ESTELLA

NOVELLE VON
L. DANÖFEN

BERLIN-LEIPZIG
MODERNES VERLAGSBUREAU
CURT WIGAND
1907

In sanften Wellen breitet sich die Landschaft aus. Die Natur hat hier aufgehört, Grandioses zu ersinnen, vor dem erschrocken der Mensch in Betäubung steht; auch hat sie nicht verschwendet in üppiger Schönheit, dass er ihr berauscht am Busen liegt, – sondern sie hat mit sanfter, friedlicher Hand einfache, ruhevolle Linien in dieses Stück Welt gezeichnet und hängt sich ihm vertraulich an den Arm und schweigt selber, damit sie ihn höre.

Überall Äcker und Felder, stille dunkelbraune Erde, die sich leise zu schmücken beginnt, aus deren Schollen sich mühsam und zaghaft junges, weiches Grün schiebt, – dieses lichte, siegende Grün, das die schwere Farbe so bald verdrängt und sich sonnenfroh unter dem weiten Himmel dehnt.

Dazwischen Wälder, blaugrün, dunkel, duftumsponnen, die ernstere Töne mit in diese Landschaft bringen und hier und dort ein unvermittelt aus den grünen Tälern aufstrebender Felsen, der als blendender Hügel verwegen in dem königlichen Blau des Himmels steht und hochmütig auf die uralte Geschichte seines Landes hinweisend, in seinem porösen, kalkigen Gestein ein Stück einstigen Lebens umschlossen hält. Träumende Pflanzen und träge Schnecken, die überrascht worden sind in ihrer Beschaulichkeit von der umstürzlerischen Erde und endlich in langen Jahrtausenden erstarrten und versteinerten. –

Nichts verbildet ringsum, nichts verbaut. Nur manchmal ein stilles Dorf. So still, dass man glaubt, es wohne seit Menschengedenken niemand hier, – als hätten die Leute vor langem ihr Bündel geschnürt und seien fortgezogen auf den schweigenden Strassen, die vereinzelt wie trübe Bänder um diese Weiler liegen und sie zusammenhalten in dürftigem Verkehr.

Ein altmodischer Kirchturm schaut aus jedem Dorfe, gar einfältig mit seinem braunen, moosigen Schindeldach aus vergangenen Zeiten. Man erschrickt fast, wenn aus einem dieser Türme die Glocke plötzlich anhebt zu schlagen – ein Lebenslaut kann auch bestürzen, wo man ihn nicht erwartet hat. Man glaubt, die Glocken müssten längst gerostet sein, da sie für niemand zu läuten brauchen in diesen grauen, verschollenen Häusern, die um jene Kirche stehen.

Nur wenn man spät abends von einem der Hügel weg über diese Landschaft schaut und hier und dort ein mattes, rötliches Lichtlein aus den Fenstern eines dieser Dorfhäuser blinken sieht, so glaubt man es, dass auch Menschen hier wohnen, Menschen, die mit fleissigen Händen Furchen durch diese Erde ziehen und ihre Saaten in sie legen.

Aber es müssen seltsame Leute sein, altmodische, die zurück sind und stehen geblieben – und feindlich geworden gegen die grosse, schnelle, bewegliche Welt.


Es war ein Abend im Mai. Die immer gleiche Einsamkeit über der Gegend. – Ein noch junger Mann, der auf einer Ruhebank oben am Buchensaum des Waldes sass, lauschte ihrer mit bangen Zügen. Er hatte sich zurückgelehnt, den Hut abgenommen und den Blick nach Westen gerichtet, wo der Himmel schon im Abendträumen lag.

Es waren ein paar aufschreiende Augen, die wie vor Feuersbrünsten standen, nicht vor einem stillen, träumigen Bilde solch schlichter Art. Diese Augen hatten wohl viel gesehen und geschaut. Schönheit und Schrecken – und sie waren beweglich geworden, ruhelos und auffahrend.

Über ihnen aber thronte das Massiv der Stirne. Das hatte sich aufgebaut und breit gemacht wie eine Festung. War gebildet und erstarkt in Trotz und Selbständigkeit. Im ganzen Antlitz lag nicht der Ausdruck des Feierns und Fertigseins, trotz aller Reife, sondern schweren, rastlosen inneren Arbeitens. Etwas mühsam Errungenes, schwer Gehaltenes. Man fühlte sogleich, hier war nicht irgend einer, sondern Einer, ein Eigener.

Müde legte er die beiden Arme auf die Rücklehne der Bank und wollte sich losreissen von dem zwingenden, rastenden Bilde, das hier so weit und gross vor ihm lag. Aber es waren tausende von Widerhaken der Schönheit in ihm, die ihn festhielten, – wie sich die ruhenden Wellen der Erde so in biblischer Breite und Feierlichkeit vor ihm hindehnten.

In wem es so friedlich aussehen könnte, wie in diesem Land! Ein gequälter Ausdruck ging über das Gesicht. Der Mensch fällt in solcher Einsamkeit auf sich selbst zurück und da muss es etwas Gutes und Lauteres sein, das von der eigenen Seele herauszieht und was einem diese Stille zurückschickt.

Und als er so sass und sich sträubte, wirbelte plötzlich helles, loses Lachen durch diese schwere Ruhe und brach die bedrückende Macht der einsamen Landschaft.

Junge Mädchen in lichten Gewändern, auf denen das letzte Tageslicht spielte, kamen leichtfüssig über die Wiese her. Sie sprangen und liefen und lachten und schrien und weder das Schlafengehen der Natur noch der unbekannte Mann da drüben vermochte sie in ihrer geräuschvollen Heiterkeit zu stören. Es lag etwas Rücksichtsloses in diesem Lärmen, wie so die lauten Stimmen unbekümmert in die Stille des Abends schlugen, – aber auch etwas Sorgloses, Glückliches, das Vorrecht der selbstherrlichen Jugend.

Wer jetzt das Gesicht des Mannes hätte sehen können, der wäre erschrocken an dem veränderten Ausdruck desselben; als wären Hunde aufgefahren, die zuerst an Ketten lagen, und hätten alles schönere Leid daraus vertrieben. Geblieben waren nur müde, dreiste Blicke, die sich rassekundig in die jungen Leiber bohrten und sie nach unschönen Werten abschätzten.

Gelangweilt gähnend erhob er sich jetzt, den Ärger und damit die Aufmerksamkeit der jungen Mädchen zu erregen.

Sie kamen indessen hart an ihm vorbei; weisse, rote, blaue Kleider, frische Gesichter voll Jugendlust, braune und blonde Haare, die im Abendwind flogen. Da gähnte er noch einmal, weil sie gar so reizend waren und er sich zu wenig beachtet fühlte. Es hatte Erfolg. Als sie es hörten, machten sie hochmütige Gesichter – denn ihr Lärmen sollte doch auch geheissen haben: »Hellauf! Wir sind da! Platz gemacht!« Und ein blondes, schlankes Ding sah erstaunt zu dem ungalanten Fremden hinüber, der so wenig Art zeigte und guten Geschmack.

Wie es so in beginnender Dämmerung schon an ihm vorbeigeschritten, den Kopf ein klein wenig zurückbeugte, sah es in dem Duft ihrer Jugend und Zartheit wie ein flüchtig in die Luft gehauchtes Bild aus.

Die Mädchen waren vorüber. Das Lachen verhallt. Die heitern Farben erloschen. Und die Schatten, die hinter den Büschen und Bäumen hockten, krochen hervor, wuchsen ins Riesenhafte und wälzten sich über das ganze müde Land.

Der Fremde war nun doch überrascht gewesen von dem reizvollen Anblick. Schönheit, in welcher Form sie auch kam, war es allemal wieder, die sich leise zu den freundlichen Geistern in seiner Seele schlich und sie weckte. Auch diesmal. Doch nur auf kurz, dann schauten wieder die alten, hässlichen, kalten durch seine Augen, wie zuerst.

Langsam schritt er nun in der Richtung zu, wo die fröhliche Schaar verschwunden war. Es ging an den Buchen entlang, durch einen dünnen Tannenschlag den Hang hinunter, wieder über Wiesen, die anstiegen, und schon sah man hinter dem nächsten Hügel einen stattlichen Kirchturm aufragen. Er ging rasch weiter, die Anhöhe hinauf. Die einsame Landschaft war gewaltiger geworden mit jedem Augenblick – sie kam hinter ihm her und trieb ihn dazu.

Nun lag vor ihm in tiefer Dämmerung die kleine, einst berühmte alte Stadt, die er aufsuchen wollte. Die vielstöckigen Giebelhäuser, schon ein wenig altersschief, waren umfriedet von einer mittelalterlichen Mauer voll seltsamer Tore und Türmlein; ein breiter Wall umzog sie, in dessen sumpfigem Graben einst mancher Feind in kriegerischen Zeiten seinen Tod gefunden.

Damals gab es hellere Köpfe im Lande und schnellere Füsse. Da gab es zu tun, da musste man sich drehn. Wunden stillen. Lieder singen. Lorbeer winden. – Und über all' dem Wandelbaren inmitten der Häuserreihen stand von altersher in stiller Majestät die hohe gotische Kirche und besann sich, zu welcher Zeit die Menschen am meisten unter ihr Dach gelaufen kamen.

Wie dieser Dunstkreis einer belebten Stadt ihn anzog, wie das Bewusstsein baldiger Gemeinschaft ihn wohlig durchrieselte! Und als er nach kurzem Wandern durch eines der alten Stadttore eingetreten war und ihm vollends aus der geöffneten Tür eines erleuchteten Gasthofes ein Bild bunten Lebens in Farben und Klängen entgegenschlug – da sah er mit Mut in die grosse einsame Landschaft da draussen zurück.

Bei seinem Eintritt in die saalartige, dichtgefüllte Gaststube war es einen Augenblick ganz ruhig. Etwas wie leichtes Erschrecken war durch die Reihen gefahren, wie es das erstmalige Ansichtigwerden eines neuen Gesichtes so gerne mit sich bringt, besonders in den gewohnheitsschläfernen Augen solcher Kleinstädter.

Rasch und blitzend war der Kopf auch, von anderm Geiste als der ihre; – dunkelhaarig, und von nervösem Ausdruck das Gesicht, schlank und geschmeidig die Gestalt. – Die Kleidung war die eines verwöhnten Grossstädters, doch ohne Bedacht getragen.

Ein neugieriges Schauen rings in der Runde, indessen er Platz nahm und mit vornehmer Art zu speisen begann, – bis er dann schaute und die Anwesenden betrachtete. Da waren alle die Blicke mit einem Mal aufgefahren wie ein Mückenschwarm und hatten sich ringsherum, anderswo niedergelassen.

Seine Betrachtungen lohnten sich nicht besonders; lauter Alltagsgesichter, geworden und befestigt in einer vergessenen kleinen Stadt, in einer toten, ereignislosen Zeit, in der so recht der Werkeltag des Lebens allem sein nüchternes Gepräge verleiht.

