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Krawall
Lustige Geschichten
Ullstein-Bücher
Eine Sammlung zeitgenössischer Romane
Krawall
Lustige Geschichten
von
Ludwig Thoma
Ullstein & Co
Berlin-Wien
Inhalt
| Seite | |
| Krawall | [5] |
| Kaspar Asam | [33] |
| Kabale und Liebe | [59] |
| Die Fahnenweihe | [83] |
| Die Richter | [129] |
| Der Bader | [151] |
| Der Kindlein | [167] |
| Besserung | [189] |
| Tante Frieda | [207] |
| Die Indianerin | [243] |
| Mucki | [265] |
| Der Lämmergeier | [279] |
| Der Einser | [295] |
| Der Vertrag | [305] |
Krawall
Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München
Jawohl, auch wir Dürnbucher haben unsere Revolution gehabt, oder einen Krawall, und es war damals, wo der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, als Major von der alten Landwehr vom Messerschmied Simon unter den Tisch geschlagen worden ist und sozusagen betäubt war... aber ich will die Geschichte der Reihe nach erzählen.
Ihr könnt Euch denken, daß wir Dürnbucher Anno 66 einen großen Haß auf diese Preußen gehabt haben, und wenn der Feind damals bis zu uns gedrungen wäre, dann hätte es geraucht. Ich weiß noch gut, wie die privilegierte Schützengesellschaft zum Ausrücken bereit war; und der alte Büchsenmacher Weinzierl ist jeden Tag auf den Kapellenberg gegangen, wo er das Terrain studiert hat. Die Bürgergarde oder Landwehr älterer Ordnung, wie man auch sagt, ist zweimal in der Woche ausgerückt und hat im Buchwald exerziert, und der Major, was der Buchdrucker Schmitt war, Gott hab ihn selig, ist zum Messerschmied Simon gegangen und hat sich öffentlich, daß es jeder gesehen hat, den Säbel schleifen lassen.
Ueberhaupt herrschte eine furchtbare Aufregung, und der Provisor von der Marienapotheke hat für den Ernstfall ein Sanitätskorps gebildet, wo er der Vorstand war, und die Frau Landrichter Hefele hat sich auf der Stelle zur Krankenpflege gemeldet, und dann haben sich die meisten Frauen einschreiben lassen.
Alles war bereit, und jeden Tag hätte es losgehen können. Einmal hat man geglaubt, es ist schon so weit.
Mitten bei der Nacht hat es auf dem Marktplatz geschossen, zweimal hintereinander. — —
Beim Spanninger sitzt alles käsweiß in der Gaststube und still, eine Maus hätte man laufen hören, und der Hausknecht hat die Geistesgegenwart und riegelt das Tor zu, und am Kirchturm schlägt die Glocke an, weil der Meßner Benno die Schüsse auch vernommen hat, aber es war bloß der alte Büchsenmacher Weinzierl.
Der ist immer mit dem Doppelläufer ins Wirtshaus gegangen, damit er die Waffe bei der Hand hatte, und auf dem Heimweg hat er sich lebhaft vorgestellt, wie es jetzt wäre, wenn beim Glaser Spannagl ums Eck die Preußen kämen, und er ist aufgefahren und hat geschossen.
Zwei wären es gewesen, hat er oft gesagt, und dann Adieu Weib und Kind, denn zum Laden wäre er nicht mehr gekommen. Aber zwei wären es gewesen. Das war das einzige Mal, wo auch bei uns so eine Art Kriegslärm war; später hat man nichts mehr gehört, und die Preußen sind nicht gekommen.
Uebrigens, daß ich es recht sage, einer war schon anwesend in Dürnbuch. Ein windiger Buchbindergeselle, und der hat das Maul so preußisch spitzen können, daß es einem siedig heiß geworden ist. Wie die Nachricht von der Schlacht bei Kissingen gekommen ist, da waren viele Bürger im Kollergarten beim Bier und haben über das Unglück geredet.
Auf einmal steht der Schmied Kasenbacher auf und schaut über ein paar Bänke hinüber, wo der preußische Buchbinder war. Man hat nicht gewußt, lacht er höhnisch oder lacht er nicht, denn er hat das Maul immer so hinaufgezogen.
„Himmelkreuzdonnerwetter!“ hat der Kasenbacher geflucht, „jetzt wenn ich es aber wissen täte!“
Die Bürger sind aufgesprungen und haben den Preußen umringt, und ein paar Bräuknechte haben schon die Hemdärmel aufgekrempelt. Aber der Buchbinder ist gegangen, und das war sein Glück, denn wir Dürnbucher haben damals keinen Spaß verstanden.
Also ich habe erzählen wollen von der Revolution, wie der Messerschmied Simon den Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, unter den Tisch geschlagen hat.
Das war ein Jahr später, aber es hängt mit diesem furchtbaren Haß gegen die Preußen zusammen.
Nämlich Anno 1867 haben wir schon das neue Militärgesetz gehabt, und es war die erste Kontrollversammlung angesagt.
Das hat besonders draußen auf dem Land böses Blut gemacht.
In Dürnbuch waren die Leute ja vernünftiger, denn man hat doch eine andere Schulbildung, und man hat seine Zeitung, aber unter den Bauernburschen ist die Rede gegangen, daß jetzt alle preußische Soldaten werden müssen.
In Stockach hat es der Pfarrer auf der Kanzel gesagt. Er hat die Arme zum Himmel gehoben, und hat gerufen, daß es wenigstens von dort oben noch weiß und blau herunterschaut, wenn es gleich auf der Welt nicht mehr altbayrisch sein soll.
„Werdet nicht lutherisch!“ hat der geistliche Rat in Sassau gepredigt. „Buben, werdet nur ja nicht lutherisch und behaltet Euren heiligen Glauben!“
Und das hat man überall gehört; in der ganzen Umgegend ist das gleiche gesagt worden, und die einen waren voll Angst, und die andern waren voll Wut. Daß es unter den Bauern nicht mehr richtig war, hat man schon ein paar Wochen vor der Kontrollversammlung gemerkt.
Wenn sie nach Dürnbuch auf die Schranne gekommen sind, haben sie in den Wirtshäusern Spektakel gemacht und drohende Reden geführt.
Und der Respekt vor der Obrigkeit war überhaupt vollständig weg.
In der Post ist ein Bauer zum Beamtentisch hingegangen, wo die Herren ihren Tarock gespielt haben, und er schaut dem Bezirksamtmann in die Karten und klopft ihm auf die Schulter.
„Du glaubst schon, Du hast alle Trümpf in der Hand,“ sagt er, „aber paß auf, ob nicht am End wir das Spiel gewinnen.“
„Sie sind ein Flegel,“ sagt der Bezirksamtmann, „überhaupt, was wollen Sie?“
„Manderl!“ sagt der Bauer, „überleg Dir die Sach noch, ob ich ein Flegel bin.“
„Ich lasse Ihnen arretieren,“ schreit der Herr Bezirksamtmann, „wo ist die Polizei?“
„Heb Dir Deine Polizei auf,“ sagt der Bauer und lacht ganz merkwürdig, „vielleicht kannst sie noch gut brauchen,“ und dann ist er gegangen.
