Ludwig Tieck's
Schriften.
Achter Band.
[Abdallah.]
[Die Brüder.]
[Almansur.]
[Das grüne Band.]
Berlin,
bei G. Reimer,
1828.
Dem
Prediger Kadach
in Ziebingen,
bei Frankfurt an der Oder.
Schon im Jahre 1804 machte ich in Schlesien Ihre Bekanntschaft. Als ich zwei Jahre später aus Italien zurück kam, fand ich Sie in jener Einsamkeit des Landes, die damals meine Heimath war, und seitdem sind wir als Freunde verbunden geblieben. Alle schönen Stunden jener Zeit, im Genuß der Musik, der Poesie und einer edlen und freien Mittheilung in gebildeten Zirkeln feiner und geistreicher Menschen haben wir beisammen verlebt, Freude und Trauer, den Schmerz über manchen Verlust im Verlauf der Jahre mit einander getheilt. Auch in meine Studien und Arbeiten sind Sie gern und gründlich eingegangen. Shakspear, Göthe und Sophokles haben uns oft gemeinsam beschäftigt. Meine Arbeiten über den brittischen Dichter sind Ihnen mehr, wie irgend einem meiner Freunde, bekannt. Ihrem freien Sinne waren diese Studien, in denen Sie sich gern vertieften, erfreulich, so gründlich und gewissenhaft Sie sich auch Ihrem Amte, vom wahren religiösen Geiste des Christenthums durchdrungen, hingaben. Ein ächter frommer Priester, ein freier Denker, ein Begeisterter für Kunst, ein edler, treuer Freund, — als solchen habe ich Sie gesehn und gekannt, und nie werden Ihnen, so wenig wie mir, die schönen Tage und Abendstunden aus dem Gedächtnisse entschwinden, in denen Solger unsre ländliche Einsamkeit neu erfrischte, in welchen er uns seine Manuskripte vorlas und wir uns selbst, die Aufgabe des Lebens und alles Hohe durch die Lebensworte unseres Freundes inniger verstanden.
L. Tieck.
Abdallah.
Eine Erzählung.
1792.
Erstes Kapitel.
Ein Theil der Tartarei ward vom Sultan Ali beherrscht. — Dem Tirannen entgeht der Haß nie, mit dem ihn seine Unterthanen verfolgen und Ali betrachtete sie bald als eben so viele Feinde, über die ihn nur seine Grausamkeit und sein Ansehn erhalten könnten: mit andern Freuden unbekannt, sollte ihm das Gefühl seiner Macht jeden Mangel ersetzen.
Ohne Begriffe, ohne zu denken, ohne nur Seelengenuß zu kennen, war er zum Greise geworden und in einer unerschöpflichen Leere schmachtete er itzt jedem neuen Tage entgegen. Mehrere seiner Gemalinnen starben und er begrub sie mit eben der Gleichmuth, mit der er den Untergang der Sonne sahe, die, wie er wußte, jenseit des Horizonts wieder heraufstieg, — selbst sein einziges Kind Zulma liebte er nicht, nur Stolz war es, was ihn an diese fesselte, da das ganze Land sie für die Krone der Schönheit anerkannte. —
In der Hauptstadt des Landes lebte Selim in einer weisen Eingezogenheit, ohne eine öffentliche Bedienung, ohne daß man viel von ihm sprach ward er von allen geliebt. Er war freigebig ohne Prahlerei, sparsam ohne Kargheit und sein Aufwand unterschied sich sehr von der Pracht des Veziers und der übrigen Großen.
Aus seinen Leiden hatte er stets seine große starke Seele gerettet; seinen Haß konnte nichts aussöhnen, aber eben so unauslöschlich war seine Liebe. — Mit dieser dauernden Liebe umfing er seinen Sohn Abdallah, das Einzige, was ihm seine geliebte Gattin zurückgelassen hatte.
Zweites Kapitel.
Die Sonne war schon untergegangen, als Abdallah und Omar durch ein schönes Gehölz wandelten. Omar war der Lehrer Abdallahs, ein ehrwürdiger Greis, dessen flammende Augen tief in eines jeden Seele schauten, seine Stirn und sein Blick trugen Ehrfurcht vor ihm her, aber ein süßes Lächeln, das fast immer seinen Mund umschwebte, verjüngte sein Gesicht durch eine liebenswürdige Freundlichkeit und lockte zur Mittheilung aller Gefühle und einer kindlichen Aufschließung des Herzens.
Sie traten itzt in einen freien Platz, wo ein stiller See im bleichen Licht des Mondes glänzte. Der letzte Streif der Abendröthe glimmte durch die Fichtenwipfel und durch die zitternden Cypressen bebten ungewiß die Sterne. Verspätete Mücken spielten im Mondstrahle, Käfer summten träge und schläfrig um sie her, und laut erklang durch die ruhige Einsamkeit des Waldes das zirpende Lied des Heimchens.
Siehe Omar, begann Abdallah, wie schön! — Ha! der ruhige See über den sich der Mondschein so lieblich herabsenkt, — der Abend, der noch in den hohen Wipfeln der Bäume säuselt, das Lied der Nachtigall, das mit tausend abwechselnden Melodieen aus dem Walde heraufschallt, — o sieh Omar! wie alle Geschöpfe sich freuen, wie alles lebt und im Leben glücklich ist! Sieh, wie die kleinen Fliegen von der Abendröthe Abschied nehmen, und der Käfer der Nacht seinen dumpfen Willkommen entgegensummt. — O die lebendige Kraft, die aus der Natur so unerschöpflich quillt und unzähligen Wesen Athem und Dasein giebt, — dieser Anblick erfüllt das Herz mit lautem überströmenden Dank gegen den, der so gütig alles aus dem Nichts hervorrief und zum Staube sprach: Lebe und sei glücklich! —
Omar lehnte sich auf den Stamm eines abgehauenen Baums und sahe starr vor sich nieder.
Abdallah. Du bist traurig, mein Omar, kann dich dieser Anblick nicht heiter machen?
Omar blickte auf und faßte seine Hand. — Sieh, sprach er, die Abendfliegen sind verschwunden, sie sangen der Sonne so wehmüthig nach, denn es war das letztemal, daß sie sich in ihrem Strahl erquickten. — Diese Woge wirft das Leben an den Strand, die nächste Welle kömmt, verschlingt es wieder und senkt es in die tiefsten Abgründe. — Eine unendliche Schöpfung spielt itzt lebendig um dich herum, — und in der folgenden Stunde — liegt sie todt und verwest. — Eine Lebenskraft fliegt durch die Natur und Millionen Wesen empfangen wie ein Allmosen auf einen Augenblick einen Funken Leben, sie sind — und geben dann ihr Leben wieder ab und werden todter Staub. Die Welt ist ein Gesang, wo ein Ton den andern verschlingt und vom nächsten verschlungen wird. —
Abdallah. Diese traurige Wahrheit, Omar, wirft meine schöne Begeisterung mächtig nieder. — Ach ja, alles geht durch die Natur hindurch und verläuft sich wie ein Funken in der Asche. Alles wird nur geboren, um zu sterben, alles wandelt wieder dahin zurück, woher es gekommen ist. — O Omar, wenn ich dich nun fragte: Warum glänzt dieser Mond? Warum funkeln diese Sterne und wozu haucht ein lebendiger Geist in meinem Innern?
Omar. Wozu? — O Jüngling, laß die Erde unaufgewühlt, du findest ein scheußliches Todtengerippe! Laß diese Geheimnisse ewig deiner Seele verschlossen bleiben. —
Abdallah. Verschlossen? — O nein, mein drängender Geist steht vor dieser Pforte und klopft ungestüm an. — Was der Mensch fassen kann, will auch ich begreifen.
Omar. Du vertraust dich einem Meere, das dich nie an's Land zurückträgt, Zweifel wälzen sich auf Zweifel, Woge stürmt auf Woge, dein Ruder ist unnütz und die unendliche See dehnt sich dir furchtbar unermeßlich entgegen.
Abdallah. Ich könnte nicht ruhig sein, wenn ich wüßte, daß etwas da sei, was in meinem Gehirne Raum hätte und dem ich den Eingang versagen müßte.
Omar. Aber unsre Weisheit findet eine Felsenmauer vor sich, an die sie vergebens mit allen Kräften anrennt, — wir sind in einem ehernen Gewölbe eingeschlossen, wir sehen nichts, was wirklich ist, die schimmernden Gestalten, die wir wahrzunehmen glauben, sind nichts, als der Widerschein von uns selbst im glatten Erze, — o schon viele Weisen stürzten mit Ohnmacht von diesen Schranken zurück, — und starben. — Der Zweck unsers Daseins? — O wer hindurchschauen könnte durch das Geheimniß der unendlichen Nacht, wenn doch vom Thron der Gottheit nur ein Sonnenstrahl herniederschösse! — Wir tappen ängstlich umher — und finden nur die Wände, die uns eingeschlossen halten. Wir sehen nichts, als daß wir Gefangene sind, — warum wir es sind, müssen wir mit Geduld vom Ausspruch des kommenden Gerichts erwarten.
Abdallah. O warum verlieh uns der Schöpfer nur so viel Kraft, diese Schranken zu sehn und nicht zu durchbrechen? — Warum ward eine Ahndung in unser Herz gelegt, die nie zur Gewißheit reift? Eine Centnerlast liegt auf unsrer Brust, und wir kämpfen vergeblich sie abzuschütteln.
Omar. Vielleicht werden alle diese Räthsel einst gelöst. — Ein großer Schwung wälzt sich durch alle Theile der Natur, durch alle Wesen klingt ein Ton. Eine Kraft drängt sie zu einem Mittelpunkt: Genuß! — Alles schöpft aus dem nie versiegenden Quell und legt sich dann zum Schlafe nieder. — Die Welt ist eine reiche Tafel, an der sich alles niedersetzt und gesättigt aufsteht, der Schöpfer schickte die Millionen Wesen in die Wüste hinaus, sie sind Staub und in sich selber eingekerkert, — aber er gab ihnen tausend Mittel auf den Weg, ihr Dasein zu empfinden, und alles freut sich, alle Wesen kommen, genießen und sterben dann, ohne es zu wissen, so wie sie geboren wurden, — nur der verblendete Mensch verfehlt sein vorgestecktes Ziel.
Abdallah. Der Mensch? — Wie? der Preis der Schöpfung? Um dessentwillen die Natur ihre reichen Schätze aufthut? Um den sich die Bestimmung alles Erschaffenen dreht?
Omar. O des Stolzes! — Die Bestimmung alles Erschaffenen? Kein Mensch weiß seine eigne Bestimmung, er taumelt selbst verlassen in der Finsterniß und maßt sich an, den Wesen ihren Rang und ihren Zweck anzuweisen. — Allen Wesen ward ein gleiches Bürgerrecht ertheilt; der ausgeartete Mensch reißt sich aus der Kette des Erschaffnen, statt zu genießen wie alles genießt, ringt er im ewigen Kampfe mit dem Tode und seinem Verhängniß, alle seine Kräfte kämpfen rastlos von der Zeit eine Stunde und eine Minute nach der andern zu erbetteln, — um auch in dieser zu fürchten, um auch in dieser mit Gedanken zu streiten, deren Auflösung weit außer ihm liegt.
Abdallah. Wenn Genuß der höchste letzte Zweck unsers Daseins ist, wodurch ist dann der Mensch vom Thiere unterschieden?
Omar. Und wozu des Unterschiedes? Der Mensch wäre glücklich, hätte er nie höher gestrebt, die Natur umfinge ihn dann noch mit ihren liebevollen Armen, hegte ihn und spielte mit ihm als ihrem Kinde, — aber der Stolze hat sich von seiner Mutter losgeschworen, sieht die Sterne, die über seinem Haupte hängen, erklimmt eine schroffe Klippe und schreit ihnen zu: ich bin euch nahe! Wehmüthig lächelnd blicken die Sterne auf ihn herab und er steht nun verirrt am schwindelnden Abschuß; zur blühenden Wiese, die er erst verschmähte, hat er den Rückweg verloren. —
Abdallah. Und nichts als diesen verächtlichen Übermuth hätte der Mensch vor den Thieren des Waldes voraus?
Omar. Nichts als ihn. Mit verachtendem Fuß stößt er die Erde zurück und will sich an die Gottheit drängen, aber seine klägliche Natur zieht ihn allmächtig zurück. Seine Weisheit, seine Tugend, mit der er sich brüstet, — Wolkenschatten, die der Wind über die Ebne jagt und denen der Wahnsinnige nachtaumelt.
Abdallah. Tugend, Omar, nur ein Schatten? — Der Lasterhafte und der Edle ständen hier in einer Reihe? Die beiden Enden, Größe und Verächtlichkeit, schlängen sich zusammen? Aus einem Samen sproßte der Schierling und die heilende Pflanze? — Unmöglich! —
Omar. Und warum unmöglich?
Abdallah. Wo ich anbetend in den Staub sinke, wo mein Geist in verehrender Demuth die Flügel zusammenschlägt, wo mein ganzes Wesen sich in Ehrfurcht auflöst, — an diesen Stolz der Menschheit wäre die Schaam der Welt mit unauflöslichen Ketten geschlagen?
Omar. Derselbe Gesang auf einer andern Laute.
Abdallah. Nein, Omar, nein. — Die Gerechtigkeit des Ewigen wird durch diesen Glauben angeklagt. — Wie könnte der Gütige dem Edlen Belohnung und dem Bösewicht Strafen aus jener schwarzen Thür am Ende ihrer Bahn entgegenschicken?