Blos da drüben ein anziehenderer Tisch voll Jugend – ei! Das waren ja die lachenden Mädchen wieder! Das eine dunkle mit den schweren Augen, das andere mit dem runden Gesicht, den aufgeregten Backfischwangen und braunen, prallen Zöpfen um den lustigen Kopf und dort das mit der weissen, milchigen Haut – die Zukunftsfreude und Daseinslust lugte ihnen aus allen Taschen und Falten.

»Wo ist denn Estella?« rief jetzt der Backfisch und fuhr vom Sessel auf und alle andern mit und sahen nach allen Tischen – aber sie war nicht im Saal. Da gingen einige sie holen und es währte nicht lange, so traten sie mit ihr ein. Eigentlich war es nur eine, die eintrat, denn die andern schoben sich ungesehen neben ihr zur Türe herein. Alles sah nach Estella. Wie besonders sie war!

Des Fremden Auge leuchtete auf und er erkannte befriedigt das zarte Bild des blonden Mädchens wieder, das da draussen bei den Buchen nach ihm umgesehen hatte.

Es kam mit ihr etwas Erfrischendes, eine köstliche Atmosphäre in das dumpfe Lokal. Es wehte förmlich von ihr weg, wie wenn schnee- und reifbehangen man von draussen in die warme Stube kommt und denen drinnen ein Stück des frischen Winters mit hereinbringt. Nur dass sie den Lenz mit sich gebracht!

Er hing ihr von den Haaren und lachte ihr aus dem Antlitz. So etwas Frühlingshaftes hatte er nie gesehen. Ihm fielen die herben Gärten ein, die schon voll von Blüten stehen und da und dort noch Schnee in ihren Winkeln haben.

Schade, dass nicht das Schleiergewand von Boticelli's Frühling den schlanken Leib umwehte, dass die verschnittene Tracht unserer Zeit falsche Linien schuf, dass schwere Schuhe die zarten Gelenke umzwangen und ein modischer Hut auf dem feinen Kopfe sass.

Das Mädchen fühlte den Eindruck, den es hervorrief, und die Art wie es sich auf einen Stuhl niederliess, war fast ein wenig eitel. Langsam nahm es den Hut ab, wie jemand, der eine Überraschung in Vorbereitung hat. Es war auch eine, denn um wie viel schöner war das Mädchen ohne den! Unter ihm hatte das gefesselte Haar tausend feine, rotgoldene Fäden gesponnen, die nun gross taten und Feuer schlugen und gerne dabei sein wollten, solchen Festtagsglanz noch zu erhöhen.

Jetzt konnte man das Gesicht ganz deutlich sehen. Nichts absolut Schönes oder gar Klassisches. Stille, graue Augen, eine feste, mutige Nase, ein frischer, intelligenter Mund mit guten Zähnen und eine rosige Haut. Daran war ja nichts Ausserordentliches, sondern das lag im Gesamteindruck, im Ausdruck der Reinheit, der Unberührtheit, des Jungen, der lichten Zartheit.

Nun, als Estella sass, fing sie laut und lebhaft zu sprechen an – lustiges Zeug, über das man lachen musste – und auch sollte. Aber der innerliche Reiz, der so bestrickend für den in Betrachtung Versunkenen über ihrer Erscheinung lag, war verschwunden. Der Traum war aus. Der Traum, der sekundenlang den einsamen Mann umfangen hatte. Es fliegt eine Künstlerseele so leicht von der Erde auf! Hier war ein hübsches Mädchen, wie viele andere – wozu die Andacht? Sie ärgerte ihn. Und dennoch konnte er seine Augen nicht abwenden.

Bei jedem Menschen, der ihm das erste Mal in den Weg trat, hatte er das bestimmte Empfinden: der kommt in Betracht, der nicht. Auch hier. –

Die Zeit verstrich schnell in dem stetigen Hin und Her der Gäste. Es wurde gelacht und gespielt, getanzt und gesungen. Manch einer sang ein lustiges Lied, mancher ein trauriges. Aber der wurde ausgelacht. Man mochte nichts wissen von Ernst und Feierlichkeit. Die Mädchen wollten lachen und tanzen und ein wenig laut sein dabei.

Immer ausgelassener riefen sie nach der Musik, die zu langsam sei, und sie wollten sich schneller drehn.

Da trat, ohne etwas zu sagen, der Fremde an's Klavier, dass es das erschrockene Fräulein davor jäh aus seinem behaglichen Rhythmus riss und es eilig aufstand, ihm Platz zu machen.

Er fing zu spielen an. Alles horchte. Das war eine Tanzmusik! Die sprang auf, so trotzig und boshaft, rannte den Takt und die Regeln über und über, – stand jetzt stille und wirbelte dann plötzlich in rasender Schnelle dahin. –

Das war eine seltsame Tanzmusik – aber lustig und feurig wie keine! Die hatte gezündet und fortgerissen und es war ein Schleifen und Beben und Schwanken und Dröhnen! Die Paare rasten durch die Luft, Staub flog auf, Röcke flatterten, verfingen sich und wurden lachend losgerissen, Wangen glühten, Augen blitzten und dem Backfisch flogen die Zöpfe hoch vom Kopf; ihm kam so etwas Wildes gerade recht. In stillem Entzücken glänzten die Mütter dazu, nur die Väter schüttelten die ernsten Köpfe.

Die Blondine war auch sehr ausgelassen; es stand ihr aber nicht: sie verdarb ihre Art und als sie eben erschöpft und atemlos ihren Tänzer entliess und sich nach einem Ruheplatz umsah, begegnete sie mitten im Getümmel einem Blick des Fremden, der fest und durchdringend auf sie geheftet war. Dieser Blick durchschnitt gleichsam die heisse Atmosphäre kalt und hart wie Stahl. Und da die Musik in diesem Augenblick innehielt und mit ihr sofort alles andere Lärmen, so half die allgemein plötzlich stockende Bewegung wirkungsvoll dabei mit.

Es sträubte sich quasi der ganze Saal und lehnte sich auf ob des feinen Mädchens uneigener Art.

Estella erschrak, wurde stiller, erschrak darüber noch mehr und beeilte sich wilder als zuvor herumzutollen. »Es ist wirklich albern!« sagte sie, gerade am Klavier vorbeiwirbelnd, sehr laut und vernehmlich zu ihrem Tänzer; aber der wusste nicht was und hat es auch nicht erfahren. –

Es war sehr spät, weit über Mitternacht, als Alles aufbrach. Väter, Mütter, Alt und Jung verliessen den Gasthof und gingen müde nach Hause.

Estella Brand, die bei einem Verwandten, dem reichen Privatier Brand, in dem kleinen Städtchen zu Gast war, wohnte ausserhalb der Stadtmauer in einer vornehmen, kleinen Villa. Dort verbrachte sie viele Monate jedes Jahr, meist Frühling und Sommer, und freute sich, da zu sein.

»Onkel«, rief sie lachend jedesmal bei ihrer Ankunft, »jetzt lege ich mich unter Deine Rosen und schlafe die Grossstadt aus!« Und der alte Brand lachte mit und war froh, dass in seinem schönen Garten eine so passende, feine Gestalt war. Er liebte sie sehr; zuerst kam auf der Welt sein Bruder, ihr Vater, ein grosser, einsamer Mensch und Gelehrter, dann sie in seinem Herzen.

Als sie nun heute ihrem Onkel Gute Nacht gesagt hatte, ging sie in ihr Zimmer und schaute noch lange in die stumme Maiennacht und in ihre eigene Seele. Sie mochte es immer so gerne haben, dass, wenn sie sich abends zur Ruhe legte, alles glatt und eben in ihr war, was der Tag gebracht. Aber heute lag die Ebene nicht so weit und übersehbar da, als sonst. Sie tastete in sich herum und fand sich nicht so klar und dachte an den merkwürdigen Abend, ihr auffälliges Benehmen, an den Fremden, sein bizarres Spiel und seinen herausfordernden, seltsamen Blick. Während sie sich langsam entkleidete, gelitten ihre Gedanken weg, zu dem jungen Forstmann hin der sie seit langem liebte und ihrem Wankelmut und all ihrem Jungsein geduldig zusah und es gerne abwarten wollte.

Sonst hatte sie oft gespöttelt über diese Treue, dass gar so schnurgerad sie sei, – wie eine lange Landstrasse, ein wenig reizlos und ohne Spannung. Aber heute beruhigte sie der Gedanke an diese Liebe; es war eine Zuflucht zu etwas Festem, Starkem.


Für einige Tage später ward ein grosser Ausflug geplant, an dem sich die Gesellschaft des ganzen Städtchens beteiligen sollte. Es waren Wagen bestellt und man hatte sich eine Fahrt tief ins württembergische Land hinein vorgenommen, zu einigen, weitberühmten Ruinen, da die Stadt unfern der Grenze gelegen war.

Am frühen Morgen, noch angetan mit warmen Kragen und Mänteln, versammelten sich alle bei einem der alten Türme der Stadtmauer.

Wie erstaunte Estella, als der Fremde von neulich unter den Anwesenden war. Er hatte sich bekannt gemacht und schloss sich der Partie an. Sein Name war Leo Makassy; er war Maler und zwecks Studien hierher gekommen.

Alles stieg ein und freute sich einen so angenehmen Tag vor sich zu haben. Man dachte mit Behagen an all' die schlummernde Arbeit in Schreibpulten, Flickkörben und Suppentöpfen, die man sorglos zu Hause gelassen.

Als man sich's warm und gemütlich gemacht auf den seitlichen Polstern des einen Wagens, wollte man vor allem diesem Eindringling auf den Grund kommen. Man musste dies vorerst erledigen, damit man sich darnach verhalte.

Es stellte sich heraus, das er seit langem in der Welt herum reise, sie als Künstler zu studieren und sich Anregung zu verschaffen. Zuletzt hatte er das patriarchalische Württembergerland durchstreift und sich ergötzt an seinem jungfräulichen Landschaftsreiz und nun sei ihm noch die altehrwürdige Stadt genannt worden, von der er sich Skizzen machen wollte.

»Wo waren Sie denn vorher überall?« frug verbindlich der Oberamtsrichter der Stadt aus seiner Wagenecke heraus. Es war ihm zwar ganz gleichgiltig, er wollte nur dazu kommen, seine eine und einzige Reise nach Ostende mit der erschütternden Pointe zum Besten zu geben: wie einmal das Meer in breiter Woge dahersauste und ihn – den Oberamtsrichter Larsen – mit Haut und Haar beinahe verschlungen hätte. Und wenn dann all den Liebenswürdigen das erwünschte Gruseln kam, dann konnte er sanft sein und tröstlich wie nie. Aber da die ganze Stadt es längst auswendig wusste und schon ganz ausgegruselt war, sah man die Erzählung des Herrn Oberamtsrichters wie ein Gewitter heraufziehen und rettend rief diesmal der kecke Backfisch schnell dazwischen:

»Makassy ist ein seltener Name, Sie sind gewiss von weit her?«

»Bis von Ungarn« sagte er lächelnd.

»Ist's dort schön?«

»Ein fruchtbares Land voll von Getreide«, fiel der Pastor ins Wort.

