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Schattenspiel um Goethe

Von

Ludwig Sternaux


Mit 49 Federzeichnungen von Dorothea Hauer


Bielefeld und Leipzig 1922
Verlag von Velhagen & Klasing


Louis Esternaux

dem gütigen Freunde früher Jahre
in dankbarer Erinnerung

Uns Lebende zieht Sehnsucht zu den Toten; hinweg von den Zahllosen, die uns umdrängen, die uns die warme Hand entgegenstrecken, in deren Augen wir lesen können, gehen wir einsamere Wege und beschwören die Gewesenen, die uns nicht Rede stehen. Wie Helden auf einer nächtlichen, von Sturm umrauschten Bühne sehen wir sie mit flatternden Gewändern, mit starken Gebärden die Geschichte ihres Lebens spielen und werden nicht müde, den tragischen und süßen Worten zu lauschen, die aus tiefer Vergangenheit abgerissen zu uns auftönen.

Ricarda Huch


Tiefurt und Wittumspalais

»O Weimar! Dir fiel ein besonder Los!«

Goethe

Frühlingssonne. Weimar funkelt. Regen hat über Nacht die Straßen blank gewaschen, daß sie wie Firnis glänzen. Alles atmet Duft und Morgenfrische. Da ist es gut, durch die Stadt zu wandern und sich wieder einmal das Märchen erzählen zu lassen, von dem sie nun schon hundert Jahre träumt.

Ein Weilchen steht man unschlüssig auf dem Marktplatz. Die braunen Giebel des Cranachhauses brennen in erster Glut, um Klauers Neptunbrunnen trippeln die Tauben, sehr lustig anzusehen, und bei Tietz werden gerade die Markisen heruntergelassen. Wohin zuerst? fragt Ungeduld … Da, gleich um die Ecke, geht's zum Goethehaus. Die gelbe Front leuchtet durch die ganze Frauentorstraße. Da zur Esplanade. Oder, wie man jetzt ja sagen muß: zur Schillerstraße. Und da, an »Elephant« und »Erbprinz« vorbei, zum Park. Es lockt so vieles. Und da biegt man, stärkerer Lockung widerstehend, in die enge Windischenstraße neben dem Rathaus: Alt-Weimar tut sich auf.

Schmal die Gasse, schmal die Häuser: Zwielicht der Kleinstadt. Der Himmel nur ein blauer Streifen. Hier tollten die Ratsmädel der Böhlau, die Wildfänge. Das graue Haus da, es ist vielleicht das Kirstensche. Steingerank umzieht die Tür, unterm Dachsims hocken Putten: Rokoko, verstaubt und lieblich. Singsang, aus offnem Fenster wehend, beschwört Träume, Versunkenheit lächelt. Wo seid ihr jetzt, Röse und Marie?

Hier wohnte aber auch der Kanzler von Müller, Goethes Freund und Testamentsvollstrecker. Eine schwarze Tafel meldet's. Man blickt versonnen zu den Fenstern hinauf. Gaben sie doch dem Tische Licht, an dem die »Unterhaltungen« niedergeschrieben wurden. Fama weiß dazu von Grüßen, die aus diesen Fenstern zu andern gegenüber wanderten, wo hinter wehender Gardine, hinter Blumenstöcken zuweilen Mädchenaugen leuchteten … dann da wohnten die beiden jungen Gräfinnen Egloffstein mit ihrer Mutter, Julie und Lina, die eine, die Malerin, Goethes »schöne Schülerin«. Müller liebte die beiden hübschen Mädchen. Haben die's gewußt? Ich glaube: nein. Es war eine unglückliche Liebe, und es blieb bei Gruß und Lächeln.

Ja, es ist klassische Welt, die hier in Gassenenge dämmert. Drei Jahre lang, von 1797 bis 1801 auch Schiller-Welt … was keine Tafel meldet. Denn hier, beim Perückenmacher Müller, wohnte Schiller, ehe er nach der Esplanade zog. Zwei Treppen hoch. Mieterin vor ihm war Charlotte v. Kalb gewesen, die geliebte. Wie anspruchslos, wie bescheiden, wie ärmlich Haus und Zimmer! Und, wie Schiller selbst klagt, auch recht »tumultarisch«. Die Kinder, der Lärm des nahen Markts, unter ihm der ewig musizierende Geheimrat v. Schardt, Frau v. Steins Bruder, störten ihn in der Arbeit. Trotzdem entstanden hier in der »Wünschengasse« eine »Maria Stuart« und die »Jungfrau«. Und viele von Schillers tiefsten, schwersten Gedichten.

Was keine Tafel meldet …


Und leise wandelt sich die Chodowiecki-Szenerie in Mittelalter, in Gassengewinkel und uraltes Gemäuer. Grau und finster steigt das plötzlich auf, trägt schweres Dach und Erkerzierat, die Fensterscharten haben Butzenscheiben, Eisenzahlen, auf den Stein geschnörkelt, deuten in fernste Jahre.

Die Einfahrt zum Wittumspalais
der Herzogin Anna Amalia

»Am Palais«, erklärt das Straßenschild. Am Wittumspalais also, Anna Amalia Witwensitz. Da die Einfahrt! Auf den Torpfeilern bekränzte Urnen. Das allein ist Rokoko, ist Zopf. Sonst ringsum veritables Mittelalter. Man denkt wirklich mehr an Herzog Wilhelm den Frommen, der hier Franziskanern-Barfüßern eine »Burg Gottes« errichtete, denn an Anna Amalia in Reifrock und Perücke. Als die Mönche der Reformation wichen, wurde die Klosterkirche Kornhaus. Die Bauern steuerten hier den »Zehnten«, und Fluch schwelte Jahrhunderte um die düsteren Mauern. Anno 1767 kam dann der allmächtige Minister von Fritsch, der Anna Amalia rechte Hand in den letzten Jahren ihrer Regentschaft für den unmündigen Carl August. Die Klostergebäude wurden umgebaut, mit neuen Flügeln an der nahen Stadtmauer ergab sich ein hübsches, bequemes Palais. Das Kornhaus selbst blieb, was es war, bis es unter Carl Alexander, Carl Augusts Enkel, Verwendung fand als Großherzogliche Musikschule. Das ist das Haus noch heute, wenn auch nicht mehr Großherzoglich, und wo einst feierliche Messen zelebriert wurden und der Weihrauch dampfte, üben die Musikschüler fleißig ihre Tonleitern. Mitunter aber dringt aus den kleinen Rundbogenfenstern auch Orgelklang, ganz dumpf, ganz verhalten, ein dunkles, geheimnisvolles Brausen. Dann ist es einem, als ob die alte Zeit wiedergekehrt wäre …

Und ein paar Jahre später. 1774. Das Residenzschloß brennt nieder. Anna Amalia ist obdachlos. Das Belvedere? Ist Sommerresidenz. Hat nicht einmal Öfen. Da bietet Fritsch der Herzogin dieses sein neues Palais in der »Wünschen-Windischengasse«, sie nimmt es dankbar an. Und höfischer Prunk zieht in das einfache, fast bürgerlich bescheidene Haus, das nun den Namen »Wittumspalais« erhält.


So die Historie.

Nun sieht das Wittumspalais heute freilich etwas anders aus, als man es sich in jenen Tagen seines höchsten Glanzes vorstellen darf. Hundert Jahre sind eine lange Zeit, da verändert sich mancherlei.

Damals, als Anna Amalia es zu dem berühmten »Sitz der Musen« machte, Goethe, Schiller, Wieland und viele andere Leute von Rang und Namen dort ein- und ausgingen, lag es in einem großen parkähnlichen Garten, der die ganze heutige Wielandstraße einnahm. Gartenmauer und Stadtmauer waren eins. Ein Aquarell von der Fürstin eigener Hand, jetzt Besitz des Weimarer Vereins »Frauenbildung-Frauenstudium«, zeigt reizend diesen Garten: große schattige Bäume, verschlungene Wege, künstliche Hügel und Grotten. Mitten drin ein Pavillon. Das war der Chinesische Tempel. Da saßen Anna Amalia und die kleine bucklige Göchhausen mit Vorliebe an den letzten warmen Tagen des Jahres, wenn die Astern blühten und die Blätter leise von den Bäumen fielen … Oeser, Goethes Lehrer, hatte ihn à la Chinoise ausgemalt, sehr fein, sehr zart, so etwa, wie das jetzt Orlik oder Walser machen würden, und vielleicht hat hier Goethe den Damen einmal den Urfaust vorgelesen, den die Göchhausen dann, uns zum Heil, so hübsch sauber abgeschrieben hat.

Als später die Stadtmauer fiel, der »Schweinemarkt« davor vornehm ein Carls-Platz, der Garten selbst für Häuserbauten aufgeteilt wurde, ließ Carl August den Tempel nach dem Belvedere schaffen. Dort findet man ihn noch heute hinter der Orangerie, allerdings in traurigem Verfall. Aber die Chinesen und Chinesinnen Oesers lächeln noch immer lieb und einfältig, und der Blick aus den Fenstern, der weit ins Thüringer Land reicht, ist sogar anmutiger als anno dazumal der im alten Weimar, wo das Auge nur das freie Feld vor der Stadtmauer und ein paar karge Schrebergärten fand.

Jetzt liegt das Wittumspalais ganz in Straßen eingewinkelt, an der Vorderfront die Schillerstraße und der Theaterplatz, seitlich die Zeughofgasse. Nur die Pappeln über dem kleinen Hof und eine einsame Kastanie neben dem einstigen Kammerfrauen-, dem jetzigen Kastellanshaus erinnern noch an jenen Garten.

Jetzt liegt das Wittumspalais auch, sieht man es vom Theaterplatz aus, viel höher. Der Platz ist aufgeschüttet worden, und so ging das Untergeschoß der Straßenfront verloren. Das Portal, das heute Einlaß gewährt, führt gleich in den früheren ersten Stock. Dies Portal gab's damals überhaupt nicht. War eins der vielen Fenster. Und wenn man in das Haus hineingelangen will, wie es Anna Amalia und ihre Gäste betraten, so muß man von der Windischenstraße aus kommen, wo »Am Palais« die Einfahrt war und noch ist, und über den Hof gehen … unter dem finsteren Tor des alten Klosterflügels hindurch, an der Küche und den Ställen vorbei. Das mag da oft ein buntes Leben gewesen sein, wenn die Herzogin Empfang hatte oder ein Fest, einen Ball gab. Da drängten sich dann wohl bei Fackelschein die Sänften und Karossen, die Pferde scharrten, Hunde bellten (der Herzog, Carl August, brachte zuweilen seine ganze Jagdmeute mit), Haiducken und Läufer lärmten dazwischen, und in der offenen Küche wirtschafteten die Köche an den fünf riesigen Herden.

Oder die Herzogin ritt aus. Solch eine Kavalkade hat Johann Friedrich Löber gemalt. Anna Amalia selbst auf einem Schimmel, sehr klein, sehr zierlich, am zierlichsten ihr Fuß in rotem Reitstiefelchen, worauf sie mit Recht stolz war. Neben ihr, groß und breit, Liutgarde v. Nostitz, die Hofdame, dahinter der Oberhofmarschall v. Witzleben und der Stallmeister Josias v. Stein, Charlottens Mann. Ein Zwergläufer führt die Tête. So ging es durch die enge Windischengasse und, am Markt vorbei, durch die Frauentorstraße zur Esplanade, immer von Gaffern begleitet … so ging's wohl auch nach Belvedere, Tiefurt, Ettersburg.

Auch die Esplanade sah damals anders aus als heute. War eine Promenade mit einem Lusthaus in der Mitte und einem Goldfischteich, von der Herzogin selbst angelegt, weil ihr der Weg nach dem »Wälschen Garten« hinter der Ackerwand zu weit war und weil sie vom Palais aus hübsche Aussicht haben wollte. Denn vorher hatte hier ein wüstes Durcheinander von Gräben, Wällen und Tümpeln das Auge gequält. Nachts wurde diese Promenade durch Gitter geschlossen. Mählich wandelte die Esplanade sich dann in Straße, Häuser gaben festen Rahmen, das Hauptmannsche Redoutenhaus, auch vom obdachlosen Hof zu größeren Festen benutzt, war eins der ersten. An seiner Stelle prunkt jetzt ein Neubau, ein Kaffeehaus, wo Billard gespielt wird und eine Musikkapelle Weimars Lebewelt mit den neuesten »Schlagern der Saison« erfreut.

Da aber, wo die Esplanade auf das Wittumspalais stößt, unweit besagtem Café, führt eine dunkle, ganz verschattete Treppe an dem alten Klosterflügel des Palais entlang zur »Wünschengasse«. Ein wilder Birnbaum hat sich hier im Mauerwerk verwurzelt, und die Treppe ist wie eine Laube … in Sommernächten eine beliebtes Stelldichein, heut wie ehedem. Wenn Ottilie v. Pogwisch und August v. Goethe abends bei Schopenhauers gewesen waren, die auf der Esplanade wohnten, dann schlüpften sie hier erst für Augenblicke unter, um sich satt zu küssen, ehe er die Geliebte nach Hause brachte … was übrigens keines weiten Wegs bedurfte, denn Frau v. Pogwisch wohnte ebenfalls auf der Esplanade, neben dem Schillerhaus. Und die Böhlauschen Ratsmädel wußten den verschwiegenen Ort auch durchaus zu schätzen. Dort lauerten sie in der Dämmerstunde den armen Liebespaaren auf, um mit den Erschreckten ihre Allotria zu treiben; dort lasen sie heimlich die Liebesbriefe, wenn Ottilie Pogwisch und Adele Schopenhauer die beiden Bälger in der Kummerfeldenschen Nähstunde als postillions d'amour benutzten; dort küßten sie sich später selbst mit ihren Freunden.

Das alles weiß der wilde Birnbaum noch sehr gut, so jung er damals auch gewesen. Und wer in lauen Nächten hier ins Dunkel zu tauchen wagt, dem erzählt's das leise Rauschen der Zweige. Dem klingen die alten Namen aus der Vergangenheit herauf, und um jeden flicht Legende ihren Kranz.


Doch zurück zu Anna Amalia! Ein Menschenalter hat sie im Wittumspalais gewohnt, bis zu ihrem Tode. Und sie starb 1807. Rührig, still und einfach lebte sie hinter diesen Fenstern, diesen Mauern, nur im Frühling und Sommer die Stadtwohnung mit dem nahen Tiefurt tauschend, zuweilen, doch nie lange, auf Reisen. Ihre Freundin und Vertraute: die Göchhausen. Luise mit Vornamen, aber Freundesscherz nannte sie, die zwerghaft-zierliche, Thusnelda. »De Frailein von Kechhausen, wisse Se, wo bloß so glein kewese is, das heißt nemlich, häre Se, se war pucklich un verwachse, aber sähr gluch.« So der Kastellan des Wittumspalais, der vermutlich aus Sachsen ist. Erich Schmidt, der ihre Urfaust-Handschrift fand, hat sie dann so berühmt gemacht, daß heute die Jungen und Mädels in der Schule ihren Namen lernen. Und Goethe-Verse, leibhaftige, huldigen ihr:

»Der Kauz, der auf Minervens Schilde sitzt,
Kann Göttern wohl und Menschen nützen;
Die Musen haben dich beschützt,
Nun magst du sie beschützen.«

Was die Kleine redlich tat. Andere Hausgenossinnen der Herzogin: die Kammerfrauen. Auch hier bekannte Namen. Amalie Kotzebue, die Tante Augusts, treu der Herrin bis zur Erblindung. Genast, der Schauspieler, sah als Knabe die Blinde noch im Hofe des Palais in der Sonne sitzen. Amalie von Berg, die Schriftstellerin, die auch eine Kotzebue war und später den Steuerrat Ludecus heiratete. Ihr Grab ist auf dem Alten Friedhof am Poseckschen Garten. Und die beiden Bendas … alle, worauf Anna Amalia großen Wert legte, nicht Domestiken, sondern Talente und »schöne Geister«.

