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Thomas, der Leutpriester
Erzählung aus der Reformationszeit
von
Marg. Lenk
Zwickau i. Sa.
Verlag und Druck von Johannes Herrmann
1909.
Alle Rechte vorbehalten!
Herrn
Pastor J. Kunstmann
in herzlicher Dankbarkeit
gewidmet.
1. Der Markttag.
Es war im Jahre 1523. Auf den zahlreichen, für jene Zeit sehr guten Landstraßen, die zu der großen, reichen niederländischen Hafenstadt Antwerpen führten, herrschte schon am frühen Morgen reges Leben. Es war Markttag, und die Landleute der Umgegend brachten auf großen und kleinen Wagen, auf Schiebkarren und in Tragkörben allerlei Erzeugnisse ihrer wohlbestellten Felder und Gärten herbei, zur Nahrung für die hunderttausend Menschen, die damals die mächtige Handelsstadt bevölkerten. Die Tore wurden geöffnet, und in langer Reihe bewegten sich die Fuhrwerke dem Marktplatze zu. Unter den letzten Nachzüglern befand sich ein Wagen, der wohl recht weither kommen mochte, denn er war mit Staub bedeckt, und das wohlgepflegte Rößlein schien herzlich müde. Als aber der Eigentümer die Leinwand wegzog, die seine Waren bedeckte, zeigten sich nicht nur Feldfrüchte der besten Art, sondern auch herrliches Obst und eine Fülle frischer Blumen, zierlich zu Sträußen gebunden und in Körbe geordnet.
»Faß zu, Thomas«, rief der Mann dem etwa zehnjährigen Knaben zu, dem er die Zügel zu halten gegeben. »Hilf mir das Leintuch zusammenfalten! Nicht so! Mußt denn alles verkehrt machen? Nur hurtig! Es wird bald zur Frühmesse läuten, und wir sind noch weit vom Marktplatz.«
Nun fuhren sie wieder die jetzt schon belebte Straße entlang. Der Vater freute sich, wenn jemand im Vorübergehen seine frischen Waren bewunderte; die schönen blauen Augen des blonden Knaben schweiften ins Weite.
»Na, Thomas«, begann der Vater, »'s ist das erstemal, daß du die große Stadt siehst. Nun schau brav um dich, daß du die Welt kennen lernst.«
»Wohl, Vater«, erwiderte der Junge. »Eben flog ein Vöglein auf von jenem Dache! Wie frei und leicht schwang sich's empor bis zum blauen Himmel! Wie glücklich mag's sein dort oben!«
»Dummer Bub! Vögel kannst daheim übergenug sehen! Betracht' doch die stattlichen Häuser, die Säulen, die Erker, die Schildereien an Fenstern und Türen! Sieh doch, wie emsig die Leute laufen! Ja, hier hat keiner Zeit zum Träumen! Jeder treibt sein Gewerbe, seine Kunst, seinen Handel! Jungens und Mädel in deinem Alter verdienen schon manch blankes Geldstück. Sieh dort die prächtige Kutsche! Da sitzt gewiß ein Edelmann drin oder ein reicher Kaufherr! Und guck mal die Gasse hinab! Ich will ein wenig stillhalten, daß du die vielen, vielen Masten und die flatternden Wimpel von ferne sehen kannst. Dort unten ist der Hafen; wenn du wacker hilfst, führ' ich dich nachmittags hin. Wie wirst du staunen über die Menge der Schiffe!«
»Sieh, sieh, Vater«, rief der Junge dazwischen, »das Mägdlein dort hat eine rote Nelke am Brustlatz! Just eine solche, wie auf meinem Gartenbeet blühen. Ob sie Grete wohl begießen wird?«
Der Vater schwieg. Es war nichts zu machen! Sein Jüngster blieb ein Träumer, der nimmer in die geschäftige Welt paßte! Böse konnte man dem Buben nicht sein; war er doch immer freundlich und gehorsam.
»Nun«, sagte er endlich, »halt' dich nur heute brav und geh mir wacker zur Hand.«
»Gewiß, Vater; ich hab's ja der Muhme Lene versprochen.«
Kaum war der große Marktplatz erreicht, als die Glocken der vielen Kirchen fast zu gleicher Zeit zur Frühmesse läuteten. Die beladenen Wagen wurden im sicheren Schutz bewaffneter Markthüter gelassen. Die Landleute aber eilten der nahen prächtigen Marienkirche zu; etliche wohl in aufrichtiger Andacht, andere, um Auge und Ohr zu weiden an der Pracht des Gotteshauses, dem herrlichen Orgelspiel und lieblichen Gesang der wohlgeschulten Chorknaben.
Thomas aber kniete neben dem Vater und wagte kaum zu atmen vor Staunen über etwas Wunderherrliches, von dem er kein Auge abwenden mochte. Es war ein buntes Fenster, ihm gerade gegenüber. Die Jungfrau Maria war darauf abgebildet in einem Gewand so blau wie der Himmel, das goldene Haar unter weißem Schleier hervorquellend. Auf dem Haupte trug sie eine Krone, besetzt mit Edelsteinen, die herrlich in allen Farben glänzten. In den Armen hielt sie das JEsuskindlein, klein und mager, nur mit einem Hemdchen bekleidet, aber mit wunderbar ernsten, tiefen Augen. War wirklich die Messe schon vorüber? Ja, der Gesang verstummte, das Gemurmel der Priester an den Altären hörte auf; die Lichter in den goldenen Leuchtern wurden ausgelöscht. Auf einen Rippenstoß des Vaters erhob sich der Knabe mit bösem Gewissen. Ach, er hatte ja gar nicht gebetet! Immer nur das Bild angeschaut und den Kranz von leuchtenden Sternen, der es umgab!
Aber jetzt war keine Zeit nachzudenken, denn bald war das Marktgewühl in vollem Gang. Thomas mußte, auf dem Wagen stehend, dem Vater herunterreichen, was die Frauen und Mägde zu kaufen wünschten. Oft mußt' er auch einer den schweren Korb ein paar Straßen weit nachtragen, und hatte dann viel Mühe, sich wieder zurückzufinden. Ach, ach! Einmal kam sogar eine Schar spanischer Soldaten die Gasse entlang, so daß alles, an die Häuser gedrängt, Platz machen und warten mußte. Furchtbar erschienen sie dem weltfremden Knaben mit ihren klirrenden Schwertern und blanken Spießen! Hu, wie scharf mochten die sein! Ob sie wohl schon jemand damit totgemacht hatten? Ach gewiß! Sie sahen finster und bös aus! Dennoch fand er sich immer glücklich wieder zum Vater, wenn's auch manchmal etwas lange dauerte. Wenn er so freundlich lächelnd um den Weg fragte, wies ihn keiner zurück. Ja, in seiner Tasche klingelten sogar einige kleine Geldstücke, die man ihm als Trägerlohn geschenkt.
Es war das erste Geld, das in seine Hände kam. Was konnte er wohl dafür kaufen für Muhme Lene und die Geschwister daheim? Unter den Säulenhallen in den Gassen bot man allerlei Herrlichkeiten feil, die das Landkind kaum dem Namen nach kannte. Aber dort gab's ja bunte Halstücher! Das war was für Muhme Lene. Ihr zuliebe raffte er all seinen Mut zusammen, zeigte auf eins der glänzenden Tücher und bot zwei seiner Gröschlein dafür. O weh, wie ward er ausgelacht! Feuerrot im Gesicht rannte er davon. Die Tücher waren von kostbarem Brabanter Seidenstoff! Aber sieh, da gab's Bilder, und hier hatte er mehr Glück. Für die Geschwister erhandelte er ein paar lustige Holzschnitte mit Verslein darunter; für Muhme Lene aber, o Wonne! erlangte er ein genaues, wenn auch sehr kleines Abbild des Kirchenfensters, das ihn so sehr entzückt. Wie würde sie sich freuen! Nun schnell zurück zum Vater! Aber da war wieder etwas, das seinen Blick mächtig anzog. Dort vor jenem stattlichen Hause herrschte reges Leben. Prächtige bunte Tücher hing man zu den Fenstern heraus; Blumenranken wurden in zierlichen Bogen an den Mauern befestigt, und die zur Haustür emporführenden Stufen belegte man mit einem prächtigen Teppich. Dienende Knaben und Mägde liefen geschäftig ab und zu mit verdeckten Körben, Blumenkränzen und allerlei kostbarem Gerät. Trotzdem fanden nur wenige Vorübergehende Zeit, zuzuschauen; jeder ging emsig seinem Beruf nach. Thomas aber zupfte schüchtern eine blumentragende Magd am Gewand und fragte:
»Wohnt der Kaiser in diesem Hause, daß ihr es so herrlich schmückt?«
»O du Einfalt!« rief das Mädchen. »Der Kaiser ist weit weg im Krieg! Dies Haus gehört meinem gütigen Herrn, dem Goldschmied van der Groot! Er feiert heute Hochzeit mit einer tugendsamen Jungfrau.«
Ganz erfüllt von dieser Neuigkeit sprang der Junge auf des Vaters Wagen zu, ward aber mit Scheltworten empfangen wegen seines langen Ausbleibens. Schnell eingeschüchtert schwieg er und zeigte sich doppelt emsig, um den Vater wieder freundlich zu stimmen, was ihm auch bald gelang. Um die Mittagszeit war der Wagen leer bis auf einige Blumen, und des Vaters Lederbeutel voll. Man labte sich in der Herberge an einem guten Hirsebrei und gesottenem Fisch.
Horch, da begannen die Glocken von St. Marien von neuem zu läuten.
»Warum wohl?« fragten die Tischgenossen.
»Ich weiß«, sprach Thomas errötend; »der ehrenfeste Goldschmied van der Groot macht Hochzeit mit einer tugendsamen Jungfrau. Ich sah, wie man sein Haus schmückte. O Vater, laß uns hingehen und den Zug sehen!«
Schon hatte der Vater eine rauhe Antwort auf den Lippen, als ihm einfiel, wie selten sein Kleinster etwas verlangte, während die älteren Buben, wenn er sie mit in die Stadt genommen, kein Ende gefunden hatten mit Wünschen und Betteln.
»So mach' hurtig«, sprach er, »daß wir nicht zu spät kommen.«
Im Vorbeigehen griff Thomas noch in den Blumenkorb und nahm einen schönen Lilienstengel heraus, der auf seinem Gartenbeet gewachsen war.
Als sie die Kirche erreichten, waren die Pforten schon geschlossen, aber das feine Ohr des Knaben vernahm zarten Orgelklang und lieblichen Gesang. Vor der Haupttür hatte sich eine wunderliche Gesellschaft versammelt. Alles, was blind, lahm, gebrechlich und elend war, belagerte die Stufen, die zur Kirchtür führten, in froher Erwartung der Dinge, die kommen sollten. Was aber frisch, gesund und arbeitsfähig war, blieb in bescheidener Entfernung stehen.
Horch! Da brauste die Orgel in festlichen Klängen; die Tür flog auf, zwei Herolde mit vergoldeten Stäben traten heraus, gefolgt von schöngekleideten Knaben, die aus umgehängten Beuteln Geldstücke auswarfen. Jubelnd wurden sie von den Bettlern und ihren Führern aufgesammelt. Jetzt aber erschien das edle Paar in prächtiger, mit Gold und Edelstein reichgeschmückter Kleidung. Herr van der Groot war ein stattlicher, ernster Mann mit geistvollen Zügen und wunderbar klaren blauen Augen. Sein holdes Ehegemahl war viel jünger; zart und fein von Gestalt, glich sie einer Blumenranke, die sich an den Eichbaum klammert. Als sie nun, gefolgt von edeln Gästen, feierlich durch die versammelte Menge schritten, erklang plötzlich eine hohe, helle Kinderstimme: »Heil dem ehrenfesten Goldschmied van der Groot und seinem holden Ehegemahl!« »Heil, Heil!« antwortete jubelnd die Menge, bis die Herolde Ruhe geboten. Der ernste Mann aber hatte den zarten Knaben, der den Ruf getan, wohl bemerkt. Er winkte ihm, näher zu treten. Schüchtern gehorchte Thomas und bot den Lilienstengel der lieblichen Braut, die ihn mit freundlichem Lächeln annahm.
»Du wünschest mir Heil, mein Kind«, sprach der Goldschmied; »das kommt allein von Gott. Bete zu Ihm, daß Er es über mein Haus ausschütte. Nimm dies, nicht als Almosen, nur als Andenken an diese Stunde!« Damit reichte er dem Kinde ein großes, glänzendes Goldstück.
Verwundert blickte Thomas auf. Seine ernsten Augen begegneten denen des vornehmen Mannes; dann zog ihn der Vater am Kittel zurück, und der glänzende Zug ging vorüber.
»Wie konntest du den Heilruf anstimmen vor so vielen Menschen?« fragte der Vater. »Bist ja sonst so blöde, daß du kaum ein Wort hervorbringst?«
»Ich weiß nicht, Vater. Der Mann sah so wacker aus, und die Frau so lieblich. Muhme Lene hat mir erzählt, daß einmal alle Leut' gerufen haben: ›Heil, Heil dem Kaiser!‹ Das hat mir so gut gefallen. Das Goldstück will ich wohl bewahren und tun, was mir der edle Herr gesagt hat.«
Damit war die Sache abgetan, und der Vater kam nie mehr darauf zurück.
Nun war's die höchste Zeit, nach dem Hafen zu gehen. Ja, da gab's Wunderdinge zu sehen! O welche Menge von Schiffen! Und so große waren darunter, die haushoch aus dem Wasser emporragten und sogar Guckfensterlein hatten. So weit das Auge blicken konnte, nichts als Schiffe! Manche still vor Anker liegend, andere mit geschwellten Segeln hinausziehend in die Ferne. Und dazwischen schlüpften die kleinen Fischerboote hindurch! Es war ein Wunder, daß sie nicht zerdrückt wurden. Das größte, stolzeste Fahrzeug lag weit draußen vor Anker; es war eben erst angekommen aus dem fernen Indien. Auf kleinen Kähnen wurden die Reisenden ans Land gebracht. Welch ein Getümmel war um sie her! Wie begrüßte man sie!
»Waren sie lange weg?« fragte Thomas leise. »Eine ganze Woche oder gar einen Monat?«
»Dummer Bub! Zwei Jahre sind sie weggewesen! Weit, weit weg, wo die Leut' schwarz aussehen. Guck, wie das junge Weib dem heimkehrenden Manne das feine Knäblein hinhält, daß er's liebkose! Das ist geboren, während er weg war! Vielleicht ist er als armer Mann ausgezogen und reich heimgekehrt. Gelt, das muß schön sein?«
Aber Thomas schüttelte den Kopf und sprach: »Ich tät ja sterben vor Heimweh! 's ist mir heut schon bange, daß ich in der Herberg' bleiben muß und der Muhme Lene nicht gute Nacht sagen kann.«
Von dem reichlichen Abendbrot in der Herberge mochte Thomas nur wenig genießen. Die Eindrücke des Tages hatten ihn sehr müde gemacht, so daß er froh war, als man ihm erlaubte, sich im Winkel des großen Raumes ins Stroh zu verkriechen, das dort zum Nachtlager für die Marktleute aufgeschüttet war. Besondere Gaststuben mit Betten gab es damals nur für hohe Herren.
