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Wie es Licht geworden!
Wie es Licht geworden!
Roman
von
Maria Louise von Suttner.
Dresden und Leipzig
G. Pierson’s Verlag
1898
Alle Rechte vorbehalten.
Unberechtigter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.
Meiner lieben Tante und Lehrmeisterin
Bertha von Suttner zugeeignet.
Harmannsdorf, im Frühjahr 1898.
Erster Abschnitt.
„Ich mag nicht.“
„Dieses Wort kennt man hier nicht, mein Kind: Du mußt.“ Die Klosterfrau mit dem strengen blassen Gesicht drückte mir den Löffel so fest in die Hand, daß es mich schmerzte. Ich würgte die verhaßte Suppe hinunter und mit ihr die Frage, weshalb ich denn eigentlich „müsse.“
Zu Hause, da hatte es immer geheißen: „Tu’s mir zuliebe, Mimi“, und da aß ich den ganzen Teller blank und war reichlich belohnt, durch das freundliche Lächeln meiner Eltern.
„Du mußt.“ Jetzt erst gewahrte ich die schadenfrohen Blicke der Schülerinnen, mit denen ich nun Tag für Tag beisammen sein sollte. Eine stieß mich ganz besonders ab. Es lag ein böser, harter Zug um ihren Mund und in den grünen Augen blitzte es höhnisch auf. Da fühlte ich mich mit einemmale so grenzenlos verlassen und mit der Kindern eigenen Intensivität, malte ich mir meine Zukunft an diesem Orte in den düstersten Farben aus.
Bis zu diesem Augenblicke hatte ich mich den neuen Eindrücken hingegeben, wie jemand ganz Unbeteiligter. Der kahle, weißgetünchte Saal mit den langen Pultreihen und dem erhöhten Sitz für die „Aufsicht“, das Alles kam mir so seltsam vor.
Noch mehr aber verwunderte mich die Frage „ob ich mich freue, ob ich gern gekommen sei?“ Ich besann mich nicht erst lange, sondern erwiderte rundweg: „Nein.“ Mein Blick schweifte zu den Mädchen hinüber. Sie hatten wie auf Commando die Zähne auf die Unterlippe gepreßt und ein vernehmliches „Mais vraiment“ gemurmelt. Wer nur auch so unverschämt aufrichtig sein konnte! Damit kommt man nicht weit; ich blieb es auch nicht lange.
Wie träge die Stunden dahinschlichen; noch nie hatte mir ein Tag so endlos lang geschienen.
Christine, das Mädchen mit den bösen Augen schlich sich in einem unbewachten Moment an mich heran und riß mir das Band vom Zopfe.
„Du garstiges Ding“, es war mir unwillkürlich entschlüpft. Sie aber flugs bei Mère Walter. „Mimi sagt mir „Du“ und ist grob.“
Nun erfuhr ich, daß man sich nicht „Du“ sagen und nicht empfindlich sein dürfe. Christine hätte es ganz zufällig gethan.
„Das ist nicht wahr.“
„Mein Kind, geh’ in den Winkel.“
Diese Ungerechtigkeit erweckte meinen Zorn. „Ich will nicht“ und dabei stampfte ich mit dem Fuße auf. Mère Walter machte kurzen Proceß; sie packte mich mit festem Griff am Arme und schleifte mich in die Ecke. „So.“
Nun löste sich mein Widerstand in Tränen auf und ich empfand die Ohnmacht des Schwachen dem Starken gegenüber. Und zugleich mit dem Bewußtsein meiner Hilflosigkeit loderte es in meinem Innern auf, gleich einer zündenden Flamme, etwas Wildes, Dämonartiges — der Haß.
Das war mein erster Tag im Kloster, nur ein dünnes Glied der langen, langen Kette.
Ich sprach das Abendgebet nicht mit, denn ich kam mir vergessen, von Gott verlassen vor und lügen konnte ich damals noch nicht.
„Papa“ — weshalb hatte er mir das, gerade das angethan? Tiefe Sehnsucht nach dem alten lieben Heim trat an die Stelle der Auflehnung; es wurde ruhig in meiner Seele und ich weinte mich still in den Schlaf.
**
*
Wir standen im Halbkreis, mit den dunkelblauen Sonntagskleidern angetan, endlos lange Bandschleifen um den Hals, und warteten auf die Notenverteilung. Allwöchentlich wurden nämlich kleine Karten mit „sehr gut“, „gut“ und „ziemlich gut“ ausgegeben, je nach dem Verdienste der Schülerinnen.
Ich war lächerlich klein für meine acht Jahre und befand mich als Allererste vor dem Platze, den bei dieser Gelegenheit die Oberin einzunehmen pflegte.
Pünktlichkeit schien nicht gerade ihre starke Seite zu sein. Wir warteten schon eine geraume Weile, als Mère Walter hereingestürmt kam und uns geheimnisvoll zuflüsterte: „Attention mes enfants, la révérende Mère.“ Gleichzeitig intonierte das Harmonium ein frommes Lied und die Zöglinge stimmten mit ein.
Tiefe Verbeugung beim Eintritt der Erwarteten. Alle setzen sich. Mère Walter klappt ein großes dunkles Heft auf, lächelt mit verbindlicher Miene der Oberin zu, und beginnt dann die Verlesung. Eine endlose, immer gleichförmige Litanei von lauter „Sehr gut“, „sehr gut“, „gut“, die mich bei Weitem weniger fesselt, als das Gesicht der ehrwürdigen Mutter. Um ihren zahnlosen Kiefer zuckt es wie unausgesetzte Blitze und der große Kopf baumelt im Takte auf und ab. Es erinnert mich an die chinesische Pagode auf unserem Kamin zu Hause und diese Ähnlichkeit macht sie mir sympatisch. Ob sie wohl besser, sanfter ist als die Anderen? Da plötzlich werde ich aus meiner Betrachtung aufgeschreckt.
„Mimi Steindorf, ziemlich gut.“
Mechanisch stelle ich mich vor den Tisch, mache einen ungeschickten Knix und streckte meine Hand aus, um die Karte in Empfang zu nehmen.
„Es sind Klagen über Dich eingelaufen, Kind“, — wie rauh und unangenehm ihre Stimme klingt — „Du mußt Dein Benehmen ändern und Mère Walter um Verzeihung bitten,“ und da ich zögere: „Nun, wird es? — schnell.“
„Ich habe nichts getan.“
„Was? — Schäme Dich. Ich verbitte mir solche Antworten. Senke den Blick. Mère Walter, halten Sie ihr heute eine Vorlesung über die christliche Demut; sie scheint es dringend zu benötigen.“ Rote Flecke zeigen sich bei diesen Worten auf ihren fahlen Wangen und lassen das Gesicht geradezu abschreckend erscheinen. Es gleicht der gepuderten, clownartigen Maske eines Perlhuhnes.
Nach diesem Vorgang spürte ich nicht die geringste Reue. Im Gegenteil: ich nahm mir vor, „wirklich schlimm“ zu sein, so daß sie es nicht länger mit mir aushielten und mich zurückschicken müßten. Ich lernte absolut nichts, schnitt Mère Walter Grimmassen und schrieb einen kläglichen Brief an Papa, der aber nie an seine Bestimmung gelangte, da er der strengen Censur nicht Stand gehalten hatte.
Meine Eltern besuchten mich nach einem Vierteljahre und durch meine Bitten schwach gemacht, erlösten sie mich zum Teil von meiner Qual, indem sie mich „Externe“ werden ließen. Vielleicht empfanden sie auch Gewissensbisse, als sie mein blasses Gesicht, die schlechte Haltung gewahrten.
Freilich, ich hatte die Disteln nicht gerade gegen Rosen vertauscht. Gleich zu Anfang schienen mir meine Eltern gänzlich verändert. Die alte Zärtlichkeit war einem lauernden Mißtrauen gewichen, und ich wußte nur zu wohl, wer dieses Gift in ihre Seele geträufelt hatte. Von Natur aus zurückhaltend in meinen Liebesbeweisen, wartete ich unbewußt auf Entgegenkommen. Doch vergeblich.
Es geschah nicht selten, daß, wenn ich irgend eine komische Situation aus dem Klosterleben in ganz harmloser Weise schildern wollte, Papa mir das Wort mit dem Bemerken abschnitt: „Ich dulde nicht, daß Du Dich über die würdigen Schwestern lustig machst.“
Und so hütete ich ängstlich meine Zunge, legte jedes Wort auf die Wagschale, wurde scheu und verschlossen.
Wenn man aber eine junge lichtdürstende Winde in den Schatten stellt, läßt sie das Köpfchen hängen und verkümmert.
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Wie das weh tut, wenn man noch halbverschlafen aus den Federn muß! Jeden Morgen setzte es förmliche Kämpfe ab zwischen Clara, der Zofe, und mir.
„Nur noch eine Viertelstunde, nur noch zehn Minuten, bitte, liebe gute Clara; ich bin so schrecklich müde.“ Ich hätte ihr in meinem Schlafbedürfnis ein Königreich angeboten für diesen kurzen Genuß. Und je nach ihrer Laune und vermutlich nach dem Inhalte des Briefes, den sie tags zuvor von ihrem „Gefreiten“ erhalten, ließ sie sich erweichen oder bestand auf ihrer Forderung.
Dieses unbeschreiblich wohlige Gefühl des bewußten Schlummerns, des traumlosen Träumens, wer hätte es nicht ungezähltemale selbst empfunden!
Doch wie kurz währte die Gnadenfrist! Clara entzündete die Kerze und zog die Jalousien auf. Und jedesmal, namentlich im Winter, verspürte ich tiefes Unbehagen, eine Art von Katzenjammer, wenn ich durch halbgeöffnete Lider in den farblosen Morgen blinzelte. Doch Clara schien wenig Sinn für meine Stimmungen zu haben. Sie zog mir mit energischem Ruck die Decke herab und installierte sich mit dem Elektrisier-Apparat an meinem Bette.
Auch ein Erfolg des Klosters. Die storchbeinigen Stühle und die niederen Pulte bewirkten die ersten Symptome einer Rückgrat-Verkrümmung. Ich zuckte wie ein Frosch; dieses Prickeln und Stechen wie von scharfen Nadelspitzen war mir gräßlich. Dann kam das Eisenmieder an die Reihe. Auf diese Weise eingepanzert, fühlte ich mich beengt und unbeholfen, unfähig, mich zu bücken. Mère Walter machte mir einmal eine arge Scene, da ich ihr den herabgefallenen Zwirnknäuel nicht aufgehoben. Ich duldete lieber die Strafe, als einfach zu erklären, das Mieder sei schuld daran, denn ich schämte mich halb zu Tod und zitterte vor der Entdeckung. Da würden sie dann ihre Witze über mich machen, mich verhöhnen, Christine an der Spitze, — nur das nicht. Ich litt ja ohnedies gering an den Regungen unbefriedigter Eitelkeit, da meine Eltern von krankhafter Sparsamkeit waren und oft die allernötigsten Auslagen scheuten.
„Mama, ich möchte so gerne ein paar Knopfstiefletten haben“ und ich zeigte ihr die durchlöcherten Sohlen.
„Man kann sie doppeln lassen. Und was hast Du denn gegen die Zugstiefletten; sie thun genau denselben Dienst, nur daß sie billiger sind. Wozu denn so verschwenden?“ Ich mußte also die geschmacklosen Chaussüren forttragen, zur heimlichen Freude Christinens, die mich nächstenliebend „das Bettlerkind“ getauft hatte.
Auch das Kleid mußte ich solange benützen, bis die Ellenbogen durchgewetzt waren und der Rücken glänzte. Neue Handschuhe und Haarbänder gab es nur alle heiligen Zeiten einmal, und wenn der Mantel nicht mehr paßte, wurde solange der Kreuz und Quere nach angesetzt, bis von der ursprünglichen Façon nichts mehr zu erkennen war. Was Wunder da, wenn ich stets nur „ungenügend“ in der Ordnung bekam! Papa hielt mir dann lange Strafpredigten, „ich sollte mich zusammennehmen, Andere brächten es ja auch fertig.“
Andere! Wie leicht das gesagt war. Da war eben nicht jede Neuanschaffung von Vorwürfen und Lamentationen begleitet, während bei mir! — Nicht einmal ungebrauchte Bücher hatte ich; lauter beschmutzte Einbände mit Fingerspuren und überklebten Stellen. Wie beneidete ich meine Nachbarin, die große Gertrud, um die vielen nagelneuen Bände! Überdies besaß sie ein Gebetbuch, das von den feinsten französischen Spitzenbildern strotzte, und einen Federnbehälter aus papier mâché mit einer Veilchenguirlande darauf. Ich rechnete und überlegte, wie lange es wohl dauern würde, bis ich mir ähnliche Gegenstände kaufen könnte. Ein paar Jahre gut, wenn Papa mein Monatsgeld von 30 Kreuzern nicht erhöhte. Und selbst dieser minimale Betrag hing von den erhaltenen Klassen ab. Also blutwenig Aussicht! Diesmal würde es ohnedies wieder nur „gut“ geben.