Unter der Tür hat er sich nochmal umgedreht und sagt: „Wennst an den König von Preußen schreibst, kannst ihm einen schönen Gruß ausrichten von den Stockacher Bauern.“
Die Herren waren durchaus verblüfft und haben nicht mehr gewußt, was sie denken sollen. Der Bezirksamtmann — Alois Reich hat er geheißen, und er war aus der Rheinpfalz — hat die Karten hingelegt und ist wütend auf den Marktplatz hinaus.
Aber von dem Bauer war nichts mehr zu sehen, und der Bürgermeister von Stockach, der gleich am andern Tag hereinzitiert worden ist, hat keine Auskunft geben können oder wollen.
„Sie müssen es wissen, wer der Kerl ist,“ sagt der Bezirksamtmann.
„Wenn Sie einen Kerl suchen,“ antwortet der Bürgermeister ganz kalt, „hernach müssen Sie schon bei einer andern Gemeinde anfragen. Wir Stockacher haben keinen Kerl unter uns.“
„Aha! Pfeift der Wind aus dem Loch? Ich will Ihnen was sagen. Innerhalb dreimal vierundzwanzig Stunden erfahre ich, wer mich gestern beleidigt hat. Der Mann ist leicht zu eruieren, schon an seinen Redensarten über Preußen und so weiter. Erhalte ich keinen Bescheid, dann sollen Sie mich kennen lernen.“
„Ist nicht notwendig,“ sagt der Bürgermeister, „ich hab ja schon länger die Ehr. Und wenn das ein Kennzeichen ist, daß einer nicht preußisch werden will, dann müssens wir Stockacher alle miteinander gewesen sein. Und ich kann gleich dableiben,“ sagt er, „denn ich bin der allererste dagegen.“
Eine solche Auflehnung hat man damals überall gemerkt, heimlich und offen, und eigentlich haben wir Dürnbucher uns darüber gefreut, wenn es nur keine Konsequenzen gehabt hätte.
Unter gebildeten Leuten hat das keine Gefahr. Man sagt seine Meinung, oder man denkt sich seinen Teil, und vergißt aber nicht den Anstand.
Aber bei den gewalttätigen Bauern sind natürlich die Konsequenzen eingetreten. Nun muß ich es der Reihe nach erzählen, obwohl es eigentlich schwer ist, weil man in dem Krawall den Kopf verloren hat, und keiner hat recht gewußt, wo der Anfang war.
Am Tag der Kontrollversammlung sind aus allen vier Himmelsrichtungen die Bauernburschen in die Stadt gekommen.
Nicht einzeln oder paarweis, sondern in Haufen, und alle haben schon in der Herrgottsfrühe Spektakel gemacht.
Wo ein Haufe mit der Ziehharmonika angerückt ist, das hat man sich noch gefallen lassen. Aber die meisten haben geschnackelt, gepfiffen und gejohlt, und andere haben durch Kuhhörner geblasen, als wenn sie Feuerlärm geben müßten, und wieder andere haben bloß geschrien, daß die Fenster gezittert haben.
Die Bürger sind erschrocken aus den Betten gestürzt und haben in die Gassen hinuntergeschaut, und den meisten hat schon nichts Gutes geahnt.
Am Marktplatz sind alle Haufen zusammengekommen; so oft ein neuer aufmarschiert ist, haben die andern ihn mit furchtbarem Lärm begrüßt, sie haben gejuchzt und geblasen und Blechdeckel aufeinander geschlagen, und es war wie ein Haberfeldtreiben.
Aus dem Stern und dem Goldenen Lamm und aus dem Rappen haben sich die Burschen Bierfässer geholt und auf den Platz gerollt, wo gleich angezapft worden ist. Die Bräuknechte haben sie hergeben müssen und die Maßkrüge dazu, denn an einen Widerstand war nicht zu denken.
Der lange Martl vom Rappenbräu hat Bezahlung verlangt, aber da ist ein allgemeines Gelächter gewesen, und ein Bursche hat gerufen:
„Heut sind wir zechfrei; heut zahlt alles der König von Preußen.“
Und sie sind her über das Bier, wie die Wilden; den Hahnen haben sie nicht mehr zugedreht, und was nicht in den Krügen Platz gehabt hat, ist auf den Boden gelaufen.
Mit dem Trinken ist der Lärm ärger und ärger geworden; einer hat den andern überschrien, und weil ihnen das noch nicht laut genug war, haben sie mit den Stecken auf die Fässer geschlagen.
Der Bürgermeister Wieser schaut zum Fenster herunter und glaubt, der Jüngste Tag ist gekommen.
Er hat aber den Kopf schnell zurückgezogen, denn wie ihn herunten ein paar gesehen haben, pfeifen sie durch die Finger und brüllen hinauf, ein Wort gröber wie das andere.
„O du Herrgottssakrament, tu deinen Gipskopf hinein, oder es geht dir schlecht!“
Endlich kommt der Polizeidiener Kraus hinter der Kirche herum, den Helm auf, den Säbel umgeschnallt, und blaß wie der leibhaftige Tod.
Er hat später oft erzählt, daß er Reu und Leid gemacht hat, bevor er in den Haufen hinein ist.
Er kann sich zuerst nicht verständlich machen; aber nach und nach zieht sich ein Kreis um ihn, und ein Bursche steigt auf das nächste Bierfaß und schreit:
„Ruhe! Seid ruhig eine kleine Weile, jetzt müssens mit hören, wie lang wir noch bayrisch bleiben.“
„Meine Herren!“ sagt der Polizeidiener Kraus, „machen Sie doch keine solchene Ruhestörung! Ich muß Sie aufmerksam machen, daß es verboten ist.“
„Steht das im preußischen G’setz?“ fragt der Bursche vom Bierfaß herunter.
Und in dem Augenblick geht der Lärm auf ein neues an.
Wie auf Kommando singen alle zu gleicher Zeit:
„Schenkt’s mir amal was boarisch ein!
Boarisch woll’n wir lustig sein,
Schenkt’s mir amal was boarisch ein,
Boarisch woll’n wir sein!“
Den Kraus packen drei oder vier und schieben ihn voran, und gleich schieben noch ein paar mit, und vor er richtig umschaut, fliegt der Polizeidiener in den Hausgang vom Rappenbräu hinein, und vom Hausgang in die Gaststube und von der Gaststube in die Küche.
„Hebt’s ihn gut auf!“ schreit einer zu den Weibsbildern hin, „denn wenn er nochmal rauskommt, könnt’s leicht sein, daß er zerbrochen wird.“
Der Kraus hat nicht daran gedacht, noch einmal auf den Platz zu gehen, denn er hatte seine Pflicht schon erfüllt und betrachtete sich für kampfunfähig und gefangen. Bis jetzt war eigentlich nichts geschehen; aber in dem Augenblick, wo es acht Uhr schlug, ging es wie auf Befehl über das Rathaus her.