Todmüde hatte sich der Junge hingestreckt, war aber viel zu aufgeregt, um gleich einzuschlafen. Solange die Männer am Tische laut redeten, lachten und scherzten, auch den Bierkrügen wacker zusprachen, hing er seinen Gedanken nach, ohne sich um sie zu kümmern. Schon fielen ihm die Augen zu, als man am Tische plötzlich leise und geheimnisvoll zu reden begann. Unwillkürlich lauschte Thomas nun gespannt, und was er vernahm, mußte wohl schrecklich und tiefergreifend gewesen sein, denn er weinte so sehr, daß die Tränen ins Stroh tropften, bis der blonde Kopf endlich niedersank, und fester Schlaf den müden Knaben umfing.
Ganz früh am andern Morgen weckte ihn der Vater. Hurtig mußte er alles zur Heimfahrt richten helfen, und bald trabte das Rößlein munter die Landstraße entlang. Der Vater war gutes Mutes, ließ den Jungen die Zügel halten, zog den gefüllten Lederbeutel hervor und reichte ihm einen silbernen Groschen.
»Das ist dein Lohn fürs wackere Helfen. Tu's zu dem, was dir die Leute geschenkt haben.«
»Ei, Vater, dafür hab' ich feine Bildchen gekauft für Muhme Lene und die andern daheim.«
»O du Nichtsnutz, du Dummkopf!« schalt der Vater. »Weißt du nicht, daß das Geld das Beste ist auf der Welt? All das Rennen und Laufen, all das Schaffen und Arbeiten, das du in der Stadt gesehen hast, geht ums Geld. Und du wirfst das erste, das du gewinnst, für ein paar Blättlein Papier hin!«
»Nicht für die Blättlein«, sagte der Junge schüchtern, »für die Freude, die sie daheim haben werden.«
Wie harmlos sah das Kind aus; man konnt' ihm nicht böse sein!
»Aber das Goldstück, das dir der edle Herr gab, verschleuderst du nicht, gelt?«
»Nimmer, Vater! Es ist ja ein Andenken! Täglich will ich beten um Heil und Segen für den Herrn.«
Nun waren sie draußen zwischen wogenden Kornfeldern, üppig grünen Wiesen und wohlgepflegten Gärten. O wie viel, viel schöner war's hier als zwischen den Stadtmauern! »Nie, nie will ich in der Stadt wohnen«, dachte Thomas; »man wird so müde und zuletzt hat man böse Träume. Was war es doch, das ich gestern abend träumte? Es war so traurig, daß ich weinen mußte, und jetzt hab' ich's ganz vergessen!«
Sieh, da tauchten schon die Hütten des heimatlichen Dorfes am Horizonte auf! Jetzt sah man die zwei uralten Linden, die vor des Vaters Hoftor standen. Eilig lief das brave Rößlein; es freute sich auf seinen Stall und eine Krippe voll Hafer. Und jetzt! Nein, Muhme Lene stand nicht am Tor, um ihren Liebling zu begrüßen, wie sie versprochen hatte. Wohl aber kam Grete, die älteste Schwester, heraus, mit Tränen in den freundlichen Augen. »Muhme Lene ist krank, liegt oben in ihrem Kämmerlein und mag nicht essen noch trinken.« Bald saß der Knabe am schmalen Bett im Dachkämmerchen.
Muhme Lene war sehr alt, doch hatte niemand daran gedacht, weil sie immer so munter, so freundlich und geschäftig gewesen war. Aber jetzt sah man es! Wie eingefallen waren ihre Wangen, wie spärlich das schneeweiße Haar, wie mager die abgearbeiteten Hände und Arme, die aus dem sauberen Nachtgewand hervorsahen!
Thomas wollte sie umarmen und küssen, wagte es aber nicht; sie sah so feierlich aus. Er küßte nur ihre Hand und ließ sich auf dem Kasten, der am Bett stand, nieder.
»Wo tut dir's weh, liebe Muhme? Soll Mutter nicht Salbe bringen oder einen Saft?«
»Nein, Herzensbub! Mir hilft nicht Salbe noch Saft. Schon lang fühl' ich die Kräfte schwinden, aber ich klag' nicht gern; das weißt du! 's hat ja auch keiner Zeit, darauf zu hören! Gestern brach ich zusammen am Waschfaß. Die Beine sind mir gelähmt, und auch der linke Arm. Der Hans und der Knecht mußten mich herauftragen. Ich komm nicht wieder herunter, bis man mich ins letzte Bett legt. Gelt, mein Liebling, du bleibst bei mir und pflegst mich gern?«
»O so gern! Nimmer, nimmer verlaß ich dich, gute, liebe Muhme!« rief der Knabe mit ausbrechenden Tränen. »Ich hab' dir auch was mitgebracht, was ganz Schönes.« Damit zog er das Marienbildchen aus dem Brustlatz und hielt es ihr hin.
»Dank, Dank, du guter Bub! 's ist ein fein Bild; ich hab's oft angestaunt in der Marienkirche. Doch hat's einen Fehler.«
»Wo ist er denn? Ich seh' ihn nicht«, sprach der Knabe.
»Deine Augen sind noch zu jung. Laß es für heute gut sein. Kleb' es da fest an die Bettwand, wir reden ein andermal davon. Jetzt geh, zieh dein Sonntagswams aus und hol' dir was zu essen. Kannst mir ein Becherlein Milch mitbringen.«
2. Muhme Lene.
Nirgends ist ein Kranker überflüssiger als auf dem Bauernhof. Das Vieh darf ja nicht warten; es muß zuerst versorgt werden, es bringt ja Geld ein! Und dann kommen die Gesunden dran, sie müssen ja essen, ehe sie zur Arbeit ausziehen. Der Kranke hat Zeit, zu warten; er ist eben nur eine Last. Aber Muhme Lene hatte es gut. Der kleine, träumerische Junge ward alsbald zu ihrem Pfleger bestimmt, und man war eigentlich froh, ihn beschäftigt zu wissen, da er in Haus und Hof nicht recht zu brauchen war und viel Verdruß anrichtete. Die Dorfschule, die er sonst gern und fleißig besuchte, war bis nach der Ernte geschlossen, und länger würde es die Alte wohl kaum treiben.
So dachte die Bäuerin, eine harte, starke Frau, vor der alles, was schwach, zart, ängstlich und hilfsbedürftig war, nur wenig Gnade fand. Ihr war's ein Greuel, daß ihr Jüngster so anders geriet als ihre älteren, handfesten Sprößlinge. Sie hatte ihm selten ein liebreich Wort gegönnt; er war vom ersten Tag an »Muhme Lenes Bub« gewesen.
Auf der ganzen Welt gibt's keine bessere Lehrmeisterin als die Liebe. So begriff auch der Junge gar bald, was zur Behaglichkeit der Kranken diente. Er schüttelte ihr die Kissen, er kühlte ihre heiße Stirn, rieb ihr die steifen, schmerzenden Glieder, und wenn sie schlummerte, verjagte er unermüdet die Fliegen und Mücken, die ihren Weg durchs Dachfensterlein nur allzu zahlreich fanden. Sie war geduldig und bescheiden, nur fein sauber mochte sie's gern um sich sehen. Sie sagte, sie sei das von Jugend auf gewöhnt. Auch darin war der Junge ihr ähnlich; alles Unreine war ihm zuwider. So fegte und putzte er jeden Morgen im Stübchen umher, bis alles blitzblank war, sorgte auch stets dafür, daß auf dem Kasten neben dem Bette, der das ganze Besitztum der Muhme in sich barg, täglich ein frischer, duftender Strauß im irdenen Gefäß stand. Die Blumenzucht war schon damals recht allgemein in den Niederlanden, und es gab selten ein Bauerngut, das nicht ein blühendes Gärtlein aufzuweisen hatte. O wie liebte Thomas die Blumen! Wie lange konnte er stehen und in den Kelch einer Lilie oder in eine volle Rose blicken! Wie oft hatte man ihn darum geneckt, auch wohl gescholten!
Nur Grete, seine älteste Schwester, verstand ihn darin, und war überhaupt die einzige im Hause, die ihn niemals schalt, auch niemals verspottete wegen seines träumerischen Wesens. Sie war groß und stark und konnte nicht mehr allzu jung sein, denn zwischen ihr und Thomas stand eine stattliche Reihe rotwangiger Mädel und stämmiger Burschen. Jetzt war sie auch die einzige, die täglich Zeit fand, einen Besuch im Krankenstübchen zu machen und den beiden Einsamen etwa einen Leckerbissen zu bringen.
Einen Arzt für die Kranke zu holen, kam keinem in den Sinn, war überhaupt bei dem Landvolk jener Zeit nicht gebräuchlich. Wer so alt war, wie Muhme Lene, taugte ja nicht mehr viel auf der Welt und konnte wohl abkommen. Dennoch zog sich die Krankheit in die Länge, ja es ging der guten Alten sogar zeitweise besser, daß sie allerlei schönes Gespräch mit ihrem kleinen Pfleger führen konnte.
»Zünd' doch das Lämpchen an«, bat sie eines Abends, »es ist ja schon sticheldunkel.«
»Laß es noch ein Weilchen so«, bat der Knabe, der lange still auf seinem Schemel gesessen hatte. »Ich möchte dir heute was sagen, das mir schon lang auf dem Herzen liegt. Erst meint' ich, es sei ein Traum gewesen, aber es war doch keiner.«
»So sag's, mein Bub, solang es noch Zeit ist.«
»Weißt, Muhme, den Tag, als du krank wurdest, war ich doch mit dem Vater in der Stadt.«
»Ja, Kind, ich weiß.«
»Und abends lag ich im Stroh, und die Männer am Tisch dachten wohl, ich schliefe. Da erzählt' einer was halblaut, und ich mußt' horchen, ich mocht' wollen oder nicht. Der Mann hat erzählt von zwei jungen Mönchen, Johannes und Heinrich haben's geheißen. O denk' nur, Muhme, die hat man in einem großen Feuer verbrannt, ganz lebendig! Nichts Böses haben sie getan, sind schön, fromm und brav gewesen; aber sie haben etwas geglaubt, was man nicht glauben darf! Was es war, konnt' ich nicht verstehen. Und doch haben sie sich nicht gefürchtet! Sie haben gesagt, es sei, als streue man ihnen Rosen unter die Füße! Der Mann, der's erzählte, sah sich ängstlich um, als dürfe man nicht davon reden. Ich aber mußt' bitter weinen, o so bitter; schlief aber bald darüber ein, und am Morgen dacht' ich, es sei ein Traum gewesen.«
»Hast du seither zu jemand davon gesprochen?« fragte die Kranke.
»Nein, Muhme! So was sag' ich nur dir.«
»Das ist recht! Und wenn ich nimmer da bin, sag' es Gott, und bitte Ihn, daß Er dich auf den rechten Weg führt. Jetzt zünd' das Lämpchen an, schieb mir ein Kissen untern Kopf und laß mich einen Schluck Milch trinken. Du bist noch kindisch; wenn du aber männlicher wirst, bin ich nimmer da, darum will ich dir jetzt was aus meiner Jugend erzählen. Du weißt, ich bin deines Großvaters Schwester. Wir waren arm und früh verwaist. Im Norden des Landes, bei der Stadt Zwolle, waren wir daheim. Für den Knaben sorgten Anverwandte; es ist ihm gut gegangen, und er hat endlich dies Bauerngut erworben. Mich aber nahmen fromme Frauen in ein großes Haus auf, wo ich gar stille, friedliche Jahre verlebt und viel Gutes gelernt habe. Diese Frauen waren keine Nonnen und hatten kein Gelübde getan. Freiwillig wohnten sie beisammen und nannten sich ›Schwestern des gemeinsamen Lebens‹. Gar emsig ging's bei ihnen zu. Alles, was Frauenhände nur schaffen können, hab' ich dort gelernt, und mit mir eine große Zahl armer Mägdlein, die man dort erzog. Im Hause blitzte alles vor Sauberkeit, und das Paradiesgärtlein kann kaum schöner gewesen sein als unser Garten. Wir lernten auch beten, lesen und schreiben, und wenn wir spinnen oder nähen mußten, las man uns oft vor aus dem Bibelbuch. Nicht lateinisch, sondern in der trauten Muttersprache. O wie gern hörten wir zu! Alle die schönen Geschichten von Abraham, Joseph, David und dem hochgelobten HErrn Christo, die du so gern hörst, weiß ich von jener Zeit her. Auch wenn man uns zur Kirche führte, hörten wir die liebe Muttersprache. Auf der Kanzel stand dann oft ein kleiner Mann mit gar wunderbar leuchtenden Augen, den wir alle gern hatten. Ich war noch ein sehr kleines Ding, konnt' aber doch schon verstehen, wie er uns lehrte, unsere Hoffnung allein auf den HErrn JEsum zu setzen, der für uns am Kreuz gestorben sei. Auch mahnt' er uns gar freundlich zu Lieb' und Frieden, zu Treu' und Gehorsam. Als ich größer ward, predigt' er nimmer; er verließ das Sankt Agnes-Kloster nicht mehr, war auch schon sehr alt. Sein Name war Thomas von Kempen, und du bist nach ihm genannt.«
»Ist er bei uns gewesen, als ich zur Welt kam?« fragte der Junge.
