Briefe
an
Ludwig Tieck.
Ausgewählt und herausgegeben
von
Karl von Holtei.
Zweiter Band.
Breslau,
Verlag von Eduard Trewendt.
1864.
Inhalt des zweiten Bandes.
Hormayr, Joseph Freiherr von.
Geb. zu Innsbruck am 20ten Januar 1781, gestorben in München am 5ten Novemb. 1848, als Direktor des Reichsarchives. Fruchtbarer Schriftsteller: Der österreichische Plutarch, 20 Bd. (1807–20) — Taschen-Buch für vaterländ. Geschichte, 37 Bd. von ihm redigirt (1811–1848) — ebenso: Archiv für Geschichte, Statistik, Literatur und Kunst, 18 Bd. (1810–28) — Geschichtswerke über Tyrol — Geschichte der neueren Zeit. — Anemonen — &c.
I.
Schloß Raitz, am 15. August 1822.
Wohlgeborner Herr Hofrath!
Ich darf mir wohl kaum schmeicheln, daß Eurer Wohlgeboren mein Andenken und mein Name nicht schon längst aus dem Gedächtnisse entschwunden sein sollte, seit jenen Abenden des Spätsommers 1808, die ich bei meinem unvergeßlichen Freunde, Heinrich Collin und bei Ihrer Frau Schwester, Sophie von Knorring, damals Bernardi, sammt dem kurz zuvor in Wien angekommenen Friedrich Schlegel, mit Ihnen zuzubringen, die Ehre hatte. — Hätte sich doch das biedere, lebensfreudige Wien öfters Ihres Besuches erfreuen dürfen!
Seit dieser Zeit sind Sie im strengsten Sinne mein Wohlthäter, der Urheber meiner liebsten Genüsse, der Erfrischer eines, mit manchem widrigen Geschick, mit vielen Mühen und Gefahren ringenden Lebensmuthes gewesen. — In keiner wichtigen Unternehmung, noch in den himmelweit verschiedenen Studien kritischer Forschung, konnte ich Shakespeare und Tieck entbehren. — Das „nulla dies sine linea“ übte ich buchstäblich an der Genofeva, am Octavian, am Blaubart, am Phantasus — und der junge Freund, der Ihnen, verehrter Herr, diesen Brief überbringt, wiederholt es mir oft, daß er es mir als die größte Wohlthat verdanke, daß ich sein kräftiges, glühendes, aber etwas düsteres Gemüth, von seinem sechzehnten Jahre an, mit Ihren Werken erquickt und genährt habe, die ihm eine ganz neue Welt, einen in allen Farben und Tönen spielenden Zaubergarten der Romantik aufschlossen.
Dieses Briefes Überbringer ist der junge Graf Hugo von Salm-Reifferscheid, der einst seinem Großvater in der Fürstenwürde folgt, sich zum Staatsdienste vorbereitet, und bei großem Fleiße in seinen Berufsstudien, eine außerordentliche Liebe für redende und bildende Kunst hat, mein Schüler in der Historie und mittelbar wohl auch in manchen andern Dingen, da ich seinem Hause seit vielen Jahren in inniger Freundschaft verbunden bin. — Sein Vater, der als Berg- und Hüttenmann, als rationeller Landwirth und als Naturhistoriker bekannte Altgraf Hugo von Salm-Reifferscheid führt ihn und seinen zweiten Sohn Robert auf Reisen, vorerst in Ihr deutsches Florenz und nach Leipzig. — Wärmere Verehrer als diesen jungen Mann hatten Sie wohl nie in dem großen Kreise derer, die in Ihnen mit Recht einen der größten Dichter aller Zeiten und aller Nationen bewundern und lieben, und nichts erhebt so sehr, als jene freudige Begierde jugendlicher Gemüther: den Mann von Angesicht zu Angesicht zu schauen, dessen Thaten oder Werke ihr Herz oder ihre Einbildungskraft beschäftiget haben. — Nehmen Sie ihn freundlich auf.
Wie sehr freue auch ich mich, durch ihn Kunde zu erhalten von Ihrer Gesundheit, die leider öfters als leidend geschildert wird und von den Hoffnungen, die unsre Literatur auf Sie ihren festen Hort und in so Manchem einzig und unübertroffen, bauen darf? —
Sollten Sie in Wien Aufträge haben, (den großen Theil des Sommers verlebe ich auf dem Salm’schen Schlosse Raitz bei Brünn in Mähren) erlaube ich mir hier meine Addresse herzusetzen: Herrn Joseph Freiherrn von Hormayr zu Hortenburg, Ritter des Leopoldsordens, wirklichen Hofrath und Historiographen des kaiserlichen Hauses — zu Wien No. 747 Untere Bäckerstraße. — Es sei mir dagegen auch erlaubt, um Ihre Addresse und um den Namen jener Buchhandlung zu bitten, mit der Sie am füglichsten verkehren und durch die man Ihnen verläßlich Sendungen machen kann. — Mein historisches Taschenbuch dürfte Ihrer Aufmerksamkeit nicht ganz unwerth sein. — Seine drei Hauptrubriken: „Ahnentafeln,“ — „Burgen,“ — „Sagen und Legenden, Zeichen und Wunder“ sind das vorzüglichste Vehikel meiner Haupttendenz, der Popularisirung der Historie durch die redende und bildende Kunst und vorzugsweise Anwendung dieser Beiden auf vaterländische Gegenstände. — Die lezte Wiener Kunstausstellung gab wirklich schon Proben vorherrschenden nationalen Sinnes. Möchte er nur auch in die Balladen-Dichtung und in die Dramaturgie hinübergehen! — Mein nun schon im XIV. Jahre bestehendes Archiv für Historie, Staats- und Kriegskunst hatte jahrelang gleichfalls eine eigene Rubrik poetischer Stoffe aus der Vaterlandsgeschichte und lieferte über hundert solcher Balladen, worunter freilich auch nicht wenig Mittelmäßiges, aber viel Gutes und einiges Vortreffliche war. — Dürfte doch auch mein Journal oder mein Taschenbuch sich schmeicheln, mit Ihrem Namen prangen zu dürfen? — Ich würde stolz darauf sein und gewärtige nur, daß Sie mir die Bedingungen vorschrieben! Wer weiß wie Sie die Leyer der Sage zu rühren und bei aller historischen Tendenz ist doch ganz und gar kein Zwang weder in der Wahl des Gegenstandes, noch in der Behandlung.
Hocherfreut über diese Gelegenheit, meinen Namen wieder in Ihr Gedächtniß zurückzurufen, erneuere ich angelegentlich den Ausdruck tiefgefühlter Verehrung und Ergebenheit
Euerer Wohlgeborn
gehorsamster Diener
Frhr. v. Hormayr.
Sie vergeben einer langjährigen Augenschwäche, den Übelstand, Alles fremder Hand zu diktiren.
II.
Schloß Raitz, 27. Juni 1825.
Obgleich Ihre eigene Aussage, theuerster Freund, bekräftigt, daß Sie es mit Ihrer Correspondenz, selbst gegen gekrönte oder zu krönende Häupter eben nicht allzu gewissenhaft zu nehmen pflegen, erlaube ich mir doch, Ihnen eine Briefetikette vorzuschlagen, die Ihnen weder viel Zeit, noch viel Mühe kosten wird und von der Etikette des alten französischen Hofes erborgt ist, wo man bekanntlich, nur mit einem einzigen Wort auf alle Fragen antworten durfte. — Es sollte sie zwar auch in München ein Briefchen von mir ereilt haben, allein das thut nichts zur Sache. — Schreiben Sie mir nur gütigst wenige Buchstaben und wenige Ziffern auf die rückwärts stehenden Fragen, durch den Überbringer dieses. — Das ganze Salmische Haus grüßt Sie hochachtungsvoll und mit den allerbesten Wünschen. — Anschütz empfiehlt sich voll Dank und Verehrung Ihrem Gedächtniß.
Ganz der Ihrige
Hormayr.
I.
Haben Sie den gütigst übernommenen Brief und Paquet richtig zu behändigen Gelegenheit gehabt?
Nein.
Ja.
II.
Wie lange bleiben Sie in Dresden und wann gehen Sie nach Töplitz?
Datum.
III.
Wann ist es Zeit, gegen den Nachdruck Ihrer Werke, die gehörigen Schritte zu thun und Ihnen die diesfälligen Formulare zuzusenden?
Datum.
III.
Wien, am 20ten November 1826.
Wäre ich an Divinationsgabe nur einigermassen dem Pfarrer von S. Sulpice zu vergleichen, so würde ich aus der Stellung ihrer Beine und Knie augenblicklich errathen, daß es die Beine und Knie eines überaus geistreichen und liebenswürdigen Mannes sind, der aber zur Abbüßung schwerer Jugendsünden, ein heiliges Gelübde gethan hat, Niemandem eine Zeile Antwort zu geben.
