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Mark Twains ausgewählte humoristische Schriften

Illustriert von H. Schrödter und Albert Richter

Fünfter Band:

Im Gold- und Silberland

Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz


Im Gold- und Silberland

Von

Mark Twain

Illustriert von Albert Richter

Neunte Auflage

Stuttgart 1910 / Verlag von Robert Lutz


Alle Rechte vorbehalten.

Druck von A. Bonz’ Erben
Stuttgart.


Inhalt.

Im Gold- und Silberland.
I.
Seite
Kapitel 1–24 [7]–163
II.
Nabobs in Nevada [165]
Buck Fanshaws Begräbnis [173]
Die angesehensten Bürger-Schwurgerichte [184]
Der große Zeitungsroman [191]
Belehrendes [200]
Von Virginia nach San Francisco [204]
Goldgräber [215]
Erdbeben [220]
Am Bettelstabe [228]
Tom Quarz [235]
Die Vorlesung [247]
Anhang.
Aus meiner Knabenzeit [255]
Ritters Geschichte [278]
Der Mann, der bei Gadsbys abstieg [301]
Die Geschichte des Invaliden [308]

Im Gold- und Silberland.
I.

Erstes Kapitel.

In dem vorhergehenden Bande[1] habe ich den Leser über die Prärieen, das Felsengebirge und durch die Alkaliwüste in die Hauptstadt des damals neu errichteten Territoriums Nevada, nach der Stadt Carson geführt. Es war eine ›hölzerne‹ Stadt; ihre Einwohnerzahl betrug zweitausend. Die Hauptstraße bestand aus einer Reihe kleiner, weißer Bretterhäuschen mit Kaufläden, zu hoch, um darauf zu sitzen, aber für alle sonstigen Erfordernisse kaum hoch genug. Dieselben standen hart aneinandergebaut, als mangelte es an Raum auf der mächtigen Ebene. Den Gehweg bildeten Bretter, die mehr oder minder locker waren und beim Darauftreten gerne klapperten. Mitten in der Stadt, den Läden gegenüber, befand sich die, allen Städten jenseits des Felsengebirges angeborene ›Plaza‹ – ein großer, offener, ebener Platz mit einem Freiheitsbaum in der Mitte, sehr geeignet zu öffentlichen Versteigerungen, Pferdemärkten und Volksversammlungen, sowie zum Absteigeplatz der Fuhrleute. Zwei andere Seiten der Plaza waren von Läden, Bureaus und Ställen eingefaßt. Der übrige Teil der Stadt lag ziemlich zerstreut.

[1] Band IV: »Leben auf dem Mississippi – Nach dem fernen Westen.«

Auf der Poststation und auf dem Wege zum Gouverneur wurden wir verschiedenen Bürgern vorgestellt, darunter einem Herrn Harris, der sich zu Pferde befand. Derselbe begann ein Gespräch, unterbrach sich jedoch mit der Bemerkung: »Ich muß Sie auf einen Augenblick um Entschuldigung bitten; dort drüben steht der Zeuge, der geschworen hat, ich sei bei der Beraubung der kalifornischen Post beteiligt gewesen – eine ganz unverschämte Einmischung, da ich mit dem Menschen gar nicht bekannt bin.«

Darauf ritt er hin und machte dem Betreffenden Vorhalt mit einem sechsläufigen Revolver, wogegen sich dieser mit dem seinigen entschuldigte. Als die Pistolen leer waren, nahm der Unbekannte sein Geschäft (er flickte sich seine Peitschenschnur) wieder auf, während Herr Harris mit höflichem Bückling an uns vorbei nach Hause ritt. Er hatte eine Kugel durch den einen Lungenflügel und mehrere in die Hüften bekommen, und die kleinen Blutströme, die dem Pferd über die Flanken liefen, gaben dem Tier ein ganz malerisches Aussehen. Ich habe später, so oft ich Harris nach jemand schießen sah, immer wieder an jenen ersten Tag in Carson denken müssen.

Weiter sahen wir an diesem Tage nichts, denn es war zwei Uhr, und nach Landessitte brach jetzt der tägliche ›Washoe-Zephyr‹ los. Mit demselben kam eine aufsteigende Staubwehe, etwa von der Größe der Vereinigten Staaten, welche Nevadas Hauptstadt unsern Blicken entzog. Indes gab es dabei doch mancherlei zu sehen, was für Neuangekommene nicht ganz uninteressant war; denn die mächtige Staubwolke war dicht betüpfelt mit Dingen, die den höheren Luftschichten fremd sind, lebenden und toten, die zwischen den sich fortwälzenden Staubwirbeln hin und her flatterten, gingen und kamen, auftauchten und wieder verschwanden – mit Hüten, Hühnern und Sonnenschirmen, die hoch oben am Himmel hinsegelten; mit Decken, Blechschildern, Salbeigestrüpp und Schindeln, die etwas tiefer hin flogen; noch weiter unten mit Strohmatten und Büffellederröcken; mit Schaufeln und Kohlenkasten in der nächsten Luftschicht; Glasthüren, Katzen und kleinen Kindern in der folgenden; zerbrochenen Bretterzäunen, leichten Einspännern und Schubkarren in der nächsten; und zu unterst, bis zu höchstens dreißig oder vierzig Fuß Höhe über dem Boden, wehte ein Wirbelsturm auswandernder Dächer und leerer Bauplätze hin.

Es war wirklich etwas zu sehen dabei. Ich hätte noch mehr sehen können, wäre ich imstande gewesen, mir die Augen staubfrei zu halten.

Aber in allem Ernst, ein Washoe-Wind ist durchaus keine Kleinigkeit. Er bläst schwächliche Häuser um, nimmt gelegentlich Schindeldächer mit, rollt Blechdächer zusammen wie Notenhefte, weht dann und wann eine Postkutsche um und verschüttet die Reisenden; und als die Ursache der vielen Kahlköpfe dort zu Lande hört man überall angeben, der Wind wehe den Leuten die Haare vom Kopfe, während sie himmelwärts nach ihren Hüten schauen. Die Straßen der Stadt bieten an Sommernachmittagen meist ein recht belebtes Bild, da stets eine Menge Leute Jagd auf ihre entweichenden Hüte machen, wie Stubenmädchen auf eine Spinne.

Der Washoe-Zephyr (Washoe ist ein beliebter Spitzname für Nevada) ist eigentlich ein recht schriftmäßiger Wind, insofern kein Mensch weiß, ›von wannen er kommt‹, d. h. wo er entsteht. Er kommt geradeswegs über die Berge aus Westen, aber jenseits der Kammhöhe, auf der andern Seite drüben, ist nichts von ihm zu entdecken. Er wird vermutlich auf der Höhe des Gebirges eigens hergestellt und fliegt von dort aus; er ist zur Sommerszeit ein recht pünktlicher Wind. Seine Geschäftsstunden währen von zwei Uhr nachmittags bis zum nächsten Morgen um dieselbe Stunde, und wer sich während dieser zwölf Stunden auf eine Reise wagt, muß mit dem Winde rechnen, will er nicht ein paar Meilen leewärts von seinem Ziel anlangen. Und doch ist das erste, worüber sich ein Besucher aus Washoe in S. Francisco beklagt, daß dort die Seewinde so heftig wehen. So ist der Mensch nun einmal!

Den Staatspalast des Gouvernements von Nevada entdeckten wir in einem einstöckigen weißen Bretterhause, das im Innern zwei kleine Zimmer enthielt und an der Stirnseite – der Großartigkeit halber – einen auf Stützen ruhenden Dachstock hatte; es zwang dem Bürger Hochachtung ab und erfüllte den Indianer mit Ehrfurcht. Die unlängst eingetroffenen richterlichen Beamten des Territoriums, der Ober- und der Hilfsrichter, und was sonst zur Regierungsmaschinerie gehörte, waren weniger glänzend untergebracht. Sie wohnten rings umher in Privathäusern zur Miete und hatten ihre Amtslokale in ihren Schlafstuben. Mein Bruder, (›Mr. Secretary‹) und ich schlugen unser Quartier in dem ›Ranch‹ einer würdigen französischen Dame auf. Sie hieß Bridget O’Flannigan und gehörte zur Gefolgschaft Sr. Excellenz des Gouverneurs. In seinen guten Tagen, als er Oberbefehlshaber der hauptstädtischen Polizei in New York war, hatte sie ihn gekannt und wollte ihn nun in seinem Mißgeschick als Gouverneur von Nevada auch nicht verlassen. Unsere Stube lag im unteren Stock und ging auf die Plaza hinaus, und nachdem wir unser Bett, einen kleinen Tisch, zwei Stühle, den feuerfesten Schrank der Regierung und das Konversationslexikon darin untergebracht hatten, war immer noch Raum genug für einen Besuch vorhanden – vielleicht sogar für zwei, aber nicht ohne Dehnung der Wände. Uebrigens konnten die Wände eine solche vertragen – wenigstens die Zwischenwände, denn sie bestanden lediglich aus einer einzigen Schicht groben Baumwollstoffes, der von einer Zimmerdecke zur andern ausgespannt war. Dies war die Regel in Carson, eine Zwischenwand anderer Art bildete eine seltene Ausnahme. Wenn man in seinem dunkeln Zimmer stand, die Zimmernachbarn dagegen Licht brannten, so erzählten die Schatten an dem Tuch oft merkwürdige Geheimnisse! Sehr häufig waren diese Zwischenwände aus zusammengehefteten alten Mehlsäcken hergestellt; dann war der Unterschied zwischen der gemeinen Herde und der Aristokratie nur der, daß die gemeine Herde schmucklose Säcke hatte, während die Wände des Aristokraten durch rudimentäre Fresken, d. h. rote und blaue Mühlenzeichen auf den Säcken, Staunen erregten. Gelegentlich verschönerten die besseren Stände auch ihr Sackleinen durch Aufkleben von Holzschnitten aus Harpers Wochenschrift; nicht selten verstiegen sich die Wohlhabenden und Gebildeten sogar bis zu Spucknäpfen und andern Beweisen eines kostspieligen und üppigen Geschmackes. Wir besaßen einen Teppich und ein Waschbecken von echtem Steingut. Infolgedessen wurden wir von den übrigen Insassen des Ranchs der Dame O’Flannigan rücksichtslos gehaßt. Als wir gar noch einen bemalten Fenstervorhang von Wachsleinwand dazu anschafften, waren wir einfach unseres Lebens nicht mehr sicher. Um Blutvergießen zu verhüten, zog ich eine Treppe höher und schlug mein Quartier bei den titellosen Plebejern in einer der vierzehn weißen, schmalen Bettstellen aus Fichtenholz auf, die in zwei langen Reihen in dem einzigen Zimmer standen, welches das zweite Stockwerk bildete.

Sie waren eine lustige Gesellschaft, die vierzehn. Meist hatten sie sich aus freien Stücken dem Gouverneur angeschlossen. Als sie in New York und San Francisco zu seiner Gefolgschaft stießen, hatten sie sich gesagt, daß sie bei der Balgerei um Aemtchen und sonstige im Territorium abfallende Brocken nichts zu verlieren, vielmehr vernünftigerweise eher vielleicht etwas zu gewinnen hätten. Sie hießen im Volksmund ›die irische Brigade‹, obwohl sich unter der ganzen Umgebung des Gouverneurs nur vier oder fünf Irländer befanden. Die gutmütige Excellenz war sehr verdrießlich über das Gerede, das seine Leibgarde hervorrief – besonders, als sich das Gerücht verbreitete, es seien bezahlte Meuchelmörder, die er sich mitgebracht habe, um erforderlichen Falles die demokratischen Wahlstimmen in der Stille zu vermindern!

Frau O’Flannigan gab ihnen Kost und Wohnung für je zehn Dollars die Woche, und sie gaben dagegen fröhlich ihre Schuldverschreibungen. Sie waren damit völlig zufrieden. Dagegen fand Bridget bald, daß uneinlösbare Schuldscheine doch keine genügende Sicherheit für eine Fremdenpension in Carson City bilden. So lag sie nun dem Gouverneur in den Ohren, für die ›Brigade‹ eine Beschäftigung aufzutreiben. Sie sowohl als die Leute selbst setzten ihm so lange zu, bis er in eine gelinde Verzweiflung geriet und schließlich die Brigade antreten ließ. »Meine Herren,« redete er sie an, »ich habe eine einträgliche und ersprießliche Thätigkeit für Sie ausgesonnen – eine Thätigkeit, welche Ihnen Erholung inmitten herrlicher Landschaften gewähren und Ihnen ununterbrochen Gelegenheit verschaffen wird, Ihren Geist durch Beobachtung und Studium zu bereichern. Ich wünsche die Möglichkeit der Anlegung einer Eisenbahn von Carson aus nach Westen bis zu einem gewissen Punkte festzustellen. Beim Zusammentritt der Legislatur werde ich dafür sorgen, daß das erforderliche Gesetz durchgeht und eine entsprechende Summe bewilligt wird.«

»Wie, eine Eisenbahn über die Sierra Nevada?«

»Jawohl, – und Sie sollen zu diesem Zweck die Gegend ostwärts bis zu einem gewissen Punkte untersuchen!«

Er machte die einen zu Vermessern, die andern zu Kettenträgern u. s. w.; dann ließ er sie los in die Wüste. Das war eine Erholung, daß es eine Art hatte! Erholungsfußtouren, auf denen sie die Meßketten durch Sand und Salbeigestrüpp schleppten unter einer schwülen Sonne und zwischen Ochsengerippen, Cayoten und Taranteln. Es war die reinste, höchste Romantik! Sie betrieben die Vermessung sehr langsam, sehr bedächtig, sehr sorgfältig. Während der ersten Woche kehrten sie alle Abende staubbedeckt, fußkrank, müde und hungrig, aber höchst vergnügt zurück. Sie brachten einen großen Vorrat ungeheurer haariger Spinnen – Taranteln – mit, die sie im oberen Zimmer des Ranch in zugedeckte Biergläser einsperrten. Nach Verlauf der ersten Woche mußten sie im freien Feld kampieren, denn sie waren tüchtig nach Osten vorgerückt. Sie erkundigten sich sehr eifrig nach der Lage jenes im unklaren gelassenen ›gewissen Punktes‹, ohne jedoch Aufschluß darüber zu erhalten. Endlich, auf eine besonders dringende Anfrage: »Wie weit östlich?« telegraphierte Gouverneur Nye zurück: »Bis zum atlantischen Ozean, Ihr Teufelsbraten! – über den schlagt eine Brücke und macht, daß ihr hinüber kommt!«

Darauf hin kamen die bestaubten Packesel zurück, die nun einen Bericht einreichten und ihre Arbeit einstellten. Der Gouverneur nahm die Sache fortwährend höchst gemütlich; er meinte, da Frau Flannigan sich wegen des Unterhalts der Brigade doch in jedem Falle irgendwie an ihn halten werde, so wolle er sich mit den Jungens auch so viel Spaß machen, als möglich; er gedenke, setzte er mit freundlichem Augenzwinkern hinzu, sie mit ihren Vermessungen bis nach Utah hinein zu schicken und dann an Brigham zu telegraphieren, er solle sie wegen Grenzverletzung hängen lassen.

Die Vermesser brachten immer noch mehr Taranteln mit, so daß wir schließlich eine ganze Menagerie auf Brettern und Fenstersimsen im Zimmer aufgestellt hatten. Manche von diesen Spinnen konnten ihre haarigen muskulösen Beine über eine gewöhnliche Untertasse auseinander sperren; und wenn ihre Gefühle verletzt wurden oder man ihrer Würde zu nahe trat, so mußte man sie nach ihrem Ausdruck für die heillosesten Halunken im ganzen Tierreich halten. Bei jeder noch so leisen Berührung ihrer gläsernen Gefängnisse waren sie in einem Augenblick auf den Beinen und kampfgerüstet. In der ersten Nacht nach der Rückkehr der Brigade wehte wie gewöhnlich ein wütender Zephyr, der um Mitternacht das Dach eines benachbarten Stalles fortblies, so daß eine Ecke desselben krachend durch unsern Ranch hereingefahren kam. Es erfolgte ein gleichzeitiges Erwachen, eine geräuschvolle Musterung der Brigade im Dunkeln und ein allgemeines Stolpern und Uebereinanderpurzeln in dem schmalen Gange zwischen den Bettreihen. Mitten in dem Getümmel fuhr Bob H.– aus seinem gesunden Schlafe auf und stieß dabei mit dem Kopfe ein Brett herunter. Im selben Augenblick schrie er:

»Reißt aus, Jungens, die Taranteln sind los!«

Einen gräßlicheren Alarmruf hätte es nicht geben können. Niemand wagte mehr das Zimmer zu verlassen aus Furcht, auf eine Tarantel zu treten. Jeder tappte nach einem Koffer oder einem Bett und schwang sich hinauf. Dann folgte die eigentümlichste Stille – eine Stille gräßlicher Spannung, voll Erwartung, Hoffnung, Furcht. Es war pechfinster, und um das Schauspiel der vierzehn zu genießen, wie sie in höchst mangelhafter Toilette ängstlich auf Koffern und Betten hockten, mußte man sich schon mit der Einbildungskraft behelfen, denn zu sehen war schlechterdings nichts. Dann folgten gelegentlich kleine Unterbrechungen der Stille; man konnte an der Stimme erkennen, wer sprach und wo der Betreffende sich befand; auch vermochte man zu unterscheiden, aus welcher Richtung die sonstigen Geräusche kamen, die einer der armen Dulder durch sein Herumtappen oder eine Aenderung seiner Körperlage verursachte. Die ab und zu vernehmbaren Stimmen waren nicht sehr gesprächig – man hörte nur ein schwaches ›Au!‹ gefolgt von einem tüchtigen Aufstampfen; dann wußte man, daß der betreffende Herr einen haarigen Teppich oder sonst etwas dergleichen auf der Haut gespürt und daraufhin einen Satz aus dem Bette auf den Stubenboden gemacht hatte. Darnach wieder tiefe Stille. Jetzt rief eine nach Luft schnappende Stimme:

»Mi-mir krabbelt etwas hinten am Hals hinauf!« Alle Augenblicke konnte man einen halbunterdrückten Schrei, ein schwaches Strampeln und ein angstvolles ›ach, Herrgott!‹ vernehmen – zum Zeichen, daß einer sich vor etwas zurückzog, was ihm wie eine Tarantel vorkam, und zwar ohne Zeitverlust. Nun schrie auf einmal hinten in der Ecke eine Stimme laut und wild auf:

»Ich hab’ ihn! Ich hab’ ihn!« (Hierauf Pause, während der die Verhältnisse sich vermutlich änderten.) »Nein, er hat mich! O, geht denn gar niemand und holt eine Laterne?«

In dem Augenblick erschien die Laterne in den Händen der Frau O’Flannigan. Nachdem diese aus dem Bett gestiegen und Licht gemacht, hatte sie trotz ihrer Begier, sich von der Größe des durch das feindliche Dach angerichteten Schadens zu überzeugen, wohlweislich nicht unterlassen, eine angemessene Weile zu warten, bevor sie oben nachsah, ob der Wind jetzt fertig oder noch mehr Unthaten vorhabe.

Die Scenerie, welche sich enthüllte, als plötzlich der Schein der Laterne ins Zimmer strahlte, war malerisch und wäre vielleicht manchen Leuten komisch vorgekommen, für uns war sie es nicht. Wir saßen zwar in höchst wunderlicher Stellung und in einem nicht minder wunderlichen Aufzug auf Kisten, Koffern und Betten herum, allein wir hatten viel zu große Angst und fühlten uns zu unbehaglich, um etwas Komisches darin zu finden; so war denn nirgends auch nur der Schein eines Lächelns zu bemerken. Was mich betrifft, so kann ich mir nichts Aergeres vorstellen als die Pein, die ich während der wenigen Minuten voll angstvoller Spannung im Dunkeln, umgeben von diesen kriechenden, blutgierigen Taranteln, erduldet hatte. In kaltem Todesschweiß war ich von Bett zu Bett, von Kiste zu Kiste gehüpft, und so oft ich an etwas Stacheligem streifte, bildete ich mir bereits ein, ich spüre die Fänge.

Ich ginge lieber in den Krieg, als dieses Vorkommnis noch einmal mitzumachen. Es war übrigens niemand zu Schaden gekommen. Derjenige welcher glaubte, eine Tarantel ›habe ihn‹, irrte sich gründlich – er hatte sich nur die Finger in einen Kistenspalt geklemmt. Von den entwichenen Taranteln wurde keine jemals mehr gesehen; es waren zehn oder zwölf gewesen. Wir durchsuchten das Zimmer mit Licht von oben bis unten, jedoch ohne Erfolg. Dann gingen wir wohl zu Bette? O nein! Alles Gold der Welt hätte uns nicht dazu gebracht. Wir blieben die Nacht vollends auf, spielten ›Cribbage‹ und hielten scharfe Ausschau nach dem Feinde.


Zweites Kapitel.

