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Mark Twains

Humoristische Schriften

Neue Folge. 4. Band

Meine
Reise um die Welt

Von

Mark Twain

Autorisiert

Zweite Abteilung

Inhalt:
Indien. – Südafrika.

Stuttgart
Verlag von Robert Lutz
1903.

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart.

Inhalt der 2. Abteilung.

Indien.

[Kapitel 1–7. Seite 7–103.]

Auf der ›Oceana‹ nach Ceylon. – Colombo. – Trachten und Kleider. – Bombay. – Ein indisches Hotel. – Die indische Krähe. – Lohnverhältnisse. – Manuel und Satan. – Der Besuch des Gottes. – Beim Fürsten des Palitanastaats. – Die Türme des Schweigens. – Eine Dschaina-Gesandtschaft. – Allerlei Hautfarbe. – Eine Hindu-Hochzeit. – Im Bahnhof und auf der Eisenbahn. – Beim Gaikowar von Baroda.

[Kapitel 8–18. Seite 104–256.]

Die Thugs. – Von Bombay nach Allahabad. – Die Suttis. – Major Sleeman und die indische Witwe. – ›Pyjamas‹. – Indische Dörfer. – Der geduldige Hindu. – Die Messe von Allahabad. – Ein Bungalow in Benares. – Indische Religionen. – Wegweiser für die Pilger in Benares. – Das Gangeswasser. – Der Verbrennungsplatz der Leichen. – Auf der Moschee. – Der Gott Sri 108 und sein Schüler. – Kalkutta und das Denkmal von Ochterlony. – Nach Dardschiling im Himalaja. – Der Bazar der Tibetaner. – Eine Talfahrt auf der Draisine. – Raubtiere und Schlangen. – Der indische Aufstand. – Tadsch Mahal. – Weitere Reise durch Indien. – Satans Entlassung. – Der Festzug in Jeypore.

Südafrika.

[Kapitel 19–23. Seite 257–330.]

Wonne und Erholung auf einer Seefahrt in den Tropen. – Die Insel Mauritius. – Verwüstungen des Cyklone. – Europäische Kolonien. – Die Delagoa-Bai. – Im Hafen von Durban. – Ein Trappistenkloster. – Politische Zustände in Transvaal. – Die Johannesburger und Jamesons Einfall. – Südafrikanische Goldfelder. – Die Buren. – Der Diamantkrater bei Kimberley. – Große Diamanten. – Im Bureau der De Beers-Gesellschaft. – Cecil Rhodes. – Kapstadt. – Rückfahrt nach England.

Erstes Kapitel.

Vergib und vergiß! Das ist nicht schwer, wenn man’s nur recht versteht: Wir sollen unbequeme Pflichten vergessen und uns vergeben, daß wir sie vergessen haben. Bei strenger Übung und festem Willen gewöhnt man sich leicht daran.

Querkopf Wilsons Kalender.

Montag, 23. Dezember 1895. Von Sydney nach Ceylon in dem P. und O. Dampfer ›Oceana‹ abgesegelt. Die Mannschaft besteht aus Laskaren, den ersten, die ich je gesehen habe. Sie tragen weißbaumwollene Unterröcke und Beinkleider, einen roten Schal als Gürtel; auf dem Kopf einen Strohhut ohne Krempe; gehen barfuß; Gesichtsfarbe dunkelbraun, Haar kurz, glatt und schwarz; schöner Schnurrbart, glänzend, seidenweich und tiefschwarz. Sanfte, gute Gesichter; willige, gehorsame Leute, auch arbeitstüchtig. Doch sagt man, daß sie in der Stunde der Gefahr vor Angst völlig den Kopf verlieren. Sie kommen von Bombay und der benachbarten Küste.

Die ›Oceana‹ ist ein großes, prächtig ausgestattetes Schiff, das alle Bequemlichkeit bietet; es hat geräumige Promenadendecks, große Zimmer und eine gut ausgewählte Offiziersbibliothek, was nicht häufig vorkommt … Zu den Mahlzeiten wird man durch Hornsignale gerufen, wie auf Kriegsschiffen; man ist froh das schreckliche Gong einmal los zu sein … Wir haben drei große Katzen an Bord, sehr leutselige Bummler, die sich auf dem ganzen Schiff herumtreiben; die weiße Katze folgt dem Proviantmeister überallhin wie ein Hund; auch ein Korb mit jungen Kätzchen ist da. Wenn das Schiff in den Hafen kommt, sei es in England, Indien oder Australien, so begibt sich der eine Kater ans Land, um zu sehen, wie es seinen verschiedenen Familien ergeht, und man bekommt ihn erst wieder zu Gesicht, wenn das Schiff im Begriff ist, die Anker zu lichten. Woher er das Datum der Abfahrt weiß, kann niemand sagen; vermutlich kommt er täglich nach dem Hafendamm und sieht sich um; wenn viel Gepäck an Bord geschafft wird und die Passagiere sich einfinden, merkt er daran, daß es auch für ihn Zeit ist, wieder das Schiff zu besteigen. Wenigstens glauben das die Matrosen …

Tischgespräche: Ein Passagier äußerte: »Meinen Sie, echter Mokka werde in der ganzen Welt verkauft? Denkt gar nicht daran! Sehr wenige Fremde, außer dem Kaiser von Rußland, bekommen in ihrem ganzen Leben auch nur eine Bohne davon zu sehen.« Ein anderer Mann sagte: »Australischer Wein hat in Australien keinen Absatz. Man schickt ihn nach Frankreich, von wo er als französische Sorte zurückkommt, dann kaufen ihn die Leute.« – Ich habe oft behaupten hören, daß der französische Rotwein, welchen New York trinkt, meist in Kalifornien gekeltert wird. Auch erinnerte ich mich, was mir Professor S. einmal über Veuve Cliquot erzählt hat. Er war bei einem großen Weinhändler zu Besuch, dessen Wohnort nicht weit von jenem berühmten Weinberg lag, und sein Wirt fragte ihn, ob in Amerika viel Veuve Cliquot getrunken würde.

»O ja,« erwiderte S., »außerordentlich viel.«

»Kann man die Marke leicht bekommen?«

»Ohne alle Schwierigkeit; sämtliche Hotels erster und zweiter Klasse führen sie.«

»Was bezahlt man dafür?«

»Je nach dem Hotel fünfzehn bis zwanzig Franken die Flasche.«

»Was für ein glückliches Land! Hier an Ort und Stelle kostet sie mindestens hundert Franken.«

»Nein!«

»Doch!«

»Sie glauben also, daß wir drüben bei uns nicht echten Veuve Cliquot trinken?«

»Keine Rede. Seit Columbus’ Zeiten ist noch nicht eine einzige Flasche vom echten Gewächs nach Amerika gekommen. Der Weinberg, welcher es liefert, ist so klein, daß er nicht allzuviele Flaschen ergibt, und der Ertrag wird alljährlich einer einzigen Person zugeschickt – dem Kaiser von Rußland. Er kauft die ganze Ernte zum voraus, mag sie klein oder groß sein.«


4. Januar 1896. Weihnachten in Melbourne, Neujahr in Adelaide. Wiedersehen mit den meisten Bekannten in beiden Städten … Jetzt liegen wir hier in Westaustralien vor Albany im König Georgs Sund. Es ist ein ganz vom Land eingeschlossener Hafen oder vielmehr eine Reede – anscheinend sehr geräumig, aber kein tiefes Wasser. Ringsum kahle Felsen und zerklüftete Hügelketten. Die Schiffe kommen jetzt in Menge an, alles strömt nach der Goldgegend. Die Zeitungen wissen wunderbare Dinge zu berichten, wie sie immer im Umlauf sind, wenn neue Goldfelder entdeckt werden. Zum Beispiel: Ein junger Mann hatte eine Parzelle in Besitz genommen, von der er die Hälfte für fünf Pfund verkaufen wollte; aber, es fand sich kein Liebhaber. Vierzehn Tage lang harrte er aus, trotz Hunger und Not, dann stieß er auf eine Goldader und verkaufte die Grube für 10 000 Pfund … Gegen Sonnenuntergang erhob sich eine frische Brise, und wir lichteten den Anker. Aus der kleinen tiefen Wasserlache, auf der wir schwammen, führte ein schmaler, dicht mit Bojen besetzter Kanal ins Meer hinaus. Ich blieb auf Deck, um zu sehen, wie unser großes Schiff bei dem starken Wind die Durchfahrt bewerkstelligen werde. Auf der Kommandobrücke stand der Kapitän, ein wahrer Riese, neben ihm ein kleiner Lotse in prächtiger Uniform mit Goldschnüren; auf dem Vorderdeck ein weißer Maat, ein paar Quartiermeister und eine bunte Menge Laskaren, zur Arbeit gerüstet. Unser Heck war gerade auf den Eingang des Kanals gerichtet, das Schiff mußte also in der Wasserlache eine vollständige Schwenkung machen, und das war bei solchem Wind keine Kleinigkeit. Aber es gelang ganz prächtig mit Hilfe eines Klüvers. Wir wühlten zwar viel Schlamm auf, kamen aber nicht auf den Grund und drehten uns in der eigenen Wasserspur um – anscheinend ein Ding der Unmöglichkeit. Als wir die Drehung glücklich gemacht hatten und der Schiffsschnabel nach dem Kanal zu stand, lag die erste Boje kaum noch hundert Meter vor uns. Es war mir eine Lust gewesen, das Manöver mit anzusehen; die übrigen Passagiere verzehrten inzwischen ihr Mittagbrot, meines kam der P. und O. Gesellschaft zugute … Es zeigen sich noch mehr Katzen. Smythe sagt, das englische Gesetz befiehlt, auf der Fahrt Katzen mitzunehmen; er wußte von einem Fall, wo das Schiff nicht unter Segel gehen durfte, bis man sich ein paar verschafft hatte. Die Rechnung kam auch gleich mit: »Preis für zwei Katzen – zwanzig Schillinge« … Wir haben einen Geier an Bord mit kahlem rotem Kopf von seltsamer Form; am Körper hat er hier und da rote Stellen ohne Federn, seine großen, schwarzen Augen sind von fleischigen, brennendroten Rändern umgeben. Er sieht wie ein vollkommener Wüstling aus, wie ein gewissenloser, eigensüchtiger Räuber und Mörder. Und doch bringt der Vogel nichts Lebendiges um. Weshalb mag ihm die Natur nur eine so grimmige Außenseite gegeben haben, die gar nicht zu seinem unschuldigen Geschäft paßt! Er nährt sich nämlich nur von Aas, das ihm um so besser zusagt, je älter es ist. Trüge er ein schäbiges, schwarzes Federkleid, so wäre alles in Ordnung; er gliche dann einem Leichenbestatter und sein Aeußeres würde mit seiner Beschäftigung im Einklang stehen. Der Geier stammt aus der öffentlichen Menagerie von Adelaide, einer großen und sehr interessanten Sammlung.


5. Januar. Um neun Uhr morgens kamen wir am Kap Leeuwin (Löwin) vorüber und mußten nun, nach der ganz westlichen Fahrt längs dem Südrande von Australien, unsere Richtung ändern. Wir fahren in einer schrägen, nordwestlichen Linie nach Ceylon hinauf. Je höher wir kommen, um so heißer wird es, aber kühl ist es auch hier nicht gerade.


13. Januar. Eine unerträgliche Hitze. Der Aequator kommt immer näher; die Entfernung beträgt nur noch acht Grad. Da ist Ceylon! O, wie wunderschön! Welche tropische Pracht, welcher Reichtum üppigen Laubwerks! Die Hauptstadt Colombo ist ganz orientalisch und unaussprechlich reizend …

In unserm vornehmen Schiff kleiden sich die Passagiere zu Mittag um. Die schönen, buntfarbigen Toiletten der Damen passen ganz zu der hochfeinen Ausstattung aller Räume und dem strahlenden Glanz der elektrischen Beleuchtung. Auf dem stürmischen Atlantischen Ozean sieht man die Passagiere nie im Gesellschaftsanzug. Höchstens einen Mann, der sich aber nur einmal während der langen Reise blicken läßt – am Abend ehe das Schiff in den Hafen kommt, wenn das Konzert stattfindet mit Dilettanten-Geheul und Deklamationen. Er übernimmt meist die Tenorpartie … Sonderbarerweise ist an Bord viel Cricket gespielt worden; das Promenadendeck wurde mit Netzen überspannt, so daß der Ball nicht ins Wasser fallen konnte. Das Spiel nahm einen guten Fortgang und gewährte die nötige An- und Aufregung … Jetzt sagen wir der ›Oceana‹ Lebewohl.


14. Januar. Hotel Bristol. Der Diener Namens Brampy ist ein flinker, sanfter, lachender, brauner Singhalese mit schönem, glänzend schwarzem Haar. Er trägt es wie ein Mädchen zurückgekämmt, in einen Knoten geschlungen und mit dem Schildpattkamm aufgesteckt. Brampy ist schlank und hübsch von Gestalt. Unter der Jacke hat er ein weißes, baumwollenes Gewand an, das ihm ohne Gürtel vom Hals bis zu den Füßen herabfällt. Weder er noch sein Anzug hat irgend etwas Männliches; es ist eine ordentliche Verlegenheit sich vor ihm auszukleiden.

Wir fuhren nach dem Markt und benutzten zum erstenmal den japanischen Jinrickscha, einen leichten Karren, den ein Eingeborener zieht. Anfänglich geht die Fahrt gut von statten, aber für den Mann ist es eine sauere Arbeit, er ist nicht stark genug. Nach der ersten halben Stunde hört das Vergnügen auf, der Mann tut einem leid; man hat Mitleid mit ihm, wie mit einem müden Pferde und kann an nichts anderes mehr denken. Solche Rickschas sind in Menge vorhanden, und die Taxe ist unglaublich billig.

Vor Jahren war ich in Kairo; da ist man im Orient – aber doch nicht ganz, weil man eine unbestimmte Empfindung hat, daß noch etwas mangelt. In Ceylon ist das anders, dort fehlt nichts mehr. Der Orient und die Tropenwelt finden sich da in größter Vollkommenheit vereinigt und unser natürliches Gefühl sagt uns, daß diese zwei zusammen gehören. Nein, man vermißte gar nichts. Alle Kostüme waren echt, desgleichen die schwarzen und braunen Menschen in ihrer unbewußten Nacktheit. Die Gaukler waren da, mit dem unvermeidlichen Korb, den Schlangen, der Manguste und allen Vorkehrungen, um aus dem Samenkorn einen Baum mit Laubwerk und reifen Früchten emporwachsen zu lassen. Ueberall sah man Blumen und Pflanzen, die man zwar aus Abbildungen kannte, aber in Wirklichkeit nie erblickt hatte, weil diese seltenen, wunderbaren und köstlichen Gewächse nur in der heißen Zone, am Aequator, gedeihen. Auch wußte man, daß in der nächsten Umgegend die tödlichen Giftschlangen und grimmigen Raubtiere hausen, samt den Affen und wilden Elefanten. In der Luft lag eine Schwüle, wie sie nur in den Tropen vorkommt, eine erstickende Hitze, von unbekannten Blumendüften geschwängert; dann verbreitete sich plötzlich eine purpurne Finsternis, aus welcher grelle Blitze zuckten; der Donner krachte, der Regen goß in Strömen – gleich darauf lachte wieder alles im Sonnenschein. Und weit ab, im undurchdringlichen Dschungel und dem fernen Gebirge lagen die verfallenen Städte und alten Tempelruinen als geheimnisvolle Ueberbleibsel von der Herrlichkeit vergessener Tage und einer verschwundenen Menschenrasse. Auch dies Bewußtsein war unentbehrlich, wenn es einem wirklich orientalisch zu Mute werden sollte, denn dabei darf vor allem der Eindruck des Düstern, Rätselhaften und Altertümlichen nicht fehlen.

Die Fahrt durch die Stadt und am Seestrande entlang war wie ein Traumbild von tropischem Glanz, Blütenpracht und orientalischem Farbenreichtum. Die zu Fuß einherwandelnden Gruppen von Männern, Frauen, Knaben, Mädchen und kleinen Kindern glühten wie Feuerflammen in ihrer strahlenden Gewandung. Alle Farben des Regenbogens und leuchtender Blitze mischten sich hier aufs wunderbarste und verschmolzen zur wohltuendsten Harmonie. Nirgends fühlte sich das Auge verletzt durch zu grelle Töne, keine Farbe stach unangenehm von der andern ab; auch wenn verschiedene Gruppen in Berührung kamen, wurde die wunderbare Farbenwirkung nicht im mindesten gestört. Die Kleider waren aus dünnem, zartem, sich weich anschmiegendem Seidenstoff, meist in ganz bestimmten, satten Farben: ein prächtiges Grün, ein prächtiges Blau, ein prächtiges Gelb, ein prächtiges Lila, ein prächtiges Rubinrot von leuchtendem Glanz – so zogen sie in zahllosem Gewimmel, in Massen, scharenweise vorüber, glühend, blitzend, strahlend – dazwischen alle Augenblicke ein so blendendes Feuerrot, daß einem das Herz im Leibe lachte und man den Atem anhielt vor Staunen. Und wie anmutig waren diese Trachten! Oft bestand der ganze Anzug einer Frau nur in der Schärpe, die sie um den Kopf und Leib gewunden hatte, oder der Mann hatte einen Turban auf und ein paar Lappen nachlässig um die Hüften geschwungen. Bei beiden kam die dunkle glänzende Haut dazwischen ungehindert zum Vorschein, und immer erfreute der Anblick der Gestalten Auge und Herz.

Noch heutigen Tages sehe ich dies köstliche Panorama in seiner überschwenglichen Farbenfülle und dem Schmelz der bunten Schattierungen vor mir; die geschmeidigen, halb unbekleideten Gestalten, die schönen braunen Gesichter, die anmutigen Stellungen und freien, zwanglosen Bewegungen, bei denen von Förmlichkeit und Steifheit keine Rede war.

Aber ach, da kam ein schriller Mißklang in diesen paradiesischen Zaubertraum: Aus der Tür einer Missionsschule schritten paarweise sechzehn kleine, fromme, gesetzte, schwarze Christenmädchen in europäischem Anzug. Ganz so ausstaffiert hätte man sie an einem Sommersonntag in jedem englischen oder amerikanischen Dorfe sehen können. Wie namenlos häßlich waren diese Kleider! Abscheulich, barbarisch, geschmacklos, unanmutig, alle Gefühle verletzend! Ich blickte auf die Kleider meiner Damen: sie glichen in vergrößertem Maßstab genau den greulichen Verunstaltungen, mit denen man jene armen, kleinen, mißhandelten Geschöpfe quälte – ich schämte mich, mit Frau und Tochter auf der Straße zu gehen. Nun sah ich meine eigene Kleidung an und schämte mich vor mir selber.

Aber was hilft es – wir müssen uns darein ergeben unsere Kleider zu tragen wie sie sind und können ihre Daseinsberechtigung nicht leugnen. Freilich dienen sie dazu, gerade das auszuposaunen, was wir verbergen möchten – unsere Unaufrichtigkeit und versteckte Eitelkeit. Wir heucheln für Anmut, Wohlgestalt und Farbenglanz eine Geringschätzung, die wir nicht haben, und ziehen die häßlichen Kleider an, um diese Lüge glaubhaft zu machen und weiter zu verbreiten. Doch täuschen wir damit unsere Nächsten nicht, und wenn wir nach Ceylon kommen, werden wir alsbald inne, daß wir uns nicht einmal selbst zu täuschen vermögen. Ja, gestehen wir es nur: wir lieben leuchtende Farben und anmutige Trachten, und wenn wir sie zu Hause bei einem Festzug sehen können, achten wir weder Regen noch Sturm und beneiden die geschmückten Teilnehmer. Wir gehen ins Theater, staunen die Kostüme an und sind betrübt, daß wir uns nicht auch so kleiden können. Beehrt uns der König mit einer Einladung zum Hofball, so betrachten wir die prächtigen Uniformen und strahlenden Ordenszeichen mit wahrem Hochgenuß. Wird uns gestattet, einer kaiserlichen Cour beizuwohnen, so schließen wir uns vorher zu Hause ein, stolzieren stundenlang in unserm schönen Gala-Anzug einher, bewundern uns im Spiegel und fühlen uns unaussprechlich glücklich. Auch jeder Beamte im Stabe jedes Gouverneurs im demokratischen Amerika macht es ebenso mit seiner neuen Staatsuniform, und wenn man nicht aufpaßt, um ihn rechtzeitig zu hindern, läßt er sich gewiß auch darin photographieren. So oft ich die Diener des Lord-Mayors sehe, fühle ich mich unzufrieden mit meinem Lose. Kurz und gut: unsere Kleider sind seit hundert Jahren nichts als Lug und Trug gewesen. Sie sind ebenso unwahr wie unschön und vollkommen geeignet unser inneres Scheinwesen und moralisches Verderben ins rechte Licht zu stellen.

Der kleine braune Junge, den ich zuletzt unter den sich drängenden Scharen von Colombo bemerkte, hatte nichts an, außer einem um die Hüften geschlungenen Bindfaden, aber in meiner Erinnerung bildet der ehrliche Mangel seiner Bekleidung einen wohltuenden Gegensatz zu der widerwärtig scheinheiligen Vermummung, in welche man die farbigen Dämchen aus der Sonntagsschule gesteckt hatte.

Zweites Kapitel.

Im Wohlstand kann man an seinen Grundsätzen am besten festhalten.

Querkopf Wilsons Kalender.

14. Januar abends. – Die ›Rosetta‹, mit der wir absegeln, ist ein schlechtes altes Schiff, das man versichern und untergehen lassen sollte. Auch hier, wie auf der ›Oceana‹, hält man die Mittagstoilette für eine Art frommer Pflicht. Aber dergleichen vornehme Formen stehen in grellem Gegensatz zu der Aermlichkeit der schäbigen Ausstattung des Fahrzeugs … Wenn man zum Nachmittagstee eine Limonenscheibe haben möchte, muß man erst am Schenktisch eine Anweisung unterzeichnen. Und dabei kostet das Faß Limonen vierzehn Cents.


