Reise zur
deutschen Front
1915
von
Ludwig
Ganghofer
1915
Verlag Ullstein & Co Berlin / Wien
150. bis 200. Tausend
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.
Amerikanisches Copyright 1915 by Ullstein & Co, Berlin.
1.
12. Januar 1915.
Ich soll das Gesicht dieser großen Zeit mit eigenen Augen sehen. Die Erwartung brennt in mir wie ein Höhenfeuer.
Gleich am ersten Abend der Reise, in Frankfurt, faßt mich ein starker Eindruck. Hier sieht der mächtige Bahnhof aus wie eine Festungshalle. Ein von Westen kommender Zug schüttet ein paar hundert Offiziere und Mannschaften aus. Meist sind es Leichtverwundete. Ein junger, bildhübscher Offizier, den geschienten, dick verbundenen Arm in der Schlinge, den Waffenrock umgehängt, macht sich vor dem Zug ein bißchen Bewegung und raucht dazu mit Behagen seine Zigarette. Ein Schwerverwundeter wird auf einem Wägelchen rasch vorübergefahren. Ich sehe ein abgezehrtes Leidensgesicht mit sehnsuchtsvollen Augen. Das Gezitter und Gewackel des Wägelchens, auf dem der Brave an mir vorbeigefahren wird, scheint ihm schwere Schmerzen zu verursachen. Ich höre sein leises, ein bißchen unwilliges »Ach!«. Dann dreht er langsam das Gesicht auf die andere Seite und schließt die Augen. Das Wägelchen verschwindet im Gewühl der Feldgrauen. Sehr viele von ihnen, Offiziere und Mannschaften, tragen das Eiserne Kreuz. Alle tragen es mit sichtlichem Stolz, jeder scheint sich still innerlich zu freuen, wenn es gesehen wird und einen dankbaren Blick erweckt. Ja! Dankbar müssen wir jedem sein, der dieses Zeichen der deutschen Ehre trägt. Und daß wir der Ausgezeichneten so viele sehen, das muß uns freudig stimmen, muß uns Vertrauen und Ruhe geben. Ein Heer von Helden! Wer, außer Gott, könnte uns besser schützen?
Neben den Verwundeten sind viele, die nur heimkehren, um irgendeinen militärischen Auftrag auszuführen. Ihr Auftreten ist ernst und würdig, ihr Schritt rasch und beschwingt. Überaus wohltuend ist die Fürsorge, die man diese Offiziere den Mannschaften erweisen sieht. Wenn da ein Soldat steht, der etwas ratlos herumsieht und nicht weiß, was er beginnen soll, ist gleich ein Offizier bei ihm und fragt: »Was ist mit Ihnen, woher kommen Sie, wohin wollen Sie, haben Sie einen guten Platz?« Jedes Anliegen findet Hilfe. Ich sehe einen Offizier, der den Arm um einen blassen, müd und schwerfällig vorwärts tappenden Soldaten geschlungen hält und den Schaffner des Schlafwagens anruft: »Haben Sie noch Platz? Der Mann muß ein Bett haben.« Die Antwort: »Alles besetzt!« Und der Offizier sagt: »Dann geben Sie dem Mann mein Bett, er muß liegen, muß schlafen können, ich komme schon irgendwo unter.« —
Früh, vor Tageserwachen, geht die Reise weiter. Ich bin der einzige Zivilist in dieser endlos scheinenden Wagenkette. Das zu wissen, ist unerquicklich. Die Zeit ist so, daß man als Nicht-Soldat immer in Versuchung gerät, sich seines bürgerlichen Rockes zu schämen. Außer mir und vielen hundert Soldaten ist nur noch ein junges Mädel im Zuge. Wahrhaftig, ich bin in großer Sorge um ihr Schicksal. Sie selbst ist vergnügt und plaudert lebhaft. Ihr Kupee ist überfüllt, und ein halbes Dutzend der Feldgrauen steht noch lachend um die Türe herum. Das mindert die Gefahr.
Der Morgen beginnt zu grauen, während der Zug aus der mächtigen Frankfurter Bahnhofshalle hinausrollt. Gleich vielen großen Morgensternen hängen die hochmastigen Streckenlampen in der stahlblauen Luft. Die Häuser gleiten vorüber, mit Hunderten von erleuchteten Fenstern. Am Morgen hat ein erleuchtetes Fenster etwas Widersinniges; bei seinem Anblick hat man unwillkürlich das Gefühl: es ist nicht Morgen, es will Abend werden. Mir rinnt es bei diesem Gedanken heiß durch Seele und Knochen. Nein! In Deutschland geht es nicht einem Abend und nicht der Nacht entgegen; ein Morgen wird kommen, schöner als jeder Morgen, den das deutsche Volk noch jemals erlebte.
Ein Dröhnen und Rauschen. Der Zug gleitet über die eiserne Brücke, und gleich einem wundervollen Silberband, das die Ferne mit der Nähe verknüpft, so glänzt der Mainstrom ins erwachende Land hinaus.
Immer wieder übersetzt der Zug eine Straße und immer seh' ich das gleiche Bild: bei den Schlagbäumen stehen lange Züge von Soldaten, die auf ihrem Wege zum Exerzierplatz einige Minuten aufgehalten sind. Millionenheere stehen draußen im Kampfe, und noch immer wimmelt die ganze Heimat von Feldgrauen. Überall Soldaten, Soldaten, Soldaten! Und jeder von ihnen hat ein gesundes deutsches Herz und zwei kraftvolle Fäuste, jeder von ihnen ist ein Vertrauender, ein Lachender! — Deutschland! Nur die Törichten und Engherzigen können in Sorge geraten um deine Zukunft.
Heller und heller wird der Morgen. Kleine Städte mit lieblichen Silhouetten huschen vorüber und Dörfer, in denen schon die Arbeit des Tages beginnt. Von außen klingt keine Stimme herein in den rauschenden Zug; aber man sieht eine ruhige Heiterkeit in allen Gesichtern.
Gut gepflegte Wälder wechseln mit sauber abgeernteten Fluren, auf denen der milde Winter das Grün schon daumenhoch wachsen ließ. Dann wieder die braunen Spitzdächer zwischen großen Obstgärten, in denen die regelmäßigen Reihen der Apfelbäume mit den kalkweiß angestrichenen Stämmen aussehen wie Nymphenburger Tafelaufsätze.
In der Nähe und in der Ferne mehren sich die hoch emporgestreckten Schornsteine der Industriestätten. So viele sind es, daß man glauben könnte, Gott hätte soeben durch diesen erwachenden Morgen vom Himmel herunter gerufen: »Fleißiges Volk der Deutschen, wo bist du?« Und unzählige riesige Steinfinger fuhren in die Höhe: »Da bin ich!«
Unter dunstigen Schleiern schwingen sich drei mächtige Bogen über blaue Lufträume hinüber: eine Rheinbrücke!
Rhein!
Tausend deutsche Lieder klingen aus diesem Worte, tausend Bilder der Vergangenheit tauchen herauf aus der schimmernden Tiefe dieser einen Silbe. Von allen Zukunftsbildern, die sich mit dem Rhein verweben, seh' ich nur immer dieses Eine mit dem ewigen Eigenschaftsworte: Deutsch!
Der Morgen ist klar geworden, mit einem weißen Himmel, aus dem wie ein winkender Feuerfinger das Mondviertel herausbrennt. Mit hell erwachenden Farben wellt sich die Umgebung von Mainz in die Ferne, eine reizende, liebenswürdig gegliederte Landschaft.
Jetzt fahr' ich über die drei hohen Eisenbogen, die ich vor einer Weile gesehen. Wie eine wohlhabende und ordnungsliebende Hausfrau vor einem befreundeten Gast ihre Laden und Truhen öffnet, so kramt eine große, fleißige deutsche Stadt ihre Straßen, Gassen und Häuserfluchten vor mir aus.
Der Zug taucht in den langen Tunnel hinein, der die alten Festungswerke durchschneidet. Die Finsternis endet, strahlendes Licht, wieder das weite Städtebild und in den Straßen die Menschen, von denen noch keiner einen Geißelschlag des tobenden Krieges zu fühlen bekam. Jeder fühlte nur den Segen der friedlichen Ruhe im Herzen des Deutschen Reiches.
Nebel kämpfen, langgestreckte Wolkenzüge umwürgen die Weinberge und die Waldhöhen, und unter den Dunstfahnen des Himmels mischen sich die langen, braunen Rauchwimpel der Fabrikskamine.
Jetzt ein entzückendes Bild! Die über weite Flurstrecken hinreichenden Krautgärten der Mainzer Vorstadt sind überflattert von einem weißen Möwengewimmel. Dahinter glänzt die lange Silberborte des Rheines mit gleitenden Schiffen in allen Farben.
Ein kleines friedliches Dorf. Viele Frauen und Kinder. Alle lachen und rufen, alle winken mit weißen Tüchern — aus den Fenstern meines Zuges gucken wohl viele, viele Soldatengesichter heraus? Immer aufs neue wiederholt sich dieses Bild der grüßenden Frauen, Mädchen und Kinder, das Bild dieser weißen Flattergrüße. Mir gelten sie nicht. Ich bin ein Überflüssiger, ein Nutzloser, ein Altgewordener ohne Waffe in der Faust!
Nun fliegt an mir ein seltsames Bild vorüber, dessen Symbolik mich tief ergreift: Ein großes umzäuntes Flurgeviert, durchsetzt mit regelmäßigen Reihen kleiner, weiß bemalter Kreuze. Ein Friedhof? Eine Gräberstätte? Ein Garten des Todes? Nein! Es ist ein junger deutscher Weingarten mit sprossenden Reben, dessen blattlose, dem nahen Frühling entgegendürstende Ranken sich emporstrecken über die weißen, kreuzförmigen Stützen.
Jetzt geht ein köstliches Funkeln und goldenes Erblitzen über alle Höhen und Tiefen der schönen deutschen Erde hin.
Du friedsames, du verheißungsreiches, du sonnbeglänztes Land des heimatlichen Bodens! Alle Kräfte meiner Seele grüßen und lieben dich! Komm und nimm, was ich habe, komm und nimm, was ich bin! Dir will ich dienen, mein ganzes Leben soll nichts anderes sein als ein geduldiges Mich-Einfügen in dein Wachsen und Erblühen, nichts anderes als ein Samenkorn auf dem Acker deiner werdenden Größe! —
Meine Augen trinken das Bild der friedlichen Landschaft. Schwärme von Wildenten rinnen auf den Altwässern und Kanälen des Rheines umher. Vor Bingen sieht man die Bogen einer neuen Brücke entstehen, die eben gebaut wird. Welch ein Gegensatz: der Gedanke an den Krieg, den wir führen — und das erhebende Bild dieses deutschen Friedensfleißes!
Der rauschende Zug lenkt gegen Südwesten ab, und die Weinberge und das Silberband des Rheines gleiten von mir zurück. Scharf hebt sich noch der zierliche Umriß einer alten Burg vom sonnigen Himmel ab und fängt zu wandern an und verschwindet. Auf Wiedersehen, du deutscher Rhein, du flutende, rauschende Lebensader des Deutschtums!
Die Fahrt geht durch ein enges Flußtal. Auf der einen Seite die Hügelkette mit den Weinbergen, deren Stabgewirre anzusehen ist wie ein endloser Zug von Lanzenreitern, die sich hinter braunen Erdwällen verbergen und nur die Spitzen ihrer Speere gewahren lassen; auf der anderen Seite der mit Dörfern und Städtchen besetzte und mit alten Steinbrücken überspannte Fluß, den die Regenmassen der letzten Wochen braun und reißend gemacht haben. Alle paar hundert Schritte stehen Fischer mit Angelstöcken oder Tauchnetzen, und Buben rennen mit Netztrichtern an langen Stangen. Alle sind sehr vergnügt. Die denken im sicheren Frieden ihrer Heimat wohl gar nicht an den Krieg, den irgendwo da draußen oder da hinten die Völker miteinander führen.
Das enge Tal weitet sich zu schönen Geländen, durchblitzt von Wasserläufen, überwölbt von einem leuchtenden Himmel. Die Welt sieht aus, als möchte der Frühling um drei Monate früher kommen als sonst. Jeder Windhauch trägt mir den Wohlgeruch der bräutlichen Erde entgegen, auf allen sonnseitigen Hängen wuchert das frische Grün — es fehlen in diesem verfrühten Frühlingsbilde nur die Schwärme der Wandervögel. Aber fliegt da nicht der lange feldgraue Wanderzug, in dessen Mitte ich selber mitflattere als brauner Kuckuck? Der Frühling des Deutschtums hat Wandervögel in unzählbarer Menge.
Die Nähe von Metz verrät sich. Jeder Tunnel, jede Brücke, jede Wegübersetzung ist militärisch bewacht. In den Bahnhöfen, in denen Züge sich kreuzen, tauchen Soldaten auf, die aussehen, als hätten sie am Morgen noch in den lehmigen, von Regensumpf erfüllten Schützengräben gelegen. Stiefel, Uniform und Mantel, alles ist erdfarben, und bei manchem dieser Tapferen ist das Band des Eisernen Kreuzes anzusehen, als wär's eine österreichische Auszeichnung: schwarz-gelb.
An der Bahnstrecke tauchen französische Namen auf: Remilly, Courcelles. Hier sieht man zuweilen an den Mauern frisch getünchte Stellen. Da standen französische Aufschriften, die man jetzt überstrich und durch deutsche Klänge ersetzte. Sehr erfreulich ist das! Ein Glück, daß man es endlich lernt, aller unpraktischen Duldung zu vergessen und dieses Inlands-Französische in gutes Deutsch zu verwandeln! Mit der hübschen Landschaft werden sich die deutschen Klänge ganz gut vertragen. Wälder und Fluren, wenn auch augenblicklich ein bißchen überschwemmt, haben jene Linie, die das deutsche Wesen und Volkstum ihnen gab vor vielen Jahrhunderten. Das bißchen französische Herrschaft inzwischen war nur, was der Österreicher ein »Übergangl« nennt.
In einer Station mit französischem Namen guckt aus einem Fenster ein uniformierter Mann heraus, mit französischem Schnurrbart und mit einer spiegelblanken Glatze, die noch viel französischer ist. Seine Frau grüßt mit der Hand nach romanischer Art, so, wie die Italiener auf den Bahnhöfen winken, mit Handflächen und Fingerspitzen nach vorne. Frankreich scheint nimmer weit zu sein. Aber wo ist der Krieg? Ich sehe nur Bilder des Friedens und der ungestörten Ruhe, sehe nur lachende Gesichter.
Entlang der Bahnstrecke taucht ab und zu eine soldatische Wache auf. Der Zug biegt um eine Waldecke, und plötzlich sieht man einen großen Häusersee mit turmloser Kathedrale. Die deutsche Festung Metz! Aber man sieht nur eine Stadt. Wo ist die Festung? Ich kann sie nicht finden Im Bahnhof gleicht das Umsteigen von Zug zu Zug einem Sturm auf ein feindliches Fort. Kein Mittagessen, nicht so viel Zeit, um eine Schinkensemmel zu erwischen. Der Gedanke an unsere braven Soldaten, die unter dem Kugelregen tage- und nächtelang hungern müssen, macht mich geduldig und zufrieden. Auf einem Gepäckskarren werden vier hübsch gearbeitete Särge herbeigefahren. Sie kommen leer und werden beschwert in die Heimat zurückwandern.
Der Zug fährt nordwärts durch reiche deutsche Industriebezirke, immer entlang der französischen Grenze, die sich hinzieht über dunkle Waldhügel. Hinter ihnen, gegen Westen, wallt es von dichten Nebeln, die den Mittagshimmel immer trüber umschleiern. Ein feiner Regen beginnt zu fallen und kleidet allen Wechsel der Landschaft in ein ruhiges Feldgrau.
Aus einem großen Hüttenwerke leuchten rotstrahlende Glutaugen heraus. Sind es Essenfeuer oder glühende Eisenblöcke? Was immer, es sind strahlende Augen des deutschen Fleißes. Trotz allem Lärm des Zuges vernehme ich das Dröhnen mächtiger Stahlhämmer. Und aus hohen Schornsteinen wirbelt Rauch in drei Farben empor: tiefschwarz, nebelweiß und zinnoberrot. Eine Riesenfahne in deutschen Farben! Das war wohl immer so, seit vielen Jahren ruheloser Arbeit. So oft die Franzosen von den nahen Grenzbergen herunterguckten, mußten sie dieses wallende Banner der deutschen Rührsamkeit gewahren.
Die Bahn macht eine Kurve und wendet sich gegen Westen. Es geht nach Frankreich hinein. Ein heißer Schauer rinnt mir durch die deutsche Seele, über die Haut, durch alle Glieder. Meine fiebernden Gedanken fliegen zurück über die Wege, auf denen ich von München hierher gekommen bin. Wo war der Krieg? Ich habe nur das blühende Leben der Heimat gesehen, sah nur unverwüstete Fluren, nur unbeschädigte Häuser, aus deren Fenstern die Ruhe eines verläßlich behüteten Glückes herausredete. Ich sah die tausend Zeugen unseres schöpferischen Fleißes, sah Jugend und männliche Kraft in unermeßbarer Fülle, sah Frauen und Mädchen mit frohen, gläubigen Augen, sah unbedrohten Besitz und sicheres Eigentum, sah alle Güter und Segnungen eines von eisernen Kräften beschützten Landes, und habe bis zur Stunde nur gesehen und empfunden, was Friede heißt, und was es für ein Volk bedeutet: so kraftvoll zu sein, daß es auch in kriegerischen Zeiten jeden kostbaren Wert des Friedens für sich erzwingen kann auf dem heiligen Boden, den es bewohnt!
Ein suchender Blick durch die grauen Schleier des trüb gewordenen Tages. Und mir fährt ein Schreck in das Herz, so kalt wie Eis, und wieder so brennend wie der Stoß eines glühenden Dolches.
Zwischen kahlen Höhen ein wogender Qualm. Neben dem Gleise liegt der wüste Trümmerhaufen eines zerschossenen Bahnwärterhäuschens, aus dessen wirrem Schutt noch die Reste von Dingen und Geräten hervorlugen, die einst einem freundlichen Leben dienten. Und hinter den zurückweichenden Hügeln taucht etwas Grauenvolles heraus, hinaufgestellt auf eine weithin sichtbare Höhe, wie eine Warnung, eine Mahnung und ein Wegweiser für alles deutsche Denken der Gegenwart.
Lautlos und dennoch begabt mit einer schreienden Stimme, verlassen von allem Leben, ein steingewordenes Sterben, so steht dieses Fürchterliche da droben. Zerbrochene Mauern sind von Ruß geschwärzt, alle Fenster sind aus den Höhlen gerissen, nur manchmal hängen noch in grotesker Verrenkung die Reste von grün bemalten Läden an dem zerschmetterten Gemäuer. Kein Dach mehr. Alles, was Holz war, ist verbrannt, verkohlt. Kaminschächte, Giebel und aberwitzige Ruinenformen starren in die graue Regenluft empor wie Hunderte von verkrüppelten Riesenhänden mit gespreizten und zerkrümmten Steinfingern. Überall die Spuren eines wilden, gewaltigen und verzweifelten Kampfes, überall Tod, Vernichtung und Zerstörung, überall der hohläugige Schauder des Untergangs.
Was ich da sehe, war einmal ein französisches Städtchen, war Audun-le-Roman.