Auf die Stunde war die Versammlung angesetzt, und die Burschen haben geglaubt, daß sie jetzt die preußischen Offiziere erwischen könnten.
Natürlich war überhaupt keiner in Dürnbuch, aber es war allgemein gesagt in der ganzen Gegend.
Also die Kannibalen stürzten über die Stiege hinauf und nehmen den Gemeindeschreiber bei der Gurgel.
„Wo sind die Preußen?“
„Heraus damit!“
„Es sind keine Preußen da! Tut mir nichts, ich hab Weib und Kind!“
„Kerl, wenn wir sie finden, bist Du auch hin!“
Die Haufen verteilen sich und suchen das ganze Haus ab, treten Türen ein, reißen Schränke auf, werfen die Akten herum, zerschlagen die Fenster, johlen und brüllen.
Jetzt hätte die Bürgergarde einschreiten müssen.
Der Messerschmied Simon, der als Leutnant dabei war, hat sich ein Herz gefaßt und ist aus seinem Hause heraus und zum Buchdrucker Schmitt in die Kirchgasse gelaufen.
Denn der Schmitt war Kommandeur, und alles mußte auf seinen Befehl geschehen.
„Revolution! Revolution!“ schreit der Simon und reißt an der Glocke. Die Türe wird vorsichtig aufgemacht, und der Schmitt, Gott hab ihn selig, steht im Schlafrock da und zittert wie im Frostfieber. Aber der Simon war ein martialischer Mensch, wie jeder weiß, der ihn kennt.
Er macht die militärische Ehrenbezeigung und sagt: „Ich melde gehorsamst, Herr Major, in der Stadt herrscht Aufruhr! Die Bauern stürmen das Rathaus!“
„Wir sind alle sündige Menschen,“ sagt der Schmitt, „um Gottes willen, Simmerl, glaubst Du, daß sie jeden umbringen, oder bloß die Magistratsrät?“
„Ich bitte den Herrn Major gehorsamst um Befehl zum Alarm!“
„Sei so gut, Simmerl! Ist der Spektakel nicht schon arg genug?“
Jetzt wird der Messerschmied Simon zornig.
„Schmitt,“ sagt er, „Du weißt, daß es bei Revolutionen allemal über die Druckereien hergeht; wenn Du jetzt nicht gleich Deine Uniform anlegst und mitgehst, dann können sie von mir aus Dein Geschäft demolieren.“
Und das war auch richtig.
Wo man von einem Aufstand was zu lesen kriegt, steht immer dabei, daß Druckereien erstürmt worden sind. Der Schmitt hat das selber gewußt, und er ist in Gottes Namen mit dem Simon gegangen, aber er hat noch nie so schwer an seinen Epauletten getragen, wie diesmal.
Auf der Gasse sagt der Messerschmied wieder ganz militärisch:
„Herr Major sammeln vielleicht das Korps in der obern Stadt, ich alarmiere am Kühberg, und meine Rotten stoßen mit den Ihrigen am Marktplatz zusammen, dann ist der Feind in die Mitte genommen.“
„Simmerl, sei g’scheit und bleib bei mir!“
Aber der Messerschmied Simon fragt barsch:
„Befehlen der Herr Major, daß Bajonett aufgepflanzt wird?“
„Tu, was D’ magst,“ seufzt der Schmitt. „Mit Dir komm’ ich heut noch ins Unglück.“
Und er schleicht langsam an den Häusern vorbei.
Der Simon rennt wie ein Feuerreiter in die untere Stadt.
Er holt seinen Stabstrompeter, den Schuhmacher Batz, und läßt ihn Alarm blasen.
Der Batz ist nicht faul und schmettert sein Signal durch die Wäschergasse und die Kreuzstraße, über das Petersbergl und überall.
Aber kein Mensch kommt heraus.
Im Gegenteil, wo der Batz mit seiner Trompeten sich hören läßt, schließen die Bürger ihre Fensterläden und verrammeln sie von innen.
Jetzt rasselt auch eine Trommel.
Ein Geselle vom Schmied Kasenbacher ist gehorsam auf den Alarm erschienen und schlägt auf das Kalbsfell los. Rataplan! Rataplan!
Die Spielleute tun ihre Schuldigkeit, aber von der Mannschaft läßt sich keiner blicken.
Am Kühberg wohnt der Büchsenmacher Weinzierl.
Das ist ein erprobter Scharfschütz, und ein tapferer Mann, aber leider sind auch bei ihm Fenster und Läden zu.
Der Messerschmied Simon ist wütend. „Hans!“ schreit er, „komm heraus!“
„Warum?“ fragt der Weinzierl durch das Guckloch im Fensterladen.
„Ja, hörst Du denn nichts von dem Spektakel? Alarm wird geblasen. Die Bauern sind über uns.“
„Ich schieß bloß auf die Preußen,“ sagt der Weinzierl und gibt keine Antwort mehr.
Der Simon hält Kriegsrat.
„Ich habe dem Herrn Major versprochen, daß ich mit meinem Hilfskorps zu ihm stoße. Wenn Ihr mitgeht, ist’s recht; sonst gehe ich allein hin.“
Der Batz und der Schmied Maxl standen aber fest zu ihrem Leutnant. „Nur,“ sagt der Schuster Batz, „keine Attacke können wir nicht machen, denn wir sind zu wenig, und mit meiner Trompeten kann man den Rammeln die Köpfe nicht einschlagen.“
„Wir machen ein Streifpatrulle“, erklärte Simon, „und schleichen uns an den Feind heran. Wenn die Sternbräustiege frei ist, kommen wir gedeckt hinauf, und dann sehen wir schon, wie es weiter geht.“
Die drei liefen schnell am Alzufer hinauf und hatten das Glück, daß unterwegs noch der Zimmermann Heiß zu ihnen stieß, der ein Pionier bei der Bürgergarde war und mit der Axt ausrückte.
Vom Fluß weg geht direkt eine überwölbte Stiege in den Hof des Sternbräu, wo man dann mitten am Marktplatz war. Der Batz schlich voran, hinterdrein der Simon, dann kamen die anderen zwei.
Es war niemand um den Weg, denn beim Sternbräu war das Tor geschlossen; aber im Hof stand der Bezirkskommandeur, Oberst Hingerl mit Namen, und sein Feldwebel war bei ihm.
Er wollte die Kontrollversammlung bei dem Tumult nicht abhalten und blieb in seiner Wohnung, und das war sein Glück.
Denn wenn ihn die Kannibalen im Rathaus gefunden hätten, wäre wahrscheinlich ein Unglück passiert.
Er sagte aber, er werde schon noch mit den Herren zusammentreffen, wenn ihnen der Rausch vergangen wäre, und es ist auch ein paar Wochen später so gekommen.
Also jetzt stand er im Hof vom Sternbräu und machte ein fuchsteufelswildes Gesicht.
