GESCHICHTEN
VON
M. KUSMIN
MÜNCHEN BEI GEORG MÜLLER
Einzige vom Verfasser autorisierte Übersetzung aus dem Russischen von Edgar Mesching
Inhalt
[Aimé Leboeufs Abenteuer] / [Aus den Briefen der Claire Valmont] / [Florus und der Räuber] / [Der Schatten der Phyllis] / [Tante Sonjas Chaiselongue] / [Flügel]
Zweite Auflage
Copyright by Georg Müller München
1911
Diese
bescheidene
Arbeit überreicht
Gabriele Mesching
der Übersetzer
Berlin / am
31./18. Aug.
1911
Aimé Leboeuf’s Abenteuer
Erster Teil
Erstes Kapitel
Madame de Tombel pflegte Mittwochs ihr Purgativ zu nehmen, an solchen Tagen verliess sie erst abends das Haus, ich war deshalb sehr erstaunt, als ich um zwei Uhr nachmittags an ihrem Hause vorüberging, sie nicht nur im Garten lustwandeln, sondern auch schon in Toilette zu sehen.
Sie antwortete nicht auf meinen ehrerbietigen Gruss, was ich dem Gespräch mit dem Gärtner zuschrieb, in dessen Begleitung sie den geraden Gartenweg auf- und abging, wobei sie sich bald zu diesem, bald zu jenem Strauche Herbstrosen neigte. Aber sowohl an den verwunderten Blicken des alten Sulpice, als auch am erregten roten Gesicht der Dame sah man, dass die Erklärungen des Gärtners ebenso zerstreut und nachlässig angehört wurden. Obgleich ich mit einem Stück Spitzen zu den jungen Largillac gesandt worden war, veranlasste mich das Unerhörte, das vor meinen Augen vor sich ging, meinen Gruss mit erhobener Stimme zu wiederholen. Auf mein lautes:
„Guten Tag, teure Madame de Tombel!“ wandte die Angerufene mir ihr volles, von grauen Locken umrahmtes Gesicht zu, das jetzt gerötet war, und antwortete, als bemerke sie mich erst eben:
„Ach, Sie sind es, Aimé? Guten Tag, guten Tag,“ und als sie sah, dass ich nicht weiterging, fügte sie hinzu: „Was haben Sie denn da in der Hand, Proben?“
„Nein, gnädige Frau, das haben die jungen Largillac für Mademoiselle Clémentine gekauft und gebeten es hinzuschicken.“
Es interessierte sie den Einkauf zu sehen und sie sagte etwas träumerisch vor sich hin:
„Wahrscheinlich wird die Zahl Ihrer Kundinnen sich bald um eine vergrössern, eine Verwandte kommt zu mir.“
„Wir sind erfreut sie willkommen zu heissen,“ antwortete ich mit einer Verbeugung. „Belieben Sie das Fräulein von weit her zu erwarten?“
„Aus Paris; aber es ist noch nicht bestimmt, so dass Sie, bitte, nichts ausplaudern, Aimé, weder Papa Mathieu und vor allem nicht Mademoiselle Blanche, . . .“
„Weshalb sollte ich wohl, gnädige Frau,“ begann ich gerade, als Madame de Tombel, welche die Strasse übersehen konnte, der ich den Rücken zukehrte, das Gespräch abbrach und ins Haus stürzte, wobei sie dem zurückbleibenden Gärtner zurief:
„Wie wird’s nun mit unserem Bouquet zum Willkommen?“
Ich kehrte mich um und erblickte eine Dormeuse, die unbemerkt durch den Schmutz herangefahren war. Bis zum Wagendach war sie mit Bündeln, Koffern und Kissen vollgepackt. Die Diener und Mägde von Madame de Tombel drängten sich zwischen dem Kutschenschlag und dem Haustor. Dann sah ich den Hut der Angekommenen mit seinen im scharfen Winde flatternden Bändern couleur „Adonis mourant“. Diane und Mameluk umsprangen sie bellend und von den obersten Stufen der halbdunkeln Treppe kam die Stimme von Madame de Tombel:
„Louise, Louise, mein Kind!“
Zweites Kapitel
Als Augenzeuge erregte ich mit meiner Erzählung von der Ankunft der Verwandten Madame de Tombel’s zu Hause, bei Tische grosse Neugier. Als Véronique, nachdem sie das Fleisch vor Papa Mathieu zum Zerschneiden hingestellt hatte, sich an unseren Tisch setzte, beteiligte auch sie sich an den allgemeinen Fragen, indem sie bemerkte: „Ist sie wenigstens unverheiratet, diese Dame?“ Aber ich wusste, ausser von den Bändern der Angekommenen, von nichts zu erzählen, so dass der Prinzipal sich wieder daran machte den Braten zu zerlegen und Mademoiselle Blanche mit einem Lächeln meinte:
„Man kann nicht sagen, dass Aimé ein guter Beobachter wäre.“
„Er hat sofort gesehen, was er, als Kaufmann, braucht: die Farbe der Bänder; was für Bänder waren es denn: aus Lyon oder St. Étienne?“ meinte Papa Mathieu.
Alle lachten und fingen an zu essen. Zwischen Braten und Käse sprach man bereits nur von den jungen Largillac und von Geschäften. Aber mein Kopf war ganz von der angereisten Dame in Anspruch genommen: was für Haare sie habe, welch ein Gesicht, was für Kleider, ob sie reich sei, ob verheiratet oder ledig und dergleichen mehr. Nach dem Abendbrot sass man, wie gewöhnlich, vor der Tür, um den warmen Abend zu geniessen, und wie gewöhnlich, erhob sich auch Papa Mathieu gähnend zuerst, um sich zur Ruhe zu begeben, denn er sah das Aufstehen mit der Morgenröte voraus, ihm folgte die Hausfrau und Véronique, und, wie gewöhnlich, blieb ich mit Mademoiselle Blanche allein auf den Stufen der Treppe vor der Haustür sitzen. Wir unterhielten uns leise darüber was morgen für ein Wetter sein werde, wie die Arbeit heute gegangen, weshalb Mameluk wohl belle, ob es bald einen Feiertag gäbe, — aber ich war zerstreut und hätte beinahe vergessen Mademoiselle Blanche zum Abschied zu küssen, die sich in ihr grosses Tuch gehüllt hatte und böse zu sein schien. Nachdem ich Néron von der Kette gelöst hatte, sah ich nach der Pforte, verschloss die Gartentür, das Haustor, löschte das Licht aus, stieg mit einer Kerze hinauf in mein Zimmer und legte mich schlafen, ohne an Mademoiselle Blanche, als an meine wahrscheinliche Braut zu denken, die mein Prinzipal und seine Gattin mir, ihrem Adoptivsohne, zugedacht hatten, der von Kindesbeinen in der Familie aufgewachsen war und weder Eltern, noch Heimat, noch die Kirche kannte, in der ich Jean, Aimé, Ulysse, Bartholomé getauft worden war.
Drittes Kapitel
Aus der ziemlich dunkeln Werkstatt konnte man einen Teil des gegenüberliegenden Hauses mit seinem Ziegeldache und dem langen Zaun sehen, der der einzige gestrichene in unserer Stadt war. Dann sah man noch das Strassenpflaster, das Schild der Bäckerei, den rotbraunen Hund, der vor der Pforte lag, den blauen Himmel, in der Luft umherfliegende Spinneweben. Und das alles erfasste mein Auge wahllos, nicht deshalb, weil mein Verstand von einem Gedanken ausschliesslich beherrscht wurde, sondern, im Gegenteil, infolge einer eigentümlichen Leere in meinem Kopfe. Ungeachtet der ersten Septembertage war es sehr heiss und in der Erwartung von Honorés Rückkehr, der zu ein paar Kunden geschickt war, schlummerte ich auf der Bank, vergeblich bemüht mich zu erinnern, welche und wieviele Stücke gestern für Madame Louise de Tombel geholt worden waren, als mich plötzlich eine Stimme weckte, die sagte:
„Schlafen Sie, teurer Monsieur Aimé?“
Vor mir stand in der Tür, von der Sonne beschienen, ganz in Rosa, mit Schönheitspflästerchen im lächelnden, runden Gesicht, einen Schäferhut von der Seite an die hohe toupierte Frisur gesteckt, Madame Louise de Tombel in eigener Person. Obgleich sie schon an die drei Wochen in der Stadt lebte, hatte ich Madame Louise noch nicht in der Nähe zu Gesichte bekommen, weil sie nicht nur die Kirche und die Promenade nicht besuchte, sondern überhaupt sehr selten auf die Strasse hinausging. Wie es hiess, verbarg sie sich ihrer Schulden wegen oder vor der Eifersucht ihres Gatten, den sie in Bruxelles verlassen hatte. Sie war von mittlerem Wuchs, etwas üppig, hatte ein rundes Gesicht mit lustigen braunen Augen, einem kleinen Munde und einem geraden Stumpfnäschen. Ich war so verwirrt, dass ich kaum imstande war ihre Fragen vernünftig zu beantworten, um so weniger, als das Bologneser Hündchen, das mit ihr gekommen war, mich die ganze Zeit anbellte. Ich war, die Käuferin begleitend, zur Tür hinausgetreten und blieb dann auch auf der Strasse stehen, bis Honoré kam, den ich zu Bageot geschickt hatte, um zu fragen was die Largillac geantwortet hätten! Honoré weckte mich grinsend aus meinen Träumen, ich brauste auf und begann ihn zu schelten, dass er so lange fortgewesen, dass der Laden voll Staub, die Proben vermengt seien usw. Sein ganzes Leben an Waren, an Käufer denken müssen, den ganzen Tag, und dazu noch an einem so heissen, im dunkeln Laden sitzen, nichts sehen, nirgendwohin ausfahren, da wird man unwillkürlich schlechter Laune und lässt sich ein grobes Wort entschlüpfen.
Honoré machte sich schweigend daran den Fussboden zu kehren und rückte geräuschvoll die Sessel ab. Ich hatte ihm den Rücken zugekehrt und blieb eine Zeitlang mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen vor der Tür stehen, schliesslich sagte ich, so freundlich, wie ich konnte:
„Hör’ mal Honoré, Madame Louise de Tombel war persönlich hier, da müsste man doch . . . .“
Honoré hörte, sich auf den Besen stützend zu, und der Staub, den er aufgewirbelt hatte, tanzte in der Sonne.