Diese drei Jahrzehnte Wittumspalais unter Anna Amalia umspannen Goethe-Welt. 1775, im November, taucht der Dichter des »Werther« in Weimar auf, »mit seinem schwarzen Augenpaar, zaubernden Augen mit Götterblicken, gleich mächtig zu töten und zu entzücken«, ein Meteor, das schnell zum Stern wird, der über Weimar stehen bleibt wie der Stern der Verheißung über Bethlehem. Und so auch über der Herzogin Amélie Palais … jetzt, wo die Regierung aus ihren Händen an den mündig gewordenen Carl August übergangen, tatsächlich nur noch ein Witwensitz.

Und Goethe-Welt ist es, die dies stille Haus spiegelt. Auch hier, hat man den düsteren Torbogen erst passiert, der junge Frühling. Grünes Licht rauscht auf, betritt man den Hof. Die Spatzen unter der Kastanie lärmen. Sonne legt Gold auf die grauen, verwitterten Wände und läßt die toten Fenster glitzern.

Tür, Treppe, Vorplatz: ein Bürgerhaus. Wie am Frauenplan. Behäbig, aber ohne jeden Prunk. Den bieten erst die Zimmer. Die seidenen Tapeten leuchten, das Parkett glänzt, die Kristallüster flimmern. Aber es ist ein sterbendes Rokoko. Ein paar der weißen Stuckdecken, ein paar Möbelstücke gefallen sich noch in geschweifter Linie. Alles andere ist bereits Empire: steif, kühl, sparsam im Ornament. Ein Kranz, eine Schleife, ein dünnes Fruchtgehänge, an den weißen Türen, an der Boiserie der Fensternischen schmale goldene Linien — das ist alles. Üppig nur die Bilder. Da das herrliche Porträt der Fürstin von Tischbein: die großen Augen, der zarte Mund, um den verhaltenes Lächeln spielt, die schöne Büste … Anna Amalia, wie Goethe die »verwittibte Herzogin« zuerst sah. Da Friedrich der Große, der Fürstin Oheim, »in zugeknöpftem blauen Zivilrock mit Ordenssternen, wie er soeben den Siebenjährigen Krieg beendet hat«, das einzige Bild, zu dem der König gesessen hat: der herrliche, sieghafte Glanz der Friedrichs-Augen flimmert auch in denen der Nichte. Da, im rotbespannten »Dichterzimmer«, Goethe und Schiller, von May, von Graff; im Schlafzimmer der Herzogin die Söhne: Carl August, achtzehnjährig, von Schlosser, und Constantin, ein dunkeläugiges zartes Kind, von Tischbein. Und so fort. Die ganze Dynastie, der ganze Hof, Weimar in Goethe-Tagen. Selbst die beiden Schwestern Gore fehlen nicht, die Engländerinnen, deren eine, die schöne Emilie, Carl August nahe gestanden haben soll. Und auch Corona Schröter nicht. Wie sie lächelt! Kaum verhüllt das Kleid den vollen Busen, Locken rahmen das Iphigenien-Antlitz. Wen hat in Weimar man so gefeiert wie sie? Wen so rasch vergessen? Ihr Lächeln tut weh, und die schmale Galerie, in der ihr Bild hängt, verfinstert sich, denkt man des einsamen Grabes in Ilmenau.

So weckt hier jedes Bild, jedes Zimmer, jeder Gegenstand Erinnerungen. Das Herz hält Totenschau und ist, für tiefe Augenblicke, den Toten näher als den Lebenden. Zumal im »Lesezimmer«, das hinter den verhängten Fenstern ein grünes Zwielicht geheimnisvoll erregend füllt, drängen sich die Schatten. Georg Melchior Kraus, der Maler, hat den Abendkreis von Menschen, der hier sich bei der Herzogin so oft zusammenfand, im Bilde festgehalten. Da sitzen sie alle um den Tisch, in der Mitte die Fürstin, die malt, rings um sie herum, ganz zwanglos, die anderen: Goethe, der vorliest, neben ihm Einsiedel, dahinter, bei riesigen Bildermappen, Heinrich Meyer, und die »schöne Kehle«, das Fräulein v. Wolfskeel, schaut gespannt, welchen Kupferstich, welche Zeichnung Meyer der Gesellschaft vorlegen wird. Gegenüber die Gores, Vater und Töchter, über eine Stickerei gebeugt die Göchhausen und, bequem in den Stuhl zurückgelehnt, Herder.

Was liest Goethe vor? Wovon sprechen sie? In welche Fernen blickt Herders Auge? Vielleicht steigt Italien vor ihnen allen auf, wo die Herzogin vor kurzem gewesen … Italien, das, wie Goethe in seiner Widmung der »Venetianischen Epigramme« rühmt, Anna Amalia ihnen in Germanien von neuem erschuf. Vielleicht liegen in den Mappen neben Meyers Sessel die Aquarelle von Tivoli, die jetzt im grünen Wohnzimmer der Herzogin hängen, vielleicht ist es das Tagebuch seiner italienischen Reise, in dem Goethe blättert … wer kann es wissen?

Eines Tages begegnen Offiziere auf der Landstraße nach Jena einem alten Manne in dürftigem Reisehabit. »Was ist das für ein närrischer Kerl?« fragt einer … »Er wird das Handwerk grüßen!« meint ein anderer, sehr von oben herab. »O nein!« fährt da der erste fort, »ich habe ihn gestern im Garten der Herzogin gesehen.«

Es war der Dichter Seume.

Und so wie er durfte kein »schöner Geist« Weimar passieren, ohne im Wittumspalais eingekehrt zu sein. Es hat dieser Gäste vielerlei gesehen, ihre Namen klingen mit, wenn der Name »Wittumspalais« aufklingt. Der alte Wieland vor allem, so vertraut, daß er jederzeit Zutritt hatte, dann Goethe natürlich, Herder und Schiller. Sie wäre eine wackere Frau, die Herzogin, und es lebte sich gut mit ihr, bekannte Schiller, der skeptisch war gegen Fürstengunst. Lenz, Klinger tauchen sporadisch auf. Auch Merck. Später wird Jean Paul feierlich empfangen — wetteiferte an schnellem Ruhm er eine Zeitlang doch fast mit dem Herrn vom Frauenplan! Sein Schreibsekretär, später hierher gebracht, erinnert an ihn. Auch Jena schickte illustre Köpfe: Humboldt, Hufeland, Fichte, Schelling, Hegel. Und von der Staël, die bei der Herzogin wiederholt zu Gast, erzählt Goethe in den »Annalen« folgende Anekdote: »An einem personenreichen Abendessen« sitzt Goethe in Schweigen versunken. Irgend jemand hält sich darüber auf. Die Staël pflichtet bei. Und fügt hinzu: »Übrigens mag ich Goethe nicht, wenn er nicht eine Bouteille Champagner getrunken hat!« Goethe hört's und meint schlagfertig: »Da müssen wir uns denn doch schon manchmal zusammen bespitzt haben.« Unterdrücktes Lachen, verlegene Pause im Gespräch. Die Staël, des Deutschen nicht mächtig, will wissen, was er gesagt. Niemand traut sich, bis Benjamin Constant es unternimmt, »ihr mit einer euphemistischen Phrase genugzutun«.

Wo dies »personenreiche Abendessen« gewesen? Vermutlich im Obergeschoß, im »Theatersaal«. Da ist erst das schöne, türkisblaue »Empfangszimmer« mit den weißgoldenen Möbeln und den Leuchtergirandolen, die Goethe der Herzogin aus Italien mitgebracht, und dann, mit den Fenstern nach Hof und Esplanade, dieser Saal. Hier wurde getafelt, hier Theater gespielt, hier getanzt. Die Decke von Oeser. Die übliche Allegorie. Die Wände schöner roter Marmor. Die Sessel gelber Atlas. Ein Riesenteppich deckt den Boden. Alles sehr festlich und, wenn die Kerzen flimmern, sicher warm und behaglich. Goethes »Paläophron und Neoterpe« hat hier, anno 1800, der alten Herzogin gehuldigt … ein Maskenspiel, in Worten tändelnd, die leicht wie Hauch, der Spinettklang einer abgelebten Zeit. Dieser Klang haftet noch. Man spürt ihn bis in letzte Nerven. Nur ist die heiter-bewegliche Gesellschaft, die einst danach tanzte, tot, und jetzt schwingen hier im Lichte sich allein die Sonnenstäubchen.


Lange lag diese ganze Welt in tiefem Schlaf. Man schien vergessen zu haben, daß hier einst eine »vollkommene Fürstin mit vollkommen menschlichem Sinn«, wie Goethe Anna Amalia genannt, gewohnt hatte. Schien vergessen zu haben, daß über die schlichte graue Holztreppe die erlauchtesten Geister einer großen Zeit geschritten waren. Weimar trieb Kult mit andern Göttern: wenn Liszt sich, lockenumwallt, am Fenster seines Hauses in der Belvedere-Allee sehen zu lassen geruhte, zwang Verzückung die Weiber auf die Knie … ein paar Akkorde, von seiner Hand gegriffen, faszinierten eine Welt!

Erst Carl Alexander brach den Bann.

Da säuberte das alte Schlößchen man sorgfältig von Spinneweben und Domestikenplunder und baute hübsch zierlich, von Zimmer zu Zimmer, die Erinnerungen auf, die dem Einst Glück und Rausch verflogener Stunden gewesen … die vielen Bilder, das Porzellan, die Uhren, die Vasen aus Alabaster und Biskuit, die Bronzen, das Tausenderlei von Andenken, das Reisen und Besuche angehäuft, Tand vielleicht und doch mehr, weil Herkunft und Gebrauch die meisten der Sachen geadelt. So fein baute man das alles auf, daß Anna Amalia, die sehr auf Ordnung hielt, nichts auszusetzen fände, schritte sie jetzt noch einmal die Flucht der Zimmer ab.

Alles steht an seinem Platz … sie fände im Wohnzimmer das Schachbrett, im Schlafzimmer Waschservice und Frühstücksgeschirr, am Fenster ihre Malutensilien; da die kleine antike Räucherlampe auf dem »Balkon« des gußeisernen Ofens harrt nur der Hand, die sie anzündet, da auf dem Spinett die Mandoline nur der Finger, die sie zum Klingen bringt. Die Noten daneben, Mozart, liegen aufgeschlagen, und auch die Harfe steht bereit. Ja, sie fände sogar in einem kindlich mit Goldpapier verklebten Glaskästchen die winzigen rotseidenen Pantoffeln …

Aber sie kommt nicht. Die Stadtkirche hütet ihre Toten gut. Nur ihr Geist beseelt noch immer die Räume, die sie einst bewohnt, den kann kein Stein und keine Gruft bannen. Und die alte Dame auf Jagemanns Bild, Anna Amalia 67 Jahre alt, lächelt, als ob sie das wüßte.


Wagenfahrt unter blühenden Obstbäumen. Die Sonne schon sommerlich warm: Gold tropft aus dem grünen Baldachin des Laubes, verwehte Blütenblätter taumeln gleich lichttrunkenen Faltern. Da die Landstraße höher steigt, wandert das Auge über Felder, die sich wie blasser Brokat wellen. Dazwischen ein Silberband: die Ilm, der »liebe Fluß«. An ihrem Ufer Tiefurt.

Goethes Tagebuch am 20. Mai 1776: »… Tiefurt. Einzug.« Am 21.: »In Tiefurt mit den beiden Herzoginnen, Edelsheim usw. Drauß geschlafen.« Und ein Brief Knebels: »Wir vertrieben den Pächter aus seiner Wohnung, rissen die Bauerngehege hinweg und bereiteten nach und nach einen angenehmen Aufenthalt in der überaus günstigen Gegend.«

So beginnt Tiefurts klassische Zeit. Das Pächterhaus des Kammerguts, ein anspruchsloser Bau ohne jeden Stil und Komfort, wird auf Wunsch der Herzogin Sommerquartier des Prinzen Constantin, Carl Augusts Bruder. Knebel, der Erzieher des Prinzen, richtet die Wohnung her, Goethe, Hansdampf in allen Gassen, muß helfen. Zwei Stuben müssen vorläufig genügen. Oeser malt sie in pompejanischer Manier aus: auf gelbem Grund ein wenig Blumenornament.

Am 20. Mai der Einzug. Der ganze Hof ist draußen, auch Goethe mit Frau von Stein. Die Bauern empfangen den Prinzen mit »Musik, Böllern, ländlichen Ehrenpforten, Kränzlein, Tanz, Feuerwerkspuffer, Serenade usw.«. Zwei Tage dauert das Fest. Da im Schlößchen noch keine Betten für Gäste, übernachten der Herzog, Goethe und »noch einige« im Freien … was man damals, jugendlich begeistert, als »Erdgefühl« cachierte.

Dieser Prinz Constantin, schon in frühen Jahren ein Sorgenkind, hat hier bis 1780 gewohnt … sicherlich nicht freiwillig. Er war ein unruhiger Geist, schwierig zu behandeln, bei aller Wildheit überzart, mit schmalen Schultern, blassen Schläfen, den dunkelglühenden Augen eine Verfallserscheinung. Was konnte ihm, der nach Abenteuern und Ekstasen Leibes und der Seele gierte, das Idyll Tiefurt geben? So schickte man ihn auf Reisen. Vergebens. Krank taumelt er durchs Leben, bis ihn, 1793, die Kriegstrommel verführt. Als sächsischer Oberst macht er die Kampagne gegen Frankreich mit und stirbt, fern der Heimat, irgendwo an der Ruhr, so ein nutzloses Dasein nicht einmal heldisch endend. Mutterliebe hat ihm im Tiefurter Park ein Denkmal gesetzt, eins der vielen hier. Ein antiker Sarkophag, sehr schön in den Linien, die Inschriften feiern den Toten in ergreifenden Worten als Helden und »Opfer dieses unglücklichen Krieges«.


Dies ist die Ära Constantin … verweht, vergessen. Nur das Denkmal an der Ilm erinnert leise daran und eine schmale Silhouette des Prinzen im Schloß. Das Tiefurt Anna Amalias, die nun das ferne Ettersburg aufgibt und hier im Sommer wohnt, ist das heutige … der Park mit seinen Urnen, Bänken und Gedenksteinen hat sich selbst erhalten, das verwahrloste, mit Krimskrams aller Art überladene, lange nur als Rumpelkammer benutzte Haus hat Enkelpietät ganz so wiederhergestellt, wie es zu ihren Zeiten war. Dank Wilhelm Ernst, dem nun Vertriebenen, der das getan! Auch hier würde die Erlauchte, kehrte einmal sie aus Elysium zu der Stätte zurück, die ihr eine Stätte reinsten Glücks und lauterster Freude gewesen ein Leben lang, alles finden, wie sie es verlassen, als der Tod sie abberief. Wirklich alles. Nur die Steintafel am Eingang zum Park fehlt, die einst schwärmte:

»Hier wohnt Stille des Herzens, goldene Bilder
Steigen aus der Gewässer klarem Dunkel.
Hörbar waltet am Quell der leise Fittich
Segnender Geister!«

Fromme Worte, die noch jetzt Magie. Wer den Park betritt, dem klingen sie im Herzen auf, und wer ihn verläßt, den begleiten sie.