Mère Walter ließ mich auf ihr Zimmer rufen. Mein Herz klopfte zum Zerspringen und ich starrte noch immer in tötlichem Schreck den Zettel an, der meine Nummer trug. Ja „17“, da gab es keinen Ausweg.
Ich legte die Schürze ab und setzte mich auf das „Folterbankerl“ vor ihrer Thüre, um zu warten, bis meine Vorgängerin herauskäme. Wäre sie doch ewig drin geblieben, oder gleich erschienen, schon im nächsten Moment, damit es überstanden wäre. Meine Wangen brannten, die Hände glühten und förmliche Krämpfe befielen mich. Was sie nur wieder sagen würde? Vielleicht gar nichts Besonderes, oder wegen der französischen Aufgabe, dem Stockfisch. Schließlich wichen die klaren Gedanken einer maßlosen Furchtempfindung. Ich blickte hinüber zu den arbeitenden Gefährtinnen, die gesammelt der Lektüre lauschten. O daß ich doch an ihrer Stelle gewesen wäre, nur nicht gerade „ich“, oder überhaupt weit weg, ganz anderswo.
Jetzt hörte ich Schritte. Ich raffte mein bischen Mut zusammen, blickte zum Himmel, machte hastig ein Kreuzzeichen nach dem anderen und gelobte dem lieben Gott, „brav zu sein“, der heiligen Jungfrau, „fleißig zu lernen“, der heiligen Filomena, „das Stillschweigen zu beobachten“, lauter Dinge, von denen ich nachträglich keine Ahnung mehr hatte.
Übrigens pflegten mich meine Heiligen in der Regel schmählich im Stich zu lassen. Und am Ende verdiente ich ja ihre Hilfe gar nicht, wenn ich wirklich so schlecht war, wie Mère Walter behauptete. „In der Kirche eingeschlafen, 6 schlechte Punkte wegen Unaufmerksamkeit in der französischen Stunde und des Ungehorsams am Freitag.“
O dieser Freitag, wie verabscheute ich ihn. Schon beim Eintritt ins Refektorium drang mir der penetrante Geruch von Einbrennsuppe und Stockfisch entgegen. Ich versuchte zu essen, doch schon beim ersten Bissen meinte ich, ersticken zu müssen. Ich zog den Atem an, um den abscheulichen Geschmack weniger zu spüren. „Mir wird schlecht. Darf ich es stehen lassen?“ — „Nein, Du wirst essen.“ Ich nahm die Bissen in den Mund, schluckte sie aber nicht, sondern schob sie in die Wangenhöhlung und behielt sie da bis nach beendigtem Mittagsmale. Dann stahl ich mich in den Garten, drückte das Taschentuch an den Mund und warf es mitsammt dem Stockfisch in die geöffnete Kellerluke.
Hierauf ging es in die Kirche, um den „Kreuzweg“ zu beten. Es war eisig kalt, wir traten uns beim Aufstehen auf die Füße, stießen an den Bankecken an und beteten etwas Lateinisches, das wir auswendig gelernt hatten, ohne den Sinn zu verstehen:
„Sancta Mater, istud agas;
Crucifixi fige plagas
Cordi meo valide.“
Mein Magen knurrte und der Kopf that mir weh. Den ganzen Nachmittag über fühlte ich Schwindel und eine eigentümliche Beklemmung. Zu Hause wurde es noch ärger; ich klagte über Hitze und Kälte und hatte heftige Üblichkeiten. Man schickte nach dem Arzte, einem noch jungen Manne und Freund Papas.
Er stellte mir die gewöhnlichen Fragen der Doktoren an die Patienten und als er hörte, daß man mich zum Essen gezwungen habe, geriet er in Zorn. „Solch’ ein Unsinn! Ich lasse den ehrwürdigen Schwestern sagen —“
Papa räusperte sich bedeutungsvoll und führte ihn in ein Nebenzimmer. Ich hörte deutlich, wie er meinen Eltern auseinandersetzte, daß es unverantwortlich sei, Kinder auf diese Art zu quälen. Gegen Idiosynkrasie lasse sich nichts machen; Zwang sei eine völlig falsche Methode, nur geeignet, den gesunden Organismus zu untergraben. Die Engländer seien viel vernünftiger in dieser Beziehung. „Vor Allem soll sich der Körper kräftigen, entwickeln, dann lernt es sich von selbst. Schicken Sie die Mimi hinaus aufs Land zur Großmama. Im Freien sein, herumspringen den ganzen Tag, das ist das Richtige.“
Wie hüpfte mir das Herz bei der bloßen Vorstellung. Ein weiches, warmes Dankgefühl gegen meinen Anwalt stieg in mir auf; ich hätte seine Hände fassen und sie küssen mögen. Ja, hinaus nach Steindorf, das war mein Traum und ich jubelte innerlich auf. Doch alsbald sanken meine Hoffnungen auf Null.
„Ein großer Irrtum, ich kann mir als Freund diese Bemerkung schon erlauben,“ sagte der Doktor — Papas Erwiderung war mir entgangen — — „Die Kinder sind nicht für die Eltern da, im Gegenteil.“
Zu viel für meinen Kopf. Was das eigentlich hieß, faßte das Begriffsvermögen der Achtjährigen noch nicht. Später freilich erinnerte ich mich — o wie oft — an diese Worte. Wie hatte er doch Recht gehabt, der gute Doktor Vogler.
**
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Von nun an durfte ich eine halbe Stunde später aufstehen und wurde von der Freitagsabstinenz freigesprochen. Sonst fanden keine wesentlichen Veränderungen zum Bessern statt; viel Lernen und recht trockenes Zeug mitunter, blutwenig Erholung.
Um 8 Uhr Morgens versammelten wir uns zur Messe in der kleinen Hauskapelle. Wir sangen aus großen grauen Büchern Kirchenlieder und da nur die Wenigsten Gehör und Notenkenntnis besaßen, ging es oft jämmerlich daneben. Eine wahre Katzenmusik.
Meine Aufmerksamkeit galt ganz anderen Dingen, als dem Gebete selbst. Ich bewunderte die heilige Filomena, die, eine lebensgroße Wachspuppe, in einem Glasschrein ruhte. Bald hatte sie ein fliederfarbenes, bald ein rotes goldgesticktes, dann wieder ein weiß und grünes Kleid, da sie über eine sehr zahlreiche Garderobe verfügte. Auf dem blondgelockten Haupte, das etwas zurückgebogen in den Kissen lag, trug sie eine massive Goldkrone, mit echten Rubinen besetzt. Es war die Gabe einer reichen Gräfin, die ihre Genesung der Fürsprache unserer jugendlichen Heiligen verdankte.
Und die vielen duftenden Wachskerzen! Ich zählte sie gewissenhaft ab, schloß dann die Augen halb und gewahrte nur einen bläulichen Schimmer, ganz rund, wie eine kleine Sonnenscheibe; keine deutlichen Flammen mehr, Alles floß ineinander, vermengte sich, nur wunderlich-schillernde Arabesken.
Oder ich vertiefte mich in den Anblick der künstlichen Blumenstöcke. Steife, königliche Lilien wechselten mit purpurnen Malven und dunklen Pensées ab.
Die Schwester-Pförtnerin lieferte diese Kunstwerke. Ich hatte ihr zugesehen, wie sie, ganze Berge bunten Stoffes vor sich, zuschnitt und klebte. Warum sollte es mir nicht auch gelingen? Ich verfertigte eine Rose aus Seidenpapier, fand sie sehr schön und schenkte sie Mama. Tags darauf lag sie mit anderm Kehricht auf der Schaufel. Kinderherzen sind empfindlich. Von nun an behielt ich meine Blumen für mich oder ich schmückte meinen kleinen Zimmeraltar damit. Natürlich nur aus Nachahmungstrieb, denn vorderhand war mir die Frömmigkeit im wahren Sinn des Wortes ein Buch mit sieben Siegeln.
Ich plapperte mein Morgen- und Abendgebet in Papas Gegenwart herunter wie ein Papagei, mit den Gedanken Gott weiß wo. Oft blieb ich mitten drin stecken, wiederholte, oder vergaß auch, für Daisy Clairvinceau, Anna Auerbach und Sektionschef Kalb — verstorbene Freunde der Eltern — die „ewige Ruhe“ zu erflehen. Ein verweisender Blick Papas genügte, um mich vollends aus der Fassung zu bringen; ich stotterte und verhaspelte mich umsomehr.
Damit wir während der Andacht nicht gestört wurden, mußte ich die Thür verriegeln. Mama vergaß bisweilen nach der Stunde zu sehen und drückte vehement die Schnalle nieder. Papa murmelte dann etwas, das einer Verwünschung nicht unähnlich war.
Darauf mußte ich Tag für Tag dieselben Gedichte ableiern. „Der Sperling“, „Kommt die Nacht mit ihren Sternen“ und „Die Uhr“.
„Die Sonne sinkt,
Der Vollmond blinkt,
Der Bauer schließt die Scheune,
Denn auf dem Turme schlägt es Neune“,
und so weiter, alle Stunden des Tages und der Nacht durch.
Dieses endlose Poëm hatte mir den Haß eines alten Herrn eingebracht, der in mir eine gefährliche Concurrentin erblickte. Er sprach für sein Leben gern und verzieh mir niemals, daß er eine halbe Stunde nicht zu Wort gekommen. „Kinder gehören nicht in den Salon“, äußerte er wütend.
Um diese Zeit wünschte ich mir sehnlichst ein Gebetbuch in Leder gebunden, wie das von Gertrud. Nein, wenn ich das hätte! Wie die Blätter rauschten und knisterten — es mußte eine Wonne sein. Ich schüttete Wasser auf mein Büchlein und verklebte die Seiten mit Gummi — jetzt rauschte es auch.
Mit wie wenig gibt sich doch solch’ kleines Ding zufrieden und wie unsinnig ist die Freude am erfüllten Wunsch. Ich hatte mir das Bitten abgewöhnt; ich kannte die abschlägigen Antworten im Voraus. Eine Zeitlang verzichtete ich und dann — der Wahrheit zuliebe sei’s gesagt — dann stahl ich. Einen Monat blieb es unentdeckt, dann brach die Catastrophe los, die mich in Aller Augen zur Diebin stempelte.
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Als ich eines Morgens den Studiensaal betrete, wirft mir Mère Walter einen Blick zu, der mir das Blut in den Adern erstarren macht und sagt mit dröhnender Stimme: „Folge mir.“
Mir ahnt nichts Gutes. Totenblaß tripple ich durch eine lange Zimmerflucht hinter ihr her. Die Knie zittern mir vor Angst und ich meine in den Boden versinken zu müssen vor Scham. „Vorwärts!“ befiehlt meine Führerin.
Jetzt stehen wir stille; sie klopft. „Entrez.“ Ich wünsche mich tot. Die Erkenntnis des begangenen Unrechts, das ich erst jetzt in seiner vollen Größe erfasse, lastet mir mit Centnerschwere auf der Seele. Ich bin halb besinnungslos vor Angst. Einen Moment blitzt mir der Gedanke auf, zu leugnen, doch da liegen sie ja alle aufgestappelt, die corpora delicti — nicht eines etwa, nein ein halber Tisch voll — und grinsen mich verzweifelt überzeugend an. Ach Gott, was war mir da nur eingefallen?
Ich stehe vor der Oberin, mit Armensündermiene, am ganzen Körper bebend wie Espenlaub. Bevor sie noch ein Wort gesprochen, sinke ich in die Knie: „Verzeihung“ — ich presse die Worte mühsam unter Tränen hervor.— „das eine — einzigemal, — ich werde nie wieder — so was thun. Gewiß — ich will mir — viel Mühe geben — nur nichts Papa sagen — das eine Mal.“
„Steh’ auf, kleine Comödiantin. Wer stiehlt, der lügt auch. Ich glaube nicht an Deine Vorsätze. Du bist ein grundverdorbenes Geschöpf und mußt gestraft werden. Geh’! Mère Walter, da sie dem ganzen Pensionat Ärgernis gegeben, bestehe ich darauf, daß sie öffentlich Abbitte leistet. Der Brief an ihre Eltern ist unterwegs. Ein arger Schlag für ihren rechtlich gesinnten Vater.“ Damit bin ich entlassen.
Wir kehren in den Studiensaal zurück. Es flimmert mir nur so vor den Augen. Jetzt würden es Alle erfahren.