Omar. Abdallah, wir wissen nicht, woher wir kommen, wir wissen nicht, wohin wir gehen. Ob uns ein Gedanke folgt, wenn wir hier Abschied nehmen, ob wir mit allen unsern Träumen in das kalte Grab eingeriegelt werden — o das ist ein Räthsel, vor dem die Weisen ewig forschend stehen werden. — Strafe, — Belohnung, — Tugend, — Laster. — Wenn ich dich fragte, wo du die Scheidewand zwischen Tugend und Laster gründetest, du würdest um eine Antwort verlegen sein. — Die Gewohnheit lehrt uns Worte sprechen, bei denen wir uns oft nur wenig denken.
Abdallah. Omar, du machst, daß ich mir selber mißtraue. —
Omar. Wir sind mit unsrem Lob und unsrer Verdammung so freigebig und kurzsichtig genug, um nicht wahrzunehmen, wie ungerecht wir oft beides vertheilen. — Wir ahnden nicht, daß es nur eine Kraft ist, die in der Tugend und im Laster lebt, beides eine Gestalt, aus demselben Spiegel zurückgeworfen. — Nur ein kalter eigensinniger Thor trat hinzu, schied und sagte: dies sei gut, dies nicht!
Abdallah. Ein Thor?
Omar. Dieses Leben, das uns geliehen ward, ist zu kurz uns selbst zu kennen, — in unsrem eignen Innern herrscht ein wüstes Dunkel und mit vorwitzigem Blick treten wir zu unserm Nachbar und wollen in seiner Seele lesen.
Abdallah schwieg und sahe starr vor sich nieder. Omar fuhr fort:
Alle meine Handlungen sind Gestalten, die aus meinem Innern aufsteigen, von tausend innern Kräften gereift, von hundert Neigungen gepflegt, schießt die Pflanze empor, — nur ich, der Schöpfer, bin mit ihrer Entstehung bekannt, ich verstehe mich selbst nur, ich handle nur für mich, der ich mich selbst kenne, — alle übrigen Menschen sind für mich in einer mindern Abstufung fremde Wesen, wie mir der Wurm und der Krokodil Fremdlinge sind.
Abdallah. Omar, du wirfst mich in eine fürchterliche Einsamkeit, ich verliere mich selbst in der schrecklichen Wüstniß. —
Omar. Ich handle, wie mein innrer Sinn es mir befiehlt, und ein Fremdling, der nicht in das Gebäude meiner Seele hineinschauen kann, der die Leiter nicht entdeckt, von der die Ahndung zum Gefühl, das Gefühl zum Gedanken, zum Vorsatz und dieser endlich zur Wirklichkeit aus dem unergründeten Brunnen heraufstieg, — dieser tritt mit kaltem und verschloßnem Sinn herbei und sagt: deine That ist ein Laster!
Abdallah. O ich verstehe dich! weiter! weiter!
Omar. Aus derselben Quelle wird eine andre Schaale heraufgezogen und man nennt sie Tugend. Beide steigen aus der Tiefe einer Seele hervor, aus einem Stoff gewebt — und man hält sie für Feinde.
Abdallah. Fürchterlich sonderbar!
Omar. Wo ist der Bösewicht, der nicht zum Engel würde, wenn er den Richter in die geheime Werkstätte seiner Seele führen könnte? — Abdallah, wir sind Brüder aller Mörder, die je die Geschichte mit Abscheu genannt hat und schwesterlich schließt sich unsre Seele an alle, die einst bewundert und angebetet wurden. — O ihr Thoren, laßt den nichtigen Rangstreit, ein Hauch weht in allem Leben, — freut euch dieses Hauches, er kehrt nicht zurück, wenn er entflohen ist.
Abdallah. Du führst mich durch Labirinthe, Omar. —
Omar. Als die erste Gesellschaft zusammentrat, als man das erste Gesetz niederschrieb, da veräußerte der Mensch selbst sein hohes, heiliges Recht. Dem Ganzen opferte jeder Einzelne seine Freiheit, allmächtig ward eine Schnur zwischen Gut und Böse gezogen und unglückliche Vorurtheile keimten auf. Vorurtheile, die Menschen gegen Menschen hetzten, das Blut von Tausenden vergossen. — An den Gedanken Verbrecher knüpfte man Haß und Unversöhnlichkeit und eine ewige Verfolgung wühlt durch das ganze Menschengeschlecht. — Seit der Zeit ist der große Spruch gesprochen; in einem nichtigen Taumel greift der eine zur Belohnung seiner Tugend nach der Sonne und tritt gewaltsam seinen Bruder unter sich, der nach dem Übereinkommen ein Verbrecher ist. —
Abdallah. Ha! die ewigen Schranken stürzen ein!
Omar. Strafe und Belohnung? — Hier unten sind sie entschieden, — aber wen soll der Richter dort belohnen oder strafen? — Sandte er nicht alles was ist, aus seiner Hand in die Sterblichkeit? Ist es nicht sein Athem, der den Staub belebt? — Alle Handlungen kommen zu ihm zurück und melden sich als ihm angehörig: sein Schatten wandelt in tausend Gestalten umher; wo er hinsieht, erblickt er sich nur selbst in dem Spiegel der unendlichen Naturen, soll er, kann er sich selber strafen? —
Abdallah. Omar, halt ein! immer neue Wundergestalten stehn aus einem Abgrund auf, mich zu schrecken. —
Omar. Von einer unbekannten Macht der Welt übergeben, tritt der Mensch seine Bahn an, nicht aus sich selbst hervorgebracht, ohne seinen Willen in das Leben geworfen. — Er lebt und vereinigt tausend Pflanzen und Thiere mit seinem Selbst, sein erstes Wesen geht durchaus verloren, — alle Lagen, von Kindheit an bis in sein Greisenalter, prägen sich in treuen Abdrücken in seinen Geist; alles um ihn her modelt und formt ihn anders, er selbst geht unter, und aus seiner Nahrung, seinem Vergnügen, aus den todten Gegenständen, die ihn umgeben, tritt ein andres fremdes Wesen an seine Stelle, — das nach und nach von einem neuen wieder verdrängt wird.
Abdallah. So sind wir nur eine Hütte, in die ein Fremdling nach dem andern einkehrt und sie dem folgenden überläßt.
Omar. Wer handelt nun? — Wer ist gut, wer böse? — Soll des Mörders Dolch bestraft werden, oder sein Arm, sein Herz, sein Blut? Oder der Gedanke, den er vielleicht vor zwanzig Jahren dachte? — Sein Blut, das er sich nicht selber gab? Der Gedanke, der durch tausend Formen wandelnd, von einem Sonnenstaub seinen Weg antrat und beim gräßlichsten Morde aufhörte?
Abdallah. Undurchdringlich ist das Gewebe, das sich seit Ewigkeiten her verschlang.
Omar. Eigne Kraft ist uns versagt; was wir unsern Willen, unsern Vorsatz nennen, ist nur der Einfluß fremder Dinge, wir sind nur ein Stoff, an welchem fremde Kräfte sichtbar werden; ein großes Spiel von einer fremden Macht regiert, der eine steht als König, der andre als Sklave da, — und alle sind sich gleich, nichts als hölzerne Zeichen, obgleich der König und der Ritter stolz auf das Fußvolk vor sich hinabsehn, — das Spiel ist zu Ende — und Laster und Tugend hört auf verschieden zu sein. — Ein Wirbel dreht sich durch die Welt, alles bis zum kleinsten wirkt in den großen Plan; der eine Augenblick gebiert den folgenden, eine Handlung stößt die andre vor sich her, eine unendliche Kette, die sich rund um alle Welten zieht. Kein Glied kannst du herausreissen, ohne das vorhergehende und folgende zu zerstören und eine allgemeine Vernichtung zu bewirken.
Abdallah. O entsetzlich! — Omar, — ich schaudre, — wenn ich gerade diesen Schritt itzt nicht thäte, — nicht gerade diesen Gedanken dächte — so könnte die Welt nicht erschaffen sein! —
Omar. Nothwendig. — Eine große Schwungkraft belebt die Unendlichkeit, alle Kräfte weben und wirken durch einander von Ewigkeit berechnet, die treibende Gewalt ermattet nie, das Leben fliegt durch alle Pulse der Natur und so geht das große Werk den allmächtigen Gang. — Wie will dies kleine Wesen, der Mensch, sich gegen ewige Gesetze stemmen? Wie in seinem engen Geist den Schöpfer mit all seinen Planen fassen? Eigenmächtig gegen das Weltall wirken und durch sein jämmerliches Dasein noch Verdienst erringen? Ohnmächtig kämpfend wird er fortgerissen, der eine Ton verklingt in der allgemeinen Harmonie.
Beide schwiegen düster vor sich hinbrütend. Ein hohes Roth flog über Omar's Wangen, ein neues Feuer fuhr in seinen Augen auf, er faßte heftig Abdallah's Hand.
Jüngling! rief er aus, was wir gut, was wir böse nennen, verschwimmt in ein Wesen, alles ist nur ein Hauch, ein Geist wandelt durch die ganze Natur und ein Element wogt in der Unermeßlichkeit — und dieses ist Gott!
Abdallah fuhr zurück.
Omar. Wo sollte der Unendliche jenseit der Schöpfung Raum für sich finden? — Er umarmt und durchdringt die Welt, die Welt ist Gott, in einem Urstoff steht er in Millionen Formen vor uns, wir selbst sind Theile seines Wesens! — Dies ist der tiefe Sinn von der Lehre seiner Allgegenwart. — Wirft er einst die Kleidung wieder von sich, dann gehn im Ruin die Welten und seine Himmel unter, dann steht er wieder da, er vor sich selbst, in der ewigen Wüste. —
Eine tiefe Stille. Um Abdallah war alles rund umher versunken, er stand mit gesenktem Haupte und betrachtete in seinem Innern die gestaltlosen Bilder, die auf- und niederschwebten. — Omar, sagte er nach langer Zeit, — nun ist die Kraft meiner Seele versiegt, alle meine schönen Entwürfe, meine wonnevollen Schwärmereien liegen wie Leichen um mich her, alle Freuden sind verwelkt, alle Hoffnungen in meiner Brust verwest. — Ein Kampf rastloser Zweifel wüthet da, wo ehedem meine Himmel standen.
Omar. Du hast es so gewollt, du hast das fürchterliche Todtengerippe ausgegraben, wo du einen Schatz zu finden hofftest. — O, wohl dem, der mit verbundnen Augen durch das Leben taumelt! der nie sich selbst anrührt und furchtsam fragt: Wer bin ich?
Abdallah warf sich unter eine Cipresse nieder. Sein Geist war von hundert neuen Vorstellungen verwirrt, ohne sich festhalten zu lassen flohen tausend Gestalten seiner Seele mit Blitzesschnelle vorüber.
Der Mond stand itzt hinter den dunkeln Zweigen der Tannen und von zitternden Schatten getheilt, gossen sich goldene Streifen über die Wiese aus. Ein leiser Abendwind wiegte sich in den Wipfeln der Bäume und spielte mit einem Blatte, das auf dem glatten See schwankend tanzte; ruhig betrachtete sich die Gegend selbstgefällig in dem Wasserspiegel und der Duft der Nacht stieg ernst und langsam aus dem Schooß der Erde.
Die schöne Landschaft, mit all den lieblichen Träumen, die über ihr hingen, vermischte sich nach und nach mit den Gedanken Abdallah's; er hatte sich schon den Spielen seiner Einbildungskraft überlassen, als er noch zu denken glaubte.
Die Wipfel säuselten immer leiser und leiser, vom Winde angehaucht lief ein stilles Flüstern durch das Rohr des Sees, — immer wunderbarer spielte das Mondlicht um die buschichten Tannenzweige, — noch einigemal blickte er mit mattem Auge empor und sahe wie vom nahen Berge ein Greis in die Arme seines Omar eilte, — beide hielten sich umarmt — als die Gegend allgemach wie hinter einem schwarzen Vorhang hinabsank. —
Aus den Cypressen stiegen Träume auf ihn herab, durch seine Augenlieder dämmerte schwach in seine Traumgestalten die monderhellte Gegend. —
Plötzlich rollt es dumpf wie ferne Donner, ein wildes Rauschen, wie wenn die erboßte Fluth gegen Felsen hinanheult, fuhr immer lauter und lauter über ihn dahin, — Abdallah erwachte.
Da stand er einsam in schwarzer Nacht, Stürme hatten den Mond hinter ferne Gebirge hinabgeschleudert, große Wolken wälzten sich krauß durch einander, die hohen Wipfel der Cedern schlugen krachend zusammen. — Ein Schaudern springt aus dem Walde hervor und packt ihn an mit eiskaltem Arm. Omar! ruft er mit bebender Stimme, aber höhnend stürmt der Orkan durch seine Töne und wirft sie zerrissen in die Lüfte.
Ein leuchtender Glanz flammte plötzlich in den Wolkengebirgen auf, eine Feuerkugel flog durch den Himmel, von einer andern verfolgt, die tausend blendende Funken von sich sprühte. — Jeder Funken sprang mit einem Donner los, der sich furchtbar auf des Sturmwinds Schwingen über alle Wälder hinabwälzte. — Mit lautem Gebrüll sank die Kugel nieder und die stille Nacht stand wieder um Abdallah. —
Eine bleiche zitternde Gestalt fährt aus dem nahen Busche und ergreift kalt Abdallahs Hand, — es war Omar. — Krampfhaft preßte er die Hand des Jünglings in die seinige und riß ihn mit sich fort. —
Abdallah folgte schaudernd.
Sie kamen in die Stadt und eilten auf ihr Gemach, Omar's Gesicht war lang und verzerrt, sein Auge rollte wild. Abdallah wagte kaum, ihn anzusehen. — An Geist und Körper müde, legte er sich schlafen, Omar ging noch lange gedankenvoll umher.
Drittes Kapitel.