18. Januar. Nachdem wir das Arabische Meer durchschifft haben, sind wir jetzt dicht an Bombay, das wir noch heute abend erreichen sollen.


20. Januar. Bombay! – wie ein Märchen aus ›Tausend und eine Nacht‹, entzückend, verwirrend, bezaubernd! Es ist eine ungeheure Stadt, mit etwa einer Million Einwohnern, meist braune Leute; die wenigen Weißen, die man zerstreut unter der Masse der Bevölkerung findet, kommen gegen alle die dunkeln Gesichter kaum in Betracht. Hier ist es Winter: ein himmlisches Juniwetter und frisches, köstliches Sommerlaub. Im Schatten der großen prächtigen Baumreihe dem Hotel gegenüber sitzen malerische Gruppen von Eingeborenen beiderlei Geschlechts; der Gaukler im Turban mit den Schlangen und Zauberkünsten ist natürlich dabei. Den ganzen Tag sieht man die verschiedenartigsten Trachten zu Fuß und zu Wagen vorüberziehen; es ist, als könnte man nie müde werden, diese endlosen Wandelbilder, dies glänzende und stets wechselnde Schauspiel zu betrachten … Die fest eingekeilte Masse der Eingeborenen im großen Bazar bot einen wunderbaren Anblick; es war ein Meer von buntfarbigen Turbans und faltigen Gewändern, zu dem die fremdartigen, prunkvollen indischen Bauwerke gerade den richtigen Hintergrund bildeten. Bei Sonnenuntergang folgte ein anderes Schauspiel: eine Fahrt am Seestrande bis zur Malabar-Spitze, wo Lord Sandhurst, der Gouverneur der Präsidentschaft Bombay, wohnt. Auf der ersten Hälfte des Weges, den alle Welt fährt, steht ein schöner Parsenpalast neben dem andern. Die Privatequipagen der reichen Engländer und vornehmen Eingeborenen haben außer dem Kutscher noch drei Bediente in wundervollen orientalischen Livreen. Zwei davon, prächtig anzuschauen, stehen als beturbante Statuen hintenauf. Manchmal nehmen die öffentlichen Fuhrwerke dergleichen überschüssige Diener mit: einen zum Fahren, einen um neben dem Kutscher zu sitzen und ihm zuzusehen, und einen, der hinten auf dem Tritt steht und schreit, wenn jemand im Wege ist; wenn niemand da ist, schreit er auch, um nicht aus der Uebung zu kommen. Das alles bringt Leben und Bewegung mit und erhöht den Gesamteindruck von Hast, Schnelligkeit und Verwirrung.

In der Nähe der ›Läster-Spitze‹ – ein sehr bezeichnender Name – sind Felsen, auf denen man bequem sitzen kann, um nach der einen Seite hin den herrlichen Blick auf das Meer zu genießen und auf der andern die Menge der schön geschmückten Wagen bei der Hin- oder Rückfahrt vorbeirasseln und -jagen zu sehen; dort haben die Frauen wohlhabender Parsen in Gruppen Platz genommen, wahre Blumenbeete voll Farbenglanz, ein unwiderstehlich fesselndes Bild. Trab, trab, trab, kommt es die Straße entlang, einzeln, zu zweien, in Gruppen und Abteilungen – das sind Arbeiterscharen, Männer und Frauen, aber nicht gekleidet wie bei uns. Der Mann, meist eine große, stolze Athletengestalt, hat außer seinem Lendentuch nicht einen Fetzen an, seine Gesichtsfarbe ist dunkelbraun, auf der glatten Haut, die wie Atlas glänzt, treten die Muskeln in Wülsten hervor, als ob Eier darunter lägen. Die Frau ist gewöhnlich schlank und wohlgebildet, kerzengerade wie ein Blitzableiter und trägt nur ein Kleidungsstück – einen langen, hellfarbigen Stoffstreifen, den sie um Kopf und Leib windet, fast bis zu den Knieen herunter, und der sich so fest wie ihre eigene Haut an den Körper schmiegt. Füße und Beine sind nackt, desgleichen die Arme, bis auf die Gehänge von losen, verschlungenen Silberringen an den Armen und Fußgelenken. Auch in der Nase trägt sie Schmuck und glänzende Ringe an den Fußzehen. Beim Schlafengehen wird sie ihr Geschmeide wohl ablegen; mehr kann sie nicht ausziehen, sonst würde sie sich erkälten. Man sieht sie meist mit einem großen, schön geformten Wasserkrug von blankem Metall, den sie mit erhobenem Arm auf dem Kopfe festhält. Aufrecht, würdevoll und doch mit leichtem, anmutigem Gang kommt sie daher; ihr gebogener Arm und der blanke Krug erhöhen noch die malerische Wirkung und machen sie zu einer wahren Zierde für die Straße. Unsere Arbeiterfrauen können es ihr darin auch nicht entfernt gleichtun.

Farben, wohin man blickt, entzückende, bezaubernde Farben, rings umher und längs der gewundenen Straße an der großen, bunt schillernden Bucht, bis man das Haus des Gouverneurs erreicht. Dort stehen, den Turban auf dem Kopf, die großen Chuprassies, die eingeborenen Diener in ihren feuerroten Gewändern an der Eingangspforte gruppiert und bilden den theatralischen Schluß des prächtigen Schauspiels. O, wäre ich doch ein Chuprassy!

Ja, das ist Indien! Das Land der Romantik und der Träume, wo fabelhafter Reichtum und fabelhafte Armut wohnt, das Land der Pracht und Herrlichkeit, der Lumpen, der Paläste und elenden Hütten, der Pest und Hungersnot, der Schutzgeister und Riesen, wo Aladdins Lampe, Tiger, Elefanten, die Kobra, der Dschungel zu finden sind, wo hunderterlei Völker in hunderterlei Sprachen reden, das tausend Religionen und zwei Millionen Götter hat. Indien ist die Wiege des Menschengeschlechts, der Geburtsort der menschlichen Sprache, die Mutter der Geschichte, die Großmutter der Sage, die Urgroßmutter der Ueberlieferung; was für andere Völker graues Altertum ist, zählt zu Indiens jüngster Vergangenheit. Es ist das einzige Land unter der Sonne, das für den Fürsten und den Bettler, den Gebildeten und den Unwissenden, den Weisen und den Toren, den Sklaven und den Freien den gleichen, unzerstörbaren Reiz hat. Alle Menschen möchten es sehen, und wer es einmal auch nur flüchtig geschaut hat, würde die Wonne dieses Anblicks nicht für alles Schaugepränge eintauschen, das der gesamte übrige Erdball zu bieten vermag.

Selbst jetzt, nach Ablauf eines Jahres, ist mir die sinnverwirrende Freude jener Tage in Bombay noch vollkommen gegenwärtig, und ich hoffe, sie wird mich nie verlassen. Es war alles ganz neu und ungewohnt; auch warteten die Ueberraschungen nicht erst bis zum nächsten Morgen, sie waren da, sobald wir das Hotel betraten. In den Hallen und Vorsälen wimmelte es von braunen Eingeborenen mit Turban, Fez oder gestickter Mütze, die in baumwollenem Gewand barfuß durcheinander liefen oder ruhig auf dem Boden saßen und hockten. Einige schwatzten mit großem Nachdruck, andere saßen still und träumerisch da; im Speisezimmer stand hinter dem Stuhl jedes Gastes sein farbiger Aufwärter, angekleidet wie in einem Märchen aus ›Tausend und eine Nacht‹.

Unsere Zimmer waren nach vorn hinaus in einem oberen Stock. Ein Weißer – es war ein handfester Deutscher – führte uns hinauf und nahm drei Hindus mit, um alles in Ordnung zu bringen. Etwa vierzehn andere folgten in langem Zuge mit dem Handgepäck; jeder trug nicht mehr als ein Stück, was es auch sein mochte. Ein starker Eingeborener trug meinen Ueberzieher, ein anderer einen Sonnenschirm, der dritte eine Schachtel Zigarren, der vierte einen Roman, und der letzte kam nur noch mit einem Fächer beladen daher. Sie taten das alles mit großem Ernst und Eifer; von vorn bis hinten war in dem ganzen Zuge auf keinem Gesicht ein Lächeln zu sehen. Jeder einzelne wartete, ruhig, geduldig und ohne die geringste Eile zu verraten, bis er ein Kupferstück erhielt, dann verneigte er sich ehrfurchtsvoll, legte die Finger an die Stirn und ging seiner Wege. Diese Leute scheinen sanften und milden Gemüts zu sein; es lag etwas Rührendes in ihrem Verhalten, das zugleich für sie einnahm.

Eine große Glastür führte zum Balkon hinaus. Sie sollte geputzt oder verriegelt werden – was weiß ich – und ein Hindu kniete auf dem Boden, um die Arbeit zu tun. Anscheinend machte er seine Sache ganz ordentlich, aber das mußte wohl nicht der Fall sein, denn die Miene des Deutschen verriet Unzufriedenheit, und ohne ein Wort der Erklärung schlug er den Hindu plötzlich derb ins Gesicht und sagte ihm dann erst, was er falsch gemacht hatte. Der Diener nahm die Züchtigung demütig und schweigend hin; auch zeigte weder sein Gesichtsausdruck noch sein Wesen überhaupt den geringsten Groll. Mir schien es eine wahre Schande, so etwas in unserer Gegenwart zu tun; seit fünfzig Jahren hatte ich solchen Auftritt nicht erlebt. Urplötzlich fühlte ich mich in meine Knabenzeit zurückversetzt und mir fiel ein, daß dies ja die gewöhnliche Art sei, wie man einem Sklaven seine Wünsche begreiflich machte – eine Tatsache, die mir ganz entfallen war. Damals hatte ich diese Methode richtig und natürlich gefunden, denn ich war von klein auf daran gewöhnt und glaubte, man mache das nirgends anders; aber ich erinnere mich recht gut, daß mir bei solchen stumm ertragenen Schlägen der Empfänger stets leid tat und ich mich für den Strafenden schämte. Mein Vater war ein edler, gütiger Mann, sehr ernst und enthaltsam, von strengster Gerechtigkeit und Redlichkeit, ein rechtschaffener Charakter durch und durch. Zwar war er nicht Mitglied irgend einer Kirche, sprach auch nie von religiösen Dingen und nahm an den frommen Freuden seiner presbyterianischen Familie keinen Anteil, doch schien er das nicht als Entbehrung zu empfinden. Er hat mich, so lange er lebte, nur zweimal körperlich gezüchtigt und gar nicht hart. Einmal, weil ich ihn belogen hatte – was mich höchlich überraschte und mir sein gutes Zutrauen bewies, denn es war keineswegs mein erster Versuch gewesen. Mich schlug er, wie gesagt, nur zweimal und seine anderen Kinder gar nicht; aber unsern kleinen gutmütigen Sklaven Lewis ohrfeigte er häufig für die geringfügigste Ungeschicklichkeit oder ein kleines Versehen. Mein Vater hatte von Geburt an unter Sklaven gelebt, und wenn er sie schlug, so tat er das nach damaliger Sitte, gegen seine Natur. – Als ich zehn Jahre alt war, sah ich einmal, wie ein Mann einem Sklaven im Zorn ein Stück Eisenerz an den Kopf warf, weil er etwas ungeschickt gemacht hatte – als ob das ein Verbrechen wäre. Es sprang von seinem Schädel ab, und der Mensch fiel hin, ohne einen Laut von sich zu geben. Nach einer Stunde war er tot. – Ich wußte wohl, daß der Herr das Recht hatte, seinen Sklaven zu töten, wenn er wollte, aber doch kam es mir erbärmlich vor und eigentlich unstatthaft, wiewohl ich nicht gescheit genug gewesen wäre, um zu erklären, was unrecht daran sei, wenn man mich gefragt hätte. Niemand in unserm Dorf billigte jene Mordtat, aber es war natürlich nicht viel davon die Rede.

Merkwürdig, wie der Gedanke Raum und Zeit überspringen kann! Eine Sekunde lang war mein ganzes Ich in dem kleinen Dorf von Missouri auf der andern Halbkugel der Erde; jene vergessenen Bilder von vor fünfzig Jahren standen mir lebendig vor Augen, und alles übrige versank gänzlich vor meinem Bewußtsein. In der nächsten Sekunde war ich schon wieder in Bombay, während die Backe des knieenden Dieners noch von der Ohrfeige brannte. Bis zur Knabenzeit – fünfzig Jahre – zurück ins Alter – abermals fünfzig, und ein Flug um den ganzen Erdball – alles in einem Zeitraum von zwei Sekunden!

Verschiedene Eingeborene – ich weiß nicht mehr wie viele – begaben sich nun in mein Schlafzimmer, brachten alles in Ordnung und befestigten das Moskitonetz. Dann legte ich mich zu Bett, um meine Erkältung rascher los zu werden. Es war etwa neun Uhr abends und an Ruhe gar nicht zu denken. Drei Stunden lang dauerte das Geschrei und Gekreisch der Eingeborenen in der Vorhalle noch ununterbrochen fort, auch das sammetweiche Getrappel ihrer behenden, nackten Füße hörte nicht auf. Nein, dieser Lärm! Alle Bestellungen und Botschaften wurden drei Treppen hinunter geschrieen; es klang wie Aufruhr, Meuterei, Revolution. Auch noch andere Geräusche kamen hinzu: von Zeit zu Zeit ein furchtbarer Krach, als ob Dächer einfielen, Fenster zerbrächen, Leute ermordet würden. Dann hörte man die Krähen krächzen, hohnlachen, fluchen; Kanarienvögel kreischten, Affen schimpften, Papageien plapperten, zuletzt erscholl wieder ein teuflisches Gelächter, gefolgt von Dynamitexplosionen. Bis Mitternacht hatte ich alle nur erdenklichen Schreckschüsse über mich ergehen lassen und wußte nun, daß mich nichts mehr überraschen und stören konnte – ich war auf alles gefaßt. Da trat plötzlich Ruhe ein – eine tiefe, feierliche Stille, die bis fünf Uhr morgens dauerte.

Dann ging der Spektakel aber von neuem los. Und wer hat ihn angefangen? Die indische Krähe, dieser Vogel aller Vögel. Mit der Zeit lernte ich ihn näher kennen und war dann ganz in ihn vernarrt. Ich glaube, er ist der durchtriebenste Spitzbube, der Federn trägt und dabei so lustig und selbstzufrieden wie kein anderer. Ein solcher Vogel konnte nicht mit einemmal zu dem geschaffen werden, was er ist: unvordenkliche Zeitalter haben an seiner Entwicklung gearbeitet. Er ist öfter wiedergeboren als der Gott Schiwa und hat bei jeder Seelenwanderung etwas zurückbehalten und es seinem Wesen einverleibt. Im Verlauf seines stufenweisen Fortschritts, seines glorreichen Vorwärtsschreitens zu schließlicher Vollendung, ist er ein Spieler gewesen, ein zuchtloser Priester, ein Komödiant, ein zänkisches Weib, ein Schuft, ein Spötter, ein Lügner, ein Dieb, ein Spion, ein Angeber, ein käuflicher Politiker, ein Schwindler, ein berufsmäßiger Heuchler, ein bezahlter Patriot, auch Reformator, Vorleser, Anwalt, Verschwörer, Rebell, Royalist, Demokrat; er hat sich überall eingemischt, sich unehrerbietig und zudringlich benommen, hat ein gottloses, sündhaftes Leben geführt, bloß weil es ihm das größte Gaudium machte. Und das Ergebnis der stetigen Ansammlung aller verwerflichsten Eigenschaften ist merkwürdigerweise, daß er weder Sorge, noch Kummer, noch Reue kennt; sein Leben ist eine einzige Kette von Wonne und Glückseligkeit, und er wird seiner Todesstunde ruhig entgegengehen, da er weiß, daß er vielleicht als Schriftsteller oder dergleichen wiedergeboren wird, um sich dann womöglich als noch größerer Schwerenöter behaglicher zu fühlen denn je zuvor.

Wenn die Krähe mit großen Schritten breitbeinig einherkommt, dann seitlich ein paar kräftige Hopser macht, eine unverschämte, pfiffige Miene aufsetzt und den Kopf schlau auf die Seite legt, erinnert sie an die amerikanische Amsel. Doch ist sie viel größer und lange nicht so schlank und wohlgebaut; auch ihr schäbiger grau und schwarzer Rock hat natürlich nicht den herrlichen Metallglanz, in dem das Federkleid der Amsel prangt. Die Krähe ist ein Vogel, der nicht schweigen kann; er zankt, schwatzt, lacht, schnarrt, spottet und schimpft beständig. Seine Ansicht äußert er über alles, auch wenn es ihn gar nichts angeht, mit größter Heftigkeit und Rücksichtslosigkeit. Er nimmt sich nicht erst Zeit nachzudenken, weil er keine Gelegenheit vorbeigehen lassen will, ohne seine Meinung zum Besten zu geben, selbst wenn es sich gerade um etwas ganz anderes handelt.

Ich glaube, die indische Krähe hat keinen Feind unter den Menschen. Sie wird weder von Weißen noch Mohammedanern belästigt, und der Hindu tötet schon aus religiösen Rücksichten überhaupt kein Geschöpf; er schont das Leben der Schlangen, Tiger, Flöhe und Ratten. Wenn ich an einem Ende auf dem Balkon saß, pflegten sich die Krähen auf dem Gitter am andern Ende zu versammeln und ihre Bemerkungen über mich zu machen; nach und nach flogen sie näher herzu, bis ich sie fast mit der Hand erreichen konnte. Da saßen sie und unterhielten sich ohne Scham und Scheu über meine Kleider, mein Haar, meine Gesichtsfarbe und vermutlich auch über meinen Charakter, Beruf und politischen Standpunkt, und wie ich nach Indien gekommen sei, was ich schon alles getan hätte, wie viele Tage mir zur Verfügung ständen, warum ich noch nicht an den Galgen gekommen wäre, ob es mir noch lange glücken würde, dem Strick zu entgehen, ob es da, wo ich herkäme, noch mehr Leute meines Schlages gäbe, und so immer fort, bis ich es vor Verlegenheit nicht länger aushalten konnte und sie wegscheuchte. Darauf kreisten sie eine Weile in der Luft, unter Geschrei, Gespött und Hohngelächter, kamen dann wieder auf das Gitter geflogen und fingen die ganze Geschichte noch einmal von vorne an.

In wahrhaft überlästiger Weise zeigten sie aber ihre gesellige Neigung, wenn es etwas zu essen gab. Ohne daß man ihnen erst zuzureden brauchte, kamen sie auf den Tisch geflogen und halfen mir mein Frühstück verzehren. Als ich einmal ins Nebenzimmer ging und sie allein ließ, schleppten sie alles fort, was sie nur tragen konnten, und obendrein lauter für sie ganz nutzlose Dinge. Man macht sich keinen Begriff davon, in welcher Unzahl sie in Indien vorkommen, und der Lärm, den sie verursachen, ist nicht zu beschreiben. Ich glaube, sie kosten dem Land mehr als die Regierung, und das ist keine Kleinigkeit. Doch leisten sie auch etwas dafür, und zwar durch ihre bloße Gegenwart. Wenn man ihre lustige Stimme nicht mehr zu hören bekäme, so würde die ganze Gegend einen trübseligen Anstrich erhalten.

Drittes Kapitel.

Durch Übung lernt man leicht Unglück ertragen – das Unglück anderer Leute, meine ich.

Querkopf Wilsons Kalender.

In unsicherm Glanz, wie das Mondlicht am Rande des Horizonts erscheint, so tauchten die alten Träume von Indiens Herrlichkeit allmählich wieder in meinem Bewußtsein auf. Das Bild, das mir in den Knabenjahren lebendig vor der Seele gestanden hatte, als ich noch in den Märchen des Orients schwelgte, erwachte wieder mit tausend längst vergessenen Einzelheiten. Zum Beispiel, die barbarische Pracht und die großartigen, volltönenden Fürstentitel, bei denen einem das Wasser im Munde zusammenläuft: Nizam von Hyderabad, Maharadscha von Travancore, Nabob von Jubbelpore, Begum von Bhopal, Nawab von Mysore, Raja von Gulnare, Abkoond von Swat, Rao von Rohilkund, Gaikawar von Baroda. Namen wachsen überhaupt dort im Lande wie Pilze. Der große Gott Wischnu hat ihrer hundertundacht ganz besonders heilige – sozusagen nur zum Feiertagsgebrauch. Ich habe die hundertundacht Namen Wischnus einmal alle auswendig gelernt, aber ich konnte sie nicht behalten und weiß jetzt keinen einzigen mehr davon.

Romantische Begebenheiten knüpfen sich noch heutigen Tages an die Namen jener indischen Fürsten, gerade wie in alten Zeiten. Kurz vor unserer Ankunft war ein solcher Roman vor einem englischen Gerichtshof in Bombay zur Verhandlung gekommen: Ein junger sechzehnjähriger Prinz hatte seine Güter, Titel und Würden vierzehn Jahre lang unbehelligt genossen. Da ward plötzlich behauptet, daß er gar kein Fürstensohn, sondern ein armes Bauernkind sei, welches man in die fürstliche Wiege eingeschmuggelt hatte, als der wahre Erbe im Alter von drittehalb Jahren gestorben war. Genau derselbe Stoff, der so vielen alten orientalischen Geschichten zu Grunde liegt.

Umgekehrt ging es mit dem Thron des Gaikawar von Baroda, für den sich eine Zeitlang kein Erbe fand, bis man ihn in der Person eines Bauernknaben erkannte, der, seiner hohen Abkunft unbewußt, im Schmutz der Dorfstraße spielte. Sein Stammbaum war jedoch ganz in Ordnung, er erwies sich als der wirkliche Prinz und herrscht seitdem unangefochten in seinem Reich.