„Meine Kinder“, beginnt Mère Walter salbungsvoll, „ich habe Ihnen eine sehr traurige Mitteilung zu machen. Mimi Steindorf, sag’ dreimal laut und deutlich hintereinander: „Ich habe gestohlen; meine Schwestern in Christo, verzeihen Sie mir.““
Ein Zischen der Entrüstung dringt an mein Ohr — dann spreche ich mit einer mir völlig fremden Stimme die anklagenden Worte nach.
Alles geht mir aus dem Wege. Ich sitze in der hintersten Reihe und wage nicht den Blick zu erheben. Ich suche mir einzureden, daß nicht mein „Ich“ das Schreckliche gethan, nein, eine ganz andere Person, die in gar keinen Zusammenhang mit mir steht und die ich ihrer unglaublichen Dummheit halber verachte. Da sie sich schon fremdes Eigentum angeeignet, hätte sie es doch weniger plump anstellen sollen. Die böse Handlung an und für sich schmerzt mich weit weniger als die Entdeckung.
Ich hatte mit der Zeit einen recht ansehnlichen Vorrat aufgespeichert, was mir eben zufällig unter die Hand kam. Bücher, Lehrgegenstände, einen Spielball und vier Paar Bedientenhandschuhe, das Alles verschwand in meinen Taschen, während diensteifrige Commis Mama ihre Waaren anpriesen. Heute wollte ich gerade die Handschuhe zerschneiden und meiner Puppe Strümpfe daraus machen. Es fällt mir inmitten meiner ernsten Reflexionen ein und die Vereitelung des Spaßes erfüllt mich mit Ärger. Wer weiß, was mir überhaupt nach Schulschluß bevorstand?
Genug, um es mir zu merken mein Leben lang.
Ohne erst viel Worte zu verlieren, legte mich Papa aufs Bett und bläute mich so unbarmherzig durch, daß ich die Schmerzen eine volle Woche spürte. Ich schrie aus Leibeskräften, strampfte mit den Füßen und schlug mit den Händen um mich; es half Alles nichts. Dann sperrte er mich in eine stockfinstere Kammer, von der er mir erzählt, es gehe darin um. Eulen, Ratten, Schlangen und noch viel Ärgeres.
Ich schloß die ganze Nacht kein Auge und was ich damals empfunden, war so haarsträubend gräßlich, daß ich es auch nicht annähernd zu schildern vermag.
Die Rute stand permanent in Salzwasser, für den allfälligen Bedarf. Wir kamen noch wiederholt in Berührung und gewöhnten uns aneinander. Auch das Fasten, das stundenlange Knien auf Erbsen, es machte mir keinen Eindruck mehr. Völlig gleichgültig ließ ich Alles über mich ergehen, wie das liebe Vieh, das die Prügel erträgt, ohne sich zu wehren. Dumpfe Schwüle legte sich mir aufs Gemüt; ich fürchtete die Menschen und wagte sie nur mehr scheu von der Seite anzublicken.
Dabei sehnte ich mich unsäglich nach einem Wesen, das mich verstehen, mir Trost zusprechen und helfen sollte, mich zu bessern. Allein brächte ich es ja doch nie fertig. Ich war nicht schlecht aus Lust am „Schlechtsein“, sondern aus Schwäche, aus Mangel an einem Ansporn zum „Gutsein“.
Oft, wenn ich allein war, streckte ich die Hände aus, nach dem unerreichbaren Phantom. Und ich jubelte laut auf, als es Gestalt annahm, mir näher und näher kam und mich anblickte mit den Augen des Mitleids und der unendlichen Güte.
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„Tu’s mir zu Liebe, Mimi!“ Tante Laura’s Hand hatte mich unter’s Kinn gefaßt und ich sah ihr in’s Gesicht. Und was ich in ihren Zügen las, drang mir wie heller Sonnenschein in’s Herz. Ein armes geängstigtes Vöglein, huschte es durch die geöffnete Käfigtüre, schwang sich wie neubelebt zum blauen Äther empor und schmetterte hoch in den Lüften seiner Befreiung Lied „Tu’s mir zu Liebe, Mimi!“ Dieses eine sanfte gute Wort trieb die Dämonen aus und gab den guten Mächten Raum.
Endlich, endlich! Der kindliche Übermut, die alte Daseinsfreude kehrten wieder. Ich sprang auf, drehte mich herum wie ein Kreisel, unaufhaltsam, rastlos, bis ich erschöpft auf einem Stuhle niedersank.
„Nein, so ein Wildfang. Was hast Du denn nur?“ Und noch ganz atemlos erwiderte ich: „Ich bin so froh Tante, so froh. Nicht wahr, Du bleibst recht lange hier bei uns, — bei mir?“
„Wenn Du brav bist.“
„Ja, Tante, Dir zu Liebe.“ Sie blickte mich betroffen an; ich hatte es so eigens feierlich gesagt. Dann nahm sie ihre Arbeit wieder auf; ich ließ mich mit einem Spielzeug zu ihren Füßen nieder. Wir sprachen Beide nichts, aber eine Flut von Gedanken wälzte sich durch meinen Kopf. Mir war mit einem mal so wohl, so leicht zu Mute, wie nach einem lauen parfümierten Bad. Alle Hindernisse schienen mir wie weggeblasen und neue Zuversicht erfüllte mich. Und das Alles, weil mir ein Mensch begegnet war, der mir wohlwollte und mich nicht quälte wie die andern. Von meinen Eltern trennte mich eine Kluft — ich empfand es deutlich — ihnen Freude zu machen, dazu fehlte mir die Begeisterung. Sie zankten stets und ich fürchtete sie.
Im Studiensaale hing hinter Glas und Rahmen der goldgedruckte Spruch: „Alles zur Ehre Gottes“ und vor jeder Stunde wiederholten wir die gute Meinung. Lippensprache, weiter nichts, die kein Echo weckte in der Tiefe der Seele.
Die Entfernung war so weit. Der liebe Gott wohnte im Himmel und ich konnte mir nicht vorstellen, daß mein schwaches Stimmlein bis zu ihm dringe. Ich hatte mir ein ganz bestimmtes Bild von ihm gemacht. Ein alter Herr mit wallendem weißen Bart, der in eine blaue Draperie gehüllt auf einem Fauteuil sitzt. Er hat schrecklich lange fellige Ohren, die bis zur Erde reichen. Wie soll er denn sonst hören? Bisweilen runzelt er die Stirn und stampft mit dem Fuße, wenn gar zu viel Geschrei da unten ist und er aus dem Durcheinander nicht klug wird. Christine bittet, daß ich etwas anstellen und gestraft werden möge, Papa will Ministerialrat werden und Mama „Ruhe, Ruhe“ haben. Ich weiß nicht was es war, ich hegte kein besonderes Vertrauen zu ihm.
Wir saßen noch immer beim offenen Fenster; schillernde Wölkchen zogen über den Abendhimmel und sachte schlich die Dämmerung heran. Laue Frühlingsdüfte umwehten unser Haar und ein Schwalbenpaar schnäbelte auf dem gegenüberliegenden Dache. Ich blickte die Tante an und erschrack. Sie hatte das Gesicht in den Händen vergraben und weinte bitterlich. Und das duldete der gerechte, barmherzige Gott? Also auch die Guten mußten leiden! Arme Tante.
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Wir hatten unsere schwarzen Winter-Capuchons gegen helle Leinwandhauben vertauscht, die unser Gesicht beschatteten und die grellen Sonnenstrahlen abwehrten. Ich beteiligte mich mit großem Eifer am Ballspiel und entschädigte mich so einigermaßen für das lange Stillsitzen. Übrigens, man gewöhnt sich an Alles und die angenehme Aussicht, daß meine Gegnerin Christine demnächst austreten sollte, versöhnte mich völlig mit meinem Schicksal.
Papa steckte bis über den Ohren in seiner Arbeit und Mama klagte ununterbrochen über die verschiedensten Zustände, die Doktor Vogler als hochgradige Nervosität bezeichnete. So blieb ich unter Tante Lauras Aufsicht und damit gab ich mich gern zufrieden.
Der Juni ist wunderschön in Wien. Wir setzten uns in das Gärtchen hinter dem Haus, sie mit einem Buch, ich mit meiner Puppe „Clementine“, die mit verständnislosen Glasaugen vor sich hinstarrte. Sie hatte eine zerquetsche Nase und eine Glatze, aber ich war ihr herzlich zugetan, trotz aller Mängel. Ich traktierte sie mit Sandkuchen und Maulbeeren, dann streute ich den Spatzen kleine Semmelkrummen auf. Zwitschernd, mit breitem Behagen picken sie die Stückchen an, sträuben das Gefieder und sind voll Übermut. Einer sucht dem Andern zuvorzukommen, ihn zu verdrängen und den eroberten Bissen im Notfall zu entreißen. Manche tragen einen Brocken ihrer Familie zu, die Ledigen halten an Ort und Stelle Tafel.
Sie kannten mich und kamen mir sehr nahe; das blinde Zutrauen dieser Tierchen rührte mich.
Tante Laura sprach wenig und blickte oft mit einem Ausdruck ins Leere, der mir in das Herz schnitt. Es lag etwas darin, das ich mir nicht zu erklären wußte und das mich seltsam berührte.
Papa war doch so gut mit ihr; wenn sie für mich bat, verzieh er gleich. Was wußte ich davon, daß sie ein einzigesmal für sich gebeten und — vergeblich. Liebe, Sehnsucht und Entsagung! Das Kloster ist bloß der Beginn; manche gehen aber den Dornenweg ihr Leben lang. Wenn ihre Kräfte nicht mehr reichen, dann legen sie sich hin und sterben, oder sie machen eine Agonie durch, die tausendmal schlimmer ist als Tod.
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Sechs Gulden, 20 Kreuzer; es war das Ergebnis meiner Sparbüchse und schien mir ein Vermögen. Ich entwarf eine ausführliche Liste der Einkäufe für die bevorstehenden Ferien. Obenan, gewissermaßen als das Unentbehrlichste: Stoff, Spitzen und Bänder — Clementine brauchte dringend ein paar Kleider — dann Lern- und Schreibsachen, Nadeln, Seife und eine Menge anderer Dinge. Man kannte mich in den „27 Kreuzer-Bazars“ wie falsches Geld; die Ladenfräuleins lächelten sich zu, wenn ich eintrat, beantworteten geduldig meine ungezählten Fragen und da ich eine gute Kunde war, behandelten sie mich mit großer Zuvorkommenheit. Einmal weigerte ich mich, eine Vase zu kaufen, obwohl sie billig war und mir sehr gut gefiel: ich hatte nämlich 25 Kreuzer dafür bestimmt und sie kostete — nur 18. Ich neigte überhaupt ein wenig zur Pedanterie: Papa besaß diese Eigenschaft in hohem Grade, ich mochte sie von ihm geerbt haben.
Ich zeigte Dr. Vogler die wohlvermachten Päckchen und ließ ihn raten, was sie enthielten: mit engelgleicher Geduld unterzog er sich dieser schwierigen Aufgabe und brachte mir selbst allerlei Tribute.
Von Tag zu Tag wuchs meine Ungeduld. Noch 6 Tage, noch 48, noch 24 Stunden. Bei der Preisverteilung ging ich natürlich leer aus: das vermochte mir aber die Laune nicht zu trüben. Beim feierlichen Schlußsegen in der Kirche dankte ich Gott aus übervollem Herzen für die bevorstehenden Genüsse. Im Bette noch klatschte ich so laut in die Hände, daß Mama, die nebenan schlief, hereinrief, ich möge doch den Leuten wenigstens in der Nacht Ruhe geben.
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Ich lag schon lange wach. Durch die Ritzen der Läden drangen einzelne Lichtstrahlen, sie wuchsen, dehnten sich aus und ließen die Gegenstände deutlich erkennen.
Der dumpfe Lärm des Wagenrollens und das Aufschieben der Fallthüren drang an mein Ohr. Jetzt endlich schlug es 6 Uhr; Clara konnte nicht mehr lange auf sich warten lassen. Mit dem Ankleiden gieng es recht langsam von Statten. Ich tanzte im Zimmer herum, machte die gewagtesten Luftsprünge und beutelte mit dem Kopfe. Der häßliche rote Kautschukkamm, an dem so viele Zähne fehlten, wanderte in die Ecke und als Clara mir die modernen „Ponnys“ geschnitten, besah ich mich mit pfauenartiger Wendung von allen Seiten. Wie gut mir das stand und im großcarrierten dünnen Zephirkleid fühlte ich mich „zum Fliegen“ leicht und frei. Ich trank nur widerwillig eine Tasse leeren Thee, schon das brannte mich wie Feuer in der Kehle.