Seit Sie Wien verließen, weis ich von Ihnen, zuerst durch einige höchst scharfblickende und liebevolle Zeilen des damaligen Kronprinzen, nunmehrigen Königs von Bayern, — dann brachte mir der Schauspieler Stein eine Karte, worauf zu meinem versteinernden Erstaunen sogar ihr Name und noch eine halbe Zeile eigenhändig standen, — zuletzt hat mir die liebenswürdige Sophie Müller recht umständliche, meiner Ungeduld halb und halb genügende Auskünfte von Ihnen, von Ihrem Befinden und von Ihrer Familie gegeben. Noch Näheres hoffe ich dieser Tage durch Grillparzer zu vernehmen.
Das Haus der Grafen Salm hat hieran den lebendigsten Antheil genommen. — So wie ich selbst die tiefere Bekanntschaft Ihres Genius, (denn ich lese alle Jahre alle Ihre Werke einmal ganz durch,) der Gräfin Salm verdanke, so wünschte die ganze Familie nichts sehnlicher, als Sie einmal zu längerem Sommeraufenthalt auf ihrem Schlosse Raitz bei Brünn zu besitzen. — Der älteste Sohn, Graf Hugo Salm, ist in Prag angestellt, Ihnen also recht nahe. — Er hat seiner Mutter zu ihrem letzten Geburtsfeste, von dem talentvollen Prager Maler Führich, der jetzt nach Rom geht, einen Cyklus aus Ihren Elfen componiren laßen, den ich unendlich zart und genialisch finde. — Von demselben Führich ist ein Cyklus aus Ihrer Genovefa, mir lieber, als alle Umrisse von Retzsch und Cornelius.
Sophie Müller erzählte mir, sie habe Ihnen bereits kundgegeben, wie mich Ihr „Dichterleben“ entzückte, wie ich durch ganz Wien, die Honneurs desselben gemacht, es den Leuten auf die Brust gesetzt und Mehreren, mit Gewalt vorgelesen habe. — Hier und in der Vorrede zu Heinrichs von Kleist dramaturgischem Nachlaß, fand ich meine eigenen Ansichten und Wünsche hinsichtlich der Nationalität der Tragödie und des historischen Drama siegend ausgesprochen. — Aber was soll ich Ihnen sagen von dem Krieg in den Cevennen, in dem ich beinahe jeden Tag wieder lese und über die einzelnen Partien desselben recht eigentliche Studien mache? — In unserer deutschen Literatur hat dieses Meisterwerk nicht seines Gleichen und ich zweifle sehr, ob in irgend einer andern? Da ich selbst den Tyrolerkrieg von 1809 geleitet habe und den Gebirgskrieg und den Volkskrieg genau kenne, mögen Sie auch die Steigerung des Eindruckes ermessen, den die ungeheure, psychologische Wahrheit, die grandiose Anordnung des Ganzen, die präcise Charakteristik, die hohe Ruhe in der beständigen Unruhe, das Unbewegliche im ewig Beweglichen, auf mich gemacht haben. — Ich weiß diesen Eindruck mit Nichts zu vergleichen, seit langen Jahren in unserer wahrlich verhängnißreichen Zeit.
Aber um des Himmelswillen, wie haben Sie es über sich vermocht, den ersten Theil allein herauszugeben. — Das heißt, die Leute bei den Haaren aufhängen und die Schwachen mit aller Gewalt irre machen. — Solche Reitze vertragen wenige, ohne endliche Befriedigung.
Ist aber doch ernstliche Hoffnung, daß der zweite Theil bald nachfolge? daß er nicht ad Calendas Graecas hinausgeschoben werde? — Was Sie bereits gegeben haben, ist so bewundernswürdig, so zart und zugleich so groß, daß Sie die Gesundheit und die Nerven aller echten und rechten Leser zu verantworten haben und daß Sie meinen Kindern dafür responsabel sind, wenn auch über mich in allem Ernst der Geist des Herrn kömmt und ich mich auf ein Haar so gebärde wie der lange, blöde Michel! — Was nur unser dicker Friedrich Schlegel dazu sagen wird? Ich denke, er macht eine bedenkliche Miene, darauf einen schlechten Witz und ärgert sich zuletzt, daß nichts anders heute Abends zum Souper kommen soll! So ist in der That sehr zu beklagen, daß ein solches Talent so endigt! daß es in all den mystischen Grimassen nicht einmal de bonne foi ist und daß ihm diese mühsame Hypokrisie noch obendrein schlecht genug bezahlt wird, ja, daß er gar keine Partei für sich hat, außer einige Mönche, einige junge Leute, die er noch ins Narrenhaus bringen wird und eine Dame, die er, wie die Leute sagen, auszieht, was ich eben nicht glauben will, die aber eine boshafte Thörin ist.
In der That, wenn Sie auch dem Gelübde nicht abtrünnig werden können noch wollen, Niemandem eine Zeile zu antworten, so könnten Sie mich doch durch dritte Hand wissen laßen, bis wann Hoffnung ist, daß der zweite Theil erscheinen werde? — In den Almanachen, die mir bisher unter die Hände kamen, suchte ich vergebens nach einer Novelle von Ihnen, weiß auch kein Wort, was wir sonst hoffen dürfen? und wie es mit der Herausgabe Ihrer sämmtlichen Werke stehe?
Das Theater macht Ihnen wohl noch hübsch viel Galle? — Das ist nun einmal nicht anders. — Die Wiener und Berliner Direktionen wetteifern darin mit einander, das Problem zu lösen, wie man mit einem Verein der ausgezeichnetsten Kräfte so wenig als möglich leisten könne? — Die Censur gibt den Herren freilich leider manche Entschuldigung an die Hand, allein nichts destoweniger könnten sie weit mehr thun, als sie wirklich leisten. — Anschütz bezeigte Ihnen seine tiefe Verehrung. Das ist doch noch ein Mensch, mit dem es eine Freude ist, von Ihnen und von Ihren Werken zu sprechen und der eben so die Alten, wie den Shakespeare in der Ursprache zu lesen vermag. —
Genehmigen Sie mit gewohnter Güte den erneuerten Ausdruck der wärmsten Theilnahme des Salmischen Hauses und meiner unwandelbaren Bewunderung und Anhänglichkeit.
Ganz der Ihrige
Hormayr.
Meine Addresse ist: Nr. 707 am alten Fleischmarkt, dieselbe Wohnung, wo wir so glücklich waren, Sie zu sehen.
IV.
Wien, am 27. September 1827.
Ich benütze sehr gerne die Gelegenheit einer, die Dresdner Gallerie besuchenden Künstlerin Therese Eisl, Wittwe eines im Fache der Archäologie und der rationellen Landwirthschaft verdienten Schriftstellers, um Ihnen, verehrungswürdigster Freund! ein Zeichen des Lebens zu übersenden und die hochachtungsvollsten, freudig erneuerten Grüße von mir und von der gräflich Salm’schen Familie, die wir uns Alle in gleichem Maße der Anbetung nach Ihrem Wiedersehen sehnen, aber auch die bittern Vorwürfe des gesammten Deutschlandes theilen, über das nicht genug zu beklagende lange Ausbleiben des IIten Theiles Ihres unübertrefflichen Aufruhrs in den Cevennen. — Das heißt doch wirklich dem Publikum mehr aufladen, als es zu tragen vermag — und was wäre das für ein Publikum, das diese, je wildere, desto heiligere Ungeduld, nicht aus ganzer Seele theilte!?
Ranke hat mir Ihre theuren Zeilen übergeben, — ich hoffe, ihm nützlich gewesen zu seyn, ich hoffe auch, daß er alle seine Zwecke gloriös erreichen wird.
Es freut mich unendlich, daß Raumer mit meiner Anzeige seiner Hohenstauffen zufrieden ist. — Es ist jetzt in der deutschen Journalistik ein, nicht genug zu bekämpfender, abscheulicher Ton: nachsichtig gegen das Schlechte und Gemeine, verwöhnend gütig gegen das Mittelmäßige, aber unerbittlich gegen alles Gute und Treffliche.
Scheuten Sie nur das Clima nicht so sehr, Sie hätten müssen nach München gehen, wo so viele Schätze altdeutscher Dichtkunst, wo das Theater einer so kolossalen Reform bedarf und der König ein so feuriger Bewunderer von Ihnen ist.
Hochachtungsvoll umarmt Sie tausendmal
Ganz der Ihrige
Hormayr.
V.
München, den 21. Februar 1828.
Seit den letzten Dezembertagen befinde ich mich in München, in archivarischen Forschungen, sowohl um die Vorarbeiten zu meinem großen Werk über die vorzugsweise romantische Heldendynastie der Babenberger zu vollenden, als auch, nach dem Wunsch und nach dem Rufe des Königs, eine Geschichte Bayerns bis zum westphälischen Frieden zu schreiben. — Wie diese Arbeiten auch immer ausfallen mögen, bleibt es doch gewiß ein großer Gewinn für die Historie des ganzen südlichen und mittleren Deutschlands, daß ich, der die österreichischen, böhmischen und ungarischen Archive reorganisirte, und daher genau kennt, auch noch zu dem Überblick der bayerischen und fränkischen und zum Theil der schwäbischen komme. Beynebens trachte ich eifrig jene chinesische Mauer zwischen dem österreichischen und deutschen Buchhandel hie und da einzureissen, in der sichern Überzeugung, daß die Geschichte der süddeutschen Länder durchaus nicht isolirt, sondern nur im strengen Zusammenhang mit glücklichem Erfolge behandelt werden könne. — Ich schmeichle mir auch, neues Leben in die hiesigen archivarischen Forschungen gebracht zu haben, da die historische Klasse der Akademie, ganz uneingedenk ihres alten Ruhmes, den Aufschwung des Königreichs nicht getheilt, sondern die letzten 25 Jahre in einem förmlichen Winterschlaf zugebracht hatte.
