Die Mitglieder des Rates begeben sich je zwei und zwei in das Schloß. Die doppelte Freitreppe erlaubt den Herren, die gerade nicht ganz gut miteinander stehn, sie auf verschiedenen Seiten zu ersteigen. Zwischen den beiden Armen der Treppe rinnt aus der Mauer ein Brunnen in sein halbrundes Becken. Das marmorne Geländer wendet sich von den Pfosten im weichsten Bogen, jede Hand ist versucht, es zu berühren. Das Auge gleitet von selbst über die bescheidenen Verzierungen, mit denen ein liebreicher Meißel den Stein belebt hat. Aber auf halber Höhe vereinigen sich die Arme, und die Treppe wird breit, sie wird öffentlich und führt zu dem Fürstenschloß. Jugendliche Schritte, laute Stimmen, die meisten der Räte durcheilen sogleich dort oben den Hof und wenden sich rechts. Sie benutzen einige Stufen und eine Galerie von Säulen, die läuft die ganze Front entlang; jede der Säulen trägt an ihrem Kopf andere Bilder von sagenhaften Vorgängen. Die Türen der Zimmer stehen offen, der Tag leuchtet. Schnell betritt man das größte, setzt sich auf Truhen oder hölzerne Schemel, versammelt sich mit erregten Reden, umarmt sich mit Gelächter, trennt sich gereizt — dies alles, indessen der Fürst noch erwartet wird.

In die kugelsichere Mauer, die sonst kein Fenster hat, ist eingesenkt der Posten des Beobachters. Zwischen seinen Gitterstäben blickt der Soldat hinunter in den äußeren Hof, dann über den Laufgraben in das Land hinaus. Hinter dem Stadttor zieht eine Straße, darauf könnten Feinde erscheinen. Friede und Sicherheit wohnen auf beiden Ufern der grünen Baïse, diesseits und jenseits der Brücken: sie heißen die alte und die neue. Diese schwebt hinüber zu dem stillen Park La Garenne, die andere verbindet die Stadtteile. Unterhalb des Schlosses wohnen Bürger wohlbehütet. Drüben bauen Herren vom Hof sich an, seitdem es hier den Hof gibt. Handwerker, Krämer und Gesinde drängen sich zu den festen Häusern der Großen: so entstehen Gassen, gewunden, eng, ein Häuflein von einer Stadt, durch die hinweg Bäche eilen und Kinder spielen. Die Kleinen erstürmen schreiend die hohe alte Brücke, Alte klettern sie vorsichtig hinan; und das Spiegelbild ihrer offenen Bogen tief im Wasser nimmt nacheinander die Schatten auf — all derer, die hier leben.

Oberhalb der Schloßtreppe, auf der gerundeten Bank von Stein, sitzen zwei Herren, die Henri erwarten. Der Herr im Reisemantel ist Philipp Mornay, er findet Henri unbedacht: allein unterwegs, bei sinkendem Abend, und es ist Krieg. Es ist wieder Krieg. Der Friede, der nach Monsieur benannt war, hat nicht vorgehalten. Der König von Navarra hat seinen Diplomaten ausgesendet auf die Suche nach Verbündeten, aber die meisten entziehen sich der Aufforderung, wie sie nur können. Da ist ein Vetter des ermordeten Coligny, und dieser Montmorency hat selbst, dem Tode näher als dem Leben, in der Bastille gelegen. Dennoch ist der beleibte Mann zu träge für die Rache — für die Gerechtigkeit, sagt Mornay. Für die Religion, behauptet er. «Die Lauen speit ER aus seinem Mund aus», entscheidet der Hugenott — begründet auch mit kühlen Worten, warum sie stürzen müssen, alle, die von der Religion nur Vorteil ziehn und nicht groß genug sind, ihrer Sache zu dienen. Den Herzog von Anjou hat Mornay verlassen, der jagt blindlings nach Königreichen für sich selbst. Eingetroffen ist Mornay, nach Abenteuern und Gefahren, bei einem Fürsten, mit dem er es versuchen will, obwohl der Fürst bis jetzt ein leichtherziges Leben führt. Nicht alles liegt aber an der Natur, viel mehr tut die Sendung. Gott ist stärker als die Leidenschaften seines Erwählten. Im Grunde ist der fromme Mornay ganz ohne Sorge um den unterwegs verspäteten Henri. Der steht unter hohem Geleit.