Mir zittern bei diesem Anblick alle Nerven. Das Grauen dieser Todesstätte befällt mich mit doppelter Macht nach allen ruhigen und fröhlichen Friedensbildern, die ich auf der Fahrt durch unsere Heimat immer und überall gesehen. Wie etwas grausam Quälendes ist in mir der Schrei: »So hätte es kommen können bei uns, so hätte von schwer zu schützenden Grenzmarken, die das Schaudervolle erleben mußten, der Untergang und jeder Todesschreck auf Vernichtungswegen sich hineinwühlen können bis ins innerste Herz unseres Landes, alles verwüstend und alles erwürgend!«
Eine zornvolle, brennende Sehnsucht ist in mir. Ich möchte hundert, möchte tausend, möchte Millionen Fäuste haben, möchte zurückgreifen in alle Höhen und Tiefen unseres Volkes, in alle Straßen und Winkel unserer Heimat, und möchte hundert, möchte tausend, möchte Millionen der Daheimgebliebenen an den Armen fassen, möchte sie herziehen vor dieses grauenvolle Bild und möchte hineinschreien in ihre Herzen:
»Das seht euch an! Das hat die eiserne Kraft des Deutschtums, das hat der unzerbrochene, unter freudigen Blutopfern glühende Heldenmut des deutschen Heeres im Westen euch erspart, euch und euren Kindern, eurem Gut und eurem Boden! Das seht euch an! Und vergleicht es mit dem, was ihr in heiterem Frieden noch immer besitzen dürft! Vergleicht es mit dem, was der Mut und die Treue des deutschen Heeres für euch erfocht von Anbeginn des Krieges bis zur heutigen Stunde! Dann prüft eure Seelen, prüft euer Heimatswerk! Und ihr werdet geduldig werden, ihr werdet gläubig sein und unerschütterlich in eurem deutschen Vertrauen! Und im siebenten, im zehnten und — wenn es sein müßte — auch noch im zwölften Monat eines Kampfes, den eine Welt von Widersachern und Neidern über uns heraufbeschworen, werdet ihr alle, die ihr euch Deutsche nennt, immer noch die gleichen sein, die unzerbrechbar Festen und Verläßlichen, die Geduldigen und Opferwilligen, die Ehrlichen und Starken, die von einem einzigen Gedanken der Kraft und Treue Durchbrausten, wie ihr alle es gewesen seid in den ersten Tagen und Wochen dieses heiligen deutschen Erlösungskrieges!«
Da droben grinsen und drohen und warnen die schwarzen Ruinen!
Ich wende die Augen ab, ich schaue heimwärts in die klare Redlichkeit und in die ausdauernde Kraft unseres Volkes. Und mir wird wohler und freier um die bedrückte Seele.
2.
15. Januar 1915.
Weiter und weiter geht die Fahrt, immer neuen Bildern der kriegerischen Zerstörung entgegen, aber auch immer neuen Bildern, die es mit hinreißender Kraft verstehen, einem deutschen Herzen jeden notwendigen Glauben und alles Vertrauen einzureden.
Von der Bahnstrecke ziehen sich liebenswürdige Buchentäler nach allen Seiten hin, mit vielfach geschlängelten Bachläufen — eine Landschaft wie in Franken daheim.
In einem Bachtal, das an den »kühlen Grund« des Volksliedes erinnert, huscht eine Mühle vorüber, sieben vergnügte Landstürmer stehen im Hof, und unter ihnen, auch nicht gerade traurig, steht eine dunkeläugige und schwarzhaarige Französin. Vielleicht spielt sich hier so was Ähnliches wie das deutsche Märchen vom Schneewittchen und den sieben Zwergen ab — ein Märlein vom Kohlschwärzchen und den sieben Riesen?
Eine kleine Stadt — Longuion. Vernichtung, wohin das Auge sieht. Am tiefsten erschüttert mich der Anblick eines kleinen, völlig verwüsteten Hauses, an dem noch einzelne Zeichen verraten, wie hübsch es einmal gewesen sein muß; im ersten Stock ein Balkon mit geschmiedetem Geländer; die eisernen Ranken und Blumen sind zu völlig sinnlosen Formen verzerrt, und rings um die leere, löchrig ausgefranste Balkontüre zieht sich ein großer, aus vielen Hunderten von weißen Punkten gebildeter Heiligenschein — die Arbeit eines Maschinengewehres. Der Kampf um dieses kleine hübsche Haus und seine Balkontüre muß furchtbar gewesen sein.
Man sieht in zerstörte und noch ganze Straßen hinein. Die meisten der Leute, die da herumwandern, sind Feldgraue, sind deutsche Soldaten. Außer ihnen noch ein paar an Ecken und in Winkeln umherstehende Greise mit kummervollen Gesichtern, mit den Händen in den Taschen der weiten Schlotterhosen; jeder hat die Kappe tief in die Stirn gezogen und trägt einen dicken Schlips um den Hals gewickelt. Ein paar Kinder sieht man, die harmlos und heiter spielen, mit etwas kreischenden Stimmchen; sieht junge Mädchen, die sehr hastig gehen, und sieht Frauen, von denen die einen immer die Augen gesenkt halten, während andere frech und unternehmungslustig umherspähen; dieser Blick des lukrativen Lasters ist nur eine Maske für den Blick des Hungers und der Not; es sind junge Mütter, die ihre darbenden Kinder ernähren müssen, gleichviel um welchen Preis! — Vergeßt es niemals, ihr deutschen Frauen, vor welch entsetzlichen Dingen euch die treuen Blutopfer unseres Heeres behüteten! Ihr solltet diese Müttergesichter sehen, diese suchenden Weiberaugen! Wohl haben die Hände deutscher Wohltätigkeit und Fürsorge hier das Härteste der französischen Not schon gelindert; die Verzweiflung beginnt sich in stumpfe Ruhe zu verwandeln, aber aus allen Bildern, die man sieht, grinst unverkennbar noch immer der Schreck und das Grauen jener Stunden heraus, in denen die Dächer brannten, die Häuser zerbarsten, die Kanonen brüllten, die Maschinengewehre knatterten und zwischen rinnendem Blut alle Schmerzen des Lebens ihre erbitterten Flüche knirschten.
Immer von neuem brennt der Gedanke in mir auf: »So könnt' es aussehen bei uns daheim!« Und noch immer kann solch ein Furchtbares uns befallen, wenn wir nicht stark und verläßlich bleiben, nicht gläubig und vertrauensvoll, nicht hilfsbereit und opferwillig bis zum Letzten!
Plötzlich ist finstere Nacht um mich herum. Langsam und vorsichtig fährt der Zug durch einen von den Franzosen zerstörten Tunnel, den unsere wackeren deutschen Pioniere in unglaublich kurzer Zeit wieder wegbar gemacht haben. Kleine Lichter blitzen im Dunkel auf, die Gestalten der feldgrauen Arbeiter sind grell und grotesk beleuchtet, zwischen ihnen und den Insassen des Zuges werden heitere Zurufe gewechselt — und nun fährt der Zug in den Tag hinaus. Es ist ein trüber Tag, schon nahe dem Abend, und dennoch wirkt sein Licht wie eine Himmelsglorie. Und neben der Bahnstrecke, im Höfchen einer Soldatenbaracke, stehen noch vom Heiligen Abend her die drei mit Silberfäden geschmückten Christbäume. Das unaufhörliche Regengepritschel der letzten Wochen hat sie freilich schon übel zugerichtet; dennoch sind sie noch immer umwoben von zärtlicher Heimatsehnsucht und lieblichen Erlösungsbildern.
Überall gewahrt man arbeitende Soldatenschwärme; endlose Kolonnen knattern über die Wege hin; auf den Straßen sind Züge von französischen Gefangenen in roten Hosen damit beschäftigt, die von den Lastautomobilen ausgerissenen Stellen und die tiefen Granatenlöcher zu ebnen. Und in der Ferne, über weite und öde Felder, sieht man die zierlichen Figürchen feldgrauer Patrouillenreiter hintraben. Auch die Pferde, ob Rappen, Schimmel, Fuchsen oder Schecken, sind alle grau vom bodenlosen Morast dieser Regenzeit.
Da kommt wieder ein Dorf, in das sich Überschwemmung und Zerstörung teilen. Inmitten der Verwüstung steht manchmal ein unversehrtes Haus, aus dessen Fenstern das Leben herausguckt mit den Augen einer scheuen Zufriedenheit — Augen, welche sagen: »Auch das Dasein in Elend und Trauer ist noch ein besseres Ding als Tod und Verwesung.«
Das Fort Montmédy, auf einer malerischen Höhe gelegen, zeichnet sich schwarz wie Tinte in den Abendhimmel. Der tiefere Stadtteil am Ufer des Stromes zeigt nur geringe Spuren von Zerstörung. Überall sieht man Baracken und Zelte der deutschen Landstürmer. Die nassen Tücher glänzen und pludern im Winde. Hier mag die Nachtruhe nicht sonderlich gemütlich sein. Mitten in den weiten Flächen der Überschwemmung stehen große Zelte bis zur halben Höhe unter Wasser. Hier kam die Überflutung in der Nacht so schnell, daß man die Zelte nimmer abbrechen, nur das Leben noch retten konnte. Mit Beschämung denke ich an mein behagliches und warmes Bett daheim; es ist wahr, ich habe viele Nachtstunden schlaflos in ihm verbracht, wachgehalten von der Sorge um Heimat und Heer; aber bei den Gedanken an das, was unser Heer im Felde leistet und was es an Mühsal zu ertragen hat, gab mir meine suchende Phantasie kaum ein annäherndes Bild der Wahrheit, wie ich sie jetzt zu sehen bekomme. Wir in der Heimat müssen noch viel, viel nachdenklicher werden, um den großen Unterschied zwischen der deutschen Heeresarbeit im Felde und unserem bescheidenen Hilfswerk in der Heimat mit ausreichender Dankbarkeit zu erfassen. Und sehr bescheiden müssen wir werden, müssen erkennen, daß alles, was wir tun, noch immer zu klein, noch immer zu wenig ist.
Auf einem Bahnhof hält mein Zug neben einer langen, mit Tannenreis geschmückten Wagenreihe, vollgepfropft mit frischen Truppen, mit etwa tausend Bonner Burschen, jung, heiter und gesund. Jahrgang 1914. Alle Wagenwände sind bedeckt mit Kreidekarikaturen von Engländern und Franzosen. Drollige Inschriften:
»Achtung! Deutsche Bluthunde!« — »Platz frei, die Barbaren kommen!« — »Blaue Bohnen zur Fütterung britischer Löwen!« — »Weinet nicht, ihr Bonner Mädels, wir kommen bald wieder!« Aus jedem Fenster guckt ein halbes Dutzend dieser frischen fröhlichen Gesichter heraus. Ich frage: »Wohin geht's?«
Die kurze Antwort: »Dreschen helfen!«
Von Wagenfenster zu Wagenfenster gibt es eine muntere Konversation, bis aus dem Wagen da drüben eine strenge Unteroffiziersstimme herausruft: »Vorsicht beim Antworten! Der olle Kunde fragt zu viel!«
Weiter geht's. Es öffnet sich der Blick in eine lange, enge Stadtgasse. Nur Soldaten sieht man, Hunderte von Feldgrauen. Dazu zwei barmherzige Schwestern, schwarz, mit weißen Hauben. Und zahlreiche Rekonvaleszenten in Spitalkitteln erholen sich bei einem Spaziergang, ehe die Dämmerung kommen will.
Wieder die öden Felder. Eine Arbeiterhütte mit weißblauem Fähnchen gleitet vorüber. Ich möchte beim Anblick dieser Heimatfarben vor Freude schreien. Bevor ich das Fenster aufbringe, ist die Hütte davongelaufen, das liebe Fähnchen verschwunden.
Bei Chauvancy bauen deutsche Pioniere an einer von den Franzosen gesprengten Brücke. Ich brülle zum Fenster hinaus und winke mit beiden Händen. Die Pioniere gucken und lachen und fragen sich, was für ein Narr da im Zuge ist? Kein Narr! Ein Deutscher voll stürmischer Dankbarkeit und Bewunderung! Nur eine kurze Strecke feindlichen Landes hab' ich von der Grenze bis hierher durchfahren, kaum ein paar hundert Kilometer lang. Doch in jeder Minute fand ich reichlich Ursache, über das immense Maß von Arbeit zu staunen, das deutscher Fleiß und deutsche Intelligenz hier geleistet haben, um alles von den Franzosen und vom Krieg Zerstörte wieder zurückzugewinnen für die Bedürfnisse des deutschen Heeres und für den allgemeinen Verkehr. Wenn der kommende Friede unsere deutschen Helden mit Eichenlaub und Lorbeer bekränzen wird, muß er einen besonders schönen und reichverdienten Kranz für die deutschen Pioniere flechten. Wären die Pioniere, die ich da gesehen habe, nicht so feste, stramme und derbschlächtige Gestalten, ich möchte sie die lieben Heinzelmännchen des Deutschtums nennen! An ihnen besonders wollen wir Daheimgebliebenen uns ein Beispiel nehmen! Ein ganzes Volk von Pionieren wollen wir sein, von Pionieren des deutschen Gedankens, der deutschen Treue und Hilfsbereitschaft, der deutschen Ausdauer und Beharrlichkeit!
Man muß, was unsere Pioniere entlang der Maas und im Wasser und Sumpf dieser meilenweiten Überschwemmungsgebiete geleistet haben, mit eigenen Augen sehen. Sonst glaubt man es nicht, sonst hält man das deutsche Arbeitswunder, das hier gewirkt wurde, für ein phantastisches Märchen.
Immer trüber sinkt der Abend. Doch die Dunkelheit beendet das Werk dieses Fleißes nicht. Hunderte von Fackeln und Pechflammen brennen auf — leuchtende Sterne der deutschen Gewissenhaftigkeit!
Jenseits einer mächtigen Wasserfläche, die aussieht wie ein großer, milchweißer See, steigt zwischen kleinen hübschen Wäldchen eine weitläufige Stadt über sanft geneigte Hügel empor — Sedan!
Du heiliger Name! Deine beiden Silben sind wie ein weihevoller Zauber, der eine Fülle von herrlichen Bildern in mir erweckt und mich träumen läßt von deutscher Kraft und Größe, von deutscher Vergangenheit und deutscher Zukunft.
Der Bahnhof ist ein Gewühl von Soldaten. Tausende von Feldgrauen! Heimkehrende und Ankommende. Wohin man die Ohren dreht, überall hört man die lieben deutschen Laute. Sie wirken doppelt eindrucksvoll, hier, auf dem Boden der feindlichen Fremde, hier, auf dem Frühlingsacker des deutschen Werdens!
Ganz unfaßbare Mengen von Postsäcken und Gepäckballen werden hin und her geschoben, ausgeladen und neu verstaut — Wagenladungen mütterlicher Grüße und Zärtlichkeiten, Wagenladungen treuer Heimatsgedanken unserer Soldaten. Und der ganze Bahnhof ist ein unübersehbares Gewimmel von stehenden und kommenden Zügen, von qualmenden oder rastenden Lokomotiven.
Weiter geht's. Die sinkende Nacht umhüllt mir alles Kommende. In der stahlblauen Dämmerung glänzen wieder die großen Streckenlaternen. Der Tag endet im Feindesland, wie er am Morgen in der Heimat begann: mit strahlenden Lichtern in der Dunkelheit.
Unter strömendem Regen rauscht der Zug durch die Finsternis. Geht's über eine Brücke, so hört man das dumpfe Brausen des hochgestiegenen Stromes. Draußen ist wenig zu sehen: gleitende Laternen, pechschwarze Hügelketten und die matt blinkenden Wasserflächen der großen, noch immer wachsenden Überschwemmung.
In einer Station bei längerem Aufenthalt kommt eine strenge Kontrolle aller Reisenden, die der Zug noch enthält. Der Offizier, der meinen Ausweis musterte, nickt mir freundlich zu: »Sie werden erwartet!«
Noch eine kurze Fahrt und ich bin am ersten Ziel meiner Reise, im Großen Hauptquartier. Auf dem Bahnhof ein liebenswürdiger Empfang. Es ist sieben Uhr abends. Für acht Uhr bin ich zur kaiserlichen Tafel geladen.
Das Wetter will sich klären. Der Regen hat aufgehört. Helle Sterne glänzen aus den Wolkenklüften, während ich den großen, stillen Bahnhofplatz überschreite. Ein Automobil mit Offizieren saust vorüber, und wie langgestreckte Lichtvögel flattern die Scheinbündel der Autolaternen in die Finsternis. Schlagbäume und Schilderhäuschen in den deutschen Farben leuchten auf, Wachen schreiten hin und her, und überall ist ein leises Klirren, ein Gefunkel von Metall.
Hinter dem laublosen Astgewirre hoher Bäume strahlt eine Reihe von erleuchteten Fenstern.
3.
17. Januar 1915.
Zwischen den hohen Bäumen eines stillen Parkes steht eine schmucke Villa. Ihre Besitzer sind geflohen, als das deutsche Heer erschien und das französische sich auch auf die Socken machte. Es waren wohlhabende Leute, die stolz waren auf ihr Haus; das merkt man schon am Äußern des Baues, an der Gepflegtheit des Parkes, den jetzt eine schweigsame Nacht umträumt, und an der etwas großtuenden Freitreppe, auf der jetzt im Flackerschein der Laternen zwei regungslose Schildwachen mit blanken Klingen stehen. Und es waren Leute, die es liebten, an regenreichen und stürmischen Winterabenden behaglich am Kamin zu sitzen und amüsant zu plaudern, vielleicht nach etwas altmodischem Stil, so ähnlich, wie Konversation in einem Lustspiel von Scribe oder Pailleron gemacht wird; das vermutet man beim Anblick der Räume, deren Komfort eine wunderliche Mischung von gutem Geschmack und provinzialer Anbequemung zeigt, von ererbter Gediegenheit und wahllos Gesammeltem.
Diese Leute, die nicht mehr da sind und irgendwo im Süden von Frankreich sitzen, in Bordeaux oder bei Nizza, denken wohl in ruheloser Sorge an ihr verlassenes, unbeschütztes Haus und glauben es verwüstet durch alle »Barbarengreuel«, die sie in ihren Journalen als Zugabe zu jedem Frühstück genießen. Ihre Sorge ist ein Irrtum, ist eine von jenen halb grauenhaften und halb lächerlichen Verzerrungen der Wahrheit, wie sie rings um unsere Grenzen üblich wurden, »seit Deutschland diesen schaudervollen Krieg über die ganze Welt heraufbeschwor« — so sagen unsere Feinde, obwohl sie es besser wissen. Das Haus dieser entflohenen Leute — statt »entflohen« gebraucht man hier in Frankreich die mildere Wendung »abgereist« — dieses Haus, das sie aller Verwüstung ausgesetzt vermuten, ist in Wahrheit sorglicher behütet, als sie selbst es vor jedem Vernichtungsschreck des Krieges hätten behüten können, wenn sie geblieben wären. Denn unter diesem verlassenen Dache, in dessen Räumen jetzt aus allen Richtungen der Erde die Fäden eines großen Weltgeschehens zusammenlaufen, wohnt heute der Deutsche Kaiser, der Führer unseres in Begeisterung und Lebenstrotz geeinten Volkes, der oberste Kriegsherr unseres siegreichen Millionenheeres, das der deutschen Heimat erspart, was unsere Feinde unter den Schlägen des von ihnen entfesselten Krieges zu leiden haben.
Zwischen den Mauern dieses stillen, gutbehüteten Hauses ist nichts von einem großzügigen Hofhalt zu gewahren. In dieser ernsten Zeit ist auch das Leben des Kaisers von feldmäßiger Schlichtheit, ist wie gekleidet in ruhiges, unauffälliges Feldgrau.
Die wenigen Gäste der Abendtafel versammeln sich in einem kleinen Empfangsraum. Schon das begrüßende Wort, das jeder Kommende mit den schon Anwesenden tauscht, ist der Beginn eines lebhaft bewegten Gespräches über die jüngsten Vorfälle des Krieges, über den verheißungsvollen Stand der Dinge im Osten, über den Fortschritt im Westen.
Nun verstummt das Gespräch, und man tritt von der Türe zurück, die ein Diener öffnet.
Heftig schlägt mir das Herz unter dem Touristenkittel, schlägt mir vor Erregung fast bis an den Hals herauf. Aller Wirbel meiner Gedanken drängt auf die Frage hin: »Wie wird der Kaiser aussehen, was werde ich lesen können aus seinen Zügen, was wird herausklingen aus seinen Worten, was werde ich fühlen müssen unter dem Blick seiner blanken Augen, jetzt, in dieser Zeit des Ringens, in der jedes deutsche Herz sich sehnt nach dem aufrichtenden Orakel eines Wissenden, nach einem Halt und einer Stütze in jenen beklommenen Minuten, die heute auch dem Gläubigsten und Vertrauensvollsten nicht völlig erspart bleiben können?«
Es war mir seit einem Jahrzehnt vergönnt, den Kaiser zu sehen in manch einer heiteren Stunde des Friedens, den er liebte und bis zum äußersten zu erhalten suchte, er, der diese Friedensliebe durch ein Vierteljahrhundert in zahllosen Taten der Versöhnlichkeit und des Entgegenkommens erhärtete, und den unsere Feinde jetzt in grotesker Gehirnverwirrung als Friedensstörer und Eroberungslüstling bezeichnen, als Hunnenmogul und zweiten Attila.
