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Walther von der Vogelweide
Ein
altdeutscher Dichter,
geschildert
von
Ludwig Uhland.
Herr Walther von der Vogelweide,
Wer des vergässe, thät' mir leide.
Der Renner.
Stuttgart und Tübingen,
in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung.
1822.
Vorrede.
Der Dichter, dessen Leben und Charakter darzustellen ich unternommen habe, schien mir vorzüglich geeignet, diejenige Richtung für das Erforschen der altdeutschen Poesie zu bezeichnen; welche, nach meinem Dafürhalten, noch mit besondrem Eifer zu verfolgen ist, wenn ein lebendiges und vollständiges Bild von dem dichterischen Treiben jenes Zeitalters hervortreten soll.
Neben den gründlichen Bemühungen, welche der Sprachkenntniß, als der ersten Bedingung des Verständnisses, zugewendet worden sind, hat vornehmlich die Erforschung des Gemeinsamen, des poetischen Gesammteigenthums in Sage, Bild und Wort, bedeutende Fortschritte gemacht. Mit weniger Liebe und Erfolg ist das Besondre behandelt worden, wie es aus der Eigenthümlichkeit von Zeit und Ort, aus der persönlichen Anlage und Neigung des Dichters, hervorgeht.
Beiderlei Richtungen sind aber gleich nothwendig. Sowenig der allgemeine Zusammenhang aller Poesie zu mißkennen ist, eben so wenig kann die Schöpferkraft, die stets im Einzelnen Neues wirkt, geläugnet werden. Es giebt eine Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht; es gibt eine freie Dichtung begabter Geister. Beides muß die Geschichte der Poesie zu würdigen wissen.
Die sorgfältige Beachtung dieses Besondern darf am wenigsten versäumt werden, wenn in jene reichhaltigen Liedersammlungen aus dem deutschen Mittelalter, welche noch als verworrene Masse vor uns liegen, Licht und Ordnung kommen soll. Diese Sammlungen enthalten, bei allem Gemeinsamen in Form und Gegenstand der Dichtung, gleichwohl eine große Manigfaltigkeit von Dichtercharakteren, eigenthümlichen Verhältnissen und Stimmungen, persönlichen und geschichtlichen Beziehungen. Gerade diejenigen Lieder, welche sich mehr im Allgemeinen halten und darum auch am leichtesten verstanden werden, sind vorzugsweise bekannt geworden und mußten denn auch dieser ganzen Liederdichtung den Vorwurf der Eintönigkeit und Gedankenarmuth zuziehen. Diejenigen dagegen, deren Beziehungen eigenthümlicher und tiefer sind, blieben so ziemlich ihrem Schicksal überlassen.
Davon will ich hier nicht ausführlicher sprechen, wie die Zeitgeschichte überhaupt, das merkwürdige Zeitalter der Hohenstaufen, das uns Jahrbücher und Urkunden nur in politischer Starrheit darstellen, wie dieses erst die rechte Farbe und Lebenswärme gewinnt, wenn wir es in der Einbildungskraft und dem Gemüthe der Dichter abgespiegelt sehen.
Vom Thunersee bis zur Insel Rügen, vom adriatischen Meere bis nach Brabant ziehen sich die Straßen des altdeutschen Gesanges. Ueberall Fürstenhöfe und Ritterburgen, Städte und Klöster, wo Sänger und Sangesfreunde hausen oder herbergen. Es ließe sich eine reiche Landkarte des poetischen Deutschlands im Mittelalter entwerfen. Von keinem aber aus der Zahl dieser Sänger dürfte die Forschung zweckmäßiger ausgehen, als von Walther von der Vogelweide, der auf seinen vielfachen Wanderungen allwärts Berührungen anknüpft und dessen langes, liederreiches Leben einen für die Poesie so merkwürdigen Zeitraum umfaßt.
Wenn ich den Werth dieses Dichters hervorhebe, so berühre ich nicht etwas Neues und bisher Unbeachtetes. Von Bodmer (Proben der alt. schwäb. Poesie &c. Zürich 1748. Vorber. S. 33 ff.) bis auf die neueste Zeit haben manche Literatoren die dichterische Kraft und die Vielseitigkeit desselben, sowie seine Bedeutung für die Zeitgeschichte, mit mehr oder weniger tiefem Verständniß, erkannt und angerühmt[A]. Von Gleim (Gedichte nach Walth. v. d. Vogelw. 1779) bis auf Tieck (Minnelieder &c. Berl. 1803) und Spätere ist manches seiner Lieder durch Bearbeitung oder Uebertragung in die neuere Sprache den Zeitgenossen näher gerückt worden. Gleichwohl fehlt es noch an einer umfassenderen Darstellung seines Lebens und Wesens.
Man wird behaupten, durch eine kritische, mit den verschiedenen Lesarten und den nöthigen Erklärungen ausgestattete, das Unächte vom Aechten ausscheidende und den vielfach gestörten Rhythmus in seiner Reinheit herstellende Ausgabe seiner Lieder würde das Beste für den alten Dichter geschehen. Weit entfernt, das Verdienstliche und die Wichtigkeit eines solchen Unternehmens zu mißkennen[B], bin ich doch der Meinung, daß nur dann jedes Einzelne sein rechtes und volles Licht erhalten könne, wenn erst der Geist und Zusammenhang des Ganzen gehörig erkannt ist. Für eine Ausgabe der Lieder aber würde nicht die Zusammenstellung nach der Zeitfolge, welche bei einem großen Theile derselben ohnehin nicht bestimmbar ist, oder nach der Verwandtschaft der Gegenstände, sondern vielmehr die Anordnung nach den Tönen die schicklichste seyn.
Weil übrigens der Dichter doch nur aus seinen Liedern vollständig begriffen wird und weil Walthers Lieder gerade die Hauptquelle sind, woraus wir über seine Lebensumstände Aufschluß erhalten, so habe ich überall die Gedichte selbst oder doch bezeichnende Stellen aus denselben in die Darstellung verwoben.
Die Form, in der ich diese Gedichte liefre, mußte durch den Zweck der ganzen Arbeit bestimmt werden. Sie mußten vor Allem verständlich seyn. Es war hier nicht sowohl um die sprachliche Beziehung, als um die Aufklärung über Schicksal und Charakter des Dichters zu thun. Darum wählte ich den Weg der Uebertragung aus der älteren Mund- und Schreibart in die neuere.
Nicht unbekannt ist mir, wie wenig dieses Verfahren bei gründlichen Kennern des deutschen Alterthums empfohlen ist. Es gehen dabei manche Feinheiten der alten Sprache verloren und nicht geringere Schwierigkeit, als die gänzlich veralteten Formen und Worte, bieten häufig diejenigen dar, welche, noch jetzt gangbar, ihre Bedeutung mehr oder weniger verändert haben und dadurch zum blossen Scheinverständnisse verleiten können, wie solches besonders in Benecke's trefflichem Wörterbuche zum Wigalois gezeigt ist. Auf der andern Seite ist Manchen auch die leichteste Abweichung vom gegenwärtigen Sprachgebrauche unerträglich.
So wenig ich nun hoffen durfte, zwischen diesen Klippen ohne Anstoß hindurch zu schiffen, so konnte ich doch jene Behandlungsweise nicht umgehen. Die Gedichte selbst in die Darstellung aufzunehmen, war mir wesentlich; mit der alten Schreibart aufgenommen, würden sie aber umständliche, den lebendigen Zusammenhang allzu sehr störende Erläuterungen erfordert haben. Um jedoch überall die Vergleichung zu erleichtern, ist bei jedem ganz oder theilweise ausgehobenen Liede nachgewiesen, wo dasselbe in der Urschrift zu lesen sey.
Bei jener Uebertragung war es auch keineswegs auf eine Umarbeitung, am wenigsten auf anmaßliche Verschönerung, angelegt. Ueberall habe ich das Alterthümliche zu erhalten gesucht. Nur wenige, ganz veraltete Formen sind umgangen worden. Veraltete Worte habe ich vorzüglich dann vermieden, wenn sie den Eindruck des Ganzen zu stören drohten. Andre, besonders solche, die sich zur Wiedereinführung empfehlen, habe ich lieber erklärt, als mit neueren vertauscht. Manchen Lesern mag noch jetzt Mehreres zu fremdartig lauten. Es gehört jedoch keine sehr große Entäusserung dazu, hin und wieder einmal Arebeit, Gelaube, Pabest, unde, sicherlichen, meh, sach &c. statt Arbeit, Glaube, Pabst, und, sicherlich, mehr, sah &c. zu lesen oder auch einige unvollständige Reime zu dulden, z. B. schöne auf Krone, die sich aber in der alten Sprache vollkommen ausgleichen.
Absichtlich wurden meist solche Stücke ausgehoben, welche an sich leichter verständlich sind, was glücklicher Weise gerade bei den besten größtentheils der Fall ist. Von andern sind Auszüge oder auch nur eine kurze Andeutung ihres Inhalts gegeben. Dabei darf ich nicht verhehlen, daß einige Stücke, auch nach Einsicht der verschiedenen Handschriften, mir noch räthselhaft geblieben sind. Die beigefügten Wort- und Sacherklärungen habe ich meist nur auf das Nöthigste beschränkt und mein Augenmerk darauf gerichtet, daß jedes Gedicht, so viel möglich, schon durch den Zusammenhang in den es gestellt ist, seine Erläuterung erhalte.
Im Verlaufe meiner Darstellung mußte ich auf Verschiedenes stossen, was noch sehr einer genaueren Untersuchung bedarf, wie z. B. der Krieg zu Wartburg, Nithart &c. Aber eben weil diesen Gegenständen noch eigene, weitgreifende Forschung gewidmet werden muß, habe ich mich auf dieselben nur soweit eingelassen, als sie den meinigen unmittelbar berühren. Man wird sich ihnen noch von mehreren Seiten nähern müssen, bevor man sich ihrer völlig bemächtigt.
Hauptquellen, die ich benützt habe, sind:
1) Die Manessische Sammlung, nach Bodmers Ausgabe, welche im I. Thl. von S. 101-142 den reichsten Schatz von Gedichten Walthers enthält. Sie ist im Folgenden durch Man. bezeichnet und, weil sie am meisten zugänglich ist, auch da angeführt, wo Lesarten aus andern Handschriften gewählt wurden.
2) Die Weingartner Handschrift von Minnesängern, (mit W. Hds. von mir bezeichnet,) wahrscheinlich älter als die Manessische, jetzt in der Königl. Privatbibliothek zu Stuttgart befindlich. Sie enthält von S. 140-170 112 Strophen unsres Dichters.
3) Die Pfälzer Handschrift Nr. 357 (Pf. Hds. 357), aus dem Vatikan nach Heidelberg zurückgebracht. Von Bl. 5b bis 13b giebt sie unter Walthers Namen 151 Strophen. Weiterhin, von Bl. 40 an, folgt, von andrer Hand geschrieben, noch mehreres diesem Dichter Angehörige.
4) Die Pfälzer Handschrift Nr. 350 (Pf. Hds. 350), mit 18 Strophen.
Vermißt habe ich vorzüglich die Würzburger Liederhandschrift, jetzt zu Landshut, und die (verschollene?) Kolmarer, in welchen gleichfalls Gedichte von Walther enthalten sind.
Gegenwärtiger Versuch ist eine Vorarbeit zu einer größeren Darstellung in diesem Fache. Um so erwünschter wird mir seyn, was dazu beiträgt, den Gegenstand desselben vollständiger aufzuklären.
Walther von der Vogelweide
Erster Abschnitt.
Einleitung. Des Dichters Herkunft. Die Sänger
des Thurgaus. Friedrich von Oesterreich.
Des Dichters Jugend.
Walther von der Vogelweide ist einer von den Meistern deutschen Gesangs, die einst, wie die Sage meldet, auf der Wartburg wettgesungen. Ebenso ist er Einer der Zwölfe, von denen spät noch die Singschule gefabelt, daß sie in den Tagen Otto's des Großen gleichzeitig und doch Keiner vom Andern wissend, gleichsam durch göttliche Schickung, die edle Singkunst erfunden und gestiftet haben.
Wenn Einige, die auf ähnliche Weise mit ihm genannt werden, im Halbdunkel solcher Ueberlieferung zurückgeblieben sind und höchstens durch Vermuthung mit noch vorhandenen Dichterwerken in Verbindung gesetzt werden können, so ist dagegen kaum einer von den Dichtern des Mittelalters so mit seinem eigensten Leben in unsre Zeit herüber getreten, als eben dieser Walther von der Vogelweide.
Nicht als ob die Geschichte seinen Wandel auf Erden in ihre Jahrbücher aufgenommen hätte oder als ob alte Urkunden von seinen Handlungen Zeugniß gäben, wie dieß bei andern seiner Kunstgenossen der Fall ist: seine zahlreichen Lieder sind es, die sein Andenken, und mehr als dieß, ein klares Bild seines äußern und innern Lebens, auf uns gebracht haben.
Er hat nicht seine Persönlichkeit in der alten Heldensage des deutschen Volkes untergehen lassen, noch hat er seine Kunst den Ritter- und Zaubermähren vom heiligen Gral, von der Tafelrunde u. s. w. zugewendet, sondern er hat die Gegenwart ergriffen. Und hiebei hat er wieder nicht blos den Mai und die Minne gesungen, vielmehr ist er gerade der vielseitigste und umfassendste unsrer älteren Liederdichter, er behandelt die verschiedensten Richtungen und Zustände der menschlichen Seele, er betrachtet die Welt, er spiegelt in seinem besondern Leben das öffentliche, er knüpft seine eigenen Schicksale, wenn auch in sehr untergeordnetem Verhältniß, an die wichtigsten Personen und Ereignisse seiner Zeit.
Diese Zeit war eine bedeutende, vielfach und stürmisch bewegte. Die Verwirrung des Reichs nach dem Tode Heinrichs VI., der verderbliche Streit der Gegenkönige Philipp und Otto, Friedrichs II. heranwachsende Größe, dessen Kämpfe gegen die päbstliche Allmacht, der Kreuzzüge wogendes Gedräng!
Unscheinbar allerdings ist das Auftreten unsres Dichters auf der Bühne dieser Weltbegebenheiten. Schon darüber könnten wir verlegen seyn, wie wir ihn zuerst in die Welt einführen, denn sein Ursprung ist bis jetzt nicht mit Sicherheit erhoben.
Im obern Thurgau stand, nach Stumpf's Schweizerchronik, ein altes Schloß: Vogelweide. Im benachbarten Sankt Gallen hat das patrizische Geschlecht der Vogelweider geblüht. Mit diesem Geschlecht und jenem Schlosse wird Walther von der Vogelweide in Beziehung gesetzt[1].
In keinem deutschen Lande finden wir auch die ritterlichen Sänger so gedrängt beisammen, als in jenen nachbarlichen Gebirgsthälern, die von der Thur, der Sitter, der Steinach durchrauscht werden, und dort, wo der Rhein dem Bodensee zueilt. Der Truchseß von Singenberg, der Schenk Kunrad von Landegg, Göli, Graf Kraft von Toggenburg, Heinrich und Eberhard von Sar, Friedrich von Husen, Kunrad von Altstetten, Walther von Klingen, Heinrich von Frauenberg, Wernher von Tüfen, Heinrich von Rugge, der von Wengen, der Hardegger, der Taler, Rudolf von Ems u. A. m., von denen allen noch Lieder vorhanden sind, gehören theils mit Gewißheit, theils mit größerer oder geringerer Wahrscheinlichkeit, jener Gegend an[2].
