer Kerl! Schau, da drüben steht er!“ flüsterte Benno und deutete nach einer Felsplatte, die frei hinausragte über den waldigen Hang. Regungslos stand der Alte da drüben. Im ziehenden Bergwind flatterten seine langen weißen Haare und die Fetzen des zerrissenen Ärmels.
Friedl blickte sinnend hinunter ins dunkel gewordene Tal und sagte langsam: „A bißl hart zum verstehn is so a Herrgottsstraf. A Menschenunsinn, dümmer als boshaft! Und deswegen gleich auf’m Tanzboden sechs junge Leut derschlagen und vier Unschuldige mit einireißen? Wann einer weiß, wie gut unser Herrgott is, möcht man gar net glauben, wie grob als er sein kann.“
„Der Herrgott?“ Benno lächelte. „Ob man das nicht dem Maurer und Zimmermeister auf die Rechnung schreiben muß? Hoffentlich ist das Dach, unter dem ich jetzt schlafen will, besser gebaut als der gottssträfliche Tanzboden von Lenggries.“
Als Friedl vom Heustadl zurückkehrte
Als Friedl vom Heustadl zurückkehrte, in dem er Benno untergebracht hatte, und wieder zu Modei in die Hütte trat, war’s in der niederen Stube schon dunkel geworden. Das Mädel hatte die Bank ans Fenster gezogen, durch das die letzte Helle des Abends hereinfiel, und war damit beschäftigt, in einem Holzgeschirr die kleinen Flanelltücher zu waschen, die zum Läutern der frischgemolkenen Milch dienen.
„Bist noch allweil bei der Arbeit?“ fragte Friedl. „Siehst ja nix mehr.“
„Grad tut’s es noch.“
„Wann amal gstorben bist, ich glaub, da muß man deine fleißigen Händ extra totschlagen, damit s’ endlich amal zur Ruh kommen.“
„Es is net so arg.“
„Dein Almbauer hat’s neulich selber gsagt: wie er seim Herrgott net gnug danken kunnt, daß er dich zur Sennerin hat. Schaffen und arbeiten tätst für zwei.“
„Wird wohl so sein müssen, weil daheroben auch zwei vom Bauern seim Sach essen. Und wann auf der Alm net die richtig Freud zur Arbeit hast von Fruh bis auf d’ Nacht, nacher bringt dich d’ Langweil um.“
„Zeitweis spricht doch a Bauer oder an Almer zu. Oder a Bursch?“
Modei schüttelte den Kopf. „Ich kann schon gar nimmer denken, daß wer heroben gwesen is. Du halt! Und der Hies.“
In scheinbarer Ruhe guckte Friedl zum Fenster hinaus. „Grad heut, hätt ich gmeint, wär einer dagwesen. Drunt am Steig hab ich frische Trittspuren gmerkt. Hab mir halt denkt, es war dein Bauer.“
„Ah na! Bei mir is kei’ Menschenseel net gwesen. Und ich will dir’s frei raus sagen: froh bin ich, wann niemand auffikommt zu mir. Wann eins so dran is wie ich, muß man allweil ebbes hören, was eim weh tut.“
„So a schiechs Wörtl muß man halt abischlucken und nachher fest zuhalten, daß ’s nimmer in d’ Höh kann.“
Modei seufzte. „Du tust dir bei so was leichter, weil kei’ stille Arbeit net hast, wo allweil sinnieren mußt, und wo so a harts Wörtl Zeit hat zum Drucken und Nachwurmen. Du steigst umanand im Wald, allbot siehst ebbes anders, und allweil ebbes Schöns, dös gar kein’ schwarzen Gedanken aufkommen laßt. Ich sag’s, a Jager hat a nobels Leben!“
„Ah ja – wann d’ Lumpen net wären!“ Ein harter Zug senkte sich in die Stirn des Jägers. „Kei’ Stündl bist sicher, daß dir net einer a Kügerl auffibrennt auf’n Buckel, so a Spitzbub, so a verfluchter!“