Immer hab ich am Kaiser das von jedem Schwanken freie Gleichmaß seiner aus Ernst und Frohsinn gemischten Art verehrt und bewundert, habe mich erfreut an dem klaren Seelenspiegel seines Blickes, an der temperamentvollen Offenheit seines Wortes, an seinem kräftigen Lachen, an der freien Menschlichkeit und Frische seines persönlichen Wesens, wie an der gesunden Innerlichkeit, die ihm eine besonnene, für jeden deutschen Bürger vorbildliche Lebensführung und sein unerschütterliches Vertrauen auf Gott, Welt und Menschen bis über die Reife des Mannesalters bewahrte. Mein Glaube an den Kaiser als Menschen vermittelte mir auch immer das Verständnis seiner Eigenart als Herrscher. Ich meine, das ist so unter dem Kronreif: Ganz ein Mensch bleiben, heißt ganz ein Fürst werden.
Aber jetzt? Wie viel Hartes, wie viel gewaltsam Formendes mögen diese fünf Monate seit Kriegsbeginn über den Kaiser gebracht haben, an Verantwortung, an Gewissenskämpfen, auch an schmerzvollen Enttäuschungen? Was hat die Last und das Gewicht dieses Weltaufruhrs ihm gegeben, was ihm genommen? In dieser Zeit, in der die widersinnigsten Gerüchte — aus Haß oder Liebe, aus Furcht oder Hoffnung geboren — so unzählbar aufschnellen, wie die Heuschrecken aus dem Kraut einer Sommerwiese — in dieser letzten Zeit hab ich oft erzählen hören: das Haar des Kaisers wäre weiß geworden, sein Gesicht und seine Haltung um Jahre gealtert. Ich habe das nie geglaubt. Gesunde und starke Bäume erfüllen ihre Zeit, trotz Sturm und Ungewitter. Und dennoch muß ich bekennen: Jetzt, vor dem Augenblick, in dem ich unter dem dröhnenden Glockenschlage einer über Wohl und Wehe unseres Reiches entscheidenden Zeit, hier, in Feindesland, auf erobertem Boden, den Kaiser des deutschen Volkes sehen sollte, befiel mich etwas Bedrückendes, eine fiebernde Erregung, fast eine quälende Angst. Wie werde ich ihn wiedersehen? Wird die frohe Güte, die immer aus ihm redete, gemindert sein, verwandelt in Zorn und Härte? Werden Mißmut, Zweifel und Sorge aus seinen sonst so gläubigen Augen sprechen? Haben die Fäuste des Geschehens ihn gefaßt, ihn umgemodelt, wie sie es mit vielen machen, die der Widerstandskraft entbehren und sich von den Ereignissen zerren lassen? Hat der heiße Atem des Krieges ihn angehaucht und in ihm geweckt, was nie noch in seinem Innern war? Ist in ihm unter dem Donnerdröhnen des Schlachtfeldes ein Neues entstanden, das man beklagen, vor dem man erschrecken müßte? —
Da tritt er ein, in der feldgrauen Generalsuniform, mit dem gleichen ruhig-elastischen Schritt, den ich immer an ihm gesehen. Wohl wahr: sein Haar, mit der kleinen, trotzigen Welle über der rechten Schläfe, ist seit dem Frühjahr ein wenig grauer geworden, kaum merklich. Und eine Furchenlinie, die ich früher nie gewahren konnte, ist in seine Stirne geschnitten und schattet zwischen seinen Brauen. Aber nur eines einzigen Blickes in diese klaren und offen sprechenden Augen bedarf es — und gleich einer glühenden Welle durchströmt mich der sehnsüchtige Wunsch: es möchten alle Tausendscharen der Deutschen, namentlich jene, in denen Sorge und Bangigkeit zu erwachen drohen, jetzt an meiner Stelle stehen! Dann würden sie in freudiger Ruhe aufatmen, wie ich!
Unter allem Sturm dieser vierundzwanzig roten Wochen ist der Kaiser in jeder Wertlinie seines Wesens der gleiche geblieben — nein, nicht der gleiche, er ist einer geworden, der gewann und nichts verlor. Der Kaiser ist ein durch die Zeit Erhöhter! Man empfindet es vor dem Bilde seiner Würde und Haltung, empfindet es bei seinem ruhigen Lächeln, vor seinem ruhigen Blick. Und bevor ich noch ein erstes Wort von ihm höre, strömt etwas Aufrichtendes in mich über. Ein frohes Gefühl der deutschen Sicherheit ist in mir, erneuter Glaube und erhöhtes Vertrauen. Ich weiß: bei uns ist die Wahrheit, bei uns das Recht, bei uns die Kraft und bei uns der Sieg!
Ob der Kaiser ahnt, was in mir vorgeht? Er sieht mich plötzlich mit einem jener forschenden Blicke an, die in seinen stählernen Augen sein können. Dann nickt er freundlich, reicht mir die Hand und erhöht mir die Freude dieser Minute durch ein ebenso herzliches wie impulsives Lob meiner Landsleute: »Na, Ganghofer, Ihre Bayern! Prachtvolle Leute! Die haben feste und tüchtige Arbeit gemacht! Und vorwärts geht es, überall, Gott sei Dank!« Dann ein Erinnern an die letzte Begegnung im Frühjahr, wo zu Berlin im Palais des deutschen Kronprinzen meine kleine Dorfsatire »Tod und Leben« vor dem Kaiser aufgeführt wurde. Nun schweigt er eine Weile, und sein Lächeln mindert sich und verschwindet. Tief atmend sieht er mir ernst in die Augen und sagt mit einer langsamen und strengen Stimme: »Wer hätte damals ahnen können, was jetzt gekommen ist? Und daß wir uns hier in Frankreich wiedersehen würden? So!« — In einem diplomatischen Aktenstücke, das die deutsche Schuldlosigkeit an diesem Kriege zu dokumentieren hat, können dieser Atemzug, dieser ernste Blick und diese Worte des Kaisers nicht aufgezählt werden. Aber Beweiskraft haben sie. Eine überzeugende.
Man geht zur Tafel. Das Speisezimmer ist ein gemütlicher Raum, der mich weidmännisch anheimelt. Von den braunverschalten Wänden blinken die weißen Hauer wuchtiger Eberköpfe herunter — Jagdtrophäen, die in den Argonnen erbeutet wurden.
Nur wenige Diener. Und eine kurze, rasche Mahlzeit. Was zur Tafel kam, das weiß ich nimmer. Der Platz an der Seite des Kaisers und der Kreis seiner zehn Gäste, hoher Würdenträger des Heeres und Hofes, gibt mir so viel Beruhigendes, Erfreuliches und Fesselndes zu hören, daß ich der Mahlzeit völlig vergesse, obwohl ich so hungrig wie ein Wolf aus dem Eisenbahnwagen gekommen war und seit vierundzwanzig Stunden auf jagender Reise keinen verschlingbaren Bissen erwischt hatte. Aber wie feldmäßig einfach die Tafel des Kaisers bestellt ist, beweist eine Speisenfolge, die ich mir an einem anderen Abend als Erinnerung mitnahm. Auf dem kleinen Zettelchen, nicht größer als eine Visitenkarte, steht geschrieben:
11. Januar 1915
Königliche Abendtafel
Gebackene Seezungen
Kaltes Fleisch, Kartoffeln in der Schale
Obst
Dazu als Getränk: französischer Landwein und Wasser. Und Kriegsbrot gibt es. Nur Kriegsbrot! Daran könnte sich mancher bei uns daheim, der unsere Soldaten im Felde kämpfen, leiden, bluten und siegen läßt, mit Strenge und Ungeduld die militärischen Tagesberichte kritisiert und nebenbei nicht die Heldenkraft oder nicht den Willen besitzt, sich die gewohnte Frühstückssemmel zu versagen, ein lehrreiches und mahnendes Beispiel nehmen! Wir müssen lernen, unsere kleinen Liebhabereien beiseite zu schieben, jeden der Allgemeinheit schädlichen Eigennutz aus uns herauszuklopfen und jedes Gefühl, jeden Gedanken und jede Lebenshandlung auf das Ziel einzustellen, das wir für Heimat und Volk erkämpfen müssen.
Alles, was ich an des Kaisers einfacher Tafel sehe und höre, wird mir zur Ursache einer sprunghaften Gedankenteilung. Mit Ohr und Herz bin ich bei jedem Worte, das da gesprochen wird, und bin zugleich in der Heimat, um zu schauen und zu vergleichen. Und immer deutlicher wird es mir, daß manches, was wir Daheimgebliebenen zu denken und zu tun lieben, ganz wesentlich anders werden müßte, wenn wir gleichwertig werden wollen mit jenen, die bei harter Arbeit draußen stehen im Felde.
Nach der Mahlzeit kommt eine ernste, manchmal auch von einem Lachen erhellte Plauderstunde in einem kleinen, netten Wintergarten, wie wir ihn auf der deutschen Bühne schon in vielen französischen Komödien gesehen haben. Zigaretten und kurze Pfeifen brennen, und in Kelchgläsern wird Münchner Bier gereicht. Auf dem Tisch, an dem sich der Kaiser niederläßt, stehen blühender Flieder und Rosen, die ihm die Kaiserin aus Berlin sandte. Alles Gespräch dreht sich um den Lauf der Dinge in der Heimat und um wichtige Episoden des Krieges. Das ist eine wesentlich andere Art, vom Kriege zu sprechen, als wir sie daheim bei unserm Bierbank- und Teetischklatsch zu hören bekommen. Hier wird nicht die Welt geteilt, hier werden nicht Länder genommen und Reiche verschenkt, hier gründet man nicht »Pufferstaaten« und korrigiert nicht die Landkarte von Europa mit einem anspruchsvollen Blaustift. Hier gilt alles Denken nur dem Ernst und den Notwendigkeiten der Gegenwart; von der Zukunft ist nicht die Rede. Unausgesprochen klingt aus allen bedeutsamen Worten, die ich höre, das feste und klare Zeitgesetz heraus: »Erst arbeiten und siegen. Alles weitere wird kommen, wie es kommen muß und wie wir es uns verdienen.«
— Ich gestehe, daß ich da manchmal ein bißchen schamrot wurde. Und in meinem Inneren hab' ich heilig geschworen, niemals wieder in phantastischen Nächten meinen Handatlas durch ausschweifende Linien zu verunreinigen und nebulose Zukunftsgeographie von Mittelafrika zu betreiben. Und während ich hier, in einem hundekalten Stübchen zu Peronne, diesen heißen Schwur mit frierenden Fingern niederschreibe, klirrt unter meinem Fenster der feste Taktschritt deutscher Soldaten vorüber, die zu den Schützengräben marschieren, Automobile rasseln vorbei in sausender Fahrt, und unaufhörlich rollt von der nicht allzu weit entfernten Front das Murren schwerer Geschütze zu mir her. Die gaukelnden Kriegsvorstellungen, die ich aus der Heimat mitbrachte, beginnen sich jetzt unter den harten Wirklichkeitsbildern, die mich bei Tag und Nacht umwirbeln, sehr gründlich zu verändern. —
Jener erste Abend, an dem ich Gast des Kaisers war, bescherte mir auch ein eindringliches Exempel der Art, wie im Großen Hauptquartier gearbeitet wird, bis spät in die Mitternacht hinein. Bevor ich davon erzähle — d. h. erzählend alles verschweige — will ich, man liebt als Poet die Kontraste, dem großen Zeitbilde noch ein niedlich-intimes Lichtchen aufsetzen.
Die Gesellschaft im französischen Wintergarten hat sich nach der Mahlzeit noch um einen schweigsamen, höchst wohlerzogenen Gast vermehrt; das ist ein kleiner schwarzer Teckel mit gescheiten Augen, des Kaisers Lieblingshund, augenblicklich ein bißchen invalide, mit verbundener Pfote; so oft er will, darf er es sich auf dem Schoß seines Herrn bequem oder, richtiger gesagt, unbequem machen; manchmal nimmt er auf des Kaisers Knie höchst schwierige und bedrohsame Stellungen ein, die fast an die Kletterkünste einer Gemse erinnern — und dann muß der Deutsche Kaiser so lange stillhalten, bis es dem zappeligen Teckelchen wieder beliebt, auf den Boden zu springen. Von der rührenden Geduld, die der Kaiser an dieser kleinen Quälkrabbe erweist, läßt sich eine Brücke zu einem tiefen Zug seines Charakterbildes hinüberschlagen. Denn er kann eine bewundernswerte Geduld auch mit Dingen und Menschen haben, die ihn viel gröber belästigen, als es der kleine, nette Teckel zu tun gewöhnt ist.
Gegen die elfte Abendstunde wird für den Kaiser und eine Anzahl hoher Offiziere ein militärischer Vortrag angesagt. Eine Neuheit der Kriegstechnik soll in Projektionsbildern vorgeführt werden, die der begleitende Vortrag eines Offiziers erläutern wird.
Durch die dunkle, schneelose Winternacht wandern die Gäste der stillen Villa zu einem nahen Hause hinüber. Der Himmel ist klar geworden und alle Sterne funkeln. Die kleine Stadt liegt in schwarzem Schweigen, ohne Lichter, wie ausgestorben. Nur ein scharf suchender Blick erkennt die regungslos in der Finsternis stehenden Wachen.
Ein verdunkelter Saal, mit etwa vierzig Stühlen; hinter ihnen ein Vergrößerungsapparat mit elektrischen Schnüren, vor ihnen an der Mauer eine große Leinwand. Fest und gleichmäßig klingt in dem matten Zwielicht die Stimme des vortragenden Offiziers, während Ruck um Ruck eine lange Reihe von Bildern über die Leinwand gleitet. Die ersten sind für mich als Laien eine völlig unverständliche Sache; erst nach einer Weile lehrt das gesprochene Wort mich begreifen, was ich sehe, und ich beginne in erregter Spannung zu ahnen, daß es sich hier um eine neue, wichtige und für die Kriegführung hilfreiche Sache handelt. Immer wieder und wieder stellt der Kaiser mit raschen, knappen Worten eine Zwischenfrage; der Offizier gibt Antwort. Bis Mitternacht dauert das. Nach dem letzten Bilde glänzen die Flammen des Lüsters auf. Lebhaft tritt der Kaiser auf den jungen Offizier zu, der den Vortrag gehalten, reicht ihm die Hand und sagt:
»Ich danke Ihnen! Das ist eine gute Sache! Glauben Sie, daß uns die Franzosen das nachmachen können?«
Der junge Offizier in dem verwitterten Feldgrau lächelt: »So schnell nicht, Majestät! Wir haben das erst jetzt gefunden.«
In dem erhellten Saal ein Zusammenstehen von Gruppen, eine mit halblauten Stimmen geführte Debatte.
Während ich diese Gespräche höre, klingt in mir immer wieder das verheißungsvolle Wort, das der junge Offizier gesprochen: »Wir haben das jetzt gefunden!«
Wir! Das sind wir Deutschen! Wir, bei denen das Recht und die Kraft ist, und bei denen der Sieg sein wird!
Ich trage stolz und beglückt dieses Wort in mir davon durch die sternhelle Nacht — dazu die mich heiß erfreuende Einladung: morgen im Auto mit dem Kaiser hinüberzufahren zum deutschen Kronprinzen.
Von den tiefen, meinen deutschen Glauben und mein Vertrauen wie mit eisernen Stäben stärkenden Eindrücken dieses Abends schwirren mir Kopf und Herz, während ich das winzige Stübchen betrete, in dem ich einquartiert bin. Es ist, nach französischer Sparsamkeit mit dem Raume, so klein, daß man beim ersten Schritt über die Schwelle schon gleich mit dem Ellbogen an die Fensterscheibe stößt. Fast vier Fünftel dieses Grillenhäuschens ist bestellt mit dem großen, ganz famosen Bett. Wie herrlich werde ich da schlafen heute nacht, mit aller Verheißung der vergangenen Stunden in meiner Seele!
Aber der Mensch hat neben der Seele auch einen Leib. Während ich im Dunkel liege und mit offenen Augen fröhlich träume, beginne ich, der ich an der Tafel des Deutschen Kaisers speiste — nein, nicht speiste, nur lauschte — einen nagenden Hunger zu fühlen. Und dann knappere ich mit Hochgenuß und Zärtlichkeit an dem Dutzend guter Weihnachtslebkuchen, die mir meine Frau vor der Abreise von München in die Handtasche steckte.
»Wir! Wir Deutschen!«
Mit diesem Wort im Herzen mache ich meine Augen zu. Und mit dem anderen:
»Morgen!«
4.
19. Januar 1915.
Der Deutsche Kaiser ist kein Frömmler, aber ein frommer, tiefgläubiger Christ, der seinen Tag mit Gott beginnt und mit Gott beendet.
In der kleinen Stadt, die das Große Hauptquartier beherbergt, wurde ein großer Raum zu einer Feldkirche umgewandelt. Hier wird der Gottesdienst für den Kaiser und die Garnison des Hauptquartiers abgehalten. Den langen, mächtigen Hallenraum füllen in dichten Reihen die Soldaten, deren Abteilungen sich aus Linie, Reserve und Landsturm mischen, feste und stramme Gestalten, mit gesunden und ruhigen Bartgesichtern; dazu die kleine, aus allen Reiterregimentern der deutschen Bruderstämme gebildete Kavallerietruppe der kaiserlichen Wache; nahe dem Altar, zu beiden Seiten des auf den Kaiser wartenden Kirchenstuhles, sind die Plätze der Offiziere und des Orchesters, das aus Harmonium und acht Bläsern besteht.
Das Bild des mit roten Tüchern ausgeschlagenen und durch drei Stufen erhöhten Altars hat etwas freudig Aufwärtsstrebendes. Zur Rechten und Linken schmücken ihn zwei große Banner in den deutschen Farben, zwischen denen das Kreuzbild des Erlösers auf die Reihen der Soldaten niederblickt. Das heilige Zeichen leuchtet freundlich in der durch die Fenster hereinflutenden Morgensonne. Und gleich einem Symbol des vor Gottes Antlitz ruhenden Krieges sind auf beiden Seiten des Altars die mit allen Landesfarben der deutschen Stämme bewimpelten Reiterlanzen zu schlanken, friedsamen Pyramiden aneinandergestellt.
Ein Kommando. Das Zusammenklirren der Soldatenstiefel klingt wie ein einziger harter Eisenschlag. Auf dem Bretterboden die ruhigen Schritte eines einzelnen Mannes. Durch die Reihen der Soldaten schreitet der Kaiser zu seinem Kirchenstuhl. Sein Gesicht ist ernst, fast unbeweglich. Und immer, mit einem sinnenden Blick, sind seine Augen emporgehoben zum Bilde Gottes, auf dessen gerechte Hilfe er hofft und baut.
Harmonium und Bläser beginnen den Choral, und Feldprediger Goens — eine Gestalt wie aus einem Holzschnitt des 17. Jahrhunderts in das Leben von heute herausgetreten — steigt zum Altar empor. Mit gewaltiger, Herz und Nerven durchbrausender Tonwelle schwillt aus zweitausend deutschen Soldatenkehlen das alte fromme Kirchenlied durch die goldenen Sonnenbänder empor in das klingende Hallengewölbe. Und noch weiter, noch höher wird es tönen. Solch ein gläubiges Lied voll Kraft und Christentreue und Inbrunst muß der Himmel erhören. Der schöne machtvolle Klang erschüttert mich bis in die tiefste Seele, und alles Denken in mir ist deutsche Andacht.
