Da traten sie zu Karl ins Schlafgemach. Keine Wache hielt sie zurück, denn es waren Madame Catherine mit ihrem Sohn d’Anjou und den vieren, die sie noch mitbrachte. Karl der Neunte fuhr auf und meinte, er sollte ermordet werden. Dann erkannte er seine Mutter, die ihn aufstehn hieß. Als er imstande war, sie anzuhören, erschreckte sie ihn zuerst damit, daß er verloren wäre. Es ginge um seinen Thron und sein Leben. Das Nähere überließ sie den anderen. Diese bewiesen ihm mit vielen Einzelheiten, der Admiral hätte Deutsche und Schweizer hergerufen: ihnen wäre er nicht gewachsen. «Nenn ihn weiter deinen Vater!» sprach seine Mutter mit kalter Stimme dazwischen. Die Katholiken ihrerseits wären entschlossen, endlich vorzugehn gegen die Protestanten, aber nicht mehr mit ihm. «Deine Schwäche hat dich zwischen die Parteien auf den Hintern gesetzt, und beide sehen in dir ihren Feind», sagte sein Bruder d’Anjou, der so noch nie gesprochen hatte. Ihn wenigstens verstand Karl, und außer ihm verstand er noch Herrn de Tavannes. Das Gerede der drei Italiener blieb ihm um so undeutlicher, je lauter und dreister sie mit ihm französisch sprachen. Hier drückten alle auf einmal sich anders aus, als ein König erwarten durfte. Sein ganzes Dasein bekam schon dadurch ein fremdes Gesicht. Ein König ist unnahbar wie auf seinem Bild, und er hält sich die Menschen fern durch seine Art zu stehn, zu schreiten und aus den Winkeln der Lider zu blicken.
Karl der Neunte richtete sich so hoch auf, wie er konnte in seinem Schlafgewand, das sich verwickelt hatte. Er blickte aus den Winkeln und beschied die Eindringlinge: die Justiz nehme ihren Lauf. «Die Schuld der Guise hat sich herausgestellt. Ich werde sie bestrafen. Das ist mein Wille.»
Madame Catherine: «Nicht deiner. Der Wille deiner Hugenotten ist es, und du bist ihr Werkzeug, mein armer Sohn. Wenn du aber die Guise ins Verhör nimmst, werden sie dir sagen, daß sie nur die Weisungen deiner Mutter und deines Bruders ausgeführt haben; denn wir allein haben befohlen, auf den Admiral zu schießen, damit wir dich retten.»
Sie brachte auch diese Ungeheuerlichkeit vor, ohne den Ton zu erheben, und zuckte sogar die Achseln dabei. Hiermit bewirkte sie, daß er im ersten Augenblick noch gar nicht faßte, was sie wirklich getan hatte. Verhältnismäßig ruhig sagte er: «Du hast es befohlen? Mutter, das kann nicht sein.»
Sie saß vor ihm, sah hinauf und behielt ihn im Auge. Die drei Italiener wollten schon wieder loslegen. D’Anjou verwies sie zur Ruhe; er bezwang mit Mühe sein Schlottern. Dies war der gefährliche Augenblick: vergebens hatte ihr Lieblingssohn der alten Königin abgeraten, mit der Wahrheit herauszukommen.
Sie fand die Wahrheit hart wie einen Stock und daher nützlich für ihren armen Karl. «Ich habe es befohlen», bestätigte sie — saß da, sah hinauf und verfolgte, was nacheinander in ihm vorging, während er erblaßte, errötete, eine heftige Bewegung nach der Tür machte und sie wieder zurücknahm. Mehr als eine Sekunde lang war entschieden, daß er die Wache rief und alle, die hier waren, verhaftete, auch seine Mutter.
Es geschah nicht. Das Blut strömte heftig in sein Gesicht zurück, und er schwankte auf den Füßen. «Du mußt dich setzen, mein Sohn», ermahnte sie ihn, und ihrem Liebling bedeutete sie, er möchte doch sein grundloses Schlottern lassen. ‹Der Fleischer traut sich nicht›, dachte sie von Karl dem Neunten. ‹Ich handle so, daß Habsburg zufrieden sein kann, und auch die Gestirne haben es gewollt. Mit allem bin ich in Ordnung.›
Er stützte sich auf einen Stuhl und brachte böse zwischen den Zähnen hervor: «In ein Kloster sollten Sie sich zurückziehen, Madame, nachdem Sie mich zum Mörder an meinem besten Freund gemacht und mir von Mit- und Nachwelt den Fluch geholt haben.»