Aber niemand wollte Näheres darüber wissen und eilig hiess es weiter:

»Waren Sie auch schon in Frankreich, in Italien – ach, in Italien, mit seinen blauen Himmeln und schönen Mandarinenknaben?«

Und als er es bejahte, bestürmte ihn Alles, von Italien zu erzählen. Man rückte zurecht, streckte die Köpfe vor und horchte. Das war etwas anderes als das ewige Getreide, von dem der Pastor so gerne sprach und von Gottes Segen, und die erschütternde Meereswelle des Oberamtsrichters.

Und der fremde Künstler fing zu erzählen an und wurde wärmer und lebhafter mit jedem Wort und seine Augen gingen mit über die Städte hin, über die Lande von denen er sprach, und gingen weiter in unsichtbare Fernen und – eine düstere Sehnsucht stand in ihnen. Nach und nach verstummten alle Einwände und Fragen. Man fühlte etwas Überlegenes, vor dem man sich nicht gerne hören liess.

Er sprach von dem Geiste lapidarer Vergangenheit, der dort über Ruinen weht, von stolzen Bauten, die auf Felsen thronen, und von der einen meerentstiegenen Marmorstadt, durch die die Gondeln ziehn, – er sprach von dem leuchtenden Meere, in das sich Zauberhaine neigen, von schimmernden Palästen, die im tiefblauen Himmel stehen, von einsamen Gestaden, wo Böcklins Fabelwesen hausen, von dräuenden Klippen, an die die Wogen gischtend schlagen, von rätselhaften Märchenblumen, die träumend von den Sträuchern hängen, von versonnener Poesie, die in stillen, duftenden Gehegen steht, sprach er, – auch von rauschenden Spitzenschleppen, die dort achtlos über Marmortreppen fegen und – last not least – von Frauenschönheit, die in Tropengärten sich ergeht und sinnend über die Unergründlichkeit stiller Teiche neigt, auf denen Lotosblumen schwimmen.

Als er endlich schwieg, war der herrschende Kleinstadtgeist aus dem Wagen geflogen. Aber mit ihm das Behagen.

Das durfte man sich nicht bieten lassen, dagegen musste man sich wehren, und dies geschah so, dass man sich befreite von dem Eindringling, indem man ihn behutsam, rund und reinlich umging, ohne ihn auch nur einmal mehr zu streifen.

Ein kleines Intermezzo kam diesem Bestreben noch hilfreich entgegen.

Nämlich die Pferde, die gemütlich trabend mit einem regelmässigen Aufklappern der Hufe ihres Weges getrottet waren, mussten plötzlich stärker angezogen haben, so dass ein leichtes Schwanken des Wagens erfolgte. Alles stiess an einander, kreischte ein wenig – und Berta, der wilde Backfisch mit dem unternehmungslustigen Gesicht und den blitzschnellen Augen: dies sehen und ein furchtbares Geschrei aufschlagen war eins.

Daraufhin fuhr alles von den Sitzen auf und schrie gerade hinaus, puffte um sich, fiel vornüber, drängte nach der Wagentüre, riss sie auf, wollte hinaus und rief entsetzt nach dem Kutscher, der so viel wertvolles Leben auf's Spiel setzte.

Der hatte gehalten, schaute auf die schreckliche Verwirrung hinter ihm, schaute nach Blut, sah keines, begriff gar nichts und schwieg verstockt.

Die Mütter fielen über ihn her, er sei gewissenlos, ja das sei er! Ob er die fünf Kinder erziehe, wenn sie mutterlos wären? »Und meine drei!« klagte blass die noch junge Frau Pastor. Und eine sehr dicke, rote Dame schrie, sie glaube, sie stürbe noch hintennach am Schrecken.

Da drehte sich der Kutscher langsam nach ihr um, ob es schon gleich wäre.

Die anderen Wagen, die voraus waren, hielten an, entleerten sich und es entstand ein grosser Kreis von jammernden und tröstenden Gestalten, ein Erklären, ein Fragen. Der vermeintliche Sündenbock stand immer noch stumm in der Mitte, schüttelte den Kopf, als rechnete er die Kinder zusammen, die er zu versorgen habe, und verweigerte jede Auskunft.

Da drang durch die Versammlung ein Aufkichern. Alle Köpfe flogen nach der Richtung, staunend ob dieses neuen Phänomens und man konnte eben diese wilde Berta, das frische, rotwangige, jüngste der Mädchen seitwärts stehen sehen, das Taschentuch vor das Gesicht gepresst, berstend schier vor lauter Lachen. Es war ihr Werk! Sie hatte einfach aufgeschrien, die andern ein wenig zu erschrecken und auch, – weil das Schreien so lustig ist, und – welche Wirkung!

Durch die erhitzten Köpfe fuhr ein plötzliches Aufdämmern. Erst Beschämung, dann Ärger und endlich ein mildes Gefühl gegen die junge Missetäterin, – da es doch so gut abgelaufen war, nachdem man dem kalten Tod ins Auge geschaut. In schöner Dankbarkeit für das wiedergefundene, warme Leben sagte man gediegene Worte von Verzeihen zu ihr, aber niemand mehr wollte den unartigen Backfisch bei sich im Wagen haben. Der Vater desselben sagte einiges Strenge, Verweisende, wie es sich für einen würdevollen Mann geziemt, der stark in seinen erzieherischen Grundsätzen zu sein hat; aber fast wäre dabei dem warmen Menschen ein inkorrektes Lächeln entschlüpft. Hatte er doch vor diesem Zwischenfall schon das unruhige Fünklein in des Mädchens übermütigen Augen gesehen und hatte es nicht gelöscht, bis es immer unternehmungslustiger aufblitzte und herausstach und auf einmal lichterloh brannte – da war es zu spät. –

Alles stieg wieder ein, nur Berta musste zur Strafe auf den Bock zum Kutscher sitzen, der indessen aus seiner Betäubung aufgewacht und es nun nicht unzufrieden war, mit einem so jungen, schmucken Ding zusammenzusitzen. In unbeholfener Galanterie breitete er ihr die Pferdedecke auf den Sitz.

»Das wäre gut hinausgegangen,« dachte er schmunzelnd im Fahren, als er einmal über des Mädchens dicke, pralle Zöpfe wegsah. –

So fuhr man durch dies weite Land; durch Buchenwälder, durch Felder, deren lange Ackerfurchen wie träge Schlangen über den Hügeln lagen und in weichen Windungen und Bogen sich wohlig sonnten in dem flimmernden Maienglast, der über der aufblühenden Erde stand.

Die Unterhaltung floss wieder in alten, behaglichen Bahnen seicht und sorglos dahin. Die Mädchen sangen Lieder und schielten dazu ein wenig nach dem fremden jungen Mann hinüber, weil er so gar nicht nach ihrem Geschmack sein wollte. Keine seiner Fragen oder Antworten schien ohne irgend eine Absicht und gar das abgestossene Lachen klang unangenehm, denn es entbehrte wahrer Heiterkeit, des ansteckenden Reizes – im Gegenteil, wenn es auffuhr, verstummte allsogleich jedes andere frohe Lachen. Irgend etwas hatte der vor; das glaubten sie zu fühlen. Allein um Skizzen zu machen, blieb der nicht in so kleiner, weltabgelegener Stadt. Was trieb ihn dazu? Doch da dies heute nicht mehr zu entscheiden war, vergassen sie ihn wieder.

Später verliess man die Wagen und wanderte langsam den Ruinen zu, die aus sagenseliger Zeit Grüsse in die Gegenwart schickten. Gleich einer schönen Fee, so geheimnisvoll, wundersam und unnahbar schwebte das Märchen über sie hin, und der Saum ihres Schleiergewandes streifte die zerborstenen Mauern.

Nur eine war zurückgeblieben und mischte sich nicht in das allgemeine leere Gerede; Estella Brand. Ihr war es zu schön ringsum und des Fremden weitausschauendes Auge hatte sie unbewusst fortgewiesen aus der engherzigen Umgebung.

Sie ging so für sich hin – wie in lauter rosigen Wölkchen, denn das dünne, faltenreiche, rötliche Kleid umflatterte und umblähte fortwährend den schlanken Leib. Wie sie so ging und die schmalen Füsse aufsetzte, das war prachtvoll anzuschauen. Es war der Gang einer Königin. Stolz und sieghaft der Tritt. Flüchtig und leicht das Schreiten. Sah man sie vor einem dunklen Walde gehen oder weitete sich hinter ihr die helle Landschaft, immer hob sich diese Mädchengestalt triumphierend als ein eigenster schöner Schöpfungsgedanke glänzend davon ab.

Der Maler, der sie bis jetzt absichtlich unbeachtet gelassen hatte, kam zu ihr und redete allerlei Äusserliches, was so ein erstes Begegnen mit sich bringt. Aber nicht lange; dann machte die Unterhaltung jenen unbemerkten Sprung ins Subjektive, von wo aus sie nicht mehr zurückfinden kann. Dabei sah er sie unausgesetzt an, dass sein beharrlicher Blick sie bald belastete.

Sie ging ohne Hut und die losen Waldlichter trieben ihr ausgelassenes Spiel auf dem hellen, flimmernden Haar und Antlitz, bis der Schatten irgend eines grossen Blattes oder Zweiges es auf Augenblicke einstellte. Diese wechselnde Beleuchtung brachte etwas Schwankendes, Verschwommenes mit sich und verwischte die festen, sicheren Linien. Der Künstler hatte das Empfinden einer in nächster Sekunde zerrinnenden, schönen Vision. Wenn Estella sich vom Boden weggehoben hätte, aufgeflogen und dem Waldesdickicht entschwebt wäre, er hätte nicht aufgeschrieen; es wäre etwas Erwartetes gewesen.

Und der Wille entstand in ihm, festzuhalten.

Er wich nicht mit seinen Augen und fühlte immer mehr, dass ihn diese eigenartige Schönheit beschäftigen würde. Wie gerne liess er das geschehen; es kam ihm gerade recht in seiner Übersättigung und Langeweile; es sollte eine seiner köstlichsten Episoden werden.

Dreister und deutlicher wurden seine Blicke und legten sich lähmend über sie. Selbst ihr leichter Gang litt darunter. Er wurde schwerer, tastender. –

Da blieb sie plötzlich jäh und unvermittelt stehen und sah ihn fest und ruhig an. Hierin lag so viel Selbständigkeit, so viel unbequemer eigner Wille, dass er stutzte. Sie war stark und wehrte sich, bevor man nach ihr langte; sie hatte vorsichtig Lichter um sich gestellt, damit sie niemand streife, die Reine, Feine.

Etwas wie Scheu empfand er, sie sah es an seinem Gesichte und wollte schon froh sein darüber, doch kam er ihr zuvor und schnitt diese Freude kalt entzwei. In sein ganzes Gebahren legte er etwas so Wegwerfendes, Rücksichtsloses, dass es sie verletzte; und diese Demütigung fiel in ein junges, eitles Herz, schlug Lärm darinnen und schrie nach Rache.

Zuerst besann sie sich ein wenig und lachte leise vor sich hin, zuversichtlich. Dann liess sie eine Verwandlung mit sich vorgehen.

