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Mark Twains
Humoristische Schriften
Neue Folge. 3. Band
Meine
Reise um die Welt
Von
Mark Twain
Autorisiert
Erste Abteilung
Inhalt:
Im Stillen Ozean – Australien – Von Australien nach Indien.
Stuttgart
Verlag von Robert Lutz
1903.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.
Inhalt der 1. Abteilung.
Im Stillen Ozean.
Kapitel 1–8. Seite [1–115.]
Abfahrt. – Das Dampfboot, der Kapitän und die Mitreisenden. – Der Nutzen übler Gewohnheiten. – Geschichten vom Bumerang und außerordentlichem Gedächtnis. – General Grant und Samuel Clemens. – Eine Geschichte ohne Ende. – Honolulu sonst und jetzt. – Die Leprakranken auf Molokai. – Gedanken beim Passieren des Aequators. – Der 180. Längengrad und der verlorene Tag. – Beglückung der Bewohner des Stillen Ozeans durch die Fortschritte der Kultur. – Die Fidschi-Inseln. – Höchst belehrende Vorträge über die Fauna Australiens, insbesondere über das Schnabeltier.
Australien.
Kapitel 9–17. Seite [116–182.]
Ein Meerwunder. – Der Hafen von Sydney. – Heiße Winde. – Sträflingsleben. – Der australische Squatter. – Simson und Hanuman. – Lustbarkeiten in Sydney. – Cecil Rhodes und der Haifisch. – Die Eisenbahn von Sydney nach Melbourne. – Ein unaufgeklärtes Geheimnis. – Das Preisrennen von Melbourne. – Buckleys wunderbare Erlebnisse.
Kapitel 18–24. Seite [183–262.]
Allerlei Statistisches. – Das Silberbergwerk von Broken Hill. – Der ›Scrub‹. – Eingeborene als Pfadfinder. – Gründung der Stadt Adelaide, ihr Niedergang und ihre Auferstehung. – Religiöse Toleranz in Südaustralien. – Das Nationalfest der Provinz. – Das ›Weetweet‹. – Der weiße Mann und der Australneger. – Die Kolonie Viktoria. – Ein landwirtschaftliches Institut. – Die Goldbergwerke von Ballarat und Bendigo. – Der Mark Twain-Klub.
Von Australien nach Indien.
Kapitel 25–34. Seite [263–346.]
Der Professor aus Neuseeland. – Die Ureinwohner Tasmaniens. – Robinson, der ›Versöhner‹. – Ein Empfehlungsbrief. – Hobart, die Hauptstadt Tasmaniens. – Eisenbahnen in Neuseeland. – Frauenbewegung. – Auf der ›Flora‹. – In Auckland. – Gedankentelegraphie. – Die Maori. – Gluthitze in Australien.
Erstes Kapitel.
Es kommt vor, daß ein Mensch zwar keine üblen Angewohnheiten hat – aber Schlimmeres.
Querkopf Wilsons Kalender.
Der Ausgangspunkt meiner Vorlesungstour um die Welt war Paris, wo ich seit ein paar Jahren mit den Meinigen lebte. Wir reisten von dort nach Amerika, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Das war schnell geschehen. Zwei meiner Angehörigen beschlossen die Reise mitzumachen – desgleichen ein Karbunkel. Im Wörterbuch steht: ein Karbunkel oder Karfunkel ist eine Art Edelstein. Ich muß gestehen, daß der Humor in einem Wörterbuch schlecht am Platze ist.
Mitten im Sommer brachen wir von New York nach dem Westen auf; alles Geschäftliche übernahm Herr Pond, bis zum Stillen Ozean. Es war ein heißes Stück Arbeit und in den letzten vierzehn Tagen obendrein rauchig zum Ersticken, weil in Oregon und Britisch Columbia gerade die Waldbrände wüteten.
Während einer Woche genossen wir den Rauch auch noch am Seestrande, wo wir eine Zeitlang auf unser Schiff warten mußten. Es hatte im Rauch die Richtung verloren, war auf den Grund geraten und mußte erst gedockt und aufgezimmert werden.
Endlich wurden die Anker gelichtet, und damit endete unser Schneckengang auf dem Festland, der vierzig Tage gedauert hatte. Wir segelten westwärts über die leicht gekräuselte, glitzernde Sommersee, die, zum Entzücken klar und kühl, von jedermann an Bord freudig begrüßt wurde. Am willkommensten war sie mir, nach dem Staub, dem Rauch und der Hitze, die ich in den letzten Wochen durchgemacht hatte. Die Seereise verschaffte mir eine dreiwöchentliche, fast ununterbrochene Ruhezeit. Wir hatten den ganzen Stillen Ozean vor uns, und nichts zu tun als nichts zu tun und uns gemütlich zu fühlen. Victoria, die Hauptstadt der Vancouver-Insel, leuchtete nur noch schwach aus ihrer Rauchwolke herüber und wollte eben verschwinden. Wir legten die Feldstecher beiseite und ließen uns friedlich auf den Klappstühlen nieder, wie zufriedene Leute. Aber sie brachen unter uns in Trümmer zusammen und brachten uns in Schmach und Schande vor allen Passagieren. Zum Preis von guten Stühlen hatten wir sie aus dem größten Möbelgeschäft von Victoria bezogen, und dabei waren sie keinen Heller per Dutzend wert. Im Indischen und im Stillen Ozean muß jeder noch immer seinen eigenen Klappstuhl mit an Bord bringen, wie das in längst vergangenen Zeiten auch auf dem Atlantischen Ozean Sitte war – im finstern Mittelalter der Seereisen.
Unser Dampfer war sonst recht behaglich eingerichtet; wir bekamen die gewöhnliche Schiffskost – gute und reichliche Nahrung, von der Vorsehung gespendet, aber in des Teufels Küche gekocht. Auch die Mannszucht an Bord war so gut, wie sie überhaupt in jenen Breiten zu haben ist. Für eine Fahrt in den Tropen war das Schiff nicht besonders zweckmäßig ausgerüstet, aber das ist ja durchgängig bei allen Fahrzeugen der Fall, die man nach den Tropen schickt. An Kakerlaken litten wir keinen Mangel; auch das ist die Regel auf den Schiffen in jenen Meeren, das heißt, auf allen, die schon längere Zeit im Dienste stehen.
Der Kapitän war ein junger, schöner Mann, groß und hübsch gebaut; eine Gestalt, auf der sich eine kleidsame Uniform besonders vorteilhaft ausnimmt. Er meinte es sehr gut mit uns und war freundlich und höflich, wie ein vollendeter Kavalier. Durch sein angenehmes, verbindliches Wesen verwandelte er jeden Raum, den er betrat, sofort in einen Salon; im Rauchzimmer ließ er sich nicht blicken. Von schlechten Gewohnheiten war er ganz frei; er rauchte und schnupfte nicht, kaute auch keinen Tabak; man hörte ihn weder fluchen noch schimpfen, kein grobes oder unfeines Wort kam je aus seinem Munde. Er machte keine schlechten Witze, erzählte keine Anekdoten, lachte nie unmäßig oder erhob die Stimme lauter, als es die Gesetze der Schicklichkeit vorschrieben; jeder Befehl, den er erteilte, nahm den Ton einer Bitte an. Nach Tische erschien er mit seinen Offizieren bei der Gesellschaft im Damensalon, beteiligte sich am Gesang und Klavierspiel oder wendete die Notenblätter um. Er besaß eine weiche, angenehme Tenorstimme und sang mit Geschmack und gutem Vortrag. War die Musik zu Ende, so kam eine Whistpartie an die Reihe, bis es für die Damen Schlafenszeit wurde. Im Salon brannte das elektrische Licht, solange die Gesellschaft es irgend wünschte, im Rauchzimmer aber nur bis elf Uhr. Keine von allen Vorschriften an Bord wurde so streng gehandhabt wie diese. Der Kapitän erklärte uns, daß er so fest darauf bestehen müsse, weil seine eigene Kajüte neben dem Rauchzimmer läge, und ihm vom Tabakgeruch übel würde. Da sich nun aber die beiden Zimmer auf dem Oberdeck befanden, wo immer frische Luft wehte, begriff ich nicht recht, wie unser Rauch in seine Kajüte kommen sollte. Die Zimmer waren durch keine Tür verbunden, und in der dicken Zwischenwand gab es weder Sprünge noch Risse. Für einen empfindlichen Magen ist aber vielleicht bloß eingebildeter Tabakrauch schon schädlich.
Mit seiner sanften Natur, dem feinen, liebenswürdigen Wesen, seiner Lauterkeit in Sitte und Rede, paßte der Kapitän für den herrischen, rauhen Seemannsberuf so gut wie die Faust aufs Auge. Er war mir ein rechtes Beispiel von der Ironie des Schicksals.
Obendrein lastete ein Mißgeschick auf ihm; das wußten die Passagiere und er tat ihnen leid: In der Nähe von Vancouver hatte er bei einer engen und schwierigen Durchfahrt, wo der dichte Rauch der Waldbrände alles in Dunkel hüllte, seinen Kurs verloren und war mit dem Schiff auf die Klippen geraten. Dergleichen würde unsereins für einen verzeihlichen Irrtum ansehen; bei den Direktoren einer Dampfschiffgesellschaft gilt es aber als ein Verbrechen. Zwar hatte das Admiralitätsgericht in Vancouver den Kapitän von aller Schuld freigesprochen, aber das konnte ihn nicht trösten. Bei seiner Heimkehr nach Sydney würde ein strengerer Gerichtshof den Fall untersuchen – das Direktorium der Gesellschaft, auf deren Schiffen der junge Mann seit Jahren als Steuermann gedient hatte. Dies war seine erste Reise als Kapitän.
Die Offiziere an Bord waren wackere und gesellige junge Leute, die sich an allen Belustigungen mit Vergnügen beteiligten, damit den Passagieren die Zeit nicht lang würde. Die Reisen auf dem Stillen und Indischen Ozean sind überhaupt wahre Lustfahrten für die Mannschaft. Unser Zahlmeister, ein junger Schotte, zeigte sich immer aufgeräumt, gesprächig und voller Leben, und doch war er ein körperlich kranker Mensch, das sah man ihm an. Aber sein Geist triumphierte über das Leiden; er besaß eine wunderbare Selbstbeherrschung, redete nie von seinen Schmerzen und benahm sich ganz wie jemand, der gesund und kräftig ist. Zu Zeiten litt er jedoch an den entsetzlichsten Herzkrämpfen, die oft viele Stunden dauerten. Während eines solchen Anfalls konnte er weder sitzen noch liegen; einmal hatte er sogar vierundzwanzig Stunden lang aufrecht stehen müssen, bei dem qualvollen Kampf auf Leben und Tod. Aber tags darauf sprudelte er wieder über von Lust und Laune, als ob nichts geschehen sei.
Der geistreichste Passagier an Bord, ein Mensch von glänzender Begabung, war ein junger Kanadier, dem es die Branntweinflasche angetan hatte. Er stammte aus einer reichen, angesehenen Familie und schien bestimmt Großes in der Welt zu leisten, doch nützten ihm alle Talente nichts, weil er seine Trunksucht nicht bezähmen konnte. Schon oft hatte er das feierliche Versprechen abgelegt, sich des Trinkens zu enthalten; aber man weiß ja, wie wenig dergleichen törichte Gelübde einem Menschen helfen, der nicht einen wahrhaft eisernen Willen hat. Dies Mittel ist in doppelter Hinsicht gänzlich verkehrt: erstens greift es das Uebel nicht bei der Wurzel an, und zweitens ist jedes Gelübde irgendwelcher Art etwas durchaus Naturwidriges. Es gleicht einer klirrenden Kette, die den Träger ohne Unterlaß daran erinnert, daß er kein freier Mensch ist.
Ja, ich wiederhole es: das Mittel greift das Uebel nicht bei der Wurzel an. Nicht das Trinken sollte man bekämpfen, sondern das Verlangen nach geistigen Getränken. Das ist ganz zweierlei. Zu ersterem gehört nur Willenskraft, die aber sehr stark und ausdauernd sein muß; zu letzterem nichts als Wachsamkeit und zwar während einer verhältnismäßig kurzen Frist. Da das Verlangen natürlich der Tat vorangeht, sollte man ihm auch die erste Aufmerksamkeit widmen. Was nützt es, immer und immer wieder der Tat zu wehren und das Verlangen ganz frei und unbehelligt zu lassen? Es macht sich stets von neuem geltend und endlich trägt es doch den Sieg davon. Sobald das Verlangen Einlaß begehrt, sollte man ihm die Türe verschließen; man muß unausgesetzt auf seiner Hut sein und es beizeiten vertreiben; sonst hat es sich fest eingenistet, ehe man sich’s versieht. Weist man dagegen ein Verlangen nur vierzehn Tage lang beständig zurück, so kann man fast mit Sicherheit darauf zählen, daß es nach Ablauf dieser Zeit stirbt. Das ist die einzige Art, um die Trunksucht zu heilen. Sich nur immer wieder des Trinkens zu enthalten, ohne gegen das Verlangen zu Felde zu ziehen, scheint mir die törichtste Kriegsführung, die sich denken läßt.
Ich habe früher auch Gelübde abgelegt und sie gleich darauf gebrochen. Das ließ sich nicht ändern, denn mein Wille war nicht stark genug. Auch ärgert es einen im übrigen freien Menschen, sich irgendwie gebunden zu fühlen, und er zerrt so lange an seiner Kette, bis sie zerreißt. Deshalb übernahm ich zuletzt gar keine bestimmten Verpflichtungen mehr und beschloß nur, das schädliche Verlangen zu ertöten, ohne mich der Freiheit zu berauben, Verlangen und Gewohnheit wieder aufzunehmen, sobald ich wollte. Nun hatte ich keine Beschwerde mehr. In fünf Tagen machte ich meinem Verlangen Tabak zu rauchen den Garaus und brauchte nun nicht mehr auf der Hut zu sein, denn ich empfand niemals einen sehr heftigen Wunsch danach. Eines Tages wollte ich wieder anfangen ein Buch zu schreiben, nachdem ich fünfviertel Jahre so gut wie nichts getan hatte; aber seltsamerweise kam ich damit nicht von der Stelle. Da versuchte ich zu rauchen, um zu sehen, ob es mir dann gelingen würde. Und wirklich – das half. Nun rauchte ich fünf Monate lang täglich acht bis zehn Zigarren und ebensoviele Pfeifen, bis das Buch fertig war. Dann rauchte ich ein ganzes Jahr über gar nicht mehr, bis ich ein neues Buch beginnen mußte.
Ich vermag jede meiner neunzehn schlechten Gewohnheiten beliebig abzulegen, ohne daß es mir unbehaglich oder lästig wird. Auch Leute wie Doktor Tanner und andere, die vierzig Tage lang nichts essen, können das sicherlich nur durchsetzen, weil sie das Verlangen nach Speise gleich zu Anfang mit Entschlossenheit unterdrücken. Schon nach wenigen Stunden wird das Verlangen schwach und bleibt bald ganz aus.
Einmal habe ich meine Methode auch in großem Maßstabe als Kur angewendet. Ich lag schon mehrere Tage am Rheumatismus zu Bett, und mein Zustand wollte sich nicht bessern. Zuletzt sagte der Doktor:
»Meine Arzneien können Ihnen unmöglich helfen; bedenken Sie nur, wogegen ich alles ankämpfen muß; Sie rauchen ungemein stark, nicht wahr?«
»Jawohl.«
»Und trinken sehr viel Kaffee?«
»Jawohl.«
»Auch Tee?«
»Jawohl.«
»Sie essen allerlei durcheinander, was sich nicht zusammen verträgt?«
»Jawohl.«
»Auch trinken Sie jeden Abend zwei Gläser heißen Grog?«
»Jawohl.«
»Nun sehen Sie, das alles leistet mir Widerstand. Wie soll da die Genesung Fortschritte machen? Sie müssen sich durchaus in allen diesen Dingen beschränken und ein paar Tage lang weit weniger davon zu sich nehmen.«
»Das kann ich nicht, Doktor.«
»Warum denn nicht?«
»Mir fehlt die Willenskraft. Sie mir ganz versagen – das kann ich. Aber sie nur mäßig zu genießen, geht über mein Vermögen.«
Er meinte, das werde auch dem Zweck entsprechen; morgen wolle er mich wieder besuchen. Doch wurde er selber krank und konnte nicht kommen; es war aber auch nicht mehr nötig. Zwei Tage und zwei Nächte lang enthielt ich mich aller jener Genußmittel, ja ich aß überhaupt nichts und trank nur Wasser. Nach vierundzwanzig Stunden verlor der Rheumatismus alle Kraft und verschwand spurlos. Ich war wieder kerngesund, dankte meinem Schöpfer und nahm meine frühere Lebensweise von neuem auf.
Das Heilverfahren schien mir sehr empfehlenswert und ich riet es einer Dame an. Sie war sehr leidend und wurde immer schwächer, bis ihr zuletzt keine Arznei mehr helfen wollte. Als ich ihr sagte, ich könnte sie ohne allen Zweifel in acht Tagen wieder gesund machen, bekam sie neuen Mut und versprach, meine Ratschläge pünktlich zu befolgen. Nun sagte ich ihr, sie solle vier Tage lang weder trinken, noch fluchen, noch rauchen, noch zu viel essen, dann würde sie ganz hergestellt sein. Und ich weiß, meine Prophezeiung wäre auch eingetroffen; aber sie meinte, sie könne nicht aufhören zu rauchen, zu fluchen und zu trinken, weil sie so etwas überhaupt noch nie getan hätte. Da lag der Hase im Pfeffer: sie besaß gar keine Angewohnheiten, an die sie sich jetzt hätte halten können. Da sie versäumt hatte sich rechtzeitig einen Vorrat anzulegen, der ihr im Notfall zu gute käme, war ihr nicht mehr zu helfen. Sie glich einem sinkenden Schiff, das keinen Ballast hat, den man über Bord werfen kann, um das Fahrzeug zu retten. Irgend ein paar schlechte Gewohnheiten hätten sie noch retten können, aber es fand sich nichts bei ihr vor, sie war die reinste moralische Bettlerin. Als sie noch jung genug war, um sich dies oder jenes anzugewöhnen, hinderten ihre Eltern sie daran, die zwar in der besten Gesellschaft lebten, aber die Unwissenheit selber waren. Man muß für dergleichen in der Kindheit sorgen; wenn erst Alter und Krankheit kommen, läßt sich nichts mehr nachholen, und man hat kein Mittel in der Hand, um sie zu bekämpfen.
