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S. L. Clemens
(Mark Twain)
Gezeichnet von Henry Rauchinger.

Tom Sawyers
Neue Abenteuer

Von

Mark Twain

Autorisiert

Tom Sawyer im Luftballon

Tom, der kleine Detektiv

Stuttgart

Verlag von Robert Lutz

1903.


Alle Rechte vorbehalten.

Druck von A. Bonz’ Erben, Stuttgart.


Tom Sawyer im Luftballon.

Erstes Kapitel.

War nun Tom Sawyer zufrieden nach all seinen Abenteuern? Ich meine die Abenteuer auf dem Fluß, als wir den Nigger Jim frei machten und Tom den Schuß ins Bein kriegte.[1]

[1] Humor. Schriften, Bd. 2 (Fahrten des Huckleberry Finn).

Nein, er war nicht zufrieden! Es fraß an ihm, er wollte nur noch mehr. Ja, als wir drei auf dem Fluß zurückkamen von unserer langen Reise, in voller Glorie – so kann man wohl sagen – und als das Städtchen uns mit einem Fackelzug und mit Ansprachen und mit allgemeinem Hurra und Jubelgeschrei empfing, – ja, da waren wir Helden, und darnach war ja Tom Sawyers Sehnsucht immer gestanden.

Eine Zeitlang war er denn auch wirklich zufrieden. Alle Leute feierten ihn, und er trug seine Nase hoch und ging mit einer Miene im Städtchen herum, als ob es ihm ganz allein gehörte. Einige nannten ihn ›Tom Sawyer den Reisenden‹, und dieser Titel machte ihn so aufgeblasen, daß er beinahe geplatzt wäre. Natürlich stand er ganz anders da, als ich und Jim, denn wir waren ja auf einem gewöhnlichen Floß stromabwärts gefahren und nur stromauf mit dem Dampfer, Tom aber hatte den Hin- sowohl wie den Rückweg auf dem Dampfboot gemacht. Die Jungens beneideten Jim und mich nicht wenig, aber vor Tom – ach, du liebe Zeit, da krochen sie geradezu im Staube.

Vielleicht wäre nun Tom doch zufrieden gewesen, wäre nur nicht der alte Nat Parsons dagewesen. Das war der Postmeister, ein riesenlanger und dünner, gutmütiger und ein bißchen beschränkter Mann, mit ganz kahlem Kopf – denn er war schon sehr alt – und so ziemlich das schwatzhafteste alte Geschöpf, das ich je gesehen habe. Volle dreißig Jahre lang war er im Städtchen der einzige berühmte Mann gewesen; berühmt war er als Reisender, und natürlich war er über alle Maßen stolz darauf, und man hatte ihm nachgerechnet, daß er im Lauf der dreißig Jahre mehr als eine Million Male die Geschichte von seiner Reise erzählt und jedesmal wieder selber eine kindliche Freude daran gehabt hatte. Und nun kommt da auf einmal ein Bengel von noch nicht fünfzehn, und jedermann reißt Mund und Augen auf über dessen Reisen! Natürlich brachte das den alten Herrn außer Rand und Band. Es machte ihn ganz krank, wenn er mit anhören mußte, wie Tom erzählte und wie die Zuhörer dabei fortwährend riefen: »Ach Herrjeh,« »Nee, aber so was!« »Ach du himmlische Barmherzigkeit!« usw. usw. Aber trotzdem mußte er immer wieder zuhören; er war wie die naschhafte Fliege, die mit einem Hinterbein in der Sirupschüssel festsitzt Und jedesmal, wenn Tom eine Pause machte, dann fing der arme alte Herr von seiner abgedroschenen alten Reise an und quälte sich ab, sie so recht zur Geltung zu bringen – aber sie war wirklich schon zu abgedroschen und zog nicht mehr, und es konnte einem wirklich leid tun, wenn man’s mit ansah. Dann kam Tom wieder an die Reihe und dann wiederum der Alte – und so fort, und so fort, eine Stunde lang und noch länger, und jeder wollte immer den andern übertrumpfen.