„Schimpfst halt, weil a Jager bist! A jeds Gschäft hat sein’ neidischen Unverstand. Der Schmied schimpft auf’n Schlosser und der Pfarr auf die Luthrischen. Deswegen kann a Wildschütz a ganz an ehrenhafter Bursch sein, der halt ’s Jagern net lassen kann, weil er d’ Leidenschäftlichkeit im Blut hat. Und weil’s ihm in die Finger juckt, wann er an Wald sieht und an Berg anschaut.“
Langsam hatte Friedl den Kopf gehoben und blickte forschend in Modeis erregtes Gesicht. „Du? Was für ein’ meinst denn du?“
Jähe Röte flog über die Wangen des Mädels. „Kein’ Bsondern. Ich hab mir’s halt grad so denkt.“
„So? Aber ich sag dir: net wahr is, daß ’s an söllenen Burschen gibt. So einer möcht weidgrecht jagern und net niederschießen, was Haar am Leib hat. Freilich, ich weiß, wie d’ Leut oft reden. Daheim hab ich a Büchl, so a dumms. Da stehen söllene Gschichten drinn von die heiligen Wilderer. Und allweil is a schlechter Jager dabei, so einer, wie s’ der Teufel braucht ins unterste Schubladl. Der miserablige Kerl von eim Jager schießt von hinterrucks den heiligen Wildschützen abi über d’ Wand. Hunderttausend Fuß fallt er über d’ Felsen in die grausige Tief und bleibt am Leben, bis ihn sein treus Daxhundl findt und auffitragt im Maul, gradhin vor d’ Sennhütten von seim gottsfürchtigen Madl. Dö pflegt ihn nacher. Und wann er gsund is, macht ihn der König zum Förstner und gibt ihm a Gnadenzulag. Den Jager holt der Teufel. Ja, ja! So steht’s drin. Derlebt hab ich’s noch nie. D’ Wahrheit is anders. Einer, der’s im Blut hat, findt allweil sein’ richtigen Posten als Jager. Aber da heißt’s, eiserne Knochen haben. Wer kein Richtiger is, der plagt sich net gern. Und jede Wochen amal a Gamsgeiß stehlen, dös is allweil noch leichter, als sechs Tag lang in der Werkstatt schwitzen. Und gar so a nixnutziger Bauernbursch! Der wildert am Werktag, daß er am Sonntag mehr Geld hat zum Verspielen und Versaufen. Und gwildert, meint er, is allweil nobliger als gradweg gstohlen. So a Tropf, so an eiskalter!“
Modei war auf einen Stuhl gestiegen, um die Milchtücher zum Trocknen über die Herdstangen zu hängen. Eben wollte sie die Arme heben, ließ sie aber wieder sinken und wandte das Gesicht: „Du? Wen meinst denn du jetzt?“
„Ein’, den ich öfters spüren muß, als mir lieb is. Den wann ich amal derwisch, dem gnad unser Herrgott! So an Haderlumpen gibt’s kein’ zweiten nimmer. Ich und der ander Jagdgehilf, wir heißen ihn allweil den Neunnägel.“
Die Milchtücher hingen über den Stangen, und Modei trat vom Stuhl herunter. „A gspassiger Nam!“
„Der kommt von seiner Fährten. Jeder von seine Schuh is in der Mitten mit neun Nägel bschlagen. Wo dö Fährten hinführt, möcht’s eim grausen! Alles bringt er um, jahrige Gamskitzeln, Rehgeißen, Hirschkälber. Und an neumodischen Hinterlader hat er, daß er sich beim Stehlen leichter tut. Fünf abgschossene Patronen hab ich schon gfunden.“
„Gelt, mit so eim Hinterlader schießt man gschwinder?“ fragte Modei, während sie mit der abgebundenen Schürze die Wasserflecken von der Bank wischte.