Es war Ende August, der Himmel war wolkenlos und das Wetter prachtvoll. Im Laufe einiger Wochen hatte mich das merkwürdige neue Heimatland wunderbar bezaubert, und ich nahm mir vor, meine Rückkehr nach den ›Staaten‹ einige Zeit aufzuschieben. Ich hatte mich völlig daran gewöhnt, einen schadhaften Schlapphut, ein blaues Wollhemd und die Hosen in den Stiefelschäften zu tragen und war stolz auf den Mangel von Rock, Weste und Hosenträgern. Es war mir so rüpelhaft und ›großschnäuzig‹ zu Mute (wie der Historiker Josephus sich in seinem schönen Kapitel über die Zerstörung des Tempels ausdrückt). Ein so schönes und romantisches Leben konnte es nicht wieder geben, davon war ich fest überzeugt. Ich war zwar Regierungsbeamter, allein das diente nur zum äußeren Glanz. Das Amt war eine reine Sinekure. Ich hatte nichts zu thun und bezog keinen Gehalt. Ich war Privatsekretär Sr. Majestät des Sekretärs und für zwei gab es noch nicht Schreiberei genug. So widmete ich meine Zeit dem Vergnügen in Gesellschaft von Johnny K.–, dem jungen Sohn eines Nabobs in Ohio, der sich hier zu seiner Erholung aufhielt. Er fand diese auch. Wir hatten von der wundersamen Schönheit des Tahoe-Sees reden hören und schließlich trieb uns die Neugier, denselben in Augenschein zu nehmen. Drei oder vier Mitglieder der Brigade waren dort gewesen, hatten ein paar Holzschläge an seinen Ufern abgegrenzt und in ihrem Lager einen Vorrat von Lebensmitteln zurückgelassen. Wir schnallten uns ein paar wollene Decken auf den Rücken, nahmen jeder eine Axt und machten uns auf – denn wir wollten uns auch einen Waldranch oder so etwas anlegen und vornehme Leute werden.

Wir waren zu Fuß. Der Leser wird es vorteilhafter finden, zu reiten. Man sagte uns, es sei elf Meilen Weges. Lange marschierten wir auf ebenem Boden, dann klommen wir mühsam einen vielleicht tausend Fuß hohen Berg hinauf und hielten Umschau. Kein See da. Wir stiegen auf der andern Seite wieder hinunter, gingen über die Thalmulde hinüber und quälten uns noch einen Berg hinauf, der uns drei- bis viertausend Fuß hoch vorkam, um abermals Umschau zu halten. Noch immer kein See. Müde und schweißtriefend setzten wir uns nieder und mieteten uns ein paar Chinesen, um die Leute zu verfluchen, die uns zum besten gehabt hatten. Nach dieser Erfrischung nahmen wir unsern Marsch mit erneuter Kraft und Entschlossenheit abermals auf. Zwei oder drei Stunden schleppten wir uns noch weiter, bis endlich mit einemmal der See vor uns lag – eine herrliche blaue Wasserfläche, sechstausend dreihundert Fuß über dem Meeresspiegel und von einer Kette schneebedeckter Berggipfel umrahmt, die sich noch volle dreitausend Fuß höher auftürmten. Es war ein riesiges Oval von reichlich achtzig bis hundert Meilen Umfang. Wie er so dalag, während die Schattenbilder der Berge sich herrlich auf seiner stillen Oberfläche wiederspiegelten, war ich überzeugt, daß es sicherlich auf der ganzen Erde kein schöneres Bild geben könne.

Wir fanden den kleinen Kahn, welcher der Brigade gehörte, und fuhren ohne Zeitverlust über eine tiefe Einbuchtung des Sees auf die Meßstangen zu, welche das Lager bezeichneten. Ich ließ Johnny rudern – nicht aus Scheu vor der Anstrengung, sondern weil mir übel davon wird, wenn ich beim Arbeiten rückwärts fahre. Dagegen steuerte ich. Nach einer Fahrt von drei Meilen langten wir gerade mit Einbruch der Nacht an dem Lager an; todmüde und mit einem wahren Wolfshunger stiegen wir ans Land. In einer Höhlung unter den Felsen fanden wir die Vorräte und das Kochgeschirr und nun setzte ich mich trotz meiner Erschöpfung auf einen Felsblock und beaufsichtigte die Zurüstungen, während Johnny Holz sammelte und das Essen bereitete. Mancher, der so viel geleistet hatte, wie ich, hätte sich wohl vor allem nach Ruhe gesehnt.

Es gab ein köstliches Essen – warmes Brot, gebratenen Speck und schwarzen Kaffee. Und die Einsamkeit, die uns umgab, war ebenfalls köstlich. Drei Meilen entfernt befand sich eine Sägemühle mit einigen Arbeitern, außerdem gab es im ganzen weiten Umkreis des Sees keine fünfzehn menschliche Wesen. Als die Dunkelheit herabsank und die Sterne herauf kamen, so daß der gewaltige Spiegel wie ein Juwelenschmuck strahlte, schmauchten wir beschaulich unsere Pfeifen in der feierlichen Stille und vergaßen alle Sorgen und Schmerzen. Als es Zeit war, breiteten wir unsere Decken über den warmen Sand zwischen zwei großen Felsstücken und schliefen bald ein, unbekümmert um die Ameisen, welche in langer Reihe uns in die Kleider krochen und uns bis auf die Haut untersuchten. Den Schlaf, der uns umfing, vermochte nichts zu stören, denn wir hatten ihn redlich verdient, und wenn unser Gewissen uns irgend welcher Sünden beschuldigte, so mußte es das Gericht für diese Nacht unter allen Umständen vertagen. Der Wind erhob sich gerade, als uns das Bewußtsein schwand, und das Anprallen der Brandung am Ufer lullte uns in Schlummer.

Es ist nachts stets sehr kalt am Rande dieses Sees, allein wir waren gut mit Decken versehen, die uns hinreichend wärmten. Die ganze Nacht rührten wir kein Glied; in aller Morgenfrühe erwachten wir noch in derselben Lage, die wir abends eingenommen, um sofort aufzuspringen, gründlichst erfrischt, frei von Unbehagen und zum Uebersprudeln voll von neuer Spannkraft. So etwas stärkt über alle Begriffe. Heute wären wir mit zehn so hundemüden Leuten fertig geworden, wie wir tags zuvor waren. In unserer Zeit brauchen viele Menschen ihrer Gesundheit wegen Wasser- und Terrainkuren und gehen in fremde Länder. Drei Monate Lagerleben am Tahoe-See würde einer ägyptischen Mumie ihre urzeitliche Lebenskraft wieder geben, und einen Appetit bekäme sie dadurch wie ein Alligator. Damit meine ich natürlich nicht die ältesten und die trockensten Mumien, sondern die frischeren. Die Luft da oben in den Wolken ist gar rein und schön, gar frisch und köstlich. Und warum auch nicht? – Ist es doch dieselbe, welche die Engel atmen. Ich glaube, man würde die entsetzlichste Müdigkeit, die man sich überhaupt vorstellen kann, in einer Nacht auf dem Sande am Ufer dieses Sees sicher wegschlafen. Nicht unter einem Dach, sondern unter freiem Himmel. Es regnet dort im Sommer selten oder nie. Ich kenne jemand, der sterbenskrank dorthin ging; aber es wurde nichts mit dem Sterben. Als ein Gerippe kam er an und konnte sich kaum auf den Füßen halten; er hatte keinen Appetit und that nichts als Traktätchen lesen und über die Zukunft grübeln. Drei Monate darauf schlief er regelmäßig im Freien, aß dreimal am Tage so viel in ihn hineinging und pürschte zur Erholung dreitausend Fuß hoch im Gebirge dem Wilde nach. Dabei war er kein Gerippe mehr, sondern hatte ein beträchtliches Gewicht aufzuweisen. Das ist kein Hirngespinst, es ist die reine Wahrheit. Er hatte an der Schwindsucht gelitten. Ich empfehle seine Erfahrung vertrauensvoll anderen Gerippen zur Nachahmung.

Ich begnügte mich wiederum mit der Oberaufsicht über die Küche. Sofort nach dem Frühstück stiegen wir ins Boot und ruderten drei Meilen am Seegestade entlang; dann stiegen wir aus. Die Stelle gefiel uns, deshalb nahmen wir etwa dreihundert Morgen davon in Besitz und schnitten unser Merkzeichen in einen Baum. Es war ein Bestand von gelben Fichten – ein dichter Wald von Bäumen, hundert Fuß hoch und bis auf fünf Fuß im Durchmesser über der Wurzel. Wir mußten unser Besitztum jedoch einzäunen, anders konnten wir es nicht behaupten, d. h. wir mußten da und dort einen Baum fällen, und zwar so, daß dadurch eine Art Einfriedigung mit ziemlich weiten Lücken entstand. Wir fällten jeder drei Bäume, fanden jedoch, daß es eine so herzbrechende Arbeit war, daß wir beschlossen, es dabei bewenden zu lassen; sicherten sie unser Eigentum – gut und schön, wenn nicht – nun so mochte es durch die Lücke auslaufen und von dannen fließen; tot quälen wollten wir uns nicht um ein paar elende Morgen Land. Tags darauf kamen wir zurück, um ein Haus aufzuschlagen; denn ein Haus war gleichfalls notwendig, wenn wir unsern Besitz behaupten wollten.[2] Wir beschlossen, ein tüchtiges Blockhaus zu bauen, das den Neid der Jungen von der Brigade erregen sollte. Als wir jedoch den ersten Klotz gehauen und zurecht gezimmert hatten, kam es uns unnötig vor, soviel Sorgfalt darauf zu verwenden, und wir beschlossen, es aus dünnen Stämmchen zu erbauen. Indessen sahen wir uns nach dem Zuhauen und Abputzen zweier Stämmchen zur Anerkennung der Thatsache genötigt, daß selbst eine noch bescheidenere Architektur dem Gesetze Genüge thun würde, worauf wir beschlossen, unser Haus aus Reisig zu errichten. Wir widmeten dieser Arbeit den folgenden Tag, leisteten jedoch soviel im Herumsitzen und Schwatzen, daß wir erst um die Mitte des Nachmittags ein halbwegs fertiges Ding zu stande gebracht hatten. Während einer von uns Strauchwerk abhieb, mußte der andere unsern Bau bewachen, wir würden ihn sonst am Ende nicht wiedergefunden haben, wenn wir ihm beide den Rücken kehrten. Er hatte eine gar so starke Familienähnlichkeit mit dem ihn umgebenden Buschwerk. Wir waren indes damit zufrieden.

[2] Um Regierungsland unentgeltlich zu bekommen, mußte ein Ansiedler in gewisser Zeit ein Blockhaus gebaut und sonstige Arbeiten auf dem von ihm beanspruchten Boden verrichtet haben.

So waren wir nun Landbesitzer, in aller Form installiert und unter dem Schutze des Gesetzes. Wir beschlossen deshalb, unsern Wohnsitz auf unserem eigenen Grund und Boden aufzuschlagen und uns jenes großen Gefühls der Unabhängigkeit zu erfreuen, das nur eine solche Erfahrung verleihen kann. Spät am folgenden Nachmittag fuhren wir nach einer herrlichen und langen Rast von dem Lager der Brigade weg, samt allen Vorräten und Kochgeschirren, die wir fortbringen konnten, und zogen gerade mit Einbruch der Nacht das Boot auf unserem eigenen Landungsplatze an den Strand.

Wenn es irgend ein glücklicheres Leben giebt, als dasjenige, welches wir von nun an zwei oder drei Wochen lang in unserer Waldhütte führten, so muß das eine Sorte Leben sein, die ich weder aus Büchern, noch aus eigener Erfahrung kennen gelernt habe. Wir sahen während der ganzen Zeit außer uns selbst kein lebendes Wesen und vernahmen keine anderen Töne als diejenigen, welche Wind und Wellen hören ließen, das Seufzen der Fichten und dann und wann den fernen Donner einer Lawine. Der Wald um uns war dicht und kühl, der Himmel über uns erstrahlte in wolkenlosem Sonnenschein, der breite See vor uns war je nach der Stimmung der Natur bald klar wie Kristall, bald von einem Lufthauch leicht gekräuselt und bald schwarz und sturmbewegt. Die ihn im Kreise überragenden Bergkuppen aber, mit Waldesgrün bekleidet, von Bergrutschen zerrissen, durch Schluchten und Thäler gespalten und mit Hauben glitzernden Schnees bedeckt, bildeten den passenden Rahmen und Abschluß zu dem herrlichen Bilde. Die Aussicht war stets fesselnd, bezaubernd, entzückend; nie wurde das Auge müde zu schauen, bei Nacht oder Tag, bei Ruhe oder Sturm; es kannte nur einen Schmerz, nämlich, daß es nicht ununterbrochen schauen durfte, sondern bisweilen sich zum Schlafe schließen mußte.

Wir schliefen im Sande, hart am Rande des Wassers, zwischen zwei schützenden Felsblöcken, die dafür sorgten, daß die stürmischen Nachtwinde uns nichts anhaben konnten. Ohne Schlafmittel schliefen wir stets ein und mit dem ersten Tagesgrauen waren wir wieder auf und liefen gleich um die Wette, um unser überschäumendes Kraftgefühl und unsere übermütige Laune etwas herabzustimmen, d. h. Johnny lief – und ich hielt indessen seinen Hut. Während wir dann nach dem Frühstück die Friedenspfeife schmauchten, beobachteten wir, wie die Berggipfel auf ihrer hohen Warte sich in den Glanz der Sonne kleideten. Wir folgten dem Licht auf seinem Siegespfade, wie es zwischen den Schatten herabschoß und die in den Banden der Finsternis liegenden Felszacken und Wälder in Freiheit setzte. Wir sahen die farbigen Bilder auf dem Wasser immer größer und heller werden, bis jede kleine Einzelheit von Wald, Bergwand und Felszinne hineingewoben war und das Zauberwerk vollständig fertig vor uns lag. Dann ging es ans ›Geschäft‹, d. h. an das Herumtreiben im Boote.

Wir befanden uns am Nordufer. Hier waren die Felsen auf dem Grunde grau oder weiß. Dadurch kommt die wunderbare Durchsichtigkeit des Wassers zu vollerer Geltung als sonst irgendwo auf dem See. Gewöhnlich ruderten wir etwa hundert Ellen weit hinaus vom Ufer, dann legten wir uns im Sonnenschein auf die Sitzbretter und ließen das Boot treiben, wohin es wollte. Selten sprachen wir ein Wort; das hätte nur die Sabbatstille unterbrochen und uns in den Träumen gestört, die wir unserer üppigen Ruhe und Trägheit verdankten. Das Ufer war allenthalben durch tiefe Buchten und Baien ausgezackt, die von schmalen Sandbänken begrenzt wurden; wo der Sand endete, stiegen die schroffen Bergwände in den Himmelsraum auf, wie eine ungeheure, fast senkrechte Mauer, die dicht mit hochragenden Fichten bewachsen ist.

So eigentümlich klar war das Wasser, daß es an Stellen, wo die Tiefe bloß zwanzig bis dreißig Fuß betrug, den Grund mit einer Deutlichkeit erkennen ließ, welche die Täuschung hervorrief, als schwämme das Boot in der Luft. Ja, dies war sogar an Stellen von achtzig Fuß Tiefe der Fall.

Jeder kleine Kiesel war deutlich sichtbar, jede gefleckte Forelle, jede Handbreit Sand. Oft, wenn wir mit dem Gesicht nach unten da lagen, tauchte ein granitner Block, scheinbar so groß wie eine Dorfkirche, blitzschnell vom Grunde nach der Oberfläche zu herauf, bis er plötzlich unsere Gesichter zu berühren drohte und wir dem Antrieb, nach einem Ruder zu greifen und die Gefahr abzuwenden, nicht zu widerstehen vermochten. Aber das Boot schwamm weiter, der Block senkte sich wieder, und wir konnten sehen, daß er, als wir uns genau über ihm befanden, immer noch zwanzig bis dreißig Fuß unter der Oberfläche gewesen sein mußte. In diesen großen Tiefen war das Wasser nicht mehr bloß einfach durchsichtig, sondern geradezu leuchtend und strahlend. Alle durch dasselbe gesehenen Gegenstände zeigten sich nicht nur in allgemeinen Umrissen, sondern bis zur kleinsten Einzelheit, mit solchem Glanz und solcher Klarheit, wie dies nicht der Fall gewesen sein würde, hätte man sie durch eine Luftschicht von derselben Tiefe hindurch gesehen. Der ganze Raum da unten kam uns so leer und luftig vor, und wir hatten so lebhaft das Gefühl, hoch darüber, mitten im Nichts hinzuschwimmen, daß wir diese Ausflüge im Boote unsere ›Luftballon-Reisen‹ nannten.

Wir fischten fleißig, fingen aber im Durchschnitt kaum einen Fisch in der Woche. Wir konnten Forellen zu Tausenden unter uns durch den leeren Raum hinschwimmen oder an Sandbänken auf dem Grunde schlafen sehen, aber anbeißen wollten sie nicht – vielleicht, daß sie die Angelschnur zu deutlich unterscheiden konnten. Oftmals lasen wir uns eine Forelle aus, die wir gerne haben wollten und ließen ihr den Köder mit unermüdlicher Geduld achtzig Fuß tief drunten dicht vor der Nase baumeln; aber sie schüttelte denselben nur verdrießlich ab und nahm eine andere Stellung ein.

Gelegentlich badeten wir, doch war das Wasser, obwohl es so sonnig aussah, ziemlich frisch. Manchmal ruderten wir hinaus nach dem ›blauen Wasser‹, eine oder zwei Meilen vom Ufer. Das Wasser war dort ganz dunkelblau wie Indigo wegen der ungeheuren Tiefe. Der amtlichen Messung zufolge ist der See in der Mitte 1525 Fuß tief!

Bisweilen streckten wir uns an müßigen Nachmittagen auf den Sand hin und lasen bei einer Pfeife ein paar alte abgegriffene Erzählungen. Abends am Lagerfeuer spielten wir zur Herzstärkung ›Euchre‹ und ›Seven Up‹, und zwar mit so fettigen und schäbigen Karten, daß nur eine den ganzen Sommer fortgesetzte Bekanntschaft mit ihnen es ermöglichte, bei gehöriger Aufmerksamkeit das Kreuz-Aß vom Schellen-Buben zu unterscheiden.

In unserm ›Hause‹ schliefen wir niemals; das kam uns gar nicht in den Sinn; überdies hatten wir es ja nur gebaut, um das Anrecht auf Grund und Boden zu erhalten, und das genügte. Zuviel zumuten wollten wir ihm nicht.

Allmählich begannen unsere Lebensmittel knapp zu werden; wir kehrten deshalb ins alte Lager zurück, um neue Vorräte zu holen. Wir waren den ganzen Tag fort und kamen erst mit Einbruch der Nacht ziemlich müde und hungrig wieder heim. Während Johnny die Hauptmasse der Lebensmittel zu späterem Gebrauch in unser Haus trug, schaffte ich den Brotlaib, etliche Schinken und den Kaffeetopf ans Ufer, stellte die Sachen an einem Baum ab, zündete ein Feuer an und ging dann nach dem Boote zurück, um die Bratpfanne zu holen. Unterwegs hörte ich einen Schrei von Johnny, und als ich aufblickte, sah ich mein Feuer über die ganze Umgegend hingaloppieren. Johnny befand sich jenseits desselben und mußte durch die Flammen hindurchlaufen, um das Seeufer zu gewinnen; dann standen wir hilflos da und beobachteten die Verwüstung, die der Brand anrichtete.

Der Boden war mit einer hohen Schicht trockener Fichtennadeln bedeckt, die bei der ersten Berührung mit dem Feuer aufflammten wie Schießpulver. Es war merkwürdig anzusehen, mit wie rasender Eile die gewaltige Flammensäule sich fortbewegte. Mein Kaffeetopf war dahin und alles andere mit ihm. Nach anderthalb Minuten ergriff das Feuer einen dichten Busch trockenen Manzanita-Gesträuchs von sechs bis acht Fuß Höhe, und nun wurde das Brausen, Zischen und Prasseln geradezu fürchterlich. Die durchdringende Hitze trieb uns in das Boot, wo wir, wie durch einen Zauber gefesselt, verblieben.

Binnen einer halben Stunde war alles vor unseren Augen ein rasendes und blendendes Flammenmeer. Das Feuer brauste an den nächsten Hügelkämmen empor, überstieg dieselben und verschwand in den jenseitigen Schluchten, um dann plötzlich auf ferneren und höheren Bergrücken abermals zum Vorschein zu kommen, wo es eine noch gewaltigere Helle ausstrahlte und dann wieder untertauchte. Dann flammte es wieder auf, höher und immer höher am Bergeshang, sandte Glutströme wie Plänklerketten da und dorthin aus, die sich dann in rotglühenden Schlangenlinien zwischen fernen Bergwänden, Klippen und Schlünden hinwälzten, bis die hoch aufragenden Gebirgsstöcke, so weit das Auge reichte, von roten Lavabächen überzogen waren, die einem verschlungenen Netzwerk glichen. Weithin über dem Wasser erstrahlten die Felshörner und Bergkuppen in grellrotem Glanz, und das Firmament droben flammte in einer wahren Höllenglut!