»Red' nicht so albern! Wenn er schon alt war, als ich ein klein Mädel gewesen bin, wie konnt' er da noch leben, als du in die Welt gucktest? Aber als ich dich aus dem ersten Bad hob, und deine Mutter kein freundlich Gesicht machte, weil du ein jämmerlich Büblein warst, schlugst du die Augen weit auf und sahest mich an mit wunderbar tiefem Blick, der mich an ein Auge erinnerte, in das ich vor langer Zeit gern geschaut. Ueber Nacht fiel mir's ein, daß es des Predigers Thomas Auge war, und bat den Vater, dich Thomas zu nennen.«
Erschöpft schwieg die Kranke. Der Junge aber fragte: »Ja, Muhme, das mag ein guter Mann gewesen sein, aber was hat er mit den jungen Mönchen zu tun, die man jüngst verbrannt hat?«
»Wart' nur, laß mich ein wenig verschnaufen. Sieh«, fuhr sie nach einer Weile fort, »du denkst wohl, den guten Pater Thomas und die braven Brüder und Schwestern des gemeinsamen Lebens hätten alle Leute lieb gehabt? Gar nicht! Viele, besonders Priester und Mönche, haben sie beschimpft, gehaßt und verspottet.«
»Aber warum denn? Sie taten ja niemand ein Leid?«
»Nein; aber sie wußten mehr von himmlischen Dingen und lebten reiner und frömmer als die andern, waren auch so kühn, zum Himmelskönig selbst zu beten, statt zu den Heiligen. Darum hat man sie gehaßt und verachtet, und würde sie gern ausgerottet haben, wenn das Volk sie nicht so geehrt und geliebt hätte. Sieh, die zwei Knaben, Johannes und Heinrich, sind wohl auch gottseliger gewesen als die andern Mönche, und der Heiland hat sich ihnen offenbart vor andern. Das können die stolzen Priester nicht vertragen, und deshalb hat man sie verbrannt. Ihrem Leibe hat's ja weh getan, aber im Herzen haben sie himmlischen Trost gehabt; darum war's ihnen, als streue man Rosen unter ihre Füße.«
Eine Zeitlang herrschte tiefes Schweigen im Kämmerlein; dann sprach die Alte: »Halt still im Herzen, was ich dir gesagt hab'. Ich weiß, du bist kein Schwätzer! Wer weiß, wie bald du mehr davon erfährst! Jetzt leg' mich nieder, denn ich bin matt.«
Es war das letztemal gewesen, daß die Muhme lange und zusammenhängend sprach. Am andern Morgen war eine Wendung in ihrer Krankheit eingetreten; sie war müde und hinfällig an Leib und Seele; ja, zuweilen wanderte ihr Geist, so daß sie seltsame Dinge redete, und dem einsamen kleinen Pfleger bange ward.
Doch beklagte er sich gegen niemand darüber. Es hätte ihm auch nichts genützt, da die Ernte eben in vollem Gange war und alle Hände reichlich beschäftigte. Ja, man hätte wohl oft vergessen, ein Süppchen oder einen Brei für die beiden Stillen im Dachkämmerchen zu kochen, wenn es Grete nicht getan hätte. Sie war es auch, die den Vater mehrmals erinnerte, daß es wohl Zeit sei, den Priester zu holen, damit er der Kranken die Sterbesakramente reiche. Er hätt' es wohl getan, doch wollte die Mutter nichts davon wissen. »'s hat wohl Zeit, bis das Korn herein ist«, sagte sie. »Wenn der Pfaff den weiten Weg machen soll, müssen wir ihm einen guten Tisch rüsten und den Schmutz aus der Diele schaffen. Dazu hat jetzt niemand Zeit. Die Alte hat ein gar zähes Leben!«
Droben im Kämmerlein aber ward's stiller und stiller. Die Kranke litt nicht viel und lag meist mit gefalteten Händen. Eines Abends, als es schon dämmerte, fragte sie leise: »Thomas, was ist das da unten am Bettrand?«
»Das Bildchen, gute Muhme, das ich dir jenesmal aus der Stadt mitbrachte. Aber du kannst's nicht erkennen, 's ist ja fast finster.«
»O, ich seh' es wohl! Du mußt's ändern! Nimm der Mutter das Krönlein ab und setz' es dem Kinde auf.«
»Wie kann ich? 's ist ja nur gemalt.«
»Du hast's schon getan! Ich seh' Ihn ja mit der Himmelskrone! Die Arme breitet Er aus, die ganze Welt an Sein Herz zu ziehen! Auch mich, die arme Alte! O mein Heiland, mein Erlöser!«
Nun ward sie still; nur schwacher Dämmerschein drang noch durchs kleine Fenster. Der Knabe kniete am Bett und wagte nicht aufzustehen, um das Lämpchen anzuzünden. Die Muhme atmete so schwer. Es dauerte lange; der Kopf des kleinen Pflegers sank auf den Bettrand nieder, leichter Schlummer umfing ihn. In Haus und Hof ward es lebendig; man brachte die gefüllten Erntewagen herein. Sobald Grete einen Augenblick frei hatte, sprang sie die Treppe hinauf ins Krankenstübchen. Sie fand den Bruder schlafend; die Muhme tot mit stillen, verklärten Zügen.
Nur von Grete und Thomas ward sie schmerzlich beweint und in liebreichem Andenken behalten. Die andern meinten, sie sei eben alt und unnütz geworden, und es wäre recht gut, daß sie nicht länger zur Last gelegen habe. Niemand dachte dankbar daran, daß sie ihre Kraft dem Wohle des Hauses geopfert, und alle Kinder, vom ältesten bis zum jüngsten, zärtlich auf den Armen getragen hatte. Nach wenig Tagen ruhte ihr müder, abgezehrter Leib im Grabe. Die beiden Getreuen hätten es gern gesehen, wenn man eine schöne Steinplatte darauf gelegt hätte, aber davon wollten der Bauer und seine Frau nichts wissen. Doch ließ man ein paar Seelenmessen für sie lesen, damit sie die Qual des Fegefeuers nicht allzulange leiden müsse. Immerhin war's schlimm, daß man den Priester nicht früher geholt.
Thomas aber hatte dabei seine eigenen Gedanken, die er niemand anvertraute, nicht einmal der guten Grete. Er wußte fest und gewiß, daß Muhme Lene nicht im Fegefeuer war, sondern im Himmel bei Gott und dem HErrn Christo. Sie hatte Ihn ja selbst im Geist gesehen und ganz laut zu Ihm gerufen! Immer und immer wieder klang ihm dieser letzte Ruf in den Ohren und noch lauter im Herzen.
Eines Tages erbat er sich vom Schulmeister ein Stücklein reines Papier, saß lange damit in einem Winkel und schrieb endlich ein Verslein drauf:
»Schlaf wohl, du liebe Muhme
In deinem stillen Grab!
Nur eine Rosenblume
Ich drauf gepflanzet hab'.
Von langer Arbeit ruhet
Dein müder Leib sich aus;
Die Seel' ist aufgeflogen
Zu ihres Gottes Haus.
Mein Heiland! Mein Erlöser!
So riefst du himmelwärts;
Und wer so ruft, den drücket
Der Heiland an Sein Herz.
Es wäscht ihn der Erlöser
Von allen Sünden rein,
Führt ihn im weißen Kleide
Zur Himmelstür hinein.«
Dann riß er ein Stück der Silberborte ab, die sein Sonntagswams schmückte, ging still hinaus zum Kirchhof und band das Zettelchen an den Rosenstock, den er mit Grete aufs Grab gepflanzt. Nun hatte doch Muhme Lene eine Grabschrift!
Aber über Nacht kam ein Sturmwind, riß das Blättlein los und trug es hoch hinauf in die Luft, bis es in den Wolken verschwand. Am andern Tage ging der Priester am Grabe vorüber, blieb einen Augenblick stehen und lächelte über das Silberschleifchen. Da war's gut, daß die Grabschrift weg war.
Den Winter über lief der Knabe fleißig den weiten Weg zur Schule und lernte schnell und gut, was es dort zu lernen gab; es war nicht allzuviel! Kam er müde nach Hause, so dachte er sehnsüchtig an die gute Muhme, die ihm stets sein Essen warm gehalten hatte. Jetzt fand er Topf und Schüssel oft leer, und mußte mit einem Stück Brot vorliebnehmen. Dazu ward ihm alle Arbeit aufgespart, zu der sonst niemand Lust hatte. Was allen zu gering, zu schmutzig, zu langweilig war, das konnte ja der Thomas tun, der sonst zu nichts taugte. Grete konnte ihm dabei wenig helfen, da sie unterm strengen Regiment der Mutter stand.
Da war's eine rechte Erleichterung für den Jungen, als ihn der Schulmeister den Chorknaben zugesellte, die an Sonn- und Feiertagen im Dorfkirchlein singen und auch die Woche hindurch bei den Messen und Vespern am Altar dienen mußten. Hätte er das Bildchen vom Bettrand der Muhme noch gehabt, würde er sich vielleicht gewundert haben über die hohe Ehre, die man der Jungfrau Maria gönnte, während des Heilandes der Welt nur wenig gedacht wurde. Leider aber war das Bildchen zerrissen, als er's vom Holze ablösen wollte. Auch über die Predigt, die meist nur aus Heiligenlegenden, Anpreisung von Wallfahrten und Reliquien und dergleichen Dingen bestand, würde er sich gewundert haben, wenn er älter und erfahrener gewesen wäre. Ja, er dachte wirklich manchmal daran, daß Thomas von Kempen wohl anders geredet haben mochte. Aber das geschah nur selten, da träumerische Kinder meist erst spät zusammenhängender Rede folgen lernen. Dazu kam, daß die Zeit in Schule und Kirche seine beste war. Daheim hieß er nur zu oft Taugenichts, Traumtoffel oder unnützer Bengel, während Priester und Lehrer seinen Gesang und sein sittsames Betragen lobten.
Ach, daheim war's nimmer schön! Dem Vater war über den Winter die Gicht in die Beine gefahren, so daß Robert, der älteste Bruder, nun das Regiment führte. Der war ein riesenstarker Mensch, arbeitete für zwei, kommandierte aber auch die andern wie der beste General. Die ließen sich's nicht immer gefallen, so daß es oft zu Streit und Zank, ja zu hitzigen Balgereien kam, die den schüchternen Jungen mit Todesangst erfüllten. O wie gern entfloh er dann in den Frieden des Dorfkirchleins, wo die Klänge der kleinen, sehr geringen Orgel und die weichen Knabenstimmen sein trauriges Herz beruhigten und geheimnisvoll über alles Erdenleid erhoben! Hinauf zu Gott, zum Heiland und zu Muhme Lene!
Indessen ließen sich die Brüder die Tyrannei des Aeltesten nicht lange gefallen. Stand ihnen denn nicht die Welt offen? So verdingte sich der eine auf ein Schiff, das weit weg in die neuentdeckten Länder fahren wollte; der andere zog in die Stadt, um ein Handwerk zu lernen.
Da war's gut, daß Schwester Grete, deren Gemüt so weich und liebreich war, fast Manneskräfte hatte und mit Roß und Wagen meisterlich umgehen konnte. Darum überließ man ihr die Stadtfahrten an den Markttagen und gab ihr Thomas zum Gehilfen mit, so oft es sein Kirchendienst erlaubte. Das waren Freudentage für die beiden. Schon auf dem Wege schmiedeten sie Zukunftspläne. Thomas wollte sicherlich dafür sorgen, daß es seine Grete einmal sehr, sehr gut haben sollte, wenn er erst groß genug war, um Geld zu verdienen. Nimmer würde er eine Frau nehmen; Grete sollte ihm die Suppe kochen und das Gewand flicken, und abends wollten sie zusammensitzen und einander wundersame Dinge erzählen. Aber was er werden wollte, wußte er immer noch nicht. Er war allzu schüchternen Sinnes und traute sich wenig zu. Bei jedem Handwerk, das ihm Grete vorschlug, meinte er, das könne er ja sein Lebtag nicht begreifen; es sei allzu schwer.
In die Marienkirche kam er noch oft, aber das Bild war nimmer da. Ein Hagelschlag hatte es zerstört, und man hatte es durch das Bild irgend eines Heiligen ersetzt. Am Hause des Goldschmieds, dem er den Heilruf gebracht, kam er an jedem Markttag vorüber. Er sah in dem Säulengang neben der Haustür die kostbaren Waren ausgebreitet, streng bewacht von den Gehilfen. Nur aus ehrfurchtsvoller Entfernung durften Vorübergehende die glänzenden Becher, Schalen und Krüge, die goldenen, edelsteinbesetzten Armringe, Ketten, Schwertgriffe, Gürtel und Stirnbänder betrachten, denn die starke seidene Schnur, die von Säule zu Säule gespannt war, ward nur für Käufer zurückgezogen. Die Gehilfen aber priesen die prächtigen Waren mit lauter Stimme an. Thomas hatte wenig Sinn für diese Herrlichkeiten, zog aber die Mütze tief, so oft er das ernste Gesicht des Goldschmieds am Fenster der Werkstatt erblickte. Wenn sein Gruß freundlich erwidert ward, errötete er und war den ganzen Tag fröhlich, ohne recht zu wissen, warum. Noch freudiger stimmte es ihn, als er, den Blick zu den Fenstern der Wohngemächer erhebend, die liebliche junge Frau erkannte, noch zarter als am Hochzeitstag, aber mit glücklichem Lächeln ein feines Kindlein emporhaltend, damit es auf die Straße hinabblicke. Fröhlich schwenkte Thomas seine Kappe; das kleine Mägdlein aber bewegte das zierliche Händchen, wie man es zum Gruße gelehrt.
Noch mehrmals sah er es in diesem Jahre und freute sich seiner Lieblichkeit. Im nächsten Sommer aber führte es die Wärterin schon vor der Haustür auf und ab, und es jauchzte über das Marktgewühl. Da flog Thomas zu seinem Wagen, holte die allerschönste Rose aus dem Blumenkorb, bückte sich zu dem Kinde nieder und steckte sie ihm ins ausgestreckte Händchen. Da hob es das goldblonde Köpfchen, lächelte gar holdselig und küßte die gebräunte Wange des Knaben.
»Was hast du denn, Bub?« fragte die Schwester, als er atemlos wieder angerannt kam. »Bist ja feuerrot und siehst ganz verklärt aus.«
»Wie sollt' ich nicht?« rief der Junge mit strahlenden Augen. »Hat mir doch eben ein holdes Mägdlein die Wange geküßt.«
»Na, du machst mir schöne Sachen! Was gehen dich kleinen Knirps die Mägdlein an? Wie alt war's denn wohl?«
»Noch nicht zwei Jahre! Es war des Goldschmieds Töchterlein.«
Da lachte die gute Grete herzlich, faßte den Buben beim Kopf und küßte ihn, aber viel derber als das feine Kind des reichen Mannes.
3. Im Kloster.
Die Zeit verstrich. Thomas war im vierzehnten Jahr und hatte alles gelernt, was in der Dorfschule zu lernen war; ja, sogar etwas mehr, da der Lehrer ihm sehr zugeneigt war und ihn tiefer in die Anfangsgründe der lateinischen Sprache eingeführt hatte als die andern Chorknaben. Was sollte nun aus ihm werden? Zum Bauer fehlten ihm die Körperkräfte, zum Handwerk die Geschicklichkeit, zum Kaufmann die Klugheit und die Liebe zum Geld. Er hätte ja am liebsten alles verschenkt! Da blieb nur noch das übrig, was damals für den bequemsten Lebensberuf galt: »Geistlich werden!« Man fragte ihn nicht allzuviel. Als Bruder Robert eine Frau ins Haus gebracht hatte, die ihm gar nicht gewogen war, fühlte er sich vollends nicht mehr daheim, und erklärte sich bereit, in die Schule des Dominikanerklosters einzutreten. »Aber ein Mönch werd' ich nimmer«, fügte er mit großer Entschiedenheit hinzu. »Ein Leutpriester werd' ich, der sein eigen Häusel hat mit einem Gärtlein daran. Da nehm' ich die Grete mit hinein.« Nun, das würde sich alles finden. Wenn er nur einmal im Kloster war, würde ihm das bequeme Leben schon gefallen. Grete nähte ihm ein paar neue Hemden und schnürte sein kleines Bündel. Die glänzende Münze, die ihm der Goldschmied damals geschenkt, gab er ihr zum Aufheben.