Madame Catherine verlor deshalb nicht ihre Ruhe, die bis zur Stumpfheit ging und auf die Dauer jeden lähmen mußte. Unerbittlich blieb sie bei ihren Absichten. «Da du den Fluch schon hast, rette wenigstens Leben und Thron! Ein einziger Schwertstreich würde genügen.»
Er begriff, gegen wen. Als wäre er selbst getroffen, fiel er auf den Stuhl nieder. Es war sein schwerster Fehler; von jetzt ab konnten alle, ein- oder mehrstimmig, auf ihn einreden, so lange sie mochten. «Ein einziger Schwertstreich — befehlen Sie ihn, Sire, und Sie verhindern eine Menge Unglück und die Metzelei von Tausenden.»
Er schüttelte heftig den Kopf und schloß die Augen. «Die Stadtviertel von Paris bewaffnen sich», rief d’Anjou mit frischem Mut und einem Schlag auf den Tisch. Das taten die Stadtviertel allerdings, aber nur infolge der Gerüchte, die er selbst ausgestreut harte, daß zahllose Hugenotten im Anmarsch wären. Karl öffnete gegen ihn ein müdes Auge, darin stand viel Verachtung. Obwohl entmutigt und niedergeschlagen, leistete er Widerstand auf seine Art: er verschloß sich und verachtete. Darauf verdoppelten alle Verschworenen ihre Anstrengungen gegen den einen Mann. «Du kannst nicht mehr zurück. — Sie können nicht mehr zurück. — Sire, Sie können nicht!» Das griff ineinander, jede Stimme verstärkte die vorige, jede drang einzeln durch, unten der dumpfe Ton der Alten, oben zwei klangvolle italienische Organe neben einem, das kreischte wie ein Papagei. D’Anjou und de Tavannes stießen zwischen hinein einen anfeuernden Kriegsruf. «Tod dem Admiral!»
Karl erlitt die Folter eine Stunde lang. Manchmal sagte er, ohne daß man ihn hörte oder dergleichen tat: «Ich erlaube nicht, daß an den Admiral gerührt wird.» Er sagte auch: «Ich kann mein königliches Wort nicht brechen.» Das hatte er einem französischen Edelmann gegeben — und vergaß hier, zu wem er redete. Es war denn auch, als hätte er es nicht gesagt.
Auf einmal stöhnte er, entriß sich seiner Entschlaffung, streckte Kopf und beide Hände bedrohlich nach dem Ausgang. ‹Doch noch die Wache?› dachte seine Mutter mit einer Anwandlung von Unbehagen. Er beging aber etwas viel Merkwürdigeres. Er fragte: «Wo ist mein Bruder?»
Hiernach wurde es völlig still: alle betrachteten ihn und einander. Was meinte er, und von wem sprach er? Seine Mutter sagte: «Dein Bruder ist hier, mein Sohn.» Da ihr Hinweis an seiner Haltung auch das Geringste nicht änderte, begriff sie nicht mehr. Madame Catherine war in allen Tatsachen gerecht; nur vor dem Gefühl versagte sie und wurde dumm. Übrigens war sie nicht dabei gewesen, als ihr armer betrunkener Sohn eines Abends dies gehetzte Geraune hatte hören lassen am Ohr seines neuen Schwagers: «Navarra! Räche mich! Darum gebe ich dir meine Schwester. Räch mich und mein Königreich!»
Ein Zufall, daß der junge Henri um dieselbe Zeit zu Bett lag, umringt von vierzig seiner Protestanten. Er hätte auch aufstehn können. Sie hatten Ansprüche an den König genug; wozu sie verschieben auf den Morgen. Gleich jetzt konnten alle sich aufmachen und das königliche Vorzimmer erstürmen mit ihrer Übermacht. Die Tür fliegt weg: mein Bruder! Du kommst und befreist mich.