Viertes Kapitel
Da die Demoiselles Bageot zu uns zu Besuch gekommen waren, so spielten wir vor dem Abendessen auf der Wiese, die zum Teiche führt, Blindekuh: Mademoiselle Blanche, die Demoiselles Bageot, Honoré und ich. Es dämmerte bereits und das Abendrot verblasste hinter den Linden; über dem Teiche leuchtete schon der Silberschein des Mondes, und die Gänse, die man noch nicht nach Hause getrieben hatte, stimmten mit lautem Geschrei in unsere Heiterkeit ein. Mademoiselle Blanche, die einzige ganz in Weiss, schimmerte, wie Corrigane, hie und da durch die Büsche, die jungen Mädchen liefen mit Geschrei dahin, und wenn ich die Tochter meines Prinzipals gefangen hatte und ihr die Augen mit einem dünnen Tuche verband, kehrte sie ihr Gesicht mit den Augen, die schon nicht mehr sehen konnten, und den blonden Locken zu mir und sagte seufzend:
„Ach, Aimé, wie liebe ich Sie!“
Als Rose Bageot fangen musste, kam der Junge vom Bäcker aus den Gebüschen hervor, rief mich durch ein Zeichen zu sich heran und drückte mir, bemüht von den anderen nicht bemerkt zu werden, ein zusammengefaltetes Papier in die Hand. Ich trat hinter einen dichten Busch, entfaltete das parfümierte Blättchen, aber beim unsicheren Lichte des Mondes konnte ich die Worte der nachlässig hingeworfenen feinen Zeilen nicht entziffern.
„Gefangen, Monsieur Aimé! Hier also habe ich Sie erwischt, und das ganz zufällig, weil ich in diesen Graben fiel und ohne Sie zu bemerken auf die andere Seite hinüberging!“ schrie Rose, mich so schnell am Ärmel fassend, dass ich kaum Zeit hatte den Brief in die Hosentasche zu stecken, da ich beim Spiel kein Gilet anhatte. Die Gäste gingen, von Honoré begleitet, im Mondschein fort und nahmen noch lange im Chor auf der Strasse Abschied. Ich hatte Kopfschmerz vorgeschützt und eilte nach oben. Véronique ging lange nicht fort und quälte mich mit ihren ärztlichen Ratschlägen; endlich war ich allein, steckte eine Kerze an und las:
„Wenn Sie ein kühnes und empfindsames Herz besitzen, ohne das man der Liebe einer Frau nicht würdig werden kann, wenn Sie nicht durch einen Schwur gebunden sind — werden Sie Mittwoch um halb acht Uhr bei der Kirche St. Roche sein; aus der ‚Rue des Quarante Vièrges‘ wird eine Frau mit einem Korbe am rechten Arme herauskommen, an Ihnen vorübergehend, wird sie Sie mit dem Ellenbogen berühren, was die Aufforderung ihr zu folgen sein wird. Gehen Sie auf der anderen Seite der Strasse, ohne Ihre Führerin aus dem Auge zu lassen, und Sie werden sehen, welch ein Lohn des Mannes harrt, der erfüllt, was sein anziehendes und ehrliches Gesicht verheisst. Als von einem edlen Manne wird von Ihnen vollkommene Diskretion erwartet.“
Fünftes Kapitel
Die Frau war an den Seitenflügel des Hauses von Madame de Tombel herangetreten, blieb stehen und winkte mich mit der Hand an ihre Seite. Ich schlüpfte ihrem beim Schein der Sterne kaum sichtbaren Kleide nach durch ein Pförtchen, das ich vorher nie vermutet hatte. Nach ein paar Schritten über den Gartenweg, betraten wir das Haus durch eine bereits geöffnete Tür: meine Begleiterin fasste mich bei der Hand und führte mich sicher, ohne Kerze, durch eine Reihe von Zimmern, die matt, nur von den durchs Fenster funkelnden Sternen erhellt wurden.
Ich stiess an einen Stuhl, wir blieben stehen; ich konnte das Klopfen meines Herzens vernehmen und hörte Mäuse pfeifen; gedämpft, wie aus der Ferne, kamen Klänge eines Clavecins herüber. Vor der Tür, hinter welcher die Klänge laut wurden, machte meine Begleiterin halt und klopfte zweimal; die Musik verstummte, die Tür ging auf und wir betraten ein kleines Zimmer mit leichten Paravents im Hintergrunde, die Dochte der eben verlöschten Kerzen auf dem Instrument glimmten noch rauchend, das Zimmer wurde von einer Nachtlampe erleuchtet, die in einer durchsichtigen rosa Schale brannte.
„Warten Sie,“ sagte die Frau, die durch eine andere Tür das Zimmer verliess. Nachdem ich eine Weile gestanden hatte, setzte ich mich und begann das Zimmer zu betrachten. Ich war selbst über meine Ruhe erstaunt. — Irgendwo schlug es acht. Eine andere Uhr antwortete dumpf in der Ferne. Auch die Bronzeschäferin vor dem Spiegel läutete fein achtmal. Mir scheint, ich war eingeschlummert und erwachte, weil ich gleichzeitig das Licht einer Kerze dicht vor meinen Augen spürte, einen Kuss und den Schmerz von einem heissen, auf meine Hand geträufelten Wachstropfen fühlte. Vor mir stand in reizendem Negligé Madame Louise de Tombel, die mich mit dem Arm umfing, in dessen Hand sie einen himmelblauen Porzellanleuchter mit einer Kerze hielt. Durch meine jähe Bewegung fiel die Kerze zu Boden und verlöschte. Madame de Tombel flüsterte mir unter Lachen und Küssen zu:
„Er schlief, er schlief in der Erwartung! O Ausbund von Tugend!“
Sie war augenscheinlich zufrieden mit mir, denn sie hatte mir ein neues Stelldichein nach vier Tagen gewährt und begleitete mich durch zwei Zimmer, von wo mich dieselbe alte Marguerite hinausgeleitete. Es war schon hell, ich eilte an einer grossen Pfütze vorbei, blieb aber doch stehen, um mich zu spiegeln, wobei ich mich bemühte meine Züge zu betrachten, als seien es die eines Fremden. Ich sah ein rundliches Gesicht mit hellgrauen Augen, einer Stumpfnase, einem grossen Munde und vollen goldigen Brauen, die Wangen waren pfirsichfarben und mit einem leichten Flaum bedeckt; kleine Ohren, lange Beine und ein hoher Wuchs vervollständigten das Äussere des glücklichen Sterblichen, welcher der Liebe von Madame Louise de Tombel gewürdigt worden war.
Sechstes Kapitel
Als ich einmal zur gewohnten Stunde zu Louise kam, fand ich sie in Tränen aufgelöst und verstimmt; sie teilte mir mit, dass gewisse Dinge sie nach Paris riefen, und sie wisse nicht, wann und ob sie überhaupt zurückkehren werde. Ich war wie vom Schlage gerührt und hörte die weiteren Einzelheiten des nahenden Unheils nur schlecht.
„Ich gehe mit Ihnen,“ erklärte ich, mich erhebend.
Louise sah mich durch Tränen erstaunt an.
„Meinen Sie?“ sagte sie vor sich hin und schwieg.
„Ich kann nicht ohne Sie leben, das würde sein, wie der Tod!“ und ich sprach lange und heiss von meiner Liebe und Bereitschaft, meiner Geliebten, wohin auch immer, zu folgen. Dabei ging ich im Zimmer vor Madame de Tombel auf und ab, die schon aufgehört hatte zu weinen. Endlich, als ich schwieg, sagte sie mit ernster, fast ärgerlicher Stimme:
„Das alles ist sehr schön, aber Sie denken nur an sich. Ich aber kann nicht in Paris mit einem Liebhaber en titre erscheinen.“ Und bemüht durch ein Lächeln die Grausamkeit der ersten Worte zu mildern, fuhr sie fort: „Es gäbe einen Ausweg, aber ich weiss nicht, ob Sie mit ihm einverstanden sein werden.“
„Ich bin zu allem bereit, um bei Ihnen sein zu können.“
„Reisen Sie mit mir, aber als mein Diener.“
„Diener?!“ rief ich unwillkürlich aus.
„Nur anderen Menschen gegenüber, die wir nicht brauchen, werden Sie Diener heissen, für mich werden Sie, wirst du, mein Aimé, mein geliebter, ersehnter Herr sein!“ Und sie umschlang meinen Hals mit ihren Armen und bedeckte mein Gesicht mit schnellen, kurzen Küssen, die schwindelig machen. Wir verabredeten, dass ich einen Tag vor der Abreise Madame de Tombels einen Vorwand finden sollte in Geschäften irgendwohin zu reiten, mich aber in entgegengesetzter Richtung auf den Weg machen und auf der ersten Poststation Louise erwarten würde. So kam auch alles. In regnerischer Dämmerung ritt ich die von Kindheit auf bekannte schmutzige Strasse mit im kalten Winde flatterndem Mantel entlang und dachte an das bleiche Gesicht von Mademoiselle Blanche, die das Näschen an die Fensterscheibe gedrückt, mir nachgesehen hatte, als ich fortritt, und dachte an ein anderes rundliches Gesicht mit braunen lustigen Augen und einem geraden Stumpfnäschen, das ich auf der kleinen Poststation, weit von meiner Heimatstadt, die ich vielleicht für immer verliess, wiedersehen würde, — und es war nicht nur der Regen, der mir ins Gesicht peitschte, wovon meine Wangen nass wurden.
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
O ihr birkenumrandeten Strassen, herbstlich klaren Fernen, neuen Gesichter, Begegnungen, spät abends die Ankunft, die Weiterreise am hellen Morgen, des Schwagers lustiges Horn, Dörfer, buschige bunte Haine, Klöster und den ganzen Tag und den Abend und die Nacht die sehen und hören, die mir das Teuerste war — welch ein Glück hätte das sein können, welch eine Freude, wenn ich nicht als ihr Diener mitgereist wäre, der die Pferde besorgte, in der Küche sein Abendbrot ass, im Stalle schlief, und nicht wagen durfte seine Louise zu küssen, zärtlich mit ihr zu plaudern. Ausserdem klagte sie während der ganzen Reise über Kopfschmerz. In Paris erwartete uns am Stadttor ein alter Mann mit Pferden und einer Karosse; er war augenscheinlich schon vorher benachrichtigt worden, denn er fragte uns, ob er die Ehre habe, Madame de Tombel gegenüberzustehen und stellte sich als Abgesandter des Grafen vor. Er führte uns in ein kleines Hotel, das in einem dichten Garten gelegen war. Mir wurde in der Mansarde ein Zimmer angewiesen, aus dem eine geheime Treppe gerade ins Schlafzimmer von Madame führte.