«Sie wurden gefangengenommen auf Ihrer Reise hierher?» fragte der Herr neben ihm auf der Bank.

«Aber man erkannte mich nicht», antwortete Mornay, hob die Schultern und war versichert: im rechten Augenblick erblindeten seine Feinde. «Hören Sie, wie es war, Herr de Lusignan. Wir betrachteten die Ruinen Ihres Stammhauses, in einer Gegend, die der Mondschein verzauberte, so daß es leicht war, an Märchen zu glauben. Dort begegnete in alten Tagen Ihr Vorfahr der Fee Melusine und hatte von ihr dasselbe Glück und Leid, das die Frauen der Menschen jederzeit austeilen können. Durch Schuld der Fee Melusine wurde unsere Aufmerksamkeit abgelenkt, daher waren zwanzig Bewaffnete früher über uns als wir über den Graben. Die ganze Frage ist bei solchen Gelegenheiten, sich für einen anderen ausgeben zu können, nicht aber wie ein Hugenott auszusehn.»

Der zweite Herr mußte lachen. Wenn einer so aussah, war es Philipp Mornay. Nicht nur, daß ein schlichter weißer Kragen über seinen dunklen Anzug geschlagen war: die Haltung machte es, und der Ausdruck sagte genug. Der Blick forderte niemand heraus, war auch nicht in sich versunken. Der Blick erforschte die Gewissen — verständig und ruhig unter der immer glatten Stirn. Bis in das Alter wird die Stirn ohne Falten bleiben, weil Mornay mit seinem Gott im reinen ist; wird eine unberührte Hochebene bleiben über dem zusammengedrückten Gesicht, das Flecken bekommen und in die Züge des Grames verfallen wird. So dereinst. Indessen sitzt er auf einer abgerundeten Steinbank, jung, im Herzen kühn, und erwartet den Fürsten, dessen Aufstieg er begleiten soll. Nichts ahnt Mornay von den Worten, die er bestimmt ist in ferner Zeit als letzte auf seinen Fürsten zu sprechen: «Wir haben hier zu verkünden eine traurige, abscheuliche Neuigkeit. Unser König, der große König, den die Christenheit hat getragen seit fünfhundert Jahren —»

Sehr hell war der Himmel, silbern sein Licht, und der Abend näherte sich mild. Henri kam aus seinen Gärten, ging über die neue Brücke und hatte den Arm voll Blumen. Da er die beiden Herren oben auf der Treppe stehen sah, lief er, verlangte schon von weitem nach dem Bericht seines Gesandten; hörte ihn an, und obwohl nichts Günstiges zu melden war, schenkte er ihm eine Blume. «Jemand hat sie abgerupft», erklärte Henri. Ohne es zu wollen, rückte er die Schulter in Richtung des Lusthäuschens am Fluß: da wußten sie Bescheid. Gleichzeitig ging über ihnen im Schloß ein mächtiges Lärmen an. «Meine Hugenotten bringen mir meine Katholiken um!» rief Henri und sprang schon in den Schloßhof.

Wirklich war Herr de Lavardin an Herrn de Rosny geraten: dieser ein junger Hahn, sein Hauptmann außer sich wegen der durchbrochenen Mannszucht. Die übrigen Edelleute schrien alle mit, Getöse erfüllte das Zimmer, und die Sache selbst wäre niemals in Erfahrung zu bringen gewesen. Glücklicherweise kannte Henri sie am besten. «Marmande», das war die Stadt, wo Hauptmann Lavardin den Fähnrich Rosny auf einen verlorenen Posten geschickt hatte. Henri selbst mußte den Jungen und seine paar Arkebusiere dort heraushauen, was nicht verhindern konnte, daß alle ziemlich kläglich abzogen mit ihrer einzigen Kanone und den beiden Feldschlangen ohne Munition. Lavardin wollte von niemand daran erinnert werden, daß er den verunglückten Angriff auf Marmande unternommen hatte entgegen der Meinung seines Königs. Jetzt fing gar sein Fähnrich von der dummen Sache an. «Milchbart!» brüllte der gereizte Vorgesetzte. «Wenn ich Ihnen die Nase drücke, kommt Milch heraus.» Sofort wollte Rosny sich mit ihm schlagen, von den Edelleuten aber waren die einen eifrig dabei, die anderen versuchten, die Gegner zu trennen. Man hätte nicht geglaubt, in einem einzigen Zimmer mit sechs oder acht Personen könnte so viel vorgehn — alles war aber eigentlich nur Betätigung der Lebensfülle und guten Laune. Henri zeigte sich mit seinem Arm voll Blumen, warf sie unter seine Edelleute, und seinen Rosny bestrafte er, wie es recht war. Er sagte ihm, um seinen Dienst in der besten Kompanie unter den besten aller Führer wär’s nun geschehn, und er selbst, der König, wollte ihn aus Mitleid für seine große Jugend in Zucht nehmen. Das ließ der Junge sich gefallen, hatte übrigens darauf gerechnet. Gleich bekam er wieder sein still vernünftiges Gesicht. Auch Lavardin war beruhigt, und überdies umarmte ihn sein König.

