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Schulmädelgeschichten

für Mädchen von 7–12 Jahren

erzählt von

Marie Beeg.

Mit zahlreichen Holzschnitten und 4 Farbdruckbildern.

Sechste Auflage.

Berlin W.
Schreiter’sche Verlagsbuchhandlung.

Inhalt.

Seite
1. Kapitel: Der Geburtstag [1]
2. Kapitel: Der erste Schultag [8]
3. Kapitel: Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft [17]
4. Kapitel: Die Handarbeitsstunde [23]
5. Kapitel: Lehrstunden [28]
6. Kapitel: Ein Tag bei Alma [30]
7. Kapitel: Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer [42]
8. Kapitel: Schlimme Freundschaft [72]
9. Kapitel: Martha [79]
10. Kapitel: Ein Brief Almas an Aennchen [92]
11. Kapitel: Tagebuchblätter. Aus Aennchens Tagebuch [100]
12. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch [108]
13. Kapitel: Marthas Hausgarten. Der arme Hansi [114]
14. Kapitel: Wintervergnügen und Eisabenteuer [122]
15. Kapitel: Klara [126]
16. Kapitel: Musikstunden [129]
17. Kapitel: Aus Aennchens Tagebuch. Almas Rückkehr [134]
18. Kapitel: Aus Marthas Tagebuch. Die Konfirmation [140]
19. Kapitel: Das Kränzchen [144]
20. Kapitel: Ein überraschender Besuch [150]
21. Kapitel: Schluß [157]

Erstes Kapitel.
Der Geburtstag.

Sie war ein niedliches liebes Mädchen, die kleine Anna, und wen sie mit ihren blitzenden Aeuglein und weißen Zähnchen anlachte, der mußte sie gern haben, trotzdem sie ein solch tüchtiger Wildfang war, welcher Haus und Hof fortwährend unsicher machte. Ihre Eltern bewohnten ein wundervolles Haus, das in einem großen schönen Garten lag, und da tummelte sich denn klein Annchen nach Herzenslust herum, kletterte auf die Bäume und spielte mit den kleinen Brüdern Verstecken.

»Das Kind wird uns zu wild, das muß ein Ende nehmen,« sprachen die Eltern. »Sie lernt gar nichts; die alte Kinderfrau wollte ihr kürzlich das Stricken zeigen, da zog sie die Nadeln aus den Maschen und spießte sie ihren Puppen in den Leib. – Ja, das that sie!«

Nun kam Aennchens Geburtstag heran, an dem sie sieben Jahre werden sollte; sie hatte sich schon lange darauf gefreut. Was ihr da wohl alles beschert werden würde? Sie hatte solch köstliche Wünsche: eine große, große Schaukel, ein Schaukelpferd, wie die Brüder es hatten, eine recht lange Peitsche und eine Trompete! Das waren freilich keine passenden Wünsche für ein kleines Mädchen, aber sie hegte sie doch.

Der Geburtstagmorgen kam heran, Aennchen wachte in aller Frühe auf, sie hatte ihn ja schier nicht erwarten können. Die Kinderfrau schlief noch, die kleinen Brüder schliefen noch und es war ihr streng verboten, sie zu wecken. Aber so lang still im Bette liegen, das war doch recht schwer! So erhob sie sich denn ganz leise, schlüpfte heraus und begann in ihrem Nachtkleidchen und bloßen Füßen auf Tisch und Stühlen herum zu turnen. Aber plumps, da gab es einen furchtbaren Spektakel, der Stuhl fiel um und klein Aennchen lag halb zerquetscht und betäubt darunter. Gleich eilte die erschreckte Kinderfrau aus ihrem Bett herzu und nun gab es zu allem Schrecken noch tüchtige Klopfe, dann wurde klein Aennchen wieder ins Bett gesteckt und mußte noch ein paar Stunden mäuschenstille liegen, bis sie endlich um sieben Uhr festlich angekleidet wurde, ihrem Geburtstag zu Ehren. Ein hellblaues Kleidchen mit weißen Schleifen und ein weißes Spitzenschürzchen bekam sie an, das wilde braune Lockenköpfchen wurde tüchtig gebürstet und gekämmt, dann durfte sie hinüber nach dem Frühstückszimmer laufen, wo bereits die Eltern und Geschwister versammelt waren.

Wie köstlich es nach Schokolade und Kuchen duftete, und wie lieb und freundlich alle sie umringten! Aber sie hatte nur Augen für die große weißgedeckte Tafel dort drüben, welche ganz mit Geschenken vollgebreitet war. Die Mama führte das Töchterchen selbst dahin und es hüpfte dabei vor Freude, blieb aber plötzlich ganz verwundert und schier erschrocken stehen.

Wo war die Schaukel? Wo das Schaukelpferd, die Peitsche, die Trompete? Keine Spur davon zu sehen! Aber inmitten des Tisches saß eine wunderhübsche Puppe, allerdings ganz unangekleidet, nur in ein Hemdchen gehüllt, auf einem Stühlchen; zu ihren beiden Seiten waren Kästen aufgestellt; der eine enthielt nichts als eine große Anzahl der verschiedensten Stoffreste, blaue, rote, weiße und schwarze, seidene und wollene, dann breite und schmale Spitzen und Bänder und Borten – kurz, es war das reine Putzwarengeschäft. Der andere Kasten war mit Faden und Wolle aller Art und jeder Farbe angefüllt, enthielt ein Nadelbüchschen und Fingerhut und Schere und noch eine Menge anderer Kleinigkeiten zum Nähen und Sticken. Ferner war ein niedliches weißes Strickkörbchen aufgestellt, darin lag ein großer rosenroter Wunderknäuel und ein Bund dicke Stricknadeln.

Vorn am Tisch aber lag ein nagelneues Bücherränzchen mit schönen Schnallen und Riemen, und auf dem Deckel stand der Name »Aennchen« schön gestickt und darunter »das fleißige Kind.« Das ganze Bücherränzchen war mit einer Menge nagelneuer Hefte und Bücher angefüllt, das Schönste aber war ein wunderhübscher Federkasten, in welchem Griffel und Bleistifte, Federn und Gummi und sogar ein kleines Messerchen enthalten waren. Eine schöne, neue Schiefertafel war auch zu sehen; diese hatte einen bemalten Rand, auf welchem allerlei hübsche und lustige Sprüchlein standen, wie: »Wer mit dem Griffel schreibet fein, das muß ein artig Mädchen sein!« und: »Wer fleißig seine Arbeit thut, dem sind die Menschen alle gut!« und ferner: »Geschrieben Wort ist Perlen gleich, ein Tintenklecks ein böser Streich!«

Alle diese schönen Dinge waren in bunter Reihe auf den Tisch gebreitet, dazwischen Teller mit Bonbons und Kuchen, und jedes artige Kind wäre beim Anblick all’ dieser Herrlichkeiten vor Freude wohl hoch gesprungen.

Unser Aennchen aber nicht! Wie vom Schreck gerührt stand sie da, als sie keinen ihrer Lieblingswünsche erfüllt sah, und konnte es kaum noch fassen, da trat die Mama zu ihr und sprach:

»Siehst Du, mein Aennchen, für welch großes artiges Mädchen wir dich jetzt halten, daß wir dir alle die schönen Sachen zum Geburtstag beschert haben? Du bist jetzt sieben Jahre alt geworden, also mußt du auch anfangen, recht fleißig und vernünftig zu werden, und die wilden Spiele, welche sich nur für Buben schicken, aufgeben. Die reizende Puppe haben wir dir mit Absicht nicht angekleidet, damit du selbst die Freude haben sollst, hier aus diesen hübschen Stoffen und Spitzchen schöne Kleiderchen zu verfertigen. Der Wunderknäuel in diesem Körbchen ist mit einer Menge süßer Bonbons gefüllt und auf dem Grund desselben ein kleines Geheimnis verborgen; wenn du daher recht fleißig stricken lernen willst, so wirst du immer eine Freude und Ueberraschung dabei haben. – Das Bücherränzchen mit all den vielen Heften und Büchern aber wird dir wohl das größte Vergnügen gewähren und du darfst es bald benützen, denn von morgen an darfst du die Schule besuchen.«

»In die Schule soll ich!« rief Aennchen erschrocken aus und starrte die Mama ungläubig an; als diese aber ganz ernsthaft mit dem Kopfe nickte, da wurde sie förmlich außer sich; sie warf sich der Länge nach auf den Boden und schluchzte und schrie:

»Nein, ich will in keine Schule kommen! ich mag in keine Schule!«

Das war ein ganz abscheuliches Betragen für ein kleines Mädchen, noch dazu für ein Geburtstagskind! Ganz entsetzt standen die Geschwister und starrten das böse Schwesterlein am Boden an, und der Papa, welcher bis jetzt nichts mitgesprochen hatte, runzelte zornig die Stirn und trat vor. Aber die Mama ergriff ihn am Arme und bat:

»Laß du mich heute allein mit Aennchen verhandeln. Ich will sie nicht gleich schlimm strafen, weil ja ihr Geburtstag ist, aber es wird ihr schon Strafe genug sein, wenn sie nicht mit uns frühstücken darf, sondern ihre Schokolade und Kuchen ganz allein verzehren muß.«

Damit hob sie das noch immer weinende Kind vom Boden auf und führte es hinüber nach dem kleinen Kämmerchen, welches das »Trutzstübchen« geheißen wurde, denn hieher wurde immer jedes unartige Kind geschickt, das eine Strafe abzubüßen hatte. Im ganzen Stübchen stand nichts als ein einziger kleiner Tisch und ein Stuhl. Wie viele Stunden hatte das wilde Aennchen hier schon abbüßen müssen; niemals aber schien es ihr so schmerzlich zu sein als gerade heute an ihrem Geburtstag, auf den sie sich schon so lange gefreut hatte.

So saß sie denn mit strömenden Thränen vor ihrer großen Schokoladentasse und hielt ihr duftendes Stück Kuchen in der Hand; all die herrlichen Rosinen und Mandeln, die darauf gestreut waren, vermochten sie nicht zu trösten; sie schluchzte und schluchzte und jammerte vor sich hin. Ach, und sie schämte sich so sehr, gerade heute bestraft worden zu sein – das war doch noch keinem der Geschwister am Geburtstag passiert, und sicherlich würde sie Bruder Fritz, der auch schon in die Schule ging, noch tüchtig damit necken.

Eine Stunde später steckte die Mama den Kopf zur Thüre herein und sah sich nach ihrem Aennchen um. Dieses saß mit ganz dickverweinten Augen auf seinem Stuhl und als es die Mutter sah, streckte es die Arme aus und fing von neuem an, bitterlich zu weinen.

»Wie steht es denn mit dir, Aennchen – willst du jetzt wieder artig sein?« fragte die liebe Mutter und hob das Töchterchen sanft empor. Dieses schlang seine Aermchen um ihren Hals und flüsterte:

»Ja, liebe Mama! ich bitte um Verzeihung, daß ich so böse gewesen bin.«

»Und willst du jetzt auch gern in die Schule gehen, liebes Kind?«

»Ich will es versuchen,« kam die Antwort sehr langsam und leise aus Aennchens Mund hervor. Die Mutter setzte sich auf den Stuhl, nahm ihr Töchterchen auf den Schoß und sprach mit freundlichem Ernst:

»Ja, mein Liebling, versuche es und du wirst sehen, daß es nicht so schlimm ist, sondern im Gegenteil dir bald ausnehmend gefallen wird. Denn wenn du darüber nachdenkst, so wirst du selbst einsehen, daß ein Leben, wie du es bis jetzt geführt hast, nicht ewig so fortgehen kann. Du bist schon ein kräftiges Mädchen, doch kannst du weder stricken noch lesen, noch rechnen und schreiben. Nun denke nur daran, wohin das führen würde, wenn es so fortginge; du müßtest dich ja vor jedem Menschen schämen, so unwissend zu sein, denn es giebt niemand, der nicht auch etwas lernen muß, und wenn sich alle so sträuben würden, so gäbe es wohl nur lauter unwissende Menschen, die ein Abc wüßten und kein Buch lesen könnten und keinen Strumpf stricken. Gelt, das wäre schrecklich? Damit aber kleine Kinder schon im richtigen Alter, wo ihnen das Lernen leicht wird, alles gelehrt bekommen, was nötig ist, sind die Schulen errichtet worden. In diesen Schulen giebt es eine Anzahl gar lieber Lehrer und Lehrerinnen, welche alle die vielen kleinen Nichtswisser um sich scharen und unterrichten im Lesen, Schreiben und Rechnen und sie noch eine Menge anderes lehren und ihnen vom lieben Gott erzählen. Jedes Kind, das gern zu ihnen kommt, haben sie lieb und üben Geduld mit ihm, bis das kleine Köpfchen alles begriffen hat, aber über die bösen und faulen betrüben sich die lieben Lehrer, und wenn sie gar nicht folgen wollen, dann gibt es Strafe. Willst du nun zu den artigen Kindern oder zu den bösen und faulen gehören, mein Aennchen?«

»Ich will zu den artigen gehören, Mama,« erwiderte Aennchen, welches aufmerksam zugehört hatte und jetzt ganz still mit leuchtenden Augen dasaß.