Den Messerschmied Simon, der ihn militärisch grüßte, fuhr er gleich an: „Wer sind Sie?“
„Melde mich zur Stelle, Leutnant Simon vom Landwehrbataillon.“
„So? Von den Hasenfüßen? Ihr benehmt Euch schön und laßt die besoffenen Lümmel die ganze Stadt auf den Kopf stellen!“
„Zu Befehl, Herr Oberst, ich tu meine Bürgerpflicht, und will mit meinem Korps zum Major Schmitt stoßen, daß wir die Ordnung herstellen.“
„Ist das Ihr ganzes Korps?“ fragt der Oberst und schaut den Trommler an und den Trompeter und den Pionier.
„Das Gros befehligt der Herr Major Schmitt,“ sagt der Simon, der auf unsere Dürnbucher Garde nichts kommen lassen will.
„Wo steckt denn Ihr tapferer Kommandeur? Ich höre und sehe nichts von ihm.“
„Er flankiert den Feind und bricht hinter der Kirche vor.“
„Also frisch drauf los!“ ruft der Oberst.
Aber der Messerschmied Simon war ein besonnener Mensch, der seine Truppen nicht blindlings aufs Spiel setzte. „Zuerst müssen wir rekognoszieren“, sagte er, „und uns mit dem Gros verständigen.“
Er ging bis ans Tor, und der Pionier Heiß mußte die Axt einklemmen, daß man eine Spalte hatte, durch die der Batz als der Längste Umschau hielt.
Vom Marktplatz herein hörte man nur mehr einen schwachen Spektakel, denn in der Zwischenzeit waren die meisten Burschen schon abgezogen.
Wie sich im Rathaus kein Preuße finden ließ, marschierten sie in die Ludwigsstraße ans Bezirksamt und schmissen die Fenster ein und liefen dann johlend auseinander.
Auf dem Marktplatz blieb nur ein schwaches Dutzend zurück und soff das Bier aus.
Jedoch davon wußte der Simon noch nichts, und er ließ den Batz scharfe Umschau halten.
„Was ist los, Batz?“
„Bei der Mariensäule hocken etliche Burschen, und daneben sind andere, und sie schreien immer noch.“
„Das hör ich selber. Aber siehst Du nichts vom Major?“
„Nein, da sieht man gar nichts.“
„Schau an die Kirche hin. Zum Seifensieder Gumpold. Aus der Gasse müssen sie kommen.“
„Nein. Man sieht nichts.“
„Heiß, druck fester an, daß der Spalt größer wird! Jetzt schau genau hin!“
„Man sieht keinen Menschen nicht.“
„Kreuzteufel, was ist das? Dem Schreien nach sind nicht mehr viel Burschen auf dem Platz?“
„Es sind höchstens noch zehn oder zwölf.“
„Dann ist der Herr Major den Lackeln nachgerückt. Wir müssen hinaus.“
„Jawohl und rasch!“ rief der Oberst.
„Nur Zeit lassen!“ kommandierte der Messerschmied Simon. „Du, Heiß, schiebst den Riegel zurück, aber stad, daß man es nicht hört! Batz und Schmied Maxl, Ihr bleibt hart neben mir, und schreit’s recht! So, jetzt das Tor geschwind auf! Hurra! Hurra!“
Die vier stürzten hinaus. Wie die Burschen das Feldgeschrei hören, packen sie zusammen, und auf und davon, was sie laufen können.
Zwei sind in der Besoffenheit liegen geblieben, die hat dann hinterher die Polizei heimgenommen.
„Viktoria!“ schreit der Messerschmied Simon, „wir haben sie! Jetzt schnaufen wir aus, und dann wollen wir unsern Brüdern zu Hilfe kommen.“
Er hat seinen Tschako abgenommen und auf dem Schlachtfeld Umschau gehalten. Der Platz hat grauslich ausgesehen; Maßkrüge und Scherben sind herumgelegen, Bierlachen sind überall gewesen, und auf dem Pflaster unterm Rathaus war alles voll Glasscherben und Papier und Aktendeckeln.
Jetzt sind aber in allen Häusern die Fensterläden zurückgeschlagen worden, und die Leute haben herausgeschaut und dem Simon ein Bravo zugerufen.
Den tapferen Messerschmied hat es gefreut, und er hat militärisch mit dem Säbel gedankt.
„Aber“, hat er gesagt, „das ist nur der erste Sieg; der schwerere kommt noch.“
Indem pfeift der Rappenbräu-Martl und winkt dem Heiß.
„Was willst?“
„Da geht’s her. Nehmt’s Euern Major mit!“
„Was für einen Major?“ fragt der Simon.
Jetzt erzählt ihm der Martl, daß der Herr Major Schmitt sich in den Rappenbräu geschlichen und überhaupt kein Gros gesammelt hat.
„Ist er noch drin?“ fragt der Simon.
„Und wie!“ lacht der Martl. „Schaut’s ihn nur an.“
Sie gehen durch die Gaststube in die Küche, und da macht der Hausknecht die Speistür auf, und richtig sitzt der Herr Major Schmitt neben dem Polizeidiener Kraus auf dem Anrichttisch, und sie schauen grasgrün vor lauter Angst, wer denn kommt.
„Ah, Du bist’s, Simmerl!“ ruft der Major, „Gott sei Dank, ich hab schon was anderes geglaubt.“
Aber der Simon sagt kein Wort; er macht einen Schritt vorwärts und haut seinem Vorgesetzten eine Watschen herunter, daß er unter den Tisch gefallen ist und sozusagen betäubt war.
Das ist die Geschichte von unserer Dürnbucher Revolution, welche sich Anno 67 durch den Preußenhaß zugetragen hat.
Die Bauernburschen sind hinterher bös eingegangen; die Rädelsführer sind ins Zuchthaus gekommen. Viele haben als Soldaten zweiter Klasse in Ingolstadt Sand schieben müssen, und die anderen haben in den Kasernen auch nicht das schönste Leben gehabt.
Die Bürgerwehr ist bald nachher aufgelöst worden, weil Thron und Altar jetzt anderweitig geschützt sind.
Aber der Buchdrucker Schmitt, Gott hab ihn selig, ist acht Jahre später doch noch in der Majorsuniform in den Sarg gelegt worden. Denn er hat es ausdrücklich so gewünscht.
Kaspar Asam
Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München
Hinauf und hinunter führte der Lebensweg des Kaspar Asam; aus einer verachteten Jugend bis zur Glücksmöglichkeit, daß ihn Magistrat und Behörden beneiden mußten, und wieder zurück in das Dunkel der Armut.
Er wuchs in der Vorstadt auf. Die Häuser der gutsituierten Bürger lagen hoch über seiner Geburtsstätte und sahen nur mit den ungepflegten Hinterfronten zu ihr herunter, und dies war gewissermaßen sinnbildlich für die Einschätzung, welche seiner Herkunft zuteil wurde.
Sein Vater Bartholomäus Asam übertrug auf ihn keinerlei Grundsätze, sondern überschattete seine Kinderjahre durch das öffentliche Mißtrauen, mit dem er behaftet war. Er trieb Handel mit Goldfischen, Stallhasen und Meerschweinchen und gedieh bei dieser Beschäftigung so merkwürdig, daß er allen bisherigen Anschauungen widersprach.