Mit Parsons Reise verhielt es sich so: Als er eben die Postmeisterstelle gekriegt hatte und noch ein ganz grüner Neuling war, da kam eines schönes Tages ein Brief für jemand, den er nicht kannte, denn einen Mann mit solchem Namen gab’s im Städtchen überhaupt nicht. Er wußte denn nun absolut nicht, was er anfangen sollte, und so lag denn der Brief da, von einer Woche zur andern, bis der bloße Anblick dem Postmeister übel machte. Das Porto für den Brief war nicht bezahlt und das war ebenfalls ein Grund zu Sorgen. Wie sollte er denn nur die 10 Cents einziehen? Und dann, wer konnt’s wissen, vielleicht machte die Regierung ihn verantwortlich dafür und setzte ihn ab, weil er das Strafporto nicht eingezogen hatte …

Zuletzt konnte er’s einfach nicht länger aushalten; er konnte nachts nicht mehr schlafen, konnte nicht mehr essen und war zu einem Schatten abgemagert. Trotzdem wagte er’s nicht, jemand um Rat zu fragen; denn der Ratgeber konnte ja womöglich hinterlistig sein und der Regierung die Geschichte von dem Brief mitteilen. Er hatte den Brief unter dem Fußboden versteckt, aber auch das half nichts. Wenn zufällig mal jemand auf der betreffenden Stelle stand, so bekam der Postmeister eine Gänsehaut; schwarzer Verdacht bemächtigte sich seiner und er blieb auf, bis die Stadt still und dunkel war; dann schlich er sich an die Stelle und holte den Brief wieder hervor und verbarg ihn an einem andern Platz. Natürlich wurden die Leute scheu und schüttelten die Köpfe und flüsterten allerlei, denn aus seinen Blicken und Bewegungen schlossen sie, er hätte einen Menschen totgeschlagen oder sonst irgend was Fürchterliches begangen – und wäre er ein Fremder gewesen, so hätte man ihn gelyncht.

Also, wie gesagt, er konnte es nicht länger aushalten, und so beschloß er denn in seinem Sinn, er wollte nach Washington machen und geraden Wegs zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gehen und frei von der Leber weg sprechen und den Brief herausholen und ihn vor der ganzen Regierung offen hinlegen und sagen:

»So! da ist er! Machen Sie mit mir, was Sie wollen. Aber der Himmel ist mein Zeuge: ich bin unschuldig und verdiene nicht die volle Schwere der gesetzlichen Strafe, und ich lasse eine Familie zurück, die ohne mich Hunger leiden muß und doch gar nichts mit der Geschichte zu tun gehabt hat. Und das ist die reine Wahrheit und darauf kann ich einen Eid leisten!«

Gedacht, getan. Er fuhr ein Stückchen mit dem Dampfer und ein Stückchen mit der Postkutsche, aber den ganzen übrigen Teil der Reise machte er zu Pferde, und er brauchte drei Wochen bis Washington. Er sah viele Länder und unzählige Dörfer und vier große Städte. Acht Wochen lang war er fort und nie zuvor war in unserem Städtchen[2] ein Mann so stolz wie er, als er nun wieder daheim war. Durch seine Reisen war er der größte Mann in der ganzen Gegend geworden; von keinem hatte man je so viel gesprochen; dreißig Meilen weit kamen die Leute angereist, ja sogar von Illinois her, bloß um ihn zu sehen – und da standen sie dann und glotzten ihn an und er plapperte. So was war noch niemals dagewesen.

[2] Hannibal am Mississippi.