Nach schwerem Abschied vom kranken Vater, von Grete und dem Grab der guten Muhme, und sehr leichtem von den andern, fuhr ihn Robert der neuen Heimat zu, wo er ihn schon angemeldet und ein Opfer in die Klosterkasse gelegt halte. Dicht vor den Toren der Stadt bildete das reiche Kloster fast ein Städtlein für sich. Da war das große Bruderhaus, das die Zellen der Mönche, die Bibliothek und den Kapitelsaal enthielt, das Abthaus, in dem der hohe geistliche Herr in fast fürstlicher Pracht lebte, das Refektorium, die Wirtschaftsgebäude, die Häuslein der Klosterknechte, die Schule und endlich die große herrliche Klosterkirche. Schattige Säulengänge, weitläufige Höfe und blühende Gärten umgaben diese Gebäude, der Felder und des Klosterwaldes außerhalb der Mauern gar nicht zu gedenken. Von all diesem Reichtum bekam Thomas jetzt nichts zu sehen. Nach kurzem Abschied von Robert führe ihn ein dienender Bruder zu einem alten, schmucklosen Hause, umgeben von einem großen, mit etlichen Bäumen bepflanzten Hof.
»Warte hier, bis die Schule aus ist«, sagte sein Begleiter, auf eine Bank zeigend, wo sich schon ein kleinerer, schwarzlockiger Junge niedergelassen hatte, der, das Antlitz in die Hände verborgen, bitterlich weinte. Das war etwas, was Thomas durchaus nicht ertragen konnte. Schon als ganz kleines Kind hatte er oft Muhme Lenes und Gretels Tränen mit seinen winzigen Händlein abgewischt. Leise trat er hinzu, ließ sich bei dem Fremden nieder und fragte schüchtern:
»Warum weinst du denn so sehr?«
Da fuhr der Kopf empor, und ein paar blitzende Augen sahen den guten Jungen zornig an. »Ich weine nicht!« rief der Kleine heftig. »Niemand soll mich weinen sehen! Mußt' herumschleichen und andere Leut' belauschen?«
»Nein, nein, du weinst jetzt nicht mehr«, versicherte Thomas. »Aber sehr traurig bist du doch. Bist du auch ein neuer Schüler wie ich?«
Der Junge nickte und ballte die kleine, derbe Faust. Dann musterte er den andern mit forschendem Blick und fragte endlich:
»Bist du willig hierher gekommen oder gezwungen?«
»Recht willig«, erwiderte Thomas. »Ich mag gern geistlich werden, denn mein Sinn steht nach innen.«
»Der meine aber steht nach außen!« rief der andere aufspringend. »Ein Reiter will ich werden mit Schwert und Schild, oder ein Schiffer, der in die weite Welt fährt und mit dem Sturm kämpft.«
»Wer hat dich denn gezwungen, hierher zu kommen?«
»Mein Vater! Als Buße für eine schwere Schuld gelobte er mich dem Kloster. Und ich soll nie mehr heraus! Er hat's gelobt, daß ich ein Mönch werde!«
»So sei zufrieden. Sie sagen, es sei ein gut und friedlich Leben.«
»Das mag ich eben nicht; es ist mir ein Greuel! In frischen, lustigen Kampf möcht' ich ausziehen und viel Wunderbares erleben. Aber du gefällst mir! Du hast Augen wie mein lieb Mütterlein, das gestorben ist, und sprichst gut und sanft wie sie. Reich' mir die Hand, wir wollen Freunde sein.«
Freudig faßte Thomas die derbe, braune Hand des Ritterbuben, sein Name war Dietrich, und es ward ein Bund geschlossen, der für beide folgenreicher wurde, als sie jetzt ahnten. Wären sie Mägdlein gewesen, hätten sie einander wohl gleich ihre Lebensgeschichte erzählt; Knaben aber tun das selten und erst nach lang bewährter Freundschaft. So saßen sie still nebeneinander, mit den Beinen baumelnd und der Dinge wartend, die kommen sollten.
Es dauerte auch nicht lange, da erhob sich auf den Klang eines Glöckleins Lärm im Hause; die Tür sprang auf, und die ganze Schülerschar kam herausgeflattert wie ein Schwarm freigelassener Vögel, um die kurze Erholungszeit zu genießen. Die Kleinen fingen muntere Spiele an; die Großen, Jünglinge bis zu achtzehn oder zwanzig Jahren, lustwandelten paarweise unter den Bäumen.
Am geöffneten Fenster aber zeigte sich der geschorene Kopf des Lehrers, der den Neulingen befahl, zu ihm hereinzukommen, und alsbald ein scharfes Examen mit ihnen anstellte. Bei dem wilden Schwarzkopf fiel es kläglich aus. Auf dem Burgstall, wo sein Vater hauste, hatte er sich unter Reitern und Rossen herumgetrieben, auf Eichkätzchen und Vögel Jagd gemacht, von der Zinne des Turmes in die weite Welt hinausgeschaut, oder mit den Kindern der Knechte Krieg gespielt, der nur zu oft in wilde Rauferei ausgeartet war. Wenn aber der Kaplan von der Burg gekommen war, um ihn lesen und schreiben zu lehren, war er meist nirgends zu finden gewesen. Thomas dagegen wunderte sich selbst, daß er die Fragen des Lehrers so gut beantworten konnte. Hatte er doch daheim so wenig Gelegenheit gehabt, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, daß er sich derselben kaum bewußt war. Sein deutliches Lesen, seine gute, feste Handschrift, besonders aber der tüchtige Anfang, den er im Lateinischen gemacht, erfreuten den Lehrer sichtlich. Er legte die Hand auf den blonden Kopf des bescheidenen Jungen und sagte freundlich:
»Ei, du bist ja ein ganz gelehrtes Bäuerlein! Der kleine schwarze Rittersmann aber hat noch nicht tief in die Weisheit geguckt! Ich hab' wenig Zeit für ihn, denn meine Scholaren sind alle viel weiter. Nimm du dich seiner an und sorge, daß er bald die Geheimnisse der Lese- und Schreibekunst erfaßt. Kannst du auch singen?«
»Ich denk's wohl.«
»So sing' was!«
Eine Weile besann sich der Junge, dann sang er glockenhell:
»In dulci jubilo,
Nun singet und seid froh,
Unsers Herzens Wonne
Liegt in praesepio
Und leuchtet als die Sonne
Matris in gremio,
Alpha es et O, Alpha es et O!«
»Brav gemacht! rief der Lehrer.« »Aber warum ein Weihnachtslied zur Herbstzeit?«
»Ich weiß nicht. Ich denk', ich war so froh, weil Ihr mich lobtet, Herr Magister.«
»Singen kann ich auch!« schallte die kecke Stimme des kleinen Burgknappen dazwischen.
»So? Zeig' mal deine Kunst!«
Ohne sich lange zu besinnen, begann Dietrich aus voller Kehle zu schreien:
»Wo soll ich mich hinkehren,
Ich dummes Brüderlein?
Wie soll ich mich ernähren?
Mein Gut ist gar zu klein!
Wie wir ein Wesen han,
So muß ich bald daran!
Was ich heut soll verzehren,
Ist gestern schon vertan!«
Dem Magister war gleich bei der ersten Zeile ein Husten angekommen, daß er sich abwenden mußte. Dann aber rief er entrüstet:
»Willst du wohl 's Maul halten mit deinem Schelmstückel?«
»Ist keins«, rief der Junge keck. »Ist ein munteres Reiterliedel! Hab's im Stall gelernt.«
Da faßte ihn der Magister beim Ohr und sprach eindringlich: »Das glaub' ich wohl. Aber hier bist du nicht im Stall, hier bist du im Kloster. Darum sei manierlich, halt dich zum Thomas, und tue, wie er tut; sonst geht dir's übel. Horch! Es läutet zum Essen. Folget den andern zum Schulrefektorium.«
Als der Hirsebrei verzehrt war, ging's zum Nachtgebet in die Kirche und dann gleich in den Schlafsaal, wo man den beiden Neulingen zusammen eins der harten Klosterbetten anwies. Thomas war gutes Mutes; den armen Dietrich aber überkam das Heimweh gewaltig, so daß er noch lange, das Gesicht an der Schulter des Freundes bergend, vor sich hin schluchzte. Was war das für ein schlechter Ort, wo man nicht einmal ein munteres Reiterliedel singen durfte!
Wenn Thomas sich darauf gefreut hatte, in stillen Kreuzgängen oder unter schattigen Bäumen nach Herzenslust zu wandeln und zu träumen, so hatte er sich gründlich geirrt. Zum Träumen war weder Raum noch Zeit. Denn obgleich der Lehrer ein braver Mann war und kein Tyrann, so galt doch auch von dieser Schule das Wort Luthers: »Die Kinder lernten mit großer Arbeit und unmäßigem Fleiß, doch mit wenigem Nutzen.« Nicht nur für die Kirche, auch für die Schule ist Luther ein großer Reformator gewesen. Hatten die Größeren ihre Aufgaben bewältigt, mußten sie mit den Kleinen üben, und Thomas plagte sich im Schweiße seines Angesichts, um in den harten Kopf des wilden Reiterleins einiges Licht zu bringen. Nicht immer konnte er den kleinen Bengel vor der langen Rute des Lehrers bewahren, doch machte er sich wenig aus den Schlägen, wenn sie nicht allzu derb kamen. Bei den Faustkämpfen mit den Burgbuben hatte es genug Beulen und Striemen gegeben! Bestand er allzu schlecht in seiner Lektion, sperrte man ihn wohl über Mittag, während die andern zum Essen gingen, in der Schulstube ein.
Da geschah aber nachmittags regelmäßig etwas Unerwartetes. Vielleicht krachte plötzlich eine Bank zusammen, die bisher noch ganz fest gewesen war, so daß alles, was darauf saß, zu Boden purzelte. Oder es zeigten sich Tintenkleckse, wo niemand sie vermutet hätte, wohl gar auf der Rückseite des Lehrers. Zuweilen hatte auch die ganze Schar Mühe, das Lachen zu verbeißen, wenn an irgend einer Stelle, die die kurzsichtigen Augen des Magisters nicht erreichten, ein lächerliches Bildchen angemalt oder ein Verslein hingeschmiert war, das ganz und gar nicht ins Kloster paßte, als zum Beispiel:
»Rück' an den Schweinebraten,
Dazu die Hühner jung;
Darauf mag baß geraten
Ein frischer, kühler Trunk.«
Auch die damals übliche Strafe des Eselreitens mußte er oft erdulden. In einer Ecke der Schulstube stand der »Asinus«, das heißt, eine fast lebensgroße hölzerne Eselsfigur mit scharfkantigem Rücken und durch langen Gebrauch spiegelglatt geriebenen Seiten. Dieses ungefüge, rauchgeschwärzte Tier mußten faule, nichtsnutzige Schüler besteigen, und hatten schwere Mühe, sich darauf festzuhalten und zugleich die Tränen der Scham und des Schmerzes abzuwischen, die ihnen über die Wangen rollten. Purzelten sie herunter, gab es Hohngelächter und obendrein noch Schläge. Dietrich aber schwang sich gleichmütig und behende auf dies häßliche Reittier und trieb es, sobald der Lehrer den Rücken kehrte, durch allerlei komische Gebärden zum Laufen an. Das alles trug zwar dazu bei, die Schule in guter Laune zu erhalten, doch ward Dietrich mehr und mehr das schwarze Schaf in der kleinen Herde.
Im zweiten Jahre aber schien der frische Mut des Wildlings erschöpft. Er war trotz der schmalen Kost tüchtig gewachsen, trieb aber fast keinen Schabernack mehr, lernte, soviel er eben mußte, und ging still und mürrisch seines Weges. Nur dann und wann erinnerte noch ein toller Streich an seine wilde Natur. Freundschaft hatte er mit keinem geschlossen, außer mit Thomas, dem er so zugetan war, wie etwa ein kleiner gezähmter Bär seinem Herrn. Saß Thomas lesend unter einem Baum im Hofe, oder zur Winterszeit am Feuer der Schulstube, während die andern allerlei Kurzweil trieben, so geschah es manchmal, daß Dietrich sich zu seinen Füßen niederließ, das heiße Gesichtchen in seiner Kutte verbarg und nach einigem Seufzen und Stöhnen in bittere Tränen ausbrach. Ach, das arme Reiterlein hatte bitteres Heimweh nach der goldenen Freiheit und tief, tief im Herzen ein unbefriedigtes Sehnen nach Liebe und inniger Freundschaft!
Dann zog ihn Thomas an sich und sprach leise Worte zu ihm von JEsu, dem Heiland aller Welt, der auch den wilden Dietrich liebte, schützte und führte, der auch für ihn am Kreuz gestorben war und ihn ewig selig machen wollte. Er wunderte sich oft selbst, daß er zu dem Knaben ganz so sprechen konnte, wie Muhme Lene einst zu ihm geredet. Er wunderte sich auch, daß er, den man daheim so gering geachtet, hier nach und nach zu Ehren gekommen war. In der Schule ging's ihm gut; ja, der Lehrer nannte ihn nicht selten ein feines, gelehrtes Männchen. Auch beim Sangmeister war er wohl angeschrieben, und das Singen in der Kirche machte ihm Freude, wenn's nur nicht allzuviel gewesen wäre. Im Sommer ging's noch; aber im Winter war's wirklich kein Spaß, im dünnen Röcklein stundenlang, ja bis in die Nacht hinein, zu üben, bis der mehrstimmige Kunstgesang, der damals in den Niederlanden in hoher Blüte stand, fehlerlos von statten ging.