Professor Rauch aus Berlin ist gestern wieder dahin zurückgekehrt, nachdem er die Vorbereitungen zum künftigen Gusse seines sitzenden Bildes des verstorbenen Königs angeordnet hatte. Ich freute mich innig, Rauch so enge Ihrem geistreichen Bruder verbunden zu wissen. Er war erstaunt über die hiesigen Kunstschätze, sowohl aus dem griechischen und römischen Alterthum, als auch in der altitalienischen und altdeutschen Malerey, nicht minder über die Kunstschule, die sich hier bildet unter Cornelius, Julius Schnorr und Heinrich Heß. — Wer München vor 20 Jahren gesehen hat, kann es unmöglich wieder erkennen. Es ist nicht allein eine ganz neue Stadt geworden, sondern auch eine Masse von Kenntnissen, Streiflichtern und heller Tagsbeleuchtung, die nur noch wenige Zuckungen und Nebel der altbayerischen Schlagschatten zu überwinden haben. — Als 1799 König Max Joseph die Regierung antrat, wollte Niemand der Königin protestantischen Hofprediger Schmidt in eine Wohnung aufnehmen, und man war gezwungen, ihm bey Hof Quartier zu geben. — Wie ganz und gar ist darin Alles umgestaltet und Alles anders — und in noch wie vielen andern Dingen?! — Mit Unrecht würde man den König einer katholischen Einseitigkeit beschuldigen. Er hat sich vielmehr stark und entschieden gegen die Jesuiten und gegen die Kongregation ausgesprochen, und wacht strenge über die Gleichheit der Rechte beyder Religionspartheyen. — Was etwa in dieser Hinsicht früher zuviel geschehen ist, das hat die Wohldienerey dieses und jenen Werkzeugs verschuldet, das der König, so wie er es gewahr wurde, ernstlich gerügt und abgewiesen hat. — In 10 Jahren hat München gewiß ein unerwartet großes, intellectuelles und künstlerisches Übergewicht, zumal je verblendeter und ärger Zensur und Geistesdruck ostwärts ihr lichtscheues Wesen treiben.
Witt-Döring, den ich übrigens gar nicht gesehen oder begegnet, desto mehr aber von ihm gehört, wollte seine (von Osten wie von Nordost her) inspirirte Jakobiner- und Demagogen-Riecherey auch in München fortsetzen, wo er binnen 7 Tagen Alles durcheinander hetzte und verwirrte, ein unglückliches Duell veranlaßte, und zum Federführer der Hoch-Torys gerufen schien. — Der König hat ihn fortgejagt — und wahrlich, die Epoche der jetzigen Ständeversammlung bedurfte keines neuen Brandlegers. — Zugleich erschien in mehreren öffentlichen Blättern ein, hier mit allgemeinem Beifall gelesener Aufsatz über Witts niedrige Ausfälle und unaufhörliche Denuntiationen wider mehrere geehrte deutsche Dichternamen. Ich schicke denselben als ein pikantes Novissimum.
Schenks Belisar hat ja in Weimar sehr viel Glück gemacht? — Ich höre Adam Müller spitze gewaltig die Feder zu jesuitischer Polemik? — Daß doch die Leute geschwiegen haben, wo sie hätten reden sollen, und nun reden, wo sie lieber schweigen sollten. — Es ist nichts hübscher, als die Frau seines Gastfreundes zu entführen, zu heirathen, dabey hyperkatholisch zu seyn, und Bonald über die Unauflösbarkeit der katholischen Ehen, im Geiste des Trientner Conciliums zu übersetzen. — Wellingtons und Huskissons Erklärungen sind ein neuer Beweis, wie eitel die Hoffnung sey, die Welt rückwärts zu drehen.
Die Familie Salm empfiehlt sich hochachtungsvoll Ihrem Andenken, und hofft, Sie doch einmal wieder in Wien oder in den böhmischen Bädern oder bey sich auf dem Schlosse Raitz zu begrüssen.
Ist denn um Gotteswillen gar keine Hoffnung auf die Fortsetzung der Cevennen? — War Raumer zufrieden mit Paris?
Mein brüderlicher Freund Schenk war entzückt über Ihre Bemerkungen zum Belisar. — Solche Reflexionen müssen es freilich seyn, um nur einigermassen zu trösten über die erbärmliche Gehaltlosigkeit fast aller mimischen und dramaturgischen Critiken. —
Der König Ludwig gedenkt Ihrer stets mit dem ausgezeichnetsten Wohlwollen. Ich umarme Sie herzlichst mit der innigsten Verehrung und mit der alten freundschaftlichen Ergebenheit.
Ganz der Ihrige
Hormayr.
VI.
München, am 15. Oktober 1830.
Nur um wenige Minuten, mein unvergeßlicher, theurer Freund, habe ich Sie bey Ihrer Abreise von München verfehlt und wie ich höre, ist es der Frau Ministerin von Schenk in Regensburg auch nicht viel besser ergangen. — Mit mir gab es aber noch einen komischen Zufall. Ich fuhr Ihnen auf der Stelle nach in die Schleißheimer Allee, in der Gewißheit, Sie noch einzuholen und Ihnen noch einmal zum Abschiede die Hand zu drücken. Auch erreichte ich glücklich binnen einer halben Viertelstunde einen Wagen, der nach der Beschreibung dem Ihrigen glich, aber um des Regens willen ganz zugeknöpft war, sprang aus, hielt den Wagen an und bat, das Leder aufzuknüpfen, weil ich mich noch gerne von Ihnen beurlauben wolle; statt dessen aber sah gar bald ein kupferrothes und grimmiges Gesicht zum Wagen heraus, versichernd, der Inhaber dieser Schnautze sey kein Hofrath Tieck, sondern ein Bierbräuer von Erding, der es mir keineswegs gut aufnahm, daß ich ihn aufgehalten hatte. — Ich fuhr also voll Ärger unverrichteter Dinge wieder zurück und drücke Ihnen jetzt noch einmal meine Freude aus, Sie so wohl und so heiter gesehen und von Ihnen selbst die langersehnte, ernstliche Fortsetzung der Cevennen erhalten zu haben. — Jetzt ist wohl auch Raumer glücklich bei Ihnen angekommen, den ich tausendmal umarme. — Er möge sich den Kronprinzen von Bayern, den ich voriges Jahr in der Historie unterrichtete, beßtens empfohlen seyn lassen und ihn so oft als möglich sehen. — Der schöne und hoffnungsvolle junge Herr hegt eine ungemeine Vorliebe für Geschichte und Dramaturgie. — Welcher Umgang sollte ihm daher lieber seyn, als Raumers? — Dieser erwirbt sich dadurch ein großes Verdienst, nicht nur um den liebenswürdigen Prinzen, um Preußen und Bayern, die sich nie enge genug verbinden können, sondern auch um ganz Deutschland. — Sootzmann wird ihm einen Brief von mir übergeben. Ich weiß es längst, daß man eher vom Fürsten Metternich einen liberalen Rathschlag, als von Ihnen einen Brief herauszwingt, doch könnten Sie irgend einem fahrenden Schüler auftragen, Ihre Gesinnung mit ein Paar Worten hinzuschreiben und alsdann blos Ihren Namen darunter setzen? — Die Fortsetzung des Dichterlebens war mir ein hoher Genuß und in den Wundersichtigen mußte ich mich unwillkürlich an die Erscheinung der heiligen Cäcilia und an die übrigen Mirakel erinnern, die Friedrich Schlegel und seine Jünger, der Gräfin L. und andern, in der Jugend liederlichen, im Alter devoten Wiener Damen gewirkt haben. Es ist nöthig, solche Thorheiten der Zeit zu geißeln. Sie hängen nur allzugerne den Mantel der Hypocrisie um, — und gewinnen in Berlin immermehr Boden. — Ich fürchte sehr den Einfluß A’s. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Doch sein Genius wird ihn wohl davor bewahren, wie er auch seinen Vater bewahrt hat. — Tausend Glück und Seegen! Rufen Sie mich doch Ihrer Fräulein Tochter und der Frau Gräfin von Finkenstein in geneigtes Andenken zurück. Ich umarme Sie von ganzem Herzen!
Ganz der Ihrige
Hormayr.
VII.
Hannover, am 10. May 1833.
Seit langer Zeit, verehrter Herr und theuerster Freund, haben Sie Nichts von mir gehört, — Ich (wie übrigens gewöhnlich,) noch weniger von Ihnen. Inzwischen sind meine Bewunderung und meine Liebe für Sie stets dieselben geblieben, und nie vermag ich an Sie zu denken, ohne die innigsten Wünsche für Ihr Wohlergehen und für die dem gesammten deutschen Volke wichtige Heiterkeit und Fruchtbarkeit Ihres Geistes. — Wie ergeht es mir denn mit Raumer, den ich doch stets so sehr geachtet und gegen alle Angriffe rüstig vertheidiget hatte? — Ich bekomme auf keinen Brief mehr Antwort und weiß mir dieses in keiner Art zu erklären. — Leider sah ich Raumer in Göttingen kaum eine Viertelstunde, als er eben nach Cassel abfuhr. — Dringen Sie ihm doch ein wenig auf’s Gewissen.