Dieses Schauspiel wiederholte sich Zug für Zug in dem glühenden Spiegel des Sees! Beide Bilder waren erhaben, beide schön, doch zeigte das Spiegelbild im See eine staunenswerte Farbenpracht, welche das Auge noch unwiderstehlicher fesselte und entzückte.

Vier lange Stunden saßen wir in uns versunken und regungslos da; wir dachten weder an Speise noch Trank und fühlten keine Ermüdung. Um elf Uhr hatte der Brand unsern Gesichtskreis überschritten und allmählich lagerte sich das Dunkel wieder über die Landschaft.

Jetzt meldete sich der Hunger; aber es gab nichts zu essen. Die Lebensmittel waren ohne Zweifel sämtlich gekocht und gebraten; doch nahmen wir sie nicht in Augenschein. Wir waren wieder heimat- und besitzlose Wandervögel. Unser Zaun war fort, unser Haus verbrannt und nicht einmal versichert gewesen. Unser Fichtenwald war gehörig versengt, die abgestorbenen Bäume sämtlich verbrannt und die weiten Strecken Manzanita-Gebüsch weggefegt. Unsere Decken indes befanden sich an unserem gewohnten Schlafplatz auf dem Sande; so legten wir uns denn nieder und schliefen ein. Am nächsten Morgen brachen wir wieder nach dem alten Lager auf, aber während wir noch eine weite Strecke vom Ufer entfernt waren, brauste ein gewaltiger Sturm heran, so daß wir nicht zu landen wagten. So schöpfte ich denn die Wasserstürze aus, die uns ins Boot schlugen, während Johnny mit Macht durch die Wogen ruderte, bis wir drei oder vier Meilen jenseits des Lagers eine gute Landungsstelle erreicht hatten. Der Sturm blies immer stärker, und es wurde uns immer klarer, daß wir besser thäten, das Boot auf gut Glück auf den Strand laufen zu lassen, als uns der Gefahr auszusetzen, in hundert Faden tiefem Wasser zu versinken. So fuhren wir denn aufs Land zu, hohe, weiße Wellenkämme hinter uns; ich saß hinten auf dem letzten Brette und lenkte die Spitze des Bootes nach dem Ufer hin. Im Augenblick, als dasselbe aufstieß, kam eine Welle über den Stern herüber, welche Mannschaft und Ladung ans Ufer spülte und uns dadurch viele Mühe und Not ersparte. Den ganzen Tag über zitterten wir hinter einem Felsblock vor Frost und froren auch die ganze Nacht hindurch. Am Morgen hatte sich der Sturm gelegt und wir ruderten ohne jeden überflüssigen Aufenthalt nach dem Lager. Wir waren dermaßen ausgehungert, daß wir den ganzen Rest des Proviants der Brigade aufaßen; dann machten wir uns nach Carson auf, um ihnen zu beichten und sie um Absolution zu bitten. Gegen Zahlung des Schadens wurde dieselbe gewährt.

Wir machten später noch manchen Ausflug nach dem See und bestanden haarsträubende Abenteuer, bei denen wir nur mit knapper Not davonkamen. Aber die Geschichte schweigt darüber.


Drittes Kapitel.

Ich kam jetzt zu dem festen Entschluß, mir ein Reitpferd anzuschaffen. Nie hatte ich, außer im Zirkus, eine so tolle, freie, prächtige Reitkunst gesehen, wie sie diese malerisch gekleideten Mexikaner, Kalifornier und mexikanisierten Amerikaner in Carson Tag für Tag zum besten gaben. Wie die ritten! Nur ein klein wenig nach vorn gebeugt, fegten sie durch die Straßen wie der Wind; die breite Krempe ihres Schlapphutes stand kerzengerade in die Höhe, und sie schwangen die lange Riata über dem Kopfe. Eine Minute darauf waren sie nur noch ein Staubwölkchen, weit draußen in der Wüste. Beim Traben waren sie stolz und anmutig auf dem Pferde, als wären sie mit demselben verwachsen und hopsten nicht auf und nieder nach der albernen Manier der Reitschulen. Ich hatte bald ein Pferd von einer Kuh unterscheiden gelernt und brannte vor Begier, noch mehr zu können; ich war entschlossen, mir ein Pferd zu kaufen. Während dieser Gedanke mir im Kopf herumschwirrte, kam der Auktionator auf einem schwarzen Tiere über die Plaza gejagt, es war höckerig und eckig wie ein Kamel und auch ebenso häßlich; allein es wurde versteigert: »zum drittenmal zweiundzwanzig – Pferd, Sattel und Zügel für zweiundzwanzig Dollars, meine Herren!« und da konnte ich kaum widerstehen.

Ein unbekannter Mann (wie sich später zeigte, war es der Bruder des Auktionators) bemerkte meine sehnsüchtigen Blicke und meinte, es sei doch für den Preis ein ganz respektables Pferd; der Sattel, fügte er bei, sei allein das Geld wert. Es war ein spanischer Sattel mit gewichtigen ›Tapidaros‹ und mit dem plumpen Ueberzug von Sohlenleder unaussprechlichen Namens. Ich sagte, ich hätte halb und halb Lust zu bieten. Darauf sah mich der Mensch mit seinen stechenden Augen an, als wollte er prüfen, wes Geistes Kind ich sei; doch ließ ich jeden Verdacht fallen, als er sprach, denn sein Wesen war voll argloser Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit.

»Ich kenne dieses Pferd, – kenne es genau,« sagte er, »Sie sind ein Fremder dem Anschein nach, und so können Sie vielleicht meinen, es sei ein amerikanisches Pferd, aber ich versichere Sie, das ist nicht der Fall. Es ist durchaus nichts dergleichen; es ist – entschuldigen Sie, wenn ich leise spreche, es sind noch mehr Leute um den Weg – es ist ohne den allermindesten Zweifel ein echter mexikanischer Stöpsel!« Ich wußte allerdings nicht, was ein echter mexikanischer Stöpsel war, allein es lag etwas so Besonderes in der Art, wie der Mann das sagte, daß ich mir im stillen gelobte, ich müsse einen echten mexikanischen Stöpsel haben, und sollte es mein Leben gelten. »Hat es sonst noch Vorzüge?« forschte ich mit unsicherer Stimme, indem ich meine Ungeduld nach Kräften zu bemeistern suchte.

Er faßte mit einem Finger in die Tasche meines Wollhemdes, zog mich beiseite und flüsterte mir mit Nachdruck ins Ohr: »Er ist im Bocken jedem über in ganz Amerika!«

»Zum dritten, zum dritten, zum drittenmal – vierundzwanzig ein halb Dollars meine Her–«

»Siebenundzwanzig!« schrie ich wie toll.

»Gehört Ihnen!« erklärte der Auktionator, und damit übergab er mir den echten mexikanischen Stöpsel.

Ich vermochte kaum meinen Jubel zurückzuhalten, bezahlte das Geld und stellte das Tier in den benachbarten Mietstall ein, damit es etwas zu fressen bekomme und sich ausruhe. Am Nachmittag nahm ich das Geschöpf mit auf die Plaza, wo ein paar Leute es an Kopf und Schwanz festhielten, während ich aufstieg. Sobald sie losließen, stellte der Gaul seine vier Füße dicht zusammen, senkte den Rücken und wölbte ihn dann wieder plötzlich, so daß er mich drei oder vier Fuß hoch in die Luft hinauf schnellte! Ich kam ganz senkrecht wieder herunter, mitten in den Sattel, flog aber augenblicklich wieder in die Höhe und wäre fast auf den hohen Sattelknopf gekommen, schoß dann ein drittesmal empor und kam jetzt auf den Hals des Gaules zu sitzen – alles im Verlauf von drei oder vier Sekunden. Nun bäumte er sich und stand fast kerzengerade auf den Hinterbeinen, während ich mich verzweifelt an seinen mageren Hals anklammerte und so in den Sattel zurückrutschte. Kaum stand er wieder auf allen Vieren, so hob er sofort die Hinterbeine und stellte sich auf die Vorderbeine, während er mit jenen ausschlug, als wollte er dem Himmel eins versetzen. Sodann begann er abermals Flugübungen mit mir anzustellen. Als ich das drittemal emporschnellte, hörte ich, wie ein Fremder sagte: »O, aber der kann einmal bocken!«

Ich schwebte noch in der Luft, als jemand dem Gaul einen schallenden Hieb mit einem Lederriemen gab, und als ich wieder herunterkam, war der echte mexikanische Stöpsel nicht mehr da. Ein junger Kalifornier jagte ihm nach, fing ihn ein und fragte, ob er einen Ritt mit ihm machen dürfe. Ich gestattete ihm diesen Hochgenuß. Er bestieg den Echten und flog ebenfalls einmal in die Höhe, rannte ihm aber, wie er herunterkam, die Sporen in die Rippen, worauf der Gaul davonging wie ein Telegramm. Er schwebte über drei Zäune wie ein Vogel und verschwand auf der Straße nach dem Washoe-Thal.

Ich ließ mich mit einem Seufzer auf einen Stein nieder und suchte unwillkürlich mit der einen Hand die Stirn, mit der andern den Magen. Ich glaube, ich hatte noch nie die Unzulänglichkeit der menschlichen Maschinerie so gründlich erkannt, – denn ich hätte mindestens eine oder zwei Hände mehr haben sollen, um sie noch an andere Stellen halten zu können. Keine Feder kann beschreiben, wie ich zusammengeschüttelt war. Keine Einbildungskraft reicht hin, um sich vorzustellen, wie ich gänzlich aus dem Leim gegangen, innerlich und äußerlich zerrissen, zerfahren und durch und durch gerüttelt war. Es hatte sich indes eine teilnehmende Schar um mich gesammelt, und ein Mann von ältlichem Aussehen spendete mir den Trost:

»Fremder, Sie sind hereingefallen. Jedermann in diesem Neste kennt dieses Pferd. Jedes Kind, jeder Indianer hätte Ihnen sagen können, daß es bocken würde; es ist im Bocken der schlimmste Teufel in ganz Amerika. Hören Sie, was ich sage. Ich bin Curry, der alte Curry, der alte Abe Curry. Der Gaul ist ein echter mexikanischer Stöpsel durch und durch und dazu noch ein ungewöhnlich niederträchtiger. Ei, Sie Tausendsapperlot, wenn Sie es gescheit angegriffen hätten, so hätten Sie vielleicht ein amerikanisches Pferd für weit weniger kriegen können, als Sie für die elende, alte, fremde Krake bezahlt haben.«

Ich sagte keine Silbe, aber ich nahm mir im stillen vor, falls der Bruder des Auktionators während meines Aufenthalts im Lande zu Grabe getragen werden sollte, alle andern Vergnügungen zu verschieben, um dieses Begräbnis nicht zu versäumen.

Nach einem Galopp von sechzehn Meilen kamen der kalifornische Jüngling und der echte mexikanische Stöpsel wieder in die Stadt gejagt. Die Schaumflocken flogen um sie herum, wie um das Flugwasser, das vor einem Wirbelsturm dahertreibt. Mit einem letzten Satz, den sie über einen Schubkarren und einen Chinesen weg machten, warfen sie vor dem Ranch Anker.

Dieses Keuchen und Schnauben! Wie die roten Nüstern des Pferdes arbeiteten und seine wilden Augen blitzten! Aber war der störrische Gaul etwa geduckt? Nein, wahrhaftig nicht. Seine Herrlichkeit der ›Sprecher des Hauses‹ glaubte das und wollte auf ihm nach dem Kapitol (Regierungsgebäude) reiten. Allein sogleich machte das Geschöpf einen Satz über einen Haufen Telegraphenstangen weg, halb so hoch wie eine Kirche, und den Weg nach dem Kapitol – eine und dreiviertel Meilen – flog es anstatt zu laufen, d. h. es sauste schnurgerade über alles hinweg, indem es Zäune und Gräben den Krümmungen der Straße vorzog. Als der Sprecher nach dem Kapitol gelangte, war er weit mehr in der Luft gewesen, als auf dem Pferderücken und meinte, ihm sei zu Mute, als habe er die Tour auf einem Kometen gemacht.

Abends kam der Sprecher zu Fuß nach Hause und ließ den ›Echten‹ hinter einem Steinwagen angebunden stehen. Tags darauf überließ ich das Tier dem Sekretär des Hauses zu einem Ritt nach der sechs Meilen entfernten Silbergrube von Dana; auch er kam (um sich Bewegung zu machen) zu Fuß zurück und ließ das Pferd angebunden stehen. Ich mochte den Gaul leihen, wem ich wollte, alle kamen zu Fuß zurück, alle meinten, es fehle ihnen sonst an der nötigen Bewegung. Trotzdem borgte ich ihn fortwährend jedem, der ihn haben wollte; ich dachte, wenn der Gaul sich dabei einen Schaden thäte, könnte ich ihn dem Betreffenden aufhalsen, oder er bräche das Genick, dann müsse mir der Reiter den Wert ersetzen. Es passierte ihm jedoch nicht das geringste. Er lieferte Stückchen, die noch nie ein Pferd geleistet hat, ohne Hals und Bein zu brechen; aber er kam immer mit heiler Haut davon. Tag für Tag unternahm er Sachen, die man sonst für unmöglich hielt, setzte aber alles durch. Manchmal verrechnete er sich allerdings ein klein wenig und brachte den Reiter in Schaden; aber ihm selbst wurde nie ein Haar gekrümmt. Natürlich hatte ich längst den Versuch gemacht, ihn zu verkaufen, doch fand dieses naive Unternehmen sehr wenig Anklang. Vier Tage lang raste der Auktionator auf ihm in den Straßen auf und ab, wobei er die Leute auseinanderjagte, den Verkehr störte und Kinder zu Boden ritt, ohne irgend ein Gebot zu erhalten – wenigstens kein anderes als die achtzehn Dollars, die ein von ihm gedungener, notorisch vermögensloser Bummler bot. Die Leute lachten nur in aller Freundlichkeit, bezwangen aber ihre Kauflust, falls eine solche überhaupt bei ihnen vorlag. Darauf behändigte mir der Auktionator seine Rechnung und zog den Gaul vom Markte zurück. Nun suchten wir denselben aus freier Hand loszuschlagen, indem wir ihn mit Verlust gegen ausrangierte Grabsteine, altes Eisen, Mäßigkeitstraktätchen – kurz gegen irgend welche Ware in Tausch anboten. Allein die Eigentümer so schöner Sachen waren auf ihrer Hut und aus dem Geschäft wurde nichts. Nie mehr machte ich den Versuch, den Gaul zu reiten. Für einen Menschen, wie ich, der nur über Brüche und andere innere Schäden u. dgl. zu klagen hatte, reichte das Gehen zur Bewegung vollständig hin. Endlich versuchte ich ihn zu verschenken, aber auch das verfing nicht. Die Leute meinten, an der Meeresküste seien die Erdbeben billig genug zu haben, – sie wollten sich nicht selber eins anschaffen. Zuletzt verfiel ich darauf, ihn dem Gouverneur zum Gebrauch für die Brigade anzubieten. Im ersten Augenblick leuchtete sein Gesicht vor Begier auf, nahm aber bald wieder einen gleichgültigeren Ausdruck an, – er meinte, die Sache wäre denn doch gar zu durchsichtig.

Gerade um diese Zeit brachte der Inhaber des Mietstalles mir seine Rechnung für sechswöchige Pflege des Gauls – Stallraum fünfzehn Dollars, Heu zweihundertfünfzig! Der echte mexikanische Stöpsel hatte eine Tonne Heu gefressen, und der Mann behauptete, wenn er ihm den Willen gelassen hätte, würde er wohl hundert Tonnen aufgefressen haben.

Ich will hier in allem Ernste bemerken, daß der gewöhnliche Preis des Heus während dieses und eines Teils des folgenden Jahres wirklich zweihundertfünfzig Dollars die Tonne betrug. Im vergangenen Jahre hatte die Tonne bisweilen fünfhundert Dollars in Gold gekostet, und im Winter vorher war der Artikel so knapp, daß kleine Vorräte gelegentlich achthundert Dollars die Tonne eingebracht hatten! Die Folgen lassen sich leicht erraten: Die Leute trieben ihr Vieh hinaus und überließen es dem Hungertode; noch ehe der Frühling ins Land kam, waren die Thäler von Carson und Eagle mit den Leichnamen der Tiere förmlich übersäet. Jeder alte Ansiedler wird dies bestätigen. Ich ermöglichte es, die Mietstallrechnung zu zahlen, und noch am selben Tage schenkte ich den ›echten mexikanischen Stöpsel‹ einem vorüberziehenden Auswanderer aus Arkansas.


Viertes Kapitel.

Nevada bildete ursprünglich einen Teil von Utah unter dem Namen Carson County, und es war das eine recht ansehnliche ›Grafschaft‹. In einigen Thälern gab es Heu in Masse und dies zog ganze Kolonieen mormonischer Viehzüchter und Farmer dorthin. Von Kalifornien aus kamen auch vereinzelt kleine Scharen rechtgläubiger Amerikaner herüber, allein die beiden Klassen von Ansiedlern waren einander nicht sehr hold. Es herrschte so gut wie gar kein freundlicher Verkehr unter ihnen, jeder Teil blieb für sich. Die Mormonen waren bedeutend in der Ueberzahl und genossen außerdem den Vorzug eines besonderen Schutzes von seiten der mormonischen Regierung des Territoriums. Deshalb konnten sie sich erlauben, hochmütig, ja selbst gebieterisch gegen ihre Nachbarn aufzutreten.

Im Jahre 1858 wurden in Carson County Silberadern entdeckt, und damit gewannen die Verhältnisse ein anderes Ansehen. Kalifornier strömten in Scharen herein und das amerikanische Element bildete bald die Mehrheit. Die Verpflichtung zum Gehorsam gegenüber Brigham Young[3] und Utah wurde aufgehoben und von den Bürgern eine provisorische Territorial-Regierung für Washoe eingerichtet. Gouverneur Roop war der erste und einzige höhere Beamte. Nach Ablauf der erforderlichen Zeit beschloß der Kongreß die Organisation des ›Territoriums Nevada‹, worauf Präsident Lincoln den Gouverneur Nye an Roops Stelle schickte. Um jene Zeit betrug die Bevölkerung des Territoriums ungefähr zwölf- bis fünfzehntausend Seelen und wuchs mit reißender Schnelligkeit; man beutete eifrig die Silbergruben aus und errichtete Pochwerke für das Silbererz; Geschäfte aller Art entstanden und gediehen von Tag zu Tag mehr.

[3] Das langjährige Staatsoberhaupt der Mormonen.

Die Bewohner waren froh, eine gesetzmäßige, geordnete Regierung zu besitzen; dagegen waren sie nicht besonders erbaut davon, die Gewalt an Fremde aus weit entlegenen Staaten übertragen zu sehen – eine höchst natürliche Empfindung. Sie meinten, man hätte die Beamten aus ihrer eigenen Mitte wählen sollen – aus den hervorragenden Bürgern, die sich ein Recht auf solche Beförderung erworben hätten, die die Gefühle der Bevölkerung teilten und mit den Bedürfnissen des Territoriums gründlich vertraut wären. Dieser Gesichtspunkt war zweifellos völlig berechtigt. Ueberdies waren die neuen Beamten ›Auswanderer‹, und schon deshalb brachte man ihnen von keiner Seite Liebe und Hochachtung entgegen. Die neue Regierung wurde also mit beträchtlicher Kälte aufgenommen, sie kam nicht nur als fremder Eindringling, sondern war auch außerdem arm. Es verlohnte sich nicht einmal, sie zu rupfen – höchstens für die elendesten der kleinen Aemterhascher und Stellenjäger. Jedermann wußte, daß der Kongreß nur zwanzigtausend Papier-Dollars jährlich für ihren Unterhalt ausgesetzt hatte – ungefähr gerade genug, um ein Quarz-Pochwerk einen Monat lang in Betrieb zu erhalten. Auch war allgemein bekannt, daß das Geld für das erste Jahr noch in Washington lag und daß es lange dauern und manche Schwierigkeit machen werde, bis man es zu sehen bekäme. Carson City war zu unliebenswürdig und zu klug, um dem fremden Wechselbalg etwa mit unschicklicher Hast ein Konto zu eröffnen.