Als junger Mensch faßte ich, wie gesagt, oft die besten Vorsätze und gelobte auch sie auszuführen, aber ich habe es nie gekonnt, weil ich meine Gewohnheiten nicht bei der Wurzel packte und das böse Verlangen ausriß; mehr als einen Monat setzte ich die Tugend nie durch. Einmal versuchte ich Maß zu halten und eine Weile ging es auch gut. Ich hatte mich verpflichtet, täglich nur eine Zigarre zu rauchen; das schob ich immer auf bis zur Schlafenszeit, und dann schmeckte sie mir wundervoll. Aber das Verlangen verfolgte mich Tag für Tag, vom Morgen bis zum Abend. Vor Ablauf einer Woche fing ich an, mich nach größern Zigarren umzusehen, als ich zu rauchen gewohnt war; dann wählte ich noch größere und immer größere. Als vierzehn Tage um waren, bestellte ich mir besondere Zigarren; sie wuchsen fort und fort. Am Ende des Monats war meine Zigarre zu solcher Länge und Dicke gediehen, daß ich sie als Krückstock hätte brauchen können. Da erkannte ich denn, daß es töricht sei, sich auf eine Zigarre zu beschränken, weil es den Menschen doch nicht vor dem Verlangen schützt. Also warf ich mein Versprechen über den Haufen und war wieder ein freier Mann.
Doch, um wieder auf den jungen Kanadier zu kommen: er war auf ›Monatsgeld gesetzt‹, eine Einrichtung, von der ich bisher noch nie gehört hatte und die ich mir von den Passagieren erklären ließ. Die angesehenen Familien in England und Kanada pflegen nämlich ihre Taugenichtse nicht auszustoßen, solange noch irgend welche Hoffnung für sie vorhanden ist. Schwindet aber endlich jede Aussicht auf Besserung, dann wird der Tunichtgut eingeschifft und bekommt nur so viel Geld in die Tasche – nein, in des Zahlmeisters Tasche – um die Reisebedürfnisse zu bestreiten. Erreicht er den Ort seiner Bestimmung, so erwartet ihn dort ein Monatsgeld, und vier Wochen später trifft wieder ein Wechsel im gleichen – nicht sehr hohen – Betrage ein. Damit pflegt er unverzüglich seine monatliche Kost und Wohnung zu bezahlen – der Hauswirt sorgt dafür, daß er diese Pflicht nicht vergißt – und den Rest noch am selben Abend zu verprassen. Dann treibt er sich müßig, voll Kummer, Not und Schwermut umher, bis der nächste Wechsel kommt. Ein solches Leben erweckt das tiefste Mitgefühl.
Wir hatten noch zwei andere Taugenichtse an Bord, die aber dem Kanadier in keiner Weise glichen; sie besaßen weder seinen Verstand noch seine hübsche Außenseite, weder sein anständiges Wesen noch seine Entschlossenheit, Großmut und Höflichkeit. Der eine mochte etwa zwanzig Jahre zählen, war aber in Kleidung, Sitte und äußerer Erscheinung eine lebendige Ruine. Er behauptete der Sprößling eines herzoglichen Hauses in England zu sein, den man, um der Familie willen, nach Kanada eingeschifft hatte, wo er alsbald in Ungelegenheiten geraten war; jetzt wurde er nach Australien befördert. Einen Titel hatte er nicht, wie er sagte; im übrigen ging er jedoch sehr sparsam mit der Wahrheit um. Bei seiner Ankunft in Australien brachte er es gleich so weit, daß man ihn ins Loch steckte, und am nächsten Morgen gab er sich bei dem Verhör auf dem Polizeiamt für einen Grafen aus, konnte aber den Beweis für diese Behauptung nicht liefern.
Zweites Kapitel.
Im Zweifelsfall sprich die Wahrheit!
Querkopf Wilsons Kalender.
Am fünften Tag nachdem wir Victoria verlassen hatten, wurde das Wetter heiß und alle männlichen Passagiere an Bord erschienen in weißen Leinwandanzügen. Einige Tage später passierten wir den 25. Grad nördlicher Breite, worauf sämtliche Schiffsoffiziere auf Befehl die blaue Uniform ablegten und sich in weiße Leinwand kleideten. Auch die Damen waren bereits ganz in Weiß. Auf dem Promenadendeck sah es so verlockend kühl und vergnüglich aus, von allen den schneeweißen Kostümen, wie bei einem großen Picknick.
Aus meinem Tagebuch:
Es gibt mancherlei Uebel in der Welt, denen der Mensch nie ganz entfliehen kann, er mag reisen so weit er will. Ist man dem einen glücklich entgangen, so fällt man dem andern sicherlich in die Klauen. Die Lügengeschichten von Seeschlangen und Haifischen sind wir endlich los geworden, das ist ein tröstlicher Gedanke. Aber nun kommen wir in das Bereich des Bumerangs, und es wird uns wieder weh zu Mute. Der erste Offizier erzählte, er habe einen Mann gesehen, der sich vor seinem Feinde hinter einem Baum versteckte; aber der Feind schleuderte seinen Bumerang hoch in die Luft, daß er weit fortflog, dann kam er zurück, fiel herunter und tötete den Mann hinter dem Baum. Der nach Australien bestimmte Passagier hatte gesehen, wie dasselbe Geschick zwei Männer hinter zwei Bäumen ereilte und zwar mit ein und demselben Wurf des Bumerangs.
Da bei dieser Behauptung alle schwiegen, weil sie ihnen zweifelhaft erschien, bekräftigte er sie noch durch die Mitteilung, daß sein Bruder einmal gesehen hätte, wie der Bumerang einen Vogel auf hundert Meter Entfernung getötet und ihn dann dem Werfer gebracht hätte. – Es gibt keine Hilfe gegen derlei Uebel; man muß sie eben ertragen.
Vom Bumerang ging das Gespräch auf Träume über – gewöhnlich ein fruchtbares Thema zu Wasser und zu Land – aber diesmal war der Ertrag nur gering. Dann kam man auf Fälle von außerordentlichem Gedächtnis zu reden, das hatte bessern Erfolg. Jemand erwähnte den blinden Tom, einen schwarzen Klavierspieler, der jedes noch so lange und schwierige Stück richtig spielen konnte, nachdem er es einmal gehört hatte. Ein halbes Jahr später konnte er es abermals fehlerlos vortragen, ohne es inzwischen gespielt zu haben. Das auffallendste Beispiel erzählte uns aber ein Herr, der im Stabe des Vizekönigs von Indien gedient hatte. Er las uns vieles aus seinem Notizbuch vor, wo er die ganze Begebenheit auf frischer Tat eingetragen hatte, damit er sie, wie er sagte, Schwarz auf Weiß besäße und nicht in Versuchung käme zu glauben, er habe sie geträumt oder erfunden.
Der Vizekönig machte eine Rundreise, und unter den Festlichkeiten, die der Maharajah von Mysore ihm zu Ehren veranstaltete, war auch eine Vorstellung der Gedächtniskunst. Nachdem der Vizekönig mit dreißig Herren seines Gefolges in einer Reihe Platz genommen hatte, wurde der Gedächtniskünstler, ein vornehmer Mann aus der Brahminenkaste, hereingeführt und setzte sich ihnen gegenüber auf den Fußboden. Außer seiner eigenen Sprache konnte er nur Englisch, erbot sich aber, die gewünschten Gedächtnisproben auch in jeder beliebigen fremden Sprache abzulegen. Sein merkwürdiges Programm bestand in folgendem: Er ließ sich von einem Herrn ein Wort aus einem Satze sagen und den Platz angeben, den es darin einnahm. Das französische Wort est wurde ihm genannt; es war in einem Satz von drei Wörtern das zweite. Ein anderer Herr gab ihm das deutsche Wort verloren, als das dritte in einem Satz von vier Wörtern. Von dem nächsten Herrn ließ er sich eine Zahl zum Addieren, dann eine zum Subtrahieren nennen, auch andere Ziffern aus allerlei Rechenexempeln. Ferner erhielt er einzelne Wörter aus dem Griechischen, Lateinischen, Spanischen, Portugiesischen, Italienischen und andern Sprachen, nebst den Angaben ihrer Stelle im Satze. Als ihm jeder der Anwesenden das Bruchstück eines Satzes oder eine Zahl genannt hatte, fing er wieder von vorne an und ließ sich das zweite Wort und seine Stellung im Satze und die zweite Zahl in der Rechnung nennen, und so immer fort. Wieder und wieder nahm er alles vom Anfang an durch, bis er die sämtlichen Teile der Exempel und Sätze beisammen hatte, aber natürlich ganz durcheinander, ohne irgend welche Reihenfolge. Das dauerte zwei Stunden lang.
Nun starrte der Brahmine eine Weile schweigend und nachdenklich vor sich hin und begann hierauf alle Sätze in richtiger Wortstellung zu wiederholen, die verwirrten Zahlen der Rechenexempel zu ordnen und für jedes die entsprechende Lösung anzugeben.
Beim Beginn der Vorstellung hatte er die Zuschauer aufgefordert, ihn zwei Stunden lang mit Mandeln zu bewerfen, er wolle dann sagen, wie viele jeder von den Herren geworfen habe. Dies unterblieb jedoch, weil der Vizekönig meinte, das Kunststück wäre ohnehin schon anstrengend genug, man brauche es nicht noch zu erschweren.
Auch General Grant hatte ein treffliches Gedächtnis, besonders für Namen und Gesichter. Davon hätte ich ein Beispiel zum besten geben können, aber es fiel mir gerade nicht ein. Bald nach seiner ersten Wahl zum Präsidenten kam ich von der Küste des Stillen Ozeans in Washington an, wo ich fremd war und das Publikum noch nichts von mir wußte. Als ich nun eines Morgens am Weißen Hause vorüberging, begegnete mir ein Bekannter, ein Senator aus Nevada, der mich fragte, ob ich wohl Lust hätte, den Präsidenten zu sehen. Ich erwiderte, daß es mir sehr angenehm sein würde und wir traten ein. Wenn ich aber gedacht hätte, ich würde den Präsidenten von einer Menschenschar umgeben finden, so daß ich ihn von ferne in aller Gemütsruhe betrachten könnte, wie die Katz den Kaiser ansieht, so befand ich mich im Irrtum. Es war noch früh am Tage und ich ahnte nicht, daß der Senator sich ein Vorrecht seines Amtes zu nutze machen wollte, um das Staatsoberhaupt in seinen Arbeitsstunden zu stören. Ehe ich mich’s versah standen wir vor ihm, und außer uns dreien war niemand zugegen. General Grant erhob sich langsam vom Schreibtisch, legte die Feder hin und trat mit dem steinernen Ausdruck eines Mannes, der seit sieben Jahren nicht gelacht hat und auch in den nächsten sieben Jahren nicht zu lachen gedenkt, auf uns zu. Er schaute mich groß an, da schwand mir der Mut und ich senkte den Blick. Ich hatte noch nie einem bedeutenden Manne gegenüber gestanden und im Bewußtsein meiner eigenen Nichtigkeit überkam mich eine erbärmliche Angst.
»Herr Präsident,« sagte der Senator, »darf ich mir erlauben, Ihnen Herrn Clemens vorzustellen?«
Der Präsident hielt meine Hand einen Augenblick teilnahmslos in der seinen und ließ sie wieder los; er sprach kein Wort und stand nur stocksteif da. In meiner Not fiel mir auch nicht das geringste ein, was ich hätte sagen können und ich wünschte mich hundert Meilen weit weg. Es folgte eine unangenehme, trübselige, entsetzliche Pause. Da kam mir ein Gedanke; ich sah empor in sein unbewegliches Gesicht und sagte schüchtern:
»Herr Präsident, ich – ich bin in rechter Verlegenheit. Sie wohl auch?«
Seine Züge erhellten sich – nur ganz wenig – der schwache Schimmer eines Lächelns, der volle sieben Jahre zu früh kam, blitzte darin auf. So schnell wie er wieder verschwand, war auch ich zur Türe hinaus.
Zehn Jahre darauf sah ich Grant zum zweitenmal. Ich war inzwischen eine bekannte Persönlichkeit geworden und hatte den Auftrag erhalten, bei einem Bankett, das die Armee von Tennessee dem General nach seiner Rückkehr von der Reise um die Welt in Chicago gab, einen längeren Toast auszubringen. Mitten in der Nacht war ich angekommen und stand morgens spät auf. Alle Treppen und Gänge des Hotels waren dicht voll Menschen, die General Grant erwarteten, der sich auf den für ihn bestimmten Platz begeben sollte, wo der große Festzug vorüberzog. Ich drängte mich an einer ganzen Reihe von überfüllten Wohnzimmern vorbei, bis ich endlich an der Ecke des Hauses ein offenes Fenster sah, das auf eine geräumige, mit Teppichen und Fahnen geschmückte Plattform hinausging. Als ich sie betrat, gewahrte ich unter mir Millionen von Menschen, welche die Straßen besetzt hatten; weitere Millionen schauten aus allen Fenstern und von den Hausdächern rings umher. Diese Menschenmassen hielten mich alle für General Grant und brachen in donnernde Hochrufe aus. Es war aber ein sehr guter Platz um den Festzug zu sehen, deshalb blieb ich dort.
Nicht lange, so ertönte von ferne Militärmusik; der Zug kam die Straße herauf und machte sich Bahn durch die jubelnde Menge. An der Spitze ritt Sheridan, die kriegerischste Gestalt aus dem ganzen Feldzug, in seiner Generalleutnants-Uniform.
Da trat General Grant Arm in Arm mit Major Harrison auf die Plattform; ihm folgten paarweise im Galaanzug die Mitglieder des Empfangskomités mit ihren Abzeichen. Der General sah genau so aus wie vor zehn Jahren bei jenem unangenehmen Besuch, eisern und unnahbar in seiner unerschütterlichen Selbstbeherrschung. Harrison kam und führte mich zu Grant, dem er mich feierlich vorstellte. Aber ehe ich noch die passenden Worte finden konnte, sagte der General:
»Herr Clemens, Sie sind wohl in Verlegenheit? Ich nicht.« Und dabei blitzte wieder, wie vor zehn Jahren, jenes schwache Lächeln in seinen Zügen auf.
Seitdem sind siebzehn Jahre vergangen, und während ich dies schreibe ist ganz New York auf den Straßen versammelt, um den sterblichen Ueberresten des großen Kriegers, die man zu ihrem letzten Ruheplatz unter dem Denkmal trägt, das Ehrengeleit zu geben. Kanonenschüsse und Trauergeläute schallen durch die Lüfte und viele Millionen Amerikaner gedenken des Mannes, der die Union gerettet, ihr Banner hochgehalten und der Volksregierung zu neuem Leben verholfen hat, so daß sie unter den segensreichen menschlichen Institutionen ihren Platz dauernd behaupten wird, wie wir hoffen und glauben.
Eine Geschichte ohne Ende.
Abends, wenn wir Männer uns nach dem öden, einförmigen Tageslauf im Rauchzimmer erfrischen wollten, vertrieben wir uns manchmal die Zeit damit, unvollendete Geschichten zu vervollständigen. Das heißt, jemand erzählte eine Geschichte bis auf das Ende und die andern versuchten den Schluß aus eigener Erfindung zu ergänzen. Wenn jeder, der wollte, seine Lesart zum besten gegeben hatte, fügte der erste Erzähler den ursprünglichen Schluß hinzu und überließ uns die Wahl. Manchmal gefiel uns eines der neuen Enden besser als das alte. Eine Geschichte jedoch, mit der wir uns am eifrigsten und längsten beschäftigten, hatte überhaupt keinen Schluß, man konnte daher auch keinen Vergleich anstellen, ob eine unserer Erfindungen besser gewesen wäre. Der Erzähler sagte, er könne die einzelnen Tatsachen nur bis zu einem gewissen Punkte berichten, weiter wisse er selber nichts. Er hätte die Geschichte vor fünfundzwanzig Jahren gelesen, sei aber unterbrochen worden, ehe er ans Ende kam. Nun wolle er demjenigen, der einen befriedigenden Schluß dazu fände, fünfzig Dollars geben; wir möchten Richter aus unserer Mitte wählen, die zu entscheiden hätten, wem der Preis gebühre. Das taten wir und gingen der Geschichte wacker zu Leibe; aber, obgleich wir uns dies und jenes Ende ausdachten, so verwarfen die Richter doch alles, was vorgebracht wurde – und sie hatten recht. Einen befriedigenden Schluß für diese Geschichte hätte nur der Verfasser selbst möglicherweise finden können, und wenn ihm das gelungen ist, so möchte ich wohl wissen wie. Ihr Inhalt ist etwa folgender:
John Brown, ein guter, sanfter, ängstlicher und schüchterner Mensch von einunddreißig Jahren, wohnte in einem friedlichen Dorfe des Staates Missouri, wo er das Amt eines Vorstands der presbyterianischen Sonntagsschule bekleidete. Das war an sich nichts Großes, aber doch das Einzige, womit er in die Öffentlichkeit trat. Er betrieb es mit Treue und Eifer und war in aller Bescheidenheit stolz darauf. Jedermann kannte seine große Menschenfreundlichkeit und die Leute sagten, er sei ganz aus Güte und Schüchternheit zusammengesetzt. Auf seine Hilfe könne man immer rechnen, wo sie gebraucht werde und auch auf seine Schüchternheit, mochte sie am Platze sein oder nicht.
Mary Taylor, ein sittsames, liebenswürdiges und schönes Mädchen von dreiundzwanzig Jahren, war sein ein und alles, und auch ihr Herz gehörte ihm fast ganz. Noch schwankte sie zwar, ob sie ihm ihr Jawort geben sollte, aber er war doch voller Hoffnung. Ihre Mutter hatte im Anfang allerlei Einwendungen gehabt; jetzt neigte sie sich zu seinen Gunsten. Offenbar hatte sein warmes Interesse für ihre beiden Schützlinge und seine Beisteuer zu deren Unterhalt ihr Herz gerührt und erobert. Diese Schützlinge waren nämlich zwei alte einsame Schwestern, die in einer Holzhütte an einem entlegenen Kreuzweg, vier Meilen weit von Frau Taylors Farm wohnten. Eine der Schwestern war irrsinnig und manchmal sogar gewalttätig, aber das kam nicht häufig vor.