Auch während der vielen Gottesdienste froren die armen Jungen entsetzlich. Die Mönche sahen dann meist recht dick aus, als hätten sie sich unter den Kutten wohlverwahrt, wenn sie auch nicht kostbare Pelzmäntel hatten wie der Herr Abt und die andern hohen Würdenträger. Auch waren sie ja inwendig besser ausgepolstert als die armen Schüler. Dietrich, der zuzeiten heimliche Entdeckungsreisen machte, über Mauern kletternd und durch enge Guckfensterlein schlüpfend, war auch einmal in die Klosterküche geraten und hatte einen Blick getan auf die mächtigen Braten und das duftende Backwerk, das zum Anrichten bereit stand. Daß ihn einer der Köche erwischt, mit dem Holzlöffel tüchtig gedroschen und unsanft hinausgeworfen hatte, brauchte niemand zu wissen. Ja, bei solcher Kost ließ sich's schon leben!
Freilich gab's auch unter den Mönchen abgezehrte Gestalten mit unheimlich glänzenden Augen und hohlen Wangen. Das waren solche, denen es ein rechter Ernst war mit der Weltentsagung, und die durch Fasten, Wachen und Beten, ja durch allerlei selbstauferlegte Qualen Gott zu versöhnen trachteten. Wenn Thomas sie nachdenklich beobachtete, fiel ihm allerlei ein, was Muhme Lene ihm erzählt, er sah im Geist ihr friedliches Antlitz während der langen Krankheit und hörte ihren letzten Ruf: »Mein Heiland, mein Erlöser!« Aber er war noch jung, und die Zeit selbständigen Denkens war für ihn noch nicht gekommen.
Drei Jahre waren vergangen, seit Thomas und Dietrich in die Klosterschule getreten, da kam ein Herbst, der eine ganz ungewöhnlich reiche und schöne Aepfelernte brachte. Wie Purpur und Gold glänzten die Früchte in ungeheurer Menge zwischen dem dunkelgrünen Laub, während herrliches, sonniges Wetter das Reifen begünstigte. Da ward zur Freude der ganzen Schule ein voller Vakanztag angekündigt, an dem man hinausziehen und die Aepfelernte besorgen sollte. Da der Magister keine Lust hatte, an einem so lebhaften Vergnügen teilzunehmen, sondern einen wohlverdienten Ruhetag in seiner Kammer vorzog, ward die Aufsicht über die muntere Schar einigen Laienbrüdern anvertraut, die ein Auge zudrückten gegen manchen Unfug.
Ei, das war ein Jauchzen und Springen, ein Lachen und Jubeln in den weiten, von Mauern umgebenen Obstgärten! Auf hohen Leitern, auf schwankenden Aesten standen und saßen die jungen Gestalten, die schönsten Früchte sorgsam in Körbe sammelnd, die geringeren abschüttelnd, daß die Aufsammler manch derbe Kopfnuß bekamen. Aber ganz hoch oben in den Wipfeln hingen fast die schönsten! Es war schade, sie herabzuschütteln; aber wer sollte so hoch hinauf? Dietrich! Das Reiterlein! Ja, das verstand zu klettern! Wie ein Vogel wiegte es sich in den höchsten Zweigen, füllte das Körbchen und glitt damit hinab wie ein Eichkätzchen. Manchmal war's auch gar nicht herunter zu bringen, sondern saß lange droben, sehnsüchtig in die weite Welt hinausschauend. Am Mittag labte man sich an Brot, Wurst und Käse mit einem reichlichen Nachtisch von den besten Aepfeln. Es war eine angenehme Abwechslung von dem ewigen Hirsebrei und Habermus.
Nur gar zu früh neigte sich die Oktobersonne zum Untergang. Der Wagen mit den vollen Körben war schon abgefahren; die Pflücker aber trieben sich spielend, neckend, singend oder plaudernd unter den Bäumen umher, bis es die höchste Zeit zum Aufbruch war, wenn man das Abendgebet in der Kirche nicht versäumen wollte. Schnell ordnete sich der Zug. Den paarweise Wandelnden hätte niemand mehr die muntere Kurzweil angesehen, die sie eben noch getrieben.
Aber wie? Zuletzt nur einer? Wer fehlt da?
»Das Reiterlein!«
»Der Bengel sitzt wohl noch auf einem Baum und stopft sich übervoll? Dietrich! Nichtsnutz! Wildfang! Wo steckst du nur? Na warte, wenn du die Kirche versäumst!«
Keine Antwort.
»Nun, er findet schon den Weg; vielleicht ist er vorausgelaufen, um stibitzte Aepfel im Bettstroh zu verstecken!«
Aber Dietrich war nicht im Schlafsaal, nicht in der Schulstube, nicht in der Kirche; er war verschwunden. Erst am andern Morgen ward's dem Lehrer offenbart, und auch dieser hoffte noch, der Schelm habe sich irgendwo versteckt und befinde sich bei einem Haufen Aepfel ganz behaglich. Der gute Mann durchstreifte selbst die Gärten, die Höfe, die Felder, rufend und suchend, aber ganz umsonst. Ja, es blieb kein Zweifel, der Freiheitsdrang war ihm zu stark geworden, als er von den Baumwipfeln in die weite Welt guckte, und er war entflohen. Nachforschungen in der volkreichen Handelsstadt, wo täglich Scharen von Fremden zu den Toren ein- und wieder herausströmten, wo stündlich Schiffe den Hafen verließen, um in alle Welt zu ziehen, wären ganz vergeblich gewesen. Auch war Flucht aus dem Kloster zu jener Zeit nichts allzu Seltenes. Im Grunde war man froh, den Wildling los zu sein, der doch nur eine Last für die Bruderschaft geworden wäre.
Nur Thomas trauerte um den Flüchtling. Der dunkle Kopf, der sich beim Einschlafen an ihn geschmiegt, die frische Stimme, die ihn am Morgen geweckt, der dankbare Blick der schönen schwarzen Augen fehlte ihm allzusehr! Jetzt erst fühlte er, wie lieb ihm der Knabe gewesen, schloß auch mit keinem andern engere Freundschaft. Er war nun ins Jünglingsalter getreten, wo man weicher empfindet und gern träumt und schwärmt. Musik und Gesang, ja die ganze, den Sinnen schmeichelnde Art des Gottesdienstes, die Bilder, die Statuen, das geheimnisvolle Licht der ewigen Lampe, dies alles machte mehr und mehr Eindruck auf sein Gemüt. Wäre es doch vielleicht besser, sich von allen irdischen Banden loszureißen, alle Wünsche auszugeben und als frommer Bruder sein Leben im Kloster zu verbringen? Dann kamen wieder Zeiten ganz entgegengesetzter Gefühle. Er war nun fast der Gelehrteste in der Schule; nur drei oder vier machten ihm dann und wann den Rang streitig. Da regte sich der Ehrgeiz, von dem er bis jetzt nichts gewußt. Er wollte und mußte der Erste sein, und wenn er's einmal nicht war, konnte er dem, der ihn überholt, kaum ein freundlich Wort zusprechen. Es half ihm gar nichts, wenn er es dem Priester beichtete und dann lange vor dem Altar kniete, um die auferlegten Bußgebete zu sprechen. Sobald er wieder aufstand, kam's ihm schon in den Sinn, ob er wohl morgen seine Sache am besten machen würde, am aller-, allerbesten! Nun, wenn er nur erst unter den frommen Brüdern wohnte, würde das ganz von selbst anders werden.
Schneller als er gedacht verstrich die Schulzeit, und er war im Kloster. Hier aber erwartete ihn die bitterste Täuschung. Mit dem Studieren war's ganz vorbei, und die niedrigsten Dienste wurden ihm aufgetragen. Gänge und Säle fegen, Teller und Schüsseln waschen, Wasser vom Brunnen und Holz aus dem Schuppen schleppen, das war seine Arbeit, zu der er sich ungeschickt genug anstellte. Das Schlimmste aber war, daß es unter den frommen Brüdern ganz anders zuging, als er sich's vorgestellt. Statt brüderlicher Liebe herrschte nur zu oft Streit und Eifersucht, statt heiligen Ernstes leichtfertiger Scherz, statt Nüchternheit Völlerei, und ein Aufwand im Essen, der ihn oft anwiderte. Die bleichen, stillen, hohläugigen Brüder aber, die unbekümmert um dies alles ihren Weg gingen und ihrem Leibe auch die allernötigste Pflege versagten, gefielen ihm auch nicht, da er bald merkte, daß sie in geistlichem Hochmut geringschätzig auf die andern herabsahen.
Endlich mutete man ihm etwas zu, was ihm im Grunde zuwider war. Es ging ihm wie Doktor Luther; er mußte mit dem Sack auf dem Rücken von Haus zu Haus laufen, um Gaben für das Kloster zu betteln. Für das Kloster, das hinter seinen Mauern so unermeßlichen Reichtum barg! Aber das ging ihn ja nichts an; er hatte nur zu gehorchen.
Immerhin war's schön, wieder einmal unter Menschen zu kommen, die keine Kutten trugen, und die altbekannten Straßen wieder zu durchlaufen. Da war der Markt, wo er als Knabe Gemüse und Blumen verkauft; da war die Straße, wo der Goldschmied wohnte! Keine Macht der Welt hätte ihn dazu gebracht, in seinem Hause zu betteln; kaum wagte er zu den Fenstern emporzublicken. Es war alles recht still da oben; nur einmal erkannte er ein feines Köpfchen mit langen goldblonden Zöpfen. Das war das holde Mägdlein, das ihn damals geküßt. Unter den Säulen waren an Markttagen die Gold- und Silberwaren ausgebreitet wie ehemals; wenn aber der Goldschmied sich zeigte, wandte Thomas schnell das Gesicht ab. Dagegen beobachtete er oft zwei Knaben, ein paar Jahr älter als das Mägdlein, die sich spielend vor dem Hause umhertrieben oder beim Verkaufsplatz kleine Dienste taten. Einer blondhaarig, rotwangig und freundlich; der andere dunkel, feurig, mit unruhigen Augen. Wer mochten sie wohl sein?
Da die Stadt so groß, und der Bettelsack oft recht schwer war, mußte Thomas oft ein wenig ruhen auf dem Steinsitz vor einer Tür, oder auf einer Bank im Hofe. Da konnte es nicht fehlen, daß er manches Gespräch mit anhörte, das Nachbarn oder Gesellen miteinander führten. Zuweilen wurde dabei von Ketzern geredet, die hier und da in der Stadt aufgetaucht, meist aber bald auf geheimnisvolle Weise verschwunden waren. Der ärgste Ketzer schien ein Doktor Luther zu sein, der drunten im Sachsenland sein greuliches Wesen trieb. Auch im Kloster hatte man furchtbare Verwünschungen gegen ihn ausgestoßen. Was aber ein Ketzer eigentlich sei, konnte sich Thomas nicht recht vorstellen, jedenfalls etwas ganz Erschreckliches. Daß die liebe, fromme Muhme Lene eine Ketzerin gewesen, ja daß der Vers, den er ihr aufs Grab gehängt, ein rechter Ketzervers gewesen war, das ahnte er nicht.
Als er etwa zwei Jahre im Kloster war, drängten sie ihn, das Mönchsgelübde abzulegen; doch konnte er sich nicht dazu entschließen und bat immer von neuem um Aufschub. Seinen Wunsch, Leutpriester zu werden, hatte er auf Rat des Lehrers geheim gehalten. »Wenn sie merken, daß du dir's wünschest, wird sicher nichts daraus«, hatte er gesagt. »Befiehl's Gott; Er wird's wohl machen!«
Endlich ward ihm der Bettelsack abgenommen; doch konnte er sich nicht recht darüber freuen, denn als er ihn zum letztenmal geschleppt, hatte er etwas gar zu Trauriges gesehen. Aus dem Hause des Goldschmieds hatte man einen Sarg herausgetragen, dem viele Trauernde nachfolgten. Der erste war der Goldschmied selber, gebeugt und ergraut, sein holdes Töchterchen an der Hand führend. O wie bitterlich weinte das arme Kind! Die zwei Knaben folgten in langen Trauermänteln. Ja, die liebe, schöne Frau, der er damals an der Kirchtür den Lilienstengel gereicht, war gestorben? War das nicht gar zu traurig?
Doch hatte er nicht viel Zeit, darüber nachzudenken, denn man führte ihn in die Klosterbibliothek, die er bisher nur selten betreten, und sich über die vielen Bücher, aber noch mehr über den dicken Staub, der darauf lag, gewundert hatte. Diesen Staub einmal gründlich zu entfernen, und die Bücher in gute Ordnung zu bringen, trug man nun dem Jüngling auf. So war er auf lange Zeit beschäftigt und versorgt.
Mit gewaltigem Eifer machte er sich an die Riesenarbeit und wirbelte einen so dichten Nebel auf, daß die wenigen Brüder, die noch nach Büchern fragten, ihn beim Eintreten kaum erkennen konnten. Nach und nach aber fiel ihm ein, daß Bücher nicht nur zum Abstäuben auf der Welt sind; er schlug dann und wann eins auf und sammelte allerlei Gelehrsamkeit, ohne daß das Suchen und Fragen seines Herzens dadurch gestillt wurde. Endlich aber fand er hinter einer Reihe mit uraltem Staub bedeckter Folianten einige lose zusammenhängende, vergilbte Blätter. Es schien ein Teil eines Buches zu sein, das man zerrissen. Als Thomas die dicke Staubdecke entfernt und eine darinsitzende Spinne totgetreten hatte, las er auf dem ersten Blatt deutlich den Namen: »Johann Wessel.« Stehend begann er zu lesen, ließ sich aber bald auf einen Stoß Bücher nieder und las und las! O Wunder, es war, als spräche Muhme Lene zu ihm; als erzähle sie ihm von den Schwestern des gemeinsamen Lebens und dem guten Prediger Thomas von Kempen. So, wie diese Blätter redeten, mochte er wohl gepredigt haben. »Mein Heiland, mein Erlöser!« Das war der Grundton, der sich hindurchzog. Mehrmals studierte er die Blätter durch, verbarg sie aber dann jedesmal hinter einer Reihe Bücher, die niemals gebraucht wurden. Der Inhalt schien ihm fast allzu kühn. »Nicht die Werke, der Glaube allein macht selig!« Wie konnte dieser Wessel wagen, das zu behaupten? Und doch klang es ihm süß und einladend.
Der helle Klang des Glöckleins, das zum Mittagsmahl rief, erschreckte ihn fast. Schnell warf er die Blätter in einen Winkel und wollte hinauseilen, sich am Brunnen zu waschen. Da öffnete sich die Tür, und Bruder Ignatius, einer der strengen Asketen, der nur selten am Essen teilnahm, trat herein. Sich tief neigend, sprach Thomas: »Welches Buch wünschet Ihr, ehrwürdiger Vater, daß ich's Euch herabhole und reinige?« Aber die scharfen Augen des Mönches bemerkten eine Erregtheit im Antlitz und Wesen des Jünglings, und in demselben Augenblick sah er die gesäuberten Blätter am Boden liegen. Er hob sie auf, blickte hinein und schleuderte sie in den Kamin, wo der großen Kälte wegen einige Holzscheite loderten. Hätte Thomas sich zu einem Ausruf des Bedauerns hinreißen lassen, wär's sein Unglück gewesen; doch hatte er in der Klosterzucht schweigen gelernt, bediente den Pater aufs eifrigste und öffnete ihm zuletzt mit Ehrerbietung die Tür.