Unbeweglich stand die Tür, sein Bruder ließ ihn allein, der Unglückliche fühlte das Ende nahen. Das sah Madame Catherine ihm auch an, darauf verstand sie sich. Jetzt wußte er sich verlassen und ausgeliefert. Schnell, den Gnadenstoß! Sie stützte sich am Stock vom Sitz auf, faßte ihren Sohn d’Anjou bei der Hand und rief, lauter als alles bisher: «Komm fort von diesem Hof, damit wir uns vor dem Verderben erretten und die Katastrophe nicht mit ansehn müssen. Wie leicht wäre sie zu vermeiden gewesen! Deinem Bruder fehlt nur der Mut, er ist ein Feigling!»
Dies hören, und auch Karl war auf den Füßen. Feigling! Um sein Gesicht klatschte eine Peitsche. Der Abgrund öffnete sich unter ihm, da seine Mutter ihn aufgab. In seinem Kopf tobten die Widersprüche. Ehre, Furcht, die Wut und das bessere Wissen machten alle zusammen aus ihm ein Wesen mit zuckendem Gesicht. Er hätte auf die Knie fallen können. Er konnte ebensogut irgendeinen von ihnen erdolchen. Aber er wählte etwas Drittes, er wurde toll. Sein Ausbruch von Raserei bewahrte ihn im letzten Augenblick vor dem Untergang in Verzweiflung. Er fing an, umherzurennen und zu brüllen, womit er sich anfeuerte. Seine Schauspielerei hatte dabei nicht weniger zu sagen als die schaudernde Natur. Er stürmte die Bahn frei und warf an die Wand, wer im Weg war. Madame Catherine wurde beinahe geläufig, sie hockte sich hinter einen festungsartigen Schrank und schätzte ab, wie weit seine Tollheit gehen würde. Auch in dieser Hinsicht hegte sie Zweifel an der Begabung ihres armen Sohnes.
Jetzt hielt Karl an — in der Mitte des Zimmers als einzig dastehende Schreckensgestalt, wie er sich haben wollte. Mäuschenstill war es; trotzdem brüllte er: «Ruhe!» Immer noch zu seiner Anfeuerung stieß er Lästerungen der Mutter Gottes aus. Dann kam das Erzeugnis seines Wahnsinns. «Ihr wollt den Admiral umbringen: will ich auch. Will ich auch!» brüllte er, daß sich ihm wahrhaftig der Kopf drehte. «Aber alle anderen Hugenotten in ganz Frankreich» — Augenrollen und Gebrüll — «sollen mit dran glauben. Nicht einer soll übrigbleiben, nicht einer, der mir nachher mit Vorwürfen kommen könnte. Das will ich nicht haben, das nicht. Macht schon und gebt die Befehle aus!» Mit Aufstampfen und Gebrüll: «Wird’s bald? Oder —»
Aber es gab kein Oder mehr, und der Unglückliche wußte es. Sie beeilten sich, sie klemmten einander ein, weil jeder vor dem anderen hinaus wollte. Die letzte war seine Mutter; sie wendete sich noch auf der Schwelle nach ihm um, und sie nickte ihm zu mit ungewohnter Anerkennung. Es hieß: das hast du besser gemacht, als ich von dir erwartet hätte. Hinter der geschlossenen Tür horchte sie kurz, wie er sich jetzt verhielt. Etwas zu lautlos. Eine Ohnmacht? Man hat ihn nicht fallen gehört. Kaum so recht vorzustellen. Unvorstellbar — fand Madame Catherine und watschelte geschäftig den anderen nach. Denn vieles war zu beschließen und alsbald zu tun. Sie hatte nicht ganz ernstlich geglaubt, wenn sie früher ihren Geist über einen Abgrund spannte, daß sie den jenseitigen Rand jemals in Wirklichkeit erreichen würde. Jetzt war sie drüben, dank ihrer Geduld, Kühnheit und Voraussicht. Dafür gebührte nur ihr die oberste Leitung alles Bevorstehenden. Ihr Sohn d’Anjou war fernzuhalten von der Ausführung. Der künftige König darf nicht persönlich hervortreten bei einem Werk, das nützlich und richtig ist, obwohl es auf den handelnden Personen vielleicht doch unliebsame Kennzeichen hinterlassen wird. Zwölf Uhr. Welche Nacht ist dies? Sankt Bartholomäus. Unsere Unternehmungen mögen noch so sehr angemessen dem Weltgeschehen sein, sie bleiben immer in Gefahr, mißdeutet zu werden, und Dank ist ungewiß.