Mitten in jenen sangreichen Gauen lag das Stift Sankt Gallen, von dem der Anbau der Gegend und die Bildung ihrer Bewohner ausgegangen. Die dortigen Klosterbrüder waren im 9. und 10. Jahrhundert gepriesene Tonkünstler. Ihre geistlichen Lieder, wozu sie selbst die Singweise setzten, giengen in den allgemeinen Kirchengesang über. Eben so frühe wurde zu St. Gallen in deutscher Sprache gedichtet, und hinwieder das deutsche Heldenlied (Walther und Hiltegund) in lateinische Verse übertragen. Namentlich aber waren diese Mönche beschäftigt, die Söhne des benachbarten Adels überhaupt sowohl, als insbesondre in der Tonkunst, zu unterrichten[3]. Und eben in diesen Verhältnissen mochten Keime liegen, welche nachher im ritterlichen Gesang zur Blüthe gekommen sind.
Der von Singenberg war des Abtes zu St. Gallen Truchseß, der von Landegg dessen Schenk, Göli (jedoch nur muthmaßlich) dessen Kämmerer, und also sehen wir diesen fürstlichen Abt von einem singenden Hofstaat umgeben. Auch die andern adelichen Geschlechter, aus denen zuvor eine Reihe von Minnesängern namhaft gemacht wurde, sind größtentheils als Lehens- und Dienstleute des Klosters bekannt[4]. Selbst das meldet Hugo von Trimberg in seinem Renner (um 1300), daß ein Abt von St. Gallen schöne Taglieder gesungen, d. h. Lieder, in welchen der Wächter verstohlene Minne warnt, daß sie nicht vom Tageslicht überrascht werde.
Unsern Dichter von da ausgehen zu lassen, wo der Gesang so heimisch war, wo vielleicht der eigentliche Quell der schwäbischen Liederkunst zu suchen ist, hat an sich etwas Gefälliges. Auch darf nicht unbeachtet bleiben, daß jener St. Gallische Truchseß von Singenberg sich besonders viel mit Walthern zu schaffen macht. Er rühmt denselben als Sangesmeister, betrauert dessen Tod, ahmt seine Lieder nach, und wir finden auf diese Weise im Thurgau wenigstens einen Widerhall von Walthers Gesange.
Gleichwohl bleibt der Ursprung des Dichters in jener Gegend noch immer zweifelhaft. Das vormalige Daseyn einer Burg Vogelweide scheint lediglich auf der Angabe der vorgenannten Chronik zu beruhen, und die Urkunden des Stiftes St. Gallen, welche nicht leicht einen Weiler, einen Thurm der Umgegend unberührt lassen, enthalten, so viel man bis jetzt weiß, keine Spur von dem fraglichen Stammschloß[5]. Das ausgestorbene St. Gallische Geschlecht der Vogelweider kömmt erst im 15. Jahrhundert unter denjenigen vor, welche als Gerichtsherrn den Junkertitel führen konnten, und es mag seinen Namen eher von einer Bedienung, als von einer Burg, entnommen haben[6]. Rühmliche Erwähnung des Dichters aber und vertraute Bekanntschaft mit seinen Liedern findet sich nicht blos beidem Truchseß von Singenberg, sondern auch bei andern gleichzeitigen und spätern Sängern, welche nicht dem Thurgau angehören.
Ein Meistergesang über die Stifter der Kunst nennt Walthern einen Landherrn aus Böhmen[7]. Anderwärts wird er dem sächsischen Adelsgeschlechte von der Heide beigezählt[8]. Beides ohne ersichtlichen Grund. Neuerlich ist seine Geburtsstätte in Würzburg gesucht worden, wo er begraben liegt und wo vormals ein Hof »zu der Vogelweide« genannt war[9]. Und nach Allem bleibt noch die Frage übrig: ob nicht der Name ein dichterisch angenommener oder umgewandelter sey? wovon man auch sonst in jener Zeit Beispiele findet.
Die Sprache von Walthers Gedichten leitet auf keine nähere Spur seiner Herkunft, da sie in der weit verbreiteten oberdeutschen Mundart verfaßt sind, in welcher die meisten Dichter des 13. Jahrhunderts gesungen haben.
Der Dichter selbst, dessen Ausspruch entscheiden würde, gedenkt nur einmal des Landes, wo er geboren ist, aber ohne es zu benennen. Er hat, als er in späteren Jahren dorthin zurückgekommen, Alles fremd gefunden, was ihm einst kundig war, wie eine Hand der andern, das Feld angebaut, den Wald verhauen und nur das Wasser noch fließend, wie es weiland floß. (Man. I 141b f.) Auch sonst ist in seinen Liedern nirgends eine Beziehung auf die Gegend des Thurgaus, ob er gleich von den Orten seines Aufenthalts und von seinen Wanderungen vielfältig Rechenschaft giebt. Die erste bestimmtere Ortsbezeichnung ist es, wenn er meldet:
Zu Oesterreich lernte ich singen und sagen.
(Ebd. I 132a)
Aus diesen Worten ist übrigens noch keineswegs zu schließen, daß er auch in Oesterreich geboren sey, eher das Gegentheil; denn sie bezeichnen gerade nur das Land seiner Bildung zur Kunst. In Oesterreich, wo die Kunst des Gesanges unter den Fürsten aus babenbergischem Stamme so schön gepflegt wurde, konnten die Lehrlinge derselben gute Schule finden. Auch Reinmar von Zweter, der um die Mitte des 13. Jahrhunderts dichtete, berichtet von sich:
Von Rheine, so bin ich geboren,
In Oesterreiche erwachsen.
(Man. II 146b)
Nach allen Anzeigen war Walther von adelicher Abkunft. Mit dem Titel: Herr, dem Zeichen ritterbürtigen Standes, redet er selbst sich an, und so wird er auch von Zeitgenossen benannt. Spätere nennen ihn Ritter[10]. Daß er ein Reichslehen erhalten hat, werden wir nachher sehen.
Dem Bilde, welches sich in der Weingartner Handschrift vor seinen Liedern befindet, ist weder Helm noch Schild beigegeben. Nur das Schwerdt ist seitwärts angelehnt. In der Manessischen Handschrift sind Helm und Schild hinzugekommen; das Wappenzeichen auf beiden ist ein Falke oder andrer Jagdvogel im Käfig, also gänzlich verschieden von dem bei Stumpf abgezeichneten Wappen der Vogelweider, welches drei Sterne enthält.
Ansehnlich muß das adeliche Geschlecht des Dichters in keinem Falle gewesen seyn. Er sagt einmal: »Wie nieder ich sey, so bin ich doch der Werthen einer.« (Man. I 122b). Ueber seine Armuth klagt er öfters, und eben sie mag ihn bewogen haben, aus der Kunst des Gesanges, die von Andern aus freier Lust geübt ward, ein Gewerbe zu machen.
»Zu Oesterreich lernte ich singen und sagen.«
Mit diesen Worten des Dichters treten wir zuerst aus dem Gebiete der Fabel und der Vermuthung auf einen festeren Boden. Doch müssen wir häufig diesen wieder verlassen und uns darauf beschränken, einzelne sichere Punkte zu bezeichnen, welchen wir dann dasjenige, was den Stempel von Ort und Zeit weniger bestimmt an sich trägt, nach Wahrscheinlichkeit und nach Verwandtschaft der Gegenstände anreihen. Wo sich der Faden der Geschichte verliert, da giebt das innere Leben des Dichters Stoff genug, die Lücke auszufüllen.
Es lassen sich zweierlei Zeiträume bestimmt unterscheiden, in welchen der Dichter am Hof der Fürsten von Oesterreich aus babenbergischem Stamme gelebt hat. Er befand sich dort unter Friedrich, von den Spätern der Katholische genannt, der von 1193 bis 1198 am Herzogthume war, und kam dorthin zurück unter Leopold VII., dem Glorreichen, vor dem Jahre 1217.
Diese beiden Fürsten waren Söhne Leopolds VI., des Tugendreichen, Herzogs von Oesterreich und Steier, der zu Anfang des Jahres 1193 gestorben war. Friedrich, der ältere Sohn, ließ sich 1195 mit dem Kreuze zeichnen, reiste 1197 nach Palästina ab und starb 1198 auf der Kreuzfahrt[11].
Mit ihm muß dem Dichter Vieles zu Grabe gegangen seyn. In einem geraume Zeit nachher gedichteten Liede rechnet er den Anfang seines unsteten und mühseligen Lebens eben von dem Tode Friedrichs an. Lebendig genug schildert er in demselben Liede seine Trauer um den fürstlichen Gönner: »Da Friedrich aus Oesterreich also warb, daß er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb, da drückt ich meine Kraniche (Schnabelschuhe) tief in die Erde, da gieng ich schleichend, wie ein Pfau, das Haupt hängt' ich nieder bis auf meine Kniee.«
Zwar fällt in Walthers Zeit noch ein andrer Friedrich von Oesterreich, Friedrich der Streitbare, des Obigen Neffe, der 1230 seinem Vater, Leopold VII., nachfolgte und 1246 in der Ungarnschlacht an der Leitta umkam. Es sind aber hinreichende Gründe vorhanden, das angeführte Gedicht nicht auf den Neffen, sondern auf den Oheim, zu beziehen. Das Genesen an der Seele bei dem Ersterben des Leibes ist bezeichnend für den Tod auf der Kreuzfahrt, welchen der Dichter auch sonst für einen segenreichen erklärt. Und wenn wir auch annehmen wollten, daß Walther, der, wie sich zeigen wird, schon 1198 in sehr männlichem Geiste gedichtet, noch um 1246 gelebt und gesungen habe, so wird doch aus dem natürlichen Zusammenhange, worin jenes Lied späterhin erscheint, sich ergeben, daß solches in den ersteren Jahren der Regierung Kaiser Friedrichs II., also gar lange vor dem Tode Friedrichs des Streitbaren, entstanden sey.
Wenn uns gleich der Dichter, ausser dem Wenigen, was angeführt wurde, von den Schicksalen seiner früheren Lebenszeit keine bestimmtere Nachricht giebt, so ist uns doch, bevor wir ihm weiter folgen, ein verweilender Blick in seine Jugend gestattet. Er zeigt uns den Zeitraum, worein solche gefallen, im Widerscheine seiner späteren Lieder.
»Hievor war die Welt so schön!« ruft er klagend aus. Inniglich thut es ihm wehe, wenn er gedenkt, wie man weiland in der Welt gelebt. O weh! daß er nicht vergessen kann, wie recht froh die Leute waren. Soll das nimmermehr geschehen, so kränket ihn, daß er's je gesehen. Jetzt trauern selbst die Jungen, die doch vor Freude sollten in den Lüften schweben (I 129a 140b 114b).
Dieses unfrohe Wesen rügt er an mehreren Stellen. Es gilt ihm, wie andern Dichtern der Zeit, für ein sittliches Gebrechen, so wie umgekehrt die Freude für eine Tugend. »Niemand -- sagt er -- taugt ohne Freude.« (I 110b) Und allerdings ist es nicht selten die sittliche Beschaffenheit des Gemüths, hier des wohlgeordneten, dort des in sich zerfallenen, woraus Frohsinn oder Mißmuth entspringen.
Ob Walther, ausser dem Unterricht in der Kunst des Gesanges, irgend einer Art von gelehrter Bildung genossen, ist nicht ersichtlich. Einige Hinweisungen auf Stellen der Schrift und zwei lateinische Segenssprüche, die er scherzhaft anbringt, können nichts entscheiden. Von den Helden, welche dazumal in romantischen Gedichten verherrlicht wurden, kömmt bei ihm blos Alexander vor[12]. Richard Löwenherz und Saladin, deren er erwähnt, waren durch nahe Ueberlieferung noch in frischem Angedenken. Nirgends eine sichre Spur, ob er des Lesens und Schreibens kundig war. Das Leben hat ihn erzogen, er hat gelernt, was er mit Augen sah, das Treiben der Menschen, die Ereignisse der Zeit waren seine Wissenschaft.
Manches Lied, das über seine Lebensgeschichte vollständigeres Licht verbreiten könnte, mag verloren gegangen seyn. In denjenigen, die auf uns gekommen sind, erscheint er als ein Mann von gereiftem Alter, und in mehreren zeigt er sich am Ziel seiner Tage. Seine Gedichte tragen im Allgemeinen das Gepräge der Welterfahrenheit, des Ernstes, der Betrachtung. Bis zur eigenen Qual fühlt er sich zum Nachdenken hingezogen, und er spricht das bedeutsame Wort:
Liessen mich Gedanken frei,
So wüßte ich nicht um Ungemach.
(I 114a)
Er stellt sich uns in einem seiner Lieder dar, auf einem Steine sitzend, Bein über Bein geschlagen, den Ellenbogen darauf gestützt, Kinn und Wange in die Hand geschmiegt, und so über die Welt nachdenkend. Damit bezeichnet er treffend das Wesen seiner Dichtung, und sinnreich ist er in zwei Handschriften vor seinen Liedern in dieser Stellung abgebildet.
Zweiter Abschnitt.
Philipp von Schwaben. Deutschlands Zwiespalt
und Zerfall. Walther als Vaterlandsdichter.
Das Jahr 1198, in welchem der Dichter seinen fürstlichen Gönner in Oesterreich verlor, war auch ein Wendepunkt in der Geschichte der Zeit. In diesem Jahre wich der Friede, der in den letztern Jahren Kaiser Friedrichs I. und während der Regierung Heinrichs VI. in Deutschland geherrscht hatte, den langwierigen und verderblichen Kämpfen der Gegenkönige.
Heinrich VI. war im Herbst 1197 zu Messina gestorben, sein dreijähriger Sohn Friedrich blieb, unter Vormundschaft des Pabstes, als König in Sicilien. Die deutschen Fürsten hatten ihn noch bei Lebzeiten seines Vaters als Nachfolger auf dem deutschen Throne anerkannt. Aber Innocenz III., der kurz nach des Kaisers Hintritt, im kräftigsten Alter, zum Oberhaupt der Kirche gewählt worden, wollte nicht wieder die Vereinigung der deutschen Krone mit der sicilischen dulden. Er fand diese Vereinigung gefährlich für die Kirche, und erklärte: da Friedrich noch nicht getauft gewesen, als man ihn zum römischen König erwählt, so brauche man sich hieran nicht zu kehren. Den Deutschen war nicht mit einem Kinde geholfen. In den sechsten Monat war das Reich verwaist.
Philipp von Schwaben, des verstorbenen Heinrichs Bruder, hatte anfangs versucht, seinem unmündigen Neffen die Thronfolge zu erhalten, bald richtete er selbst sein Absehen auf die Krone. Auch diesem Hohenstaufen arbeitete der Pabst entgegen. Mit Berthold von Zähringen und Bernhard von Sachsen wurde von den Fürsten um das Reich unterhandelt. Nachher ordneten der Erzbischof von Köln und andre, mehrentheils geistliche Fürsten, von päbstlichem Einfluß geleitet, eine Gesandtschaft an Otto von Braunschweig ab, um ihn zum Throne zu berufen. Die Reichskleinode, auf deren Besitz man damals großen Werth legte, waren in Philipps Händen.