Auf ähnliche Weise ist kürzlich der Erbe eines andern indischen Fürstenhauses aufgefunden worden. Seit vierzehn Generationen hatten seine Vorfahren in niedrigem Stande gelebt. Aber man entdeckte seinen fürstlichen Ahnen in dem Verzeichnis eines der großen Wallfahrtsorte der Hindus, wo die Herrscher ihren Namen und das Datum ihres Besuchs einzuschreiben pflegen. Der eigentliche Zweck dieser Sitte ist, daß man über die religiösen Angelegenheiten der Fürsten Buch führen und ihr Seelenheil sichern kann; aber auch die Richtigkeit ihres Stammbaums läßt sich aus solcher Liste feststellen, wodurch sie noch besonderen Wert erhält.

Wenn ich jetzt an Bombay denke, glaube ich in ein Kaleidoskop zu sehen; ich höre das Klirren der Glasstückchen, wenn die schönen Bilder wechseln und auseinander fallen, um sich zu immer neuen Formen und Figuren zu vereinigen, bei deren Anblick jeder Nerv in mir vor Wonne erbebt und Schauer des Entzückens durch meine Glieder rieseln. Die ganz verschiedenartigen Erinnerungsbilder ziehen immer in gleicher Reihenfolge, rasch wie ein Traum, an mir vorüber; sie lassen mir das Gefühl zurück, als hätte das wirkliche Erlebnis kaum eine Stunde gedauert, während es oft gewiß mehrere Tage in Anspruch genommen hat.

Die Wandelbilder beginnen mit der Wahl eines eingeborenen Dieners, eines ›Trägers‹, bei der man sehr sorgfältig zu Werke gehen muß, denn solange er sein Amt versieht, kommt er uns fast so nahe auf den Leib, wie unsere eigenen Kleider.

In Indien wird der Tag damit eröffnet, daß der ›Träger‹ an die Schlafzimmertür klopft und dazu eine gewisse Formel hersagt, welche ausdrücken soll, daß das Bad bereit ist. Es kommt uns vor als ob sie gar keinen Sinn hätte, aber das ist nur, weil man noch nicht an das Träger-Englisch gewöhnt ist. Erst mit der Zeit lernt man es verstehen.

Wo diese Sprache herstammt, ist ein Geheimnis; jedenfalls wird man auf Erden nichts Aehnliches finden und im Paradiese erst recht nicht – möglicherweise aber unter den Verdammten. Man mietet einen ›Träger‹, sobald man den Boden Indiens betritt, denn niemand, ob Mann oder Weib, kann ohne ihn bestehen. Er ist Bote, Kammerdiener, Zimmermädchen, Aufwärter, Kurier, Jungfer – alles in einer Person. Bei seinem Eintritt bringt er, außer einem grobleinenen Wäschesack auch eine Decke mit; er schläft auf den Steinfliesen vor der Stubentür; wo und wann er seine Mahlzeiten hält, ist unbekannt; man weiß nur, daß er im Hause kein Essen bekommt, mag man in einem Hotel wohnen oder als Gast in einer Privatfamilie. Er bezieht einen hohen Lohn – nach indischen Begriffen – und sorgt selbst für seine Kost und Kleidung. Wir hatten in drittehalb Monaten drei ›Träger‹, der erste erhielt monatlich 30 Rupien – etwa 27 Cents täglich – die beiden andern 40 Rupien den Monat. Eine fürstliche Bezahlung! In Indien erhält der eingeborene Weichensteller auf der Eisenbahn höchstens 7 Rupien monatlich, desgleichen der eingeborene Bediente in einem Privathaus, und der Knecht auf dem Lande nur 4 Rupien. Die beiden ersteren beköstigen und kleiden sich und ihre Familien selbst; ob das der Knecht bei dem Monatslohn von 1 Dollar 8 Cents auch tut, möchte ich bezweifeln. Vermutlich nährt ihn das Land, und mit seinem Verdienst bestreitet er den Unterhalt der Familie, nebst einer kleinen Abgabe für den Priester. Kleidung und Wohnung der Seinigen kosten nichts; sie leben in einer selbsterbauten Erdhütte, für die sie schwerlich Miete zahlen und tragen die ersten besten Lumpen; bei Knaben ist selbst das nicht vonnöten. Uebrigens sind für den Tagelöhner auf dem Lande jetzt gute Zeiten, er hat nicht immer ein so üppiges Leben geführt. Als der Hauptbevollmächtigte der Provinzen des Innern unlängst die Klagen einer Abordnung von Eingeborenen in einem amtlichen Erlaß als unbegründet zurückwies, erinnerte er sie daran, daß vor kurzem der Tagelohn noch eine halbe Rupie monatlich betragen habe, täglich nicht ganz einen Cent, $ 2.90 im Jahr. Wenn ein solcher Lohnarbeiter eine große Familie hatte – und mit diesem Reichtum beschenkt der Himmel die armen Eingeborenen ohne Ausnahme – so konnte er bei strengster Sparsamkeit vielleicht 15 Cents vom Ertrag seiner Jahresarbeit erübrigen. Eine Schuld von $ 13.50 hätte er in 90 Jahren abtragen können, wenn er Leben und Gesundheit behielt. Man stelle sich nur einmal vor, was das sagen will: Indien hat verhältnismäßig wenige Städte; fast das ganze Land ist mit unabsehbaren Feldern bedeckt, die durch Lehmmauern von einander getrennt sind. Die ungeheure Masse der Bevölkerung besteht also einzig und allein aus landwirtschaftlichen Arbeitern. Kennt man diese Tatsachen, so erhält man erst einen Begriff von der grenzenlosen Armut, die sich hier ansammeln muß.

Der erste Diener, der sich bei uns meldete, wartete unten und schickte seine Zeugnisse herauf; es war am Morgen nach unserer Ankunft in Bombay. Wir prüften sie sorgfältig und fanden nichts daran auszusetzen, bis auf das eine: sie waren alle von Amerikanern ausgestellt. Wir sind ein zu gutmütiges Volk und bringen es nicht übers Herz, einem armen Menschen, der sein Brot verdienen muß, durch unser Urteil zu schaden. So erwähnen wir in dem Zeugnis nur seine guten Eigenschaften, ja, wir preisen sie nicht selten über Gebühr, und lassen die schlechten auf sich beruhen. Ueber diese stumme Lüge machen wir uns keine Gewissensbisse, und doch ist sie im Grunde verächtlicher als eine ausgesprochene Unwahrheit, mit der man die Leute nicht so leicht betrügt, weil sie sich durchschauen läßt. In Frankreich ist das anders; dort hat man wenigstens die Entschuldigung, daß ein Herr dem entlassenen Diener ein gutes Zeugnis geben und seine Fehler verschweigen muß, er mag wollen oder nicht. Erwähnt man zum Schutz für den nächsten Brotherrn die Untugenden des Dieners, so kann er auf Schadenersatz klagen, und der Gerichtshof erkennt seine Forderungen an, ja, er erteilt dem wahrheitsliebenden Herrn noch eine derbe Rüge, weil er versucht hat, einen armen Menschen um sein Brot zu bringen und ihm den guten Ruf abzuschneiden. – Ich würde dergleichen nicht behaupten, wüßte ich es nicht aus dem Munde eines berühmten französischen Arztes, eines geborenen Parisers, der mir sagte, das sei nicht nur allgemein bekannt, sondern er selber habe in dieser Hinsicht sehr schlimme persönliche Erfahrungen gemacht.

Die reisenden Amerikaner hatten, wie gesagt, den Manuel X. in seinem Zeugnis so warm empfohlen, daß Sankt Petrus selbst ihn darauf hin zum Himmelstor eingelassen hätte, wenn der Heilige, wie ich vermute, mit den Gepflogenheiten meiner Landsleute nicht gerade sehr vertraut ist. Der Diener war als ein Ausbund von Geschicklichkeit in allen Künsten seines vielgestaltigen Berufs geschildert. Mit ganz besonderem Entzücken wurde seine ausgezeichnete Kenntnis des Englischen erwähnt, was mich sehr freute, denn ich hoffte, es würde doch etwas Wahres daran sein.

Einen Diener mußten wir unverzüglich haben; die Meinigen nahmen Manuel daher für eine Woche zur Probe an und schickten ihn zu mir herauf. Ich hütete wegen meines Bronchialkatarrhs das Zimmer und sehnte mich nach einer kleinen Abwechslung und Unterhaltung. Da kam mir Manuel gerade recht. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt, groß und schlank, hielt sich aus gewohnheitsmäßiger Ehrerbietung etwas vornüber gebeugt, hatte ein Gesicht von europäischem Schnitt, kohlschwarzes Haar, ein paar sanfte, fast furchtsame schwarze Augen, eine sehr dunkle Hautfarbe und ein glattgeschorenes Kinn. Anders als barhaupt und barfuß habe ich ihn während seiner Dienstwoche bei uns nie gesehen; die europäischen Kleider, welche er anhatte, waren schlecht, dünn und sehr abgetragen.

So stand er vor mir, verbeugte sich zum Gruß mit dem ganzen Oberkörper nach der feierlichen Art der Inder und berührte seine Stirn mit den Fingerspitzen der rechten Hand.

»Offenbar bist du ein Hindu, Manuel,« sagte ich, »aber du hast einen spanischen Namen – wie kommt das?«

Der Diener machte ein verblüfftes Gesicht; er hatte nichts verstanden und wollte es sich doch nicht merken lassen.

»Name Manuel. Ja Herr,« antwortete er gelassen.

»Das weiß ich, aber woher hast du ihn?«

»O ja, vermutlich. Wird wohl so sein. Vater heißt ebenso, Mutter nicht.«

Ich versuchte mich einfacher auszudrücken, um von diesem gelehrten Engländer verstanden zu werden, und sprach sehr langsam und deutlich:

»Von – wem – hat – dein – Vater – seinen – Namen?«

»O, der –« sein Gesicht erhellte sich – »er Christ sein, portugiesischer – wohnen in Goa. Ich geboren Goa. Mutter nicht Portugiesin – Mutter Eingeborene – Brahminenkaste – oberste Stufe – keine Kaste so hoch wie diese. Ich auch hochgeborener Brahmine. Auch Christ, wie Vater – hoher christlicher Brahmine, Herr – Heilsarmee.«

Diese Worte brachte er stotternd und schwerfällig heraus. Dann kam es plötzlich wie Begeisterung über ihn und er erging sich in einem langen Schwall unverständlicher Reden.

»Höre auf,« unterbrach ich ihn. »Hindustani verstehe ich nicht.«

»Nicht Hindustani, Herr – Englisch. Ich sprechen Englisch immer, den ganzen Tag, manchmal.«

»Gut, so lasse ich mir’s gefallen; es ist zwar nicht was ich nach deinem Zeugnis erwartet und gehofft hatte, doch ist es verständlich. Schmücke es nicht weiter aus. Sprachverschnörkelungen, die den Sinn beeinträchtigen, sind mir verhaßt.«

»Herr?«

»Das war nur eine allgemeine Bemerkung. Aber sage mir, wie kommst du zu deinem Englisch? Hast du es gelernt, oder ist es nur eine Gabe Gottes?«

Manuel zögerte mit der Antwort.

»Ja,« sagte er dann in frommem Ton. »Er sehr gut. Christengott sehr gut, Hindugott auch sehr gut. Zwei Millionen Hindugott, ein Christengott. Gehören alle mein, zwei Millionen und ein Gott – ich haben sehr viele. Manchmal ich beten zu sie allezeit, gehen jeden Tag an Altar, geben Geld; gut für mich – macht mich besserer Mann, gut für meine Kinder auch, verdammt gut.«

Nun fing er wieder an, allerhand unzusammenhängendes Zeug zu schwatzen, bis ich unserm Gespräch ein Ende machte und ihm befahl, das Badezimmer in Ordnung zu bringen und den Boden aufzuwischen – ich wollte ihn los sein. Er tat als verstünde er mich, nahm meine Kleider aus dem Schrank und begann sie zu bürsten. Endlich, nachdem ich ihm meine Wünsche noch mehrmals in immer einfacheren Worten kundgetan, begriff er was ich wollte. Er ging hin und holte einen Kuli, um die Arbeit zu tun. Wenn er sie selbst verrichtete, erklärte er mir, würde er das Gesetz seiner Kaste übertreten und sich verunreinigen. Er könne sich dann nur mit großer Not und Schwierigkeit wieder zu Ehren bringen. Dergleichen Arbeit sei den höheren Kasten streng verboten, sie müßte von den Hindus der untersten Kaste, den verachteten Sudras getan werden.

Darin hatte Manuel vollkommen recht. Auch haben sich die armen Sudras anscheinend seit Jahrhunderten in ihr elendes Los ergeben, das sie sozusagen von Anbeginn der Welt dem Schimpf und der Bedrückung preisgibt. In den Verordnungen des Manu (900 v. Chr.) steht, daß wenn sich ein Sudra nicht auf einen niedrigeren Platz setzt als der Höhergestellte, er verbannt und gebrandmarkt werden soll … beleidigt er ein Mitglied der höheren Kaste, so wird er mit dem Tode bestraft. Hört er zu, wenn die heiligen Bücher vorgelesen werden, so soll ihm siedendes Oel in die Ohren gegossen werden; lernt er Stellen davon auswendig, so bringt man ihn um; verheiratet er seine Tochter an einen Brahminen, so fährt der Gatte in die Hölle, weil er sich durch die Berührung mit einem so unendlich tief unter ihm stehenden Weibe verunreinigt hat. Auch ist es dem Sudra verboten, Reichtum zu erwerben. »Der Hauptbestandteil der indischen Bevölkerung« (heute auf 300 000 000 geschätzt) sagt Bukle »sind die Sudras – die Arbeiter, Landbauer und Erzeuger des Wohlstands, und doch hat schon der Name Sudra eine verächtliche Bedeutung.«

Den armen alten Manuel konnten wir nicht gebrauchen; er mochte wohl schon zu bejahrt für uns sein. Ueber seine Langsamkeit wollte man schier verzweifeln und seine Vergeßlichkeit überstieg alle Grenzen. Um eine Besorgung in der nächsten Straße zu machen, blieb er zwei Stunden aus und vergaß unterwegs, was er holen sollte. Zum Packen eines Koffers brauchte er eine Ewigkeit und wenn er schließlich damit zustande kam, war der Inhalt ein unbeschreibliches Chaos. Auch die Aufwartung bei Tische besorgte er schlecht, und das ist ein sehr wesentlicher Mangel, denn wer sich in einem indischen Hotel nicht auf seinen eigenen Diener verlassen darf, ist übel dran und muß meist hungrig von Tische aufstehen. Sein Englisch verstanden wir ebensowenig wie er das unsrige, und als sich herausstellte, daß er selbst nicht verstand was er sagte, war es hohe Zeit uns von ihm zu trennen. Fortschicken mußte ich ihn, das ließ sich nicht ändern, aber ich tat es so sanft und freundlich, wie ich irgend konnte. »Wir müssen scheiden,« sagte ich, »doch hoffe ich, daß wir uns in einer bessern Welt wiederfinden.« Die kleine Unwahrheit nahm ich mir nicht übel, sie kostete nichts und ersparte ihm eine Kränkung.

Sobald er fort war, fiel mir eine Last vom Herzen, ich fühlte frische Kraft und neuen Mut, meine Unternehmungslust wuchs und ich war bereit zu allen Taten. Da kam auch schon Manuels neu gemieteter Nachfolger hereingeflitzt; er berührte seine Stirn, flog hierhin und dorthin auf sammetweichen Sohlen, brachte in fünf Minuten das ganze Zimmer in die musterhafteste Ordnung und stand dann ehrerbietig da, weitere Befehle erwartend. Potztausend, was war das für ein rühriges Kerlchen! Eine wahre Erquickung nach der schläfrigen alten Schnecke, dem Manuel. Vom ersten Augenblick an hing mein ganzes Herz voll Liebe und Bewunderung an dem zweibeinigen, flinken, schwarzen Geschöpfchen, diesem Inbegriff von Tatkraft, Schnelligkeit und Zuversicht, diesem klugen, freundlichen, reizenden kleinen Teufel mit den blitzenden Augen. Das flammendrote Fez mit der feurigen Troddel, das ihm oben auf dem Kopfe saß und wie eine brennende Kohle glühte, kleidete ihn zum Entzücken.

»Wir werden gut zusammen auskommen,« sagte ich mit innerlichster Befriedigung. »Wie heißt du?«

Er wickelte seinen Namen der ganzen Länge nach mit geläufiger Zunge ab.

»Warte, laß mich meine Auswahl treffen, zum täglichen Gebrauch – den Rest versparen wir uns auf den Sonntag. Sage mir’s noch einmal, aber abteilungsweise.«

Er tat es; doch war kein kurzer Name darunter, außer Mausa, was mir nicht passend schien; es erinnerte an Maus und war zu sanft und still und viel zu unscheinbar für sein prächtiges Wesen.

»Mausa ist kurz genug,« sagte ich nach einiger Ueberlegung, »aber es gefällt mir nicht; es hat weder Saft noch Kraft und ist nicht bezeichnend genug – in solchen Dingen bin ich sehr empfindlich. Was meinst du, wenn wir dich Satan nennten?«

»Ja Herr – Satan, sehr guter Name.«

Es klopfte an der Tür; mit einem Sprunge war Satan dort, ein paar Worte auf Hindustani wurden gewechselt, dann schlüpfte er hinaus. Drei Minuten später stand er in militärischer Haltung wieder vor mir und wartete auf meine Anrede.

»Was gibt es, Satan?«

»Gott ist da, wünschen Sie zu sprechen.«

»Wer?«

»Gott. Ich ihn sollen hereinführen?«

»Wie ist denn das möglich? – ich – ich weiß wirklich nicht – so ganz unvorbereitet – erkläre mir doch – ein so ungewöhnlicher Besuch –«

»Hier seine Karte, Herr.«

War es nicht merkwürdig, schrecklich und staunenerregend, daß eine so hohe Persönlichkeit mich armen Sterblichen besuchen wollte, und mir wie ein gewöhnlicher Mensch seine Karte hereinschickte – obendrein durch Satan? – Es schien mir ein völlig verwirrendes, undenkbares Zusammentreffen. Aber wir waren ja in Indien, dem Märchenlande; es gibt nichts, was dort nicht geschehen könnte!

Die Unterredung fand statt. Satan hatte ganz recht. Mein Besucher war in den Augen seiner Anhänger wirklich ein Gott und wurde von ihnen als solcher in aller Demut verehrt und angebetet. An der Göttlichkeit seines Amtes und Ursprungs zu zweifeln, liegt ihnen ferne. Sie glauben an ihn, bringen ihm Gaben und Opfer dar und erlangen von ihm Vergebung ihrer Sünden. Seine Person und alles was diese betrifft, ist ihnen heilig; sie kaufen sich von dem Barbier die abgeschnittenen Fingernägel des Gottes, fassen sie in Gold und tragen sie als kostbare Amulette.

Ich versuchte eine ruhige Unterhaltung mit ihm zu führen, aber ich brachte es nicht zustande. Hättet ihr es tun können? – Meine Aufregung, Verwunderung und Neugier waren zu groß; ich verschlang ihn förmlich mit den Augen. Es war ein Gott, ein wirklicher, anerkannter und beglaubigter Gott, den ich da vor mir sah; seine Person, sein Anzug bis in die kleinsten Einzelheiten, hatte ein überwältigendes Interesse für mich. »Was für ein Unterschied!« dachte ich: »selbst der höchstgestellte Mensch muß sich am Zoll der Ehrerbietung und Höflichkeit genügen lassen, den man ihm darbringt, aber er ist der Empfänger weit köstlicherer Geistesgaben – vor ihm kniet man, ihn betet man an! Männer und Frauen legen die Sorgen und Kümmernisse eines schwerbeladenen Herzens ihm zu Füßen nieder und er verleiht ihnen Trost und Frieden, so daß sie geheilt von dannen gehen.«

In diesem Augenblick sagte mein erhabener Gast im einfachsten Tone von der Welt:

»Was mir an der Lebensweisheit Ihres Huckleberry Finn am besten gefällt, ist –« und dann fuhr er fort, mir sein literarisches Urteil auf klare und verständige Weise auseinander zu setzen.

O, was für wunderbare Ueberraschungen erlebt man doch in Indien! Ich gestehe, daß ich nicht ohne Ehrgeiz bin und gehofft hatte, Könige, Präsidenten und Kaiser würden mich lesen – aber so hoch hatte ich mich in meinen Erwartungen nie verstiegen. Wollte ich leugnen, daß mich das unendlich beglückte, so wäre es falsche Bescheidenheit. Selbst die größte Anerkennung von seiten eines Menschen hätte mir nicht solche Freude gemacht, das bekenne ich ganz offen.

Mein Gast blieb über eine halbe Stunde da und war sehr höflich und liebenswürdig. Die göttliche Würde besteht schon lange in seiner Familie, seit wann weiß ich nicht. Er ist eine mohammedanische Gottheit und nimmt auf Erden den Rang eines persischen Prinzen ein, der in gerader Linie vom Propheten abstammt. Er ist hübsch und noch recht jung – für einen Gott – fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt. Die göttliche Größe trägt er mit Ruhe und Gelassenheit, wie es sich für seinen erhabenen Beruf ziemt, und dabei sprach er das Englische geläufig und rein, wie ein geborener Engländer. Ich glaube nicht, daß ich übertreibe; ich hatte vorher noch nie einen Gott gesehen, und er machte mir einen sehr günstigen Eindruck. Als er sich erhob um Abschied zu nehmen, ging die Tür auf, ich sah draußen ein rotes Fez aufleuchten und hörte die ehrerbietige Frage:

»Soll Satan Gott hinausbegleiten?«

»Ja.« – Die beiden unzusammengehörigen Wesen verschwanden vor meinen Blicken, Satan ging voraus und der Andere folgte ihm.