„Dieser Bauernjunge ist ganz dumm, ausserdem werde ich die Tür verschliessen und den Schlüssel an mich nehmen,“ warf Louise, den fragenden Blick des alten Dieners beantwortend, hin. „Aimé war unterwegs unersetzlich,“ fügte sie hinzu, während sie die Kerzen vor dem hohen Spiegel anzündete und uns ein Zeichen machte, hinauszugehen.
Wir fanden oft genug Gelegenheit mit Louise allein zu sein, aber ich war sehr erstaunt, als am Ende des Monats der Alte mir Geld gab, wobei er brummte:
„Der Graf sollte diesem Nichtsnutz, der den lieben langen Tag keinen Finger rührt, nicht noch Lohn zahlen.“
Ich schwieg und nahm das Geld, aber bei der ersten Gelegenheit bat ich Madame de Tombel mir dies alles zu erklären. Sie wurde etwas verlegen, sagte aber:
„Wir haben doch selbst abgemacht, dass es für dich, mein Aimé, praktischer ist, vor den Leuten als mein Diener zu gelten. Das hindert uns doch nicht, uns zu treffen, nicht wahr? Geld aber schadet niemals. Was das Brummen des Haushofmeisters anbetrifft, lohnt es sich darauf zu achten? Immerhin solltest du, um die Aufmerksamkeit abzulenken, dich mit irgend etwas beschäftigen.“
Zu fragen, wie der Graf dazu käme, mir Lohn zu zahlen, kam mir nicht in den Sinn, und bald wurde ich fast zu einem wirklichen Lakai, der sich mit den Dienern der Nachbarhäuser zankte, mit ihnen Karten spielte und in die Kneipen lief, gegen den Haushofmeister grob wurde, ohne dass mich das alles sonderlich bedrückt hätte.
Zweites Kapitel
Die wenig zahlreichen Gäste von Madame de Tombel bestanden aus älteren vornehmen Herren, die zu dieser jungen Schönen kamen, um mit ihr zu Mittag zu speisen, am Kamin zu plaudern oder eine Partie Karten zu spielen. Sie brachen immer zeitig auf. Madame de Tombel selbst fuhr selten, nur um Einkäufe zu machen, am Tage aus. Sehr selten, drei-, viermal im Monat, besuchte sie die Oper. Häufiger als die übrigen war nur der Graf de Chèvreville bei uns. Er war der einzige, der allein kam. Seine Besuche machte er zu verschiedenen Tageszeiten und er durfte auch das Schlafzimmer von Madame betreten. Ich bemerkte, dass Louise nach seinen Besuchen besonders zärtlich zu mir war, aber ich teilte diese Beobachtung aus Furcht vor ihrem Spott nicht mit ihr, wünschte nur im geheimen, dass die gräflichen Besuche häufiger wären. Einmal wurde ich mit Briefen zum Grafen und dem Herzog de Saucier gesandt, bei dem ich noch niemals gewesen war. Louise lud die beiden, glaube ich, zum Mittagessen ein. Ein alter Diener nahm meinen Brief und liess mich im grossen halbdunkeln Vorzimmer auf Antwort warten. Ich setzte mich auf eine hölzerne Truhe. Neben mir sass, in Gedanken versunken, ein blasser junger Mann in einem abgetragenen langen Rock. Er war blond und hatte eine lange Nase. Nachdem er eine Zeitlang so dagesessen hatte, wandte er sein Gesicht zu mir, als bemerke er mich erst jetzt. Dabei fielen mir seine tiefroten Lippen und seine scharfen und zerstreuten, durchdringenden und dabei doch nicht sehenden Augen auf. Er schien mir betrunken oder nicht ganz bei Sinnen zu sein.
Nach dem er mich flüchtig und doch aufmerksam betrachtet hatte, fragte er:
„Sie müssen wahrscheinlich bei diesem Regenwetter noch Briefe austragen?“
„Ja, es ist so, ich muss zum Grafen de Chèvreville.“
„So? . . . nun, wie stehen Sie sich denn mit Ihrem Herrn?“
„Wie soll ich mich mit ihm stehen? Und weshalb nennen Sie den Grafen meinen Herrn?“
„Natürlich macht Ihre Diskretion Ihnen Ehre, mein Lieber, aber unter guten Bekannten sollte es keine Geheimnisse geben und wir wissen doch ausgezeichnet, dass die bezaubernde Madame de Tombel sich, sozusagen, des Schutzes dieses guten Grafen erfreut . . .“
Der Lakai kam mit der Antwort zurück und unterbrach unser Gespräch. Zu Hause erfuhr ich von den Dienern, dass der junge Mann, der sich mit mir unterhalten hatte, ein Sohn des Herzogs, François de Saucier gewesen, den sein Vater für irgendwelche dummen Streiche und aus schmutzigem Geize mit dem Gesinde zusammen hielt. Durch meine Entdeckung erregt, konnte ich drei Nächte nicht Schlaf finden. Ich beschloss, ohne mich zu verraten, alles selbst zu erfahren.
Drittes Kapitel
Am Morgen suchte ich mit dem ganzen Hause den Schlüssel, den ich in meine eigene Tasche gesteckt hatte. Da am nächsten Tage der Schlosser gerufen werden sollte, so musste ich meinen Entschluss noch am selben Abend ausführen, was mir durch den Besuch des Grafen de Chèvreville erleichtert wurde. Als er sich, wie gewöhnlich, mit Madame de Tombel in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte, wartete ich eine halbe Stunde und stieg die Treppe aus meinem Zimmer vor die bekannte Geheimtür hinunter. Neugierig sah ich durchs Schlüsselloch. Obgleich mein Herz zu springen drohte und es in meinen Ohren sauste, als ich Louise mit dem Grafen in zärtlicher Umarmung auf dem Sofa erblickte, obgleich ich ganz von Entrüstung und Bitterkeit erfüllt war, die durch die Hässlichkeit und das Alter des Grafen noch verschärft wurden, folgte ich dennoch schweigend den Bewegungen der beiden, und erst, als mir der Augenblick günstig schien, drehte ich den ins Schlüsselloch gesteckten und für verloren gehaltenen Schlüssel um.
„Treulose!“ rief ich, ins Zimmer tretend. Louise hatte sich so schnell von der Seite des Grafen entfernt und ihre Kleider in Ordnung gebracht, dass nur die Gründlichkeit meiner Beobachtungen mir nicht gestattete mich als Opfer eines Irrtums zu betrachten.
„Weder Schwüre, noch Versprechungen, noch Liebe!“ . . . begann ich.
„Nicht übel,“ unterbrach mich Louise, die bereits ihre Haltung wiedergewonnen hatte. „Das ist, glaub ich, aus Rotrou? Sie verwenden Ihre Mussestunden mit Nutzen, indem Sie Tiraden aus Tragödien auswendig lernen, jetzt sollen Sie noch mehr freie Zeit dazu haben, da Sie schon morgen mein Hôtel verlassen werden.“
„Sie sind in der Tat viel zu nachsichtig gegen alle diese Leute, teure Madame de Tombel,“ sagte der alte Graf.
„Ja, und Sie sehen, wie ich bestraft werde!“ antwortete Louise lebhaft. „Aber es ist das letztemal. Weshalb aber sind Sie hier?“
Jetzt wandte ich mich an de Chèvreville. Ich erzählte ihm von meinen Beziehungen zu Louise in der Absicht ihn durch Eifersucht von diesem Weihe abzustossen. Sie hörte stumm mit einem boshaften Lächeln zu. Und ihre Augenbraue, über der ein Schönheitspflästerchen in Gestalt eines Schmetterlings angeklebt war, zuckte.
„Sie täuschen sich, mein Lieber, wenn Sie glauben, dass ich für Ihre Geschichten ein besonderes Interesse habe,“ bemerkte der Graf.
„Kein Wort davon ist wahr,“ flüsterte Louise.
„Als ob ich das nicht wüsste,“ meinte der Graf, ihre Hand drückend.
Verzweifelt fiel ich mitten im Zimmer auf die Knie.
„Louise, Louise, und mein Schlaf, als ich Sie erwartete? Und das wundervolle Erwachen? Und die alte Marguerite? Und die Reise nach Paris? Und das Muttermal auf dem linken Bein?“
Der Graf lächelte. Madame de Tombel hatte sich erhoben und sagte.
„Sie tun mir leid, Aimé, aber wirklich, Sie sind nicht bei Troste.“
„Beruhigen Sie sich, teure Madame de Tombel,“ sagte der alte Graf und küsste ihre Hand.
„Kanaille!“ stiess ich, aufspringend, hervor, „heute noch verlasse ich dein widerliches Haus!“
„Um so besser. Apropos, vergessen Sie nur nicht den gestohlenen Schlüssel abzugeben,“ warf Louise hin.
Viertes Kapitel
Ich weiss nicht, wie ich auf die Brücke gelangte; es war augenscheinlich schon spät, denn die Lichter in den Buden am Kai waren verlöscht und niemand kam vorüber. Müde vom Umherirren durch unbekannte Strassen, von Liebe, Eifersucht und Wut zerrissen, ohne mir sagen zu können wohin ich meine Schritte lenken solle, lehnte ich mich ans Brückengeländer und begann in den schwarzen Fluss hinunterzustarren, auf dessen vom Winde gekräuseltem Wasser der Widerschein einiger weniger Sterne zitterte. Der Gedanke an Selbstmord lockte und schreckte mich zugleich. Die Hauptsache war, dass man dann nicht an die Zukunft zu denken brauchte. Aber das Wasser ist so dunkel, wahrscheinlich sehr kalt; beim Ertrinken steht so viel unwillkürlicher Kampf mit dem Tode bevor, es ist dann schon besser sich zu erhängen, das kann man auch am Tage tun, wenn alles viel heiterer ist. Unter solchen Gedanken hatte ich nicht bemerkt, dass ein Häuflein Menschen mit einer Laterne die Brücke betreten hatte; alle waren der Kälte wegen in ihre Mäntel eingewickelt, den Stimmen nach konnte man annehmen, dass die Gesellschaft aus zwei Frauen und vier Männern bestand. Als die Leute an mich herangekommen waren, leuchtete der Laternenträger mir ins Gesicht und sagte mit grober Stimme:
„Was ist das für ein Kerl? Ein Selbstmordkandidat?“
„Ha! ein bekanntes Gesicht,“ kam es aus der Gruppe, „ist das nicht gar das Küken von Madame de Tombel, der bezaubernden Louise?“
„Ein Aas — diese Dame,“ sagte eine heisere Frauenstimme.