Nun war denn natürlich die Frage, wer der größte Reisende sei: Nat oder Tom. Einigkeit war darüber nicht zu erzielen; die einen sagten, Nat wäre es, die anderen schworen auf Tom. Jedermann gab zu, daß Nat dem jüngeren Nebenbuhler in der Länge der Reise über war, aber dafür war Tom denn doch in einem ganz anderen Klima gewesen. Die Wage hielt so ziemlich das Gleichgewicht. Jeder von den beiden mußte deshalb seine gefährlichsten Abenteuer in die Wagschale werfen. Die Kugel in Toms Bein war für Nat sozusagen eine harte Nuß zu knacken, aber Nat knackte, so gut er konnte. Er war jedoch dabei entschieden im Nachteil, denn Tom saß nicht still, wie er eigentlich hätte tun sollen, sondern er hinkte fortwährend im Zimmer herum, während Nat das Abenteuer ausmalte, das er seiner Zeit in Washington gehabt hatte. Tom hinkte nämlich noch, als seine Wunde schon längst wieder heil war; er übte sich nachts in seiner Schlafstube im Hinken und konnte es daher natürlich großartig.

Mit Nats Abenteuer nun verhielt es sich folgendermaßen: Ob die Geschichte ganz wahr ist, das weiß ich nicht; vielleicht hatte er sie in einer Zeitung gelesen oder sonstwo aufgeschnappt; aber das muß ich sagen: er verstand sie zu erzählen! Es schauerte einem durch alle Glieder und der Atem stand einem still, wenn er sie vortrug, und Frauen und Mädchen wurden manchmal so blaß und schwach dabei, daß sie gar nicht mehr wußten, wo sie hin sollten. So gut ich’s vermag, will ich ihm die Geschichte nacherzählen:

Er kommt also nach Washington und stellt sein Pferd ein und holt seinen Brief heraus und fragt nach dem Weg zu des Präsidenten Haus. Man sagt ihm, der Präsident sei auf dem Kapitol und wolle nach Philadelphia reisen – keine Minute sei zu verlieren, wenn er ihn noch sprechen wolle. Nat fiel beinahe in Ohnmacht, so schlecht wurde ihm zumute. Sein Pferd stand abgesattelt im Stall; was sollte er nun bloß anfangen? Aber gerade in dem Augenblick kommt ein Nigger mit seiner alten rumpligen Droschke vorbeigefahren. Sofort erfaßt Nat die Situation; er stürzt auf die Straße und schreit:

»’nen halben Dollar, wenn du mich in ’ner halben Stunde nach dem Kapitol fährst, und ’n viertel extra, wenn du’s in zwanzig Minuten machst!«

»Schön!« sagt der Nigger.

Nat also springt in die Droschke und schmeißt den Schlag zu, und los geht’s holterdipolter über das fürchterlichste Pflaster, das man sich denken kann, und das Gerumpel und Geratter war geradezu schauerlich. Nat steckt die Arme durch die Halteriemen und hält sich aus Leibeskräften fest, aber nicht lange, da stößt die Karre an einen großen Stein, und fliegt, hops!, hoch in die Luft empor und der Boden fällt heraus, und als die Droschke wieder unten ist, da sind Nats Füße auf dem Grund und er sieht sofort, daß er in verzweifelter Lage ist, wenn er nicht so schnell laufen kann, wie die Droschke fährt. Er hatte einen fürchterlichen Schreck bekommen, aber er ging mit aller Macht ins Zeug und hielt sich an den Armriemen und streckte die Beine, daß es eine Art hatte. Er schrie und rief dem Kutscher zu, er sollte halten, und alle Menschen auf der Straße schrieen ebenfalls, denn sie sahen unter dem Wagen seine dünnen Beine entlang wirbeln und durch die Fenster seinen Kopf und seine Schultern immer auf und nieder fahren, und merkten, daß er in fürchterlicher Gefahr war. Aber je mehr sie riefen, desto lauter kreischte und gröhlte der Nigger und hieb auf die Pferde los und rief: »Habben keine Bange nich der Herr; gemachen muß es werden und ich machen’s!«