Viertes Kapitel.

Glück zu ertragen verstehen nur wenige. Ich meine andrer Leute Glück.

Querkopf Wilsons Kalender.

Das nächste Bild in meiner Erinnerung ist das Gouverneurshaus auf der Malabar-Spitze, wo man von den Fenstern und großen Balkons weit ins Meer hinausblickt. Seine Exzellenz, der Gouverneur der Präsidentschaft Bombay, wohnt dort ganz nach europäischer Art, in einem Staatspalast, der zugleich ein behagliches Heim ist; nur die Leibwache und die Diener sind Eingeborene. Da war England vertreten mit seiner Macht und den Errungenschaften seiner modernen Zivilisation; überall herrschten stille Farben und gediegener Geschmack, ruhige Würde und Vornehmheit.

Nun folgte ein Bild altindischer Kultur in der Behausung von Kumar Shri Samatsinhji Bahadur, dem Fürsten des Palitana-Staats. Bei unserm Besuch sahen wir auch dessen Sohn und Erben nebst seinem Schwesterchen. Die hübsche braune kleine Elfe war zart gebaut, sehr ernsthaft, reizend anzuschauen und gekleidet wie der zierlichste Schmetterling. Sie machte uns zwar ein freundliches Gesicht, doch zog sie es anfänglich vor, ihres Vaters Hand nicht loszulassen, um die Fremden erst näher kennen zu lernen und zu sehen, wie weit man ihnen trauen dürfe. Die niedliche kleine Märchenprinzessin mochte etwa acht Jahre alt sein; in drei oder vier Jahren mußte sie also nach indischem Brauch heiraten. Dann war ihr freies Leben in Luft und Sonnenschein zu Ende und von einem Verkehr mit männlichen Besuchern durfte nicht mehr die Rede sein. Gleich ihrer Mutter wird sie sich auf Lebenszeit im Frauengemach einschließen, sich aus angeerbter Gewohnheit glücklich fühlen und ihre Beschränkung weder als lästigen Zwang noch als trübselige Gefangenschaft ansehen.

In seinen Mußestunden unterhält sich der Fürst mit einem Spiel – aber davon will ich lieber nicht reden; ich könnte es doch nicht so beschreiben, daß man es versteht. Es ist sehr verwickelt, und obgleich ich mir alle Mühe gab es zu begreifen, gelang es mir doch nicht; man sagt, daß nur ein Inder das Spiel erlernen kann. Meine Frau und Tochter besuchten unterdessen die Fürstin im Frauengemach – eine liebenswürdige Dame, die fließend Englisch spricht. – Auch einen Turban zu winden war ich nicht imstande; es sieht so einfach und leicht aus, als wäre es gar keine Kunst, das beruht jedoch auf Täuschung. Der Inder nimmt das eine Ende eines vierzig bis fünfzig Fuß langen und etwa einen Fuß breiten, dünnen, zarten Gewebes in beide Hände, windet es sorgfältig fest um den Kopf, wobei er den Stoff mehrmals dreht – in ein paar Minuten ist das Kunstwerk regelrecht vollendet und sitzt wie angegossen.

Wir interessierten uns sehr für die fürstliche Garderobe, die Edelsteine und das schön geformte, prächtig verzierte Silbergerät. Letzteres wird bei den Mahlzeiten gebraucht und im übrigen stets verschlossen gehalten; nur der erste Diener und der Fürst selber haben Schlüssel zum Silberschrank. Der Zweck dieser Maßregel ist aber keineswegs den Silberschatz zu hüten, sondern vermutlich den Fürsten vor einer Verunreinigung zu schützen, welcher seine Kaste ausgesetzt wäre, wenn Diener aus einer niederen Kaste die Gefäße berührten; vielleicht fürchtet seine Hoheit auch Gift! Ich glaube ein besoldeter Vorkoster muß jede Speise versuchen, ehe der Fürst sie genießt. Das ist eine alte, weise Sitte im Orient, die gar manchen Vorkoster an Stelle seines Herren ins Jenseits brachte, denn natürlich ist es der Koch, der das Gift in das Essen tut. Wäre ich ein indischer Fürst, so würde ich mit dem Koch speisen und die Stelle des Vorkosters eingehen lassen.

Alle Zeremonien flößen mir stets Interesse ein; auch mit dem indischen Morgengruß ist eine solche verbunden: Der Sohn berührt dabei ehrfurchtsvoll des Vaters Stirn mit einem kleinen silbernen Röhrchen, das in Saft getaucht wird, welcher einen roten Punkt zurückläßt; hierauf segnet der Vater den Sohn. Wenn wir uns damit begnügen, Guten Morgen zu sagen, so paßt das zwar zu unsern formlosen Gewohnheiten, aber für den Orient wäre es lange nicht umständlich und feierlich genug.

Beim Schluß unseres angenehmen Besuchs legte man uns noch, wie es die Sitte verlangt, große gelbe Blumenkränze um den Hals und versah uns mit Betelnüssen zum Kauen. Dann begaben wir uns aus diesem farbenprächtigen, sonnigen Leben nach einem Schauplatz ganz anderer Art, nach den ›Türmen des Schweigens‹, wohin die Parsen ihre Toten bringen. Der Name hat einen erhabenen eindrucksvollen Klang, über dem die Stille des Todes schwebt. Wenn wir von Grabhügel, Grabgewölbe, Gottesacker und Friedhof reden, so haben diese Wörter zwar auch, durch die sich daran knüpfenden Gedanken, eine feierliche Bedeutung für uns gewonnen, aber so majestätisch tönen sie doch nicht an unser Ohr.

Auf einer Anhöhe, mitten in einem tropischen Paradies von Blumen und Laubwerk, fern vom lärmenden Weltgetriebe, standen die ›Türme des Schweigens‹ da; ringsum breiteten sich große Haine von Kakaopalmen aus, dann die Stadt in meilenweitem Umkreis, dahinter das von Schiffen wimmelnde Meer, und über allem schwebte dieselbe lautlose Stille, welche droben den Platz der Toten umgab. Die Geier hatten sich eingestellt; sie saßen am Rande des niedrigen festen Turmes in einem großen Kreise dichtgedrängt, regungslos, wie aus Stein gemeißelt – und warteten. Man war fast versucht, sie für leblose Bildwerke zu halten. Plötzlich traten die Anwesenden – es mochten etwa zwanzig Personen zugegen sein – ehrfurchtsvoll beiseite, und das Gespräch verstummte. Ein Leichenzug bewegte sich durch das große Gartentor nach dem Turme hin. Der Tote lag auf einer flachen Bahre mit einem weißen Tuche bedeckt, sonst aber unbekleidet; zwischen den Leichenträgern und dem Trauergefolge ließ man einen Abstand von dreißig Fuß. Die paarweise einherschreitenden Leidtragenden, in weiße Gewänder gehüllt, waren je zwei und zwei mit Stricken oder Tüchern zusammengebunden – das heißt, im bildlichen Sinne – eigentlich hielt nur jeder ein Ende in der Hand. Hinter dem Zuge führte man einen Hund an der Leine. Als die Trauernden unweit des Turmes angelangt waren – es darf außer den Trägern mit der Leiche kein Mensch näher kommen als bis auf dreißig Fuß – kehrten sie wieder um und begaben sich nach einem kleinen Tempel im Garten, um für den abgeschiedenen Geist zu beten. Die Träger schlossen indessen die Tür auf, welche den einzigen Gang zum Turme bildet und verschwanden drinnen vor unsern Blicken. Nach einer Weile kamen sie wieder heraus, Bahre und Leichentuch tragend, und verschlossen die Tür. Nun erhoben sich die Geier im Kreise, schlugen mit den Flügeln und schossen in den Turm hinunter, um die Leiche zu verzehren. Als der ganze Schwarm wenige Minuten später wieder davonflog, blieb nur das völlig abgenagte Skelett zurück.

Der Gedanke, welcher bei einem Parsenbegräbnis allen Bestimmungen zu Grunde liegt, ist die Reinheit. Nach den Lehren des Zoroaster sind die Elemente Erde, Feuer und Wasser geheiligt und dürfen nicht durch Berührung eines Leichnams befleckt werden. Daher kann man die Toten weder verbrennen noch begraben, auch ist jedem untersagt, eine Leiche zu berühren oder den Turm zu betreten, in dem sie liegt. Nur den von Amtswegen dazu bestimmten Männern wird dies gestattet; sie erhalten hohen Lohn, führen jedoch ein einsames, trübseliges Leben, denn sie müssen allen Umgang mit andern Genossen meiden, weil sie sich durch ihren Verkehr mit den Toten verunreinigen; wer sich zu ihnen gesellt, wird gleichfalls befleckt. Bei ihrer Rückkehr aus dem Turm wechseln sie ihre Kleider in einem innerhalb der Tore gelegenen, besonders dazu bestimmten Gebäude. Den Anzug, welchen sie getragen haben, lassen sie dort zurück, denn er ist unrein und darf nicht mit hinausgenommen, noch überhaupt wieder benützt werden. Zu jedem Begräbnis kommen die Träger in neuen Kleidern. Kein menschliches Wesen, außer den angestellten Leichenträgern, hat je einen ›Turm des Schweigens‹ nach dessen Einweihung betreten, bis auf einen einzigen Fall. Es ist jetzt gerade hundert Jahre her, da drang einmal ein Europäer hinter den Trägern ins Innere des Turmes, um seine rohe Neugier an dem verbotenen Anblick des geheimnisvollen Ortes zu sättigen. Name und Stand des frechen Eindringlings sind unbekannt geblieben; da er jedoch für sein schweres Vergehen keine andere Strafe seitens der Regierung der Ostindischen Kompagnie erhalten hat, als einen öffentlichen Verweis, so liegt die Vermutung nahe, daß es ein Europäer aus angesehener Familie war. In dem amtlichen Schreiben, welches jene feierliche Rüge enthielt, wurde zugleich jedem, der sich künftig einer ähnlichen Uebertretung schuldig machte, angekündigt, man werde ihn, falls er im Dienst der Kompagnie stehe, sofort entlassen; Mitglieder des Kaufmannsstandes dagegen sollten ihre Handelsberechtigung verlieren und aus Indien verbannt werden.

Die ›Türme des Schweigens‹ sind im Verhältnis zu ihrem Umfang nicht hoch. Will man sich einen ungefähren Begriff von ihrer Form machen, so stelle man sich einen Gasometer vor, der bis zur Hälfte seiner Höhe mit festen Granitsteinen ausgemauert ist, durch welche man in der Mitte einen breiten und tiefen Schacht gebohrt hat. Ringsum auf dem Mauerwerk liegen die Toten in flachen, rinnenartigen Vertiefungen, welche wie die Speichen eines Rades in schräger Richtung nach dem Brunnen zu auslaufen und ihm das Regenwasser zuführen, das durch unterirdische Kanäle mit Kohlenfiltern wieder abgeleitet wird.

Hat das Skelett einen Monat lang, dem Regen und der glühenden Sonne ausgesetzt, im Turm gelegen, so ist es vollkommen trocken und rein. Dann kommen dieselben Träger behandschuht wieder, fassen es mit einer Zange an und werfen es in den Schacht, wo es in Staub zerfällt. Andere Völker scheiden ihre Toten voneinander und bewahren die Standesunterschiede noch im Grabe. Sie bestatten die Leichen von Königen, Staatsmännern, Generälen, in Tempeln und Pantheons, wie es ihrem Range gebührt, und die Leichen der Armen und gemeinen Leute an Orten, die ihrem niedern Stande angemessen sind. Die Parsen dagegen glauben, daß im Tode alle Menschen gleich sind. Zum Zeichen ihrer Armut trägt man sie nackt in die Grube, zum Zeichen ihrer Gleichheit wirft man die Gebeine der Reichen, der Armen, der Berühmten und der Unbekannten zusammen in denselben Brunnenschacht. Bei einem Parsenbegräbnis sieht man keine Wagen; wer sich daran beteiligt, sei er reich oder arm, muß zu Fuße gehen, mag die Entfernung auch noch so groß sein. Seitdem die Parsen vor zweihundert Jahren, durch die mohammedanischen Eroberer vertrieben, aus Persien nach jener Gegend Indiens eingewandert sind, hat sich in den fünf vorhandenen ›Türmen des Schweigens‹ der Staub aller ihrer Männer, Frauen und Kinder vermischt, die in Bombay und dessen Umgegend gestorben sind.

Was der Hund bei dem Begräbnis bedeutet, weiß niemand mehr recht zu erklären; er soll bei den alten Parsen ein heiliges Tier gewesen sein, das die abgeschiedenen Seelen zum Himmel geleitete. Der Hund, den ich damals sah, machte mir einen tiefen Eindruck, er war ja ein Rätsel, zu dem der Schlüssel verloren gegangen ist. Traurig und mit gesenktem Kopf kam er daher, als sei er bemüht, sich das Sinnbild ins Gedächtnis zurückzurufen, welches vorzustellen man ihn vor grauen Jahren beauftragt hatte. Das heilige Feuer, das in der Nähe brennt, bekam ich nicht zu sehen; die ursprüngliche Flamme soll seit zweihundert Jahren nicht erloschen sein.

Die Parsen behaupten, daß ihre Art der Totenbestattung der wirksamste Schutz für die Lebenden ist. Weder Krankheitskeime noch Fäulnis, noch irgend welche Unreinigkeit wird dadurch verbreitet; keine Hülle, kein Kleidungsstück, das dem Toten angehört hat, darf wieder mit einem Lebenden in Berührung kommen. Nichts geht von den Türmen des Schweigens aus, was der Welt draußen Schaden zu bringen vermöchte. Wir können den Parsen nur recht geben. In gesundheitlicher Beziehung hat ihr System dieselben Vorzüge wie die Leichenverbrennung. Wir nähern uns jetzt langsam aber sicher dieser Bestattungsart. Daß sich die Wandlung rasch vollziehen wird, kann man nicht erwarten, aber wenn sie nur allmählich und stetig fortschreitet, so genügt das vollständig. Ist die Leichenverbrennung erst einmal zur allgemeinen Regel geworden, so wird unser Grauen davor verschwinden; auch die Toten zu begraben würde uns Schauer erregen, wenn wir uns vergegenwärtigen wollten, was im Grabe vorgeht.

Die Parsen sind eine merkwürdige Volksgemeinde. In Bombay leben etwa 60 000 und halb so viel im übrigen Indien, aber was ihnen an Zahl abgeht, ersetzen sie durch ihre Bedeutung. Sie sind hochgebildet, tatkräftig, unternehmend, reich, dem Fortschritt huldigend, und nicht einmal die Juden zeigen sich so freigebig und wohltätig gegen jedermann ohne Unterschied. Viele Hospitäler für Menschen und Tiere sind von den Parsen erbaut und mit reichen Geldmitteln ausgestattet worden. Sie sowohl als ihre Frauen haben eine stets offene Hand, wo es sich um irgend einen großen und guten Zweck handelt. In politischer Hinsicht bilden sie eine Macht, welche der Regierung wesentliche Unterstützung gewährt. Die Lehren ihrer Religion sind rein und erhaben, sie halten unverbrüchlich an ihnen fest und richten ihr ganzes Leben danach ein.

Ehe wir den Garten der ›Türme des Schweigens‹ verließen, warfen wir noch einen Blick auf die wundervolle Aussicht, welche Ebene, Stadt und Meer uns boten. Das letzte, was mir dabei ins Auge fiel, war ein natürliches Sinnbild des Todes: auf einem freien Platz im Garten saß ein Geier auf dem abgesägten Stumpf eines hohen, schlanken Palmbaums. Er verharrte regungslos in seiner Stellung, wie ein Steinbild auf einer Säule; dabei hatte er einen förmlichen Grabesblick, der ganz zu der Stimmung des Ortes paßte.

Fünftes Kapitel.

Es gibt einen alten goldenen Spruch, welcher lautet: »Wohl dir, wenn du beim Aufstieg zum Hügel des Glücks keinem Freunde begegnest.«

Querkopf Wilsons Kalender.

Zunächst wurden wir von Bekannten nach einem Dschain-Tempel mitgenommen; er war nicht groß und mit vielen flatternden Wimpeln geschmückt, die an Flaggenstangen befestigt sind; auf den Zinnen des Daches stehen ringsum eine Unmenge kleiner Götzenbilder. In der Mitte des innern Raumes sagte ein einsamer Dschain laut seine Gebete her und ließ sich durch unsere Gegenwart in keiner Weise stören. Seine Andacht galt einem kleinen, sitzenden, rosig gefärbten Götzen, der sich etwa zwölf Fuß vor ihm befand und einer schlecht geformten Wachsfigur glich. Mr. Gandhi, der dem Kongreß der Weltreligionen in Chicago als Abgeordneter beigewohnt hat, setzte uns die Lehren der Dschaina in trefflichem Englisch auseinander, aber was er sagte ist meinem Gedächtnis entschwunden. Ich weiß nur noch, daß sich ihre religiösen Vorstellungen in erhabene Formen kleiden, und grobe Sinnlichkeit ihnen fremd ist. Wie sich das mit der Anbetung des rohen Götzenbildes vereinbaren läßt, kann ich nicht erklären. Vermutlich stellt dieses ein Wesen dar, das nach vielhundertjährigen Seelenwanderungen, bei stetiger Zunahme an Frömmigkeit und Tugend, zuletzt zu einem Heiligen, einer Art Gottheit geworden ist, welche die Anbetung stellvertretend entgegennimmt, um sie der Himmelsbehörde zu übermitteln. So denke ich es mir wenigstens.

Von dort begaben wir uns nach Mr. Premchand Roychands Bungalow im Love Lane, Byculla, wo ein indischer Fürst, der kürzlich von der Kaiserin Viktoria zum Ritter des indischen Sternordens ernannt worden war, die Abgesandten der Dschaina empfangen wollte, welche ihm wegen dieser hohen Ehre ihre Glückwünsche darbrachten. Selbst der größte indische Fürst verschmäht die Auszeichnung nicht; er erläßt seinen Untertanen die Steuern und gibt viel Geld aus zur Verbesserung der öffentlichen Zustände, wenn er dafür die Ritterwürde erlangen kann. Alljährlich verleiht die Kaiserin verschiedenen einheimischen Fürsten zum Lohn für ihre Verdienste den Stern von Indien und teilt zugleich Kanonen an sie aus, welche sie beim Salutschießen abfeuern dürfen. Ein kleiner Fürst hat drei oder vier Kanonen, die ihm den Ehrengruß bringen, und mit der Bedeutung des Fürsten nimmt auch die Zahl seiner Kanonen zu, bis auf elf Stück, ja vielleicht haben manche noch mehr, aber das weiß ich nicht bestimmt. Mir ist gesagt worden, daß wenn ein vier Kanonen-Fürst die fünfte erhält, seine Umgebung sehr darunter leidet, denn solange ihm die Sache noch neu ist, möchte er bei jeder Gelegenheit Salutschüsse haben, und die ohrenzerreißende Musik will gar kein Ende nehmen. Wie viele Kanonen so große Herrscher wie der Nizam von Hyderabad und der Gaikawar von Baroda haben, vermag ich, wie gesagt, nicht anzugeben.

Als wir das Bungalow betraten, fanden wir die große Halle im Erdgeschoß bereits voller Menschen, und noch immer kamen neue Wagen vorgefahren. Die Versammlung bot ein hübsches Schauspiel; alles funkelte und blitzte wie bei einem Feuerwerk, so bunt waren die Kostüme und so glänzend die Farben. Ganz besonders merkwürdig fand ich die Ausstellung der verschiedenen Turbans. Ihre wunderbare Mannigfaltigkeit erklärte sich dadurch, daß die Mitglieder der Dschaina-Gesandtschaft aus allen Teilen Indiens stammten und jeder einen Turban trug, wie er in seiner Gegend Sitte war.

Ich würde dort gern eine Konkurrenz-Ausstellung von christlichen Trachten und Kopfbedeckungen veranstaltet haben. Dazu hätte ich nur alle indische Herrlichkeit aus einer Hälfte des Raumes zu entfernen und diese mit Christen aus Amerika, England und den Kolonien anzufüllen brauchen, welche Hüte und Kleider trugen, wie sie vor zwanzig, vierzig, fünfzig Jahren Mode waren oder wie man sie heutzutage hat. Es wäre eine greuliche Sammlung gewesen, ein Anblick von ausgesuchter Scheußlichkeit. Auch die weiße Gesichtsfarbe hätte ihr Teil dazu beigetragen. Sie kommt uns zwar nicht gerade unleidlich vor, solange wir uns unter lauter Weißen befinden, sehen wir sie aber zusammen mit einer Menge brauner oder schwarzer Gesichter, so wird uns augenblicklich klar, daß nur die Gewohnheit sie erträglich macht. Eine schwarze oder braune Haut ist fast immer schön, eine weiße nur sehr selten. Will man sich hiervon überzeugen, so braucht man nur an einem Wochentage in Paris, New York oder London eine Straße hinunterzugehen – nicht gerade im vornehmsten Viertel – und sich zu merken, wie vielen Menschen mit gutem Teint man auf einer etwa meilenlangen Strecke begegnet. Neben dunkeln Gesichtern sehen die weißen ausgewaschen, ungesund, oft förmlich gespensterhaft aus. Schon als Knabe hatte ich daheim, zur Sklavenzeit vor dem Bürgerkrieg, Gelegenheit gehabt diese Beobachtung zu machen. Wahrhaft bewundernswert erschien mir aber die prächtige schwarze Haut der südafrikanischen Zulus aus Durban, die wie Atlas glänzte. Ich sehe sie noch vor mir, diese schwarzen Athleten, wie sie mit den Rickschas vor dem Hotel auf Kundschaft warteten. Die schönen Gestalten waren nur wenig verhüllt durch die leichte Sommerkleidung, deren schneeiges Weiß das tiefe Schwarz der Neger um so mehr hervortreten ließ. In Gedanken vergleiche ich jene Zulu-Gruppe mit den Bleichgesichtern, die soeben an meinem Fenster in London vorübergehen:

Erste Dame: Gesichtsfarbe: neues Pergament.