Sie hob sich gleichsam auf die Fussspitzen, neigte sich um, hinüber in all' ihr leichtes, lichtes Wesen, breitete die Arme aus, reckte sich aus der eignen Schwere, lockte sich in ein Tanzen hinüber, und wirbelte ihm all' ihre keusche Grazie vor seine Seele.

Sie erzählte und lachte und sang in den Himmel hinauf, Da war nichts Gekünsteltes mehr, sie war ganz sie selbst geworden und fühlte sich frei und herrschte. Und dies Bewusstsein berauschte sie und entriss ihr immer mehr eine sprühende Laune.

Sie sprach von ihrer Kindheit; wie ihr einst die Mutter einen Apfel nahm und sie ein grässliches Geschrei aufschlug, dann aber plötzlich unter wilden Tränen schwieg, weil sie eine Birne liegen sah, die nahm und lachend rief: »Hab i nicht 'n Apfl, hab i doch a Birn!« So sei sie auch geblieben, nur noch viel gescheidter geworden, weil sie jetzt selber wegwerfe, was nicht gut für sie ist. Und wenn sie noch gescheidter werden sollte, wozu doch alle Aussicht wäre, dann lange sie überhaupt nicht mehr nach dem Falschen. Das müsse vortrefflich werden, wenn dann Gedanken und Gefühle einst so quasi wie Äpfel und Birnen vor ihr auf dem Tische liegen würden und sie sich stündlich besinnen könne, was sie davon wegnehmen wolle und was nicht. Dazu ihr Lachen, ihre Leichtigkeit, ihre jungen, schnellen Augen, die wie Waldbäche ohne Tiefe und Schwere über blanke Gedanken rieselten, – man musste es ihr glauben, sie hatte sich in all ihre natürliche Fröhlichkeit hinübergelacht und gedacht und gesungen.

Zuerst hatte er die Augen zusammen gekniffen und hinter ihre Reden geschaut, aber nichts dort gefunden als die Offenherzigkeit einer kerngesunden Mädchenseele. Das entwaffnete ihn.

Die Buchen wölbten ihre jungen, seidenen Blätter über sie und hatten die braunen, alten als knisternden Teppich auf den Boden geworfen. Kuckucksrufe von weit her erhöhten die Einsamkeit des Waldes. Estella verdoppelte ihren Schritt, denn sie waren weit zurückgeblieben von den andern.

»Jetzt kommt sie ab von dem geraden Wege, werden sie untereinander sagen. Sie wissen ja nichts von Estella Brands hellen Augen, die ihn nicht verfehlen können!« rief sie laut und übermütig nach den andern hindeutend und war froh, dass das gesagt war, und fing zu laufen an, dass er gerade zu tun hatte, hinterher zu kommen, und liess ihn allein mit dem hingeworfenen Worte, das ihr so zuverlässig erschien.

»So der grossen Masse nach, das ist sicher der rechte Weg!« rief er ihr spottend nach. –

Der letzte Anstieg zu den Ruinen kam. Träumend von andern Zeiten schauten sie von ihrem Berge über das weite Land. Oben bei ihnen war es wundervoll. Rings umgeben von altem, verwitterten Gemäuer, an das sich einst zaghaft dieser Epheu schmiegte, der es jetzt mit stämmig gewordenen Krallen umklammert und später vielleicht zusammenhalten wird, wenn es vollends Staub und Erde werden will, – hoch auf dem lachenden Hügel, um den sich in kühnen Weiten die köstliche Landschaft bis an des Himmels Ende dehnte, da hob auch die Phantasie ein wenig ihre Flügel und trug aus der Gegenwart fort. Man sah bärtige Ritter mit erzenen Füssen, und feine Frauen mit schleppenden Atlasgewändern und Federnhüten auf den goldenen Locken durch diese einstigen Tore schreiten, die jetzt fast zerfallen waren, in denen Vögel nisteten und Unkraut wucherte. Man hörte grosse, weisse, schlanke Hunde bellen, das Hüfthorn schallen und die Laute schlagen. Man sah aus den geborstnen Fensterbogen, auf dessen Simsen Schlehdorn wuchs und Holunder, sich eine wundersame Jungfrau neigen, mit Geschmeide behangen und langen, schweren Perlentropfen an den feinen, durchsichtigen Ohren.

Auf der zerbröckelnden Mauer, die aussen am Hang herumführte und die einst strahlende Feste umschlossen haben mag, wiegten sich indessen tausend Glockenblumen auf ihren zarten Stengeln im Maienwind. Und wer zurücktrat, bis nichts mehr zu sehen war als diese Mauer und dieselbe gleichsam in der Luft stand, der konnte das Blau der Glocken in dem Blau des Himmels stehen sehen. – Estella hatte es getan und gesehen und rief erfreut:

»Wer zu mir herkommt, der kann was Schönes sehen!« Der Oberamtsrichter und der Pastor kamen, weil sie gerade in der Nähe standen, und schauten und sahen nichts. Sie zeigte es ihnen voll Eifer, als hätte sie den lieben Gott selber zu vertreten; da klopfte ihr der Pastor wohlwollend auf die Schulter und sagte:

»Nun, nun, wir wollen sehen, wann Estella Brand einmal vernünftig wird,« und der Oberamtsrichter, der sich gefoppt vorkam, rief brüsk:

»Dazu bin ich mir zu alt; wenn man – – – –« schon in Ostende war, wollte er sagen, aber das Mädchen war bereits verschwunden und hatte die beiden allein gelassen.

Alles ging nun den Hügel wieder hinunter, durch die Wälder zurück. In einem Tannenwald, dem letzten derselben, der wieder vor der offenen Landschaft lag, liess man sich nieder, setzte sich auf Baumstümpfe oder legte sich ins Moos, labte sich und sah hinauf in die rauschenden Tannen und hinweg über die maigrünen Erdwellen.

Man ass und trank, die gute Laune wuchs und man sprach davon, wie schön das Leben sei.

»Gar so schön ist es nicht«, dachte der Maler Makassy, der seitwärts sass, bei sich. Weil er über sein Leben zurücksah, darum dachte er das. Da stand sprungbereit auch schon seine Vergangenheit vor ihm, rückhaltlos, unerbittlich, mit boshaft funkelndem Auge und rollte ihre düstersten Bilder grinsend vor ihm auf.

Wie ein Leichenzug glitt es an ihm vorüber mit traurigen, blassen Gesichtern, weinenden Augen und schleppenden Füssen. Die trugen die Hoffnung zu Grabe. Und dann kam das Andere.

Ein wüstes Leben. Liderliche Genossen, halb nackte Weiber. Ateliers mit abgegessenen Tafeln und entblätternden Rosen darauf, die faul und süsslich rochen; dahinter zerwühlte Divans mit zerknitterten Kissen und Decken.

Er roch noch diesen dicken Dunst von Wein, Rauch, Parfüm und Fäulnis. Ach! Und diese erbärmlichen Morgen, wenn über die Reste solch einer schändlichen Nacht das kalte nüchterne Tageslicht fuhr, rücksichtslos, nichts verschonend mit seiner durchdringenden Helle, – wenn der Körper so widerlich schlaff war, der Kopf wie zerschlagen, der Gedanke träge und die Hand schwer, die den Pinsel zu neuer Arbeit führen sollte!

Das Erinnern an solche Nacht kroch gleich Würmern am Leib empor und, wollte man diesen grässlichen Ekel abschütteln, biss er sich fest und sog die letzten Reste der Kraft aus Seele und Leib. Er umklammerte das Herz, dass das Blut stagnierend durch den Körper floss, die Lebenskraft erstickend wie in einem schlammigen Bach. Dieses ermattete Suchen und Tasten gleich wieder erlahmt in Trägheit! Und dabei das zum Wahnsinn treibende Wimmern der begrabenen Seele, die faulen musste und nicht sterben konnte.

Ein grausames Leben fürwahr, eine qualvolle, entsetzliche Marter, ein Fliehen vor sich selbst, ein Rennen und Rasen von Furien gepeitscht – den Tag hindurch – bis der Abend da war und die Nacht – und man mit starrem Entsetzen fühlte, wie das Verlangen wieder kam und die Gier nach Genuss und Betäubung – und wie sich die Sinne umnebelten und anfingen zu tanzen und zu locken – und wie es einen durch die Gassen trieb – wie schon die Hand auf der Klinke lag, kraftlos wurde, – niedersank, – wie die Türe sich öffnete und durch die Spalte Qualm und wüste Lieder drangen und der Branntwein roch – wie es winkte und gleisste – wie man nach heissem Leben rang – lechzte – langte mit gewalttätiger Hand – wie man willenlos wurde, taumelte, irrte, nach dem Falschen griff – und eintrat in die kotige Spelunke – zu betrunkenen Gesellen, die zu den Tieren gingen statt den Menschen – wie man Arm in Arm mit denen sich künstlich hinauftrieb in den Rausch – und wie am Ende die giftigen Wellen wieder über einem zusammenschlugen .......

– – Makassy war hastig aufgesprungen, wie ein wehrlos Überfallener; so feindlich war ihm seine Vergangenheit noch nie gegenübergestanden. Erschrocken sah er um sich und musste erst zurechtkommen mit seiner Umgebung, den Menschen und dem Lande.

Ja, das waren brave, zufriedene Alltagsmenschen aus einer vergessenen, kleinen Stadt mit einer armen, aufgeputzten, hochmütigen Moral, die sie in behaglicher Erbpacht hatten.

Doch die Landschaft da draussen, wie friedvoll die war. Wie die Blumen über den Wiesen lagen und die Bäume auf ihnen standen, wie ein Hügel aufstieg und wie ein Hügel abfiel, wie ein Wald anfing und ein Wald aufhörte, und wie ein Acker begann und ein anderer endete, das war alles so einfach und gross und ruhevoll dabei. Mit Demut sah er hinaus – – da stand der grosse, schöne Friede auf, der über der Welt lag, und gesellte sich zu ihm.

Estella sah dies alles; sie hatte die Qual der Gedanken in diesem Antlitz und die erschrocken von innen kommenden Augen gesehen, die ängstlich die Gegenwart suchten und dann da draussen über den Hügeln etwas Schönes gefunden haben mussten.

Vor ihr lagen viele einzelne Teile, himmelweit verschieden von einander, aber mit der Unzulänglichkeit ihrer Jugend konnte sie deren Zusammenhang nicht finden. Und sie sah das Rätselvolle mit staunenden Kinderaugen und sie sah das Gute darin. Das nahm sie leise auf und legte es schweigend in ihr Herz.


Einige Tage später sass in der eleganten Villa des reichen Privatiers Brand der junge Forstmann Richard von Thieben. Er war gekommen Estella zu sehen und auch sie zu fragen, ob sie die Selbstherrlichkeit ihrer 20 Jahre jetzt noch nicht aufgeben und mit ihm ziehen wolle in das baumumrauschte Forsthaus, das drüben zwischen den Hügeln des Schwarzwaldes lag.

Wie war es ihm wohl in diesem Hause, wo er sie wusste, wo sie an Allem hing, an allen Möbeln und Geräten.

Er hatte eine von den Empfindungen, die wie Gold sind, so blank, solide und schwer.