Es liegt etwas Tragikomisches in den Kämpfen, unter denen eine neugeborene Territorial-Regierung sich ihren Platz in dieser Welt erobert; die unsrige hatte einen sehr schweren Stand. Das Organisations-Gesetz und die Instruktionen des Staatsdepartements schrieben vor, daß binnen der und der Zeit eine gesetzgebende Versammlung gewählt und deren Sitzungen an dem und dem Tag eröffnet werden sollten. Gesetzgeber zu bekommen war nicht schwer, selbst für drei Dollars Taggeld, obwohl Kost und Wohnung fünftehalb Dollars betrug, denn Würde und Ansehen haben in Nevada ihren Reiz so gut wie anderswo, und es gab eine Menge beschäftigungsloser patriotischer Seelen; aber eine Halle für die Versammlungen zu beschaffen, das war nicht so leicht geschehen. Carson lehnte höflich ab, einen Saal mietfrei herzugeben oder der Regierung auf Kredit zu überlassen. Als jedoch Curry von der Schwierigkeit hörte, trat er ganz allein vor, nahm das Staatsschiff auf seine Schultern, trug es über die Sandbank und machte es wieder flott. Ich meine unsern Curry – den alten Curry – den alten Abe Curry. Ohne ihn hätte die Gesetzgebung ihre Sitzungen in der Wüste abhalten müssen. Er bot sein großes, massives Gebäude, dicht neben der Stadtgrenze, mietfrei an, was freudig angenommen wurde. Dann baute er eine Pferdebahn von der Stadt nach dem Kapitol, auf der er die Gesetzgeber gratis beförderte. Ferner lieferte er fichtene Bänke und Stühle für dieselben und ließ die Fußböden mit Sägspänen belegen, welche Teppich und Spucknapf zugleich vorstellten. Ohne Curry wäre die Regierung in den Windeln gestorben. Zur Trennung des Senats vom Repräsentantenhaus ließ der Sekretär eine Zwischenwand von Sackleinwand beschaffen, welche drei Dollars und vierzig Cents kostete; allein die Vereinigten Staaten lehnten deren Bezahlung ab. Auf den Einwurf, daß ja die ›Instruktionen‹ die Bezahlung eines reichlichen Mietpreises für einen Versammlungssaal gestatten, und daß Herrn Currys Freigebigkeit dem Vaterland diese Summe erspart habe, erklärten die Vereinigten Staaten, das ändere nichts an der Sache; die drei Dollars und vierzig Cents würden an dem Sekretärs-Gehalt von achtzehnhundert Dollars in Abzug gebracht werden – und so geschah es auch!

Eine der Hauptschwierigkeiten, mit welchen die neue Regierung anfänglich zu kämpfen hatte, bildeten die Drucksachen. Der Sekretär war eidlich zur Befolgung seiner geschriebenen Instruktionen verpflichtet, welche zwei Dinge mit unfehlbarer Bestimmtheit von ihm verlangten, nämlich:

1. Die täglichen Berichte über die Verhandlungen beider Häuser drucken zu lassen und

2. bei dieser Arbeit für den Satz anderthalb Dollars pro Tausend und für den Druck anderthalb Dollars pro Ries in Staatsnoten zu zahlen.

Es war keine Kunst, zu schwören, daß man diesen beiden Vorschriften nachkommen wolle, aber mehr als eine derselben wirklich auszuführen, war völlig unmöglich. Als die Staatsnoten bis auf vierzig Cents für den Dollar gefallen waren, forderten die Druckereien allerdings anderthalb Dollars für das Tausend und ebensoviel für das Ries, aber in Gold. Laut seiner Instruktion hatte der Sekretär aber einen von der Regierung ausgegebenen Papierdollar jedem anderen von ihr ausgegebenen Dollar gleich zu achten. Der Druck der Berichte wurde deshalb abgebrochen. Daraufhin erteilten die Vereinigten Staaten dem Sekretär eine ernste Rüge wegen Nichtbeachtung seiner Instruktionen und ermahnten ihn, bessere Wege zu wandeln. Er ließ deshalb einiges drucken und schickte die Rechnung nach Washington unter genauer Auseinandersetzung der hohen Preise im Territorium und machte dabei besonders auf einen gedruckten Marktbericht aufmerksam, woraus man ersehen möge, daß sogar die Tonne Heu zweihundertfünfzig Dollars koste. Hierauf antworteten die Vereinigten Staaten damit, daß sie die Drucksachen-Rechnung von dem unglücklichen Sekretärs-Gehalt abzogen, wobei sie außerdem mit würdevollem Ernst beifügten, er werde in seinen Instruktionen vergebens nach einer Anweisung suchen, Heu zu kaufen!

Auf der ganzen Welt ist nichts in eine so undurchdringliche Finsternis gehüllt, wie der Verstand eines Kontrolleurs im Schatzamt der Vereinigten Staaten. Selbst die Feuerflammen des Jenseits vermöchten kaum einen matten Schimmer in seinem Hirn zu verbreiten. Damals war nichts imstande, ihm begreiflich zu machen, wie es kam, daß zwanzigtausend Dollars in Nevada, wo alle Waren ungeheuer hoch im Preise standen, nicht soweit reichten wie in den anderen Territorien, wo in der Regel eine außerordentliche Billigkeit herrschte. Er war ein Beamter, der stets nur sein Augenmerk auf die kleinen Ausgaben richtete. Wie oben bereits bemerkt, benützte der Sekretär des Territoriums seine Schlafstube als Amtszimmer und rechnete dem Staat dafür keinen Mietzins an, obwohl dies in seinen Instruktionen vorgesehen war und er ganz gut seinen Vorteil daraus hätte ziehen können (was ich augenblicklich gethan haben würde, wäre ich selbst Sekretär gewesen.) Allein die Vereinigten Staaten zollten dieser Hingebung niemals Anerkennung. Ich muß wirklich annehmen, mein Vaterland habe sich geschämt, einen Menschen in seinem Dienst zu haben, der sich so wenig auf seinen Vorteil verstand. Diese oft erwähnten ›Instruktionen‹ (wir lasen gewöhnlich ein Kapitel daraus jeden Morgen als geistige Turnübung und am Sabbat in der Sonntagsschule ein paar Kapitel, denn sie beschäftigten sich mit allem möglichen unter der Sonne und enthielten neben anderem statistischen Material auch viele höchst schätzbare Abschnitte religiösen Inhalts) schrieben vor, daß den Mitgliedern der Gesetzgebung Federmesser, Briefcouverts, Federn und Schreibpapier geliefert werden sollten. Der Sekretär schaffte daher diese Artikel an und besorgte deren Verteilung. Die Federmesser kosteten drei Dollars das Stück. Da eines zu viel da war, so gab der Sekretär dasselbe dem Schriftführer des Repräsentantenhauses. Die Vereinigten Staaten bemerkten hierauf, der Schriftführer sei kein ›Mitglied‹ des Hauses und zogen die drei Dollars nach Gewohnheit dem Sekretär am Gehalt ab.

Ein Weißer berechnete für das Kleinmachen einer Ladung Brennholz drei bis vier Dollars; der Sekretär war so scharfsinnig, sich zu sagen, daß die Vereinigten Staaten nimmermehr soviel dafür zahlen würden; er ließ daher eine Ladung Bureauholz von einem Indianer für anderthalb Dollars klein machen. Er fertigte die übliche Quittung dafür aus, aber ohne Unterschrift; statt dessen fügte er einfach die Bemerkung bei, ein Indianer habe die Arbeit besorgt, und zwar ganz gut und zufriedenstellend; derselbe habe aber in Ermangelung der erforderlichen Kenntnisse die Quittung nicht unterschreiben können. Der Sekretär durfte die anderthalb Dollars bezahlen. Er hatte gemeint, vom Staate Anerkennung für seine Sparsamkeit und Ehrlichkeit zu ernten, weil er die Arbeit zum halben Preis besorgen ließ und keine angebliche Unterschrift des Indianers auf die Quittung setzte. Allein man sah die Sache in einem andern Lichte an. Man war bei der Regierung zu sehr daran gewöhnt, in allen denkbaren, öffentlichen Stellungen Dollarsdiebe zu haben, um der Erklärung auf der Quittung den geringsten Glauben beizumessen. Das nächstemal dagegen, als der Indianer Holz für uns hackte, lehrte ich ihn, am Ende der Quittung ein Kreuz zu machen. Das Zeichen stand so wacklig auf den Beinen, als wäre es ein Jahr lang betrunken gewesen, ich ›bezeugte‹ es jedoch, und nun ging es ganz ordnungsmäßig durch. Die Vereinigten Staaten sagten kein Wort darüber. Ich bedauerte bloß, daß ich die Quittung nicht gleich für tausend Ladungen Holz ausgestellt hatte anstatt für eine einzige. In meinem Vaterlande teilt die Regierung an die ehrliche Einfalt Rüffel aus, während sie die geriebene Schurkenhaftigkeit hätschelt, und ich glaube wirklich, ich würde mich zu einem ganz geschickten Spitzbuben entwickelt haben, wäre ich ein oder zwei Jahre im Staatsdienste verblieben.

Es war eine nette Vereinigung von Souveränen, diese erste gesetzgebende Versammlung Nevadas. Sie legten Steuern auf bis zum Betrag von dreißig- oder vierzigtausend Dollars und bewilligten Ausgaben im Belauf von fast einer Million. Und doch hatten sie, wie alle andern Körperschaften dieser Art, ihre zeitweiligen kleinen Anwandlungen von Sparsamkeit. Ein Mitglied schlug vor, durch Abschaffung des Kaplans der Nation drei Dollars täglich zu ersparen. Und doch brauchte dieser kurzsichtige Mann den Kaplan nötiger als irgend ein anderer, denn während des Morgengebetes hatte er meist seine Füße auf dem Pult und verzehrte rote Rüben.

Zwei Monate tagte die Versammlung und erteilte die ganze Zeit nichts als Konzessionen zur Anlegung von Chausseen und Erhebung von Wegegeld. Als sie auseinanderging, schätzte man, daß wohl auf jeden Bürger drei solche Konzessionen kämen. Und man bezweifelte, ob, falls der Kongreß dem Territorium nicht noch einen Längengrad zulegen würde, Platz genug für die Unterbringung aller der Straßen vorhanden sein werde, deren Enden allenthalben wie Fransen über die Grenzlinie hinaushingen.

Das Frachtgeschäft hatte bald einen so gewaltigen Umfang angenommen, daß über plötzlich erworbenes Vermögen in Chausseen beinahe dieselbe Aufregung herrschte, wie über die wunderbar reichen Silberminen.


Fünftes Kapitel.

Nach und nach bekam ich auch das Silberfieber. Mutungsgesellschaften brachen Tag für Tag nach den Bergen auf, wo sie reiche, silberführende Adern und Quarzlager entdeckten und in Besitz nahmen. Das war ja ganz offenbar der Weg zum Glück. In der großen Grube ›Gould and Curry‹ galt zur Zeit unseres Eintreffens der Quadratfuß drei- oder vierhundert Dollars; zwei Monate darauf war er auf achthundert Dollars gestiegen; die ›Ophir-Grube‹ war das Jahr zuvor kaum eine Kleinigkeit wert gewesen, und jetzt wurde dort der Fuß mit nahezu viertausend Dollars bezahlt. Es ließ sich keine Grube nennen, die nicht in kurzer Zeit erstaunlich im Wert gestiegen wäre. Alle Welt sprach von diesen Wunderdingen. Man mochte kommen wohin man wollte, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht hinein hörte man nichts anderes. Tom so und so hatte von der ›Amanda Smith‹ ein Stück für 40 000 Dollars verkauft – und hatte nicht einen Cent besessen, als er vor sechs Monaten die Schicht in Angriff nahm. John Jones hatte die Hälfte seines Anteils an der Grube ›Bald Eagle und Mary Ann‹ für 65,000 Dollars verkauft und war nun nach den Staaten gereist, um seine Familie zu holen. Die Witwe Brewster war in der Grube ›Golden Fleece‹ auf reichhaltiges Erz gestoßen und hatte zehn Fuß für 18 000 Dollars verkauft – und doch war sie im letzten Frühjahr, als Sing-Sing-Tommy ihren Mann umbrachte, nicht einmal imstande gewesen, sich einen Krepphut anzuschaffen. Die Besitzer der Grube ›Last Chance‹ hatten eine ›Lehmscheide‹ gefunden und wußten, daß sie einer Silberschicht auf der Spur waren, so daß ein Fuß davon, der gestern noch ein Spottgeld wert war, heute den Wert eines Backsteinhauses hatte. Schäbige Anteilbesitzer, denen man gestern im ganzen Lande nirgends einen Schnaps geborgt hätte, brüllten heute im Champagnerrausch und sahen sich von Schwärmen warmer Freunde umgeben in einer Stadt, wo sie aus jahrelangem Mangel an Uebung nicht mehr gewußt hatten, wie man es macht, jemand zu grüßen oder ihm die Hand zu schütteln. Johnny Morgan, ein gemeiner Landstreicher, war eines Morgens in der Gosse mit 100,000 Dollars Vermögen aufgewacht, und zwar infolge der Entscheidung eines Prozesses über die Grube ›Lady Franklin and Rough and Ready.‹ Dergleichen Nachrichten tönten uns Tag aus Tag ein immer lauter in den Ohren, und immer höher loderte die Aufregung rings um uns empor.

Ich hätte gar kein Mensch sein müssen, um nicht auch toll zu werden wie die andern. Tag für Tag kamen ganze Karrenladungen von gediegenen Silberbarren aus den Pochwerken herein, ein Anblick, der bewies, daß das tolle Gerede um mich her nicht aus der Luft gegriffen war. Ich glaubte daran und wurde einer der allertollsten.

Alle paar Tage traf die Kunde von der Entdeckung einer nagelneuen Bergwerksregion ein. Sofort wimmelte es in den Zeitungen von Berichten über ihren Reichtum, und die ganze überschüssige Bevölkerung stürzte fort, um davon Besitz zu nehmen. Die Krankheit steckte mir jetzt gehörig in den Knochen; eben noch hatte der Zulauf der Grube ›Esmeralda‹ gegolten, und nun fing ›Humboldt‹ an, mit lautem Geschrei die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Humboldt, Humboldt! so hieß jetzt das Losungswort, und unverzüglich füllte ›Humboldt‹, die neueste von den neuen, die reichste von den reichen, die wunderbarste von den wunderbaren Entdeckungen im Silbergebiet, zwei Spalten in den Tagesblättern, während ›Esmeralda‹ sich mit einer begnügen mußte. Ich war eben im Begriffe gewesen, nach der ›Esmeralda‹ aufzubrechen, ließ mich aber von der Strömung ablenken und machte mich nun nach dem ›Humboldt‹ fertig.


Sechstes Kapitel.

Jetzt hieß es flink sein! Wir verloren denn auch keine Zeit. Unsere Gesellschaft bestand aus vier Personen: einem sechzigjährigen Grobschmied, zwei jungen Advokaten und meiner Wenigkeit. Nachdem wir einen Wagen und zwei elende, alte Gäule gekauft, luden wir achtzehnhundert Pfund Lebensmittel, sowie unsere Bergmannsgeräte auf und fuhren an einem kalten Dezembernachmittage von Carson City ab. Die Pferde waren so alt und schwach, daß wir bald herausgefunden hatten, es würde wohl besser sein, wenn einer oder zwei von uns ausstiegen und den Weg zu Fuß fortsetzten. Es ging auch besser. Bald aber fanden wir, daß es noch besser sein werde, wenn auch ein dritter ausstiege. So war es denn auch. Ich hatte freiwillig das Amt des Fuhrmannes übernommen, obwohl ich vorher noch nie mit einem angeschirrten Pferde gefahren war und mancher in solcher Lage sich gerne hierauf berufen hätte, um eine derartige Verantwortlichkeit abzulehnen. Allein nach einer kurzen Weile ergab es sich, daß es wohl ratsam wäre, wenn auch der Fuhrmann ausstiege und zu Fuß ginge. Damit verzichtete ich auf diese Stellung, zu der ich nie wieder gelangen sollte. Noch vor Ablauf einer Stunde fanden wir, daß es nicht nur besser, sondern unbedingt notwendig war, immer abwechselnd zu zweien den Wagen von hinten durch den Sand zu schieben, so daß die schwachen Pferde kaum noch etwas zu thun hatten, als die Zunge nicht heraushängen zu lassen und nicht zwischen die Räder zu kommen. Es hat vielleicht sein Gutes, wenn man von Anfang an weiß, was einem bevorsteht und sich mit seinem Schicksal versöhnen kann. Wir hatten das unsrige an einem einzigen Nachmittag kennen gelernt. Es war klar, daß wir zweihundert Meilen weit durch den Sand waten würden und den Wagen samt den Pferden vorwärts schieben müßten. So fügten wir uns denn in die Umstände, und mit dem Fahren war es aus.

Nach einem Weg von sieben Meilen lagerten wir uns in der Wüste. Der junge Clagett, jetzt Mitglied des Kongresses für Montana, schirrte die Pferde aus, fütterte und tränkte sie; Oliphant und ich schnitten Salbeiholz, machten Feuer und holten Wasser zum Kochen, und der alte Herr Ballou besorgte das Kochen selbst. Diese Teilung der Arbeit und diese Bestimmung der Dienstleistungen für jeden einzelnen hielten wir während der ganzen Reise fest. Da wir kein Zelt hatten, schliefen wir in der freien Ebene unter unseren Decken. Die Ermüdung verschaffte uns festen Schlaf.

Wir brauchten zu der Reise von zweihundert Meilen fünfzehn Tage, oder vielmehr eigentlich nur dreizehn, denn einmal hielten wir irgendwo zwei Tage an, um die Pferde ausruhen zu lassen. Hätten wir diese hinten am Wagen angebunden, so würden wir sicherlich den Weg in zehn Tagen zurückgelegt haben; allein wir dachten daran erst, als es zu spät war, und schoben den Wagen samt den Pferden immer weiter, während wir uns die halbe Mühe hätten ersparen können. Leute, die uns begegneten, rieten uns, gelegentlich die Pferde in den Wagen zu setzen, allein Herr Ballou, durch dessen eisengepanzerten Ernst kein spitziges Wort durchdrang, meinte, das würde nicht gehen, die Lebensmittel würden in Gefahr kommen, weil die Pferde von langer Entbehrung ›bituminös‹ geworden seien. Der Leser wird mich entschuldigen, wenn ich dies nicht übersetze. Was Herr Ballou meinte, wenn er ein langes Wort gebrauchte, blieb allemal ein Geheimnis zwischen ihm und seinem Schöpfer. Er war einer der besten, gutmütigsten Menschen, die je eine niedere Lebenssphäre zierten – die Sanftmut und Einfalt selbst, und die Uneigennützigkeit ebenfalls. Obwohl mehr als zweimal so alt als der älteste von uns andern, that er doch deshalb niemals wichtig und verlangte niemals ein Vorrecht oder eine Ausnahmestellung. Er verrichtete dieselbe Arbeit wie ein junger Mann und leistete seinen Teil an der Unterhaltung von dem allgemeinen Standpunkte jeden Alters aus, nicht von der anmaßenden, Ehrfurcht heischenden Gipfelhöhe von sechzig Jahren. Die einzige auffallende Eigentümlichkeit an ihm war seine Vorliebe für lange Wörter, die er um ihrer selbst willen liebte und gebrauchte, ganz unbekümmert um ihre Beziehung zu dem Gedanken, den er auszudrücken beabsichtigte. Stets ließ er seine gewichtigen Silben mit behaglicher Unkenntnis ihrer Bedeutung fallen, so daß dieselben niemals etwas Anstößiges haben konnten. Dabei war sein Benehmen so natürlich und einfach, daß man immer wieder in Versuchung geriet, in seinen großartigen Phrasen einen Inhalt zu suchen, während sie wirklich ganz und gar nichts bedeuteten. War ein Wort recht lang, großartig und vollklingend, so reichte dies hin, ihm die Liebe des alten Mannes zu gewinnen; er ließ es dann in seinen Reden irgendwo an der möglichst unpassendsten Stelle einfließen und freute sich daran, als hätte er die tiefsinnigste Wahrheit ausgesprochen.

Wir breiteten immer alle vier unsern ganzen Vorrat an Decken zusammen auf dem gefrorenen Boden aus und legten uns Seite an Seite schlafen. Da Oliphant einsah, daß unser dummer, hochbeiniger Hund viel tierische Wärme in sich habe, ließ er ihn zwischen sich und Herrn Ballou mit ins Bett kriechen und zog den warmen Rücken des Hundes an seine Brust, was er höchst behaglich fand. Aber während der Nacht fing der Köter an sich zu strecken und sich unter wohlgefälligem Knurren gegen Ballous Rücken zu stemmen und ihn fortzuschieben. Wenn er sich recht warm und gemütlich fühlte, trommelte er wohl auch im Uebermaß des Wohlgefühls voll Dankbarkeit und Glück dem Alten mit den Pfoten auf dem Rücken herum; ein andermal, wenn er von der Jagd träumte, zerrte er den alten Mann hinten an den Haaren und bellte ihm ins Ohr. Ballou beklagte sich zuletzt sehr sanftmütig über diese Beweise von Zuthunlichkeit und schloß seinen Vortrag mit der Bemerkung, so ein Hund sei kein Tier, das zu müden Leuten ins Bett passe, denn er sei ›meretriciös in seinen Bewegungen‹ und zu ›organisch in seinen Gefühlen‹. Wir warfen den Hund hinaus.