Zweite: Altes Pergament.

Dritte: Weiß und rot; sehr hübsch.

Ein Mann: Graues Gesicht mit roten Flecken.

Ein anderer Mann: Ungesunde, schuppige Haut.

Mädchen: Blaßgelb mit Sommersprossen.

Alte Frau: Weißlichgrau.

Metzgerbursche: Stark gerötetes Gesicht.

Gelbsüchtiger Mann: Helle Senffarbe.

Aeltere Dame: Farblose Haut mit zwei großen Muttermälern.

Aelterer Mann (dem Trunk ergeben): Kartoffelnase in einem welken, von feuerroten Falten durchzogenen Gesicht.

Gesunder junger Herr: Schöner, frischer Teint.

Kranker junger Herr: Weiß, wie ein Gespenst.

Die Hautfarbe unzähliger Menschen ist nur eine matte, charakterlose Abschattierung dessen, was wir fälschlich ›weiß‹ zu nennen pflegen. Manche Gesichter sind mit Pusteln bedeckt oder tragen sonstige Zeichen eines ungesunden Blutes, während andere grell abstechende Narben und Flecken haben. Im Gesicht des weißen Mannes läßt sich nichts verbergen; durch alle erdenklichen Zufälligkeiten werden seine Reize beeinträchtigt. Die Damen schminken und pudern sich, brauchen Schönheitswasser, Arsenik, und mancherlei Mittel um die Haut zu glätten; sie streicheln und schmeicheln, sie schmieren und wirtschaften an ihr herum und geben sich unsägliche Mühe sie zu verschönern. Alles umsonst. Doch liefern ihre Anstrengungen uns den besten Beweis, welche geringe Meinung sie von der Beschaffenheit der Haut im allgemeinen haben. Was sie sich nachzuahmen bestreben, gewährt die Natur nur sehr, sehr wenigen. Von hundert Personen haben neunundneunzig gewiß einen schlechten Teint, und wie lange vermag der Hundertste, dem ein guter verliehen ist, sich denselben zu erhalten? Höchstens zehn Jahre.

Nein, der Zulu ist entschieden im Vorteil. Er hat von Anfang an seine schöne Gesichtsfarbe und behält sie, solange er lebt. Und wie angenehm und wohltuend für das Auge ist erst das bestimmte, glatte, fleckenlose Braun des Inders; es braucht keine Farbe zu scheuen, es paßt zu allen und erhöht ihren Reiz. Daß sich der Durchschnittsteint des Weißen mit dieser wundervollen, köstlichen Färbung auch nur entfernt vergleichen ließe, davon kann gar keine Rede sein.

Doch kehren wir zum Bungalow zurück. Am prächtigsten gekleidet waren einige Kinder. Von den leuchtenden Farben ihrer kostbaren Stoffe und den Edelsteinen, mit denen sie behangen waren, ging ein förmlicher Strahlenglanz aus. Man hielt sie für Mädchen, und doch waren es Knaben, Natsch-Tänzer von Beruf. Einzeln, zu zweien oder zu vieren standen sie auf und tanzten und sangen zu den unheimlichen Klängen der Begleitung. Ihre Stellungen und Bewegungen waren höchst anmutig und kunstvoll, aber die Stimmen scharf und unangenehm und die Melodien größtenteils sehr eintönig.

Nicht lange, so erhob sich draußen ein lautes Hurra und Jubelrufen. Es galt dem Fürsten, der mit Gefolge seinen feierlichen Einzug hielt. Er war ein stattlicher Herr in wundervollem Kostüm, bedeckt mit Schnüren von Perlen und Edelsteinen; unter letzteren befanden sich einige Smaragde von erstaunlicher Größe, die in ganz Bombay wegen ihrer Schönheit und Kostbarkeit berühmt sind; das Auge konnte sich gar nicht satt daran sehen. Auch der kleine Prinz, der den Fürsten begleitete, war eine strahlende Erscheinung.

Langwierige Zeremonien fanden nicht statt. Der Fürst schritt mit ernster Würde und Majestät auf seinen Thron zu, neben welchem der des Prinzen stand. Feierlich saßen die beiden da, während sich rechts und links von ihnen das Gefolge gruppierte. Es war das getreue Abbild einer Schaustellung, wie wir sie oft in Büchern beschrieben finden. Seit Salomo einst die Königin von Saba empfing und seine Schätze vor ihr ausbreitete, haben die Fürsten aller Zeiten es für ihre Pflicht gehalten, sich mit solchem Gepränge zu zeigen.

Der Führer der Dschaina-Abordnung verlas seine Glückwunschadresse und steckte sie dann in ein schön verziertes Silberrohr, das er dem Fürsten ehrfurchtsvoll überreichte, worauf dieser es ohne weiteres einem seiner Beamten einhändigte. Ich will die Adresse hier mitteilen, denn es ist interessant zu sehen, wofür die Untertanen eines indischen Fürsten unter der heutigen englischen Herrschaft ihrem Monarchen alles zu danken haben. Zur Zeit seines Großvaters, vor anderthalb Jahrhunderten, als sich England noch nicht in die indische Verwaltung einmischte, hätte man sich bei der Dankadresse sehr kurz fassen können. In jenen Tagen der Freiheit würde das Volk dem Fürsten gedankt haben:

1. Daß er nicht aus bloßer Laune zu viele seiner Untertanen erschlagen habe.

2. Daß er sie nicht durch Erhebung willkürlicher Abgaben gänzlich ausgesogen und der Hungersnot preisgegeben habe.

3. Daß er nicht unter nichtigem Vorwand die Reichen getötet und ihr Vermögen eingezogen habe.

4. Daß er die Angehörigen des Königshauses nicht getötet, geblendet, eingekerkert oder verbannt habe, um seinen Thron gegen Verschwörungen zu sichern.

5. Daß er sich nicht habe bestechen lassen, irgend einen seiner Untertanen heimlich den Banden berufsmäßiger Thugs zu überliefern, damit sie ihn im Hinterhof des Fürstenschlosses nach Belieben ermorden und ausplündern konnten.

Das waren die gebräuchlichsten Maßregeln der Fürsten in alter Zeit; aber diese sowohl wie einige andere, nicht minder harte, sind unter der englischen Herrschaft schon längst abgeschafft worden. Bessere Mittel und Zwecke sind seitdem an ihre Stelle getreten, wie uns die Glückwunschadresse der Dschaina sofort beweisen wird. Dieselbe lautete:

»Allergnädigster Fürst! – Wir, die unterzeichneten Mitglieder der Dschaina-Gemeinde von Bombay, nähern uns Eurer Hoheit mit aufrichtiger Freude, um wegen der kürzlich erfolgten Ernennung Eurer Hoheit zum Ritter des erhabenen Sternordens von Indien, unsere herzlichsten Glückwünsche darzubringen. Vor zehn Jahren durften wir Eure Hoheit unter Umständen in dieser Stadt willkommen heißen, welche in der Geschichte Ihrer Herrschaft eine denkwürdige Episode bezeichnen; denn ohne die Besonnenheit und Großmut, welche Eure Hoheit in den Verhandlungen zwischen dem Palitana Dunbar und der Dschain-Gemeinde an den Tag legten, hätte der versöhnliche Geist unseres Volkes keine Frucht tragen können. Das war der erste Schritt Eurer Hoheit bei Uebernahme der Verwaltung, durch welchen Sie sich nicht nur die dankbare Anerkennung der Dschain-Gemeinde, sondern auch der Regierung von Bombay gesichert haben. Nachdem nun Eure Hoheit zehn Jahre lang alle Erfahrung, Kraft und Fähigkeit in den Dienst der Verwaltung gestellt hat, ist Eurer Hoheit verdientermaßen die erhabene und ehrenvolle Auszeichnung der Ernennung zum Ritter des Sternordens zu teil geworden, den kein anderer Fürst vom Range Eurer Hoheit, soviel wir wissen, je zuvor erhalten hat. Wir können Eurer Hoheit die untertänige Versicherung geben, daß wir auf diese Ehrenbezeigung aus der Hand Ihrer Majestät, unserer gnädigsten Kaiserin und Königin, nicht weniger stolz sind als Eure Hoheit selbst. Wir verdanken Eurer Hoheit während dieser zehn Jahre die Einrichtung vieler Faktoreien, Schulen, Hospitäler und dergleichen im Staate, und wir hoffen, daß Eure Hoheit noch lange mit Weisheit und bewährter Umsicht über das Volk herrschen werde, um die vielen von Eurer Hoheit gütigst angebahnten Reformen auch künftig in Gnaden zu fördern. Indem wir nochmals unsere wärmsten Glückwünsche aussprechen, verharren wir als Eurer Hoheit untertänigste Diener.«

Faktoreien, Schulen, Hospitäler, Reformen! Das sind die Sachen, welche die Fürsten Indiens neuerdings unterstützen und wofür sie Orden und Kanonen erhalten!

Auf die Adresse antwortete der Fürst kurz und bündig, dann unterhielt er sich noch ein paar Augenblicke mit dem einen oder andern der Gäste auf Englisch und mit mehreren Beamten in einer indischen Sprache; zuletzt wurden, wie gewöhnlich, Kränze verteilt und die Festlichkeit war zu Ende.

Sechstes Kapitel.

Jeder Mensch hat ein Geburtsrecht auf etwas, das alle seine andern Besitztümer überdauert – es ist sein letzter Atemzug.

Querkopf Wilsons Kalender.

Am selben Abend, gegen Mitternacht, wohnten wir noch einem andern Feste bei, nämlich einer Hindu-Hochzeit, oder richtiger gesagt, einer Verlobungsfeier. Bisher hatte sich auf den Straßen, durch die wir fuhren, stets ein buntes, malerisches Schauspiel entfaltet, sie waren von einer zahlreichen, lärmenden Menge angefüllt gewesen; jetzt fand nichts dergleichen statt. Es herrschte überall Totenstille; selbst das Geschrei der Krähen war verstummt. Aber leer konnte man die Straßen doch nicht nennen, denn auf dem Boden lagen schlafende Eingeborene zu Hunderten, der Länge nach ausgestreckt und bis über den Kopf fest in Decken gewickelt. So starr und regungslos lagen sie da, daß man sie für Tote halten konnte.

Damals hatte die Pest, welche jetzt in Bombay wütet, noch nicht ihren Einzug in die Stadt gehalten. Heute[1] stehen die Läden verödet da, die Hälfte der Bewohner hat die Flucht ergriffen und die Zurückgebliebenen kommen massenhaft an der Krankheit um. Ohne Zweifel sehen die Straßen jetzt bei Tage so aus wie damals zur Nachtzeit. Als wir immer weiter in dem Hindu-Viertel vordrangen und in enge, düstere Gassen gelangten, mußten wir sehr behutsam fahren, weil der Wagen beinah nicht Raum genug fand, um zwischen den Schläfern durchzukommen, die sich allenthalben gelagert hatten. Von Zeit zu Zeit huschte eine Schar Ratten in dem ungewissen Dämmerschein dicht vor den Hufen der Pferde vorüber – dieselben Ratten, welche jetzt in Bombay die Pest von Haus zu Haus schleppen. Die Kaufläden sind nur eine Art Verschläge – kleine Buden, die nach der Straße zu offen stehen. Man hatte die Waren fortgenommen und ganze Familien schliefen auf den Ladentischen, meist beim Schein einer Oellampe. Es sah aus wie eine Totenwacht.

[1] Der Verfasser schrieb dies 1897.

Endlich bogen wir um eine Ecke und hatten eine förmlich strahlende Beleuchtung vor uns. Das Haus der Braut war in ein Lichtmeer von Gasflammen getaucht, welche die mannigfaltigsten Figuren bildeten. Auch drinnen prangte alles in hellstem Glanze – Kostüme, Spiegel, Beleuchtung, Farben brachten im Verein mit der ganzen Ausschmückung der Räume eine so feenhafte Wirkung hervor, als hätte sie Aladdins Wunderlampe hergezaubert.

Die Braut war ein zierlich gebautes, schmuckes kleines Ding von zwölf Jahren, sehr kostbar gekleidet, aber mehr wie ein Knabe. Sie bewegte sich ungezwungen unter den Gästen oder blieb stehen, um sich mit diesem oder jenem zu unterhalten und ihren Hochzeitsschmuck befühlen und bewundern zu lassen. Am schönsten fand ich eine Schnur großer Diamanten, an welcher ein prächtiger Smaragd hing.

Der Bräutigam war nicht zugegen; er beging eine besondere Verlobungsfeier in seinem väterlichen Hause. Wie man mir sagte, mußte sowohl er wie die Braut eine Woche lang alle Abend Gäste empfangen, welche fast die ganze Nacht hindurch im Hochzeitshause blieben. Dann heirateten sich die Brautleute, falls sie noch am Leben waren. Die Kinder zählten beide zwölf Jahre – ein ältliches Paar nach indischen Begriffen – sie hätten schon seit einem Jahre verheiratet sein sollen; einem Fremden kamen sie freilich noch jung genug vor.

Etwas nach Mitternacht erschienen ein paar berühmte und hochgeschätzte Natsch-Tänzerinnen in den prachtvollen Sälen, um ihre Kunst zu zeigen. Zu ihrem Gesang und Tanz machten Männer auf sonderbaren Instrumenten eine unheimliche, lärmende Musik, bei deren Klängen mich eine Gänsehaut überlief. Ein Tanz der Mädchen sollte einen Schlangenzauber darstellen. Mir schien zwar die Flötenbegleitung, welche dazu ertönte, wenig geeignet, irgend etwas zu bezaubern, doch versicherte mir ein vornehmer Hindu, daß die Schlangen solche Musik sehr lieben; sie kommen aus ihren Höhlen heraus und lauschen ihr mit allen Zeichen von Wonne und Wohlbehagen. Bei einer Vorstellung in seinem Garten, sagte er, seien einmal sechs Schlangen von den Tönen der Flöte herbeigelockt worden und man hätte sie nicht bewegen können sich wieder zu entfernen, bevor die Musik zu Ende war. Ihre gefährliche Nähe war zwar keinem Anwesenden erwünscht, weil sie sich frech und allzu vertraulich benahmen, aber natürlich wollte niemand sie töten, denn der Hindu hält es für Sünde, irgend ein Geschöpf umzubringen.

Gegen zwei Uhr morgens verließen wir die Festlichkeit. Unterwegs sah ich noch ein Bild, das sich mir tief ins Gedächtnis eingeprägt hat. Eine glänzend erleuchtete Vorhalle, zu der mehrere Treppenstufen emporführten, überall schwarze Gesichter und gespenstische, weiße Gewänder; in ihrer Mitte eine wahre Riesengestalt, den Turban auf dem Haupte, mit einem Namen, der zu ihrer Größe paßte: Rao Bahadur Baskirao Balinkanje Pitale, Vakeel seiner Hoheit des Gaikawar von Baroda. Der Mann gehörte notwendigerweise zur Vervollständigung des Gemäldes, aber wenn er Smith hieße, hätte es den ganzen Eindruck verdorben. Auf beiden Seiten der engen Straße hatte man die Häuser in der bei den Hindus gebräuchlichen Weise illuminiert. Viele Dutzende von Gläsern mit brennenden Lichtern waren wenige Zoll von einander auf großen Lattengestellen befestigt, so daß sie leuchtende Sterne bildeten, deren Strahlenglanz sich grell von dem schwarzen Hintergrund abhob. Als wir weiter durch die düstern Gassen fuhren, verschmolzen in der Ferne alle Sternbilder zu einer einzigen Lichtmasse, die wie eine große Sonne in der Finsternis glühte.

Dann folgte wieder jene tiefe Stille; Ratten huschten über den Weg, überall lagen unbewegliche Gestalten auf der Erde und rechts und links sah man die offenen Buden gleich Särgen, in denen Leichen zu liegen schienen, welche von flackernden Totenlampen unheimlich beleuchtet wurden. Seitdem ist ein Jahr vergangen, und wenn ich die Kabeldepeschen aus Indien lese, meine ich das alles mit eigenen Augen im voraus gesehen zu haben, wie in einem prophetischen Traum. Die eine Depesche lautet: »In dem Stadtteil der Eingeborenen stocken die Geschäfte, die meisten Läden sind geschlossen. Man hört nur Klagelaute und den Schritt der Leichenträger, alles übrige Leben scheint erstorben.« In einer andern heißt es: »325 000 Bewohner haben die Stadt verlassen, und verbreiten die Pest über das ganze Land.« Drei Tage später kommt die Nachricht: »Die Einwohnerschaft ist auf die Hälfte herabgesunken.« Die Flüchtlinge haben die Epidemie in Karachi eingeschleppt. »220 Krankheitsfälle, 214 Tote.« Tags darauf: »52 neue Fälle, sämtlich mit tödlichem Verlauf.«

So fürchterliche Verwüstungen wie der ›Schwarze Tod‹ vermag keine Krankheit anzurichten, es gibt keine, welche ähnliches Grauen und Entsetzen im Gefolge hat. Wir können uns von dem Schrecken, der in solcher verpesteten Stadt herrscht, nur eine schwache Vorstellung machen. Zwar gibt die wilde Flucht einer halben Million Einwohner Zeugnis von ihrem Seelenzustand, aber wer schildert die Qual und Todesangst derer, die zurückbleiben müssen und sich rettungslos dem unaufhaltsam nahenden Verhängnis preisgegeben sehen?

Indien ist einzig in seiner Art und es hat das alleinige Recht auf verschiedene Spezialitäten von überwältigender Großartigkeit. Wenn irgend ein Land sonst eine Merkwürdigkeit besitzt, ist sie doch nicht sein ausschließliches Eigentum; man findet das Gegenstück in einem andern Lande. Aber Indien hat Wunderdinge erzeugt, die ihm allein gehören, niemand wagt sein Patentrecht anzutasten, Nachahmungen sind gänzlich ausgeschlossen. Und dabei welche Größenverhältnisse, welche Majestät! Wie fremdländisch und unheimlich sind die meisten dieser Erfindungen.

Von dem Schwarzen Tod haben wir schon gesprochen. Er ist Indiens eigenstes Werk. In Indien wurde dieser mächtige Fürst der Schrecken geboren.

Auch den Wagen des Juggernaut hat sich Indien ausgedacht. Desgleichen die Suttis. Es leben noch Menschen, zu deren Zeit sich achthundert Witwen in einem Jahre, freiwillig und unter Frohlocken, mit den Leichen ihrer Ehemänner verbrennen ließen. Noch in diesem Jahre würden es abermals achthundert tun, wenn die britische Regierung es ihnen gestattete.

Auch eine Hungersnot wie in Indien gibt es nirgends. Wenn anderswo Mangel eintritt, ist es ein verhältnismäßig unbedeutendes, vorübergehendes Ereignis; die indische Hungersnot aber bricht herein gleich einer verheerenden Flut und tötet Millionen, wo an andern Orten Hunderte sterben würden.

Indien hat zwei Millionen Götter und betet sie sämtlich an. In religiöser Beziehung sind alle andern Länder Bettler und Indien der einzige Millionär.

Alles nimmt dort einen Riesenmaßstab an – sogar die indische Armut hat nirgends auf Erden ihresgleichen. Der Reichtum aber verfügt über solche Schätze, daß man für die größten Summen ganz kurze Wörter erfinden mußte. Um hunderttausend auszudrücken, sagt man ein lakh, und ein crore bedeutet zehn Millionen.

Im Innern seiner Granitberge hat Indien, mit namenloser Geduld, Dutzende von großen Tempeln in den Fels gehauen, sie durch großartige Säulenhallen und Statuen geschmückt und ihre ewigen Mauern mit stolzen Gemälden bedeckt. Es hat sich starke Burgen von solchem Umfang errichtet, daß selbst die großen Musterfestungen der übrigen Welt dagegen wie Spielzeug aussehen. Seine Paläste sind aus dem erlesensten Baumaterial und mit so viel Feinheit und Kunstfertigkeit ausgeführt, daß man sie anstaunt wie Wunderwerke; um eins seiner Grabmäler – den Tadsch-Mahal – zu sehen, reisen die Menschen rund um die Erde. Achtzig Völker, die achtzig Sprachen reden, bewohnen das Land, ihre Zahl beläuft sich auf dreihundert Millionen.

Und zu Indiens merkwürdigsten Eigentümlichkeiten gehört noch das Kastenwesen und das Geheimnis aller Geheimnisse – die satanische Genossenschaft der Thugs.

Im Anfang aller Dinge hatte Indien einen Vorsprung vor der ganzen übrigen Welt. Es besaß die früheste Kultur, die erste Anhäufung materieller Reichtümer, eine Menge der tiefsten Denker, der größten Weisen, Fruchtbarkeit des Bodens, reiche Bergwerke und große Wälder. Hätte man da nicht meinen sollen, es würde seine Führerschaft auch ferner behaupten und eines Tages, statt sich in Demut einem fremden Machthaber zu unterwerfen, selbst die Welt beherrschen und jeder Nation, jedem Volksstamm der Erde Gesetze vorschreiben? – Und doch ist eine solche Oberherrschaft Indiens von jeher unmöglich gewesen. Wo es achtzig Völkerschaften und Hunderte von Regierungen gibt, kann von einheitlicher Macht nicht die Rede sein. Das Hauptgeschäft des Lebens wird Kampf und Streit, gemeinsame Ziele und Zwecke sind ausgeschlossen; aus solchen Elementen entsteht keine Weltherrschaft. Nicht nur durch die Verschiedenartigkeit der Sprachen, sondern vor allem durch das Kastenwesen mag die Zersplitterung entstanden sein. Dadurch wurde das Volk in einzelne Schichten geteilt und diese wieder in Ober- und Unterschichten, welche kein Gefühl der Zusammengehörigkeit miteinander verband. Bei solchen Zuständen war eine gesunde Entwicklung der Vaterlandsliebe völlig undenkbar.