„No freilich“, lachte Friedl, „weil man halt gschwinder laden kann! Jetzt hab ich mir auch so an Leffoschee kaufen müssen, daß ich als Jager net schlechter dran bin als wie der Lump.“ Er nahm sein Gewehr vom Haken, hielt es dem Mädel hin und zog den Verschlußhebel auf, so daß der Lauf sich öffnete. „Schau, da mußt grad so a Druckerl machen. Nacher kannst die verschossene Patron aussiziehen und die ander dafür einischieben.“
Modei war näher getreten und beugte aufmerksam das Gesicht. Als Friedl den Lauf wieder einschnappen ließ, erschrak sie ein bißchen. „Geh, fuchtl net so umanand mit’m Gwehr! Wann ebbes passiert!“
„Ah na! Was ich in der Hand hab, macht kein’ Schaden. Da geht schon ehnder dein Millikübel los, als mir mei’ Büchs!“ Friedl ging zur Tür, um das Gewehr wieder an den Holznagel zu hängen. Da sprang der Lenzl in die Stube und tuschelte aufgeregt der Schwester was ins Ohr.
„Is wahr?“ fuhr Modei auf. „Hast ihn du –“ Sie verstummte, die Augen auf Friedl gerichtet, der neben der Tür stand. Lenzl flüsterte immer weiter. „Sei stad!“ raunte ihm die Schwester zu und umklammerte mit zitternden Händen seinen Arm. Wär’ es nicht so dunkel gewesen in der Hüttenstube, so hätte sie sehen müssen, wie bleich der Jäger geworden war. Ein bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund, als er das Gewehr über die Schulter warf. Dann griff er nach dem Bergstock. Seine Stimme klang rauh: „Pfüe Gott, Sennerin!“
„Was is denn?“ stammelte Modei. „Warum willst denn auf amal so gschwind davon?“
„Finster wird’s!“ klang Friedls Antwort von der Tür. „Ich hab noch an weiten Weg bis ins Pirschhäusl.“
Mühsam rang das Mädel nach einem Wort. „Gelt, gib fein acht – kunntst leicht fehltreten bei der Finstern.“
Mit erzwungenem Lachen sagte der Jäger: „Da brauchst dich net sorgen! Ich schau fest hin auf’n Weg, kein’ Blick nach rechts oder links – verstehst?“ Das war wunderlich betont. „Und somit gut Nacht!“
Modei brachte keinen Gruß heraus. Und plötzlich huschte Lenzl dem Jäger nach, drängte sich an seine Schulter und flüsterte: „Du! Ich kunnt dir an Wildschützen verraten!“
Forschend spähte Friedl in das Gesicht des Alten, der mit lauerndem Blick an seinen Augen hing. „Ich dank dir schön! Dös braucht’s net.“ Er drückte Lenzls Hand und schritt hinaus in die Nacht.
Noch waren Friedls Schritte nicht verklungen, als Modei in Zorn und Sorge auf ihren Bruder zusprang. „Lenzl? Was hast du dem Friedl gsagt?“
Unwillig riß der Alte seinen Arm aus Modeis Händen. Seine Stimme klang gereizt: „Was ich ihm gsagt hab? Daß er mir besser gfallt als der ander!“ Er spähte hinaus in die Nacht. Es war schon zu dunkel, als daß er Friedls Gestalt noch hätte unterscheiden können. Die Tritte des Jägers klangen noch vom Steig herüber, wenn auch kaum vernehmbar. Als sie ganz verhallten, tat Lenzl einen kurzen Pfiff, trat zurück in die Stube und ging zum Herd, an Modei vorüber, die auf der Bank saß, mit den zitternden Händen im Schoß.
Auf dem Herd blies Lenzl die Asche von den Kohlen, legte kurze Späne über die glimmenden Reste und fächelte mit einem Rabenflügel Luft in die Glut. Knisternd züngelte ein Flämmchen auf, an dem der Alte eine Kienfackel entzündete. Als sie brannte, steckte er sie in den eisernen Ring, der neben dem Herd in der Holzwand befestigt war.