Es war eine harte, mühselige Reise, die aber trotzdem ihre Lichtseite hatte, denn wenn nach Tagesschluß unser Wolfshunger mit einem warmen Mahl von gebratenem Speck, Brot, Syrup und schwarzem Kaffee gestillt war, fanden wir bei einer Pfeife, ein paar Liedern und Geschichten am abendlichen Lagerfeuer, in der stillen Einsamkeit der Wüste eine frohe, sorgenfreie Erholung, welche uns als der höchste Gipfel irdischer Seligkeit erschien. Eine solche Lebensweise übt auf alle Menschen einen mächtigen Zauber aus, gleichviel, ob sie aus der Stadt oder vom Lande stammen. Wir sind die Abkömmlinge wüstendurchziehender Araber, und endlose Zeiträume stetig fortschreitender Kulturentwicklung waren nicht imstande, den Wandertrieb in uns auszurotten. Niemand von uns wird leugnen, daß ihn bei dem Gedanken an ein Nachtlager draußen im Freien stets ein Wonnegefühl durchbebt. Einmal wanderten wir fünfundzwanzig Meilen an einem Tag und ein andermal in der großen amerikanischen Wüste vierzig Meilen und dann noch einmal zehn, mithin im ganzen fünfzig, innerhalb dreiundzwanzig Stunden, ohne uns Zeit zum Essen, Trinken oder Ausruhen zu gönnen. Wenn man einen Wagen samt zwei Pferden fünfzig Meilen weit geschoben hat, ist es ein solcher Hochgenuß sich auszustrecken und dem Schlafe zu überlassen, wäre es auch auf steinigem und gefrorenem Boden, daß einem die Wonne für den Augenblick nicht zu teuer erkauft scheint.

Wir lagerten zwei Tage in der Nähe des Sees, in welchem sich der Humboldtfluß verliert. Unsere Versuche, das stark alkalische Wasser des Sees zu benutzen, fielen höchst kläglich aus. Es hinterließ einen bitteren, ganz abscheulichen Geschmack im Munde und ein höchst unangenehmes Brennen im Magen; es war, als tränke man starke Lauge. Wir thaten Syrup hinein, aber das machte es nur ganz wenig besser. Wir fügten eine Essiggurke hinzu, aber das Alkali schmeckte vor, und so war es zum Trinken nicht zu brauchen. Kaffee von diesem Wasser war das niederträchtigste Gebräu, das ein Mensch je erfunden hat. Er schmeckte wirklich noch abscheulicher als das unverbesserte Wasser selbst. Herr Ballou, der das Getränk gebraut hatte, fühlte sich verpflichtet, es herauszustreichen und zu verteidigen und trank deshalb in kleinen Schlückchen eine halbe Tasse davon aus, wobei er es fertig brachte, ihm eine zeitlang ein schwaches Lob zu singen; schließlich aber schüttete er den Rest weg und erklärte offen und frei, der Kaffee sei ›zu technisch‹. Bald nachher fanden wir eine Quelle mit brauchbarem, frischem Wasser, worauf wir uns ohne weitere Verdrießlichkeiten und Störungen zur Ruhe legten.


Siebentes Kapitel.

Vom See aus reisten wir eine kurze Strecke den Humboldtfluß entlang. Leute, die an den riesig breiten Mississippi gewöhnt sind, gewöhnen sich auch allmählich daran, mit dem Wort ›Fluß‹ den Begriff großartiger Wasserfülle zu verbinden. Infolgedessen fühlen sich solche Leute recht enttäuscht, wenn sie am Ufer des Carson oder Humboldt stehen und finden, daß ein Fluß in Nevada ein kränkliches Bächlein ist, das in allen Punkten ein Seitenstück zum Eriekanal bildet, nur daß der Kanal zweimal so lang und viermal so tief ist. Es ist eine der angenehmsten und gesündesten Leibesübungen, am Humboldtfluß entlang zu laufen, so lange hinüber und herüber zu springen, bis man tüchtig erhitzt ist, und ihn dann trocken zu trinken.

Am fünfzehnten Tage hatten wir den zweihundert Meilen langen Marsch vollendet und hielten bei heftigem Schneesturm unsern Einzug in Unionville. Die ›Stadt‹ bestand aus elf Hütten und einem Freiheitsbaum. Sechs von den Hütten standen in einer Reihe am Rande einer tiefen Schlucht, und die andern fünf ihnen gerade gegenüber. Auf beiden Seiten der Schlucht stiegen öde Bergwälle so hoch zum Himmel empor, daß das Dörfchen gleichsam tief unten auf dem Grund einer Erdspalte lag. Es war auf der Höhe dieser Berge immer schon lange Tag, bevor unten die Dunkelheit wich und Unionville sichtbar wurde.

Wir bauten uns eine kleine, rohe Hütte in der Erdspalte und deckten dieselbe mit Sackleinwand; eine Ecke ließen wir für den Abzug des Rauches offen, allein des Nachts purzelte gelegentlich das Vieh dort herein, so daß unser Hausgeräte Schaden litt und wir im Schlafe gestört wurden. Es war sehr kalt und Brennholz nur spärlich vorhanden. Indianer schleppten Gestrüpp und Buschholz mehrere Meilen weit auf dem Rücken herbei; konnten wir einen solchen beladenen Indianer fangen, so war es gut; konnten wir keinen fangen, – dies war übrigens die Regel, nicht die Ausnahme – so froren wir eben und fügten uns darein.

Ich gestehe ohne Beschämung, daß ich erwartet hatte, das Silber werde allenthalben massenhaft auf dem Boden herumliegen und man könne es auf den Berggipfeln in der Sonne blinken sehen. Natürlich sagte ich nichts davon, denn ein inneres Gefühl flüsterte mir zu, ich könne doch am Ende eine übertriebene Vorstellung von der Sache haben und mich, wenn ich meine Gedanken verriete, lächerlich machen. Doch zweifelte ich nicht im geringsten, daß ich binnen einem oder zwei Tagen, spätestens in einer Woche, Silber genug auflesen werde, um ganz hübsch reich zu sein – und so beschäftigte sich meine Einbildungskraft bereits eifrig mit Plänen zur Verwendung des Geldes. Bei der ersten schicklichen Gelegenheit schlenderte ich sorglos von der Hütte weg, behielt aber die andern Jungen im Auge, und wenn ich dann meinte, sie beobachteten mich, blieb ich stehen und betrachtete den Himmel; sobald jedoch niemand da war oder acht gab, floh ich von dannen, als hätte ich einen Diebstahl auf dem Gewissen und hielt in meinem Lauf nicht eher inne, als bis ich weit außer Gesichts- und Rufweite war. Dann ging ich ans Suchen in fieberhafter Aufregung, denn ich war voll gespannter Erwartung und meiner Sache fast ganz sicher. Ich kroch auf dem Boden umher, hob Steinbrocken auf und untersuchte sie, indem ich den Staub abblies oder sie an meinen Kleidern rieb und mit hoffnungsvoller Gier musterte. Nicht lange, so fand ich einen glänzenden Brocken, und mir hüpfte das Herz. Hinter einem Felsblock versteckt polierte und prüfte ich ihn mit nervöser Hast und einem Entzücken, welches selbst bei Erfüllung aller meiner Hoffnungen nicht ganz berechtigt gewesen wäre. Je genauer ich meinen Brocken untersuchte, desto fester war ich überzeugt, den Weg zum Glück gefunden zu haben. Ich bezeichnete mir den Ort und nahm meine Probe mit. Auf und nieder suchte ich die zerklüftete Bergflanke ab mit immer regerem Interesse und immer mehr von Dankbarkeit durchdrungen, daß ich nach dem ›Humboldt‹ gekommen war und zwar zu rechter Zeit. Dieses heimliche Suchen nach den verborgenen Schätzen des Silberlandes versetzte mich in die höchste Verzückung, die ich je im Leben empfunden. Es war ein wahrer Taumel schwelgerischen Genusses. Nicht lange nachher entdeckte ich im Bett eines seichten Baches einen Bodensatz glänzend gelber Schuppen. Mir blieb fast der Atem aus. Eine Goldgrube! Und ich war in meiner Einfalt mit Silber zufrieden gewesen! Vor Aufregung glaubte ich fast, meine überzeugte Einbildungskraft täusche mich. Dann packte mich die Furcht, man könnte mich beobachten und mein Geheimnis erraten. Vorsichtig ging ich im Kreis um die Stelle herum und stieg spähend auf einen Hügel. Ich war allein. Kein lebendes Wesen weit und breit. Nun kehrte ich zu meinem Fundort zurück, indem ich mich gegen eine mögliche Enttäuschung wappnete; aber meine Befürchtung war unbegründet – die glänzenden Schuppen waren noch immer da. Ich machte mich daran, sie auszuschöpfen; eine Stunde lang plagte ich mich an den Windungen des Baches hinab und plünderte sein Bett, bis die sinkende Sonne dem weiteren Suchen ein Ende machte, und ich mich beladen mit Schätzen heimwärts wandte. Als ich so dahinschritt, konnte ich mich nicht enthalten, meine Aufregung über den Brocken Silbererz zu belächeln, da doch ein edleres Metall mir schier vor der Nase lag. In dieser kurzen Zeit war das erstere in meiner Achtung so tief gesunken, daß ich ein- oder zweimal auf dem Punkte stand, es wegzuwerfen.

Während die Jungen ihren gewöhnlichen Hunger entwickelten, konnte ich nichts essen. Auch reden konnte ich nicht. Ich weilte im Land der Träume in weiter Ferne. Ihre Unterhaltung war für meine Phantasie etwas störend und ärgerte mich gewissermaßen. Ich verachtete die lumpigen und alltäglichen Dinge, von denen sie schwatzten. Allmählich fing das Gerede aber an, mir Spaß zu machen. Es hatte einen eigenen, komischen Reiz, ihnen zuzuhören, wie sie über ihre ärmlichen, kleinen Ersparnisse Pläne machten und über mögliche Verluste und Verlegenheiten seufzten, während doch eine Goldgrube dicht vor der Hütte lag, die unser volles Eigentum war und die ich ihnen nur zu zeigen brauchte. Die unterdrückte Heiterkeit begann mir bald das Herz abzudrücken. Es war nicht leicht, dem Antrieb zu widerstehen, in hellem Jubel loszuplatzen und alles zu offenbaren, aber ich widerstand. Ich nahm mir vor, die große Neuigkeit gelassen durch meine Lippen träufeln zu lassen, dabei so ruhig und heiter auszusehen wie ein Sommermorgen, und die Wirkung auf ihren Gesichtern zu beobachten.

Ich fragte: »Wo seid ihr alle gewesen?«

»›Muten‹ gegangen.«

»Was habt ihr gefunden?«

»Nichts.«

»Nichts? Was haltet ihr von der Gegend?«

»Kann’s jetzt noch nicht sagen,« erwiderte Herr Ballou, der ein alter Goldgräber war und auch in Silbergruben beträchtliche Erfahrungen besaß.

»Nun, haben Sie sich denn nicht irgend eine Art Meinung gebildet?«

»Ja, gewissermaßen schon. Es scheint freilich nicht übel hier, aber man hat die Sache überschätzt. Siebentausend-Dollars-Lager sind wohl selten. Die Sheba-Grube mag immerhin reich sein, aber sie gehört uns nicht, und überdies ist das Gestein so voll von schlechten Metallen, daß alle Wissenschaft der Welt nichts damit anfangen kann. Wir werden hier nicht verhungern, aber ich fürchte, wir werden auch nicht reich werden.«

»Sie halten also die Aussicht für ziemlich gering?«

»So ist’s.«

»Nun, dann thäten wir wohl besser daran, heim zu gehen, nicht wahr?«

»O, jetzt noch nicht – natürlich. Wir wollen’s doch zuerst noch ein bißchen versuchen.«

»Setzen wir einmal den Fall – es ist eine bloße Annahme – wißt ihr – setzen wir einmal den Fall, ihr könntet ein Lager finden, welches, sagen wir hundertfünfzig Dollars per Tonne gäbe – würde euch das genügen?«

»Probieren Sie’s mal mit uns!« schrie die ganze Gesellschaft.

»Oder nehmen wir an – selbstverständlich wiederum eine Vermutung – nehmen wir an, wir fänden eine Ader, wo die Tonne zweitausend Dollars Ausbeute giebt – würde euch das genügen?«

»Halt – was meinen Sie? Auf was steuern Sie los? Steckt ein Geheimnis hinter dem allem?«

»Erhitzt euch nicht. Ich sage gar nichts. Ihr wißt ja ganz genau, daß es hier keine reichen Gruben giebt – natürlich, denn ihr seid ja überall herumgestreift und habt gesucht. Das wäre jedem klar, wenn er sich hier umgesehen hätte. Gesetzt den Fall nun, es käme einer und spräche: ›Ach was, eine Zweitausend-Dollars-Ader ist doch rein gar nichts, wo doch gleich da drüben, angesichts dieser Hütte ganze Haufen von gediegenem Gold und Silber liegen – ganze Berge davon, genug, um euch alle in vierundzwanzig Stunden zu reichen Leuten zu machen.‹ Na, was würdet ihr dazu sagen?«

»Ich würde sagen, der ist so verrückt wie ein Tollhäusler!« sagte der alte Ballou, der aber trotzdem vor Erregung ganz wild wurde.

»Meine Herren!« versetzte ich, »ich sage gar nichts – ich bin ja nicht herum gewesen, wie Sie wissen, und weiß deshalb natürlich nichts – aber ich bitte nur um das eine, werfen Sie einmal einen Blick auf das hier zum Beispiel und sagen Sie mir, was Sie davon halten!« Damit schüttete ich meinen Schatz vor ihnen aus.

Voll Begier stürzte alles darauf los und steckte die Köpfe unter der brennenden Kerze zusammen. Dann sagte der alte Ballou:

»Was ich davon halte? Ich halte davon, daß es nichts ist als ein Haufen Granitabfall und gemeines, glitzerndes Katzengold, wovon der Morgen nicht zehn Cents wert ist!«

So schwand mein Traum dahin; so schmolz mein Reichtum, so stürzte mein Luftschloß zusammen, und ich blieb als ein geschlagener Mann zurück.

Ich zog die Moral aus der Geschichte mit dem bekannten Sprichwort: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt.« Herr Ballou meinte, ich könnte noch weiter gehen und zu den Schätzen meines Wissens den Satz legen, daß nichts Gold sei, was glänze. So lernte ich denn ein für allemal, daß Gold im Naturzustande nichts ist als ein schwärzliches, unansehnliches Ding und daß nur Metalle gemeiner Art durch prahlerisches Glitzern die Bewunderung des Unerfahrenen erregen. Trotzdem unterschätze ich nach wie vor, gleich der übrigen Welt, echte Goldmenschen und verherrliche Katzengoldmenschen. Die Alltagsmenschennatur kann sich einmal darüber nicht erheben.


Achtes Kapitel.

Mit dem Geschäft des Silbergrabens wurden wir nur zu bald vertraut. Wir gingen mit Herrn Ballou ›muten‹. Zwischen Salbeibüschen, Felsen und Schneehaufen kletterten wir an den Berghängen hinauf, bis wir vor Erschöpfung umfallen wollten, fanden aber kein Silber und ebensowenig Gold. So ging es Tag für Tag. Da und dort stießen wir auf Löcher, die man ein paar Meter tief in die Abhänge getrieben und dann offenbar wieder aufgegeben hatte, und hie und da trafen wir auf ein oder zwei Leute, die noch emsig gruben. Aber Silber kam nirgends zum Vorschein. Diese Löcher waren die Ansätze von Stollen, die Hunderte von Fuß in den Berg getrieben werden sollten, um eines Tags auf die verborgene Schicht zu stoßen, in der das Silber steckte. Eines Tags! Das schien in weiter Ferne zu liegen, und die Sache sah sehr hoffnungslos und trübselig aus. Tag um Tag mühten wir uns ab, kletterten herum und suchten, und dabei wurden wir jüngeren Genossen der aussichtslosen Plackerei immer mehr überdrüssig. Endlich machten wir hoch oben auf dem Berge unter einer überhängenden Felswand Halt. Ballou schlug einige Stücke mit dem Hammer ab, prüfte sie lange und aufmerksam mit einem kleinen Augenglase, worauf er sie wegwarf und noch mehr abschlug; dann meinte er, dieses Gestein sei Quarz, und Quarz sei die Steinart, in der das Silber enthalten sei. Enthalten sei! Ich hatte gemeint, es werde wenigstens außen daran kleben, wie eine Art Ueberzug. Er schlug noch mehr Stücke los, um sie gründlich zu untersuchen, wobei er das betreffende Stück hie und da mit der Zunge benetzte und durch das Glas betrachtete. Schließlich rief er aus: »Wir haben es!«

Unsere Neugier war sofort aufs höchste gespannt. Das Gestein war rein und weiß an der Bruchstelle, und querdurch zog sich ein faseriger, blauer Faden. In diesem kleinen Faden, meinte er, stecke Silber, aber gemischt mit unedlen Metallen, mit Blei, Antimon und anderem Quark, auch seien daran ein paar Tüpfelchen Gold sichtbar. Mit großer Anstrengung brachten wir es dahin, ein paar kleine, gelbe Fleckchen zu erkennen, von denen sich annehmen ließ, daß vielleicht ein paar Tonnen davon einen Golddollar geben könnten. Wir waren gerade nicht entzückt; aber Ballou meinte, es gebe noch schlechtere Erzlager als dieses auf der Welt. Er hob das, was er das ›reichste Stück Gestein‹ nannte, auf, um seinen Wert durch die sog. Feuerprobe zu bestimmen. Dann gaben wir der Grube den Namen ›Bergkönig‹ (Bescheidenheit ist bei der Namengebung in den Bergwerken kein hervorstechender Zug), und Herr Ballou schrieb nachstehende Bekanntmachung auf, von der er sich eine Abschrift aufhob, um sie in die Bücher des Syndikus der Bergwerke in der Stadt eintragen zu lassen.

Bekanntmachung.

Wir, die Unterzeichneten, belegen drei Stücke, jedes von dreihundert Fuß, (und eins für die Entdeckung) an dieser silberhaltigen Quarzschicht nach Norden und nach Süden von diesem Anschlag, mit allen Einsenkungen, Verzweigungen und Winkeln, Biegungen und Krümmungen, und dazu fünfzig Fuß breit Boden auf jeder Seite zur Bearbeitung derselben.

Wir setzten unsere Namen darunter und versuchten uns in die Stimmung zu bringen, als sei nun unser Glück gemacht. Aber als wir die Sache mit Herrn Ballou durchsprachen, war uns höchst zweifelhaft zu Mute. Dieser Quarz an der Oberfläche, meinte er, sei nicht alles, was unsere Mine enthalte, vielmehr erstrecke sich die Wand oder Schicht, der wir den Namen ›Bergkönig‹ gegeben hatten, Hunderte und aber Hunderte von Fuß in die Erde hinab. Sie sei wie der Randstein eines Straßenpflasters, behalte ungefähr dieselbe Dicke, etwa zwanzig Fuß, bis hinab in die Eingeweide der Erde und sei vollständig verschieden von dem Gestein, das sie rings umgebe; sie bleibe für sich und behalte stets ihren besondern Charakter, einerlei wie tief sie in die Erde hineingehe oder wie weit sie sich längs der Berge und Thäler oder quer über dieselben erstrecke; sie könne eine Meile tief und zehn Meilen lang sein, und man möge über oder unter der Erde hineinbohren wo man wolle, so würde man Gold und Silber darin finden, aber nicht in dem geringeren Gestein, in das sie eingebettet sei. Unten in der großen Tiefe der Schicht, fuhr er fort, stecke ihr Reichtum, und mit der Tiefe nehme derselbe stetig zu. Deshalb müßten wir statt hier an der Oberfläche zu arbeiten einen Schacht einsenken, bis wir an die reichen Stellen kämen – so etwa hundert Fuß tief – oder unten vom Thal aus einen langen Stollen in den Bergabhang treiben und die Ader tief unter der Erde anzapfen. Das eine wie das andere war offenbar die Arbeit von Monaten, denn wir konnten täglich nur ein paar Fuß, ungefähr fünf oder sechs, ausbohren oder wegsprengen. Aber das war noch nicht alles. Er sagte, wenn das Erz herausgeschafft sei, müsse es nach einem entfernten Pochwerke gebracht werden, damit es zermahlen und das Silber durch einen langwierigen und kostspieligen Prozeß ausgeschieden werde. Eine Ewigkeit schien zwischen uns und unserm Glück zu liegen!