Hätte es in Indien nicht so viele Reiche und Völker gegeben, so würden auch die Thugs dort schwerlich haben entstehen und gedeihen können. An jeder Grenze wurden Reisende und Kaufleute fortwährend belästigt, denn überall stießen sie auf Wächter und Zollhäuser; Dolmetscher, welche alle Sprachen verstanden, gab es so gut wie gar nicht, auch herrschte ein fortgesetzter Kriegszustand bald in diesen bald in jenen Reichen. Das alles hinderte die Sicherheit des allgemeinen Verkehrs und öffnete dem Räuberwesen Tür und Tor – was jedem gescheiten Menschen, den seine angeborene Neigung zu diesem Beruf trieb, auf der Stelle einleuchten mußte. Da es nun in Indien durchaus nicht an klugen Leuten fehlte, die sich zum Räuberwesen hingezogen fühlten, bildete sich auf ganz natürliche Weise die Genossenschaft der Thugs, um einem längst empfundenen Bedürfnis zu entsprechen.

Um welche Zeit das geschehen ist, weiß niemand; vermutlich schon vor Jahrhunderten. Was uns am meisten dabei Wunder nimmt ist, daß es gelingen konnte, die unheilvolle Verbindung so lange geheim zu halten. Englische Kaufleute hatten schon seit zweihundert Jahren in Indien Handel getrieben, ohne je etwas davon zu hören, und doch wurden alljährlich Tausende in ihrer nächsten Nähe von den Thugs umgebracht.

Daß es auch amtliche Berichte über die Thugs gibt, habe ich erst neuerdings erfahren. Es war mir von großem Wert, das betreffende Schriftstück eine Zeitlang zur Einsicht zu erhalten.

Siebentes Kapitel.

Feind und Freund müssen zusammen wirken, um unserm Herzen wehe zu tun; der eine streut die Verleumdung aus, der andere hinterbringt sie uns.

Querkopf Wilsons Kalender.

Aus dem Tagebuch. 28. Januar. – Wir machen jetzt Reisevorbereitungen, die hauptsächlich in der Anschaffung von Betten bestehen. Im Schlafwagen der Eisenbahn, manchmal auch in Privathäusern und in neun Zehnteln aller Hotels muß man Betten mitbringen. Das ist unbegreiflich und doch wahr. Die Einrichtung stammt aus alter Zeit und ist jetzt anscheinend unnötig, aber sie hat seltsamerweise alle Zustände überlebt, die sie einst zur Notwendigkeit machten. Als sie eingeführt wurde, gab es weder Eisenbahnen noch Hotels; der Weiße machte seine gelegentlichen Reisen zu Pferde oder im Ochsenwagen und fand die Nachtherberge auf einer der kleinen Poststationen, welche die Regierung in gewissen Entfernungen von einander anlegen ließ – sie boten ein Obdach, weiter nichts. Wer ein Bett haben wollte, mußte selbst dafür sorgen. Jetzt wohnen die ansässigen Engländer in geräumigen, bequem eingerichteten Häusern, und es muß sich ganz sonderbar ausnehmen, wenn ein halbes Dutzend Gäste in solche moderne Wohnung mit Decken und Kopfkissen einziehen, die sie überall herumwerfen. Doch der Mensch findet sich in alles, sobald es Sitte und Brauch ist.

Man kann die Betten, nebst einem Behälter aus Gummistoff im ersten besten Laden kaufen. Das hat nicht die geringste Schwierigkeit.


30. Januar. Vor Abgang des Zuges bot der Bahnhof ein merkwürdiges Schauspiel. Das Gebäude ist sehr groß, aber es war als hätte sich dort die ganze Welt versammelt: eine Hälfte drinnen, die andere draußen, alle mit berghohen Bettstücken und anderm Gepäck beladen. Beide Hälften versuchten zu gleicher Zeit aneinander vorbei durch eine enge Tür zu kommen. Diese zwei Menschenströme bestanden aus sanften, geduldigen, langmütigen Eingeborenen, unter denen sehr wenige Weiße verstreut waren. Nur die Hindu-Diener der Europäer legten zeitweise ihre natürliche Sanftmut ab und maßten sich das Vorrecht der Weißen an, alle Farbigen beiseite zu schieben, um rascher für sich Bahn zu machen. Es war eine Schande, wie herrisch und unverschämt sich zum Beispiel unser Satan dabei benahm. Vermutlich ist er auf einer früheren Stufe der Seelenwanderung ein fanatischer Thug gewesen.

Drinnen im Bahnhof fluteten Massen von Eingeborenen, in sämtliche Farben des Regenbogens gekleidet, nach allen Seiten wirr durcheinander. Voll Eifer und Hast, in der Angst sich zu verspäten, strömten sie nach den langen Wagenreihen hin, wo sie im Innern mit ihren Packen und Bündeln verschwanden, von immer neuen Menschenfluten gefolgt. Und mitten in diesem Wirrwarr und Getöse saßen – anscheinend in voller Gemütsruhe – zahlreiche Gruppen von Farbigen auf den nackten Steinfliesen: schlanke, braune Mädchen, alte, graue, runzlige Weiber, kleine Kinder mit weichen Gliedern, alte und junge Männer und braune Knaben; lauter arme Leute, aber der weibliche Teil, sowohl groß wie klein, mit billigen, glänzenden Ringen an Nase, Zehen, Armen und Beinen geschmückt, die vermutlich ihren einzigen Reichtum ausmachten. Schweigend und geduldig saßen sie da mit ihren armseligen Bündeln, Körben und Hausgeräten und warteten auf ihren Zug, der zu irgend einer Stunde des Tages oder der Nacht abfahren würde. Sie hatten die Zeit nicht gut berechnet, aber was schadete das – vom Schicksal war es so über sie verhängt, wozu sich da beunruhigen? Zeit hatten sie vollauf, endlose Stunden lagen vor ihnen, und was geschehen sollte, würde geschehen – keine Macht der Erde konnte es beschleunigen.

Die Eingeborenen reisten dritter Klasse für ein unglaublich billiges Fahrgeld. Man packte sie eng zusammen in Wagen, von denen jeder etwa fünfzig Personen fassen konnte. So geschah es oft, daß Brahminen der höchsten Kaste in persönliche Berührung mit Leuten aus der niedrigsten Kaste gebracht und folglich verunreinigt wurden, was natürlich jedem in die Verhältnisse Eingeweihten höchst anstößig vorkam. Es konnte sich leicht ereignen, daß ein Brahmine, der keine Rupie besaß, dicht neben den reichen Erbherrn aus einer niedern Kaste zu stehen kam, welcher Inhaber eines alten, mehrere Ellen langen Titels war. Trotz seiner erhabenen Würde mußte der arme Brahmine sich darein ergeben, denn falls einer von beiden Erlaubnis erhielt, bei den geheiligten Weißen Platz zu nehmen, so war es sicherlich nicht er, sondern der unwürdige Reiche. Der Zug hatte eine endlose Reihe solcher Wagen dritter Klasse, denn die Hindus reisen in ganzen Horden. Was für eine erbärmliche Nacht mögen sie da drinnen verlebt haben.

Als wir bei unserm Wagen anlangten, fanden wir Satan und Barney mit ihrem Gefolge von Hindus, welche Bettstücke, Sonnenschirme und Zigarrenkisten trugen, schon in voller Tätigkeit. Barney war eine Abkürzung; unsern zweiten Diener bei seinem eigentlichen Namen zu nennen hätte zuviel Zeit gekostet. Wir fanden die innere Einrichtung des Coupés keineswegs unbehaglich, aber von einer Einfachheit, wie man sie selbst in Frankreich und Italien nicht kennt. Die Wände aus billigen, zum Teil rohen Brettern gezimmert, mit dunkler Farbe angestrichen ohne alle Verzierung. Der Boden war ohne Decke, aber nur zu bald sollte fingerdicker Staub darauf liegen. An einer Seite des Coupés befand sich ein Netz zur Aufnahme des Handgepäcks, auf der entgegengesetzten eine Tür, die immer wieder aufsprang, man mochte sie schließen so oft man wollte; sie führte in einen kleinen Toiletteraum, wo man sein Handtuch aufhängen konnte, falls man eins hatte. Man kauft die Handtücher mit den Betten, auf der Eisenbahn werden keine geliefert. An jeder Seite der Wand lief der ganzen Länge nach ein breites Ledersofa hin, und über demselben hing an Riemen ein flaches Schlafbrett mit ledernem Ueberzug; es wird nachts heruntergelassen und bei Tage an der Wand fest gemacht, wo es niemand im Wege ist. So bleibt der große Mittelraum frei und man kann sich ungehindert darin ausbreiten. Eine so bequeme Einrichtung habe ich noch in keinem Lande gefunden, auch ist man ganz ungestört, weil meistens nur zwei Fahrgäste in einem Coupé sitzen; aber selbst vier Personen haben hinreichend Platz, ohne einander im geringsten zu beengen. Sogar auf unsern amerikanischen Eisenbahnen, die sonst besser sind als alle andern, fühlt man sich nicht so gemütlich wie hier, weil zu viele Reisende in einem Wagen fahren.

Ueber den Sofas befanden sich längs des ganzen Coupés große blaugefärbte Fensterscheiben. Das blaue Licht sollte die Augen vor dem blendenden Sonnenschein schützen, und wer Luft haben wollte, ließ die Fenster herunter. Zwei Oellampen an der Decke brannten so hell, daß man lesen konnte, wollte man es dunkel haben, so zog man einen Schirm aus grünem Stoff davor.

Während wir vor der Abfahrt draußen noch mit Freunden sprachen, ordneten Barney und Satan drinnen unser Handgepäck, samt Büchern, Früchten und Sodawasserflaschen in den Netzen; die Bettsäcke und das schwere Gepäck schafften sie in das Waschkabinett, hingen Mäntel, Sonnenhelme und Handtücher auf die Haken und befestigten die beiden Schlafbretter an der Wand; dann nahmen sie ihre eigenen Betten auf die Schulter und begaben sich nach der dritten Klasse.

So waren wir nun in dem hübschen, großen, hellen, luftigen und behaglichen Raum ganz für uns, konnten nach Belieben auf- und abgehen, uns hinsetzen und schreiben oder bequem ausgestreckt lesen und rauchen. Die Mitteltür am vorderen Ende des Coupés führte in ein zweites, genau ebenso eingerichtetes, das meine Frau und Tochter inne hatten. Als wir gegen neun Uhr abends an einer Station hielten, fanden sich Barney und Satan wieder ein; sie schnallten die großen Bettsäcke auf und ordneten die Matratzen, Bettücher, bunten wollenen Decken und Kopfkissen auf den Sofas beider Coupés zu einem vollständigen Lager. Zimmermädchen gibt es in Indien nicht, offenbar ist weibliche Bedienung dort ganz unbekannt. Zuletzt schlossen die Diener die Verbindungstür, räumten flink bei uns auf, legten unsere Nachthemden aufs Bett, stellten die Pantoffeln zurecht und zogen sich wieder in ihr Quartier zurück.


31. Januar. Mir war das alles ganz neu und ich fühlte mich so behaglich, daß ich solange wie möglich wach blieb und einen Bericht über die merkwürdigen Thugs las. Sie folgten mir auch in meine Träume und wollten mich erdrosseln. Ihr Anführer war der riesengroße Hindu, welcher mir bei meiner Rückkehr von jener Verlobungsfeier um zwei Uhr nachts in der grellen Beleuchtung einen so malerischen Eindruck gemacht hatte – Rao Bahadur Baskirao Balinkanje Pitale, Vakeel des Gaikawar von Baroda. Durch ihn war mir die Einladung seines Herrn überbracht worden, welche mich nach Baroda rief, um dem Fürsten eine Vorlesung zu halten; ich war auf dem Wege dahin, und jetzt behandelte mich der Mensch so schlecht! Aber im Traum ist ja alles möglich.

Baroda. – Wir kamen um sieben Uhr morgens an, als es eben dämmerte. Es war ungemütlich, zu so früher Stunde an einem fremden Orte auszusteigen, zumal die matt schimmernden Laternen im Bahnhof uns den Eindruck machten, als sei es noch Nacht. Allein die Herren, die sich mit großer Dienerschaft zu unserm Empfang eingefunden hatten, ließen uns keine Zeit zum Besinnen. Bald waren wir draußen, dann ging es rasch weiter im milden Dämmerlicht und binnen kurzem hatte man uns alle behaglich untergebracht. Zahlreiche Diener standen zu unserer Verfügung, deren Aufseher so vornehme Beamte waren, daß es uns ordentlich in Verlegenheit setzte. Wir fügten uns jedoch der Landessitte, das Benehmen der Herren war höchst verbindlich und gastfreundlich, sie sprachen einheimisches Englisch, es ging alles vortrefflich und das Frühstück kam uns sehr gelegen.

Jenseits der Wiese sah man durch das offene Fenster einen indischen Brunnen; zwei Ochsen gingen mit langsamen Schritten den allmählich abfallenden Weg herauf und hinunter, um Wasser zu ziehen. Das Klagegestöhn der Maschine unterbrach die Stille, es waren nicht gerade melodische Laute, aber doch lag eine sanfte, träumerische Schwermut darin, als wehklagten abgeschiedene Geister und als würden alte Erinnerungen wieder lebendig; denn natürlich pflegten die Thugs ihre Opfer in jenen Brunnen zu werfen, nachdem sie ihnen den Garaus gemacht hatten.

Nach dem Frühstück begann für uns ein sehr ereignisreicher Tag. Wir fuhren auf gewundenen Pfaden durch einen ungeheuren Park mit stolzen Waldbäumen, dicht verschlungenen Dschungels und einem Gewirr von allerlei reizenden Gewächsen. An einer Stelle stürmten plötzlich drei große graue Affen quer über den Weg. Das war keine angenehme Ueberraschung; solche Bestien gehören in eine Menagerie, in der Wildnis machen sie einen unnatürlichen Eindruck und sind nicht an ihrem Platze.

Mit der Zeit erreichten wir die Stadt und fuhren mitten hindurch. Sie war ganz und gar indisch, vermodert und zerfallen und schien über alle Begriffe alt zu sein. Höchst merkwürdig fanden wir die Häuser, deren ganze Vorderseite mit schön verschlungener Holzschnitzerei geschmückt war, die der feinsten Spitzenarbeit glich, und außerdem mit rohen Bildwerken, welche Elefanten, Fürsten und Götter in den schreiendsten Farben darstellten.

In den engen, winkligen Gassen lag im Erdgeschoß ein Laden am andern; die winzigen Buden waren über und über mit unglaublichem Krimskrams angefüllt, der verkauft werden sollte, oder es hockten darin fast völlig nackte Eingeborene bei ihrer Arbeit; sie klopften, hämmerten, verlöteten und bronzierten allerlei, sie nähten, kochten, maßen Korn ab und mahlten es oder besserten Götzenbilder aus; gleichzeitig wälzte sich eine zerlumpte, lärmende Menschenschar unter den Hufen unserer Pferde und allenthalben umher. Und dazu diese Gerüche, diese Dünste, dieser Gestank! Es war alles wundervoll und entzückend!

Man stelle sich einmal vor, wie es sein muß, wenn ein Zug Elefanten durch solche enge Straßen schreitet, auf beiden Seiten anstößt und die Farbe von den Häusern wetzt. Wie groß müssen die Tiere und wie klein dagegen die Gebäude aussehen! Und wenn die Elefanten gar in ihren glänzenden Hof-Schabracken einherkommen, welcher Abstand gegen diese schmutzige, armselige Umgebung! Liefe nun einmal ein Elefant in rasender Wut durch diese Stadtteile und schlüge nach rechts und links mit dem Rüssel um sich, wie sollten ihm da die Menschenmassen ausweichen? Daß Elefanten manchmal Wutanfälle bekommen ist ja eine erwiesene Sache.

Wie alt mag die Stadt wohl sein? Man kommt an massiven Bauwerken und Denkmälern vorbei, die so zerfallen und abgelebt aussehen, so müde und altersschwach, so verstört und verdummt vor lauter Anstrengung sich an Dinge zu erinnern, die sie längst vergessen hatten, ehe es überhaupt eine Geschichte gab, daß man meinen sollte, sie stünden seit Erschaffung der Welt auf ihrem Fleck. Baroda ist eins der ältesten Reiche Indiens; es hat sich von jeher durch barbarische Pracht und Herrlichkeit und die unermeßlichen Schätze seiner Fürsten berühmt gemacht.

Als wir die Stadt hinter uns gelassen hatten, fuhren wir lange durch offenes Gelände an abgelegenen Dörfern vorbei, die ganz von tropischen Pflanzen überwuchert waren. Ueberall herrschte Sabbatstille und man hatte das Gefühl tiefster Einsamkeit, denn die Eingeborenen glitten wie Geister vorüber, man vernahm keinen Tritt ihrer nackten Füße; andere sah man gleich Traumgestalten in der Ferne verschwinden. Dann und wann zog eine Reihe stattlicher Kamele auf den leisen Sohlen, die ihnen die Natur verliehen hat, geräuschlos an uns vorbei – ein interessanter Anblick. Nur einmal ward die tiefe Ruhe dieses Paradieses unterbrochen, als ein Zug eingeborener Strafgefangener mit dem Aufseher daherkam und wir das Klirren ihrer Ketten vernahmen. An einem entlegenen Orte ruhte ein heiliger Mann unter einem Baum – ein nackter, schwarzer Fakir. Er war nichts als Haut und Knochen und über und über mit weißlichgrauer Asche bestreut.

Nach einiger Zeit kamen wir zu den Elefantenställen und ich machte einen Spazierritt. Man forderte mich dazu auf; ich selbst hatte nicht das geringste Verlangen danach, aber ich tat es doch, damit man nicht denken sollte, ich hätte Angst – was allerdings der Fall war. Auf Befehl kniet der Elefant nieder – erst mit einem Vorderbein, dann mit dem andern – man steigt die Leiter hinauf in die Howdah, das Zelt auf seinem Rücken, dann erhebt er sich wieder – erst eine Seite, dann die andere – gerade wie ein Schiff über die Wogen fährt; wenn er dann mit Riesenschritten umhergeht, erinnert auch sein Schwanken an die Bewegung eines Schiffes. Sein Treiber, der Mahout, bohrt ihm mit einem großen, eisernen Stachelstock in den Hinterkopf; man verwundert sich über des Mannes Kühnheit und erwartet jeden Augenblick, daß der Elefant die Geduld verlieren wird, aber es geschieht nichts dergleichen. Der Treiber redet dem Elefanten die ganze Zeit über mit leiser Stimme zu; dieser scheint ihn auch zu verstehen und ganz vergnügt zu sein, er gehorcht wenigstens jedem Befehl aufs bereitwilligste. Unter den fünfundzwanzig Elefanten waren zwei so große, wie sie mir noch nie vorgekommen sind. Hätte ich geglaubt, daß ich mir die Furcht abgewöhnen könnte, so würde ich mir einen davon hinter dem Rücken der Polizei angeeignet haben.

In dem Howdah-Haus sah ich viele silberne Sessel, auch einen von Gold und einen von altem Elfenbein; Kissen und Baldachine waren aus reichen, kostbaren Stoffen. Die Garderobe der Elefanten befand sich gleichfalls dort: ungeheuere Sammetdecken mit schwerer Goldstickerei, silberne und goldene Glocken, welche mit Stricken aus kostbarem Metall befestigt werden, und riesige Reifen von massivem Gold, die der Elefant an den Fußgelenken trägt, wenn er sich aus Staatsrücksichten bei einer Prozession beteiligt.

Die Kronjuwelen bekamen wir leider nicht zu sehen, worüber wir sehr enttäuscht waren, denn ihre Menge und Kostbarkeit ist so außerordentlich, daß sie die zweitgrößte Sammlung in Indien bilden. Statt dessen zeigte man uns irrtümlicherweise den neuen Palast, mit dessen Besichtigung wir alle Zeit verschwendeten, die uns noch zur Verfügung stand. Das war sehr schade, denn der neue Palast ist ein europäisch-amerikanischer Mischmasch, von dem sich nur sagen läßt, daß er Unsummen gekostet hat. Nach Indien paßt er ganz und gar nicht; es ist eine Frechheit von ihm, sich dort einzudrängen. Der Baumeister hat zu seinem Glück rechtzeitig die Flucht ergriffen. Hier wären die Thugs am Platze gewesen; man hat doch unrecht getan, sie ganz zu unterdrücken. Der alte Palast dagegen ist orientalisch, wundervoll und wie für das Land geschaffen. Er wäre schon groß, wenn er nur aus der mächtigen Halle bestände, in denen die Durbars, die Staatsaudienzen des Fürsten stattfinden. Zu Vorlesungen ist sie nicht geeignet wegen der verschiedenen Echos, aber für Durbars und sonstige Staatsaktionen, zu denen man sie braucht, ist sie ausgezeichnet. Wenn die Halle mir gehörte, würde ich jeden Tag ein Durbar halten und nicht nur zweimal im Jahre, wie es hier geschieht.

Der Fürst ist ein gebildeter Herr, er besitzt europäische Kultur und ist fünfmal in Europa gewesen. Man sagt, daß dies ein kostbares Vergnügen für ihn ist, da er sich manchmal bei der Ueberfahrt genötigt sieht aus Gefäßen zu trinken, deren sich auch andere Leute bedienen, und das verunreinigt seine Kaste. Um wieder zu Ehren zu kommen muß er nach verschiedenen berühmten Hindutempeln wallfahrten und dort ganze Vermögen opfern. Seine Untertanen sind sehr fromm, wie alle Hindus, und würden sich nicht zufrieden geben, solange ihr Fürst unrein ist.