Dann verabschiedete ich mich bei Mama, die über „Migräne“ klagte. „Sei brav, schreib’ mir — aber erzähle lieber nichts von mir in Steindorf.“ Ich grübelte nicht weiter nach über diese seltsame Ermahnung, doch geriet ich gänzlich aus der Fassung, als sie zwei conventionelle Tränen weinte. Wie sollte ich mich dazu verhalten? Mir war so gar nicht trübselig zu Mute und ich atmete erleichtert auf, als Papa verkündete, der Fiaker warte schon. Ich stieg mit Tante Laura ein: er konnte erst nachkommen, wenn er Urlaub erhielt; Mama reiste nach Venedig.
Fort geht es durch die bekannten Straßen, an den alten düsteren Bauten vorbei, und den noch geschlossenen Gärten. Die grauen Klostermauern winken mir entgegen — da kann ich nicht länger an mich halten — ich stoße einen lauten „Jucherzer“ aus, so daß sich ein paar Passanten erstaunt nach mir umwenden.
„Am Hof“ herrscht bereits reges Treiben. Der Markt ist in vollem Gange. Eine kleine Zeltstadt ragt keck empor und die Verkäuferinnen stehen erwartungsvoll vor ihren Tischen. Köchinnen in hellen Cattunkleidern, das gekolbte Häubchen auf dem kokett frisierten Haar, mustern mit Kennermiene die ausgestellte Ware. Die Körbe füllen sich mit Gemüse und Früchten, die gelb und rot aus appetitlichen Papierdüten hervorlugen. Etwas abseits stehen Blumen in farbenprächtiger Mischung: Hortensien, Nelken und Reseden in Stöcken und in Büscheln.
Ein Schusterbub geht pfeifend vorbei und dreht der Öbstlerin vom ersten Stand eine lange Nase, was ihm mit einem kräftigen Puff heimgezahlt wird.
Unter einem Hausthor spielt ein Leiermann mit sehr viel Verve den „Radetzkymarsch“, als ahne er, daß binnen Kurzem die Töne zur steinernen Wahrheit würden. Dazwischen die schrillen eintönigen Rufe der Lavendelfrau: „Kauft’s Lavendel — Lavendel kauft’s — das Schipperl nur 5 Kreuzer. Kauft’s Lavendel, kauft’s.“
Eine Abteilung Bosniaken, das rote Fez schief auf die sonngebräunten Köpfe gestülpt, marschiert in strammer Haltung vorbei, bei jedem Schritt eine Staubwolke aufwirbelnd. Das große Wasserfaß stäubt sein kühlendes Naß auf das graue Pflaster und die ersten matinalen Damen führen kunstvoll kleine Sprünge aus, die Röcke bis über die Knöchel geschürzt, um nicht in eine Lacke zu geraten.
Dieses Momentbild mit all’ seinen Einzelheiten prägte sich so tief meinem Gedächtnis ein, daß ich es jedes Mal vor mir sehe, wenn „vom Hof“ die Rede ist.
Der Wagen hält vor dem Bahnhof. Diensteifrige Träger besorgen das Gepäck und geleiten uns in den Wartesaal. Auch da kenne ich Stück für Stück das Inventar. Olivegrüne Sammetmöbel, eine massive Pendeluhr aus Eichenholz und ein Spiegel, durch dessen Mitte ein Sprung geht und die darauf gemalte Psyche unbarmherzig in zwei Hälften teilt.
Erstes Läuten. „Einsteigen zum Schnellzug nach Nußdorf, Klosterneuburg, St. Andrä-Wördern, Absdorf, Limberg-Maißau, Felsried, Hainberg.“
Wir machen es uns bequem im Coupé; nochmaliges Läuten, Pfeifen und pustend setzt sich die Lokomotive in Bewegung.
Ein wundervoller Tag. In sanfter Bläue strahlt der Himmel auf die saftiggrünen Fluren und mit goldenen Krallen greift die Sonne in das Herz der Ährenfelder; farbensatter Mohn und stille Kornblumen biegen die schlanken Körper im Morgenwind. Hoch in den Lüften beschreibt die Lerche kühne Bögen und trillert ihr lustiges Lied. Auf den Telegraphendrähten sitzt eine große Schwalbengesellschaft beisammen — von Weitem nimmt es sich aus, wie ein weißer beschriebener Notenbogen — und tauscht zwitschernd Bemerkungen aus über das dahinsausende Ungetüm.
Hier, unter dieser Rasenfläche mit dem Monumente, liegt Vater Radetzky begraben und dort halten hinter einer Gartenmauer steinerne Soldaten Wach. „Salming“, das Schloß meines Onkels und da das Kirchlein inmitten der Gräber; so einsam und abgeschlossen. Nur einmal im Jahre betritt es der Fuß eines Priesters, am „Allerseelentage“.
Seit ich denken konnte, hatte mich Papa auf das Bemerkenswerte bei jeder Station aufmerksam gemacht.
Das ungewöhnte Fahren und der Kohlenstaub machten mich schwindlig. Etwas Wein und Backwerk erweckten die erschlafften Lebensgeister.
Wie lang es dauerte! Man wartet ja oft Jahre ohne zu murren — in den letzten Minuten aber wird man ungeduldig. Es hält mich nicht auf meinem Platze; ich stecke den Kopf zum Fenster hinaus und erkenne die Umrisse der kleinen historischen Stadt Hainberg. Ja, das ist die Burg, der Kirchturm, das Stationsgebäude — und der lichte Phaeton steht auch schon da.
Eins, zwei, drei geht’s über die kleine Treppe.
Wenzels breites Affengesicht legt sich in freundliche Falten. „Je, wie die Baroneß Mimi groß geworden ist; und gut ausschauen tut’s auch. Was wird denn da der Herr Großpapa sagen?“
„Wie geht es denn Allen? Gesund?“
„Ja. Aber die Baroneß Nina geht schon eine Woche nicht aus ’n Zimmer, weil’s eine Eichelkatzel krank ist.“
„Schade. Und Hannerl?“
„No die treibt’s! Gestern hat’s ’n ganzen Tag von nix andern geredt, als daß d’Baroneß Mimi kommt.“ Unterwegs muß die alte treue Haut noch über so Manches Auskunft geben.
Die Bauern auf dem Felde blicken auf, als sie das Gefährt heranrollen hören und grüßen höflich. Das Mähen ist so hübsch mit anzusehen; ich wollte es nächstens auch versuchen.
Vier Pferde ziehen an einem schweren Leiterwagen: die Nüstern blähen sich und das Fell schimmert feucht vor Anstrengung. Wir haben eine Hitze von 24 Grad. Unten im Steinbruch arbeiten sie fleißig darauf los. Eine Anzahl fertiger Platten ist zum Verladen aufgeschichtet und dort legen die Leute noch die letzte Hand an die Glättung eines breiten Sockels.
Auch das gefällt mir. Aus einem eleganten Wagen, von oben herab betrachtet, nimmt sich das Alles so hübsch und so leicht aus. Vorstellung und Wirklichkeit decken sich aber gar selten und die unten dachten wohl ganz anders.
Wir kommen an einem halbverfallenen Schlößchen vorbei, von dem die Sage geht, daß nächtlicherweile Geister erstehen und allerlei Unfug treiben. Jeder, der einmal dort geschlafen, weiß Schauerliches zu berichten. Papa hatte mir erst kürzlich die Geschichte von den drei protestantischen Fräulein erzählt, die in der offenen Säulenhalle im Mondenschein lustwandelten. Brr! wie das grauenhaft war; ich bekam eine Gänsehaut bei der bloßen Vorstellung. Dann biegen wir in die Kastanienallee ein.
„Da schaun’s hin, Baroneß“, ruft mir Wenzel mit bezeichnender Peitschenbewegung zu. „’S Hannerl wartet schon.“
Da steht sie richtig, im schwarzen, glatten Wollkleid, das um Hals und Ärmel mit hellem Grätenstiche eingefaßt ist. Ein grelles Kopftuch verbirgt ihr halbes Gesicht, das weiß und rosig ist und so kugelrund wie ein Vollmond. Sie lacht und zeigt dabei eine Zahnlücke: in den Händen dreht sie in sichtlicher Befangenheit einen steifen Feldblumenstrauß. Wir lassen sie einsteigen. Die freudige Aufregung hat sie gänzlich verwirrt; es ist kein vernünftiges Wort aus ihr herauszubringen. Plötzlich bricht sie ohne jegliche Veranlassung in lautes Schluchzen aus. Wenzel weiß darüber Bescheid. „S’is so eine Gewohnheit von dem Mädel. Solang’s z’ Haus war; hat’s der Vater jeden Tag prügelt, g’rad um die Zeit, da is aus der Schul kommen und er hat auch schon sein Rausch g’habt. Da glaubt’s halt noch immer, es g’schieht ihr was.“
„Aber geh’ Hannerl, sei g’scheit“, tröstet sie die Tante. „Mimi hat Dir was Schönes mitgebracht.“ Das wirkt.
Der Wagen macht eine Biegung und wir fahren durch das breite Tor, auf dem der Reichsadler prangt, noch von Lehenszeiten her.
Vor mir liegt mein schönes, altes Steindorf. Zarter Lindenduft umweht uns und auf der ehemaligen Zugbrücke erwartet uns die ganze Familie. Das Herz klopft mir zum Zerspringen vor Wonne und doch unerklärlicher Angst. Ich wäre am liebsten jedem Einzelnen um den Hals gefallen und hätte ihm in beredten Worten meine namenlose Freude schildern mögen. Statt dessen fühle ich, wie mir brennende Röte die Wangen färbt und mir die Augen übergehen vor Verlegenheit.
„Also kommt, Ihr seid gewiß hungrig“, und Großmama geleitet uns in die Veranda. Entzückt betrachte ich das Wandgemälde; es hatte mir schon von jeher so besonders gut gefallen: Flora sitzt lächelnd und schön in einem Muschelwagen, den vier Genien an Seidenbändern ziehen. Ihr nach schweben noch andere Göttinen, mit Früchten und Ähren beladen. Es schmeckt mir vorzüglich. So ein schwarzes Landbutterbrot, Thee und Kirschen dazu — ich hätte mit keinem König getauscht.
In gehobener Stimmung betrete ich mein Zimmer. Ein ideales Nestchen, ganz weiß-rosa, so frisch und sommerlich. Blumen überall, zarte Schlingrosen auf den etwas verblaßten Tapeten und vollerblühte Centifolien in den Vasen. Über all dem schwebt jener unbeschreibliche Duft von Reinlichkeit und würziger Atmosphäre, wie er gutgelüfteten, lange nicht bewohnten Räumen eigen ist. Ist es Wirklichkeit oder träume ich? Ach, immer, immer hier bleiben; es wäre das Paradies!
Mit großer Umständlichkeit packe ich die Koffer aus und drücke Hannerl verschiedene Geschenke in die Hand. Sie ist außer sich vor Freude. Wir sind unzertrennlich. Aber endlich müssen wir doch zur Ruhe gehen.
„Gute Nacht, Hannerl.“
„Gute Nacht, Mimi.“
„Wenn’s nur schon morgen wäre!“
„Das möcht’ ich auch.“
Förmlich berauscht von den empfangenen Eindrücken und wohl zum Teil auch von der köstlich-herben Luft schlafe ich ein, die Hände unter dem Kopf gefaltet, ein „Mein lieber, lieber Gott, ich danke Dir,“ auf den Lippen.
**
*
Fräulein Auguste, die Bonne, war eine lebensfrohe junge Person, die es vorzüglich verstand, unsere Spiele in Gang zu bringen.
Bald tummelten wir uns auf den Wiesen herum, verrichteten Gartenarbeit, oder wir zogen in den Wald hinaus, um zu botanisieren. Dabei sangen wir allerlei Lieder, Hannerl zum Erschlagen falsch, aber sie meinte es gut und war gar zu herzig. Das gestreifte Waschkleid umhüllte lose den dünnen Engerlingskörper, auf dem der große, runde Kopf wie ein echter, rechter Bauernknödel saß.
Wenn wir Kaffee getrunken — Fräulein Auguste konnte nur über die unglaubliche Menge staunen, die in der bodenlosen Tiefe unserer Magen verschwand — arbeiteten wir für unsere Puppen. Wir statteten sie vom Kleinsten bis zum Größten aus — ja sie besaßen sogar Alle Geradehalter und Sonnenschirme.
Ich war stets die Tonangebende, während sich Hannerl mehr passiv verhielt. — Bisweilen freilich trug sie einen gewissen Widerstand zur Schau, eine verächtlich-ungläubige Miene, so zum Beispiel, wenn ich ihr französische Stunden geben wollte. Es ging ihr nun einmal absolut nicht ein, weshalb sie mehr lernen sollte, als die übrigen Kinder. Pauline konnte auch nicht französisch und war doch Stubenmädchen geworden. Darin aber gipfelte Hannerl’s Sehnen und Trachten. Im Grunde genommen begriff ich es ganz gut: ja es gab Momente, wo ich um mein Leben gern mit ihr getauscht hätte.