Abdallah erwachte, als Omar sich schon entfernt hatte. Der Tag sah trübe durch die Fenster und eine schwermüthige Erinnerung des gestrigen Abends kam ihm sogleich entgegen. Sein Leben trat itzt eine neue Bahn an; alles, was er vorher gedacht hatte, war von einem Strudel kämpfender Zweifel verschlungen. Alle seine früheren Gedanken schienen ihm unreif und kindisch; er hatte mit Leidenschaft die Lehre Omars ergriffen und doch that es ihm weh, seine ganze Pflanzung, die er so sorgfältig aufgezogen hatte, zerstört zu sehn. — Wie eine schwarze Nacht stieg es in ihm auf, wenn sein Geist noch einmal über alle die Gedanken hinwegsahe, die er seit gestern dachte; er hätte es so gern nicht geglaubt, er hätte so gern den vorigen Sonnenschein zurückgerufen, die vorige Unschuld seiner Seele zurückgezaubert, aber sein Verstand wies mit verachtendem Ernst alle seine früheren Gedanken zurück, die wieder in ihm aufdämmern wollten.
O heilige Tugend! rief er aus, — vor derem Bilde ich einst niederkniete, — dein Altar ist umgestürzt! Du Sonne bist erloschen, zu der ich mit kühnem Fittig emporfliegen wollte und der Pfeil des Zweifels hat meine Schwingkraft gelähmt. — Wer bin ich, wenn diese Gottheit todt ist, die mich sonst mit mütterlichem Lächeln zu sich lockte? — Ich muß mich selbst verachten, wenn ich nicht mein eigen bin, wenn nur eine finstre Nothwendigkeit mich durch das Leben jagt, wenn ich dem Druck einer fremden Macht nachgeben muß, die mich wider meinen Willen zu Gräueln oder edeln Thaten drängt. — Doch, was schwatz' ich? — Mein Wille sinkt im Triebwerk des Ganzen unter und mit der Tugend ist das Laster zugleich gestorben, ich bin ein abgerißnes Blatt, das der Wirbelwind nach seinem Gefallen in die Lüfte wirft. — Der Unendliche, den ich sonst schwindelnd dachte, auf dessen Vatersorge und Allmacht ich so fest vertraute — er und das Schicksal ist mir entrissen. Im Felsen und im Gesträuch steht der Unfaßliche vor mir, mir näher gebracht und dadurch um so entfernter. Omars Lehre hat mich zu einer Waise, mich mir selbst verächtlich gemacht, — und doch bin ich ein Strahl jener Gottheit! —
Er schwieg und verlor sich immer tiefer in seinen Träumen; Gefühle wollten sich itzt in seine Seele zurückdrängen, die ihn einst so bezaubert und die Aussichten des Lebens so verschönt hatten, aber kein Klang aus der Vorzeit schlug wie ehedem an seine verstimmte Seele. O! rief er aus, gieb mir meine glückliche Unwissenheit zurück, Omar, laß mich wieder zum Kinde werden, wie ich war, mein Geist ist zu schwach für diese Last, er seufzt gekrümmt unter der drückenden Bürde.
Raschid trat itzt zu ihm herein. Er war kein Freund Abdallah's, aber einer von den angenehmen Gesellschaftern, an die der Jüngling sich so leicht schließt und sie eben so leicht wieder verliert. Er war Aufseher über die Gärten des Sultans und kam itzt zu Abdallah um Trost zu suchen, denn er war gewöhnlich finster und verdrüßlich. Abdallah ging ihm freundschaftlich entgegen. »Willkommen, sprach er, indem er ihm froh die Hand drückte, ich habe dich lange nicht gesehn.« — Er freute sich, daß ihn jemand aus seinen Träumereien riß, die er gern von sich abwarf und sich dem Wohlwollen überließ. — Willkommen! rief er noch einmal.
Raschid war traurig, sein Gesicht war bleich und sein Auge eingefallen. Ein schweres Leiden schien seine Seele zu drücken, eine tiefe unbestechliche Schwermuth sahe aus seinem schwarzen tiefliegenden Auge, nichts vermochte eine Heiterkeit über sein Gesicht zu werfen, seine Stimme war langsam und ohne Feuer. —
Dein Anblick wird immer kränker, fuhr Abdallah fort.
Raschid. Kränker? — Wirklich? — Vielleicht geh' ich dem Tode entgegen.
Abdallah. Dem Tode? —
Raschid. Ich hoff' es.
Abdallah. Du hoffst es?
Raschid. Mein Geist erträgt die Leiden nicht mehr, die sich immer höher thürmen.
Abdallah. Deine Liebe, Raschid, wird dich in dein Grab hinuntertragen. — Sei heitrer, verabschiede deinen Gram und werde wieder der blühende Jüngling, der du warst. — Die Liebe soll ja, wie man sagt, in Felsen Paradiese auferstehen lassen und dir —
Raschid. O glücklich, daß du davon wie von einem unbekannten Lande sprichst. — Doch nein, du bist unglücklich. — Ein Wesen ohne Liebe, — eine Laute ohne Saiten. — Für die göttlichsten Empfindungen todt kriecht der Gefühllose im Staube, wenn der Liebende den glänzenden Fittig im Morgenrothe wiegt. —
Abdallah. Und dennoch nennst du dich elend. —
Raschid. Ja und doch möcht' ich meine Liebe nicht zurückgeben, — Freund, nur ein Blick aus ihrem Auge — ach! er würde den Frühling in meiner Seele wieder auferwecken! — Eiserne, unzerbrechliche Ketten halten mich zurück, — ich liebe und darf nicht hoffen, — ich wünsche und meine Wünsche überschreien meinen Verstand; wenn er zuweilen die Stimme erhebt, — o dann treten sie alle bleich zurück. — Mein Unglück hat alle Blumen um mich her ausgerissen und in den Wind verstreut, die Freude hat mich in eine düstre Nacht geworfen und mir ewig ihre Thür verschlossen, — ach Abdallah, ich sterbe gern: denn welcher Wunsch, welche Hoffnung soll mich in's Leben zurückhalten? —
Abdallah. Wer würde nicht wenigstens hoffen? —
Raschid. Ach! wenn ich nur hoffen dürfte! wenn ich nur eine Spalte in der hohen Felsenmauer entdeckte, durch die ich mich hindurchwinden könnte!
Abdallah. Du hast mir aber noch nie den Gegenstand deiner Liebe genannt — wen liebst du?
Raschid. Laß dies noch itzt ein Geheimniß bleiben. — Ach! ich möcht' es mir selber nicht gestehn, daß der Mensch sich seinem Glücke Mauern in den Weg baute, die seiner Ohnmacht spotten, daß — ich kam hierher mich zu trösten und ich gehe trauriger von dir als ich kam.
Abdallah. Wodurch kann ich dich trösten?
Raschid. Nein, ich mag auch nicht getröstet sein. — Lebe wohl! — dieser Schmerz ist mir lieb, denn ich leide ihn für sie, — ich will in der Einsamkeit meine Thränen weinen, ich finde keinen Menschen, der mich versteht.
Er ging und Abdallah sah ihm traurig nach, dann versank er wieder allmählig in sein voriges Nachdenken. Omar kam. — Du bist so tiefsinnig, Abdallah?
Abdallah fuhr auf und sahe ihn bedeutend an.
Worüber dachtest du? fragte Omar.
Abdallah. Über deine gestrigen Lehren.
Omar. Sie haben dich traurig gemacht.
Abdallah. Ich irre in einer ausgestorbenen Wüste, alles ist hin, was einst mein war, ich selbst habe mich verloren. Du hast mich Verachtung meiner selbst und der Welt gelehrt; wohin mit meiner Liebe, mit der ich sonst so warm die Natur umfaßte? —
Omar. Und muß denn Abdallah hassen, um lieben zu können? — Ich habe dir deinen Haß genommen und um so größer sollte deine Liebe sein; du sollst alles lieben, auch den, den die schmähende Welt mit Füßen tritt.
Abdallah. Alles? — Ach Omar, kann es der Mensch?
Omar. Er soll es wollen.
Abdallah. Mein Geist sträubt sich gegen diesen freudenleeren Glauben.
Omar. Weil er deinen Stolz kränkt. — Vieles ist gestürzt, auf das du bis itzt eingebildet dich für besser als tausend andre hieltest; es ist dir genommen und du sinkst zu den übrigen Menschen hinab. Aus Eigennutz bist du unzufrieden und bildest dir ein, es geschehe der Tugend wegen. —
Abdallah. Omar, du hast tief in meine Seele geschaut. — Kann aber die sterbliche Natur sich ganz vom Eigennutz losreißen? du sagtest selber, jeder handle nur für sich, bin ich daher nicht der erste Zweck meiner Entwürfe und müssen die übrigen Wesen nicht mir selber weichen?
Omar. Du sollst und kannst dich nie von dieser Schwäche trennen, — nur der Stolz sei dieser Eigennutz nicht; sei eigennützig im Genuß, ein Traum ist kein Genuß. —
Ein Sklave kam und rief Abdallah zu seinem Vater Selim.
Omar. Und verschließe diese Lehren tief in deine Brust, sie taugen für kein ander Ohr.
Abdallah. Für mich allein hast du also diese Trostlosigkeit ausgelesen?
Omar. Abdallah, sei nicht undankbar. — Der Weisere kann mich nur verstehn.
Abdallah ging.
Viertes Kapitel.
Selim saß in tiefen Gedanken, als Abdallah zu ihm hereintrat, er bemerkte seinen Sohn und stand auf. Ich habe dich rufen lassen, sagte er, um dir eine wichtige Nachricht anzukündigen; hat dir Omar nichts davon gesagt?
Nichts, antwortete Abdallah, — aber dieser Name den du genannt hast, lieber Vater, erinnert mich an eine Bitte, sage mir, wer ist dieser Omar?
Und wie kömmst du so plötzlich zu dieser Frage, fragte Selim, du kennst ihn schon so lange und noch nie ist es dir eingefallen, etwas näher von ihm unterrichtet zu sein.
Dieser Omar, antwortete Abdallah, ist mein zweiter Vater, nach dir lieb' ich ihn am meisten, ja vielleicht, wenn ich aufrichtig sein soll, habe ich zwischen dir und ihm meine Liebe ganz gleich vertheilt. — So tief meine Erinnerung in die Vergangenheit hinunterreicht, eben so lange kenne ich auch diesen Omar; er war der Spielgenosse meiner Kindheit und ist der Lehrer meiner Jugend, als Knabe konnt' ich mir Gott nie anders, als meinen Omar denken und itzt ist er mir ein Bild der Weisheit. Alles, was ich denke und weiß, habe ich aus ihm geschöpft, — ohne seine Liebe könnte ich nicht glücklich sein. — Er ist mir bekannter, als meine eigne Gestalt, sein Geist ist meiner Seele so vertraut, ich schmiege mich so kindlich an ihn, alle seine Züge hab' ich so oft betrachtet und tief in meine Seele geprägt, — nur gestern am Abend, war es die magische Nacht, die meine Einbildung mehr als gewöhnlich hob, — oder war es das nüchterne leere Erwachen von einem Schlummer, wo uns sogleich in der freien Landschaft hundert verworrene Gebilde entgegentreten; als ich gestern durch den Wald mit Omar zur Stadt zurückging, trat mich plötzlich das sonderbare Gefühl an, als wenn ein fremder Mann zu meiner Seite gehe, — ich war hundertmal im Begriff, meine Hand aus der seinigen zu ziehn, ich wagte es nicht, ihn anzusehn, der Schein der Nacht flatterte ungewiß um ihn her und verstellte alle seine bekannten Züge, — ich war aus mir selbst herausgerissen, — ich folgte ihm schaudernd.
Selim. In den Jahren, wo die Einbildungskraft unsre Amme ist, spielen tausend Schwärmereien und trügende Gefühle um uns her, die, wenn wir nach ihnen greifen, in Luft zerfließen und unsern Geist zu einer trägen, thatenlosen Beschaulichkeit führen. Der männliche Jüngling muß alle diese kindischen Einbildungen mit ernstem Blick zurückweisen, auf seiner Bahn ungestört weiter gehn und diesen Morgendünsten nicht einmal ein zurückgeworfenes Auge schenken.
Abdallah. Seit gestern aber beunruhigt mich der Gedanke. Sage mir, wer ist dieser Omar?
Ich will dir alles sagen, was ich von ihm weiß, antwortete Selim; du hast ihn bis itzt als deinen Lehrer und Freund geliebt, du wirst ihn nun auch als deinen Wohlthäter ehren. — Ali, der wie ein verzehrender Brand in dem Körper seines Landes wüthet, gegen den tausend Flüche der Wittwen und Waisen rastlos um den Thron Gottes schweben, Ali hatte auch mich unter Tausenden elend gemacht. Ich war reich und meine Schätze lockten seine Habsucht, er entriß mir alles, was ich besaß, — nur deine Mutter und du — weiter blieb mir in dieser Welt nichts übrig. Du warst damals einen Sommer alt und lächeltest am Busen deiner Mutter unverständig dem Elend entgegen. — Wir verließen die Stadt und wanderten über unbekannte Berge zu fremden Gegenden, der Jammer ging neben uns und reichte uns die ärmliche Nahrung, alle meine Freunde verließen mich, als hätten sie mich nie gekannt, Sorge und Dürftigkeit waren unsre einzigen unzertrennlichen Gefährten: so wandelten wir von Stadt zu Stadt und lebten kärglich von den Allmosen, die uns das Mitleid der Menschen zuwarf. — Ein stiller Gram wühlte unsichtbar in dem Herzen deiner Mutter, sie reichte mir lächelnd den Abschiedskuß — und ging nach einigen Stunden in ihre bessere Heimath zurück. Ich blieb mit meinem Unglück in der Einsamkeit.