Wenn wir auch die Juwelen nicht besichtigen konnten, so haben wir doch die silberne und die goldene Kanone des Fürsten gesehen – es schienen mir Sechspfünder zu sein. Sie werden nur bei ganz besondern Staatsangelegenheiten zum Salutschießen gebraucht. Ein Ahnherr des jetzigen Gaikawar ließ die silberne Kanone anfertigen und einer seiner Nachfolger bestellte eine goldene, um ihn auszustechen. Derartige Geschütze passen vortrefflich nach Baroda, wo man seit alter Zeit Schaugepränge in großem Stil geliebt hat. Für Rajahs und Vizekönige, die dort zum Besuch kamen, veranstaltete man oft Tiger- und Elefantenkämpfe, Illuminationen und Elefanten-Prozessionen von wahrhaft großartiger Pracht.

Was ist dagegen unser Zirkus mit all seiner Herrlichkeit! –

Achtes Kapitel.

Hätte der Mensch immer Gelegenheit zum Morden, wenn ihn Mordlust überfällt, so kämen viele an den Galgen.

Querkopf Wilsons Kalender.

Auf der Eisenbahn. Vor fünfzig Jahren, in meiner Knabenzeit, drangen in unser entlegenes, schwach bevölkertes Mississippi-Tal sagenhafte Gerüchte von einer Genossenschaft berufsmäßiger Mörder, die in Indien hausen sollte, einem Lande, das uns tatsächlich ebenso fern lag wie die Sterne, die droben am Himmel funkelten. Man erzählte, es gäbe dort eine Sekte, deren Mitglieder sich Thugs nennten und zu Ehren eines Gottes, dem sie dienten, den Wanderern an einsamen Orten aufzulauern und sie umzubringen pflegten. Jeder hörte diesen Geschichten gern zu, aber man glaubte sie nicht, oder doch nur mit Vorbehalt. Man nahm an, daß sie sich auf dem weiten Wege bis zu uns lawinenartig vergrößert hätten, auch waren sie bald wieder verschollen. Da erschien Eugène Sues ›Ewiger Jude‹ und machte eine Zeitlang viel von sich reden. Eine Figur des Romans ist ›Feringhea‹, der furchtbare, geheimnisvolle Inder, ein Häuptling der Thugs, glatt, listig und todbringend wie eine Schlange. Durch ihn wurde das Interesse für die Thugs von neuem erweckt, aber nach kurzer Zeit schlief es abermals ein und zwar auf immer.

Dies mag wohl auf den ersten Blick befremdlich erscheinen, doch war es der natürliche Lauf der Dinge, wenigstens auf unserer Halbkugel. Was man von den Thugs wußte, stammte der Hauptsache nach aus einem Regierungsbericht, von dem in Amerika schwerlich jemals etwas verlautet ist. Man pflegt dergleichen amtliche Schriftstücke nicht ohne weiteres in Umlauf zu setzen; nur gewissen Leuten läßt man sie zukommen, und ob diese sie lesen ist noch sehr die Frage. Ich selbst habe vor einigen Tagen zum allererstenmal von diesem Bericht gehört und ihn mir zu verschaffen gewußt. Er fesselt mich ungemein und macht jene alten Märchen aus meinen Knabenjahren zur Wirklichkeit.

Major Sleeman, der in Indien diente, hat das Thug-Buch, von dem ich rede, im Jahr 1839 abgefaßt. Es wurde 1840 in Kalkutta herausgegeben, ein dicker, plumper Band, der uns zwar keine hohe Meinung vom damaligen Stand der Buchdruckerkunst beibringt, aber vielleicht als Erzeugnis einer amtlichen Druckerei aus alter Zeit und fernen Landen gar nicht so übel war. Dem Major fiel die Riesenaufgabe zu, Indien von den Thugs zu befreien und er hat sie mit siebzehn Gehilfen, die unter seiner Oberleitung standen, glücklich vollbracht. Die Reinigung der Augiasställe war nichts dagegen.

Damals schrieb Hauptmann Valencey in einer Zeitung, die in Madras erschien: »Wenn der Tag kommt, an dem jenes weit verbreitete Uebel in Indien ausgerottet und nur noch dem Namen nach bekannt ist, wird dies viel dazu beitragen, die britische Herrschaft im Orient auf ewige Zeiten zu befestigen.«

Er hat die Größe und Schwierigkeit des Werkes, durch dessen Vollendung sich England ein unsterbliches Verdienst erworben hat, in keiner Weise überschätzt.

Von dem Vorhandensein der furchtbaren Sekte waren die britischen Behörden schon seit 1810 unterrichtet, doch ahnte kein Mensch ihre weite Ausdehnung; man legte ihr nur geringe Bedeutung bei und erst 1830 wurden systematische Maßnahmen zu ihrer Unterdrückung getroffen. Damals war es Major Sleeman gelungen, den Thug-Häuptling Eugène Sues in seine Gewalt zu bekommen, und der furchtbare Feringhea ließ sich bewegen Kronzeuge zu werden. Die Enthüllungen, die er machte, waren so ungeheuerlicher Art, daß sie Sleeman ganz unglaublich schienen. Er hatte in dem Wahn gelebt, er kenne sämtliche Verbrecher in seinem Bezirk und hatte die schlimmsten höchstens für Diebe und Spitzbuben gehalten. Feringhea machte dem Major jedoch klar, daß er die ganze Zeit über von Scharen berufsmäßiger Mörder umgeben gewesen sei, die ihre Opfer in seiner nächsten Nähe begruben. Sleeman hielt das für Hirngespinste, aber Feringhea sagte: »Komm und siehe selbst!« Er führte ihn an eine Grube, in der hundert Leichname lagen, erzählte ihm alle näheren Umstände ihrer Ermordung und nannte die Namen der Thugs, welche die Tat vollbracht hatten. Sleeman traute seinen Augen kaum; er nahm einige von jenen Thugs gefangen und stellte Einzelverhöre mit ihnen an, nachdem er Sorge getragen, daß sie sich nicht unter einander verständigen konnten. Auf die unbeglaubigten Aussagen eines Inders wollte er sich nicht verlassen. Aber, o Schrecken! die gesammelten Zeugnisse ergaben nicht nur, daß Feringhea die Wahrheit geredet hatte, sondern lieferten zugleich den Beweis, daß die Banden der Thugs in ganz Indien ihr furchtbares Gewerbe trieben. Nun tat die Regierung ernstliche Schritte zur Vertilgung der Sekte und man verfolgte sie zehn Jahre lang mit unerbittlicher Strenge, bis sie gänzlich ausgerottet war. Eine Räuberbande nach der andern wurde gefangen, vor Gericht gestellt und bestraft. Ueberall spürte man die Thugs in ihren Schlupfwinkeln auf und machte Jagd auf sie. Die Regierung brachte alle ihre Geheimnisse ans Licht und ließ die Namen sämtlicher Mitglieder der Banden, sowie den Geburtsort und Wohnplatz jedes einzelnen aufs genauste verzeichnen.

Die Thugs waren Anbeter des Gottes Bhowanee, dem sie alle Wanderer opferten, welche ihnen in die Hände fielen. Die Sachen der Getöteten behielten sie jedoch für sich: dem Gotte war nur an dem Leichnam etwas gelegen. Bei der Aufnahme in die Sekte fanden feierliche Zeremonien statt; jeder neue Bekenner wurde unterwiesen, wie er die Erdrosselung mit dem heiligen Tuch zu vollziehen habe, doch war ihm erst nach langer Uebung gestattet, selbständig handelnd vorzugehen. Nur ein erfahrener Würger war im stande, die Erdrosselung so rasch zu bewerkstelligen, daß der dem Tode Geweihte auch keinen Laut mehr von sich geben konnte; jeder dumpfe Schrei, jedes Stöhnen, Seufzen oder Schnappen nach Luft mußte verhindert werden. In einem Augenblick schlang sich das Tuch um den Hals des Opfers, es ward plötzlich zusammengezogen, der Kopf fiel lautlos nach vorn, die Augen traten aus ihren Höhlen und alles war vorüber. Vornehmlich gaben die Thugs wohl acht, daß sie auf keinen Widerstand stießen, auch forderten sie ihr Opfer meist auf sich niederzusetzen, weil sich das Geschäft so am bequemsten verrichten ließ.

Alle Zustände und Einrichtungen Indiens waren den Thugs ausnehmend günstig: Eine öffentliche Fahrgelegenheit gab es nicht, man konnte auch kein Gefährt mieten. Der Reisende mußte zu Fuß gehen, wenn er nicht einen Ochsenwagen benützen oder sich ein Pferd für die Gelegenheit kaufen konnte. Sobald er die Grenze seines kleinen Fürstentums überschritten hatte, war er unter Fremden; dort kannte ihn niemand, er blieb unbeachtet, kein Mensch vermochte mehr anzugeben, wohin er seine Schritte gelenkt hatte. Weder in Städten noch Dörfern pflegte der Reisende einzukehren; er hielt außerhalb derselben Rast und schickte seine Diener in den Ort, um Lebensmittel zu kaufen. Einzelne Höfe gab es nicht; auf der öden Strecke zwischen zwei Dörfern fiel der Wanderer dem Feinde leicht zur Beute, besonders da er meist bei Nacht weiterzog, um der Hitze zu entgehen. Unterwegs gesellten sich häufig Fremdlinge zu ihm und boten ihm an, zu gegenseitigem Schutz die Fahrt gemeinsam fortzusetzen; das waren meistens Thugs, wie der Wanderer bald zu seinem Verderben erfuhr. Die Güterbesitzer, die eingeborene Polizei, die kleinen Fürsten, die Dorfrichter und Zollwächter steckten oft mit den Räubern unter einer Decke, gewährten ihnen Schutz und Obdach und lieferten ihnen die Reisenden aus, um Anteil an der Beute zu haben. Dadurch ward es der Regierung zuerst fast unmöglich gemacht die Uebeltäter zu fangen, weil die wachsamen Freunde ihnen zur Flucht verhalfen. Und so zogen denn handeltreibende Leute aus allen Kasten und Ständen, paarweise oder in Gruppen, schutzlos, bei schweigender Nacht, auf den Pfaden des weiten Ländergebiets einher, Kostbarkeiten, Geld, Juwelen, kleine Seidenballen, Gewürze und allerlei Waren mit sich führend – es war ein Paradies für die Thugs.

Bei Eintritt des Herbstes pflegte die Genossenschaft ihre zum voraus verabredeten Zusammenkünfte zu halten. Um sich untereinander zu verständigen brauchten die Thugs, selbst wenn sie aus den verschiedensten Gebieten stammten, keine Dolmetscher wie andere Völker. Sie hatten ihre eigene Sprache und geheime Zeichen, an denen sich die Genossen erkannten; alle waren untereinander befreundet, selbst die Unterschiede der Kaste und Religion traten in den Hintergrund, wo Hingebung an den Beruf ins Spiel kam. Der Moslem und der Hindu aus höherer oder niederer Kaste, standen sich als Thugs gleich Brüdern treulich zur Seite.

War eine Bande versammelt, so ward Gottesdienst gehalten und man wartete auf die Omen. Das Geschrei verschiedener Tiere hatte eine gute oder schlechte Vorbedeutung, wie jedermann wußte. Erfolgte ein böses Omen, so gab man das Vorhaben auf und die Leute gingen wieder nach Hause.

Schwert und Tuch galten als heilige Symbole der Thugs. Das Schwert beteten sie daheim an, ehe sie zur Versammlung gingen, und das Tuch, mit dem sie ihre Opfer würgten, verehrten sie gemeinschaftlich. Meist verrichtete der Häuptling der Bande die religiösen Zeremonien selbst, nur die Kaets beauftragten damit gewisse angestellte Erwürger, Chaurs genannt. Diese Kaets hielten so streng an ihren gottesdienstlichen Gebräuchen fest, daß es nur dem Chaur gestattet war, die geheiligten Gefäße und was sie sonst dabei benützten, anzurühren.

Zwei charakteristische Merkmale sind dem Raubsystem der Thugs besonders eigen: die größte Vorsicht, Ausdauer und Geduld bei Verfolgung der Beute und gänzliche Erbarmungslosigkeit im Moment der Tat.

Vor allem richteten sie ihr Augenmerk darauf, daß sie an Zahl der Reisegesellschaft, welcher ihr Angriff galt, mindestens vierfach überlegen waren. Offene Feindseligkeiten vermieden sie und überfielen ihre Opfer nur, wenn diese nichts Böses ahnten. Oft reisten sie tagelang in ihrer Gesellschaft und suchten durch allerlei Künste ihr Vertrauen und ihre Freundschaft zu gewinnen. Sobald ihnen dies gelungen war, gingen sie an ihr eigentliches Geschäft: Zuerst wurden ein paar Thugs vorausgeschickt, um bei dunkler Nacht den günstigsten Schauplatz für die Ermordung zu wählen und die Gräber zu graben. Wenn die übrigen den Ort erreichten, ward unter dem Vorwand, etwas zu rasten und eine Pfeife zu rauchen, Halt gemacht. Man schlug der Gesellschaft vor, sich niederzusetzen. Auf einen Wink des Hauptmanns nahmen einige Thugs den Reisenden gegenüber Platz, andere setzten sich neben sie und fingen ein Gespräch mit ihnen an, während die geübtesten Würger sich, des verabredeten Zeichens harrend, in ihrem Rücken aufstellten. Dies Zeichen war gewöhnlich irgend eine alltägliche Bemerkung: »Bringt den Tabak,« oder etwas derart. Oft verging noch eine beträchtliche Zeit, nachdem jeder der Handelnden seinen bestimmten Platz eingenommen hatte; der Hauptmann wartete erst, ob auch alles ganz sicher sei. Unterdessen spann sich die Unterhaltung einförmig weiter; düstere Gestalten huschten im Hintergrund hierhin und dorthin bei dem ungewissen Dämmerschein; die Nacht war still und friedlich und die Reisenden überließen sich arglos der angenehmen Ruhe, ohne zu ahnen, daß die Todesengel sie von allen Seiten umgaben. Jetzt war der Augenblick da; das verhängnisvolle Wort: »Bringt den Tabak,« wurde gesprochen. Sofort entstand eine rasche aber lautlose Bewegung. Im gleichen Moment hielten die Männer, welche neben den Reisenden saßen, ihre Hände fest, die vor ihnen ergriffen ihre Füße und taten einen kräftigen Ruck, während ein Mörder jedem Opfer von hinten das Tuch um den Kopf schlang und zuzog – der Kopf des Erdrosselten sank auf die Brust, das Trauerspiel war zu Ende. Nun wurden die Leichen ausgeplündert, und in den Gräbern verscharrt; darauf packte man die Beute zusammen, die mitgenommen werden sollte. Nachdem dann die Thugs noch zum Schluß dem Gotte Bhowanee ihren frommen Dank dargebracht hatten, zogen sie weiter, um noch mehr heilige Taten zu verrichten.

Aus Major Sleemans Bericht ergibt sich, daß die Reisenden meist in kleiner Anzahl beisammen waren, in der Regel nicht mehr als zwei, drei oder vier. Die Thugs dagegen zogen in Banden von zehn, fünfzehn, fünfundzwanzig, vierzig, sechzig, hundert, hundertfünfzig, zweihundert, zweihundertundfünfzig Mann umher, ja, es wird sogar eine Bande von dreihundertzehn Mann erwähnt. Bei solcher starken Ueberzahl kann man ihren Fang nicht besonders groß nennen, wenn man bedenkt, daß sie durchaus nicht wählerisch waren, sondern wo und wie sie konnten jeden umbrachten, ob reich oder arm, oft sogar Kinder. Manchmal töteten sie auch Frauen, aber das galt für sündhaft und brachte Unglück. Die günstige Jahreszeit für ihre Raubzüge dauerte sechs bis acht Monate. In einem solchen Jahrgang töteten zum Beispiel die sechs Banden von Bundelkund und Gwalior, welche zusammen 712 Köpfe zählten, 210 Menschen. Die Thugs von Malwa und Kandeisch waren 702 Mann stark und mordeten 232. Die Kandeisch- und Berar-Banden, 963 Mann, brachten 385 Leute um.

Bettler gelten in Indien für heilig, und manche Banden schonten ihr Leben, andere dagegen mordeten nicht nur sie, sondern sogar den Fakir, diesen Inbegriff aller Heiligkeit, der nichts als Haut und Knochen ist, sich Staub und Schmutz auf das buschige Haupthaar streut und seinen nackten Körper über und über mit Asche bepudert, daß er aussieht wie ein Gespenst. Mancher Fakir verließ sich jedoch allzu fest auf seine unverletzliche Heiligkeit. Von einem solchen Fall wird uns in Sleemans Buch unter andern Großtaten Feringheas berichtet. Er war einmal mit vierzig Thugs ausgezogen und sie hatten schon neununddreißig Männer und eine Frau getötet, ehe der Fakir zum Vorschein kam.

»Wir näherten uns Doregow,« lautete der Bericht, »trafen auf drei Brahminen, dann auf einen Fakir zu Pferde, der sich ganz mit Zucker bekleistert hatte, um die Fliegen herbeizulocken, von denen er über und über bedeckt war. Wir jagten ihn fort und töteten die drei andern.

»Hinter Doregow stieß der Fakir nochmals zu unserer Gesellschaft und zog mit uns bis Raojana; wir begegneten sechs Hindus, die von Bombay nach Nagpore wollten. Den Fakir vertrieben wir durch Steinwürfe, töteten die sechs Leute in ihrem Lager und begruben sie im Gebüsch.

»Am nächsten Tage stellte sich der Fakir wieder ein; erst in Mana wurden wir ihn los. Hinter dem Orte trafen wir drei Sepoys und hatten fast den Platz erreicht, der zu ihrer Ermordung bestimmt war, als der Fakir abermals erschien. Nun endlich riß uns die Geduld und wir gaben Mithoo, einem unserer Gefährten, fünf Rupien, daß er ihn umbringen und die Sünde auf sich nehmen sollte. Alle vier wurden erdrosselt, also auch der Fakir. In seinem Gepäck fanden sich zu unserer Ueberraschung dreißig Pfund Korallen, dreihundert fünfzig Schnüre kleine Perlen, fünfzehn Schnüre große Perlen und ein vergoldetes Halsband.«

Ob wohl Mithoo, der allein die Sünde trug, sich die unerwartete Beute ganz aneignen durfte, oder ob er sie mit den Gefährten teilen mußte und nur die Sünde für sich behielt? – Wie schade, daß der Regierungsbericht uns gerade diesen interessanten Umstand verschweigt!

Feringhea fürchtete sich selbst nicht vor den Mächtigen der Erde. Einen Elefantentreiber des Rajahs von Oodeypore erdrosselte er ohne weiteres. Er hat auf jenem Raubzug nicht weniger als hundert Männer und fünf Frauen umgebracht.

Unter den Unglücklichen, welche den Thugs zum Opfer fielen, waren Personen jeden Standes und Ranges; nur den Weißen taten sie nichts zu Leide. Die Liste verzeichnet:

Eingeborene, Soldaten, Fakirs, Bettler, Träger des heiligen Wassers, Zimmerleute, Hausierer, Schneider, Schmiede, eingeborene Polizisten, Kuchenbäcker, Stallknechte, Pilger, Chuprassies, Weber, Priester, Bankiers, Schatz-Träger, Kinder, Kuhhirten, Gärtner, Ladenbesitzer, Palankin-Träger, Landleute, Ochsentreiber, Diener, die Beschäftigung suchten, Frauen, die sich verdingen wollten, Schafhirten, Bogenschützen, Aufwärter, Bootsleute, Händler, Grasmäher.

Selbst einen fürstlichen Koch verschonten sie nicht, ebenso wenig den Wasserträger des Herrschers über alle Fürsten und Könige, des Generalgouverneurs von Indien. Ja, eine Bande war sogar grausam genug, armen, herumziehenden Komödianten das Leben zu nehmen, und trotzdem sie auf demselben Raubzug auch noch einen Fakir und zwölf Bettler töteten, beschützte sie ihr Gott Bhowanee: Sie wollten einen Mann im Walde erdrosseln, während gerade viele Leute in der Nähe vorbeigingen, zogen aber die Schlinge nicht fest genug, und der Mann stieß einen lauten Schrei aus. Da ließ Bhowanee im gleichen Augenblick ein Kamel durch das Dickicht brechen, dessen Gebrüll den Angstschrei übertönte, und ehe der Mann den Mund wieder öffnen konnte, war sein Atem entflohen.

Die Kuh ist in Indien ein so heiliges Tier, daß schon ihren Hirten zu töten für frevelhaft gilt. Das wußten die Thugs recht gut, aber bisweilen war ihr Blutdurst so groß, daß sie dennoch einige Kuhhirten umbrachten. Ein Thug, der solche Missetat verübt hatte, bekennt:

»Unser Glaube verbietet das aufs strengste; es kann nur Unheil daraus entstehen. Ich lag nachher zehn Tage am Fieber darnieder. Tötet man einen Mann, der eine Kuh führt, so bringt es Unglück; hat er keine Kuh bei sich, dann schadet es nichts.« Ein anderer Thug, der bei dieser Gelegenheit die Füße des Opfers gehalten hatte, fürchtete für sich keine schlimmen Folgen, »weil das Mißgeschick für solche Tat immer nur den Erwürger selbst, nicht seine Gehilfen bedroht, und wenn er deren auch hundert gehabt hätte.«

Während vieler Menschenalter durchwanderten Tausende von Thugs Indien in allen Richtungen. Ihr Räuberhandwerk war zu einem Beruf geworden, der sich vom Vater auf den Sohn und Enkel forterbte. Von sechzehn Jahren an konnte ein Knabe schon Mitglied der Verbindung werden, und siebzigjährige Greise waren noch in voller Tätigkeit.