Was gab es aber auch auf der weiten Welt Behaglicheres, als Jungfer Paulinens Zimmer. Weißgetünchte Wände mit vielen Bildern behangen, blütenweiße Vorhänge, blitzblanke Fensterscheiben, von roten Bohnen umrankt, die bis auf den Fußboden herabkrochen; ein Messingbauer mit einer Kanarien-Menage und das Prunkstück, ein Glasschrank, in dem sich Alles dreimal spiegelte.
Sie schien indes nicht besonders erbaut über meine häufigen Besuche, denn ich begnügte mich nicht, den Gesammteindruck ihres reizenden Heims mit Kennerblicken zu genießen; sie mußte mir die Albums, die Schachteln mit den Bändern und Muscheln zeigen und mir gestatten, ab und zu etwas besonders „schön“ zu finden, was dann regelmäßig in mein Eigentum übergieng.
Hannerl war furchtbar ungeschickt beim Nähen. Ein paarmal versuchte sie es, dann nahm sie die Haltung eines störrischen Maultieres an: Ich reizte sie. „Hannerl, Du bist doch schrecklich dumm. Eigentlich will ich gar nicht Deine Freundin sein.“
„Dann laß nur bleiben. Ich mach’ mir nix aus einer Baroneß.“
Ich fühlte mich beleidigt: das sollte sie bereuen. Es fand sich noch am selben Tage Gelegenheit, ihr eine Kränkung zuzufügen. Wir erhielten Besuch aus der Nachbarschaft; mein Vetter Robert und der zehnjährige Alfons, Sohn des Fürsten Weitzperg schlossen sich uns an. Auguste saß abseits und wir spielten Verstecken, ohne von Hannerl die geringste Notiz zu nehmen. Sie war einfach nicht für uns vorhanden; wir behandelten sie als Luft und sprachen zur Verschärfung der Situation nur französisch. Dabei wußte ich es so einzurichten, daß sie ihren Namen hören, und verstehen mußte, daß ich nur Häßliches von ihr sagte. Als ich das Wort „Ochsenknecht“ — diese Stelle hatte ihr Vater bekleidet, fallen ließ, schleuderte ihr Robert ein „Pfui, wie gemein“, in das Gesicht. Hannerl wurde über und über rot und große Thränen traten ihr in die Augen. Da stieg es wie Scham und Mitleid in mir auf, aber ich zeigte nichts davon und spielte weiter.
Als Alfons sich verabschiedete, pflückte ich eine schöne Rose und gab sie ihm mit dem Bemerken: „Für Deine Mutter.“ Die Hand, die sich nach der Blume ausgestreckt, zitterte: „Ich werd’ sie auf den Friedhof tragen.“
Das hatte ich vergessen und um meine Ungeschicklichkeit zu bemänteln, frug ich: „Du hast sie wohl gern gehabt?“
„Sehr.“
Es wollte keine rechte Unterhaltung mehr in Gang kommen, zwischen Robert und mir. Ich schlich mich an Hannerl heran und schüchtern ihren Arm betupfend, bat ich: „Sei nicht bös Hannerl, es war nicht so gemeint.“ Sie lächelte schon und wir besiegelten unsere Versöhnung durch einen herzhaften Kuß. Robert meinte, so etwas sei unschicklich, ich dürfe nicht vergessen, daß ich „Baronesse“ sei. Doch das Gute hatte in mir gesiegt und behielt die Oberhand.
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Es lag irgend ein Geheimnis in der Luft.
Ein fremder, vornehm aussehender Herr war auf Besuch gekommen, doch nur eine Stunde lang geblieben. Tante Laura gieng eine zeitlang blaß und verweint umher und verschloß sich dann ganz auf ihrem Zimmer. Wenn Papa nach ihr fragte, meldete sie sich krank. Er schüttelte unwillig den Kopf, ergriff Hut und Stock und gieng in den Wald hinaus. Er war reizbar, leicht ungeduldig, in denkbar schlechter Laune.
Meine kindliche Neugier war auf das höchste gespannt: eines Abends stellte ich mich schlafend und hörte, wie Fräulein Auguste und Pauline mit einander flüsterten. Das also war’s gewesen! Tante Laura hatte eine Liebe im Herzen getragen — aber eine hoffnungslose Liebe — denn der Mann ihrer Wahl war ein Jude gewesen und gegen eine solche Verbindung sträubte sich die Familie mit allen Mitteln. Vor wenigen Tagen nun war die Nachricht gekommen, daß er im Duell gefallen sei.
Wie nichtig schienen mir die eigenen kleinen Sorgen im Vergleich zu diesem Schmerz. Hätte ich zu ihr eilen, sie umfassen, mit ihr weinen dürfen! Nicht helfen können!
Und die Großeltern hatten es nicht zugegeben, nur aus dem Grunde, weil er ein Jude war. Die hatten Christus an’s Kreuz geschlagen: doch das war lange her. 2000 Jahre. Und er mußte dafür büßen! Nein, das konnte der gerechte Gott nicht wollen! Und schlecht war jener gewiß nicht gewesen, sonst hätte ihn die arme Tante nicht so geliebt. Jetzt war Alles vorbei. Oh, Tante Laura, das hast Du nicht verdient!
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Eine ältere Dame, Madame Berger, die Erzieherin der Tanten gewesen, und die schöne Jahreszeit in Steindorf verbrachte, erteilte mir auf Großmamas Wunsch Klavierunterricht. Ich mußte bei den Anfangsgründen beginnen und langweilte mich schrecklich dabei. Meine Unaufmerksamkeit erboste die Lehrerin; bei jedem falschen Ton versetzte sie mir einen Klaps mit ihren spitzen, gichtischen Fingern. Oft mußte ich denselben Takt zwanzigmal wiederholen und wünschte Madame sammt dem Klavier zum Kuckuck. Da ich keine Spur von Lust fühlte, blieben natürlich auch die Fortschritte aus. Ich liebte die Musik, aber nur, wenn sie einschmeichelnd, melodienreich mein Ohr berührte. Papa spielte schön: Großmama und ich saßen allabendlich auf dem runden Kanapee beisammen und hörten zu. Gar häufig legte sie die Zeitung beiseite und wischte sich unter dem Augenglase eine Träne weg: ihr Blick ruhte dann mit unaussprechlicher Zärtlichkeit auf dem blonden Kopfe ihres Ältesten und Lieblings.
Aber Madame Berger, die kleine, geschäftig herumtrippelnde Person sollte lieber „de petits corsets de batiste nähen.“ Sie litt an der fixen Idee, daß man nur handgenähte Dinge tragen könne: Maschinenarbeit war „Schlamperei“.
Gewöhnlich erstarb sie in Liebenswürdigkeit; allein mit mir, nahm sie sich kein Blatt vor den Mund. Ich aber konnte sie nicht leiden und war auch nicht ganz so arglos wie „die berückende Frau“ meinte. Ein schlauer Fotograf hatte ihr diesen Bären aufgebunden und sie so veranlaßt, einige Dutzend Bilder zu bestellen. Sie machte allen Ernstes trotz ihrer sechzig Jahre und des Hexengesichts noch Anspruch auf Schönheit und kokettierte mit den Herren. Mit „Don“ einer engelsguten Haut, dem Gesellschafter Großpapas geriet sie häufig in Conflikt, weil er ihr mit rührender Offenheit die derbsten Wahrheiten sagte. Das aber vertrug sie nicht.
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Großmama verordnete mir kalte Waschungen und wies Auguste eigenhändig an, wie sie meinen Rücken behandeln müsse. Sie nahm ein ellenlanges Stück Rosenseife zwischen Daumen und Ringfinger und fuhr dreimal mit der scharfen Kante sehr energisch über die Wirbelsäule. Dann rieb sie mich mit Handtuch und Nägel trocken. Das kitzelte abscheulich, gerade so wie beim „Geschichten“ erzählen. Da setzten Hannerl und ich uns auf Schemeln zu ihren Füßen und sie hielt unsere Hände fest. Im Anfang streichelte sie sie leise, im weiteren Verlauf der Erzählung aber, wenn sie in Affekt geriet, oder gar Räuber vor uns aufmarschieren ließ, bohrte sie sich förmlich mit den Fingern in die Innenflächen ein, und krabbelte und kitzelte solange, bis wir uns vor Lachen schüttelten.
Hannerl verdaute die Geschichten schwer, besonders die von der „grauen Frau“ und den „geschluckten Nasen und Ohren“. Sie fuhr des Nachts in ihrem Bette auf und schrie um Hilfe, bis Pauline Licht entzündete und sie beruhigte.
Mir gieng es einmal auch nicht besser. Auguste und Pauline waren zu einem Fest ins Dorf gegangen und das Nebenzimmer blieb leer. Ich trachtete zu schlafen: vergeblich. Dort in der Ecke knisterte es; ich hielt den Atem an — gewiß, ich täuschte mich nicht. Ich hörte eine Zeitlang nichts, als das laute Klopfen meines Herzens. .. Waren das nicht Schritte? Und jetzt ein Stöhnen, ganz deutlich. Abermals. ... Ich steckte den Kopf unter das Kissen, aber die Angst nahm nicht ab. Ich hielt es nicht länger aus. Suchend tastete ich nach den Zündhölzchen und atmete erleichtert auf, als der Lichtschein das völlig leere Zimmer beleuchtete. Ich hätte also ruhig sein können, aber der Schlaf war mir vergangen; ich sehnte mich nach Gesellschaft, nach Aussprache, warf das Nachtgewand über und begab mich zu Hannerl. Die schnarchte fest. Ich rief sie an, rüttelte, zupfte sie am Ohr, alles umsonst. So wartete ich eine Viertelstunde: dann dauerte es mir aber doch zu lange: ich machte kurzen Proceß, hob die Decke auf, schob Hannerl an die Wand und legte mich an ihre Seite. Endlich schien sie zu merken, daß es nicht mit rechten Dingen zugehe. Sie brummte etwas Unverständliches und als ich ihr in Kürze den Sachverhalt schilderte, erwiderte sie mürrisch: „So geh’ doch schon, ich will ja schlafen.“ Dazu entschloß ich mich aber erst, als die Ausflüglerinnen bei anbrechendem Morgen heimkehrten.
Mit meinem Mut war es überhaupt nicht weit her. Jedes Geräusch, jede fremde Gestalt, ja jeder bellende Hund jagte mir Schrecken ein. Es erfuhr nie eine Seele, was ich bei den Abendspaziergängen mit Papa ausstand. Wenn die Erlen rauschten, das Käuzchen klagend schrie und die Dämmerung die Gegend in dunkle Schleier hüllte, da kam die Furcht, das bange Erwarten etwas Schrecklichen über mich.
Besonders vor einer Stelle graute mir. Papa hatte uns gesagt, es sei die Wolfschlucht, in der mit Samiels Hilfe die Kugeln gegossen wurden. Ich blickte scheu zum Himmel. Wenn jetzt plötzlich die wilde Jagd durch die Lüfte gesaust käme, dann müßte man auf die Knie fallen, das Gesicht auf die Erde drücken und ein Vaterunser beten. „Papa“ — ich klammerte mich an ihn.
„Was hast Du denn?“
„Aber siehst Du denn nicht? — Dort, hinter dem Baum, Du auch nicht, Hannerl?“ Statt aller Antwort hing sie sich zitternd an den andern Arm Papas. „Ein Mann mit braunen Locken, ein Barett auf dem Kopf. Hohe Stiefel, ein Gewehr umgehängt .. ein Wildschütze.“
„Ja, ja, ich hab’ Dir’s immer gesagt!“ bestätigte Papa, dem unsere Angst wohl Spaß machte. Meine erregte Phantasie spiegelte mir die verschiedensten Erscheinungen mit solcher Deutlichkeit vor, daß ich steif und fest glaubte, die Dinge wirklich gesehen zu haben.
„La baronne c’est un paquet de Nerfs“ hatte sich einmal Madame Berger über meine Mutter geäußert. Ich hatte bereits, ohne es zu wissen, die traurige Erbschaft angetreten. Wenn Großmama schlürfend Thee trank und an einer Honigsemmel saugte, als wäre es eine furchtbar zähe Masse, zuckte es mir in allen Gliedern. Ich preßte die Fingernägel ins Fleisch, biß mir die Zunge wund und konnte es nicht erwarten, daß sie fertig war. Dieselben Qualen litt ich, wenn Jemand eine Thüre heftig zuschlug, hustete, sich räusperte. Da lief ich unter irgend einem Vorwand aus dem Zimmer, ballte die Fäuste, stampfte mit den Füßen und weinte Wuttränen, bis ich mich erschöpft und erleichtert fühlte.