„Aber was macht dieser kleine Adonis hier? Warum steckt er nicht im Bette seiner Herrin, sondern steht auf der Seinebrücke herum?“ fragte ein Mann von niederem Wuchse mit seiner Fistelstimme.
„In der Tat, wohin gehen Sie allein, ohne Mantel, zu dieser Stunde? Das ist durchaus nicht so ungefährlich!“ meinte, mich beiseite nehmend, François de Saucier (ich erkannte ihn jetzt an Augen und Nase). Ich erzählte ihm kurz, aber ziemlich verwirrt, meine Geschichte. Er lächelte und sagte ernst:
„Wunderschön, aber ich sehe bloss, dass Sie sehr naiv sind, und dass Sie kein Obdach haben. Diese Nacht verbringen Sie am besten mit uns. Wir überlegen dann was weiter zu tun sein wird. Über Nacht kommt Rat, nicht wahr?“ Dann schloss er sich wieder der Gesellschaft an und erklärte laut:
„Freunde, Mademoiselle Colette, für heute vergrössert sich unsere Gesellschaft um diesen reizenden Jüngling, er heisst Aimé, wer hat etwas dagegen? Als Herrin des Hauses hast du das erste Wort, Colette.“
„Er ist der Siebente und läuft Gefahr ohne Anschluss zu bleiben,“ sagte ein hochgewachsenes Frauenzimmer, das Colette angeredet wurde.
„Oder noch schlimmer, er raubt jemand von uns seinen Anschluss.“
„Zum Teufel, so rührt euch doch, auf der Brücke bläst ein Höllenwind und das Licht in der Laterne geht zu Ende! Zu Hause werden wir uns schon verteilen,“ rief der Laternenträger.
Fünftes Kapitel
„Colette, Colette,
So kommt es, ich wett’:
Keinen Gruss mehr,
Keinen Kuss mehr,
Vergessen die Eide.
In dürftigem Kleide
Naht das Alter auf Krücken,
Um dich niederzudrücken
Ins letzte schmale Bett,
Colette, Colette!“
So sang ein Mann in langem rotem Gilet, ein Bein über das andere geschlagen, die Gitarre aufs Knie gestützt, den Kopf mit dem roten dicken Gesicht zurückgeworfen. Colette spielte mit dem Marquis Karten, wobei sie den Sänger wütend von der Seite ansah. Die kleine Ninon tanzte, ganz bei der Sache, ein Menuett ohne Kavalier, der Schauspieler deklamierte mit seinem hohen Tenor:
„O Herrscher, wenn deine Wünsche sich
Mit des Volkes Vorteil deckten,
Wenn auch der letzte Bauer noch
Vermöchte Schutz beim Thron zu finden!“
Mir gegenüber sass, sich zu de Saucier haltend, ein junger Mann, den alle „Durchlaucht“ anredeten. Er trug einen bescheidenen Anzug, hatte aber äusserst kostbare Ringe von seltener Schönheit an den Fingern. Seine Augen hatten etwas, was sie den Augen des Marquis eigenartig ähnlich machten. Später begriff ich, dass es die Verbindung von Aufmerksamkeit und Zerstreutheit, von Schärfe und Blindheit war, was sie gemeinsam hatten. Der Hund unter dem Tische kratzte sich, mit der Pfote klopfend, die Flöhe aus dem Fell; wenn Colette ihm einen Fusstritt gab, heulte er auf.
„Das ist unter Freunden unehrenhaft: Du hast eine Volte geschlagen.“
„Liebe Colette, Sie haben sich versehen!“
„Was? Glaubst du vielleicht, dass ich blind bin?“
„Nein, es scheint, dass Mademoiselle unrecht hat,“ bemerkte leise der Mann mit den Ringen.
„Es ist kein Wunder, dass Sie für François Partei ergreifen.“
„Um dich niederzudrücken
Ins letzte schmale Bett,
Colette, Colette . . .“
„Mich macht dieses Gesinge wild! Jacques, hör’ auf!“
„Wie werde ich dann mein Menuett tanzen?“
„Und himmelwärts erhöbe sich das Stimmenmeer
Von dir, befreiter, freier Bürger . . .“
Colette trank mit einem Zuge ihren Wein aus. Mir war es, als träumte ich. Der Streit wurde immer hitziger. François beugte sich zu Colette und sagte:
„Nun, küssen Sie mich, meine liebe Colette, mein Engel, meine Seele.“
„Würde mir grad noch fehlen jeden Schmutzfinken, jeden Herumtreiber zu küssen! Was, weiss ich etwa nicht woher du dein Geld hast? Vom herzoglichen Papa natürlich? Was genierst du dich? Wir sind hier unter uns und ich speie dir ins Gesicht, wenn du noch zu mir kriechst. Du weisst selbst, was du weisst!“
„Ihre Worte beleidigen auch mich, Madame,“ sagte, sich erhebend, der junge Mann mit den eigenartigen Augen.
„Ach, fühle sich beleidigt, wer mag. Ihr seid mir alle bis zum Halse! Und was schleppt ihr euch hierher, wenn ihr uns nicht braucht?“
„Wer beleidigt? Wer wagt Frauen zu beleidigen?“ brüllte der im roten Gilet und warf seine Gitarre fort.
„So kommt es, ich wett’,
Colette, Colette . . .“
sang die kleine Ninon, ihr Menuett tanzend, weiter.
François hatte seinen Degen gezogen und drang auf den parierenden Schauspieler ein. Colette kreischte:
„Geoffroi! Geoffroi! . . . .“
Der Hund hellte.
„Ich bin verwundet,“ rief der Schauspieler und sank auf einen Stuhl.
„Gehen wir!“ rief François’ Freund mir zu und zog ihn, der auch etwas schrie, am Rockärmel mit auf die Strasse hinaus. Draussen war es schon fast hell.
Sechstes Kapitel
Der Dienst beim Herzog de Saucier war natürlich schwerer, als das Leben bei Madame de Tombel. Für die Besorgung des ganzen, wenn auch zur Hälfte vernagelten, aber immerhin grossen Hauses gab es ausser mir nur noch den verschlafenen, gefrässigen, faulen Maturin, der geradewegs vom Dorfe kam, und obgleich der alte Herzog nicht besonders auf Sauberkeit erpicht war, und der junge Hausherr uns half, gab es übergenug zu tun. Zu essen gab’s knapp, die Kleider, die wir bekamen, waren alt und von anderen Leuten abgetragen. Wir schliefen von elf Uhr abends bis Sonnenaufgang. Ich war jung, mir fiel das nicht besonders schwer, um so weniger, als auch der Marquis, mit dem ich mich, trotzdem sein Vater knurrte, immer mehr befreundete, unser Leben in jeder Hinsicht teilte. Und wir gingen oft zusammen aus, um uns in ihm bekannten Spelunken herumzutreiben, wo wir spielend und zechend so lange zu sitzen pflegten, bis es Zeit war, nach Hause zu gehen, um die Zimmer aufzuräumen. Er war mit mir aufrichtig, besonders, wenn er betrunken war, aber ich verstand nicht alles von seinen Bekenntnissen, obgleich sie mich mit Furcht und Neugier erfüllten. Aber François ausführlich ausfragen, um mir Klarheit zu verschaffen, wollte ich nicht aus Feigheit und Angst, ich könnte aufhören ihn zu lieben. Wir waren wiederholt auch bei Mademoiselle Colette, die François des Streites wegen nicht mehr grollte, und an anderen Orten, fast immer in Begleitung des jungen Mannes, dessen Namen ich nicht kannte, und den alle „Durchlaucht“ anredeten. Ich wusste, dass François häufig von ihm Geld nahm, und einmal, als wir die Treppen zu Ninon hinaufstiegen, hörte ich diese zu Colette sagen:
„Dieser dumme Geliebte des kleinen Marquis ist heute gründlich hereingefallen!“ . . . .
Mir schien, dass sie François und dessen Freund meinte. Ich sagte ihm nichts wieder, aber diese Worte gruben sich tief in mein Gedächtnis. Einmal — wir hatten den Fürsten lange nicht gesehen — kam François spät nach Hause, er war wütend, betrunken, verstimmt.
„Was ist Ihnen, François?“ fragte ich, ohne von meinem Rock aufzusehen, den ich bei einer Kerze flickte.
Ohne zu antworten, seufzte François noch tiefer auf und legte sich, mit dem Gesicht zur Wand, aufs Bett.
Mir schien es, dass er weine.
„Was ist mit Ihnen, François? Sagen Sie es mir. Sie wissen es doch, dass ausser dem Fürsten, niemand Sie so liebt, wie ich. Nun, sprechen wir von Ihrem Freunde, wollen Sie?“ fügte ich hinzu, als François keine Antwort gab.
François wandte mir sein Gesicht mit den verweinten Augen zu:
„Wenn Sie verstehen würden, Aimé! . . . Aber Sie sind ja ein unwissender Knabe, wenn Sie mich vielleicht auch liebhaben.“
„Nun, sprechen wir dann von Ihrem Freunde.“
„Warum quälen Sie mich? Wir werden ihn niemals mehr wiedersehen, er ist nicht mehr.“
„Ist er ermordet, gestorben?“ rief ich aus.
„Nein, er lebt — er hat vorgestern geheiratet,“ sagte François, der, ohne sich zu bewegen, die Oberlage anstarrte.
Ich schwieg, obgleich ich nicht begriff, weshalb die Heirat des Fürsten ihn uns raube.
Aus den Augen François’, die offen und gerade vor sich hinstarrten, flossen Tränen, ohne dass sich sein Gesicht verzog, das fast zu lächeln schien. Nachdem ich das Licht geputzt hatte, setzte ich mich wieder aufs Bett.
„Sie sind darüber sehr traurig?“
François nickte schweigend mit dem Kopfe.
„Alles geht vorüber, alles vergisst man, man findet Neues; ich hatte Louise und habe sie verloren, ich weine nicht, und doch fesselt die Liebe fester aneinander, als die Freundschaft.“
„Du verstehst nichts,“ presste der Marquis hervor, und kehrte sich wieder zur Wand.
Die Uhr schlug zwölf. Ich musste irgend etwas tun. Ich fasste die Hand de Sauciers, der noch immer zur Wand gekehrt dalag, und begann sie zu küssen, während mir selbst die Tränen aus den Augen flossen.
„Lösch die Kerze aus, der Alte wird schimpfen. Und ich tu dir wirklich leid?“ flüsterte François und umarmte mich in der Dunkelheit.