Andere ereiferten sich statt dessen über diese und jene kleine Stadt, die sich Greuel erlaubt haben sollte. Das Heer des Königs von Navarra zog umher und wurde nie fertig, Frieden zu stiften, zu rächen und Ordnung zu machen. Hier war der Geheime Rat, jedes Mitglied durfte dem Fürsten seine Meinung sagen, und mehrere hielten ihm vor, er führte den Krieg nicht streng genug. Sein Vetter Condé betriebe die Operationen tätiger und klagte über seine Lässigkeit. «Es ist mein Land. Seines ist es nicht», sagte Henri — mehr für sich als für andere. Nur Mornay horchte darauf. Der ganze Geheime Rat sprach meistens durcheinander. Die allgemeine Aufmerksamkeit lenkte Henri auf sich, als er anfing zu erzählen von der Königin von Navarra. Er ließ das eine Bein vom Tisch herabhängen, das andere hatte er unter sich gezogen, kaute am Stengel einer Rose und schluchzte manchmal, wie von innerem Lachen — fühlte aber in Wahrheit keine unvermischte Freude.

Die Königin von Navarra hatte zuerst ihrem geliebten Bruder Monsieur fliehen geholfen, dann war sie ihm vorausgeeilt nach Flandern, um für seine Sache zu arbeiten. Gefährlich, gefährlich — in einem Lande, das die Spanier unter ihren Stiefeln hielten, und der größte Stiefel war Don Juan d’Austria. «Die Königin, meine Gemahlin, hat alle hinters Licht geführt unter dem Vorwande der Krankheit, die sie kurieren wollte mit dem Wasser von Spa. Bevor die Spanier, die ohne Witz sind, müßt ihr wissen — Stelzschritte machen sie, halten den Kopf steif, wie sie ihren Kragen bügeln, und können nicht sehen, was auf der Erde los ist: bevor die Spanier das erste Wort gemerkt hatten, war das ganze Land aufgewiegelt von Ihrer Majestät. Darauf hat Don Juan d’Austria sie allerdings aus dem Land hinausbegleiten lassen in aller Eile. Am Abend vorher hatte er ihr noch einen Ball gegeben. Da kann man nichts machen, ihr eigener Bruder, der König von Frankreich, hatte sie den Spaniern angezeigt aus Furcht vor Don Philipp.»

Gelächter des Unmutes, samt einigen Flüchen. In Gedanken und die Zähne zusammengebissen, schloß Henri: ‹Gleichviel. Wenigstens hat meine arme Margot auf dieser Reise sich als eine ganz große Dame gefühlt — bis zu dem Hinauswurf. Goldene Karossen und Sänften aus Samt, darin die huldreiche Königin, und überall blondes Volk, das entzückt ist. Sie hat sich auch selbst entzückt. Sonst ist sie keine glückliche Frau, meine arme Margot, in der Familie, die sie hat. Sie sollte zu mir kommen. Ich brauche sie hier.› — «Leider verbietet ihr königlicher Bruder, daß sie mit einem Hugenotten lebt.» Dies letzte hatte er laut ausgesprochen: er bemerkte, daß in dem Lärm nur einer ihn aufmerksam ansah, sein Diplomat.

«Herr de Mornay», sagte er, «es ist traurig, aber der König von Frankreich haßt seine Schwester, und sie darf uns nicht sehn.»