Traurig schwieg Selim einige Zeit, dann fuhr er fort:
Sie ward begraben. Die Erde fiel feucht und schwer auf sie hinab, ein Dolch schnitt durch meine Seele, wenn du mit kindischem Lächeln nach deiner Mutter fragtest und an den Grabhügel pochtest, um sie wieder heraufzulocken; aber dein Lächeln war das letzte schwache Band, das mich damals an diese Welt zurück hielt, unverletzliche Pflichten sprachen mich aus deinem freundlichen Auge an, du lebtest noch und darum war mir das Leben noch etwas theuer. Ich konnte mich nicht aus der Gegend entfernen, in der Zamiri ruhte, ihr Geist schien dort zu schweben und mich in dem Wohnorte meines Grams zurück zu halten. — Ach Abdallah, es waren traurige Tage, — wenn das junge Morgenroth so glühend heraufstieg und zitternd auf mein schlafloses Auge schien, wenn der goldne Abend über die Berge zog und die traurige einsame Nacht mit hundert neuen Sorgen langsam aufstieg, — die Erinnerung dieser Tage, — der Mensch muß viel erdulden, aber sein Muth muß ihn nie verlassen.
Eine kleine Stille. Aufmerksam und traurig hörte Abdallah die Erzählung seines Vaters, dieser sprach dann weiter:
Ich besuchte täglich den Kirchhof, auf dem sie ruhte, ich betete andächtig auf ihrem Grabe und flehte um Stärke. Im innigsten Gefühle meines Elends saß ich einst auf dem Grabhügel, du spieltest unbefangen vor mir im tiefen Grase, die Vergangenheit trat freundlich auf mich zu und setzte sich traulich an meine Seite, unmännliche Thränen rannen heiß über meine Wangen und fielen auf gelbe Todtenblumen, die auf dem Grabe blühten. — Plötzlich sah' ich einen Derwisch, der sich mir aus dem Schatten der Bäume näherte. Er hatte mich in meinem Glücke oft besucht und in seiner Gegenwart empfand ich stets eine heilige Ehrfurcht, denn ein stiller Schauer hauchte mich an, als wenn aus ihm der Geist des Propheten wehte. Mein Unglück schien ihn zu rühren: Grabe, sprach er, hinter jenem verfallnen Hügel und ein neues Glück wird dir entgegenblühen. — Ich grub und fand einen großen Schatz, der mir mehr ersetzte, als mir Ali genommen hatte, — als ich dem Derwisch meinen heißen Dank bringen wollte, konnt' ich ihn nirgends entdecken — und dieser Derwisch ist Omar?
Abdallah. Omar?
Selim. Dein Lehrer Omar. — Ihm dank' ich alles, was ich besitze, alles was ich habe ist nur ein Gut, das er mir geliehen hat. — Ich ließ mich an der fernsten Gränze des Reiches nieder, veränderte meinen Namen und nannte mich Selim. Hier war ich vor Ali's Grausamkeit und Habsucht sicher, bis er nun seit einem Jahre seinen Wohnsitz verändert und sich hierher begeben hat. — Ich war itzt so glücklich als ich nur werden konnte, als nach dreien Jahren eine seltsame Erscheinung mein Haus besuchte. Ein hagrer ausgedörrter Greis reichte mir seine lange Hand, die wie ein Todtengebein klapperte, der Tod sahe aus seinen tiefen eingefallen Augen, kraftlos wankte der Schädel hin und her und seine Sprache war nur das Keuchen eines Sterbenden. Ich erschrack bei diesem Anblick des Jammers und erst nach langer Zeit erkannte ich in diesem Todtengerippe — deinen Omar.
Abdallah. Omar?
Selim. Ich nahm ihn auf, wie meinen Wohlthäter, verpflegte ihn wie einen Vater, bis er von seiner Siechheit genaß. Als seine Gesundheit und seine Kräfte zurückgekehrt waren, nahm er freundschaftlich meine Hand und sagte: »du bist mein Wohlthäter Selim, du hast mein Leben gerettet und ich will nicht undankbar sein; du hast einen Sohn, ihm will ich bezahlen, was ich dem Vater nicht bezahlen kann.« So ward unser Wohlthäter dein Gespiele, dein Lehrer, dein Freund.
Abdallah stand nachdenkend. Eine neue Dankbarkeit band ihn fester an Omar und hing an seine Lehren ein noch größeres Gewicht; seines Lehrers Tugend war unbezweifelt, um so zuverläßiger mußte also seine Weisheit werden; der Lasterhafte, der die Tugend läugnet, wird nicht gehört, aber wenn der Edle dem Bösewicht die Hand reicht und ihn ungescheut Bruder nennt, dann zagt die stolze Tugend und sieht zweifelhaft in ihr Innres.
Du schweigst, begann Selim von neuem, bist du nun nicht begierig, die Nachricht zu hören, die ich dir anzukündigen hatte?
Abdallah. Verzeih mein Vater — ich höre. —
Selim. Du sollst dich vermählen.
Abdallah. Dein Gebot ist mein Wille.
Selim. Des edlen Abubekers Tochter.
Abdallah. Du willst es und sie ist meine Gattin.
Selim. Diesen Gehorsam hatte ich von dir erwartet, mein Sohn. Abdallah wird seines Vaters Liebe nicht mit Undank vergelten.
Abdallah. Nein, nie mein Vater.
Selim. Du liebst also nicht, mein Sohn?
Abdallah. Ich liebe nur dich und Omar. —
Selim. Laß diese kindliche Liebe nie in deinem Busen verlöschen. — Abubekers Tochter, — oder meinen Fluch!
Selim sahe ihn mit einem durchbohrenden halberzürnenden Blick an, den Abdallah nicht verstand. Es war ein kalter fester Blick, der sich unauslöschlich mit dem fürchterlichen Worte Fluch in Abdallah's Gedächtniß grub; bei diesem Blicke kehrte plötzlich wie ein Blitzstrahl die sonderbare Unbekanntschaft mit Omar in seine Seele zurück, — als dieser hereintrat.
Er sahe ihn an und es war ganz wieder der alte, freundliche, bekannte Omar; er ging froh hinweg und alle seine ängstlichen Besorgnisse waren verschwunden.
Fünftes Kapitel.
Itzt trat auch Abubeker in das Zimmer und mit ihm mehrere von seinen und Selim's Freunden.
Abubeker war ein Greis von siebenzig Jahren, sein Gesicht war lang und hager, sein Auge sanft und sein silberweißer Bart sank ehrwürdig auf seine Brust herab. Schon seit langer Zeit war er der Welt abgestorben, ohne daß er sie, oder sie ihn vermißte; er lebte mit seiner Tochter in einer häuslichen Einsamkeit, nur von seinen Freunden gekannt und geehrt. Er war im Felde erzogen und unter der Rüstung ein Greis geworden, die Feinde hatten seine Tapferkeit gefürchtet und in seinem männlichen Alter war Abubekers Name durch das ganze Land bekannt gewesen; aber mit den Diensten des Feldherrn verschwindet zugleich der Dank des Volkes, der Ruhm gleicht dem Nebel, der sich über das ganze Gefilde auseinander wickelt und am weitesten ausgestreckt, verschwindet. Im Lager und in Schlachten hatte Abubeker seinen Geist nur wenig bilden können, er dachte daher nur langsam und beharrte unerschütterlich auf jede gefaßte Meinung, jede seiner Überzeugungen ließ er sich ungern nehmen und eine neue an ihre Stelle setzen: denn das, worüber er einmal gedacht hatte, schien ihm die einzige und letzte Wahrheit.
Selim bewillkommte ihn und seine Begleiter, und alle setzten sich.
Eine kleine Stille weilte über die Versammlung, als Selim endlich aufstand, Abubekers Hand ergriff und wie von einem heiligen Feuer ergriffen, also redete:
Abubeker, du bist mein Freund und was mehr ist, ein wackrer Mann; das seid Ihr alle, die Ihr zugegen seid, und wäre einer unter uns, der dies große Gefühl nicht in seinem Busen trüge, der entferne sich, ehe ich weiter spreche, denn meine Worte taugen für kein unedles Ohr. — Aber nein, — die edelsten Männer des Staats sind hier versammelt und darum sollen ungescheut meine Gedanken und Worte einerlei Weg wandeln. Zum Biedermanne muß der Biedermann ohne Umschweif sprechen, und eben dies war die Ursach meiner Einladung.
Alle schwiegen; Selim stand und sahe in der Versammlung umher, dann fuhr er fort:
Abubeker, du erinnerst dich vielleicht noch der goldnen Tage, als der Scepter des weisen Alfargo dieses Land beherrschte, als ein ewiger Friede an den Gränzen des Reiches wachte, als eine unzerbrechliche Treue alle Unterthanen in ein schönes Band vereinte und die Rüstung des Fürsten war, als das Glück in unsern Häusern wohnte, als — wozu der schönen Erinnerung, Freunde? diese Zeit war und ist nicht mehr, der Sonnenstrahl, der scheu an des Gefängnisses Mauern zittert, macht dem Gefangenen den Kerker enger, diese Erinnerung ist uns das, was dem verirrten Wandrer in der Sturmnacht das ausgelöschte Licht. Wir waren glücklich, aus diesem Gedanken springt die traurige Überzeugung: wir sind unglücklich! — Wie beim Gewitter hängt die Luft schwer und drückend über unserm Vaterlande, die Arbeiter haben furchtsam das Feld verlassen und verbergen sich in Höhlen, das Gras zittert leise dem kommenden Sturm, die ganze Natur athmet schwer und harrt mit banger Ungeduld dem einbrechenden Wetter. — Dies ist das Bild unsers Vaterlandes, Freunde; kein Gesicht lächelt, als das der unverständigen Kinder, kein Auge glänzt, als das Auge des Sterbenden, keine Fröhlichkeit lacht aus betrübten Herzen, — traurig, mit gesenktem Haupte, in uns selbst versunken, von keinem heitern Gefühl aus unsern schwarzen Träumen geweckt, stehn wir verlassen auf einer spitzen, meerumheulten Klippe und klagen in das wilde Rauschen der See. — Und warum hängen unsre Thränen so schwer an den rothgeweinten Augenliedern? Warum schwellen unterdrückte Seufzer unsre Brust so hoch? — Sind die blühenden Felder um uns her Wüsten von Sand geworden? Entfaltet die Sonne nicht mehr ihren Mantel über dieses Reich? Hängt eine verzehrende Seuche über unsern Häuptern? Sind unsre Freunde verschieden? —
Ach ja, unsre Freunde sind verschieden, eine Pest schaut wild auf uns herab, die Sonne ist uns untergegangen und die Blüthe unsrer Fluren ist dahin! Ein liebliches Morgenroth spielte im fröhlichen Wogengeräusch um uns her, die Fluth sinkt zurück und unser Nachen steht auf einem dürren Felsengrund eingeklammert. — Das Glück hat uns seine Hand zum ewigen Abschied gereicht und wir sehen mißvergnügt seinem Scheiden nach. — Und tröstet uns denn kein Ersatz über unsern Verlust und sind wir auch nicht einmal begierig, die Ursach unsers Elends zu erfahren?
O zum Allgütigen laßt eure Klagen nicht dringen, denn er zürnt uns nicht, die freigebige Natur hält keine karge Hand über uns ausgestreckt. — Aber welche übermenschliche Gewalt schnürt unsre Brust so mächtig zusammen? Wer schlägt dies verfinsternde Gewölbe um uns her? — O daß ich es schaamroth aussprechen muß, — ein Fremder würde staunend unsrer Schwachheit spotten, — ein Mensch!
Ihm tragen unsre Felder, zu ihm fließt, wie zu einem geizigen Meere, alle unsre Arbeit zurück, wir leben nur für ihn, für den Einzigen kämpfen im unnützen Streit alle unsre Kräfte. — Ihm hast du, dem Undankbaren, deine Schlachten gefochten, Abubeker, er ist die Pest, die das Land verzehrt, hinter seinem Thron ist unsre Sonne untergegangen, in seiner fürchterlichen Allmacht liegt der Tod aller unsrer Freunde. — Leben und Vernichtung hält er auf der verfälschten Wage, an seinen Launen hängt schwankend unser Glück, Gewitter donnern aus seinem zürnenden Auge, das Lächeln seines Mundes ist unsre erquickende Frühlingssonne, seine Worte des Ewigen unveränderliche Gesetze, — wir stehn da, und fühlen daß wir elend sind, und o der Schande! — wir begnügen uns damit, daß wir es fühlen!
Sind wir alle schon so tief in Kraftlosigkeit versunken, daß wir auch nicht einmal murren? Sind wir uns so fremd geworden, daß wir auch nicht einmal unser Schicksal geändert wünschen? Daß wir uns mit dem begnügen, was er uns aus der Verheerung zurückwirft und uns der Gnade freuen, die uns noch unter den Trümmern unsrer vorigen Heimath zu wandeln vergönnt? Die Schlange verwundet wüthend die Ferse ihres Mörders, die schuldlose Taube kämpft ohnmächtig gegen den Zerstörer ihres Nestes, ja der zertretene Wurm krümmt sich zürnend unter dem Fuße des Wandrers — und wir! — Wer ist der Schändliche, der sich nicht der Ketten schämte und sie gern von seinen Armen streifte? — O er gehe hin und erzähle Ali meine Rede!
Sklave und freier Bürger sind in unsern Zeiten gleich, das Reich kennt nur einen freien, wir alle sind seine Sklaven, das Vaterland und seine Bürger sind in dem Einzigen untergegangen, unsre Wünsche knien vor seinem Willen, das hohe Recht, das jeder Mensch mit auf die Welt bringt, haben wir an diesen Betrüger verspielt. Unser Dasein können wir nicht Leben nennen, wir sind todte Massen ohne eignen Willen, Steine, die ein muthwilliger Knabe zum Spielwerk am Abend in das Meer wirft. — — Und wer ist dieser Allgewaltige? Ein Riese mit ehernem Körper, von dem zerbrochen jeder Stahl zurückprallt? — Nein, eine Sammlung Staub, wie wir, von einem aufgehobnen Arm auf ewig zu Boden gestürzt.