Denn natürlich dachte er, sie wollten ihn zum Schnellfahren antreiben, und von Nats Rufen konnte er vor dem Geratter nichts hören. Und so ging es denn, hast du nicht gesehen, immer weiter, und den Leuten, die es sahen, standen die Haare zu Berge. Und als sie schließlich beim Kapitol ankamen, da war’s die schnellste Fuhre, die je ’ne Droschke gemacht hat, das sagten alle. Die Pferde waren ganz matt und Nat troff vor Schweiß und war wie gerädert, und er war voll Staub, die Kleider hingen in Fetzen an seinem Leibe und seine Stiefel hatte er verloren. Aber er war zur rechten Zeit da, und zwar gerade noch im allerletzten Augenblick. Er kam vor den Präsidenten und gab ihm den Brief und alles war in schönster Ordnung. Der Präsident begnadigte ihn auf der Stelle und Nat gab dem Nigger drei Vierteldollars extra statt nur eines; denn das sah er ja ein, hätte er nicht die Droschke gehabt, so hätte er auch nicht annähernd zur rechten Zeit kommen können.

Es war tatsächlich ein großes Abenteuer, und Tom Sawyer mußte sich alle Mühe geben, um mit seiner Kugelwunde dagegen aufzukommen.

Nun, wie’s so geht, nach und nach verblaßte Toms Ruhmesglanz, denn es kamen andere Gesprächsstoffe auf, worüber die Leute schwatzen konnten: erst ein Wettrennen, und dann eine Feuersbrunst, und dann der Zirkus, und darauf die Sonnenfinsternis; und diese brachte dann, wie es meistens der Fall ist, eine Wiederbelebung der Frömmigkeit zuwege, und so war denn von Tom nicht mehr viel die Rede, und das machte ihn ganz krank und vergällte ihm alle Freude am Leben.

Es dauerte nicht lange, so war er den ganzen Tag verdrießlich und reizbar und wenn ich ihn fragte, warum er denn nur in solcher Stimmung sei, dann antwortete er, es bräche ihm beinahe das Herz, wenn er daran dächte, wie die Zeit verränne und daß er immer älter und älter würde, ohne daß ein Krieg ausbräche und er auch nur die geringste Menschenmöglichkeit sähe, sich einen Namen zu machen. So denken ja nun freilich alle Jungen, aber er war der erste, den ich diese Gedanken frei und offen aussprechen hörte. Er sann also Tag und Nacht auf einen Plan, wie er berühmt werden könnte. Bald hatte er denn auch einen und er bot Jim und mir an, an seinem Ruhme teil zu nehmen. In dieser Hinsicht war Tom Sawyer immer edelmütig. Viele Jungen sind über die Maßen gut und freundlich, wenn einer was Gutes hat, aber wenn sie selber mal was Gutes kriegen, dann sagen sie einem kein Wort davon und versuchen es für sich allein zu behalten. So war Tom Sawyer niemals, das kann ich ihm wohl nachsagen. Viele Jungen schlängeln sich an einen heran, wenn man einen Apfel hat und bitten einen um das Kernhaus. Aber wenn sie dann selber einen haben, und man bittet sie um’s Kernhaus und erinnert sie daran, daß man ihnen auch ’mal ein Kernhaus gegeben hat – jawohl, da heißt’s ›Prost die Mahlzeit‹, aber vom Kernhaus sieht man nichts. Da kann man sich den Mund wischen.

Wir gingen in das Gehölz auf dem Berg, und Tom sagte uns, was es war. Es war ein Kreuzzug.

»Was ist ein Kreuzzug?« fragte ich.