Schon früher war ein falsches Gerücht von Kaiser Heinrichs Tode das Zeichen zu allgemeiner Auflösung der gesellschaftlichen Ordnung gewesen. Jetzt, nach des Kaisers wirklichem Hintritt, erreichte die Verwirrung den höchsten Grad. »Als ich aus Tuscien nach Deutschland zurückgekommen -- schreibt Philipp an Innocenz III.[13] -- fand ich das ganze Land in nicht geringerer Verwirrung, als irgend das Meer von allen Winden zerwühlt werden könnte.«
Die ersten Lieder unsres Dichters, denen wir den Zeitpunkt ihrer Entstehung bestimmter nachweisen können, beziehen sich auf diese Ereignisse. Ernstes Nachdenken über die Zerrüttung des Vaterlands, Anklage des Pabstes, dessen Umtriebe den Zwiespalt herbeigeführt, Aufruf an Philipp, der Verwirrung ein Ende zu machen.
Ich saß auf einem Steine,[14]
Da deckte ich Bein mit Beine,
Darauf setzte ich den Ellenbogen,
Ich hatte in meiner Hand geschmogen
Das Kinn und eine Wange;
Da dachte ich mir viel bange,
Wie man zur Welte sollte leben.
Keinen Rath konnte ich mir geben,
Wie man drei Ding' erwürbe,
Der keines nicht verdürbe:
Die zwei sind Ehre und fahrend Gut,
Der jedes dem andern Schaden thut,
Das dritte ist Gottes Hulde,
Der zweien Uebergulde;
Die wollte ich gerne in einen Schrein.
Ja leider! möchte das nicht seyn,
Daß Gut und weltlich' Ehre
Und Gottes Huld je mehre
Zusammen in ein Herze kommen.
Steige und Wege sind eingenommen,
Untreue ist in der Sasse,
Gewalt fährt auf der Strasse,
Friede und Recht sind beide wund,
Die drei haben Geleites nicht, die zwei werden
denn eh' gesund.
geschmogen, geschmiegt. Uebergulde, was mehr als jene gilt. In der Sasse, seßhaft. Die drei, nemlich Gut (Reichthum), weltliche Ehre und Gottes Huld, haben kein sicheres Geleit, um zusammen zu kommen, bevor nicht die zwei, Friede und Recht, wiedergenesen sind und die Strasse frei machen.
Ich sah mit meinen Augen
Der Menschen Thun und Taugen.
Da ich nun hörte, da ich sach,
Was Jedes that, was Jedes sprach:
Zu Rome hörte ich lügen
Und zweene Könige trügen.
Davon hub sich der meiste Streit,
Der eh' ward oder immer seit.
Da sich begannen zweien
Die Pfaffen und die Laien,
Das war eine Noth vor aller Noth,
Leib und Seele lag da todt.
Die Pfaffen stritten sehre,
Doch ward der Laien mehre;
Das Schwerdt legten sie da nieder
Und griffen zu der Stole wieder,
Sie bannten, die sie wollten,
Und nicht den sie sollten.
Da störte man manch Gotteshaus,
Da hörte ich ferne in einer Klaus
Viel starker Ungebäre;
Da meinte ein Klausenere,
Er klagete Gott sein bittres Leid:
»O weh! der Pabest ist zu jung, hilf, Herre, deiner
Christenheit!«
seit, seitdem, nachher. zweien, entzweien. Pfaffen und Laien, geistliche und weltliche Fürsten, in der streitigen Königswahl. Ungebäre, ungebärdige Wehklage. Klausenere, der klagende Klausner, welcher mehrmals vorkömmt, bedeutet die vormalige strenge Frömmigkeit im Gegensatze zu der nunmehrigen Ausartung des geistlichen Standes.
Ich hörte die Wasser diessen
Und sah die Fische fließen,
Ich sah was in der Welte was,
Wald, Feld, Laub, Rohr und Gras.
Was kriechet oder flieget,
Oder Beine zur Erde bieget,
Das sah ich und sage euch das:
Der keines lebet ohne Haß;
Das Wild und das Gewürme,
Die streiten starke Stürme,
Also thun die Vögel unter ihn'n,
Nur daß sie haben einen Sinn
(Sie wären anders zu nichte):
Sie schaffen gut Gerichte,
Sie setzen Könige und Recht
Und schaffen Herren und Knecht.
O weh dir, deutsche Zunge,
Wie steht deine Ordenunge!
Daß nun die Mück' ihren König hat[15]
Und daß deine Ehre also zergat!
Bekehre dich, bekehre!
Die Kirchen sind zu hehre,
Die armen Könige drängen dich.
Philippe! setze den Waisen auf und heisse sie treten hinter
sich! (Man. I 102)
diessen, tosen, rauschen. fliessen, schwimmen. was, war. Was kriechet &c. vgl. Wernh. Mar. S. 28, 52. unter ihn'n, unter sich. deutsche Zunge, Land deutscher Sprache. zergat, zergeht. Die Kirchen, die Geistlichkeit. zu hehre, zu gewaltig. die armen Könige, die mittellosen Thronbewerber. den Waisen, das Reichskleinod, den Edelstein der Kaiserkrone, welchen Herzog Ernst aus dem hohlen Berge mitgenommen haben soll.
Noch im Frühjahr 1198 ward dem Dichter die Freude, Philippen gekrönt zu sehen. Das hochschwebende Lied, worin er seinen Jubel ausspricht, läßt kaum bezweifeln, daß er selbst der Krönung zu Mainz anwohnte.
Die Krone ist älter, denn der König Philippe sey;
Da möget ihr alle schauen wohl ein Wunder bei,
Wie sie ihme der Schmid so eben recht gemachet.
Sein kaiserliches Haupt geziemet ihr also wohl,
Daß sie zu Rechte niemand Gutes scheiden soll;
Jedwedes nicht des andern Tugend schwachet.
Sie lachen beide einander an
Das edel Gesteine und der junge süsse Mann;
Die Augenweide sehen die Fürsten gerne.
Wer nun das Reiches irre geh',
Der schaue, wem der Waise ob seinem Nacken steh'!
Der Stein ist aller Fürsten Leitesterne.
(I 127b)
zu Rechte, mit Recht. Tugend, Werth. schwachet, schwächet, verringert.
Das angenehme Bild, das Walther von seinem Könige giebt, bestätigen die Worte des Geschichtschreibers. Nach der Beschreibung der urspergischen Jahrbücher war Philipp ein Mann von schöner und edler Gesichtsbildung, blondem Haar, mittlerer Größe, zartem, fast schwächlichem Körperbau[16].
Der Dichter begnügt sich nicht, Philippen zum Throne berufen und auf demselben begrüßt zu haben. Er giebt dem neuen Könige noch das Mittel an, seine Herrschaft zu befestigen und auszubreiten. Dieses Mittel findet er in der Milde, der dankbaren Freigebigkeit gegen Diejenigen, die sich dem Könige versöhnt und verpflichtet haben, der rückhaltlosen Ausspendung von Gaben und Ehre.
Philippe, König hehre!
Sie geben dir alle Heiles Wort
Und wollten Lieb nach Leide.
Nun hast du Gut und Ehre,
Das ist wohl zweier Könige Hort,
Die gieb der Milde beide!
Die Milde lohnet, wie die Saat,
Von der man wohl zurück empfaht,
Darnach man ausgeworfen hat;
Wirf von dir mildigliche!
Welch' König der Milde geben kann,
Sie giebt ihm, das er nie gewann,
Wie Alexander sich versann:
Der gab und gab, da gab sie ihm alle Reiche.
(I 113a)
Das ist wohl &c. (Lesart der Pf. Hds. 357) Reichthum und Ehre, jedes für sich schon, ist der Hort, Schatz, eines Königs. (Vgl. I 135b »zwei Kaisers Ellen«, d. h. Stärke, Kraft) sich versann, inne ward.
Die Geschichte beweist, daß Philipp wirklich in diesem Sinne gehandelt. Wie er überhaupt die gelinden Wege den gewaltsamen vorzog, so suchte er besonders durch reiche Gaben an Geld und Ländereien Feinde zu beseitigen und Anhänger zu gewinnen. Seinem gefährlichsten Mitbewerber um die Krone, dem Herzog Berthold von Zährigen, hatte er für dessen Rücktritt 11000 Mark bezahlt. Seine Freigebigkeit war so groß, daß er damit nicht, wie Alexander, alle Reiche gewann, sondern selbst die anererbten Lande nur noch dem Namen nach behielt.
»Als er -- so erzählen die urspergischen Jahrbücher -- kein Geld hatte, um seinen Kriegsleuten Sold zu bezahlen, fieng er zuerst an, die Ländereien zu veräußern, die sein Vater, Kaiser Friedrich, weit umher in Deutschland erworben hatte, so daß er jedem Freiherrn oder Dienstmann Dörfer oder angrenzende Kirchen versetzte. Und also geschah es, daß ihm nichts übrig blieb, ausser dem leeren Namen des Landesherrn und denjenigen Städten und Dörfern, worin Märkte gehalten werden, nebst wenigen Schlössern des Landes.«
Dessen unerachtet vermochte er es nicht Allen zu Danke zu machen, und selbst Walther wirft ihm in einem andern Liede vor, daß er sich nicht so recht im Geben gefalle. Er erinnerte Philippen an den milden Saladin, welcher gesagt: Königes Hände sollten durchlöchert seyn, und an den König von Engelland (Richard Löwenherz), den man seiner Mildigkeit wegen so theuer ausgelöst. (I 127b)[17]
Auch hatte Philipp mit all seiner Freigebigkeit nicht verhindern können, daß gleich nach seiner Krönung Otto von Braunschweig als Gegenkönig aufgestellt wurde, mit dem er bis an seinen Tod zu kämpfen hatte. Wie einst in den Vätern, Friedrich dem Rothbart und Heinrich dem Löwen, so standen jetzt in den Söhnen, Philipp und Otto, Gibelinen und Welfen sich drohend gegenüber.
Wir haben zuvor gesehen, in welch heiterem Lichte unsrem Dichter seine frühere Lebenszeit erscheint. Mit stets düsterern Farben malt er die Gegenwart. Er klagt um die alte Ehre, um die alten getreuen Sitten. Treue und Wahrheit sind viel gar bescholten. Leer stehen die Stühle, wo Weisheit, Adel und Alter saßen ehe. Recht hinket, Zucht trauert und Scham siechet. Die Sonne hat ihren Schein verkehret, Untreue ihren Samen ausgestreut auf allen Wegen, der Vater findet Untreue bei dem Kinde, der Bruder lügt dem Bruder, geistlicher Orden selber trüget, der uns doch zum Himmel leiten sollte. Der Dichter erkennt hierin die schreckbaren Zeichen des nahenden Weltgerichts (I 121a, 107b, 112a, 128a).
Mit tiefem Kummer hält er dem politischen und sittlichen Verfalle seines Vaterlands dessen früheren Glanz entgegen: »O weh! was Ehren sich fremdet von deutschen Landen! Witz und Mannheit, dazu Silber und Gold!« (I 103b). »Ich sah hievor einmal den Tag, da unser Lob war gemein allen Zungen, wo kein Land uns nahe lag, es begehrte Sühne oder es war bezwungen. Reicher Gott! wie wir nach Ehren da rungen!« (I 106a).
Er rügt hiebei die Entartung und Zuchtlosigkeit des jüngeren Geschlechts. Vormals riethen die Alten und thaten die Jungen. Jetzt haben die Jungen die Alten verdrungen und spotten ihrer. Junge Altherren sieht man und alte Jungherren. Und wenn gleich Walther einmal behauptet: Niemand könne mit Gerten Kindeszucht behärten, wen man zu Ehren bringen möge, dem sey ein Wort als ein Schlag; so tadelt er doch anderswo die Väter, daß sie Salomons Lehre brechen, nach welcher den Sohn versäume, wer den Besen spare (I 106, 126b, 129a).
Unrecht würde dem Dichter geschehen, wenn wir in seinem Lobe der Vergangenheit und Tadel der Gegenwart die bloße Vorliebe für verlebte Jugendzeit erblicken wollten. Die gleichzeitigen Geschichtschreiber sind in vollkommener Uebereinstimmung mit seiner Schilderung des Zustandes, in welchen Deutschland durch die doppelte Königswahl versetzt wurde.
»Damals -- sagt der Abt von Ursperg -- fiengen die Uebel an, sich auf der Erde zu vervielfältigen. Denn es entstand unter den Menschen Feindschaft, Trug, Untreue, Verrath, womit sie sich gegenseitig in Tod und Untergang hingeben, Raub, Plünderung, Verheerung, Landesverwüstung, Brand, Aufruhr, Krieg. Jedermann ist jetzt meineidig und in die vorbesagten Frevel verstrickt. Wie das Volk, so auch die Priesterschaft. Die Verfolgung ist so groß, daß Niemand mit Sicherheit von seinem Wohnort ausgehen kann, auch nur in den nächsten Ort.«
In dem allgemeinen Zwiespalt nahmen auch die Sänger verschiedene Wege. Wenn Walther von der Vogelweide Philipps Krönung feierte, so geleitet Wolfram von Eschenbach den Gegenkönig Otto zu seiner Weihe[18].
Zu den Anhängern Philipps gehörten der Herzog Bernhard von Sachsen, früher selbst Bewerber um den Thron, und der Erzbischof von Magdeburg[19]. Nach dem thüringischen Feldzug im Jahr 1204, der sich mit der Unterwerfung des Landgrafen Hermann endigte, oder als im Jahr 1207 Philipp, mit Otto unterhandelnd, sich in jener Gegend befand[20], mag es geschehen seyn, daß er die Weihnachten zu Magdeburg feierte. Walther war bei dieser Feier anwesend, in einem farbenhellen Gemälde, den altdeutschen auf Goldgrund ähnlich, zeigt er uns den Kirchgang des Königs mit seiner Gemahlin, der griechischen Irene, und dem Gefolge der Thüringer und Sachsen.
Es gieng ein's Tages, als unser Herre ward geborn
Von einer Magd, die er sich zur Mutter hat erkorn,
Zu Magdeburg der König Philippe schöne.
Da gieng ein's Kaisers Bruder und ein's Kaisers Kind
In einer Wat, wie auch der Namen zweene sind;
Er trug des Reiches Zepter und die Krone.
Er trat viel leise, ihm war nicht jach;
Ihm schlich eine hochgeborne Königinne nach,
Rose ohne Dorn, eine Taube sonder Gallen.
Die Zucht war nirgend anderswo,
Die Thüringer und die Sachsen dienten da also,
Daß es den Weisen mußte wohl gefallen.
(I 127b)
Magd, Jungfrau. ein's Kaisers Bruder &c., Philipp war Bruder Kaiser Heinrichs VI. und Sohn Kaiser Friedrichs I. Wat, Gewand. Rose ohne Dorn, Taube sonder Galle, Beinamen, die sonst auch der heiligen Jungfrau gegeben werden. Zucht, Hofzucht, Hofdienst. den Weisen, den Kennern.
Dem königlichen Paare, das uns hier im Glanze der Macht und des Glückes erscheint, sind finstre Geschichten bereitet. Kurze Zeit nachher, 1208, fällt Philipp durch Mörderhand, und Irene, die Rose ohne Dorn, verwelkt am Kummer über seinen Tod.