Aber wir gingen ans Werk. Wir beschlossen einen Schacht einzusenken. So kletterten wir denn eine Woche lang auf den Berg, beladen mit Hacken, Drillbohrern, Meißeln, Schaufeln, Brechstangen, Fäßchen Sprengpulver und Rollen Lunte und arbeiteten mit aller Macht. Anfangs war der Fels bröckelig und locker; was wir mit den Spitzhacken abschlugen, schaufelten wir heraus, und das Loch machte ganz hübsche Fortschritte; aber allmählich wurde das Gestein fester, und nun kamen Meißel und Brechstange an die Arbeit. Bald aber that nichts mehr seine Wirkung außer dem Sprengpulver. Das war die mühseligste Arbeit! Während einer von uns den eisernen Drillbohrer an seine Stelle hielt, schlug ein anderer mit einem achtpfündigen Schmiedehammer drauf – das reinste Nägeleinschlagen in großem Maßstabe. Binnen einer bis zwei Stunden erreichte der Bohrer eine Tiefe von zwei bis drei Fuß und hatte ein Loch von ein paar Zoll Durchmesser gemacht. Dann legten wir die Pulverladung, steckten eine halbe Elle Lunte hinein, schütteten Sand und Kies darauf und stampften es fest; zuletzt zündeten wir die Lunte an und liefen weg. Kamen wir dann nach der Explosion, bei der Steine und Rauch in die Luft flogen, zurück, so fanden wir ungefähr einen Scheffel von dem harten, widerspenstigen Quarz herausgesprengt, kein bißchen mehr. Nach einer Woche hatte ich genug davon. Ich verzichtete; Clagett und Oliphant desgleichen. Unser Schacht war erst zwölf Fuß tief. Wir kamen überein, daß nur ein Stollen uns zum Ziele führen könne.

So gingen wir den Berg hinunter und arbeiteten dort eine Woche lang. Nach Verlauf derselben hatten wir einen Stollen ausgesprengt, in dem sich ungefähr ein Oxhoft unterbringen ließ, und waren zu der Ueberzeugung gekommen, daß wir noch um etwa neunhundert Fuß tiefer graben müßten, um auf die silberhaltige Schicht zu stoßen. Ich verzichtete auch jetzt wieder, und die andern Jungen hielten es nur noch einen Tag länger aus. Wir stimmten überein, daß ein Stollen nichts für uns tauge. Wir brauchten eine bereits ›aufgeschlossene‹ Schicht. Solche gab es aber im ganzen Lager nicht.

Den ›Bergkönig‹ ließen wir für jetzt liegen.

Mittlerweile füllte sich der Platz mit Leuten, und unsere Humboldt-Bergwerke riefen eine immer größere Aufregung hervor. Auch wir fielen der Seuche zum Opfer und strengten jeden Nerv an, um immer mehr ›Fuß‹ zu erwerben. Wir muteten herum und nahmen neue Stücke in Besitz, an die wir unsere Bekanntmachungen anschlugen und die wir mit hochtrabenden Namen belegten. Wir vertauschten eine Anzahl von unseren ›Fuß‹ gegen ›Fuß‹ in fremden Grubenteilen. Bald hatten wir namhafte Anteile am ›Grauen Adler‹, an der ›Columbiana‹, der ›Münzfiliale‹, der ›Mary Jane‹, dem ›Universum‹, der ›Simson und Delila‹, der ›Schatztruhe‹, der ›Golkonda‹, der ›Sultanin‹, dem ›Bumerang‹, der ›Großen Republik‹, dem ›Großmogul‹ und noch fünfzig weiteren ›Gruben‹, die nie eine Schaufel oder eine Spitzhacke gefühlt hatten. Wir besaßen nicht weniger als dreißigtausend ›Fuß‹ pro Mann in den ›reichsten Gegenden der Erde‹, wie die verruchte Schwindlersprache es nannte – und konnten den Fleischer nicht bezahlen. Wir waren ganz toll vor Aufregung, trunken vor Glück, begraben unter Bergen künftigen Reichtums, voll hochmütigen Mitleids mit den Millionen, die sich im Schweiß ihres Angesichts abmühten, weil sie unsere wundervolle Schlucht nicht kannten – aber unser Kredit beim Viktualienhändler stand schlecht. Es war die seltsamste Lebenslage, die man sich vorstellen kann – der Festschmaus eines Bettlers. Im Distrikt geschah nichts, man legte keine Grube an, ließ keine Pochwerke arbeiten, man produzierte nichts und nahm nichts ein – im ganzen Lager war nicht soviel Geld zu finden, daß man hätte in einem Städtchen des Ostens einen Bauplatz dafür kaufen können; und doch würde ein Fremder geglaubt haben, er wandle unter lauter geschwollenen Millionären. Mutende Gesellschaften schwärmten mit dem ersten Tagesgrauen hinaus aus der Stadt und mit Einbruch der Nacht wieder herein, beladen mit Beute – Steinbrocken. Nichts als Steinbrocken. Jedermann hatte alle Taschen voll davon; in jeder Hütte war der Fußboden damit besät, mit Zetteln beklebt standen sie reihenweise auf den Wandsimsen.


Neuntes Kapitel.

Allenthalben begegnete ich Leuten, welche tausend bis dreißigtausend Fuß in unaufgeschlossenen Silbergruben besaßen, von denen jeder einzelne Fuß ihrer Ueberzeugung nach binnen kurzem fünfzig bis tausend Dollars gelten mußte; und das waren oft genug Leute, die in der ganzen Welt keine fünfundzwanzig Dollars ihr eigen nannten. Man mochte treffen wen man wollte, so hatte er seine neue Grube anzupreisen und seine ›Proben‹ bereit, und bei der ersten Gelegenheit drängte er einen unfehlbar in die Ecke und bot einem an, ›aus bloßer Gefälligkeit, nicht um etwas zu verdienen‹, ein paar Fuß im ›Goldenen Zeitalter‹ oder ›Sarah Jane‹ oder irgend sonst einer unbekannten Schatzkammer herzugeben, wenn er nur so viel dafür bekäme, um sich eine ordentliche Mahlzeit leisten zu können. Dabei mußte man sich verpflichten, es nicht weiter zu sagen, daß er einem das Anerbieten zu so spottbilligem Preise gemacht habe, da er sich lediglich ›aus Freundschaft zu diesem Opfer bereit erklärte‹. Dann pflegte er ein Stück Gestein aus der Tasche zu fischen, sich geheimnisvoll umzusehen, (als fürchte er, man könne ihm auflauern und ihn berauben, wenn man ihn über dem Besitz solchen Reichtums ertappe), mit dem Steinbrocken an seine Zunge zu tippen, ein Vergrößerungsglas darüber zu halten und auszurufen:

»Sehen Sie mal her! Gerade hier in dem roten Fleck! Sehen Sie! Sehen Sie die goldenen Punkte? Und den Streifen Silber? Das ist vom ›Onkel Abe‹. Davon sind hunderttausend Tonnen in Aussicht. Direkt in Aussicht, merken Sie wohl! Und wenn wir bis auf die rechte Stelle hinunterkommen und die Ader gediegen wird, dann ist des Reichtums kein Ende. Sehen Sie sich die Probe an! Ich verlange nicht, daß Sie mir glauben. Sehen Sie sich nur die Probe an!«

Dann langte er regelmäßig ein fettiges Papier heraus, worin bezeugt war, das betreffende Stück habe in der Feuerprobe den Beweis geliefert, daß es Gold und Silber im Verhältnis von so und so viel hundert oder tausend Dollars per Tonne enthalte. Ich wußte damals noch nicht, daß man gewohnt war, das reichste Stück aus einer Ausgrabung zum Probieren herauszusuchen. Sehr oft war dieses Stück von nicht mehr als Nußgröße der einzige Brocken in einer ganzen Tonne, der überhaupt ein Metallteilchen enthielt, und doch erhob es nach dem Probierzeugnis Anspruch darauf, den Durchschnittswert der Tonne Geröll, woraus es stammte, zu repräsentieren.

Dieses Probiersystem war es, das die Menschheit im Humboldt-County verrückt gemacht hatte. Auf die Autorität solcher Probierzeugnisse hin schwärmten die dortigen Zeitungskorrespondenten vor Begeisterung über Gestein, das vier- bis siebentausend Dollars die Tonne wert sein sollte.

Wir rührten weder unsern Stollen, noch unsern Schacht je wieder an. Warum? Weil wir nun das wahre Geheimnis des Erfolges beim Silbergraben entdeckt zu haben meinten – es bestand darin, daß man nicht selbst im Schweiß seines Angesichts und mit seiner Hände Arbeit nach Silber grub, sondern die Erzschichten an die dummen Sklaven der Arbeit verkaufte und ihnen das Graben überließ! –

Vor meinem Weggang von Carson hatte ich zusammen mit dem Sekretär von verschiedenen Mitbesitzern der ›Esmeralda‹ eine Anzahl Fuß gekauft. Wir hatten sofortige Gegenleistung in ungemünztem Gold oder Silber erwartet, wurden aber statt dessen mit regelmäßig und ständig wiederkehrenden Zubußen – d. h. Geldforderungen zum Ausbau der genannten Gruben – heimgesucht. Diese Zubußen waren dermaßen drückend geworden, daß es notwendig erschien, sich persönlich Einblick in die Sache zu verschaffen. Ich beschloß deshalb eine Pilgerfahrt nach Carson und von dort nach Esmeralda. Nachdem ich mir ein Pferd gekauft, brach ich in Begleitung des Herrn Ballou und eines Herrn Ollendorff auf. Dieser letztere war ein Preuße – aber nicht jener Mensch, der mit seinen Grammatiken fremder Sprachen mit ihren unaufhörlichen Wiederholungen von Fragen, die weder jemals vorgekommen sind, noch jemals in irgend einer Unterhaltung zwischen menschlichen Wesen vorzukommen Aussicht haben, der Welt so viel Leiden zugefügt hat. Wir ritten zwei oder drei Tage lang durch einen Schneesturm, bis wir vor Honey Lake Smiths einsam gelegenem Wirtshause am Carsonflusse ankamen. Es war ein zweistockiges Blockhaus auf einem kleinen Hügel, inmitten eines weiten Wüstenbeckens, durch das sich der dürftige Carson trübselig hinwindet. Dicht bei dem Hause standen die aus Backsteinen erbauten Ställe der Ueberlandpost. Mehrere Meilen rundum fand man sonst kein Gebäude. Gegen Sonnenuntergang trafen ungefähr zwanzig Heuwagen ein, die sich rings um das Haus aufstellten; sämtliche Fuhrleute kamen zum Abendessen herein – eine sehr, sehr rohe Bande. Auch ein oder zwei Postillone der Ueberlandpost waren da, und außerdem ein halbes Dutzend Strolche und Landstreicher; das Haus war demnach wohl gefüllt. Nach dem Essen gingen wir hinaus und besuchten ein kleines Indianerlager in der Nachbarschaft. Die Indianer waren aus irgend einem Grunde in großer Aufregung, sie packten ein und eilten so schnell als möglich fortzukommen. »In kurz Zeit Menge Wasser,« sagten sie und gaben uns mit Hilfe von Zeichen zu verstehen, daß nach ihrer Meinung eine Ueberschwemmung im Anzug sei. Das Wetter war vollkommen klar, auch befanden wir uns nicht in der Regenzeit. Das unbedeutende Flüßchen hatte höchstens zwei Fuß Wasser; seine Oberfläche war nicht breiter als eine schmale Dorfgasse und seine Ufer kaum höher als ein Mannskopf. Wo sollte also eine Ueberschwemmung herkommen? Wir sprachen noch eine Weile darüber und gelangten zu dem Schlusse, es werde wohl eine List der Indianer sein, die für ihren eiligen Abzug sicherlich einen triftigeren Grund haben müßten, als die Furcht vor Ueberschwemmung bei maßloser Trockenheit.

Um sieben Uhr abends legten wir uns im zweiten Stockwerk zu Bette, – in den Kleidern (unsrer Gewohnheit gemäß) und alle drei in ein Bett; denn jeder verwendbare Raum auf dem Fußboden, auf Stühlen u. s. w. war besetzt, und trotzdem gab es kaum Platz genug für alle Gäste des Wirtshauses. Nach einer Stunde weckte uns ein großer Lärm; wir sprangen aus dem Bett, stiegen über die in Reihen auf dem Boden schnarchenden Fuhrleute hinweg und gelangten so nach den Vorderfenstern der Stube. Ein einziger Blick enthüllte uns im Scheine des Mondlichts ein merkwürdiges Bild. Der vielgewundene Carson war voll bis zum Rande, wild rasten und schäumten seine Wasser – mit wütender Geschwindigkeit schossen sie um die scharfen Biegungen und brachten auf der Oberfläche ein Chaos von Stämmen, Strauchwerk und allerhand Unrat mit. Eine Einsenkung, die früher das Bett des Flusses gebildet hatte, war schon beinahe voll, und an mehreren Stellen begann das Wasser über das Hauptufer hinauszuspülen. Die Leute rannten hin und her, um Vieh und Wagen dicht an das Haus zu bringen, denn die Bodenerhebung, auf der es stand, dehnte sich vorne nur etwa dreißig und an der Hinterseite vielleicht hundert Fuß weit aus. Hart neben dem vorerwähnten alten Flußbett stand ein kleiner Stall aus Baumstämmen, in welchem unsere Pferde untergebracht waren. An dieser Stelle stieg das Wasser zusehends so rasch, daß nach wenigen Minuten ein Wildbach an dem Stall vorbeibrüllte, der fortwährend höher an dem Gebälk emporschwoll. Da wurde uns auf einmal klar, daß diese Flut mehr sei, als ein bloßes Schaustück zur Kurzweil. Sie drohte Verderben, und zwar nicht nur dem kleinen Blockstall, sondern auch den Gebäuden der Ueberlandpost, dicht am Hauptflusse, denn die Wellen waren jetzt über die Ufer gestiegen, so daß sie die Grundmauern umspülten und in die anstoßende große Heuscheune eindrangen. Wir rannten hinunter und befanden uns bald mitten in einem Haufen aufgeregter Menschen und geängsteter Tiere. Bis an die Kniee wateten wir in den Stall und banden die Pferde los; beim Herauswaten ging uns das Wasser schon bis zu den Hüften, so rasch war es gestiegen. Dann stürzten alle wie ein Mann nach der Scheune und machten sich daran, die mächtigen Bündel Heu herauszuwerfen, die dann nach dem höher gelegenen Hause hinaufgewälzt wurden. Inzwischen hatte man entdeckt, daß ein Postillon der Ueberlandpost, Namens Owens, fehlte; ein Mann lief bis zu den Schenkeln im Wasser in den Stall hinein, fand den Vermißten schlafend und weckte ihn, worauf er wieder hinauswatete. Aber Owens war duselig und schlief wieder ein; jedoch nur auf ein paar Minuten; denn als er sich im Bett umdrehte, kam seine herabhängende Hand in Berührung mit dem kalten Wasser! Dieses ging schon bis zur Höhe der Matratze! Fast brusttief watete er heraus, und schon im nächsten Augenblick schmolzen die Backsteine zusammen wie Zucker; das mächtige Gebäude stürzte ein und war im Nu weggespült.

Um elf Uhr schaute nur noch das Dach des kleinen Stalles aus dem Wasser heraus, und unser Wirtshaus war eine Insel im Weltmeer. Soweit das Auge im Mondlicht schauen konnte, war keine Wüste mehr zu erblicken, sondern nur noch eine weite, schimmernde Wasserfläche. Die Indianer hatten richtig prophezeit; aber woher hatten sie ihre Kunde erhalten? Ich weiß keine Antwort darauf.

Acht Tage und ebenso viele Nächte blieben wir mit jener sonderbaren Gesellschaft zusammengepfercht. Fluchen, Trinken und Kartenspiel bildeten die Tagesordnung, die nur gelegentlich der Abwechslung halber durch eine Rauferei unterbrochen wurde. Schmutz und Ungeziefer – doch davon schweige ich lieber; es genüge zu sagen, daß beides in geradezu unbegreiflicher Masse vorhanden war.

Zwei Leute in der Gesellschaft – doch dieses Kapitel ist schon lang genug.


Zehntes Kapitel.

Zwei Leute in der Gesellschaft waren mir ganz besonders widerwärtig. Der eine war ein kleiner Schwede von ungefähr fünfundzwanzig Jahren, der nur ein einziges Lied konnte, das er in einem fort sang. Den Tag über waren wir sämtlich in einem einzigen, kleinen, zum Ersticken dunstigen Schenkzimmer zusammengepfercht, und so gab es vor der Musik dieses Menschen kein Entrinnen. Mitten durch all das Lästern, Whiskeysaufen, Stoßen und Zanken tönte sein langweiliger Gesang ohne irgend welche Abwechslung in der gleichen einförmigen Weise, so daß ich zuletzt gerne den Tod erlitten hätte, um dieser Marter zu entgehen. Der andere war ein stämmiger Raufbold, ›Arkansas‹ geheißen; im Gürtel trug er zwei Revolver, aus dem Stiefel sah ihm ein Bowiemesser heraus; er war stets betrunken und auf der Suche nach Händeln, doch fürchtete man ihn so sehr, daß ihm niemand den Gefallen thun wollte, mit ihm anzubinden. Durch allerlei kleine Kriegslisten suchte er bald diesen bald jenen zu einer beleidigenden Bemerkung zu verlocken, und hie und da leuchtete sein Gesicht freudig auf, wenn er meinte, er habe eine Rauferei gehörig eingefädelt; aber unfehlbar vereitelte sein Opfer alle Bemühungen, und dann gab er jedesmal eine Enttäuschung kund, die schier pathetisch war. Den Wirt, Johnson, einen bescheidenen, gutmütigen Menschen, nahm Arkansas bald als vielversprechenden Gegenstand aufs Korn und ließ ihm eine Zeitlang Tag und Nacht keine Ruhe. Am vierten Morgen betrank sich Arkansas und paßte auf eine gute Gelegenheit. Bald darauf kam Johnson, gemütlich vom Whiskey angeheitert, herein und begann:

»Ich glaube, die Wahl in Pennsylvanien –«

Arkansas erhob warnend den Finger, worauf Johnson inne hielt. Der andere richtete sich unsicher auf und trat ihm schwankend gegenüber mit den Worten:

»Wa-was wissen Sie vo-von Pennsylvanien? Antworten Sie mir. Wa-was wissen Sie von Pennsylvanien?«

»Ich wollte bloß sagen –«

»Sie wollten bloß sagen – Sie! Sie wollten bloß sagen – was wollten Sie sagen? Das ist’s! Das will ich wissen. Ich will wissen, wa-was Sie (Schlucken) von Pennsylvanien wissen, weil Sie sich so verdammt breit damit machen. Antworten Sie mir darauf!«

»Herr Arkansas, wenn Sie mir erlauben wollten –«

»Wer hindert Sie denn? Bringen Sie keine Sticheleien gegen mich vor – lassen Sie das sein. Kommen Sie nicht mit großthuerischen Redensarten und Fluchen und Schwören wie ein Verrückter herein – lassen Sie das gefälligst bleiben. Denn ich lasse mir das nicht gefallen. Wenn Sie sich mit mir schießen wollen, heraus mit der Schlüsselbüchse! Ich bin dabei! Heraus damit!«

Johnson flüchtete rückwärts in eine Ecke, wohin Arkansas drohend folgte. »Aber ich habe ja gar nichts gesagt, Herr Arkansas!« rief der Wirt. »Sie lassen einen ja nicht ausreden. Ich wollte bloß sagen, daß es in Pennsylvanien nächste Woche eine Wahl geben wird – das war alles – das war das einzige, was ich sagen wollte; ich will nicht gesund hier stehen, wenn es nicht so war.«

»Gut, aber warum sagten Sie das nicht gleich? Was kamen Sie so geschwollen herein und versuchten Spektakel anzufangen?«

»Aber ich bin doch gar nicht geschwollen hereingekommen, Herr Arkansas, ich wollte ja nur –«

»Ich bin also ein Lügner? Nicht wahr? Beim Geist des gr-großen Cäsar –«

»Aber bitte, Herr Arkansas, ich habe so etwas durchaus nicht sagen wollen; ich will gleich tot sein, wenn ich daran gedacht habe. Die Jungens werden Ihnen alle bezeugen, daß ich stets gut von Ihnen gesprochen und Sie höher geachtet habe als irgend jemand im Hause. Fragen Sie ’mal Smith. Ist es nicht so, Smith? Habe ich nicht erst gestern abend gesagt, wenn ihr einen feinen Herrn haben wollt, der es immer und unter allen Umständen ist und bleibt, so seht euch den Arkansas an? Sie können jeden von den Herren hier fragen, ob das nicht genau meine Worte sind. Kommen Sie jetzt, Herr Arkansas, wir wollen einen Schluck nehmen – wir wollen uns die Hände schütteln und ein Tröpfchen trinken. Kommen Sie her, alle miteinander, ich traktiere! Kommt her, Bill, Tom, Bob, Scotty – kommt her. Ihr sollt alle mit mir und Arkansas, meinem alten Arkansas – meinem prächtigen, alten Arkansas, einen Kleinen trinken. Geben Sie mir noch ’mal die Hand. Seht ihn an, Jungens – nur einmal seht ihn an. Da steht der weiseste Mann in ganz Amerika – und wer das leugnet, der hat’s mit mir zu thun, damit Punktum. Geben Sie mir die alte Tatze noch einmal.«

Sie umarmten sich. Dies geschah von seiten des Wirtes mit trunkener Zärtlichkeit, welche von Arkansas, der um den Preis eines Schnapses wiederum seine Beute aus den Händen lassen mußte, mit lässiger Gleichgültigkeit hingenommen wurde. In seinem Glück darüber, daß er der Schlachtbank entronnen, war der Wirt so thöricht, noch weiter fortzuschwatzen, statt der Gefahr aus dem Wege zu gehen. Dies hatte zur Folge, daß Arkansas bald darauf wieder gefährliche Blicke nach ihm zu werfen begann und sagte:

»Wirt, wollen Sie ge-gefälligst diese Be-Bemerkung noch einmal machen, wenn es Ihnen beliebt?«

»Ich sagte zu Scotty, mein Vater sei über achtzig Jahre alt gewesen, als er starb.«

»War das alles, was Sie sagten?«

»Ja, das war alles.«

»Sagten Sie weiter nichts als das?«

»Nein, nichts weiter.«

Ein unbehagliches Schweigen folgte. Arkansas spielte einen Augenblick mit seinem Glase, die Ellbogen auf den Schenktisch gestützt. Dann kratzte er sich nachdenklich mit dem linken Stiefel am rechten Schienbein, während das unheildrohende Schweigen noch fortdauerte. Auf einmal schlenderte er mit verdrießlicher Miene nach dem Ofen zu, schob in grober Weise zwei oder drei Leute mit der Schulter aus ihren behaglichen Stellungen weg, machte sich’s bequem und gab einem schlafenden Hund einen Fußtritt, daß er heulend unter eine Bank fuhr; darauf spreizte er seine langen Beine auseinander, nahm die Schöße seines aus einer Pferdedecke gemachten Rockes unter die Arme und schickte sich an, sich die Hinterseite zu wärmen. Nach einem Weilchen begann er für sich zu brummen, und bald darauf schlotterte er an den Schenktisch zurück und sagte:

»Wirt, was soll das heißen, daß Sie alte Persönlichkeiten zusammenkratzen und sich mit Ihrem Vater groß machen? Paßt Ihnen unsere Gesellschaft nicht? Hm? Wenn Ihnen diese Gesellschaft nicht recht ist, so thäten wir vielleicht besser, zu gehen. Ist das Ihre Meinung? Wollen Sie darauf hinaus?«

»Ei, du meine Güte, Arkansas, ich habe an so etwas gar nicht gedacht. Meine Eltern –«

»Wirt, fiedeln Sie mir nicht solches Zeug vor. Lassen Sie das. Wenn Sie durchaus Spektakel haben müssen, frisch heraus damit (Schlucken) – aber scharren Sie nicht vergangene, alte Dinge aus dem Boden auf, um sie Leuten in die Zähne zu werfen, die Frieden zu halten wünschen, wenn es halbwegs geht. Was ist denn überhaupt heut’ morgen mit Ihnen los? Noch nie habe ich einen Menschen gesehen, der sich so aufspielte!«

»Arkansas, ich habe mir wirklich nichts Schlimmes dabei gedacht, aber ich will’s sein lassen, wenn es Ihnen unangenehm ist. Ich glaube, meine Schnäpse sind mir in den Kopf gestiegen, und dann die Ueberschwemmung und daß ich so viele Leute zu füttern habe und sorgen muß, daß –«

»Also das ist’s, was Ihnen im Kopf herumgeht? Sie wollen uns los sein, he? Ist’s nicht so? Heraus damit!«

»Bitte, so seien Sie doch vernünftig, Arkansas. Sie wissen ja doch, daß ich nicht der Mann darnach bin, um –«

»Wollen Sie mir drohen, he? Beim Himmel, der Mann muß erst geboren werden, der mich ins Bockshorn jagt. Probier’s nur nicht, mir so aufzuspielen, mein Lämmchen. – Ich kann viel vertragen, aber das vertrag’ ich nicht. Komm hervor hinter dem Schenktisch da, daß ich dich Mores lehre. Du willst uns vertreiben, du schleichender, heimtückischer Hund. Geh heraus hinter dem Schenktisch da! Ich will dich lehren, einen Biedermann mit Bramarbasieren zu quälen und mit hochmütigen Blicken zu reizen, der dir immer alles zu lieb gethan hat!«

»Bitte, Arkansas, nicht schießen, bitte! Wenn’s zu Blutvergießen kommt –«

»Hören Sie, meine Herren? Hören Sie, wie er von Blutvergießen spricht? Also Blut willst du sehen, nicht wahr, du wütender Mordgeselle! Du hast dir vorgenommen, heut’ morgen jemand umzubringen! Das hab’ ich gleich gewußt. Mich hast du auf dem Korn, nicht wahr? Mir willst du an den Hals, nicht wahr? Aber ich will dir schon zuvorkommen, du diebischer Niggersohn mit schwarzem Herzen und weißer Leber! Heraus mit deiner Schlüsselbüchse!«

Damit begann Arkansas zu feuern, während der Wirt in heller Todesangst über Bänke, Menschen und alles, was ihm im Weg stand, wegsetzte. Inmitten des tollen Getümmels fuhr der Wirt krachend durch eine Glasthüre, und als Arkansas ihm nachsprang, erschien plötzlich die Frau des Wirtes in der Thüröffnung und trat dem Raufbold mit einer Schere entgegen. Die Frau war großartig in ihrer Wut. Erhobenen Hauptes und blitzenden Auges stand sie einen Augenblick da, dann rückte sie mit gezückter Waffe vor. Verblüfft hielt der Schurke inne und trat einen Schritt zurück. Sie folgte ihm, trieb ihn Schritt für Schritt bis in die Mitte der Schenkstube und gab ihm hier vor der verwunderten Menge, die sich um sie sammelte und sie mit starrem Staunen betrachtete, eine solche Tracht Zungenhiebe, wie sie vielleicht noch nie einem eingeschüchterten und gründlich beschämten Prahlhans zu teil geworden sind. Als sie zu Ende war und sich als Siegerin zurückzog, erzitterte das Haus von Beifallsgebrüll und jedermann bestellte in einem Atem ›Schnaps für die ganze Gesellschaft‹.

Die Lektion war völlig genügend. Die Schreckensherrschaft war vorüber, Arkansas’ Macht für immer gebrochen. Während der ganzen Zeit, die wir noch auf unserer Insel in Gefangenschaft verbringen mußten, saß einer stets geduckt beiseite, mengte sich nie in einen Streit, ließ nie eine Prahlerei hören und nahm geduldig die Beleidigungen hin, die ihm die Menge, welche bisher vor ihm zu Kreuz gekrochen, jetzt unaufhörlich zuschleuderte – und dies war Arkansas.


Am fünften oder sechsten Morgen verlief sich das Wasser vom Lande wieder, aber die Strömung im alten Flußbett war immer noch hoch und reißend, und keine Möglichkeit hinüberzukommen. Am achten Tage ging sie immer noch zu hoch, als daß man ganz ohne Gefahr hätte übersetzen können; allein das Leben in der Schenke war bei der Unsauberkeit, Trunkenheit und Rauflust der Gäste nicht länger auszuhalten, und so machten wir einen Versuch, fortzukommen. Bei heftigem Schneesturm schifften wir uns in einem Kahne ein, nahmen die Sättel mit an Bord und zogen die Pferde im Schlepptau an den Halftern hinter uns drein. Der Preuße Ollendorff befand sich vorn am Bug mit einem Ruder, Ballou ruderte in der Mitte und ich saß im Stern und hielt die Halfter. Als die Pferde den Grund verloren und zu schwimmen anfingen, wurde Ollendorff ängstlich; er fürchtete, die Pferde könnten uns vom Ziel abbringen, und es war klar, daß, falls es uns nicht gelang, an einer gewissen Stelle zu landen, wir, von der Strömung fortgerissen, unfehlbar in den Hauptarm des Carson treiben würden, der zurzeit einen kochenden Strudel bildete. Ein solches Mißgeschick würde aller Wahrscheinlichkeit nach unsern Tod bedeutet haben; denn wir wären mit unserm Kahn in den See geschwemmt worden oder umgestürzt und ertrunken. Wir mahnten Ollendorff, seine fünf Sinne zusammenzuhalten und sich vorsichtig zu betragen, aber es nutzte nichts. In dem Augenblick, als das Boot ans Ufer stieß, that er einen Sprung, so daß das Fahrzeug umschlug und in dem zehn Fuß tiefen Wasser herumwirbelte. Ollendorff erfaßte einen Strauch, an dem er sich ans Ufer zog, während Ballou und ich hinüberschwimmen mußten, wobei uns unsere Ueberzieher sehr hinderlich waren. Aber wir hielten uns an dem Kahn fest, und obwohl wir beinahe den Carson hinabgespült worden wären, gelang es uns zuletzt doch, das Boot ans Ufer zu schieben und sicher zu landen. Wir waren zwar durchkältet und durchnäßt, aber doch in Sicherheit. Die Pferde halfen sich gleichfalls ans Land; aber unsere Sättel waren natürlich verloren. Wir banden die Tiere an Salbeibüsche fest, wo sie vierundzwanzig Stunden ausharren mußten. Dann schöpften wir das Boot aus und schafften darin für sie Futter und wollene Decken hinüber, während wir selbst noch einmal in dem Wirtshause übernachteten, ehe wir uns abermals auf die Reise wagten.

Am nächsten Morgen, als wir mit neuen Sätteln und sonstigen Ausrüstungsgegenständen aufbrachen, schneite es immer noch wie rasend. Wir stiegen auf und ritten ab. Der Schnee bedeckte den Boden so hoch, daß keine Spur von der Straße erkennbar war, und der Schnee fiel so dicht, daß wir nicht mehr als hundert Schritt weit vor uns sehen konnten, sonst hätten wir an den Bergketten unsere Richtung erkennen können. Die Sache sah bedenklich aus; allein Ollendorff erklärte, er habe einen Instinkt so fein wie ein Kompaß und wäre im stande, schnurgerade auf Carson City zuzureiten, und die Linie genau einzuhalten. Bei der geringsten Abweichung von derselben würde ihn sein Instinkt so sicher warnen wie einen Sünder sein Gewissen. Glücklich und zufrieden folgten wir seiner Spur. Eine halbe Stunde lang haspelten wir uns ziemlich mühselig weiter, dann aber trafen wir auf eine neue Fährte, und Ollendorff rief stolz:

»Ich wußte es ja, daß ich so unfehlbar bin wie ein Kompaß, Jungens! Hier sind wir genau in den Fußspuren von jemand, der uns den Weg zeigen wird, ohne daß wir uns anzustrengen brauchen. Wir wollen uns eilen, damit wir uns der Gesellschaft da vorne anschließen können.«

Nun ließen wir die Pferde so stark traben, als es in dem tiefen Schnee anging; und nicht lange, so schien es, als kämen wir den vor uns Reitenden näher; denn die Spuren wurden deutlicher. Eilig strebten wir vorwärts, und nach Verlauf einer Stunde sahen die Spuren noch neuer und frischer aus – nur waren wir überrascht, daß die Zahl der Reisenden fortwährend zuzunehmen schien. Wir konnten uns nicht denken, wie eine so große Gesellschaft zu solcher Zeit in diese Einöde käme, bis einer von uns meinte, es müsse wohl eine Kompagnie Soldaten vom Fort sein. Zufrieden mit dieser Lösung des Rätsels, ritten wir noch etwas rascher weiter; sie konnten ja nicht mehr fern sein. Aber die Spuren vermehrten sich noch immer, so daß wir schon anfingen zu glauben, die Abteilung Soldaten müsse sich auf unerklärliche Weise zu einem Regiment vermehrt haben – Ballou behauptete, es seien schon mindestens fünfhundert daraus geworden. Auf einmal hielt er an und sagte: »Jungens, das sind ja unsere eigenen Spuren! Mehr als zwei Stunden lang sind wir wahrhaftig wie in einem Zirkus immer wieder rundum geritten, hier außen in der öden Wüste! Bei Gott, das ist ja ganz ›hydraulisch‹!«

Dann wurde der alte Mann wild und fing an zu schimpfen. Er gab Ollendorff allerhand schlimme Namen, sagte, in seinem Leben hätte er keinen solchen dämlichen Pinsel gesehen wie ihn, und machte zum Schluß die ganz besonders giftige Bemerkung, er wisse nicht einmal so viel wie ein Logarithmus!

Wir waren richtig unseren eigenen Spuren gefolgt. Ollendorff samt seinem inneren Kompaß fiel von nun an in Ungnade. Am Schlusse unseres mühseligen Rittes befanden wir uns wieder am Ufer des Baches, während sich drüben durch das Schneetreiben hindurch in matten Umrissen das Wirtshaus zeigte. Noch überlegten wir, was nun zu thun sei, da landete der junge Schwede mit dem Kahn und schlug seinen Weg zu Fuß nach Carson City ein, immer denselben langweiligen Singsang herleiernd. Eine Minute darauf war er nur noch undeutlich sichtbar und versank dann in dem weißen Meer der Vergessenheit. Man hörte nie wieder von ihm. Ohne Zweifel verlor er die ruhige Besinnung, verirrte sich, sank vor Ermüdung in Schlaf und fiel so dem Tode in die Arme. Möglicherweise folgte er auch unsern verräterischen Spuren, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach.

Inzwischen fuhr die Ueberlandpost durch den jetzt rasch fallenden Bach; es war ihre erste Fahrt nach Carson seit dem Eintritt der Ueberschwemmung. Ohne Zeitverlust folgten wir den von ihr gezogenen Furchen und trabten lustig voran, denn wir setzten volles Vertrauen in die Lokalkenntnis des Postillons. Unsere Pferde konnten es zwar mit dem frischen Gespann der Post nicht aufnehmen, so daß wir diese bald aus dem Gesicht verloren, doch hatte dies nichts zu bedeuten, denn die tiefen Einschnitte, die die Räder machten, dienten uns als Wegweiser. Mittlerweile war es drei Uhr nachmittags geworden, und es mußte bald Nacht werden. Das geschieht aber dort zu Lande nicht mittelst einer allmählich stärker werdenden Dämmerung, sondern geht so plötzlich vor sich, wie wenn eine Kellerthür zugeschlagen wird. Der Schnee fiel noch immer gleich dicht, so daß wir keine fünfzehn Schritte vor uns sehen konnten; aber ringsum vermochten wir durch den Schimmer des weißen Schneebettes die glatten, zuckerhutförmigen Erhöhungen zu erkennen, in welche sich die Salbeibüsche verwandelt hatten; die beiden schmalen Rinnen dicht vor uns aber waren die mehr und mehr sich füllenden und langsam verschwindenden Wagengeleise.

Nun waren jene Salbeibüsche alle von derselben Höhe, drei oder vier Fuß hoch, und sie standen alle etwa sieben Fuß auseinander, soweit das Auge reichte; jeder derselben war jetzt ein bloßer Schneehaufen; in jeder Richtung, die man einschlagen mochte, bewegte man sich wie in einem gut angelegten Obstgarten durch eine rechts und links von einer Reihe dieser Schneehaufen eingefaßte Gasse – eine Gasse von der gewöhnlichen Breite einer Landstraße, in der Mitte sauber und eben, und an den Seiten ganz natürlich ansteigend. Bisher war uns das noch gar nicht eingefallen. Nun stelle man sich einmal vor, wie es uns eiskalt überlief, als uns tief in der Nacht der Gedanke kam, wir möchten vielleicht jetzt, da die schwache Spur der Wagenräder längst begraben und unsern Blicken entzogen war, in einer bloßen Allee von Salbeibüschen, meilenweit weg von der Straße hin irren und immer weiter von derselben abkommen. Wäre uns ein Eisklumpen über den nackten Rücken gerutscht, es hätte eine behagliche Empfindung sein müssen, verglichen mit diesem Gefühl. Das seit einer Stunde schläfrig gewordene Blut regte sich plötzlich wieder und schoß uns verzweifelt durch die Adern. Alle in Schlummer versunkenen Kräfte des Geistes und Körpers flammten auf. Sofort waren wir wach und munter, aber nur um vor Angst und Bestürzung zu zittern und zu klappern. Unverzüglich machten wir Halt, stiegen von den Pferden, und bückten uns tief, um nach den Spuren der Straße zu suchen. Vergeblich; denn eine Bodenvertiefung, die nicht zu erkennen war, wenn man sich vier oder fünf Fuß über derselben befand, ließ sich erst recht nicht wahrnehmen, wenn man sie fast mit der Nase berührte.


Elftes Kapitel.

Es kam uns zwar vor, als befänden wir uns auf einer Straße; aber das war noch kein Beweis. Denn als wir nach verschiedenen Richtungen hinschritten, zog jeder von uns aus den regelmäßigen Reihen von Schneehaufen und den dazwischen hinlaufenden Wegen den unumstößlichen Schluß, daß er den richtigen Weg gefunden und die beiden andern sich geirrt hätten. Wir waren kalt und steif und die Pferde ermüdet. In unserer verzweifelten Lage beschlossen wir, ein Feuer aus Salbeibüschen anzumachen und bei demselben bis zum Morgen zu kampieren. Dies war das Vernünftigste, weil, falls wir von der richtigen Straße abgekommen waren und der Schneesturm noch einen Tag anhielt, kaum noch eine Rettung blieb, wofern wir weiter ritten.

Wir waren alle einig darüber, daß ein Lagerfeuer uns noch am ehesten am Leben erhalten könnte, und so machten wir uns ohne Aufschub daran, ein solches herzustellen. Da wir keine Zündhölzchen finden konnten, versuchten wir es mit den Pistolen. Zwar hatte keiner von der Gesellschaft dies jemals probiert, aber wir glaubten, es werde sich ganz bequem machen lassen, denn wir hatten des öfteren davon in Büchern gelesen und verließen uns nun darauf mit derselben vertrauensvollen Einfalt wie auf jenen anderen Bücherschwindel, der von Indianern und verirrten Jägern erzählt, die sich durch Reiben von zwei dürren Holzstücken Feuer verschaffen.

Auf den Knieen drängten wir uns in dem tiefen Schnee aneinander; die Pferde steckten ihre Nasen zusammen und beugten ihre Köpfe geduldig über uns, und so fuhren wir in unserem wichtigen Experiment fort, während die federigen Flocken herunterwirbelten und uns in eine Gruppe weißer Statuen verwandelten. Wir brachen Zweige von einem Salbeibusch, säuberten einen kleinen Platz vom Schnee und häuften das Holz auf, es mit unsern Leibern schützend. Dies nahm zehn bis fünfzehn Minuten in Anspruch, und nun setzte Ollendorff unter allgemeiner Stille und atemloser, ängstlicher Spannung seinen Revolver daran, drückte ab und – fort flog unser Holzhäufchen in alle Winde.

Das war recht betrübend, aber es verblaßte vor einem noch größeren Schrecken – die Pferde waren fort. Ich war damit betraut gewesen, die Zügel zu halten, hatte sie aber in der Aufregung des Pistolenexperiments unversehens fallen lassen, und die frei gewordenen Tiere waren in dem Unwetter davongelaufen. Sie aufsuchen zu wollen, wäre verlorene Mühe gewesen; ihre Fußtritte brachten kein Geräusch hervor und man konnte ihnen auf zwei Ellen nahe sein, ohne sie zu sehen. So gaben wir sie denn auf und verwünschten die Bücher mit ihren Lügen, in denen steht, daß Pferde in Zeiten der Not, Schutz und Gesellschaft suchend, bei ihrem Herrn bleiben.

Wir waren schon vorher elend genug daran gewesen, nun fühlten wir uns noch viel verlassener. Geduldig, doch ohne Hoffnung brachen wir noch einmal Reisig ab und schichteten es auf, worauf es der Preuße abermals in alle Winde schoß. Offenbar war das Feueranmachen mit einem Pistol eine Kunst, die Uebung und Erfahrung erforderte, und eine Wüste um Mitternacht und bei Schneegestöber war nicht der Ort zur Erlangung dieser Fertigkeit. Wir gaben diesen Versuch auf und wandten uns zu dem andern. Ein jeder von uns nahm zwei Hölzer und machte sich daran, sie aneinander zu reiben. Nach Ablauf einer halben Stunde waren wir vor Kälte ganz erstarrt und die Hölzer nicht minder. Bitter verwünschten wir Indianer, Jäger und Bücher, die uns mit ihrem einfältigen Rate bethört hatten, und fragten uns, was nun zunächst zu thun sei. In diesem entscheidenden Augenblicke entdeckte Ballou in einer Tasche, die er bisher ganz übersehen hatte, vier Zündhölzchen. Wären es Goldbarren gewesen, sie würden uns, verglichen damit, als ein ärmlicher, wertloser Glücksfund vorgekommen sein. Man glaubt nicht, wie prächtig sich ein Zündholz unter solchen Umständen ausnimmt, wie lieblich und kostbar und von welch erhabener Schönheit umflossen es dem Auge erscheint. Voll hoher Hoffnungen sammelten wir nochmals Reisig, und als der Alte sich anschickte, das erste Hölzchen in Brand zu setzen, sahen wir ihm mit einem Interesse zu, das ganze Druckseiten nicht genügend zu schildern vermöchten. Hoffnungsvoll brannte das Zündhölzchen einen Augenblick lang und ging dann aus. Wäre es eine Menschenseele gewesen, man hätte ihr Erlöschen nicht tiefer betrauern können. Das nächste Hölzchen blitzte nur auf, um sogleich wieder zu ersterben. Das dritte blies der Wind gerade in dem Augenblick aus, als es Erfolg verhieß. Enger als je drückten wir uns nun zusammen und entwickelten eine peinliche Aufmerksamkeit, als Ballou mit unserer letzten Hoffnung über sein Hosenbein strich. Das Hölzchen fing Feuer, brannte zuerst blau und kümmerlich, flackerte dann aber zu einer kräftigen Flamme auf. Der alte Herr schützte sie mit der Hand und bückte sich langsam damit. Jeder von uns war mit ganzer Seele bei seinem Thun, Blut und Atem stockten uns. Endlich ergriff die Flamme die Hölzer, teilte sich allgemach mehreren mit – zögerte – gewann wieder etwas mehr Kraft – zögerte nochmals – behielt fünf herzbrechende Minuten lang das Leben – um dann wie die Seele eines Sterbenden noch einmal aufzuflackern und zu erlöschen.