Als der Winter sich zu Ende neigte, hatten sich die frommen Brüder eines Tages zur Beratung im Kapitelsaal versammelt. Da ward auch berichtet, daß der alte Leutpriester eines Fischerdorfes unweit der Stadt gestorben sei. Die Stelle gehörte dem Kloster; aber wer würde Lust haben, sie anzutreten? Das Kirchlein war klein und schlecht, das Häuschen vernachlässigt, der Garten wüst, die Gemeinde arm und nicht allzu gut angeschrieben. Da erhob sich Pater Ignatius und sprach:
»Setzet Thomas, den Bauernsohn, darauf!«
»Ist's nicht schade um ihn? Er hat einen feinen Kopf«, wandte ein Bruder ein.
»Mir aber«, fuhr Ignatius gereizt fort, »ist eine Offenbarung geworden, daß er nicht für das Kloster taugt.«
Da bat man ihn alsbald, doch ja nicht zu zürnen. Was er spreche, sei sicher vom Himmel geredet. Thomas müsse ins Fischerdorf, er möge nun wollen oder nicht.
So gab man ihm die Priesterweihe, und er hielt mit großer Andacht seine erste Messe. Seine Freude über den Beruf tat er niemand kund als Schwester Grete. Man hatte sie, seit beide Eltern gestorben waren, in Roberts Hause wenig besser gehalten als eine Magd. Nun jubelte ihr treues Herz, daß sie dem Liebling den Haushalt führen sollte. Mit ihm besuchte sie noch einmal das Grab der guten Muhme; dann ward allerlei geringer, alter Hausrat, den niemand mehr mochte, auf den Wagen geladen, und die beiden hielten still und glücklich ihren Einzug ins Leutpriesterhäuschen.
4. Der Goldschmied und sein Haus.
Als Thomas bei seiner letzten Bettelfahrt den Leichenzug vor des Goldschmieds Hause gesehen, hatte er zwar den Tod der lieblichen Frau herzlich beklagt, aber doch von der Größe und Tiefe der Wunde, die Gott in des Mannes Herz geschlagen, keine Ahnung gehabt. Der Klosterzögling wußte ja nichts von der Liebe, die zwei Herzen so verbindet, daß sie eigentlich nur ein Herz sind. Wird dies Band zerrissen, so lernt sich der Zurückbleibende wohl nach langem, heißen Kampf in Gottes Willen ergeben, doch bleibt sein Herz zerbrochen. Ein Teil ist emporgeschwebt zu Gottes Herz, das andere irrt sehnend und suchend unter den Menschen umher, die es, ach! so selten verstehen.
Der einzige irdische Trost des einsamen Mannes war das lieblich heranwachsende Töchterlein Anna, das an Leib und Seele der Mutter ähnlich zu werden versprach. Am Lehnstuhl, und später am Lager der Mutter, hatte das wohlbegabte Mägdlein lesen und schreiben und noch mancherlei Schönes und Gutes gelernt. Jetzt führte es der Vater selbst weiter, so gut er vermochte, da er sich durchaus nicht von ihm trennen wollte, und die Klosterschulen, in denen man Mägdlein höherer Stände erzog, nicht leiden konnte. Ueberhaupt mißfiel dem tätigen, tief denkenden Manne das müßige Leben der Mönche und Nonnen aufs höchste.
Damit es aber der kleinen Anna auch nicht an leiblicher Pflege und Anleitung zu häuslichen Tugenden fehlen möge, hatte der wackere Mann schon vor mehreren Jahren, als sein liebes Weib anfing zu kränkeln, die Witwe eines seiner Gehilfen ins Haus genommen. Ihren einzigen Sohn Gottfried, einige Jahre älter als Annchen, durfte sie mitbringen. Freundlich, gehorsam, sanftmütig und dabei doch männlichen, ritterlichen Sinnes, ward er der lebhaften Kleinen ein williger Spielgefährte und wackerer Beschützer. Das war der hübsche blonde Junge, den Thomas unter den Säulen gesehen. Aber wer war wohl der hitzige Schwarzkopf mit den feurigen Augen? Den hatte der Goldschmied eines Tages mit heimgebracht, und nur wenige wußten, wo und wie er ihn aufgefunden. Um es genau zu berichten, muß man ein wenig weit ausholen.
Seit dem Jahre 1519 regierte der deutsche Kaiser Karl V. über die Niederlande, die vorher unter burgundischer Herrschaft gestanden, aber wegen ihrer vielen Freiheiten und Privilegien fast für einen Freistaat gegolten hatten. Karl V. aber ward nach seines Vaters, Philipp des Schönen, Tode Erbe der Niederlande und der österreichischen Hausmacht; von seiner Mutter aber erbte er Spanien und die neuentdeckten Länder Amerikas. Mit Recht sagte man daher, in seinem Reiche gehe die Sonne nicht unter. Karl war in den Niederlanden geboren, liebte das geistig hochstehende, gewerbfleißige und biedere Volk, und ward, wenigstens in der ersten Hälfte seiner Regierung, auch von ihm geliebt. Nur die ungeheuern Geldsummen, die er von diesen seinen reichsten Untertanen als Steuern forderte, erregten zuweilen den Unwillen der Bevölkerung. Damit dieser nun nicht in offene Empörung ausarten möchte, hielt der Kaiser stets eine Macht spanischer Soldaten unter Waffen, die dem unkriegerischen Handelsvolk gewaltigen Respekt einflößten.
Als der Goldschmied einst am Hafen auf und nieder ging, um allerlei Geschäfte abzutun, war eine große Menschenmenge versammelt, um der Abfahrt eines Schiffes zuzuschauen, das eine Schar spanischer Soldaten in ihre Heimat zurückbringen sollte. Als das Fahrzeug endlich mit geschwellten Segeln dahinglitt, die Menge sich zerstreute, und der Lärm aufhörte, vernahm der Goldschmied das laute, bitterliche Weinen eines Kindes. Er schaute um sich und sah auf einem Stein einen schwarzlockigen Knaben sitzen, dessen kleiner, zarter Körper von heftigem Schluchzen erbebte, während die Tränen zwischen den vorgehaltenen Händen herausdrangen. Das war mehr, als der brave Mann ertragen konnte.
»Was fehlt dir, armes Kind?« fragte er, die Hand auf den struppigen Schwarzkopf legend.
»Was geht's Euch an?« war die mürrische Antwort. »Ihr helft mir doch nicht!«
»Gern will ich dir helfen; nur mußt du mir erst dein Leid klagen. Hast du vielleicht Hunger?«
Der Junge richtete sich auf, schüttelte den Kopf und sprach: »Aus Hunger mach' ich mir nicht viel; hab' ihn schon oft gehabt. Aber dort«, fuhr er fort, nach dem dahineilenden Schiffe zeigend, »dort fährt sie ins Heimatland, und mich hat sie verlassen! Schon oft nannte sie mich eine Last, einen Kobold, einen kleinen Teufel!«
»Wer nannte dich so?«
»Nun, meine Mutter, die den Soldaten Brot und Fleisch verkauft und viel Wein einschenkt. Sie schickte mich in die Stadt zurück, um etwas zu holen, und als ich wiederkam, war das Schiff fort.«
»Wer ist denn dein Vater?«
»Hab' nie einen gesehen! Wird wohl tot sein oder weg! Ich wollt', ich wär' auch tot und läg' im Grund; das Leben ist schlecht!«
Diese, für ein junges Kind so unnatürliche Rede ging dem wackeren Mann tief zu Herzen.
»Armes Kind!« sprach er. »Komm mit; du sollst wenigstens zu essen haben und ein Lager für die Nacht. Wie heißt du?«
»Carlos. Ich bin ein Spanier«, erwiderte der Junge stolz. »Eure häßliche Sprache hab' ich erst hier gelernt; die unsere ist viel schöner.«
Nachdem Carlos in des Goldschmieds Küche gegessen und in einem Nebenkämmerlein seinen Kummer ausgeschlafen hatte, fragte er nicht, ob er dableiben dürfe, sondern blieb eben da und war gleich daheim in den Wirtschaftsräumen des Hauses. Wenn er wollte, konnte er dem Gesinde hurtig und geschickt zur Hand gehen; wollte er nicht, so war nichts mit ihm anzufangen. Auch in der Schule, die er mit Gottfried besuchte, lernte er zuweilen mit großem Eifer, um dann wieder eine Zeitlang mürrisch und verschlossen einherzugehen. Oft zeigte er Leidenschaft und Rachsucht, dann aber wieder ein stürmisches Verlangen nach Liebe und Freundschaft.
Solange Frau Elsbeth, die holde Gemahlin des Goldschmieds, noch im Hause waltete, übten ihre sanften Ermahnungen und ihr liebreiches Wesen auch auf den kleinen Wildling einen wohltätigen Einfluß. Vor ihrer ernsten, freundlichen Rede schmolz sein Trotz; er versprach alles Gute und hielt es auch wirklich eine Zeitlang.
Als sich aber ihr Leiden verschlimmerte, hatten die Knaben keinen Zutritt mehr zu ihr; nur Annchen saß zu ihren Füßen und war nur selten zu bewegen, auf kurze Zeit ins Freie zu gehen. Bald überließ auch der Goldschmied Werkstatt und Verkaufsplatz seinen treuen Gehilfen, um sich ganz der Pflege der geliebten Kranken zu widmen. Im Haushalt aber waltete Gottfrieds Mutter nun unumschränkt und weit strenger als die nachsichtige Hausfrau. Dem stolzen Bettelbuben, dem Carlos, war sie gar nicht gewogen; war er doch in allen Stücken das Gegenteil von ihrem treuherzigen, gehorsamen Sohne. »Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen«, diesen Wahlspruch wandte sie mit aller Strenge auch auf Carlos an. Hatte er die aufgetragenen Geschäfte für unter seiner Würde gehalten, nun wohl, so gab's auch keinen Platz für ihn am Tische, und sein Schüsselchen blieb leer. Dann schmiedete er wohl allerlei Fluchtpläne; aber wo sollte er hin? Arbeitete in dieser verhaßten Stadt nicht alles? Saßen nicht kleine Knaben und Mädchen auf den Steinsitzen vor den Häusern, mit allerlei mühsamer Arbeit beschäftigt? Liefen sie nicht schon am frühen Morgen scharenweise in die Spinnereien und Tuchfabriken, um sich mit den emsigen Händlein ihr Brot zu verdienen? O, wenn er wieder heim könnte nach Spanien! Er hatte eine schwache Erinnerung, daß er dort als ganz kleiner halbnackter Bube unter dunkelgrünen Bäumen im Gras gelegen, den tiefblauen Himmel angeguckt und süße Früchte gegessen hatte. Freilich war sein Hemdchen schmutzig und zerlumpt gewesen, aber das schadete ja nichts! Wie, wenn er sich auf ein Schiff schliche und erst zum Vorschein käme, wenn es weit draußen auf der See war? Aber was würde man dann mit ihm tun? Vielleicht halbtot schlagen oder gar ins Wasser werfen? Hu, wie schrecklich! Ach ja, Stolz und Mut sind nicht immer beisammen; und der kleine stolze Spanier war im Grunde ein Feigling! So blieb ihm nichts übrig, als sich mit innerlichem Groll der Zucht des Hauses zu fügen, dem er so viel verdankte.
Indessen senkte sich die schwere Wolke der Trauer, die über diesem Hause schwebte, tiefer und tiefer herab. Sehr, sehr still, aber friedlich und freundlich lag die Kranke. Ein Wort der Liebe für Mann und Kind war das einzige, was noch über ihre bleichen Lippen ging. Endlich aber ward die Sterbende unruhig; die schönen Augen blickten angstvoll umher, und oft entrang sich ein schwerer Seufzer der schwachen Brust.
Eines Morgens bat sie, ihren Beichtvater zu holen, daß er ihr die Sterbesakramente reiche. Bald stand der alte, milde Priester, der sie getauft, ihr die Erstkommunion gereicht, und sie auch dem Gemahl angetraut hatte, an ihrem Lager. Der Sitte gemäß ließ man die beiden allein. Der traurige Gatte wunderte sich nicht, daß es lange dauerte, ehe der Mann wieder herauskam, da er die heiligen Handlungen mit Ernst und Feierlichkeit zu verrichten pflegte. Endlich trat er tiefbewegt zu dem Goldschmied, reichte ihm die Hand, sprach einige teilnehmende Worte und entfernte sich. Aus dem Antlitz der Kranken aber war alle Angst verschwunden. Sie lag mit gefalteten Händen, die Lippen bewegend wie im leisen Gebet. Endlich erhob sie die lieben Augen zu dem Gemahl und sprach leise:
»Traure doch nicht zu sehr, du Inniggeliebter! Ich weiß ein wunderbares Geheimnis, das mir Pater Anselmus verriet. Ich soll es niemand sagen. Du bist niemand, denn du bist mein zweites Ich! — Mir war so bange vorm Sterben! Dich und das Kind verlassen, vor den heiligen Gott treten! O wie schwer erschien es mir! Meine Sünden ängstigten mich so sehr!«
»Deine Sünden, Geliebte? Ich weiß nichts von ihnen! Hold und rein gingst du durchs Leben, Liebe und Güte spendend«, sprach der Mann, ihre Hand streichelnd.
Sie aber schüttelte das schwache Haupt. »Gott siehet das Herz an«, sprach sie leise. »Vor Ihm, dem Heiligen, ist niemand rein! Erst wenn der Weg zu Ende geht, sieht man, wie oft man gestrauchelt hat! Der Pater verwies mich auf die Fürbitte der Heiligen, auf Almosen und Seelenmessen. Wie sollte das die Sünden tilgen? Meine Angst war groß! Da sprach er zögernd: ›Mein Kind, so wende dich zu dem größten Heiligen, zu dem HErrn Christo selber! Bete noch einmal mit mir das Agnus Dei! Der die Sünden aller Welt trug, trug auch die deinen! Der da sprach: »Es ist vollbracht!« vollbrachte auch deine Erlösung!‹ O mein Geliebter! Das brachte mir Frieden! Ich will nichts vor Gott bringen als Seines Sohnes Verdienst. Das wird Er nicht verschmähen.«
Das Sprechen hatte sie sehr ermattet. Noch ein paar Tage lag sie still und friedlich, und entschlummerte dann sanft wie ein Kind im Mutterarm.