Der Prediger liest das Epiphanias-Evangelium, die Geschichte der morgenländischen Magier, die in gläubiger Sehnsucht auszogen, geführt von ihrem Sterne, und in Redlichkeit alle Tücke und Hinterlist des Herodes zuschanden machten und wieder heimkehrten in ihr Land, den gefundenen Gott im Herzen. Tief und warm, in einer ebenso zum anspruchsvollsten Verstande wie zu aller Einfalt der Volksseele sprechenden Weise deutet der Prediger die biblische Überlieferung zuerst in christlichem Sinne. Dann hebt er das Ewig-Menschliche aus dem schönen Gleichnis hervor: das ruhelose Wandern und Streben der irdischen Hoffnung nach allem Höheren und Besseren. Aus der wachsenden Flamme seines Wortes steigen die großen Bilder eines in Sehnsucht und Gottvertrauen suchenden Volkes empor, das in unübersehbaren Scharen und im Gefunkel seiner gesegneten Waffen auszog und Heimat und Herd verließ, um die Freiheit seines bedrohten Lebens zu beschützen. Geführt vom leuchtenden Stern der deutschen Hoffnung, von Wahrheit und Treue geleitet, wird dieses Volk durch Kampf und Prüfung einer Zeit der Blüte und Ernte entgegenschreiten und jede feindliche Tücke und herodianische Hinterlist zuschanden machen. Und heimkehren wird es in sein Land, mit dem Glauben an Gottes Kraft in der Seele, mit der Freude des gewahrten Rechts im Herzen, mit den Kränzen des Sieges an seinen Fahnen.
Die heilige Verheißung, die von den Stufen des Altars hinausklang über den weiten, von Feldgrauen dicht erfüllten Raum, scheint wie ein frohes Feuer in diese zweitausend deutschen Soldatenbrüste zu fallen. Ihr Danklied braust wie das feierliche Spiel einer riesigen Orgel, und aus diesem machtvoll schwingenden Seelenliede hör' ich außer Andacht und Gottvertrauen noch andere Klänge heraus: heiße Sehnsucht nach der Heimat, zärtliche Grüße der Söhne an Väter und Mütter, dürstende Liebesträume junger Herzen, glühende Segenswünsche der Graubärtigen für ihre Kinder.
Nun wird es still über alle Köpfe hin. Kein Scharren einer Sohle, kein Räuspern. Ein Schweigen, das lautlos ist. Der Kaiser hat sich erhoben und den Helm vom Haupte genommen. Warmes Leben ist in seinen Zügen, sein Gesicht und seine Augen sind froher und heller, als sie waren, da er kam; das Antlitz emporgehoben zum Kreuzbilde, betet der Deutsche Kaiser stumm zu dem gerechten Gotte, an den er glaubt. Um was er betet, das hört nur ein Einziger. Doch wir Deutschen, die wir ihn kennen, wir wissen alle: er betet als Vater für Frau und Kind, betet als Mensch für die Menschen, betet als Herrscher für Heimat und Volk und Heer.
Immer mußte ich ihn ansehen. Mich erfüllt eine Stimmung voll schöner Weihe und ruhiger Zuversicht. Sie hält noch immer in mir an, während ich schon draußen in der Sonne stehe und die Truppen sich ordnen, um vor dem Kaiser zu defilieren. Trommeln und Pfeifen. Dann der alte, das Blut befeuernde Yorck-Marsch. Mit Klirren und Stampfen geht's vorüber, jeder Truppenteil wie ein festgeschlossener, unzerreißbarer Felsklotz. Die gesunden, straffen Gestalten erzittern von der Wucht des Marsches, und wie Eisenhämmer schlagen die gut deutschen Stiefelsohlen in den französischen Morast.
Da hör' ich ein frohes Auflachen des Kaisers. Er winkt mir. »Ganghofer! Haben Sie sich das angesehen? Wie großartig die Leute marschieren! Ganz famose Menschen!« Wieder lacht der Kaiser, herzlicher als ich es jemals von ihm hörte. Und eine starke Freude glänzt in seinen Augen.
Ein paar Minuten später beginnt die Fahrt im offenen Auto. Schade, daß jetzt die Sonne ein bißchen Verstecken spielt und nur zeitweilig durch die Klüfte der trüben Wolken hinausguckt. Über dem Lande, das ich sehen soll, liegt so viel dunkle Trauer, daß nur reichliche und ausdauernde Sonne sie etwas aufhellen könnte.
Den Kaiser begleiten im Auto zwei Herren des militärischen Gefolges. Und zwei Militärkarabiner, mit den Patronentaschen daneben, lehnen in den Ecken des Wagens. Sonst kein Geleit, kein Schutz. Der Kaiser will es so. Auch haben die Deutschen alles okkupierte Land schon friedlich und ruhig gemacht und haben ihm reichliche Hilfe in seiner wachsenden Not geleistet. Mit flinker Fahrt geht es neben gesprengten Steinbogen über eine hölzerne Notbrücke, gegen deren Balken die rauschende Flut des hochgestiegenen Stromes anstürmt wie ein grimmiger Feind. Nur noch handbreit ist der Brückenbogen über dem schießenden Wasser. Das sieht aus, als müsse man Sorge um die Brücke haben; aber der Kaiser sagt: »Da ist keine Gefahr. Was deutsche Pioniere bauen, das hält.«
Was ich an Landschaft zu sehen bekomme, hat liebenswürdige Linien. Doch keine Ferne will sich richtig aufklären.
An kleinen Dörfern geht es vorüber, in die noch keine deutsche Granate gefallen ist. Auch unbeschädigt sehen sie abscheulich aus. Solch ein Bild von Verwahrlosung und gleichförmiger Geschmacklosigkeit, von Mangel an Hausfreude, von gartenloser Nüchternheit, von bedrückender Aneinanderpferchung, von Schmutz und Unordnung hab' ich außer hier in Nordfrankreich noch nie in einem Lande gesehen, das Anspruch auf Kultur erhebt. Wohin die Deutschen da kommen, überall müssen sie erst Ordnung schaffen und fegen und scheuern, bevor sie sich auf einen Sessel niedersetzen oder in einer Stube ruhen können.
Und dieses Graue da drüben über dem Strom, dieses Leblose, von jedem Atemzug Verlassene, dieses Zerrissene und Zerfetzte, dieses widersinnnig Ausgefranste, durchschlungen von rauchschwarzen Zerrbildern? Was ist das? Wie ein anderes Pompeji sieht es aus, nur ohne Tempel und Säulen, alle Ruinen zu einem grauenhaften Schutthaufen übereinandergerüttelt durch ein neues Erdbeben?
Das ist Donchery gewesen, um dessen Mauern einer der härtesten Kämpfe tobte.
Heimat, Heimat, wehre dich mit allen Kräften deines Volkes, mit jeder Waffe deines Heeres und jedem Opfer deiner Bürger, um solch ein Furchtbares von dir abzuwenden! Dieses Grauen hat mit der Übermacht der Feinde schon hereingezüngelt über unsere Grenzen. Es soll nicht weiterschreiten, wir wollen uns stemmen dagegen mit unseren Leibern, mit unserem Gut, mit allem, was wir sind und was wir haben! Der Gedanke, daß unsere sieghaft vorschreitende Befreiung und Erlösung scheitern könnte am eigennützigen Kleinmut und am kurzsichtigen Egoismus Weniger — dieser Gedanke legt sich wie eine Klammer um mein Herz, wie ein quälender Eisenreif um meine Kehle.
Gibt es Zufälle, die wie geheimnisvolle Gesetze sind? Während ich die Gedanken, die mich durchschüttern, stumm in mir verschließe, beginnt der Kaiser plötzlich, ohne jede Beziehung zu einem vorausgegangenen Worte, von dem herrlichen, wundervollen Zusammenhalt des ganzen deutschen Volkes zu sprechen, von der heiligen Begeisterungsflamme der ersten Augusttage. »Es ist meine schönste Freude, daß ich das erleben durfte.« Und nach kurzem, nachdenklichem Schweigen sagt er: »Wenn es nicht so gewesen wäre —« Er spricht diesen Satz nicht zu Ende, aber er atmet auf und sieht gegen Donchery zurück, dessen Trümmerstätte schon verschwunden ist.
Mir wird leichter um die Brust. Auch die Landschaft, durch die wir fahren, bringt aufrichtende und verheißungsvolle Erinnerungsbilder. Historischer Boden! Heiliger Boden für uns Deutsche! Das Schlachtengelände von Sedan!
»Dort oben«, sagt der Kaiser und deutet nach einer Feldhöhe, »da ist mein Vater gestanden.«
Neben der Landstraße huscht ein kleines, einsames Haus vorüber.
»Hier ist Napoleon mit Bismarck zusammengetroffen.«
Aus einem hübschen, in seiner Laublosigkeit durchsichtigen Wäldchen lugen die Türme und Mauern eines zierlichen Schlosses heraus.
»Das ist Bellevue. Hier war die Unterredung meines Großvaters mit Napoleon.«
Diese Worte des Kaisers wecken in mir das Feuer eines frohen deutschen Stolzes. Gerne hätte ich haltgemacht und wäre ausgestiegen, um diese geweihten Stätten der Reichswerdung als Andächtiger zu besuchen. Aber ich nahm mir heilig vor, noch einmal hierher zurückzukehren.
Nun geht es seitwärts, mitten durch das weite Überschwemmungsgebiet der Maas. Von der Straße wird es auf hohem Damm durchschnitten. Lange Proviantkolonnen knattern vorüber, feldgraue Radfahrer sausen vorbei. Die meisten der Soldaten grüßen, wie man unbekannte Offiziere grüßt, doch mancher, trotz der schnellen Fahrt des Autos, erkennt den Kaiser und ist mit jähem Ruck in eine unbewegliche Säule verwandelt, die zwei groß aufgerissene, freudige Augen hat.
Eine Ortschaft kommt, die sich hell abzeichnet auf dem dunklen Hintergrund des Waldes von Woevre. Und über die Mauer eines Parkes hebt sich ein schmuckes, kleines Schloß empor: das Ziel der Fahrt.
Im Schloßhofe begrüßt der deutsche Kronprinz mit den sechs Herren seines Stabes den kaiserlichen Vater, der den Sohn herzlich umarmt.
Seit dem Frühjahr scheint sich die schlanke Gestalt des jungen Heerführers, den wir Deutschen jetzt den Sieger von Longwy nennen, noch gestreckt zu haben. Auch in ihm wirken die starken Mächte der großen Zeit. Die Sonne des Sommerfeldzuges und Wind und Wetter des Winters haben sein frisches, gesundes Gesicht gebräunt. Und seine frohen Augen glänzen in Freude — kann er doch dem Vater von einem großen Erfolge der letzten Nacht erzählen. »Ein festes Stück vorwärts gekommen, und zwölfhundert Franzosen gefangen!« Die müssen auf dem Marsche zur Bahn in einer Stunde da vorbei kommen.
Mir hämmert es in der Brust. Eine Siegesnachricht, die so warm und neu aus dem Schützengraben heraufschnellt, wirkt wesentlich anders, als wenn man sie daheim an der Mauer oder in der Zeitung liest. Man hat auch da seine heiße Freude. Aber wie frischer, um so besser.
Die gute Nachricht belebt und erwärmt die Stimmung am Frühstückstisch. Dem Kaiser schmeckt das Mahl, und scherzend sagt er zum Kronprinzen: »Bei dir ißt man besser als bei mir. Ich muß mir das überlegen, ob ich nicht deinen Koch requirieren lasse?«
Kaum ist an der Tafel das Obst gereicht, da heißt es: »Sie kommen!«
Die Straße hat sich schon zu beiden Seiten mit langen und dichten Reihen der Feldgrauen gefüllt. Durch diese Soldatengasse bewegt sich ein Zug von seltsam aussehenden Gestalten einher. Franzosen? Wo ist denn die berühmte rote Sache, die man die Hose von Frankreich nennt? Davon ist nichts zu sehen. Ein bißchen Blau sieht man, ein dunkles Blau, alles andere an diesen Kommenden ist gelb. So tappen und taumeln sie durch die Gasse her. Und ein Photograph hat sich auch schon eingefunden; glückselig dreht er die Kurbel seines Kinokastens, immer mit dem Objektiv gegen den Kaiser hin. Der sieht es, wird sehr unwillig, deutet auf den näherkommenden Zug der Gefangenen und ruft dem Photographen zu: »Sie! Photographieren Sie doch das da! Die Soldaten! Nicht immer mich!« Ich habe selten einen verlegeneren und hilfloseren Menschen gesehen als diesen aus allen Himmeln gerissenen Filmkünstler. Er dattert mit dem Apparat, rutscht hin und her, dreht an der Kurbel, stockt wieder — und ich besorge, der Film ist gründlich mißlungen. Und wenn die deutschen Fürstenkritiker diese zerrupfte Sache sehen, werden sie sagen: »Wenn sich der Kaiser schon immer photographieren lassen will, soll er sich wenigstens einen geschickteren Photographen aussuchen.« So entsteht, was man als gerechtes und objektives Urteil bezeichnet. Es ist, wie im großen so auch im kleinen, immer wieder die Geschichte von Helgoland und Sansibar.
Die heitere Stimmung, in die ich geraten bin, schlägt mir plötzlich um in eine schwere und tiefe Erschütterung. Mir scheint, ich muß mich erst an den Krieg gewöhnen. Unpolitisches Erbarmen ließ mich für einen Augenblick vergessen, daß ich Deutscher bin und daß diese Gelben, die da vorüberwandern, unsere erbitterten Feinde sind, die auf deutsche Soldaten schossen und stachen und schlugen. Das vergaß ich für einen Augenblick, weil die meisten dieser Menschen da grauenhaft aussehen, herzergreifend. Sehen so auch die Unseren im Schützengraben aus? Dann wissen wir in der Heimat noch immer nicht, was Krieg ist, und was unsere lieben, treuen Feldgrauen um unserer Sicherheit willen ertragen müssen.
Was wir in der Heimat an Gefangenen sehen, ist etwas ganz anderes als hier; bis sie hinauskommen zu uns, hatten sie schon viele Tage Zeit, sich zu erholen, sind gut ausgeschlafen, sind gekräftigt, ordentlich genährt, sind gewaschen und gereinigt. Aber hier, im Felde, wo sie vor wenigen Stunden erst aus den Schützengräben herausgefischt wurden, stecken die meisten in Kleidern, die nimmer als soldatische Uniform zu erkennen sind, sondern von Nässe klatschen und von den Stiefeln bis hinauf zur Brust so dick mit Kot und Lehmklumpen behangen sind, daß alles gelb ist an ihnen. Einige sehen wohl besser und frischer aus, bewegen sich leicht und lebhaft, lassen sich ihr Pfeifchen oder die Zigarette schmecken und können sogar lachen, hochmütig und spöttisch. Aber die meisten sind schwer erschöpft, schleppen sich mühsam unter der Last dieses nassen Dreckes an ihrem Leib, sind bleich und verstört, haben abgezehrte Wangen und eingesunkene, trauervolle Augen. In vielen Gesichtern ist der seelenlose Stumpfsinn, den ein monatelanges Leiden in ihnen erzeugte. Einige sind leicht verwundet, schon verbunden. Viele gehen Arm in Arm gehängt, die noch Kräftigeren stützen die Schwächeren. Unter dem Tausend sind kaum hundert hoch und gut gewachsene Leute, von denen wir Deutschen sagen würden: Das sind Mannsbilder. Alle anderen sind klein, zart und schwächlich von Natur, dazu noch zerrieben von der Mühsal des Krieges, viele unterhalb unseres Militärmaßes, sogar von zwerghaft zurückgebliebenem Wuchs.
So wandern sie vorbei — nicht verspottet und verhöhnt, nicht beschimpft und mißhandelt, nicht bespien und mit Fußtritten regaliert, wie es deutschen Gefangenen in Frankreich erging. Unsre Feldgrauen stehen ernst und schweigsam, sie reden und lachen nicht. Und viele von ihnen, die doch unter dem Kugelregen der Franzosen gestanden und bedroht waren von Wunden und Tod — vielen kann ich es an den Augen ansehen, daß in ihren »Hunnenseelen« das gleiche menschliche Erbarmen ist wie in mir, der ich mich an solche Bilder des Krieges erst noch gewöhnen muß und noch keine von seinen Gefahren verschmeckte.
Während die Gefangenen am Kaiser und der Gruppe seiner Offiziere vorüberkommen, reden wunderlich verschiedene Dinge aus diesen französischen Augen: Gleichgültigkeit und Neugier, Hohn oder Haß. Aber es sind doch auch manche dabei, in denen der Zorn und die Pein der Stunde nicht völlig die Züge soldatischer Ritterlichkeit ersticken kann. Ob sie den Kaiser und den Kronprinzen erkennen? Oder ob sie nur glauben: das sind Generäle? Sie salutieren oder ziehen das Käppi herunter, und der Kaiser dankt.
Die letzten verschwinden, und eine Gruppe von deutschen Lanzenreitern klirrt hinter ihnen her.
Das Bild, das ich gesehen, beschäftigt mich noch lange, während die Fahrt im Auto gegen Süden geht. Der Kronprinz begleitet seinen kaiserlichen Vater eine Strecke Weges, will ihm eine Stelle mit weiter Fernsicht gegen die Argonnen zeigen. Das Gespräch der beiden, das sich immer um Dinge des Krieges dreht, ist ernst, aber die Stimmen bleiben durchhaucht von einer warmen Herzlichkeit.
Nach einer halben Stunde hält das Auto. Mitten aus der welligen Landschaft erhebt sich ein großer, steiler Hügel, ein Kalvarienberg, gekrönt von einem mächtigen Kreuzbild.
Der Weg da hinauf ist mit Schwierigkeiten verknüpft, denn die Regengüsse vieler Wochen haben den lehmigen Steilhang so durchweicht und versumpft, daß jeder Schritt ein Glitschen und Rutschen wird. Aber die Kletterei belohnt sich. Droben eine meilenweite, wundervolle Rundschau! Das große Stück Welt, das zu sehen ist, gleicht einem in den Wolken schwimmenden Riesenteller, der belegt ist mit Wäldern und Feldern, mit Städten und Dörfern, mit Strömen und Bächen. Und alles ist Land, das die Deutschen eroberten! Und gegen Südosten zieht sich durch das Grau des fernen Horizonts etwas hin, das einer schwarzen, langgestreckten Gigantenschlange gleicht. Das ist der Argonnenwald, der unserem Heere so blutig zu schaffen macht. Immer klingt aus jener Ferne ein dumpfes Murren her, ganz leise, kaum noch zu hören im Brausen des Windes, der den Hügel überweht. In der Höhe jagen zerrissene Wolken; und sieht man empor zu ihrem Flug, so scheint das mächtige Kreuzbild sich herabzuneigen, als möcht' es in Barmherzigkeit das Menschengeschlecht der Erde umarmen.
Beim Niederstieg erweist sich der glitschige Boden noch feindseliger. Ich frage den Kaiser, ob ich ihn stützen darf. »Ja! Kommen Sie her!« Er faßt mich an der Schulter. So geht es langsam hinunter, und ich haue bei jedem Schritt den Stiefelhacken ein, wie bei Glatteis auf einer Gemsbirsche. Halb sind wir schon drunten. Da rutsche ich selber aus. Und der Kaiser mit seiner starken Faust hält mich aufrecht. Meinen etwas verlegenen Dank erwidert er mit dem lachenden Wort: »Soldat und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!« —
Während der Rückfahrt durch die sinkende Dämmerung spinnen sich in meiner Seele hundert Gedanken und Bilder um dieses vieldeutige Wort des Kaisers. —
Und ich glaube, daß man uns Deutschen in dieser Zeit von heute keine stärkere und tiefere Mahnung sagen kann als dieses Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«
Geschieht es so — nicht nur im ersten Feuerstrom des alle Herzen durchflammenden nationalen Glaubens, sondern auch in allen Wechselfällen eines langen und zähen Kampfes, der von Bürger und Soldat das letzte der deutschen Kraft verlangt — dann werden wir als Volk nicht niedergleiten in Schmutz und Tiefe. Wir werden aufrecht stehen! Und gleich den gläubigen Magiern aus dem Morgenlande, die geführt wurden von ihrem leuchtenden Sterne, werden wir alle Tücke und Hinterlist des Herodes, der uns in Neid erwürgen will, zuschanden machen!
5.