Wo ist der Muth, der in unsern Vätern focht und die Feinde erzittern machte? Sind alle Dolche stumpf? Ist keiner mehr, der zu den Waffen greift und sich und seine Brüder rächt? Keiner? — O ich habe mich geirrt, ich vergaß, daß ich jetzo lebe, itzt, wo Knechtschaft ehrt, wo unser höchster Wunsch ist, der schändlichste seiner Sklaven zu werden. — Die Zeit hat ihren Kreis gemacht und alles Edle aus unsern Jahren hinweggenommen, nur mich Unglücklichen hat sie einsam stehen lassen.
Er schwieg. — Die Männer glühten, die Arme der Jünglinge zuckten unwillkührlich. In vielen Augen stand die Thräne der hohen Begeisterung, viele wollten aufspringen und ihre Dolche schwenken, als der weise Abubeker mit langsamer bedächtiger Stimme also sprach:
Selim, deine Stimme ist die Stimme der Wahrheit, das Reich ist unglücklich, die Tyrannei herrscht mit erschlichener Gewalt von ihrem Thron herab, das Volk seufzt tiefgebückt unter dem ehernen Joch, — aber höre mich als Freund und zürne nicht. — Ich stehe auf einem hohen Gipfel, von dem ich über so manche Jahre hinweg sehe, die zu meinen Füßen ausgebreitet liegen, das Alter und die Erfahrung tritt endlich an die Stelle der Weisheit. — Hast du nie, Selim, eine Fluth gesehn, die verheerend das Gefilde überschwemmt, und es gedüngt und fruchtbarer wieder verläßt? Einen Stamm, den der Blitz verbrennt und aus dessen Asche ein schönerer mit frischer Kraft hervorschießt? — In dem gegenwärtigen Übel liegt oft die Geburt eines künftigen Glücks, nur daß das sterbliche Auge nicht durch die Dunkelheit der Zukunft dringt, daß unser kleiner Blick nur das umfaßt, was vor uns, nicht, was oft dicht daneben liegt. — Schon vielen Völkern sandte der Herr zur Züchtigung einen eisernen Scepter und schon viele erkennten die bessernde Hand. — Ali ist vielleicht nur der Abgesandte einer höhern Macht, der uns von dorther den Krieg ankündigt: können wir rebellisch gegen den Ewigen aufstehn und seine weisen Plane meistern und verwerfen? Ziemt es dem Sklaven, seinen Herrn zur Rechenschaft zu ziehn? — Tausend Diener horchen auf das Gebot des Unendlichen und vollbringen die Befehle seines Zorns. Er darf nur winken und Ali wird vom Blitz durchbohrt, vom Sturm zerrissen. Er vermag die Erde aus ihren Angeln zu heben, und im Unmuth mit dem Hauch seines Mundes gegen die Gränze des Weltalls zu zerschmettern, — und er sollte nicht einen Staub zum Staube wieder hinabsenden, wenn es sein Wille wäre? — Nein, wir wollen dulden, Selim, und im Dulden unsre große Seele zeigen. Rache brüllt nur aus den Thieren, der Mensch dulde und verzeihe! —
O Greis! rief Selim aus, das Alter, das alle unsre Kräfte verzehrt, spricht aus dir. Der Stunden, die du noch zu leben hast, sind dir zu wenige, um für sie zu handeln, — aber unsre Kinder, Abubeker!
Abubeker. Wacht nicht über sie das große Auge, das sich niemals schließt? — Laß sie die Tugend und Gott verehren und sie können nicht elend werden.
Selim wandte sich unwillig hinweg und Omar fing an zu sprechen:
Du sprachst mit tiefer Weisheit, Abubeker, die Hand aus den Wolken lenkt oft sichtbar die Schicksale der Menschen, das dunkle Verhängniß tritt oft aus seiner Finsterniß hervor, und zwingt selbst den kühnsten Zweifler zur schaudernden Verehrung.
Selim. Und auch du, Omar? der du meinen großen Entwurf zuerst zur Reife brachtest?
Omar. Oft aber waltet die Allmacht in ihrer Undurchdringlichkeit und lagert vor die frechen Augen Finsternisse um sich her. Oft tritt das unerbittliche Schicksal zurück, es zerreißt den Faden, an dem es den Menschen lenkt und läßt ihn ohne Leitung gehn. Dann schaut es auf den Weg des Wandrers herab und zeichnet ihn mit ewigen Zügen auf der unvergänglichen Tafel. Dann wird des Menschen Name unter die Seeligen oder Verdammten eingeschrieben, ohne fremden Druck stehn aus dem Herzen die Tugend oder das Laster auf.
Abubeker. Ich fasse den Sinn deiner Rede, Omar. Wenn das ewige unwandelbare Schicksal niemals den Menschen aus seiner Hand ließe, dann trieben wir einen reissenden Strom hinab, der ohne unsre Schuld den Nachen vielleicht an einen Fels zerschellte, oder in die See versenkte.
Omar. Alle Widersprüche vereinten sich dann in einen Mittelpunkt, die ganze Natur wäre eine Flöte, auf der ewig die Töne des schaffenden Künstlers erklängen, keine That gehörte uns, unschuldig kehrten alle zum Schöpfer zurück. — Nein, Abubeker, wenn der Ewige auch nach seiner Güte das Laster zuläßt, so ist er es doch nicht selbst, der den Lasterhaften führt, das hieße ihn aus seinem Wesen hinausschelten, denn er ist ja das Gute selbst; blind ihn aus seinem Glanz vernünfteln, mit eben der Vernunft, die er uns lieh, ihn zu erkennen.
Abubeker. Ein Irrthum täuschte mich, Omar.
Omar. Ein Athem seines Wesens streifte leise den irdischen Staub und es entstand der Mensch. Dieser göttliche Funke, der aus der Nacht sich ihm freundlich zugesellte, ist es, der ihn aus den Thieren des Waldes, den Bäumen und Felsenwänden heraushebt, dieses ist das große Zeichen, an dem die Menschen sich erkennen, das untrügliche Unterpfand, daß uns jenseit ein neues Leben entgegentrete, wenn die Seele hier den Staub wieder von sich abschüttelt und zürnend das Thal verläßt, um einen schönern Hügel zu ersteigen.
Abubeker. Deine Worte wecken in meiner Seele eine Sonne, die das Dunkel erleuchtet.
Omar. Dieser Verstand lehrt uns die Wunder der Natur finden. Wie der Schnecke und dem Wurme Fühlhörner gegeben sind, um ihre Nahrung zu suchen und ihre Feinde zu fliehen, so verlieh der Gütige dem Menschen den Verstand. Der Zweck des Wurmes ist das Leben, dem edleren Menschen ist das Leben nur ein Weg, aus dem er zu seinem Endzweck geht: durch seinen Verstand sich selbst und Gott erkennen; je näher er diesem Ziele gekommen ist, je mehr hat er die Krone des Siegers verdient. — Ohne diesen Stern, der unser Schiff regiert, lebten wir, wie der Maulwurf, unter tausend Wundern, ohne sie zu bemerken. — Die Kraft der Heilung liegt in tausend Pflanzen ausgegossen, aber der Schöpfer tritt uns nicht unmittelbar in den Weg; die schwache menschliche Natur würde zu sehr vor ihm zusammenschaudern, er legt seine Furchtbarkeit ab und in schönen Blüthen findet der Verstand des Menschen die Kraft des Gütigen wieder, und Tod und Krankheiten fliehen vor dem wohlbekannten, allbelebenden Hauch, der ihnen aus den Kräutern entgegen duftet.
Abubeker. Deine Gedanken über den Ewigen sind wie der Schein des Mondes, sie leuchten auf den Pfad, ohne zu blenden, du verschlingst die Allmacht mit der Lieblichkeit und vor dem wonnevollen Bilde kann der Mensch anbetend in tiefer Ehrfurcht knien, und es zugleich lieben.
Omar. Der Verstand regiert wie ein Steuermann unsern Willen gegen Wind und Wogen der Leidenschaften und des Unglücks. — Der Verstand formt aus dem ungestellten Zufall eine Säule; statt uns selbst die Hand zu reichen und durch das Dunkel zu führen, haucht der Ewige an diesen Funken und er leuchtet heller. — Dann werden große und edle Thaten geboren, Tyrannenthronen gestürzt, des Vaterlandes Feinde geschlagen, Völker besiegt und des Propheten Glaube über Meere getragen. — Diesen Fingerzeig der Gottheit nicht achten, heißt seiner Güte spotten, da er uns einen Schatz anvertraute, den wir nicht benutzen, dann wird er uns einst schwer zur Rechenschaft ziehen, daß wir ein Gut verachteten, das uns ihm ähnlich macht. — Es waren Propheten, die die Zukunft weissagten von Gottes Athem angeweht: wenn nur der Ewige selbst in unsre Seelen diese Gedanken gesendet hätte, wenn er durch uns Ali strafen und das Reich wieder glücklich machen wollte und seine Allmacht dabei unsichtbar erhalten, wenn wir die Pflanzen wären, aus denen der Gütige mittelbar Genesung unsern Brüdern zusendete?
Abubeker dachte tief den Worten Omar's nach, die übrigen horchten aufmerksam auf seine Rede.
Omar. Ist es dann nicht unsre Pflicht, seinem Wink zu folgen und unverzeihliche Trägheit, wenn wir die Arbeit, die er uns in den Weg legt, verdrossen liegen lassen? — Auf dann! tretet alle Zweifel unter euch, beginnt das Werk und sagt der Ewige »Nein« zu unsrer That, — nun, dann wird das Unglück unsern Schritten folgen und uns von seinem Zorne Nachricht bringen.
Abubeker. Du hast mich überwunden, Omar, ich gebe deiner Weisheit nach.
Omar. Ha! wenn wir keine Leuchte hätten, die uns durch die Nacht begleitete! — aber wir tragen sie in unserm Busen. — Glaubet! ruft uns der Ewige selbst zu — und handelt nach eurem Glauben und Herzen! Daher jagt das nagende Gewissen den Bösewicht, dies ist der gute Engel, der den Menschen zu edeln Thaten winkt. — Ein jeder muß nach seiner Überzeugung handeln — und wer glaubt nicht, daß wir alle glücklicher wären, wenn Ali von seinem Thron herunterstiege? Unser Recht? — o er hat unser Recht verletzt, er hat unsre Menschheit gekränkt, er zwingt uns, unser Wort zu brechen, das wir ihm gaben, er ist unser Feind, nicht unser Fürst. Wir scheuchen das Unglück über die fernen Gebirge, das itzt so dräuend über uns hängt, wir sind die Retter unsers Vaterlandes, aus seinem Grabe wird das Glück dann wieder auferstehn und uns dafür belohnen, unsre Brüder werden Freudenthränen weinen, — ha! wer steht noch müssig? Wer kann noch furchtsam zurückzagen? — Nein, Abubeker, Freunde, — wir wollen nicht die Krone von Ali's Haupte reissen, wir müssen es, — das Land liegt kniend zu unsern Füßen, des Ewigen ernstes Auge schaut anmahnend auf uns herab, die Nothwendigkeit reicht uns den blutigen Dolch, — wir können nicht zurücktreten und den furchtbaren Arm von uns weisen.
Selim. Nein, wir können, wir dürfen es nicht. Die Gefahr streckt uns ihren Rachen entgegen, — stürzt auf sie zu, Freunde, sie verherrlicht unsern Triumph! Welcher Feige würde nicht mit dem Edlen um jeglichen Kampfpreis ringen, wenn die Furchtbarkeit nicht die große nie zerfallende Scheidemauer zöge? Daß wir unser Leben wagen, o das ist es, was unser Unternehmen zu einer großen That stempelt, das ist es, warum sie Männer und keine Knaben fordert. Das Glück schwebt um uns her; faßt mit starkem Arm den ehernen Ring und haltet ihn fest, — dreht er sich allmächtig weiter, — nun was können wir mehr als sterben? Und können wir in tausend Jahrhunderten einen ruhmvollern Tod finden, als im Kampf mit der Tyrannei dahinzusinken? — O wem das Leben das höchste Gut ist, der mag zagen, ihm sei es erlaubt zu zittern, er mag sich hinter Ali's Thron verkriechen und sich fest an seine Ketten klammern und an den Pfahl, an dem er gefesselt ist, — wir kämpfen, siegen oder sterben für's Vaterland und unsre Brüder, — das Schild am Arm, den Säbel in der Faust stürzen wir vor Ali hin und fordern uns selbst von ihm zurück, — wir verschwinden in dem großen Ganzen, eine Woge im Meer; was liegt an mir, wenn ich auch untergehe? — Die Gefahr nicht achten, heißt sie tödten; sich selber muß der Edle freudig seinen Brüdern opfern können. — Wer so denkt, der reiche mir seine Rechte!
Alle sprangen auf, man lief eilig durcheinander, jeder wollte der Erste sein, der die Hand des edlen Selim faßte. — Es ist kein Schändlicher unter uns! riefen alle, wie aus einem Munde, auch Abubeker trat hinzu und umarmte Selim und Omar. Eine große Begeisterung wandelte durch den Saal, alle Gesichter glühten, alle Augen funkelten.
Brüder! rief Selim aus, — das Loos ist gefallen! — Er kniete nieder. — Hier schwör' ich bei dem Ewigen und seinem Propheten, bis auf meine letzte Lebenskraft gegen Ali zu kämpfen, mein Vaterland zu retten oder zu sterben!
Alle knieten und schwuren ihm den großen Eid nach, dann umarmten sie sich von neuem, drückten sich die Hand und küßten sich wie Brüder. Ein Gedanke lebte in allen Seelen, eine Entzückung, ein Geist wehte durch die ganze Versammlung.
Freunde! sprach Omar, — und wer soll denn an Ali's Stelle treten und eine neue Sonne über unser Reich heraufgehn lassen.