Diese Zeilen haben übrigens einen höchst interessirten Anlaß, — nämlich Ihnen eine überaus werthe Freundin dringendst zu empfehlen, die (überhaupt sehr geistreich und liebenswürdig) an Begeisterung für Tieck’s Muse mit mir wetteifert und viele seiner Meisterwerke, insonderheit den, trotz aller Versprechungen noch immer nicht fortgesetzten Aufruhr in den Cevennen, aus meinem Munde gehört hat. — Es ist die Bankierswittwe Madam Philipp aus Hannover mit ihren trefflichen Töchtern. Sie ist die Schwester des um das Königliche Haus sehr verdienten Münchner Hofbanquiers und Ritters der bayerischen Krone Baron Eichthal, der sich jetzt wegen der griechischen Anleihe bald in London, bald in Paris befindet. — Sie besucht ihre Familie in Prag, München, Augsburg, St. Blasien auf dem Schwarzwald und kehrt dann wieder nach Hannover zurück. — Ludwig Tieck von Angesicht zu Angesicht zu sehen, gehört zu den lange gehegten Herzenswünschen dieser drei hochgebildeten und interessanten Damen. — Von Ihnen, theuerer Freund, bin ich der gütigsten Aufnahme dieser meiner intimen Freunde gewiß, die mir den Anbeginn meiner Mission in Hannover hindurch ein unentbehrliches und unschätzbares Kleinod gewesen sind. — Etwas shakespearisiren müssen Sie mit ihnen. Es ist bei Gott gut angewendet und ich sehne mich, einmal wieder von Augenzeugen Nachrichten und ipsissima, suprema verba von Ihnen zu hören.
Ihre neuesten Novellen haben mich wie immer sehr angesprochen. Aber dennoch ist mein Wunsch nur um so heftiger, Ihre riesige Kraft wieder einmal an einem grossen und Ihrer würdigen Gegenstande bewährt zu sehen, vor Allem in der Beendigung des Aufruhrs in den Cevennen! Die poetischen Gassenjungen und Zwerge dürfen nicht glauben, Tieck habe die Kraft verlassen, den Zauberknoten zu lösen, den er geschürzt. — Sehr wünschte ich, meine nun schon 30 Jahre bestehenden, historischen Taschenbücher und ihre stehenden Rubriken: Sagen und Legenden, — Ahnentafeln und Burgen wären Ihnen zur Hand und werth, Ihnen interessante Novellenstoffe zu bieten? — Fast sollte ich es meinen.
Genehmigen Sie den erneuerten Ausdruck jener aufrichtigen Bewunderung, treuen Anhänglichkeit und Liebe, mit welchen unaufhörlich beharret
Ganz auf ewig Ihr alter,
treuester Verehrer
Hormayr.
VIII.
München, am 3. Juli 1845.
Ich erlaube Mir, Hochwohlgeborner Herr Geheimerrath, und seit so lange Hochverehrter Freund, zwei geringe Andenken zu überreichen an unsern seit vierzig Jahren, seit der großen antibonapartischen Rüstung 1808 in Wien, in so edelm Beisein, wie der Frau von Staël-Necker, der Nyß, der Frau von Knorring, der beiden Brüder Schlegel, so vieler jenseits der Alpen, der Apenninen und der Pyrenäen des Fremdlingsjoches Ungeduldigen, so vieler edeln, rachedurstigen Preußen, wie Rühle, Grollmann, Pfuel, Marwitz, Kleist, Arnim, Valentini u. v. A. geschlossenen Freundschaftsbund. — 1825, zehn Jahre nachdem die Welt in Frieden und doch nirgend ein rechter Friede war, erneute sich dieser schöne Bund abermal in Wien, in dem herrlichen Hause Salm. Ich kann wohl sagen, daß die unvergleichliche Fürstin Salm 1815|1825 meine Erziehung (freilich etwas spät), gleichwohl aber mächtig vollendet hat, bloß durch die Lesung und das Durchstudiren Ihrer sämmtlichen Werke, aus denen insonderheit Genovefa den unauslöschlichsten Eindruck auf mich gemacht und mehrere Meisterwerke der Historienmalerei durch Führich, Fendi, Ruß und Petter hervorgerufen hat.
Sie erhalten hieneben die göttlichen Burgen des Tyrolischen Etschthales und meine, der erwünschten (alle österreichischen, fatalistischen Mißgeschicke entfernenden) Vermählungsfeier des Kronprinzen Maximilian geweihte goldne Chronik von Hohenschwangau, der Burg der Welfen, der Hohenstaufen und der Schyren-Wittelsbacher. — Nehmen Sie die geringe Gabe freundlich auf. — Der Himmel erhalte Sie für späte Zeiten, in denen Ihr üppig reicher Ruhmeskranz unverwelklich fortblühen wird. — Ihr Genius hat auch auf alle werthvollen Schöpfungen meiner mehr als fünfzigjährigen und auf anderthalbhundert Bände betragenden Laufbahn den entscheidendsten und wohlthätigsten Einfluß geübt. — Ich lege hier ein Verzeichniß derselben bei, wovon ich Sie, edelster Freund, bitte, auch an den wahrhaft großen Alexander Humboldt, auch an Raumer, — Waagen, von der Hagen, Abdrücke gelangen zu lassen, die Ihnen vielleicht nicht unwillkommen und die längst von mehreren Gelehrten-Lexicis, von den Pariser Schmierern der biographies des contemporains, der gallerie des hommes illustres etc. verlangt worden sind: — eine wahrhafte Satyre auf das Horazische: — multum non multa! — Indessen, wo es sich um Entdeckung und Veröffentlichung überreicher Materialien handelt, und um deren kritische Sichtung, immer noch zu rechtfertigen! — Die in Berlin erfahrene, außerordentliche Nachsicht und Güte, (worin freilich Sie mit dem liebenswürdigsten und unvergeßlichsten Beispiele vorangingen), hat in mir den festen Entschluß erweckt, jedes Jahr gegen Ende Mai, — vier bis sechs Wochen dem Besuche Berlins zu widmen. — Meine Frau dankt mit mir Ihnen und der edeln Frau Gräfinn von Finkenstein mit der innigsten Rührung und an die vielen schönen Stunden, namentlich an Romeo und Julie, das ihre gespanntesten Erwartungen noch weit übertraf, immer und ewig gedenkend.
Der Himmel erhalte uns in Ihnen lange noch eine der edelsten Zierden des deutschen Gesammtvaterlandes und der europäischen Dichterwelt. —
Mit ungemeiner Hochachtung und treuester Ergebenheit
Ew. Hochwohlgeboren
ganz der Ihrigste
Hormayr.
Humboldt, Alexander Freiherr v.
Mit zwei Ausnahmen vom 10. und 25. Juni 1846 und vom 10. Mai 1848 entbehren sämmtliche durch Tieck aufbewahrte Humboldt’sche Briefchen und Billete die Angabe einer Jahreszahl. Dieselben mit Bestimmtheit chronologisch zu ordnen, dünkte uns unmöglich, weil bei jedesmaligem Prüfen und Vergleichen des Inhalts immer einzelne Widersprüche hervortraten. Wir sind, um unsrerseits keinen Fehlgriff zu thun, endlich bei der Reihenfolge stehen geblieben, in welcher Tieck sie hintereinander zusammengeheftet seiner Sammlung einverleibt hatte, obgleich diese Anordnung kaum richtig sein kann, wie sich beim Lesen ergiebt.
Was den Inhalt anlangt, so mußte Mancherlei weggestrichen werden. Es ist wohl noch Einiges stehen geblieben, und läßt sich Anderes aus den Lücken halb und halb errathen, was sich mit dem edlen Charakter des großen Mannes nicht gut verträgt. Doch war darauf um so weniger Bedacht zu nehmen, nachdem bereits ungleich schlimmere kleine Perfidieen weltkundig geworden. Auch hegen wir die feste Überzeugung, daß jene oft verletzenden Worte, welche hier und da Humboldts Munde und Feder entschlüpften, niemals aus seinem Herzen kamen, sondern lediglich einer, allerdings nicht löblichen, Angewohnheit entsprangen. Er vermochte nicht, was ihm gerade Witziges, Spöttelndes einfiel, zu unterdrücken, ob es auch boshaft war. Diese Schwäche hat ihm den Ruf der Falschheit zugezogen, den er darum doch nicht verdient.
Räthselhaft bleibt es immer, wie zwei Brüder, die sich so nahe standen, die sich so innig geliebt und geachtet, dabei so verschieden sein konnten. Wilhelm, der Diplomat, der Staatsmann, dessen Laufbahn recht eigentlich durch alle Irrgewinde der Kabinets-Intrigue und unerläßlichen Verstellungskünste geführt, wird von Allen, die jemals mit ihm in Berührung kamen, als ein Muster aufrichtigster, geradester Wahrheitsliebe verehrt; als ein Edelstein vom reinsten Wasser; als ein Gelehrter, dessen Äußerungen, Silbe für Silbe, die Goldprobe bestanden.