22. Januar 1915.
Wir leben in einer gerechten Zeit, die es sich angelegen sein läßt, allerlei unzutreffende Urteile in den Köpfen und Herzen des deutschen Volkes richtigzustellen. Jetzt wissen wir, daß unser Entrüstungssturm über Zabern keine völlig objektive Sache war; daß uns eine kleine, wieder deutsch gewordene Insel in der Nordsee viel schutzreichere Dienste leistete als jenes größere Inselland an der ostafrikanischen Küste, dessen Abtausch an England wir mit leidenschaftlichem Kummer beklagten und als Diebstahl an der Schatztruhe des deutschen Michels bezeichneten; und seit unsere jungen Offiziere das Monokel fallen ließen und, ein befeuerndes Vorbild für die Mannschaft, mit Heldenruhe und heiligem Opfermut in den Bleihagel der Feinde schritten, wissen wir auch, daß wir alle Ursache haben, den Typus des deutschen Leutnants wesentlich anders und unabhängiger von Äußerlichkeiten zu konturieren, als dies noch in der letzten Juliwoche des vergangenen Jahres geschehen ist.
Ein langer Friede, und mag er an sich die schönste und begehrenswerteste Sache sein, ist doch auch ein diplomierter Pädagoge für Erziehung ungerechter Nörgelsucht, skrupellosen Haders und ausartenden Mißtrauens; unter der Engelsmaske schneidet sein Gesicht die Grimassen eines Verleumders und Lügners; mit dem Motto »Verwirf das Gute und begehre das Bessere!« zerbröselt er jene menschlichen Werte, deren wir in stürmischen Zeiten am dringendsten bedürfen, und die — das mag zu seiner Entschuldigung gesagt sein — auch nur in der Morgenröte großer Ereignisse ihre wahre Gestalt und ihr innerstes Wesen zu zeigen vermögen. Deutschland wäre ärmer geblieben um einen genialen Feldherrn, wenn es nicht reicher geworden wäre um diesen heiligen Krieg.
Gewiß sind Witz und Satire zwei völlig unentbehrliche Waffen jeder Kultur, jeder ethischen und nationalen Entwickelung. Aber künstlerische Schöpferkraft ist nur dann in ihnen, wenn sie die Größe fördern und bejahen, die sie zu befehden scheinen. Fehlt es ihrem Maßstab an gerechtem Gewissen, verliert ihr Scheinbild jede Beziehung zum Bilde der Wirklichkeit, jeden positiven Boden, und wird es zur augenlosen Negation, die à la mode einen vergnüglich mundenden Kaviar für das Volk bereitet, dann ist es mit Witz und Satire die gleiche Sache, wie wenn die völkerrechtlich zulässigen Mantelgeschosse durch sträfliche Manipulationen zu mörderisch wirkenden Dum-Dum-Kugeln verzwickt werden.
Man verzeihe mir dieses etwas philosophisch angehauchte Vorspiel. Es begann in mir zu klingen, als ich am dritten Tage meines Aufenthaltes im Großen Hauptquartier einen für uns Deutsche gerade jetzt sehr wichtigen Mann kennen und in gesteigertem Maße ehren lernte — einen Mann, den wir immer als »Philosophen« zu besteckbriefen liebten — wenigstens bis zu jenen Augusttagen, die uns eine gerechtere Meinung von ihm beibrachten. Ich hab ihn früher niemals so Aug' in Auge gesehen, immer nur aus der Ferne, wie auch Millionen andere ihn sahen. Nah und genau betrachtet, sieht er ganz anders aus. Ich muß gestehen, daß ich noch nie einen so krassen Widerspruch zwischen Lebenswahrheit und landläufiger Karikaturtype beobachtete.
Die Natur hat diesen Mann nicht mit zwölf Kopflängen ausgestattet, wie den roten Theaterprinzen von Arkadien, und hat ihn auch nicht so hopfenstangenmager gebildet, wie er immer gezeichnet wird. Er sieht viel eher wie ein fester, wohlproportionierter, derbgesunder und breitschulteriger Forstmann aus, der seine Galauniform genau so bequem und selbstverständlich trägt wie sonst seine Waldjoppe. Dazu ein wuchtiger, strenggeschnittener Kopf, unter dessen hartknochiger Stirnwölbung sich kein Versteck für nebulose Theorien vermuten läßt. Was edles Metall ist, prägt sich anders als lindes Blei; und klare Formen sind immer eine Gewähr für die Eigenschaften des Inhalts. Bei seiner umfassenden Geistesbildung mag dieser kraftvoll aussehende Mann wohl mehr von philosophischen Dingen wissen als mancher unter jenen, die ihm den »Philosophen« anzukreiden pflegen. Aber er ist weder menschenferne und trocken wie der große Weise von Königsberg, noch gallig und moros wie Schopenhauer, noch ein wortschwelgerischer Systematikus wie Hegel, noch dithyrambisch-bärbeißig oder entrückt-melancholisch wie Nietzsche. Er ist und blickt und redet und geht und steht wie ein prachtvoll natürlicher Mensch, der ohne Mittel, nur durch sich selbst und durch die ruhige Festigkeit seines persönlichen Wesens gewinnt und erobert — wenn man sich nicht gewaltsam und eigensinnig dagegen sträubt, wie die meisten von uns Deutschen es getan haben, seit der ersten Stunde seiner Amtsführung. Aber dieser Widerstand ist wohl erledigt seit dem erhebenden Augusttage, an dem unser Reichskanzler sprach, was allen Deutschen aus der Seele gesprochen war, und an dem er sich als eine tragende Säule der festen, raschen und entscheidenden Tat erwies, die notwendig war für die Sicherheit und den Fortbestand unseres Reiches. Und nun wollen wir Deutschen das niemals wieder vergessen: daß Mißtrauen und anspruchsvolle Ungeduld aus Vergleichsmanie gefährliche und lähmende Kräfte sind. Das willige Vertrauen des Volkes formt den begabten Staatsmann, wie die Gelegenheit des Krieges den geborenen Feldherrn erscheinen und erkennen läßt. Wir von heute wissen, wie das deutsche Volk seinen Bismarck auf der Höhe seiner reifen Kraft und seines Erfolges nahm; aber nicht alle erinnern sich daran, wie er in den Jahren seiner Entwicklung genommen wurde, und daß man den Abgeordneten von Bismarck-Schönhausen bei seiner Jungfernrede verhöhnte und auslachte. Übrigens — damals wurde viel davon gesprochen, was mit Polen geschehen soll. Was Bismarck in der Magdeburger Zeitung aussprach, und was in der Paulskirche der junge Dichter Wilhelm Jordan über Polen sagte, das sollte man heute nachlesen, sehr aufmerksam. Vieles davon stimmt auch heute noch und kann Wege zeigen. —
Das Auswärtige Amt ist im Großen Hauptquartier untergebracht in dem Gartenhaus eines Bankiers, von dem es ebenfalls heißt: »Il est parti!« — zu deutsch: verduftet! Aber in dem Hause, aus dem er entfloh, ist ein Odeur seiner seltsam träumerischen Seele zurückgeblieben. Die Wohlhabenheit seines Besitzes läßt vermuten, daß er in seinem Bureau ein tüchtiger Finanzmann war. Doch in der Seele dieses erfolgreichen Geldsammlers muß ein Winkelchen gewesen sein, das angefüllt war: mit märchenzärtlicher Romantik. Das beweist die ganze Ausstattung seines Hauses, und vor allem beweist es der große, jetzt zur Arbeitskarte des deutschen Auswärtigen Amtes umgewandelte Salon, dessen wunderlichen Schmuck allerlei mechanische Spielwerke bilden. Der Träumer brauchte da nur in seinen Mußestunden ein paar Schlüssel zu drehen und ein paar stählerne Federn aufzuziehen: dann tanzte eine Bajadere, ein schöner Türke machte Gebetsverbeugungen, ein Schlangenbändiger gab eine Vorstellung und ein Affe fing zu klettern an und produzierte seine drolligen Kapriolen.
Jetzt stehen diese Spielwerke still. Der deutsche Reichskanzler hat in dem okkupierten Salon viel notwendigere Dinge zu tun als Affen klettern und Bajaderen tanzen zu lassen. Doch ist zu vermuten, daß er wirksam damit beschäftigt ist, die giftige Schlangenschar der von unseren Feinden in die Welt geworfenen Lügen zu bändigen — wobei das deutsche Heer mit nie ermüdendem Fleiß den Eisenschlüssel dreht und die stählernen Federn aufzieht.
Zwischen den ruhenden Spielwerken stehen die Schreibtische, denen man es ansieht, wie ruhelos hier gearbeitet wird. In der Mitte des Raumes befindet sich der Schreibtisch des Reichskanzlers — und unter den Büchern, die da liegen, gewahre ich einen Band Satiren von Ludwig Thoma. Es macht mir Freude, das Wohlgefallen des Reichskanzlers von Bethmann Hollweg am süddeutschen Klang bestätigt zu sehen. Ich äußere das, und er sagt in seiner warmen, freundlichen Art: »Ja, das ist im Feld und zwischen der Arbeit meine Lieblingslektüre. Dabei erhole ich mich und werde ruhig.«
Ein Jagdausflug, den der Reichskanzler im Herbste 1913 nach Linderhof machte, gibt Veranlassung, von meiner Heimat, ihren Bergen und ihrem Volk zu sprechen. Wieder höre ich die gleiche Anerkennung der verläßlichen Tüchtigkeit unseres Bayernheeres, wie schon der Kaiser sie mir mitgeteilt hatte. Und das Gespräch leitet über auf den Gang der Dinge zu Hause, auf die Opferwilligkeit und auch auf die nervöse Ungeduld der Daheimgebliebenen, auf schwer fühlbare Härten der Zeit, auf akute Probleme der Industrie, des von Schwierigkeiten bedrückten geschäftlichen Verkehrs und der reichen vaterländischen Fürsorge. Was ich im Verlaufe dieses Gespräches hörte, läßt sich zusammenfassen in die Worte:
»Bewundernswert ist es, was zu Hause an Opferwilligkeit geleistet wird! Aber die Unruhe, die sich daheim in manchen Erscheinungen äußert, begreift man hier im Felde nicht ganz. Zu irgendwelcher Unruhe ist doch nicht der geringste Grund vorhanden. Eine Zeit wie die jetzige ist immer schwer, für alle und für jeden. Das muß eben überwunden werden. Und wir werden es überwinden. Dann wird das Verlorene sich wieder ersetzen, doppelt. Wie es hier im Felde steht, das werden Sie mit eigenen Augen sehen. Erzählen Sie es nur daheim! Überall geht's voran, manchmal für die Ungeduld zu Hause nicht schnell genug, aber man muß einem zähen Feinde gegenüber vorsichtig sein und unnötige Opfer vermeiden, um Kraft für entscheidende Stunden zu sparen. Wenn man sieht, wie tüchtig und beharrlich im Felde gearbeitet wird, nicht nur an der Front, sondern auch hinter der Front und zwischen den Kämpfen, dann wird man ruhig, fühlt sich sicher und wird vertrauensvoll, auch in nötigem Maße geduldig.«
Wenn man unseren Reichskanzler schon einen »Philosophen« nennt, so ist das eine Philosophie, die wir Deutschen uns alle zu eigen machen sollten, bis sie Stein und Bein in uns geworden. Ich habe vor kurzer Frist in der »Frankfurter Zeitung« ein starkes und tiefes Wort von Theobald Ziegler gelesen: »Der Sieg ist unser Schicksal, dem wir entgegenreifen.« Und neben dieses Wort will ich einen japanischen Ausspruch stellen, von dem wir in diesen Tagen gehört haben: »Wer im Kriege die Hilfe der anderen braucht, hat schon verloren.« Zwei Worte — in dem einen kristallisiert sich der Glaube, im anderen der Beweis. Bei uns ist die Kraft, bei uns der Sieg. Da sollte uns das bißchen Warten und Geduld doch so leicht werden wie ein Spiel, dessen stählerne Feder man mit keinem Schlüssel aufzuziehen braucht!
— (Während ich das niederschreibe, marschiert unter meinem Fenster zu Peronne ein Bataillon des Münchner Leibregiments vorüber, marschiert in sausendem Wind und unter strömendem Regen zur Ablösung in die Schützengräben. An die tausend Feldgraue sind es. Und sie singen! Diese prächtigen Menschen! Ihr, die ihr zu Hause seid, ihr hört ja diese Lieder unter eueren Fenstern auch, fast täglich! Das klingt auch in der Heimat schön — und dennoch anders! Hier, während in geringer Ferne die große Trommel der Geschütze dröhnt, klingt dieses kraftvolle Lied so ruhig und heiter, so gläubig und zuversichtlich, daß ich es nicht zu schildern vermag. Die Wirkung ist so mächtig — man kann es nicht sagen, nur fühlen. Etwas Starkes und überwältigend Frohes ist in mir — aber ich muß für eine Weile die Feder fortlegen, weil ich zum Schreiben nimmer sehe.) —
— — Laßt mich wieder erzählen!
Der klärende und erhebende Eindruck, den ich aus dem französischen Gartenhaus des deutschen Reichskanzlers mit mir fortnahm, sollte noch ein tragendes Fundament am Abend finden, als ich wieder in dem kleinen Wintergarten der stillen Villa war, im Kreise der den Kaiser umgebenden Offiziere.
Ich sah und hörte da ein für uns alle sehr lehrreiches Beispiel von des Kaisers Geduld und Ruhe gegenüber den Verleumdungsbomben, die von unseren vielen Feinden mit sehr übel riechendem Pulver gegen uns abgeschossen werden. Diese Dinge erbittern ihn, daß ihm die Stirne brennt. Aber auch in der heißesten Erregung verliert er nie die Herrschaft über sein Wort. Ich hörte den Kaiser in einem solchen Falle sagen: »Das ist stark! Aber dumm ist es auch! Ein Glück, daß die Wahrheit auf die Dauer immer klüger ist und die schnelleren Beine hat.«
Ritterliches Verhalten einzelner Gegner erfreut ihn. Und noch kaum einen zweiten Deutschen hab' ich über gute Eigenschaften, über zähe Tapferkeit und kriegstechnische Leistungen unserer Feinde so objektiv, so gerecht und anerkennend urteilen hören wie den Deutschen Kaiser. Das sollten einmal jene von ihm hören, die alle feindliche Welt jetzt erfüllen mit ihren urteilslosen Pamphleten wider ihn, mit den aberwitzigsten Karikaturen und den niedrigsten Beschimpfungen.
Auch gegen England hörte ich vom Kaiser kein im Zorn maßloses Wort. Jedes Urteil, das er da ausspricht, bleibt doch, so streng es auch manchmal klingt, immer innerhalb der Grenzen einer vornehmen Zurückhaltung. Doch hört man, wenn von den Germanenvettern über dem Kanal die Rede ist, aus seiner Stimme ein leises, kaum merkliches Vibrieren. Dabei mischt sich seine Rede mit Bildern von scharfer Prägung, mit Gleichnissen von schlagender Kraft.
Im Gespräch mit dem Vertreter eines neutralen Staates sagte der Kaiser: »Sie sind doch Sportsmann? Wenn bei einem Wettrennen nach und nach alle schwächeren Konkurrenten ausscheiden, und es ringen nur noch die zwei stärksten Pferde um den Sieg — haben Sie es da schon einmal gesehen, daß der Jockei des Pferdes, welches nachzulassen droht, mit der Peitsche nach dem Jockei des Pferdes schlägt, das ehrgeiziger und besser bei Kräften ist?« Ein Kopfschütteln des Sportsmannes. »Nun? Warum schlägt dann England nach uns? Warum schlägt es nicht auf seinen faulwerdenden Gaul?«
Und noch ein anderes Kaiserwort, von dem ich glaube, daß es festgehalten werden muß:
»Viele von den Leuten, die uns Deutsche immer nach Äußerlichkeiten des Schliffes beurteilen und uns immer Barbaren nennen, scheinen nicht zu wissen, daß zwischen Zivilisation und Kultur ein großer Unterschied ist. England ist gewiß eine höchst zivilisierte Nation. Im Salon merkt man das immer. Aber Kultur haben, bedeutet: tiefstes Gewissen und höchste Moral besitzen. Moral und Gewissen haben meine Deutschen. Wenn man im Ausland von mir sagt, ich hätte die Absicht, ein Weltreich zu gründen, so ist das der heiterste Unsinn, der je über mich geredet wurde. Aber in der Moral, im Gewissen und im Fleiß der Deutschen steckt eine erobernde Kraft, die sich die Welt erschließen wird!«
Unser Kaiser ist ein Deutscher im Sinne seines eigenen Wortes.
Das alles durfte ich erzählen und glaubte es erzählen zu müssen. Wird auch den toll gewordenen Lästerhähnen aller uns feindlichen Länder der »zweite Attila« vorerst nicht auszureden sein, so werden diese Charakterzüge und Worte des Kaisers doch dazu beitragen, daß wir Deutschen sein innerstes Wesen richtig erkennen.
Dieser Abend in dem kleinen französischen Wintergarten — es waren außer dem Großadmiral von Tirpitz als Gäste noch zwei Offiziere da, von denen der eine als Kurier aus Konstantinopel, der andere als Kurier aus dem Osten, vom Heere des Feldmarschalls Hindenburg, gekommen war — dieser Abend gab mir auch noch andere Dinge zu hören, sehr erfreuliche und verheißungsvolle! Die muß ich in mir verschließen. Nur dieses eine darf ich sagen: Als ich an diesem Abend unter rauschenden Regengüssen zu meinem engen Grillenhäuschen heimwanderte durch die finstere Nacht, da sah ich unsere deutsche Sonne glänzen, groß und schön!
6.
24. Januar 1915.
Alles ist grau in grau verschwommen. Der Regen plätschert, und was Strom oder Bach heißt, ist wie ein wildes Tier. Bei jeder Wasserpfütze, in die ich trete, bei jedem Schlammloch, in das ich hineintappe, muß ich an unsere Soldaten denken, die in den verpfuhlten Schützengräben liegen. Bei uns zu Hause geht man unter dem Regenschirm oder bleibt daheim oder sitzt im Kaffeehaus. Mag es so sein! Wenn wir nur des Unterschiedes nie vergessen!
Gegen zehn Uhr morgens wird es ein bißchen heller. Im Auto, das mich abholte, geht's nach Bellevue hinaus. Eine Enttäuschung. Das Schloß, in dem Napoleon seinen Degen an den König von Preußen übergab, ist abgesperrt; es hat bei Beginn des Krieges schon empfindlich gelitten; nun soll diese heilige Gedächtnisstätte der Deutschen vor jeder weiteren Zeitgefahr behütet werden. Der Park ist umzogen von einem Zaun aus Stacheldraht, und ein deutscher Posten steht Wache. Das Schloß ist leer, seine Fenster sind mit Brettern verhüllt, sind geschlossene Augen. Ich will davongehen. Da befällt mich eine tiefe Erschütterung — ich sehe die ersten deutschen Soldatengräber dieses Krieges: kleine lehmgelbe Hügel, schwächliche Holzkreuze, die geheiligten Namen kunstlos daraufgeschrieben, geschmückt mit Kränzen und Tannengewinden, denen man es ansieht, daß sie von harten Männerfäusten geflochten sind.
Lange steh' ich mit entblößtem Kopf. Und ich sehe nimmer die Gräber, nicht den Acker, nicht das Schloß und nimmer den triefenden Wald. Ich höre nur in der Morgenstille den leisen, ruhelosen Fall von unzählbar vielen Tropfen und sehe deutsche Städte und deutsche Dörfer, deutsche Straßen und deutsche Stuben, sehe Kinder, die froh sein möchten und verschüchtert sind, und sehe Mütter, Frauen und Mädchen, alle in schwarzen Kleidern, mit blassen Gesichtern und entzündeten Augen. Vieltausendfach ist der Tod über die Wiesen des deutschen Glückes hingegangen, und in der Heimat fallen der Tränen mehr als Tropfen da drüben in dem regennassen Wäldchen von Bellevue. Doch aus den blassen Gesichtern, die ich sehe, spricht etwas anderes heraus, als es sonst der Gram um versunkene Menschen ist, die uns teuer waren. Die Trauer, die ich sehe, ist gefaßter, edler und heiliger. Stolz und Schmerz sind verschwistert in ihr. Wir alle, die wir um der Heimat willen verlieren mußten, sei es an teuerem Leben oder an Gut, wir alle wissen, wofür wir es hingaben.