»Das ist brav, mein Kind,« lobte die Mama, »und dafür darfst du heute den letzten Tag der Freiheit noch recht nach Herzenslust genießen. Lauf nur schnell hinunter nach dem Garten; die Geschwister warten schon auf dich.«

Wie nun das kleine Aennchen lief, als ob sie vom Wind getragen würde! Die Treppe hinab und den Hausflur entlang in einem Husch hinaus zum Garten und unten vom Rasen her hörte sie schon rufen:

»Aennchen, Aennchen!«

»Ich komme, ich komme!« rief Aennchen jauchzend den Geschwistern entgegen; die deuteten lachend in die Höhe und da – was war das? Eine allerschönste große neue Schaukel war mitten auf dem grünen Rasenplatz angebracht! War das ein Jubel und eine Seligkeit! Aennchen kannte sich kaum vor Freude und die Geschwister riefen:

»Du darfst ja heute am meisten schaukeln, weil ja dein Geburtstag ist.«

Wie ein Eichhörnchen so flink kletterte Aennchen auf die Schaukel und Bruder Fritz, der heute einen freien Tag hatte, war so galant und artig, das Schwesterchen hoch in alle Lüfte zu schaukeln. O das war herrlich! sie kam dem großen Kastanienbaum ganz nahe und sah die kleinen Brüderchen Willy und Hermännchen als winzige Punkte unten stehen. So ging es lange Zeit fort, da wollte Aennchen doch auch die andern an die Reihe lassen, denn sie war recht artig geworden, und so setzte sie die kleinen Brüder auf die Schaukel und ließ sie an dem Vergnügen teilnehmen.

Um zehn Uhr gab es heute als Frühstück herrliches Honigbrot und die Kinder durften es im Garten verzehren. So verging Stunde auf Stunde des so schlimm begonnenen Tages in schönster Lust und als Aennchen endlich spät am Abend im Bettchen lag und Mama noch kam, mit ihr den Abendsegen zu beten, da flüsterte sie ihr noch leise ins Ohr:

»Nicht wahr, Mütterlein, du verzeihst mir, daß ich heute morgen so unartig gewesen bin?«

Ein inniger Kuß der Mutter war die Antwort.

Zweites Kapitel.
Der erste Schultag.

Als Aennchen an diesem Morgen erwachte, war ihr das kleine Herz recht schwer, denn gleich fiel ihr ein, daß ja heute der erste Schultag sein sollte. »Ach,« seufzte sie vor sich hin, »wie wird es mir gehen! Wenn doch dieser erste Tag schon vorüber wäre.«

Aber es half kein Seufzen; sie mußte sich dazu bequemen, aufzustehen und sich von Lisette, der alten Kinderfrau, ankleiden zu lassen. Diese that es heute beinahe etwas respektvoll und sagte:

»Nun wirst du ja wohl bald gar ein Fräulein sein und so gelehrt werden, daß du mehr weißt wie ich selbst, und mir vorlesen kannst aus deinen schönen Büchern. Auch das Ankleiden kannst du jetzt bald allein besorgen, ein Schulmädel muß ja alles können. Hast du denn schon die schönen neuen Schulkleider gesehen, welche Mama für dich bereit gelegt hat?«

Ei der Tausend, die waren freilich hübsch! Ein rotes Wollkleidchen mit weißen Borten und eine große schwarze Schürze mit Spitzen besetzt, ein helles warmes Mäntelchen und ein hübsches Mützchen – alles nagelneu, war neben dem Ränzchen auf den Tisch gebreitet. Das war freilich eine Freude für Aennchen, die ein kleines eitles Ding war und sich gar gerne putzen ließ.

Und so stand sie denn bald, ganz nagelneu angezogen, denn selbst Strümpfe und Stiefel waren neu, vor den Eltern und Geschwistern und kam sich förmlich wichtig vor, als sie nun das Ränzchen auf den Rücken nahm und Papa auf die Uhr sah und sprach:

»Nun muß unsere Tochter aber in die Schule fort; es ist hohe Zeit.«

Mama setzte ihren Hut auf und Aennchen nahm Abschied von den kleinen Geschwistern, als ginge es zum mindesten nach Amerika, dann gab sie Papa noch einen Kuß und fort ging es an der Mutter Hand zum Hause hinaus.

Auf der Straße erblickte sie eine Menge Schulkinder, Mädchen und Knaben und alle sahen sie neugierig an; je näher sie der Schule kam, desto mehr kleine Mädchen gingen mit ihnen denselben Weg, viele allein, manche von ihrer Mutter begleitet, denn das neue Schuljahr hatte noch nicht lange begonnen.

Das Schulhaus war ein großes altes Gebäude, welches wohl früher ein Kloster gewesen sein mochte. Es hatte ein großes Portal und so viele Fenster, wie Aennchen noch nie gesehen hatte. Aennchen stieg an der Hand der Mutter drei breite Treppen empor; das Herz klopfte ihr, als ob es zerspringen wollte, und sie sah gar nicht mehr, wohin sie ging. Da stand sie auf einmal in einem großen Saale und der Herr Lehrer kam auf die Mama zu und sprach mit ihr. Diese stellte ihr Töchterchen vor und sprach zu Aennchen, welche ihre Hand mit krampfhaftem Griff umklammert hielt:

»Sei doch nicht so furchtsam, Kind, und gib Herrn Milde eine Hand!« Da blickte sie langsam auf und in das Gesicht des Herrn Milde, der so sanfte Augen hatte, welche hinter einer Brille hervorblickten, und so freundlich lächelte, daß sie alle Furcht verlor und ihre kleine Hand in die seine legte. Nun blickte er sich um, die langen Reihe der Bänke entlang, welche Sitz an Sitz mit lauter kleinen Mädchen besetzt waren, und fragte:

»Ist kein Platz mehr für unser Aennchen übrig?«

In der dritten Reihe rückten zwei Mädchen zusammen und streckten die Finger in die Höhe:

»Hier!«

Herr Milde nahm Aennchen an der Hand und setzte sie zwischen die beiden Mädchen; ängstlich blickte sie sich nach der Mama um. Diese hatte sie allein gelassen bei all den fremden Mädchen. Sie legte den Kopf auf das Pult, barg das Gesicht in den Händen und weinte leise und ängstlich vor sich hin. Da streichelte ein weiches Händchen ihre Wange und eine sanfte Stimme flüsterte beruhigend:

»Sei ruhig, kleines Mädchen, du brauchst keine Furcht zu hegen.«

Aennchen blickte auf in ein sanftes Gesichtchen, das von schlichten hellen Haaren umrahmt war. Das Mädchen war klein und schmächtig gebaut und die rechte Schulter stand bedeutend in die Höhe; sie trug ein einfaches dunkles Kleid und eine hohe Schürze, um den Hals ein weißes Halstuch und sah so schlicht aus wie eine kleine Nonne. Aennchen fühlte sich neugierig angezogen und fragte, ihre Thränen trocknend:

»Wie heißt du?«

»Martha Traugott,« war die Antwort; »ich bin auch erst seit einigen Tagen in der Schule und schon ganz gut eingewöhnt, also siehst du, daß es nicht so schlimm ist.«

Die Nachbarin zur rechten Seite Aennchens, welche anfangs sehr spöttisch den Mund verzogen hatte, als sie diese weinen sah, blickte sie jetzt aufmerksam an und mischte sich in das Gespräch:

»Glaube ihr nicht, daß es nicht schlimm sein soll; ich sitze nun ein ganzes Jahr hier in der Klasse und finde es schrecklich.«

Aennchen blickte sie erstaunt an. Schon ein ganzes Jahr war sie hier in der Schule – wie furchtbar gelehrt mußte sie sein! Aeußerlich war freilich nichts Auffallendes davon zu sehen, außer daß sie sich ziemlich ungeniert benahm, sich bequem zurücklehnte und die Füße baumeln ließ und hinter des Herrn Lehrers Rücken an einer Schokoladentafel knusperte. Sie war ein wunderhübsches Geschöpf mit goldig rotem Haar, welches in tausend Löckchen um das reizende Gesicht flatterte; gekleidet war sie in ein blaues Samtkleid, aus dem ihre bloßen Schultern und Aermchen leuchtend hervorblickten. Aennchen glaubte, noch nie ein solch entzückendes Wesen erblickt zu haben, und atemlos flüsterte sie zu Martha hinüber:

»Wie heißt das Mädchen neben mir?«

Diese gab leise zurück: »Alma von Stolzau. – Aber jetzt darfst du nichts mehr sprechen – die Stunde beginnt.«

Denn soeben hob die Schuluhr zum Schlage aus und als die neun Klänge verklungen waren, da gab Herr Milde auf seinem Katheder, den er inzwischen bestiegen hatte, ein Zeichen und nahm eine Violine zur Hand.

Wir singen heute den Choral: »Ach bleib’ mit Deiner Gnade« – sagte er, »wer von den Neueingetretenen ihn von zu Hause her kennt, darf mitsingen.«

Aennchen kannte ihn wohl, die Mama hatte ihn oft mit den Kindern gesungen und so stimmte sie herzhaft mit in den Chor all der kleinen Kehlen ein. Auch ihre Nachbarin Martha sang mit klarer Stimme mit, Alma jedoch, obgleich sie schon so lange in der Schule war, hielt das feine Taschentuch an die Lippen, als ob sie Halsweh hätte, und sang nicht mit. Aennchen sah sie verwundert an.

Nach dem Choral betete die ganze Klasse stehend das Vaterunser und dann trat plötzlich eine tiefe Stille ein, bis Herr Milde gebot, die Griffel und Tafel sollten hervorgeholt werden. Das thaten nun alle mit großem Eifer und auch Aennchen nahm mit geheimem Stolz ihre schöne Tafel heraus – gewiß hatte keine der Schülerinnen eine gleiche – Marthas Tafel war wenigstens ganz einfach von Schiefer und weißem Holz, doch Alma besaß wirklich eine noch viel schönere und ihre Griffel waren mit Goldpapier umwickelt. Aennchen staunte!

Nun nahm Herr Milde eine Kreide zur Hand und schrieb an die Tafel ein kleines i – das sollten die Kinder nachschreiben und nun machten sich Hunderte von kleinen Fingern an diese Arbeit, während der Herr Lehrer von einer zur andern ging und Umschau hielt. Das gab harte Plage! Aennchen mühte und mühte sich, aber sie brachte keinen geraden Strich zu stande und bewundernd sah sie der kleinen Martha zu, welche schon eine Menge von schönen i’s gemalt hatte. Alma jedoch saß ganz müßig da.

»Warum schreibst du nicht?« fragte Aennchen erstaunt.

»Ich kann es schon und habe keine Lust,« gab sie nachlässig zur Antwort.

Als aber Herr Milde zu den drei Mädchen kam, da zeigte es sich doch, daß sie kein Recht hatte, zu thun und zu lassen, was sie wolle, denn er schalt sie aus, daß sie ihrer neuen Nachbarin kein besseres Beispiel gebe, die kleine Martha aber lobte er sehr und beauftragte sie, Aennchen etwas mit Rat beizustehen.

So ging die erste Stunde zu Ende, schneller, als Aennchen es gedacht hatte, und als es 10 Uhr schlug, da sprach Herr Milde:

»Nun dürft ihre eure Arbeit fortlegen und in den Garten springen!«

Jetzt ging ein Jubel und Lärmen los! Alle die vierzig Mädchen wollten laut zur Bank hinausstürzen, Herr Milde aber gebot: »Eine nach der andern und immer hübsch ruhig!« Da dämpften sie die fröhlichen Stimmen und schoben sich artiger zur Thüre hinaus. Auch Aennchen wurde mit fortgezogen in der Schar und befand sich schließlich in einem großen Garten, der nur wenige Beete und Blumen, dafür aber einen großen Kies- und Rasenplatz aufzuweisen hatte. Und auf diesen Plätzen spielten nun die verschiedenen Klassen und vergnügten sich, wie sie wollten.

Aennchens Mitschülerinnen hatten bald einen großen Kreis gebildet, sie kamen auch zu Aennchen und forderten sie auf, teilzunehmen. Fröhlich trat sie in die Reihe zum »Ringelreihspiel« und begann bald herzhaft zu springen und zu jauchzen und es ihrer Nachbarin, der ausgelassenen Alma, nachzumachen. Als der Kreis sich wieder drehte, sah sie die kleine verwachsene Martha ganz still und traurig außen stehen.

»Komm doch und spiele mit!« rief sie ihr zu.

»Geh, laß sie doch, sie ist ja bucklig,« wehrte ihr Alma laut und rücksichtslos ab.

Erschrocken sah Aennchen sich nach der Kleinen um, ob sie die schlimmen Worte gehört habe; wirklich glänzten dem armen Kind zwei große Thränen in den Augen und flossen langsam die schmalen Wänglein herunter. Aber Alma zog Aennchen mit sich fort und diese hatte einen solchen Respekt vor der glänzenden Gefährtin, daß sie ihr nicht zu wiedersprechen wagte, sondern sich im Gegenteil sehr geschmeichelt fühlte, so sehr von ihrer Gunst beglückt zu werden. Denn hier auf dem Spielplatz behauptete Alma entschieden die erste Rolle; sie gab alle Spiele an, entschied, wer sich dabei beteiligen durfte, lachte und jubelte am lautesten, sprang und tanzte am geschicktesten und verstand den Ball so hoch in die Luft zu schleudern und wieder zu fangen, wie Aennchen es noch nicht einmal von ihrem Bruder Fritz gesehen hatte. Sie staunte nur so vor Bewunderung und betete die neue Freundin förmlich an.