Siebentes Kapitel
François war verstimmt, er hatte aufgehört zu trinken, wurde noch frömmer, als er es schon immer gewesen, lag oft im Bett, und unsere freundschaftlichen Gespräche, vor denen ich die Angst verloren hatte, während die Neugier immer lebhafter wurde, schienen ihn nur wenig zu zerstreuen. Mit zärtlicher Sorge suchte ich sein Leid zu mildern. Einmal stieg ich, um etwas zu holen, in das obere Stockwerk und fand François auf dem Treppenfenster sitzen. Die Kleiderbürste lag neben ihm, er war in Gedanken versunken und schien die Landschaft nicht zu sehen, auf die seine Augen gerichtet waren. Aus dem Fenster konnte man die roten Dächer der niedrigeren Gebäude überschauen, ein Stückchen der Seine schimmerte in der Ferne, über ihr blaues Wasser schossen Boote mit vom starken Winde geschwellten Segeln vorüber, am anderen grünen Ufer stand eine Reihe grauer Häuser, Vogelschwärme zogen unter dem wolkenlosen Himmel dahin. Ich rief François an.
„Bist du müde?“ fragte ich, in sein blasses Gesicht blickend.
„Ja, ich kann nicht mehr länger so leben! . . . Und ich wollte dir das schon längst sagen, Aimé, der du jetzt mein einziger Freund und Genosse bist: weisst du woran ich die ganze Zeit denke, was mich beunruhigt und mich immer bleicher werden lässt?“
„Vielleicht bist du jetzt erregt und sagst es mir lieber hernach?“
„Nein, es ist einerlei, ich habe beinahe schon meinen Entschluss gefasst. Siehst du,“ der Marquis machte eine Pause und fuhr schneller und im Flüsterton fort. „Ich bin der einzige und legitime Sohn des Herzogs — er ist reich, aber du siehst wie er mich behandelt, schlechter, als einen Lakai. Später wird das Geld, sowieso, mir gehören, wenn ich es vielleicht nicht brauchen werde. Das Leben meines Vaters wird sich in nichts ändern, wenn er nicht mehr dieses mir bestimmte Geld bewachen wird. Und so habe ich denn beschlossen es selbst schon jetzt zu nehmen.“
„Du willst deinen Vater bestehlen?“ rief ich aus.
„Wenn du willst — ja!“ und er begann wieder darüber zu reden und bat mich, ihm behilflich zu sein.
„Dann werden wir fliehen müssen?“
„Wir müssen fliehen; wie ich dir dankbar bin für dieses ‚wir‘!“ sagte er lebhaft und wurde rot.
Erregt liess ich mich auf den Stufen der Treppe nieder und hörte seinen Plänen von einer Flucht nach Italien zu.
„Aber zuerst muss man zu Suzanne Bache, das kann morgen am Abend oder am Tage, nach der Messe, geschehen. Ich werde dem heiligen Christophore eine Kerze stiften, damit alles glatt ausgeht.“
„Wird es Ihnen nicht leid tun, Ihren Vater zu verlassen?“ fragte ich, aufstehend, um nach unten zu gehen.
„Leid tun? Nein, mir ist jetzt alles gleichgültig, so kann ich nicht leben; ausserdem werden Sie ja mit mir sein?“
„Gewiss!“ sagte ich und stieg die Treppe hinunter.
Achtes Kapitel
Als wir das zweite Stockwerk des kleinen Hauses betraten, sahen wir eine Frau, die, über einen Trog gebeugt, Wäsche wusch. Das Zimmer war mit warmem Dampf gefüllt, man hörte nur das Plätschern des Wassers und das Klatschen der Leinwand. Wir blieben auf der Schwelle stehen und die Frau fragte uns:
„Wen suchen Sie?“
„Madame Suzanne Bache,“ antwortete François.
„Ich glaube, sie ist zu Hause und allein — treten Sie näher,“ sagte die Frau, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen.
„Sind Sie es, de Saucier? Treten Sie ein,“ ertönte eine Stimme aus dem Nebenzimmer. In einer kleinen Kammer, in der eine Menge Kleider herumlag, stand am Fenster auf einer Erhöhung ein Tisch und ein Stuhl; dort sass, einen Haufen von Lumpen durchsuchend, eine etwa dreissigjährige Frau mit nichtssagendem blassem Gesicht. Sie trug ein dunkles Kleid. Nachdem sie uns begrüsst hatte, fragte sie nach einigem Schweigen:
„Womit kann ich dienen, teurer Marquis?“
„Sie wissen selbst, was wir brauchen, Suzanne.“
„Ist das Ihr Freund? Weiss er?“ wies sie mit dem Kopf auf mich.
„Ja, wir brauchen beide deine Prophezeiung vor einem wichtigen, sehr wichtigen Schritt,“ sagte François und liess sich auf eine Truhe nieder, nachdem er die darauf liegenden Bündel auseinander geschoben hatte.
„Vor einem wichtigen, sehr wichtigen Schritt,“ wiederholte die Bache nachdenklich, nahm die Karten, breitete sie auf dem Tisch auseinander, mischte sie darauf, legte sie wieder auf den Tisch und begann, nachdem sie sie ungemischt zum drittenmal auseinander gelegt hatte, mit tonloser Stimme:
„Was ihr zu tun vorhabt, das tut. Es wird Geld geben. Eine Reise. Weiter gehen die Schicksale auseinander. Dir, François de Saucier, droht Krankheit und vielleicht der Tod. Dein Freund wird noch lange den gefahrvollen Weg des Reichtums weiter gehen und ich sehe nicht das Ende dieses Weges. Nimm dich vor Karossen, rothaarigen Weibern und Menschen in acht, deren Namen mit ‚G‘ beginnt. Dir droht Gefahr von Wasser, aber du wirst sie überstehen. Der Ältere geht früher in den Tod, als der Jüngere, viel, viel früher.“
Sie schwieg in Gedanken versunken, als sei sie eingeschlafen.
„Ist das alles?“ fragte de Saucier, sich erhebend, leise.
„Alles,“ antwortete Suzanne tonlos, wie vorher.
„Ich danke Ihnen, Sie haben uns einen guten Dienst geleistet,“ sagte François, legte Geld auf den Tisch vor die noch immer regungslos dasitzende Frau und trat mit mir auf die Strasse hinaus.
Neuntes Kapitel
Ich wollte unten, in François’ Zimmer, warten, um aufzupassen, ob nicht jemand komme, und nach oben laufen, wenn meine Hilfe nötig werden sollte.
Als de Saucier fortging, steckte er ein Messer in die Tasche, küsste mich und sagte:
„Genossen auf Leben und Tod?“
„Auf Leben und Tod,“ antwortete ich, vor Kälte zitternd. Seine Schritte waren verklungen; eine unter den Tisch gestellte Kerze beleuchtete nur spärlich das Zimmer, den Tisch, eine Flasche und zwei halbgeleerte Gläser mit Montrachet. Die Zeit verstrich unglaublich langsam; ich fürchtete mich, im Zimmer auf und ab zu gehen, um nicht den schlafenden Maturin zu wecken, deshalb sass ich am Tisch und betrachtete, den Kopf auf die Hand gestützt, mechanisch die Bank, das Bett des Marquis, den Sack, den wir für die Flucht vorbereitet hatten, das Gebetbuch und den Rosenkranz, den de Saucier nach der Kirche fortzuräumen vergessen hatte. Jemand kam die Treppe herunter, ich horchte auf: de Saucier trat bleich, mit einer Schatulle in der Hand, ins Zimmer. Das Messer fiel aus seiner Hosentasche. Er stellte die Schatulle auf den Tisch, füllte das Weinglas und schlürfte gierig den im Lichte der wieder hervorgeholten Kerze goldig schimmernden Wein.
„Schlief er?“ fragte ich. François nickte mit dem Kopfe.
„Alles?“ fragte ich wieder, auf die Schatulle deutend. Er nickte wieder stumm und streckte sich plötzlich mit unter dem Kopfe verschränkten Armen aufs Bett aus.
„Was ist dir? Wir müssen doch fliehen! Der Herzog kann jeden Augenblick erwachen, er kann es bemerken. Haben wir nicht ausgemacht bei Jacques zu übernachten, um morgen abzureisen?“
„Lass; ich bin müde,“ antwortete François und schlief ein. Ich steckte die Schatulle in den Sack, wartete eine Zeitlang und begann wieder François zu wecken. Ich sah das Messer am Boden liegen, hob es auf, und besah ob es nicht blutig sei, aber es war rein. Die Kerze war zu Ende gebrannt und begann knisternd zu verlöschen. François sprang plötzlich auf, drängte mich zu Eile und begann in der Dunkelheit nach dem Haustürschlüssel zu suchen. Wir sprachen flüsternd und traten geräuschlos auf. Endlich gingen wir durch den Korridor zur kleinen Haustür, die auf eine Nebenstrasse führte, auf die wir glücklich, ohne von einem der Hausbewohner bemerkt worden zu sein, hinausgelangten. Den Sack schleppte ich. Der Mond schien noch, obgleich es schon hell wurde, und ich atmete erleichtert die kalte Luft ein. So verliessen wir Paris, um unser Glück im fernen und gesegneten Italien zu suchen. Ich war damals achtzehn Jahre alt.
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Schon in Paris stellte es sich heraus, dass François, statt der Schatulle aus Palisanderholz, in der der Herzog einen grossen Teil seines Geldes aufbewahrte, eine ähnliche aus dunkelm Eichenholz mitgenommen hatte, in welcher, ausser Rechnungen und Schlüsseln, sich nur eine Summe von Louisdors befand, die gerade ausreichte ohne Sorgen nach Italien zu gelangen, keinesfalls aber uns der Mühe enthob unser Glück weiter zu suchen. Die Schlüssel warfen wir fort, die Rechnungen wurden verbrannt. Nachdem wir weidlich auf unser Schicksal geschimpft hatten, beschlossen wir, da das Geld für ein sorgenloses Leben, sowieso, nicht reichte, es auszugeben, ohne zu geizen. Dieser leichten und angenehmen Beschäftigung gaben wir uns mit einem solchen Eifer hin, dass wir, als wir in Prato angelangt waren, bemerkten, das Geld reiche kaum noch, um nach Florenz zu gelangen und uns dort einzurichten. Dafür aber hatten wir neue Hüte, modische geblümte Kamisols und gefütterte Mäntel, denn der Winter nahte. François’ Mantel war schokoladenfarben, meiner, weil ich blondes Haar hatte, himmelblau. Im Gasthofe am Domplatz bewohnten wir ein Zimmer im zweiten Stock. Neben uns lebten zwei Frauen, anscheinend Italienerinnen. Ich hatte Gelegenheit sie im Korridor zu sehen, als sie zur Messe gingen. Die ältere war klein von Wuchs, hatte eine lange Nase, war ganz in Schwanz gekleidet und schien mir buckelig zu sein, die jüngere, eine etwas magere Blondine, sah mit ihrem bleichen, ein wenig verlebten und schmachtenden Gesichtchen, in einem bescheidenen rosa Fähnchen ganz anziehend aus.