Während ich die Gräber verlasse, bleibt in mir eine Stimmung wie nach dem Gottesdienste, bei dem vom sehnsüchtigen Auszug und von der gesegneten Heimkehr der Magier aus dem Morgenlande gepredigt wurde. So betrete ich auf der Landstraße zwischen Bellevue und Donchery das alte kleine Haus, in welchem Napoleon auf Bismarck wartete. Ein niederes, fast leeres Stübchen. Es steht da nur ein Glasschrank mit Erinnerungen und ein Tisch mit zwei Strohsesseln. Auf dem einen dieser Stühle hat Napoleon gesessen, auf dem anderen Bismarck. In dem Glaskasten zeigen kleine Blätter die Handschriften unseres Kaisers, des deutschen Kronprinzen und anderer Fürsten. Jedes Blatt ist an den Ecken beschwert mit den Zwanzigmarkstücken, welche die Hüterin dieses Hauses als Geschenk erhielt. Damals, am Sedanstag, war sie eine Sechsundzwanzigjährige, jetzt ist sie eine Greisin mit weißem Haar. In dem ruhigen Ton, mit dem die Kustoden von Kunstsammlungen zu sprechen pflegen, erzählt sie, wie sie während jener Schlacht mit ihrer Familie im Keller saß und die Granaten sausen hörte, die über das Hausdach hinüber und herüber flogen. Geradeso wäre es jetzt wieder gewesen, beim Kampf und bei der Zerstörung von Donchery. Von der freundlichen Güte unseres Kaisers erzählt sie und von den vielen hohen Gästen, die in ihr berühmtes Haus kommen. Von den tausend anderen, ungefürsteten Besuchern dieses Raumes erzählen die Wände, die Türbretter, die Fenstergesimse, sogar die Stubendecke — alle Plätze, auf die man seinen Namen schreiben kann. Eine wunderliche und rührende Tapete: diese Tausende von deutschen Namenszügen!
Beim Gehen, unter der Türe, sag' ich zerstreut: »Auf Wiedersehen!« Die Greisin erschrickt: »Nein, mein Herr, nein, nein! Da wäre doch wieder Krieg! Das muß der letzte sein!« Sie lächelt. »Kommt noch einer, so leb' ich nimmer!«
Ein Anstieg über eine Feldhöhe. Niedergetretener Hafer und ungeerntete Rüben. Manchmal neben der Straße ein halb wieder zugeschütteter Schützengraben. Dürr gewordene Laubhütten, die den Soldaten als Unterstände bei Regen dienten. Und lange, breite Drahthindernisse, jetzt zerschlagen und zerstampft. Wie kleine dünne Schlangen ringeln sich überall die entzweigeschnittenen Drähte aus dem Kraut heraus.
Hohe, von Gestrüpp überwucherte Erdwälle und hinter ihnen etwas sehr Sonderbares — es sieht aus wie ein gewaltiger Termitenhaufen mit vielen Einschlupftrichtern: das von den Deutschen eroberte und zerstörte Fort des Aivelles, dessen Kommandant sich, als die Feste fiel, eine Kugel durch den Kopf jagte. In einem Föhrenwäldchen liegt das Grab, das ihm die Deutschen gruben, und das sie zur Ehrung dieses Braven in sinniger Weise schmückten. Die Hälfte seiner Besatzung war ihm davongelaufen, bevor die erste deutsche Granate kam — noch heute liegen an vielen Stellen die roten Hosen umher, die diese Sorgenvollen herunterzogen, um sie durch minder gefährliche Bauernhosen zu ersetzen.
Meinen Weg sperrt solch ein riesiger Termitentrichter: die Einschlagstelle eines deutschen Haubitzengeschosses. Ein Loch vom Umfang einer Stube, drei Meter tief, und drunten sieht man durch einen zerrissenen Schacht hinunter in einen schwarzen Keller, in die »granatensichere« Kasematte, deren Betondach der deutsche Schuß zertrümmerte. Überall Vernichtung; zwei Meter dicke Mauern sind zerrupft wie Fließpapier; nur die Torhalle hat standgehalten; hier liegt noch das französische Pulver in den Gewölben. Heiter schwatzende Landsturmmänner sind mit dem Sortieren des Beuterestes beschäftigt; alles wird gesammelt, was sich für deutsche Zwecke wieder verwenden läßt: Eisen, Kupfer, Messing, Zinkblech, Bleiröhren und Gummi. Über Trümmerhaufen und durch Granatenlöcher klettere ich hinauf zur Plattform des Forts. Die Kanonen, die hier stumm gemacht wurden, sind schon verschwunden, nach Deutschland gebracht. Nur die Verwüstung ist noch da, mit grauenvollem Gesicht, mit etwa vierzig Granatentrichtern, die aussehen wie tief eingesunkene Todesaugen. Ein Schuß hat den hohen eisernen Mast der französischen Flagge umgeworfen, hat die Spitze in den Grund gebohrt und den schweren Fuß in die Luft gehoben.
Meine Augen irren über dieses stumme und doch schreiende Bild des Unterganges hin. Ein schmerzender Schauder überrieselt mich bei dem Gedanken, daß unsere deutschen Festungen so aussehen könnten wie dieser leblose Trümmerhaufen — wenn wir nicht die Stärkeren wären und nicht die Ausdauer und den Willen hätten, es auch zu bleiben.
Immer rieselt der Regen, dichte Wolken jagen über Hügel und Wälder hin, und graue, wogende Dünste verschleiern, was Landschaft heißt. Alles Französische scheint sich in deutsches Feldgrau verwandelt zu haben. Aus diesem unübersehbaren Heere lösen sich immer wieder einzelne Gestalten sichtbar ab: Soldaten, welche die Landstraßen und die Brücken bewachen. Bei jedem zweiten oder dritten Kilometer gibt's einen Aufenthalt der Fahrt, eine Schranke, eine Visitation. Mein Ausweis öffnet mir jeden Schlagbaum. So geht's in fünfstündiger Autohetze über Hirson und Guise nach St.-Quentin, in dem es wimmelt von deutschen Kriegern. Wo kommen sie nur alle her? Ganz märchenhaft ist ihre Menge. Und daheim, bei meiner Reise durch deutsches Land, war es ebenso! Sei gesegnet, meine Heimat, du unerschöpflichster aller Menschenbrunnen! Und England will uns vernichten? Uns? Wäre diese britische Sehnsucht nicht so verbrecherisch, sie müßte drollig wirken in ihrer Torheit.
Bei sinkendem Abend erreiche ich die Stadt Peronne. Wieder dieses gleiche Soldatengewimmel, noch dichter als in St.-Quentin! Der große Stadtplatz, auf dem ein gutes Denkmal der Marie Fouré zu sehen ist, einer französischen Heimatsheldin vom Geiste der Jungfrau von Orleans — dieser Platz, den der stumpfköpfige, mit dem gallischen Hahn geschmückte Turm der Kathedrale überragt, sieht mit seiner Soldatenmenge aus wie daheim in München der Marienplatz nach einer Parade am Königstag. Aber bin ich denn in der Fremde? Bin ich nicht wirklich daheim? Überall bayerische Klänge. Münchner Laute! Ich fasse einen Feldgrauen am Arm: »Grüß Gott, Landsmann! Woher sind Sie denn?« — »Von Hoadhausen!« — »Und wie geht's immer?« — »Guat. Warum soll's denn schlecht gehn?« — »Aber eine aufregende Zeit das! Nicht?« — Er sieht mich an, als hätte ich eine Sprache geredet, die er nicht versteht; dann lacht er ein bißchen: »Gell, Sö kommen grad von dahoam? Ja ja, da san d' Leut a so. I woaß net, warum?« — Was dieser eine sagt, das gleiche lese ich aus allen Gesichtern und Augen, hör es aus allen Worten. Hier im Feld ist die Ruhe, das Bewußtsein der deutschen Kraft. Zapplig, ohne Geduld und aufgeregt sind nur wir zu Hause. — »I woaß net, warum?« sagte der brave Feldgraue, der jetzt vier Tage Rast hat und dann wieder vier Tage im Schützengraben stehen muß. Ohne Regenschirm! Gäb' es einen, der ihm dienen könnte, so müßte es einer sein, der, statt mit Seide oder Baumwolle, mit daumendicken Stahlplatten bezogen ist. Und für alle fallenden Tropfen würde der auch nicht helfen!
Mein erster Weg zu Peronne führt mich ins Kriegslazarett. Hier liegt ein junger deutscher Offizier, der mir lieb ist. Ein stummes, festes Umhalsen. Dann sitz' ich an seinem Bett, und seine fieberheiße Hand ruht in der meinen. Aber diese Sorge, die schon wieder verläßliche Hoffnung ist, gehört mir allein. Davon will ich nicht sprechen. Ich bin hier, um zu schauen und um der Heimat zu erzählen, wie meine Reise zur deutschen Front eine Reise zum deutschen Glauben wurde.
Im Lazarett muß ich Bilder sehen, die hart sind und in die Seele schneiden. Ich will sie nicht schildern; wir alle wissen, was Leiden und Schmerz des Krieges heißt. Aber was ich sehe, predigt mir gleich in der ersten Stunde die dankbare Bewunderung für unsere deutschen Ärzte und für den stillen, geduldigen Opfermut unserer Schwestern vom Roten Kreuz. Und diese Blankheit des Lazarettes, diese Ordnung und Sauberkeit! Überall, wo unsere Ärzte einzogen, mußten sie wider den französischen Schmutz zuerst das Wunder der Reinlichkeit wirken.
Aus einem Lazarettraum, an dessen halboffener Tür ich vorübergehe, hör' ich in der sonst tiefen Stille des Hauses einen fast kindlich klagenden Singlaut: »Oooohlala, ooohlala, ooohlala!« So ähnlich sangen einmal auf der Münchner Theresienwiese die Aschantimädchen. Ich frage einen Wärter: »Was ist denn das?«
Er brummt: »Ah mei', so a wehleidiger Franzos, der grad verbunden wird! Gar nix halten s' aus, allweil müssen s' wuiseln. Die Unsern beißen die Zähn übereinand, da hörst kein Laut net! Is halt doch an anderer Schlag, Gott sei Dank!«
Ich spreche ihm das in meinem Herzen nach: »Gott sei Dank!« — Noch am gleichen Abend erzählt mir ein hoher Offizier, daß unsere Feldgrauen für die Franzosen diesen Spitznamen aufbrachten: »Der Ohlala!« Und noch einen anderen haben sie: »Der Tuhlömong!« Wo die feindlichen Schützengräben nahe bei den unseren liegen, kann man häufig das französisch Kommando hören: »Tout le monde, en avant!« — Das Ganze vor! Bleibt dieser Befehl ohne Folge, was häufig geschieht, dann sagen unsere Feldgrauen lachend: »Heut mag er net, der Tuhlömong!«
Als ich aus dem Lazarett auf die Straße trete, fällt der gottverwünschte Regen schon wieder in dicken Schnüren. Nur dieses Rauschen; die Häuser der Stadt sind still und finster, alle Türen und Fensterläden geschlossen; nach Einbruch der Dunkelheit darf sich bei schwerer Strafe niemand von der einheimischen Bevölkerung mehr auf der Straße zeigen. Außer den einquartierten Soldaten wohnen da nur noch Greise und Knaben, Frauen, Mädchen und Kinder. Alle Wehrfähigen sind fortgeführt oder dienen im französischen Heer. Ob diese Dienenden noch leben, oder gefallen, oder gefangen sind, das weiß hier niemand. Seit vier Monaten sind die Einheimischen ohne Nachricht von ihren Vätern und Söhnen im Heer; jeder Briefverkehr mit Angehörigen jenseits der Front ist ihnen zur Verhütung von Spionage verboten. Krieg! Was mag hinter den geschlossenen Fensterläden, durch deren Ritzen das scheue Licht herausquillt in die Regennacht, aus verschlossenem Gram und Zorn geflüstert und geknirscht werden! — Bei uns daheim ist es anders! Da ist Licht und Leben und unbedrückte Freiheit! Auch Leid und Schmerz, gewiß! Das hat seine harten, unvermeidlichen Gründe! — Aber unsere nervöse Ungeduld, die sich manchmal versteigt zu sinnlosem Klatsch und zu Worten voll übler Ungerechtigkeit wider unser Heer und seine Führer? — Wie sagte der brave Feldgraue von Haidhausen? »I woaß net, warum?«
Auf dem dunklen Stadtplatz, bei dessen wenigen Laternen die Wasserpfützen des Pflasters glitzern, nähert sich mir ein mächtiges Rollen, Schnauben und Knattern. Wie ein langer, langer Zug von schwarzen Ungetümen saust es aus der Nacht heraus und in die Nacht hinein. An die vierzig oder fünfzig Lastautomobile mit angehängten Wagen! Und alle sind vollgepfropft mit jungen deutschen Soldaten! Die rauchen ihr Pfeifchen, ihre Liebeszigarren, und lachen und schwatzen! Und meine grüßenden Zurufe erwidern sie lustig, mit gesundem Frohsinn! Als ging' es zu einem Feste! Und sie fahren doch in die schwarze, vom Regen durchpeitschte Nacht hinaus, der Richtung zu, aus der man seit dem Abend immer ein dumpfes Rollen wie von einem schweren, näherkommenden Gewitter hört!
Ich bekomme eine kleine nette Quartierstube, völlig »undevastiert«, obwohl vor mir schon viele Deutsche da gewohnt haben. Der Kamin hat Geheimnisse — man bringt ihn wohl dazu, daß er brennt, aber nicht, daß er heizt. Doch der Gedanke an die da draußen, die noch viel nässer sind und noch viel härter frieren, macht mich geduldig. Auch tröstet mich wieder das famose französische Bett. Ein Segen für uns, daß Frankreichs gute Armee nicht so gut ist, wie seine Betten sind. Da hätten unsere Feldgrauen noch viel härter zu beißen, und wir zu Hause müßten noch viel geduldiger sein, als wir jetzt schon — nicht sind!
Aller Güte dieses Bettes zum Trotze kann ich nicht schlafen. Immer rollt der Kanonendonner. Ein paarmal hör' ich den schweren Schlag einer explodierenden Mine. Die Fensterscheiben klirren und das ganze Hans zittert, obwohl ich etwa acht Kilometer vom Schusse bin. Spring' ich zum Fenster hin, so seh' ich die Lichtbündel der Scheinwerfer über die Wolken huschen. — Wo sind die Minen aufgegangen? Sind Deutsche, sind Franzosen zerschmettert und zerrissen in die Luft geflogen? — So sieht die »Ruhe« aus, die wir bei der Front vermuten, wenn die Depeschen melden: »Nichts Neues!« Wir müssen lernen, zwischen den Zeilen der Telegramme zu lesen. Mir ging es kalt durch die Adern, als ich heute von diesem Minenkrieg erzählen hörte, von dieser Maulwurfsarbeit des Todes unter der Erde, zwischen Schützengraben und Schützengraben. —
Am Morgen regnet's, regnet's und regnet's. Ein Wetter, um beim Gedanken an unsere Truppen zu verzweifeln! Dabei ist es noch ein Glück, daß die Unseren von härterem »Schlag« sind als die Franzosen, denen die Nässe und der Schlamm noch viel empfindlicher an die Haut gehen. Dieses fürchterliche Wetter ist schließlich doch auch ein Bundesgenosse der deutschen Robustheit.
Ich denke das, während ich aus der Haustür trete, und da erbringt mir die Wirklichkeit einen Beweis, der mir Herz und Leib mit Freude durchglüht.
Durch die grob gepflasterte Straße stampft es herauf — wie das Volkslied sagt: in gleichem Schritt und Tritt. Sind das Franzosen? Die gleichen Franzosen wieder, die von der Armee des deutschen Kronprinzen gefangen wurden? Nein! Die Leute sind größer, kräftiger. Auch sind das keine Gefangenen, sie sind nicht bewacht, und sie tragen Waffen! Aber die Gewehre sehen aus, als hätte man sie aus einer Pfütze gezogen; Patronentaschen, Bajonett und Schanzeisen sind mit Schlamm umwickelt; und genau so, wie jene tausend gefangenen Franzosen, die ich gesehen, sind diese fünf-, sechshundert Deutschen von den Stiefeln bis über die Brust hinauf, bis zu Schulter und Hals so dick in gelben, klumpigen Lehm gewickelt, daß von den feldgrauen Uniformen nur wenige unbekleckerte Lappen noch zu sehen sind. Nicht anders sehen Tornister und Mäntel aus. Viele von den Leuten tragen trotz der Kälte die Hälse nackt und haben die Liebesgabenschlipse um den Rand der Stiefelschäfte herumgewickelt, damit sie den Dreck nicht auch noch in die Stiefel bekämen! Aber frische, gesunde, gutgefärbte Gesichter haben sie! Alle! Gut genährt und kraftvoll sehen sie aus! Und aus ihren hellen, ruhig-frohen Augen redet eine wahrhaft stoische Zufriedenheit mit aller Mühsal, die sie erdulden müssen für Heil und Schutz der Heimat.
Nein! Was wir manchmal in den amtlichen Depeschen lesen, vom Gesundheitszustand und der guten Verfassung unserer Truppen, das ist nicht Stimmungsmache! Das ist weniger als die wundervolle Wahrheit, die ich jetzt, beglückt bis ins Innerste meiner Seele, mit eigenen Augen zu sehen bekomme.
Es sind Mannschaften des Münchener Leibregiments, die nach der Ablösung aus den Schützengräben kommen, um vier Tage Rast zu haben. Straff und strack marschieren sie in dem von Schlamm und Nässe klatschenden Zeug an mir vorüber — und weil ihnen ein hoher Offizier begegnet, rucken sie ihre Körper plötzlich auf, und die Stiefel stechen und klingen wie bei festlichem Parademarsch. Hinter ihnen bleibt auf dem groben Pflaster eine lange gelbe Lehmschlange, die im Regen allmählich ersäuft und verschwindet.
So, wie in dieser Minute, hab' ich noch nie im Leben die Notwendigkeit und stählende Kraft der militärischen Erziehung unseres Volkes verstanden. Und ich begreife nun auch die verzagte, hoffnungslose Trauer, die ich hier in den Augen der Einheimischen sehe, wenn sie einen Vorbeimarsch unserer Truppen betrachten; sie sprechen es nicht aus; aber man fühlt es, daß sie denken: »Ihr seid die Sieger!«
Neben aller stolzen Freude zitterte mir doch auch eine Sorge im Herzen, und ich fragte den Offizier, der neben mir stehen geblieben war: »Um Gottes willen, die Leute haben doch nur die eine Uniform, wie werden sie denn wieder trocken und sauber?«
Er lachte: »Ja, das weiß ich nicht. Aber morgen sind sie's wieder. Die meisten helfen sich so, daß sie sich in dem nassen Schmutz auf ihr Stroh legen und die Kleider am Leib trocknen lassen. Andere machen es anders. Neulich sah ich einen in einer eiskalten Pfütze stehen und die Kleider waschen, die er am Körper trug. Ich fragte: >Mensch, was machen Sie denn da?< Der Mann sagte: >Ja, mei', wie soll ich's denn machen? Mei' Zuig muß i endli amal sauber kriegen, nacket kann i mi net herstellen, muß i's halt so machen!< Er wusch und rippelte weiter! Und das Merkwürdigste an der Sache ist, daß wir noch nie so wenig Revierkranke gehabt haben wie jetzt.« —
Ich glaubte bisher, vom ersten Tage des Krieges an, jede Pflicht gegen meine Heimat als Deutscher gewissenhaft erfüllt zu haben. Jetzt weiß ich, daß ich noch mehr hätte tun müssen, um als Bürger dem Soldaten zu helfen.
7.