Alle schwiegen und Omar fuhr fort.
Das unmündige Volk bedarf eines Führers, ohne Oberhaupt würde es sich selber vernichten. Ein weiser Mann muß an der Spitze stehn, der alle die schweifenden Kräfte in einen Mittelpunkt sammelt, die sonst unnütz an tausend mannichfaltigen Gegenständen zerschellen. — Ihr kennt Selims Weisheit, seinen Muth, seine Güte und Menschenliebe. Er betrete den verwaisten Thron, er werfe unser Elend in das unergründete Meer und wecke das Glück aus seinem Schlummer. — Wer andrer Meinung ist, der spreche!
Du thust mir Unrecht, rief Selim, als alle schwiegen; warlich Omar, deine Worte schmerzen mich tief. — Hat denn Ehrgeiz oder Herrschsucht meine Gedanken geleitet? Bin ich der einzige Edle in dieser Versammlung? — Ich widerspreche dir hier laut, ich widerspreche euch allen, wenn ihr ihm beistimmt. — Der Unbetrügliche sieht mein Herz, beim Grabe seines Propheten schwör' ich hier, — durch meinen Tod, ja durch meine Schande wollt' ich Euer Elend von mir kaufen, ungenannt sterben und vergessen werden. Ich selbst war bei diesem Entwurf mein letzter Gedanke. — Omar, wie konntest du dem weisen, tapfern, erfahrnen Abubeker vorübergehen? — Hier steht unser Herrscher! Er verdient das Diadem zu tragen, das Ali entweiht. —
Er warf sich vor dem Greise nieder und berührte mit der Stirn dreimal den Boden, alle übrigen folgten seinem Beispiel. Der erstaunte Abubeker war gerührt und konnte ihnen nur durch Thränen antworten.
Du bist unser, Abubeker, sprach Selim, freiwillig zu uns herübergetreten, von keinem äußern Zwange gedrückt. Der Edle muß aus eignem Willen handeln, und damit auch nicht der kleinste Schein von Eigennutz auf dich fiele, hab' ich dir noch eine Nachricht vorbehalten, die du itzt erfahren sollst. — Ali, nach deinen Schätzen begierig, hat das Ziel deines Lebens näher rücken wollen; Omar hat durch seine Weisheit diesen Anschlag vernichtet und dich uns gerettet.
Der Greis Abubeker drückte ihm schweigend die Hand. — Selim, sprach er dann, ich bin dir sehr viel schuldig, dir dank' ich meinen Reichthum, du wandest ihn aus den Händen ungerechter Feinde, du schütztest mein Leben gegen einen Räuber, dessen Säbel schon über meinen Schädel blinkte, — erinnerst du dich noch jener Tage, als wir uns ewige, unzerbrechliche Freundschaft schwuren. Wir haben unsern Eid gehalten und wollen ihn noch ferner halten. — Damals schwurst du feierlich in meine Hand, dein Sohn Abdallah sollte der Gatte meiner Tochter werden, ist es noch dein Wille?
Selim. Ich schwur und ich hätte keinen Willen mehr, wenn es nicht mein sehnlichster Wunsch, mein freudenvollster Gedanke wäre.
Abubeker. Mein Kind vermählt sich deinem Sohne.
Selim. Und wenn auch das Unglück uns verfolgt, auch wenn ich tausend Schätze besäße und du wärst eben so elend, wie ich einst war, — sie wird meine Tochter, — nimm dies Versprechen noch einmal vor dieser feierlichen Versammlung.
Abubeker. Eben dies verspreche ich dir, wackrer Selim. — Dein Sohn wird der meinige, — aber wo ist er? Meine Augen haben ihn schon vorher vermißt. Sollte er keinen Theil an diesem großen Schauspiel nehmen?
Omar trat hervor. — Der zarte gefühlvolle Jüngling, sprach er, taugt noch nicht für Männer Unternehmungen. Tausend zärtliche Besorgnisse für seinen Vater würden sein Innres zerreissen; sein Geist steht itzt noch in der Blüthe und kann noch keine Früchte treiben; diese Gedanken würden ihm Ruhe und Schlaf rauben und seine Hülfe würde uns unmerklich sein. — So tragen wir ihn schlummernd den steilen Fels hinan, auf dem ein Schwindel ihn wachend seiner Vernunft berauben würde. Wenn er oben steht, dann wecken wir ihn sanft und er wird uns unsre zärtliche Sorgfalt danken.
Alle stimmten ihm bei und man beschloß am folgenden Tage sich von neuem zu versammeln, um über die Mittel zur Ausführung ihres Entwurfs zu berathschlagen. Dann ging man froh auseinander und ein jeder nahm große Gedanken und schöne Entwürfe in seiner Brust verschlossen mit sich.
Sechstes Kapitel.
So untergruben Selim und Omar den Thron Ali's; unbefangen ging Abdallah neben allen Gefahren hin, die er nicht sahe, das Gewitter zog sich in schwarzen krausen Wolken über ihn zusammen, aber er hörte nicht den Sturm, der von allen Bergen her die Dämpfe zusammenjagte, unbesorgt ging er in seiner Unwissenheit dreist einher, wo er, in das Geheimniß der Verschwörung eingeweiht, sorgsam prüfend den Fuß auf die schwankende Brücke gesetzt hätte und zitternd sich umgesehn, ob nicht unter ihm die Pfeiler stürzten.
Der Sonnenschein hatte ihn aus seinem Hause gelockt, er wollte eben die Stadt verlassen, als ihm Raschid begegnete.
Sei mir willkommen Freund! rief ihm Abdallah entgegen.
Raschid war traurig wie gewöhnlich und erwiederte Abdallah's Gruß mit niedergeschlagenem Blicke.
Du bist traurig, sprach Abdallah, komm mit mir in die schöne Natur, der Frühling wird dich heitrer machen.
Itzt nicht, antwortete Raschid, nöthige Geschäfte rufen mich zu Ali; aber wenn die Sonne untergeht, dann erwarte mich auf der steinernen Bank, dem Pallast gegen über. — Er entfernte sich schnell und Abdallah ging durch die Thore der Stadt.
Der schönste Frühlingstag war aus dem Meer emporgestiegen, die Luft athmete lau, Düfte von tausend Blumen lagen auf den Schwingen des Westwindes, über die Berge war der glänzende Himmel wie ein blaues Zelt ausgespannt, unter welchem lichte Wolken in leichter Bewegung tanzten. — Itzt hatte er einen Hügel erstiegen, der die schönste Gegend übersahe. Ein Thal schmiegte sich zwischen waldbewachsnen Bergen, der Wald rauschte ernst und feierlich und durch sein zitterndes Grün blinkte ein Strom verstohlen hervor, der bald verschwand und dann wieder schön gekrümmt wie ein weiter See im Sonnenschein glänzte. Friedliche Hütten lagen traulich unter den Zweigen der Bäume, der Sonnenschein spielte in mannichfaltigen Strahlen auf das frische Grün des Rasens, das bald heller bald dunkler sich den Hügel hinuntergoß, Cedern standen feierlich schwarz auf den Bergen, die den Horizont begränzten. Alle Wesen, von der Fliege die im Sonnenschein summte bis zum Hirsch im Walde und dem Adler in den Wolken, waren froh und glücklich, von jedem Zweige des Waldes rauschte die Freude, in tausend Gesängen bunter Vögel zwitscherte sie in das Geräusch der Waldung.
Abdallah stand und betrachtete mit Entzücken die glanzumschlungne Gegend. O der schönen Welt! rief er endlich aus. Wie freundlich es aus dem Thale zu mir heraufweht! Wie göttlich diese Wonne mich, wie ihren Freund, umarmt! Alle meine Sorgen liegen unbedeutend weit hinter mir, alle meine Sinne thun sich dem wohlthätigen großen Gefühle auf. — Welch ein Feuer in meinem Busen lodert! Wie tausend flammende Empfindungen zum Herzen strömen! — O unglückseliges Gedächtniß! — Nur Tod brütete in dieser unendlichen Pracht? — Mein Geist nur ein leiserer Ton von dem, der im Walde rauscht? — Mit dieser funkensprühenden Begeistrung bin ich nichts mehr, als dieser Strauch? Und doch drängt sich alles so zu mir herauf, alles kniet vor mir und meinen Gefühlen nieder, in meinen Empfindungen schwimmt ein ätherischer Glanz, der von mir selbst Bewunderung erzwingt, ich schlage an die goldnen Saiten der Natur und verstehe den großen Klang, — ja, ich bin ein edler Wesen, als die todten stummen Massen, — hinweg mit dir du Weisheit, die mich verschmachten läßt, — du raubst mir den Genuß, und Genuß ist ja das erste und letzte Ziel dieses Erdenlebens.
Er lagerte sich am grünen Abhang des Hügels und schaute in die unendlichen Reize hinaus, die sich nach und nach dem aufmerksamen Auge unaufhörlich auseinander wickelten. — Eine heilige Ruhe schwebte mit leisem Fittig über die Gegend, hundert neue Schönheiten gossen sich aus, wenn sich der Schatten vor den Wald hin ausstreckte und die Berge höher hinanlief, über das weite Gefilde lagen Dunkel und Sonnenschein freundlich zusammen und wechselten und spielten durch einander. Ein gelber schräger Sonnenstrahl schimmerte gebrochen durch die fernen Cedern und erglühte durch die Zweige wie Flammenstreifen auf dem grünen Berg, die im Rauschen des Waldes funkelnd auf und nieder zuckten.
O! daß ich mich stürzen könnte in das Meer der unermeßnen Göttlichkeit! rief der wonnetrunkene Abdallah, — diese tausendfachen Schätze in meinen Busen saugen! Könnt' ich sie fesseln und ewig wach erhalten in meiner Brust diese göttlichen Gefühle, die itzt durch meine Seele zittern! Ach, daß der Gesang durch die Laute rauscht und nachher verstummt! — Ich höre das Pochen meines ungeduldigen Geistes: was ist diese unnennbare unausfüllbare Leere, die mich stets im Genusse so kalt und todt ergreift? Ein fremdes Streben ringt mit meiner Begeisterung und wirft sie nieder. Ich schwindle auf der Freude höchsten Gipfel und stürze in den Staub betäubt zurück. — Alle meine Gefühle drängen mich weiter hinaus zu einem unbekannten Etwas, zuweilen flattert unstät ein Schein durch die Dämmerung und wie eine holdselige Erinnerung winkt es mir zu, — aber er verlischt plötzlich und die ungestümen Wogen wälzen sich von neuem durcheinander.
Ein Abendwind bließ durch die Waldung, ein rother Duft schwebte um den Horizont, die ungewissen Widerscheine flossen nach und nach zusammen und ein Kranz von Gold, Purpur und Violet flocht sich rund um die Stirn des Himmels. Ein friedlicher Rauch stieg aus den Hütten und vermischte sich mit dem Nebel, der leise und langsam über die Fluren schritt und in tausend blendenden Sternen flimmerte, von einem Sonnenstrahl durchbrochen. Ein Schäfer zog mit seiner klingenden Heerde den Abhang herauf und seine einsame Flöte tönte sanft in das Thal hinab.
Abdallah ging mit seinen Träumen zur Stadt zurück, das Rauschen des Waldes hallte ihm noch immer wieder, in sein Ohr tönte noch die Flöte, die vom Berg herab ihm mit ihren Melodieen flüsternd gefolgt war.
Er setzte sich auf die steinerne Bank, dem Pallast des Sultan's gegenüber, in tausend verworrenen Gefühlen versunken. Die Leere der Stadt mit ihrem abendlichen Geräusch und der lärmenden Emsigkeit umgab ihn, die Kaufleute verschlossen ihre Thüren, der Handwerker verließ seine Läden, die Ausrufer gingen durch die Straßen, von den Moscheen ward die Stunde zum Gebet gerufen und durch das verwirrte bedeutungslose Getöse hallte ihm noch wehmüthig froh der Flötenklang, in das Bild der dämmernden Straßen schwamm noch ein Wiederschein von der reizenden Landschaft und bildete eine Gestalt, die ihn mit schwermüthigem Lächeln ansah. Das Getön einer Thür riß ihn aus seinen Träumen, er schlug die Augen auf und sahe — Zulma, des Sultans Tochter.
Schlank und mit majestätischer Anmuth trat sie herbei, um auf dem Altan die Blumen und jungen Citronenbäume zu begießen und auf einen Augenblick die Kühlung des Abends einzuathmen. Ihr dunkles Haar floß geringelt auf ihre Schultern, ihr schwarzes Auge brannte wie ein Stern durch die Wolkennacht. Um ihre zarten Lippen spielte eine süße Freundlichkeit und die Liebe selbst legte den Mund in das lieblichste Lächeln.
Weitgeöffnet starrte Abdallah's Auge zum Altan hinauf, er verschlang mit glühendem Blicke die reizende Gestalt und jede ihrer kleinsten Bewegungen, er glaubte ein Seeliger des Paradieses zu sein und in Zulma die schönste der Houris zu sehn, — unter ihm hätte ein Erdbeben unergründliche Schlünde reißen können — er hätte es nicht gefühlt, — hätten tausend Donner um ihn her gebrüllt, — er hätte sie nicht gehört, — alle seine Sinne waren todt, sein Geist war aus seinem Körper entflohen und brannte verzehrend in seinen Augen. — Zulma ging wieder zurück und Abdallah starrte noch immer zum Altan hinauf, er glaubte noch immer den Schimmer des weißen Arms durch die grünen zitternden Blätter zu sehn, zu sehn, wie die Rosen von ihrem Anhauch schöner glühten und von Zulma's Glanz die Lilien heller leuchteten.