Wir haben die schmerzliche Klage des Dichters über den Verfall von Deutschland vernommen. Es hat uns daraus eine seiner schönsten Eigenschaften angesprochen, die Vaterlandsliebe. Dieses edle Gefühl ist die Seele eines bedeutenden Theils seiner Dichtungen. Ueberall erregt es ihn zu der lebhaftesten Theilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten. Ihm gebührt unter den altdeutschen Sängern vorzugsweise der Name des vaterländischen. Keiner hat, wie er, die Eigenthümlichkeit seines Volkes erkannt und empfunden. Wie bitter wir ihn vorhin klagen und tadeln hörten, mit stolzer Begeisterung singt er anderswo den Preis des deutschen Landes, vor allen andern, deren er viele durchwandert:
Ihr sollt sprechen: willekommen!
Der euch Mähre bringet, das bin ich.
Alles, das ihr habet vernommen,
Das ist gar ein Wind, nun fraget mich!
Ich will aber Miethe,
Wird mein Lohn halb gut,
Ich mag leichtlich sagen, das euch sanfte thut;
Seht, was man mir Ehren biete!
Ich will deutschen Frauen sagen
Solche Mähre, daß sie desto baß
Sollen aller Welt behagen;
Ohne große Miethe thu' ich das.
Was wollt' ich zu Lohne?
Sie sind mir zu hehr.
Drum bin ich gefüge und bitte sie keines mehr,
Als daß sie mich grüßen schöne.
Ich hab' Lande viel gesehen
Und der besten nahm ich gerne wahr.
Uebel müsse mir geschehen,
Konnt' ich je mein Herze bringen dar,
Daß ihm wohl gefallen
Wollte fremde Sitte!
Was denn hülfe mich, ob ich mit Unrecht stritte?
Deutsche Zucht geht doch vor allen.
Von der Elbe bis an den Rhein
Und herwider bis in Ungerland,
Da mögen wohl die besten seyn,
Die ich irgend in der Welt gekannt.
Kann ich recht schauen
Gut Geläß und (schönen) Leib
So mir Gott! so schwüre ich wohl, daß da die Weib
Besser sind, denn anderswo die Frauen.
Deutsche Mann sind wohlgezogen,
Gleich den Engeln sind die Weib gethan;
Wer sie schilt, der ist betrogen,
Anders könnt' ich nimmer sein verstahn.
Tugend und reine Minne,
Wer die suchen will,
Der soll kommen in unser Land, da ist Wonne viel;
Lange müsse ich leben darinne!
(I 119b)
Mähre, Nachricht, Botschaft. ein Wind, ein Nichts. Miethe, Bezahlung, Botenlohn. sanfte thut, wohl thut. Sie sind mir &c. vgl. Nibel. V. 2240. dar, dahin. Kann ich rechte schauen &c. das Benehmen (Gelässe) und die Schönheit der Frauen als Kenner zu beurtheilen, galt für eine schätzbare Eigenschaft. Vgl. Nibel. V. 2385. Ulr. v. Lichtenst. Frauend. S. 20. Man. II 24a, 36a. die Weib, die Weiber ebenso Mann, Männer. gethan, beschaffen. betrogen, falsch berichtet.
Dritter Abschnitt.
Walthers Wanderleben. Der Hof zu Thüringen.
Die Hofsänger. Des Dichters Ansichten
von Fürsten und Fürstenräthen, von
Geburt, Freundschaft, Manneswerth. Blicke
in sein Inneres.
Die Sänger jener Zeit waren nothwendig wandernde. Mochten auch die Herren, welche sich im Liede zur Kurzweile übten, auf ihren Burgen daheim bleiben: Diejenigen, welche den Gesang zu ihrem Berufe gemacht, mußten sich auf den Weg begeben. Um Unterhalt und Lohn zu finden, mußten sie den Höfen und Festlichkeiten gesangliebender Fürsten nachziehn. War doch der Hof des Kaisers selbst ein wandernder, bald in dieser, bald in jener Stadt des Reiches sich niederlassend. Krönungstage, Fürstenversammlungen, Hochzeitfeste, das waren die Anlässe, bei welchen die Kunst- oder Prunkliebe der Großen sich am freigebigsten äusserte. War dazumal das gewöhnliche und häusliche Leben einfach, so waren dagegen festliche und öffentliche Zusammenkünfte desto glanzvoller.
Auch vom äussern Lohne abgesehen, mußte der Dichter wandern, wenn er mit den Angelegenheiten der Zeit bekannt werden, wenn er, bei noch sehr unvollkommenen Mitteln der Verbreitung geistiger Erzeugnisse, sich selbst Anerkennung, seinem Liede Wirksamkeit verschaffen wollte. Darum war es den alten Meistern allerdings zu thun. Reinbot von Dorn, der die Legende vom h. Georg in Gedicht gebracht hat, spricht die Hoffnung aus (V. 56-63), daß sein Werk über alle deutschen Lande, von Tirol bis nach Bremen und von Preßburg bis nach Metz, werde bekannt werden. Auf der andern Seite wird im Titurel (Cap. 4, Str. 542) die Besorgniß geäußert, daß der Schreiber das Rechte unrichtig machen möchte. Am sichersten aber wurde die Fälschung vermieden, wenn der Dichter selbst vortrug. Wollte er versichert seyn, daß seine Tonweise richtig gesungen werde, wollte er seine eigene Fertigkeit im Gesange geltend machen, so war ohnehin sein persönliches Erscheinen erforderlich.
So war denn auch Walthers Leben das eines fahrenden Sängers. Er reist zu Pferde, vermuthlich die Geige mit sich führend[21]. Daß er seine Lieder selbst vorgetragen, ist aus einigen derselben noch hörbar[22]. Zu Hof und an der Straße läßt er sie ertönen (I 136b). In einem Morgengebet empfiehlt er sich unter Gottes Obhut, wohin des Landes er heute reiten möge (I 129a). Er beruhigt seine Geliebte über seine Abwesenheit:
Meiner Frauen darf nicht werden leid,
Daß ich reite und frage in fremde Land'
Nach den Weiben, die mit Würdigkeit
Leben (der ist viel manche mir bekannt)
Und die schöne sind dazu;
Doch ist ihrer keine,
Weder groß noch kleine,
Der Versagen mir jemals wehe thu'!
(I 118b)
Er hat der Lande viel gesehen, wie wir zuvor ihn singen hörten. Von der Elbe bis an den Rhein und wider bis in Ungerland hat er sich umgesehen, von der Seine bis an die Mur, von dem Po bis an die Drave hat er der Menschen Weise erkannt (I 131b). Am Hofe von Oesterreich haben wir ihn zuerst getroffen, am Hofe von Thüringen finden wir ihn jetzt wieder.
Hermann, Landgraf in Thüringen (von 1195 bis 1215), den sich Philipp in dem vorerwähnten Feldzuge von 1204 unterworfen[23], behauptet eine ausgezeichnete Stelle unter den fürstlichen Freunden der Dichtkunst. Er setzte schon den Meister Heinrich von Veldecke in den Stand, seine Aeneide, die ihm neun Jahre lang entwendet war, zu Ende zu führen. (Eneidt V. 13268 ff.) Auf seinen Anlaß bearbeitete Wolfram von Eschenbach den Wilhelm von Oranse (H. Georg V. 34 ff.) und für ihn verdeutschte Albrecht von Halberstadt die Verwandlungen Ovids[24]. Vornemlich aber ist er durch den Wettstreit der Sänger an seinem Hofe zu Wartburg berühmt geworden.
Auch in dem Leben und den Liedern unsres Dichters spielt er eine bedeutende Rolle. Vor 1198 fanden wir diesen in Oesterreich. Alsdann folgen seine Lieder auf Philipp von Schwaben und es ist nicht anzunehmen, daß er sich an dem Hofe des Landgrafen werde aufgehalten haben, so lange dieser Philipps Gegner war. Im Sommer des Jahres 1204 unterwarf sich der Landgraf. Es ist daher ganz nicht unwahrscheinlich, daß Walthers Aufenthalt an dessen Hofe um das Jahr 1207 stattgefunden, in welches der Krieg auf Wartburg, worin Walther auftritt, von den thüringischen Chroniken gesetzt wird.
Dieser Wettstreit, den das vielbesprochene Gedicht in der Manessischen Sammlung (II 1-16) in Wechselgesang, mit untermengter Erzählung, darstellt, hat zunächst das Lob milder Fürsten zum Gegenstand. Heinrich von Ofterdingen erhebt den Herzog von Oesterreich, ihm treten Wolfram von Eschenbach und Andre entgegen, die den Landgrafen von Thüringen verherrlichen. Walther von der Vogelweide zeigt sich anfangs ungehalten auf Oesterreich und giebt dem König von Frankreich vor allen Fürsten den Preis. Nachher bereut er, daß er sich von dem Oesterreicher losgesagt, den er jetzt der Sonne vergleicht; allein über die Sonne noch stellt er den Tag: Hermann von Thüringen. Von sich selbst meldet er, wie er zu Paris gute Schule gefunden, zu Konstantinopel, zu Baldach, zu Babylon Kunst und Weisheit erlernt habe. Hieraus ist wenigsten ersichtlich, daß Walther dem Verfasser des Gedichts für einen weitgereisten und in die Tiefen der Kunst eingeweihten Meister gegolten habe. Das Gedicht, so wie es vorliegt, hat aber wohl nicht den Wolfram von Eschenbach, dem man es zugeschrieben, sondern einen spätern mainzischen Meister zum Verfasser, wenn gleich Ueberlieferung und ältere Lieder zu Grunde liegen.
Wenden wir uns zu Walthers eigenen Aeusserungen über sein Verhältniß zu dem Hofe von Thüringen, so ist dasjenige seiner Lieder zuerst auszuheben, mit welchem er sich dem Landgrafen erst zu nähern scheint. Er fordert Jeden auf, der an des edeln Landgrafen Rathe sey, Dienstmann oder Freier, den jungen Fürsten um Eines zu mahnen und zwar so, daß er, der Dicher, den Erfolg davon spüre. Drei Tugenden werden an dem Landgrafen gerühmt: er sey milde, stet und wohlgezogen. Aber eine vierte noch würde ihm wohl anstehen, die nemlich: daß er nicht säumig sey (I 106a). Der Dichter mochte damit den Wunsch ausdrücken, baldmöglich von dem Landgrafen beschenkt oder in dessen Dienst aufgenommen zu werden.
In einem weitern Liede (I 133b) finden wir ihn dieses Wunsches gewährt. Er freuet sich, des milden Landgrafen Ingesinde zu seyn. Es ist seine Sitte, daß man ihn immer bei den Theuresten finde. Die andern Fürsten alle sind anfangs milde, aber sie bleiben es nicht so stetiglich. Der Landgraf war es ehe und ist es noch, darum kann er besser, denn sie, der Milde pflegen. Das Lied schließt mit den schönen Worten:
Wer heuer schallet und ist hin zu Jahre böse, als eh',
Des Lob grünet und salbet, wie der Klee.
Der Thüringer Blume scheinet durch den Schnee,
Sommer und Winter blühet sein Lob, wie in den ersten
Jahren[25].
schallet, pochet, pranget. hin zu Jahre, über's Jahr. als eh', wie vorher.
Wünschenswerth allerdings mag das Leben an des Landgrafen Hofe gewesen seyn. Der Dichter giebt eine sehr anschauliche Schilderung von diesem Hofhalt, woraus zu entnehmen ist, daß man dort wenig von der schlimmen Zeit verspürte:
Wer in den Ohren siech, wer krank im Haupte sey,
Das ist mein Rath, der lasse den Hof zu Thüringen frei;
Kommt er dahin, fürwahr er wird erthöret.
Ich habe gedrungen, bis ich nicht mehr dringen mag;
Eine Schaar fährt aus, die andre ein, so Nacht als Tag,
Groß Wunder ist, daß Jemand da noch höret.
Der Landgrafe ist so gemuth,
Daß er mit stolzen Helden seine Habe verthut,
Der jeglicher viel wohl ein Kämpfe wäre.
Mir ist seine hohe Art wohl kund,
Und gälte ein Fuder gutes Weines tausend Pfund,
Da stünde doch nimmer Ritters Becher leere.
(W. Hds. S. 170)
erthöret, betäubt. Kämpfe, Kämpe, ein Solcher, der besonders aufgestellt ist, eine Sache im Zweikampf auszufechten, also ein auserwählter, vorzüglicher Streiter.
Manch unnützen Gesellen mußte die Gastfreiheit dieses Hofes anziehen. Eschenbach rügt dieses in seinem Parcifal V. 8856 ff.[26], mit Beziehung auf ein nicht mehr vorhandenes Lied unsres Dichters:
Von Thüringen Fürsten Hermann!
Etlich dein Ingesinde ich maß,
Das Ausgesinde hiesse baß.
Dir wär' auch eines Kaien noth,
Seit wahre Milde dir gebot
So manigfalten Anehang,
Hier ein schmählich Gedrang
Und dort ein werthes Dringen.
Drum muß Herr Walther singen:
»Guten Tag, Böse und Gut!«
Wo man solchen Sang nun thut,
Des sind die Falschen geehret.
Kaie hatt's ihn nicht gelehret,
Noch Herr Heinrich von Rispach &c.
Kaie ist des Königs Artus strenger und mürrischer Seneschall, der solchem Unwesen, nach Eschenbachs Ausdruck, schärfer war, denn der Biene Stachel. Gedrang, Gedränge, Zudrang. Die Falschen, die Schlechten. Heinrich von Rispach, vielleicht der tugendhafte Schreiber, der im Wartburger Kriege auftritt und dessen Gedichte Man. II 101 ff. aufbewahrt sind, der Henricus Notarius, H. Scriptor, welcher in thüringischen Urkunden von 1208-1228 vorkömmt. Mus. I 173.
Ein wunderlicher Mann, mit Namen Gerhard Atze, scheint der freudigen Gesellschaft am thüringischen Hofe zur Zielscheibe ihres Witzes gedient zu haben. Ihm hat Walther zwei Gedichte gewidmet. Das eine (I 105a) ist durch persönliche Anspielung räthselhaft. Das andre (I 113a) betrifft einen scherzhaften Rechtsstreit. Der merkwürdige Fall ist dieser: Herr Gerhard Atze hat dem Dichter zu Eisenach ein Pferd erschossen. Walther klagt auf Entschädigung: das Pferd war wohl dreier Marke werth. Gerhard Atze weicht aber damit aus, daß er behauptet: das getödtete Pferd sey dem Rosse blutsverwandt, das einst ihm, dem Beklagten, den Finger zu Schande gebissen. Dagegen erbietet sich Walther, mit beiden Händen zu beschwören, daß die Pferde einander nicht befreundet waren, und er ruft auf, wer ihm staben, d. h. den Eid abnehmen wolle?
Ein Kampfgenosse des Landgrafen Hermann in dessen Fehde mit König Philipp war der Graf von Katzenellenbogen, Wilhelm II., zugenannt der Reiche[27]. Derselbe mag es seyn, von dem unser Dichter singt. Walther ist dem Bogener hold, ganz ohne Gabe und ohne Sold (I 127a). Doch der Graf versteht, er beschenkt den Sänger mit einem Diamant. Dafür preist ihn dieser als der schönsten Ritter einen. Nicht nach dem Scheine lobt er die Schönheit; milder Mann ist schön und wohlgezogen, man soll die innre Tugend nach aussen kehren, dann ist das äussre Lob nach Ehren, wie des von Katzenellenbogen. (Ebd.)
So wird gewöhnlich der Fürst, dem der Dichter sich nähern will, zuerst mit einem Liede ausgeforscht. Ist der Erfolg entsprechend, dann ertönt auch das vollere Lob.