Ueber zwei Jahre waren seitdem vergangen, aber noch immer wandelte der Goldschmied manche Nachtstunde in seinem Gemach auf und nieder, weinend und händeringend. Ach, es war ihm zumute, als sei sein Herz entzweigeschnitten, und eine Hälfte davon mit ins Grab gelegt. Die andere aber, wund, krank und blutend, mußte er nun mit sich herumtragen bis zum Ende! Ja, die erste Zeit nach dem Tode der Geliebten war keineswegs die schwerste gewesen! Ihr sanftes, seliges Scheiden hatte den Schmerz in Schranken gehalten; sein Kind, sein ganzes Haus, ja alle Freunde hatten mit ihm getrauert und sich noch oft liebend der Entschlafenen erinnert. Es war ja damals noch nicht die Zeit, da es für unpassend gilt, von den Toten zu sprechen! Dennoch war die Teilnahme nach und nach schwächer geworden. Die Freunde erlebten neues Glück und neues Leid; ja, selbst das Töchterlein ward wieder fröhlich bei Spiel und Arbeit, wenn es auch noch oft und gern von der lieben Mutter sprach. Er selbst fühlte, daß er, eben um des Kindes willen, ins tätige Leben zurücktreten müsse. So saß er wieder in der Werkstatt, mit kunstgeübter Hand neue Muster und Formen erfindend und aufzeichnend zu allerlei kostbarem Schmuck und Gerät. Geduldig schliff er die funkelnden Edelsteine und beobachtete das Schmelzen der edlen Metalle.
Aber zuweilen fuhr er auf, barg das Gesicht in die Hände, und schwere Seufzer entrangen sich seiner Brust. Ach, es war ihm gewesen, als berühre eine liebe, leichte Hand seine Schulter; als mahne ihn eine holde Stimme, doch nicht allzu eifrig und allzulange zu arbeiten. Dann sprang er auf, winkte hastig einen Gehilfen an seine Stelle, und lief, die Hände vors Gesicht schlagend, hinauf in die Wohnräume, um seinem Schmerz freien Lauf zu lassen.
Dort oben war's früher oft prächtig und lebhaft zugegangen, da viele der Fremden aus allen Ländern, die damals in Antwerpen ab- und zureisten, in van der Groots Hause Unterkunft und köstliche Bewirtung gefunden hatten. Jetzt aber war's still geworden, da nicht jeder gern in einem Trauerhause einkehrt. Nur einige deutsche Kaufleute, ernste, sinnige Männer, stellten sich noch dann und wann ein, und jeder versuchte nach seiner Weise dem Hausherrn Trost zuzusprechen. Dieser erfüllte zwar die Pflichten der Gastfreundschaft mit edlem Anstand, war aber meist froh, bald wieder mit seinem Kinde und seinem Schmerze allein zu sein.
Für Annchen war es oft recht schwer, daß der liebe Vater so lange traurig und gedrückt blieb. Gott hatte ihr ein heiteres, sonniges Gemüt gegeben, und sie hätte den Geliebten so gern, ach, so gern wieder heiter gesehen. Ach, das gute Kind hatte wochenlang tief genug getrauert, war bleich und elend geworden vor Sehnsucht nach dem Mütterlein, und hatte oft bitterlich weinend das Gesichtchen an des Vaters Brust geborgen. Das hatte ihn so gejammert, daß er ihm endlich das Geheimnis des alten Priesters verriet. Mit lieblichen Worten schilderte er ihm den himmlischen Paradiesgarten, wo die Mutter nun im Lichtkleid wandelte, in den Gesang der Engel einstimmte und mit ihnen anbetend vor dem Thron des Heilandes kniete, ganz befreit von Krankheit, Not und Schmerz! Und o Wunder! Was der Mann kaum zu glauben wagte, erfaßte das Kind sofort. Der Vater sagte es; da mußte es ja wahr sein! Es lächelte unter Tränen und sprach verwundert:
»O, warum sagst du mir das erst heute? So darf ich ja wieder fröhlich sein, wenn's lieb Mütterlein so sehr gut hat! Gelt, nun wird sie nimmer krank? Und nicht wahr, herzer Vater, uns holt Gott auch bald in den schönen Himmelsgarten?«
Des Vaters Mund sprach ein zögerndes »Ja«, aber sein Herz blieb in Unruhe und Zweifel. Nun sah er, wie das Mägdlein allmählich wieder heiter ward, sein Püppchen liebkoste, sein kleines Gartenbeet im Hofe pflegte, ja endlich den bunten Ball wieder in die Luft warf, hüpfte und jauchzte. Doch belauschte er es auch einmal, als es, vor seinem Bettchen knieend, Gott unter Tränen bat, es nun recht, recht bald in den Himmelsgarten zu holen, da es sich oft sehr, o so sehr! nach Mütterlein sehne. Das Kind glaubte des irdischen Vaters Wort! Ach, warum redete der himmlische Vater nicht auch zu ihm, damit sein gequältes Herz endlich Ruhe finde?
Einmal, es war im dritten Sommer nach dem Tode der Geliebten, trat der Goldschmied, einen Brief in der Hand, freudig erregt in das Stübchen der Haushälterin. »Sputet Euch, gute Frau Berta«, sprach er; »mir ist Kunde geworden, daß mein lieber Jugendfreund, Hans Burkhardt, der sich in Magdeburg niedergelassen hat, unsere Stadt besuchen und einige Zeit in meinem Hause verweilen will. Sorget, daß das beste Gastgemach für ihn bereit sei, und bringt auch etwas Gutes auf den Tisch. Annchen wird, wie immer, an meiner Seite sitzen; die Knaben mögen in zierlicher Kleidung aufwarten. Mein Freund ist zu ansehnlichem Reichtum gelangt, und hat, wie man sagt, einen vornehmen Haushalt.«
Alsbald entfaltete sich in dem sonst so stillen Hause eine gewaltige Tätigkeit. Ueberall, auch an Orten, die der Gast keinesfalls betreten würde, ward geputzt, gescheuert, gefegt und gelüftet. In der Küche duftete es nach allerlei guten, seltenen Dingen, und das allerbeste Tischgerät ward nach langer Ruhe ans Tageslicht gebracht und blitzblank geputzt.
Die nun vierzehnjährigen Knaben hatten die Schule verlassen, arbeiteten in der Werkstatt und leisteten nach damaliger Sitte dem Hausherrn allerlei Dienste, zu denen auch das Aufwarten bei Tische gehörte. Gottfried tat es gern und geschickt; Carlos nachlässig und mit bösem Gesicht, da er es tief unter seiner Würde hielt. Dabei war er aber nicht zu stolz, die Schüsseln heimlich zu benaschen, und manches Stück Backwerk in der Tasche verschwinden zu lassen.
Endlich kam der Gast. Ein hochgewachsener Mann mit blondem Haar und Bart, frischen Wangen und hellen, klugen, überaus freundlichen Augen. Das Wiedersehen war zwar freudig, aber auch sehr wehmütig. Nachdem der Reisende ein Bad genommen, und mit bequemem Hausgewand versehen worden war, führte ihn der Freund hinauf in das beste Gemach, den sogenannten Saal, wo der Tisch aufs zierlichste zum Abendessen gedeckt war. Hier empfing ihn auch das nun zwölfjährige liebliche Annchen mit schüchterner Verneigung. Er aber zog es an sich, drückte einen väterlichen Kuß auf die weiße Stirn und sprach zu dem ernsten Freunde:
»Da hat dir Gott ein Trostengelein gelassen. Das Kind ist ja das Ebenbild der Entschlafenen! Nun freue dich auch sein, und laß mich ein Lächeln auf deinem Angesicht sehen.«
Der Goldschmied aber schüttelte traurig das Haupt. »Wohl ist sie mir ein Trost; doch kann ich ihr die Mutter nimmer ersetzen. Mein Haar wird grau, und der Schmerz zehrt mir am Leben. Was wird aus ihr werden, wenn ich sie mutterlos verlassen muß?«
»Armer Freund«, erwiderte der Gast; »sprichst du doch, als gebe es keinen barmherzigen Gott!«
Der Wirt antwortete nicht, sondern nötigte zur Mahlzeit. Der hungrige Reisende ließ sich's wohlschmecken und erzählte dabei so frisch und fröhlich von allerlei Erlebnissen, daß alle mit Vergnügen zuhörten.
»Du hast da einen hübschen Jungen«, sagte Meister Burkhardt endlich, als beide Knaben das Gemach verlassen hatten, um den Nachtisch aus der Küche zu holen.
»Meinst du den Blonden oder den Schwarzen?«
»Ei, den Blonden! Den Schwarzen tät' ich noch heut aus dem Hause, wenn ich an deiner Stelle wäre.«
»Du bist hart! Er ist ein verlassenes Kind, und dies Haus seine einzige Zuflucht.«
»So hüte dich wenigstens vor ihm; er hat einen falschen Blick.«
Nun traten die Knaben wieder ein. Gottfried trug eine kostbare Kristallschale, worin Früchte und feines Backwerk zierlich geordnet waren; Carlos einen herrlichen Goldpokal, mit dem besten Wein gefüllt. Ganz gegen seine Gewohnheit schien er etwas befangen zu sein. Der Fußboden war blank und glatt; der Pokal groß und schwer. So konnte es geschehen, daß Carlos plötzlich ausrutschte, mit seiner Last zu Boden fiel, und der edle Wein sich über den Flur ergoß.
»Tölpel«, rief der Goldschmied erzürnt. »Aber wie? Bist du auch ein Näscher?«
Ach ja; im Fallen hatte sich der Gurt gelöst, der das Sammetwams des Jungen zusammenhielt, und aus seinen Falten und Taschen rollten etliche der herrlichsten Früchte und einige Stücke Konfekt. »Geh hinaus!« befahl der Hausherr. »Du wirst deiner Strafe nicht entgehen.«
Obgleich die Haushälterin mit Gottfrieds Hilfe die Spuren des Unfalls schnell vertilgte, war doch die heitere Stimmung gestört. Vom Nachtisch ward nur wenig gekostet, und Annchen bald aus dem Zimmer geschickt.
Als die Freunde in bequemen Armsesseln am lodernden Kaminfeuer saßen, das man auch an Sommertagen gern anzündete, kam das Gespräch bald wieder auf den schweren Kummer des Goldschmieds zurück.
»Wenn ich nur ganz gewiß wüßte«, seufzte der Trauernde, »daß es der Geliebten nun wohl ist, und daß ich sie einst wiedersehen werde, so wollte ich mich wohl trösten. Aber das ist eben das Schreckliche, daß uns die Kirche durchaus nichts Sicheres bietet. Wie kann man jemals wissen, ob man genug gegeben, gebetet und gebüßt hat? Wie kann man sich auf die Fürbitte der Heiligen verlassen, die doch auch nur Menschen waren? Es ist alles unter dunkelm Schleier verborgen! Dazu kommt, daß mein Mißtrauen gegen die Priester mehr und mehr wächst. Führen sie doch meist ein träges, unnützes, ja wollüstiges Leben. Seit der fromme alte Beichtvater meiner geliebten Frau ihr so schnell im Tode nachgefolgt ist, habe ich zu keinem mehr Vertrauen.«
»Schriebst du mir nicht, er habe sie in der letzten Not zu Christo gewiesen, und sie sei daraufhin sanft entschlafen?«
Der Goldschmied neigte zustimmend das Haupt.
»So tue ein Gleiches«, rief der Freund. »Halte dich an das Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt, so bist du jetzt schon im Glauben wieder mit ihr vereint.«
»Wie kann ich?« seufzte der andere. »Wie mag ich sündiger Mensch mich dem erhabenen Himmelskönig und Weltenrichter unvermittelt nahen? Und ich kenne Ihn ja nicht; ich weiß nur sehr, sehr wenig von Ihm! Ach, mein Kind sieht in harmlosem Glauben die Mutter im Paradiese wandeln, weil ich ihm die Botschaft des alten Priesters anvertraute. Aber wo vernehme ich armer Sünder die Stimme des Trostes?«
»Mein Freund«, fragte der Gast nach einigem Zögern, »bietet dein Haus wohl ein Kämmerlein, einen Winkel oder irgend ein Gelaß, wo kein neugieriges Auge, kein lauschendes Ohr zu fürchten ist?«
Der Goldschmied nickte, trat in eine Ecke des Gemachs, bückte sich nieder und drückte auf eine in der Wand verborgene Feder. Ganz geräuschlos fuhr ein Teil der Wandbekleidung zurück, und es zeigte sich eine Oeffnung, eben groß genug, einen Mann einzulassen. Beide schlüpften hindurch, und der Wirt entzündete eine kleine silberne Lampe, die einen zwar engen, aber behaglichen Raum erleuchtete. Ein Tisch, einige Sessel und ein niedriges Schränkchen bildete die ganze Einrichtung.
»Hier bewahre ich zuweilen besondere Kostbarkeiten auf«, erklärte der Freund. »Hier führe ich manch mühsame Arbeit aus, deren Kunstgriffe mir allein bekannt sind. Hier überwinde ich auch manche Stunde tiefster Trauer, wo ich niemand, ja selbst nicht mein Kind sehen mag.«
»Und hier«, erwiderte der Gast, »sollst du von nun an den größten Schatz der Welt bewahren, und den süßesten Trost für deinen Schmerz finden!«
Damit nahm er ein in Leder gebundenes Buch aus dem verschlossenen Reisesack, den er eilend aus dem Gastgemach geholt, legte es auf den Tisch und schlug den Titel auf. Es war das Neue Testament in Doktor Luthers Uebersetzung. Der Goldschmied aber erbleichte und sah sich ängstlich in dem schmalen Gelaß um, als könne doch irgendwo ein Lauscher verborgen sein.
»Um aller Heiligen willen, mein Freund; was wagst du? Weißt du nicht, daß das Lesen dieses Buches, sowie aller Schriften des deutschen Doktors und seiner Genossen in diesem Lande bei furchtbaren Strafen verboten ist? Ach, wie viele schmachten in feuchten Kerkern, wie viele starben schon durchs Schwert, durchs Feuer, ja auf noch grauenhaftere Weise, nur weil sie diese Schriften gelesen hatten!«
»Wohl weiß ich das, Geliebter! Aber ich weiß auch, daß viele Tausende den Frieden ihrer Seele und den sicheren Weg zum Himmel darin fanden. Ich weiß, daß die, die es mit dem Leben büßen mußten, nun selig ruhen in Gottes Arm und Schoß! Erlaube mir nur heute, dir an diesem sicheren Ort daraus vorzulesen; magst du das Buch dann nicht als Gastgeschenk behalten, nun, so nehm' ich's eben wieder mit! Im lieben Magdeburg ist's, gottlob! in aller Händen; und in den Kirchen wird das süße Evangelium frei gepredigt.«
Noch einmal prüfte der Hauswirt den geheimen Verschluß des Raumes, dann ließ er sich, bleich und ängstlich, aber doch erwartungsvoll, neben dem Freund nieder. Zuerst übermannte ihn die Furcht noch öfter. Er lauschte; ja, der starke, sonst so feste Mann bebte vor Angst und Erregung! Nach und nach aber, als alles still blieb, und er wußte, daß die Hausgenossen in tiefem Schlaf lagen, ward er ruhiger und hörte immer gespannter dem Freunde zu, der zuweilen das Lesen unterbrach, um einige erklärende Worte zu sprechen.