Eines Tages glaubte Brown, daß der rechte Augenblick für den entscheidenden Antrag gekommen sei. Er nahm allen Mut zusammen und beschloß, der Mutter, um sie günstig zu stimmen, die doppelte Summe wie gewöhnlich zu überreichen. War erst ihr Widerstand gebrochen, so durfte er eines schnellen Sieges gewiß sein.
An einem schönen Sonntagnachmittag machte er sich also bei mildem Sommerwetter auf den Weg, gehörig ausstaffiert, wie es die Gelegenheit verlangte. Er war ganz in weiße Leinwand gekleidet, trug ein blaues Band als Krawatte und enge Lackstiefel; sein Einspänner war der feinste aus dem ganzen Mietstall, mit einer nagelneuen, weißleinenen Wagendecke, deren breiter, gestickter Rand an Schönheit und Kunst seinesgleichen suchte.
Schon war er vier Meilen gefahren, als er in einsamer Gegend über eine hölzerne Brücke kam; da flog ihm der Strohhut vom Kopfe, fiel in den Fluß und wurde stromabwärts getrieben, bis er an einem Balken hängen blieb. Brown besann sich, was er tun sollte; den Hut mußte er wiederbekommen, das verstand sich von selbst, aber wie ließ sich das bewerkstelligen?
Da kam ihm ein Gedanke. Die Straße war menschenleer, nichts regte sich. Ja, er wollte es wagen. Nachdem er sein Tier an den Rain geführt hatte, wo es nach Belieben grasen konnte, zog er sich aus, legte seine Kleider in den Wagen, streichelte dem Pferde den Hals, zum Zeichen beiderseitigen Wohlwollens, und eilte zum Fluß. Er schwamm nach dem Balken und gelangte rasch wieder in Besitz seines Hutes; als er aber ans Ufer zurückkehrte, waren Pferd und Wagen fort.
Der Schrecken fuhr ihm in alle Glieder. Da er aber sah, wie das Pferd im Schritt den Weg weiter verfolgte, trabte er hinterdrein. »Halt, halt,« rief er, »warte mein gutes Tier!« Aber so oft er nahe genug herankam und sich im Sprung auf den Wagen schwingen wollte, lief das Pferd schneller und vereitelte sein Bemühen. In Todesangst rannte der nackte Mann immer weiter, jeden Augenblick fürchtend, einen Menschen zu Gesicht zu bekommen. Er bat, er beschwor das Tier stillzustehen; aber erst als er nicht mehr weit von Frau Taylors Behausung war, gelang es ihm endlich, in den Wagen zu springen. Rasch warf er das Hemd über, band seine Krawatte um, schlüpfte in den Rock und langte nach den – aber ach, zu spät! Er setzte sich plötzlich nieder und zog die Wagendecke in die Höhe, denn er sah jemand durch das Hoftor kommen – eine Frau, wie ihm schien. Eilig lenkte er das Pferd zur Linken auf den Kreuzweg. Der war schnurgerade und von allen Seiten sichtbar, aber in einiger Entfernung kam eine Waldecke, wo die Straße eine scharfe Krümmung machte. Er pries sich glücklich, als er die Stelle erreicht hatte, ließ das Pferd im Schritt gehen und langte nach den Ho – aber leider wiederum zu spät.
Gerade als er um die Ecke bog, stieß er auf Frau Enderby, Frau Glossop, Frau Taylor und Mary, die zu Fuß einherkamen und sehr müde und aufgeregt schienen. Sie traten an den Wagen, schüttelten Brown die Hand und versicherten alle zusammen aufs lebhafteste, wie froh sie wären ihn zu sehen und was für ein Glück es sei, daß er da wäre. Frau Enderby fügte mit großem Nachdruck hinzu:
»Mag es auch wie ein Zufall aussehen, daß er gerade jetzt kommt, so halte ich es doch für eine Sünde, das anzunehmen – nein, er ist uns gewißlich vom Himmel gesendet.«
Alle waren gerührt und Frau Glossop flüsterte mit ehrfurchtsvoller Scheu:
»Da hast du ein wahres Wort gesprochen, Sarah Enderby. Es ist kein Zufall, sondern die Vorsehung hat es so gewollt. Als Engel hat sie ihn uns geschickt; er kommt als ein Retter und Befreier. Nun soll mir noch jemand sagen, daß es keine besonderen Fügungen des Himmels gibt; wir haben hier den klarsten Beweis vor uns.«
»Ja,« fiel Frau Taylor begeistert ein, »das ist auch meine Ueberzeugung. Wahrhaftig, John Brown, ich könnte vor Ihnen niederknieen und Sie anbeten. Fühlten Sie es nicht im Herzen – trieb Sie nicht eine innere Stimme hierher? O, ich könnte den Saum Ihrer Wagendecke küssen.«
Er brachte kein Wort heraus; Scham und Furcht lähmten ihm die Zunge.
»Mag man die Sache betrachten wie man will, Julia Glossop,« fuhr Frau Taylor fort, »in allem läßt sich die Hand der Vorsehung sichtbarlich erkennen. Gegen Mittag sahen wir den Rauch aufsteigen. ›Die Hütte der alten Schwestern brennt, Julia‹, sagte ich. Nicht wahr, du kannst es bezeugen?«
»Jawohl, Nancy, ich stand dicht bei dir und habe es deutlich gehört. Du warst ganz blaß geworden und sahst so weiß aus wie hier die Wagendecke.«
»Kein Wunder! Und dann rief ich Mary zu, der Knecht solle gleich das Gefährt anspannen, wir müßten den Aermsten zu Hilfe eilen. Aber der war aufs Land gefahren, um seine Angehörigen zu besuchen. Ich hatte ihm selbst erlaubt, über den Sonntag zu bleiben, es jedoch ganz vergessen. So gingen wir denn zu Fuß und trafen Sarah unterwegs.«
»Ja, und ich ging mit euch,« fiel Frau Enderby ein. »Wir fanden die Hütte in Asche liegen; die Irrsinnige hatte sie in Brand gesteckt. Die beiden alten Geschöpfe waren so schwach und hinfällig, daß wir sie nicht mitnehmen konnten. Wir führten sie an einen schattigen Platz, machten es ihnen behaglich so gut es ging und zerbrachen uns den Kopf, wie wir es anfangen sollten, um sie bis nach Nancys Haus zu schaffen. Da brach ich das Schweigen, und wißt ihr noch, was ich gesagt habe? ›Wir wollen es der Vorsehung anheimstellen!‹ Ja, das waren meine Worte.«
»Richtig, das hatte ich ganz vergessen. So wahr ich lebe, du hast es gesagt. Wie wunderbar!«
»Dann sind wir zusammen zwei Meilen weit bis zu Mosleys gegangen, aber wir fanden niemand zu Hause, alle waren im Feldgottesdienst. Wir kamen die zwei Meilen zurück und dann noch eine Meile hieher. Und nun schickt uns die Vorsehung Hilfe in der Not, das seht ihr ja selbst.«
Alle blickten einander an, hoben die Hände empor und riefen wie aus einem Munde:
»Es ist zu wunderbar!«
»Wie wollen wir es nun aber machen?« fragte Frau Glossop. »Soll Herr Brown die alten Schwestern einzeln zu Frau Taylor fahren oder sie alle beide auf einmal in den Wagen setzen und das Pferd am Zügel führen?«
Brown holte tief Atem.
»Ja, das ist recht schwierig zu entscheiden,« meinte Frau Enderby. »Wir sind alle todmüde, und wenn Herr Brown die beiden schwachen Geschöpfe in den Wagen heben soll, so muß eine von uns mitgehen und ihm helfen; allein bringt er das nicht fertig.«
»Wie wär’s denn aber, wenn ich mit Herrn Brown hinführe?« sagte Frau Taylor, »und ihr andern ginget nach meinem Haus, um alles in Bereitschaft zu setzen? Wir heben die eine Alte zusammen in den Wagen und fahren mit ihr –«
»Wer wird denn aber unterdessen auf die andere acht geben?« fragte Frau Enderby. »Sie kann doch nicht allein im Walde bleiben – die Irrsinnige schon gar nicht. Bis man hin- und zurückkommt dauert’s gute anderthalb Stunden.«
Alle hatten sich, um auszuruhen, neben den Wagen ins Gras gesetzt und dachten schweigend nach, um einen Ausweg zu finden.
»Jetzt hab’ ich’s,« rief endlich Frau Enderby, frohlockend. »Daß wir nicht mehr zu Fuß gehen können ist klar; seit Mittag haben wir neun Meilen zurückgelegt ohne einen Bissen zu essen – vier Meilen hin, zwei Meilen zu Mosley macht sechs, und dann noch bis hierher – es ist kaum zu glauben! Also, eine von uns muß mit Herrn Brown hinfahren und mit einer Alten zurückkommen; Brown leistet der anderen Gesellschaft. Die übrigen gehen nach Nancys Wohnung, ruhen sich aus und warten; dann fährt eine von uns zurück, holt die andere Alte, und Herr Brown geht zu Fuß.«
»Vortrefflich,« riefen die Damen, »das können wir tun, so läßt sich’s machen!«
Frau Enderbys Plan ward sehr gelobt, und um ihren Scharfsinn zu ehren, beschloß man, daß sie zuerst mit Brown zurückfahren solle. Glücklich und leichten Herzens standen alle vom Rasen auf, strichen ihre Kleider glatt und schickten sich zur Heimkehr an, während Frau Enderby schon den Fuß auf den Wagentritt setzte, um einzusteigen. Da endlich konnte Brown Worte finden und stieß keuchend hervor:
»Bitte, rufen Sie die Damen zurück – ich fühle mich unwohl – ich kann nicht zu Fuß gehen – es ist mir völlig unmöglich.«
»O, lieber Herr Brown, Sie sehen wirklich ganz blaß aus! Weshalb habe ich das nur nicht gleich bemerkt? Kommt alle zurück, hört ihr! Herr Brown ist krank. Ach, es tut mir so leid. Kann ich Ihnen helfen? Haben Sie Schmerzen?«
»Nein, o nein, mir fehlt nichts, ich fühle mich nur in letzter Zeit zu schwach – sonst hat es gar nichts auf sich.«
Die Damen kehrten um und waren voller Teilnahme und Mitgefühl. Auch machten sie sich bittere Vorwürfe, weil ihnen Browns blasses Aussehen nicht sofort aufgefallen war. Augenblicklich entwarfen sie einen neuen Plan und kamen bald überein, daß es sich so am allerbesten machen würde: Zuerst wollten sie alle zu Frau Taylor gehen; dort sollte sich Herr Brown im Wohnzimmer auf das Sofa legen und sich von Mary und ihrer Mutter pflegen lassen, während die andern Damen erst eine der alten Schwestern abholten und dann die andere, welcher eine von ihnen inzwischen Gesellschaft geleistet hatte, und –
Unter solchen Beratungen waren sie zu dem Pferde getreten und schickten sich an, den Wagen zu wenden. Aber in der höchsten Gefahr fand Brown die Stimme wieder und das war seine Rettung.
»Meine Damen,« sagte er, »Sie übersehen einen Umstand, der den Plan unausführbar macht. Wenn Sie die eine alte Schwester nach Hause bringen und jemand mit der anderen dort bleibt, so sind drei Personen an Ort und Stelle, wenn eine von Ihnen zurückkommt, um die andere Alte zu holen. Aber drei haben nicht Platz im Wagen und jemand muß doch kutschieren.«
»Ganz recht, so ist es,« riefen alle in großer Bestürzung.
»Was sollen wir nur anfangen?« sagte Frau Glossop seufzend; »eine so verwickelte Geschichte ist mir noch nie vorgekommen. Die Sache mit dem Wolf, der Ziege und dem Kohlkopf ist dagegen nur ein Kinderspiel.«
Ganz ermattet setzten sie sich abermals nieder, um sich aufs neue das Hirn zu zermartern und einen Ausweg zu suchen. Mary hatte bisher noch keinen Vorschlag gemacht, endlich tat sie aber den Mund auf:
»Ich bin jung, stark und gut zu Fuße,« sagte sie, »auch habe ich jetzt eine Weile ausgeruht. Bringt Herrn Brown in unser Haus und sorgt für ihn – man sieht ihm ja an, wie sehr er der Pflege bedarf. Inzwischen will ich die beiden Alten behüten, in einer halben Stunde kann ich dort sein. Ihr andern aber führt unsern ersten Plan aus und paßt auf, bis ein Wagen auf der Landstraße vorbeifährt, den schickt ihr hin und laßt uns alle drei holen. Die Pächter kommen jetzt bald aus der Stadt zurück, da braucht ihr nicht lange zu warten. Der alten Polly will ich schon zureden, daß sie Geduld hat und guten Mutes bleibt – bei der Irrsinnigen ist das nicht nötig.«
Der Plan ward reiflich erwogen und gut befunden; etwas Besseres ließ sich unter den Umständen nicht tun, und den beiden Alten wurde gewiß die Zeit schon lang. Brown fühlte sich wie erlöst und von Herzen dankbar. Wenn er nur erst auf der Landstraße war, wollte er schon Mittel und Wege finden, dem Unheil zu entgehen.
»Die Abendkühle wird früh hereinbrechen,« sagte jetzt Frau Taylor, »und die armen Abgebrannten haben nichts, um sich zu erwärmen. Nimm die Wagendecke mit, liebes Kind, das ist wenigstens ein Notbehelf.«
»Das kann ich ja tun, Mutter, wenn du meinst,« versetzte Mary. Sie trat zum Wagen und streckte die Hand nach der Decke aus –
Weiter ging die Geschichte nicht. Der Passagier, der sie uns erzählte, sagte, er sei vor fünfundzwanzig Jahren, als er sie im Eisenbahnwagen las, an diesem Punkt unterbrochen worden, weil der Zug von einer Brücke ins Wasser stürzte.
Zuerst glaubten wir, es würde ein Leichtes sein, die Geschichte zu Ende zu bringen und gingen sehr zuversichtlich ans Werk. Bald stellte sich jedoch heraus, daß die Sache keineswegs so einfach war, sondern im Gegenteil höchst verworren und schwierig. Daran war Browns Charakter schuld – seine Großmut und Güte, verbunden mit außerordentlicher Schüchternheit und Befangenheit, besonders in Gegenwart von Damen. Ferner kam seine Liebe zu Mary mit ins Spiel, die zwar sehr hoffnungsvoll, aber noch keineswegs der Erhörung sicher war – das heißt, gerade in einem Stadium, wo die größte Vorsicht geboten schien, um weder einen Mißgriff zu begehen, noch Anstoß zu erregen. Und es galt die Mutter zu berücksichtigen, die noch schwankte, ob sie einwilligen solle, und die sich vielleicht jetzt oder nie gewinnen ließ, wenn man sie geschickt zu behandeln wußte. Im Walde warteten die beiden hilflosen Alten – ihr Schicksal und Browns künftiges Lebensglück hing von der nächsten Sekunde ab. Mary streckte die Hand nach der Wagendecke aus; es war keine Zeit zu verlieren.
Natürlich konnte der Preis nur jemand zuerkannt werden, der die Sache zu einem glücklichen Ende brachte. Browns Ansehen bei den Damen durfte nicht geschmälert, seine Selbstlosigkeit nicht in Frage gestellt, sein Anstandsgefühl nicht verletzt werden. Er mußte helfen die beiden Alten aus dem Walde zu holen, so daß man ihn als ihren Wohltäter pries, sein Lob in aller Munde war und sein Name mit Stolz und Freude genannt wurde.
Wir versuchten es so einzurichten; aber auf allen Seiten stellten sich uns unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Natürlich würde Brown aus Scham und Befangenheit die Wagendecke nicht hergeben wollen. Dies mußten Mary und ihre Mutter übel nehmen, und auch die anderen Damen würden sich sehr darüber verwundern, denn ein solches Benehmen, wo es den unglücklichen Alten zu helfen galt, paßte nicht zu Browns Charakter; er war ja als Engel vom Himmel gesandt und konnte unmöglich so eigennützig handeln. Hätte man eine Erklärung von ihm verlangt, so wäre er viel zu schüchtern gewesen, um die Wahrheit zu bekennen, und aus Mangel an Uebung und Erfindungsgeist würde ihm keine glaubhafte Lüge eingefallen sein.
Wir arbeiteten bis drei Uhr morgens an dem schwierigen Problem herum; aber noch immer langte Mary nach der Wagendecke. Da gaben wir es auf und ließen sie weiter die Hand danach ausstrecken. – Nun kann sich der Leser selbst das Vergnügen machen, zu entscheiden, was aus der Sache geworden ist.
Am siebenten Tage unserer Fahrt sahen wir eine ungeheure dunkle Masse in schwachen Umrissen aus den Fluten des Stillen Ozeans aufsteigen und wußten, daß dies gespenstische Vorgebirge der Diamantfels war, den ich zuletzt vor neunundzwanzig Jahren erblickt hatte. Wir näherten uns also Honolulu, der Hauptstadt der Sandwichinseln, die für mich das Paradies waren; ich hatte die ganze lange Zeit über gewünscht, sie noch einmal wiederzusehen. Nichts in der weiten Welt hätte mich so aufregen können, wie der Anblick jenes Bergriesen.
Bei Nacht gingen wir eine Meile vom Ufer vor Anker. Durch meine Kajütenfenster konnte ich die Lichter von Honolulu funkeln sehen; zur Rechten und Linken dehnten sich schwarze Gebirgszüge aus. Das schöne Nuuana-Tal vermochte ich nicht zu entdecken, aber ich wußte, wo es lag und sah es in der Erinnerung noch deutlich vor mir. Wir jungen Leute pflegten dies Tal öfters zu Pferde zu durchstreifen und in einer sandigen Gegend, wo König Kamehameha eine seiner ersten Schlachten geschlagen hatte, Totenknochen zu sammeln.