Der Onkel war ein Rechtlicher, Gerader. Fast ein wenig starr dabei. Mit dem erlaubten Behagen, das ein arbeitreiches Leben gewährt, lebte er die Jahre seiner Ruhe.

Für den Forstmann Thieben hatte er grosse Sympathien. Das ganz Übersehbare seiner Charakteranlage gefiel ihm: da war alles klipp und klar und gab's nirgends dunkle Ecken. Er war vermögender Eltern Kind, gut und recht erzogen, gut und recht geworden. So waren die Thiebens alle, den ganzen Stammbaum zurück; ein reinliches Buch, in dem man nirgends ein Blatt zu überschlagen brauchte. Seit langem harrte er der schönen Estella; er hatte nie um sie gekämpft, sondern wollte einfach warten, bis sie zu ihm kam. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte sie an sich gerissen mit dem Egoismus einer fordernden Liebe, wenigstens hätte das bei ihr die Energie der Entscheidung ausgelöst. So war sie ein gaukelnder Schmetterling, der nicht gehalten sein wollte und gerne um dies wie um jedes andere warme Licht geflattert war.

Als er sie nun heute frug, ob sie mit ihm gehen wolle, da sagte sie, sie möchte lieber dableiben, und dachte, dass ihm das so angenehm sein werde wie ihr. –

Der Onkel hatte dem enttäuschten Manne stumm die Hand gedrückt und dann heftig und geräuschvoll nach dem alten Jagdhund gerufen und ihn polternd ausgescholten, ihn, der schon seit Jahren keinem mehr ein Leid getan, ihn, der ein alter, fetter Hund geworden war, die Bequemlichkeit überaus liebte und alles andere längst aufgegeben hatte.

Aber die bangen Minuten waren indessen vorüber gegangen.

Estella war hinausgeschlendert in den Garten, zupfte verdorrte Blätter aus den Rosenstöcken, die voll von Knospen waren, hob ab und zu eine Erdbeere auf und schob sie in den Mund. Wie gut die waren!

Später rief sie nach Onkel und Thieben. Die beiden Männer kamen, sie sagte ihnen entgegen, dass sie Einkäufe in der Stadt zu machen habe, wer mitgehe.

Der Alte sah über sie weg, Thieben holte schweigend seinen Hut.

Da dachte sie, was das für langweilige Menschen seien.

Als er zurückkam, lag ihr ein spottendes Wort auf den Lippen; es blieb aber ungesagt, als sie in sein langes Gesicht sah, auf dem derb und hart die Kraft niedergerungenen Schmerzes stand.

Wohl redete sie gute Worte, als sie mitsammen durch das alte Städtchen gingen, aber innerlich musste sie ihn allein lassen und er war einsamer denn je.

Da und dort holte sie etwas in einem Laden; er wartete heraussen und blieb stehen so wie er stand, als sie ihn verlassen hatte. »Wie ein umgefallenes Pferd, so steif und hilflos«, dachte sie dann drinnen und kam tapfer und entschlossen heraus, ihm aufzuhelfen. Aber das hielt schwer; ihm fehlte die Elastizität.

Vor der Kirche blieb Estella stehen und zeigte ihm eifrig die hohen, spitzen Fenster, die geschnitzten Tore, die Wasserspeier und den wunderschönen Apostel Paulus, und als aussen nichts mehr zu sehen und zu finden war, schleppte sie ihn noch hinein in das Innere und da sollte er wieder schauen und bewundern; sie bot alles auf, ihn zu zerstreuen und von sich zu befreien.

Aber der hohe, feierliche Dom, der sein düsteres Dach über ihm zusammenschlug, verdüsterte seine Seele immer mehr. Er sah, die er liebte, oben am Altare stehen, umwallt von einem weissen Schleier, er hörte sie das beglückende Wort sprechen, fühlte seine junge Frau an seinem Arme schreiten und sah blühende Kinder, die ihr glichen, unter den Bäumen spielen, die draussen um sein Forsthaus standen ...........

Es war, als Estella eben sagte:

»Sehen Sie, das eine Glasfenster da oben ärgert mich jedesmal. Diese 18jährige Mutter Maria hat einen so alten Sohn in ihren Armen. Darunter leidet die überzeugende Wahrhaftigkeit dieses Vorwurfs und damit seine Eindringlichkeit; ich wenigstens könnte z. B. an einem Pferde mit fünf Füssen keine Freude haben, wenn es noch so schön gemalt wäre. Wie soll man an so was glauben? –«

Aber, ebenso gut hätte sie schweigen können, denn er hörte nichts. Und so verliessen sie die Kirche wieder. »Den kann ich doch nicht aus sich herausziehen« dachte sie.

Die Sonne brannte heiss herunter und prallte blendend und stechend von den Häusern ab, wo sie draussen kosend von den Bäumen gehangen und segnend über die Felder gegangen wäre. Herinnen in dem Winkelwerk und Gekünstel von Menschenhand wusste sie nichts anzufangen mit all' ihrer Fülle und Kraft. Wie ein machtvolles Organ, dessen grosser Ton sich stolz durch einen Dom trägt, an engen Stubenwänden zerschellt und misstönig davon zurückschlägt.

Die schmalen Gassen waren schwül und von einem schlechten Geruch erfüllt. Ein paar Geschäftsleute stunden gähnend vor ihren Läden, aber die Kauflustigen sassen hinter ihren beschatteten Fenstern und sahen schläfrig auf die Strasse – ausser Estella. Doch auch sie drängte nach Hause und schlug einen der schattigen Wallwege, die aussen um die Stadtmauer herumführten, vor.

Da hörten beide einen eiligen Schritt hinter sich herkommen und Jemand rief:

»Guten Tag, gnädiges Fräulein, wollen Sie nicht ein wenig warten, ich möchte um etwas fragen?!«

Atemlos kam der Maler Makassy über das holprige Pflaster dahergelaufen.

Die Beiden warteten. Das Mädchen stellte die Herrn einander vor.

Ein schnelles Auffliegen von Blicken. Es waren zwei, von denen keiner den andern übersehen konnte.

»Um kurz zu sein und Sie nicht aufzuhalten, eine Bitte an Sie, mein Fräulein; es soll nur eine bescheidene Frage sein, aber ich bange vor der Entscheidung – ist es mir gegönnt, Ihr schönes Bild auf meine Leinwand zu übertragen?«

Bei den glatten Worten und beredten Blicken sah Thieben rasch auf; selbst Estella fühlte sich nicht angenehm berührt.

»Verzeihen Sie,« rief hochfahrend Makassy. »Künstler sind Enthusiasten! Die Kunst ist ihr Leben und was ihr dient, verehren sie.«

»Ach ja«, beeilte sich das Mädchen in grossem Tone zu sagen. »Ich verstehe das; wir sind nur Objekt, Mittel zum Zweck – darin liegt gar nichts Persönliches.«

Dabei sah sie nach Thieben, denn sie hatte Angst, es könnte sich dies erfreuliche Anerbieten zerschlagen oder er möchte es beim Onkel hintertreiben.

»Also darf ich?« rief der Maler ungestüm.

»Ich weiss nicht, ob Fräulein Brand Modell steht!« platschte es da schwerfällig in die aufquellende Freude.

»Davon kann nicht die Rede sein«, sprudelte Estella heraus, den bedrohlichen Ernst der Situation überschwemmend. »Ich will der Kunst ein Opfer bringen; wer da kommt um blos zu nehmen, der tut ein Unrecht an ihr; es wäre falsch, dies Anerbieten abzulehnen. Malen Sie mich nur, Herr Makassy!«

Der lächelte über den Eifer, der den andern verletzte, und sagte laut:

»Es freut mich Ihre Zusage; ich wusste ja, dass ich hier Verständnis finden würde. Doch allerdings, wenn Ihr Herr – – – Herr von Thieben es nicht zugibt – –«

In Thiebens Gesicht zuckte es; auch dieses boshafte Wort hatte seinen Weg gefunden. Er wollte erwidern, aber Estella sagte schnell:

»Aber ich bitte, diese kleine Angelegenheit leitet sich ja ein, so ernsthaft wie ein Trauerspiel, – und es ist doch so belanglos und lustig, gemalt zu werden!«

»Jetzt hat sie das hohe Lied vom Opfer schon vergessen« dachte Makassy amüsiert bei sich, als sie ihm schon zurief:

»Also auf Wiedersehen! Kommen Sie zur Besprechung. Villa Brand vor dem roten Tore!«

Ihre Augen winkten ihm nochmals zu, einverstanden, aufmunternd.

Aber es wäre unnötig gewesen; ihm hatte ungewollt ihre verheissungsvolle Schönheit unwiderstehlicher gewinkt als ihre Worte und Blicke. Auch war er keiner, den Schwierigkeiten schreckten; im Gegenteil, Widerstand reizte ihn.

Sie war mit dem Forstmann weitergegangen. Der zeigte ihr noch einmal seine schöne Seele in vollem Glanz.

Es war ein kurzes, trauriges Bitten und Reden.

Er bat sie von ihrem Vorhaben abzusehen.

»Es ist nicht gut, es kann nicht gut sein« klagte er. Er bat für sie selbst und dann noch für sich. Aber sie wollte nicht hören. Und so langte sie mit ahnungslosen Kinderhänden nach dem Ungewissen und liess das Gute liegen. –

Zu Hause angekommen, sagte Thieben zum alten Brand, dass seine Nichte gemalt werden sollte und dies sehr zu begrüssen wäre, weil es ihr so viel Freude mache. Das war für den Onkel bestimmend und die Zustimmung auch von dieser Seite gesichert.

Aber das Mädchen fühlte sich bedrückt; das Geschenk war zu gross.


Die Staffelei war seit einigen Tagen im Garten der Villa vor dem roten Tore aufgeschlagen. Estella sass in schlichtem, blauen Kleide auf einer Gartenbank. »Recht lässig,« hatte der Maler Makassy gesagt. Aber sie brachte es nicht fertig; in ihr war zu viel Spannung.

»Stützen Sie sich mit dem einen Arm auf die Seitenlehne,« rief er. Aber dies sah so unwiderstehlich komisch aus, dass beide lachen mussten.

»Es wird nichts werden« rief sie, »ich sollte so eine spitzenbesetzte Prinzessin sein mit einer recht fertigen, ausgeruhten Seele; wie schön gelassen wollte ich mich vor Sie setzen!«

Das Haar trug sie einfach geknotet wie stets. »Ist meine Frisur so recht?« frug sie.

»Frisur ist das überhaupt keine« antwortete er. »Aber es ist gerade recht so wie es ist. Es soll kein Feiertagsbild werden – obwohl es jedesmal Festtag für mich ist, wenn ich kommen und Sie malen darf.«

»O, es ist sehr – – – –« angenehm – wollte sie sagen, »sehr komisch,« vollendete sie rasch, »dass Sie Maler sind!«

Sie war so freudig und er hatte das lieblichste Modell.

Alle die kleinen Übertriebenheiten der ersten Zusammenkünfte lagen ihr fern.