Zwei Wege führen von Weimar nach Tiefurt, beide gleich schön, zumal im Frühling, wenn junges Grün sie säumt. Der eine die Landstraße, die das »Webicht« quert: erst Villen, dann Garten und Feld, schließlich der Wald. Wie oft ist hier der alte Goethe mit Eckermann gefahren, in Erinnerung versunken! Der andere, die »Carolinen-Promenade«, läuft die Ilm entlang.

»Es ist ein äußerst angenehmer Weg,« schreibt 1780 ein junger Theologe, der Herder nach Tiefurt begleitete, »der Ilm nach, durch ein Wäldchen, wo wir meisterlich waten mußten.« Das braucht man heute nun nicht mehr. Man gelangt trockenen Fußes ans Ziel. Aber wenn der Briefschreiber weiter erzählt: »Endlich kamen wir auf eine schöne Wiese, dann wieder ins Holz, dann übers Wasser in den Garten, wo eine kleine chinesische Hütte ist, hinauf auf den Berg, den Knebels Phantasie ausgebildet hat, zu einigen kleinen Altärchen, wo man ins Tal eine schöne Aussicht hat, zu einer Grotte, die Virgils Grab heißt, oben gegen dem Feld am Wald vorbei auf eine hohe Eiche von drei Stockwerken, ordentlichen Altanen, wo eine schöne Aussicht ist und reine herrliche Luft weht«, so kann man der Schilderung eher beipflichten. Nur konnte Herders Begleiter, der ja auch »Tiefort« noch ein »Lusthaus des Prinzen Constantin« nennt, anno 1780 die mancherlei Veränderungen nicht kennen, die der Park nun unter Anna Amalia erfuhr.

Und die aus Wald und Wiese, Fluß und Uferhang, Berg und Tal einen »elysischen Hain« machten. »Faune und Nymphen sollen sich nicht zu schämen brauchen, ihren Aufenthalt darin zu nehmen.« So sie selbst. Knebels Anlagen sind der Grundstock. Nun baut sie, mit Goethe, weiter. Bäume werden gepflanzt, Wege gezogen, Durchblicke geschaffen. Jede Bank erhält ihren Namen, jeder Platz seine tiefere Bedeutung. Ein »Musentempel«, weiß und schlank, steigt reizvoll aus dem Samt der grünen Rasenflächen, die Freunde werden durch Altäre und Urnen gefeiert. Das Ganze schließen jenseits der Ilm Felsterrassen harmonisch ab … ein Theater der Natur, das sentimentalisches Gefühlsklima atmet, Oden und Elegien in Stein, Baum, Boskett tändelnd beleben.

Oder wie die Goethe-Verse auf dem Holzsockel der Wieland-Büste es wollen:

»Wenn zu den Reihen der Nymphen
Die eine Mondnacht versammelt
Sich die Grazien heimlich
Von dem Olympe gesellen,
Hier belauscht sie der Dichter
Und hört die schönen Gespräche
Sieht dem heiligen Tanz
Ihrer Bewegungen zu.
Was der Himmel Herrliches hat
Was glücklich die Erde
Reizendes hervorbringt
Erscheint dem wachenden Träumer.
Dann erzählt er's den Musen
Und daß die Götter nicht zürnen
Lehren ihn die Musen
Bescheiden Geheimnisse sprechen«.

Die ursprüngliche Form der Distichen, die in den Werken als »Geweihter Platz« feierlichere Prägung erhalten haben. Geweihter Platz — das ist ganz Tiefurt. Man wandert von Erinnerung zu Erinnerung, immer die Ilm zur Seite, die mit Glitzerwellchen lustig über Stein und Wurzel dahinströmt. Enten treiben drauf, Blütenblätter, zuweilen hascht Sonne einen Fisch und läßt den schmalen, blanken Leib in kühler Flamme lodern … alles wie anno dazumal, als Anna Amalia hier in weißem Sommerkleid, eine bescheidene Landedelfrau, morgens lustwandelte. Mit Wieland vielleicht, »ihrem guten Alten«. Oder mit Goethe, mit Herder. Vielleicht auch nur begleitet von der »Gnomide«, der Göchhausen, und deren dickem Mops.

Ein Baum, ein Steintisch, eine Büste … wie dürftig! Und doch vollkommenstes Idyll. Idyll auch, ein paar Schritte weiter, die Bank mit dem Amor: Coronas Denkmal. Kein Name verrät, daß es ihr gilt. Aber im Rauschen der Bäume, im leisen Flüstern der Blätter ringsum klingt süß und leise noch heute die Stimme, die sich hier einst so oft im Lied gewiegt. Sie ist Philomele, der die Goethe-Verse der Steintafel huldigen:

»Dich hat Amor gewiß, o Sängerin, fütternd erzogen;
Kindisch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Kost.
Schlürfend saugtest du Gift in die unschuldige Kehle,
Und mit der Liebe Gewalt trifft Philomele das Herz.«

Niedlich darüber der Amor, ein kleiner Marmorgott. Die eine Hand, die mit dem Pfeile, hat ein Umsturz-Wicht zerschlagen. Nun klagt das Kinderauge, und Philomele, ängstlich in die andre Hand geschmiegt, ist ohne süße Nahrung. Aber wenn der Abend kommt und Flieder und Jasmin stärker duften, aus den Flußwiesen der Nebel steigt, singt sie doch … der ganze Park wird dann ein einziges trunkenes Liebesstammeln.

Wenn der Abend kommt, erwacht hier überhaupt die Vergangenheit, aus Schatten drängen Schatten und werden wieder Leben. Wissen muß helfen, sie zu beschwören. Da ist Goethes Tagebuch. Immer wieder meldet es im Sommer 1781, dem ersten, den Anna Amalia hier als Herrin verbracht: »Abends Tiefurt.« Auch die Briefzettelchen an Charlotte, wilder, heißer, ungestümer denn je, erzählen damals unablässig davon. Da wird mit den Bauern und der Dorfjugend der »Ärndtekranz« gefeiert, da wird »Nathan und Tasso gegeneinander gelesen«, da singt Corona Schröter Rousseaus neue Lieder, da wird der »Musentempel« eingeweiht, ein frischer Gedenkstein enthüllt … wir würden heute sagen: immer ist in Tiefurt was los. Und Charlotten, die ihre Migräne hat und an der Ackerwand eifersüchtig des Freundes denkt, der mit anderen »miselt«, vielleicht sogar mit »Krone«, vielleicht auch mit der schönen Baronin Werthern oder der kecken Waldner, der Person, — Charlotten wird berichtet: »Gestern ist unsre Feyerlichkeit zu iedermanns Vergnügen begangen worden.«

Feierlichkeit?

Wieder mögen Goethe-Verse Deutung geben. Das große, das wundervolle Gedicht »Auf Miedings Tod«, das den Theatermeister Mieding und die Schauspieler preist:

»Als euern Tempel grause Glut verheert,
Wart ihr von uns drum weniger geehrt?
Wie viel Altäre stiegen vor euch auf!
Wie manches Rauchwerk brachte man euch drauf!
An wie viel Plätzen lag, vor euch gebückt,
Ein schwer befriedigt Publikum entzückt!
In engen Hütten und im reichen Saal,
Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal,
Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht
Und unter dem Gewölb der hohen Nacht
Erschient ihr, die ihr vielgestaltet seid,
Im Reifrock bald und bald im Galakleid …«

Theater also, Possenspiel. Und die Bühne ist die »Theaterwiese«, Parkett das »Chinesische Haus« mit schmaler Terrasse. So einst, und so noch heute, nur liegen die Wiese, der schlichte Fachwerkpavillon verödet und verlassen. Und nachher dann »Beleuchtung«. Da wird an Miedings Stelle Goethe, der Rembrandt-Schwärmer, Regisseur, und Fluß und Uferhang wandeln sich, wie so oft schon vorm Gartenhaus am Stern, in idealische Landschaft von magischem Helldunkel, werden Rembrandt-Tableau »zu jedermanns Vergnügen«.

Und das Tagebuch vom 28. August 81: »Abends in Tiefurt, wo man die Ombres Chinois gab.« An Frau von Stein tags darauf: »Gestern ist das Schauspiel recht artig gewesen, die Erfindung sehr drollig und für den engen Raum des Orts und der Zeit sehr gut ausgeführt. Hier ist das Programm. NB es war en ombre Chinois wie Du vielleicht schon weißt.«

Dieser 28. ist Goethes Geburtstag, das Schattenspiel, das Seckendorf gedichtet, Huldigung für ihn: »Minervens Geburt, Leben und Taten.« Im »Tiefurter Journal«, Anna Amalias netter, handschriftlich vervielfältigter Chronik dieser Jahre, kritisierte Wieland die Aufführung. Alles sehr hübsch, sehr gelungen, doch Venus sei in einem Aufzuge erschienen, »welcher dem Negligé einer Waschfrau und Grasnymphe ähnlicher sah, als dem einzigen Schmuck, der sich für die Göttin der Schönheit ziemt«. Ob Emilie Werthern, eben jene Venus, ein andermal den guten »Papa Wieland« mehr befriedigt hat?

Ein Jahr später, an heißem Juli-Abend, die »Fischerin«, unten an der Ilm bei Fackelbeleuchtung gespielt. Goethe an Merck: »Ehestens wirst Du ein Wald- und Wasser-Dram zu sehen kriegen. In Tiefurt aufgeführt, tut es gute Wirkung.« An Charlotte, die Verstimmung fern gehalten: »Von meinem gestrigen Stück, das sehr glücklich ablief, bleibt mir leider nichts als der Verdruß daß Du es nicht gesehen hast.« Das Tagebuch stumm. Um so beredter die Tuschzeichnung von Kraus im Schlößchen in Farbenduft und zarter Linie: die Erlen, die Fischerhütte, an einem kleinen Feuer Töpfe, im Hintergrunde Netze und Fischergeräte, auf dem Fluß im Mondschein der Kahn mit den Fischern, vorn Dortchen, die den »Erlkönig« singt … ein reizendes Bild, ganz die Szenerie des Stücks in Goethes Angabe, ganz Tiefurt-Zauber. Dortchen, im üppig gerafften Reifrock mehr eine Schäferin des Rokoko denn eine ländliche Fischerin ist Corona Schröter, die Liebliche. Und wie kann es anders sein, daß da die Verse aufklingen, die sie unsterblich gemacht:

»Ihr Freunde, Platz! Weicht einen kleinen Schritt!
Seht, wer da kommt und festlich näher tritt!
Sie ist es selbst — die Gute fehlt uns nie —
Wir sind erhört, die Musen senden sie.
Ihr kennt sie wohl; sie ist's, die stets gefällt:
Als eine Blume zeigt sie sich der Welt,
Zum Muster wuchs das schöne Bild empor,
Vollendet nun, sie ist's und stellt es vor.
Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,
Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.
So häuft sie willig jeden Reiz auf sich,
Und selbst dein Name ziert, Corona, dich.«


So führt Erinnerung, süßen Plaudertons, zum Schloß. Altersbraun, verwittert Dach und Mauerwand, liegt's unter Riesenbäumen. Weimar trinkt hier gerne Kaffee. Der Kastellan hat kleine Wirtschaft, an schönen Sommernachmittagen sind Tisch und Stuhl, heut leer und Turngerät für Hühnervolk und Spatzen, dicht besetzt … die »Stille des Herzens« ist dann Illusion.

Ein Schloß?

Man lächelt. Kaum ein Schlößchen. Ein Guts-, ein Pächterhaus, wie's deren Tausende gibt. Bescheidener kann man nicht wohnen. Allein die hölzerne Pergola der Parkfront mit ihren Säulen, ihrem Gitterwerk, ihren Skulpturen verrät, daß hier Anmut und Geist sich eine maison d'âme in ländlicher Idylle geschaffen, hier Heimat von Menschen gewesen, die mehr als Ackerbau und Viehzucht trieben.

Anmut und Geist verklären auch das schlichte Innere. Ein Wittumspalais im Kleinen! Winzig die Zimmer. Die niedrigen Decken einfach geweißt, der Fußboden bemalte blanke Wachsleinwand, die reizend Mobiliar und Fenster spiegelt. Überall das Ornament des Empire, halb Mäander, halb Pompeji. Die Wände zartgetönt: gelb, grau, hellgrün … am apartesten ein »Empfangszimmer« mit den aufgeklebten schwarzen Kupferstichen. Prunk fehlt ganz. Die Kronleuchter, auch sie Pompeji, das damals große Mode, nur aus Holz geschnitzt, die Gardinen Mull, die Polsterbezüge Rips. Hier und da ein Sessel mit Handstickerei: Hofdamengeschenke. Bilder natürlich in Hülle und Fülle. Porträts in Öl, Porträts in Pastell. Alte Stiche. Silhouetten. Wachsreliefs. Als Proben Ötternschen Marmors, den Goethe zuerst brechen ließ, Büsten und Figuren von Klauer: der junge Goethe, Fritz von Stein, die Göchhausen.

Es ist eine empfindsame Wanderung. Alles, was der Park erzählt, steht hier noch einmal auf in Bild und Andenken … ein Schattenspiel der Seele. Aber die es einst in Dämmerstunden schnitten, sind alle tot … nur ihrer Persönlichkeiten geheimer Duft schwingt noch in den Räumen: im Speisezimmer, wo sie, Raphaels Farnesinagemälde vor Augen, tafelten, im Empfangszimmer, wo die Leseabende des Wittumspalais ihre sommerliche Fortsetzung fanden, im Wohnzimmer, wo musiziert wurde, im Schlafzimmer, wo Bett und Waschgeschirr, nebenbei: ein Puppengeschirr, das immer von neuem verwundertes Lächeln hervorruft, noch so stehen, als ob die Herzogin nur mal in den Park gegangen wäre und jeden Augenblick wieder durch die Tür eintreten könnte.

Und so kommt man auch, über schmale Treppe, schmalen Gang, zu der Wohnung des Fräuleins von Göchhausen, die Luise hieß, aber, von den Grafen Stolberg einst in übermütiger Laune, klein, wie sie war, Thusnelda getauft, von der Herzogin zärtlich-liebevoll »Thusel« gerufen wurde … und dieser schmale Gang, eine Art Galerie, ist vielleicht das Schönste hier im Schlößchen. Ist Rokoko-Kulisse, die verschnittene Hecke vortäuscht. Ist Mozartsche Musik, ein wenig steif, ein wenig tänzelnd, süß und lieblich. Auf die Laubtapete gemalt Steinfiguren, die Jahreszeiten: Le Printemps, L'Été, L'Automne, L'Hiver. Damit die falschen Statuen plastisch wirken, werfen sie alle Schlagschatten … rührend komisch in verhaltener Grazie! So hat in unsern Tagen der Russe Konstantin Somoff, so Walser Rokoko gemalt. Und vor der Galerie die Pergola. Welch ein Blick! Der ganze Park. Da die Kastanienallee zum Teesalon, da die drei Lärchen, die Goethe gepflanzt, da die Theaterwiese mit dem Musentempel … entzückend! Das grüne Gitterwerk, von Wein berankt, der Rahmen für lauter Bilder von Corot.