Das war ein merkwürdiger Mensch; merkwürdig nicht nur als König, sondern auch als Barbar. Noch ein kleiner, unbedeutender Fürst, als Kapitän Cook 1778 ins Land kam, faßte er vier Jahre später den Entschluß, ›seine Machtsphäre auszudehnen‹. Dies ist die beliebte Redewendung, durch die man heutzutage bezeichnet, daß jemand Raub an seinem Nachbar begeht, und zwar zu dessen eigenem Vorteil – eine Wohltätigkeitsvorstellung, bei welcher als Ort der Handlung hauptsächlich Afrika benützt wird. Kamehameha unternahm einen Kriegszug, vertrieb im Lauf von zehn Jahren alle andern Könige und machte sich zum Herrn der sämtlichen neun oder zehn Inseln, welche die Gruppe der Sandwichinseln bilden. Aber er tat noch mehr. Er kaufte Schiffe, belud sie mit Sandelholz und andern heimischen Produkten und schickte sie bis nach Südamerika und China. Die fremden Stoffe, Werkzeuge und Gerätschaften, welche die Schiffe zurückbrachten, verkaufte er an seine Wilden und wurde so der Begründer der Zivilisation. Ob die Geschichte irgend eines andern Barbaren Aehnliches aufzuweisen hat, möchte ich bezweifeln. Die Wilden sind meist eifrig bemüht, dem weißen Manne neue Methoden abzulernen, wie sie einander umbringen können; aber seine höheren und edleren Anschauungen pflegen sie sich nicht anzueignen. Bei Kamehameha sehen wir dagegen, daß er stets bemüht war, alles gründlich zu untersuchen, was ihm die Weißen Neues boten, und unter den Proben, die er zu Gesicht bekam, eine einsichtsvolle Auswahl zu treffen.
Nach meiner Meinung bewies er dabei weit größeren Scharfsinn als sein Sohn und Nachfolger Liholiho. Dieser hätte sich vielleicht zum Reformator geeignet, aber als König verfehlte er seinen Beruf, und zwar, weil er zugleich König und Reformator sein wollte. Das heißt aber, Feuer und Schießpulver untereinander mischen. Ein König sollte sich verständigerweise mit Reformen nichts zu schaffen machen. Das Beste, was er tun kann, ist, die Zustände zu lassen wie sie sind, und wo das nicht angeht, sie möglichst zu verschlechtern. Ich sage das nicht nur obenhin, denn ich habe mir die Sache reiflich überlegt, damit ich, falls sich mir einmal die Gelegenheit bietet König zu werden, gleich weiß, wie ich es am besten anzugreifen habe.
Als Liholiho seinem Vater in der Regierung folgte, fand er sich im Besitz königlicher Vorrechte und Befugnisse, die ein weiserer Fürst verstanden hätte mit Vorteil auszunützen. Im ganzen Reich herrschte nur ein Szepter, das er in Händen hielt, und eine Staatskirche, deren Haupt er war. Den Oberbefehl seines Heeres, das aus 114 Gemeinen, 27 Generalen und einem Feldmarschall bestand, führte er allein. Ein stolzer alter Erbadel war im Lande ansässig. Und dann gab es noch eine merkwürdige Einrichtung, welche ›Tabu‹ genannt wurde. Dies war eine geheimnisvolle und furchtbare Macht, wie sie kein europäischer Monarch jemals besessen hat, ein Mittel und Werkzeug von unschätzbarem Wert für den Gewalthaber. Liholiho war auch Herr und Meister des ›Tabu‹. Es war die wirksamste und sinnreichste Erfindung, die je gemacht worden ist, um die Ansprüche des Volkes in bescheidenen Grenzen zu halten.
Dies ›Tabu‹ (das Wort bedeutet ein Ding, das verboten ist) verlangte, daß beide Geschlechter in verschiedenen Häusern wohnten; aber essen durften sie nicht in den Häusern, dazu gab es einen andern Ort. Es untersagte den Frauen, ihres Mannes Haus zu betreten. Auch durften beide Geschlechter nicht zusammen essen; zuerst aßen die Männer, und die Weiber mußten sie bedienen. Dann konnten die Weiber essen, was übrig blieb – wenn überhaupt noch etwas da war – und sich selbst bedienen. Das heißt, sie bekamen nur die Reste der gröbsten, unschmackhaftesten Kost. Alle guten, leckern und auserlesenen Eßwaren, wie Schweinefleisch, Geflügel, Bananen, Kokosnüsse, die bessern Fischsorten und dergleichen, bestimmte das ›Tabu‹ ausschließlich zur Speise für die Männer. Die Weiber mußten sich ihr Lebenlang mit einem ungestillten Sehnen danach begnügen, und mußten sterben ohne je zu erfahren, wie das alles schmeckte.
Diese Regeln waren, wie man sieht, sehr klar und verständlich, auch leicht zu behalten, und nützlich. Denn auf jeder Uebertretung eines Verbots aus der ganzen Liste stand Todesstrafe. Was Wunder, wenn die Frauen es gern zufrieden waren, Haifische, Hundefleisch und Torowurzeln zu verzehren, da sie andere Nahrungsmittel so teuer bezahlen mußten.
Dem Tode verfiel, wer über verbotenen Grund und Boden ging, wer einen vom ›Tabu‹ geheiligten Gegenstand durch seine Berührung entweihte, wer einem Häuptling nicht kriechende Ehrerbietung zollte oder auf des Königs Schatten trat. Edelleute, Priester und Könige hängten immer bald hier bald da kleine Lappen auf, um dem Volke kund zu tun, daß der Ort oder das Ding mit ›Tabu‹ belegt war und der Tod in der Nähe lauerte. Der Kampf ums Dasein muß wohl zu jener Zeit auf den Inseln höchst ungewiß und schwierig gewesen sein.
Alle diese Vorteile besaß der neue König, und was war das erste, das er nach seinem Regierungsantritt tat? Er rottete die Staatskirche mit Stumpf und Stil aus. Bildlich gesprochen glich er einem Seemann, der sein wackeres Schiff verbrennt und sich einem unsicheren Floß anvertraut. Jene Kirche war eine gräßliche Anstalt, die das ganze Land aufs schwerste bedrückte, und durch düstere, geheimnisvolle Drohungen alles in Furcht und Zittern erhielt. Sie schlachtete ihre Opfer an den Altären greulicher Götzen aus Holz oder Stein; sie ängstigte und schreckte das Volk und zwang es zu sklavischer Unterwürfigkeit gegen die Priester und durch diese gegen den König! Wahrlich, eine bessere und zuverlässigere Stütze hätte sich kein König wünschen können! Wenn ein berufsmäßiger Reformator die furchtbare, verderbliche Gewalt dieser Kirche zerstörte, so gebührte ihm Lob und Preis; aber ein König, der das unternahm, verdiente den schwersten Tadel, dem sich höchstens ein Gefühl des Mitleids zugesellen könnte, daß er so ganz und gar untauglich für seine Stellung war.
Weil er die Torheit beging, seine Staatskirche abzuschaffen und ihre Götzen zu verbrennen, ist das Königreich jetzt zur Republik geworden. Das kommt davon!
Zwar läßt sich nicht leugnen, daß es einen Fortschritt in der Zivilisation und zum Wohl seines Volkes bedeutete, aber geschäftsmäßig war es nicht, sondern höchst unköniglich und einfältig. Es brachte auch seinem Hause großen Verdruß. Noch rauchten die verbrannten Götzen auf den Altären, als amerikanische Missionäre ins Land kamen. Sie fanden das Volk ohne Religion und beeilten sich dem Mangel abzuhelfen, indem sie ihm ihre eigene Religion darboten, die mit Dank angenommen wurde. Aber dem unumschränkten Königtum gewährte sie keine Stütze und seit jener Stunde begann seine Herrschermacht zu sinken. Als ich siebenundvierzig Jahre nachher auf die Inseln kam, stellte Kamehameha V. gerade den Versuch an, Liholihos Mißgriff wieder gut zu machen, aber es gelang ihm nicht. Er errichtete eine Staatskirche und trat als Haupt derselben auf, doch war das nichts als Flickwerk und unechte Nachahmung – eine Seifenblase, ein leeres Schaugepränge. Die Kirche besaß keine Macht und brachte dem Könige keinen Nutzen. Sie konnte das Volk weder aussaugen noch verbrennen und totschlagen; der wunderbaren Maschinerie, welche Liholiho zerstört hatte, glich sie in keiner Weise. Es war eine Staatskirche ohne Gemeinde, denn das ganze Volk bestand aus Nonkonformisten.
Das Königtum selbst war schon längst nur noch ein bloßer Name und Schein. Die Missionäre hatten es frühzeitig in eine Art Republik verwandelt, und in letzter Zeit haben es die handeltreibenden Weißen ganz und gar zum Freistaat gemacht.
In Kapitän Cooks Zeit (1778) schätzte man die eingeborene Bevölkerung auf 400 000 Köpfe, 1836 betrug sie noch etwa 200 000, 1866 kaum 50 000 und die heutige Volkszählung weist 25 000 auf. Alle einsichtsvollen Leute rühmen Kamehameha I. und Liholiho, weil sie ihrem Volke die Zivilisation zum Geschenk gemacht haben. Natürlich würde ich das auch tun, wäre nicht mein Verstand durch Ueberarbeitung jetzt etwas in die Brüche geraten.
Als ich vor fast einem Menschenalter in Honolulu war, verkehrte ich dort mit einem jungen amerikanischen Ehepaar, das ein allerliebstes Söhnchen hatte; leider konnte ich mich mit dem Knaben nicht viel abgeben, weil er kein Englisch verstand. Er hatte von Geburt an auf der Pflanzung seines Vaters mit den kleinen Kanakas gespielt und solches Wohlgefallen an ihrer Sprache gefunden, daß er keine andere lernen wollte. Einen Monat nach meiner Ankunft zog die Familie von der Insel fort und alsbald vergaß der Knabe die Kanakasprache und lernte Englisch; im zwölften Jahre konnte er kein Wort Kanaka mehr. Neun Jahre später, als er einundzwanzig war, traf ich mit der Familie an einem der Seen im Staate New York zusammen, und die Mutter erzählte mir von einem Erlebnis, das ihr Sohn kürzlich gehabt hatte. Er war Taucher von Beruf. Bei einem Sturm auf dem See war ein Passagierdampfer mit Mann und Maus untergegangen, und einige Tage darauf ließ sich der junge Mann in vollem Taucheranzug in die Tiefe und betrat den Speisesaal des Bootes. Er stand auf der Kajütentreppe, hielt sich mit der Hand am Geländer fest und starrte in die düstere Flut. Da berührte ihn von hinten etwas an der Schulter; er wandte sich um und sah einen Toten, der dicht neben ihm auf und nieder tanzte und ihn forschend zu betrachten schien. Der Schrecken lähmte ihm alle Glieder. Er hatte, ohne es zu wissen, beim Herabtauchen das Wasser bewegt, und nun sah er von allen Seiten Leichen auf sich zuschwimmen, die mit dem Kopfe wackelten und sich hin- und herwälzten, wie schlaflose Menschen zu tun pflegen. Ihm schwanden die Sinne; er wurde in bewußtlosem Zustand wieder an die Oberfläche gezogen und verfiel in eine Krankheit. Mehrere Tage lang redete er in seinen Fieberphantasien unaufhörlich und fließend in der Kanakasprache und kein Wort Englisch. Auch als man mich an sein Bett führte, sprach er mit mir Kanaka, was ich natürlich nicht verstand.
Wir wissen aus medizinischen Büchern, daß derartige Fälle nicht selten vorkommen; da sollten die Aerzte doch nach einem Mittel forschen, um solche Resultate öfter erzielen zu können. Wie viele Sprachen und Tatsachen geraten in unsern Köpfen in Vergessenheit und kommen nie wieder zum Vorschein, bloß weil man dies Mittel nicht kennt!
Während wir die Nacht über bei der Insel vor Anker lagen, tauchten allerlei Erinnerungen an Honolulu wieder in mir auf. Entzückende Bilder zogen ohne Ende an meinem Geiste vorüber und ich erwartete den kommenden Morgen mit der größten Ungeduld.
Drittes Kapitel.
Es macht mehr Mühe, Lebensregeln aufzustellen, als das Rechte zu tun.
Querkopf Wilsons Kalender.
Endlich kam er – aber wie wurde ich enttäuscht! – Die Cholera war in der Stadt ausgebrochen und jeder Verkehr mit dem Ufer untersagt. So fiel mein neunundzwanzigjähriger Traum plötzlich ins Wasser. Zwar erhielt ich Grüße und Botschaften von den Freunden am Lande; sie selber durfte ich nicht sehen. Der Saal stand für meine Vorlesung bereit, allein ich sollte ihn nicht betreten.
Von unsern Passagieren waren mehrere in Honolulu ansässig und wurden ans Land gesetzt; doch niemand durfte von dort wieder zurückkehren. Auch konnten wir die Leute, die bereits eingeschrieben waren, um mit uns nach Australien zu segeln, nicht auf der Insel abholen; wir hätten sonst vor Sydney wer weiß wie lange Quarantäne halten müssen. Tags zuvor wäre es ihnen noch möglich gewesen, nach San Francisco zu entkommen, aber jetzt war der Hafen gesperrt, und Wochen konnten vergehen, bevor ein Schiff wagen durfte, sie irgendwohin mitzunehmen. Uebrigens waren sie nicht die einzigen, denen ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde. Eine ältere Dame aus Massachusetts hatte mit ihrem Sohn zur Erholung eine Seefahrt unternommen; unversehens waren sie immer weiter mit uns nach Westen gefahren, hatten mehrmals den Rückweg antreten wollen und zuletzt den Beschluß gefaßt, von Honolulu bestimmt umzukehren. Aber, was nützen dergleichen Vorsätze in dieser Welt! – Mutter und Sohn sahen sich jetzt gezwungen bei uns zu bleiben, bis wir Australien erreichten. Von dort konnten sie eine Reise um die Welt machen oder auf dem nämlichen Wege wieder zurückkehren; in betreff der Entfernung, der Kosten und des Zeitverlustes kam es ganz auf dasselbe heraus. So wie so mußten sie ihren beabsichtigten Ausflug von etwa fünfhundert Meilen auf vierundzwanzigtausend Meilen verlängern. Das war keine Kleinigkeit.
Auch einen Rechtsanwalt aus Victoria hatten wir an Bord, der von der Regierung in internationalen Angelegenheiten nach Honolulu geschickt worden war. Er hatte seine Frau mitgenommen und die Kinder bei den Dienstleuten zu Hause gelassen – was sollte er nun tun? Es wäre Torheit gewesen, auf die Gefahr der Ansteckung hin ans Land zu gehen. Das Ehepaar beschloß daher, nach den Fidschi-Inseln zu fahren und dort vierzehn Tage auf das nächste Schiff zu warten, um die Heimreise anzutreten. Daß es sechs Wochen dauern würde, bis sie ein solches Schiff zu Gesicht bekamen und sie inzwischen von den Kindern keinerlei Nachricht erhalten, noch ihnen irgend welche Kunde zukommen lassen könnten, hatten sie nicht vorausgesehen. Es ist kein Kunststück, in dieser Welt Pläne zu machen; auch ein Kater kann das tun. Aber man darf nur nicht vergessen, daß in jenen fernen Meeren menschliches Denken keinen größeren Wert hat, als eine Kateridee. Seine Bedeutung schrumpft dort ganz außerordentlich zusammen.
Uns blieb keine andere Wahl, als auf dem Deck im Schatten der Sonnenzelte zu sitzen und nach den fernen Inseln hinüberzusehen. Wir lagen in klaren, blauen Gewässern, landwärts wurde das Wasser glänzend grün und am Ufer brach es sich in einer langen weißen Schaumwelle, aber ohne Anprall; kein Laut erreichte unser Ohr. Die Stadt schien wie begraben in undurchdringlichem Laubwerk. Ueber die duftigen Berge war der zarteste Schmelz und Farbenglanz ausgegossen und die Klippen hüllten sich in leichte Nebel. Ich erkannte alles wieder. Gerade so hatte ich es vor langen Jahren erblickt; die Schönheit war noch unverändert, nichts fehlte an dem entzückenden Bilde.
Und doch hatte sich dort ein Wechsel vollzogen, aber er war politischer Art und vom Schiff aus nicht zu erkennen. Die damalige Monarchie hatte sich in eine Republik verwandelt, was aber keinen wesentlichen Unterschied machte. Nur den alten leeren Pomp und das unnütze, lärmende Schaugepränge bekommt man nicht mehr zu sehen, und die königliche Schutzmarke ist allenthalben verschwunden; etwas anderes würde man jedoch schwerlich vermissen. Jene Scheinmonarchie war schon zu meiner Zeit höchst absonderlich; hätte sie noch dreißig Jahre länger bestanden, so wären dem Könige gar keine Untertanen von seiner eigenen Rasse mehr übrig geblieben.
Wir hatten einen wundervollen Sonnenuntergang. Die weite Oberfläche des Meeres teilte sich in Farbenstreifen, welche scharf von einander abstachen. Einige Strecken waren dunkelblau, andere purpurrot oder von glänzender Bronzefarbe; über die wellenförmige Bergkette breiteten sich die zartesten braunen, grünen, blauen und roten Schattierungen; manche der runden schwarzen Kuppen sahen so sammetweich aus wie ein glänzender Katzenbuckel; man bekam ordentlich Lust sie zu streicheln.
Das allmählich abfallende Vorgebirge, das im Westen weit ins Meer hinausragte, hatte zuerst ein bleifarbenes, gespenstisches Aussehen, dann wurde es von einem roten Hauch übergossen, es zerfloß sozusagen in ein rosenfarbenes Traumgebilde und schien nicht der Wirklichkeit anzugehören. Urplötzlich aber sah man diesen Wolkenfels in eine wahre Feuersglut getaucht, die sich in den Wellen widerspiegelte; es war ein Anblick, bei dem man hätte trunken werden können vor Entzücken.
Zufolge meiner Gespräche mit den Passagieren, die in Honolulu zu Hause waren, und mit Hilfe einer Skizze von Frau Mary Krout, war ich imstande, das heutige Honolulu mit dem damaligen zu vergleichen. Zu meiner Zeit war es ein schönes Städtchen, das aus schneeweißen, hölzernen Landhäusern bestand, die über und über mit tropischen Schlingpflanzen bedeckt und rings von Blumen, Bäumen und Sträuchern umgeben waren; Straßen und Wege, auf Korallengrund erbaut, waren steinhart, glatt und eben und so weiß wie die Häuser selbst. Schon der äußere Anblick verriet einen zwar bescheidenen aber behaglichen Wohlstand, der sich – das ist nicht zu viel gesagt – auf alle Bewohner erstreckte. Kostbare Häuser, Möbel und Zierate gab es nicht. In den Schlafzimmern brannte man Talglichter und im Salon eine Tranlampe. Matten aus einheimischem Fabrikat dienten statt der Teppiche, zwei oder drei Lithographien schmückten die Wände; meist waren es Bilder von Kamehameha IV., Ludwig Kossuth, Jenny Lind, oder auch ein paar Kupferstiche, z. B. Rebekka am Brunnen, Moses schlägt Wasser aus dem Felsen, Josephs Diener finden den Becher in Benjamins Sack u. dgl. Auf dem Mitteltisch lagen Bücher friedlichen Inhalts, wie: ›Menschenpflichten‹, Baxters ›Ruhe der Heiligen‹, ›Die Märtyrer‹ von Fox und Tuppers ›Philosophie in Sprichwörtern‹; auch der ›Missionsherold‹ und Pater Damons ›Freund des Seemanns‹ in gebundenen Exemplaren.