Alexander, den sein selbst erwählter Lebensweg über Steppen und Prairieen, über himmelhohe Berghöhen und unermeßliche Meere, durch Urwälder und Palmenhaine geleitet; der ein langes Menschenalter an die Natur und deren Erforschung gesetzt; der bis zum Tode Freiheit und Wahrheit predigte; der rothe Revolutionaire als seine „theuren Freunde“ zu bezeichnen keinen Anstand nahm; — Er gilt für falsch, und seinen fast schmeichlerischen Artigkeiten ließ sich durchaus nicht ablauschen, ob ihnen nicht, wenn sie in’s Gesicht ausgesprochen waren, hinter dem Rücken bitterer Hohn folgen dürfte? Wie wenig würde, was er auch hinter Tiecks Rücken von diesem gesprochen, übereinstimmen mit den Versicherungen, die er ihm hier so freigebig ertheilt!
Wodurch lassen sich solche Kontraste erklären?
I.
Potsdam, 10. Juni 1846.
Ich eile Ihnen, zu melden mein edler Freund, daß ich im Auftrag des Königs, (ich muß hinzusezen der Königinn, die vor Ihrer Abreise am 15. Juli noch gern Sich Ihrer Nähe zu erfreuen wünscht), 2 Conferenzen mit dem Schloßbaumeister H. gehabt, auch vor wenigen Stunden alle Zimmer Ihrer Wohnung unter Leitung der weinerlichen, allen Maurern und Staubmenschen feindlichen Hausfrau inspicirt habe. Es ist schlechterdings nichts im Inneren berührt worden, bloß in ihrem Schlafgemach ist die Wand übermalt: ich rathe daher vielleicht: in der ähnlichen Kammer rechts wo Schränke standen zu schlafen. Der Schloßbaumeister H. wünscht, daß Sie in 10, die Frau Kastellanin (item Hausfrau), daß Sie in 14 Tagen von heute an kommen. Die Meubles werden alle bis dahin hereingebracht, Graf Keller, der einen herzlichen Antheil an Ihrer Rückkehr nimmt, hat in meiner Gegenwart die nöthigen Befehle an den Hofstaatssecretär wegen der Meubles gegeben. Die Gerüste werden Sie abgerissen finden. Die Communication mit dem heidnischen Tempelsitze wird erst im Spätherbst hergestellt. Das Parquettiren der scheußlichen Fußböden scheint mir nothwendiger als die Dorischen canellirten Säulen, die man dem Hause gegeben. Povera e nuda va la Filosofia sagen wir beide, aber auch
Mit alter Verehrung
Ihr
A. v. Humboldt.
Die Königin von Sachsen kommt mit Carus in den lezten Tagen des Monats. Der Gemal holt sie ab, die Baiern werden auch wohl sich entfernen, nicht so die holländischen Medusenhäupter.
II.
Potsdam, den 25. Juni 1846.
Der König und besonders auch die Königin sehen nach Ihren Fenstern und betrüben sich. Beide möchten dem Sächsischen Hofe (Könige reisen vermummt, fast eisig verpuppt..) zeigen, daß wir stolz sind, Sie zu besizen. Geben Sie, theurer Freund, der Bitte aber nur nach, wenn Sie gewiß sind, daß die Reise Ihnen nicht schade.
Mit alter Verehrung
Ihr
A. v. Humboldt.
III.
B., Donnerstags.
Wie sehr bedaure ich, daß Sie mich, verehrter Freund, gestern in meiner transatlantischen Wohnung verfehlt haben. Diese Zeilen enthalten eine Bitte: schenken Sie einige Augenblicke einem sehr talentvollen jungen Manne, 21 Jahre alt, Übersezer eines wunderbar nüchternen allegorischen indischen Dramas, das man zur Erholung nach dem Saul und David aufführen könnte. Der junge Mann heißt Goldstücker und will in Paris über indische Philosophie arbeiten.
Mit alter Verehrung
Ihr
A. v. Humboldt.
IV.
Donnerstags.
Erlauben Sie, theurer Freund und College, daß ich Ihrem Schuze einen sehr angenehmen jungen spanischen Litteraten, Enrique Gil empfehle, der mir freundliche Briefe von dem Dichter — Präsidenten und Minister Martinez de la Rosa gebracht. Herr Gil ist Legations-Secretär, aber hier bloß mit commerciellen und Zollsachen, nicht mit Diplomatie beschäftigt. Ich komme vor meiner nicht sehr nahen Abreise gewiß Sie, verehrter Freund, noch eingesponnen in Ihrer Winterheimath zu umarmen und der liebenswürdigen Gräfin meine herzliche Verehrung zu bezeigen.
Ihr
A. v. Humboldt.
V.
Sonntag.
Hier die wunderbare Neugier der Frau von Woltmann über die generatio spontanea p. 169, über Göthe p. 36, Planetenbildung p. 116, Eva p. 160 und Concentration im Christenthum! Malebranche ahndete die Natur-Philosophie, wenn er sagte: toute philosophie nait de ce que nous avons l’esprit curieux et la vue courte.
Ich lege Ihnen bei: in der Staats-Zeitung ein Umlaufschreiben von Mnr. Rochow, der die Physiognomie des Staats zu ergründen hofft, eine Redaction voll litterarischer Prätension, wie man sie wohl kaum je gesehen im Polizei-Amte!
Grimms Brief geben Sie mir, theurer hochverehrter Freund, bei Tische wieder, um den teutschen König zu heilen.
Ihr
A. v. Humboldt.
VI.
Potsdam, Sonnabend.
Ich werde, mein theurer edler Freund, mir eine Freude daraus machen, dem Könige das romantische Drama des Herrn Eckardt selbst zu überreichen. Lieber würde Er es gewiß aus Ihrer Hand empfangen haben, wenn leider Ihr Unwohlsein Sie izt nicht von dem „historischen Hügel“ entfernt hielte. Der Dichter nennt das Publikum eine „geistreiche und gesellige Dame.“ Als solche zeigt es sich weniger, nördlich vom Thüringer Waldgebirge. Ich glaube mehr an einen geistreichen jedem geistigen Bestreben holden König. Mit alter Verehrung und Herzlichkeit
Ihr
Al. Humboldt.
VII.
Donnerstag.
Hier, mein liber, haben Sie einige leere Phrasen wie man sie selbst deutsch schreiben kann.
Der König hat den Johanniter Ritter ser freundlich, lächelnd aufgenommen. „Wenn es Tiek gern sit, so thue ich es wohl, Sie mussen es im aber allein noch sagen.“
Da mich die Eckardtsche Schreibart etwas genirt, so sage ich in gewöhnlich christlicher Weise, daß König und Königin unbändige Freude über Ihre so schön fortschreitende Besserung geäußert haben. Da ich es sehr nöthig halte, den König an den Ritter zu erinnern, und zwar schriftlich, so bitte ich Sie mir schreiben zu lassen: ob er nicht ein Bären-Kammerherr (nach Bettina, eine heraldische Bestie) von Anhalt-Dessau ist, ob Sie wissen wer der Vater sei oder war? Solche Probleme sind zu lösen, wenn man nicht das Glük hat, ein Ulahnen-Lieutenant von der Garde zu sein und nur altenglisches Schauspiel kennt. Die Albernheiten des Lebens bannt kein königlicher Geist.
Ihr
A. v. Humboldt.
VIII.
Freitags, Oranienburger Str. Nr. 67.
Ob Sie, Verehrter Freund, mir gleich nichts über den Vater unseres Bülow in Dresden geschrieben haben (eine Auskunft, die der König wünschte) so freut es mich doch unendlich, Ihnen zu sagen, was Sie vielleicht auf anderen Wegen bereits erfahren haben, daß Herrn von Bülows Ernennung zum Johanniter-Ritter ganz gewiß ist. Der König hat mir aber befohlen, den G. C. R. Müller daran zu erinnern, was ich auch schriftlich gethan. Ich muß Sie aber nun bitten, mir recht bald zu schreiben wegen der Bezeichnung:
1) wie sein Vornahme ist?
2) ob er Herz. Anhalt-Dessauer Kammerherr ist?
Mit alter Verehrung
Ihr
A. v. Humboldt.
IX.
Potsdam, 16t. Oct.
Ich habe vorgestern (14ten) mit tiefer Rührung theurer Freund, Ihren liebenswürdigen Brief erhalten und die Einlage am 15t. Morgens sogleich dem König eigenhändig im Marmorsaal übergeben. Der Brief ist hastig in meiner Gegenwart erbrochen und von beiden Majestäten mit dem lebhaftesten Ausdruck schmerzlicher Theilnahme gelesen worden. Von der herzlichen Zuneigung beider brauche ich Ihnen nichts zu sagen, es ist mehr als die Huldigung eines Geistes, der groß und wohlthätig auf sein Zeitalter gewirkt, es ist bei König und Königin das unverbrüchlichste unwandelbarste Anerkenntniß der Anmuth der Sitten, der tiefen Achtung des Charakters, der Zartheit der Gefühle, welche sich durch Gebehrde und Stimme verkündigen. Herrn Altmann aus der Ferne des Hallischen Thores und den violett-sammtnen brieflosen Herrn Eckardt, der laut der Vorrede sich das Publikum als den „Salon einer geistreichen Dame“ denkt, vergesse ich auch nicht. Was mich aber neben dem so rein menschlichen Antheil des Königs und der Königin an Ihren Leiden im innersten bewegt sind die erhebenden, freundlichen Worte, die Sie an mich richten. Wie soll ich meinen Dank dafür aussprechen: er ist enthalten in den wärmsten Wünschen, die ich zum Himmel schicke. Meine feste Hofnung ist Ihre herrliche kräftige Constitution.