Von einer großen, zarter oder unzarter sich äussernden Begehrlichkeit können die Hofsänger damaliger Zeit nicht freigesprochen werden. Sie versäumen keinen Anlaß, sich zu milder Gabe zu empfehlen. Ihre zahlreichen Lobgedichte sind überall darauf berechnet. Die Milde d. h. die Freigebigkeit, ist ihnen der Fürsten erste Tugend[28]. Wo ihnen nicht willfahrt wird, machen sie ihr Lied zur Waffe des Tadels und des Spottes. Sie werfen dem unmilden Herrn einen Stein in den Garten und eine Klette in den Bart[29].
Noch ziemlich gelinde scherzt der Unsrige über die unwirthliche Aufnahme, die er in der bairischen Abtei Tegernsee gefunden. Es war ihm viel von dieses Hauses Ehre gesagt worden. Deshalb ritt er einst, um dahin zu kommen, mehr denn eine Meile abseits der Straße. Aber vergeblich war seine Hoffnung auf einen guten Klostertrunk:
Ich nahm da Wasser,
Also nasser
Mußt' ich von des Mönches Tische scheiden.
(I 113a)
Geld, Auslösung der für Zehrung versetzten Pfänder, Pferde, Kleider, waren der Lohn, der den Sängern von ihren Gönnern zu Theil wurde. Walther sagt von einer schönen Frau, sie habe ein werthes Kleid angezogen: ihren reinen Leib. Sie sey ein wohlgekleidet Weib. Getragene Kleider hab' er nie genommen[30], dieses nähm' er für sein Leben gerne. Der Kaiser würde dieser Frau Spielmann um so reiche Gabe (I 121b).
Wenn übrigens auch unser Dichter in diesem Werben um Gunst und Gabe der Fürsten dem Gebrauche der Zeit und dem äussern Bedürfnisse gefolgt ist, so muß doch auf der andern Seite anerkannt werden, nicht bloß daß er jene Tugend der Milde auf wahrhaft dichterische Weise gepriesen, sondern auch, daß er darüber das Höhere nicht aus den Augen gesetzt, vielmehr mitten im Getrieb der Höfe sich einen freien Blick und einen würdigen Sinn erhalten. Es erscheint angemessen, jetzt auch diese edlere Seite herauszuheben.
Nicht die bloße Freigebigkeit ist es, darum er die Fürsten in Anspruch nimmt, weit umfassender hat er den Kreis ihrer Pflichten erkannt:
Ihr Fürsten tugnet eure Sinne mit reiner Güte,
Seyd gegen Freunde sanfte, gegen Feinde traget Hochgemüthe,
Stärket Recht, und danket Gott der großen Ehren,
Daß mancher Mensch seinen Leib, sein Gut muß euch zu Dienste
kehren!
Seyd milde, friedebar, laßt euch in Würde schauen!
So loben euch die reinen süßen Frauen.
Scham, Treue, ehrebringende Zucht sollt ihr gerne tragen!
Minnet Gott und richtet, was die Armen klagen!
Glaubt nicht, was euch die Lügenere sagen,
Und folget gutem Rathe, so möget ihr im Himmelreiche bauen!
(I 132b)
tugnet, machet tüchtig, veredlet. minnet, liebet; Minne ist Liebe in jeder Bedeutung. bauen, wohnen, dereinst Bürger des Himmelreichs werden.
Noch in andern Liedern warnt er die Fürsten vor falschem Rathe. Er will sie lehren, wie sie jeglichen Rath wohl mögen erkennen. Der guten Räthe sind drei, drei böse stehen zur linken Hand dabei. Frommen, Gottes Huld und weltliche Ehre, das sind die guten. Wohl ihm, der diese lehret! den möchte ein Kaiser nehmen an seinen höchsten Rath. Die drei bösen heißen: Schade, Sünde und Schande (I 105b).
Besonders wird Derjenige, wes Standes er sey, für einen Schalk erklärt, der seinen Herren lehre, zu lügen oder das Angelobte nachher zu versagen, und der so die Biedern schamlos mache:
Erlahmen müssen ihm die Beine, so er sich zu dem Rathe biege!
Sey aber er so hehr, daß er dazu sitze,
So wünsche ich, daß sein' ungetreue Zunge müsse erlahmen.
(I 130b)
Die Herren selbst, welche so durch glänzende Versprechungen täuschen, vergleicht Walther den Gaucklern, die unter dem Hute jetzt einen wilden Falken, jetzt einen stolzen Pfau, jetzt gar ein Meerwunder vorweisen, am Ende aber ist es weiter nichts, als eine Krähe. Wär' ich dir stark genug, ruft er solchem Gauckler zu, ich schlüge dir die falsche Gauckelbüchse an dein Haupt (I 132b).
Der Umgang mit den Mächtigen hat das Urtheil des Dichters über die wahren Vorzüge der Menschen keineswegs getrübt. Er sucht diese nicht in der Geburt. Kräftig spricht er sich über den Ursprung aller Sterblichen aus gleichem Lehm und über ihre Gleichheit vor dem höchsten Herren aus:
Wer ohne Furcht, o Herr Gott!
Will sprechen deine zehn Gebot',
Und brichet die, das ist nicht wahre Minne.
Dich heisset Vater Mancher viel,
Der mich zum Bruder doch nicht will;
Der spricht die starken Wort' aus schwachem Sinne.
Wir wachsen all' aus gleichem Dinge,
Speise frommet uns, sie wird ringe,
So sie durch den Mund hin fährt.
Wer kann den Herren von dem Knechte scheiden,
Der ihr Gebeine bloßes fünde,
(Hatt' er gleich der Lebenden Kunde,)
So Gewürme das Fleisch verzehrt?
Ihm dienen Christen, Juden und Heiden,
Der alle lebende Wunder nährt.
(I 128b)
Der Teufel, wenn er sichtbar daher käme, sagt Walther ein andermal, wäre mir nicht so verwünscht, als des Bösen böser Sohn. Von der Geburt kommt uns weder Frommen noch Ehre (I 129a).
Die erworbenen, selbstverdienten Freunde zieht er den angebornen, den Magen, vor:
Mann, hochgemagt, an Freunden krank,
Das ist ein schwacher Habedank;
Baß hilfet Freundschaft ohne Sippe.
Laß Einen seyn geborn von Königes Rippe,
Er habe denn Freunde, was hilfet das?
Magschaft ist selbstgewachs'ne Ehre,
So muß man Freunde verdienen sehre.
Mag' hilfet wohl, Freund vieles baß.
(I 126b)
hochgemagt, der hohe Magen, Blutsverwandte, hat. krank, schwach, arm. Habedank, Entgelt, Ersatz. So, den Gegensatz bezeichnend. verdienen, durch Dienst, mühsam erwerben.
Den wahren Werth des Mannes begründen ihm drei Eigenschaften: Kühnheit, Milde, besonders aber Treue. An Weibes Lobe, meint er, stehet wohl, daß man sie schön heiße. Manne stehet es übel, es ist zu weich und oft zum Hohne. Kühn und mild und daß er dazu stete sey, so ist er viel gar gelobt. Ihr müsset in die Leute sehen, wollt ihr sie erkennen; Niemand soll aussen nach der Farbe loben (I 134a). Gewissen Freund, versuchtes Schwerdt, soll man zu Nöthen sehen (I 131b)[31].
Ihm grauset, wenn ihn die Lächler anlachen, denen die Zunge honiget und das Herz Galle hat. Freundes Lächeln soll seyn ohne Missethat, lauter wie das Abendroth, das liebe Mähre kündet. Wes Mund mich trügen will, der habe sein Lachen hin! Von dem nähme ich ein wahres Nein für zwei gelogene Ja (I 131a).
Gott, der ein rechter Richter heißet in der Schrift, sollte das geruhen, daß er die Getreuen von den Falschen schiede; hienieden noch, denn jenseits werden sie wohl gesondert. Gerne sähe ich an ihrer Etlichem ein Schandenmal, der sich dem Manne windet aus der Hand, recht wie ein Aal. O weh! daß Gott nicht zorniglich an denen wundert! Wer mit mir fährt von Hause, der fahr' auch mit mir heim! Des Mannes Muth soll fest seyn, als ein Stein, an Treue grad und eben, wie der Stab am Pfeile (W. Hds. S. 151).
So streng der Dichter hier und anderwärts gegen Alles eifert, was er für schlecht erkannt hat, so scharf er auch zu spotten versteht, so erscheint dennoch sein Innerstes ungemein weich und milde. In sittlicher Beziehung zeichnet ihn das Zartgefühl, ja die Aengstlichkeit aus, womit er vorzubeugen sucht, daß sein Straflied nicht mit dem Schuldigen zugleich den Unschuldigen verletze (z. B. I 107b 6, 120b 3). Er ist den Bösen versöhnlich, wenn sie sich bessern wollen (I 115b 4). Er duldet manche Unfuge, obwohl er sich rächen könnte (I 121b 2). Denen, die im Winter ihm Freude benommen, wünscht er doch, daß die Sommerzeit ihnen wohl bekommen möge. Er kann nicht fluchen, als das üble Wort: unselig! das wär' aber allzuviel (I 136b 3),
Seine gedrückte Lage, seine Abhängigkeit von der Gunst oder Ungunst Andrer, hat ihn eingeschüchtert und er lebt sein wahrstes Leben nur in der Einsamkeit und Heimlichkeit des Gemüths. Er hütet sich, daß nicht die Leute sein verdrieße, mit den Frohen ist er froh und lacht ungerne, wo man weinet (I 117a 1). Er ist unschädlich froh, daß man ihm wohl zu leben gönne. Heimlich steht sein Herze hoch (I 114a 3). Er scheut sich froh zu seyn, wenn es nicht Andre mit ihm sind, damit er nicht ihr Fingerzeigen leide (I 140a 1 v. u.) So verhehlt er auch sein Leid und stellt sich freudenreich (I 140b 2 v. u.); damit hat er oft sich selbst betrogen und um der Welt willen manche Freude erlogen, dieß Lügen war aber löblich (I 139b 2).
Seiner selbst mächtig zu seyn, gilt ihm für eine vorzügliche Tugend:
Wer schlägt den Löwen? wer schlägt den Riesen?
Wer überwindet jenen und diesen?
Das thut Jener, der sich selber zwinget.
(I 127a)
Vierter Abschnitt.
Otto IV. und Friedrich II. Walther empfängt
ein Reichslehen. Der Truchseß von Singenberg.
Nach dem Tode Philipps von Schwaben wurde Otto von Braunschweig allgemein als König anerkannt. Um sich der Anhänger des hohenstaufischen Hauses zu versichern, beschloß er, sich mit Philipps verwaister Tochter Beatrix zu verloben. Auf der Fürstenversammlung zu Würzburg, 1209, empfieng Beatrix, von den Herzogen Leopold von Oesterreich und Ludwig von Baiern eingeführt, des Königs Kuß und Ring. Das Hinderniß der Verwandtschaft hatte der Pabst, auf den hohenstaufischen Friedrich in Sicilien argwöhnisch, gerne gehoben. Doch blieb die Vermählung ausgesetzt. Otto trat den Römerzug an und wurde im Weinmond 1209 von Innocenz III. als Kaiser gekrönt. Die Ansprüche der päbstlichen und der kaiserlichen Gewalt, der Platte und der Krone[32], waren sich aber zu sehr entgegengesetzt, als daß jemals ein gutes Vernehmen in die Dauer bestanden hätte. Die von Otto vorgenommene Herstellung der Reichsrechte in Italien war der Anlaß, daß sein bisheriges Einverständniß mit Innocenz sich in heftige Zwistigkeiten auflöste. Weil Otto befürchten mußte, daß der Pabst ihm in dem jungen Friedrich von Sicilien einen Gegenkönig aufstellen würde, brach er mit Heeresmacht in Apulien ein. Dagegen warf Innocenz auf ihn den Bannstral und erweckte in Deutschland durch den Erzbischof von Mainz eine Partei für den sicilischen Friedrich. Der König von Böhmen, die Herzoge von Oesterreich und von Baiern, der Landgraf von Thüringen und viele Andre erklärten den für den rechten König, dem man einst Treue geschworen, als er noch in der Wiege lag. Es wurden Boten abgeschickt, um Friedrichen nach Deutschland einzuladen.
Otto, der in Apulien große Fortschritte gemacht hatte, sah sich jetzt genöthigt, nach Deutschland zurückzukehren. Er beschleunigte seine Vermählung mit Beatrix, aber diese starb am vierten Tage nach der Hochzeit, und nun verließen auch die schwäbischen und bairischen Vasallen sein Heer.
Während er in Thüringen den Landgrafen, seinen vormaligen Anhänger, bekriegte, im Sommer 1212, kam Friedrich, jetzt fünfzehn Jahre alt, vom Segen des Pabstes begleitet, nach Ueberstehung großer Gefahren und Mühseligkeiten, über das unwegsamste Alpgebirge zu Chur in Rhätien an. Der dortige Bischof und der Abt von Sankt Gallen geleiteten ihn nach Konstanz. Zu gleicher Zeit erschien am andern Ufer des Sees, zu Ueberlingen, Otto mit seinem Heer. Aber von Vielen verlassen, konnte dieser sich nicht mit seinem Gegner messen. Friedrich begab sich nach Basel, unter dem Beistand des Grafen von Kiburg und Andrer, denen er freigebig Lehen ertheilte. Von da zog er mit stets wachsendem Anhang den Rhein hinab. Otto mußte nach Sachsen entweichen und Friedrich empfieng auf dem Hoftage zu Mainz die Huldigung der Fürsten. Zu Frankfurt traf der Landgraf Hermann von Thüringen zu ihm. Friedrich ritt diesem Fürsten mit großem Gefolg entgegen, umarmte ihn, nannte ihn seinen Vater und führte ihn auf das ehrenvollste in die Stadt.
Auf welchem Wege Walther von der Vogelweide dem neuen Könige nahe gekommen seyn mag, wir treffen ihn jetzt, wie er in zwei Liedern zwischen Friedrich und Otto Vergleichung anstellt.
In dem einen versichert er spottweise: Herr Otte werde ihn noch reich machen. Ein Vater hat weiland seinem Sohne die Lehre gegeben: dem bösesten Manne zu dienen, damit der beste ihm lohne. Walther ist der Sohn, Otto ist der böseste Mann, denn so recht bösen Herrn hat der Dichter nie gehabt, König Friedrich aber ist der beste, der nun lohnen wird (I 130a). Es erhellt aus diesem Liede, daß Walther zuvor auch Ottos Dienste nachgezogen.
Otto IV., stolz und kriegerisch, dabei allzu sehr von Geld entblößt, war freilich nicht der Mann nach dem Sinne der begehrlichen Sänger[33]. Auch finden wir ihn nirgends unter den Beförderern des Gesanges aufgeführt. Friedrich II., dessen Vortheil es mit sich brachte, gefällig und freigebig aufzutreten, mußte unsrem Dichter um so mehr zusagen, als sich dieser vorher schon als einen Freund des hohenstaufischen Hauses gezeigt hatte.
Noch anschaulicher, als in dem vorerwähnten Liede, mißt Walther in dem nachstehenden die beiden Könige mit dem Maßstab der Milde gegen einander ab und zeigt, wie der junge Friedrich seinem Gegner über das Haupt gewachsen sey. Zum Verständniß dieses Gedichts muß bemerkt werden, daß Otto durch hohen Wuchs ausgezeichnet war. Der Abt von Ursperg führt sogar Ottos Stärke und hohe Gestalt als einen Grund an, der die Fürsten bewogen habe, ihn zum Throne zu berufen[34].