Der Notenständer neben dem Harmonium enthielt gefühlvolle Liebeslieder, wie: ›Willie, wo weilst du nur?‹ ›Lieblicher Abendstern‹, ›Wandle doch, Silbermond‹, ›Sind wir jetzt beinah dort?‹ und ähnliches, nebst einer Sammlung ausgewählter Hymnen. Auch ein Nipptischchen war vorhanden mit halb kugelförmigen gläsernen Briefbeschwerern, in denen Miniaturbilder von Schiffen, Seestürmen mit Staffage und dergleichen zu sehen waren; ferner Seemuscheln mit Bibeltexten in erhabener Arbeit, Walfischbarten, in die aufgetakelten Schiffe eingeschnitten waren und allerlei einheimische Seltenheiten. Erzeugnisse fremder Weltteile fehlten ganz, denn niemand war auf Reisen gewesen. Man machte wohl Ausflüge nach San Francisco, aber die wurden nicht mitgerechnet; im allgemeinen blieb man ruhig im Lande.
Seitdem ist Honolulu jedoch reich geworden, dadurch hat sich vieles geändert und die alte Einfachheit ist zum Teil verschwunden. Frau Krout beschreibt die moderne Wohnung wie folgt:
»Fast jedes Haus liegt inmitten ausgedehnter Rasenplätze und Gartenanlagen, die mit einer Mauer aus vulkanischem Gestein oder dichten Hecken von glänzendem Hibiskus umgeben sind.
»Im Innern sind die Häuser aufs geschmackvollste und behaglichste eingerichtet; der Fußboden aus hartem Holz ist mit Teppichen oder feinen indischen Matten belegt, die Möbel, wie man es in warmen Ländern liebt, aus Rotang oder Bambusrohr gefertigt. Auch das gewöhnliche Beiwerk von Raritäten, Büchern und Kuriositäten aus allen Teilen der Welt ist vorhanden und dient zum Schmuck sämtlicher Räume, denn die Bewohner der Sandwichinseln sind unermüdliche Reisende.
»Die meisten Häuser besitzen ein sogenanntes ›Lanai‹. Das ist ein großes, an drei Seiten offenes Gemach, von dem eine Tür oder ein gewölbter, mit Draperien geschmückter Eingang in das Empfangszimmer führt. Häufig wölben sich die verschlungenen Zweige des Stechpalmbaumes darüber zu einem dichten Dach, das weder die Sonne hindurchläßt noch den Regen, außer bei sehr heftigen Gewittern. An den Seiten werden Schlingpflanzen gezogen – Stephanotis oder irgend eine andere der zahllosen wohlriechenden und blühenden Arten, welche auf den Inseln wuchern. Gegen Sonne und Regen kann man sich auch durch herabzulassende Matten schützen.
»Der Fußboden ist meist, der Kühle wegen, ganz unbedeckt oder nur zum Teil mit Teppichen belegt; auch enthält das ›Lanai‹ bequeme Stühle und Sofas, und auf den Tischen prangen wundervolle Farnkräuter in Töpfen oder die schönsten Blumensträuße.
»Das ›Lanai‹ ist das beliebteste Gesellschaftszimmer; hier wird Musik gemacht, man reicht Eis und Kuchen herum, nimmt Morgenbesuche an und versammelt sich zum gemeinschaftlichen Ausritt, die Damen in hübschen geteilten Röcken, die sie der Bequemlichkeit wegen tragen, denn hier reiten alle auf die gleiche Weise, Europäer und Amerikaner beiderlei Geschlechts sowohl wie die Eingeborenen.
»Man kann sich kaum vorstellen, wie köstlich bequem und behaglich ein solcher Raum ist, besonders in einer Villa am Seestrande. Sanfte Lüfte, von Jasmin und Gardenien durchduftet, wehen herein; man blickt durch schwankende Zweige von Palmen und Mimosen bald auf die zackigen Berge, deren Gipfel in Wolken gehüllt sind, bald auf das violettfarbene Meer mit der weißschäumenden Brandung, die sich fort und fort an den Klippen bricht und im gelben Sonnenschein oder beim zauberischen Mondesglanz der Tropen ein noch blendenderes Weiß annimmt.«
Da habt ihr den Unterschied: Teppiche, Eis und Kuchen, Bilder, Lanais, weltliche Bücher, sündhafte Raritäten aus aller Herren Ländern, und die Damen sitzen rittlings zu Pferde. Zu meiner Zeit taten das nur die eingeborenen Weiber, die weißen Damen hatten nicht den Mut, diese vernünftige Sitte mitzumachen. Damals bekam man auch in Honolulu nur selten Eis zu sehen. Segelschiffe brachten es zuweilen als Ballast aus Neuengland, und wenn dann zufällig ein Kriegsdampfer im Hafen lag, so daß Bälle und Abendgesellschaften sich drängten, wurde der Ballast oft, nach glaubwürdiger Ueberlieferung, zu sechshundert Dollars die Tonne verkauft. Jetzt ist die Eismaschine in der ganzen Welt herumgekommen, und wer will, kann sich die Erquickung bereiten. Selbst in Lappland und Spitzbergen braucht heutzutage niemand mehr Natureis, ausgenommen die Bären und Walrosse.
Vom Fahrrad steht in dem Bericht kein Wort; das ist auch nicht nötig. Wir wissen genau, daß es dort eingeführt ist, ohne uns erst zu erkundigen, denn, wo wäre es nicht zu finden? Ohne Fahrrad hätten die Menschen nun und nimmermehr ihre Sommerwohnung auf der Spitze des Mont Blanc nehmen können; der Grund und Boden dort oben hat nur nominellen Wert gehabt, ehe wir es kannten. Leider haben die Damen von Honolulu zu spät gelernt, wie man richtig zu Pferde sitzen muß. Was nützt es ihnen nun, da doch das Reitpferd sich in der ganzen Welt mehr und mehr vom Geschäft zurückzieht? In der Hauptstadt der Hawaii-Inseln wird man es bald nur noch vom Hörensagen kennen.
Zu dieser Inselgruppe gehört auch Molokai, und wir alle wissen, daß Pater Damien, der französische Priester, einst freiwillig die Welt verließ, um nach jenem traurigen Aufenthaltsort zu den Leprakranken zu gehen. Wir kennen auch seine Wirksamkeit unter den armen Ausgestoßenen, die dort ihr elendes Dasein weiter schleppen und auf den Tod warten, der sie von ihren Leiden erlösen soll. Was er vorausgesehen hatte, ging wirklich in Erfüllung: er bekam selbst den Aussatz und starb an der entsetzlichen Krankheit.
Es gibt aber noch andere Fälle von Selbstaufopferung. Ich erkundigte mich nach ›Billy‹ Ragsdale, einem halbweißen jungen Mann, der zu meiner Zeit als Dolmetscher beim Parlament angestellt und ebenso hochbegabt wie allgemein beliebt war. Ein so vorzüglicher Dolmetscher ist mir nirgends wieder vorgekommen; wenn er in einer Parlamentssitzung aufstand und die englischen Reden ins Hawaii, die hawaiischen Reden ins Englische übertrug, war seine rasche Auffassung und Zungenfertigkeit wahrhaft staunenswert. Auf eine Frage nach ihm erfuhr ich, daß seine glänzende Laufbahn ein völlig unerwartetes und rasches Ende gefunden hat, als er gerade im Begriff stand, ein schönes Mädchen gemischter Rasse zu heiraten. An einem fast unsichtbaren Zeichen auf seiner Haut hatte er erkannt, daß ihm das Gift des Aussatzes im Körper stecke. Niemand wußte um dies Geheimnis; er hätte es noch jahrelang verborgen halten können. Aber er wollte keinen Verrat an dem Mädchen üben, das er liebte, und es nicht durch die Heirat zu demselben grauenvollen Geschick verdammen, dem er entgegenging. So brachte er denn seine Angelegenheiten in Ordnung, suchte noch einmal seine Freunde auf, nahm Abschied von ihnen und segelte in dem Lepraschiff nach Molokai. Dort starb er den langsamen entsetzlichen Tod, den alle Aussätzigen sterben.
Hier möchte ich noch einige Abschnitte aus dem ›Paradies des Stillen Ozeans‹ von Pfarrer H. H. Gowen einschalten:
»Die armen Leprakranken!« sagt der Verfasser. »Es mag leicht sein, für die, welche weder Freunde noch Anverwandte unter ihnen haben, das Gebot völliger Absonderung in seiner ganzen Strenge durchzuführen! Aber, wer beschreibt die schrecklichen, herzbrechenden Auftritte, welche diese Gewaltmaßregeln im Gefolge haben?
»Ein Mann aus Hawaii wurde plötzlich festgenommen und fortgeschafft. Seine Frau, die unmittelbar vor ihrer Entbindung stand, blieb allein und hilflos zurück. Ohne Not und Gefahr zu achten, unternahm sie die Reise nach Honolulu und bat so lange und inbrünstig um die Erlaubnis, ihren leprakranken Mann in die Verbannung begleiten zu dürfen, um dort wie eine Aussätzige mit ihm zu leben, daß die Behörden ihrem Flehen nicht widerstehen konnten.
»Ueber eine glückliche Gattin und Mutter in der Blüte der Jahre wird das Urteil gefällt, daß sich bei ihr die Anfänge der Leprakrankheit zeigen; man schleppt sie ohne Aufschub aus ihrem Hause fort, und als der Mann heimkehrt, findet er nur noch seine zwei verlassenen Kleinen, die nach der verlorenen Mutter schreien.
»Luka Kaaukau, die Frau eines Aussätzigen, lebt seit zwölf Jahren mit ihrem Mann auf der Leprainsel. Der Unglückliche hat fast keine Gelenke mehr; seine Beine sind unförmlich und mit Geschwüren bedeckt. Seit vier Jahren flößt ihm die Frau alle Nahrung ein; er hat schon oft gewünscht, sie möchte ihn seinem elenden Schicksale überlassen, da sie heil und gesund ist, aber Luka sagt, daß sie gern dableiben und den Mann, den sie geliebt hat, pflegen will, bis sein Geist von der Erdenlast befreit ist.
»Ich selbst,« fährt Pfarrer Gowen fort, »habe manchen schweren Fall erlebt: Ein Mädchen, das mir scheinbar noch in voller Gesundheit geholfen hatte die Kirche beim Osterfest zu schmücken, ist, ehe es Weihnachten war, als unheilbare Leprakranke fortgeschafft worden. Eine Mutter hat ihr Söhnchen jahrelang im Gebirge verborgen gehalten, aus Furcht, man möchte es ihr entreißen; selbst ihre besten Freunde hatten keine Ahnung davon, daß das Kind noch am Leben war. Ein angesehener Weißer wurde von Frau und Kindern getrennt und gezwungen im Leprosenhause zu leben, wo er von aller Welt für tot angesehen wird, sogar von der Lebensversicherungsgesellschaft.«
Und was am meisten unser Mitleid erregt, ist, daß diese armen Dulder ganz unschuldig leiden. Der Aussatz ist nicht die Folge ihres eigenen Lebenswandels, sondern ein Fluch, der auf den Sünden ihrer Vorfahren lastet, während diese selbst von der Krankheit verschont geblieben waren.
Herr Gowen erzählt uns auch von einer ungemein rührenden und schönen Einrichtung, die auf der Leprainsel besteht: Wenn der Tod einem Leidenden die Kerkertür des Lebens auftut, so spielt das Musikchor eine Freudenhymne, um die Befreiung der gequälten Seele mit Jubel zu begrüßen.
Viertes Kapitel.
Es ist leichter, sich ein dutzendmal ins Gesicht tadeln zu lassen, als eine einzige unwahre Schmeichelei anzuhören.
Querkopf Wilsons Kalender.
Von Honolulu abgesegelt. Aus meinem Tagebuch:
2. September. – Scharen fliegender Fische – schlank, wohlgestaltet, leicht beweglich und glänzend weiß. Im Sonnenschein sehen sie wie ein Schwarm silberner Obstmesser aus. Sie können über hundert Meter weit fliegen.
3. September. – Frühstück unter 9° 50´ nördlicher Breite. Wir segeln schräg auf den Aequator zu. Alle, welche die Linie noch nie passiert haben, sind ungemein aufgeregt; auch ich möchte nichts in der Welt lieber sehen als den Aequator. Gestern abend erreichten wir die Gegend der Kalmen, wo vollkommene Windstillen mit täglichen Stürmen und Regengüssen wechseln, bei denen der Wind fortwährend umspringt, die See kurze Wellen schlägt und das Schiff wie betrunken hin- und herschwankt. Derartige Zustände findet man bisweilen auch in andern Regionen, aber in der Gegend der Kalmen hören sie nie auf; ihr Gürtel um den Erdball hat eine Breite von zwanzig Grad, und die Schnur, welche man den Aequator nennt, läuft in der Mitte herum.
4. September. – Gestern abend hatten wir eine totale Mondfinsternis, die etwa bis 7.30 dauerte. Zuerst sah man eine schöne rosige Wolke mit zerklüfteter Oberfläche, die aus einem kreisförmigen Rahmen hervortrat – es erinnerte an eine Portion Erdbeereis. Als der Mond zur Hälfte wieder sichtbar war, glich er einer goldenen Eichel in ihrem Näpfchen.
5. September. – Um Mittag kamen wir dicht an den Aequator heran. Ein Matrose erklärte einem jungen Mädchen, das Schiff mache so wenig Fahrt, weil der Erdball in der Mitte eine Ausbuchtung habe, zu der wir emporklimmen müßten; hätten wir erst beim Aequator die höchste Stelle erreicht, dann ginge es bergunter mit Windeseile. Der Mann ist voller Gelehrsamkeit, da kann das Mädchen noch viel profitieren.
Nachmittags. – Wir haben die Linie passiert. Von weitem sah es aus, als breite sich ein blaues Band quer über den Ozean. Mehrere Passagiere machten photographische Aufnahmen. Wir hatten keinen Mummenschanz, keine Narrenspossen und groben Späße, das ist jetzt alles abgeschafft. In früheren Zeiten kam ein als Neptun verkleideter Matrose mit seinem Gefolge über den Schiffsbug gegangen, und jeder, der zum erstenmale die Linie passierte, mußte sich von ihm einseifen und barbieren lassen. Zum Schluß pflegte man die armen Opferlämmer abzuspülen, indem man sie von der Raanocke hinunterließ und dreimal ins Meer tauchte. Dies galt für sehr belustigend – warum, weiß niemand. Das heißt, ja – wir wissen es doch! Auf dem Lande hätten so närrische Veranstaltungen, wie sie ehemals beim Passieren der Linie Sitte waren, nicht die geringste komische Wirkung; man würde sie einfach für albern und sinnlos erklären. Aber die Landratten sollen nur erst einmal zu Schiffe gehen und eine lange Seereise machen, vielleicht wären sie dann anderer Ansicht. Auf solcher Fahrt nehmen die Verstandeskräfte gewaltig ab, und die klügsten Leute geraten bald in eine Gemütsstimmung, bei der sie eine kindische Unterhaltung jeder vernünftigen Beschäftigung vorziehen. Man staunt wirklich oft über die Kindereien, mit denen sich erwachsene Menschen an Bord abgeben und begreift nicht, wie sie dergleichen mit solchem Eifer betreiben und sich so königlich dabei amüsieren können. Ich spreche natürlich nur von langen Seereisen, bei denen der Geist sich allmählich abstumpft und träge und schwerfällig wird. Da verliert man sein gewöhnliches Interesse an höheren Dingen; nur derbe Späße sind noch imstande uns aufzurütteln, und ausgelassene Narretei gewährt uns das größte Vergnügen.
Bei kürzeren Seereisen ist das anders; da hat der Geist nicht Zeit, auf so traurige Art zu versimpeln, und man schafft sich die nötige Körperbewegung durch das Beilkespiel. Auch wir vertrieben uns unterwegs die Zeit damit aufs angenehmste. Vor dem Beginn des Spiels zeichnet der Quartiermeister die nachstehende Kreidefigur auf das Deck, und jeder Spieler erhält vier hölzerne Scheiben von der Größe einer Untertasse, die er mit einer Art Besenstiel, an dem eine hölzerne Mondsichel befestigt ist, durch einen kräftigen Stoß fünfzehn bis zwanzig Fuß weit über das Deck befördern muß, so daß sie in einem der Quadrate landen. Bleibt die geworfene Scheibe dort, bis der erste Gang vorüber ist, so gilt sie so viel wie die Zahl in dem betreffenden Quadrat. Der Gegner muß sich bemühen, die feindliche Scheibe hinauszustoßen, besonders wenn sie auf eine hohe Nummer getroffen hat, und seine eigene an die Stelle zu setzen. Liegt sie aber auf 10 minus so wird er im Gegenteil danach trachten, seine Scheibe so zu schieben, daß der andere Spieler die seinige nicht wieder aus diesem verderblichen Platz herausbringen kann, weil ihm der Zugang versperrt ist. Nach jedem Gang werden die Points gezählt; oft können alle Scheiben mitgerechnet werden, aber die, welche den Kreidestrich berühren, gelten nicht; auch findet manchmal ein großes Scharmützel statt, so daß keine einzige Scheibe mehr in den Quadraten liegt. Wenn eine Partei hundert Points hat, ist das Spiel zu Ende; es dauert meist zwischen zwanzig und dreißig Minuten, was vom Glück und der Bewegung des Schiffes abhängt. Geht die See hoch, so ist man genötigt, die Kraft und Richtung des Stoßes genau abzuwägen. Hebt sich das Schiff, muß man stark stoßen, senkt es sich, so kommt es darauf an Maß zu halten, da sich die Wirkung nicht leicht berechnen läßt. Schwankt das Schiff nach rechts, und man zielt nach der linken oberen Seite der Kreidefigur, so gleitet die Scheibe im Bogen gerade in ein Quadrat hinein, falls man nämlich genau die richtige Stärke getroffen hat. Das Spiel ist aufregend, und die meist sehr zahlreichen Zuschauer lassen es nicht an Beifall oder Hohngelächter fehlen, je nachdem eins oder das andere am Platze ist. Es erfordert auch viel Geschicklichkeit, aber da man sich auf die Bewegung des Schiffes nie verlassen kann, ist es noch mehr Glückssache.