Freilich, als die Freiviertelstunde vorüber war und der Unterricht wieder begann, da mußte die Bewunderung für Almas Leistungen bald ein Ende finden, denn der Lehrer hatte gerade bei ihr immer am meisten zu tadeln und zu rügen.

Aennchen aber war ganz eingenommen von ihrer Nachbarin und diese verstand so reizend und witzig zu plaudern und ihr heimlich eine Menge Scherzhaftes zuzuflüstern, daß sie ganz den Unterricht vergaß und sich nur immer unterhalten wollte. Schon machte Herr Milde ernste Augen und sah oftmals herüber zu den kleinen Klatschmäulchen – Martha stieß die Nachbarin heimlich mit dem Fuße an, doch ruhig zu sein – allein Aennchen war wie bezaubert und die Folge ihrer Unachtsamkeit war schließlich, daß der Lehrer, ordentlich böse geworden, ihr am Schluß der Stunde die doppelte Hausaufgabe zuerteilte, als den andern, und Alma wurde gar ein Tadel ins Buch geschrieben.

Aufs tiefste beschämt nahm Aennchen die Strafe hin und suchte beim Aufbruch ganz zerknirscht ihre sieben Sachen zusammen; Alma jedoch flüsterte ihr zu, sich doch nichts daraus zu machen, dergleichen würde wohl noch öfter vorkommen. Sie faßte die neue Freundin unter dem Arm und zog sie mit auf die Straße. Unten an der Ecke des Hauses hielt ein reizender kleiner Wagen mit zwei munteren Ponies bespannt. Wie staunte Aennchen, als Alma darauf zusprang, in einem Nu den Bock erreichte und dem Kutscher die Zügel aus der Hand nahm.

»Adieu, mein Herz, auf Wiedersehen morgen!« rief sie lachend, dann schlug sie auf die Pferdchen ein und fort ging es im sausenden Galopp.

Aennchen stand noch lange und sah ihr nach; sie kam sich recht armselig vor, so zu Fuß nach Haus traben zu müssen, während die Freundin so stolz kutschieren konnte. Als sie noch dastand, kam eben die kleine bescheidene Martha vorübergegangen. Sie blieb stehen und fragte freundlich:

»Willst du vielleicht mit mir kommen, Aennchen?«

»Wo wohnst du denn?« fragte diese ziemlich kühl, »wir haben sicher nicht denselben Weg.«

»O doch,« erwiderte Martha. »Wir wohnen sogar sehr nahe zusammen und ich habe dich schon oft in eurem schönen Garten spielen sehen, denn meine Mutter hat die Wohnung in eurem Hinterhause seit einiger Zeit gemietet.«

»Aber warum bist du denn dann niemals zu mir in den Garten gekommen?« fragte Aennchen überrascht.

»Mutter erlaubte es nicht; sie sagte, wir hätten kein Recht dazu,« war die bescheidene Antwort. »Auch habe ich zum Spielen beinahe keine Zeit. Ich muß Mütterchen zu Hause an die Hand gehen und meiner kranken Schwester Gesellschaft leisten.«

»Aber du bist ja noch so klein?« staunte Aennchen.

Ein wehmütiges Lächeln fuhr über das sanfte Gesichtchen Marthas. »Freilich bin ich noch klein und schwach,« sagte sie, »aber ich thue eben, was ich kann; später wird es schon besser werden.«

Sie waren an Aennchens Haus angelangt; eine große, prächtige Eingangspforte führte hinein; weiter unten bildete eine schmale Thüre einen Durchgang, welcher zum Hinterhause führte. Hier schieden die beiden Schulmädchen voneinander; Aennchen sprang fröhlich und leichtherzig die Treppe hinauf und Martha schlich still von dannen.

Was hatte Aennchen heute zu Mittag alles zu berichten! Ihre ganze Phantasie war noch von der neuen Freundin Alma angefüllt, so daß sie ganz darüber vergaß, der Mama von der kleinen verwachsenen Martha zu erzählen. Sie kam sich den Brüdern gegenüber höchst wichtig mit ihren Erlebnissen vor und als Bruder Fritz sie wie sonst necken wollte, da meinte sie sehr stolz, diese Zeiten seien vorbei, sie sei nun ein Schulmädel und wolle sich nichts mehr gefallen lassen.

Nach Tisch mußte Fritz wieder in die Schule fort; Annchen aber hatte keine Stunde und da es fatalerweise zu regnen begann, so konnte nicht einmal in den Garten gegangen werden. Aennchen rief die kleinen Brüder zu sich auf den Hausflur zum Spielen; sie wußte zwar, daß um diese Zeit, wenn Papa schlafen wollte, nicht viel Geräusch gemacht werden durfte, und anfangs ging alles ganz still und artig zu. Bald aber fing sie mit den kleinen Knaben an, laut herumzutollen und Hermännchen so lang zu necken, bis er tüchtig zu schreien begann. Nun kam der Vater mit rotem Kopf zornig zur Thüre heraus und rief:

»Du nichtsnutziges kleines Mädel! Kannst du mich denn niemals schlafen lassen? Hast du keine Hausaufgabe für die Schule zu machen?«

Aennchen murmelte »Ja.«

»Dann marsch in die Stube und nicht eher heraus, bis alles gut fertig ist!«

So schlich denn Aennchen recht beschämt in die Kinderstube und setzte sich an den großen Tisch, wo sie sich auf ihrer Tafel bemühte, die aufgegebene Arbeit gut fertig zu bringen. Sie ächzte und seufzte dabei und sah immer sehnsüchtig aus dem Fenster, denn es hatte bereits zu regnen aufgehört und die Kinderfrau hatte die Brüderchen in den Garten genommen. Wie schwer doch das Stillsitzen war und die i’s standen alle so bucklig auf den Linien; doch endlich waren beide Seiten der Tafel bedeckt und nun atmete sie auf und sprang empor, ließ Griffel, Tafel und Ränzchen liegen, wie sie ausgebreitet waren – es zog sie hinunter nach dem Garten.

Doch halt, was tönte da für ein fröhlicher Lärm die Straße herauf. Pfeifen und Trommeln und Lachen und Schreien. Eben stürmte Fritz mit den Büchern unterm Arme den Hausflur herein: »Aennchen, komm, es giebt etwas zu sehen.« Und sofort flog diese mit ihm hinaus und starrte mit entzückten Augen die Wunder an, welche da vorüberzogen. Voran winzig kleine Pferde, auf welchen buntgekleidete Kinder saßen und standen, dann eine Schar Musikanten mit Pfeifen und Trommeln, dann ein großer großer Elefant, auf dessen Rücken lustige Aefflein Grimassen schnitten, und diesen nach ein großes braunes Kamel. Und nun folgten noch ein Zebra und eine Menge anderer Tiere, welche Aennchen nicht kannte, es war ein Lärm und Getöse und die Gassenjugend jubelte und stürmte hinterdrein. Aennchen wußte sich vor Entzücken kaum zu fassen und als vom ganzen Zug endlich nichts mehr zu sehen war, da stürmte sie mit Bruder Fritz die Treppe hinauf, den Eltern das Wunder zu berichten. Papa hatte auch aus dem Fenster geschaut und meinte nun freundlich:

»Ja, ja, solch eine Menagerie ist wohl interessant und wenn meine beiden großen Schulkinder sich bis morgen recht gut aufführen und gute Noten nach Hause bringen, dann führe ich euch morgen abend in die Vorstellung.«

Wer war glücklicher als die beiden Geschwister! Sie sprangen und jubelten und konnten den andern Tag kaum erwarten. Fritz mußte Aennchen alles erzählen, was er in der Schule schon von fremden Tieren erfahren hatte, wo die Heimat der Elefanten und Kamele sei und wie sich die verschiedenen andern Tiere alle benennen. Und gleich begannen sie dann im Garten selbst mit den kleinen Brüdern Menagerie zu spielen.

Als Aennchen spät abends endlich erhitzt zum Schlafengehen herauf kam, zankte Lisette tüchtig und sagte:

»Du hast heute wieder eine schöne Unordnung hinterlassen, Wildfang. Als ich hereinkam, waren die Kleinen über deine Sachen her und ich konnte sie nur gerade noch retten, indem ich alles rasch ins Ränzel zusammenwarf. Nun magst du selbst sehen, ob alles in Ordnung ist.«

»Es wird schon in Ordnung sein,« erwiderte Aennchen leichtsinnig und blickte nicht mehr nach dem Ränzchen um; sie ließ sich auskleiden und schlief fröhlich ein.

Drittes Kapitel.
Mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett geschlüpft.

Der andere Morgen brach recht verdrießlich für Aennchen an, indem sie verschlief. Lisette, welche sich heute bei der großen Wäsche, die im Hause war, zu schaffen machte und der bei solchem wichtigen Ereignis alles andere unbedeutend erschien, kam zu spät, sie zu wecken und anzukleiden. So geschah es, daß Aennchen zuerst mit dem linken Fuß aus dem Bett fuhr und deshalb schon beim Ankleiden recht verdrießlich und weinerlich war. Mit knapper Not konnte sie noch einige Tropfen Milch zu sich nehmen, dann mußte sie eiligst nach dem Ranzen greifen und ihren Weg, vielmehr ihren Sturmlauf, nach der Schule antreten.

Dennoch gelang es ihr nicht, sie noch rechtzeitig zu erreichen, denn als sie noch auf der Straße war, schlug die große Turmuhr bereits neun Schläge aus und in atemloser Hast rannte sie daher in das Schulgebäude hinein, die Treppe hinauf und in das Klassenzimmer, wo sie, unbekümmert um die Störung und das Aufsehen, welches sie verursachte, ihren Platz zu erreichen strebte. Aber Herr Milde trat ihr ernst und streng entgegen und faßte sie bei der Hand:

»Langsam, langsam, mein Kind! Weißt du nicht, daß man beim Betreten eines Zimmers höflich und fein grüßen muß? weißt du nicht, daß man pünktlich in der Klasse zu erscheinen hat und wenn dies nicht der Fall ist, wenigstens eine triftige Entschuldigung für die Verspätung vorbringen muß?«

»Lisette hat mich zu lange schlafen lassen,« stotterte Aennchen verlegen und unter den neugierigen Blicken der andern tief errötend.

»Nun und wie bittet man jetzt um Verzeihung?« fragte Herr Milde.

»Verzeihen Sie,« flüsterte Aennchen, aber die Bitte kam sehr gezwungen heraus, denn es war zu peinlich für das Trotzköpfchen, hier so öffentlich Abbitte thun zu müssen; bereits begann sich ihre üble Laune wieder zu regen und indem sie die Unterlippe schmollend hängen ließ, schlüpfte sie auf ihren Platz.

Hier begrüßte sie Alma sogleich lebhaft durch heimliches Zupfen, Nicken und Flüstern und schon wollte Aennchen ein leises Gespräch mit ihr beginnen, da stand Herr Milde vor ihr und begehrte die gefertigte Hausaufgabe zu sehen. Hastig begann sie den Ranzen aufzuschnallen, daß Bücher und Hefte durcheinander purzelten, und zog die schöne neue Schiefertafel hervor mit einem Gefühle heimlicher Befriedigung:

»Nun wird Herr Milde sicher Respekt bekommen, wenn er die vielen i’s sieht!«

Aber was war denn das? Die Seite war ja leer! Höchst erstaunt drehte sie die Tafel auf die andere Seite, doch auch hier war kein einziges i zu erblicken, nur ein wirres Durcheinander von Strichen und kleines Gekritzel. Verblüfft starrte Aennchen darauf hin – war dies denn ihre Tafel und wie war die Verwandlung vor sich gegangen?

»Nun, wo ist die Hausaufgabe? Du faules Mädchen hast sie wohl am Ende gar nicht gefertigt?« fragte Herr Milde ernstlich erzürnt.

»Freilich, Herr Lehrer,« schluchzte sie, »ich hatte die beiden Seiten vollgeschrieben und weiß nicht, warum sie jetzt leer sind – doch halt,« ein Gedanke blitzte durch ihren Kopf, »gewiß waren es die unartigen kleinen Brüder, welche mir darüber gekommen sind.«

»Wie konnten diese zu deiner Büchertasche gelangen? Hattest du sie denn nicht gut verwahrt?«

»Nein,« weinte Aennchen, »weil die Menagerie vors Haus kam, ließ ich alles liegen und sprang davon.«

»Also bist du wirklich allein schuld daran,« tadelte Herr Milde ernst, »denn ein Mädchen, ob es noch so klein ist, soll vor allen Dingen stets ordentlich reinlich und pünktlich sein. Solange sie das nicht ist, muß sie für ihre Fehler bestraft werden, bis sie dieselben abgelegt hat. Ich kann dir nicht helfen, Aennchen, ich muß deinen Eltern Anzeige von dem Vorfall erstatten, damit diese dich nach ihrem Ermessen bestrafen können.«

Damit entfernte sich Herr Milde und ließ Aennchen in einer trostlosen Verfassung zurück. Ach, sie wußte wohl, womit ihre Eltern sie bestrafen würden; warum mußte ihr das Unglück auch gerade heute passieren!