Ich wollte Herrn Otten Milde nach der Länge messen,
Da hatt' ich mich an der Maße ein Theil vergessen,
Wär' er so mild, als lange, er hätte der Tugend viel
besessen.
Viel schiere maß ich ab den Leib nach seiner Ehre,
Da ward er viel gar zu kurz, wie ein verschroten Werk,
Mildes Muthes minder viel, denn ein Gezwerg,
Und ist doch von den Jahren, daß er nicht wachset mehre.
Da ich dem Könige brachte das Maß, wie er aufschoß!
Sein junger Leib ward beides: stark und groß.
Nun seht, was er noch wachse erst jetzo über ihn wohl
riesengroß! (I 130a)
schiere, bald, schleunig. verschroten, verhauen. Werk, irgend eine Kunstarbeit, eine Waffe &c.
Dießmal aber ist es dem Dichter nicht um bloße Hofgunst, nicht um ein Geschenk an Geld oder Kleidern zu thun. Er ist des irren Lebens müde, ein Heimwesen soll ihm die Huld des Königs begründen. Lange genug ist er Gast gewesen, er sehnt sich darnach, Wirth zu heißen. Ein Reichslehen, wie wir bald sehen werden, ist es, worauf er abzielt:
Seyd willekommen, Herre Wirth! dem Grusse muß ich
schweigen.
Seyd willekommen, Herre Gast! da muß ich sprechen oder
neigen.
Wirth und heim sind zween unschämeliche Namen.
Gast und Herberge muß man sich viel ofte schamen.
Noch müsse ich erleben, daß ich den Gast auch grüsse,
So daß er mir, dem Wirthe, danken müsse!
Seyd heutnacht hie, seyd morgen dort! was Gauckelfuhre
ist das!
Ich bin heim oder ich will heim, das tröstet baß.
Gast und Schach kommt selten ohne Haß:
Herre! büsset mir des Gastes, daß euch Gott des Schaches
büsse. (I 131b)
Wirth, Hausherr, Bewirther. da muß ich sprechen &c., auf solchen Gruß muß ich antworten oder mich dankend verneigen. unschämeliche, deren man sich nicht zu schämen hat. schamen, schämen. Gauckelfuhre, Gauckelwesen, Gauckelei. Schach, das Schachbieten. Das Gegenüberstehn der beiden Könige, Friedrich und Otto, wird dem Schachspiele (worauf Walther auch sonst anspielt, I 137a 138b) verglichen. Der Dichter wünscht dem Erstern, daß ihn der Letztere nicht in Schach setze. kommt selten ohne Haß, wird selten gerne gehört. büsset mir &c., erlöset mich &c.
Noch dringender spricht der Dichter sein Anliegen mit Folgendem aus:
Von Rome Vogt, von Pulle König! laßt euch erbarmen,
Daß man bei reicher Kunst mich lässet also armen![35]
Gerne wollte ich, möchte es seyn, bei eigenem Feuer
erwarmen.
Ahi! wie ich dann sänge von den Vögeleinen,
Von der Heide und von den Blumen, wie ich weiland sang!
Welch schönes Weib mir gäbe dann ihr Habedank,
Der ließe ich Lilien und Rosen aus dem Wänglein scheinen.
Nun reite ich früh und komme nicht heim; Gast, weh dir,
weh!
So mag der Wirth wohl singen von dem grünen Klee.
Die Noth bedenket, milder König, daß eure Noth
zergeh'! (I 131a)
Von Rome Vogt, häufig vorkommende Benennung der römischen Kaiser oder Könige. Pulle, Apulien, das jetzige Königreich Neapel. Heide, Aue.
Die Lieder rühren des Königes Herz. Der Wunsch ist erfüllt. Hören wir des Dichters Freude!
Ich hab' mein Lehen, all die Welt! ich hab' mein Lehen!
Nun fürchte ich nicht den Hornung an die Zehen
Und will alle böse Herren desto minder flehen.
Der edle König, der milde König, hat mich berathen,
Daß ich den Sommer möge Luft, den Winter Hitze han.
Nun dünke ich meinen Nachbarn vieles daß gethan
Sie sehen mich nicht mehr an in Unholds Weise, wie sie
weiland thaten.
Ich bin zu lange arm gewesen, ohne meinen Dank,
Ich war so voller Scheltens, daß mein Athem stank,
Den hat der König gemachet rein und dazu meinen Sang.
(I 150b)
den Hornung &c. die Winterkälte, das Erfrieren der Zehen. baß gethan, Comparativ von wohl-gethan, wohlgemacht, schön. ohne meinen Dank, wider meinen Willen. Ich war so &c. Der Dichter drückt aus, wie anhaltendes Ungemach ihn menschenfeindlich gemacht und sein Lied verbittert. Die frohere Stimmung wird jetzt auch seinen Gesang freundlicher machen.
Noch ein andres Lied, dessen wir früher schon zu erwähnen hatten, feiert den glücklichen Wechsel des Schicksals. Wir sehen hier den Sänger mit der Geige, eine Tanzweise aufspielend:
Da Friedrich aus Oesterreiche also warb,
Daß er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb,
Da führt' er meiner Kraniche Tritt in die Erde.
Da gieng ich schleichend wie ein Pfau, wohin ich gieng.
Das Haupt mir nieder bis auf meine Kniee hieng:
Nun richt' ich es auf nach vollem Werthe.
Ich bin wohl zu Feuer kommen,
Mich hat das Reich und auch die Kron' an sich genommen.
Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen!
Mir ist meiner Schwere Buß',
Erst will ich eben setzen meinen Fuß
Und wieder in ein Hochgemüthe steigen.
(W. Hds. S. 170)
Da führt' er &c. da macht' er, daß ich meine Kraniche, Schnabelschuhe, nachdenklich in die Erde drückte. nach vollem Werthe, mit vollem Rechte. meiner Schwere Buß', meiner Noth Erleichterung. eben setzen, das Gegentheil des vorigen in die Erde führen.
Diese Liederreihe dürfen wir nicht verlassen, ohne ein Gedicht des Sankt Gallischen Truchsessen von Singenberg[36] anzuführen, das einem der vorstehenden nachgebildet ist und sich auf dasselbe bezieht. Wie dort Walther den Vogt von Rom und König von Apulien anruft, so hier der Truchseß den Vogt der Welt und König des Himmels. Der Truchseß stellt dem mißlichen Loose Walthers sein eigenes behagliches und unabhängiges Leben gegenüber und bittet Gott, ihm dieses zu erhalten:
Der Welte Vogt, des Himmels König! ich lob' euch gerne,
Daß ihr mich habt erlassen, daß ich nicht lerne,
Wie Dieser und Der an fremder Statt zu meinem Gesange
scherne.
Mein Meister klaget so sehre von der Vogelweide,
Ihn zwinge dieß, ihn zwinge das, das mich noch nie bezwang;
Das machet, daß ich mich so kaume von dem Meinen scheide,
Mir geben denn hohe Herren und ein schönes Weib ihr Habedank.
So reite ich spät und komme doch heim; mir ist nicht zu weh,
Da singe ich von der Heide und von dem grünen Klee.
Das stetet ihr mir, milder Gott, daß es mir nicht zergeh'!
(W. Hds. S. 149)[37]
an fremder Statt, an fremdem Orte. scherne, blicke, drein schaue, urtheile. zwinge, quäle. so kaume &c. nicht leicht mein Heimwesen verlasse. stetet, erhaltet, festigt.
Fünfter Abschnitt.
Walthers Minnesang.
Walther hat den König versichert, wenn er seines Wunsches gewährt, wenn ihm eine Heimath geschaffen würde, dann wollte er singen von Vögelein, von der Heide, von Blumen und von schönen Frauen. Er bezeichnet damit die Bestandtheile des Minnesangs und giebt uns Anlaß, nunmehr seine eigentlichen Minnelieder zu betrachten.
Wir finden denn auch bei ihm jene bekannten Gattungen und Formen des Minnelieds: spielende Wonne und sehnendes Leid in Sommer und Winter, dienstliches Werben, Gespräch zwischen Ritter und Frau, Meldung des Boten, Trennung der Liebenden, wenn der Tag durch die Wolken scheint, Hülfruf an Frau Minne, Klage über die Merker, ein verhaßtes Geschlecht, das die Freuden der Liebe belauert und stört.
Gerne jedoch würden wir selbst den Merker spielen, wenn wir hoffen könnten, auch hier etwas Geschichtliches aus dem Leben des Dichters zu erspähen. Aber er ist behutsam, er führt uns irre und verspottet uns.
Mancher fragt ihn: wer die Liebe sey, der er diene und bis daher gedient? Wenn ihn dieses verdrießt, so spricht er: »ihrer sind drei, denen ich diene, und nach der vierten habe ich Wunsch.« Doch weiß es sie alleine wohl, der er vor ihnen allen dienen soll (I 110b).
Ein andermal fertigt er die Neugierigen so ab:
Sie fragen und fragen aber allzuviel
Von meiner Frauen, wer sie sey?
Das mühet mich so, daß ich sie ihnen nennen will,
So lassen sie mich doch darnach frei.
Genade und Ungenade, diese zweene Namen
Hat meine Fraue beide, die sind ungeleich:
Der eine ist arm, der andre reich.
Der mich des reichen irre, der müsse sich des armen schamen!
(I 122a)
Genade, Gnade, Liebesgunst, Erhörung. ungeleich, ungleich. irre, hinderlich sey. schamen, zu schämen haben.
Dennoch scheinen die Merker auf eine Spur gekommen zu seyn. Man wirft ihm vor: daß er seinen Sang so nieder wende. Er muß sich und die Geliebte vertheidigen. Die, sagt er, traf die Minne nie, die nach dem Gute und nach der Schöne minnen. Doch du bist schön und hast genug. Was sie reden, ich bin dir hold und nähme dein gläsen Fingerlein[38] (Fingerring) lieber als einer Königin Gold (I 117a).
Auch ein Name wird genannt:
Meines Herzens tiefe Wunde,
Die muß immer offen stehn,
Sie werde denn heil von Hiltegunde.
(I 136b)
Von sich selbsten gesteht Walther, daß er nicht aller Männer schönster sey; sein Haupt sey nicht allzu wohlgethan. Es nimmt ihn Wunder, was ein Weib an ihm ersehen. Sie hat doch Augen, hat ihr Jemand von ihm gelogen, so beschaue sie ihn baß. Wo sie wohnt, da wohnen wohl tausend Männer, die viel schöner sind. Nur daß er auf Fuge (Sitte, auch Kunst) sich ein weniges versteht. Will sie aber Fuge für die Schönheit nehmen, so ist sie viel wohlgemuth (I 139a)
Im Allgemeinen hat er von der Minne allerdings einen hohen Begriff. Der verlieret seine Tage, dem nie von rechter Liebe ward weder wohl noch weh. Minne ist ein Hort aller Tugenden, ohne Minne wird nimmer ein Herz recht froh. Ja! ohne Minne kann Niemand Gottes Huld erwerben (I 104a 127a).
Er ermahnt die Jugend, nach Herzeliebe zu werben (I 108a). Wer Würde und Freude erwerben will, der diene um gutes Weibes Gruß (I 109b). Wer gutes Weibes Minne hat, der schämt sich aller Missethat. Was hat die Welt zu geben Lieberes, denn ein Weib? (I 108b). Den Fürsten hält er als Lohn ihrer Tugenden vor, von den reinen, süßen Frauen gelobt zu werden (I 133a). Er verwahrt sich gegen die Anschuldigung, als hätte er in seinem Gange guter Frauen übel gedacht, und er ruft männiglich zu Zeugen auf, ob deutschen Weiben Jemand je besser gesprochen? Daß er die Guten von den Bösen scheide, das nur erzeuge den Haß (I 120b). Sein begeistertes Lob deutscher Frauen, worauf er sich hier beziehen mag, ist zuvor ausgehoben worden. Man soll alle Weiber ehren, aber doch die besten baß, behauptet er anderswo (I 110b). Die Regeln der Weisheit und Ehre, die er in einem seiner Lieder giebt, schließt er mit den Worten: »willt du das Alles übergülden, so sprich wohl den Weiben!« (I 133b). Von der Frau seines Herzens sagt er: sie entfremde ihm alle andre, nur daß er um ihretwillen alle ehren müsse (I 124a). Der Gedanke an gute Frauen ist ihm ein Trost in böser Zeit:
Wer verhohl'ne Sorge trage,
Der gedenke an gute Weib, er wird erlost,
Und gedenke an lichte Tage!
Die Gedanken waren stets mein bester Trost.
Gegen den finstern Tagen hab' ich Noth,
Nur daß ich mich richte nach der Heide,
Die sich schämt vor Leide,
So sie den Wald sieht grünen, so wird sie immer roth.
(I 114b)
erlost, erlöst. gegen, vor. hab' ich Noth, banget mir.
Gleichwohl ist es nicht die tiefere und anhaltende Leidenschaft, die zärtliche Innigkeit, das Versinken in einem Gefühle, was Walthers Minnelieder auszeichnet, zumal wenn sie in dieser Beziehung mit den Liedern andrer vorzüglichen Minnesänger, z. B. Reinmars des Alten oder Heinrichs von Morunge, verglichen werden. Es ist sogar nicht zu läugnen, daß mehrere an einer gewissen Trockenheit leiden. Das Selbstbewußtseyn, die Ueberlegung ist in manchen sehr vorherrschend. Einige Male giebt er der Geliebten zu verstehen, wenn sie ihm nicht hold seyn wolle, so werde er sich anderwärts zu helfen wissen. Sie möge aber bedenken, daß nicht leicht Jemand besser, denn er, sie loben könne (I 123b). Doch drückt er dieses noch zärtlich genug aus, wenn er sagt: Ihr Leben hat meines Lebens Ehre, tödtet sie mich, so ist sie todt (I 124b). Er vermißt sich sogar, um die schönen Tage zu klagen, die er an ihr versäumt habe. Noth und Ungemach um der Liebe willen zu leiden, würde ihn nicht so sehr bekümmern, als verlorene Zeit (I 118a). Ja! er sagt einmal: Minne habe von ihm in der Woche je nur den siebenten Tag (I 120a).
Hiebei darf nun aber nicht übersehen werden, daß er den Minnesang bis in ein sehr vorgerücktes Alter fortgesetzt. Auch in der Minne vermißt er eine verschwundene bessere Zeit: Hiebevor, da man so recht minnigliche warb, da waren meine Sprüche auch freudenreich; seit daß die minnigliche Minne also verdarb, seit sang auch ich ein Theil unminniglich (I 116b). Er klagt, daß Falschheit überhandgenommen. Seit man falscher Minne mit so süßen Worten gehrt, kann ein Weib nicht wissen, wer sie meine. Der die Weiber allererst betrog, der hat an Männern und Weibern missefahren (I 104a). Aber auch die Frauen erkennt der Dichter schuldig: daß die Männer so übel thun, das ist gar der Weiber Schuld. Hievor stand der Frauen Muth auf Ehre, jetzt sieht man wohl, daß man ihre Minne mit Unfuge erwerben soll (I 107b). Das thut uns Männern den meisten Schaden, daß wir den Weibern gleich lieb sind, wir seyen übel oder gut. Unterschieden sie uns, wie vormals, und ließen auch sich unterscheiden, das frommte uns vieles mehr, Männern und Weibern beiden (I 116b).