Um zu entscheiden, wer ›Meister des Beilkespiels auf dem Stillen Ozean‹ sein sollte, fochten wir großartige Turniere aus, an denen sich fast alle unsere Mitreisenden männlichen und weiblichen Geschlechts, sowie sämtliche Offiziere beteiligten. Der Kampf wurde viele Tage lang mit großer Hartnäckigkeit fortgesetzt, er war sehr lebhaft und machte uns todmüde, wegen der starken Bewegung, die man bei dem Spiele hat. Schließlich behauptete Herr Thomas, einer der Passagiere, seine unbestrittene Meisterschaft.
Bei einem der kleineren Wettkämpfe hatte ich jedoch den Sieg davongetragen und den ausgesetzten Preis, eine Waterbury-Taschenuhr gewonnen, die ich im Koffer verwahrte. Neun Monate später, in der Stadt Prätoria in Südafrika, nahm ich sie wieder heraus, weil meine eigene Uhr stehen geblieben war, zog sie auf und stellte sie nach der Turmuhr am Parlamentsgebäude auf 8 Uhr 5 Minuten; dann begab ich mich in mein Schlafzimmer und ging früh zu Bette, da ich nach einer langen Eisenbahnfahrt der Ruhe bedurfte. Jene Parlamentsuhr hatte eine ganz verrückte Eigenschaft, die sonst nirgends in der Welt vorkommt, aber das wußte ich damals nicht; sie schlägt nämlich, wenn es halb ist, die nächste volle Stunde und schlägt sie dann abermals zur richtigen Zeit. Eine Weile rauchte und las ich noch im Bett; als ich aber die Augen nicht länger offen halten konnte und eben im Begriff war, das Licht zu löschen, dröhnte es gewaltig vom Turme. Ich zähle zehn Schläge und lange nach meiner Preisuhr, um sie zu vergleichen. Sie stand auf 9.30, war also schon eine halbe Stunde zurückgeblieben. Für eine Dreidollaruhr hatte sie jedenfalls zu geringe Geschwindigkeit, doch glaubte ich, das veränderte Klima sei schuld. Ich stellte sie eine halbe Stunde vor, nahm wieder mein Buch zur Hand und wartete. Es schlug noch einmal zehn; meine Uhr aber zeigte 10.30. Diese übergroße Eile überraschte mich – es war zuviel für das Geld. Nachdem ich die Zeiger um eine halbe Stunde zurückgeschoben hatte, horchte und wartete ich wieder; ich konnte jetzt nicht anders, denn ich war unruhig und ärgerlich und fühlte keine Schläfrigkeit mehr. Nicht lange, so schlug es 11 vom Turme und auf meiner Uhr war es 10.30. Wieder stellte ich sie eine halbe Stunde vor und fing schon an die Geduld zu verlieren. Da schlug es noch einmal 11; als ich aber sah, daß die Waterbury-Uhr auf 11.30 zeigte, schleuderte ich sie gegen den Bettpfosten, daß sie in Stücke ging. Tags darauf, als ich hinter die Geschichte kam, tat mir das freilich leid.
Doch ich kehre zum Schiff zurück. – Der gewöhnliche Durchschnittsmensch ist ein boshaftes Geschöpf, und wenn er das nicht ist, hat er Freude an handgreiflichen Späßen. Für die Person, die ihm als Zielscheibe dient, kommt das auf eins heraus, sie wird jedenfalls zum Opferlamm.
Auf allen Schiffen wird das Abspülen des Deckes in sehr früher Stunde vorgenommen, aber nur selten trifft man dabei Maßregeln zum Schutz der Passagiere; es wird ihnen weder vorher angekündigt, noch schickt man einen Aufwärter hinunter, um die Kajütenfenster zu schließen. So haben denn die Matrosen beim Deckspülen freie Hand, was sie sich nach Kräften zu nutze machen. Platsch! schütten sie einen Eimer Wasser längs der Schiffseite hin, daß es durch die Kajütenfenster fließt und nicht nur die Kleider der Passagiere, sondern auch diese selbst durchnäßt. Auf unserm Schiff herrschte diese gute alte Sitte ebenfalls und zwar unter sehr günstigen Bedingungen, denn in den glühenden tropischen Regionen wird außen am Fenster ein abnehmbarer Zinkvorsetzer in Form einer Zuckerschaufel befestigt, um den Wind zu fangen, so daß Luft ins Innere dringt. Aber auch das Wasser sammelt sich dort und fließt hindurch – oft in ganzen Strömen. –
Frau J., eine kranke Dame, mußte nach ärztlicher Verordnung auf dem Sofa schlafen, der unter ihrem Kajütenfenster stand. Jedesmal, daß sie nicht auf ihrer Hut war und zu lange schlief, überschwemmten sie die Deckspüler mit einem Wasserguß.
Und erst die Anstreicher – was hatten die für ein lustiges Leben! Zwar sollte das Schiff in Sydney einen Monat lang in dem Dock ausgebessert werden, aber trotzdem wurde es die ganze Fahrt über bald hier bald da neu angestrichen. Die Kleider der Damen litten fortwährend Schaden, doch weder Bitte noch Einspruch fand Gehör. Es kam nicht selten vor, daß eine Dame in der Nähe eines Ventilators oder irgend eines andern Dinges, das gar nicht angestrichen zu werden brauchte, ihr Mittagsschläfchen hielt und beim Erwachen entdeckte, daß ein Spaßvogel sich mit seinen Farbentöpfen über besagten Gegenstand hergemacht hatte, und ihr weißes Kleid von oben bis unten mit kleinen gelben Ölflecken bespritzt war.
Die Schiffsoffiziere sind nicht schuld an dieser Farbenkleckserei zu ungelegener Zeit, sondern der alte Brauch. Seit Noahs Tagen gilt das Gesetz, daß an einem Schiff während der Fahrt unausgesetzt herumgeputzt und angestrichen werden muß. Dies Gesetz ist zur Gewohnheit geworden, und auf der See haben Gewohnheit und Sitte ein ewiges Leben. Der alte Brauch wird nicht aufhören bis das Meer ausgetrocknet ist.
8. September, Sonntag. Wir segeln in fast gerader Linie nach Süden, sodaß wir täglich nicht mehr als zwei Längengrade kreuzen. Heute früh waren wir beim 178. Grad westlicher Länge von Greenwich; morgen kommen wir dicht an die Mitte der Erdkugel beim 180. Grad westlicher Länge und dem 180. Grad östlicher Länge.
Und dann müssen wir einen Tag aus unserm Leben streichen, der auf immer unwiederbringlich verloren ist. Wir werden alle einen Tag früher sterben, als es uns seit Anbeginn vom Geschick bestimmt war. Die ganze Ewigkeit hindurch bleiben wir um diesen einen Tag zurück. Wenn wir droben zu den Engeln sagen: »Heute ist schönes Wetter!« werden sie stets erwidern: »Es ist gar nicht heute, sondern morgen!« Wir kommen nie wieder aus der Verwirrung heraus; unsere Seelenruhe ist auf immer dahin!
Am nächsten Tage. Jetzt ist es wirklich zur Wahrheit geworden. Gestern war Sonntag, der 8. September – und heute steht auf dem Anschlagbrett am Eingang zur Kajütentreppe: Dienstag, 10. September. Man hat ein unbehagliches Gefühl dabei, als wäre Zauberei im Spiele. Es ist ja auch wirklich unbegreiflich, wenn man es recht bedenkt, und man kann sich keine Vorstellung davon machen. Als wir den 180. Meridian kreuzten, war es am Stern des Schiffes, wo die Meinigen sich aufhielten Sonntag, und am Bug, wo ich war, Dienstag. Sie verzehrten einen halben Apfel am 8. September, und ich aß gleichzeitig die andere Hälfte am 10. In den fünf Minuten, seit ich sie verlassen hatte, war ich um einen Tag älter geworden, sie dagegen nicht. Der Tag, den sie verlebten, erstreckte sich hinter ihnen um die halbe Erdkugel durch den Stillen Ozean, Amerika und Europa; der Tag, den ich verlebte, dehnte sich vor mir um die andere Hälfte der Erde aus, bis beide zusammentrafen. Tage von solchem Umfang waren uns noch niemals vorgekommen, alle früheren schrumpften im Vergleich dazu in ein Nichts zusammen. Auch der Temperaturunterschied der beiden Tage war bemerkenswert; der ihrige war heißer als meiner, wegen der größeren Nähe des Aequators.
Gerade zur Zeit, als wir den Großen Meridian kreuzten, wurde im Zwischendeck ein Kind geboren, und nun läßt sich auf keine Weise feststellen, welches sein Geburtstag ist. Die Wärterin sagt Sonntag, der Arzt Dienstag. Das Kind selbst wird nie darüber ins klare kommen und immer zwischen den beiden Tagen schwanken. Dadurch müssen alle seine Ansichten über Religion, Politik, Liebe, Berufswahl und dergleichen in Unsicherheit geraten, seine Grundsätze werden erschüttert, seine Charakterentwicklung gehemmt, und dem armen Ding von vornherein jede Möglichkeit eines erfolgreichen Wirkens abgeschnitten.
Das sagten alle Leute an Bord. Aber, damit war das Unheil noch nicht einmal erschöpft. Ein ungeheuer reicher Bierbrauer auf dem Schiff hatte nämlich schon zehn Tage vorher gesagt, falls das Kind an seinem Geburtstag zur Welt käme, würde er ihm zehntausend Dollars zum Geschenk machen. Sein Geburtstag war aber Montag den 9. September.
Wenn alle Schiffe in derselben Richtung – nämlich nach Westen – führen, so würde der Welt eine ungeheure Menge wertvoller Zeit verloren gehen, weil Passagiere und Mannschaften eine solche Unzahl von Tagen auf dem Großen Meridian über Bord werfen. Aber glücklicherweise segelt die Hälfte der Schiffe nach Osten, und so entsteht kein wirklicher Verlust. Diese fischen nämlich die weggeworfenen Tage auf, um sie dem Zeitvorrat der Welt wieder hinzuzufügen und zwar fast unversehrt, denn durch das Salzwasser werden sie frisch erhalten und bleiben so gut wie neu.
Fünftes Kapitel.
Der Lärm tut nichts zur Sache: Oft gackert eine Henne, die nur ein Ei gelegt hat so laut, als hätte sie einen Planeten gelegt.
Querkopf Wilsons Kalender.
Mittwoch 11. September. Wir fahren jetzt stetig nach Süden und immer weiter hinunter auf dem runden Bauch der Erdkugel. Gestern abend sahen wir den Großen Bären und den Nordstern am Horizont untergehen und aus unserer Welt verschwinden. Das heißt, irgend jemand hat es gesehen und mir davon erzählt. Aber das macht keinen Unterschied, mir ist es so wie so einerlei, da ich die beiden herzlich satt habe. Sie sind ja in ihrer Art gar nicht übel, aber man will sie doch auch einmal los werden. Ich hatte jetzt nur noch Interesse für das ›Kreuz des Südens‹, von dem ich mein Lebenlang gehört hatte, ohne es zu sehen; natürlich brannte ich vor Verlangen danach. Kein anderes Sternbild verursacht so viel Gerede. Im allgemeinen habe ich, wie gesagt, gegen den Großen Bären nichts einzuwenden – wie sollte ich auch? Er ist ja ein Bürger unseres Himmelsgewölbes und gehört zum Besitzstand der Vereinigten Staaten. Aber doch war ich froh, daß er aus dem Wege ging, um diesem Fremdling Platz zu machen. Nach meinem Dafürhalten brauchte ein Sternbild, von dem man so viel Wesens macht wie von dem Kreuz des Südens, den ganzen Himmel für sich allein.
Aber das war ein Irrtum. Heute abend haben wir das Kreuz gesehen; es ist weder groß noch ungewöhnlich hell. Freilich stand es tief am Horizont; es wird vielleicht noch schöner, wenn es hoch am Himmel steht. Sein Name ist sehr sinnreich gewählt, denn es sieht gerade so aus, wie ein Kreuz aussehen würde, das man ebensogut für etwas ganz Anderes halten könnte. Aber diese Bemerkung ist viel zu allgemein und unbestimmt, ich will mich deutlicher ausdrücken: ein Kreuz mag es wohl sein, doch ist es entweder aus den Fugen gegangen oder verzeichnet, denn es hat zwar einen langen und einen kurzen Balken, aber letzterer ist ganz schief geraten.
Vier große Sterne und ein kleiner bilden das Kreuz. Der kleine Stern liegt außer dem Strich und verdirbt die Form vollends; er sollte an der Stelle stehen, wo die Balken zusammengefügt sind. Wenn man nicht eine gedachte Linie zwischen den Sternen zieht, würde man gar nicht auf die Idee kommen, daß sie ein Kreuz vorstellen – oder überhaupt irgend etwas.
Um den kleinen Stern darf man sich nicht kümmern; er muß ganz beiseite bleiben, weil er alles verwirrt. Läßt man ihn weg, so kann man aus den vier Sternen wohl eine Art schiefes Kreuz machen, aber ebenso gut einen schiefen Drachen oder einen schiefen Sarg.
Mit den Namen, die man den Sternbildern gegeben hat, ist es von jeher eine heikle Sache gewesen; sie wollen sich diesen Namen durchaus nicht anpassen und bestehen meist hartnäckig darauf, den Dingen, nach denen sie benannt sind, in keiner Weise zu gleichen. Zur Beruhigung der Gemüter sieht man sich zuletzt häufig genötigt, den phantastischen Namen in einen solchen umzuwandeln, der dem gemeinen Menschenverstand besser einleuchtet. Wenn es auf mich ankäme, würde ich das ›Kreuz des Südens‹ nicht den ›Sarg des Südens‹, sondern den ›Drachen des Südens‹ nennen. Kreuze und Särge haben dort oben in dem großen leeren Raum nichts zu schaffen, aber für einen Drachen ist es gerade der rechte Platz. In einiger Zeit – ob über kurz oder lang weiß ich nicht – wird der ganze Erdball im Besitz der englischredenden Rasse sein und natürlich auch das Himmelsgewölbe. Dann müssen alle Sternbilder neugeordnet, blank geputzt und umgetauft werden; die meisten wird man vermutlich ›Victoria‹ nennen, schon jetzt tragen viele Städte und Geräte den Namen ihrer britischen Majestät. Aber ein Sternbild wird auch als ›Drache des Südens‹ droben wandeln oder überhaupt von der Bildfläche verschwinden.
In den letzten paar Tagen sind wir durch eine förmliche Milchstraße von Inseln gefahren. Auf der Karte liegen sie so dicht beisammen, daß man denken sollte, es wäre dazwischen kaum Platz für ein Kanoe – und doch bekommen wir selten eine Insel zu Gesicht. Neulich sahen wir einmal zwei in weiter Ferne gespenstisch und schattenhaft auftauchen, Alofi und Futuna oder Horne. Auf der größeren herrschen zwei eingeborene Könige, die einander grimmig befehden. Sie sowohl wie ihre Untertanen gehören zur katholischen Kirche; französische Missionare haben sie bekehrt.
Von den unzähligen Inseln in diesen Meeren bezog man früher die ›Rekruten‹ für die Plantagenarbeit in Queensland, und ich glaube, man holt sie noch jetzt dort her. Fahrzeuge, die in ihrer Ausrüstung den alten Sklavenschiffen glichen, schafften die Eingeborenen nach jener großen Provinz Australiens, wo sie als Arbeiter Verwendung fanden. Anfangs raubte man die Leute ohne alle Umstände, wie die Missionare bezeugen; von anderer Seite wird das zwar geleugnet, aber es läßt sich nicht widerlegen. Später verbot das Gesetz, die Eingeborenen gegen ihren Willen anzuwerben, und die Regierungsbeamten hatten Befehl, auf allen Werbeschiffen für Aufrechterhaltung des Gesetzes zu sorgen, was sie nach Aussage der Werber wirklich taten, aber auch oft unterließen, wie die Missionare behaupten. Ein Arbeiter konnte auf drei Jahre regelrecht angeworben werden und dann freiwillig noch ebenso lange im Dienst bleiben, wenn es ihm gefiel. War seine Zeit um, so durfte er auf seine Insel zurückkehren und erhielt auch die Mittel dazu. Die Regierung ließ sich dies Geld von dem Arbeitgeber auszahlen, ehe der ›Rekrut‹ ihm überlassen wurde.
Kapitän Wawn, der viele Jahre ein Werbeschiff befehligte, hat ein Buch über seine Erlebnisse geschrieben, aus dem hervorgeht, daß das Werbegeschäft im allgemeinen bei den Insulanern sehr beliebt war. Doch scheint es dabei weder langweilig noch einförmig gewesen zu sein, denn es bot allerlei kleine Abwechslungen, von denen der Kapitän berichtet, zum Beispiel die folgende:
»Am Nachmittag, nachdem wir die Leprainsel erreicht hatten, lag der Schoner, bei fast vollständiger Windstille, im Schutz des gebirgigen Teils der Insel, etwa dreiviertel Meilen vom Ufer. Wir hatten die Boote ausgesetzt, konnten sie jedoch in Sicht behalten. Das Werbeboot war in eine kleine Bucht der felsigen Küste eingelaufen, wo auf steilem Uferrand eine einsame Hütte lag, hinter der sich dichter Wald erhob. Das zweite Boot, in dem sich der Regierungsbeamte und der Maat befanden, lag etwa 400 Meter westwärts.