In dumpfem Brüten saß sie auf ihrer Bank und vernahm kaum etwas von dem Unterricht und doch erzählte Herr Milde in solch schlichter fesselnder Weise eine Geschichte vom lieben Heiland.

Als um zehn Uhr zur Freiviertelstunde die Mädchen alle wieder fröhlich aus der Klasse strömten, da hatte sie heute nicht die geringste Lust, ihnen zu folgen; doch Alma faßte sie einfach am Arm und zog sie mit sich fort in den Garten hinunter. Und hier begann sie lebhaft auf sie einzureden, sie solle doch nicht so thöricht sein und sich solche Kleinigkeit so sehr zu Herzen nehmen, ihre Eltern würden ihr sicher nicht gleich den Kopf deswegen abreißen.

»Du hast gut reden, Alma,« schluchzte Aennchen, »meine Eltern hatten mir versprochen, mich, wenn ich eine gute Zensur mit nach Hause brächte, in die Menagerie zu führen, und nun ist es nichts damit.«

»Weiter nichts?« meinte Alma geringschätzig, »aus dieser gewöhnlichen Menagerie machst du dir etwas? Ich sage dir, da ist ein Kunstreiterzirkus viel schöner und ich habe schon oft einen gesehen. Soll ich dir zeigen, wie sie dort tanzen?«

Damit faßte sie ihr Röckchen zierlich an beiden Seiten, senkte sich tief zu Boden und machte eine anmutige Verbeugung. Nun begann sie vorwärts und rückwärts zu schreiten, erst langsam, dann immer schneller, jetzt drehte sie sich rings im Kreis herum, die schmalen Fußspitzen berührten den Boden kaum und im raschen Reigen flog sie auf und nieder. Wie gebannt hingen Aennchens Blicke an der reizenden Erscheinung; auch die andern Schülerinnen hatten ihre Spiele eingestellt und standen atemlos im Kreis herum.

Als sie endlich ihren Tanz mit einer nochmaligen Verbeugung schloß, da erschallte lautes Beifallsrufen aus den Reihen der Mädchen, nur einige, welche Alma nicht leiden mochten, verharrten in mißgünstigem Schweigen und ein größeres blasses Mädchen mit unfreundlichem Gesicht flüsterte hämisch:

»Wie eine Gauklerin!«

Alma hatte die Bemerkung wohl vernommen und mit dunkelglühenden Wangen stürzte sie auf die Sprecherin zu:

»Warum hast du mich Gauklerin genannt, Sarah Elich? nimm es gleich zurück!«

Sarah Elich aber schwieg verstockt still, da drang Alma mit erhobenen Armen auf sie ein und nur mit Mühe gelang es den Mädchen, die beiden auseinander zu bringen. Zur rechten Zeit rief gerade die Schulglocke die Kinder wieder ins Haus zurück, die leidenschaftliche Alma aber folgte mit Thränen des Zornes und knirschenden Zähnen ihrem Ruf, und ihr wunderschönes Gesicht sah ganz entstellt aus, als sie vor sich hin murmelte: »Dieser Sarah werde ich es noch gedenken!«

Aennchen erschrak beinahe, als sie sie anblickte, und unwillkürlich mußte sie, als sie wieder auf ihrem Platz saß, ihre Blicke vergleichend zu ihrer Nachbarin zur Linken hinüberfliegen lassen, welche sie heute den ganzen Morgen noch nicht beachtet und kaum eines Grußes gewürdigt hatte. Martha war auch um zehn Uhr nicht in den Garten gegangen, da sie sich vor dem wilden Mädchen gefürchtet hatte; doch saß sie mit ihren sanften stillen Augen ganz zufrieden auf ihrem Sitz, als ob ihr das größte Vergnügen zuteil geworden wäre. Unwillkürlich, beinahe ohne zu wissen, was sie that, reichte ihr Aennchen die Hand hinüber und mit einem überraschten beglückten Ausdruck legte Martha ihr schmales Händchen hinein. Gesprochen wurde nichts dabei, aber Aennchen fühlte sich mit einemmal viel ruhiger und der Gedanke flog ihr durch den Sinn: Könnte ich doch diesem Mädchen ein wenig ähnlich werden!

Nun begann wieder der Unterricht und diesmal war Aennchen eine achtsame Schülerin. Herr Milde las schöne Gedichte und Lieder vor, um sie der Kinder Gedächtnis einzuprägen für die nächste Singstunde. Gar zu gut gefiel Aennchen das schöne Lied:

»Weißt du, wie viel Sternlein stehen an dem blauen Himmelszelt?«

Und als sie das hübsche Liedchen lernen mußte: »Ich hatt’ einen Kameraden« – da schwebte merkwürdigerweise in ihrer Phantasie als »treuer Kamerad« ihr nicht die schöne glänzende Alma, sondern die kleine verwachsene Gestalt der armen Martha vor. So verging die Zeit diesmal so rasch, daß sie beinahe mit Bedauern zwölf Uhr schlagen hörte, und nun kehrte ihr auch ihr ganzes Unglück wieder ins Gedächtnis zurück, als Herr Milde mit einem Briefchen auf sie zutrat und dasselbe ihren Eltern zu bringen befahl. O sie wußte wohl, was es enthielt, und wie schrecklich war es, dasselbe selbst übergeben zu müssen!

Den ganzen Heimweg über zermarterte sie sich den Kopf, wie sie sich des Briefchens am besten entledigen könnte – wie? wenn sie es am Ende unterschlug und gar nicht abgab, dann würde sie doch heute abend die Menagerie besuchen dürfen! Aber »pfui Aennchen!« schalt sie sich selbst aus, »das wäre ja abscheulich schlecht gehandelt und das Schlimmste, was man begehen könnte!«

So schlich sie denn, zu Hause angelangt, recht kleinlaut die Treppe hinauf, wo ihr die Mutter mit freundlichem Gruß entgegenkam: »Nun, mein liebes kleines Mädchen, hast du eine recht gute Zensur mit nach Haus gebracht?«

Bitterlich weinend, verbarg Aennchen ihr beschämtes Gesicht in der Mutter Rock: »Ach nein, Mama, ich bin ein recht unartiges Mädchen gewesen, der Herr Lehrer hat dir alles in dem Briefe geschrieben, aber das Schlimmste, das Schlimmste weiß er doch nicht und ich kann es dir nur leis ins Ohr sagen.« Damit drückte sie den Mund fest an das Ohr der Mutter und flüsterte:

»Ich wollte das Briefchen unterwegs zerreißen und nichts davon sagen.«

Erschrocken rief die Mama: »O Aennchen, das hast du thun wollen! Wie gut, daß dein frommer Engel dich noch rechtzeitig von solch schlimmem Unrecht zurückgehalten hat. Was du auch je im Uebermut und Leichtsinn begehen magst, es wird mich zwar immer sehr betrüben, aber ich kann es dir doch eher verzeihen, als wenn du zur Unwahrheit und Heuchelei deine Zuflucht nimmst! Und nun geh hinein, mein Kind, und wasche deine verweinten Augen; ich werde indes Papa des Lehrers Brief bringen; freilich kann es mit dem versprochenen Vergnügen für heute Abend nun nichts werden.«

Ja, leider wurde nichts daraus, wenn auch die Eltern dem reuigen Aennchen bald verziehen, als es so zerknirscht um Verzeihung bat. Die kleinen Brüder bekamen auch Strafe, daß sie sich über die Tafel der Schwester gewagt hatten. Als am Abend der Papa mit Bruder Fritz, der eine gute Zensur mit nach Hause gebracht hatte, zur Vorstellung fortging, da mußte sie brav bei Mama zu Hause sitzen und ihre Aufgaben sorgfältig machen. Aber sie war heute doch voll Eifer dabei und es ging ihr leichter von der Hand und als sie dann zu Bette ging, da betete sie heute bei Mama in ganz besonders andächtiger Weise:

»Hab ich Unrecht heut gethan,

Sieh es, lieber Gott nicht an –

Mache Du durch Christi Blut

Gnädig allen Schaden gut.«

Viertes Kapitel.
Die Handarbeitsstunde.

Dienstag nachmittag sollte Aennchen die erste Handarbeitsstunde bekommen. Als es zwei Uhr schlug, fand sie sich mit ihrem nagelneuen Strickkörbchen, in welchem der rosenrote Wunderknäuel lag, in der Schulstube ein, wo heute anstatt des Lehrers eine Dame den Vorsitz führte. Es war ein liebes altes Fräulein mit silberweißen Haaren, welche zu beiden Seiten der Stirne als dichte Löckchen unter der großen schneeweißen Spitzenhaube hervorquollen. Sie trug ein grauseidenes Kleid und weißen Kragen und Manschetten und sah so lieb und gütig aus wie Aennchens Großmama, so daß diese gleich ein Herz zu ihr faßte und zutraulich auf sie zusprang. Und auch alle andern Mädchen hingen mit innigster Liebe an dem gütigen alten Fräulein, sie durften sie alle »Tante« nennen und die wildesten wurden sanft und artig, wenn sie sie mit ihren milden Augen fragend anblickte. Sie hatte für alle ein gütiges Wort, einen freundlichen Scherz und in ihrem großen Pompadour, den sie an der Seite trug, bewahrte sie für die allerartigsten sogar immer kleine Schokoladeplätzchen auf, die sie dann am Schluß der Stunde austeilte.

Das war eine gar lustige Stunde, in welcher sich die Mädchen bald so heimisch wie zu Hause fühlten; das Fräulein sprach mit den Kindern leichte französische Sätze, die sie bald verstehen lernten, und wenn sie recht artig gewesen waren, wurden in der letzten Viertelstunde fröhliche Liedchen gesungen. Aennchen hatte wie immer ihren Platz zwischen Martha und Alma eingenommen und zeigte sich am Anfang nicht wenig ungeschickt in der Führung der Stricknadeln, welche immer anders wollten, als sie selbst sollte. Ach, und die Maschen hatten eine so unüberwindbare Neigung, herunterzufallen – es war wirklich zu ärgerlich! Wie staunte Aennchen, als sie die kleine Martha gleich in der ersten Stunde an einem wunderschön gestrickten großen Strumpf stricken sah; doch meinte diese lächelnd: »Das ist nicht mein erster. Meine Mutter hat mich schon lange stricken gelehrt und beinahe alle Strümpfe, die ich trage, habe ich mir selbst gestrickt.«

Das war wirklich fabelhaft und Aennchen hätte beinahe den Mut verloren über einem solchen Ausbund von Vortrefflichkeit, wie sie sich ausdrückte, wenn nicht ihre Nachbarin Alma sich auch so ungeschickt wie sie selbst gezeigt hätte und dazu nicht einmal den guten Willen besaß, es besser zu machen. Sie rümpfte das Näschen über die »langweiligen Arbeiten«, wie sie sagte, und meinte: »Ich werde es ja gottlob doch niemals nötig haben, meine Strümpfe selbst zu stricken.« Alma hatte diese letzte Bemerkung so laut gegen Aennchen geäußert, daß selbst das Fräulein sie vernehmen mußte auf ihrem Platz am Katheder. Langsam richtete sie die sanften grauen Augen auf das unter ihrem Blick errötende Mädchen und sprach mit ihrer leisen gütigen Stimme:

»Wenn ich dich recht verstanden habe, liebes Kind, so bist du der Meinung, für dich wäre es nicht nötig, dich mit Handarbeiten abzumühen, weil deine lieben Eltern durch Gottes Gnade so sorgenfrei gestellt sind, daß auch deine Zukunft vollkommen gesichert erscheint. Vielleicht interessiert es dich daher, eine kleine Geschichte von einem Mädchen zu hören, das auch in seiner frühesten Jugend ähnliche Gedanken hegte wie du, und dafür bitter bestraft wurde. Sie wuchs in einem hohen stolzen Schlosse auf und hatte gütige Eltern, welche ihr alles gewährten, was ein Kinderherz entzücken kann; sie speiste auf Silber und Kristall und eine Schar von Dienern stand stündlich nur zu ihren Befehlen bereit. Und an solchen mangelte es dem kleinen herrschsüchtigen Persönchen nie, bald wollte sie auf dem großen Teich im Garten gerudert sein, bald wollte sie in ihrer Pony-Equipage fahren oder es sollten ihr aus der Stadt neue Spielsachen besorgt werden. Sie war so stolz, daß alle armen Kinder ihr zu gering schienen, sie nur anzusehen, denn sie glaubte sich über allen erhaben, und wenn ihre Lehrerin von ihr verlangte, sie solle eine Aufgabe lösen, dann stampfte sie mit dem Füßchen und behauptete, das Arbeiten sei nur nötig für arme Leute.

Aber sie sollte für ihren Uebermut hart bestraft werden, denn eines Tages trat ihr Papa eine weite Reise an, von der er nicht wiederkehrte – das Schiff, auf dem er fuhr, ging mit ihm unter. Nun war ihre Mama eine Witwe und fremde Männer kamen ins Schloß, die Reichtümer zu ordnen. Aber so sehr man suchte und suchte, es fanden sich keine vor, im Gegenteil nur eine große, große Summe von Schulden, so daß man auf das herrliche große Schloß und den Garten und die Felder und Wälder Beschlag legte und der Mutter des kleinen Mädchens gar nichts mehr übrig blieb, so daß sie eines trüben Tages das Schloß mit ihrem Kinde verlassen mußte. So jung das kleine Mädchen auch war, es empfand dennoch schon schwer die furchtbare Umwandlung, welche mit der Mutter und ihr vorgegangen war; sie sah ihre arme Mama Tag und Nacht weinen und sich abhärmen und in der kleinen kalten Dachkammer, in der sie wohnten, war ihr einziger Gefährte die bittere Sorge und Not. Wohl mühte sich Marguerites Mutter bis tief in die Nacht hinein mit ihren feinen Fingern ab, Handarbeiten zum Verkauf zu verfertigen, aber der Erlös reichte kaum hin, die beiden vor dem Verhungern zu retten.