A. Hdt.
Meine Verehrung der vortreflichen Gräfin. In Eile.
X.
Sonnabend früh.
Sie müssen nicht glauben, mein edler Freund, daß ich Sie verrätherisch in Sanssouci verlassen habe: ich werde vor meiner sehr ungewissen Abreise nach der großen Babel, wo die „Herrenkammer“ mordet und sticht, Sie gewiß noch umarmen. Eine plötzliche sehr heftige Erkältung und der große Camin mit Flammfeuer in den „Neuen Kammern“ hat mich plötzlich hineingejagt, um mich hier besser zu pflegen und meinen lezten Bogen, der angekommen ist, selbst noch zu corrigiren — eine Tugend, die dem industriellen Weltgeiste sehr gleichgültig ist.
Diese Zeilen werden Ihnen von einem jungen Officier gebracht, den dieser Weltgeist so wenig ergriffen, daß er, bei einem gewiß viel Hofnung erregenden, dichterischen Talente, ganz würdig ist, Ihnen vorgestellt zu werden. Herr B. von L., verwandt mit dem Adjutanten des Pr. Heinrich in Rom, soll Ihnen, (darum flehe ich) eine Ode über das Weltall selbst vorlesen, die er mir zu meinem Geburtstag (14. Sept.) geschenkt. Die großen und einfachen Formen seiner Dichtung haben etwas sehr anziehendes. Ich hatte den jungen Mann, der schon in Sicilien an Platens Grabe stand, nie vorher gesehen und ich kann das Lob, das er mir gespendet ihm nicht schöner und wohlthuender remuneriren, als wenn ich ihm freundliche Aufnahme und Rath bei Ihnen verschaffe.
Empfangen Sie und die liebenswürdige Gräfinn, die erneuerte Versicherung meiner Verehrung und unverbrüchlichen Dankgefühle
Ihr
A. v. Humboldt.
Ich denke den König noch zu erwarten.
XI.
Sonnabend.
Ich komme, mein theurer Freund, wie ich versprach um von Ihnen Abschied zu nehmen. Ich reise morgen oder übermorgen nach der ewigen Babel nicht über Weimar, wo die Sphinxe am Wege liegen, sondern über Hannover, wo man uns beide hängen möchte. „Du hast doch niemand von die verfluchte Landstände vor Dich gelassen?“ So reden sich — — an. Ich bitte, daß Sie mir erlauben, nach 2 Uhr Sie bei erneuertem Sonnenlichte (auch eine Naturbegebenheit!) heute zu besuchen. Auf den Fall, daß der junge Mann aus der Caserne von Kaiser Franz, den Sie so freundlich empfangen (ohne Rache für die Langeweile des Überlangen Onkelgeschlechts) Ihnen das Gedicht, in dem er das Weltall und mich hat verherrlichen wollen, nicht vor seiner abermaligen gestrigen Abreise hat zu senden gewagt, biete ich Ihnen ein Exemplar dar. Härten der Sprache, fast gesuchte, und Schwierigkeit der Construction (der Relativa) abgerechnet ist doch nicht gewöhnliche dichterische Ader in so einem preußischen Exercierlieutenant! Werfen Sie doch auch einen Blick auf die ganz geognostische Mythe des Aufsteigens des Vulcans von Ischia.
Mit alter Verehrung und Anhänglichkeit
Ihr
A. v. Humboldt.
XII.
Potsdam, Donnerstag 9ten.
Da ich von Paretz nach Berlin muß zu einer Hochzeit bei dem Geh. Leg. R. Borck, so benuze ich die wenigen Augenblicke der Durchreise, um Ihnen zu sagen, theurer Freund, wie dankbar der König für „Ihren schönen herzlichen Brief“ ist. Er trägt mir auf, es Ihnen zu sagen, auch hat er mir gedankt, daß ich Sie abgehalten zu erscheinen da „Ihre Gesundheit ihm und der Königin über alles theuer sei.“ Wir waren im langweiligen Paretz 130 Personen zu Mittag, mit den Leuten an 300 Personen!
Ihr
A. H.
Der König kommt heute Morgen und geht Sonnabend auf 1 Tag nach Berlin.
XIII.
Sonnabend.
Ob Sie mich werden lesen können?
Ich will Ihnen Reue einflößen, mein theurer, edler Freund: ich will die geistreiche Gräfin zu Hülfe rufen, damit Sie mich beschüze. Während Dr. Ruthenberg, den die Polizei verfolgt, in der polytechnischen Gesellschaft meinen Kosmos, als eine „Naturbibel und als ein inspirirtes Erbauungsbuch“ vorliest, versagen Sie mir die Hülfe, um die ich flehe. Ich flehte um Bezeichnung durch einen symbolischen Seidenfaden, ohne allen schriftlichen Commentar (Schriftsteller schreiben bekanntlich ungern) von zwei Stellen des Calderon und eines gewissen Shakespeare, den Sie vielleicht auf dem Tische haben, in denen sich Naturgefühl und ein Hang zu Naturbeschreibung finden. Im Calderon soll dergleichen wunderschön, en boca de Segismundo, en la Vida es sueño stehen: „Los peces y las aves que gozan de la libertad son come rayos de un astro oscurecido etc.“ Das alles weiß man in der Oranienburger Straße, aber mein Flehen wiederholend, will ich kommen, Ihnen dehmütigst zu danken, wenn Sie den Zauber lösen wollen[1].
Mit alter Verehrung
der wüthende
A. v. Humboldt.
Oranienburger Str.
Nr. 67.
Meine Verehrung der theuren Gräfin.
Meine Unterhaltungen sind jetzt: zu begraben; du armer Wach! — und zu christnen (?) in Charlottenburg (2 Stunden Ehrenberg!). Da ist der Kampf der beiden Hofprediger in der Athalie, veuve Soram, doch unterhaltender.
Ein Prediger T., einst Pfarrer bei Chemnitz, der den Heiland in meinem Kosmos sucht und ihn vermißt, mir aber doch viel langweiliges über die Kartoffel-Seuche schreibt (Dresden, Lange Gasse Nr. 10 vier Treppen) trägt mir auf Sie innigst zu grüßen. Ich thue es um mich für Ihr Stillschweigen zu rächen.
XIV.
Potsdam, Sonnabend.
Der König und auch die Königin fragen immer so ängstlich und so liebevoll nach dem Tage, wo wir endlich Sie hier besizen können, daß ich wohl das Stillschweigen brechen und Sie, hochverehrter Freund und College, bitten muß, mir einige vertrauliche Worte zu schreiben. Sie wissen, daß die leiseste Furcht, die Übersiedelung könne Ihrer theuren Gesundheit oder der der Gräfin nachtheilig werden, jeder Anfrage ein Ende machen wird. Das Wetter ist warm und schön, viel schöner wird es ja in dem Scythen Lande nie. Der Hof ist freilich nicht so allein, als Sie und ich es wünschen möchten, aber Sie wissen ja, daß Sie nicht alle Tage bei Tische zu erscheinen brauchen, ja daß der Tyrann allen Freiheit läßt und Freiheit ehrt! Der König sagte heute „er glaube, Sie müßten nach Töpliz gehen.“ Könnten Sie denn nicht vorher einen kleinen Aufenthalt in Syracus machen? Die Kaiserin kann sich erst am 26. Juni entscheiden, es ist wahrscheinlicher, daß sie gar nicht kommt. Mit inniger Verehrung und Liebe
Ihr
A. v. Humboldt.
In dem heute angekommenen Journal des Debats steht ein Artikel von Jules Janin (?) über die Antigone voll Freundlichkeit für Sie.
XV.
Montag früh.
Ich gebe Ihnen, theurer Freund die frechen, unverständlichen, unehrlichen Aphorismen Schellings zurück. Um den „Jug“ (?) (— unlesbar —) den er gemacht zu haben sich rühmt, beneide ich ihn nicht. S. XLIV lesen Sie die verruchtesten Säze über das Recht der Staatsgewalt, auch giebt es S. XLII „ein Christenthum vor dem Christenthum.“ Zwischen den Citationen von Luthers Tischreden und der Kirchenzeitung bin ich auch p. X citirt und des „Zurücknehmens“ beschuldigt. Empfangen Sie noch meinen freundlichsten Dank für lange Geduld, die Sie mir gestern geschenkt.
Ihr
A. v. Humboldt.
XVI.
Sonntag Nacht.