„Habe nichts Besseres zu tun, als jeder Herumtreiberin meine Aufmerksamkeit zu schenken,“ antwortete mir François, als ich ihm meine Beobachtungen mitteilte. Abends ging er mit einem Florentiner, dessen Bekanntschaft er schon unterwegs gemacht hatte, und die er sehr schätzte, weil er glaubte, später aus ihr Vorteil ziehen zu können, in die nächste Taverne. Ich ging nicht mit. Zu Hause horchte ich auf das Geräusch bei unseren Nachbarinnen.
Durch die dünne Bretterwand konnte man hören, dass die Frauen sich anschickten, zu Bette zu gehen. Die Alte brummte laut und schimpfte auf italienisch, die Junge trällerte vor sich hin, während sie, augenscheinlich beim Auskleiden, auf und ab ging, denn von Zeit zu Zeit hörte man, wie Kleidungsstücke aus einer Ecke des Zimmers in die andere geworfen wurden. Ich hustete, der Gesang verstummte, man begann leiser zu sprechen, lachte über irgend etwas, dann wurde an die Wand geklopft, ich tat dasselbe. Darauf wartete ich eine Weile. Als ich hörte, dass im Nebenzimmer alles still geworden war, entkleidete ich mich, und legte mich, ohne die Rückkehr des Marquis abzuwarten, zu Bett. Ich wurde von einem entsetzlichen Lärm geweckt; aus dem Korridor drang Weibergeschrei zu mir herüber, dazwischen die Stimme François’. Im Gang war Licht. Ich steckte, ohne mich anzukleiden, meine Nase durch die geöffnete Tür.
Die Alte aus dem Nebenzimmer drang in einem Deshabillé, das sie durchaus nicht schöner machte, auf François ein, der ohne Gilet und Schuhe, in grösster Unordnung des übrigen Anzuges sich gegen unsere Tür zurückzog; einige Frauen im Häubchen und Männer in Nachtmützen standen mit Kerzen in den Händen im Korridor, aus dem Nebenzimmer klang Schluchzen herüber. Die Alte schrie:
„Es gibt ein Gesetz! Es gibt eine Ehre! Wir sind Edeldamen. Wann hat man gehört, dass sich einer in ein fremdes Zimmer einschleicht sich entkleidet und macht, als sei er in einem öffentlichen Hause?“
François meinte, er habe sich in der Zimmertür geirrt und geglaubt, im Bette schlafe sein Freund.
„Geht man mit seinem Freunde so um, wie mit einer Frau, die man . . . die man . . .“ Hier wurde ihr Geschrei durch ein noch lauteres aus dem Nebenzimmer übertönt.
„Die Ärmste, die Ärmste! Gut, dass ich mich diese Nacht an die Aussenseite des Bettes legte und kitzelig bin. Wasser! Haben Sie nicht Wasser?“
Sie schob mich aus unserem Zimmer heraus auf den Korridor, betrat unsere Nummer, aus der sie gleich wieder mit einem Glase Wasser herauskam. Nachdem das Geschrei noch lange Zeit gewährt hatte, gingen die Leute schliesslich auseinander. Die Alte rief uns noch zum Schlusse nach:
„Ich werde es dabei nicht bleiben lassen! Es gibt ein Gesetz!“
François hatte seine Kleider zurückbekommen, machte jedoch die Entdeckung, dass sein Geldbeutel aus seinem Kamisol verschwunden war. Auch meiner war nicht mehr auf dem Tische, auf den ich ihn gelegt hatte. Infolgedessen hatten wir nicht einmal Geld, um nach Florenz zu gelangen.
Zweites Kapitel
Die Sonne schien grell in das Zimmer, das fast genau so aussah, wie das unsrige. Die Buckelige wickelte, während der Auseinandersetzung mit uns, Garn ab, Signorina Pasqua sass mit gefalteten Händen am Fenster und schien nicht das geringste Interesse an unserem Gespräch zu haben. François bemühte sich vergeblich die alte Dame zu einem Geständnis und zur Wiedergabe des gestohlenen Geldes zu bewegen, sie stellte sich taub und einfältig und machte, als begreife sie nichts, von Zeit zu Zeit brachte sie den gestrigen Vorfall wieder in Erinnerung und sprach davon, dass es ein Gesetz gäbe. Um nicht der Versuchung zu erliegen die schlaue Buckelige zu verprügeln, trat ich, als ich vom Streit gerade genug hatte, ans Fenster, wo Signorina Pasqua im Hauskleide mit gefalteten Händen dasass. Sie lächelte ein wenig und sah mich von unten nach oben mit etwas schielenden Augen an.
„Ihnen ist diese Geschichte vom verschwundenen Gelde auch langweilig geworden?“
„Ja, um so mehr, als bei der Sache nichts Vernünftiges herauskommen will.“
„Da kann auch nichts Vernünftiges herauskommen: wer hat denn jemals gehört, dass man verlorenes Geld zurückerhalten hätte? Ihr Freund bemüht sich vergebens.“
„Es bleibt ihm halt nichts anderes übrig, als sich so eifrig zu bemühen, denn wir sitzen ohne einen Groschen und können nicht einmal bis nach Florenz.“
„So? . . .“ fragte sie, als interessiere sie sich jetzt mehr für unsere Angelegenheit, dabei glitt ihr, dünner Finger dem Fensterrahmen entlang, wo eine verspätete Fliege summte. Nachdem sie eine Weile geschwiegen hatte, wandte sie sich plötzlich den Streitenden zu und sagte mit etwas scharfer, aber klangvoller, reiner Stimme:
„Höret, meine Lieben! Wir sind euch mit Signor Aimé gar nicht für euren Disput dankbar, um so weniger, als er ganz aussichtslos ist. Sie müssen sich damit zufrieden geben, dass das Geld spurlos verschwunden ist, aber wir können darüber beraten, wie Sie unter so traurigen Umständen zu handeln haben. Und mir scheint,“ fuhr sie, die Augen zusammenkneifend, fort: „mir scheint, dass wir vorzüglich zu einem Übereinkommen gelangen können und es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass wir dasselbe Ziel im Auge haben, meine Freunde . . .“
Und sie begann ihren Plan zu entwickeln.
Drittes Kapitel
In der Nähe des Ponte Vecchio hatten wir uns eine anständige Wohnung gemietet, gaben uns für zugereiste Venezianer aus und legten uns den Namen der Grafen Gozzi bei. Die alte Buckelige trug den angeblichen Grafentitel mit Würde und wir bemühten uns die liebenswürdigen Cousins der falschen Cousine zu spielen. Signorina Pasqua zeigte sich täglich auf der Promenade, kleidete sich schlicht und befand sich immer in meiner oder François’ Begleitung. Sie machte mit wohlhabend scheinenden Leuten Bekanntschaften, erzählte von ihren Unglücksfällen, von der zeitweilig bedrängten Lage der uralten Familie Gozzi, lud ihre Bekannten zu sich ein, wo sie höflich und bescheiden empfangen wurden. Signorina Pasqua spielte Clavecin und sang Arien und französische Lieder, wir schlugen zur Zerstreuung ein Spielchen vor. François gewann, aber nicht viel, denn er fürchtete, man könnte darüber sprechen und wartete auf eine günstigere Gelegenheit für einen entscheidenden Coup. Wenn einmal neue Bekannte, nicht so sehr durch die Reize, als durch das Mienenspiel und das Getue der gebeugten Jungfrau hingerissen, etwas wagten, so erhob die Buckelige ein Geschrei und wir traten als Beschützer der Unschuld auf, indem wir den Streit durch Waffen zu entscheiden oder den Skandal für Geld niederzuschlagen in Vorschlag brachten, wobei wir mit unseren Verbindungen in Venedig drohten. So lebten wir etwa einen Monat lang. Der Verdienst wurde brüderlich geteilt, Ersparnisse machten wir nicht, aber wir konnten sorglos, ohne uns Vergnügungen zu versagen, leben. Schliesslich verliebte sich in Signorina Pasqua der junge Spaladetti, der Sohn eines jüdischen Goldschmiedes und Wucherers. Seine Schönheit war etwas süsslich, ungeachtet seiner Herkunft, war er freigebig, treu und leidenschaftlich, ausserdem war er, glaub ich, noch unschuldig und hoch von Wuchs. Er begann, der Signorina nach allen Regeln der Kunst mit Blumensträussen, Serenaden, Soupers, Spazierfahrten, Sonetten, Geschenken und Fensterpromenaden den Hof zu machen. Das wusste denn bald auch die ganze Stadt zum grössten Leidwesen des alten Spaladetti und zur Freude unserer lieben Cousine.
Viertes Kapitel
Einmal, als ich mit Pasqua vor den Stadtmauern spazierenging, trafen wir den jungen Giuseppe Spaladetti hoch zu Ross in einem lila Sammetgewande. Als er uns bemerkte, stieg er vom Pferde, übergab dieses seinem berittenen Diener, der ihm folgte, denn der Sohn des Wucherers war bestrebt, ein vornehmes Leben zu führen und für einen Stutzer aus hohem Hause gehalten zu werden, und bat um die Erlaubnis, uns begleiten zu dürfen. Mit übertriebener Ehrerbietung und etwas orientalisch schnörkelhaft, so dass die Schönheit der Bilder den Mangel an Geschmack ausgleichen musste, sagte er leidenschaftlich und schüchtern der Signorina Artigkeiten, während ich nebenher ging und die Miene eines Menschen aufsetzte, der die Natur geniesst. Als wir auf dem Rückwege am Hause Tornabuoni vorüberkamen, sahen wir den alten Ieronymo Spaladetti im Gespräche mit dem Herrn des Hauses unter einem eisernen Fackelhalter sitzen. Als wir an ihn herangekommen waren, rief er seinem Sohne zu:
„Giuseppe, hierher!“
Wir blieben stehen, die Signorina gab den Arm des jungen Spaladetti frei, der seinem Vater antwortete:
„Wenn ich die Gräfin Pasqua nach Hause begleitet haben werde, kehre ich sofort zu Euch zurück, Signor.“
„Was gibt es da allerhand Abenteuerinnen zu begleiten!“ schrie der Alte, seinen pelzverbrämten Rock zusammenraffend, während ich, zu einer Rauferei bereit, die Hand an den Griff meines Degens legte.