27. Januar 1915.
Vorgestern, bei Anbruch der Abenddämmerung, zur Vorfeier von Kaisers Geburtstag, war Kirchenkonzert in der alten Kathedrale von Peronne. Die Offiziere in den Chorstühlen. Und die drei Längsschiffe der Kirche dicht gefüllt mit deutschen Soldaten. An die Tausend waren es, alle gewaschen und sauber gebürstet. Unbeweglich, den Helm oder die Mütze vor der Brust, saßen sie und lauschten dem kunstvollen Spiel der Orgel und den ernsten Liedern, die gut gesungen wurden. Und als zum Schlusse des Konzerts die Orgel zusammen mit den Bläsern der Militärkapelle — wahrhaftig, ein »brausender Donnerhall« — die Wacht am Rhein intonierte, erhoben sich die Tausend und das große deutsche Lied schwoll empor in die gotischen Gewölbe wie ein schönes, kraftvolles und inbrünstiges Gebet.
Barbaren-Andacht! Ja! Die Franzosen sagen doch jetzt, daß wir spirituell minderwertig und zivilisatorisch zurückgeblieben wären, weil wir Musik haben, der Musik bedürfen und sie lieben! Wir sind ihnen wie giftige Schlangen, die sich durch Pfeifenspiel für Minuten bändigen lassen. Solchem Wahnwitz gegenüber muß man heiter werden und an den kropfigen Zillertaler denken, der einem makellos gewachsenen Fremden begegnet und dabei sein kropfiges Söhnchen ermahnt: »Tu nit spotten, sonst straft dich Gott, und du wirscht die gleiche Mißgeburt wie der!«
Und gestern, am Vorabend des Kaisertages, als aus schwimmenden Nebeln eine dunkle Nacht herunterstieg, wurde auf dem großen Stadtplatz der Zapfenstreich geschlagen. Keine aufdringliche Feier. Ein militärisches Fest, würdig in Grenzen gehalten, einfach, vornehm, und gerade deshalb so schön und ergreifend, etwas herrlich Helles auf dem finsteren Hintergrunde der Zeit. Wie eine ruhige Leuchtwoge schwamm die vierfache Reihe der Fackeln über den schwarzen Stadtplatz her und formte ihren Flammenkreis um die Militärmusik. Außerhalb des Kreises standen die Soldaten. Kopf an Kopf, so weit man in der Nacht zu sehen vermochte. Die Jubelouvertüre. Noch ein paar andere, gutgewählte Musikstücke. Dann der alte bayerische Zapfenstreich; seine strengen, geheimnisvoll verhaltenen Trommelwirbel rütteln das Blut auf, seine munteren Bläserweisen besänftigen es wieder. Nun tiefe Stille über dem weiten Platz. Mit kurzen, markigen Worten brachte der Kommandierende des Korps, General v. Xylander, das Hurra auf unseren Kaiser aus. Und die tausend jauchzenden Soldatenstimmen klangen, als wär' es nur ein einziger Schrei, das stolze und frohe Aufjubeln eines Riesen. »Deutschland, Deutschland über alles!« Und die leuchtende Fackelwoge schwamm still davon, der Platz wurde finster.
Während der Nacht vernahm ich immer den fernen Kanonendonner. Und noch etwas anderes hörte ich. Immer. Unter der Stube, in der mein Quartier ist, wohnen und schlafen der Besitzer des hübschen Hauses, seine greise Mutter und seine Magd in einer kleinen Kammer. Zwei Söhne und drei Brüder sind im französischen Heer; von denen haben sie seit Mitte September nichts mehr gehört. Die Leute sind freundlich zu mir; sie sagen nur Dinge, von denen sie hoffen, daß ich sie gerne höre. Ich weiß: was sie denken, verschweigen sie; und wenn sie zu lächeln versuchen, haben sie einen Zug voll Schmerzen um den Mund. So oft ich in die Küche trete, schrickt die greise Frau heftig zusammen. Vor mir! Sie glaubt nicht, daß ich lieber ihre runzelige Hand streicheln als sie erschrecken möchte. Und diese drei Leute hör' ich reden in jeder Nacht, unter meiner Stube, mit bebenden Stimmen, ganz leise. So hab' ich sie auch immer in dieser Nacht gehört, nach dem Zapfenstreich. Und die zitternden Stimmen erloschen nur, wenn draußen auf der Straße die Stahlschritte eines Soldatentrupps vorüberklirrten, der zur Ablösung in die Schützengräben zog.
Mich sangen diese Lieder, die sich immer aufs neue wiederholten, in einen festen und ruhigen Schlaf. —
Nun ist der Morgen da. Es regnet nicht. Aber der Himmel ist grau umdunstet. Sonne, Sonne, wo bleibst du denn? Bist du daheim in Deutschland?
Eine Ruhe ist in mir, die ich nicht schildern kann. Ich empfinde sie, wie man die Luft des werdenden Frühlings fühlt. Alle Unzufriedenheit und Ungeduld, alles Nervöse und Zappelige, auch alle Sorge um materiellen Verlust ist abgestreift von mir. Das zählt nicht. Nur Arbeit und Kraft der Gegenwart zählen, nur unsere deutsche Zukunft!
Mit vielen Soldaten hab' ich mich angefreundet. Was in ihren gesunden Knochen ist, fließt über in mich. Wir zu Hause, wir glauben im besten Falle an den Sieg — hier im Felde wissen sie alle: wir siegen. Aber eines weiß ich jetzt auch schon: daß der Krieg etwas völlig anderes ist, als ich in der Heimat vermuten und sehen konnte. Er ist etwas viel Schrecklicheres, aber auch etwas viel, viel Schöneres!
Was wird dieser neue Tag mir wieder zeigen?
Die Fahrt geht am Ufer der Somme entlang. Auch unter den trüben Nebelschleiern ist es noch eine wundervolle Landschaft. Über eine Breite von vierhundert Meter verzweigen sich Kanäle, Strom, Altwasser und Sümpfe, durchsetzt von malerischen Röhrichtfeldern, in denen Schwärme von Wasserhühnern und Wildenten umherschlüpfen.
Nun steh' ich vor einem Meisterwerk der deutschen Pionierkunst, vor der fast fünfhundert Meter langen Holzbrücke über die Sümpfe der Somme. Als der Bau begonnen wurde, verschwanden die ersten als Pfosten eingetriebenen Baumstämme vollständig im grundlosen Schlamm. Dennoch wurde dieses Sumpfhindernis, von dem die Franzosen erwartet hatten, daß es den Anmarsch der Deutschen um viele Wochen verzögern würde, von zwei bayerischen Pionierkompagnien durch den Bau dieser Brücke in fünf Tagen überwunden. Wie zierliches Filigranwerk sehen diese Holzverschränkungen aus und tragen Regimenter, schwere Geschütze und lange Züge von Lastautomobilen. Über den Kanälen hat die Brücke ausschwingbare Bogen zum Durchlaß der Schiffe! Und alles in fünf Tagen entstanden!
Das Materialdepot dieser märchenhaften Arbeit, der Pionierpark, ist untergebracht in einer großen, zerschossenen und ausgebrannten Fabrik. Was da in kurzer Zeit durch deutschen Fleiß, deutsche Ordnung und deutsche Gründlichkeit entstand, das wirkt wie etwas völlig Unglaubhaftes. Man zweifelt noch, wenn man es mit eigenen Augen sieht. Das ganze Innere des zerstörten, nur noch von den kahlen Mauern umschlossenen Gebäudes ist durch Brettereinbauten in eine Reihe von Sälen, Stuben und Kammern verwandelt. Alle Räume sind mit hölzernem Fachwerk ausgefüllt und in peinlichster Genauigkeit mit allen Gattungen von Kriegsmaterial und Werkzeug vollgekramt. Alles ist da, vom Minenwerfer bis zum Schuhnagel. Ein lustiges Wunder ist der Schlafsaal, in dem ein paar hundert Pioniere und Soldaten ihr Quartier haben. In drei Reihen durchziehen den großen Raum die zweistöckigen Schlafschachteln — ich finde keinen anderen Ausdruck — die Hälfte der Leute schläft zu ebener Erde, die andere Hälfte im Oberstock dieser riesigen sechzigschläfrigen Bettladen. Heu und Stroh ersetzen die Matratzen, als Kopfkissen dient der Tornister. Ich frage: »Ist denn da gut zu liegen?« Alle lachen gleich, und einer sagt: »Ah, da is's gut, jetzt haben wir's fein!« In den Ecken stehen die eisernen Öfen und rings um die Mauern ziehen sich die hölzernen Tische und Bänke. Da sitzen die Leute, wenn sie Rast haben, und schreiben Briefe und Karten, oder essen, oder flicken ihr Zeug, oder spielen Tarock. Ein bisserl rauchig ist es in dem Raum, nicht von den Öfen — die ziehen famos — nur von den Pfeifen und Zigarren. Auch ein Badhaus ist da, und ein Duschraum, mit einem Fabrikskessel als Warmwasserreservoir und mit einer Feuerspritzenpumpe, die den »Hochdruck« liefert. Und der mächtige Hofraum ist ein Gewimmel von Soldaten, Pferden und Lastkarren, ein Durcheinanderhuschen von ruhelosem Fleiß.
Weiter geht die Fahrt, über kahles Feld. Bald müssen wir halten — das Auto kann oder darf aus irgendwelchem Grunde nimmer vorwärts. Ich stehe auf dem Acker, gucke herum und frage mich: »Was ist da los?« Nichts zu sehen, nur dieses stille, leblose Feld. Hinter dem Dunst des trüben Tages liegt da und dort ein Dorf. Und überall dunkle, kleine, niedliche Wäldchen. Ich denke mir noch: »Das müßte eine gute Fasanengegend sein!« Da hör' ich irgendwo in der Luft einen merkwürdigen Vogel singen. So ähnlich klingt es, wenn eine Radfahrersirene zu pfeifen anfängt. Mit uuuuh beginnt es, und mit iiiih hört es auf. Neben dem Saum eines nahen Wäldchens fährt weißer Dampf in die Höhe, der sich in schwarzen Rauch verwandelt und wie zum Qualm einer Brandstatt wird. Eine halbe Sekunde später ein schwerer Donnerschlag. Jetzt kapiere ich: was ich sehe und höre, ist der Einschlag einer französischen Granate. Alles ist schon lange vorüber, da hört man erst, acht oder zehn Sekunden später, den fernen Hall des feindlichen Geschützes.
Auf dem weiten Felde ist kein Mensch zu gewahren. Doch! Mit dem Glas erkenne ich einen Soldaten, der nahe bei dem Wäldchen ruhig in einem Acker steht; er hat ein Notizbuch in der Hand und notiert etwas. Sehr friedlich sieht das aus. Wieder dieses Sausen in der Luft, wieder der aufwallende Rauch, ähnlich dem Atemzug eines vulkanischen Kraters, und wieder dieses Dröhnen. Eine um die andere kommt, über vier oder fünf Kilometer von der unsichtbaren feindlichen Stellung her. Und immer näher rücken sie gegen das Auto. Die beiden freundlichen Offiziere, deren Gast ich bin, wünschen sehr lebhaft, mich wieder im Auto zu sehen. In jagender Fahrt geht es davon. Hinter uns immer diese dumpfen Paukenschläge. Ob eine Granate zu der Stelle kam, wo unser Auto gestanden, weiß ich nicht. Wohl kaum. Die Beschießung gilt einer deutschen Batterie, die am Saum des Wäldchens vergraben liegt, aber an einer ganz anderen Stelle. Die Franzosen tasten seit Wochen in kostspieliger Munitionsverschwendung den ganzen Umkreis des Gehölzes mit Granaten ab, suchen immer diese fein versteckte Batterie und können sie nicht finden. Gott sei Dank!
Die deutschen Kanonen bleiben stumm, und nach einer Viertelstunde schweigen auch die französischen Geschütze.
Auf einem Umweg kehrt das Auto zu dem beschossenen Wäldchen zurück. Wir halten an der Somme, bei einer zerstörten Mühle, vor der eine von unseren berühmten Feldküchen dampft und sehr einladend duftet. Zum Kosten fehlt es an Zeit, wir müssen vorwärts. Überall Soldaten, überall Munitionswagen, überall Reiter und Radfahrer. Wir sind in der Nähe der deutschen Front. Durch Rübenfelder, deren ungeerntete Früchte schon wieder frische Blättchen zu treiben beginnen, blaßgrün wie junger Salat, kommen wir zu dem von den Franzosen angepulverten Wäldchen. Und jetzt soll ich die deutsche Batterie entdecken, die da steht! Ich habe ein Glas mit achtfacher Vergrößerung; immer gucke ich, aber ich finde nichts. Wohl sehe ich Prügelwege, die durch knietiefen Kot führen, sehe verschlammte Zufahrtswege und viele künstlich eingesteckte Bäumchen, aber keine Batterie. Man muß mich dicht vor das in die Erde eingegrabene Geschütz hinführen, damit ich merke, wo es steht. Die Höhlung ist bedeckt mit einem schön gewölbten Holzdach, das auf der Somme von einem französischen Schleppschiff abgenommen wurde. — (Ganz wundervoll ist das, wie unsere Feldgrauen alles und jedes, was sie finden, für den besten und nützlichsten Zweck verwenden, dem es dienen kann. Was hier französisches Gut heißt, wird deutsche Wehr und Waffe.) — Über dem Schiffsdeck ist wieder dicke Erde und wieder ein künstliches Gebüsch, als Deckung gegen die Späheraugen der Flieger. Unten nur ein schmaler Einschlupf, auf der anderen Seite die Ausschußöffnung für die Kanone. Zärtlich streiche ich das metallene Rohr, das für unser liebes Deutschland schon viele wirksame Donnerkeile aussandte. Und den klugen, lachenden Kanonieren drücke ich die Hände.
Man zeigt mir ein deutsches Geschoß und ein belgisches von gleichem Kaliber — die beiden sehen nebeneinander aus wie ein Mann und ein Kind. Solange die Sache nur Geplänkel ist, läßt man die belgischen Kinder fliegen, um deutsche Munition und deutsches Geld zu sparen. Wird's ernst, dann kommen unsere eisernen Männer dran. Ganz fürchterlich schlagen sie drein. In einem Kellerloch sind sie zu hohen Stößen aufgeschichtet, um ihrer Stunde zu warten.
Nun spaziere ich am Waldsaum entlang, wo ich die französischen Granaten einschlagen sah. Zwischen fünfzehn Explosionstrichtern, die gegen die stubengroßen Granatenlöcher auf dem Fort des Aivelles aussehen wie Spucknäpfe, finde ich vier »Ausbläser« und drei »Blindgänger«.
Durch Schlupfwege im verwüsteten Walde geht's zu einer Stelle, die genau so aussieht wie alles andere Gehölz. Hier soll ich abermals etwas entdecken. Erst nach längerem Spähen bemerke ich, daß aus einer Bodenstelle des gegen die französischen Linien gerichteten Waldsaumes etwas Bläuliches herauswirbelt. Dampft die Erde? Oder ist's Ofenrauch? Oder Zigarrenqualm? Über ein verstecktes Trepplein geht es hinunter. Das ist die Beobachtungsstelle der Batterie: ein Lehmsalon von etwa vier Quadratmeter; warm wie ein Backofen; immer schwitzen und triefen die Wände; ein Rauch, der die Augen zerbeißt; und ein Zwielicht, an das ich mich erst gewöhnen muß, bevor ich zu sehen beginne. Beim Ausguck steht das Scherenfernrohr; in die Lehmwand sind drei Telephonapparate eingebaut, und eine Ofenröhre dient als Sprachrohr. Ganz mystisch berührt es, wenn aus der Erde heraus die Stimmen quellen, die von der Batterie kommen, vom Unterstand der Mannschaft oder vom Offizierskellerchen. Mit uns dreien, die wir kamen, sind nun sieben Leute in dem kleinen Raum. Umdrehen kann man sich nimmer. Aber man plaudert und lacht — und in dem kleinen Dreckloch ist ein frischer, gesunder Humor, den ich mit Herz und Händen fassen und heimschicken möchte.
Ich sehe noch das feine Kellerchen, in dem der Batterie-Offizier sich aufhält. Das ist ein Lebenskünstler. Er hat ein Tischerl, ein Rokokofauteuilchen und ein zierliches Boudoirsofa, das ihm als Bett dient. Um darauf zu schlafen, ist es freilich viel zu kurz. — »Aber«, sagt er, »wenn man die Beine gegen die Wand hinaufstellt, liegt man ganz ausgezeichnet!« Diese Wand ist mit persischen Teppichen bekleidet, die aus einer kaputtgeschossenen Villa stammen; immer dampfen sie im Kampf zwischen Wärme und Feuchtigkeit, und ihre Farben beginnen unter sprossendem Schimmel zu erlöschen. »Wenn 's Frühjahr wird,« sagt der junge Offizier mit seinem gesunden Lachen, »dann kann ich da Schwammerln züchten! Die eß ich gerne.«
Durch einen Laufgraben, der nicht tief genug ist, um die Köpfe völlig zu schützen, müssen wir geduckt hinschleichen. Dieses stete Niederbeugen des Gesichtes hat etwas Gutes: man sieht immer ganz genau, wie tief die Stiefel in den vom Regen durchweichten Lehm hineinquatschen. — (Neulich versank ein allzu gewichtiger Reserveleutnant bis zu den Hüften; er selber konnte sich nimmer freimachen; als man ihn herauszog, hatte er keinen Stiefel mehr, nur noch einen Socken.)
Immer ist ein feines Pfeifen in der Luft. Und von der Tiefe des Feldhanges, der sich hinuntersenkt gegen das Tal der Somme, klingt ununterbrochen ein lustiges Knallen herauf, als stände da drunten die Schießstätte des Münchner Oktoberfestes.
Einmal, bei einer Biegung des Laufgrabens, sieht man hinunter ins Tal. Bis in weite Ferne kann ich mit dem Glas die aufgeworfenen Lehm- und Kreidesteinwälle der deutschen und französischen Schützengräben verfolgen. Manchmal nähern sie sich einander bis auf siebzig Meter und ziehen sich wieder auf drei-, vierhundert Meter zurück. Diese in die Ferne laufenden, gelben oder weißgrauen Striche bilden seltsame Ornamentlinien — und diese kunstvolle Durchackerung der Natur läuft jetzt von der Kanalküste durch Nord- und Ostfrankreich bis gegen Basel. In diesen Ackerfurchen des Krieges liegt eine Million unserer Feldgrauen und wacht in verläßlicher Treue bei Tag und Finsternis, um unsere deutsche Heimat vor den Bildern der Vernichtung zu behüten, die ich hier auf französischem Boden sehe bei Schritt und Tritt. Seid dankbar, ihr Deutschen daheim! Bleibt ruhig, zuversichtlich und opferfreudig! Und denkt bei jedem Atemzuge an das Kaiserwort: »Soldat und Bürger, die beiden müssen einander helfen, so gut sie können!«
Nirgends in der Landschaft ist ein Mensch zu sehen, alles öde, wie ausgestorben. Drunten im Tal, zwischen den deutschen und feindlichen Erdwällen, entdecke ich mit dem Glas auf einer fahlen Wiese zwei dunkelblaue Körper. Sie bewegen sich nicht, haben aber doch Menschenform und sehen aus wie friedliche Schläfer, die sich mit ihren Mänteln bedeckten: zwei gefallene Franzosen, die der Feind nicht zu holen und zu bergen wagte. So liegen die beiden schon seit dem 30. Oktober. Früher hatten sie vom Morgen bis zum Abend krächzende Gesellschaft; seit Wochen sind auch die Raben ausgeblieben.
Der Laufgraben mündet in einen tiefen Lehmkessel. Früher war da eine französische Stellung, die zurückweichen mußte um zwei Kilometer; noch sieht man die Feuerlöcher und die aufgeschütteten Deckungen, Feldflaschen, Konservenbüchsen, auch eine rote, vom Regen fast farblos gewordene Reithose. Und zwischen Stauden guckt aus der Erde der stumme, grinsende Tod heraus. Ein gefallener Franzose! Seine Kameraden, denen nicht die Zeit blieb, ihn zu bestatten, haben ihn nur fußhoch mit Erde bedeckt. Der Regen hat die Schollen halb wieder davongeschwemmt. Eine skelettierte Hand, die noch im blauen Soldatenärmel steckt, greift sehnsüchtig heraus ins Leben, und der ganze Kopf liegt frei, fast schon ein Totenschädel, aber noch mit Augenbrauen und Haarbüscheln. Die Hirnschale ist völlig zertrümmert — dieser Franzose hatte das Unglück, einem bayerischen Gewehrkolben in den Weg zu geraten.