Ach, und Marguerite hatte so gar nichts gelernt, auch an der Arbeit ihr Scherflein mit beizutragen, ihre Finger waren gar so ungeschickt und nichts ging ihr von der Hand. Als aber die Not immer größer wurde, da fing sie doch an, der Mutter die Arbeiten abzusehen und sich selbst daran zu versuchen, und siehe, als sie nun erst wirklich einmal wollte, da ging es auch und sie brachte ganz hübsche Stickereien zu stande. Der Kaufmann, dem sie dieselben brachte, empfand Mitleid mit ihrer Jugend und Armut und bestellte neue zu guten Preisen! Das erfüllte sie mit glücklichem Stolz. Aber es war noch nicht genug der Prüfung, die über sie gekommen, denn nun begann ihre arme Mutter sehr leidend zu werden und zu schwach, selbst etwas zu leisten. Welches Glück, daß nun das Töchterlein imstande war, für sie einzutreten, und sich auch in der Pflege geschickt und willig zeigte. Der Kaufmann, für den sie stickte, ward ihr ein treuer Freund, welcher half, so viel er konnte, da er den guten Willen des armen Kindes sah, und so war Marguerite wirklich imstande, ihre arme Mutter bald ganz zu erhalten. Aber ihr Stolz war gebrochen und mit tiefster Beschämung dachte sie oft daran, welch ein unnützes stolzes Geschöpf sie einst in früheren Tagen gewesen. Der liebe Gott führte sie denn durch Prüfungen und Irrwege schließlich zum glücklichen Ziel und sie ist zufrieden und glücklich geworden. Und wißt ihr, lieben Kinder wer die kleine Marguerite eigentlich war?« fügte das alte Fräulein nach einer Pause noch leise bei: »Ich selbst bin es gewesen.«

»Sie selbst?« riefen überrascht die Kinder, denen bei der schlichten Erzählung Thränen des Mitleids in die Augen getreten waren, und Alma, welche besonders aufmerksam diesmal zugehört hatte, fragte noch einmal:

»Sie selbst waren das vornehme Kind – und jetzt?« – – – Sie stockte.

»Jetzt bin ich eine arme Handarbeitslehrerin,« vollendete Fräulein Marguerite mit einem unendlich wehmütigen Lächeln den Satz. »Glaubt aber nicht, liebe Kinder, daß es mir je einfallen sollte, über mein jetziges Los zu murren. Ich danke im Gegenteil dem gütigen Gott jeden Tag, daß er mich so weise Wege geführt und davor bewahrt hat, ein übermütiges stolzes Geschöpf zu werden, und fühle mich glücklich wenn er mich ferner gesund erhält, euch, ihr kleinen Mädchen, durch meine eigenen so schwer errungenen Kenntnisse auf die Schule des Lebens vorzubereiten – möge aber keine von euch allen durch so harte Prüfungen gehen müssen, als mir selbst bereitet waren!«

Die gute alte Dame hatte zwei helle Thränen in den Augen, als sie endete, und keine von all ihren kleinen Zuhörerinnen war unbewegt. Selbst Alma, so sehr sie es zu verbergen bemüht war zeigte sich tief ergriffen und von dieser Stunde an war sie viel eifriger als vorher bemüht ihre gütige Lehrerin zufrieden zu stellen.

Fünftes Kapitel.
Lehrstunden.

Es waren nun bereits Wochen und Monate darüber hingegangen, seit Aennchen zum erstenmal in die heiligen Hallen der Schule eingeführt worden war, und sie war inzwischen so heimisch in derselben geworden, daß ihr das Liebste gefehlt hätte, wenn sie derselben hätte fern bleiben müssen. Verschwunden war alle Scheu vor den vielen kleinen Mädchen, denn sie war jetzt mit allen bekannt und vertraut, wußte alle bei ihren Namen zu nennen und hatte eine Menge Freundinnen unter ihnen gefunden. Am meisten ging sie allerdings mit Alma Stolzau um, freilich nicht zu ihrem Vorteil als Schülerin, denn Alma gab, obwohl sie ein volles Jahr länger als die andern die Klasse besucht hatte und eine der wenigen Repetentinnen war, doch nur zu oft durch Leichtsinn und Flatterhaftigkeit Ursache zu Tadel bei den Lehrern.

So war auch unser Aennchen leider keine Musterschülerin geworden, wenngleich ihr alles Lernen leicht ging und sie sich in keiner Weise zu sehr plagen mußte. Aber es fehlte ihr eben die Ruhe und Stetigkeit. Sie hatte es allerdings so weit gebracht, daß ihr die Buchstaben des Alphabets keine unheimlichen Figuren mehr waren, vermochte im Gegenteil, wenn auch etwas schwerfällig, zusammenhängende Wörter zu entziffern; auch hatte sie bereits gelernt, ihren Namen zu schreiben, wenn er freilich immer in sehr schräger Richtung auf den Zeilen lag, und der Herr Lehrer hatte sogar versprochen, bald einmal mit Tinte es versuchen zu lassen.

Aber der Rechenunterricht machte ihr gar viel Kopfzerbrechens und sie vermochte oft tiefsinnig eine halbe Stunde über einem Rechenexempel nachzugrübeln, wie viel 5 Birnen und 4 Birnen und 6 Birnen wohl zusammen ergeben möchten, brachte aber zuletzt doch 13 Birnen heraus, und das war doch nicht richtig. Oder sie zählte zusammen, daß 6 Pfennig und 12 Pfennig 16 Pfennig betrügen, und das war doch sicher auch falsch.

In den biblischen Geschichtsstunden hingegen war sie eine brave und aufmerksame Schülerin, sie hörte gar zu gern die wunderschönen Geschichten vom Jesuskindlein mit an, wie es auf die Welt gekommen und auf Erden gewandelt ist. Und wie die Erde geschaffen wurde und das Paradies, in welchem die ersten Menschen gelebt, bis die böse Schlange die Eva verführte, das war doch alles ganz wunderbar interessant und auch alle die schönen Sprüche aus dem Katechismus prägten sich gar leicht dem Gedächtnis ein.

Am liebsten aber von allen Stunden war und blieb für Aennchen die Gesangstunde, diese bildete ihre ganze Wonne! Es konnte sich aber auch keine von allen Schülerinnen rühmen, eine solch klare melodische Stimme zu besitzen, keine vermochte sich eine Melodie so im Fluge einzuprägen und mit Ausdruck vorzutragen, wie Aennchen. So war sie denn gar bald zur ersten Chorführerin vorgerückt, welche sogar dem Lehrer behilflich sein konnte, die andern im Takt zu halten, und wenn die Stunde zu Ende ging, baten gar oft die Kinder:

»Bitte, bitte, Herr Milde, lassen Sie Aennchen noch etwas singen.«

Dann durfte sich Aennchen selbst ein Lied auswählen und sie that es gar gerne. Bald sang sie mit ihrem süßen Stimmchen:

»Guter Mond, du gehst so stille durch die Abendwolken hin« – – oder »Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön« – – oder auch »Ich weiß nicht, was soll es bedeuten« – – und alle lauschten dann entzückt ihrem Gesang.

Sechstes Kapitel.
Ein Tag bei Alma.

»Höre, Annchen, morgen ist mein Geburtstag, da hat meine Mama mir erlaubt, dich für den ganzen Tag zu mir einzuladen,« sprach eines Samstags am Schluß der Schule Alma zu Aennchen. Aennchens Augen leuchteten, dennoch aber meinte sie zweifelnd:

»Wenn ich aber nur kommen darf! Am Sonntag hat Papa es immer gern, wenn wir alle um ihn sind, und vielleicht denkt meine Mama auch, ich könnte bei dir genieren den ganzen Tag.«

»Nun, du wirst schon sehen, daß sie es erlaubt, wenn meine Mama dich noch besonders einladen läßt,« versicherte Alma eifrig und damit trennten sich die Freundinnen.

Aennchen kam ganz aufgeregt nach Hause und erzählte ihrer Mutter von der Einladung, diese aber schüttelte den Kopf und meinte:

»Auf die bloße Einladung deiner Freundin hin kann ich dich unmöglich in ein fremdes Haus lassen.« Aennchen schlich betrübt davon.

Nachmittags aber läutete es an der Hausglocke und als Aennchen sehen wollte, wer da sei, da stand ein riesengroßer Bedienter vor der Thüre mit langem blauem Rock und großen goldnen Knöpfen daran und einer breiten goldnen Borte am Hut und hielt ein zierliches Briefchen in der Hand für Aennchens Mutter. Das Briefchen enthielt in wenigen Zeilen eine sehr liebenswürdige Einladung für Aennchen von Almas Mama, welche zudem noch bemerkte, für Abholen und Nachhausebringen werde sie selbst Sorge tragen.

Wer war glücklicher als Aennchen, denn die Einladung wurde angenommen und nun sprang und hüpfte sie im ganzen Haus herum, freute sich auf den kommenden Tag und sprang jede Viertelstunde zu Papa in die Stube: »Süßes Papachen, glaubst du, daß morgen schönes Wetter wird?«

»Ein Wirbelsturm wird kommen und dich kleine Wetterhexe wie den fliegenden Robert in alle Lüfte tragen,« rief der Vater endlich ärgerlich lachend und jagte den kleinen Plaggeist hinaus.

Am Sonntagmorgen ging aber wirklich, wie Aennchen gewünscht, die Sonne ganz wunderbar strahlend auf und der blaue Himmel lachte wolkenlos hernieder. So konnte das weiße Mullkleidchen mit den rosaseidenen Schleifen denn getrost angezogen werden und Aennchen sah sehr niedlich darin aus.

Um zehn Uhr fuhr vor ihrem Hause Almas reizende Pony-Equipage vor und der Diener kam herauf, den kleinen Gast abzuholen. Wie eine richtige große Dame kam sich Aennchen vor, als sie dann so allein in dem wunderhübschen Wagen saß, und sie grüßte ordentlich huldvoll zu den Geschwistern hinauf, welche mit den Eltern zum Fenster heruntersahen, ihr Aennchen noch abfahren zu sehen. »Ach, wie beneidenswert glücklich doch Alma ist,« dachte Aennchen, als sie nun in deren Wagen so weich dahinfuhr zur Stadt hinaus und lange schattige Alleen entlang, dann durch Felder und Auen bis zu einem großen Park, dessen herrliche hohe Bäume den Weg zu beiden Seiten dicht begrenzten. Und nun hielt der Wagen vor einem reizenden kleinen Schloß, dessen Fenster und Zinnen im Licht der Sonne blitzten und von dessen oberster Spitze eine rote Fahne lustig in die Welt hinauswehte.

Kaum hielt der Wagen vor der Pforte des Schlosses, da flatterte schon eine zarte, in rosenrote duftige Stoffe gehüllte Mädchengestalt daraus hervor und dem Gaste entgegen.

»Willkommen, Liebling, willkommen!« rief sie und hing sich an Aennchens Hals; beinahe zerdrückte sie bei ihrer heftigen Umarmung das große Rosenbouquet, welches Aennchen als Geburtstagsgruß für sie in der Hand hielt, und Aennchen wagte kaum mehr, es ihr zu bieten, denn es kam ihr jetzt so armselig vor, weil die ganze Umgebung des Schlosses hier wie ein einziger blühender Rosengarten erschien und Alma selbst das reizendste Rosenkränzchen im goldenen Haar trug. Diese nahm die Blumen dann auch ziemlich gleichgiltig hin, war jedoch von bezaubernder Liebenswürdigkeit gegen ihren kleinen Gast und führte Aennchen gleich die mit vergoldetem Gitterwerk gezierte Freitreppe des Schlosses hinauf in einen reizenden Salon, wo eine vornehme Dame in weißem Kleid nachlässig auf einem Ruhebett lag. Sie reichte dem schüchtern errötenden und ängstlich knixenden Aennchen freundlich die Hand und sprach einige gütige Worte; dann aber hielt sie die zarte weiße Hand an die Stirn und sprach auf französisch zu Alma:

»Führe deine Freundin fort, mein Kind – ihr macht mich nervös bei der Hitze. Zu Mittag sehen wir uns wieder.«

Sie winkte noch einen gnädigen Gruß und dann verließen die Mädchen das Zimmer.