„Ich bitte Euch, mein Vater, daran zu denken, was Ihr saget.“
„Still geschwiegen! Ich, dein Vater, der dich erzeuget hat, befehle dir: lass ab von ihr!“
Pasqua schmiegte sich an mich, Giuseppe entgegnete erbleichend:
„Ich flehe Euch an, Vater, keine Befehle zu erteilen, die ich, wie Ihr im voraus wisset, nicht erfüllen werde.“
„Wie?“ rief der Alte aus, und eine Flut von Schimpfworten ging auf seinen Sohn nieder. Die jüdischen Flüche, der genuesische Akzent, die Schnelligkeit und Leidenschaftlichkeit der Rede, das halborientalische Gewand und der hohe Wuchs des alten Goldschmiedes und wir, verlegen dem Alten gegenüberstehend, das alles zog die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden an. Pasqua, die in Ohnmacht zu fallen drohte, flüsterte Giuseppe zu:
„Gebt nach, verlasset uns. Später . . . morgen . . . ich bin die Eure . . . für immer.“ Spaladetti flammte auf und sagte laut:
„Ich werde das nicht vergessen, Gräfin!“ Hierauf trat er an den Alten heran, fasste ihn am Ärmel und murmelte:
„Gehen wir, Vater, ich bin bereit.“
„Gräfin, Gräfin . . . dass dich der Teufel hole! Aber ich kriege dich noch!“ knurrte der Jude, während ich meine angebliche Cousine zum Arno hinunterzog. Als wir nach Hause gekommen waren, sang Pasqua Kanzonen von Scarlatti und setzte sich dann schweigend, ohne auf unsere Scherze einzugehen, ans Fenster und blieb dort lange bei verlöschten Kerzen sitzen, bis der Mond schon längst verschwunden war. Sie hatte die Hände auf den Schoss herabsinken lassen und schien über etwas ernst nachzudenken.
Fünftes Kapitel
Giuseppe hatte sich aufs Clavecin gestützt, an dem unsere Cousine gesungen hatte, und flüsterte leidenschaftlich, auf ihre mageren, rosig glänzenden Finger herabschauend:
„Ich bete Eure Hände an, Pasqua, niemand hat so wunderbare Hände, ich werde Euch ein Schmuckkästchen mit Ringen aus dem Laden meines Vaters schenken, es sind prächtige Amethysten darunter und Topase, rosenrot, wie Eure Haut.“ Pasqua sang, die Augen halbgeschlossen, mit dünner feiner Stimme:
„Wie der Schwan, noch sterbend will ich singen,
Sterbend noch sing ich voll Liebeslust,
Liebend dich nur pocht in meiner Brust
Heiss mein Herz und will vor Liebe springen . . .“
Die Buckelige spielte aus Langerweile mit François Karten um Schokolade, ich sah zum Fenster hinaus, im Hause drüben konnte man eine Küche sehen, in der Köche das Abendessen bereiteten. Plötzlich klopfte es an die Tür. Wir fuhren alle auf. François liess den alten Spaladetti herein, dem Sbirren und noch andere Leute folgten.
„Vater, Ihr hier? Wozu?“ schrie Giuseppe, der aufgesprungen war und Signorina Pasqua mit seinem Körper deckte.
„Sind das die Leute, die wir suchen?“ fragte der Sergeant, sich an Ieronymo wendend. Dieser nickte mit dem Kopfe. „Die ihr euch für die Grafen Francesco und Aimé Gozzi, die Gräfinnen Giulia und Pasqua ausgebet, im Namen des Gesetzes werdet ihr befragt, mit welchem Recht ihr euch diesen Titel und diesen alten Namen angeeignet habet? Erkennet Ihr, geehrter Graf, diese Leute, die Ihr in Venedig gesehen haben müsstet?“ wandte er sich an einen Greis mit einer runden Brille und in grauem Kamisol, der mitgekommen war. Dieser sah uns der Reihe nach lange an, schüttelte den Kopf und sagte:
„Nein, nein, ich habe sie niemals gesehen.“
„Ist er auch selbst ein Graf? Verrückt ist er oder betrunken! Hinaus aus unserem Hause!“ schrie François. Giuseppe zankte mit seinem Vater, das Zimmer mit Gurgellauten erfüllend. Signorina Pasqua weinte in den Armen von Signora Giulia, die mit Würde irgendeine Erklärung abgab. Der Lärm wurde immer grösser. Klirrend kreuzten sich die Degen. Die Sergeanten riefen durch das Fenster nach Hilfe. Die Frauen fielen in Ohnmacht. François sank, vom alten Juden verwundet, zu Boden und riss, im Fallen auf die Tasten des Clavecins schlagend, die Kerzen vom Instrument mit. Im Halbdunkel stürzte ich mich in diese Richtung und bohrte mein Messer in den mageren Rücken von Ieronymo, der, sich krümmend, aufheulte. Ich lief durch das Zimmer, plötzlich wurde ich am Bein gepackt und fiel auf die Buckelige.
„Nimm im Vorzimmer eine von unseren Roben, rette dich,“ flüsterte sie mir zu. Eine kleine Abteilung der Wache nahte dem Hause: ich wartete hinter der Haustür bis sie an mir vorbei war, zog mir das unterwegs mitgenommene Frauenkleid an, warf mir ein Tuch über den Kopf und lief durch die leere schallende Strasse immer weiter vom Lärm fort.
Sechstes Kapitel
Als ich mich genügend weit vom Hause entfernt hatte, um vor einer Verfolgung sicher zu sein, blieb ich stehen. Vor Erregung, vom Laufen und den doppelten Kleidern floss mir der Schweiss in Strömen den Körper herab. Ich trat in eine dunkle Mauernische, warf mein Kamisol und die Hosen ab und behielt der Sicherheit wegen nur das Frauenkleid an. Darauf band ich mir das Tuch sorgfältiger um den Kopf. Nachdem ich die mir unbekannte Strasse ein Stück entlanggegangen war, bemerkte ich, dass mir ein Mensch folge, der seinem Gang und Äusseren nach, dem geistlichen Stande anzugehören schien. Als er an der Strassenecke stand, pfiff er. Kaum war ich in die Nebenstrasse eingebogen, als ich mich von etwa sechs Männern, mit Larven vor den Gesichtern und ohne Laterne, umringt sah. Sie warfen mir etwas über den Kopf, was mich am Schreien hinderte, hoben mich auf und trugen mich auf ihren Armen davon, trotzdem ich mit meinen Füssen ihre Bäuche bearbeitete. Bald sah ich ein, dass ich mich vergeblich widersetze und hörte, in mein Schicksal ergeben, auf, mich zu wehren. Wir gingen ziemlich lange durch die Strassen, dann, nach dem dumpfen Schall der Schritte zu urteilen, durch lange Korridore, schliesslich stellte man mich auf die Beine und nahm mir die Binde ab. Ich war, wie mir schien, allein in einem stockfinsteren Raum. Ich tastete mich bis zu einem Stuhl, der an der Mauer stand. An der Wand tastete ich mich zu einem Bette, auf dessen Rand ich mich niederliess, ohne zu wissen, was weiter folgen werde. Bald jedoch stellte es sich heraus, dass ich im Zimmer nicht allein sei. Feiste, weiche Hände betasteten mich behutsam, als wollten sie mein Kleid aufnesteln und ich hörte flüstern:
„Fürchtet Euch nicht, holde Jungfrau, fürchtet Euch nicht, Ihr befindet Euch in Sicherheit, Ihr werdet nur Liebe und Ehrerbietung finden.“
Ich wurde fast nackt ausgekleidet; ich war müde und wollte schlafen, deshalb streckte ich mich ohne Umstände auf das Bett an der Wandseite aus. Das Flüstern, unterbrochen von Küssen, hörte nicht auf:
„Wie glücklich bin ich, dass Ihr mein Flehen erhört habet und mit diesem bescheidenen Lager fürliebnehmen wollet.“ Die Hände glitten über meine Schultern, den Rücken, die Lenden . . . Plötzlich schnellte mein Nachbar, wie von der Tarantel gestochen, vom krachenden Bette empor:
„Heilige Jungfrau! Sohn Gottes! Bewahre mich vor Versuchung!“ Da ich mich nicht regte und schwieg, so begab sich mein gottesfürchtiger Partner noch einmal auf Rekognoszierung, die nicht weniger trostlos verlief. Schliesslich unterbrach ich das Schweigen:
„Signor, Ihr täuschet Euch nicht und seid auch nicht in Versuchung geführt worden, ich bin tatsächlich weit davon entfernt eine Jungfrau zu sein. Bin ich nun aber schon einmal hier, so werde ich auch bis zum Morgen dableiben, um nicht Euch und mich selbst einer Gefahr auszusetzen; wenn alle zur Frühmesse gehen werden,“ meinte ich (denn ich hatte bereits begriffen, wo ich mich befand), „werde ich mich unbemerkt entfernen.“ Fassungslos sagte der Bruder, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte:
„Ihr habet recht, mein Sohn, und der Herr, der Wasser in Wein verwandelt hat, er möge Euch morgen helfen hinauszukommen. Jetzt bleibet auf diesem, wenn auch schmalen Lager liegen. Die an Euch geübte Gastfreundschaft wird mir helfen mein Missgeschick zu vergessen.“
„Amen,“ antwortete ich, und kehrte mich zur Wand.