Das Bild, das sich da herausstahl, aus der gelben Erde, ist nicht widerlich, nicht ekelerregend. Nur ernst, tiefernst und erschütternd ist es.
Du stiller Schläfer! Wer warst du? Wie klang dein Name? Wer weint um dich? Aus welchem Glück bist du herausgefallen, weil England es so begehrte von dir? Wir Deutschen hätten dir Leben und Namen und Glück gelassen. Aber England will bessere Geschäfte machen und seine Dividenden aufwärtsschrauben. Drum mußte dein Leben hinuntersinken! Bist du, früher ein Tor um Englands willen, jetzt unter der Erde ein Wissender geworden? Willst du wieder herauf in den Tag und die Hand erheben, um vor deinem Volk und Lande gegen den britischen Handelsmann zu klagen? — Der Schläfer gibt keine Antwort. Er schweigt, wird ewig schweigen.
Ich wende mich erschüttert ab. Weiter! Wieder in einen Laufgraben hinein, der sich immer tiefer in die Erde wühlt! Eine Wendung, und ich bin im Schützengraben. In langer Zeile seh' ich die Feldgrauen, nein, die Lehmgelben, bei den Schießscharten stehen. Scharf und hastig knallen die Schüsse, hin und her. Und immer wieder fliegt eines von den unsichtbaren Vögelchen, die so wunderlich pfeifen, über unsere Köpfe hinweg, surrt in die Erde hinein oder schlägt mit hellem Klirrton gegen einen Stahlschild.
Etwas Heißes ist in mir. Der schwüle Atem des Krieges hat mich angehaucht.
8.
30. Januar 1915.
Eine tiefe Erregung brennt mir in allen Nerven. Das Herz schlägt mir bis in den Hals herauf.
Bei jedem Blick, bei jedem Schritt im Schützengraben seh' ich die tapfere Mühsal, die mutige Beharrlichkeit und treue Ausdauer unserer Feldgrauen, deren Uniformsfarbe völlig verschwindet unter dem gelben, klumpigen Lehmbehang.
Alle zehn Schritte steht bei einem kleinen, mit Bohlen ausgelegten Guckloch oder bei den schmalen Schießscharten der Stahlschilde ein Wachtposten mit blitzenden Späheraugen, in den von Nässe und Kälte zerschrumpften Händen das schußbereite Gewehr. Immer wieder sticht dieses scharfe Knallen in die dunstige Luft, hier im Graben und drunten im Tal, und immer wieder geht dieses feine Pfeifen der Kugeln über unsere Köpfe weg. Keiner von den Wachtposten kümmert sich um uns, keiner salutiert die Offiziere, die mich führen, jeder ist mit gespannter Aufmerksamkeit bei den feindlichen Dingen, die da draußen sind.
Von denen, die nicht auf Wache stehen, rasten die einen, die anderen arbeiten. Hier wird hastig geschaufelt, um den Schutt und Schlamm der vom Regen unterwaschenen und heruntergerutschten Lehmwände aus dem Graben zu werfen, eine Erdbewegung, die bei schlechtem Wetter ununterbrochen durch Tage und Nächte fortdauert. Dort werden Entwässerungskanäle gezogen und Löcher gegraben, in denen das Regen- und Sickerwasser versitzen kann.
Der Boden des Grabens ist, weil es einen Tag lang nimmer geregnet hat, schon leidlich trocken; aber die mannshohen Wände sind so klebrig, daß sich bei jedem stützenden Griff alle Finger gelb umwickeln. Und so eng ist der Gang, daß man bald rechts und bald links mit Ellenbogen und Schultern, mit Knien und Hüften, beim Umdrehen und Ausweichen auch mit Brust oder Rücken an diesen Lehmteig anstreift.
Jene Grabenschützen, die ein bißchen rasten können, sitzen oder liegen in den winzigen Schlupfen, die unterhalb der Schießscharten in die Lehmwände hineingehöhlt sind. Jedes Unterstandsloch hat knapp so viel Raum, daß zwei Soldaten sich nebeneinander zusammenhuscheln können; Wände und Decken sind manchmal, nicht immer, mit Brettern ausgepölzt; der Boden ist handhoch mit Stroh belegt, meist mit ungedroschenem Getreide, das von den Feldern weggerafft wurde; Mäntel, Zeltbahnen und Wolldecken, die in den Nächten vom Tropfwasser durchnäßt wurden, sind neben den Einschlupflöchern zum Trocknen aufgehängt; zuweilen ist in die Seitenwand der Löcher mit einigen Steinen ein kleiner, urweltlich ausschauender Ofen eingemauert, in dem die feuchten Prügelchen glühen und qualmen. Manche der Löcher sind mit Säcken verhängt, andere haben ein schützendes Türchen, das meist nur aus zwei oder drei zusammengenagelten Brettstücken besteht; aber auch feineres Material wurde zu diesem Zwecke verwendet: der grüne Fensterladen einer Villa, eine polierte Schranktüre, das bunt verglaste Fenster eines Gartenhäuschens; sogar die Kupeetür einer Droschke ist vertreten — alles herbeigeschleppt in finsteren Nächten, und an all diesen Dingen ist die Farbe halb verschwunden, alles ist gelb, alles gesprenkelt von den Griffen der lehmigen Hände.
In diesen Löchern sitzen die Rastenden und schwatzen ruhig und heiter; jene, die in der Nacht bei den Schießscharten wachen mußten, liegen jetzt am Tag in einem so bleischweren Schlaf, daß kein lautes Wort und kein knallender Gewehrschuß sie zu wecken vermag; andere liegen auf dem Bauch, benützen den Tornister als Schreibtisch und kritzeln einen Kartengruß, der in die Heimat wandern soll.
Von solch einem Schreibenden sah ich den Körper und die langsam bewegte, schwere Hand. Ich frage in das Loch hinein: »So? Wird an den Schatz geschrieben?« Da dreht sich ein blondbärtiges, strenges Gesicht herum, zwei blaue Mannsaugen sehen mich aus dem Zwielicht heraus sehr mißlaunig an, und eine unwillige Stimme sagt: »Was glaubst denn? An d' Frau!«
Ich kann nicht schildern, wie dieses schöne grobe Wort auf mich wirkte. Es war mir wie ein wundervolles Lied von der redlichen Herzensreinheit dieses deutschen Mannes. Seine Frau, seine Kinder, seine Heimatstreue und seine Soldatenpflicht — das ist seine Welt. Was anderes gibt es nicht für ihn. Und wie dieser eine, so sind Tausende, sind Millionen der Unseren. Wer will uns besiegen?
Auf- und niederklimmend durch den engen Graben, stapfe ich an hundert Lehmgelben vorüber, an vielen Dutzenden von diesen Schlupfen und Löchern. Ich höre nimmer die Schüsse knallen, höre nimmer das Pfeifen der bleiernen Vögelchen, die über uns wegfliegen oder in die Lehmwälle preschen. Immer muß ich schauen, immer vergleichen zwischen der heldenhaften Geduld, die ich hier sehe auf Schritt und Tritt, und zwischen der nervösen und krittelnden Ungeduld, deren wir uns schuldig machen in der Heimat. Und immer muß ich rechnen: daß diese Tapferen seit Ende September, die mit Arbeit ausgefüllten »Ruhezeiten« abgerechnet, in diesem Graben und in diesen Lehmlöchern volle sechzig oder siebzig Tage und Nächte ausgehalten haben, ohne an Kraft und Gesundheit einzubüßen, ohne von ihrer treuen Beharrlichkeit, von ihrer geduldigen Ausdauer nur eine Faser zu verlieren. Nicht verloren haben sie, nein, sie haben noch gewonnen. Einer sagt zu mir: »Z'erst is mir's schon a bisserl hart worden. Jetzt kennt man sich besser aus und weiß, wie man's machen muß. Auf d'Letzt lernt der Mensch alles.«
Mir werden die Augen feucht, und eine Weile vermag ich nimmer zu reden. Immer brennt die Frage in mir: »Was hat der da als Soldat geleistet, was ich als Bürger?« Ein bißchen gezahlt hab' ich, ein bißchen Geld eingebüßt, einen Teil meines Einkommens verloren, fast das ganze. Und da glaubte ich immer, was wunder ich leiste und trage und erdulde um meiner Heimat willen! Jetzt bin ich klein und stumm. Und eine heiße, schmerzende Scham ist in mir.
Einer von den Gelben sitzt in seinem Lehmloch neben dem heftig rauchenden Steinherdchen. Er scheint sich sehr wohl zu fühlen, schneidet feine Scheibchen sorgfältig und liebevoll von einer heimatlichen Speckschwarte herunter und schmaust.
Ich frage: »Schmeckt es?«
Da nickt er lachend: »Ah ja! A bißl ebbes darf man sich schon vergunnen. Wer weiß, wie lang 's dauert?«
Jetzt hör' ich plötzlich die Schüsse wieder, höre das Pfeifen der Kugeln. Und nicht weit von der Stelle, wo ich stehe, vernehm' ich einen wütenden Fluch: »Himi Herrgott Kreizteifi überanand!« Erschrocken springe ich hin. Ein langer Kerl mit zausigem Rotbart steht bei einer Schießscharte und repetiert das abgeschossene Gewehr. »Was ist denn,« frage ich, »sind Sie verwundet?«
»I? Ah na! Aber da drunt, an dem roten Stadel, da is a Loch. Da schießt allerweil einer außi. Und dös Luder kann i net derwischen. Allweil pulver i ums Loch umanand. Nie bring' i's sauber hin.«
Ich gucke neben dem Mann durch die Schießscharte hinaus und ins Tal hinunter. Der Ausschnitt der Landschaft, den ich sehe, ist wie ein Bild in hölzernem Rahmen: ein Stück Talgelände, die Erdwälle des französischen Schützengrabens und in der Mitte des Bildes ein halb in Schutt geschossenes, tot und öde liegendes Dorf mit umgestürztem Kirchturm und ausgebrannter Kirche. Alles, was Leben heißt, scheint erloschen da drunten. Aber Schüsse knallen, bald hier, bald dort; man sieht keinen Rauch, sieht keinen Feuerstrahl, weiß nicht, woher die pfeifenden Vögelchen kommen. Jetzt entdecke ich den »roten Stadel«; es ist ein plumper Bau aus Ziegelsteinen; und mitten in der roten Mauer ist ein kleiner, runder, schwarzer Fleck, ein in die Mauer geschlagenes Schießloch; von hier oben sieht es aus wie ein Tintenfleck, in Wirklichkeit mag es so groß sein wie ein Hut. Vierhundert Meter sind es bis dort hinunter. Eine feste Hand und ein sicheres Auge gehört dazu, um über solche Entfernung eine Kugel richtig auf den Fleck zu bringen. Ich gucke mit dem Feldstecher. In dem Loch ist nicht das geringste zu sehen, aber rings um den schwarzen Fleck herum erkenne ich an der roten Mauer die Einschlagtupfen der Kugeln, die umsonst da hinuntergeflogen sind.
»Wart', Brüderl,« sagt der Rotbärtige, noch mit heißem Zorn in der Stimme, und schiebt den Gewehrlauf langsam durch die kleine Scharte des Stahlschildes hinaus, »jetzt wird amal aufpaßt, urdentli!«
Drunten knallt es, der französische Vogel pfeift, und über unseren Köpfen spritzt der Lehm auseinander. Ich mache flink einen Schritt nach rückwärts, drehe mich um dabei — und muß herzlich lachen. Neben einem Gängelchen, das seitwärts hinaus gegraben ist, seh' ich eine kleine Holztafel hängen mit der Inschrift: »Zur Latrine und zur Kochstelle! Bitte nicht verwechseln!«
Solcher Heiterkeiten sind im Schützengraben neben der schlummerlosen Gefahr noch viele zu finden. Ein paar Dutzend Schritte weiter, neben dem Türchen, hinter dem der Unteroffizier seinen Nachtschlupf hat, steht angeschrieben: »Villa Granateneck«. Dieser Bezeichnung ist noch das lyrische Motto beigefügt: »Im tiefen Keller sitz' ich hier!« Und eine steil nach abwärts führende Stelle des Schützengrabens, die dem feindlichen Feuer ausgesetzt war und deshalb mit Wellblech und dick mit Erde überdeckt wurde, trägt die Inschrift: »Nordfranzösische Rodelbahn«.
Solcher Humor in einer Luft, in der bei jedem Kugelpfiff der Tod auf dem Sprunge nach einem deutschen Leben steht, ist nicht allein als der Ausfluß derber Gesundheit und guter Rasse zu erklären. Der schöne, klare Brunnen solch unverwüstlicher Heiterkeit am Rande des immer harrenden Grabes kann nur aus dem kraftschenkenden Bewußtsein redlichster Pflichterfüllung strömen.
Von dem Frohsinn, den ich hier sehe und höre, fliegen meine Gedanken immer heimwärts. Es ist wahr: wir in der Heimat leisten viel, Tausende leisten weit über ihre Kräfte, und gerade hier, auf erobertem Boden, höre ich immer wieder die herzlichste Anerkennung unseres Heimatwerkes. Aber neben den Opferwilligen gibt es auch Drückeberger, Vorsichtige, Zurückhaltende und Ängstliche. Täten wir alle daheim so bis zum letzten Atemzug unsere deutsche Pflicht, wie diese Getreuen hier im Schützengraben, dann wäre nicht ruhelose Ungeduld in vielen von uns, sondern Ruhe, Zuversicht und frohe Festigkeit wäre in uns allen. Da würde der Groschen nicht zählen, den wir verlieren, keine Bedrängnis unserer wirtschaftlichen Lage, keine nötige Einschränkung, keine Sorge und kein Opfer unseres Lebens! —
Der Schützengraben macht eine Wendung und ich stehe vor einem Bilde, das mich tief ergreift. Außerhalb des Grabens, gegen die französische Seite hin, ragt zwischen laublosen Bäumen ein mächtiges Feldkreuz in die Luft. Nicht nur das schwarze Kreuzholz, sondern auch das farbig bemalte, überlebensgroße Schnitzwerk, das den Erlöser zeigt, ist von vielen Kugelschüssen durchsplittert, von Schüssen, die aus der französischen Stellung kamen. Und der zerschossene Leib der ewigen Güte hält die Arme ausgebreitet mit einer großen, heiligen Gebärde, aus der etwas Schützendes und Hilfreiches zu mir redet.
Einer von den beiden Offizieren, die mich geführt haben, sagt nach einer Weile: »Es wird Abend. Irgendwo müssen wir umkehren. Das geht ja hier so weiter bis nach Ostende.«
Auf dem Rückweg gibt's einen Aufenthalt. Eine Lehmwand ist heruntergebrochen und hat auf zehn Schritte weit den Graben verschüttet. Vier Soldaten schaufeln, daß ihnen der Schweiß von den Gesichtern tropft; mehr können bei der Enge des Grabens an der Ausbesserung des Schadens nicht arbeiten. Während wir wartend dastehen, schlüpft einer, der mich kennt, durch das Türloch seines Höhlchens heraus — einer aus der Garmischer Gegend, der mich vor Jahren einmal auf die Alpspitze führte. Er begrüßt mich so herzlich und freudig, als wäre seine Heimat mit Haus und Berg zu ihm gekommen. Während wir schwatzen, immer von daheim, treten noch ein paar andere zu uns, jeder so gelb wie sein Kamerad, aber jeder mit dem gleichen, ruhigen, gesunden Gesicht. Allerlei Fragen richten sie an mich — gar manche ist darunter, die zu beantworten mir schwer fällt. Einer, mit dürstender Sehnsucht in den Augen, fragt mich: »Was meinen S', wie lang wird's denn noch dauern?«
Ich suche nach Worten. »Da bin ich überfragt. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, daß auf dem Festland die Hauptsache schon in sechs bis sieben Wochen zur Erledigung kommt. Aber es kann auch noch ebensoviele Monate dauern.«
Nach kurzem Schweigen eine feste Soldatenstimme: »No ja, muß man halt aushalten! Durchreißen tun wir's alleweil, so oder so!«
An dieses tapfere, zuversichtliche Wort schließt sich eine etwas wunderliche Frage, die mit dem vorausgegangenen Gespräch keinen Zusammenhang zu haben scheint. Dennoch ist eine Beziehung vorhanden. Eine sehr ernste.
»Sie, sagen S' amal, ob dös wahr is, was die Meinige allweil schreibt: daß daheim in der Stadt die jungen Weibsbilder so ausg'schaamt in die Kaffeehäuser hocken, pariserisch anzogen, daß man d' Haxen sieht bis halbert zur Grattl auffi?«
Trotz der derben Ausdrucksweise lacht keiner von den Lehmgelben; sie scheinen die Frage für eine sehr wichtige und würdevolle zu halten. Ich schüttle den Kopf. »Nein! So stimmt das nicht. Unsere deutschen Frauen und Mädchen sind da nicht gemeint. Nur ein paar dumme Modegänse, ein paar krankhafte Auslandsaffen. So was zählt doch nicht.«
Einer sagt: »Dö sollten uns anschauen!« Ein anderer brummt: »Bal s' vier Nächt lang da im Graben hocken müßten, in der nassen Sooß, bis übers Knie nauf, i glaub, dö taaten si' bald an andre Montur verlangen!« Und ein dritter gibt den Rat: man sollte diesen Ausnahmen jeden Tag ein paarmal jene Sache vollhauen, die Goethe durch einen Gedankenstrich bezeichnete — von diesem Gedankenstrich weiß natürlich der lehmgelbe Pädagoge nichts, er gebraucht im Ärger sehr ungeniert das übliche Volkswort.
Der Weg ist ausgeschaufelt. Wir können weitergehen. Ich komme an dem Rotbärtigen vorüber, der das Gewehr im Anschlag hat und immer lauert, ganz unbeweglich.
Nach wenigen Schritten gewahre ich etwas Seltsames. Beim Herweg fiel es mir nicht auf, erst jetzt entdecke ich's. Will mitten im harten Winter der grüne Frühling kommen? Eine Bodenstelle des Schützengrabens ist dick mit frischem, spannenlangem Gras überwuchert. Gras? Nein! Das ist junges Getreide. Von den ungedroschenen Garben, die ein Feldgrauer vor vier Monaten in seinen Unterschlupf hineinstreute, sind die Körner abgefallen und in die nasse Erde hineingetreten worden. Jetzt gehen sie auf. Ich sehe dieses frische, üppige Grün, und etwas Freudiges, Warmes und Hoffnungsvolles ist mir im Herzen.
Drunten bei den Franzosen kracht ein Schuß. In der Luft das feine Singen. Und wenige Schritte hinter mir spritzen von der Holzversteifung einer Schießscharte die Splitter weg. Jetzt ein Schuß im deutschen Graben. Dann die ruhige Stimme des Rotbärtigen, den ich nimmer sehe: »No also! Endli amal!«
Ich brauche nicht umzukehren. Auch ohne zu fragen, weiß ich, was der kurze, zufriedene Monolog des Rotbärtigen bedeutet. Wohl denke ich auch daran, daß jetzt da drunten im roten Stadel ein Leben verblutet; aber vor allem muß ich denken: daß unsere Feinde wieder weniger wurden um einen.
Ein langer Weg noch, durch den Laufgraben und über die dämmernden Rübenfelder.
Kanonenschüsse und Granatenschläge dröhnen in rascher Folge. Die Franzosen tasten wieder nach der deutschen Batterie umher und können sie nicht finden.
Beim Einsteigen in den Wagen bemerke ich, daß ich nicht viel anders ausschaue als die Lehmgelben im Schützengraben. Ich fühle aber doch einen beträchtlichen Unterschied. So heiß, wie an diesem Abend, hat noch nie die Frage in mir gebrannt: »Was kann ich leisten als Bürger, wie kann ich nützen?«
Im Westen ein leuchtender Streif und drüber ein zartes Blau und Weiß. Auch die Höhe klärt sich auf, und ich sehe den Schimmer des Vollmondes. Der Kaisertag hat gutes Wetter gebracht. Bleibt der Himmel so, dann werden es die Unseren im Schützengraben besser bekommen.