»Nun will ich dir vor allem meine Geburtstagsbescheerung zeigen,« sprach Alma und flog Aennchen voran die Treppe empor zu einer Reihe von glänzenden Gemächern. Das eine davon war Almas Wohnzimmer, welches mit deren Schlafzimmer und dem Zimmer für die Gouvernante in Verbindung stand. Annchen wußte sich vor Staunen nicht zu fassen; bei ihr zu Haus war es doch sicher recht schön, aber eine solche Pracht hatte sie noch nicht gesehen. Ueberall, wohin sie blickte, Seide und Samt, Gold und kostbare Zierraten. Das Schlafzimmerchen Almas war wie eine kleine Muschel mit rosa Atlas bis zur Decke ausgeschlagen und das Bettchen glich mit seinen seidenen Kissen und Spitzenvorhängen einem wahren Feenlager. Auf dem großen Tisch des Wohnzimmers und überall auf umherstehenden Stühlen war eine solche Masse herrlicher Geschenke ausgebreitet, daß Aennchen sie anfangs gar nicht zu überblicken vermochte; da gab es Puppen und Puppenwagen und prächtige Bilderbücher, Spielzeug und einen reizenden Ziegenbockwagen und neue Kleider, kurz, was man sich nur denken kann.

Aennchen schwindelte fast beim Anblick aller Herrlichkeiten, Alma aber sah ganz gleichgiltig aus und meinte:

»Die meisten dieser Geschichten langweilen mich; nur der Ziegenbockwagen macht mir Freude. Wir werden nachher mit ihm fahren.«

»Darfst du denn alles thun, was du willst?« frug Aennchen.

»O ja! so ziemlich,« antwortete Alma. »Ich habe zwar leider eine Gouvernante zur Aufsicht, die mir das Leben recht sauer macht. Sie ist eine Französin und versteht kein Wort deutsch, aber ich werde schon mit ihr fertig.«

Aennchen wurde ganz ängstlich zu Mute. »Eine Französin?« fragte sie, »wo ist sie denn?«

»Sie hat heute den ganzen Tag Urlaub erhalten, ich habe Mama darum gebeten,« lachte Alma. »Mama thut mir alles zuliebe, nur darf ich sie nicht stören und zu laut in ihrer Gegenwart sein. Sie wollte auch durchaus nicht erlauben, daß ich in die abscheuliche Schule geschickt werde, aber mein Papa ist so streng; der hat darauf bestanden, weil er sagt, ich hätte zu wenig Respekt vor meinen Lehrern zu Hause. Und so sehr ich mich anfangs sträubte, ich mußte dennoch gehorchen.«

»Wenn du nicht in der Schule wärst, hätte ich dich nicht kennen gelernt,« sagte Aennchen, »also bin ich doch froh, daß dein Papa darauf bestanden hat.«

Die beiden Freundinnen umarmten sich, dann führte Alma ihren Gast in einen kleinen Eßsalon und ließ dort Schokolade und Kuchen und süßes köstliches Obst für sie auftragen. Wie herrlich Aennchen das alles mundete! sie glaubte noch nie so gut gespeist zu haben.

Dann aber zog die unruhige Alma sie wieder fort in den Garten und von da nach den Stallräumen. Hier schien der kleinen Schloßherrin liebstes Revier zu sein, denn sie kannte alle Pferde und alle streckten ihr grüßend die Köpfe entgegen. Sie kletterte vom Rücken des einen zum andern und forderte Aennchen auf, es nachzumachen, diese aber wich ängstlich zurück. Mit dem Stallburschen, welcher helles Riemenzeug glänzend putzte, schien sie auf dem besten Fuß zu stehen; sie zupfte ihn an seinen struppigen strohgelben Haaren, nahm ihm die kurze Stummelpfeife aus dem Mund und versteckte sie, ehe er es sich versah, in dem Heukasten.

»Nun mag der Michel schauen, wo er sie wiederfindet,« flüsterte sie hinter seinem Rücken Aennchen zu, welche ganz stumm vor Erstaunen über das seltsame Betragen dabeistand.

»Nun aber zum Ziegenbock! Ich habe den Wagen schon herüberschaffen lassen,« rief Alma. Sie rannte Aennchen voran nach dem kleinen Stall und zerrte einen großen weißen langhaarigen Ziegenbock hervor. Ein kleiner Bursche, welcher in blaue Livree gekleidet war und gelbe Stulpstiefeln trug, war beim Anschirren des Bocks an den Wagen behilflich; dann stiegen die beiden Mädchen auf; Alma riß dem Burschen, welcher zum Kutschieren aufspringen wollte, die Peitsche aus der Hand und fuhr blitzschnell mit dem kleinen Gefährt davon. Der Ziegenbock sprang und Alma jauchzte; Aennchen aber wurde es beinahe ängstlich zu Mut und schüchtern bat sie: »Alma, sei doch nicht so stürmisch, wir könnten herausfallen.«

»Du wirst dich doch nicht fürchten, kleiner Hasenfuß,« lachte Alma übermütig und hieb immer stärker auf den Ziegenbock ein. Das mochte diesem aber doch nicht gefallen und er begann störrig zu werden, zerrte den Wagen nach rechts und nach links und blieb dann bockbeinig stehen. So sehr Alma zerren und reißen mochte, er rührte sich nicht, da hob sie die Peitsche zu einem so heftigen Schlag aus, daß der Bock einen Sprung machte; die beiden Mädchen wurden aus dem Wagen geschleudert, fielen aber zum Glück so weich auf einen Heuhaufen, daß sie keinen Schaden erlitten; der Bock aber rannte mit dem reizenden kleinen Wagen über Stock und Stein davon, daß alles in Stücke sprang und nach allen Seiten hin die Räder und Kissen auseinander flogen.

Als sich die Kinder betäubt emporrichteten, waren von dem ganzen neuen Wagen nichts mehr als Trümmer zu sehen; den Bock hat ein Gärtnerbursche eingefangen und führte den Widerstrebenden soeben nach seinem Stall.

Aennchen war vor Schreck ganz blaß und zitterte an allen Gliedern.

»O weh, was werden deine Eltern sagen, wenn sie es erfahren?« jammerte sie.

Alma sah auch ziemlich verdrossen aus. »Papa wird freilich etwas zanken,« meinte sie, »aber wenn ich Mama vorklage, wie sehr ich selbst erschrocken bin, dann nimmt sie mich schon in Schutz. Diesem abscheulichen Bock aber will ich es noch vergelten; er soll drei Tage nicht genug zu fressen kriegen. Für uns ist jetzt Tischzeit, es hat schon geläutet und wir müssen uns erst noch die Hände und Gesicht waschen, bevor wir ins Speisezimmer dürfen.«

Damit führte sie Aennchen wieder nach dem Schlosse zurück und als sich die beiden Mädchen gesäubert und geordnet hatten, traten sie in einen wundervollen Speisesaal ein, in welchem Almas Mutter bereits mit einem großen stattlichen Herrn zu Tische saß und voll Ungeduld die beiden erwartete. Es waren vier Gedecke auf die große lange Tafel gelegt, welche mit einem großen silbernen Tafelaufsatz und einer Menge Weinflaschen und Kristallschalen bedeckt war. Hinter jedem Stuhl stand ein Diener in blauer silbergestickter Livree; sie standen alle so steif wie von Holz und Aennchen war vor Schüchternheit und Staunen über all die Pracht die kleine Kehle beinahe zugeschnürt. Sie konnte gar keinen Genuß an all den köstlichen Speisen haben, welche in langer Reihenfolge angeboten wurden und von denen sie sich selbst nach Belieben auf den Teller füllen mußte. Wie schwer vermochten ihre kleinen ungeschickten Hände damit umzugehen und wie bewunderte sie im stillen Alma, welche mit solcher Leichtigkeit die schweren silbernen Bestecke handhabte. Die herrlichen Braten und Puddings hätten ihr zu Hause an der gemütlichen Familientafel gewiß das höchste Entzücken bereitet – hier konnte sie vor lauter Angst keinen Genuß daran finden und wünschte nur immer, die Tafel möchte bald zu Ende sein. Denn es ging so still und förmlich zu, daß kaum ein Wort von den Anwesenden gewechselt wurde, selbst Alma wagte unter den strengen Blicken des Vaters kaum laut zu sprechen. Zuletzt füllte er allen die Gläser mit roten funkelnden Wein und sprach:

»Wir wollen jetzt auf die Gesundheit unserer Tochter trinken.« Darauf stießen sie alle zusammen an, aber es geschah ganz ernst und steif.

»Ach,« dachte Aennchen für sich, »wie gemütlich ist es doch bei uns zu Hause im Gegensatz zu hier, wenn wir es auch nicht so schön haben.«

Gegen das Ende der Tafel richtete Herr von Stolzau das Wort an Alma und fragte:

»Hast du schon dein neues Gefährt probiert und ist es gut gegangen?«

»Ganz gut,« log Alma und stieß Aennchen unter dem Tisch mit dem Fuße an, sie solle nichts verraten. Aennchen saß da wie mit Blut übergossen und das Herz schlug ihr zum Zerspringen; sie atmete hoch auf, als nun die Hausfrau das Zeichen zum Aufbruch gab und den Kindern die feine Hand zum Kuß reichte.

»Unterhaltet euch gut diesen Nachmittag,« sagte sie freundlich –

»Und macht keine dummen Streiche,« setzte der Vater hinzu; dann durften die Mädchen das Zimmer verlassen.

Kaum waren sie draußen, begann Aennchen verstört Alma zu fragen:

»Aber Alma, wie konntest du eine solche Unwahrheit sagen und den Unfall verschweigen, der uns mit dem neuen Wagen passierte?«

»Sprich nicht so laut, Närrchen,« erwiderte Alma rasch und legte der Freundin den Finger auf den Mund. »Ich werde doch nicht die Thorheit begehen und mich selbst bei Papa anklagen, was er ohnedies noch früh genug erfahren wird. Du hast keine Ahnung, wie furchtbar böse er sein kann, und ich darf ihn schon Mamas wegen nicht reizen, welche immer gleich angegriffen wird. Sie muß ihre Kräfte für die Gesellschaften aufsparen und ich darf immer nur kurze Zeit um sie sein. Dann ist sie freilich lieb und gütig gegen mich, aber ich werde ihr bald zur Last.«

»Wie merkwürdig!« staunte Aennchen sinnend. »Meine Eltern haben vier Kinder und doch dürfen wir immer bei ihnen sein und werden ihnen nie zuviel. Arme Alma, du thust mir leid; es ist so schön, von Papa und Mama geliebt zu werden. Glaubst du nicht, etwas mehr Vertrauen deinem Vater gegenüber würde diesen mehr erfreuen und milder stimmen?«

»Ich weiß es nicht und scheue den Versuch,« antwortete Alma kurz; dann brach sie das Gespräch ab und forderte Aennchen auf, zum Spielen mit in den Park zu kommen. Und gar bald hatten die leichtherzigen Kinder alles Ernste vergessen und gaben sich mit voller Lust dem Vergnügen hin. Von einem Spielplatz eilten sie zum andern; von der Schaukel zum Krocketspiel und als sie an den großen klaren Fluß kamen, an welchen der Park grenzte und an dessen Landungsplatz ein reizender, weiß und grün gestreifter Kahn in den Wellen schaukelte, da rief Alma fröhlich:

»Wir wollen eine Kahnpartie machen und ich rudere dich bis zum andern Ufer auf die kleine Insel hinüber.« Dabei stieg sie in den Kahn und winkte mit ihrem Taschentuch einem vorüberfahrenden Schiffe zu.

»Aber darfst du denn allein rudern?« frug Aennchen zweifelnd.

»Nun, es ist mir zwar nicht gerade erlaubt, aber da Mademoiselle nicht da ist, so kann es uns niemand verbieten.«

»Aber ich wage es doch nicht, mit dir zu fahren, wenn es verboten ist.«

»Schäme dich, du Hasenfuß!« rief Alma zornig und stampfte mit dem Fuße, »du willst mir wirklich nicht das Geringste zulieb thun; das nenne ich eine schöne Freundschaft.« Sie wandte sich schmollend ab. Das konnte aber Aennchen nicht ertragen; freundlich schlang sie den Arm um ihren Hals und versicherte, ihr alles zu liebe thun zu wollen; dann stieg sie versöhnt zu der Freundin in den Kahn. Alma ergriff ein Ruder und gab Aennchen das zweite in die Hand, indem sie ihre Freundin lehrte, es zu gebrauchen. Das war keine leichte Arbeit und es gab viel Scherz und Lachen, wenn Aennchen so ungeschickte Bewegungen machte. Alma wurde immer übermütiger; zuletzt erhob sie sich im Kahn und begann, ihn heftig zu schwanken. Das aber beängstigte Aennchen, der es vom Schaukeln übel wurde, und halb weinend rief sie:

»O Alma, halt ein, es dreht sich alles mit mir herum.« Dies schien aber gerade dem übermütigen Mädchen rechten Spaß zu machen und noch heftiger schaukelte sie den Kahn hin und her. Da – ein lauter Schreckensschrei aus Aennchens Brust – dieses hatte den Halt verloren und stürzte kopfüber mitten ins Wasser. Mit großen entsetzten Augen starrte Alma schreckensbleich auf die leere Stelle im Kahn und in das unruhig wogende Wasser, dann schrie sie laut um Hilfe.

Da teilte sich plötzlich das Gebüsch und ein etwa vierzehnjähriger Gärtnerbursche sprang daraus hervor und in den Fluß hinein. Mit kräftigen Armen durchteilte er die Flut, bis er die Stelle erreichte, an welcher das verschwundene Kind soeben wieder sichtbar wurde, dann ergriff er es mit sicherer Hand und hob es in den schwankenden Kahn, bevor er sich selbst hinein schwang.