Wenn es mit rechten Dingen zuging, mußte Bartholomäus Asam ein kümmerlicher Mensch sein, der den engsten Gürtel in das letzte Loch schnallen konnte.
Aber er besaß nach dem Bierbrauer Spanninger den umfangreichsten Bauch und ging vor aller Welt mit rosigen Wänglein und runden Waden spazieren und wurde den Dürnbuchern unheimlich.
Die Oeffentlichkeit hat ein Recht darauf, zu wissen, wovon einer fett wird, und eine solche Ueppigkeit, deren Nährboden rätselhaft war, erregte Verdacht und übertrug sich leider auf die Familie.
So stand Kaspar Asam ohne eigene Schuld abseits vom bürgerlichen Wohlwollen, und eine edle Natur hätte vielleicht aus dieser Ungerechtigkeit Haß gesogen.
Er tat dies nicht, sondern hielt sich frei von Ehrgeiz, und sein Knabengemüt wurde viel heftiger durch den Schulzwang getroffen als durch die Mißachtung der Altersgenossen. Sowie er seine Freiheit erlangt hatte, trat er in das väterliche Geschäft ein und steigerte bald durch sein eigenes Aussehen den Abscheu der Dürnbucher, indem auch er alle Zeichen der Wohlgenährtheit ansetzte.
Wenn er des Weges kam, blieben die ehrenwerten Leute stehen und sahen ihm kopfschüttelnd nach, und viele Blicke trafen ihn, aus denen Abweisung sprach und jene Scheu, welche das ehrliche Besitztum vor der Zweifelhaftigkeit hegt.
Kaspar kümmerte sich nicht darum und gedieh ruhig weiter, und aus Mangel an Beweisen mußte die Stadt Dürnbuch glauben, daß es um den Handel mit Stallhasen etwas recht Opulentes sei.
Dann kam aber ein aufregender Vorfall.
Als der Bäckermeister Vierthaler eines Morgens seinen Laden öffnete, merkte er mit Schrecken, daß die Kasse ausgeplündert war.
Es gab zwei Möglichkeiten. Entweder hatte Asam der Vater gestohlen, oder Asam der Sohn. Der Polizeirottmeister Muggenschnabel konnte noch ein drittes Verdachtsmoment beibringen, indem er beide gemeinsam für schuldig hielt.
Die Haussuchung ergab nichts. Aber das hatte man in Dürnbuch nicht anders erwartet; denn wer vor aller Augen in der rätselhaftesten Weise einen Bauch kriegen konnte, ließ sich nicht so leicht überführen.
Die stille Abneigung gegen die Asamischen wurde jetzt zum unverhohlenen Zorn, und Kaspar, der sich gerade in dieser Zeit zu einem Verehrer der Damen ausbilden wollte, wurde auf einem dieses bezweckenden Spaziergang überfallen und windelweich geschlagen.
Das traf ihn härter als alles Vorhergegangene, und im Kummer über die öffentliche Unsicherheit verließ er Dürnbuch bei Nacht.
Niemand beklagte sich darüber, daß er ohne Abschied von dannen gegangen war, und niemand erkundigte sich in der Folgezeit nach seinem Befinden.
Die Nachbarn, denen der Vater Bartholomäus erzählte, daß er, vertrieben durch Ungerechtigkeit, sich auf das wilde Meer begeben habe, wünschten, daß ihn alsbald ein Walfisch verschlucken, aber nur ja nicht wieder ausspeien möge, wie zu derselbigen Zeit den Jonas.
Die Tage vergingen.
Der Mond nahm zu und nahm wieder ab, und als die Sonne in das Zeichen des Löwen trat, und es allenthalben recht heiß war, kamen absonderliche Nachrichten über das Meer.
Niemals hatte man von solchen Menschen gehört, die sich Boxer nannten, und jetzt erfuhr man, daß sie, von einer wilden Grausamkeit erfaßt, in China Spektakel machten. Was ging es die Dürnbucher an?
Es ging sie viel an. Zunächst als Untertanen des Deutschen Reiches, denn der Gesandte des Landes war von den Heiden erschlagen worden, und freilich waren die Dürnbucher geneigt, dieses weit entfernte Ereignis nachsichtig zu beurteilen. Allein der Schwerpunkt liegt in Berlin, und von dort kam es zu lesen, daß nunmehr Krieg mit den Chinesen sein müsse. Die Vermutung ging dahin, daß auch die Dürnbucher sich an den Kosten beteiligen durften, und damit war das Ereignis näher gerückt.
Zunächst nur für die allgemeine kühle Betrachtung, welche durch das Wochenblatt geleitet wurde. Denn Haupt- und Staatsaktionen begeben sich in Höhenlagen, welche der Bürger nicht überblickt, und er leiht sich vom Zeitungsschreiber das Glas, um sie zu betrachten, und auch die Gedanken, welche darüber anzustellen sind.
Die Boxer belagerten die europäischen Gesandten, und es wurde viel geschossen, und in London, in Paris und Berlin horchte man mit großer Spannung. Der Dürnbucher Redakteur weissagte nichts Gutes, aber er stand über der Situation und faßte die schrecklichsten Möglichkeiten mit Ruhe ins Auge. Dann kam die Nachricht, alles sei ermordet worden, die Gesandten, die Verteidiger und Weib und Kind. In London, in Paris und Berlin gab es Schreie der Entrüstung; der Dürnbucher Redakteur schrieb, es sei genau das, was er sich gedacht habe, und er verlor den Kopf nicht, sondern brachte gleich hinter der Schreckensnachricht die Einladung zu einem Preiskegelschieben.
Allein die Dürnbucher sollten bald erkennen, daß sie diesesmal nicht weit vom Strudel der Ereignisse saßen, denn das Schicksal hatte einen merkwürdigen Faden von Peking nach ihrer Stadt gesponnen.
Es lief ein amtliches Schreiben aus Berlin ein und hatte ein großes Siegel und war adressiert an den Herrn Bartholomäus Asam, Produktenhändler, und trug die Aufschrift: Kaiserliches Marineamt.
Der Postexpeditor hatte den Brief voll Erstaunen hin und her gedreht und gegen das Sonnenlicht gehalten, und der Postbote hatte ihn verschiedenen Leuten gezeigt, und alle Mittel waren versucht worden, dem Inhalt von außen her beizukommen, aber zuletzt mußte er dem Adressaten eingehändigt werden. Asam öffnete ihn, viel zu langsam für die Ungeduld des Postboten, und zog ein Blatt heraus, welches ehrfurchtgebietende Embleme und Wappen trug.
Und dann las er: „Euer Wohlgeboren!“ Er las es noch einmal, und es hieß wirklich so und konnte von niemand in Zweifel gezogen werden. „Euer Wohlgeboren! Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, daß Ihr Sohn Kaspar Asam, Gefreiter im 1. Seebataillon, sich unter den Verteidigern der Gesandtschaft in Peking befand und nach den telegraphischen Berichten vermutlich den ruhmvollen Tod für das Vaterland starb.“ Gezeichnet: Admiral...
Und dann kamen zwei Schnörkel, die einen preußischen Namen bedeuten mußten.