Aber er vergass hinter allen Worten und Reden seine Absicht nicht. Schritt für Schritt drängte er vorwärts und sah mit Genugtuung, dass sie immer mehr vergass, nach ihren wachsamen Lichtern zu sehen, die sie so vorsichtig um sich gestellt. –

Ganz ernst war es ihm nur mit Einem auf der Welt, mit seiner Arbeit; sie war das Einzige, was ihm im Leben geblieben war. Vor ihren unerbittlichen Augen bangte ihm – und bei diesem Bilde besonders auch vor seiner derben, spröden Kunst, wenn er in dieses zarte Antlitz sah, und bald spannte sich sein grosses, dunkelgraues Auge wie in Angst weit offen darüber, dann wieder blendete er das Licht ab und holte es sich durch halbgeschlossene Lider.

Und je mehr er malte, desto heisser wurde der Kampf. Er wollte Ausserordentliches leisten. Ein wilder Ehrgeiz fuhr ihm in die Zügel und riss seine Energien auf zu immer rastloserem Arbeiten. Er wollte, er musste es versuchen mit all' diesem schimmerigen Liebreiz, der so schwer haltbar war und ihm zerrinnend durch die Finger floss, wenn er ihn zu fassen wähnte.

Fast inbrünstig wallte es in ihm auf und er rief die ganze Kraft seines Künstlertums an um Gelingen.

Bei besonderen Aufgaben fürchtete er auch die Tücken der Technik, die ihm so manchmal schon boshaft und hartnäckig zwischen Pinsel und Leinwand gesessen waren.

Und er hatte einst auf der Akademie am lautesten darüber gelacht und dem Lehrer den Pinsel hingeworfen und seinen Austritt erklärt – – war aber seitdem manchesmal bebend vor einem Bilde gestanden, das das Wollen eines Genialen mit sieghafter Unmittelbarkeit trug, ohne dass einer der göttlichen Funken durch eine hinkende, mühselige Technik verschleppt und verloren war.

Dennoch hatte er durchgesetzt, dass seine Bilder Mittelpunkt der Ausstellungen wurden, berühmt und berüchtigt.

Und Estellas Porträt sollte das ganz Besondere werden. Ein Frühlingsgedanke; und alle, die es einst sehen würden, sollten das gleiche Empfinden haben wie er, da er sie zum ersten Mal sah. –

Stundenlang währten die Sitzungen; Ermüdung kannte er nicht. Nur das Mädchen wurde ganz steif und starr vor lauter Sitzen und Stillhalten und musste ab und zu aufspringen, sich bewegen, und jedesmal wenn es zurückkam und sich wieder auf die Gartenbank setzte, war es köstlicher und erfrischter als zuvor. Es eignete sich ihr bewegliches Gesicht schwer zum längeren Festhalten; die Züge wurden kälter, reizloser; ihr Element war Bewegung, in dem sie so schön gedieh.

Im Halbbogen um die Bank, auf der sie sass, standen Haselnussstauden – aber in ehrfürchtiger Entfernung, als wollten sie sich nicht zu nahe an dieses flammende Haar wagen.

Es war ein heiterer, behaglicher Platz, den sie sich in dem grossen Garten ausgesucht hatten; ungestört und verschwiegen.

Nach und nach begannen sie mehr miteinander zu reden. Ein Wort holte so das andere heraus und mit jedem wuchs Estellas Vertrauen. Denn seine Worte waren schön und glänzend, hinter denen er seine Vorsätze klug verbarg und auch der Ernst des Ehrgeizes lag so überzeugend über seinem Wesen.

Und sie öffnete die Tore ihrer Seele und liess das Neue einziehen und zeigte dabei schüchtern all' ihren keuschen Reiz.

Sie erzählte ihm die kleinen, inneren Ereignisse ihres Lebens, ohne dass er darnach frug. Und was sie sprach, war lauter durch und durch. So wahrhaftig als spräche sie vor ihrem Richter.

Alle die kleinen Geschichten ihres einfachen Lebens erstanden vor ihm ungeschmückt, so wie sie sich zugetragen. Da wurde nirgends ein Ecklein abgerundet oder eines dazu gesetzt, besserer Wirkung zuliebe.

Anders bei ihm, er sprang um mit der Wahrheit wie mit einem Knecht, den er heute dingen und morgen entlassen kann. Darum war sie gehässig geworden und verfolgte ihn. Und er fürchtete sie. – –

Einmal frug ihn Estella – es war vielleicht am achten Nachmittage, an dem sie ihm sass – nach manchem andern, ob er das schon empfunden habe, wie die Seele auffliegen möchte und nicht kann.

»Warum kann sie es denn nicht?« gab er zurück und mischte die eigensinnigen Farben beharrlich auf seiner Palette.

»Weil da zu viele kommen mit den Scheren und ihre Flügel stutzen«, sagte sie mit fast traurigem Gesichte, »und herumschneiden an einer jungen, flügge werdenden Seele.«

Sie dachte nach und fuhr dann lebhaft fort:

»O, so ein Mädchen wird gut erzogen! Da gibt es Väter, Mütter, Lehrer in seinem Leben; alle sind alt und voll von Weisheit und sie eilen eifrig und besorgt an ihre Arbeit. – Halten Sie das für gut, dass man recht bald alt und weise werde?«

»Altwerden ist entsetzlich!« rief er heftig und schnell.

»Dieses Altwerden meine ich nicht,« fiel sie ein. »Das ist ein Absterben. Aber es gibt doch ein schönes Ausreifen und Gewordensein, wo man neidlos und erhaben, wie von einer Brücke aus, sein Leben der Jugend vorbeiziehen sieht.«

Da zischelten und züngelten folgende Worte nach ihr hinüber:

»Aber vorher muss man jung gewesen sein, Estella Brand, vorher muss man aufgejubelt haben und aufgeschluchzt, man muss die Arme ausgebreitet haben vor Sehnsucht und Seligkeit, – es muss sich der junge Leib gewunden haben vor Schmerz und Lust und mit trunk'nen Sinnen muss er geliebt, genossen und vergessen haben – gleichviel, um welchen Preis!«

Estella war still geworden. Dann sah sie nach ihrem Leben. Da waren lauter Gärten mit schönen stillen Blumen und der Ruhe eines Sonntags; aber von alledem war nichts darin. Langsam suchte sie zurechtzukommen und endlich hub sie an:

»Nach Abschluss meiner Erziehung kam ich mir vor wie ein fein säuberlich zusammengestutztes, kreisrundes Bäumchen, das man in den Garten – von Serenissimus etwa – stellt, an dem kein Blatt und kein Zweiglein daneben stehen darf und an dem in Zukunft geschminkte Frauen auf hohen Absätzen und Männer mit gepuderten Locken und parfümiertem Taschentuch vorbeitänzeln und ihrem korrekten Empfinden dadurch Ausdruck geben werden, dass sie sagen: ›Dieser Baum ist schon zugeschnitten; es ist eine gute Arbeit.‹ Ach, und ich wäre so gern ein Baum geworden, der draussen stehen durfte – auf der Haide zum Beispiel – und seine Zweige ausdehnen bis in den Himmel hinein und wachsen wie er wollte.«

Sie sah etwas Spöttisches über sein Gesicht huschen und augenblicklich verwandelte sich ihr schüchterner, zaghafter Ton und stolzierte und paradierte hochmütig an ihm vorbei:

»Ich bin nicht in dem ängstlichen Park geblieben, Herr Makassy; ich habe mir selbst einen Garten angelegt nach meinem Geschmack. Es ist so viel Schönheit darinnen, Ruhe und Frieden, und ich tauschte mit Keinem!«

Da fuhren seine boshaften Augen los und höhnisch rief er:

»Ihre Idylle ist bezaubernd, aber es gehören Menschen hinein, die träumen, keine die leben!«

So kämpften sie beide, jeder um seine Welt. Estella in Notwehr. –

Von da ab blieb es still an diesem Nachmittage in dem Garten des Rentiers. Es wurde nichts mehr gesprochen. Makassy malte nervös, mit Anstrengung. Sie war ganz leise und rüstete sich in ihrer Seele. Irgend etwas fühlte sie herannahen, das sie stark empfangen musste.

Als er ging, reichten sie sich stumm die Hände und keines fand in des andern Auge mehr als leere Förmlichkeit.

Der Maler eilte nach seiner Wohnung. Am andern Ende der Stadt hatte er auf unbestimmte Zeit gemietet und sich ein Atelier und einen Schlafraum zurecht gemacht.

Es waren dazu viele Kisten aus der Grossstadt gekommen, mit einer Unmenge von feinen Dingen, wie seine alte Hausfrau geschäftig erzählte. Dann seien noch Arbeitsleute dagewesen und wie sie nach einigen Tagen nachgeschaut habe, sei ihr fast der Verstand stille gestanden, weil sie ihre eigenen Räume nicht mehr erkannte, so schön waren sie. Über ihn selber wisse sie nichts zu sagen, nur dass er fleissig male.

»Aber er kann's gar nicht,« versicherte sie in engerem Vertrauen, die Hand vor dem Munde. Wenn sie da die Öldrucke, die sie von ihrem seligen Manne habe, dagegen anschaue – Du lieber Gott, das sei etwas ganz anderes, das sei eine Kunst, eine saubere, akkurate. Später einmal, wenn er das Malen besser könne, wolle sie s' ihm schon leihen zum Abmachen. –

Makassy hatte sich, zu Hause angekommen, auf seine Ottomane geworfen, ging zu Rate mit sich selber und wusste nicht, was er wollte und sollte. Er wusste nur, wie klein und niedrig er war und wie er hier wieder nach billigen, wohlfeilen Mätzchen griff, seine Nacktheit zu decken, um seine Zwecke zu erreichen und Weiber zu fangen, die sonst geflohen wären.

Er dachte an Estella. Und wieder kam es leise zu ihm gegangen, das Schöne. Das Schöne, dem Einfachen entsprungen. Wie ruhevoll das war. Es lag über diesem Lande, über den Wäldern, über den Wässern und es lag in dieses Mädchens Herz.

Was wollte er mit seinem Trieb nach Zerstörung? Beneidete er oder war es Hass? Im Hass liegt Kraft und Grösse. Das war es nicht. Sondern etwas Hinterlistiges, Schleichendes, das von rückwärts überfiel und langsam mordete – – um rücksichtslosen, selbstsüchtigen Genuss.

Heute hatte er den ersten Spatenhieb eingestossen in die glatte Erde von Estellas sonnigem Garten, wie sie ihn selber so treffend hiess – es war geschehen, daran war nichts zu ändern – aber er wollte selber wieder Blumen an diese Stelle pflanzen; ja, das wollte er.

Er war aufgesprungen und zum Fenster getreten. Misstrauisch sah er um sich – aber nichts geschah, niemand lachte. War das Gute so selbstverständlich?

Nichts geschah. Nur in schweigendem Ernst begann sich die Maiennacht langsam herunterzusenken. Draussen vor dem Fenster tobte und raste keine Grossstadt vorbei, sondern auf dunkeln, schlafenden Hügeln stellten sich still die Sterne auf. Wie feierlich das war!

»Habt ihr euch denn alle zusammengetan, alle gegen mich?« dachte er. – – – –

Als er das nächstemal in Brands Garten kam, begrüsste er Estella mit schlichter Herzlichkeit; es klang dürftiger als sonst, so dass sie aufsah.