Die gleiche Aussicht haben die Göchhausen-Fenster. Da hat die kleine putzige Person, »Genie in Fülle — kann aber nichts machen!«, am Schreibsekretär gesessen, der geliebten Herrin Hand in Bronze vor sich, und hat an Knebel geschrieben: »O Knebel, setzen Sie sich aufs erste beste Pferd und erfreuen uns irgend einen guten Abend mit Ihrer Erscheinung! Dies ist der Herzogin, Goethens und mein liebster Traum, wenn wir in diesem lieben, lieben Tempe die Sonne untergehen und den Mond in seiner stillen Pracht aufgehen sehen. Lieber, überlegen Sie's! Oder vielmehr überlegen Sie's nicht und kommen Sie! So schön wie dies Jahr war's noch nie! Die Akazien blühen wie überschüttet mit Blumen. Rosen, Jasmin und Jelängerjelieber sind wie ausgelassen und können gar nicht erwarten, bis sie alle da sind …«


So gehen die Jahre. Die Farben von Tiefurt verblassen, die Menschen, die hier Sommer für Sommer wohnen, werden alt, ihre Augen matt, ihre Herzen müde. Weit verstreut in alle Lande, bis in das des Todes, sind, die hier einst gelacht, gescherzt. Auch Goethe ist ein seltener Gast geworden. Die Einsamkeit häkelt um Schloß und Park, und ein Besuch der Königin Luise, die hier ein Paretz ins Weimarische übersetzt, findet, ist 1804 fast unliebsame Unterbrechung des Friedens. »Nun denken Sie sich den Holdelpolder im Tiefurter Bezirk!« schreibt die Göchhausen an Knebel, den Freund, in Jena, »die Esel schrien, die Kühe brüllten, die Gänse schnatterten, und die Hühner machten glu, glu, glu! Alles sang Hymnen nach seiner Art.«

Das Leben, das so freundlich hier gelächelt, in so buntem Glanz geblüht, ist gemach zu ombres Chinoises geworden, zu Silhouette, die wehmütige Erinnerungen weckt. Man schaut sie an und hängt ein Kränzlein um den Rahmen. Und fragt: Wie lange noch?

Herbst 1806. Der Krieg naht. Schwüle vor dem Sturm. Noch ist die Herzogin in Tiefurt, Wieland leistet ihr Gesellschaft. Man musiziert »mit schwerem Herzen«, wie Goethe in den Annalen erzählt, »es ist aber in solchen bedenklichen Momenten das Herkömmliche, daß Vergnügen und Arbeiten so gut wie Essen, Trinken, Schlafen in düsterer Folge hintereinander fortgehen.« Da bricht der Sturm los, Anna Amalia muß, Hals über Kopf, nach Kassel flüchten. Prinzessin Caroline, die Enkelin, begleitet sie. Sie hat Tiefurt nie wiedergesehen. Denn kann sie auch bald nach Weimar zurückkehren, so ist es jetzt doch Winter, harter Winter, und das Wittumspalais bietet der alten Dame besseren Schutz als Tiefurt. Außerdem kränkelt sie. Diesen Aufregungen war die Achtzigjährige nicht mehr gewachsen. Als es wieder Frühling wird, legt sie sich zu Bett und stirbt.

Die Tote hat man gefeiert. Die Sterbende war allein. Ergriffen steht man vor dem schmalen Bette ihres Sterbezimmers im Wittumspalais. An der grünen Seidenwand, jung und strahlend, die Porträts der Söhne, zu Häupten des Betts ein Bild Friedrichs des Großen. Auf der Kommode die Uhr und das Mundporzellan. Sonst nichts. Die letzte Welt einer Fürstin, deren Geist keine Grenzen gekannt. Alles andere ferner Traum: die Heimat Braunschweig, Belvedere, wo sie junge Frau gewesen, Ettersburg und Tiefurt mit den bittern Tagen früher Witwenschaft, mit den Tagen Wielands, Goethes, Herders, die der Einsamen verlorenes Glück ersetzten. Was flüstert die Fiebernde? Formt Sehnsucht noch einmal den greisen Mund zu wirrem Schmeichellaut? Oder ist's ein skeptisches Lächeln, das um diese Lippen zittert?

Draußen rüttelt der Frühlingswind an den Fensterläden, und die Kammerfrauen beten. Leise tickt die Uhr. Sie hat Jahre gezählt, nun zählt sie Augenblicke. In das brechende Auge lächelt das Kinderantlitz des Prinzen Constantin.


Die Reisen in den Harz

»Bin so in Lieb zu ihr versunken,
Als hätt' ich von ihrem Blut getrunken.«

Goethe

Im Weimarer Park, nicht weit von Goethes Gartenhaus und der Ilm so nah, daß man ihr leises Rauschen gerade noch hören, den Schimmer des Wassers durch das Gezweig von Weide und Erle gerade noch sehen kann, steht an einer Weggabelung ein kleines Monument: der Schlangenstein. Martin Klauer, der Bildhauer, hat ihn auf Wunsch Carl Augusts nach antiken Vorbildern geschaffen, im Mai 1787 wurde der »Altar mit der Schlange« hier aufgestellt.

Derlei war damals Mode. Auch Goethe selbst hatte schon anno 77 in seinem Garten am Stern einen ähnlichen »Altar des guten Glückes« errichtet. Nun fand er, aus Italien zurückkehrend, diesen neuen an nicht weniger vertrauter Stätte: mit der Inschrift »Genio huius loci« auf dem Säulenstumpf eine zarte Huldigung des fürstlichen Freundes für den Dichter. Denn wer konnte denn der »gute Geist dieses Ortes« sein, wenn nicht er, auf dessen schöpferische Ideen die ganzen Parkanlagen ringsum doch zurückgingen?

So wenigstens die eine Deutung der rätselhaften Worte. Andere meint, der Herzog hätte gewußt, daß Goethen mit dem heimlich-stillen Platze liebe Erinnerungen verknüpften, der seltsame Stein also ein »Denkmal des Glücks« im Goetheschen Sinne wäre wie so manches andere Monument im Park. Man denke nur an jene Steintafel in Goethes Garten, die Frau von Stein gilt! Sie allerdings ist beredter, die Lettern, die ihr eingegraben, erzählen rührende Legende:

»Hier im stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten;
Heiter sprach er zu mir: Werde mir Zeuge, du Stein!
Doch erhebe dich nicht, du hast noch viele Gesellen;
Jedem Felsen der Flur, die mich, den Glücklichen, nährt,
Jedem Baume des Walds, um den ich wandernd mich schlinge:
Denkmal bleibe des Glücks! ruf' ich ihm weihend und froh.
Doch die Stimme verleih' ich nur dir, wie unter der Menge
Eine die Muse sich wählt, freundlich die Lippen ihm küßt.«

Wo sind sie, diese »Gesellen«? Diese unsichtbaren Geschwister von Schlangenstein und Charlotten-Tafel? Felsen der Flur und Bäume des Waldes, sind sie überall, wo Goethe jemals geweilt, sein guter Geist Ort und Stätte begnadet. Sie zu finden, braucht man sich nur ein wenig in seine Tagebücher und Briefe zu vertiefen, die so stark Beschwörung verklungener Leiden und Freuden hauchen. Wer, diese monumenta liebender Erinnerung fromm im Herzen tragend, durch die Landschaft wandert, die Goethe-Spuren kreuzen, der begegnet auf Schritt und Tritt solchen unsichtbaren »Denkmälern des Glücks«; er sieht in manche Baumesrinde geschnitten, in manche Felswand gegraben, auf manche Tapete geschrieben, in manches Fenster geritzt die drei geheimnisvollen Worte: Genio huius loci … sieht sie im Geiste, wie er sie auf dem »Felsenweg« im Park zu Weimar, von Ahnen hold bedrängt, am Schlangenstein in Wirklichkeit gesehen.

Von solchen nicht in Erz und Stein sich deutlich kündenden Stationen des Goethe-Weges soll hier die Rede sein.


Goethe im Harz …

Sofort setzt die Erinnerung ein: natürlich, »Harzreise im Winter«! Und doch ist diese Harzreise im Winter, die durch das wundervolle Gedicht des Achtundzwanzigjährigen und durch die Brahmssche Rhapsodie Ewigkeitsprägung erhalten hat, nur eine, die erste, und Goethe ist danach noch dreimal im Harz gewesen. Schon allein der Einfluß, den die drei Brockenbesteigungen auf Goethes »Faust« gehabt haben, sollte ein Wissen darum über das enge Gebiet der Forschung hinaus zumindest bei allen denen voraussetzen lassen, die immer wieder mit allen Sinnen den romantischen Zauber der Walpurgisnächte in den beiden Teilen des »Faust« erleben und empfinden, sei es im Theater, wenn all der Hexenspuk auf der halbhellen Bühne vorübertaumelt und Faust und Mephistopheles durch Glimmergründe zum Brocken hinaufsteigen, sei es in der Stille des abendlichen Zimmers bei der Lektüre, wenn das Auge zu der Stelle gelangt: »Harzgebirg. Gegend von Schierke und Elend,« sei es im Konzertsaal, wenn Mendelssohns Vertonung der »Ersten Walpurgisnacht« zu Musik werden läßt, was bisher nur als Wort in uns gebrannt …

Aber das Wissen darum ist spärlich. Nicht alle Harzreisen Goethes haben wie die erste des Winters 1777 dichterische Verklärung gefunden, und so viele und so reiche Zeiten seines Lebens der Dichter später sich und uns auch nacherzählt hat, gerade über die elf Jahre in Weimar, die bis zur Italienischen Reise reichen und die das Verhältnis zu Frau von Stein mit Duft überhaucht, hat er sich, ähnlich wie über die späteren Jahre mit Schiller, ausgeschwiegen. Nur die Schweizerreise von 1779 macht eine Ausnahme.

Wer sich in diese Zeit versenken will, ist auf die Tagebücher und die Briefe, vor allem auf die Briefe an Charlotte von Stein, angewiesen. Wie schön fügt sich, geht man erst einmal an diese »Arbeit« heran, ein Steinchen ans andere, um schließlich das wunderbare Mosaik zu ergeben, das Goethes Leben gerade in dieser strahlenden, von Jugend, Liebe, Sehnsucht wirr verklärten Zeit, tausendfarbig auf Goldgrund widerspiegelt! Tag schließt sich an Tag, Woche an Woche, Jahr an Jahr, und über allem steht in milde schimmernder Gloriole: »Alles um Liebe.« Und da steigen dann auch, geweckt vom Willen zur Hingabe, aus der Vergessenheit die Epochen herauf, um die bisher ungewissestes Zwielicht zitterte. »Goethe im Harz« — solange eine Formel, die wenig oder nichts besagte und höchstens diesen oder jenen einmal zu den Gedichten greifen ließ, um dort die »Harzreise im Winter« nachzulesen — diese erstarrte Formel wird zu leidenschaftdurchglutetem Leben, das Stumme gewinnt Sprache und zieht den Freund der deutschen Landschaft in ähnliche Zauberkreise wie Anspruchsvollere die Schilderung der Italienischen Reise.


Es war Ende November 1777. Weimar lag bereits im Winterschlaf. Da unternahm der Herzog eine Jagd auf wilde Schweine im Eisenachschen. Goethe, über die erste wilde Zeit in Weimar schon längst hinaus und Charlotte von Stein, der »lieben Frau«, bereits ganz hingegeben, stand der Sinn nach anderem als lautem Jagdvergnügen; er hatte einen »wundersamen geheimen Reiseplan«, erwirkte sich kurzen Urlaub und wollte erst später wieder mit der Jagdgesellschaft zusammentreffen. Ihn bekümmerten nämlich — wie er selbst mehr als vierzig Jahre später in der »Campagne in Frankreich« erzählt — Briefe eines jungen Theologen aus Wernigerode, eines gewissen Plessing, den tiefste seelische Nöte quälten und der sich an Goethe, den berühmten Dichter des »Werther«, um Hilfe gewandt hatte. Ihn wollte er besuchen. Gleichzeitig wollte er einmal das Harzer Bergwesen aus eigener Anschauung kennen lernen, um das, was er dort sehen würde, nutzbringend für das in Verfall geratene Bergwerk in Ilmenau, das wieder in Gang gebracht werden sollte, zu verwenden. An diese »Reise auf den Harz« hatte er schon lange gedacht, jetzt verwirklichte er sie.

Am 29. November bricht er auf, »in wunderbaar dunckler Verwirrung« seiner Gedanken, wie er an Frau von Stein schreibt. Weitere Briefe an diese, sein »lieb Gold«, das Tagebuch und die schon erwähnte nachträgliche, allerdings nicht ganz genaue Beschreibung des Besuchs bei Plessing in Wernigerode aus der »Campagne« geben ein fast lückenloses Bild dieser ersten Harzreise, das noch ergänzt wird durch die literarische Erklärung des Gedichts »Harzreise im Winter«, die Goethe 1821 im 3. Band von »Kunst und Altertum« auf den Kannegießerschen Deutungsversuch hin veröffentlichte.

Ein »bizarres Abenteuer« nennt er selbst in dieser Erklärung die Reise, und bizarr genug war sie. Ganz alleine reitet er los, in Nacht und Schnee hinein, immer in stiller Seelenzwiesprache mit der geliebten Frau, die an allem teilnehmen muß; heißt Weber, ist ein Maler, hat Jura studiert, beträgt sich höflich gegen jedermann und ist überall wohl aufgenommen, hat auch bisweilen Heimweh. Notizbuchblätter, in heftigstem Mitteilungsdrang den Briefen schnell noch nachgesandt, geben die Stationen im einzelnen an: Nordhausen, Sachswerben, Ilefeld sind die ersten. Im regnerischen Elbingerode, hoch zwischen Rübeland und Dreiannenhohne gelegen, formen sich die ersten Verse des unsterblichen Gedichts:

»Dem Geier gleich,
Der, auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend,
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied!«

Der Besuch der Baumannshöhle, in der er bei Fackellicht bewundert, wie die »schwarzen Marmormassen, aufgelöst, zu weißen kristallinischen Säulen und Flächen wiederhergestellt« sind, läßt ihn das Begonnene, wieder ans Tageslicht zurückgekehrt, »mit ganz frischem Sinn« fortsetzen … auf Klippen sitzt er herum und zeichnet und dichtet. Und schreibt inzwischen nach Weimar, als ob er in der Einsamkeit der Harzberge sich so recht besonnen hätte: »Ich hab' Sie wohl sehr lieb.« Träumt von der Grünen Stube, träumt von heimlicher Stunden verschwiegenem Glück, und ein Handschuh Charlottens, heimlich auf die Reise mitgenommen, muß ihm den Duft der geliebten Frau vor die sehnsüchtig erregten Sinne zaubern …

Dann, am 3. Dezember ist er in Wernigerode, bei Mr. Plessing. Die köstliche Erzählung dieses abendlichen Besuchs in der »Champagne« deutet reizvollst den »damaligen liebevollen Zustand seines Innern«; das Abenteuerliche — Goethe gibt sich nicht zu erkennen, hört sich selbst aus Plessings Munde seines Schweigens wegen anklagen, muß sich gleichsam selbst entschuldigen, lüftet aber trotz alledem nicht die behagliche Maske — verleiht dem Ganzen die Spannung einer Novelle, und die winkligen Gassen Wernigerodes tief im Schnee, darüber der sternenklare Winterhimmel, ergeben ein Bild von bezauberndem Reiz! Daß Goethe den armen Plessing nun im Stiche läßt, ihn nicht mehr am andern Tage wieder aufsucht, sondern fortreitet, ist wieder ganz er selbst. Für ihn war die Sache eben abgetan. Wie tief er aber doch die flüchtige Episode seelisch empfand, das bezeugt die Fortsetzung des Gedichts:

»Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste!«

Und das Notizbuch registriert weiter: »Über Ilsenburg auf Goslar. Bei Schefflern eingekehrt. Ingrimmig Wetter.« Die Briefe ergänzen: »Ein ganz entsezlich Wetter hab ich heut ausgestanden. Was die Stürme für Zeugs in diesen Gebürgen ausbrauen ist unsäglich, Sturm, Schnee, Schloßen, Regen, und zwey Meilen an einer Nordwand eines Waldgebürgs her …« In Goslar aber ist er »wieder in Mauern und Dächern des Alterthums versenckt«. Von den Harzbewohnern sagt er: »Wie sehr ich wieder, auf diesem dunklen Zuge, Liebe zu der Klasse Menschen gekriegt habe, die man die niedere nennt, die aber gewiß vor Gott die höchste ist. Da sind doch alle Tugenden beisammen, Beschränktheit, Genügsamkeit, grader Sinn, Treue, Freude über das leidlichste Gute, Harmlosigkeit, Dulden, Ausharren.« Er besucht die Bergwerke am Rammelsberg, die Hüttenwerke an der Oker, fährt in Klausthal in die Gruben ein, wo er beinahe von herabstürzender Wacke erschlagen wird. Er empfindet es als seltsam, »aus der Reichsstadt, die in und mit ihren Privilegien vermodert, hier heraufzukommen, wo von unterirdischem Segen die Bergstädte fröhlich nachwachsen« und schläft sich am 9. Dezember in Altenau von all dem Erlebten der letzten Tage »unendlich« aus.