Vor dem geistigen Auge des Goldschmieds aber entfaltete sich das Bild des Gottessohnes, den er bisher für einen unnahbaren Himmelskönig und schrecklichen Richter gehalten hatte. Er sah Ihn arm und gering durchs Leben wandeln als Arzt der Kranken, als Tröster der Betrübten, als Helfer der Armen, besonders aber als Heiland der Sünder! »Fürchte dich nicht; glaube nur!« »Stehe auf, gehe hin; dein Glaube hat dir geholfen!« O welch köstliches Kleinod mochte dieser Glaube sein! Der Freund besaß ihn und nannte ihn sein höchstes Gut, für das er alles, alles, ja sogar sein Leben hinzugeben bereit sei.
So sprachen die beiden bis tief in die Nacht hinein, und ringsum war alles still. Doch nicht alles! Leise, leise hatte sich gegen Mitternacht die Tür des großen Zimmers geöffnet, und Carlos war im bloßen Hemd hereingeschlichen, ein Lämpchen in der Hand. Ach, als ihm das Naschwerk aus dem Gewand fiel, war auch ein Geldstück aus seiner Tasche gerollt, das er heimlich entwendet. Das suchte er nun ängstlich, da er wohl wußte, daß man ihn sogleich aus dem Hause jagen werde, wenn es bekannt ward, daß er nicht nur ein Näscher, sondern auch ein Dieb war. So kroch er leise, leise am Boden umher, mit dem Lämpchen leuchtend. Und, o Glück! da lag das Silberstück in einem Winkel! Horch! Was war das für ein leises Geräusch? Klang es nicht, als spräche ein Mensch ganz leise, ganz ferne? Nun, was ging es ihn an? Hatte jemand ein Geheimnis, ei, er hatte auch eins!
Geräuschlos schlüpfte er in die Kammer, die er mit Gottfried teilte, der in festem Schlafe lag. Er bückte sich in einem Winkel nieder und entfernte ein Stück des Holzgetäfels, mit dem die Wand bekleidet war. Es zeigte sich eine kleine Höhlung, die er durch Entfernung eines Mauersteins zustande gebracht. Ei, wie es darin blitzte und funkelte! Geldstücke, Klümpchen edlen Metalles, kleine wertvolle Steinchen und Perlen, Gold- und Silberfäden und Stücklein glänzender Borten, dies alles stak festgedrückt in dem Loch, als habe es ein diebischer Rabe zusammengetragen. Nachdem Carlos seine Augen daran geweidet, die Holzplatte wieder vorgeschoben und das Licht ausgelöscht hatte, huschte er ins Bett und gab sich noch lange glänzenden Träumen hin. O, wenn es nur erst reichte zur Fahrt über das Weltmeer nach den neuentdeckten Ländern! In wenig Jahren würde er ein Mann sein, und dann wollte und mußte er dort hinüber. O welche Wunderdinge erzählte man am Hafen, wo er sich so oft als möglich herumtrieb, von jenen Ländern! Welch unermeßliche Schätze gab's da zu heben! Mit welch unumschränkter Gewalt herrschten die Spanier über die Ureinwohner des Landes und rissen ihre Reichtümer an sich ohne alles Erbarmen! Freilich hörte er auch, daß viele dabei jämmerlich zugrunde gingen. Er aber würde sicher zu hohen Ehren und unermeßlichem Reichtum gelangen!
Ja, der elende Feigling Carlos hielt sich für einen großen Helden, weil er den Mut hatte, aller Zucht und Ermahnung zu trotzen. Dennoch zitterte er am andern Morgen aus Furcht vor der Strafe, die ihm der Hausherr wegen seiner Näscherei angedroht. Sie blieb jedoch aus. Des Goldschmieds Herz war viel zu bewegt, viel zu beglückt, um noch an den kleinen Zwischenfall zu denken.
Am Nachmittag aber sprach er zu seinem Gast: »Willst du mich wohl auf einen Spaziergang begleiten? Du weißt, ich hatte von jeher die Gewohnheit, fern vom Geräusch der Stadt zwischen Feldern und Gärten Erholung von der Arbeit zu suchen. Mag man darüber lächeln; ich lasse mich dadurch nicht stören. Heute habe ich ein besonderes Ziel. Weit draußen, in der Nähe des Hafens, habe ich ein altes, halbverfallenes Gemäuer erworben und lasse es zu einem Sommerhäuschen umbauen, damit Annchen sich an Blumenduft und Vogelgesang ergötzen, und die warmen Monate in frischer, freier Luft zubringen kann.«
Wacker schritten die Freunde zum Tore hinaus, und Meister Burkhardt ergötzte sich an den reichen, wogenden Feldern, den herrlichen Blumengärten und Obstpflanzungen, die man durchwandelte. Sagte man doch damals, die Niederlande seien ein einziger großer Lustgarten, weil jeder noch so kleine Landstrich wohl angebaut und sorgfältig gepflegt war. Endlich führte ein schmaler Pfad ein wenig aufwärts, und es zeigte sich zwischen allerlei Buschwerk ein kleines altertümliches Gebäude mit vorgeschobenem runden Wartturm. Eine Anzahl Männer war mit Abtragen verfallener Mauern und Ausbauen wohlerhaltener Wände beschäftigt.
»Sieh«, sprach der Goldschmied, »das ist meine kleine Burg! Ehemals sollen Strandräuber hier gehaust haben, um nahende Schiffe zu beobachten. Steige nur bis zum Türmchen empor, so wirst du dich an dem Ausblick ergötzen!«
Ja, da bot sich dem Auge ein herrliches, mannigfaltiges Bild! Am Abhang lagen die Hütten eines Fischerdorfes, aus deren Mitte sich ein altersgraues Kirchlein erhob. Auch hier war jedes Stückchen Land nutzbar gemacht, und fast jede Hütte von einem Gärtchen umgeben. Obstbäume waren angepflanzt und Wege geebnet, auch auf die Gefahr hin, daß dann und wann eine Hochflut das mühsame Werk zerstören werde. Zur Rechten erblickte man in nicht zu weiter Entfernung den Hafen mit seinen unzähligen Masten und Segeln; weiter hinaus sah man Schiffe dem Meere zueilen.
»Uebers Jahr soll's, so Gott will, wohnlicher hier aussehen«, sprach der Goldschmied, den Freund aus der Nähe der Arbeiter führend. »Da ist mein Schlößlein fertig, und Annchen soll zwischen Blumen lustwandeln. Wie wohl wird mir's tun, zuweilen das Geräusch der Stadt zu verlassen, und besonders die Sonntage hier zu verleben! Einmal besuchte ich schon das Kirchlein, und es gefiel mir ausnehmend darin. Obgleich der junge Leutpriester erst ein Jahr lang hier ist, hat er doch schon Wunder geschafft. Sieh nur, wie nett und blank sein Häuschen zwischen den jungen Obstbäumen hervorsieht! Ehemals sah's schwarz und vernachlässigt aus. Auch um die Hütten her ist alles sauberer geworden. Und seine Predigt!« fügte er leise hinzu. »Man möchte fast denken, er habe einen Blick in dein Buch getan! Hier draußen werde ich es auch recht ungestört lesen können.«
»Tue das nicht«, warnte der Freund. »Laß es ruhig in dem sicheren Versteck! Nimm es nie heraus; es sei denn, daß seine Lehren in der Stadt anerkannt werden. Bald wird sein Inhalt in deiner Seele so lebendig sein, daß du es geistigerweise immer mit dir herumträgst.« —
Vier Wochen lang weilte Hans Burkhardt in Antwerpen, den Tag über eifrig seine Geschäfte besorgend, am Abend aber den Freund immer tiefer in die tröstlichen, neues Leben schaffenden Lehren des evangelischen Glaubens einführend. Als er endlich schied, das kostbare Buch zurücklassend, war der Goldschmied ein anderer geworden. Obgleich er noch immer um die geliebte Gattin trauerte, öffnete er sein Herz doch dem himmlischen Troste. Er hatte die Stimme des Vaters gehört, und den Heiland gefunden, der dem Tode die Macht genommen hat.
5. Der Leutpriester.
Als Thomas und Grete mit ihrem Wäglein im Fischerdorf ankamen, fühlten sich beide etwas enttäuscht. Obgleich sie keinen feierlichen Empfang erwartet hatten, hofften sie doch, das Häuschen in sauberem Zustande zu finden. Aber ach, die Schaffnerin des alten Leutpriesters war eine Fremde gewesen, die sich die Reinlichkeit und Ordnungsliebe der Niederländerinnen jedenfalls nicht zum Muster genommen hatte. Ihr alter dicker Herr war ja nach und nach so stumpfsinnig geworden, daß er gar nicht mehr merkte, ob Schüssel und Teller gewaschen, ob der Fußboden gescheuert und die Fenster geputzt waren. Nur aufs Essen und Schlafen hatte er bis zuletzt gehalten, und der Bierkrug war sein bester Trost gewesen. Für wen hätte denn da die alte Lotte fegen und putzen sollen? So war im Laufe der Jahre alles gar jämmerlich vernachlässigt, und der arme Thomas stand ganz ratlos zwischen dem wackligen, verschwärzten Hausrat, der dem Kloster gehörte und wohl seit undenklichen Zeiten nicht erneuert worden war.
Grete aber verlor den Mut nicht so leicht. »Mit Händeringen und Seufzen ist nichts getan, Pater Thomas«, sagte sie lachend. »Faß tapfer zu, Brüderlein! Für heut ist's zu spät. Es ist gut, daß ich ein Abendbrot und saubere Bettstücke mitgebracht habe. Jetzt laß uns essen und schlafen; morgen aber geht's wacker an die Arbeit. Heut ist Montag; wenn's Sonntag zur Frühmesse läutet, muß alles blinken und blitzen.«
Das ward eine saure Woche! Allein hätten's die beiden nicht fertig gebracht; doch wußte man sich Hilfstruppen zu verschaffen. Das neugierige Kindervolk, das nach und nach am Gartenzaun und am Hoftor erschien, ward alsbald von Grete in den Dienst gezwungen. Unter den mitgebrachten Vorräten befand sich ein Sack gedörrter Pflaumen und Birnen, die sich als Lockspeise und Belohnung gar wohl bewährten. Blitzschnell verbreitete sich die Kunde davon im ganzen Dorf, so daß schon am dritten Tage der Andrang der Helfer fast zu groß wurde. Dennoch gab's Arbeit für alle, da nicht nur das Haus, sondern auch Hof und Garten in trübseligem Zustande war. Daheim erzählten die Kinder, wie freundlich Jungfer Grete mit ihnen gescherzt, wie ihnen der Pater die Hand aufs Haupt gelegt und die Wangen gestreichelt habe.
In der täglichen Messe war das Kirchlein recht leer gewesen, aber am Sonntag hatte sich alles versammelt, was nicht eben draußen auf dem Meere zu schaffen hatte. Als Thomas an den kleinen, mit allerlei seltsamem Schmuck behangenen Altar trat, stießen die Weiber einander mit den Ellenbogen und flüsterten: »Sie hat das Meßgewand gewaschen!« »Sie hat auch das große Loch im Aermel geflickt!« Und welch schöne, klare Stimme hatte der neue Pater! Schade nur, daß kein Mensch verstand, was er sang und las, weil ja alles lateinisch war.
Als aber der Altardienst beendet war, und der Leutpriester die Kanzel bestieg, setzten sich nach alter Gewohnheit alle zu einem Schläfchen zurecht, da sie sich unter einer Predigt ein für allemal was schrecklich Langweiliges vorstellten. Auch die Reliquien, die der alte Pater manchmal während der Predigt gezeigt hatte, kannte man schon lange. Es war ein Knochen des heiligen Sebastian, ein wenig Heu aus dem Kripplein Christi und ein ganz kleines Läppchen vom Kleide der heiligen Agnes. Aber horch! Der neue Pater sprach ja gar nicht davon, daß man Geld geben müsse, daß man fasten, wallfahrten oder gar ins Kloster gehen solle. Nein, er erzählte eine Geschichte, und zwar von dem hochgelobten Mariensohn JEsus Christus, von dem man so sehr, sehr wenig wußte. Als Er noch auf Erden wandelte, war Er einmal an einen See gekommen, der hieß Genezareth. Da hatten Schifflein am Ufer gelegen, und die Fischer waren ausgetreten und wuschen ihre Netze. »Ei, das war ja gerade wie bei uns«, dachte mancher, der sich zum Schlafen gerüstet hatte, und hob den Kopf wieder empor. Der Leutpriester aber erzählte weiter:
»Da trat Er in der Schiffe eines, das Simon Petrus gehörte, ließ es ein wenig vom Lande führen und lehrte das Volk aus dem Schiff. Als Er aufgehört hatte, sagte Er den Fischern, sie sollten die Netze auswerfen, damit sie einen Zug täten. Sie hatten zwar die ganze Nacht gearbeitet, ohne etwas zu fangen; aber weil der HErr Christus so schön gepredigt hatte, warfen sie auf Sein Wort das Netz noch einmal aus, und fingen eine große Menge Fische. Da fiel der heilige Petrus vor dem Gottessohn nieder und rief: ›HErr, gehe von mir hinaus; ich bin ein sündiger Mensch.‹ Der aber sprach: ›Folge mir nach; ich will einen Menschenfischer aus dir machen.‹ Da verließ der heilige Petrus alles und ward JEsu Jünger und der höchste von allen Aposteln, der viele Fische gefangen, das heißt, viele Menschen ins Himmelreich gebracht hat.
Ich bin kein Petrus«, fuhr der Leutpriester fort, »ich bin nur ein armer, junger Mann, der noch viel, sehr viel zu lernen hat. Dennoch spricht heute der Heiland der Welt auch zu mir: ›Ich will dich zum Menschenfischer machen.‹ Ja, ich soll euch alle lehren, für euch beten und die heiligen Handlungen am Altar verrichten, damit ihr die himmlische Seligkeit erlangt.« Und nun versicherte er so freundlich, wie gern er das alles tun wolle; nur müßten sie auch fleißig zur Kirche kommen und gern hören und lernen, auch für ihn beten. In aller ihrer Not sollten sie nur getrost zu ihm kommen; er wolle ihnen so gern raten und helfen.