Woher auch sollte sie wissen, dass es gerade heute wärmer war als je.

Sie setzten sich zur Arbeit und gute Gespräche gingen durch den Maienmittag.

Ein wenig verfielen sie auf ihre gestrige Unterhaltung, aber mit Grazie sprang sie über das Verhängnisvolle darin weg und verplauderte es vollends ganz.

Wieder erzählte sie ihm vom Haus und Schule und er lockte sie immer mehr aus sich heraus und bat sie zu reden »damit er sie auch von innen sehe.«

Sie hatte ihr ganzes Leben sorgfältig zusammengerafft und war sich selbst nachgegangen bis in die tiefsten Winkel, darum wusste sie Bescheid und war klar und geordnet und hatte nicht das Zerfahrene, Unsichere, wie oft ihr Alter, das über die eigene Unordnung stolpert und sich die Köpfe zerschlägt. Aber sie war sich mit ihrer Wohlordnung oft kalt und vernünftig erschienen neben denen, die da irrten und lachten und weinten. –

»Jetzt muss ich Ihnen noch etwas erzählen, eine kleine Episode aus der Schule«, sagte sie, »die müssen Sie auch wissen.«

Er nickte eifrig mit dem Kopfe und lächelte ihr aufmunternd zu.

»Also, es war einmal«, begann sie mit grossem Pathos – »nein, nun im Ernste – es ist nämlich eine sehr ernste Geschichte, die ich Ihnen da erzählen will. Auslachen ist verboten! Also: Wir Schülerinnen sind einmal von unserm Lehrer für Kunstgeschichte hinausgeschleppt worden aufs Land, um durch Anschauung den Hort unseres Wissens noch mehr zu bereichern. Es war irgendwo ein kleines Kirchlein aus alter Zeit, von interessantem Stil, in demselben aber eine Kopie nach Rubens, das Bild eines hervorragenden Malers, der es aus Dankbarkeit oder sonst einem Grunde gestiftet haben mochte.

Zuerst also haben wir von aussen geschaut – ›es kostet die Fahrt allein 2,50 Mark, vertieft euch‹, sagte der Professor, ›dass es nicht umsonst ist‹. Wir vertieften uns also um 2,50 Mark und es war sicher sehr lehrreich. Dann sind wir hineingetreten. Unten im Schiff der Kapelle waren einige Betende, trotzdem kein offizieller Gottesdienst war. Da wir ganz zurückstanden, konnten wir nicht vorsehen zum Altar, obwohl helles Tageslicht zu beiden Seiten durch hohe, weite Fenster hereinfiel.

Ich ging«, fuhr sie, lebhafter werdend, fort, »auf den Chor hinauf, die andern kamen nach. Da trat ich ganz vor und schaute neugierig auf den Altar.

Das Auge musste sich erst ein wenig sammeln, es flimmerte so von natürlichem und künstlichem Lichte und erst allmählich hob sich aus diesen Nebeln ein ach – wunderseliges Bild!

Es war die heilige Jungfrau, hoch und schlank, in Wolken halb stehend, halb schwebend, mit einem Antlitz – so glänzend, so beseeligend und was das Merkwürdigste war – so lebendig, dass man sie schweben sah, dass man ihren Atem zu spüren glaubte, und dieses Wehen von Weihrauch und Kerzenschimmer als ihrem Munde entströmt wähnen konnte.

Ich bin nicht fromm, aber der Abglanz einer göttlichen Gnade lag so überzeugend auf diesem lächelnden Gesichte, dass ich mich gerne vor dem Bilde niedergekniet hätte. Ich war ganz hingerissen; auch dieses seltsame Licht erhöhte noch den ausserordentlichen Eindruck, den die grandiose Majestät einer solchen Kunst so schon erweckt hatte. Ich sah mich um, ich wusste nicht, ob nach dem Lehrer oder den Mädchen, kurz – es fiel mein Blick auf ein kleines Harmonium, das geöffnet dastand und ich rannte in meiner Begeisterung darauf hin und spielte jenes Schumannsche Lied: »Ave Maria«. Kennen Sie es? Können Sie sich gerade dieses Wortes Ave Maria entsinnen? Wie das aufschwillt! Wie es sich erhebt in apotheotischem Schwung, wie es auffliegt und zum Himmel dringt!«

Er sah sie staunend an und sie errötete, weil sie dachte: »Ich ziehe mich ganz aus vor ihm und er sieht mich nackt.« Aber dennoch fuhr sie fort:

»Damals habe ich geglaubt, es müssten alle gleichsam den Hut abnehmen und andächtig mit mir empfinden. – Ich war noch sehr jung«, fügte sie entschuldigend bei, »aber es ist mir schlecht ergangen. Der Lehrer stürzte auf mich zu, die Mädchen hielten mich für verrückt, stiessen sich in die Seiten und lachten. Man eilte aus dem Gotteshaus, in dem solches vorkam. Eine Flut von Vorwürfen und Drohungen. Unbildung, Interessantmacherei, hiess es. Und wenn man auch manchmal ein wenig absichtlich ist und weiss, dass einem der Hut so besser steht und das Lächeln so – da war ich es sicher nicht, Herr Makassy«, versicherte ihm das schöne Mädchen mit seinem ehrlichen, aufgeschlagenen Gesichte, um gleich darauf lustig fortzufahren:

»Nun erfuhren es alle – die ganze Prozession: Vater, Mutter, Lehrer, Rektor, Pfarrer – alle stunden sie mit gesträubtem Haar um diesen erschreckenden Fall herum, der so recht ein Zeichen der niedergehenden Sitten war. Und sie fingen an, die Scheren zu wetzen mit wildem Eifer, klipp und klar! Was war da alles nachzuholen!

Aber so heiter nehme ich's erst jetzt – wo es vielleicht zu spät ist. Damals schämte ich mich sehr. Und diese Scham nahm etwas fort von mir; etwas Ursprüngliches – und – etwas Mutiges. Ich habe begonnen, auf die Menschen zu achten, das macht feige – ich habe begonnen, nach ihrem Lächeln zu sehen, das macht bedenkend. Ob es gut war, – ich weiss es nicht?!

Ach, dieser überquellende, junge Enthusiasmus, der einem so warm übers Herz rieselt – – fast habe ich ihn verlernt, vergessen – – bis jetzt, wo ich etwas Verwandtes erblicke – – wo es mich wie durch den Duft einer bestimmten Blume zurückzieht in meinem Erinnern – bis jetzt, wo ich glaube, ihn leben zu dürfen, ohne missverstanden zu werden.«

Er hatte die Pinsel längst beiseite gelegt; es erschien ihm weit wichtiger, hier zu lauschen. Estella wurde ihm wertvoller mit jedem Augenblick, da er um sie war. Er hatte sich einen Stuhl zurechtgeschoben, ihr gegenüber, und zündete sich mit nie gekanntem Behagen eine Zigarre an. Sie schob ihm einen Aschenbecher zurecht und nahm dazu das abgefallene Deckblatt einer Pfingstrosenknospe. Für diese kleine Aufmerksamkeit dankte er ihr viel zu stark – aber es war darinnen von dem Dank für alles, was sie ihm gab.

»Reden Sie weiter, ich bitte darum«, sagte er, und wunderte sich, wie ruhig es in ihm wurde, wenn sie sprach.

Lachend, mit erregten, roten Wangen rief sie:

»Das vorher war eine Geschichte von dem, was einem die Erziehung nimmt. Nun käme eine von dem, was sie dafür gibt. Da weiss ich aber keine!«

»Ammenmärchen zum Beispiel«, fiel er ihr ins Wort, »Ammenmärchen setzt sie in Hirn und Herz; die sollen nur schauen, wie sie fertig werden damit.«

»Das ist wahr«, rief das Mädchen fast jubelnd, als wäre dies die lustigste Tatsache der Welt.

Einstweilen war das das Lustigste auf der Welt, dass er sie so gut verstand. Und mit breitem, wohligem Schmerze fuhr sie fort, wie furchtbar das sei, wenn man das Märchen, das sich auf silbernen Sohlen eingeschlichen hat durch die stets offenen Pforten einer Kinderseele und dessen Saat dort eingewurzelt ist und festgewachsen, herausreissen müsse aus der blutenden Seele.

»Denken Sie, herausreissen aus der blutenden Seele!« wiederholte sie eindringlich, mit einer überzeugenden Geste; schrecklich genug war das – beide konstatierten es, aber beide mit unverwüstlich vergnügten Gesichtern.

Man sprach noch davon, dass es da fast besser sei, die Erkenntnis komme nicht so plötzlich, so mit Schrecken, sondern nach und nach, von selber, etwa wie das langsame Zusammenschmelzen eines Wundermanns aus glitzerndem Schnee. – Aber Schmerz bleibe Schmerz, es sei hier nur die Frage, ob es nicht besser wäre, gleich das Richtige in Kopf und Herz des weichen, jungen Menschen einzuprägen, nichts Falsches, damit durch die nötig werdende Umprägung nichts verloren gehe an Werten.

»Ach, wenn ich so zurückdenke an meine Kindheit«, rief sie lachend und schränkte die Hände hinter dem Kopf, »was gab es da für Wirrnisse und Qualen! Der ganze grosse Zauberapparat von Religion vor einem winzigen Kinderhirn! Ich weiss noch, wie meine feine arme Mutter – die nicht mehr ist – mich tröstete. Denn einmal waren es ein paar Heilige, zu denen zu beten ich vergessen hatte. Da sah ich sie alle im Himmel droben sitzen und weinen und böse sein auf mich. Ein andermal war ich beim vierundzwanzigsten Ave Maria eines Rosenkranzes eingeschlafen, tief und sorglos – da erwachte ich und sah Maria vor Gott Vater stehen, mit dem Fusse auf die Wolken stampfen und hörte sie zornig sagen: ›Es ist unerhört‹. Und Gott Vater hat nach seinen grossen Flüchen gelangt und einen davon hervorgeholt.«

Beide lachten und angeregt davon, fuhr sie fort: »Ein andermal ist der heilige Florian, der ganz zu unterst in der Litanei kommt, von weit hinten atemlos durch den Himmel gelaufen gekommen, bis vor Gottes Thron und hat gesagt: ›Jetzt hat sie mich vierzehn Tage lang vergessen, ich zünde ihr das Haus über dem Kopfe an‹. – Gott Vater hat es ihm nicht verboten; er wollte ihm die Freude nicht verderben, da er doch so gut ist und ihm die Heiligen näher stehen als die Menschen. Und so fürchtete ich mich von dem Tage an und schrie wie besessen, wenn nur die Ladenglocke des Krämers nebenan ging, weil ich glaubte, es habe angeschlagen. Die Mutter tröstete mich damals wieder, wie so oft« – sie seufzte und nickte traurig langsam mit dem Haupte – »als ich ihr's erzählte und lächelte ein wenig dabei, so fein und verhalten; da habe ich hinter ihr Lächeln geschaut und gedacht: das ist am Ende gar nicht wahr, das vom heiligen Florian. Aber gesagt habe ich's niemandem, weil Zweifeln Sünde ist.«

Makassy lachte; er unterhielt sich vortrefflich.