Endlich erwachte er aus seiner Betäubung, so wie der Wandrer in der Nacht erwacht, der müde auf dem Felde einschlief und den ein Reisender mit einer Fackel weckt. Er steht auf und sieht ohne Besinnung umher, er kennt die Gegend und sich selber nicht, von allen seinen Erinnerungen abgerissen, taumelt er dumpf seine Straße fort, die Berge um ihn her wanken im Schein und die Gegend liegt dunkel wie ein Räthsel vor ihm. — Aus diesem Gewirre kehrte Abdallah endlich zurück, — er sah, er hörte wieder, seine zugeschloßnen Sinne thaten sich wieder auf, — aber er erkannte sich selbst nicht wieder. So wie er itzt sahe, hatte er noch nie gesehen, so hatte noch kein Klang sein Ohr getroffen: eine neue Sonne schien ihm entgegen, aus jedem Ton grüßten ihn holde Melodieen. Ihm war als stiege er aus einer finstern feuchten Gruft heut zuerst dem Licht entgegen, hundert Besorgnisse schüttelte er von sich ab, er fühlte sich frei, stark und groß, kühn zu jedem Unternehmen, ausdauernd für jede Arbeit, unerschrocken vor jeder Gefahr, feiner fühlend für Schönheit und Edelmuth. — Rothe Wolken schwammen durch den Himmel und glänzten vorüberfliegend an den hellen Fenstern, Schwalben zwitscherten um ihn her, alles war ihm theuer, alles war ihm neu und ein neugewonnener Freund. — Er ging über die Brücke des Flusses, der die Stadt durchströmte. Eine flammende Gluth brannte durch den Himmel, das Abendroth sank hinter den Fluß nieder und warf ein bleiches goldnes Netz nach dem Abendsterne, der seinem Glanze folgte, der Strom glühte in Purpur, vom Kuß des Himmels erröthend, in sanften Krümmungen schlich sich das erhabne Ufer neben den Strom hin und spiegelte sich in seiner Fluth, rosenrothe Wellen plätscherten an das grüne Gestade und lockten in der Ferne eine Heerde, die auf einem schmalen grünen Landstreif sich in den Strom drängte und aus den goldnen Wellen trank, eine Guitarre sprach in zärtlichen Tönen vom Fluß herüber, — Abdallah sahe in jeder Schönheit Zulma's Gestalt, die jeden Reiz erhöhte, er schwamm in einem Meer von Wonne, er stürzte sich und versank in die schönsten, erhabensten Gefühle.
Itzt sank der letzte goldne Streif des Abends nieder und aus Osten stiegen Schatten mit großen Schritten auf; er weinte und wußte nicht, warum eine Thräne sich so heiß aus seinem Auge drängte.
Sinnend ging er auf sein Zimmer, wiegende Wogen trugen ihn auf dem Bache der süßen Schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein.
Die Zukunft strömte ihm hell und glänzend entgegen, wie ein Quell dem durstigen Wanderer, goldne Träume umfingen ihn und Zulma's Gestalt stand in den Träumen. — Er war so glücklich, daß er nie hätte erwachen mögen.
Siebentes Kapitel.
Die Traumbilder wickelten sich leise aus Abdallahs Armen und er erwachte. Zulma war sein erster Gedanke, der gestrige Abend stand vor ihm und seine Einbildung holte ihm jede seiner gestrigen Empfindungen zurück. Alles lag ahndungsvoll wie ein Traum vor seiner Seele, oder wie eine mondbeglänzte Gegend, er zweifelte an allen seinen Gefühlen, durch ihre ganze Harmonie wand sich sein Geist hindurch und suchte die Quelle, aus der dieser Strom seiner umgewandelten Empfindungen geflossen sei.
Ein früher Strahl des Morgens zitterte durch sein Fenster, er öffnete es und sahe sinnend in die schöne Gegend hinaus. Ein frischer, kühlender Hauch kam ihm entgegen, die Sonne schimmerte auf den Wellen des Flusses und brannte golden an den Fenstern der hundert Palläste umher, ein dünner Nebel sank in den Fluß zurück und durch den Himmel war ein purpurnes Meer ausgegossen. Durch jedes Wolkengebilde blickte Zulma's Gestalt hindurch, sie stand in den Sonnenstrahlen, die sich auf den Wellen brachen und lächelte ihm entgegen, in den Gebüschen am gegenüberliegenden Berge säuselte ihr Name, die ganze Natur umher war nur ein Wiederhall seiner Empfindungen. — Dürftig und ohne Reiz schien ihm alles, was er vor dieser Umwandlung gefühlt hatte, seine Phantasie war nun erst mündig geworden und verschmähte ihr voriges kindisches Spielwerk, seine erhabensten Gedanken reihten sich willig an das, vor dem er sonst kalt und ohne Empfindung vorübergegangen war, ein heiliges Entzücken flüsterte im Grase und spielte in der Gluth der Wolken, wie ein großes verschloßnes Buch hatte sich ihm die ganze Natur aufgeschlagen.
Raschid trat herein, als Abdallah sich noch seinen Schwärmereien überließ, er wollte seinem Freunde Vorwürfe machen, daß er sein Wort gebrochen und ihn am Abend nicht erwartet habe, dieser aber hörte nicht, was er sagte, sondern sprach mit seinen Träumen und wußte kaum, daß Raschid neben ihm stand. Dieser verließ ihn endlich voll Verdruß, als ihm Abdallah nur durch einzelne unzusammenhängende Töne antwortete.
Abdallah hatte sich und sein ganzes Wesen vergessen, er hing glühend an seinen Phantasieen und Omar und seine traurige Weisheit war von seinen neuen Gefühlen verschlungen. — Vordem hatte er mit Kindlichkeit die Tugend und sich geliebt, alle Räthsel, die vor ihm lagen, hatte ihm Niemand Räthsel genannt und er stand unbefangen vor ihnen; seit jenem Abend, an welchem Omar ihn in seine Weisheit eingeweiht hatte, schien ihm alles Glück der Einbildung erloschen, die schöne Hülle war von der Natur abgefallen und er sahe nur das nackte Gerippe; er hatte schon daran verzweifelt, daß ihn je wieder ein Strahl aus den glücklichen Tagen seiner Unwissenheit anfliegen könnte, — und itzt schmückte sich alles schöner als je, so zauberreich stand noch nie die Wirklichkeit vor ihm, so geläutert und rein hatte noch kein Gefühl in ihm geklungen.
Omar trat herein, aber Abdallah bemerkte ihn nicht. — Worüber denkst du? fragte ihn dieser. — Über nichts, fuhr Abdallah erschrocken auf und Omar entfernte sich wieder. Abdallah war so froh, als ihn sein geliebter Lehrer verließ, als wenn eine lästige Gesellschaft von ihm gegangen wäre; er überließ sich ungestört seinen Schwärmereien, wie jemand, der in einem schönen Traum erwacht und wieder einzuschlafen sucht. — Was ist dir, mein Abdallah, sprach Omar nach einiger Zeit, indem er von neuem hereintrat.
Abdallah schwieg. — Was hat dich so tiefsinnig gemacht? fragte ihn Omar mit freundschaftlicher Unruhe.
Omar! stammelte Abdallah, sieh die Natur, die unendliche, unbegränzte, sieh, wie tausend Schönheiten mich anlächeln und tausend schlafende Empfindungen in meinem Busen wecken. Sieh, wie die Herrliche ausgegossen von mir liegt, vom himmlischen Reiz umfangen. Wie des Morgens Gluth sich durch die Wolken schwingt, wie die blühende Erde sich lächelnd in die Arme des Himmels schließt, sieh, wie alles rund umher in dem lebendigen Glanze schwelgt, — o daß ich diese Göttlichkeit an mein Herz drücken könnte und mit Seligkeit gesättigt in den hohen allgemeinen Wohllaut zerfließen!
Es ist nicht das, sprach der ernste Omar, indem er Abdallahs Hand ergriff, du willst deinen alten Freund hintergehen und das solltest du nicht. Du warst mir noch nie verschlossen, noch nie vergaßest du über deine Empfindungen mich, noch nie brannte dein Auge so wie itzt, — noch nie suchtest du deinen Blick meinen Forschungen zu verbergen, — nein Abdallah, noch nie strebtest du deine Hand aus der Hand deines Freundes zu ziehn. —
Abdallah sahe nieder und schwieg; Omar hatte die geheimsten Geberden seines Geistes verstanden, er suchte daher beschämt seine Gesinnungen zu verbergen und dann war er wieder im Begriff, dem Freund mit seinen innigsten Gefühlen entgegen zu gehn. Sein Gesicht glühte, seine Blicke irrten ungewiß auf den Boden umher und suchten einen Gegenstand, der sie fesseln könnte. — Omar fuhr fort:
Hast du denn alles Vertrauen zu mir verloren? — Bin ich nicht mehr Omar, dein Freund? Warum willst du dich mir verbergen? Entdecke dich mir, unsre Seelen sind sich ja verschwistert, laß mich dein Glück oder Unglück mit genießen oder leiden; seit wann ist Abdallah so eigennützig geworden?
Er schwieg und Abdallah wollte sprechen, aber eine heiße Thräne stieg in sein Auge, ein großer Seufzer erstickte seine Worte, seine Hand zitterte in der Hand Omars, dieser ließ sie mit freundschaftlichem Unwillen fallen.
Ich habe mich geirrt, dies ist nicht mehr mein Abdallah, so stehen Omar und er nicht mit einander. — Gut, ich muß dein Vertrauen noch erst zu verdienen suchen. — Er wollte gehn. —
Nein, nein, Omar, rief ihm Abdallah heftig nach, bleib! o ich will ja zu dir sprechen. — Doch was soll ich dir sagen? Wie wirst du mich verstehn, da ich mich selbst nicht verstehe? — Es giebt keine Worte, keine Sprache, in der ich alles so lebendig, so lauter hingießen könnte, wie es hier in meinem Herzen strömt und lebt! — Könnt' ich dein Herz in das meinige legen, deinen Geist in den meinigen schmelzen, o dann, dann würdest du mir die Worte ersparen und mich ohne Sprache verstehn!
Omar. Seelen, die sich so vertraut sind, wie die unsrigen, legen in die Worte jene Empfindungen hinein, die keine Beschreibung ausfüllt, den geistigen Hauch, der sich in keinen Tönen festhalten läßt, — darum werd' ich dich verstehen.
Abdallah. Aber kann deine ernste Weisheit auch dem jungen Freunde verzeihen?
Omar. So sehr kann Abdallah nicht fehlen, daß für sein Vergehn keine Verzeihung sein sollte.
Abdallah. Ach nein, ich bedarf keiner Verzeihung, das sagt mir mein Herz, die Unbefangenheit, mit der ich den Blick in mein Innres werfe. Es ist kein Verbrechen, denn alles, die Natur, ich selbst, du mein Omar, alles ist mir unendlich theurer als vorher, das Lebende und Leblose ist meinem Herzen näher gerückt, ich fühle mich größer, edler, geistiger, — o mein Omar, laß dir alles in einem Wort' enträthseln: ich liebe!
Omar. Du liebst?
Abdallah. O du mochtest lächeln! Ach nein, es ist nicht das, nein, es ist nicht jenes Gefühl, das unsre Dichter so oft beschreiben, — kein Mensch hat noch je dieses hohe, heilige, unaussprechliche Wesen in seiner Brust beherbergt, Liebe ist es nicht, es ist das Gefühl der Seligen, mir allein seit Ewigkeiten aufbewahrt, mich aus dieser Welt hinauszureissen; eine allmächtige Woge hat mich auf die hohe gähe Spitze einer Klippe geschleudert, die Welle sinkt ins Meer zurück und ich stehe schwindelnd über Wolken, von allen Menschen die einst waren und sind auf ewig abgerissen, die Unendlichkeit um mich her, — die Gottheit hat heut mein Leben von neuem berührt und durch die leisesten Töne hindurch zittert der allmächtige Stoß. — Wer würde nicht dies Verbrechen mit mir theilen und welcher Freund mir nicht verzeihen?
Omar. Dir verzeihen, daß du liebst? Ist Liebe nicht der Zweck alles Erschaffenen, das, was uns die öde Welt in einen Garten umwandelt?
Abdallah. Du sprichst zu meiner Seele, wie ein Vater zu seinem kranken Kinde; ja, es ist die schönste Vollendung des Menschen, ich fühl' es, Liebe ist die einzige Tugend; nimm mir alle, laß mir nur diese übrig und ich werde sie nicht vermissen.
Omar. Sie bleibe dir ewig. Verdient aber auch deine Geliebte, — nenne mir ihren Namen.
Abdallah. Omar, du bist ein Gotteslästerer! — Setze das Paradies auf die eine und Zulma auf die andre Seite, und ich werde Zulma ohne Bedenken wählen. — Ich sahe sie gestern und seitdem sehe ich nichts, als sie, — mir war's, als fiele ein lächelnder Blick ihres holden Angesichts auf mich herab, — o wär' es Wahrheit, ich wollte mein Leben gegen noch einen dieser Himmelsblicke tauschen!
Omar. Zulma? — Ali's, des Sultan's Ali's Tochter?
Abdallah schwieg, dann fuhr er langsamer fort: Ach Omar, warum hast du die freundliche Binde von meinen Augen genommen? Ich war so glücklich, als ich nicht daran dachte, warum gönntest du mir nicht diesen lieblichen Betrug?
Omar. Wo willst du Adlersfittige hernehmen, dich zu dieser Sonne empor zu schwingen?
Abdallah. O die Liebe, die Allmächtige wird sie mir reichen! — Der Verzagte verliert ewig, dem Kühnen geht das Glück selbst entgegen.
Omar. Du stehst vor einem Abgrund, der sich zwischen zwei Felsen reißt, ein dichter Nebel liegt wie Land dazwischen und du trittst mit vertrauendem Fuß in die Luft, aber du wirst in die Tiefe stürzen.
Abdallah. Ach Omar, ich habe dir mein Geheimniß entdeckt, kannst du nichts, als es tadeln, hast du keinen mitleidigen Trost, keinen Rath für mich?