Natürlich ahnte niemand etwas von diesen anormalen Zuständen, denn ich hütete mich wohl, etwas zu verraten. Man hätte mich ausgelacht, gestraft oder zu einem Arzt geführt und jede dieser Aussichten war mir schrecklich. Das Verspotten fürchtete ich vielleicht am meisten. Madame Berger benützte jede Gelegenheit, mir kleine Hiebe zu versetzen. „La petite a l’air d’une cigogne.“ War das wirklich wahr? — Von diesem Moment an wußte ich nicht, was mit meinen Armen und Beinen beginnen; meine Bewegungen nahmen etwas Linkisches, Steifes an, das an die Darstellungen der Altegypter gemahnte und mir vielleicht wirklich eine Storchähnlichkeit verlieh.
O ich war empfindlich! Seit einmal Großmama aus Zerstreutheit frug: „Du, wer ist denn das?“ redete ich nur in einer „selbsterfundenen Person“ mit ihr. „Bitte, das meinen?“ „Bitte, vorlesen“ u. s. w. Alle Vorstellungen vermochten nichts daran zu ändern; ich hätte mir lieber die Zunge abschneiden lassen, als je wieder die alte, vertrauliche Ansprache anzuwenden. Überhaupt, sie imponierte mir und verstand es vorzüglich, alle Welt in gemessener Entfernung zu halten. Sie war in ihrer Art eine Großmacht und hing mit allen Fasern ihres Seins an der Regierung. Nie und nimmer hätte sie einen Eingriff in ihre Rechte als Herrin des Hauses geduldet.
Ich sehe sie noch deutlich vor mir. Eine trotz ihrer siebenzig Jahre stolze, aufrechte Erscheinung, mit edlen, entschiedenen Zügen, deren Ausdruck, je nach Gelegenheit, zwischen unbeugsamer Starre und fast kindlicher Weichheit wechselte. Wo sie ging und stand, begleitete sie ihr Schlüsselbund: sie trug dies Abzeichen ihrer Würde mit einem gewissen Stolz, wie der Herrscher seine Krone. Sie teilte selbst die Vorräte aus und liebte es, in der „Speise“ eine ungestörte Viertelstunde zu verbringen, um die Güte des Proviantes zu erproben, um zu „kosten“. Es waren nicht immer „Mäuse“, die Unfug anrichteten unter Mandeln und Rosinen!
Gieng Großmama spazieren, trug sie sich seltsam genug, in der Art des vorigen Jahrhunderts. Ein breitkrämpiger, helmartiger Strohhut, darüber um das Kinn gebunden ein dünnes Wolltuch, in der Hand einen massiven Schirm, den Griff nach unten gekehrt, den sie bisweilen drohend schwang wie eine Keule. Die hellen Glacéehandschuhe waren stets nachlässig übergestreift, so daß die halben Finger frei blieben und wie abgebundene Würstchen aussahen. Die Füße steckten in viel zu großen Überschuhen und es geschah gar häufig, daß der eine mit ins Freie zog, während sein Bruder mit betrübter Miene aus irgend einer Ecke hervorguckte, in Gesellschaft eines Taschentuches, das, mit vierfachem Knoten versehen, eine prächtige Nachthaube abgegeben hätte.
Mit der Dienerschaft verkehrte sie nie anders, als: „Hat der Kutscher den Wagen geputzt?“ — „Geh’ der Gärtner augenblicklich an die Arbeit“ und das in einem Ton, der von vornherein jeden Widerspruch ausschloß.
Ihr Mann war der „liebe Ferdinand“ und wagte nicht, sie anders anzureden als „Mylady“. Bei Meinungsverschiedenheiten zog er regelmäßig den Kürzeren und mußte sich mit dem bescheiden, was der Gattin nicht behagte. Ein Feld zum Beispiel, auf dem der Weizen schlecht stand, war „Dein Feld“, eine Allee hingegen mit schönen reichtragenden Bäumen war „meine Allee“. Er aber ließ sich dadurch die Laune nicht verderben. Unglaublich rüstig für sein hohes Alter stand er schon um 6 Uhr auf, ging auf die Jagd, aß für Zwei und war unermüdlich im Erzählen alter Anekdoten. Man kannte die Geschichten Wort für Wort, wußte die genaue Reihenfolge und wehrte sich aus Leibeskräften. Es war, als säße er auf einem Birnenbaum und beutle so lange, bis die Darunterstehenden mit Früchten überschüttet waren. Darum hieß es immer: „Birne so und so viel oder Waldberg“, „König von Hannoverbirne“.
„Also; wißt Ihr die Geschichte, wie ...?“
Einstimmiger Chor: „Ja, o ja.“
„No, wie geht sie?“
Jemand erzählt den Anfang.
Kleine Pause. Aufmunternd zu mir gewandt: „Mimi, weißt Du’s auch?“
„Nein, Großpapa.“
Rufe der Entrüstung von allen Seiten. Er triumphierend: „Aha, seht Ihr, sie hat’s noch nicht gehört. Also ich werd’ es Dir erzählen.“
Don: „Die Uhr ist wieder einmal aufgezogen. Der Herr Baron wird noch heiser werden.“ Alles umsonst.
Die Familie spannte im Gedanken Regenschirme auf, sprach durcheinander und ließ die Birnen abprallen. Aber wenn Gäste kamen, wehe! — Mit erkünstelt interessierter Miene, mit der Höflichkeit von Leuten, die „Knigge’s Umgang“ beherzigt haben, hörten sie zu, hier und dort ein „Ach wirklich“, ein zweifelndes Kopfschütteln, ein verständnisvolles Lachen anbringend. Großmama räusperte sich wiederholt, warf ihm vielsagende Blicke zu, und da Alles nicht half, zog sie den andächtigen Zuhörer an ihre Seite und sprach „Landwirtschaft und Industrie“. Sie besaß einen regen Unternehmungsgeist und wußte stets von allen Neuerungen auf diesen Gebieten.
Tante Nilla war nie sichtbar, wenn Fremde kamen. Hörte sie einen Wagen rollen, verschwand sie durch eine Hinterpforte in den Wald. Dort sammelte sie Beeren oder Schwämme, rauchte, las Heiligenlegenden und Missionsberichte. Oder sie hielt Zwiesprache mit ihren Hunden, lauter „Findlingen“, an irgend einer Ecke aufgelesen, wo sie, dem Verhungern nahe, verzweifelt zu ihr aufsahen; lauter Invaliden, Pfründner, die das Gnadenbrot aßen und ihre Tage in Ruhe beschließen durften.
Da war vor Allem Fly, ein ausgedienter Jagdhund, der von seinem früheren Herrn mehr Prügel als gute Worte erhalten hatte und jeder neuen Erscheinung auf zehn Schritte auswich „serrant la queue et portant bas l’oreil“. Er führte das Dasein eines Rentiers, gieng immer mehr in die Breite und trug seine „Knochen“ auf ein entferntes Feld, um sie später einmal auszugraben.
„Pintschbock“ glich einer „Karricatur“ aus den fliegenden Blättern und machte mit dem unförmig zausigen Körper einen geradezu lächerlichen Eindruck. Er besaß nur eine Schönheit, ein paar Augen, die einen anblicken konnten, daß es einem ordentlich das Herz umdrehte.
Endlich noch „Scheck“, ein plumper Stallköter, mit häßlicher, rauher Stimme. Nach Sonnenuntergang brachte er der züchtigen Grundel, einer Hündin, über deren Alter man nicht reden durfte, Ständchen, daß sie ganz verwirrt wurde. Wie kam sie nur zu solcher Huldigung, sie mit den wackligen Zähnen und dem ewigen Baucherlweh? — Der Geschmack ist eben verschieden, auch in der Tierwelt.
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Mama war mit ihrer Freundin, Frau von Cordi, einer sehr hübschen geschiedenen Frau in Steindorf eingetroffen. Zwischen Letzterer und Madame Berger bestand ein entschiedener Antagonismus und die Beiden begegneten sich mit eisiger Kühle.
Frau von Cordi gefiel mir ungemein. Eine junonische Gestalt mit Grübchen in den Wangen und kornblumenblauen Augen; selbst die Zähne, die gegen alle Schönheitsregeln kühn hervorstrebten, erregten meine Bewunderung. Ich trachtete mir ihren leisen wiegenden Gang anzueignen, strich mir die Augenbrauen schwarz an und malte mir die Wangen so feuerrot, daß Großmama fürchtete, ich habe Rotlauf und mir Zimmerarrest diktierte. Sie behandelte mich als „Große“, was meiner Kindereitelkeit ungeheuer schmeichelte. Ich sann hin und her, wie ich mich ihr angenehm machen könnte und ergriff eifrig die erste Gelegenheit, die sich mir bot. Madame Berger hatte geäußert, daß sie nicht begreife, wie man mit einer solchen Person, die ihrem Manne davongelaufen, verkehren könne. Sie sei eine ganz gewöhnliche Intriguantin und an Großmamas Stelle würde sie ihr das Haus verbieten. Der Augenblick, meine Rache auszuüben, schien mir gekommen. Nochmals das Gehörte vor mich hingemurmelt, um nur ja nichts zu vergessen, und dann schnurstracks zur Geschmähten. Ich war wie von einem Taumel erfaßt, unfähig, mir über mein Vorhaben und dessen Folgen auch nur die geringste Rechenschaft abzulegen. Hätte ich es nicht sagen können, ich wäre erstickt. Kaum aber daß es heraus war, begriff ich, welchen Unsinn ich begangen. Ich setzte mich ans Fenster und blieb auf der Lauer. Das Alarmsignal erfolgte bald; Mama nahte im Eilschritt, das Taschentuch an die Augen gepreßt. Sie machte mir die heftigsten Vorwürfe: „Du bist ein abscheulicher, boshafter Fratz, zu nichts anderm gut, als die Leute übereinander zu bringen. Was ist Dir nur eigentlich eingefallen?“ u. s. w. Dann hielt sie eine Art Monolog, aus dem ich nicht recht klug wurde. „Wär’ ich doch in Venedig geblieben: dieses Steindorf hat mir nie Glück gebracht; jetzt gönnen sie mir nicht einmal das bischen Ruhe. Mir liegt der Ärger auf dem Magen wie ein Berg“ und dabei schluckte sie und machte allerlei Verrenkungen. „Alle führen hier das große Wort, nur ich soll schweigen; ich laß mir es aber nicht länger gefallen. Der alte Drache, die Madame Berger, soll nur schön schweigen, die ist nicht ihrem Mann durchgegangen, bei der war’s umgekehrt. Auch begreiflich.“ Sie schien meine Anwesenheit gänzlich vergessen zu haben. Ein paar Tage ging sie gähnend und seufzend herum, mit dem klagenden Blick einer Mignon, so daß man sich unwillkürlich frug: „Was hat man Dir, Du arme Frau, gethan?“ Dann reiste sie mit ihrer Freundin ab.
Madame Berger begegnete mir von diesem Tage an mit so unterwürfiger, katzenartiger Liebenswürdigkeit, daß ich nur staunte.
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Drückende Schwüle lag auf der Erde. Nun empfand ich doch etwas wie Mitleid mit den Knechten auf dem Felde, die in rastlosem Fleiße Garben aufbanden, während die Sonne glühend heiß auf ihren Scheitel brannte. Nein, ich wollte nicht mehr tauschen. Es hatte doch sein Gutes, „Baroneß“ zu sein. Endlich erhob sich ein kühles Lüftchen. Ich nahm den Hut ab und ließ es über Haar und Stirne wehen; eine wahre Wohlthat. Im Westen ballten sich schwarze Wolken zusammen, und die Schwalben flogen so nieder, daß ihre Flügel die Erde streiften. Aus dem Teiche drang das Schluchzen der Unken und ein Libellenpaar kreiste müde über dem ruhigen Spiegel.
Es rauschte leise in den Zweigen und die kleine „Werner Pepperl“ lockte mit eintönigem Ruf die Hühner, um sie vor Beginn des Gewitters in Sicherheit zu bringen und der alte Gänserich trieb mit Geschnatter seine Damen heim.
Der Himmel verdüsterte sich immer mehr und wir flohen ins Haus. Bald folgte Blitz auf Blitz, Donner auf Donner. Feurigen Schlangen gleich fuhr es am Himmel hin und das dumpfe Poltern brach sich in ohnmächtiger Wut an den alten Mauern, daß es laut widerhallte. Entsetzt schloß ich die Läden und stammelte ein Gebet um das andere. Das Unwetter wütete die halbe Nacht hindurch. Es hatte sich zudem ein Sturm erhoben; er rüttelte an den Fenstern, fuhr heulend um die Ecke und sang im Schornsteine schauerliche Lieder. Es war die Strafe Gottes für meine Sündhaftigkeit: jetzt und jetzt mußte das Schloß zusammenstürzen und uns unter seinen Trümmern begraben. Ich besprengte mich mit Weihwasser, erweckte Reue und Leid, schlüpfte in die Pantoffeln, hüllte mich fest in meine Decke und forderte Fräulein Auguste auf, gleich mir ihre Seelenrechnung zu machen. Als sie mich aber in diesem seltsamen Aufzug erblickte, brach sie in ein so schallendes Gelächter aus, daß ich mich entrüstet entfernte, um allein zu sterben.