Was fesselte die Leute aber an ihr Mordgeschäft, worin bestand der Reiz desselben? Teils trieb sie offenbar Frömmigkeit, teils Beutegier dazu, aber das Hauptinteresse scheint doch das Vergnügen an der Jagd selbst gewesen zu sein, die Mordlust, welche auch dem weißen Manne im Blute steckt. Meadows Taylor schreibt in seinem Roman: ›Bekenntnisse eines Thug‹:

»Wie leidenschaftlich liebt ihr Engländer nicht die Jagd! Ganze Wochen und Monate widmet ihr diesem aufregenden Zeitvertreib. Um Tiger, Panther, Büffel oder Eber zu töten, strengt ihr eure ganze Tatkraft an, ja ihr setzt selbst das Leben aufs Spiel. Wir Thugs aber verfolgen ein weit edleres Wild!«

Vielleicht liegt hierin wirklich der Schlüssel des Rätsels, das die Entstehung und Verbreitung der furchtbaren Sekte umgibt. Dem Menschengeschlecht im großen und ganzen ist die Mordgier eigen, es ergötzt sich am Töten lebender Geschöpfe wie an einem Schauspiel. Wir weißen Leute sind nur etwas verfeinerte Thugs, denen ihr dünner Anstrich von Zivilisation wie ein lästiger Zwang erscheint. Als Thugs haben wir uns vor noch gar nicht so langer Zeit an den Metzeleien der römischen Arena ergötzt und später an dem Feuertod, welcher zweifelhaften Christen durch rechtgläubige Christen auf öffentlichem Marktplatz bereitet wurde. Noch jetzt gehen wir mit den Thugs in Spanien oder in Nimes zu den blutigen Greueln der Stiergefechte hinaus. Keiner unserer Reisenden, welches Geschlechts oder welcher Religion er auch sein mag, hat je der Anziehungskraft der spanischen Arena zu widerstehen vermocht, wenn sich ihm Gelegenheit bot, dem Schauspiel beizuwohnen. Auch zur Jagdzeit sind wir fromme Thugs: wir hetzen das harmlose Wild und töten es mit Wonne. Aber einen Fortschritt haben wir doch gemacht. Zwar ist er nur winzig und kaum der Rede wert, so daß wir nicht nötig hätten besonders stolz darauf zu sein, aber es ist immerhin ein Fortschritt zu nennen, daß es uns nicht mehr Freude macht, hilflose Menschen niederzumetzeln oder zu verbrennen. Von diesem höheren Standpunkt aus können wir mit selbstgefälligem Schaudern auf die indischen Thugs herabsehen; auch dürfen wir zuversichtlich hoffen, daß einst der Tag erscheinen wird, an dem unsere Nachkommen in künftigen Jahrhunderten mit ähnlichen Gefühlen auf uns herabschauen.

Neuntes Kapitel.

Der Kummer ist sich selbst genug; aber um eine Freude voll und ganz zu genießen, muß man jemand haben, mit dem man sie teilen kann.

Querkopf Wilsons Kalender.

Wir fuhren mit dem Nachtzug von Bombay nach Allahabad. In Indien ist es Landessitte, das Reisen am Tage möglichst zu vermeiden; dabei ist nur der Uebelstand, daß man sich zwar die beiden Sofas ›sichern‹ kann, wenn man sie vorausbestellt, aber man erhält keinerlei Fahrkarte oder Marke, durch welche man sein Eigentumsrecht zu beweisen vermag, falls dasselbe in Zweifel gezogen wird. Das Wort ›besetzt‹ erscheint am Fenster des Coupés, aber für wen weiß niemand. Kommt mein Satan mit meinem Barney an, ehe ein anderer Diener zur Stelle ist, legen sie meine Betten auf die beiden Sofas und stehen Wache bis wir eintreffen, dann geht alles gut. Verlassen sie aber den Posten um eine Besorgung zu machen, so können sie bei der Rückkehr finden, daß unsere sämtlichen Bettstücke auf die oberen Schlafbretter befördert worden sind, und ein paar andere Dämonen das Lager ihrer Herren auf unsern Sofas bereitet haben, vor denen sie Wache halten.

Dieses System lehrt uns Höflichkeit und Rücksicht üben, doch gestattet es auch unberechtigte Uebergriffe. Ein junges Mädchen pflegt einer älteren Dame, wenn diese später kommt, den Sofaplatz einzuräumen, den die Dame meist mit freundlichem Danke annimmt. Aber bisweilen geht es dabei auch anders zu. Als wir im Begriff waren Bombay zu verlassen, lagen die Reisetaschen meiner Tochter auf ihrem Sofaplatz. Da kam im letzten Augenblick eine amerikanische Dame mittleren Alters in das Coupé gestürmt, hinter ihr die mit dem Gepäck beladenen eingeborenen Träger. Sie schalt, brummte, knurrte und versuchte sich möglichst unausstehlich zu machen, was ihr auch gelang. Ohne ein Wort der Erklärung warf sie Reisekorb und Tasche meiner Tochter auf das obere Brett und pflanzte sich breit auf das Sofa hin.

Bei einem unserer Ausflüge verließen wir, Smythe und ich, auf einer Station unser Coupé, um etwas auf und ab zu gehen; als wir zurückkamen, fanden wir Smythes Betten im Hängebrett, und ein englischer Kavallerie-Offizier lag lang und bequem ausgestreckt auf dem Sofa, wo Smythe noch soeben geschlafen hatte.

Es ist abscheulich, daß dergleichen unsereinem Spaß bereitet, aber wir sind nun einmal so geschaffen. Wäre das Mißgeschick meinem ärgsten Feinde zugestoßen, es hätte mir kein größeres Vergnügen machen können. Wir freuen uns alle, wenn es andern Leuten schlecht geht, ohne daß wir Unbequemlichkeiten davon haben. Smythes Aerger machte mich so glücklich, daß ich gar nicht einschlafen konnte, weil ich mich in Gedanken zu sehr daran ergötzte. Er glaubte natürlich, der Offizier hätte den Raub selber begangen, während ihn der Diener zweifellos ohne Wissen seines Herrn ausgeführt hatte. Den Groll über diesen Vorfall bewahrte Smythe getreulich im Herzen; er schmachtete nach einer Gelegenheit, sich dafür an irgend jemand schadlos zu halten, und dies Verlangen ward ihm bald darauf in Kalkutta erfüllt. Von dort unternahmen wir eine vierundzwanzigstündige Fahrt nach Dardschiling. Da aber der Generaldirektor Barclay alle Vorkehrungen getroffen hatte, damit wir es unterwegs recht bequem haben sollten – wie Smythe versicherte – so beeilten wir uns nicht allzusehr auf den Zug zu kommen. Im Bahnhof herrschte, wie gewöhnlich in Indien, ein entsetzliches Gewühl, ein unbeschreiblicher Lärm und Wirrwarr. Der Zug war übermäßig lang, denn sämtliche Eingeborene des Landes reisten irgendwohin; die Bahnbeamten wußten nicht, wo ihnen der Kopf stand und wie sie alle die aufgeregten Leute, die sich verspätet hatten, noch unterbringen sollten. Wo das für uns bestimmte Coupé war, konnte uns niemand sagen; keiner hatte Befehl erhalten dafür zu sorgen. Das war eine große Enttäuschung, auch hatte es ganz den Anschein als würde die Hälfte unserer Gesellschaft zurückbleiben müssen; da kam Satan spornstreichs angerannt, um zu melden, daß er ein Coupé gefunden habe, in dem noch ein Hängebrett und ein Sofa leer waren. Dort hatte er unser Gepäck hineingeschafft und uns das Lager bereitet. Wir stiegen eilends ein. Der Zug war gerade im Fortfahren, und die Schaffner schlugen eine Waggontür nach der andern zu, als ein Beamter des ostindischen Zivildienstes, unser guter Freund, atemlos gelaufen kam. »Ueberall habe ich nach Ihnen gesucht,« rief er. »Wie kommen Sie hierher? Wissen Sie denn nicht –«

Indem fuhr der Zug ab, und der Schluß des Satzes entging uns. Jetzt kam für Smythe die Gelegenheit seinen Racheplan auszuführen. Er nahm sofort seine Betten vom Schlafbrett, tauschte sie gegen diejenigen aus, welche herrenlos auf dem Sofa mir gegenüber lagen und begab sich seelenvergnügt zur Ruhe. Gegen zehn Uhr nachts hielten wir irgendwo und ein großer Engländer, der wie ein hoher Militär aussah, stieg bei uns ein. Wir taten, als schliefen wir. Trotz der verdunkelten Lampen war es aber hell genug, daß wir sehen konnten, welche Ueberraschung sich in seinen Zügen malte. Hoch aufgerichtet stand er da, starrte sprachlos auf Smythe herab und versuchte die Lage der Dinge zu begreifen. Nach einer Weile sagte er:

»Nein, so was!« – weiter nichts.

Aber es war mehr als genug und leicht verständlich. Es sollte heißen: »So was ist doch unerhört! Eine solche Unverschämtheit ist mir mein Lebtag noch nicht vorgekommen.«

Er setzte sich auf seinen Koffer; wir aber schielten wohl zwanzig Minuten lang mit halbgeschlossenen Augen zu ihm hinüber und beobachteten, wie ihn die Bewegung des Zuges rüttelte und schüttelte. Sobald wir an eine Station kamen, erhob er sich; wir hörten ihn noch im Fortgehen murmeln: »Ich muß ein leeres Sofa finden, sonst warte ich bis zum nächsten Zuge!«

Bald darauf kam sein Diener, um das Gepäck zu holen.

So war denn Smythes alte Wunde geheilt und sein Rachdurst gestillt. Aber schlafen konnte er ebensowenig wie ich; unser Wagen war ein ehrwürdiger, alter Kasten voller Schäden und Gebrechen. Die Tür ins Waschkabinett zum Beispiel schlug fortwährend an und spottete aller unserer Bemühungen sie zu befestigen. Als der Morgen dämmerte, standen wir wie zerschlagen auf, um eine Tasse Kaffee zu trinken. Auch jener Engländer war auf der Station ausgestiegen und wir hörten, wie jemand zu ihm sagte:

»Also haben Sie Ihre Fahrt doch nicht unterbrochen?«

»Nein,« lautete die Antwort, »der Schaffner konnte mir ein Coupé anweisen, das zwar bestellt aber nicht besetzt worden war. Ich bekam einen großen Salonwagen für mich ganz allein, wahrhaft fürstlich, versichere ich Ihnen. Ein solcher Glücksfall ist mir noch nie begegnet.«

Natürlich war das unser Wagen. Wir siedelten sogleich mit der ganzen Familie dahin über. Den Herrn Engländer lud ich jedoch ein zu bleiben, was er auch annahm. Ein sehr liebenswürdiger Mann, Oberst bei der Infanterie. Daß Smythe ihm sein Lager geraubt hat, erfuhr er nicht; er glaubt, Smythes Diener hätten es ohne Wissen seines Herrn getan. Man half ihm zu dieser Ueberzeugung und störte ihn nicht darin.

In Indien werden die Züge ausschließlich von Eingeborenen bedient, auch alle Stationsbeamten – außer an Hauptplätzen – sind Eingeborene, desgleichen die Polizisten und die Angestellten im Post- und Telegraphendienst. Lauter sehr freundliche und gefällige Leute. Eines Tages war ich aus dem Schnellzug gestiegen, um mich mit Entzücken an dem Schauspiel zu weiden, das jede große Station in Indien bietet. Die bunten Scharen der Eingeborenen, welche auf dem breiten Perron rastlos durcheinander wirbelten, fesselten mich dergestalt, daß ich alles andere darüber vergaß. Als ich mich umwandte sah ich, daß mein Zug soeben zum Bahnhof hinausfuhr. Ich wollte mich ruhig hinsetzen, um den nächsten Zug abzuwarten, wie ich es zu Hause getan hätte; an eine andere Möglichkeit dachte ich nicht. Da trat ein eingeborener Beamter, der eine grüne Flagge in der Hand hielt, höflich auf mich zu: »Wollten Sie nicht mit dem Zuge weiter?« fragte er.

Als ich dies bejahte, ließ er seine Flagge wehen, der Zug kam zurück, und er half mir mit solcher Ehrerbietung einsteigen, als wäre ich der Generaldirektor selber gewesen. Ein gutherziges Volk, diese Hindus! Unfreundliche, mürrische Mienen, welche Bosheit und schlechte Gemütsart verraten, sind eine solche Seltenheit, daß es mir oft vorkam, als müsse ich die Mordgeschichten der Thugs geträumt haben. Freilich wird es auch unter den Indern schlechte Menschen geben, aber jedenfalls in großer Minderzahl. Eins ist gewiß: es ist das interessanteste Volk in der ganzen Welt und dabei unerklärlich und unbegreiflich in seinem Wesen wie kein anderes. Sein Charakter, seine Geschichte, seine Religion, seine Sitten sind voller Rätsel, die nur noch unverständlicher werden, wenn man uns Aufschluß darüber gibt. Weshalb und auf welche Weise so seltsame Dinge wie die verschiedenen Kasten, die Thugs, die Suttis entstanden sein können, geht über unsere Begriffe.

Für die Sitte der Witwenverbrennung hat man zum Beispiel folgende Erklärung: Eine Frau, die ihr Leben freiwillig hingibt, wenn ihr Gatte stirbt, wird augenblicklich wieder mit ihm vereinigt, und sie genießen fortan im Himmel zusammen ewige Freuden; die Familie errichtet ihr ein Denkmal oder einen Tempel und hält ihr Andenken in hohen Ehren. Der Opfertod der Frau verleiht auch allen ihren Angehörigen eine besondere Auszeichnung in den Augen des Volkes, die sich dauernd auf ihre Nachkommenschaft vererbt. Bleibt sie dagegen am Leben, so erwartet sie Schmach und Schande; wieder verheiraten kann sie sich nicht, die Familie verachtet sie und sagt sich von ihr los; freundlos und verlassen fristet sie ihr jammervolles Dasein.

Daß sie es vorzieht solchem Elend durch den Tod zu entfliehen, ist sehr begreiflich. Aber was der Ursprung dieser seltsamen Sitte ist, bleibt trotzdem ein Rätsel. Vielleicht wurde sie auf Befehl der Götter eingeführt; aber haben diese auch bestimmt, daß man eine so grausame Todesart wählen sollte? Hätte ein sanfterer Tod nicht dieselben Dienste getan? Kein Mensch weiß darauf eine Antwort.

Man wäre geneigt anzunehmen, daß die Witwen sich überhaupt nicht freiwillig verbrennen ließen, sondern es nur nicht wagten sich der öffentlichen Meinung zu widersetzen. Dieser Standpunkt läßt sich jedoch unmöglich festhalten; er stimmt nicht mit den geschichtlichen Tatsachen überein. Major Sleeman erzählt in einem seiner Bücher einen höchst charakteristischen Fall:

Als er im März 1828 die Verwaltung am Nerbuddastrom übernahm, beschloß er kühn, dem Zug seines mitleidigen Herzens zu folgen und die Suttis auf eigene Verantwortung in seinem Bezirk zu verbieten. Daß sie acht Monate später auf Befehl der Ostindischen Regierung gänzlich untersagt werden würden, konnte er nicht voraussehen. Am 24. November – einem Dienstag – starb Omed Sing Opaddia, das Haupt einer der angesehensten und zahlreichsten Brahminenfamilien der Gegend, und eine Abordnung seiner Söhne und Enkel erschien vor Sleeman, mit der Bitte, der alten Witwe zu gestatten sich mit der Leiche ihres Gemahls verbrennen zu lassen. Der Major drohte jedoch, jeden streng zu bestrafen, der seinem Befehl zuwider handeln und der Selbstverbrennung der Witwe Vorschub leisten würde. Er stellte eine Polizeiwache am Nerbudda-Ufer auf, wo die fünfundsechzigjährige Witwe schon seit dem frühen Morgen bei ihrem Toten saß und wartete. Als die abschlägige Antwort eintraf, blieb sie Tag und Nacht am Rande des Wassers sitzen, ohne zu essen und zu trinken.

Am folgenden Morgen wurde die Leiche ihres Gemahls in einer etwa acht Quadratfuß breiten und drei bis vier Fuß tiefen Grube in Anwesenheit von mehreren tausend Zuschauern verbrannt. Hierauf watete die Witwe nach einem nackten Felsen im Bette der Nerbudda; alle Fremden hatten sich zerstreut, nur ihre Söhne und Enkel blieben in ihrer Nähe, während die übrigen Anverwandten des Majors Haus umringten, um ihn zu überreden, sein Verbot zurückzunehmen. Die Witwe widerstand allen Bitten der Ihrigen, die sie sehr liebten und ihr Leben zu erhalten wünschten, sie verweigerte jede Nahrung und blieb auf dem nackten Felsen sitzen, der sengenden Sonnenhitze bei Tag und der strengen Kälte bei Nacht ausgesetzt, nur mit einem dünnen Stück Zeug über der Schulter. Am Donnerstag setzte sie, zum Beweis, daß nichts sie von ihrem Vorhaben abbringen könne, die Dhadscha, einen groben, roten Turban auf und brach ihre Armbänder in Stücke, wodurch sie gesetzlich für tot galt und auf immer aus ihrer Kaste ausgeschlossen war. Hätte sie jetzt noch das Leben erwählen wollen, so konnte sie nie mehr zu ihrer Familie zurückkehren. Sleeman wußte sich keinen Rat. Wenn sich die Frau zu Tode hungerte, so war ihre Familie beschimpft und die Aermste starb unter langsameren Qualen, als wenn man ihr gestattete sich zu verbrennen. Als der Major sie am vierten Tage nach dem Tode ihres Mannes noch mit der Dhadscha auf dem Kopfe an derselben Stelle sitzen fand, redete er sie an. Sie sagte ihm mit großer Gelassenheit, daß sie entschlossen sei, ihre Asche mit der ihres verstorbenen Gatten zu mischen; sie würde geduldig seine Erlaubnis abwarten, überzeugt, Gott werde ihr Kraft geben, ihr Dasein bis dahin zu fristen, obgleich sie weder essen noch trinken wolle. Dann blickte sie nach der Sonne, die eben über der Nerbudda aufging und sagte ruhig: »Meine Seele weilt schon fünf Tage lang bei der meines Gatten, in der Nähe jener Sonne, nur meine irdische Hülle ist noch übrig, und ich weiß, du wirst bald gestatten, daß sie sich in jener Grube mit seiner Asche vermischt, weil es nicht in deinem Wesen und Brauch ist, die Qual einer armen, alten Frau mutwillig zu verlängern.«

Sleeman versicherte ihr, es sei sein Wunsch und seine Pflicht sie zu retten und zu erhalten. Er wolle den Ihrigen die Schmach ersparen für ihre Mörder zu gelten. Doch sie erwiderte, deswegen sei sie unbesorgt. Ihre Kinder hätten alles mögliche getan, um sie zu bewegen unter ihnen zu leben. »Hätte ich eingewilligt, so würden sie mich geliebt und geehrt haben, das weiß ich. Doch übergebe ich sie alle deiner Obhut und gehe zu meinem Gatten Omed Sing Opaddia, mit dessen Asche die meinige sich schon dreimal auf dem Scheiterhaufen vermischte.«

Dies bezog sich auf die Seelenwanderung. Sie waren nach ihrer Ueberzeugung schon dreimal als Mann und Weib auf Erden gewesen. Seit sie ihre Armbänder zerbrochen und den roten Turban aufgesetzt hatte, hielt sie sich für bereits gestorben, sonst hätte sie nicht so unehrerbietig sein können, den Namen ihres Gatten auszusprechen. Es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie dies tat, denn in Indien nennt keine Frau, aus welchem Stande sie auch sei, jemals den Namen ihres Mannes.

Sleeman hoffte noch immer sie zu überreden. Er drohte ihr, die Regierung werde die steuerfreien Güter, von denen ihre Familie so lange gelebt habe, einziehen; auch werde kein Stein den Platz bezeichnen, wo sie sterbe, im Fall sie auf ihrem Entschluß beharre. Bliebe sie aber am Leben, so solle eine glänzende Wohnung unter den Tempeln ihrer Ahnen für sie gebaut und eine schöne Summe zu ihrem Unterhalt bestimmt werden. Aber sie lächelte nur, streckte den Arm aus und sagte: »Mein Puls hat lange aufgehört zu schlagen, mein Geist ist entwichen; ich werde bei dem Verbrennen nicht leiden. Wenn du einen Beweis willst, so laß Feuer bringen und sieh, wie es diesen Arm verzehrt, ohne daß es mir Schmerz verursacht.«

Da der Major erkannte, daß alle seine Bemühungen vergebens waren, ließ er die Oberhäupter der Familie rufen und erklärte ihnen, er werde gestatten, daß sich die Witwe verbrennen dürfe, wenn sie sich alle durch eine feierliche Urkunde verpflichten wollten, in ihrer Familie nie wieder eine Sutti zu halten. Sie gingen darauf ein und die Schrift ward aufgesetzt und unterzeichnet. Als man der Witwe am Sonnabend gegen Mittag den Beschluß verkündete, zeigte sie sich hocherfreut. Um drei Uhr waren die Zeremonien des Badens vorüber, und in der Grube brannte ein helles Feuer. Fast fünf Tage hatte die Frau ohne Speise und Trank zugebracht; als sie vom Felsen ans Ufer kam, netzte sie erst ihr Tuch im Wasser des heiligen Stromes, denn ohne diese Vorsichtsmaßregel wäre sie durch jeden Schatten, der auf sie fiel, verunreinigt worden. Von ihrem ältesten Sohn und einem Neffen gestützt schritt sie nach dem Feuer hin, eine Entfernung von etwa 150 Metern.