»Plötzlich hörten wir Schüsse und das laute Geheul der Eingeborenen am Ufer und sahen das Werbeboot mit anscheinend verminderter Bemannung das Weite suchen. Das andere Boot fuhr ihm rasch entgegen, nahm es ins Schlepptau und brachte es zum Schoner zurück. Von der Mannschaft war kein einziger ohne leichte oder schwere Verwundung davongekommen. Die Insulaner hatten unsere Leute unter dem Schein der Freundschaft in die Bucht gelockt; sie umschwärmten den Stern des Bootes, und einige der farbigen Burschen stiegen sogar an Bord. Urplötzlich schwangen sie aber ihre Keulen und Tomahawks und gingen zum Angriff über. Der Werber schützte sich mit den Fäusten gegen die ersten grimmigen Schläge, bis er Zeit fand, sich des Revolvers zu bedienen. Einer der Matrosen, Tom Sayers, erhielt einen Hieb mit der Streitaxt, der ihm die Kopfhaut durchschnitt, aber zum Glück den Schädel nicht spaltete; einem andern, Babby Towns, wurden beide Daumen zerschmettert, als er die Schläge abwehren wollte; den linken Daumen, der nur noch an Haut und Knochen hing, mußte der Wundarzt ganz von der Hand ablösen. Lihu, ein Knabe aus Lifu, der Diener des Werbers, hatte verschiedene leichte Hieb- und Stichwunden. Dem unglücklichen Jack, einem ›Rekruten‹ von der Insel Tanna, der als Bootsmann angeworben war, wurde der Vorderarm von einem Pfeil durchschossen, der noch auf beiden Seiten herausstak, als das Boot zurückkam. Der Werber selbst wäre frei ausgegangen, hätte nicht, gerade im Augenblick der Abfahrt, ein Pfeil ihm die Hand an den Griff des Steuerruders festgenagelt. Der Kampf war zwar kurz, doch heftig gewesen; auf feindlicher Seite waren zwei Mann erschossen worden.«
Kapitän Wawns Buch enthält eine große Menge von Beispielen solcher gefährlichen Zusammenstöße zwischen den Eingeborenen und den englischen und französischen Werbeschiffen; denn auch die Franzosen betreiben das Geschäft für die Plantagen von Neu-Caledonien. Die Werber scheinen daher doch nicht allzu beliebt bei den Insulanern zu sein, wie ließen sich sonst diese wilden Angriffe und blutigen Kämpfe erklären? Der Kapitän schiebt freilich die ganze Schuld auf die unverständigen Philanthropen. Wenn diese sich nur nicht einmischen wollten, meint er, würden die eingeborenen Väter und Mütter nicht mehr weinen und klagen, daß man ihre Kinder in die Verbannung schleppt, wo sie nicht selten ein frühes Grab finden, sondern ohne Frage ganz damit einverstanden sein und keinen Versuch machen, die freundlichen Werber totzuschlagen.
Sechstes Kapitel.
Die Geschichte ist eine Prophetin. Sie lehrt, daß wenn ein starkes, aufgeklärtes Volk einem schwachen, unwissenden Volke etwas nehmen will, was es besitzt, letzteres sich friedlich darein ergeben muß.
Querkopf Wilsons Kalender.
Eins ist sonnenklar: Kapitän Wawn kann die Missionare nicht ausstehen, weil sie ihm das Geschäft verderben. Seine Werbefahrten, die er wie eine Lustpartie betreiben möchte, nennen sie schlechtweg ›Sklavenfang‹ und machen sie ihm zur Last. Die Missionare haben nämlich ihre ganz eigene, nicht sehr schmeichelhafte Ansicht über den Handel mit Eingeborenen und die Art, wie die Werber die Gesetze zu umgehen wissen. Kapitän Wawns Buch ist erst kürzlich erschienen, aber mir liegt noch eine Broschüre neueren Datums über dasselbe Thema vor, welche soeben aus der Presse kommt und den Missionar W. Gray zum Verfasser hat. Ich habe es sehr interessant gefunden, das Buch und die Broschüre zusammen zu lesen.
Es war mir auch alles leicht verständlich, nur ein Umstand nicht, auf den ich sogleich zurückkommen will. Warum der Besitzer der Zuckerpflanzung in Queensland den Kanaka haben will, liegt auf der Hand: einen so billigen Arbeiter bekommt er schwerlich wieder. Was der Pflanzer bezahlt ist folgendes: 20 £ an den Werber, der den Kanaka gedungen – oder ›gefangen‹ hat, wie die Missionare sagen; 3 £ Einfuhrgebühren an die Regierung in Queensland und 5 £ für Rückbeförderung des Kanaka, falls er nach Ablauf seiner drei vertragsmäßigen Jahre noch am Leben ist; an den Kanaka selbst für Lohn und Kleidung während der drei Jahre 25 £ Summa summarum 53 £ und mit Verköstigung 60 £. –
Daß dem Werber sein Geschäft gefällt, begreift man ebenfalls. Der ›Rekrut‹ kostet ihn nichts als ein paar billige Geschenke – die nicht er erhält, sondern seine Verwandten – und bringt ihm bei der Ablieferung in Queensland 20 £ ein. Pflanzer und Werber ziehen also Gewinn aus dem Handel; aber weshalb der ›Rekrut‹ darauf eingeht, kann ich durchaus nicht verstehen. Er ist jung und kräftig; daheim auf seiner Insel führt er ein wonniges Leben, das einem langen, köstlichen Feiertag gleicht. Will er arbeiten, so braucht er nur jede Woche ein paar Säcke Kopra zu sammeln, die er für vier bis fünf Schillinge den Sack verkaufen kann. In Queensland muß er dagegen aufstehen, ehe der Morgen graut und täglich acht bis zwölf Stunden bei einem viel heißeren Klima als er gewohnt ist und für einen Wochenlohn, der nicht einmal vier Schillinge beträgt, in den Zuckerrohrfeldern arbeiten. Was ihn dazu bewegen kann, bleibt mir ein ungelöstes Rätsel. Der Pflanzer erklärt es sich auf seine Weise wie ich aus der Broschüre des Missionars ersehe:
»Wenn der Kanaka seine Heimat verläßt, ist er nur ein gewöhnlicher Wilder. Er schämt sich nicht, daß er nackt geht und jeden Schmuckes entbehrt. Wenn er zurückkehrt ist er gut gekleidet, trägt eine Waterbury-Uhr mit Sekundenzeiger, Kragen, Manschetten, Stiefel und Schmuck. Er bringt auch ein paar Koffer mit, welche Kleidungsstücke, Musikinstrumente, Wohlgerüche und andere Luxusartikel enthalten, an deren Gebrauch er sich gewöhnt hat.« –
Sollte das die Lösung sein? – Einen Augenblick scheint uns wirklich ein Licht darüber aufzugehen, was den Kanaka in Verbannung treibt: Er möchte sich zivilisieren. Erst war er nackt und schämte sich nicht, jetzt trägt er Kleider und hat gelernt sich zu schämen; er war unwissend, jetzt besitzt er eine Waterbury-Uhr; es fehlte ihm an feiner Sitte, jetzt trägt er Schmuck und duftet nach Wohlgerüchen; er genoß daheim kein besonderes Ansehen, jetzt ist er in fernen Ländern gewesen und hat ein erhöhtes Selbstgefühl.
Das läßt sich hören und klingt gar nicht unwahrscheinlich. Aber der Missionar will von dieser Erklärung nichts wissen; er zerpflückt sie schonungslos, bis nichts mehr davon übrig bleibt, indem er fortfährt:
»Mag auch die vorhergehende Beschreibung im allgemeinen richtig sein, so ist das Nachspiel gewöhnlich folgendes: Die Manschetten und Kragen werden von den jungen Burschen entweder gar nicht benutzt oder zum Staat unterhalb des Knies am Bein getragen. Die Uhr wandert zerbrochen und schmutzig für eine Kleinigkeit zum Trödler, oder das Werk wird herausgenommen, die Räder auf eine Schnur gezogen und um den Hals gehängt. Die Messer, Beile, Taschentücher und der Kleiderstoff werden unter die Freunde verteilt; mehr als ein Stück für jeden gibt es nicht. Oft geht der Kofferschlüssel auf dem Heimweg verloren, die Koffer selbst werden für drittehalb Schillinge verkauft, man kann sie in den Uferdörfern der Insel Tanna verfault umherliegen sehen, (ich sage das aus eigener Wahrnehmung). Ein heimgekehrter Kanaka geriet einmal gegen mich in heftigen Zorn, weil ich ihm nicht seine Beinkleider abkaufen wollte, die gerade für mich paßten, wie er behauptete. Später verkaufte er sie an einen meiner Lehrer aus Aniwa für ein Paket Tabak im Wert von dreiviertel Schilling, während er in Queensland gewiß acht bis zehn Schillinge für das Kleidungsstück bezahlt hatte. Einen Rock oder ein Hemd zu haben ist nützlich bei kalter Witterung. Auch die weißen Taschentücher, den ›senet‹ (Wohlgeruch), den Regenschirm und vielleicht den Hut behält der Insulaner; die Stiefel nur, wenn sie zufällig dem Koprahändler nicht passen. ›Senet‹ im Haar, das Gesicht mit Farbe bemalt, ein schmutziges weißes Taschentuch um den Hals, ein Stück Schildkrötenschale im Ohr, am Gürtel ein Messer mit der Scheide und einen Regenschirm in der Hand, so sieht man den heimgekehrten Kanaka am Tage nach seiner Landung umherstolzieren.«
Bis auf den Hut, den Regenschirm und das Taschentuch ist er splinternackend. In einem einzigen Tage schmilzt die sauer erworbene Zivilisation so weit zusammen. Auch diese letzten vergänglichen Dinge bleiben nicht lange in seinem Besitz. Nur ein Stück seiner Zivilisation wird er sicherlich nicht wieder los – nach des Missionars Bericht hat er nämlich fluchen gelernt. Das ist auch eine Kunst – und die Kunst ist lang, wie der Dichter sagt.
Die Gesetze eines Landes werfen stets ein Licht auf seine Vergangenheit. In Queensland lassen sie tief blicken. Sie zeigen uns, daß die Mißbräuche, über welche die Missionare klagen, von alters her bestanden und auch unter dem Schutzgesetz fortbestehen, da die Werber – nach Behauptung der Missionare – das Gesetz zu umgehen wissen, und der Regierungsbeamte ihnen dabei behilflich ist. Es kommt häufig vor, daß ein törichter junger ›Rekrut‹ wieder zu Verstande kommt, nachdem er seine Freiheit auf drei Jahre verkauft hat und für sein Leben gern die Verpflichtung wieder loswerden und daheim bei seinen Angehörigen bleiben möchte; dann schüchtert man ihn jedoch durch Drohungen ein, hält ihn mit Gewalt auf dem Werbeschiff zurück und zwingt ihn, seinen Kontrakt zu erfüllen. Solche Gewaltmaßregeln verbietet das Gesetz aufs strengste; der Paragraph 31 befiehlt dem Werber, den Kanaka in diesem Fall nicht nur freizulassen, sondern ihn wieder ans Ufer zu befördern und zwar im Boot, weil die Meere von Haifischen wimmeln.
Das Gesetz und die Missionare haben Mitgefühl für den Kanaka, dem sein Vertrag wieder leid wird, und das ist sehr natürlich, weil er noch jung und unerfahren ist und sich leicht überreden läßt, zu tun was ihn reut; der Werber aber kennt kein Erbarmen. »Ein Kapitän, der den Handel viele Jahre hindurch betrieben hat,« erzählt Gray, »hat mir mitgeteilt, wie man mit dem kontraktbrüchigen Kanaka verfährt:
»›Wenn ein Bursche über Bord springt,‹ sagte er, ›setzen wir ein Boot aus, das ihm vorausrudert und sich zwischen ihn und das Ufer legt. Schwimmt er an dem Boote vorbei, so fährt es immer wieder voraus, bis der Schwimmer erschöpft ist, freiwillig hineinsteigt und sich ruhig wieder an Bord zurückbringen läßt. Der Kunstgriff schlägt selten fehl.‹«
Wäre der Schwimmer ein Sohn jenes Kapitäns und seine Verfolger Eingeborene, so würde er wohl anders darüber denken. Allein die Fähigkeit, sich in die Lage anderer Leute zu versetzen, ist nicht jedem gegeben.
Auch der freie Geist des Kapitäns Wawn empört sich gegen das Schutzgesetz; es bereitet ihm viel Aergernis und vergiftet sein Leben, gerade so, wie es die Missionare tun. Wie sehr er sich nach der guten alten Zeit sehnt, die auf immer dahin ist, kann man in seinem Buche lesen; man meint ordentlich ihn zwischen den Zeilen weinen und fluchen zu hören, wenn er schreibt:
»Lange Zeit durften wir alle Ausreißer, die den Vertrag an Bord unterzeichnet hatten, einfangen und festnehmen. Aber die ›eisernen Verordnungen‹ des Gesetzes von 1884 machten dem ein Ende. Sie gestatten dem Kanaka den dreijährigen Vertrag zu unterzeichnen, in dem Schiff spazieren zu fahren, sich füttern zu lassen und sich gütlich zu tun und dann auf und davon zu gehen, sobald es ihm beliebt. Nur darf er seine Vergnügungsfahrt nicht bis nach Queensland ausdehnen.«
Missionar Gray dagegen, nennt jene ›eiserne Verordnung‹ ein Possenspiel. »Unter dem Schutz des Gesetzes,« sagt er, »wird gegen die Eingeborenen weit mehr Grausamkeit und Ungerechtigkeit verübt, als durch gesetzwidrige Taten. Die bestehenden Verordnungen sind ungerecht und in hohem Grade mangelhaft und werden es ewig bleiben.« Er belegt diese Behauptung auch durch Gründe, die ich jedoch des Raumes wegen hier nicht anführen kann.
Wenn indessen der Kanaka von seinem dreijährigen Studium der Zivilisation in Queensland keinen andern Vorteil davonträgt als ein Halsband, einen Regenschirm und eine höchst unvollkommene Ausbildung des Fluchens, dann muß wohl der ganze Profit des Handels dem weißen Manne zugute kommen. Es läßt sich schon hieraus mit einiger Bestimmtheit die Schlußfolgerung ziehen, daß der Handel von Rechts wegen abgeschafft werden sollte.
Man hat übrigens allen Grund anzunehmen, daß dies bald von selbst geschehen wird. Innerhalb der nächsten zwanzig oder dreißig Jahre müssen die Bezugsquellen des Handels versiegen, weil dann die Inseln gänzlich entvölkert sein werden. Für weiße Leute ist Queensland sehr gesund, die Ziffer der Sterbefälle beträgt nur 12 auf das Tausend; bei den Kanaken ist sie aber weit höher, im Jahre 1893 belief sie sich nach statistischen Angaben auf 52 und 1894 (im Mackay-Bezirk) auf 68. In den ersten sechs Monaten ist das Klima für den Kanaka ganz besonders gefährlich, von 1000 der neuen Ankömmlinge sterben oft 180, während die Sterbeziffer auf seiner heimischen Insel sich in Friedenszeiten auf 12 und in Kriegszeiten auf 15 vom Tausend beläuft. Der Aufenthalt in Queensland, der ihm Gelegenheit gibt, Zivilisation, einen Regenschirm und ungenügende Uebung im Fluchen zu erwerben, ist also zwölfmal so tödlich für ihn als ein Krieg.
Demnach verlangt die christliche Nächstenliebe, ja schon die bloße Menschlichkeit, daß man die Leute sämtlich nach ihrer Heimat zurückschickt. Wenn, statt der Werber, Krieg, Pestilenz und Hungersnot bei ihnen einkehrten, würden sie nicht aussterben.
Zum Besten der Inseln des Stillen Ozeans und ihrer Bevölkerung hat schon vor Zeiten – das heißt vor fünfundfünfzig Jahren – ein redegewaltiger Prophet den Mund aufgetan. Er sprach sogar etwas allzufrüh. Das Prophetentum ist zwar kein schlechtes Geschäft, aber es bringt mancherlei Gefahr. Der Prophet, den ich meine, war Seine Ehrwürden, der Doktor beider Rechte M. Russel aus Edinburgh.
»Soll sich die Flut der Zivilisation nur bis zum Fuß des Felsengebirges wälzen?« fragt er. »Soll das Licht der Wissenschaft in den Wellen des Stillen Ozeans untergehen? Nein, der große Schöpfungstag, der vor vier Jahrtausenden begann, nähert sich endlich seinem Ende, die Sonne der Menschheit hat den ihr bestimmten Lauf vollbracht. Aber lange bevor ihre letzten Strahlen im Westen verlöschen, ist ihr Licht schon von neuem über den Inseln der östlichen Meere aufgegangen … Wir sehen, wie sich das Geschlecht Japhets aufmacht, um die Inseln zu bevölkern und den Grund zu einem neuen Europa und einem zweiten England in den Regionen des Südens zu legen. Aber vernehmt das Wort der Weissagung: ›Er soll in den Zelten Sems wohnen und Canaan wird sein Diener sein‹. Sein Diener – nicht sein Sklave. Der anglosächsischen Rasse ist das Szepter des Erdballs verliehen, aber weder die Peitsche des Sklavenvogts noch die Marterwerkzeuge des Henkers. Der Osten soll sich nicht mit denselben Greueln beflecken wie der Westen; der furchtbare Krebsschaden einer geknechteten Rasse soll nicht an dem Mark der Söhne Japhets im Lande der Sonne zehren. Wenn der Brite die Völker, unter denen er wohnt, nicht zu vernichten, sondern immer mehr zu humanisieren trachtet, je weiter er vorwärts dringt, wenn er mit ihnen in Eintracht steht, statt sie zu Sklaven zu machen, dann u. s. w. u. s. w.«
Und er schließt seine Vision mit einem Aufruf aus Thomson:
»Komm, holder Fortschritt, wandle deine Bahn!
Mach dir die Welt als Herrscher untertan!« –
Jawohl, der holde Fortschritt ist gekommen, wie wir gesehen haben. Er hat die Zivilisation, die Waterbury-Uhr, den Regenschirm und die Kunst des Fluchens mitgebracht, auch einen Mechanismus, um die Völker zu humanisieren und nicht auszurotten, samt der Sterbeziffer von 180 auf das Tausend; kurz, er hat alles aufs beste in Gang gebracht.
Aber, der Prophet, der zuletzt das Wort ergreift, ist immer im Vorteil gegenüber dem Pionier, der das Amt zuerst übernimmt. Hören wir, was der Missionar Gray sagt:
»Es liegt mir schwer auf dem Herzen, daß eine christliche Nation wie wir, diese Rassen vertilgt, um sich selbst zu bereichern.« Und er schließt seine Broschüre mit einer harten Anklage, deren ungeschminkte, offenherzige Sprache ebenso beredt ist, wie der blumige Wortschwall seines Vorgängers im Prophetenamt.
»Was ich gegen den Kanaka-Handel mit Queensland einzuwenden habe,« sagte er, »ist folgendes:
»1. Er wirkt im allgemeinen demoralisierend auf die Kanaken, stürzt sie in Armut, beraubt sie ihres Bürgerrechts und entvölkert die Inseln, welche sie bewohnen.
»2. Der Handel schadet dem Ansehen des weißen Arbeiters im landwirtschaftlichen Betrieb von Queensland und verkürzt jedenfalls seinen Lohn.