Der Tod kam nicht, wohl aber sein Bruder, der Schlaf. Er strich mir sanft über die Schläfen und nahm mich mit sich ins Reich der Träume:
Die Gestalt des dicken Verwalters tauchte vor meinem geistigen Auge auf: bei jedem Schritt taumelte er so, daß man meinte, er müsse umfallen, aber er verlor doch nie das Gleichgewicht. Er lehnte sich ans Billard und erzählte, daß die Bauern einen Grenzstein verrückt hätten: „Mein Jott, ich sach’s ja immer, ’s jiebt so jefährliche Menschen“, dabei rutschte das Billard und er lag der Länge nach da. Auguste hob ihn auf und ließ ihn auf einem Seile tanzen. Fly bellte. Er sagte: „Weil der Mond scheint“ und begann zu singen: „Juter Mond, Du jehst so stille“. Auguste meinte, er solle keinen Unsinn treiben, ihr sei eine „jut jebratene Jans“ viel lieber, worauf er sie zu einem fetten Schinken einlud: „Meine Vorratskammer is jerade jefüllt.“ — „Von unjerechtem Jute, alles jekrippst von der Herrschaft“, kicherte Auguste. Dann riß sie so heftig am Seil, daß er stürzte. Ich verspürte einen Ruck und erwachte an ungewohntem Orte, auf meinem Bettteppich. Als ich Auguste den Traum bis in die kleinsten Einzelheiten erzählte, nannte sie mich geärgert ein „überspanntes Ding“. Gesunde Kinder hätten keine solchen Träume.
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Robert und ich stellten lebende Bilder dar. Ich öffnete mein Haar, daß es mir wie ein Mantel über die schmalen Schultern fiel, schlang wilden Wein darum und legte mich mit geschlossenen Augen ins Gras. Dornröschen schlief. Der Prinz war in einen großkarrierten Plaid gehüllt und eine Pfauenfeder schmückte sein dunkles Sammtbarett. Er nahte schüchtern, kniete vor mir nieder, küßte mich und ich erwachte.
Hannerl war aufgelöst vor Entzücken, obwohl seine Hoheit sie keines Blickes würdigte. Für ihn gab es eben nur „Prinzessinnen“, das hatten ihm seine Tanten schon an der Wiege gesungen.
Mir gegenüber war er ganz „Cavalier“. Wir feierten gerade „Kirchweihfest“, und da ich in die Nähe der Musik wollte, bot er mir seinen Arm und tanzte eine Tour mit mir. „Blau steht Dir am allerbesten, wie den meisten Blondinen“, äußerte er, indem sein Blick wohlgefällig mein Tüllkleid streifte. Er schenkte mir ein Lebkuchenherz mit flammender Inschrift: „Aus Liebe“. Papa und der Onkel stießen sich an und wir wurden sehr verlegen. Auguste führte mit dem Verwalter einen Tanz auf, wie ihn die Nilpferde nicht schöner zu Stande gebracht hätten. „Du, mir scheint, da fangt sich was an“, bemerkte Robert altklug.
„Was denn?“
„Kleine Unschuld“ und er lächelte protektorhaft.
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Alle taten sehr geheimnisvoll mit den Vorbereitungen zu meinem Namenstag. Ich lief zu Pauline, um sie auszuforschen: verriegelte Thüren; ich bestürmte Hannerl mit Fragen — sie schüttelte den Kopf und Frau Huber, die Köchin, wollte auch nicht mit der Sprache heraus. „I, i darf nix sagen, sonst könnt’s heißen, daß i eine Tratschen bin.“
„Frau Huber“, in der geöffneten Küchentüre erschien Dons kleine, feiste Gestalt und mit gekrümmtem Zeigefinger neckisch drohend: „Frau Huber, der Herr Baron läßt Sie ersuchen, sich ein wenig zu beeilen, weil er sehr hungrig ist.“
Bei seinem Eintritt schmunzelte die Huberin mit hinreißender Coquetterie. Dieses Gesicht setzte sie jedesmal auf, wenn sie ihren einstigen Verehrer erblickte. Er hatte vor langer Zeit für sie geschwärmt, „o wenn sie ewig grünen bliebe, die Zeit der jungen Liebe“, und erinnerte sich nur noch vague an diese Episode seines Lebens. In fünfundzwanzig Jahren vergißt sich so Manches, namentlich wenn eine Gehirnkrankheit den Gedächtnisapparat geschwächt, wie es beim armen „Don“ der Fall war. Ab und zu erzählte er von seinen Flammen und in diesen Berichten spielte auch die Huberin eine gewisse Rolle. „Zum erstenmal habe ich sie mit einem Einkaufskorb unter dem Arm gesehen und das machte mir gleich einen vorteilhaften Eindruck. Sie sah so nett und appetitlich aus. Ich hob den Deckel auf und sah Rettige und Karfiol, mit einem Worte, lauter gute Sachen“. Später hatten zwei Zwillingsschwestern sein Herz zu neuer Glut entfacht. „Wie die schön und graziös auf dem Trapez turnten, eine Passion, ihnen zuzusehen, und so wohlerzogene, brave Mädchen.“
Er schilderte mit Vorliebe seine Beamtentätigkeit an der Franzjosefsbahn. „Das war ein aufreibendes Leben, diese Verantwortung! Mir stehen noch jetzt die Haare zu Berg, wenn ich daran denke. Mit einem Fuß im Grab und mit dem andern im Criminal. .. Wie damals noch Alles primitiv war und wir uns plagen mußten, bis etwas klappte. Der erste Ball, den wir gaben“ ... und dann stieg er regelmäßig die 4 Treppen zu einer nunmehr berühmten Burgschauspielerin empor und bat sie, das Patronessenamt zu übernehmen. Sie sagte zu, traktierte ihn mit schwarzem Kaffee und war sehr liebenswürdig.
Bisweilen, wenn er Reminiscenzen von anno dazumal auffrischte, erwachte in Großpapa der Concurrenzneid und er ließ es Don bei der Zeitungsvorlesung entgelten.
Don: „Landtagswahl“. Pause.
„Auf was warten’s denn, so lesen’s weiter.“
Nochmals „Landtagswahl“. Unter Gelächter: „Dem König von Portugal, dem ist das ganz egal.“
„Herrgott, ist das ein Chineser.“
„No ja, aber uns geht’s ja eigentlich nichts an, wer gewählt wird. Wir candidieren ja nicht.“
„Deshalb interessiert’s mich doch. Ich bin zum Glück nicht so wie Sie, daß ich für nichts Sinn hab’ als für Zwetschkenknödel.“
„Da irrt der Herr Baron: ich esse Apfelstrudel und Milchreis eben so gern.“
„Also lesen’s schon einmal weiter. Lauter, man versteht ja nichts.“.
„Ich bin schon heiser, Herr Baron, und es wird finster.“
„Jesses, hat der Mensch Faxen!“
Nach einer Weile: „Don, was sind Sie?“
„Ein Aff’.“
Großmama kannte diese Art der Unterhaltung und fand sie äußerst unpassend. Mir hingegen bereitete es großen Spaß, zuzuhören. Ich saß bei den Mahlzeiten neben ihm und lachte mich halb krank über seine unvermittelten Ideensprünge. Sagte Jemand: „Das ist bequem“, murmelte er vor sich hin: „Madame sans gêne“, oder irgend etwas Ähnliches und fixierte dabei völlig geistesabwesend eine Person aus der Gesellschaft. War es Tante Nilla, so zog sie geärgert die Augenbrauen in die Höhe und warf ihm einen vernichtenden Blick ob solcher Kühnheit zu. Auf Auguste war sie, seit der Verwalter ihr eine Nußtorte gesandt, nicht mehr gut zu sprechen. Selbst kühl bis ans Herz hinan, haßte sie Alles, was nach Verliebtheit schmeckte.
Endlich kam der Namenstag. Ich konnte es kaum erwarten: als es aber hieß: „Jetzt“ zierte ich mich mit einemmale. Jene Schüchternheit befiel mich, die mit dem Bewußtsein, daß „ein Ereignis“, „etwas Vielbesprochenes“ bevorstehe, in Verbindung war. Dabei empfand ich ein physisches Unbehagen, das mir jeden Genuß bedeutend schwächte. Aller Blicke waren auf mich gerichtet, wie peinlich; ich unterschied nichts deutlich, nur im bunten Durcheinander wie Farbenkleckse auf einer Palette. Erst als ich mit Hannerl allein war, kam meine Freude zum Durchbruch. Wir vergnügten uns mit der Betrachtung der Geschenke und ich war in lustigster Stimmung, bis Madame Berger mir sagen ließ, ich möge in einer halben Stunde zu ihr kommen. Diese Ankündigungen versetzten mich jedesmal in helle Verzweiflung und ich erforschte mein Gewissen, ob ich nicht wieder etwas „angestellt“ hätte und Strafe bekäme.
Nein, ich täuschte mich: sie teilte mir blos mit, daß sie „du raisin“ für mich bestellt und daß er morgen bestimmt eintreffen müsse. War das eine Erleichterung!
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Großmama nahm uns in die Garderobe mit, damit wir ihr halfen, Bettwäsche zu verteilen. Öffnete man die laut kreischende Eisentüre, so drang Einem der anheimelnd feuchte Moderduft einer längst vergangenen Zeit entgegen. Eine Spinne machte geschäftig die Runde ihres schwanken Netzes, und an den vergitterten Fenstern kletterte dunkler Epheu empor, in dem die Tauben ihre Nester bauten.
Der massiv geschnitzte Leinenschrank nimmt ein Drittel des Raumes ein: an der gegenüberliegenden Wand steht ein Bücherbrett; die Einbände weisen meist farbiges Papier mit steifen Blumensträußchen auf; Großmamas Jugendbibliothek. In scheuer Andacht stehe ich davor und wage kein einziges zu berühren. Wie lange das her war! Noch viel, viel länger als die lebensgroßen Bilder im gelben Salon. Damals war Großmama Braut. Über hellgrauem Rock ein Überwurf aus schwarzem Sammet, wie es Mode war. Der überschlanke junge Hals ist etwas entblößt und lange blonde Locken umrahmen ein sanftes blühendes Gesicht. Ihr gegenüber Großpapa im Jagdkostüm, eine männlich-schöne, elegante Erscheinung. Zwei bildhübsche Menschenkinder, wie für einander geschaffen! Und sie so reden zu hören! Keine Spur von Verweichlichung. Ohne Umhülle, ganz echauffiert vom Tanze, direkt aus dem Ballsaal hinaus in die kalte Winternacht und lustig herumspaziert in dünnen Atlasschuhen, weil es so reizvoll war, durch die leeren Straßen zu wandeln, wenn Alle schliefen.
Sie hielt ein Stück blaßgrünen goldgestickten Brokates gegen das Licht. Es war ein Kleid meiner Urgroßmutter und an einzelnen Stellen von Motten durchlöchert. Mir gieng ein Frösteln durch die Glieder. Dieses Stück Stoff, sonst war nichts von der Frau geblieben, die doch gleich uns geatmet, gelebt hatte. Er spann wie ein Mysterium zwischen der Toten und meinem Gehirne. Etwas Unbeschreibliches erfaßte mich in dem kühlen dämmerigen Raum; es legte sich mir drückend, zentnerschwer aufs Herz und ich wurde es lange nicht los.
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Papa, Auguste, Hannerl und ich, wir machten in aller Morgenfrühe einen Ausflug auf die „Tannenhöh“, die berühmt war wegen ihrer wundervollen Aussicht.
Es hatte tagszuvor geregnet und die Erde strömte feuchte Dünste aus. Die aufgehende Sonne wob Strahlennetze über die blühenden Wiesen und die dunklen Brachfelder. Zarte, bald lila, bald mattrosa Schleier umflatterten die fernen Berge und am Himmel wogten weiße Wölkchen dahin wie eine Heerde Schafe.
In den Dörfern spielten die Kinder auf der Straße. Sie schleiften alte, mit Sand gefüllte Schachteln hinter sich her und ihre Züge spiegelten jene Lust am Leben wieder, jenen Stolz, so schöne Sachen zu besitzen, wie er nur diesem Alter eigen ist.
Eine Schaar Kühe tummelte sich auf der Weide. Die bereits Satten lagen auf der Erde, wiederkäuend im Grünen, mit großen, ausdruckslosen Augen.