Walther bedauert ein schönes Weib, daß ihr die Schönheit nichts nütze, seit man nicht mehr gewohnt sey, innern Werth bei Schönheit zu finden:
Ich will Einer helfen klagen,
Der doch Freude ziemte wohl,
Daß in also falschen Tagen
Schönheit Tugend verlieren soll.
Hiebevor wär' ein Land erfreuet über ein so schönes Weib:
Was soll Der nun schöner Leib?
(I 140a)
Aber nicht bloß in diesem Rückblick auf verlebte Zeiten zeigt sich uns der Dichter als einen bejahrten Mann. Er giebt es noch näher. Minne, sagt er, hat einen Brauch, damit sie Manchen beschwert, den sie nicht beschweren sollte. Ihr sind vier und zwanzig Jahr viel lieber, denn ihr vierzig sind, sie stellt sich viel übel, sieht sie irgend graues Haar[39]. Minne war so ganz die Meine, daß ich wohl wußte all ihre Geheimniß. Nun ist mir so geschehen: kommt ein Junger jetzo her, so werde ich mit zwerchen Augen schielend angesehen. Armes Weib! wes mühet sie sich? Weiß Gott! ob sie auch Thoren trüget, sie ist doch älter viel, denn ich (I 120a).
Noch mehr! Walther versichert, wohl vierzig Jahre und drüber habe er von Minne gesungen (I 122b). Darum auch kein Wunder, wenn manche seiner Lieder nicht mehr die Frische jugendlichen Lebens athmen! Er sagt sich am Ende feierlich von der Minne los; sein Minnesang möge nun Andern dienen und ihre Huld werde dafür sein Theil. Er segnet sich, daß er auf der Welt so Manche froh gemacht, Mann und Weib. Aber von der vergänglichen Minne, die nichts weiter ist, als vom Fische der Grat, wendet er sich jetzt zu der steten, ewigen (I 123a).
Wir müssen jedoch zurückkehren, um nun auch die Lichtseite seines Minnesanges darzulegen. Wenn dieser Dichter nicht in derjenigen Gattung von Minneliedern voransteht, deren Seele die innigste Empfindung ist, so ergreift er dagegen auch hier durch die sinnliche Kraft seiner Darstellung, durch die Anschaulichkeit und den Farbenglanz seiner Lebensbilder; Vorzüge, die er uns schon anderwärts bewährt hat. Es sind in dieser Beziehung einige etwas muthwillige Lieder nicht minder auszuheben, als andre von würdiger hoher Art.
Zuerst eine Tanzweise, ein Reigen:
»Nehmet, Fraue, diesen Kranz!« --
Also sprach ich zu einer wohlgethanen Magd --
»So zieret ihr den Tanz
Mit den schönen Blumen, so ihr's auf euch tragt.
Hätt' ich viel edel Gesteine,
Das müßt' auf euer Haupt,
Ob ihr mir es glaubt.
Seht meine Treue, daß ich es meine!«
»Fraue! ihr seyd so wohlgethan,
Daß ich euch mein Schapel gerne geben will,
Das allerbeste, das ich kann.
Weißer und rother Blumen weiß ich viel;
Die stehn so ferne in jener Heide,
Da sie schön entsprangen
Und die kleinen Vögel sangen,
Da soll'n wir sie brechen Beide.«
Sie nahm, das ich ihr bot,
einem Kinde viel geleich, dem Ehr' geschieht.
Ihre Wangen wurden roth,
Wie die Rose, da man sie bei Lilien sieht;
Des mußten die lichten Augen sich schämen.
Da neigte sie mir viel schöne,
Das ward mir zu Lohne;
Wird mir noch mehr, das will ich schweigend nehmen.
(I 125a)
seht meine Treue, man denke sich hiebei die Bewegung des Schwörens oder des Handschlags. meine, ernstlich meine. Schapel, Kranz, Kopfschmuck. geleich, gleich.
Wie es mit dem Blumenbrechen[40] gemeint sey, verräth ein weiteres Lied, an dem der hörbare Wohllaut der Singweise zu bewundern ist:
Unter der Linden, _ an der Heide,
Da unser Zweier Bette was,
Da möget ihr noch finden, _ schöne beide,
Gebrochen Blumen unde Gras,
Vor dem Walde, in einem Thal,
Tandaradai!
Schöne sang die Nachtigall.
Ich kam gegangen _ zu der Aue,
Da war mein Friedel kommen eh'.
Da ward ich empfangen, _ hehre Fraue!
Daß ich bin selig immermeh.
Er küßte mich wohl tausendstund,
Tandaradai!
Seht, wie roth mir ist der Mund!
Da hatt' er gemachet, _ also reiche,
Von Blumen eine Bettestatt.
Des wird noch gelachet, _ innigliche,
Kommt Jemand an denselben Pfad;
Bei den Rosen er wohl mag --
Tandaradai!
Merken, wo das Haupt mir lag.
Daß wir da lagen, _ wüßt' es Jemand,
Das hüte Gott! so schämt' ich mich.
Wes wir da pflagen, _ nimmer Niemand
Befinde das, denn er und ich
Und ein kleines Vögelein!
Tandaradai!
Das mag wohl getreue seyn.
(I 115b)
was, war. schöne beide, Beiwort des nachfolgenden: Blumen und Gras. Friedel, Liebster. hehre Fraue! wohl nicht Anrede an eine Vertraute, sondern Ausruf zu Marien. immermeh, immermehr, immerfort. tausendstund, tausendmal. getreue, verschwiegen.
Wir lassen noch einige der kleineren Liebeslieder folgen:
Mich däuchte, daß mir nimmer
Lieber würde, denne mir zu Muthe was.
Die Blumen fielen immer
Von dem Baume bei uns nieder in das Gras.
Seht! da mußte ich vor Freuden lachen.
Da ich so innigliche
War im Traume reiche,
Da taget' es und mußt' ich wachen.
(I 137a)
Daß ich dich so selten grüsse,
Das ist ohn' alle arge Missethat.
Ich will wohl, daß zürnen müsse
Lieb mit Liebe, wo es von Freundes Herzen gaht.
Trauren und werden froh,
Sanfte zürnen, sehre sühnen:
Das ist der Minne Recht, die Herzeliebe will also.
(I 123b)
In einem zweifelichen Wahn
War ich gesessen und gedachte,
Ich wollte von ihrem Dienste gahn,
Nur daß ein Trost mich widerbrachte.
Trost mag es doch nicht heißen, es
Ist viel kaum ein Tröstelein,
So kleine, wenn ich euch das sage, ihr spottet
mein;
Doch freuet sich selten Jemand, der nicht wisse:
wes.
Mich hat ein Halm gemachet froh,
Er sagt: ich solle Gnade finden.
Ich maß dasselbe kleine Stroh,
Wie ich zuvor gesehn bei Kinden.
Höret und merket, ob sie's denne thu'?
Sie thut nicht, sie thut! sie thut nicht, sie thut!
sie thut nicht, sie thut!
Wie oft ich also maß, war stets das Ende gut.
Da gehört auch Glaube zu.
(I 142)
Einen höheren Schwung nimmt das nachfolgende Mailied:
So die Blumen aus dem Grase bringen,
Gleich als lachten sie gegen der spiel'nden Sonnen,
In einem Maien, an dem Morgen fruh,
Und die kleinen Vögelein wohl singen
In der besten Weise, die sie können:
Was Wonne kann sich da vergleichen zu?
Es ist wohl halb ein Himmelreiche,
Nun sprechet Alle, was sich dem vergleiche!
So sage ich, was mir ofte baß
In meinen Augen hat gethan und thäte auch noch,
ersähe ich das:
Wo eine edele Fraue, schöne, reine,
Wohl bekleid't und dazu wohl gebunden,
Um Kurzeweile zu viel Leuten geht,
Höfelichen, hochgemuth, nicht eine,
Um sich sehend ein wenig unterstunden,
Gleich wie die Sonne gegen den Sternen steht.
Der Maie bringe uns alle sein Wunder!
Was ist denn da so Wonnigliches unter,
Als ihr viel minniglicher Leib?
Wir lassen alle Blumen stehn und gaffen an das
werthe Weib.
Nun wohlauf! wollt ihr die Wahrheit schauen,
Gehn wir zu des Maien Hochgezeite!
Der ist mit aller seiner Wonne kommen.
Seht an: ihn! und seht an: schöne Frauen!
Welches hie das Andre überstreite?
Das bessre Spiel, ob ich das habe genommen?
Wer mich hie Eines wählen hieße,
Daß ich das Eine um das Andre ließe:
Ahi! wie schnell ich dann köre!
Herr Mai! ihr müßtet Märze seyn, eh' ich meine
Fraue da verlöre. (I 116a)
wohl gebunden, mit schönem Gebände, Kopfband. zu viel Leuten, unter die Leute, zu einer festlichen Versammlung. nicht eine, nicht allein, mit Begleitung. unterstunden, zuweilen. Hochgezeite, Fest. köre, wählte.
Die Reihe der Minnelieder schließen wir mit zwei Gesätzen, welche, ganz ihrem Inhalt gemäß, in einer von jenen volltönenden Weisen gedichtet sind, womit sonst der Dichter die Könige zu begrüssen pflegt:
Durchsüsset und geblümet sind die reinen Frauen,
Es ward nie nichts so wonnigliches anzuschauen
In Lüften, auf Erden, noch in allen grünen Auen.
Lilien, Rosenblumen, wo die leuchten
Im Maienthaue durch das Gras, und kleiner Vögelein Sang,
Das ist gegen solcher wonnereicher Freude krank.
Wo man ein' schöne Fraue sieht, das kann trüben Muth
erfeuchten
Und löschet' alles Trauren an derselben Stund'.
So lieblich lachet in Liebe ihr süßer rother Mund,
Und Strale aus spiel'nden Augen schießen in Mannes
Herzensgrund. (I 130a)
krank, schwach. erfeuchten, erfrischen. Strale, Pfeile.
Viel süße Fraue, hochgelobt mit reiner Güte!
Dein keuscher Leib giebt schwellend Hochgemüthe.
Dein Mund ist röther, denn die lichte Rose in
Thaues Blüthe.
Gott hat gehöhet und gehehret reine Frauen,
Daß man ihn'n wohl soll sprechen und dienen zu
aller Zeit.
Der Welte Hort mit wonniglichen Freuden leit
An ihnen. Ihr Lob ist lauter und klar. Man soll sie
schauen;
Für Trauren und für Ungemüthe ist nichts so gut,
Als anzusehn ein' schöne Fraue, wohlgemuth,
Wenn sie aus Herzensgrund ihrem Freunde ein
lieblich Lachen thut.
(I 130b)
wohl sprechen, Gutes von ihnen sprechen. leit, liegt. Ungemüthe, Unmuth.
Ein Ueberblick über diese Minnelieder giebt uns den Eindruck, daß in denselben der Dichter nicht von seinem Gegenstande beherrscht sey, sondern diesen mit Freiheit ausser sich stelle. Zumal in den ausgehobenen Gedichten höheren Styls betrachtet er die Schönheit und den Werth der Frauen, fast ohne eigenen Anspruch, als eine glänzende Erscheinung, die er in das Ganze seiner Weltanschauung aufnimmt.
Sechster Abschnitt.
Der Hof zu Wien. Leopold VII. Der Kärnthner.
Der Patriarch. Ulrich von Lichtenstein.
In welcher Gegend das Leben gelegen, das Friedrich II. dem Dichter ertheilte, darüber giebt dieser keinen Aufschluß. Auch die Zeit der Belehnung ist ungewiß. Geraume Zeit nach Friedrichs Ankunft in Deutschland läßt Walther sich wieder am Hofe von Oesterreich treffen.
Es mag seyn, daß er am Hofe Leopolds VII., der seinem Bruder Friedrich, dem Gönner des Dichters, im Herzogthum nachgefolgt war, mehrmals und zu sehr verschiedenen Zeiten sich aufhielt. In Ermanglung bestimmterer Anzeigen müssen wir uns jedoch begnügen, die Gedichte, welche den Hof zu Wien betreffen, um den einen Zeitpunkt zu sammeln, der mit einiger Sicherheit angegeben werden kann. Diejenigen, welche sich auf den benachbarten Hof von Kärnthen beziehen, stehen mit erstern in genauem Zusammenhang.
Leopold VII. (der Glorreiche), Herzog von Oesterreich und Steier, ist derjenige, den im Kriege auf Wartburg Heinrich von Ofterdingen vor allen Fürsten preist. Er legt Leopolds Tugend auf die Wage und fordert die andern Sänger auf, solche mit dreier Fürsten Milde aufzuwägen. Der von Oesterreich wünsche sich vier Hände, damit, während er mit zweien gegen die Feinde kämpfe, zwei andre den gehrenden Leuten Gabe spenden können. Als er gegen den König von Ungarn den Schild an den Arm genommen, habe er zugleich zu seinem Kämmerer gesprochen: Nun schaffe, daß den Gehrenden ihre Pfänder gelöst werden! (Man. II 1a 4a)
Drei Sorgen hat unser Dichter sich genommen, dreierlei Dinge möcht' er gewinnen. Das eine ist Gottes Huld, das andre seiner Frauen Minne, das dritte, das sich mit Unrecht manchen Tag seiner erwehrt, ist der wonnigliche Hof zu Wien. Er will nimmer rasten, bis er diesen verdient. Dort sah man Leopolds Hand geben, ohne daß sie des erschrack (I 105b).
Näher rückt er mit folgendem Liede:
Mir ist versperrt des Heiles Thor,
Da steh' ich als ein Waise vor,
Mich hilfet nicht, was ich daran auch klopfe.
Wie möcht' ein Wunder größer seyn:
Es regnet beidenthalben mein,
Daß mir des alles nimmer wird ein Tropfe!
Des Fürsten Milde aus Oesterreich
Freuet, dem süssen Regen gleich,
Beide: Leute und auch das Land.
Er ist eine schöne wohlgezierte Heide,
Darab man Blumen brichet wunder.
Und bräche mir ein Blatt da herunter
Seine viel milde, reiche Hand,
So möchte ich loben die viel süsse Augenweide.
Hiemit sey er an mich gemahnt!
(I 128a)
beidenthalben mein, zu meinen beiden Seiten. wunder, wunderviel.
Es ist wahrscheinlich, daß Walther einmal von Kärnthen aus gegen Wien angedrungen. In Kärnthen war Bernhard, aus dem Geschlechte der Grafen von Lavantthal, von 1202 bis 1256 am Herzogthum[41]. In ihm finden wir den Kärnthner unsres Dichters, den fürstlichen Freund des Gesanges, auf welchen auch im Titurel angespielt wird[42]. Der Aufenthalt am Hofe dieses Fürsten wurde Walthern, wie es scheint, durch Hofränke und Kunstneid verleidet. Er hat des Kärnthners Gabe oft empfangen, aber einmal geschah es, daß ihm die Kleider nicht gegeben wurden, die ihm der Fürst bestimmt hatte. Daraus entstanden Mißverständnisse, deren Erzählung der Dichter mit den Worten schließt:
Dieser Zorn ist ohn' alle Schulde, weiß Gott, unser beider.