Nun jedoch, wo er sich immer »tiefer ins Gebürg gesenckt«, seine Sehnsucht, den Brocken zu besteigen, der Erfüllung nahe ist, nehmen die Briefe an Frau von Stein fast hymnischen Charakter an: »Was soll ich vom Herren sagen mit Federspulen, was für ein Lied soll ich von ihm singen? im Augenblick wo mir alle Prose zur Poesie und alle Poesie zur Prose wird.«

Am 10. Dezember erklimmt er den Brocken, vom Torfhaus aus, über Schnee und Eis hinweg — allein geleitet vom Förster aus dem Torfhaus. Das Notizbuch meldet: »Was ist der Mensch daß du sein gedenkest.« Es war ein halsbrecherisches Unternehmen — und war ein Erlebnis von Ewigkeitswert. Nun lüftet er auch das Geheimnis, in dem er sich selbst vor der geliebten Frau geborgen hatte, waren doch sogar alle Briefe an sie ohne Ortsangabe gewesen! »Ich will Ihnen entdecken (sagen Sie's niemand), daß meine Reise auf den Harz war, daß ich wünschte den Brocken zu besteigen, und nun, Liebste, bin ich heut oben gewesen …«

Über Klausthal, Andreasberg, Lauterberg, Duderstadt — immer in Nebel, Kot und Regen —, schließlich über Mühlhausen gelangt er am 15. Dezember, also nach reichlich vierzehn Tagen, nach Eisenach, wo er die herzogliche Jagdgesellschaft vollzählig antrifft. Aber die Jagd war aus, und zwei Tage später ist er schon wieder in Weimar. Wo er das Gedicht vollendet hat, ist ungewiß, vielleicht noch unterwegs, vielleicht auch erst in Weimar. Wie stark der Eindruck der Brockenbesteigung aber gewesen sein muß, das gibt der psalmenartige Schluß der »Harzreise im Winter« ergreifend wieder — es ist, als ob der Brockensturm darin sein uraltes Lied singt, vom leisen Säuseln bis zum wütenden Orkan, es ist, als ob man die Donner einer Beethovenschen Sinfonie hörte:

»Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangner Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahnende Völker.
Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reich und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.«


Für die zweite Harzreise, im September 1783, sechs Jahre später also, unternommen, fließen die Quellen spärlicher. Keine spätere Aufzeichnung, nichts Dichterisches, kein Tagebuch legen Zeugnis davon ab; wir sind allein auf die Briefe an Frau von Stein angewiesen. Nur ein Bericht des Zellerfelder Oberberghauptmanns v. Trebra gibt noch Ergänzungen.

Fritz von Stein
Statue von M. Klauer
in Schloß Tiefurt

Am 6. September tritt er die Reise an, diesmal mit Fritz von Stein, Lottes Lieblingssohn, zusammen, den Goethe Anfang 1783 zu sich genommen hatte und erzog. Es ist nicht recht ersichtlich, ob es anfangs eine Art Dienstreise war und erst später zur Vergnügungsreise wurde, oder ob Goethe sie unternommen hatte, um einmal, viel belästigt, wie er damals war, auszuspannen und im Harz seinen geognostischen Liebhabereien zu frönen. Er besuchte zunächst in Langenstein die Frau von Branconi, die »schöne Frau«, wie sie allenthalben hieß, die er 1779 in Lausanne kennen gelernt hatte. Sie war die Geliebte des Herzogs Carl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig. Frau von Stein war ein wenig eifersüchtig auf sie, und Goethe neckt sie in einem Briefe, daß sie »immer Sturm und leidig Wetter gemacht« hätte, solange er bei der schönen Frau gewesen wäre …

In Halberstadt will er dann die Herzogin erwarten, aber ein kleiner Abstecher von zwei Tagen führt ihn und Fritz erst nach Blankenburg, von wo aus sie bei schönstem Herbstwetter das Bodetal besuchen: »Wallfahrt nach dem Rostrapp«. Goethe wünscht, daß Frau von Stein dabei gewesen wäre, als er »mit Fritzen auf einem großen in den Fluß gestürzten Granitstück« zu Mittag gegessen habe … wie heimlich und reizend mutet das an, wenn man selbst das Bodetal genau kennt und dort in frühen Jahren selbst mit einem väterlichen Freunde auf den blankgewaschenen Steinen herumgeklettert ist! Nun wird es ja zu Goethes Zeiten noch etwas unwirtlicher ausgesehen haben, als in meinen Knabenjahren, und einen »Waldkater«, wo man Forellen frisch aus der Bode essen konnte, wird es auch noch nicht gegeben haben!

Tags drauf waren die beiden dann »im Rübelande«, haben die Marmorbrüche und die Mühle besichtigt, Goethe hat, Erinnerungen auffrischend, Fritz die Baumannshöhle gezeigt, und immer hat er Frau von Stein an den schönsten Stellen »sehnlich« zu sich gewünscht … »hier im stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten«, mag er nun von uralter Steinbrücke herab auf das Dahinschießen des Wassers gestarrt und kleinen Glitzerwellen Grüße aufgetragen haben nach dem stillen Kochberg, oder mag er in manchem Felsen, mancher Klippe »Gesellen« jenes Steins begrüßt haben, der im Garten am Stern über seinem Lieblingssitze in den Rasenhang eingelassen war … Denkmäler des Glücks! Und nach kurzem zweiten Aufenthalt in Halberstadt, wo inzwischen die Herzogin eingetroffen war, geht's dann im 17. September nach Klausthal und Zellerfeld, wo Goethe sich »recht in seinem Elemente« befindet; er freut sich, daß er mit seinen »Spekulationen über die alte Kruste der neuen Welt« auf dem rechten Wege ist, und »füttert sich mit Steinen an«. Am 21. September erklettern sie, vom Oberberghauptmann von Trebra aus Zellerfeld geleitet, vom Torfhause aus den Brocken; der alte Förster Degen vom Torfhaus erkennt Goethe, den er 1777 durch Schnee und Eis auf den Brocken geführt hat. Er meint: »Nun! da kommen Sie denn doch noch einmal, in einer besseren Jahreszeit den Brocken zu besuchen,« und fährt fort: »Sie würden dorten, als Sie mitten im Winter von mir begehrten, daß ich Sie auf den Brocken führen sollte, mich mit allen Ihren guten Worten doch gewiß nicht beredet haben, Ihr Führer zu sein, wenn nicht eben durch den gar zu starken Frost eine harte Rinde über den tiefen Schnee gezogen gewesen wäre, die uns tragen konnte.«

Nun, diesmal war der Aufstieg nicht so gefährlich und beschwerlich, und »oben auf dem Gipfel auf den alten Klippen«, wo Goethe wohl die ersten wirklichen Eindrücke für die Brockenszenerie des »Faust« empfing, hat er sich nach Charlottes ferner Wohnung umgesehen und ihr »die Gedancken der lebhafftesten Liebe« zugeschickt — derweilen ihr Knabe, der Sohn eines anderen und ihm doch lieb wie sein eigener, um ihn herumsprang. Auch hier also: Genio huius loci!

Damit hatte die zweite Harzreise ihr Ende erreicht. Denn Göttingen, wo Caroline Michaelis, die spätere Frau Schlegels und Schellings, ihn flüchtig sah und sehr bewunderte, und Cassel, wo Goethe am Hof Besuche machte, gehören nicht mehr hierher.

Und zum dritten: Ein Jahr später! Erholungs-, Dienst- und Forschungsreise in eins. Denn Goethes geognostische Studien hatten inzwischen immer festere Gestalt angenommen, waren aus früher Spielerei zu ernster wissenschaftlicher Betätigung geworden: der Geist, der alle Gründe und Abgründe des Seins durchdrang, rätselte am Realsten, Gegenständlichsten, am Boden der alten Mutter Erde.

Hofrat Kraus war diesmal der Begleiter, Georg Melchior Kraus, auf Goethes Betreiben, der ihn schon 1769 in Frankfurt a. M. kennengelernt hatte, seit 1780 Direktor der neu gegründeten Weimarer Zeichenschule. Er sollte das, was Goethe auf dieser dritten Harzreise interessant dünkte, im Bilde festhalten, und durch die Zeichnungen von Kraus, die leider bis auf wenige, die in einem Werke Trebras veröffentlicht sind, unzugänglich sind, erhält diese Reise noch mehr wissenschaftlichen Charakter.

Diesen bezeugt auch das ernsthaft geführte »Geognostische Tagebuch der Harzreise«. Hauptquelle sind aber auch hier die Briefe an Frau von Stein, diese unerschöpflichste Fundgrube, und diese Quelle ist diesmal besonders interessant, weil das Verhältnis zwischen Goethe und Lotte von Stein sich schon dem Punkte näherte, wo es kein Darüberhinaus mehr gab; der Siedepunkt war so gut wie erreicht, und das unsagbar herrliche Gedicht, das Goethe von dieser Reise aus, aus Braunschweig, an die Geliebte richtet, jenes:

»Gewiß, ich wäre schon so ferne, ferne,
Soweit die Welt nur offen liegt, gegangen,
Bezwängen mich nicht übermächt'ge Sterne,
Die mein Geschick an deines angehangen,
Daß ich in dir nun erst mich kennen lerne.
Mein Bitten, Trachten, Hoffen und Verlangen
Allein nach dir und deinem Wesen drängt,
Mein Leben nur an deinem Leben hängt«

spricht doch am deutlichsten für das schon zwiespältige Gefühl, das ihn in gleicher Weise von dieser Frau entfernte wie wieder zu ihr hintrieb, und das erst in der Flucht nach Karlsbad zwei Jahre später Erlösung fand.

Am 8. August begann die Reise. Der Tag, an sich nichts weiter als ein Reisetag wie viele andere auch, wurde von der allergrößten Bedeutung für Goethes Dichten: entstand doch an ihm die »Zueignung«! Schon der erste Briefzettel an Frau von Stein, aus Dingelstädt, »Abends 10 Uhr«, berichtet: »Zwischen Mülhausen und hier ist uns seine Axe gebrochen und wir haben müssen liegen bleiben. Um mich zu beschäfftigen und meine unruhigen Gedancken von Dir abzuwenden, habe ich den Anfang des versprochenen Gedichtes gemacht, ich schicke es an Herders, von denen erhältst Du es.« Dies Gedicht waren »Die Geheimnisse«, und die herrlichen Anfangsstrophen hat Goethe später eben als »Zueignung« vor seine Werke gesetzt.

Im übrigen brachte die Reise Goethe eigentlich nur Bekanntes und Vertrautes. Erinnerung gibt ihm auf Schritt und Tritt unsichtbares Geleit. Aber diese Erinnerung gilt noch immer — im Gegensatz zur letzten Harzreise von 1805, wo der Bruch mit Frau von Stein schon fast wieder geheilt war — der fernen Geliebten in Weimar, und ist also auch von immer neu erregender Süßigkeit. So heißt es einmal in den Briefen an Charlotte: »Ich freue mich die Berge wiederzusehen, die ich schon vor Jahren mit Sehnsucht zu Dir im Herzen bestiegen habe.« Und ein andermal: »Wie Deine Liebe mir nah ist, mag ich nicht sagen. Vor sieben Jahren schrieb ich Dir auch von hier …«

Das war in Elbingerode.

Der Weg ist diesmal recht einfach. Über Zellerfeld und Goslar geht es nach Braunschweig, wo Goethe bei Hofe zu tun hat, längere Tage, und von Braunschweig über Goslar, den Brocken, das Bodetal nach einem neuerlichen Besuch bei Frau von Branconi, »la fée de Langenstein dont tu — schreibt er an Frau von Stein — ne seras pas jalouse«, zurück nach Weimar zu »sa douce, son adorable amie«. Hauptpunkte sind auf dieser Reise eigentlich nur der Brocken und das Bodetal mit dem Roßtrappfelsen. Den Brocken besteigen die beiden Reisenden von Goslar aus am 4. September, — es ist das dritte- und letztemal, daß Goethe oben ist. Sie finden diesmal schon ein Brockenhaus vor, und Goethe zeichnet sich in das Fremdenbuch mit dem folgenden Spruche aus dem »Astronomicon« des Manilius ein:

»Quis coelum posset nisi coeli munere nosse
Et reperire Deum nisi qui pars ipse Deorum est.

d. 4. Sept. 1784

Goethe

Der Roßtrapp-Felsen im Bode-Thal
»… ie resterai encore quelques jours avec Krause entre les rochers du Rosstrapp …«.
Goethe an Frau von Stein am 31. August 1784

Im Bodetal, das sie von Elbingerode-Rübeland aus, dem Flußlauf abwärts folgend, hinabwanderten, haben sie dann »alle Felsen der Gegend angeklopft«, und »Krause hat ganz köstliche Dinge gezeichnet«. Über »den Roßtrapp« enthalten die Briefe nichts mehr. Auch der schöne Brief an Herder aus Elbingerode, der, alles in allem, in dem Jubellaut gipfelt: »… die Tage sind herrlich,« verrät nur Hoffnungen: »Morgen und übermorgen geht's an der Bude hinunter, wir werden an den Fall gelangen, wo dieses Flüßchen hinter dem Roßtrapp hinabstürzt. Zwischen diesen Felsen hoff ich noch viel für meine Spekulation, es ist ein Durchschnitt, der sehr lehrreich ist.« Über all dies erzählt das »Geognostische Tagebuch« trotz seiner Kürze und Trockenheit mehr, und wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht und das Bodetal bei Treseburg kennt, der wird sich mit einiger Phantasie ausmalen können, wie Goethe und Kraus sich durch die zerklüfteten Schluchten und Engpässe hinquälten. Ab und zu halten die beiden inne. Dann fliegen Felleisen und Mantelsack ins Gras. Kraus greift zu seiner Skizzenmappe. Goethe aber, immer noch jugendlich schlank, in Reiserock und Dreispitz, schreitet gelassen zwischen den wirren Felstrümmern hin und her, beklopft gebückt Wand um Wand, und sein Hammer lockt aus dem starren Granit Hall und sprühende Funken. Ist es ein Mensch oder ist es mehr als ein Mensch, der da den stummen Bergen ihr letztes Geheimnis entreißen will? … »Werde mir Zeuge, du Stein!« Wer hat's gesprochen? Niemand. Nachhall des Herzens äfft uns. Aber doch sind diese Steine, diese wilden Felsen längs der Bode Zeugen dessen, daß ein Großer sie einst angerührt, bei ihrem dumpfen Erklingen vielleicht an die Frau gedacht hat, die er, ach! so bald verlassen sollte, um sie nie wiederzufinden.

»Lebe tausendmal wohl!« — das ist das letzte Wort, das sie damals aus dem Harz erhielt. Es wohnt noch jetzt im Echo der heiligen Harzberge.