Herr Tholuck, religiöse Dinge, Family Prayers, oder gar Thierquälerei, mein edler Freund, sind Dinge die von mir kommend, bei dem König und der Königin nur Lächeln erregen müssen. Sie können denken, wie gern ich Sie von dergleichen gern befreien möchte, aber da Briefe die nicht an den König oder die Königin gerichtet sind, ungelesen bleiben, da alles was man darüber mündlich vorbringt, spurlos verhallet, so giebt es für Sie und mich nur ein Mittel der Befreiung von solchen theologischen und thierischen Anmuthungen; das Mittel ist: Briefe zu fordern, die man versiegelt und unterzeichnet übergeben wird.
Ich lebe mit den Toten, erst B. und die Pflichten, die eine Familie von 5 Kindern mir auflegt: heute hab’ ich wieder eine Leiche: Der junge talentvolle spanische Litterator, Enrique Gil, Verf. des Romans el Sr. de[2]....., ist heute morgen 29 Jahr alt an der Schwindsucht hier gestorben. Ich bin morgen mit seinem Begräbniß beschäftigt. Das sind meine Beschäftigungen. Bülow’s Dedication wird gewiß dem König angenehm sein. Der König und die Königin sind immerdar mit Ihnen liebevoll beschäftigt wie
Ihr
unverbrüchlich
treuer
A. v. Humboldt.
Zürnen Sie mir heute nicht. Meine Verehrung der theuren Gräfinn.
XVII.
Montag Nacht.
Verzeihen Sie die Unvorsicht der verkehrt angefangenen Seite!
Mein verehrter Freund!
Ich habe den König heute in Bellevue, wo man neben dem blühenden Treibhause speiste, an die „Novellen des Hrn. v. Bülow“ erinnert. Er trägt kein Bedenken, die angebotene Dedication anzunehmen. König und Königinn haben mir bestimmt aufgetragen, Ihnen das innigste Bedauern auszudrücken, wieder des ganzen Wertes Ihres Umganges beraubt gewesen zu sein. Beide bitten Sie inständigst, doch ja fortzufahren, troz der Frühlingslüfte Ihre Gesundheit schonend zu pflegen. Ich arbeite trübe an dem zweiten Theil des Kosmos, von dem ich nächtlichst (denn die gesellschaftlichen, deprimirenden Störungen sind endlos gewesen) doch die Hälfte fast schon gedruckt sehe. Das tragische Unglück meiner Familie, der Tod des armen Spaniers Enrique Gil den ich pflegte, ein 4tägiger Blutsturz von H. Ackermann, der lungenkrank Berlin und die Werke Friedrichs II. auf immer verlassen muß, die trostlosen, Unglück bereitenden Polnischen Zustände... haben mich so wenig aufheitern können, als der heutige litterarische Artikel der Staatszeitung, in dem man durch 16 Verse, die unter den 1660 Versen des Agamemnon ausgewählt werden, meinen Bruder zu züchtigen hofft. Die Spener’sche (?) Zeitung wird morgen meine Antwort enthalten. Ich handle nach dem Princip der Polnischen Insurgenten, die zeigen wollen, daß sie noch existiren. Mit alter Anhänglichkeit
Ihr
gehorsamster
A. v. Humboldt.
XVIII.
Potsdam, 10. Mai 1848.
Wenn ich Ihnen, mein theurer, verehrtester Freund und College so spät auf Ihre freundlichen Zeilen antworte, so ist es nur weil ich erst gestern Abend von Illaire die sichere Nachricht empfangen habe, daß der so vielbegabte, sprachgelehrte L. wirklich den erbetenen Geldvorschuß vom König erhalten wird. Das Gelingen, so elend klein auch die Summe noch ist, war wie ein Wunder, da seit dem Erd- und Staatsbeben vom 18ten Merz im Geh. Cab. alles abgeschlagen wird und der Minister keiner die Schwachheit hat zu glauben daß Kunst und Wissenschaft etwas noch die constitutionelle Monarchie veredelndes haben. In einem eigenen schriftlichen Berichte über L. hatte ich mich neben Grimm und dem hier heilig glänzenden Namen Beckedorf ganz besonders auf Ihre Gunst gestützt, auch wieder aus Joh. Damascenus etwas vorgelesen. Ich sage etwas, denn außer der nüchternen neuen Staatszeitung und den langweiligen meerumflossenen Schleswiger Berichten (parturiunt montes!) ist in dem zahlreichen Familienkreise, in dem allbewohnten Cellulargebäude, das man das Schloß nennt, an eigentliches litterarisches Vorlesen nicht zu denken! Über Sich Selbst mein theurer Freund, und die Gesinnungen, die für Sie hier herrschen, müssen Sie nicht irren. Ihr Name wird bei König und Königin immer mit Zärtlichkeit genannt. Wie die Wohnungsangelegenheit durch Andere behandelt worden ist, weiß ich leider! nicht, aber bei König und Königin habe ich ununterbrochen die freundlichsten Äußerungen über Sie vernommen. Der König, den ich nach dem unbeantworteten Gedichte zum Geburtstag befragt, war tief betrübt darüber: er ist aber wirklich ohne Schuld, weder er, noch die Königin, noch Illaire haben je das Gedicht gesehen. Alle antworten: wie können Sie voraussezen, „man würde sich nicht eines Gedichtes von Ludwig Tieck erinnern?“ Wer, theurer Freund, soll es übergeben haben? Schicken Sie mir ja eine Abschrift davon für die Königin: sie legt großen Werth darauf, auch der König, dessen heiterste, sorgenlose Liebenswürdigkeit dieselbe geblieben ist. Wie — — — (?) elende Wahlen! auch unser Friedrich Raumer nicht! Dazu das erbliche Kunstwerk von Dahlmann und den 50 Dilettanten in Frankfurth, die unberufen den Bundestag regieren und Preußen mediatisiren! Könnten Sie denn nicht einmal hier bei dem Könige speisen? Es würde große Freude machen. Man wagt es nicht, Sie einzuladen, in der Furcht die ich auch theile, Ihnen zu schaden.
Mit alter Liebe und Verehrung
Ihr
A. v. Humboldt.
Meine Gesundheit ist nur erträglich, aber ich habe mich eifrigst in die Arbeit geworfen. Kosmos Th. III. und eine neue (3te) sehr vermehrte Auflage der Ansichten der Natur. Ich möchte auch als Arbeiter Geld gewinnen, da uns noch einige unsanfte Blutungen bevorstehen mögen.
XIX.
Sonntags.
Mein theurer, verehrter Freund! Eine starke Erkältung, die mir die nothwendigen und häufigen Eisenbahnreisen zuziehen, hindert mich heute wieder, Ihnen das „Hohe Lied“ selbst zu bringen. Ich habe heute wieder auf mehrere Briefe und Zusendungen des vortreflichen Dr. Böttcher freundlichst geantwortet. Der Mann träumt poetische Vorlesungen, da, wo es sich um „Sein und Nicht Sein“ handelt — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Ich gehe unter. Sie rettet geistig Ihre Einsamkeit. Mit alter unverbrüchlicher Verehrung
Ihr
A. v. H.
Rückert’s Festgedicht ist wenigstens durch mich nicht an die Königin gelangt.
XX.
Dienstag.
Ich schreibe, mein theurer Freund, diese Zeilen unbequem und also noch schiefer, als gewöhnlich, in meinem Bette, an das ich seit einigen Tagen durch rheumatisches Unwohlsein gefesselt bin. Ihr Brief hat mich tief geschmerzt, es ist der erste Kummer den ich empfunden, seitdem ich in das Vaterland zurückgekehrt bin. Woher auf einmal ein solcher Argwohn gegen mich, der, seitdem wir das Glück haben, Sie den unsrigen zu nennen, nie abgelassen hat dieses Glück zu feiern, den nie etwas getrübt hat, auch nicht der alte Tragiker (?), der mir, mit einem Unrecht, das ich Ihnen und dem König zugleich anthat, wie eine verfinsternde Wolke erschien. Ich soll Ihnen aus den schon gedruckten Bogen freundlicheres vorgelesen haben, als der Kosmos bringt. Mein Gedächtniß giebt mir auch auf das Entfernste nichts wieder, die Correcturbogen (es waren nicht Aushängebogen; denn ich lasse immer 8–10 Bogen, wie es Cotta erlaubt, zugleich abziehen und ändere durch das, was auf dem Rand daneben geschrieben wird, bis zum lezten Augenblick) sind zerstöhrt und Professor Buschmann erinnert sich ebenfalls keiner Veränderung, er wird sehen ob er im ältern Manuscripte, variantes lectiones, auffinden kann. Ich rühme mich Ihrer „edlen Freundschaft,“ ich rühme mich dessen was ich dem „tiefsten Forscher alter dramatischen Litteratur“ verdanke. Habe ich vielleicht durch an den Rand zugeschriebene Worte, die in der lezten Correctur vergessen worden sind, die Worte „tiefster“ und „edel“ verstärkt, das weiß nicht ich, der ich mein Leben mit Correctur zubringe und das Gefühl habe, daß man die drei Heroen unseres Vaterlandes, Göthe, Tieck und Schiller nicht zu rühmen, durch Epitheta zu rühmen unternehmen darf. Die zwei Bände des Cosmos sind deutsch stereotypirt, und es waren in der 6ten Woche vom 2ten Bande allein 10,000 Exemplare abgezogen, aber auch in dem schon Stereotypirten kann ich ändern lassen. Es kommt dazu mit dem dritten Bande eine 2te Auflage der ersten 2 Bände heraus. Wenn theuerster Freund Ihr Gedächtniß treuer, wie das meinige ist, so beschwöre ich Sie mir die fehlenden Worte recht einfach niederzuschreiben. Wir werden sie wieder aufglimmen sehen, aber bei Gott! Betrug oder Lieblosigkeit kann nicht im Spiele gewesen sein. Mir erscheint es beängstigend, wie ein verhängnißvoller Spuck, wie ein böses Traumgesicht, das sich zwischen Freunde drängt.