»3. Das ganze System bringt in gesundheitlicher Beziehung große Gefahren mit sich, sowohl für das Festland von Australien als auch für die Inseln.
»4. In sozialer und politischer Hinsicht macht die Fortdauer des Kanaka-Handels jede feste Vereinigung der Kolonien in Australien unmöglich.
»5. Die gesetzlichen Vorschriften, welche für diesen Handel in Queensland bestehen, sind ungeeignet zur Verhinderung von Mißbräuchen; auch werden sie stets mangelhaft bleiben, das liegt schon in der Natur der Sache.
»6. Das ganze System steht in völligem Widerspruch zu dem Geist und den Lehren des Evangeliums Jesu Christi, welches uns befiehlt, dem Schwachen Hilfe zu leisten, während der Kanaka geschunden und mit Füßen getreten wird.
»7. Der Handel gründet seine Berechtigung auf die Annahme, daß Leben und Freiheit für einen Farbigen weniger Wert haben als für einen Weißen. Er hat sich aus der Sklavenjagd entwickelt und wird sich niemals weit von seinem Ursprung entfernen.«
Siebentes Kapitel.
Ehrlich währt am längsten, sagt das Sprichwort; aber mit dem Schein der Ehrlichkeit kommt man oft sechsmal so weit.
Querkopf Wilsons Kalender.
Aus dem Tagebuch.
Seit einigen Tagen durchschiffen wir eine unsichtbare Wildnis von Inseln und bekommen manchmal die eine oder andere in schattenhaftem Umriß zu Gesicht. Auf der Karte erscheint das Insel-Gewirr undurchdringlich und ihre Zahl ohne Ende. Jetzt sind wir mitten in der Gruppe der Fidschis, die aus 224 Inseln und Inselchen bestehen. Das Gewirr erstreckt sich westwärts vor uns bis nach Australien, geht im Bogen hinauf nach Neuguinea und immer weiter bis Japan; hinter uns dehnt es sich nach Osten durch sechzig Längengrade über den ganzen Stillen Ozean aus; nach Süden zu liegt Neuseeland. Unter diesen Myriaden soll auch irgendwo Samoa sein; auf der Karte kann ich es nicht finden. Wer aber dorthin gehen möchte, braucht nur der Anweisung zu folgen, die Robert Louis Stevenson dem Dr. Conan Doyle und Mr. J. M. Barrie gegeben hat:
»Fahrt nach Amerika,« sagt er, »und quer durch den Kontinent bis San Francisco, dann noch zweimal links um die Ecke, und ihr seid am Ziel.« – Eine nette Beschreibung!
Mittwoch, 11. September. Wenn man sich einer der Fidschi-Inseln nähert, sieht man zuerst rings herum einen breiten Gürtel von blendend weißem Korallensand, dahinter hohe schlanke Palmen, unter denen die Hütten der Eingeborenen zwischen dem Buschwerk zum Vorschein kommen; weiter zurück eine Strecke ebenes Land von tropischem Pflanzenwuchs bedeckt und ganz im Hintergrund die malerischen Formen der wilden Gebirgszüge. Liegt nun noch im Vordergrund ein altes Wrack hoch oben auf der Uferklippe – wie wir es sahen – so läßt das ganze Bild vom künstlerischen Standpunkt aus nichts zu wünschen übrig.
Am Nachmittag erblickten wir Suva, die Hauptstadt der Gruppe, und fuhren in den kleinen geschlossenen Hafen ein, der mit seinen glänzend blauen und grünen Gewässern im Schutz der umgebenden Hügel still und friedlich daliegt. Ruderboote schwammen vom Ufer herbei, sie waren mit Eingeborenen bemannt, den ersten, welche wir zu sehen bekamen. Daß sie bei der Hitze keine überflüssige Kleidung trugen, konnte man ihnen nicht verargen. Es waren große, muskelstarke Männer mit dunkler Haut, ebenmäßigem Gliederbau und klugen, charaktervollen Gesichtern. Ich glaube kaum, daß man irgendwo unter den farbigen Rassen schöneren Gestalten begegnen wird.
Wir gingen alle ans Ufer, um die Insel in Augenschein zu nehmen und eine Mahlzeit am Lande zu halten, was der größte Hochgenuß für einen Seereisenden ist. Dort sahen wir noch mehr Eingeborene: runzlige alte Weiber mit flachen Brüsten, junge dralle Dirnen, deren freundlich lachender Ausdruck und anmutige Bewegungen den wohlgefälligsten Anblick boten; hübsche junge Frauen von edlem Wuchs, die den Kopf hoch trugen und in ihrer unbewußten Würde stattlich einhergeschritten kamen; majestätische junge Männer, wahre Athletengestalten, in lose, weiße Gewandung gekleidet, welche die bronzefarbene Brust und die Beine nackt ließ. Auf dem Kopf hatten sie eine förmliche Bürste von dichtem Haar, das vom Schädel abstand und brennend ziegelrot gefärbt war. Vor kaum sechzig Jahren steckten sie noch in tiefer, geistiger Finsternis; jetzt ist das Fahrrad auch bis zu ihnen gedrungen.
Wir schlenderten in den Straßen der kleinen Stadt der Weißen umher und über die Berge auf Pfaden und Wegen, die zu europäischen Wohnhäusern, Gärten und Pflanzungen führten. Die großen Blüten der Hibiskussträucher mit ihrem feurigen Rot blendeten uns förmlich die Augen. Bei einem alten englischen Kolonisten blieben wir endlich stehen, um ein paar Fragen an ihn zu richten und uns teilnehmend über die furchtbare Hitze zu äußern. Darüber verwunderte er sich jedoch höchlich.
»Das nennen Sie heiß?« fragte er. »Da sollten Sie einmal im Sommer hier sein.«
»Ist denn nicht Sommer? Es sieht doch täuschend so aus. In keinem Lande der Erde würde man es für etwas Anderes halten. Was fehlt denn daran?«
»Ein halbes Jahr. Wir sind jetzt mitten im Winter.«
Ich litt schon seit mehreren Monaten an Husten und Schnupfen, und ein so plötzlicher Wechsel der Jahreszeiten mußte mir schädlich sein. Natürlich erkältete ich mich gleich von neuem.
Vor vierzehn Tagen haben wir Amerika im Sommer verlassen, jetzt ist es Winter und in einer Woche, bei unserer Ankunft in Australien werden wir mitten im Frühling sein. Diese plötzlichen Sprünge von einer Jahreszeit in die andere sind höchst verwunderlich.
Nach Tische traf ich im Billardzimmer einen Bewohner der Insel, dem ich schon früher in einem anderen Weltteil begegnet war, auch machte ich ein paar neue Bekanntschaften und wir fuhren zusammen aus, um den Gouverneur auf seinem Landsitz zu besuchen, der hoch und luftig gelegen, ein viel behaglicheres Klima hat, als die niederen Regionen, wo der Winter ein strenges Regiment führt und einem fast das Haar versengt, wenn man den Hut abnimmt, um zu grüßen. Von dem Hause seiner Excellenz hat man einen herrlichen Blick über das Meer, die Inseln und die zackigen Bergspitzen, während ringsum alles wie traumversunken in jener heiteren, ungestörten Ruhe zu schlummern scheint, welche dem Leben auf den Inseln des Stillen Ozeans seinen Hauptreiz verleiht.
Einer meiner neuen Bekannten war mir durch seine ungewöhnliche Größe aufgefallen; ich sah noch bewundernd zu ihm empor, als er neben dem Gouverneur auf der Veranda stand. Da trat der Diener, ein Fidschi-Insulaner heraus, um uns zum Tee zu rufen – und jener große Mann wurde zum Zwerge. Oder, wenn auch das nicht, so schien doch der Abstand gewaltig. Der farbige Riese war gewiß ein abgesetzter Inselkönig. Ich glaube, bei unserem Gespräch dort auf der Veranda wurde auch erwähnt, daß die eingeborenen Könige und Häuptlinge, sowohl auf den Fidschi- wie auf den Sandwichinseln viel mächtiger von Gestalt sind als der gemeine Mann. Die weißen, faltigen Gewänder, in die der Diener gekleidet war, schienen wie für ihn geschaffen; ein europäischer Anzug hätte ihm seine Würde und Eigentümlichkeit genommen. Das weiß ich ganz gewiß, denn es ist bei jedem Menschen der Fall, der unsere moderne Kleidung trägt.
Man sagt, daß sich die Anhänglichkeit und Verehrung, welche die Eingeborenen der Person ihres Häuptlings zollten, noch unverändert erhalten hat. Das Oberhaupt eines Stammes der Fidschianer in der Hauptstadt ist ein gebildeter junger Herr, der ganz wie ein vornehmer Europäer gekleidet geht; aber seine Tracht vermag ihm nicht die Ehrfurcht des Volks zu rauben. Der Stolz auf des Häuptlings hohen Rang und alte Abkunft besteht fort, trotz seiner verlorenen Herrschermacht und der Hexenkunst seines Schneiders. Er braucht sich weder durch Arbeit zu entwürdigen, noch sein Herz mit niederen Erdensorgen zu belasten; der Stamm schützt ihn vor jedem Mangel und gibt ihm die Mittel, ein Herrenleben zu führen, um sein Ansehen zu bewahren. Ich sah ihn unten in der Stadt einen Augenblick im Vorbeigehen. Vielleicht ist er ein Abkömmling des letzten Königs – dessen Name so schwer zu behalten ist und dem man mitten in der Stadt ein großes, steinernes Denkmal gesetzt hat. Ja so – Thakombau heißt er, eben fällt es mir wieder ein. Der Name kommt einem so leicht aus dem Kopf, es ist gut, daß er auf dem Granitblock steht.
Im Jahre 1874 trat dieser König die Fidschi-Inseln an England ab. Man sagt, der englische Bevollmächtigte habe den armen Thakombau trösten wollen, indem er versicherte, die Uebergabe seiner Herrschaft an England sei nur eine Art Wohnungswechsel, wie ihn der Einsiedlerkrebs vornimmt, worauf Thakombau die rührende Antwort gab: »Nur mit dem Unterschied, daß der Einsiedlerkrebs in eine unbewohnte Muschel kriecht, aber mein Gehäuse ist nicht leer.«
Dem Könige scheint damals übrigens, wie ich gelesen habe, nur die Wahl zwischen zwei Uebeln freigestanden zu sein. Er schuldete den Vereinigten Staaten eine große Summe, die er ohne Aufschub bezahlen mußte, sonst drohte man sein Land mit Krieg zu überziehen. Um die Fidschianer vor diesem Schicksal zu bewahren, trat er das Land an Großbritannien ab, und eine Klausel des englischen Vertrags verbürgte die schließliche Tilgung seiner Schuld an Amerika.
Vor Zeiten war das Volk sehr kriegerisch gesinnt und seinem Götzendienst mit großem Eifer ergeben. Die Häuptlinge waren stolze Gebieter und lebten in mancher Hinsicht auf sehr großem Fuße; alle hatten mehrere Weiber, die vornehmsten oft fünfzig Stück. Starb ein Häuptling und sollte begraben werden, so erdrosselte man vier oder fünf seiner Weiber und legte sie zu ihm ins Grab.
Im Jahre 1804 gelang es siebenundzwanzig britischen Sträflingen, von Australien nach den Fidschi-Inseln zu entkommen; sie brachten auch Flinten und Schießbedarf mit. Man stelle sich nun vor, welche Macht diese Waffen ihnen verliehen! Hätten sie verstanden die Gelegenheit zu benutzen, wären sie tatkräftige nüchterne Menschen gewesen, so war ihre Herrschaft gesichert – sie konnten siebenundzwanzig Könige werden, von denen jeder acht oder neun Inseln unter seinem Szepter hatte. Allein sie verscherzten ihr Glück und vergeudeten ihr Leben in üppiger Schwelgerei. Die meisten starben eines gewaltsamen ehrlosen Todes. Nur einer, ein Irländer Namens Connor, scheint eine Ausnahme gemacht zu haben. Er hatte den Ehrgeiz, fünfzig Kinder groß zu ziehen, brachte es aber nur auf achtundvierzig und konnte sich über diesen Mißerfolg sein Lebenlang nicht zugute geben. Das war eine Habgier seltsamer Art; mancher Vater wäre sich schon mit 40 Kindern reich genug vorgekommen.
Ja, die Fidschianer sind eine schöne Rasse; auch fehlt es ihnen nicht an Klugheit und Wißbegierde. Ihre wilden Vorfahren hatten eine Art Unsterblichkeitslehre – das heißt, in beschränktem Sinne. Sie glaubten nämlich, daß ihre toten Freunde nur in ein glückliches Jenseits hinübergingen, wenn man imstande war, ihre Körperteile zu sammeln. Das machten sie zur Bedingung. Um dem Missionar zu beweisen, daß seine Lehre viel zu allgemein und unbegrenzt sei, lenkten sie seine Aufmerksamkeit auf gewisse, nicht zu bestreitende Tatsachen: Viele ihrer Freunde, sagten sie, seien zum Beispiel von Haifischen gefressen worden; die Haifische wären dann ihrerseits von andern Leuten getötet und verzehrt worden; später wurden diese zu Kriegsgefangenen gemacht und die Feinde verspeisten sie.
Dadurch seien die ursprünglichen Personen zu Fleisch und Blut der Haifische und diese zu Bestandteilen der Kannibalen geworden. Wie sollte man nun die Glieder jener Personen wieder ausfindig machen und zusammensetzen können? Diese Schwierigkeit verursachte den Fidschianern tausend Zweifel, und sie waren nicht davon abzubringen, daß die Missionare die Sache gar nicht mit dem gehörigen Ernst und der ihr gebührenden Aufmerksamkeit erwogen hätten.
Die Missionare brachten diesen schwer zu befriedigenden Wilden viele schätzenswerte Dinge bei und lernten auch ihre Vorstellungen kennen, von denen eine besonders zart und poetisch war. Die armen, einfachen Naturkinder glaubten nämlich, daß die Blumen, nachdem sie verwelkt sind, vom Winde emporgetragen werden und droben, auf den himmlischen Gefilden, ewiglich in unvergänglicher Schönheit blühen!
Achtes Kapitel.
Er war so bescheiden wie eine Zeitung, wenn sie von ihren eigenen Vorzügen spricht.
Querkopf Wilsons Kalender.
Ja, das Inselgewirr im Stillen Ozean, wie wir es auf der Karte sehen, ist eine Täuschung. Weite Meereswüsten liegen zwischen den einzelnen Gruppen; auch ist noch vieles über die Inseln, deren Bewohner und Sprachen, bisher unerforscht geblieben. Zum Beweis hierfür erwähne ich nur die Tatsache, daß vor zwanzig Jahren zwei fremde, einsame Wesen auf die Fidschis gebracht wurden, die aus einem unbekannten Lande kamen und eine unbekannte Sprache redeten. Viele hundert Meilen entfernt von jeder bisher entdeckten Insel, hatte ein vorüberfahrendes Schiff sie in einem kleinen Kanoe auf dem Meer treiben sehen und an Bord genommen. Als man sie fand waren sie nichts als Haut und Knochen; niemand konnte verstehen, was die Leute sagten, und sie haben das Land ihrer Herkunft nie genannt, wenigstens keinen Namen, der auf irgend einer Karte steht. Jetzt sind sie dick und wohlgenährt und freuen sich ihres Lebens. Im Logbuch des Schiffes ist die Länge und Breite eingetragen, unter der sie gefunden wurden; Aufschluß über ihre verlorene Heimat wird man vielleicht nie erhalten.[1]
Klingt das nicht höchst seltsam und romantisch? – Ueberhaupt ist ja diese Inselwelt der richtige Schauplatz für alle phantastischen, geheimnisvollen Traumgebilde – und noch manches andere: Wer in der großen Welt Schiffbruch gelitten hat beim Kampf ums Dasein, der findet hier in der erhabenen Einsamkeit, in der Schönheit und tiefen Ruhe der Natur, was er für sein wundes Herz bedarf; Menschen, welche die Welt eines Verbrechens wegen ausstößt, Leute, die ein träges, sorgloses Leben führen möchten, und andere, die gern frei umherschweifen, weil sie Abenteuer und Abwechslung lieben, sie alle finden hier was sie brauchen. Auch können Glücksritter, die auf bequeme Weise Geld zu erwerben und Handel zu treiben wünschen, daneben noch manches Eheband knüpfen, das nicht allzu fest hält, auch nicht erst vor Gericht mit vielen Kosten gelöst werden muß. Jeder, der sich in seinem Spaß und Zeitvertreib nicht beschränken lassen will, gelangt hier mühelos zu vollem Lebensgenuß.
Neu gestärkt und erfrischt segelten wir weiter.
Die gebildetste Persönlichkeit bei uns an Bord war ein junger Engländer aus Neuseeland. Von Beruf Naturforscher, besaß er tiefe, gründliche Kenntnisse in seinem Fach und betrieb es mit wahrer Leidenschaft. Er hatte auch eine ziemliche Rednergabe, und wenn er vom Tierreich sprach, hörte man ihm mit Vergnügen zu. Was er sagte war sehr belehrend, nur manchmal schwer aufzufassen, weil er allerlei technische Ausdrücke brauchte, die über unser Verständnis gingen. Wenigstens lagen sie ganz außerhalb meines Horizonts, aber, da er uns gern erklärte, was wir nicht begriffen hatten, machte ich mir eine Pflicht daraus, diese Gelegenheit zur Bereicherung meines Wissens nicht unbenützt vorbeigehen zu lassen. Ich war zwar in Naturgeschichte für einen Laien ziemlich bewandert, aber erst durch seinen Unterricht erhielt was ich wußte, eine klare, wissenschaftliche Form und bekam wirklichen Wert.
Hauptsächlich interessierte er sich für die Fauna Ozeaniens, über die er ebenso genaue wie erschöpfende Studien gemacht hatte. Von den dort eingeführten Kaninchen und ihrer wunderbaren Fruchtbarkeit war mir schon viel zu Ohren gekommen; im Gespräch mit ihm erfuhr ich jedoch, daß die Kaninchenplage über alle meine Begriffe ging und im Handel und Verkehr die lästigste Störung verursacht. Er erzählte mir, das erste Kaninchenpaar, welches man nach Ozeanien brachte, habe sich so wunderbar vermehrt, daß die Tiere schon nach einem halben Jahr das ganze Land bedeckten, und man die dichte Masse mit Laufgräben durchziehen mußte, um von Stadt zu Stadt zu kommen.