Der Postmeister eilte an uns vorbei, die gefüllte Ledertasche auf dem Rücken, eine ellenlange Pfeife im Mund. Tag für Tag gieng er denselben Weg, schon vierzig Jahre lang. Wie eintönig! Und doch habe ich ihn nie anders als heiter gesehen, mit sich und seinem Los zufrieden. Eine genügsame, anspruchslose Natur, die Haß und Neid wohl nur vom Hörensagen kannte. Bisweilen erzälte er, wie das und jenes früher war, Manches besser, Manches schlechter und seine Anschauungen waren merkwürdig richtig für einen Bauer, der sein lebenlang Briefe abgestempelt und in seinen Mußestunden das Schusterhandwerk betrieben. Er trug sein Alter mit Frohsinn und Würde; der energische Gang und das schneeweiße Haupt verliehen ihm etwas Strammes und Rührendes zugleich.
Unser Weg führte uns durch einen prächtigen Buchenwald. Eine Unzahl Schwämme bedeckten den Boden und Cyclamen blühten hier und dort zerstreut. Nun hatten wir unser Ziel erreicht, einen auf der Anhöhe befindlichen Vorsprung, dicht umwuchert von Brombeer und Berberitze, von dem aus man die Gegend im weiten Umkreis übersah. Papa richtete uns das Fernrohr zurecht und wir erkannten in voller Deutlichkeit Steindorf und alle Nachbarschlößer. Ein großartiger Anblick ohne Zweifel, aber so weit, so grenzenlos, als sei es nicht mehr „wahr“. Angesichts dieser Unendlichkeit stand mir der Atem still.
„Warum sagst Du denn nichts? — Mir scheint, Du hast keinen Sinn für Natur?“ frug mich Papa.
Was sollte ich darauf erwidern? Wie die undeutlichen Begriffe schildern, ohne konfuses Zeug zu reden. Jeder nach seiner Art. Die Hunde bellen den Mond an. Weshalb tun es die Menschen nicht? Der Italiener spricht anders wie der Schweizer — der Eine redet viel, der Andere wenig. Und kann ein Kind nicht auch seine eigenen Gedanken haben? Sprechen ist nicht immer nötig; Schweigen hingegen fördert das Gefühl. Freilich, es gibt Leute, die das nicht begreifen. Da heißt es dann gewöhnlich: „Warum sprichst Du nicht?“ „Weshalb bist Du so still?“, als ob sich das mit einem Worte definieren ließe. Törichtes Beginnen, das Meer in eine Nußschale füllen zu wollen.
Im Gasthaus zum „goldenen Löwen“ — einen goldenen Löwen gibt es nämlich überall — nahmen wir mit wahrem Heißhunger ein ländliches Mahl ein. Dann kletterten wir über die steile Bodentreppe und wälzten uns im duftenden Heu, das die Scheune fast bis zur Decke füllte.
Die Nacht verbrachten wir in Sahning und ich durfte mit Hannerl in einem Zimmer schlafen. Wir wollten rechten Unfug treiben, schliefen aber schon beim Abtrocknen ein. Ich hörte noch wie Hannerl quiekte und schrie, als Auguste sie in das große Wasserschaff steckte, war aber viel zu müde, um mich wie sonst an ihrem spündeldürren Schatten zu ergötzen.
Nach gesundem, erquickendem Schlummer besuchten wir die alte Wallfahrtskirche des Ortes. Mit ihren zwei Türmen ragt sie stolz und selbstbewußt in die Höhe, als könne sie Wunderdinge erzählen. Aus aller Herren Länder pilgern sie hierher, die Bedürftigen, die Enterbten des Schicksals, um von Maria, der mächtigen Fürsprecherin Heilung ihrer Wunden zu erflehen. Die Legende berichtet von ganz merkwürdigen Dingen: davon zeugen auch die zahllosen Öldruckbilder, die die Wände bedecken. Sie stellen die Madonna unter ihren verschiedenen Titeln dar und tragen allerlei Widmungen: „Unserer lieben Frau von der immerwährenden Hilfe, zum Danke für die wunderbar erfolgte Genesung ihres Sohnes Alexander.“ Oder blos: „Hab’ Dank, Maria“ und die Initialen der Spender. Und rings um den Hochaltar wächserne Herzen, Hände und Füße, auch ein Krückenstock und ein Lederschuh. Diese Dinge störten meine Andacht, statt sie zu erhöhen und Papas halblautes Gemurmel machte mich vollends zerstreut.
Da fiel mir Tante Laura ein, die man mit einer Gesellschafterin auf Reisen gesandt, und über die keine gerade erfreulichen Nachrichten einliefen. Es hieß, sie sei zum Erbarmen traurig, teilnamslos gegen Alles um sie her. Ich betete ein Vaterunser für sie, damit sie bald wieder ihres Lebens froh würde.
Papa schenkte Hannerl und mir einen Gulden, um in den kleinen Buden „Andenken“ zu kaufen. War das ein Vergnügen! Ach, wär’ ich reich gewesen und hätte wählen dürfen! Doch es hieß warten, sich gedulden bis der „Prinz“ käme, mich auf sein Schloß zu tragen, aus purem Edelstein. Dann wollte ich alle Buden der Welt kaufen. Robert war nur ein kostümierter „Prinz“, es mußte aber ein „echter“ sein und ich blickte mit unerschütterlicher Zuversicht in die Zukunft.
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Die schönen Tage von Aranjuez giengen ihrem Ende entgegen und ich stellte wehmütige Betrachtungen an über die Vergänglichkeit alles Irdischen. Quälende Zweifel bedrückten mich, ob ich die Vergangenheit nicht hätte besser genießen können, und wie sehr ich es in Zukunft täte, wenn es eben eine solche gäbe.
Wenn sich doch nur irgend etwas ereignen wollte, um meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben und in meinem kindischen Egoismus war es mir total gleichgültig, welcher Art diese Ablenkung sei. Eine Feuersbrunst, ein Einfall von Dieben, einerlei. Mein Wunsch erfüllte sich. Es hieß, ein wütender Hund mache die Gegend unsicher. Wie unheimlich! Ich malte mir ganze Scenen aus: Er naht, schäumend, mit weitheraushängender Zunge und glühenden Augen. Er dreht sich im Kreise, beschnuppert den Boden, kommt immer näher und näher. In grenzenloser Angst jage ich über die Felder hin, er mir nach. Keine 10 Schritte entfernt knallt ein Schuß. Es ist der Jäger. Oder aber ich klettere auf einen Baum, da würde man mich sicher nicht entdecken und ich müßte nicht mit nach Wien.
Als es ernst wurde mit der Abreise, weinte ich so kläglich, als müßte mir das Herz brechen; es half nichts, weder Trostesworte noch Versprechungen. Das Stationsgebäude starrte mir kahl und fremd entgegen und die Träger schienen mir Folterknechte. Wir setzten uns in die kleine grünverwachsene Laube und Papa bestellte eine Stärkung. Ich hielt Hannerl krampfhaft bei der Hand und verwandte keinen Blick von ihrem traurigen Gesicht, in dem ich einen Widerschein des eigenen Leides zu gewahren meinte. Dann zogen die Kastanienbäume meine Aufmerksamkeit auf sich. Solche gab es doch auch in Wien, und Häuser auch — und Menschen. — Weshalb grämte ich mich eigentlich? Da man allenthalben denselben Dingen begegnete, warum gerade sein Herz an dies eine Fleckchen Erde hängen? So philosophierte ich und biß schon mutiger, mit einer Art Galgenhumor in das Würstel und trank Bier dazu, mich zu betäuben. Ich lachte sogar, machte bleichsüchtige Witze und stieß mit Hannerl auf ein frohes Wiedersehen an.
Nur noch wenige Minuten. Die Lokomotive mit dem glühendroten Auge fuhr zischend in die Station ein. „Hannerl, mein liebes Hannerl, vergiß mich nicht, denk’ recht, recht oft an mich und schreib’ mir bald.“ Wir lagen uns in den Armen, und jegliche Contenance außer Acht lassend, brüllten wir um die Wette, wie zwei zu Tode verwundete Löwen.
Der Kondukteur mahnte zur Eile und Papa schob mich mit festem Ruck vor sich in das Coupé. Hier stand ich am Fenster, solange Hannerl noch zu sehen war. Dann lehnte ich mich in den Sitz zurück und hatte förmliche Weinkrämpfe. Ich bildete mir ein, das unglücklichste Geschöpf auf Gottes weiter Welt zu sein und hätte 1000 mal lieber in Steindorf Schotter zerkleinert und trockenes Brot gegessen als nach Wien zu fahren. Papa blieb nicht ungerührt beim Anblick dieses Schmerzes, den er im Grunde teilte. Er hieng ja auch an Steindorf und an seiner Mutter, der er mit blinder Liebe zugetan war. Er ergriff meine Hand und streichelte sie: „Sei doch vernünftig, Mimi. Wie lang wird’s dauern und Du fährst wieder heraus. Einstweilen heißt es recht brav sein und fleißig Briefe schreiben.“ Ja das wollte ich und ich sah bereits im Geiste das schönste Briefpapier vor mir. Jetzt dauerte es volle 300 Tage. Wenn doch wenigstens schon ein Monat um wäre! Bei jeder Station gab es mir einen Stich durchs Herz. Immer weiter, weiter! Jetzt saßen sie gewiß schon bei der „Jause“. Ob sie von mir sprechen? Ob Hannerl sich sehr einsam fühlte? Gestern um diese Zeit! Ach Gott!
Instinktiv schmiegte ich mich an Papa, der mir nun nahe stand, wie lange nicht. Die gemeinsame Liebe zu einem Orte, zu Personen bildet ein gar mächtiges Band. Ich nahm mir vor, ihm durch mein Betragen Freude zu machen, wollte mich auch bemühen, fröhlich zu erscheinen, um Mama nicht zu kränken.
Wir fuhren über die Donau. Ein kühler Lufthauch und gedämpftes Rauschen drang aus der Tiefe herauf. Ein heller Lichtschimmer. Stolz, mir zum Hohne, hebt sie das diademumstrahlte Haupt, die vielgepriesene Wienerstadt. In den hohen, steifen Häusern sitzen die ehrsamen Bürger beim Abendmahl; eine Mutter wiegt ihr Kind in den Schlaf. Immer wieder muß ich aufsehen, zu den erleuchteten Fenstern — o wie mir graut vor der Nacht, in der aller Kummer vertausendfacht erscheint.
Als wir im Wagen saßen, sagte Papa in selten weichem Tone, der fast wie eine Bitte klang: „Laß gut sein, sei gescheidt, sonst glaubt Mama“, — hier brach er ab, als sei es schon zu viel gewesen.
Dann hielten wir vor einem Eckhause still. Noch immer hoffte ich, daß ein Wunder geschehen müsse, daß Alles nur ein böser Traum sei. Aber nein. Es gieng zwei Treppen hinauf, die matt erhellt waren von einer einzigen Gasflamme. Mama begrüßte uns in der Tür. Wir setzten uns zu Tisch. Mit Mühe würgte ich ein paar Bissen hinunter, dann zog ich mich zurück. Sie hatte Steindorf mit keinem Wort erwähnt, nicht einmal für die Grüße gedankt. Nur ob Papa Butter mitgebracht, ob es viele Schwämme gäbe und daß die neue Bodenfarbe nicht angreifen wolle.
Ich stand in meinem Zimmer, das mit seiner Tapete, grau in grau, den dunklen Vorhängen und hohen Kästen den Eindruck einer Kerkerzelle auf mich machte. Und ich meinte zu ersticken. Hastig riß ich die Fenster auf und sandte mit der Hand ungezählte Küsse in die Richtung, wo ich Steindorf wußte. Alles hatte ich dort gelassen, Raum, Licht und Liebe. Weshalb nur gab es Leid und Tränen? —
Ich wußt’ es nicht zu lösen, das große Rätsel des Lebens.
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Welch’ abscheulich schale Stimme die Uhr des nahen Kirchturms hatte, im Vergleich zum tiefen, vollen Klang der heimatlichen: die näselnde Parodie auf ein wunderschönes Lied. Ich fühlte den Drang nach Bewegung und stand bei Tagesgrauen auf. Es war dunstig im Zimmer und eine Fliege plumpste unablässig an die Scheiben an. Mama war auch schon wach. Ich hörte durch die dünne Tapetenwand, wie sie sich im Bette herumwälzte, das unter ihrer Last abscheulich kreischte. Sie schneuzte und räusperte sich ununterbrochen, wie sie es immer zu tun pflegte, wenn sie sich langweilte.
Ich öffnete den Koffer, entfernte das Seidenpapier und betrachtete zärtlich jedes Stück. Mir war, als entströme der Wäsche Steindorfer Luft, als hafte ihr etwas von dem dortigen Wasser an.
Mama’s erste Frage war: „Haben sie „oben“ nichts von mir erzählt?“
„Aber nein, ich weiß wirklich nichts.“
„Gar nichts?“