Der wohlgeborene Produktenhändler wollte etwas fragen oder sagen, aber der Postbote war schon weggeeilt, um es brühwärmstens anzubringen. Die Nachricht flog durch die Gassen und lockte die Bürger aus den Häusern, daß sie stundenlang Geschäft und Handwerk im Stiche lassen mußten.
Die Boxer hätten mit Wahrheit sagen dürfen, daß sie in Dürnbuch Achtung und Vertrauen erweckt und daß sie sich in einem deutschen Bäckermeister einen aufrichtigen Bewunderer erworben hatten.
Was Bartholomäus Asam anbetraf, so ging er unter dem ersten und starken Eindruck der Trauerbotschaft zum Königlichen Bezirksamt und erkundigte sich, wieviel er vom Staate als verwaister Vater zu beanspruchen habe, und die Auskunft, daß er nichts erhalte, ließ seinen Schmerz neu erwachen. Er sollte bald erfahren, daß es ihm außer an sonstigen rechtlichen Gesichtspunkten auch an einem toten Sohne fehle.
Die Zeit war reich an Ueberraschungen und arm an verlässigen Nachrichten. Das Gerücht von der Erstürmung der Gesandtschaft war falsch, der Abscheu vor den Boxern übertrieben und die Freude eines Bäckermeisters verfrüht gewesen. Man hörte jetzt, daß die Gesandten mit heilen Gliedern der Gefahr entronnen waren. Die Berliner Zeitungen waren erstaunt; der Dürnbucher Redakteur aber schrieb, er hätte die tendenziöse Aufbauschung sofort erkannt und nur das Weitere abgewartet. Die weniger Einsichtigen im alten Europa atmeten auf und sagten, daß der Allmächtige seine Hand über die Bedrängten gehalten habe. Nur der Bäcker Vierthaler murrte gegen die Vorsehung und meinte, es sei eben wieder nach der alten Regel gegangen: was am Galgen sterben müsse, könne nicht ersaufen, und Unkraut verderbe nicht.
Der Mann hätte vorsichtiger sein dürfen mit seinen veralteten Sprichwörtern, denn man beleidigt nicht die Freunde der Monarchen, und Kaspar Asam hatte drei auf seiner Seite, was sich bald genug herausstellte. Zuerst wurde es angedeutet durch ein Telegramm des preußischen Admirals, welcher sich beeilte, den Druck jener Todesnachricht von dem gramvollen Vater zu nehmen, und welcher die Tatsache, daß der Gefreite Asam erhalten geblieben war, als etwas Freudiges hinstellte. Man muß eben bedenken, daß im Schlachtenpulverrauche die bürgerlichen Qualitäten verschwinden, und daß das Vaterland die Leumundszeugnisse seiner Helden nicht prüft.
Immerhin war es den Dürnbuchern erlaubt, ihre eigene Meinung zu haben und über die Schwärmerei des Marineamts zu lächeln, solange keine geheiligte Autorität sich der Sache angenommen hatte. Aber das geschah einige Wochen später, indem Kaspar Asam von drei Machthabern dieser Erde affektioniert und durch Kreuze und Medaillen unter die Ausnahmemenschen gestellt wurde. Von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser, von dem Allergroßmächtigsten Zaren zu Petersburg und von Seiner Majestät dem Könige von Großbritannien und Irland und Kaiser von Indien. Mit einem Schlage war Kaspar neben die Kämpfer von Königgrätz und die Löwen von Plewna und die Sieger von Omdhurman gesetzt und war ein Held für drei Länder des alten Europa. Es liegt in der Souveränität begründet, daß vor ihr Meinungen ebensowohl wie Tatsachen schweigen müssen, und der Bäckermeister Vierthaler tat gut, seine alte Geschichte zu begraben und sich an ein anderes Sprichwort zu erinnern, welches so hieß: Jugend hat keine Tugend.
Die Stadt konnte dem Glanz, der auf sie zurückfiel, nicht ausweichen, und sie konnte nicht darauf verzichten, aus dem Ruhme ihres Sohnes Anerkennung und Besonderheit zu gewinnen. Der Dürnbucher Zeitungsschreiber traf wieder einmal mitten ins Schwarze, als er einen begeisterten Artikel über den bayrischen Löwen brachte, der mit mächtigen Tatzenschlägen die wütenden Heiden niedergestreckt hatte. Jedermann fühlte es mit Stolz, daß dieser Löwe ein Dürnbucher war.
Die Chinesen lagen am Boden, und das Christentum hatte wieder einmal einen schönen Triumph erfochten. Engländer, Russen, Franzosen und Deutsche teilten sich in die Gloria, und für die Stadt Dürnbuch an der Glonn fiel ein Hauptstück ab. Kaspar Asam hatte deutschen Boden betreten und teilte seine baldige Ankunft mit. Davon kam eine starke Bewegung in den Veteranenverein, dessen Vorrat an vaterländischen Helden in dreißig Friedensjahren bedenklich gelichtet war, und der es mit Freude begrüßen mußte, nach so vielen Jubiläen endlich wieder einen richtigen Kriegereinzug abzuhalten. Der Magistrat hatte einstimmig seine Mitwirkung zugesagt, und die königlichen Behörden waren entschlossen, mit Schiffhüten und Fräcken das Fest offiziell zu gestalten. Kein Mißton störte die Vorbereitungen, und als Bartholomäus Asam über den Stadtplatz schritt, sah er, daß die Vorderfronten der stattlichsten Häuser für seinen Sohn mit Fähnlein und Girlanden geziert waren.
Am folgenden Sonntag rückte der Veteranenverein mit Musik aus und marschierte bis zum Egelsrieder Kreuzberg, wo der Omnibus in Empfang genommen werden mußte. Es war ein lieblicher Frühlingsmorgen und eine gehobene Stimmung, als nun der gelbe Wagen bedächtig die Straße heranschaukelte. Der Schlosser Sebald als Vorstand gab die letzten Befehle; Musik links am Rande und auf ein Zeichen den Präsentiermarsch, die Krieger gegenüber, zwei Mann hoch aufgestellt und gut ausgerichtet.
„Achtung!“ Der Postillion hielt an, und vor allen neugierigen Augen kletterte der Sieger von Peking aus dem Wagen; und wahrhaftig, dieser merkwürdige Jüngling war rund und fett, und nichts an ihm zeugte von Strapazen und Entbehrungen. Aber davon war jetzt nicht die Rede, denn Sebald machte soldatischen Lärm.
„Achtung! Still—gestanden! Augen rechts! Präsentiert das — Gewehr!“
Die Regenschirme flogen klappernd an die Schultern, und müde Handwerkerbeine versuchten es, durchgedrückt und stramm zu stehen.