Und 1805. Schiller ist im Mai gestorben. Goethe, schon zu Beginn des Jahres schwer krank, kränkelt von neuem. Wird sichtlich alt. Die Hälfte seines Daseins habe ihm Schillers Tod entrissen, klagt er dem neuen Freunde Zelter. Da besucht ihn im Juni der Philologe Friedrich August Wolf aus Halle und muntert ihn ein wenig auf. Die Badekur im nahen Lauchstädt, wo ihn Christiane, sein »kleiner Hausgeist«, pflegt, scheint die Erholung zu vollenden, und als Christiane am 12. August nach Weimar zurückkehrt, fährt Goethe mit seinem Sohne August nach Halle zu Wolf. Der Besuch wird Wohltat, die Zerstreuung ist Medizin für Goethe. Und ob er nun, als er nach Halle reiste, schon an einen Abstecher in den Harz gedacht, oder ob der immer unternehmungslustige Wolf ihn erst dazu angeregt hat — gleichviel: nach kurzem Aufenthalt in der Saalestadt fuhren die drei heiter und guter Dinge los. »Mein humoristischer Reisegefährte,« erzählt Goethe selbst später in den Annalen, »erlaubte gern, daß mein vierzehnjähriger Sohn August Theil an dieser Fahrt nehmen durfte, und dieses gereichte zur besten geselligen Erheiterung.«

So gewinnt diese vierte und letzte Harzreise Goethes eine hübsche Beigabe: Vaterfreude verklärt sie. Diese Vaterfreude spiegeln deutlich die Briefe an Christiane, die Mutter. Lassen sie auch die leichten Schatten der Erinnerung erkennen, die dieser hellen Sommertage Glanz hie und da verdunkelt haben mögen? Denn wie anders sah er die Berge wieder, die er einst im ersten Rausche junger Liebe erstiegen! Achtundzwanzig Jahre waren es her, daß er abenteuerlustig mitten im Winter auf den Brocken geklettert war; jetzt sah er ihn von weitem, von Thale aus, winken … er lockte ihn nicht mehr. Mehr als die Berge reizten ihn diesmal seltsame Menschen. Ihnen galt ja auch die Reise. Goethe selbst hat sie ausführlich, wie gesagt, in seinen Annalen geschildert; stellenweise gehört diese 1822 abgefaßte Schilderung zum Schönsten, was wir in Prosa überhaupt von Goethe besitzen; besonders gegen Ende blüht die Harzlandschaft noch einmal in so wundervollen Farben auf, daß man nur bedauert, daß der Dichter nicht auch auf die Harzreisen von 1783 und 1784 noch einmal eingegangen ist. Aber auch hier mag er wohl nicht an etwas haben rühren wollen, was er für immer begraben hatte … die Wunde, die er Frau von Stein geschlagen hatte, schmerzte wohl am tiefsten ihn!

Ja, ein wie anderer war er geworden, als er diese vierte Harzreise antrat. Ein Leben lag hinter ihm. Die italienische Reise hatte ihn von der Frau getrennt, die ihm einst Inhalt und Sinn des Lebens gewesen, eine andere hatte ihm den Sohn geboren, der jetzt im Wagen neben ihnen saß. Diese erhielt jetzt liebevolle Briefe, an jene diktierte er nur einen höflichen Bericht. Freier als diesen beiden gegenüber äußerte er sich zu den Freunden: zu seinem Herzog und zu Zelter, und zwei ausführliche Briefe an Carl August sind es denn auch, die die beste Ergänzung zu der Schilderung in den Annalen bilden.

Man fuhr zunächst von Halle nach Magdeburg, wo Goethe der Dom mit seinen alten Kaiserstatuen besonders interessierte, dann nach Helmstädt, wo man den Sonderling Beireis, einen regelrechten Vorfahren späterer Hoffmannscher Gestalten, besuchte, besah sich in Harbke den schönen Veltheimschen Park mit seinen seltenen ausländischen Hölzern, kehrte auf dem Gute des »tollen Hagen« ein, ging gerne und willig in dem winkligen, stimmungsvollen Mittelalter Halberstadts mit seinem Dom und seinen noch nahen Gleim-Erinnerungen auf und landete endlich im Bodetal.

Goethe sah es nun zum dritten Male, und nach der Schilderung, die er gibt, scheint es nie so stark auf ihn gewirkt zu haben wie gerade diesmal. Sah er mit anderen Augen? Wirkten die Erinnerungen, die ihn mit dieser schönsten Stelle des Harzes verknüpften, verklärend? Hörte er vielleicht als Echo den geliebten Namen, den er einst so oft in diese Berge und Täler gerufen? Sah er sich wieder mit Fritz von Stein auf den Steinen der Bode sitzen … wer will es wissen? Vor langen, langen Jahren hatte er einmal »im Rübelande«, hart unter der Baumannshöhle, auf einer Brücke gestanden und in das eilig dahinstürzende Wasser der »Bude« geschaut; damals trugen die Wellen Grüße nach Weimar; jetzt stand er am »Hammer« in Thale, ruhig strömte der Fluß in seinem niederen Geröllbett dahin, so ruhig und gelassen, als ob es gar keine Eile, keine Aufregung gäbe, staute sich am Wehr und wurde stiller, dunkler Spiegel. Die großen, dunklen Dichteraugen sahen und begriffen es: Abbild des Lebens, das verrauscht und stille wird wie dieser Fluß.

Da rief ein Klang ihn, kam von irgendwo: »Lebe tausendmal wohl!« Wem hatte einst der Abschiedsgruß gegolten? Erinnerung stöhnte auf. Da war sie wieder, die schlanke Silhouette, die er nicht vergessen konnte, da das schmale Gesicht, da der Blick der heißen Frauenaugen, da das Lächeln, das wehrlos machte … Vorbei, vorbei! Jetzt saß im Fenster an der Ackerwand, zu dem er so oft hinaufgebetet hatte, eine alte Frau, vergrämt und verbittert, und sann verlorenem, verspieltem Glücke nach … eine fremde Frau, die nicht ihn und die nicht er verstand. Sie wohnten beide längst auf anderen Sternen. Und da quälte ihn der Klang im Ohr, und er wandte sich.

Über Ballenstedt, Aschersleben, Cönnern ging's wieder nach Halle zurück. Im Wagen lärmte der halbwüchsige August. Noch einmal wurde Lauchstädt kurze Station. Dann aber konnte Christiane, freudestrahlend, wieder Vater und Sohn umfangen. Und da war auch Goethes letzte Harzreise aus.

An der Stelle aber, wo sein Auge zum letzten Male jenes unvergleichliche Panorama, das Roßtrappe und Hexentanzplatz mit dem Bodetal zusammen bilden, umfangen hat, steht ein Stein. Man sieht ihn nicht, denn er ist nicht sichtbar. Es ist ein imaginärer Stein. Manche sehen die Worte, die darauf stehen. Auch sie lauten: Genio huius loci!


Für uns aber gilt, was Goethe einmal — drei Jahre später — an die Malerin Caroline Bardua schrieb: »Der Brocken wird noch eine Weile auf seinen Füßen stehen bleiben, und die Spur des Roßtritts auch nicht so bald verlöschen …« Nein, so bald nicht, und mit ihnen wird die Erinnerung an Goethe dauern, dem sie Erschütterung und tiefstes Erlebnis gewesen.


Ilmenau

Goethe-Worte geleiten nach Ilmenau: »Es entfaltet sich ein Trieb, alles, was von der Vergangenheit herauszuzaubern wäre, zu verwirklichen. Die Sehnsucht wächst, und, um sie zu befriedigen, wird es unumgänglich nötig, an Ort und Stelle zu gelangen, um sich die Örtlichkeit wenigstens anzueignen.«


Und nun gelangt man an Ort und Stelle. Langsam klettert der Zug bergauf. Der sanfte Frühlingstag, der Weimar noch in goldener Verklärung zeigte, wandelt sich gemach in Grau. Die linden Lüfte sind hier noch nicht erwacht. Wolken drängen dunkel übers Gebirge, Wind wirft Regen an die beschlagenen Scheiben … noch ist es früh im Jahr, noch nicht Mai. Die warme Sonne um Goethes Gartenhaus, der Veilchenflor »auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal« waren nur holder Trug. Kaum, daß ein leichter grüner Hauch, der hier und da die kalten Hänge übertuscht, daran erinnert. Fröstelnd steht man am Fenster und schaut in die trübe Landschaft.

Aus feuchten Nebeln taucht Elgersburg. Hoch thront auf steilem Bergkegel das Schloß: Mittelalter, das phantastisch in unsere Zeit ragt. Und die erste Goethe Erinnerung meldet sich. »Auf Wizlebens Felsen, die herrlich sind,« hat Goethe am 8. August 1776 an Frau von Stein, die ihn wenige Tage zuvor im nahen Ilmenau besucht hatte, jene berühmten Verse süßester Liebesschwermut geschrieben:

Ach wie bist du mir,
Wie bin ich dir geblieben!
Nein an der Wahrheit
Verzweifl ich nicht mehr.
Ach wenn du da bist,
Fühl ich, ich soll dich nicht lieben,
Ach wenn du fern bist,
Fühl ich, ich lieb dich so sehr.

Und dann kommt Ilmenau. Es hat aufgehört, zu regnen, die Berge dampfen. Die dünnen Bäume vor dem Bahnhof zaust der Sturm. »Anmutig Tal! du immergrüner Hain!« singt Goethe … der trübe Tag zeigt nichts davon. Nur ab und zu steht hinter freier Gasse, regennassen Dächern groß die dunkle »Sturmheide«, in deren Tannen sich die letzten Gassen Ilmenaus verlieren, Bergluft weht, und einmal rauscht irgendwo ein Wehr. Das ist die Ilm! sagt man sich. Aber man sieht sie nicht, findet sie auch nicht. Uraltes Gemäuer führt den Fremdling irre, winkelt ihn immer wieder aufs neue ein.

»Hier hat Goethe 1831 seinen letzten Geburtstag verlebt,« meldet eine unscheinbare Tafel am »Goldenen Löwen«. Sie ist unter den Fenstern des Zimmers angebracht, das er damals bewohnt hat … damals. Ein Jahrhundert fast ist darüber hingegangen, Throne sind gebrochen, Nord und West und Süd zersplittert, aus einer grauenhaft verwandelten Welt blickt der Enkel, der Erbe nun in diese selige Vergangenheit. Und aus dem Zwielicht der engen, altertümlichen Gaststube lösen sich heimliche Schatten und leisten dem einsamen Gast Gesellschaft.


Mai 1776. In Weimar läuft die Meldung ein, daß es in Ilmenau brennt. Von einem Husaren begleitet jagt Goethe noch nachts hinüber. Kurz und bündig das Tagebuch: »d. 3. Nach Ilmenau. Brand.« Mitteilsamer die Briefe, die tags darauf an den Herzog und Frau von Stein abgehen. Sie umschreiben in wenigen Worten das große seelische Erlebnis, das dieser erste zufällige Besuch Ilmenaus für ihn bedeutete und das ihn für immer an die arme Bergstadt ketten sollte … »Um diese Zeit sollt ich bey Ihnen seyn,« schreibt er an die geliebte Frau, »sollte mit bey Kalbs essen und sizze aufm Thüringer Wald, wo man Feuer löscht und Spizbuben fängt.« — Und in dem Bericht an den Herzog: »Bey der Gelegenheit, zieh ich von manchem Erkundigung ein, habe traurig die alten Ofen gesehen. Aber die Gegend ist herrlich, herrlich!«

Das Feuer war bald gelöscht, und auf die »Spizbuben« fahndeten die Husaren weiter. Goethe aber locken »Erdgeruch und Erdgefühl« trotz Sturm und Regen unwiderstehlich in die Berge. Auf einsamster Wanderung denkt er in »rastloser Liebe« der Frau im fernen Weimar, der er sich in wunderlichem Schicksal aus »abgelebten Zeiten« her so eng verbunden fühlt wie keiner Frau jemals zuvor:

Dem Schnee, dem Regen,
Dem Wind entgegen,
Im Dampf der Klüfte,
Durch Nebeldüfte,
Immer zu! Immer zu!
Ohne Rast und Ruh!

Wie soll ich fliehen?
Wälderwärts ziehen?
Alles vergebens!
Krone des Lebens,
Glück ohne Ruh,
Liebe, bist du!

Und sie schreibt gleichzeitig an Zimmermann, den Freund und Arzt: »Jetzt nenn ich ihn meinen Heiligen und darüber ist er mir unsichtbar worden, seit einigen Tagen verschwunden, und lebt in der Erde fünff Meilen von hier im Bergwercke.«


Die alten Öfen, das Bergwerk — das hat Goethe neben den Offenbarungen der Natur an das bescheidene Städtchen gefesselt. Seit Jahr und Tag lag das alles brach. 1739 waren die Gruben bei einem Deichdurchbruch »ersoffen«, und der Wohlstand, den sie Ilmenau gebracht, hatte sich in Armut und bittere Not gewandelt. Nun besuchte Goethe, schon damals leidenschaftlich bemüht, in den Tiefen der Erde »der großen formenden Hand nächste Spuren« zu entdecken, gerne, als Wink des Schicksals betrachtend, die verlassenen Werke, war »auf den Hämmern«, stand grübelnd immer wieder vor den verwahrlosten Öfen des toten Silberbergwerks. Mitleidig dachte er der notleidenden Bevölkerung, der »armen Maulwürfe«, die hier auf eigene Faust in der Erde, in den Klüften und Schlüften der Sturmheide herumkrochen und doch von dem kargen Ertrag kaum ihr Leben fristen konnten …

Ilmenau
Blick auf den Marktplatz mit Schloß und Rathaus

Im Juli 1776 trat dann auf seine Berichte hin in Weimar eine »Bergkommission« zusammen, der er selbst angehörte und deren Aufgabe die Wiederbelebung des Ilmenauer Bergwesens war. Damit begann für das arme Ilmenau eine kurze Epoche neuen Glanzes, neuen Wohlstandes. Der Herzog, von Goethe für die Idee gewonnen, weilte oft in Ilmenau, höfisches Leben brachte bescheidenen Prunk, Jagden erfüllten die stillen Berge mit frohem Lärm.

Von dieser Zeit träumt Ilmenau noch heute.


Träumt Ilmenau noch heute. Denn es ist, trotz Glasindustrie und Technikum, eine tote Stadt. Leben bringt immer erst der Sommer, bringen erst die Fremden. Sie wohnen in den Villen am Waldrand. Dann wird die Lindenstraße, die »Allee«, die noch, als Goethe zum erstenmal nach Ilmenau kam, recht und schlecht der »Endleich« hieß und ein elender kahler Fahrweg war, Kurpromenade, — harmlos genug: ein paar Konditoreien, ein Café mit Terrasse, ein paar hübsche blanke Läden, das ist alles. Immer aber schwebt über dem Heute geisterhaft der Hauch des Gestern. Noch steht dem »Goldenen Löwen« gegenüber, unwirsch in die Häuserzeile gezwängt, ein Turm des alten Endleichstores. Die alten Wappen schauen verdrießlich in die neue Zeit. Noch steht der »Löwe« selbst mit seiner wettergrauen Front genau so behäbig da wie damals, als Goethe hier gewohnt, noch Knebels Haus mit seiner langen Fensterreihe, noch, am Ende der Allee, der Gasthof zur Tanne, an dem die Ilm vorüberströmt und jetzt das »Bad« beginnt … und da ist auch, ein paar Schritte den Fluß hinauf, der »Felsenkeller«. Eine Inschrift am Giebel erzählt, daß dieses »Etablissement« 1811 erbaut worden ist »zu Nutz und Frommen der ehrsamen Bürger Ilmenaus«. Oder so ähnlich. Das Ganze, mit Saal, Logierhaus, Ausspann und Brücke, ein Stich der Zeit. Nur die Staffage fehlt, die diese Stiche immer haben: die gelbe Postkutsche, die schweren Landauer, die Herren und Damen im Kostüm der zwanziger Jahre. Das muß die Erinnerung dazu geben.