Tom sah mich geringschätzig an, wie er’s immer tut, wenn ihm jemand leid tut. Dann sagte er:

»Huck Finn, du willst doch nicht behaupten, daß du nicht weißt, was ein Kreuzzug ist?«

»Nee,« sag’ ich, »ich weiß es nicht. Und ich mache mir auch nichts daraus. Ich habe so lange gelebt und bin gesund gewesen, ohne es zu wissen. Aber so bald du mir es sagst, was es ist, dann weiß ich’s ja, und das ist früh genug. Ich sehe nicht ein, wozu ich mir Sachen austifteln und mir meinen Kopf damit vollpfropfen soll, wenn ich vielleicht niemals ’ne Gelegenheit habe, davon Gebrauch zu machen. Na, was ist denn also ein Kreuzzug? Aber eins kann ich dir zum Voraus sagen: wenn’s was zum Patentieren ist, da ist kein Geld mit zu machen. Bill Tompson …«

»Zum Patentieren?« rief Tom. »Hat man je so einen Schafskopf gesehen? Ein Kreuzzug ist eine Art von Krieg.«

Ich dachte, er hätte seinen Verstand verloren. Aber nein, er meinte es in vollem Ernst und fuhr ganz ruhig fort:

»Ein Kreuzzug ist ein Krieg, um das heilige Land von den Heiden zu erlösen.«

»Was für’n heiliges Land?«

»Na, das heilige Land – es gibt doch bloß eins.«

»Was sollen wir denn damit anfangen?«

»Nanu, begreifst du denn das nicht? Es ist in den Händen der Heiden, und ’s ist unsere Pflicht, es ihnen abzunehmen.«

»Warum haben wir’s ihnen denn überlassen?«

»Wir haben’s ihnen gar nicht überlassen. Sie haben es immer gehabt.«

»Ja, Tom, dann muß es aber doch ihnen gehören, nicht wahr?«

»Natürlich gehört es ihnen. Wer hat denn was anderes gesagt?«

Ich dachte über seine Worte nach, konnte aber nicht recht herausbekommen was er meinte. Ich sagte daher: »Das ist für mich zu hoch, Tom Sawyer. Wenn ich ’ne Farm hätte, und die wäre mein, und ein anderer wollte sie haben, wäre es dann recht, wenn er …«

»Ach, Quatsch, Huck Finn! Es handelt sich um keine Farm, es handelt sich um ganz was anderes. Höre mal zu, die Sache ist so: ihnen gehört das Land, aber bloß das Land und nichts weiter; aber wir, wir Juden und Christen, haben’s zum heiligen Land gemacht und darum haben sie dort gar nichts zu suchen. Es ist ’ne wahre Schande und wir können es keine Minute länger dulden. Wir sollten gegen sie ausziehen und es ihnen wegnehmen.«

»Hm, die Sache kommt mir denn doch über alle Maßen verzwickt vor. Wenn ich ’ne Farm hätte und ein anderer …«

»Sagte ich dir nicht, es hat mit ’ner Farm gar nichts zu tun? Ein Farmer hat ein Geschäft, ein ganz gewöhnliches alltägliches Geschäft; weiter kann man darüber nichts sagen. Aber dies hier – das ist was Höheres – das ist Religion, also ganz was anderes.«

Jim schüttelte den Kopf und sagte:

»Massa Tom, gewiß sein da eine Irrung – ganz gewiß. Ich selber haben Relion und kennen viele andere mit Relion, aber nie haben ich gehört von so was.«

Darob wurde Tom hitzig und er rief:

»Wahrhaftig, so eine vernagelte Dummheit kann einen ja ganz krank machen! Wenn einer von euch beiden ’was von Weltgeschichte gelesen hätte, so würde er wissen, daß Richard Kördeloon und der Papst und Gottfried von Buloon und ’ne Masse andere höchst edelherzige und fromme Leute mehr als zweihundert Jahre lang auf die Heiden losgedroschen und losgehackt haben, um ihnen ihr Land wegzunehmen, und daß sie die ganze Zeit über bis an den Hals in Blut wateten – und hier erlauben sich ein paar Dummköpfe von Hinterwäldlern am Missouri die Anmaßung, besser als alle jene Helden wissen zu wollen, was Recht und was Unrecht an den Kreuzzügen gewesen sei. Quatscht ihr und der Deubel!«