Siebentes Kapitel
Der Herr, der Wasser in Wein verwandelt hat, half mir nicht unbemerkt hinauszukommen, denn noch vor Sonnenaufgang weckte uns ein Klosterdiener und befahl uns im Namen des Abtes ins Refektorium zu kommen, wo die gesamte Bruderschaft bereits versammelt war. Der Abt antwortete kaum auf unseren Gruss, als man uns ins Refektorium hineinführte. Wir wurden abseits von der Brüderschaft aufgestellt. Mir war das Gesicht mit einem Tuche verhüllt worden. Nachdem der Abt auf die Bedeutung und die Wichtigkeit der Mönchsgelübde hingewiesen hatte, fuhr er mit einer Handbewegung in die Richtung, wo wir standen, fort:
„Aber siehe, in unserer so musterhaften Herde, in unserem vom Geruche der Frömmigkeit erfüllten Kloster, hat sich ein Schaf finden lassen, das die Herde verdirbt, hat sich ein Bruder finden lassen, der das Gelübde der Keuschheit, das Gebot des Gehorsams vergessend, im geheimen vor uns ein Weib in seine Zelle führt, die Nacht mit diesem Weihe zubringt, in unsere Umfriedung Sünde, Tod und Fluch trägt.“ Mein Mönch weinte, sich die feiste Brust schlagend, wobei er immerfort murmelte: „Mea culpa, mea culpa.“ Die übrigen Mönche schwiegen vorwurfsvoll. Als ich die Wendung der Dinge sah, die mir nichts Gutes verhiess, trat ich vor und sagte bescheiden, aber deutlich:
„Heiliger Vater, ehrwürdige Brüder, ihr beschuldiget ohne Grund diesen guten Bruder. Die Augenscheinlichkeit seines Vergehens wird sofort in ein Nichts zusammensinken, wenn ihr erfahret, dass ich kein Weib, sondern ein Mann bin, der vor Mördern Rettung suchend, glücklich war unter dem Dache dieses Klosters Zuflucht zu finden. Gott ist mein Zeuge, ausserdem beweist die Natur selbst die Wahrhaftigkeit meiner Worte.“ Hier hob ich meine Robe auf, und solange die Brüderschaft, überrascht durch das, was man an einem Manne sehen kann, der keine Hosen anhat und seinen Rock bis zum Gürtel schürzt, wie versteinert dastand, ging ich schnell durch eine Seitentür hinaus in den Garten, von wo aus ich ohne Mühe auf die Strasse gelangte.
Achtes Kapitel
Ich hatte mich davon überzeugt, wie wenig ein Frauenkleid vor Zufällen schützt, deshalb war ich zuallererst darauf bedacht das meinige loszuwerden. Nachdem ich es sorgsam im Gebüsch an der Heerstrasse versteckt hatte, begann ich, als wäre ich bis aufs Hemd ausgeraubt worden, laut um Hilfe zu rufen, bis ein vorüberfahrender Bauer mich zu sich nach Hause mitnahm und mir ein Paar alte Hosen und ein ahgetragenes Kamisol schenkte. Beim Bauern traf ich einen Kaufmann aus Venedig, der gerührt von meiner Lage und, glaub ich, auch von meinem Äusseren, mir vorschlug ihn nach Venedig zu begleiten, um Verkäufer in seinem Laden zu werden. Obgleich ich nicht die Absicht hatte mich lange mit diesem Gewerbe zu befassen, ging ich doch auf seinen Vorschlag ein, in welchem ich eine Möglichkeit erblickte nach Venedig zu kommen, wohin es mich zog, wie einen echten Grafen Gozzi. Die Reise bot ausser den unbekannten Städten nichts Interessantes, denn Vivarini reiste bescheiden, ja geizig, und liess mich zudem keinen Schritt weit von sich. Das alles machte den Entschluss in mir reifen ihn bei der ersten Gelegenheit zu verlassen. In Venedig kam noch das Gezänk einer alten Haushälterin, schlechtes Abendessen und das tagelange Herumstehen vor den Ladentischen des halbdunkelen Warenlagers dazu. Schliesslich erklärte ich dem Signor, dass ich ihn verlasse, er murmelte etwas von Undankbarkeit der heutigen Jugend, aber eigentlich war mein Abgang ihm ziemlich gleichgültig. Ich hatte schon vorher mit dem Gondoliere Rudolfino verabredet, dass ich, als sein Gehilfe, zu ihm in Dienst treten werde. Ich vertauschte das ruhige, aber langweilige Leben bei Vivarini gegen das armselige eines Ruderknechtes, das jedoch mehr Möglichkeiten zu unerwarteten Begegnungen bot. Und in der Tat verhüllte so manches Mal die dunkele Nacht oder der Vorhang des „Felze“ das Glück des jungen Gondoliere und der Dame, die sich von ihm rudern liess, aber es gab nicht einen einzigen Fall, der irgendwelche ernstere Folgen nach sich gezogen hätte.
Neuntes Kapitel
Es war ein Fest, man riss sich förmlich um Gondeln. Meine, die ich sorgfältig gesäubert und mit gewaschenen Teppichen geschmückt hatte, nahm ein Abbate mit seiner Dame. Ich interessierte mich nicht besonders für die Zärtlichkeiten meiner Fahrgäste und beobachtete mehr die vorübergleitenden Gondeln, besonders eine, die sich die ganze Zeit neben uns hielt. In ihr sassen zwei ganz gleich gekleidete Damen, beide mit Perlen geschmückt, jede mit einer gelben Rose im Haar. Sie waren ohne Begleiter, blickten einander in die Augen und lächelten. Die Sonne versank in eine Wolke. Über den ganzen Hafen glitten Gondeln mit Musik. Einige hatten schon ihre Laternen angezündet. Die schwüle Windstille schien ein Gewitter anzukünden. Die Vergnügungen hatten ihren Höhepunkt erreicht, als das Gewitter losbrach. Der Himmel hatte sich ganz plötzlich verdunkelt, es donnerte, ein Platzregen goss herunter, die Musik verstummte, ohne Ordnung eilten die Gondeln dem Kanal zu. Das alles sah der Lust, die eben hier geherrscht hatte, so unähnlich, dass ein Philosoph sich darüber durchaus lehrreiche Gedanken hätte machen können. Aber ich musste vor allem daran denken meine Gondel in Sicherheit zu bringen. In der fürchterlichen Enge hörte ich mit Entsetzen, wie unser Boot krachend an etwas anrannte; ich warf auf alle Fälle meinen einfachen Anzug ab. Und Scham und Nächstenliebe vergessend, war ich bereit mich ins Wasser zu stürzen und meine Passagiere im Boote, das sich bereits mit Wasser zu füllen begann, der Willkür des Sturmes zu überlassen. Da trieb der Sturm wieder die umherirrenden Gondeln zusammen, ich hörte ein neues, noch drohenderes Krachen und sprang — nicht ins Wasser, sondern in die nächste vorbeieilende Gondel, wozu ich natürlich nicht so nackt zu sein gebraucht hätte. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben Rosen hatten sich aneinandergeschmiegt und waren bleich.
„Entschuldiget, Signorine!“ rief ich aus, als die Gondel sich unter meinem Sprunge auf die Seite neigte. Sie schrien gleichzeitig leise auf, es war, als hätte sie mein unerwartetes Erscheinen und der Anblick, den ich bot, erschreckt. Dann drängten sie ihren Gondoliere zur Eile.
Zehntes Kapitel
Nackt, wie ich war, wurde ich durch eine Reihe von, dem Anschein nach, nicht geheizten Gemächern mit vernagelten Fenstern in ein kleines Zimmer geführt, in dem ein Kamin knisterte, dessen flackerndes rötliches Feuer die dunkeln Mauern beleuchtete. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben Rosen sassen stumm auf einem Sofa an der Wand und sahen einander lächelnd an. Ich schämte mich meiner Nacktheit und fror, deshalb wandte ich mich an die Damen:
„Vielleicht hat einer eurer Diener, meine guten Signorine, ein überflüssiges Gewand, denn ich habe es kalt und bin nicht gewohnt nackt vor Damen zu erscheinen, ohne dass es mir peinlich wäre.“
Sie fuhren fort zu schweigen und, als ich meine Bitte wiederholte, kehrten sie mir gleichzeitig ihre Gesichter zu und blickten mich unverwandt und starr an, so dass es schien, als belebe nur das flackernde Kaminfeuer ihre Züge. Ihr Schweigen machte meine Lage noch sonderbarer und peinlicher. Ich beschloss nicht zu staunen und mir weiter keinen Zwang anzutun, nahm den Mantel, den jemand auf einen Stuhl geworfen hatte, und setzte mich ans Feuer. Eine der Damen sagte leise:
„Den Mantel, lasset den Mantel!“
Aus einem Schrank, der sich als Geheimtür erwies, trat eine alte Frau mit einer Kerze und einer Kanne Wein, sie stellte schweigend beides auf den Tisch, auf dem ein Abendessen gedeckt war, zündete an verschiedenen Stellen des Zimmers Kerzen an und schlug die schweren gelben Vorhänge auseinander, welche ein Bett verhüllt hatten. Ich begann unruhig zu werden.
„Ist Ambrosio zu Hause?“ fragte die eine der Damen.
„Wo sollte er denn sonst sein?“ entgegnete die Alte.
„Schläft Ambrosio?“ fragte die andere der Damen.
„Was sollte er sonst tun?“ entgegnete wieder die alte Dienerin.
„Heute musst du mehr essen, Bianca, morgen bist du an der Reihe,“ sagte die eine Dame.
„Ja, morgen bin ich an der Reihe,“ bestätigte die andere Dame.
„Wozu diesen Mantel?“ fragten dann beide laut zu gleicher Zeit.
Ich hielt es nicht mehr aus, stand auf, warf den Mantel ab, denn ich hatte mich schon erwärmt, und sagte laut:
„Machet das Mass eurer Güte voll, rettet mich, gebet mir ein Glas Wein, ein Stück Brot, um meine geschwächten Kräfte zu stärken.“
Die Uhr schlug zehn, beide Damen gähnten gleichzeitig, begannen, wie nach dem Schlaf, ihre Augen zu reiben und sahen mich erstaunt an, als versuchten sie, sich an etwas zu erinnern, schliesslich sagte die Ältere, die Bianca angeredet wurde, mit tönender Stimme, die ganz anders klang, als ihre frühere:
„Jetzt entsinne ich mich . . . Der schöne gerettete Jüngling vom Meere? Gewiss, Abendessen, Wein, aber nicht den Mantel, nicht den Mantel! Die Frist ist vorüber, wir sind frei! Schwester, welch ein Körper, o welche Vollkommenheit!“
Der Wein funkelte rot in den breiten Gläsern, die kalten, aber würzigen Speisen, die reichlich aufgetragen waren, reizten den Hunger, im Hintergrunde schimmerte weiss das Bett. Die Damen waren lebhaft geworden, mit glänzenden Augen und geröteten Wangen betrachteten sie mich, wie Kinder, und machten naive entzückte Bemerkungen, die mich staunen liessen. Schliesslich gab die Jüngere, Catharina, ihr Haar auflösend, das Zeichen zum Schlaf. Ohne die Kerzen zu verlöschen, brachten wir vor dem riesigen Spiegel im Hintergrunde des Himmelbettes, fast schlaflos, diese lange, für Verliebte allzu kurze Nacht zu.