„Im Namen des Veteranen- und Militärvereins Dürnbuch begrüße ich Sie, indem Sie gezeigt haben, daß auch die jetzige Generation in Treue fest für Fürst und Vaterland überall ihre Pflicht tut und den bayrischen Waffenruhm, welcher einst bei Wörth und Sedan erstrahlte, zu wahren wissen. Wir gedenken wie immer, so auch in diesem Augenblicke unseres obersten Kriegsherrn und geben diesen erhabenen Gefühlen Ausdruck, indem wir rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern Verweser, lebe hoch, hoch, hoch!“
Tara, tara, taridadaradada, fiel die Musik ein, und Kaspar Asam nahm die Händedrücke entgegen und zeigte sich dem Augenblicke angemessen. An seinem Rocke hingen vier Orden, welche die alten Soldaten blendeten, und sie glitzerten in der Sonne und klirrten, wenn er auftrat.
„In Sektionen links schwenkt — marsch!“
Hinter der Fahne zwischen Sebald und dem pensionierten Gendarmen Angerer marschierte Kaspar, und es ging mit Trompetenschall nach Dürnbuch hinein bis zum Stadtplatz, auf dem eine Tribüne errichtet war.
Oben glänzten feierliche Zylinderhüte, und unter deren einem schaute das breite Gesicht des Bäckermeisters Vierthaler in diese Welt der merkwürdigsten Schicksalswechsel. Wer hätte es je gedacht, daß er für einen Asam den Bratenrock anlegen werde? Dort unten stand dicht gedrängt lauter ehrbares Volk, hier heroben stand neben ihm ein Königlicher Bezirksamtmann, und die jämmerlichen Beine entlang baumelte der Staatsdegen. Warum? Weil jetzt von der Kirchgasse her mit Brausen und Sausen der Kaspar Asam einherschritt, wiederum an der Spitze von ehrlichen Leuten. O du runde Welt, auf der sich das Unterste zu oberst kehrt! Es war einmal eine Ladenkasse, da lagen siebenunddreißig Mark darin, ein Goldstück, fünf harte Taler und das übrige...
Silentium!
Freilich da waren jetzt die Veteranen vor der Tribüne, und des Kaspar Asam Soldatenauge überflog die Schmerbäuche, als wären sie nichts, und blieb haften auf Seiner Wohlgeboren, dem Herrn rechtskundigen Bürgermeister, welcher nun sprach:
„Silentium! Hochverehrte Festversammlung! Nil admirari sagt jener berühmte Horatius, welchem wir auch das andere Wort verdanken, es ist schön und ehrenvoll, für das Vaterland zu sterben. Nil admirari, oder Mensch, wundere Dich nicht! Hochverehrte Festversammlung! Ist es doch so wahr, dieses Wort des lateinischen Dichters! Denn wohin wir auch blicken, immer wieder ereignen sich wunderbare Dinge und zeigen, daß das Walten der Vorsehung unberechenbar ist. Wer von uns erinnert sich nicht jener bangen Stunden, als die Gesandtschaft, umheult von den ergrimmten Chinesen, in der furchtbarsten Gefahr schwebte? Wer erinnert sich nicht jener Nachricht, welche jeden Europäer bis ins Mark traf? Jener Nachricht, daß Weib und Kind unter den Streichen der Wütenden hinsanken? Damals war es, daß auch in unserer Stadt sich ein Vaterherz im bittersten Schmerze zusammenzog, damals trat das Schicksal in seiner fürchterlichsten Gestalt auch an einen aus unserer Mitte, und ein tiefgebeugter Vater blickte in die Gruft seines Sohnes.
Hochverehrte Festversammlung! Nil admirari! Welch ein Unterschied zwischen heute und gestern! Der Totgeglaubte steht gesund und fröhlich in unserer Mitte, und seine Brust schmücken zahlreiche Orden zum Lohne für die Tapferkeit, welche er bewiesen hat. Auch uns ziemt es, ihm dankbar zu sein. War es doch schon im alten Athen gebräuchlich, den heimkehrenden Sieger von Olympia zu feiern, und haben wir doch vielmehr Grund, ihrem Beispiele zu folgen! Denn nicht ein leichtes Spiel war es, aus dem unser Held heimkehrt, nein, es war ein blutiger, furchtbarer Kampf. Fürwahr, den deutschen Männern, welche im fernen Asien den Schimpf abwuschen, jenen Schimpf, welcher den glänzenden Schild der Germania eine kurze Weile getrübt hatte, diesen Männern, sage ich, gebührt allgemeiner Dank. Soll es uns nicht mit Freude erfüllen, daß unter diesen Männern auch ein Kind unserer Stadt sich befindet, und haben wir nicht die Pflicht, dieser Freude öffentlich Ausdruck zu geben und damit zu bekunden, daß jene patriotischen Gefühle, welche jetzt in Nord und Süd, und in Süd und Nord, hochverehrte Festversammlung, — daß jene patriotischen Gefühle auch uns beseelen? In diesem Sinne spreche ich namens des Magistrates und Gemeindekollegiums Ihnen, Herr Kaspar Asam, den tiefgefühltesten Dank aus. Mögen wir alle in den zahlreichen Orden, welche Ihre Brust schmücken, auch eine Ehrung für unsere Stadt erblicken und zugleich die Mahnung, daß auch wir immer bereit sind, mit Gut und Blut zu unserem engeren, sowie zu unserem weiteren Vaterlande zu stehen. Wir können diesen Gefühlen keinen besseren Ausdruck verleihen, als indem wir rufen: Seine Königliche Hoheit, des Königreichs Bayern Verweser, und Seine Majestät, der Deutsche Kaiser, sie leben hoch! hoch! hoch!“
Viele Zylinder und ein Schiffhut wurden zum Himmel gehoben zur mittelbaren und mit einbegriffenen Ehrung des Kaspar Asam, und der Bezirksamtmann zog ihn in ein längeres Gespräch, und es schloß mit einem viel bemerkten Händedruck, und das gleiche tat der Bürgermeister. Beim festlichen Frühschoppen im Lammbräu kam es sogar zu einem direkten Lebehoch auf Kaspar. Ein aufmerksamer Beobachter hätte wohl feststellen können, daß sehr angesehene Bürger sich mit jovialen Witzen an den Helden des Tages heranmachten, und daß sie ihre Bedeutung gehoben glaubten, wenn Kaspar mit ihnen lachte. Der Beobachter hätte weiterhin feststellen können, daß man dem heute schon in öffentlicher Rede erwähnten Vater Bartholomäus zutraulich auf die Schulter schlug und ihm auch sonst einige Brosamen herzlichen Wohlwollens zukommen ließ. Er hätte feststellen können, daß der Bäckermeister Vierthaler im Schatten saß, weil kein Strahl der Asamischen Sonne auf ihn fiel, und daß er sich frühzeitig und unbeachtet nach Hause begeben mußte, während hinter ihm die lauteste Fröhlichkeit auf die Gasse drang. Es war einmal eine Ladenkasse, und da waren siebenunddreißig Mark darin, ein Goldstück, fünf harte Taler und...
Geh heim mit Deiner alten Geschichte, Vierthaler, denn niemand will sie hören. Wenn Du aber mit gekrätschten Beinen am Fenster stehst und verdrossen über den leeren Marktplatz schaust, so denke an Deinen rechtskundigen Bürgermeister. Nil admirari!