Na, das ließ natürlich die Sache in einem ganz andern Licht erscheinen, und Jim und ich kamen uns recht gering und unbedeutend vor und wir dachten bei uns, wir hätten lieber nicht so vorlaut sein sollen. Ich konnte keine Worte finden und Jim brachte ’ne Zeit lang auch nichts heraus; endlich aber sagte er:

»Nu, so ich denken, alles sein in die Richte; denn wenn sie nix wußten, wie sollten wir arme dumme Leut’ versuchen, was zu wissen? Und so, wenn’s unsere Schuldigkeit is, nu, so müssen wir Werk in Hand nehmen und tun, was möglich sein. Aber die arme Heidenvolk tun mir leid. Sein es nix hart, Leut’ zu Tode zu machen, das man nie hat gesehen? Seh’ Sie, Massa Tom, das sein es! Aber dann …«

»Dann? wann dann?«

»Hem, Massa Tom, ich haben eine Gedank. Es tun nu mal nix helfen, wir können die arme Fremders nix zu Tode machen, was uns nie nix getan haben. Erst müssen wir uns in die Todmacherei üben, Massa Tom – jawoll, das müssen wir! jawoll, ich wissen, es gehen sonst nix. Wenn wir nu aber eine Beil nehm’ oder zwei, ich meinen bloß Sie, Massa Tom, un Jim un Huck, un husch husch über die Fluß, wann heut nacht die Mond nix mehr scheinen, un schlagen die kranke Leut’ tot da oben auf die Hügel un brennen ihre Haus nieder un …«

»O, ihr macht mir Kopfweh!« rief Tom, »Ich will mich auf gar keine Worte mehr mit Leuten wie du und Huck einlassen, die nie bei der Sache bleiben können und nicht mal’n Ding begreifen, das so gut und gesetzlich ist wie die schönste Theologie!«

Nun, das war aber nicht schön von Tom Sawyer! Jim meinte es doch nicht böse und ich auch nicht. Wir wußten vollkommen, daß er im Recht war und wir Unrecht hatten, und wir wollten ja bloß das ›Warum?‹ wissen und weiter nichts. Und wenn er’s nicht so auseinandersetzen konnte, daß wir’s verstanden, nun so lag das einzig und allein an unserer Unwissenheit; unwissend waren wir und ein bißchen gar zu schwer von Begriff auch, das leugne ich nicht. Aber, du lieber Gott, das ist doch kein Verbrechen!

Aber er wollte nun ’mal nichts mehr davon hören; sagte bloß, wenn wir die Sache richtig begriffen hätten, so hätte er ’n paar tausend Ritter aufgebracht und hätte sie von Kopf zu Fuß in Stahl gekleidet, und ich wäre Leutnant geworden und Jim sein Marketender. Und er selber hätte ’s Kommando übernommen und hätte die ganze Heidenwirtschaft ins Meer gefegt wie Fliegen und wäre als Sieger in einem Glorienschein wie Abendgold durch die Welt gegangen. Aber wir wüßten ja nicht mal so ’ne Gelegenheit zu benutzen, sagte er, und darum wollte er sie uns auch nicht wieder bieten. Und dabei blieb’s. Wenn er sich mal was in den Kopf gesetzt hatte, dann war nichts zu machen.

Aber darum ließ ich mir keine grauen Haare wachsen. Ich bin von friedfertiger Anlage, und was soll ich mich mit Leuten ’rumschlagen, die mir nichts zuleide tun? Ich dachte bei mir: wenn die Heiden zufrieden sind, mir solls Recht sein, und dabei wollen wir’s belassen.