»So anmutige Geschichten wüsste ich nicht zu erzählen: nur etwas ist mir erinnerlich aus diesen Zeiten, aber es ist viel derber und weniger schön. Wollen Sie es hören?«

»Natürlich, und ob!« Sie klatschte vergnügt in die Hände und setzte sich von neuem zurecht.

»Ich weiss noch, dass wir Buben uns verpflichtet fühlten, Mut – sonst nichts auf der Welt zu zeigen. Mut über Alles. Wir prahlten voreinander, dass es uns die Haare zu Berge trieb. Einmal kamen ein paar der Ärgsten zu mir auf das Gut meiner Eltern. Das »Fräulein« – ich hatte nämlich alles, Instruktoren, Fräuleins, Religionslehrer, alles – nur keine Eltern«, flocht er herb ein – »das Fräulein nun hatte einen Hut mit einem ausgespannten grossen Vogel darauf, der wie eine weisse Taube aussah. Einmal sah ich durchs Schlüsselloch in ihr Zimmer, das neben meinem war; da lag dieser Hut zufällig gerade so, dass man den weissen Vogel durch die Spalte sehen konnte. Flugs drehte ich mich herum und rief dröhnend – denn ich hielt das entschieden für das Grossartigste und Mutigste, was bisher dagewesen war – meinen Kameraden zu: »Da schaut hinein, da ist der heilige Geist drinn!« Ein Raufen und Balgen vor dem Schlüsselloch. Mein Mut hatte gezündet; ein schallendes Gelächter ertönte; man wollte kouragiert mit Gott ein Witzchen wagen.

Aber mit ein paar langen Sätzen kam der Instruktor daher, der hatte es bis in sein Zimmer hinüber gehört und kühlte sogleich diesen Mannesmut mit exemplarischen Prügeln. Er haute uns alle der Reihe nach durch; zuerst mich, dann die andern und zum Abschluss wieder mich.

Und die mutigen Männer fingen jämmerlich zu heulen an. Mir aber ist seitdem ein Trotz geblieben gegen diesen heiligen Geist, weil er so unnahbar ist und gar nicht ein wenig mitgelacht hat und auch keinen Finger rührte, uns zu helfen.«

Estella lachte und antwortete dann nachdenklich:

»Ich frage mich nur, wozu das alles. Solche Umwege! Es ist verkehrt und gefährlich dabei. Es verbaut den Weg zur Einfachheit immer mehr.«

»Es sind nicht alle Estella Brand«, gab er ihr zurück und blies den blauen Rauch der Zigarre in die sonnige Maienluft hinaus. Um ihn her war es zu schön. Ringsum stilles Prangen!

Lila Fliedersträuche auf kurz geschorenem englischen Rasen; dazwischen graziös gewundene Gartenwege mit dem spitzen gelben Kies bestreut, den man von den vereinzelten Felsblöcken draussen in der Umgebung gewinnt. Mächtige Büschel von Pfingstrosen, die ab und zu durch einen Sprung in ihren runden, prallen Knospen einen Streifen leuchtenden Rotes sehen liessen. Dort drüben Stauden von Goldregen, der noch spröde seine Farbe verschloss. Und die Zweige der Bäume wiegten und sonnten ihre kaum erwachten Blättchen, die noch knittrig und verschlafen waren, und flinke, schwarze Amseln hüpften auf dem grünen Rasen oder über den schimmernden Gartenweg.

Die Stunden gingen und kamen ungehört. Es war Abend geworden, als vom Hause aus der alte Brand nach Estella rief. Beide sprangen erschrocken auf, sie hatten ihn ganz vergessen und liefen jetzt eiligst nach der zurückstehenden Villa und baten zum Fenster hinauf, er möchte doch herunterkommen, es sei gar zu schön heraussen.

Er tat es und alle drei gingen langsam zu den Haselnussstauden. Im Gehen sagte Brand:

»Sie werden heute tüchtig vorwärts gekommen sein, es ist spät geworden.«

»O ja«, antwortete der Maler und sah dabei nach dem Mädchen, »ich bin weiter gekommen – ich glaube vorwärts.«

Brand liebte unklare, zweideutige Redensarten nicht. »Barrikaden«, sagte er stets aufbrausend. Sie waren auch nicht dazu angetan, ihn für den Fremden einzunehmen. Er war so einer von denen, um die man lange werben musste.

Sie kamen zur Staffelei; das angefangene Bild war derb und roh in seinen Umrissen auf die Leinwand geworfen. Keines sagte etwas darüber. Makassy verräumte seine Sachen – stets mit ungutem Gesicht über solche Kramladenarbeit.

Die Haushälterin kam und frug, ob man das Abendessen im Freien zu nehmen gedenke. Natürlich.

Da ging Estella das Tischzeug holen und kam frisch und jung wie der Morgen über den Rasen her zurück. Schnell und sicher, klipp und klapp schlugen die kleinen Sohlen auf dem Boden auf, ihn eiligst wieder zu verlassen, als hätten sie nichts zu tragen von der Last dieses grossen stolzen Mädchenleibes. Woher nur hatte sie diesen Gang!

Mit rosigen Händen breitete sie das Linnen über den Gartentisch, den man wieder vor die Bank geschoben hatte und stellte die behaglichen Sessel ringsum. Sie sah umher, ob alles ordentlich und gemütlich so sei und verstrich schliesslich noch mit dem Fusse die dunkeln unordentlichen Furchen, die vom Schieben des Tisches in dem gelben Kiese waren.

Wie anders ist alles, was ein feingeistiger Mensch auch tut, auch das Unbedeutendste, Alltäglichste – wenn dahinter nicht gleichsam der Vorhang fällt.

Aber sie tat ihm leid. »Ist dir wirklich ernst mit all deinem Ordnen und Vorbereiten?« dachte er, »darin liegt so viel arme ahnungslose Freude.«

Die alte Dienerin brachte die Gartenlampe und einen ganzen Stoss Zeitschriften. »Für später«, bemerkte sie, um dann mit ausdrucksvollem Seitenblick auf Makassy zu fragen, ob man servieren dürfe.

Der riss sich energisch los und verabschiedete sich.

»Sie werden froh sein, dieser Idylle zu entkommen«, rief ihm Estella nach und lachte hinter ihm her – und alles lachte mit ihr hinter ihm her, das Haus, der Garten – –

»Es ist doch ein recht boshaftes Mädchen«, dachte er ärgerlich im Gehen. –

Aber alle Tage ging er nachdenklicher.


Wieder einmal sassen sie beisammen. Das Wetter war nicht so schön heute, denn es war schwül und fing auch alsbald zu regnen an. Sie packten die Malsachen zusammen und trugen sie ins Haus; dort wollten sie warten, bis es aufhörte.

»Kommen Sie«, sagte Estella, »wir schauen indessen da beim Fenster hinaus; ich habe das Regnen so gern.«

Das Fenster lag gegen Westen; man sah über die grünen Wipfel einer Baumschule weg, hin an die alte graue Stadtmauer mit ihren teils vermauerten, lange ausgedienten Schiessscharten. Hinter ihr ragte nur ein einzelnes, sehr hohes Giebelhaus mit schiefem, etwas eingesunkenem braunen Dache und der Kirchturm empor. Der graue, schwere Himmel stand still und nahe über der Erde. Es war überall ganz ruhig, dass man den Regen auffallen hörte. Er rieselte hastig herunter, platschend aufschlagend auf den Blättern der Bäume. Er gurgelte hier durch eine am Hause angebrachte Rinne und fiel plätschernd in das aufgestellte Regenfass darunter, er trommelte dort auf einige leere, draussen stehen gebliebene Giesskannen und tropfte vor ihnen eintönig und gleichmässig herunter vom Dache. Es war ein warmes, eiliges Regnen, das sich schickte, fertig zu werden, um der Sonne Platz zu machen, die schon hinter den Wolken hervorblinzelte und wartete.

Sie sogen den frischen, erquickenden Duft der dampfenden Erde ein, sich zusammen aus dem Fenster lehnend, dass ihre beiden Oberarme sich fest aneinander pressten.

Allmählich liess draussen das Regnen nach und hörte endlich ganz auf. Auf den jungen Birnbäumen drüben in der Anpflanzung tropfte es melancholisch von Ast zu Ast, von Blatt zu Blatt; es war ein sanftes Gleiten, ein Abgeben und Aufnehmen, ein entlastetes Sichindiehöheheben und ein beschwertes Hinuntersinken in den nassen Blättern und Zweigen. Unentwegte Bewegung in den triefenden Bäumen, obwohl die Luft ganz stille stand. Estella war tief versunken. Aber als sie dieser Versunkenheit nachging, sprang sie hastig auf und trat zurück aus dem engen Fensterrahmen.

Langsam verliess sie das Fenster und ging aus dem Zimmer, in das das Westlicht so freundlich schien, durch eine offenstehende Türe in den angrenzenden, dunkleren Raum, wo in schwerem Ernst tiefrote Vorhänge von den Wänden hingen und auf dem rotausgeschlagenen Fussboden ein streng elegantes Mobiliar stand.

Sie trat zum Klavier, schlug den Deckel auf und begann ein ganz einfaches Volkslied zu spielen. Die schlichte Melodie flog leicht auf; sie kam aus einem vollen, liederfreudigen Herzen.

Makassy, der ihr nachgekommen war, trat zu ihr und sang dazu; da wurde es ein ganz anderes Lied. Estella erkannte es kaum wieder und erregt bat sie ihn, mehr und etwas anderes zu singen.

Er hatte eine vibrierende Stimme, biegsam und hart, wie das Lied es erheischte; es war kein eitles Singen, denn nie opferte er auch nur einen Ton oder ein Zeitmass seiner Stimme. Geschlossen, von grossartiger Auffassung getragen, erhob sich der Gesang, unbekümmert um sie.

Das war ein Singen! Ein innerliches, heisses! Ein schwer gebändigter Strom von Leidenschaft rauschte in den rasenden Tempi dahin; ein verhaltenes Glühen und Sehnen stand hinter den stilleren Melodien; ein qualvoller Schmerz schrie aus zerrissenen Klängen, jauchzende Lust wirbelte voll bacchantischen Taumels in trunknen Kadenzen dahin!

Und alle die Töne rauschten verwirrend in eine stille, einfache Mädchenseele. – –

Die Zeit war wie im Traum verflogen. Als sie endlich geendet hatten, stand Estella auf, wendete sich ihm zu und suchte aus sich herauszukommen – aus all' diesem neuartigen Stürmen und Drängen.

Beide sahen sich forschend an, doch verbargen sie sich ihre Seelen.

Plötzlich entglitt der Deckel des Klaviers den zitternden Händen des Mädchens und fiel dröhnend zu.

Sie waren froh darüber, denn der brutale Ton des zuschlagenden Deckels fiel erlösend in ein banges Schweigen. Estella nützte sogleich diesen günstigen Augenblick und sagte:

»Das war Musik, was ich eben gehört! Wie klein ist meine Art zu musizieren! – – Und wer so mutig sein kann!!«