(I 132a)
Ein andermal beklagt er sich, daß man am Hofe seinen Sang verkehre[43]. Er eifert gegen solche Schälke, zeigt sich zum weitern Gefechte gerüstet, bittet jedoch den Fürsten, selbst die Sache zu untersuchen:
Frage, was ich habe gesungen, und erfahr' uns,
wer's verkehre! (Ebd.)
Die Gegner scheinen aber gesiegt zu haben und hieher kann es bezogen werden, wenn der Dichter sich jetzt an den Herzog von Oesterreich wendet:
In nomine domini! ich will beginnen, sprechet Amen!
das ist gut für Ungelücke und für des Teufels Samen.
Daß ich nun singen müsse in dieser Weise also,
Wer höfischen Sang und Freude störe, daß der werde unfroh!
Ich habe wohl und hofelich daher gesungen,
Mit der Höfischheit bin ich nun verdrungen,
Daß die Unhöfischen nun zu Hofe werther sind, denn ich.
Das mich ehren sollte, das unehret mich.
Herzog aus Oesterreiche, Fürste, nun sprich!
Du wendest es alleine, sonst verkehre ich meine Zungen.
(I 131b)
verkehre ich &c. d. h. singe auch ich unhofelich.
In einem ähnlichen Liede droht er, sich jetzt auch des scharfen Sanges befleißen zu wollen:
Da ich stets mit Furchten bat, da will ich nun gebieten,
Ich sehe wohl, daß man Herrengut und Weibesgruß
Gewaltiglich und ungezogenlich erwerben muß.
Er beschwert sich weiter, wenn er seinen höfischen Sang singe, so klagen sie es Stollen, vermuthlich einem von den unhöfischen Verkehrern seines Gesangs. Der Schluß des Liedes geht wieder auf den Herzog Leopold:
Zu Oesterreiche lernte ich singen und sagen,
Da will ich mich allererst beklagen.
Finde ich an Lüpold höfischen Trost, so ist mir
mein Muth entschwollen.
(I 131b f.)
Mehrere Lieder zeigen uns nun den Dichter wirklich an dem ersehnten Hofe zu Wien. Einige derselben gestatten eine ungefähre Zeitbestimmung, namentlich beziehen sich zwei davon auf den Kreuzzug des Herzogs.
Leopold VII. ließ sich schon 1208 mit mehreren Edeln des Landes zu Neuenburg mit dem Kreuze zeichnen. Im Jahr 1213 begab er sich mit großem Gefolge nach Spanien, um die Mauren zu bekriegen. Sodann im Jahr 1217 fuhr er mit dem Könige von Ungarn und vielen Andern nach dem heiligen Lande. Dort betrieb er die Belagerung von Damiata, kehrte aber, bevor noch diese Stadt eingenommen war, im Jahr 1219 nach Oesterreich zurück[44]. Walther feiert des Herzogs glückliche Heimkehr. Ihr seyd wohl werth, sagt er, daß wir die Glocken gegen euch läuten, dringen und schauen, als ob ein Wunder kommen sey; ihr kommet uns sünden- und schandenfrei, drum sollen wir Männer euch loben und die Frauen sollen euch kosen. Im Uebrigen geht das Lied darauf hinaus, daß der ehrenvolle Empfang den Herzog für den Vorwurf entschädigen solle, als hätte es seiner Ehre angestanden, noch länger über Meer zu bleiben (I 135).
Nach der Rückkehr des Herzogs ist ein Lied gedichtet, worin die Kargheit des österreichischen Adels gerügt wird. Als Leopold spart' auf die Gottesfahrt, da sparten sie alle, als wagten sie nicht zu geben. Das war billig, daß sie ihn an Milde nicht überhöhen wollten; man soll immer nach dem Hofe leben. Die Helden aus Oesterreich hatten stets gehofeten Muth. Sie behielten ihm zu Ehren, das war gut. Nun gebet ihm zu Ehren, wie er nun thut, und lebet nach dem Hofe, so ist eure Zucht unbescholten! (I 132b)
In einem andern Gedichte lehnt Walther es ab, den Herzog nach dem Walde zu begleiten. Zu Felde folgt er ihm gern, zu Walde nicht. Zu Walde will ihn der Herzog, Walther hat stets bei Leuten gelebt. Selig sey der Wald und die Heide, da möge Leopold mit Freuden leben! Zieh' er dahin, Walthern lass' er bei Leuten, so haben sie Wonne beide (I 132b).
Aeusserst wohl ergeht es dem Dichter um diese Zeit. Er benennt dreier Fürsten Höfe, so lange er diese weiß, braucht er nicht um Herberge fern zu streichen, sein Wein ist gelesen und seine Pfanne sauset. Die drei Fürsten sind: der biderbe Patriarch; zuhand dabei Leopold, der Fürst zu Steier und Oesterreich, dem Niemand lebender zu vergleichen; der dritte: des vorigen Vetter, der wie der milde Welf gemuth ist, des Lob nach dem Tode besteht (I 133b).
Den Herzog Leopold kennen wir. Sein Vetter ist wohl niemand anders, als seines Vaters einziger Bruder, Heinrich, der bis in das Jahr 1223 lebte[45]. Der biderbe Patriarch aber ist uns der Patriarch von Aquileja, Berthold, aus dem Geschlechte der Grafen von Andechs, der von 1218 an diese geistliche Würde bekleidete und erst 1251 starb[46].
Ein Blick in das Leben eines andern Dichters kann diese Verhältnisse erläutern. Ulrich von Lichtenstein, aus dem steirischen Geschlechte, das jetzt gefürstet ist, einer der liederreichsten Minnesänger, hat bekanntlich selbst sein ritterliches Leben in dem Buche: Frauendienst[47] beschrieben. Dieses Buch, dem geschichtliche Grundlage nicht abzusprechen ist, giebt die merkwürdigsten Aufschlüsse über die Sitten damaliger Zeit, über Minnedienst und Minnesang, besonders über das Leben und Treiben der Fürsten und des Adels in Oesterreich, Steiermark, Kärnthen und Istrien. Eben diese Gegenden, wo wir Walthern zuletzt getroffen, hat Ulrich von Lichtenstein, bald als Königin Venus, bald als der aus dem Paradies zurückgekommene König Artus verkleidet, auf Ritterfahrt durchzogen. Eben die Fürsten, an deren Hofe Walther gesungen, hat auch Ulrich gekannt und mit einigen derselben sich im Ritterspiele getummelt. Ulrich ist jünger, als Walther, und keiner gedenkt ausdrücklich des andern, aber sie sind Zeitgenossen und gerade in dem Zeitabschnitte, bei dem wir jetzt verweilen, begegnen sich ihre Bahnen; auch möchte sich aus Ulrichs Liedern nachweisen lassen, daß Walthers Gedichte auf ihn eingewirkt haben.
Den Herzog Leopold, Walthers Beschützer, finden wir im Buche Ulrichs von Lichtenstein[48], wenn dieser (Cap. II) erzählt:
»Darauf ward ich Ritter, zu Wien, bei einer Hochgezeit', die ich seitdem nimmer so schön gesehen habe: da war großes Ungemach von Gedränge. Der Fürst Leupold aus Oesterreich gab seine minnigliche Tochter einem Fürsten von Sachsen zum Gemahl. Der edle Fürst gab dritthalb hundert Knappen Schwerdt; den Grafen, Freien, Dienstmann, wohl tausend Rittern, gab der edle Fürst Gold, Silber, Roß und Kleider. Fünf tausend Ritter aßen da des werthen Fürsten Brod, da war viel Buhurt (eine Art des Turniers) und Tanzes, und manches Ritterspiel: da waren die reiche Herzogin und ihre minnigliche Tochter, und manche gute Fraue.«
Das Hochzeitfest, welches Ulrich beschreibt, hatte nach den Geschichtschreibern im Jahr 1222 statt[49]. Ein ähnliches Fest, wenn nicht dasselbe, hat Walther vor Augen, wenn er so anstimmt:
Ob Jemand spreche, der nun lebe,
Daß er gesehn je größre Gebe,
Als wir zu Wien durch Ehre haben empfangen?
Man sah den jungen Fürsten geben,
Als wollt' er nicht mehr länger leben,
Da ward mit Gute Wunders viel begangen.
Man gab da nicht bei dreißig Pfunden,
Nein! Silber, gleich als wär's gefunden,
Gab man hin und reiche Wat.
Auch hieß der Fürste durch der Gehr'nden Hulde
Die Mallen von den Stellen leeren.
Roß', als ob es Lämmer wären,
Viel Mancher weggeführet hat.
Es galt da Niemand seiner alten Schulde.
Das war ein minniglicher Rath!
(I 129b)
Gebe, Ausspendung. Als wollt' er &c. vgl. Nibel. V. 171. durch der Gehrn'den Hulde, zum Besten der Gehrenden, der Sänger und andrer begehrlichen Leute, die sich bei solchen Festlichkeiten zudrängten. Mallen, Koffer. Stellen, Gerüste, worauf die Mallen standen. galt, bezahlte; man pflegte bei solchen Anlässen den Gehrenden die Pfänder auszulösen.
Im Verfolg seiner Geschichte (Cap. VI) meldet Ulrich von Lichtenstein von einer Fürstensprache, die zu Freisach stattgefunden. Der Markgraf Heinrich von Isterreich[50] wollte den Fürsten von Kärnthen angreifen. Als aber Leopold von Oesterreich dieses vernahm, sprach er: »Das gestatte ich nicht, sondern ich will es versühnen und in kurzem einen Tag machen.« Diese Gelegenheit benützten Ulrich und sein Bruder, auf einem Anger bei der Stadt Freisach Ritterspiele zu veranstalten, woran die Fürsten selbst Theil nahmen und über welchen man mehrere Tage lang nicht zum Hauptgeschäfte kam. Am Ende ward jedoch die Aussöhnung vermittelt. Unter den weltlichen Fürsten, die für dieses Geschäft versammelt waren, erscheinen Leopold von Oesterreich und Bernhard von Kärnthenland, unter den geistlichen der Patriarch von Aquileja. Wir sehen also hier drei von den Gönnern unsres Dichters zu Ernst und Spiel vereinigt, der Verkehr zwischen ihren Höfen ist eröffnet, es sind belebte Pfade, worauf der Sänger wandelt.
So melden auch die Geschichtbücher, daß noch im Jahr 1229 der Patriarch von Aquileja, Leopold von Oesterreich und der Herzog von Isterreich nach Italien hinunter ritten, um den Kaiser Friedrich mit dem Pabste auszusöhnen. Leopold starb 1230 zu St. Germano in Campanien und nur seine Gebeine kamen nach Oesterreich zurück[51].
Wie heimisch Walther von der Vogelweide in jenen östlichen Gegenden war, giebt er deutlich zu erkennen. Wenn er sagt: von der Seine bis an die Mur, vom Po bis an die Drave hab' er der Menschen Weise gemerket (I 131b), so hat er offenbar seinen Standpunkt in der Steiermark, die von Mur und Drave durchströmt wird. Dahin zieht er seine Linien von der Seine aus, als der nordwestlichen, vom Po, als der südlichen Gränze seiner Wanderungen. In einem andern Liede (I 105b 4) scheint er die Fürsten von Oesterreich, im Gegensatze zu andern Herren, die auf einem Hoftage zu Nürnberg waren, die heimlichen (heimischen) zu nennen.
Hinwider zeigt eine Stelle im Frauendienst S. 119, wie gangbar Walthers Gesang eben in jenen Gegenden war. Als Ulrich von Lichtenstein auf der Ritterfahrt, die er als Königin Venus unternommen, gen Wien reitet, begegnet ihm einer seiner Knechte, der ihm erfreuliche Botschaft von der Frau seines Herzens zu melden hat. Der Bote darf den verkleideten Herrn nicht anreden, er reitet daher bloß hinter demselben her und singt ein Lied, wodurch er kund giebt, daß er gute Botschaft bringe. Dieses Lied ist die erste Strophe eines Gedichts von Walther, welches oben geliefert worden:
Ihr sollt sprechen: willekommen!
Der euch Mähre bringet, das bin ich &c.
»Das Lied -- sagt Ulrich -- klang mir in mein Herze und that mir inniglich wohl.«
Noch hören wir Walthern den Verfall des Hofes zu Wien beklagen. Die Ursache dieses Wechsels aber giebt er nicht an. Ob solche in dem 1230 erfolgten Tode Leopolds und in dem kriegerischen Geiste seines Nachfolgers, Friedrichs des Streitbaren, zu suchen sey, lassen wir dahingestellt seyn. Daß Friedrich dem Gesange nicht abhold war, ergiebt sich aus dem, was Nithart, Tanhuser, Pfeffel und Bruder Werner von ihm sagen. Sang er doch selbst den Frauen den Reigen, und der Tanhuser mit (Man. II 59b). Soviel meldet übrigens die Geschichte, daß nach Leopolds Tode fast alle seine Dienstleute sich gegen seinen Sohn Friedrich verschworen, diesen des väterlichen Erbes beraubten und nachher beinahe ganz Oesterreich mit Raub und Brand verwüsteten[52].
Reinmar der Alte giebt ein Trauerlied auf den Tod Leopolds, der darin der Herr aller Freuden genannt wird (I 68a), Walther hinwider betrauert den Tod Reinmars (I 105a) und hätte hiernach, wenn in jenem Klageliede wirklich Leopold von Oesterreich gemeint ist, allerdings noch in den Tagen Friedrichs des Streitbaren gelebt.
Das Gedicht selbst, worin er den Wechsel der Dinge am Hofe zu Wien schildert, ist folgendes:
Der Hof zu Wiene sprach zu mir:
»Walther! ich sollte lieben dir,
Nun leide ich dir, das müsse Gott erbarmen!
Meine Würde, die war weiland groß,
Da lebte nirgend mein Genoß,
Denn Artuses Hof. Nun weh mir armen!
Wo nun Ritter, wo nun Frauen,
Die man bei mir sollte schauen?
Seht! wie jämmerlich ich steh'.
Mein Dach ist faul, es tropfen meine Wände,
Mich minnet Niemand, leider!
Gold, Silber, Ross' und dazu Kleider,
Die gab ich und noch hatt' ich meh.
Nun hab' ich weder Schapel, noch Gebände,
Noch Frauen zu einem Tanze, o weh!
(I 129b)
lieben, leiden, lieb, leid seyn. mein Genoß, meines Gleichen. Gebände, Kopfbänder.
Siebenter Abschnitt.
Walthers Kunst und Kunstgenossen. Nithart.
Der Meissner. Reinmar. Walthers Standpunkt
in der Geschichte der deutschen Dichtkunst.
Wie sehr Walther von der Vogelweide seiner Kunst wegen von den Zeitgenossen geschätzt war, beweist nicht bloß die Gunst, der er sich von den angesehensten Fürsten, zumal demjenigen, der, auch dem Geiste nach, vor allen glänzte, von Kaiser Friedrich II., zu erfreuen hatte; auch die gleichzeitigen Meister des Gesanges zollen ihm hohe Achtung.
Dem gepriesenen Wolfram von Eschenbach ist er wohl bekannt, wie wir bereits aus einer Stelle des Parcifal ersehen haben, in welcher ein jetzt verlorenes Lied von ihm angeführt ist. Im Titurel, woselbst Walther als einer der hohen Meister genannt wird[53], und im Wilhelm von Orleans des Rudolf von Ems[54] ist gleichfalls auf Aussprüche von ihm Bezug genommen. Der Rolle, die er im Kriege auf Wartburg spielt, haben wir erwähnt.