Mehrere Minuten lang sprach keiner ein Wort. Ein feierliches Schweigen herrschte. Selbst der Wind hielt verstohlen inne mit seinem Wehen, und machte nicht mehr Geräusch als die fallenden Schneeflocken, so daß eine unheilverkündende Stille entstand. Endlich begann man mit gepreßter Stimme sich auszusprechen, und es zeigte sich bald, daß einer wie der andere von uns in seinem Innern fest überzeugt war, diese Nacht sei unsere letzte in diesem Leben. Ich hatte im stillen gehofft, der einzige zu sein, der diese Empfindung hätte. Als die andern ruhig ebenfalls diese Ueberzeugung bekannten, klang es wie Grabgeläute. Ollendorff sagte: »Brüder, laßt uns zusammen sterben! Und laßt uns hinübergehen ohne ein bitteres Gefühl gegen einander. Laßt Vergangenes vergeben und vergessen sein. Ich weiß, ihr grollet mir, weil ich schuld daran war, daß gestern der Kahn umschlug und weil ich gescheit sein wollte und euch im Kreise im Schnee herumführte – aber ich meinte es gut, verzeiht mir. Ich gestehe offen, daß ich auf Ballou böse war, weil er mich geschimpft und einen Logarithmus genannt hatte; was das ist, weiß ich nicht; es muß aber wohl etwas sein, das in Amerika für ungehörig und unehrenvoll gilt; es ist mir kaum einen Augenblick aus dem Sinn gekommen und hat mich sehr gekränkt – aber lassen wir das, ich vergebe Ihnen von ganzem Herzen, Herr Ballou, und –«

Der arme Ollendorff brach zusammen und Thränen liefen ihm die Wange herunter. Aber nicht ihm allein; denn ich brach ebenfalls in Weinen aus und Ballou nicht minder. Als Ollendorff wieder reden konnte, erteilte er mir Vergebung für verschiedenes, was ich ihm gethan und gesagt hatte. Dann zog er seine Schnapsflasche heraus und erklärte, ob er nun sterben oder am Leben bleiben möge, nie werde er wieder einen Tropfen anrühren. Der Hoffnung auf das Leben habe er gänzlich entsagt und, obwohl schlecht vorbereitet, wolle er sich doch demütig in sein Schicksal ergeben. Allerdings wünschte er noch eine kleine Frist, aber nicht aus irgend welchem selbstsüchtigen Grunde, sondern um seinen Sinn gründlich zu ändern, sich der Pflege der Armen zu weihen, Kranke zu warten und der Welt Mäßigkeit zu predigen, damit sein Leben zu einem heilsamen Beispiel für die Jugend werde und er es zuletzt mit dem tröstlichen Gedanken beschließen dürfe, daß er nicht umsonst gelebt habe. Seine Umkehr solle gleich in diesem Augenblick beginnen, hier im Angesicht des Todes, da ihm keine Zeit mehr gewährt sei, sich zum Wohl und Heil der Menschheit zu bethätigen – und damit schleuderte er die Whiskyflasche fort.

Ballou machte Bemerkungen ähnlichen Inhalts und begann die ›Umkehr‹, deren Fortsetzung er nicht erleben sollte, damit, daß er das alte Kartenspiel wegwarf, welches unsere Gefangenschaft während der letzten Tage behaglich, ja überhaupt erträglich gemacht hatte. Nie habe er gewerbsmäßig gespielt, sagte er, aber er sei überzeugt, daß die Beschäftigung mit den Karten unsittlich und schädlich sei, und wer ganz rein und tadellos sein wolle, derselben entsagen müsse, »und deshalb,« so fuhr er mit seinem steten wunderlichen Gebrauch von Fremdwörtern fort, »fühle ich mich jetzt bei diesem Akt schon in größerer Sympathie mit jenen zu gänzlicher und obsoleter Reform notwendigen spirituellen Saturnalien.« Dieser Silbenfall rührte ihn tiefer, als irgend ein verständlicher Satz des besten Redners es vermocht hätte; der alte Mann schluchzte mit einer Wehmut, die nicht ohne Beimischung einer gewissen Befriedigung war.

Meine eigenen Bemerkungen waren in demselben Tone gehalten wie die meiner Kameraden, und ich weiß, daß die Gefühle, aus denen sie entsprungen, tief empfundene und aufrichtige waren. Wir meinten es alle aufrichtig und waren tief erschüttert und voll heiligen Ernstes; sahen wir uns doch ohne jede Hoffnung im Angesichte des Todes. Ich warf meine Pfeife weg mit der Empfindung, mich dadurch endlich von einem verhaßten Laster frei gemacht zu haben, das mich mein Lebtag beherrscht hat. Während ich noch sprach, überwältigte mich der Gedanke an das Gute, das ich in der Welt hätte thun können und an das noch größere Gute, das ich von nun an aus höherem Antriebe und mit besseren Zielen und Leitsternen hätte thun können, wären mir nur noch ein paar Jahre beschieden gewesen – und meine Thränen flossen wieder. Wir umschlangen uns mit den Armen und erwarteten die Schläfrigkeit, die dem Tode des Erstarrens voranzugehen pflegt. Sie stahl sich gar bald über uns, und wir sagten einander ein letztes Lebewohl. Ein behaglicher Traumzustand wob sich um meine schwindelnden Sinne, während die Schneeflocken meinen nunmehr besiegten Körper mit einem Leichentuche bedeckten. Das Bewußtsein schwand. Der Kampf des Lebens war vorüber.


Zwölftes Kapitel.

Ich weiß nicht, wie lange ich mich in dem Zustand völligen Vergessens befand, aber es kam mir wie eine Ewigkeit vor. Allmählich erwachte ich wieder einigermaßen zum Bewußtsein, und es stellte sich ein immer heftigeres, quälendes Schmerzgefühl in den Gliedern, ja im ganzen Körper ein. Mir schauderte, durch mein Gehirn schoß der Gedanke: Das ist der Tod, das ist das Jenseits.

Auf einmal erhob sich neben mir etwas Weißes und eine grämliche Stimme sagte:

»Will einer der Herren mir gefälligst einen Tritt vor den Hintern geben?«

Es war Ballou – wenigstens war es ein struppiger Schneemann mit Ballous Stimme.

Ich erhob mich, und wer schildert mein Erstaunen, als ich im Morgengrauen keine zwanzig Schritte von uns weg die Brettergebäude einer Poststation erblickte und dabei unter einem offenen Schuppen unsere Pferde noch mit Sattel und Zaum!

Eine gewölbte Schneewehe zerbarst jetzt, aus der Ollendorff auftauchte; und alle drei saßen wir nun da und starrten die Gebäude an, ohne ein Wort zu sagen. Wir hatten auch in der That nichts zu sagen. Wir standen wie die Ochsen am Berge. Die ganze Situation war so peinlich lächerlich und demütigend, daß sie sich nicht in Worte fassen läßt.

Die Freude unserer Herzen über unsere Rettung war vergiftet, ja fast zerstört. Nicht lange, so wurden wir immer verdrießlicher und mürrischer; dann klopften wir, ärgerlich über einander, ärgerlich über uns selber, ärgerlich über alles mögliche, mit finsteren Blicken den Schnee von unseren Kleidern und wateten in ungeselligem Gänsemarsch zu unseren Gäulen hin, nahmen ihnen die Sättel ab und suchten im Posthause Obdach.

Ich habe kaum eine Einzelheit dieses seltsamen und abgeschmackten Abenteuers übertrieben. Es trug sich fast genau so zu. Wir hatten uns wirklich in einer Schneewehe gelagert und hielten uns für hoffnungslos verloren, während sich keine zwanzig Schritte weit von uns ein bequemes Wirtshaus befand.

Zwei ganze Stunden lang saßen wir im Posthause, jeder einzeln für sich in seine ärgerlichen Gedanken vertieft. Das Geheimnis war enthüllt, wir wußten jetzt ganz gut, warum die Pferde uns verlassen hatten. Sie waren gescheiter gewesen als wir, hatten sich ohne Zweifel schon nach wenigen Augenblicken unter dem schützenden Schuppen befunden, von dort aus jedenfalls alle unsere Bekenntnisse und Klagelieder mit angehört und sich nicht schlecht darüber gefreut.

Nach dem Frühstück wurde uns besser zu Mute und die Lust am Leben kam bald zurück. Die Welt nahm sich wieder heiter aus und das Dasein war uns lieb und wert. Auf einmal überkam mich ein Gefühl des Unbehagens und der Unruhe. Es bohrte und nagte immer stärker an mir ohne Unterlaß. Ach, meine Wiedergeburt war nicht vollständig, ich war zu keinem neuen Leben erwacht – ich fühlte Lust zum Rauchen!

Ich widerstand mit aller Kraft, aber das Fleisch war schwach. Einsam wanderte ich fort und kämpfte eine ganze Stunde lang mit mir selbst. Ich rief mir meine guten Vorsätze in Erinnerung und hielt mir selbst eine ausführliche Predigt voll überzeugender Kraft, voll schwerer Vorwürfe. Aber es war alles umsonst. Bald sah ich mich zwischen den Schneewehen herumschleichen und nach meiner weggeworfenen Pfeife suchen. Nach langem Forschen entdeckte ich sie endlich und verkroch mich, um mich im Verborgenen daran zu erfreuen.

Eine gute Weile blieb ich in meinem Versteck hinter der Scheune und legte mir die Frage vor, wie mir wohl zu Mute sein würde, falls meine tapferern, stärkerern, gesinnungstüchtigern Kameraden mich in dieser meiner Erniedrigung antreffen sollten. Endlich zündete ich mir die Pfeife an und kein menschliches Wesen kann sich niedriger und gemeiner vorkommen als ich mir damals erschien. Ich schämte mich meiner eigenen erbärmlichen Gesellschaft. In fortwährender Angst vor Entdeckung kam ich auf den Gedanken, die andere Seite der Scheune könnte vielleicht etwas mehr Sicherheit bieten, und so schlich ich mich um die Ecke. Als ich mit brennender Pfeife um dieselbe bog, kam Ollendorff mit seiner Flasche an den Lippen um die andere Ecke, und zwischen uns saß, ohne uns zu bemerken, Ballou, tief versunken in ein Spielchen ›Solitaire‹, mit seinen alten fettigen Karten!

Das hieß denn doch die Abgeschmacktheit bis aufs äußerste treiben! Wir schüttelten uns die Hände und gelobten uns, nie mehr von ›Umkehren‹ und ›Beispielen für das heranwachsende Geschlecht‹ zu reden.

Unsere Poststation lag am Rande einer Wüste von sechsundzwanzig Meilen Länge. Hätten wir uns am Abend vorher derselben eine halbe Stunde früher genähert, so würden wir lautes Rufen und Pistolenschießen vernommen haben, denn man erwartete einige Schaftreiber mit ihren Herden, die sich rettungslos verirren mußten, falls sie nicht durch den Schall geleitet würden. Während unseres Aufenthalts auf der Station trafen drei von den Viehtreibern ganz erschöpft von ihren Irrfahrten ein, von zwei anderen aber hörte man nie wieder etwas.

Rechtzeitig langten wir in Carson an, wo wir uns Erholung gönnten. Hierdurch, sowie durch die Vorbereitungen zu unserer Reise nach Esmeralda wurden wir eine Woche festgehalten, was uns die Möglichkeit verschaffte, dem Prozeß zwischen Hyde und Morgan wegen des großen Erdrutsches beizuwohnen – eine Episode, die noch heutzutage in Nevada berühmt ist. Nach den notwendigen einleitenden Worten will ich diese eigentümliche Angelegenheit ganz so erzählen, wie sie sich zutrug.


Dreizehntes Kapitel.

In den Thälern von Carson, Eagle und Washoe sind die Berge sehr hoch und steil, und so beginnen, wenn der Schnee im Frühling schnell schmilzt und das warme obere Erdreich feucht und weich wird, die verderbenbringenden Erdrutsche. Der Leser kann nicht wissen, was ein Erdrutsch ist, wenn er nicht hier in der Gegend gelebt hat und gesehen, wie eines schönen Morgens die ganze Seite eines Berges gleichsam abgeblättert unten im Thale liegt, so daß nichts als eine ungeheure, baumlose, abschreckend kahle Wand am Bergeshange übrig bleibt, um das Andenken an den Vorfall lebendig zu erhalten.

General Buncombe war als Anwalt der Vereinigten Staaten nach Nevada verschickt worden. Dieser Territorialbeamte betrachtete sich gleichzeitig als Sachwalter für Privatpersonen und strebte sehr eifrig nach einer Gelegenheit zur Bethätigung dieser Eigenschaft, teils aus reinem Wohlgefallen daran, teils weil sein Gehalt als Staatsbeamter eines Territoriums sehr mager war. Nun pflegten die älteren Bewohner eines neuen Territoriums auf die übrige Welt mit gelassenem, wohlwollendem Mitleid herabzusehen, d. h. solange man ihnen nicht in den Weg kommt; tritt man ihnen in den Weg, so wird man angeschnauzt. Bisweilen auch ziehen sie die Neulinge durch allerhand Streiche und Scherze auf.

Eines Morgens erschien Dick Hyde vor General Buncombes Thür in Carson City zu Pferde im tollsten Lauf und stürzte zu ihm hinein, ohne sich nur Zeit zum Anbinden seines Pferdes zu lassen. Er befand sich in großer Aufregung und bat den General, einen Prozeß für ihn zu führen, für den er fünfhundert Dollars bekäme, falls er ihm den Sieg erstritte. Dann ließ er sich unter wilden Geberden und einer Flut gotteslästerlicher Flüche über seine Beschwerdepunkte aus. Es sei so ziemlich allgemein bekannt, sagte er, daß er seit etlichen Jahren im Distrikt Washoe eine Farm oder nach der gewöhnlichen Bezeichnung einen Rancho mit ganz gutem Erfolg bewirtschafte, und ebenso, daß Tom Morgan unmittelbar über ihm auch einen Rancho besitze. Unglücklicherweise habe nun ein solcher verhaßter und gefürchteter Erdrutsch stattgefunden, wodurch Morgans Rancho: Zäune, Hütten, Vieh, Scheunen, alles miteinander auf seinen Rancho herabgestürzt sei und sein Eigentum etwa achtunddreißig Fuß hoch vollständig zugedeckt habe. Morgan sei im Besitz des herabgerutschten Landes und weigere sich, es zu räumen. Er machte geltend, daß er in seiner eigenen Hütte sitze und niemand in der seinigen störe; die Hütte stehe auf demselben Erdreich und demselben Grundstück, wo sie immer gestanden, und er wolle den sehen, der ihn zwinge auszuziehen.

»Und als ich ihn daran erinnerte,« fuhr Hyde weinend fort, »daß er gerade doch auf meinem Rancho sitze und daß er rechtswidrig in denselben eingebrochen sei, hatte er die höllische Unverschämtheit, mich zu fragen, warum ich denn nicht in meinem Rancho geblieben sei, um den Besitz zu behaupten, als ich ihn hätte kommen sehen. Verrückter Faselhans, warum ich nicht geblieben bin? – bei Gott, als ich das Geprassel hörte und den Berg hinaufsah, war es gerade, als käme die ganze Welt den Hang herunter gepoltert und gekollert – Splitter und Holzstöße, Donner und Blitz, Hagel und Schnee, Bündel Heu und Stroh und fürchterliche Staubwolken! – Bäume kamen holterdipolter durch die Luft, Felsblöcke so groß wie ein Haus flogen aus einer Höhe von tausend Fuß und zerkrachten dann in zehn Millionen Stücke; Ochsen und Kühe, das Inwendige nach außen gekehrt, den Kopf voran, die Schwänze zwischen den Zähnen, kamen herunter gesaust – und mitten in dieser ganzen verkehrten und zertrümmerten Welt sitzt dieser verfluchte Morgan auf seinem Gartenthürpfosten und fragt, warum ich nicht geblieben sei, und meinen Besitz behauptet habe! Meiner Seel’! Ich warf nur einen einzigen Blick auf die Bescherung, und in drei Sätzen war ich aus dem Bezirk.

»Aber was mich wurmt, das ist, daß dieser Morgan sich darauf herumtreibt und von dem Rancho nicht fort will – sagt, er gehöre ihm und er behalte ihn – es gefalle ihm besser da unten, als oben am Berg. Zum Tollwerden! Na, ich war die beiden letzten Tage her so verdreht, daß ich nicht einmal den Weg in die Stadt finden konnte. Bin nach dem Umherlaufen in Feld und Wald ganz erschöpft; – einen Tropfen zu trinken, General? Aber jetzt bin ich hier und jetzt wird prozessiert. Sie haben’s gehört.«

Die Empörung des Generals kannte keine Grenzen. In seinem ganzen Leben, meinte er, sei ihm noch kein so anmaßender Mensch vorgekommen, wie dieser Morgan. Ein Prozeß, fuhr er fort, sei eigentlich ganz überflüssig; Morgan hätte keinen Schein von Recht, auf seinem jetzigen Platze zu bleiben – kein Mensch auf der ganzen Welt würde ihm das zugestehen, kein Sachwalter seine Sache führen, kein Richter ihn anhören. Hyde erwiderte, da sei er im Irrtum – die ganze Stadt gebe Morgan recht, Hal Brayton, ein sehr tüchtiger Anwalt, hätte seine Sache übernommen, und da Gerichtsferien wären, so sollte sie vor einem Schiedsmann verhandelt werden. Der frühere Gouverneur Roop wäre bereits zu diesem Amt ernannt worden und würde heute um zwei Uhr nachmittags in einem großen, öffentlichen Saal nahe beim Hotel die Verhandlungen eröffnen.

Der General war außer sich vor Staunen. Er hätte, sagte er, stets geglaubt, die Menschen in diesem Territorium müßten verrückt sein; jetzt wisse er es ganz gewiß. »Aber,« fuhr er fort, »nur ruhig Blut und Zeugen gesammelt; denn der Sieg ist uns so sicher, als wäre das Urteil bereits gesprochen.« Hyde trocknete seine Thränen und zog ab.

Um zwei Uhr wurde das Schiedsgericht eröffnet und Roop thronte mit so ehrfurchtgebietender Feierlichkeit unter seinen Sheriffs, den Zeugen und den Zuschauern, daß einige seiner Mitwisser schier Angst hatten, er habe am Ende nicht begriffen, daß es sich nur um einen Scherz handle. Eine unheimliche Stille herrschte, denn beim leisesten Geräusch sprach der Richter den ernsten Befehl aus: »Ruhe vor Gericht,« was die Sheriffs sofort wie ein Echo wiederholten. Kurz darauf drängte sich der General, beide Arme voll Gesetzbücher, durch die Menge und an sein Ohr schlug der Befehl des Richters: »Platz für den Herrn Anwalt der Vereinigten Staaten,« die erste achtungsvolle Anerkennung seiner hohen offiziellen Würde, die ihm bislang zu teil geworden war, und bei der es ihm behaglich durch alle Glieder prickelte.

Die Zeugen wurden aufgerufen; Gesetzgeber, hohe Regierungsbeamte, Bauern, Bergleute, Chinesen, Neger. Dreiviertel derselben waren von dem Beklagten Morgan aufgerufen, aber umsonst; ihr Zeugnis lautete ausnahmslos zu Gunsten des Klägers Hyde. Jeder neue Zeuge brachte nur neue Beweise dafür bei, wie abgeschmackt es sei, jemandes Eigentum deshalb zu beanspruchen, weil die eigene Farm darauf gerutscht sei. Dann hielten Morgans Advokaten ihre Reden, die erbärmlich matt ausfielen, sie thaten in Wirklichkeit nichts für den Sieg ihres Schutzbefohlenen. Jetzt erhob sich mit triumphierender Miene der General und nahm einen leidenschaftlichen Anlauf. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, klopfte auf die Gesetzbücher, schrie, brüllte und heulte, zitierte alle Sprachen und Schriftsteller, Poesie, Sarkasmen, Statistik, Geschichte, Pathetisches, Volkstümliches, Lächerliches, und schloß mit einem großen Schlachtruf für Redefreiheit, Preßfreiheit, Unterrichtsfreiheit, den ruhmreichen amerikanischen Adler und die Grundsätze ewiger Gerechtigkeit. (Beifall.)