»Das hätte schlimm ausfallen können, kleines Fräulein,« sagte er aufatmend zu der noch immer zitternden Alma, indem er die Ruder ergriff und den Kahn zurücklenkte. Alma kniete neben der wie leblos daliegenden Freundin am Boden.

»Ist sie tot, Jakob?« flüsterte sie entsetzt, das totenbleiche Gesichtchen betrachtend.

»So schlimm ist’s wohl nicht,« meinte jener beruhigend, »aber sie muß so rasch wie möglich aus den nassen Kleidern, daß keine Erkältung nachfolgt.«

»Ich wage mich aber nicht mit ihr ins Schloß, da es sonst Papa erfährt,« flüsterte Alma, »o was sollen wir thun?«

»Wenn es Ihnen recht ist, Fräulein Alma, bringen wir das Fräulein zu meiner Mutter, die weiß sicher Rat,« sprach Jakob nachdenklich.

»O Jakob, das ist das beste, du bist wirklich Goldes wert,« rief Alma befreit aufatmend dem Gärtnerburschen zu, der es eigentlich nicht um sie verdient hatte, da sie ihn oft mit schlimmem Hochmut behandelte und ihm kaum einen Gruß schenkte. Er war aber ein guter Bursche und hatte das alles im Augenblick vergessen.

Sorgsam half er seiner kleinen Herrin, das fremde Mädchen in das alte Gärtnerhäuschen zu bringen, wo seine Mutter, welche früher Almas Amme gewesen war, die kleinen Gäste bereitwillig aufnahm und sich sogleich damit beschäftigte, Aennchen aus den nassen Kleidern und ins Bett zu bringen, wo diese in der Wärme bald die Augen wieder aufschlug und behauptete, sich ganz wohl zu fühlen.

Wer war glücklicher als Alma! Sie saß an dem großen Bett in der Gärtnerstube und plauderte der Freundin vor, welche mit bleichen Wänglein dalag und sich die seltsame Veränderung kaum erklären konnte. Währenddem kochte die Frau Gärtnerin den beiden Mädchen einen prächtigen Kaffee, zu dem sie kräftiges Schwarzbrot und Honig auftrug, und so fanden sie das Abenteuer erst recht lustig und unterhaltend. Als Aennchens Kleider am Herde getrocknet waren, wurde sie wieder in dieselben gehüllt; schon war der Nachmittag darüber zu Ende gegangen und Aennchen erinnerte sich daran, daß ihr die Mama befohlen habe, bis um sieben Uhr zu Hause zu sein. Sie fühlte sich auch recht müde und schwer in den Gliedern, und so vermochte sie Alma nicht zu halten. Sie geleitete den Gast zum Schlosse zurück, wo sie den Wagen anzuspannen befahl, dann wollte sie Aennchen zu ihren Eltern führen, damit sie sich bei diesen verabschieden konnte. Aber beide hatten keine Zeit für die Kinder und es war Alma willkommen; so wurde auch nichts von der verunglückten Kahnpartie verraten.

»Und zu deinen Eltern sprich auch nicht davon, nicht wahr, Aennchen?« bat sie dieselbe dringend beim Einsteigen noch. Diese gab widerwillig nach; sie hatte noch nie ein Geheimnis vor den Eltern gehabt und wußte nicht wie sie es zu stande bringen sollte. Aber endlich versprach sie es doch.

Mit bedeutend anderen Gedanken, als diesen Morgen, trat Aennchen ihre Heimfahrt an; sie war müde und schläfrig, und als sie so in den weichen Kissen zurückgelehnt saß, dachte sie voll Sehnsucht an ihr liebes Daheim und sprach leise vor sich hin:

»Arme Alma, ich möchte doch trotz deines Reichtums nicht mit dir tauschen und fühle mich viel glücklicher als du.«

Aennchen hielt wirklich ihr Versprechen und verriet den Eltern nichts von der Wasserpartie, trotzdem ihre Mutter sehr verwundert war über den zerstörten Zustand der Kleidung, in welcher ihr Töchterlein nach Hause zurückkehrte. Aber es war wenig Zeit, darüber zu sprechen, denn Aennchen hatte einen so tüchtigen Katarrh von ihrem Besuch mit gebracht, daß sie gleich auf ein paar Tage ins Bett gesteckt wurde, bis sie wieder wohl genug war, die Schule zu besuchen.

Siebentes Kapitel.
Ein Schulspaziergang und seine Abenteuer.

Die Zeit ging dahin so rasch, wie im Fluge. Der Frühling wich dem Sommer, aus dem Sommer wurde Herbst und dann folgte der Winter mit seinen Weihnachtsfreuden. Aennchen war nun schon lange Zeit in der Schule; sie hatte die erste Klasse verlassen und war mit allen Mitschülerinnen zugleich in die zweite Klasse vorgerückt, nachdem sie in der großen Prüfung gut bestanden hatte.

Das war ein wichtiger Tag für all die kleinen Schulmädchen gewesen, als die Prüfung abgehalten wurde. Sie waren alle in ihren Sonntagskleidern im großen Prüfungssaale erschienen, die Hefte und Bücher hatten auch ein schönes neues Gewand erhalten und es war ein feierlicher Anblick, als nun in den großen weiten Saal all die Herrn Lehrer und Prüfungskommissare eintraten und sich gegenüber der Klasse aufstellten. An den Wänden herum saßen die Eltern der kleinen gelehrigen Mädchen und lauschten ängstlich, ob ihre Lieblinge auch ordentlich bestehen würden. Aber gottlob, es ging! sie hatten alle brav gelernt und sich gut vorbereitet, und nur selten mußte eine Schülerin auf eine Frage des Herrn Milde das Köpfchen senken: der Herr Prüfungskommissar war sehr zufrieden und als das Examen zu Ende war, da trat er in seinem ordengeschmückten Frack vor und hielt eine lange Anrede an die Kinder, in der er sie wegen ihres Fleißes und ihrer Aufmerksamkeit belobte.

»Ich darf mit frohem Herzen versichern, daß ihr eure Aufgabe glücklich gelöst habt,« schloß er zuletzt, »darum entlasse ich euch jetzt mit Zufriedenheit. Geht nun nach Hause zu euren Eltern und erzählt ihnen, wie brav ihr die Prüfung bestanden habt.«

Tiefe Stille herrschte im Saal, niemand wagte einen Laut, da tönte plötzlich Aennchens helle Kinderstimme klar und vernehmlich als Antwort auf des Herrn Kommissars Rede:

»Meine Mama und mein Papa sind schon selbst da und haben alles gehört.«

Sie verstummte erschrocken, als die Anwesenden in lautes Lachen über ihre Keckheit ausbrachen, denn sie war so ganz bei der Sache gewesen, daß sie vergessen, wo sie sich befand, und nur immer mit Stolz daran gedacht hatte, daß die Eltern Zeugen ihres Sieges seien. Aber der Herr Kommissar war nicht böse, er klopfte sie freundlich auf die Schulter und führte sie den Eltern zu. Mittags gab es zu Hause bei Aennchen dann einen großen Festschmaus, bei dem auf die Gesundheit der kleinen Gelehrten getrunken wurde.

Der Abschied von dem guten Herrn Milde wurde der ganzen Klasse sehr schwer und alle weinten heiße Thränen, selbst Alma, welche dies Jahr mit vorrücken durfte.

Aber auch der Lehrer der nächsten Klasse war sehr gütig und freundlich; er hieß Haase und von dessen Klasse rückten alle in diejenige des Herrn Müller vor, welcher es nicht weniger als seine Vorgänger verstand, den Kindern den Lehrunterricht angenehm und anregend zu machen.

Zur Sommerszeit hatte der Herr Lehrer eine neue Sitte eingeführt: nämlich allwöchentlich, wenn das Wetter es nur irgendwie erlaubte, mit seinen Schülerinnen einen Spaziergang hinaus aufs Land zu machen. Er verband mit diesen Spaziergängen zugleich den Unterricht in der Botanik, führte die Kinder auf blumige Wiesen und in schöne Wälder, ließ sie dort Blumen und Kräuter pflücken und lehrte sie dann deren Namen und Arten erkennen und von einander unterscheiden, nannte ihnen die lateinischen Namen und belehrte sie über den Nutzen und die Schädlichkeit jeder einzelnen Pflanze.

Daß natürlich jeder derartige Ausflug für die Schülerinnen eine Quelle des reinsten Vergnügens wurde, daß sie von einem Spaziergang zum andern sich immer wieder freuten und denselben kaum erwarten konnten, ist leicht begreiflich – am höchsten aber steigerte sich ihr Jubel, als eines Tages der Lehrer verkündete, den nächsten Tag sollte ein ganzer Tagesausflug veranstaltet werden.

Als Stunde des Aufbruchs war 8 Uhr morgens festgesetzt und jede der Schülerinnen hatte sich mit etwas Lebensmitteln und Geld zu versehen; als Ausflugsort war ein höchst romantisch gelegenes Thal bestimmt.

Das war nun eine Freude unter den Kindern; besonders Aennchen konnte den andern Morgen kaum erwarten. Am Abend schon legte sie sich alles Nötige für den nächsten Tag bereit und bat und bestürmte ihre Mama so lange, bis diese die Erlaubnis gab, das neue rotgedruckte Kleidchen anziehen zu dürfen, obgleich eigentlich Mama meinte, ein derartiges Gewand sei viel zu schön und zu empfindlich zu einer Partie, denn für solche Spaziergänge sei oft gerade das Schlechteste gut genug. Aber klein Aennchen war ein eitles Ding, sie wollte nun einmal ihren Kopf durchsetzen und sich den Mitschülerinnen in dem schönen neuen Kleide zeigen – dafür versprach sie, auch recht acht darauf zu geben, damit es gut geschont bleibe. In ihre große grüne Botanisierbüchse packte sie alle möglichen Vorräte, welche ihr die gute Mama aus der Speisekammer zu nehmen erlaubte – Butterbrot mit Wurst und kaltem Braten belegt, Aepfel und Birnen und Zwieback und Schokolade. Die alte Hanne schnallte ihr das Regenmäntelchen sorgsam in einen Riemen, damit sie es bequem tragen könne; Aennchen aber rümpfte das Näschen und meinte, jetzt bei dem herrlichen Wetter sei ein Mantel doch gänzlich überflüssig und sie habe keine Lust, sich damit zu belasten.

Und richtig, den andern Morgen ließ sie wirklich wie aus Versehen die Rolle zu Hause liegen, und als die Kinderfrau sie dann bemerkte und ganz aufgeregt damit zu ihrer Herrschaft kam, da war es lang zu spät, den kleinen Flüchtling noch einzuholen. Denn Aennchen marschierte längst mit ihrer ganzen Klasse, von dem Herrn Lehrer angeführt, über Stock und Stein davon.

Die Mädchen hatten sich alle zur richtigen Stunde auf dem großen Platz vor der Schule eingefunden; nur einige wenige, welche durch Unwohlsein abgehalten waren, fehlten; darunter Martha Traugott, deren schwächlicher Körper eine so weite Tour nicht zu machen erlaubte. Aennchen aber flog vor allen anderen auf ihre Freundin Alma von Stolzau zu, welche auch vollständig wie zu einer Reise gerüstet, im weißen Wollkleidchen und großen Strohhut erschienen war und voll Stolz sogleich Aennchen ihr wohlgefülltes Portemonnaie zeigte, welches sie in einem zierlichen Täschchen bei sich trug.

»Sieh’ her!« flüsterte sie »zwei Thaler hat mir Mama für den heutigen Tag gegeben und ich habe aus meiner Sparbüchse auch noch einen dazu genommen – da werden wir wohl reichen!«

Aennchen blickte ganz beschämt auf ihr eigenes Beutelchen nieder; sie war sich so unendlich reich vorgekommen, als sie die Mark von den Eltern erhalten hatte; nun aber hatte Alma so sehr viel mehr. Diese aber tröstete sie:

»Wir teilen alles mit einander und wollen es uns recht wohl sein lassen. Weißt du, was mir das liebste ist: wenn ich heute einmal recht nach Herzenslust Käse essen kann in einem Wirtshaus.«

»Aennchen und Alma, was habt ihr wieder für Heimlichkeiten miteinander?« rief von der Spitze des Zuges Herr Müller zurück. »Schließt euch ordentlich in die Reihen des Zuges ein und nun frisch in einem Trab marschiert: Rechts, links, rechts, links, – dann wollen wir ein Liedchen singen, da geht das Marschieren noch einmal so gut!«

Und mit hellem Klange begann der ganze Mädchenchor aus frohen Kehlen das schöne Wanderlied zu singen:

»Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus –

Da bleibe, wer Lust hat, mit Sorgen zu Haus –

Wie die Wolken dort wandern am himmlischen Zelt,

So steht auch mir der Sinn in die weite, weite Welt.

– Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott Euch behüt’!