Mornay erwiderte, daß Ihre Majestät, die Königin von Navarra, sicher nichts so sehnlich wünschte seit ihrer verunglückten Reise nach Flandern. «Ihr königlicher Bruder wird gegen seine Frau Schwester nur aufgebracht durch die Liga. Der Herzog von Guise —»

«Gehn wir hinaus», bestimmte Henri, und er verließ vor Mornay das Zimmer. Sie machten in dem Wandelgang einige Schritte, so schnell, wie Henri es liebte, und kehrten wieder um. Der Gesandte, der aus der Gegend von Paris zurückkehrte, kannte die neuesten Morde im Louvre. Guise erhielt den König in Angst und Schrecken. Dieser flüchtete immer häufiger ins Kloster, und nicht mehr nur das jenseitige Grauen trieb ihn. Außer seinem eigenen Tod fürchtete er auch das Aussterben seines Hauses, denn die Königin schenkte ihm keinen Sohn.

«Sie wird es niemals tun», warf Henri schnell ein. «Die Valois bekommen keine Söhne mehr.» Er verschwieg, von wem die Kenntnis und Gewißheit hatte: von seiner Mutter.

Mornay sah ihn an und sagte zu sich selbst, daß Gott der Herr ihn richtig geführt habe zu diesem Fürsten. In demselben Augenblick erkannte er endgültig, wer Henri war — kein Müller von Barbaste, Schürzenjäger und Befehlshaber über zweihundert Bewaffnete, sondern der künftige König von Frankreich und seiner Berufung voll bewußt. Er gab sich einen falschen Anschein, aus Klugheit und weil er Zeit hatte zu warten, denn lang ist die Jugend. Aber niemals vergaß er. Da nun der Fürst mit einem Wort ihm sein Herz aufgeschlossen hatte, verneigte Mornay sich. Der Rede bedurfte es nicht mehr, das Einverständnis war hergestellt. Mit einer einfachen Wendung der Hand wies Henri ihn auf den Park La Garenne hin, wo sie einander demnächst treffen wollten ohne alle Zeugen.

Schon wurden sie gestört. Seine alten Freunde, d’Aubigné und Du Bartas, gebrauchten ihr Vorrecht, ihren König jederzeit zu unterbrechen. Sie kamen laufend über den Hof, erstürmten die Treppe, und sogleich sprachen sie durcheinander. Die Neuigkeit rechtfertigte allerdings ihre Aufregung. Marquis de Villars war abgesetzt. Der mißlungene Überfall auf das Schloß seines Gouverneurs hatte dem Stellvertreter die Ungnade des Königs von Frankreich zugezogen. An die Stelle des Entlassenen trat Marschall Biron, der auch wirklich alles getan hatte, um es zu verdienen. Dieser Meinung war besonders Agrippa. Voll glücklicher Zuversicht rühmte er den neuen Stellvertreter, der aus lauter Edelmut seinen Einfluß bei Hof aufgeboten hatte gegen den düsteren Vorgänger. Du Bartas, von ganz verschiedenem Temperament, erwartete von dem neuen Mann ein noch ränkevolleres Verhalten als das des alten. In die beiden Ansichten teilte sich dann der Geheime Rat, als die Mitglieder von der Sache hörten.

Die Vernünftigsten, wie Rosny und La Force, dieser katholisch, sahen in Biron vor allem einen Gallensüchtigen mit gelben Augen; im Jähzorn hatte er einem Pferd die ganze Schnauze heruntergesäbelt, was nicht für ihn zeugte. Lavardin und Turenne, gleichfalls von verschiedenen Bekenntnissen, waren dennoch darin einig, daß dem Marschall Biron ein gewisses Vertrauen zu gewähren sei. Er entstammte einer der ersten Familien der Provinz Guyenne. Ihm käme es von selbst zu, hier Frieden zu halten. Dies hätte man glauben können. Henri aber las, während der Geheime Rat sich ereiferte, die königliche Verfügung: seine alten Freunde hatten sie ihm übergeben. Darin stand nun, daß Marschall Biron die Macht und Befugnis erhalte, unbeschränkt zu befehlen überall in Provinz und Land Guyenne, in Abwesenheit des Königs von Navarra. Als ob ich abwesend wäre — zum Beispiel gefangen im Louvre! So begriff Henri. Ihm wurde kalt und dann heiß. Er rollte das Schriftstück zusammen und ließ keinen anderen hineinsehen.