Ich will eine Wunde ganz anderer Art nicht berühren, den schmerzlichsten Verlust, den Sie erleiden konnten. Ich war in Paris ernsthaft um Sie, mein theurer Freund, besorgt. Wie vielen Dank bin ich Waagen schuldig, daß er mich so liebevoll beruhigt hat. Es war eine Frau von einem großen Sinn und Gemüthe.
Ich bitte innigst, daß Sie mir in die Wohnung von Fr. Lenz schreiben, damit ich Sie einladen kann, sobald ich das Bett verlasse. Mit alter Verehrung und Freundschaft
Ihr
A. v. Humboldt.
XXI.
Freitags.
Wie soll ich Ihnen lebhaft genug für Ihren freundlichen Brief danken. Ossa und Pelion bedecken längst den Spuck, dessen Lösungswort Sie, Böser, mir immer noch vorenthalten. Stand etwa in den Correcturbogen „der tiefste, geistreichste aller.....“ Das wäre immer noch schwach gewesen, gegen das, was die Welt empfindet. Ich schreibe noch aus’m Bette. Es ist ein kleines Schnupfenfieber, das wie eine Natter auf dem kalten Boden schleicht. Mit dankbarer Liebe,
Ihr
A. v. Humboldt.
Jacobi, Friedr. Heinrich.
Geb. zu Düsseldorf am 28. Januar 1743, gest. am 10. März 1819 in München. —
Der Philosoph hat wichtige Werke über Spinoza und David Hume geschrieben; der Dichter sprach aus „Woldemar“ und Allwills Briefsammlung; der Mensch, der Beide: den Poeten und den Weisen in sich vereinte, ist von seinen Zeitgenossen als eine der liebenswerthesten Persönlichkeiten geschätzt worden. Tieck hat seinem Gedächtniß mit ehrfurchtsvoller Liebe gehuldiget.
I.
(Ohne Datum.)
Verzeihen Sie, verehrtester Freund, daß ich, gestört durch Aretin und Sömmerring, die letzten Zeilen Ihres Briefes übersah. Ich werde heute Abend nicht zu Hause seyn, der Beleuchtung wegen, die ich mit betreiben helfen muß. Morgen Abend bin ich höchst wahrscheinlich zu Hause: das Nähere darüber laße ich Ihnen in der Frühe sagen. Wir alle empfelen uns Ihnen und Ihrer Frau Schwester bestens.
Jacobi.
II.
Mittewoche, d. 14. Dec. 1809.
Wenn Sie, mein verehrtester Herr und Freund, wohl genug und dazu gestimmt sind, so lade ich Sie ein, gegen 12 Uhr zu mir zu kommen mit dem Niebelungen-Lied, damit ich Unglückseliger, nach so langer Unterbrechung, doch einmahl wieder etwas davon genieße. Sie theilen alsdann mein gewöhnliches Mittagseßen mit mir, zu dem ich auch Ihren Hrn. Bruder, wenn er vorlieb nehmen will, mit einlade. Der Gebrauch der anderen Hälfte des Tages wird sich finden.
Jacobi.
Jacobs, Christian Friedr. Wilhelm.
Geb. am 6. Oktob. 1764 zu Gotha, gest. daselbst als Oberbibliothekar am 30. März 1847.
Philologe und belletristischer Autor: — Erzählungen, 3 Bände (1824–37). — Schule für Frauen (1827–29). — Vermischte Schriften, 8 Bde. (1823–44).
I.
Gotha, d. 20. Oct. 1807.
Da ich im Begriff bin, meine bisherige Stelle an der Bibliothek zu verlaßen, um einem Rufe nach München zu folgen, so nehme ich mir die Freyheit, Ew. Wohlgeb. zu bitten, die Codices, welche Sie noch in den Händen haben, nicht an mich, sondern an Herrn Rath Hamberger, zurückzusenden, etwa mit dem Zusatze auf der Adresse: für Herzogl. Bibliothek, wodurch sie für uns portofrey werden. Könnten Sie auch die Zurückgabe etwas beschleunigen, so würden Sie uns dadurch verbinden. Ein Bibliothekar schläft nie ohne Sorgen, wenn er die wenigen Schätze des ihm anvertrauten Vorraths in der Ferne weiß; auch ist gerade nach diesen Handschriften öfters Nachfrage gewesen.
Sollte ich an meinem künftigen Wohnort, in der Nähe einer der reichsten und mit der Beute so vieler Klöster angefüllten Bibliothek, Ihnen diesen oder jenen Dienst leisten können, so rechnen Sie auf meine Bereitwilligkeit, und seyn Sie versichert, daß ich es mir zur Freude mache, Ihnen Beweise der ausgezeichneten Hochachtung zu geben, mit der ich bin
Ew. Wohlgeb.
ergebenster
Fr. Jacobs.
II.
Gotha, d. 3ten Juli 1827.
Verehrtester Freund.
Soeben erhalte ich Ihre Zuschrift vom 30ten Jun. und eile darauf zu antworten, um, so viel an mir liegt, Ihren Wünschen zu entsprechen.
Herr † † † ist mir mehr durch Andre, als durch eigene Kenntniß bekannt. Nachdem er nothgedrungen geheirathet hatte, fing er an, bald in Göttingen, bald in Leipzig zu studiren, und machte bey vorkommenden Gelegenheiten mittelmäßige Verse, für die er einigemal durch fürstliche Munificenz kärglich genug, aber immer noch über Verdienst, belohnt worden ist. Jetzt hält er sich, wie ich höre, in Leipzig auf.
Der Gedanke B.’s Leben zu schreiben, kann wohl nicht in seinem Kopfe gekeimt seyn. Er ist aber ein Freund Ihres Neffen, des jungen B., der mit ihm vor etwa 6 Wochen hierher gekommen, und seine Wohnung zuerst bey † † † Frau genommen hat, um wie er mir sagte, die Bibliothek zu benutzen, die er auch in den ersten Wochen seines hiesigen Aufenthaltes fleißig besucht hat. Wahrscheinlich erhält † † † die Materialien zu B.’s Leben von diesem Freunde.
Ohne Zweifel wird diese Nachricht Sie in den Stand setzen, Maasregeln zu ergreifen, einem Ihnen unangenehmen Ereignisse vorzubeugen. Ich kann kaum zweifeln, daß das ganze Unternehmen eigentlich in den Händen Ihres Neffen liegt, ob er mir gleich nichts davon verrathen hat. Sobald dieser von Ihnen erfährt, daß Sie dem unbefugten Unternehmen Ihre Einwilligung versagen, wird er ja wohl Verzicht darauf thun. Kann ich Etwas dazu beytragen, diese Angelegenheit zu Ende zu bringen, so werde ich es mit Vergnügen thun.
Die Erinnerung an unser Zusammenseyn in München und an die schönen Abende, die Sie meinen Freunden und mir verschafften, ist mir immer gegenwärtig, und erneuert sich beym Lesen jeder Ihrer Schriften auf das lebhafteste. Werden Sie uns nicht bald mit der Vollendung Ihrer herrlichen Cevennen erfreuen? Sie sind hier aus einer Hand in die andre gegangen.
Erhalten Sie mir Ihr freundschaftliches Wohlwollen, und genehmigen die Versicherung der ausgezeichneten Hochachtung, mit der ich bin
Ihr
ergebenster
Fr. Jacobs.
Jagemann, Caroline.
Geb. zu Weimar 1778, gestorben zu Dresden 1847. Erste Schauspielerin des weimarischen Hoftheaters, durch ihren fürstlichen Freund zur „Frau von Heygendorf“ erhoben.
Ihr Brief wurde aufgenommen, theils weil sie, sowohl durch ihr intimes Verhältniß zu Karl August, als auch durch ihre Stellung zu jener ewig denkwürdigen Bühne eine historische Figur geworden ist; theils aber auch, weil er Kennern der Schauspielkunst tiefen Einblick gestattet in die leichtsinnige Zuversicht, womit wir in Deutschland die Vorstudien dramatischer Darstellung behandeln — — dürfen! Eine Künstlerin von anerkanntem Rufe, von langer Praxis und Erfahrung, dressirt eine Anfängerin, welche „nicht gehen und nicht stehen kann,“ binnen kürzester Frist so vortrefflich, daß selbige Schiller’s Maria Stuart „auf jeder Bühne darstellen könnte!“ —
Man glaube nicht, daß dergleichen Wunderwerke Ausnahmen sind. Sie tragen sich alltäglich zu, werden von enthusiastischem Beifall belohnt. — Deshalb stehts auch mit unserm Theater gar so gut!
Brückenau, d. 25t. Juli 42.