Omar. Und wenn ich ihn hätte?
Abdallah. O dann wollt' ich vor dir knien und dich meinen Erschaffer nennen. — Nur Hoffnung und ich bin nicht ganz elend!
Omar. Nicht elend? Wenn aber tausend Gefahren —
Abdallah. Die Unmöglichkeit soll unter das Joch den ehernen Nacken beugen, Gefahren will ich wie Blumen brechen und sie Zulma entgegentragen, ich will durch wilde Ströme schwimmen, über Abgründe springen, durch hundert Schauder unerschrocken gehen, mich durch Klüfte drängen, durch die kein Leben wandelt, wenn sie nur am Ziel der schreckenvollen Wanderung steht. — O sprich! nur ein Strahl, der mir aus der Ferne leuchtet und ich will ihm mit Adlersflug entgegenfliegen!
Abdallah! rief Omar aus, sein Gesicht war feierlich ernst, seine Augen durchschauten wild den Jüngling, — heut in der Nacht will ich dich wieder sprechen. Dann ging er und Abdallah sah' ihm staunend nach.
Unglücklicher! rief er aus, — wo sind nun alle deine hohen, himmlischen Schwärmereien? Sie sind vor einem Worte wie Nebel niedergesunken, und eine kahle Felsenwand steht vor dir, wo erst ein goldner Duft im tausendfachen Schimmer spielte. — Welche Kette hängt an dem Worte Ali, die mich so gewaltsam von Zulma zurückreißt? Lieg' ich in den Staub gebunden und glänzt sie ewig unerreichbar wie ein Sirius über mir? — Nein, ich will eine Leiter bis in den Himmel legen, ohne sie giebt es kein Glück, kein Leben für mich, bei diesem Spiele kann ich nur gewinnen.
Er schwieg und sein Blick senkte sich, als wenn ihn ein Gedanke plötzlich überraschte.
Nur gewinnen? fuhr er dann langsam und traurig fort. — Und mit deines Vaters Fluch, Elender, verlierst du nichts? — O eine schwarze Ahndung breitet sich über meine Seele aus. Mit diesem Tage nimmt vielleicht das Elend meines Lebens seinen Anfang, ich stehe hier vielleicht am Scheidewege, wo ich in einen dunkeln, unendlichen Wald hineingehe und die freie helle Flur auf immer verlasse. — Mein Vater selbst tritt mir in den Weg und hält mich an, mein Vater liebt mich, um mich elend zu machen. — Alle meine Hoffnungen stürzen von diesem Fels zurück und hinter mir stehn schwarze Klippen furchtbar aufgepackt, und versperren mir den Rückweg. — Omar, leite deinen Freund aus dieser Irre! —
Er überließ sich seinen Gedanken, die bald den vorigen Schwärmereien weichen mußten, bald wieder kalt und verweisend ihre Stelle einnahmen. — So träumte und dachte er bis zum Abend.
Achtes Kapitel.
Schwarz lag die Nacht auf dem Gefilde, als Omar und Abdallah die Stadt verließen.
Wolken gossen sich gedrängt und düster von den Bergen herab, in hohen unendlichen Gebirgen aufgewälzt, wie eine dicke gewölbte Mauer hing der schwarze Himmel mit seinen wankenden Riesenschatten über ihnen, kein Stern sah durch die Hülle, kein Strahl des Mondes zitterte durch die Wolkenwildniß: ein Regen rauschte in den nahen Bäumen, durch den fernen Wald wandelte der Sturm dumpf murrend, die Wächter riefen aus der Stadt die Stunden der Nacht, die Natur schwieg mit feierlichem Ernst und ein heimliches Grauen stieg von den finstern Bergen. — Beide gingen schweigend und in tiefen Gedanken versunken. — Nach einer langen Stille begann Omar:
Sieh Abdallah, wie der hohe Himmel mit seinen unabsehbaren Finsternissen über uns schwebt, wir treten wie in eine unendliche Wüste hinaus. Wie fürchterlich verlieren wir uns in diesem Wogensturm, der sich schwarz um uns her wälzt, — sieh, wie es durch einander wogt und flieht und sich zerrissen jagt! — Kaum ist ein ferner Schimmer des Mondes sichtbar, der unaufhörlich mit der Finsterniß kämpft, der Regen fällt in schweren Tropfen auf die Flur und der Sturmwind heult durch den dichten Wald, wie ein verlornes Kind, das in der Irre winselt.
Abdallah schloß sich fester an den Arm seines Freundes, — Omar, sprach er mit beklemmter Stimme, — o diese Nacht ist das Bild eines unglücklichen Lebens! So schwebt der Elende am Finger der Allmacht in die Nacht des Jammers verlassen hinausgehalten, von keinem Lichtstrahl erquickt. — Horch! wie sich der Strom in wunderbaren Tönen an dem Ufer bricht! Wie verworren alles vor uns liegt, — Omar, diese Nacht ist fürchterlich!
Omar. Fürchterlich?
Abdallah. Noch nie hab' ich mich so einsam in der Natur gefühlt, so einsam unter tausend Schaudern und fremden Gefühlen, so losgespühlt wie ein Sandkorn und an ein fremdes Gestade angeworfen. Dies wunderbare Gefühl der Einsamkeit, Omar, macht mich schaudern.
Omar. Mich begeistert diese Einsamkeit zu hohen Gedanken und Träumen; so in der stillen Nacht umherzugehn, so den Flug der Wolken zu sehn, das einsame wimmernde Plätschern des Ufers zu hören, — o dann ist mir, als stiege ich tief in eine Grube hinab, wo ich nur noch in einer weiten Ferne unvernehmlich ein loses Wehen dieser Welt verstände, dann ist mir oft, als könnt' ich den ewigen Weltgeist durch die Glieder seiner Weltordnung stillschaffend wandeln hören, als könnte mein entkörperter Blick durch das große Gebäude dringen und die hohe Ordnung verstehn. — Ja, Abdallah, eine solche Nacht winkt der Schwärmerei, hier wohnen tausend kühne Gedanken, die vor dem kalten ernsten Tageslicht zurückzittern, hier tritt unsre ungestammte Furcht wieder in ihre Rechte, hier machen uns dieselben Gedanken erblassen, die wir frech im Sonnenschein verlachen; der Spötter sinkt nieder und ruft: Gnade! der Zweifler greift geängstigt nach seinen Zweifeln und dem Weisen verstummt das dumpfe verworrne Getöse der Zeitlichkeit, er vernimmt den Gang der ewigen Naturgesetze, die Kleidung fällt von der Endlichkeit ab und er sieht mit anbetendem Schauder die unendlichen Kräfte durch einander weben und die Räder im ewigen Schwung sich drehen.
Abdallah. Sieh, wie hier verloren ein Glühwurm mit mattem Fluge summt und sich in das feuchte Gras setzt, so einsam und traurig wie die verarmte Wittwe, die im engen Gemach bei der kleinen Lampe weinend betet und sie nicht auslöschen will, um mit dem Strahl nicht auch das Bild eines Freundes zu verlieren. — Ach Omar, dieser kleine Wurm verliert sich so armselig unsern Blicken, das aufkeimende Gras ist ihm ein Wald, unser Auge muß ihn ängstlich wiedersuchen, — und wie verlieren wir uns in diesem mitternächtlichen Gefilde, und diese unbegränzte Flur wird auf der Erde kaum bemerkt. —
Omar. Und wie versinkt diese Erde in der Unermeßlichkeit der Welt? — Abdallah, unser kühnster Schwung fällt lahm von dem Gedanken zurück, — diese Welt, — o vielleicht, daß für Wesen jenseit unsrer Gedanken dieser Mond und diese Sterne nur Feuerwürmer sind, die der Erde wie einem Grashalm einen grünen vorüberscheidenden Lichtstrahl zuwerfen, — und die höchsten Gedankenschwünge dieser Wesen schlagen gewiß noch nicht an die Gränze des Weltalls. Die Unendlichkeit wirbelt sich noch immer höher und höher, Millionen Arme streckt sie durch die ernste Ewigkeit und in jeder Hand hält sie tausend Welten.
Abdallah. Der Gedanke stürzt unter dieser Gewalt zusammen. Wo die Orionen und die Macht der Sterne wie Nebelblasen schwinden, o was bin ich da und dieser Verstand, der diese Wunder fassen will?
Omar. Ja, Abdallah, der Donner kann sich nicht durch die schwachen Saiten der Laute wälzen, sie brechen unter seiner Last. Je eilender wir diesem Gedanken folgen, je weiter flieht er von uns hinweg und um so lauter spottet ein höhnendes Gelächter unsrer Schwachheit.
Abdallah. Eine fremde Hand streckt sich uns entgegen, aber wir verstehen ihr Winken nicht.
Omar. Die Gottheit zieht an die große Kette des Lebens und vom Elephanten bis zum Wurm, den unser Auge kaum bemerkt, zittern alle ihre Glieder, ein Faden, der alle diese Perlen schüttelt. — Du wirst Gewürme gesehen haben, Abdallah, die nur wenige Stunden leben, die sich freuen und ihr armseliges Geschlecht nicht untergehen lassen, — für uns sind sie nur Wesen eines Augenblicks, — auf uns lächeln vielleicht eben so mitleidig andre Geschaffene herab, denen unser Dasein nur ein Athemzug scheint; ihr Leben scheint höhern Wesen nur ein Tropfen Thau's, den der erste Sonnenstrahl aufküßt, und diese verwehen doch nur wie ein Staub in der Ewigkeit.
Abdallah. Das Leben ist nur eine Wasserblase, die sich aus der Fluth emportaucht und im Auftauchen zerspringt.
Omar. Darum sagte jener große Sänger: »Jahrtausende sind vor dir nur wie ein Augenblick.« — Und doch kriechen die nichtigen Gewürme auf der Erde umher und nennen sich dem Ewigen ähnlich, und brüsten sich mit Weisheit und tiefen Forschungen, und verachten den, der nicht ihre Weisheit kennt, — o Abdallah, dies ist ein Anblick, der den Unbefangenen zur Verzweiflung bringen könnte. — Eine alberne Mummerei, wo ein jeder nur darauf sinnt, seine Larve nicht Lügen zu strafen, — wenn wir sie nach Hause begleiten und die Larve abnehmen sehn — so sind sie nichts als Knochen und verächtliche Verwesung. — Ha! sie wollen den Ewigen fassen und sind sich selber unbegreiflich, und brandmarken alles Lüge, und verlachen alles, was in ihren engen Sinn nicht geht.
Abdallah. Verachtung sei ihre Strafe!
Omar. Ihr Verstand, eine Sammlung Staub, der wieder in Staub zerfällt, der nichts als Staub ist, in eine unkenntliche Form gemodelt, der aus Würmern ward und wieder zu Würmern wird, — o des Erbarmens! mit diesem verläugnen sie den Finger, der seinen Namen in die Unendlichkeit hineinschreibt.
Abdallah. O sie sollten verehrend niederknien, blinde Anbetung des Ewigen sollte ihre Weisheit sein.
Omar. Die Welten sollen in ihrem Gehirn ihren Lauf vollenden und sie können die Lebenskraft der Schnecke nicht begreifen, ihre armselige Erfahrung stempeln sie Gesetze der Natur; daß die Sonne auf- und untergeht, hat ihrem dumpfen Sinn die Gewohnheit begreiflich gemacht, aber daß sie einst stille stände, oder an den Gestirnen zertrümmerte, — dagegen sträubt sich ihr Glaube und die Welt nennt sie Weise.
Abdallah. Der blöden Thoren!
Omar. Wir stehn unter unendlichen Räthseln, nur die Gewohnheit hat sie uns weniger fremd gemacht; vom Baum bis zum Grase, vom Elephanten bis zur Mücke, wer sind diese Fremdlinge, die an uns vorüber gehn? O könnten wir an diese Wunder allmächtig schlagen und Antwort fordern; — aber es ist nur der Ton unsers Arms, der durch den Felsen dröhnt, — sie ziehn vorüber und bleiben stumm. — Wir selbst sind uns eben so unbegreiflich, als der Geist, der auf Mondstrahlen niederschwebend durch die Wolken flattert und Wälder mit einem Hauch ausrottet.
Abdallah. O könnte der richtende Mensch von allen Wesen Rechenschaft fordern!
Omar. Empfandest du nie, Abdallah, daß wenn dein Verstand durch tausend Stufen auf der höchsten schmalen Spitze schwindelnd taumelte, — daß er dann wieder zur thierischen Dumpfheit, zur Unbehülflichkeit des Steins herabstürzte?
Abdallah. Oft Omar. Dann liegt die Menschheit am verächtlichsten vor mir, wenn wir endlich gegen unsre Schwäche kämpfend im Begriff sind ringend den Preis zu gewinnen, und ohnmächtig hinsinken, und nichts als verworrene Gefühle davon tragen, dunkler und körperlicher als die unmittelbarsten, die todte Gegenstände um uns unsern Sinnen reichen. — O es sind Augenblicke, wo ich mein Wesen mit dem Wesen der Schwalbe austauschen möchte!
Omar. Auf dieser gähen Spitze gelingt es zuweilen dem Forscher, diesen fliegenden Augenblick zu fesseln. Dann weht es ihn wie mit reineren Lüften an, dann sieht er, wie durch einen dicken Vorhang, ein Licht über die nächtliche Haide wandeln; dies ist der fürchterliche Augenblick, wo der Verstand zwischen höherer Weisheit und Wahnsinn ungewiß hängt, ein Windstoß von hier oder dorther jagt ihn auf ewig auf die eine oder auf die andre Seite. — Dem Weisen fallen dann der Wesen vorgehaltne Bilder nieder, er erkennt was ist, ihm antworten die Wunder umher, sein Blick gräbt bis auf den Mittelpunkt der Erde. — Verstehst du mich, Abdallah?