Sie gibt es dazu. Sie begleitet auf Schritt und Tritt. Der Fuß Goethes hat Weg und Straße hier geadelt in alle Ewigkeit. Sein Wesen wirkt geheimnisvoll in Stein und Baum und Welle, und die Luft, die man atmet, ist süß und rein wie die in Weimar und Tiefurt — ob nun die Sonne goldenen Glanz über die alten Gassen streut, Wind sie durchbraust, Regen graue Schleier spinnt, Schnee die Stadt in weiße Stille bettet …


Und so wandert man an einem Morgen in die Berge. Hinauf zum Gickelhahn. Noch immer scheint die Sonne nicht, kalter Wind weht, der Himmel ist grau, und »die Täler dampfen alle an den Fichtenwänden herauf« — wie Goethe am 22. Juli 1776, zum zweitenmal in Ilmenau, an Charlotte schreibt. Denn trotz des Sommers hat auch er damals unholdes Wetter gehabt. Mit dem Herzog zusammen war er nach Ilmenau gekommen. »Wir sind hier und wollen sehen, ob wir das alte Bergwerk wieder in Bewegung setzen,« heißt es in einem Briefe an Merck; »Du kannst denken, wie ich mich auf dem Thüringer Wald herum zeichne; der Herzog geht auf Hirsche, ich auf Landschaften aus, und selbst zur Jagd führ ich mein Portefeuille mit.«

Zeichnen war damals seine Leidenschaft. Es gab dem verstörten Herzen, das sich in Sehnsucht nach der geliebten Frau, nach der Gewissheit ihrer Neigung fast verzehrte, wenigstens für Augenblicke Trost und Ruhe. »Ich hab auf der andern Seite angefangen was zu zeichnen …« beginnt der erste Brief, den er in diesen Tagen einsamen Waldlebens an Charlotte schickt, fährt jedoch fort: »sehe nur aber zu wohl, daß ich nie Künstler werde.« Und auf der Rückseite einer dieser Zeichnungen, einem Blick in die nebelbrodelnden Täler, stehen die resignierten Verse:

»Ach, so drückt mein Schicksal mich,
Daß ich nach dem unmöglichen strebe.
Lieber Engel, für den ich nicht lebe,
Zwischen den Gebürgen leb ich für dich.«

Daneben aber meldet das Tagebuch: »Nach Stützerbach mit Einsiedel … Der Herzog kam, die Gesellschaft auch. Wirtschaft bei Glasern.« Und dort, in Stützerbach, ging's lustig genug her, — vielleicht, daß Goethe in der »Studentenfidelität«, die sich, nach Aufzeichnungen des Ober-Berghauptmanns v. Trebra aus jenen Tagen, dort mittags und abends nach Jagd und Stollenbesichtigungen an des jungen, lebensfrohen Herzogs Tisch entwickelte, für seine Liebesschmerzen flüchtiges Vergessen fand … das Gundelachsche Haus in Stützerbach, wo Goethe und Carl August immer gewohnt haben, erzählt noch jetzt davon; der »tollen Späße mit dem Glasmann Glaser« entsinnt sich noch, behaglich lächelnd, der alte Goethe in Unterhaltungen mit dem Kanzler v. Müller. »Glaser und leichtfertige Mädels«, »Glasern sündlich geschunden, mit den Bauernmädels getanzt«, »Tagsüber Thorheiten« und so ähnlich heißt es damals immer wieder im Tagebuch. Und im September 1776 schreibt er, nach einem dritten Aufenthalt in Ilmenau, aus Eisenach mit naiver Offenheit an Frau v. Stein: »In Stützerbach tanzt ich mit allen Bauernmädels im Nebel und trieb eine liederliche Wirtschaft bis Nacht eins …«


Und langsam steigt der Weg. Goethe-Stimmung webt zwischen den Felsen, den uralten Baumriesen … der »immergrüne Hain«, der leise Regen, der Dampf, der aus den Klüften quillt — alles wie damals im Juli 1776. Nur den Schnee, der zuerst noch leicht wie Watte im Dunkel des Waldes liegt, dann an den Hängen sich wie lange weiße Laken dehnt, gibt der rauhe Apriltag dazu. Faust-Verse klingen auf, der Osterspaziergang:

Der alte Winter, in seiner Schwäche,
Zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
Ohnmächtige Schauer körnigen Eises
In Streifen über die grünende Flur …

Die grünende Flur? Ja, Knospendrang auch hier. In den Bäumen, den Büschen, der dunklen Erde gärt geheimnisvoll der Frühling, schon springt trotz Schnee und Eis allenthalben aus schwankem Ast das erste Grün, die schwarzen Tannen tragen festlich helle Spitzen. Und durch das Brausen des Windes klingt unablässig das süße, das unbeholfene, das inbrünstige Gestammel der Vögel.

Gabelbach. An den grauen Schindeln des Jagdhauses zerrt der Sturm. Ein Schuß klatscht hart in die gespenstische Einsamkeit. Nebel erstickt ihn. Man denkt der toten Zeit, da hier Carl August nach der Jagd in froher Tafelrunde gezecht, später der Hof aus Weimar bescheidene Sommerfreuden gesucht. Jetzt liegt das kleine Haus verlassen da, hinter den geschlossenen Fensterläden wohnt im Dunkel bei alten Bildern und Jagdtrophäen alleine die Erinnerung.

Und immer wilder, immer unwirklicher wird die Szenerie. Die Erde schwankt, wandelt sich in Dunst und fliehende Wolke. Irgendwo in nahen Wipfeln wühlt der Sturm, tobt wie stürzender Gewitterregen, abgerissene Äste, ganze Baumkronen sausen hart an dem Wanderer vorbei, der Boden ist mit Tannenzapfen übersät. Aber man sieht sie nicht, diese Wipfel. Man sieht überhaupt nichts. Alles überbrandet ein milchiges Meer. Und atemheiß kämpft man sich vorwärts »im Dampf der Klüfte, durch Nebeldüfte, immer zu, immer zu!«

Aber dann ist man auf einmal da. In jäher Biegung krümmt sich der Weg, an Abgrund und starrendem Fels vorbei, zur letzten Höhe. Tannen steigen steil und finster aus dem geisterhaften Zwielicht, Gebüsch umkraust verwitterte Stufen … der Gickelhahn! Um das Goethehäuschen braust der Wind.


Das erste Zettelchen, das von hier nach Weimar geflattert, erzählt: »Hoch auf einem weit rings sehenden Berge. Im Regen sizz ich hinter einem Schirm von Tannenreisern. Warte auf den Herzog, der auch für mich eine Büchse mit bringen wird.« Eine um so größere Rolle spielt in diesen frühen Aufzeichnungen dafür die »Höhle unter dem Hermannstein«. Zu ihm springt der Weg über Wurzelwerk und sturmverwehte Zweige, Felstrümmer und gestürzte Bäume, im halbvertauten Schnee kaum kenntlich. Es ist ein beschwerliches Wandern. Nebelschwaden werden vorbeigerissen, der Wind wirft Wolkenfetzen in das Tannendunkel … ein wirrer Schattenreigen, der in nichts zerstäubt. Wie Klagerufe ächzt und stöhnt es durch den Wald. Dann aber steht man plötzlich vor einem mächtigen Fels … ein Ungetüm, das Urgewalten aus der Erde drängten. Das Auge, das staunend an den zerrissenen Wänden in die Höhle klettert, schwindelt. Die letzten Zacken findet es nicht mehr. Sie schwimmen im Nebel.

»Hier im Stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten …« Zwei kleine grüne Eisentafeln, neben der dunklen Höhle in die Felswand eingelassen, von Flechten überwuchert, vom Rost schon halb zerfressen, erzählen davon.

»Was ich leugnend gestehe und offenbarend verberge,
Ist mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher Schatz.
Ich vertrau es dem Felsen, damit der Einsame rathe,
Was in der Einsamkeit mich, was in der Welt mich beglückt —«

lautet die eine. Und die andere:

»Felsen sollten nicht Felsen und Wüsten Wüsten nicht bleiben,
Drum stieg Amor herab, sieh, und es lebte die Welt.
Auch belegte er mir die Höhle mit himmlischem Lichte,
Zwar der Hoffnung nur, doch ward die Hoffnung erfüllt!«

Sie ward ihm erfüllt, die Hoffnung. Der Sehnsuchtsruf, in banger Herzensnot hier in der Höhle, seinem »geliebten Aufenthalt«, aufs Papier gestammelt, fand bereites Echo. »Wenn Du nur einmal hier seyn könntest, es ist über alle Beschreibung und Zeichnung,« schreibt er an Charlotte, die damals, nicht allzu fern, in Meiningen weilte. Und sie kam. In einem Brief vom 2. August Goethes Jubelschrei: »Liebe, Du gibst mir ein neues Leben, daß Du wieder kommst. Ich kann Dir nichts sagen. Den Herzog freuts. Addio.« Die alten Fichten rauschten verschwiegenen Liebesstunden. Keiner von beiden hat je darüber gesprochen, der stumme Fels das Geheimnis gewahrt. Nur ein Brief an Herder vom 9. August enthält die Andeutung: »Einen ganzen Tag ist mein Aug nicht aus dem ihrigen kommen, und mein gnomisch verschlossen Herz ist aufgetaut.« Und der Geliebten gesteht er: »Deine Gegenwart hat auf mein Herz eine wunderbaare Würckung gehabt, ich kann nicht sagen wie mir ist! mir ist so wohl und doch so träumig.« Mit Meißel und Hammer steigt er wieder zum Hermannstein hinauf, und an der Stelle, wo Charlotte »sich bückte und ein Zeichen in den Staub schrieb«, schlägt er ein großes S in das harte Gestein der Höhlenwand …

Vier Jahre später, als Goethe wieder in den geliebten Bergen herumstreifte, ist er auch wieder in der Höhle gewesen. »Ich bin in die Hermannsteiner Höhle gestiegen,« schreibt er an Charlotte, »an den Plaz, wo Sie mit mir waren und habe das S, das so frisch noch wie von gestern ausgezeichnet steht, geküßt und wieder geküßt, daß der Porphyr seinen ganzen Erdgeruch ausathmete, um mir auf seine Art wenigstens zu antworten. Ich bat den hundertköpfigen Gott, der mich so viel vorgerückt und verändert und mir doch Ihre Liebe, und diese Felsen erhalten hat; noch weiter fortzufahren und mich werther zu machen seiner Liebe und der Ihrigen.«

Die Liebe Charlottens zerbrach. Das S, das sie, getreu dem Tagebuch, als »Sonne« pries, hat die Zeit getilgt. Nun tropft das Wasser rings gleich Tränen von den Wänden, und um die Höhle, wo einst der Juliwind die Liebenden in süßen Traum gewiegt, heult der Sturm. Faust-Stimmung. »Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, worum ich bat …« Die Worte, hier einst gefunden und geformt, werden zu Gebet, der »Vorwelt silberne Gestalten« bevölkern Wald und Höhle.


Die Jagd, die Bergwerksgeschichten, das mißliche Geschäft der Rekrutenaushebung führten Goethe nun oft nach Ilmenau. Der Schwalbenstein, ein steiler Fels am Südabhang der »Sturmheide«, schenkt ihm den 4. Akt der »Iphigenie«, die Stadt die Szenerie für vieles im »Wilhelm Meister«, an dem er in diesen Jahren arbeitet. Und immer begleitet ihn das Bild der Geliebten: Iphigenie trägt ihre Seelenzüge.

Im Frühherbst 1780 ist er wieder einmal auf dem Gickelhahn. Ganz allein. In Weimar feiern sie den Geburtstag des Herzogs mit Ball und Illumination. Vor dem »Geschwirre der Menschen« ist er geflohen. Unterkunft gewährt die unscheinbare Jagdhütte, die verloren auf dem letzten Gipfel des Berges steht.

»Auf dem Gickelhahn,« schreibt er an Frau von Stein, »dem höchsten Berg des Reviers, den man in einer klingendern Sprache Alecktrüogallonax nennen könnte, hab ich mich gebettet, um dem Wust des Städgens, den Klagen, dem Verlangen der Unverbesserlichen, Verworrenheit der Menschen auszuweichen … Es ist ein ganz reiner Himmel und ich gehe, des Sonnen Untergangs mich zu freuen. Die Aussicht ist groß, aber einfach.« Und viele Tage später, am 16. Oktober, längst wieder in Weimar, an die Marchesa Branconi, die »schöne Frau«: »Ihr Brief hätte nicht schöner und feierlicher bei mir eintreffen können. Er suchte mich auf dem höchsten Berg im ganzen Lande, wo ich in einem Jagdhäuschen, einsam über alle Wälder erhaben und von ihnen umgeben, eine Nacht zubringen wollte.«

An diesem Abend ist »Wandrers Nachtlied« entstanden. Auf die Berge in der Runde legte die Sonne letzten Glanz, aus den Tälern stiegen hie und da »einige Vapeurs von den Meulern«. Die Welt ging schlafen. Eine ferne Erinnerung sprach von Ettersburg. »Süßer Friede, komm, ach komm in meine Brust!« hatte er da einst, über Weimar brannten blaß die Sterne, den Himmel angefleht. Nun ward ihm hier Erfüllung seiner Sehnsucht. Mit Bleistift hat er die Verse auf die Bretterwand geschrieben. Ergriffen steht man vor der verwitterten Inschrift. Auch sie atmet Ruhe und Vergessen, bringt den Frieden.

Ȇber allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

D. 7. September 1780. Nachtlied.«

Das Häuschen ist nicht das alte, die Inschrift ist Kopie. In den siebziger Jahren ist es abgebrannt. Das Stückchen Holz, auf dem die Verse standen, haben die Flammen verschont, das Frankfurter Goethe-Museum birgt den Schatz. Aber man hat alles genau so wieder aufgebaut wie es war. Und wer da reines Herzens ist, der spürt hier bis in die tiefste Seele hinein den Geist Goethes, der einst die arme Hütte, die Stätte, wo sie steht, für immer geweiht hat.

Über allen Gipfeln
Ist Ruh

Nur noch ein einzigesmal ist Goethe hier oben gewesen. Das war im August 1831, volle fünfzig Jahre später, und der Dreißigjährige, der dort einst, in schwermütiger Abendstimmung, »Wanderers Nachtlied« gedichtet, war ein Greis geworden. »Freundlich veranstalteten Festlichkeiten ausweichend,« wie er an Amalie von Levetzow, die Mutter Ulrikens, schreibt, war er nach Ilmenau gefahren, um in Stille seinen 82. Geburtstag zu verleben. Längst war es um ihn öde und leer geworden. Von allen, mit denen er einst hier frohe Stunden verbracht hatte, lebte nur noch Knebel, der jetzt, seit langem schon, in Jena wohnte. All die anderen waren gestorben. So schreckten die Erinnerungen, und »um die Vergangenheit,« wie es in einem Briefe an den Grafen Reinhard heißt, »durch die Gegenwart des Herankommenden auf eine gesetzte und gefaßte Weise zu begrüßen«, hatte er die beiden Enkel, »die jungen Wesen«, mitgenommen.