Wer weiß, wo in der Ferne mein Glück mir noch blüht –

Es giebt so manche Straße, die nimmer ich passiert,

Es giebt so manchen Wein, den nimmer ich probiert!«

Das war ein gar köstlicher Marsch in der hellen Morgenluft über die herrlichen grünen Wiesen, auf welchen so unzählige Blümlein, weiße und rote, blaue und gelbe, blühten und von denen die Mädchen schon am liebsten recht viel gesammelt und in ihre Botanisierbüchse gesteckt hätten, wenn der Herr Lehrer nicht gemahnt hätte: »Es kommt alles noch besser und schöner. Wir haben einen großen Wald zum Ziel und kommen an einem See vorüber, da werdet ihr jubeln vor Freude, denn so etwas Schönes habt ihr schwerlich je gesehen.«

Der Herr Müller war heute selbst so glücklich und vergnügt wie seine kleinen Schülerinnen alle, er scherzte mit ihnen, die sich zu ihm heran drängten, führte bald die eine, bald die andere bei der Hand und gab ihnen gern auf alle Fragen, die sie an ihn richteten, bereitwillig Auskunft und Antwort. Da vergingen die Stunden, ehe man es sich versah, und die kleinen Reisenden kamen gar nicht dazu, eine Ermüdung zu spüren. Sie passierten mehrere Dörfer und wo sie vorüber kamen, da liefen die Leute und Kinder zusammen und hatten ihre Freude an den vielen kleinen fröhlichen Mädchen, welche so lustig singend vorüberzogen. Die Sonne fing freilich mit jeder Stunde mehr an zu glühen, die Bäckchen wurden heiß und die Schritte der Wandernden träger; gar manches der Mädchen hatte schon heimlich ins Körbchen gegriffen und von dem mitgenommenen Imbiß genascht, besonders Aennchen und Alma hatten sich ihre Vorräte schon tüchtig schmecken lassen, aber nun meldete sich der Durst und noch war weit und breit das Wirtshaus nicht zu sehen, in welchem der Herr Lehrer mittags zu rasten gedachte.

Die Kinder seufzten: »Der Durst! o, der böse Durst!« Herr Müller aber tröstete: »Um so köstlicher wird euch dann die Erquickung munden, ihr durstigen Schelme. Gewöhnt Euch nur ein wenig an Strapazen, das kann euch später einmal gut thun.« Und nun begann er, ihnen die Geschichte von einem Handwerksburschen zu erzählen, was dieser alles auf seiner Wanderschaft durch die weite Welt zu erdulden gehabt hatte, wie er mit bloßen blutenden Füßen und leerem hungrigen Magen oft tagelang herumirren mußte, und das Herz der kleinen Hörerinnen war so voll von Aufmerksamkeit und Mitleid, daß sie ihre eigene Erschöpfung ganz vergaßen und ehe sie es sich versahen, vor einem großen ländlichen Wirtshaus standen, das, von einem grünen schattigen Garten umgeben, in friedlicher Ruhe dalag. In dem Garten, welcher freilich mehr ein Grasplatz zu nennen war, standen eine Menge hölzerner Tische und Bänke in langen Reihen unter großen weitästigen Lindenbäumen – soeben trat die Frau Wirtin aus dem Haus und mit vergnügten Knixen dem Herrn Lehrer entgegen.

»Nun, Frau Wirtin, haben Sie für einen guten Imbiß gesorgt, wie ich Ihnen geschrieben habe?« rief Herr Müller. »Ich bringe Ihnen dreißig hungrige Mäulchen, welche alle gesättigt sein wollen.«

»Ei freilich, Herr Lehrer, habe ich dafür gesorgt,« rief eifrig die Wirtin, welche sich höchst geschmeichelt fühlte. »Die jungen Fräuleins dürfen nur bestellen, was sie am liebsten wünschen – ich habe Suppe und Fleisch und Schinken mit Kraut und Butter und Käse, Milch und Kaffee. So brauchen sie sich nur zu wählen.«

»Also Kinder, bestelle sich jedes nach Belieben,« ordnete Herr Müller an – »ich rate aber jeder vor allem zu einem Teller warmer Suppe, das ist jedenfalls das Gesündeste vorderhand.«

Die meisten Mädchen folgten des Lehrers Rat und wünschten sich, während sie auf den Bänken nach Belieben Platz nahmen von der umhergehenden Wirtin einen Teller warmer Suppe; als die Wirtin aber zu Alma und Aennchen kam und frug:

»Hier darf ich wohl auch Suppe bringen?« da rief Alma, sich schüttelnd:

»Brrr, das wäre schön, wenn wir heute uns auch mit so abscheulicher Suppe plagen sollten, wo wir doch endlich einmal thun und lassen können, was wir wollen. Nein, Frau Wirtin, meine Freundin und ich wünschen uns nur Käse und Bauernbrot mit Butter; bringen Sie uns für einen Thaler Käse und für einen Thaler Bauernbrot.«

Die Wirtin sperrte vor Erstaunen die Augen weit auf.

»Für einen Thaler Käse und einen Thaler Schwarzbrot?« rief sie verwundert, »das kann dem Jungferchen doch unmöglich Ernst sein, denn das wäre ja so viel, daß ein halbes Hundert Kinder satt davon werden können. Ihr habt wohl nur einen Scherz mit mir machen wollen?«

Alma hatte freilich nicht vorgehabt, einen Scherz zu machen; sie sah nun aber doch ein, daß sie etwas recht Ungeschicktes vorgebracht hatte in ihrer Unkenntnis mit Geldangelegenheiten; jetzt suchte sie ihre Verlegenheit so gut als möglich zu verbergen, indem sie mit vornehmer Miene befahl:

»Bringen Sie uns eben recht tüchtige Portionen Käse und Butterbrot – ich werde sie dann bezahlen – auch saure Milch wünschen wir dazu.«

Und während dann die Schulmädchen alle sich die kräftige Brotsuppe und danach eine Portion Fleisch und Gemüse trefflich schmecken ließen, saßen Alma und Aennchen bei ihren ersehnten Genüssen, denen sie nicht gerade in mäßiger Weise zusprachen. Sie hatten sich ein möglichst verborgenes Eckchen ausgesucht, damit man sie nicht beobachten konnte, und fühlten sich so glücklich und vergnügt wie die Könige bei ihrem Mahle.

Aber der Schaden blieb nicht aus und ihre Unmäßigkeit rächte sich bald, zumal sie zwischen den Käse und das Schwarzbrot hinein saure Milch und Schokolade und Früchte naschten; denn noch hatten sie den letzten Bissen nicht verzehrt, da wurde es den beiden mit einemmale furchtbar übel und sie fingen vor Magenschmerzen laut zu stöhnen an. Mit totenbleichen Gesichtern und großen verglasten Augen saßen die zwei Freundinnen auf der Bank, während sich die anderen Mädchen neugierig um sie scharten und der Herr Lehrer sich von der Wirtin über das Mahl, welches die beiden eingenommen hatten, berichten ließ. Da konnte er freilich leicht begreifen, daß sie sich den Magen verdorben hatten, und er ordnete an, daß sie in das Schlafzimmer der Frau Wirtin gebracht wurden, um sich dort von ihrem Unwohlsein zu erholen, während er mit den andern Mädchen den Spaziergang weiter fortsetzen wollte.

»Es thut mir leid, daß die beiden sich durch ihre Unmäßigkeit um das schönste Vergnügen gebracht haben,« sagte er kopfschüttelnd, »aber ich kann ihretwegen den Spaziergang der andern nicht aufschieben.«

Alma und Aennchen brachen in Thränen aus und beteuerten, sich wohl genug zu fühlen, um auch weiter wandern zu können, aber ihre bleichen Wangen straften sie Lügen und Herr Müller erklärte, dies nicht zu erlauben; er befahl ihnen im Gegenteil, sich den ganzen Nachmittag vollständig ruhig zu verhalten und nicht vom Hause zu entfernen; gegen Abend würde er dann wieder mit den andern Schülerinnen kommen, sie abzuholen; zum Heimweg sollte dann die Bahn benutzt werden, damit jede weitere Ermüdung vermieden werden könnte. Und nachdem der Lehrer die beiden Patientinnen nochmals der Frau Wirtin empfohlen hatte, entfernte er sich mit den andern Schülerinnen, welche durch die Rast und das Mahl neu gestärkt mit frischen Kräften und fröhlichem Sinn den Weg nach dem Walde antraten.

Alma und Aennchen saßen mit hängenden Köpfchen und trübseligen Mienen währenddem drin in der dumpfen Kammer der Wirtin und jammerten über ihr Schicksal. Die gute Frau ging ab und zu und kochte ihren jungen Gästen einen kräftigen Thee, welchen diese wohl mit sehr sauren Mienen verschluckten, der ihnen aber so ausnehmend wohl für den Magen that, daß sie sich bald völlig frei von Unwohlsein fühlten und den Wunsch aussprachen, sich nun auch auf den Weg zu machen, welchen die andern gegangen waren.

»Aber der Herr Lehrer hat doch befohlen, daß die beiden Jungferchen ihn hier erwarten sollen?« meinte die Wirtin ängstlich, als sie die Absicht der beiden wahrnahm. »Ich kann’s wirklich nicht erlauben, daß Sie fortgehen. Bei mir ist’s ja auch recht schön draußen im Garten, wir haben Hühner und Geisen und Bienenstöcke, da giebt’s genug zu sehen für so junge Fräuleins.«

»Gut, so sehen wir uns diese an,« gab Alma zu und folgte der Wirtin aus der Stube; kaum aber hatte die gute Frau den Rücken gewandt, flüsterte sie Aennchen ins Ohr: »Wir thun eben doch, was wir wollen und folgen der Wirtin nicht. Ich hole nur rasch mein Körbchen und die Hüte noch herbei, dann machen wir uns heimlich auf den Weg. Es wird uns schon glücken, die andern einzuholen, und wenn Herr Müller dann sieht, wie gut es uns geht, wird er sicher nicht schelten, daß wir nachgekommen sind.«

Aennchen horchte nur zu gern auf den Rat der Freundin, rasch suchte sie ihre sieben Sachen zusammen, wie Alma es geboten, dann verließen die zwei Mädchen durch ein Hinterthürchen gleich Dieben das Haus der freundlichen Wirtin und eilten mit raschen Schritten die Landstraße entlang. Es war ihnen ein Leichtes, die Spuren ihrer Mitschülerinnen aufzufinden, welche sich in unzähligen kleinen Abdrücken in dem weichen Sand zu erkennen gaben; der Weg leitete nach einem schönen großen Wald hin und in übermütiger Eile schritten die beiden Ausreißer demselben entgegen. Schon nahm ein hohes grünes Waldesdach die Mädchen freundlich auf und wie herrlich, wie köstlich war es hier!

Die Sonne, welche da draußen in beinahe sengenden Strahlen unbarmherzig herniedergebrannt hatte, vermochte hier kaum die dichten grünen Zweige zu durchdringen und nur zuweilen brach ein glänzender Schein hindurch und zitterte auf dem weichen Moos, welches sich wie ein dichter Teppich zu Füßen der hohen Bäume ausbreitete. Ein kräftiger Duft von Waldkräutern und Blumen drang von der Erde empor, kleine Quellchen rieselten mit vertraulichem Plätschern den Boden entlang und blaue Vergißmeinnichtchen neigten sich darüber hin – es war ein köstliches Bild und den beiden jugendlichen Wanderern ging das Herz auf vor Entzücken.

Sie warfen sich bei einem Quellchen ins Moos und tranken von dem erquickenden Naß, badeten ihre erhitzten Wangen und Hände darin, ja zuletzt lösten sie sogar Schuhe und Strümpfe von den Füßen und kühlten dieselben in der Flut. Dann pflückten sie von den umher blühenden Vergißmeinnicht einen großen Strauß und als sie dabei auch noch sogar reife Erdbeeren entdeckten, da kannte ihre Freude keine Grenzen. Wohl eine ganze Stunde brachten sie damit zu, sich recht viele der köstlichen Beeren zu pflücken und den größten Teil derselben gleich zum Munde zu führen, endlich aber fiel es Aennchen wieder ein, daß sie ja ganz darauf vergessen hatten, ihren Mitschülerinnen auf den Weg nachzufolgen, und sie erinnerte Alma daran, daß es höchste Zeit sei, aufzubrechen. Rasch wurden die Hüte wieder aufgesetzt und nach den Sträußchen gegriffen und nun ging’s wieder vorwärts – aber welche Richtung sollte man einschlagen? Sie waren ja während des Pflückens so tief in den Wald geraten, daß sie gar nicht mehr wußten, von welcher Seite sie hergekommen waren. Nirgends zeigte ein betretener Pfad den Weg ins Freie, denn überall standen Bäume, dichte Büsche und wucherndes Farnkraut eng aneinander gedrängt, so daß die Mädchen sich oft kaum hindurchzuwinden vermochten.

Aber es war ihnen nicht bange; sie hatten beide eine gute Portion Leichtsinn von der Natur geerbt und so hatte dieses Wandern in der Irre nur einen neuen Reiz für sie. Immer größer wurden die Sträuße, welche die beiden pflückten und kaum mehr in den Händen zu halten vermochten, die Botanisierbüchsen wurden mit Käfern und Eidechsen gefüllt und so beladen suchten sie dazwischen wieder nach dem Ausgang. Ja, du lieber Gott, der zeigte sich noch immer nicht, obgleich der Weg jetzt beinahe steil bergan zu führen begann, so daß deutlich zu erkennen war, daß man sich auf einer Anhöhe befand.

»Wie spät es wohl sein mag?« bemerkte Aennchen, jetzt doch ängstlich werdend. »Es kommt mir vor, als wäre es schon etwas dunkler geworden und ich bin trotz der vielen Beeren, welche ich gegessen habe, schon wieder hungrig, aber meine Vorräte sind aus.«