Kaspar Asam war so versöhnlich gestimmt durch den Empfang, daß er seinen Groll gegen Dürnbuch beiseite legte und zu bleiben beschloß. Als vaterländischem Helden stand es ihm nicht wohl an, den Handel mit Stallhasen und Meerschweinchen wieder aufzunehmen. Die Begründung einer neuen Existenz aber war so wichtig und folgenschwer, daß er nicht mit überstürzter Eile an sie heranging, sondern in abwartender Ruhe als täglicher Gast des Lammbräu der Zukunft entgegensah. An dieser Stätte seiner Ehrungen fühlte er sich wohl, und hier glaubte er ständiger Anerkennung sicher zu sein.
Allein die Saiten der bürgerlichen Gemüter bleiben nicht lange in hoher Spannung, und sie ließen nach und gaben bald nur mehr dürftige Töne von sich, wenn Kaspar auf ihnen das Lied von seiner Heldenschaft begleiten wollte. Seine Orden verloren ihre festliche Bedeutung, und ihr Glanz erblindete, weil er sie Tag für Tag den Dürnbuchern vor Augen führte, während sie doch von der Vorsehung dazu ausersehen sind, das sonntägliche Gewand zu schmücken. Der dekorierte Krieger, welcher jeden mühevollen Werkeltag hinter der Bierbank saß, wurde eine gewöhnliche Erscheinung und bald eine ärgerliche Erscheinung. Unterweilen versiegte auch sein chinesischer Kriegsschatz und gleichzeitig mit ihm das Wohlwollen des Lammbräu. Auch Kaspar Asam mußte erfahren, daß der Dank des Vaterlandes kein Kredit fundierendes Objekt, sondern nur ein idealer Begriff ist. Mit unschönen Worten erklärte ihm eines Tages die Kellnerin, daß ihm weiterhin keine Lebens- und Genußmittel anders als gegen bare Bezahlung verabreicht würden, und der Lammbräu, welcher herbeigeholt wurde, zeigte nicht die geringste Scheu vor dem Günstling der drei Monarchen.
So kurze Zeit nach jenen hochklingenden Versicherungen siegte im dankschuldigen Dürnbuch der nüchterne Erwerbssinn über höherstehende Gefühle.
Kaspar Asam erkannte mit Bitterkeit die Forderungen des Alltags und nestelte den russischen Annaorden vom Rock und gab diese goldene Medaille der Kellnerin zum Pfand. Da lag nun das würdige Ehrenzeichen, welches die Soldaten Suworoffs und Kutusoffs und Skobeleffs gleichermaßen zur Tapferkeit angefeuert hatte, neben schmierigen Bierzeichen im Schenkkasten und bewies die Hinfälligkeit der historischen Größe.
Das Gerücht von dieser Tat durchlief die Stadt Dürnbuch und wirkte in gewisser Beziehung zersetzend, denn es ist immer gefährlich, wenn ein Nimbus verloren geht, und die Leute, welche sich von der Kellnerin den Orden zeigen ließen und ihn mit plumpen Späßen von Hand zu Hand gaben, schädigten, wenn auch unbewußt, den monarchischen Gedanken. Was aber Kaspar Asam betrifft, so trank er so lange, bis der Lammbräu die pfandmäßige Sicherheit für erschöpft hielt, und dann wurde er hinausgeworfen und zog zu seinem Vater in die untere Stadt. Und die stattlichen Häuser der achtungswerten Bürger schauten wieder mit den schmutzigen Hinterfronten auf ihn hinab.
Kabale und Liebe
Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, München
Sie zeigte sich lieblich zu ihm und erweckte ihm Hoffnungen, die waren grün wie Buchenlaub. Es war aber zur Zeit der Schneeschmelze, daß Anton sie kennen lernte, an einem Feierabend, nachdem er sich den Ruß von Gesicht und Händen abgewaschen hatte. Er ging den Schloßberg hinauf und wußte nicht, warum er so seltsam bewegt war. Alle Rippen dehnten sich unter der Weste, und die Füße hoben sich von selber und marschierten dem Frühling entgegen.
Wo aus, du junger Schlossergeselle?
Immer weiter hinaus, wo das Glück sein muß. Es war aber ganz nahe und bog um die Ecke und schaute Anton aus zwei blitzblauen Augen an.
Ei, guten Abend, Fräulein Babette, und so spät noch um den Weg? dachte er; denn was ein Dürnbucher Jüngling ist, faßt sich nicht so leichthin das Herz, ein zierliches Frauenzimmer anzureden.
Er ging der Allerfeinsten nach und fühlte sich mit Sehnsucht nach ihr, und als ihm das gleiche noch mehrere Tage geschehen war, wollte es sich schicken, daß er in ein Gespräch mit ihr kam.
Und die Jungfer Babette Warmbüchler, eines Spenglermeisters Tochter, zeigte sich lieblich zu ihm.
Es nahm alles im stillen und heimlichen seinen Fortgang, und die Leidenschaft des Jünglings schlich an des Meisters Tür vorbei über knarrende Stiegen an einen Gartenzaun.
Dort legte sich Antons Schatten über die Wiese und gesellte sich zu einem andern in mondhellen Nächten.
Wie herrlich war die Welt in diesem liebreichen Sommer!
Niemals zuvor hatten die Grillen lauter gezirpt, niemals hatte das Heu so geduftet, niemals hatten die Sterne heller gefunkelt.
Und Anton durfte die Darbietungen der Natur mit frohem Gewissen entgegennehmen, denn das Ideal stand unberührt in seinem Herzensschrein; er wollte als bildungsbestrebter Jüngling seinem Mädchen poetisch nahen und wandelte auf schüchternen Fußspitzen im Liebesgarten umher.
Er besprengte die kostbare Blume der Jugendneigung mit allerzierlichsten Redensarten und mußte doch eines Tages sehen, daß sie verwelkt war.
Jungfer Babette wandte sich von ihm ab.
Es traf damit zusammen, daß ein neuer Apothekerprovisor als auffällige Erscheinung in Dürnbuch einzog; ein Mann, der gekräuselten Haares hinter der Ladenbuddel stand und mit dem Maul nicht weniger Süßigkeiten vergab als mit den Händen. Wie er in brauner Sammetjoppe, den Schlapphut verwegen nach links geschoben, durch die Gassen schritt, war er sogleich ein gefährlicher Rivale für jeden Handwerksgesellen.
Was half es, daß Anton sich an Sonntagen mit der schwarzen Turnerkrawatte auftat und goldene Fransen auf die Brust baumeln ließ? Herr Provisor Elfinger trug eine künstlermäßige Lavaliere, die unterm Adamsapfel einen beträchtlichen Knoten schlang und nach zwei Seiten ins Freie schweifte.
Und was konnte ein ehrlicher Schlosser in die Wagschale werfen gegen ihn, der alle wohlriechenden Wässerlein zu verschenken hatte und selber roch wie der Stöpsel einer Eau-de-Cologne-Flasche?
Es war nicht verwunderlich und es war nicht das erstemal, daß unscheinbare Tüchtigkeit vor dem glanzvollen Nichts zurückstehen mußte.