Mit dem Ilmenauer Bergrat Mahr fuhr er zusammen nach dem Gickelhahn hinauf. Es war ein heiterer Sommertag, und um die Berge blaute still und klar der Himmel … die ganze Landschaft ein Abglanz der abgeklärten Seele, die hier nach Menschenaltern vergessenes Glück, vergessenes Leid beschwören, Abschied nehmen wollte von ihrer Jugend. »Über allen Gipfeln ist Ruh« — erinnerungsversunken stand der Achtzigjährige vor den verblaßten Bleistiftzeilen, die das morsche graue Holz kaum noch erkennen ließ, und während Tränen ihm das große, das zeitlose Auge verdunkelten, sprach er leise vor sich hin: »Ja, warte nur, balde ruhest du auch!«

Er hat dann, wie er acht Tage später Zelter in einem Briefe erzählt, die Inschrift »rekognosziert«: die Greisenhand hat die fast unleserlich gewordenen Buchstaben nachgezogen und darunter gesetzt: »Renov. den 28. August 1831.«

So liest man es jetzt mit verhaltener Rührung.


Über Kammerberg und Manebach zurück nach Ilmenau. Aus Sturm und Regen ist ein sanfter, silberner Frühlingsnachmittag geworden. Die feuchte Erde duftet, es rauscht die Ilm.

»Anmutig Tal! du immergrüner Hain!« … wieder nahen sich die Verse, nun, wo man vom Walde kommt, ergreifend wahr. Sie bringen neue Schattenbilder. »Wenn es möglich ist,« schreibt Goethe am 30. August 1783, auf dem Sprung nach Ilmenau, an Charlotte, »schreibe ich dem Herzog ein Gedicht auf seinen Geburtstag.« Als er am 4. September nach Weimar zurückkehrt, bringt er es fertig mit. Aus Traum und Wirklichkeit hat sich ihm Ilmenau »zum 3. September 1783« zu neuem Erlebnis, zu farbenfrohem Bild gestaltet.

Verklungene Tage stehen auf. In wilder Jagd durchstürmt der Herzog wieder das Gebirge, am Fuße einer Felswand wird abends Rast gemacht — es ist, vielleicht, der Hermannstein:

»Bei kleinen Hütten, dicht mit Reis bedecket,
Seh ich sie froh ans Feuer hingestrecket.
Es dringt der Glanz hoch durch den Fichten-Saal,
Am niedern Herde kocht ein rohes Mahl;
Sie scherzen laut, indessen, bald geleeret,
Die Flasche frisch im Kreise wiederkehret …«

Und alle die treten auf, die damals mit in Stützerbach getanzt, getollt, der behäbige Knebel, der Tollkopf Seckendorf, der blutjunge Herzog, Goethe selbst — treten auf und treten wieder ab auf dieser Bühne der Erinnerung, Magie belebt die schwankenden Gestalten. »Ich selbst saß davor,« erzählt der alte Goethe in den Annalen, »bei glimmenden Kohlen, in allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlung von Bedauern über mancherlei Unheil, das meine Schrift ›Werther‹ angerichtet.« Aber das ängstliche Gesicht zerrinnt, der schwere Traum verschwindet. Die bange Sorge um den Herzog verscheucht die Hoffnung auf »Gedeihn und festes irdsches Glück«, und der erhabene Berg läßt ihn an »seinen sachten Höhn ein jugendlich, ein neues Eden sehn«.

Und zweiundvierzig Jahre später. Wieder ein »Tag der Lieb und Lust«. Carl August feiert sein Regierungsjubiläum. Die Vision Goethes ist Wirklichkeit geworden … »die Ernte wird erscheinen und dich beglücken und die Deinen.« Im Römischen Haus begrüßt Goethe den fürstlichen Freund, in aller Frühe, der erste Gratulant. Wortlos stehen die beiden Greise, Hand in Hand. »Bis zum letzten Hauch zusammen!« stammelt endlich tief bewegt Goethe. Der Großherzog nickt. Traumhaft durchzuckt Erinnerung sein altes Herz. »O achtzehn Jahre und Ilmenau!« ruft er und deckt die Augen mit der Hand …


Noch oft ist Goethe in Ilmenau gewesen, mit Knebel und bei Knebel, mit Fritz von Stein, dem Liebling, der, wie er einmal an Charlotte schreibt, ihr Bildnis sein soll, und manchmal auch ganz allein. Immer wandern Briefe und Zettelchen nach Weimar und schwärmen und erzählen; beteuern seine Liebe in leidenschaftlichen Worten und sind voll Sehnsucht und Glück. »Mergeln« und Schwämme begleiten sie.

1784 werden endlich die neuen Bergwerke eröffnet. Am 24. Februar. Ein Schicksalstag. Goethe bleibt in der feierlichen Eröffnungsrede stecken, die er im Posthause hält. Aber niemand wagt zu lächeln. Seine dunklen Augen halten alle im Bann. Nur daß es als üble Vorbedeutung genommen wird, kann er nicht hindern.

Im Oktober 1785 schreibt er an Charlotte: »Es steht alles recht gut und das ganze Werck nimmt einen rechten Weg.« Auch in den Folgejahren geht alles gut. Noch 1816 gedenkt der alte Goethe freudig in einem Gedicht an seinen alten Bergrat Voigt dieser Zeit:

»Von Bergesluft, dem Äther gleich zu achten,
Umweht, auf Gipfelfels hochwald'ger Schlünde,
Im engsten Stollen wie in tiefsten Schachten
Ein Licht zu suchen, das den Geist entzünde,
War ein gemeinsam köstliches Betrachten,
Ob nicht Natur zuletzt sich das ergründe?
Und manches Jahr des stillen Erdenlebens
Ward so zum Zeugen edelsten Bestrebens.«

Aber 1796 bricht der Martinroder Stollen. Die Aufschlagewasser stauen sich, der Schacht wird auflässig, die Werke ersaufen. Und wieder zieht die Armut ein in Ilmenau.

Immer aber hat die Einsamkeit Ilmenaus Goethe dichterisch angeregt. Hier ist »Wilhelm Meister« zu einem großen Teil entstanden. Auch Mignons schmerzbewegtes Lied: »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!« hat Goethe hier zu dunkler Stunde gefunden. Am 20. Juni 1785 schickt er es Charlotte und fügt, ergreifend, hinzu: »Ein Lied, das nun auch mein ist.«

Und noch ein anderes Lied hat ihm Ilmenau geschenkt, viele Jahre später. Längst war die Liebe zu Frau von Stein erloschen, verbittert hatte sich die Enttäuschte von ihm zurückgezogen. An ihre Stelle ist Christiane getreten. Ihr gelten nun seine Gedanken: nicht wirre Sehnsucht mehr, nicht Stammellaut und Schrei. Ein glücklicher Vater schreibt der Mutter seines Gustel, der ihn, ein »Bübechen«, begleitet und weiße Pfefferkuchen nach Weimar schickt, die er sich vom Munde abspart. So feiert Goethe hier seinen 64. Geburtstag. Und die Erinnerung lässt ihn, ein Nachklang seiner silbernen Hochzeit, erzählen:

»Ich ging im Walde
So vor mich hin,
Und nichts zu suchen
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne blinkend,
Wie Äuglein schön …«

Christianes Lied! Er schickt's nach Weimar … wie oft, wie stolz mag es die heitere Frau, vielleicht im Korbstuhl neben dem Küchenherde sitzend, an ihr warmes Herz gedrückt haben!


Nachmittag. In der Lindenstraße promeniert das junge Ilmenau. Der Mühle gegenüber, die Goethe in jungen Jahren oft beherbergt hat, Knebels Haus. Die Fenster schauen nachdenklich in das bunte Treiben. Es ist, als ob noch immer hinter den dunklen Scheiben der »alte Timon« an seinem Lucrez arbeitete. Aber das frohe Lachen, das »die Rudel«, Knebels blutjunge Frau, die Weimarer Sängerin Luise von Rudorf, mit in die Kleinstadtstille brachte, ist längst verhallt. An den »élégant savant«, der hier einmal sein wunderlich Wesen getrieben, erinnert nur die weiße Tafel über der Tür. Und auch die beachtet keiner.

Und weiter. Hinter der Kirche der Marktplatz. Die Häuser schlafen. Nur der alte Brunnen schwatzt in die Stille. Eine tote Welt, — Rokoko aus Chodowiecki-Kupfern, unberührt, ganz noch das »heitere Landstädtchen«, das Goethe fand, als er zum erstenmal hierher kam, um Ilmenau vor neuer Einäscherung zu bewahren. Noch stehen Schloß und Rathaus, noch die »Sonne« und der »Adler«, aus deren Fenstern Philine und Wilhelm Meister einander den Morgengruß zunickten. Aber es liegt alles stumm und verlassen, nichts spricht dafür, daß etwa Seiltänzer und Gaukler hier ihr leicht Gerüst aufschlagen werden, kein Mädchen bietet dem fremden Herrn Rosen an, wie's Wilhelm Meister geschah, und die beiden Gasthöfe schauen so verdrossen drein, als ob sie überhaupt nicht mehr auf Gäste rechneten …

Die Vergangenheit geht hier spazieren.


Sie begleitet auch auf den Friedhof, zu Corona Schröters Grab. Einsam und verlassen liegt die einst Gefeierte. Arme »Crone«! Wie oft hat Goethe dich, du blühtest noch in all dem betörenden Glanz der Jugend und ganz Weimar lag dir zu Füßen, bei diesem Schmeichelnamen genannt! Daß du ein »Engel« wärest, schrieb er an Frau von Stein und an den Herzog schon aus Leipzig, von wo er dich nach Weimar holte. Er hat dich wirklich sehr geliebt. Sein Tagebuch erzählt's, und auch die Bank in Tiefurt mit dem Amor und der Nachtigall. Und in dem großen Gedicht »Auf Miedings Tod« gelten dir die wundervollen Verse:

»Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,
Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.
So häuft sie willig jeden Reiz auf sich,
Und selbst dein Name ziert, Corona, dich.«

Und dann?

Nach flüchtigem Glanz der lange, der bittere Lebensabend in Ilmenau. Niemand kümmerte sich um die Verbannte. Auch Goethe nicht. Und so einsam, wie sie zuletzt in Ilmenau gelebt, stirbt sie 1802. Der Tod erlöst eine Tote.

Bekümmert steht man an dem kahlen Grab. Von der »Sturmheide« her fährt der Wind über die Hügel, der Efeu raschelt, die kahlen Weiden schwanken traurig hin und her. Die Stille weint. »Es ist sündlich, wie man in Weimar mit den Toten umgeht,« schrieb Knebel damals. Ihm und der Prinzessin Caroline verdankt die Vergessene den schlichten Grabstein. Eine schwarze Eisenplatte ist's, in Sandstein eingelassen. Eine Harfe und eine Fackel, ein Lorbeerkranz und ein Schmetterling schmücken sie. Und leise wellt der Frühlingswind das Wasser, das Regen und Sturm darauf geworfen.

Abschied von Ilmenau. In der Abenddämmerung steht man vor'm »Goldenen Löwen«. Langsam erstirbt das Leben. Ein Lachen treibt vorbei, ein fader Scherz, ein letztes Plaudern. Dann wird es still. Ganz still. In der Ferne plätschert die Ilm.

Noch einmal wandert man durch die alten Gassen. Nun, wo der Tag zur Ruh gegangen, regen sich die Schatten. Sie geben gespenstisches Geleit, bedrängen die Seele, die sie aus ihren Grüften hervorgelockt. … Knebel und seine junge, viel zu junge Frau, Einsiedel, den Reue an die Stätte bannt, wo Corona Schröter gewohnt, der junge Goethe, der der dunklen Ilm verworrene Liebesgrüße nach Weimar anvertraut. Und scheu und heimlich auch, in grauen Mantel gehüllt, den Dreispitz tief in die Stirne gedrückt, der unselige Krafft, Goethes geheimnisvoller Schützling. Denn hierher hatte Goethe, ein »dienstfertiger Samariter«, den in die Irr Gegangenen geschickt, der sich in letzter Not an ihn gewandt … ohne Dank zu finden: der Verlorene ward auch in Ilmenau nicht des Lebens froh, ward in Verkennung der Dienste, die Goethe forderte, zum Spion. Noch immer wandert er durch die Straßen, er lauscht an jeder Schenke, er horcht an jeder Tür. Und verflucht, das unstete Auge bergend, das Schicksal, das ihn hierher verschlagen hat … das heute wird zum Gestern, ein Jahrhundert flüchtiger Traum.

Abschied von Ilmenau — — —

Über den Marktplatz klingt leise ein Lied. Philine singt. Ihr Fenster im »Adler« wirft hellen Schein über den winkligen Platz. In das Dunkel des Torwegs gedrückt stehen drüben, in der »Sonne«, Wilhelm Meister und Mignon und lauschen. Laërtes schaut ihnen über die Schulter … Da bricht das Liedchen ab, das Licht geht aus, und auch das Tor des alten Gasthofs fällt zu. Schatten begraben ein Goethe-Märchen. Am Himmel, der in dunkler Bläue schwankt, flimmern kalt die Sterne.


Das »Mährchen« von Pyrmont

»Goethe ist zu Pyrmont und nur mit Wiedererlangung seiner Gesundheit beschäftigt …«

Schiller

Der Reisewagen, der am 5. Juni 1801 in aller Herrgottsfrühe vor dem Haus am Frauenplan Posto faßt, wartet auf einen Kranken. Denn noch immer fühlt Goethe, der an diesem Morgen mit dem elfjährigen August zusammen nach Pyrmont reist, sich von der schweren Krankheit nicht genesen, die den schon lange Leidenden zu Beginn des Jahres 1801 fast dahingerafft. Wohl war es der Pflege Christianens, seiner »lieben Kleinen«, wie er am 1. Februar der Mutter rühmte, gelungen, ihn am Leben zu erhalten; wohl befand er sich nach dieser »schrecklichen Krise der Natur«, wie es in einem Briefe an die Weimarer Freundin Elisa Gore heißt, wieder ganz leidlich; aber den Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte hatte er trotz aller Ruhe, trotz eines sechswöchigen Landaufenthalts auf Ober-Roßla nicht wiedererlangt, und erst Pyrmont soll ihm nun gründliche Erholung bringen.

Pyrmont erfreute sich schon damals alten Rufes, vielleicht größeren als jetzt, wo so viel andere Bäder mit dem stillen, ganz in Lindengrün gebetteten Idyll an der Emmer wetteifern. Goethe selbst kannte es auch nur vom Hörensagen. Charlotte von Stein, allein und auch mit Mann und Kindern dort oft zur Kur, mag ihm viel von diesem ihren Zufluchtsort erzählt, mag ihm die Heilkraft des »Hylligen Borns« gerühmt haben … die Briefe, die sie von Pyrmont aus an Goethe geschrieben, Antworten auf das sehnsuchtsbange Liebesstammeln, das ihr aus Weimar und Ilmenau nachtönte, sind ja leider verloren, vernichtet wie alle ihre anderen an Goethe; aber Spiegelung der Tage, die Charlotte in Pyrmont verlebt, findet, wer zwischen Zeilen zu lesen versteht, in den von Liebe, Sehnsucht und wirrer Klage erfüllten Ergüssen des Dichters, die dieser der Fernen, Kuß und Schmeichelwort so weit Entrückten nachgesandt. Und an den langen Herbst- und Winterabenden in Weimar mag im Beieinandersein bei stiller Kerze Erzählung manches nachgeholt und wieder heraufbeschworen haben, was dem Briefe anzuvertrauen Tinte und Papier erschwert hatten.

So hat Goethe das Bad am Teutoburger Wald, als Liebender für die Worte der Geliebten doppelt empfänglich, vielleicht besser gekannt als viele, die dort stumpfer Sinne, nur ihrem leiblichen Wohl und Wehe hingegeben, wochenlang die Kur gebraucht haben; was die Augen nicht in Wirklichkeit gesehen, erlebte die beschwingte Seele des Dichters doppelt intensiv, gewann holde Verklärung, weil die, die es ihm schilderte, seinem Herzen nahestand.