Diese ganze Geschichte hatte sich Tom aus dem Buch von Walter Scott, worin er immer las, in den Kopf gesetzt. Und es war ’ne wilde Sache, denn meiner Meinung nach hätte er die Ritter nicht zusammengebracht, und wenn schon, so hätte er höchst wahrscheinlich mit samt all seinem Kriegsvolk Klopfe gekriegt. Ich machte mich nachher auch über das Buch her und las es von A bis Z, und, soweit ich daraus klug werden konnte, hatten die meisten Leute, die ihre Bauernhäuser verließen und auf die Kreuzzüge gingen, nicht gerade ein sanftes Leben davon!


Zweites Kapitel

Tom dachte sich denn nun also ein Ding nach dem andern aus, aber ein jedes hatte seine schwache Stelle und mußte daher auf die Seite geschoben werden. Zuletzt war er in heller Verzweiflung. Auf einmal standen in den Zeitungen von St. Louis lange Geschichten von dem Luftballon, der nach Europa segeln sollte; Tom dachte wohl daran, auch hinzufahren und sich das Ding anzusehen, konnte aber nicht recht zu einem festen Entschluß kommen. Die Zeitungen schrieben jedoch immerfort darüber; so dachte er denn, wenn er nicht hinginge, würde sich ihm vielleicht nie wieder ’ne Gelegenheit bieten, ’nen Ballon zu sehen. Außerdem erfuhr er, Nat Parsons wolle auch hinfahren, und das brachte ihn natürlich zum Entschluß. Er konnte doch nicht leiden, daß Nat nach seiner Rückkunft überall von dem Luftballon schwadronierte, den er gesehen; da hätte er dabeisitzen müssen und ruhig den Mund halten! Er bat also mich und Jim mitzukommen und wir reisten ab.

Es war ein prächtiger großer Luftballon mit Flügeln und dergleichen, ganz anders als die Ballons, die man abgebildet sieht. Die Auffahrtsstelle befand sich weit draußen am Rande der Stadt, auf einem leeren Bauplatz an der Ecke der zwölften Straße. Eine dichte Menschenmenge stand herum und machte schlechte Witze über das Luftschiff und über den Mann, einen mageren blassen Herrn mit jenem bekannten Mondscheinblick im Auge. Sie sagten fortwährend, das Ding würde nicht gehen. Er wurde ganz wild darüber, drehte sich alle Augenblicke nach den Leuten um und rief mit geballten Fäusten, sie wären blindes Viehzeug, aber eines Tages würden sie merken, daß sie einen von den Männern vor sich gehabt hätten, durch welche Nationen hochgebracht würden und denen allein alle Fortschritte der Zivilisation zu verdanken wären. Ja, dann würden sie merken, daß sie nur zu dumm gewesen wären, um das zu sehen, und hier auf dem Fleck würden ihre Kinder und Enkel ein Denkmal errichten, das ein Jahrtausend überdauern würde; sein Name aber würde das Denkmal überdauern!

Darauf brüllte dann wieder die Menge vor Lachen und allerlei Fragen hagelten auf ihn nieder: wie er vor seiner Heirat geheißen hätte, und was er haben wollte, wenn er’s bleiben ließe, und wie die Großmutter von seiner Schwester Katze hieße usw., wie eben der große Haufe sich benimmt, wenn er ’nen Mann vor sich hat, den er gehörig plagen kann. Na, einiges von dem, was sie sagten, war wirklich lustig, – gewiß, und sogar sehr witzig, das leugne ich nicht, aber trotzdem war’s nicht schön und war keine Heldentat: alle diese Leute mit behendem und scharfem Mundwerk gegen den einen Mann, der seine Zunge absolut nicht zu gebrauchen wußte. Aber freilich, wozu um Gottes willen mußte er überhaupt seinen Mund auftun? Sie waren ihm nun doch mal über. Aber ich vermute, ’s lag so in seiner Natur und er konnte nichts dafür. Er war gewiß ein ganz guter Kerl, eine harmlose Seele, aber er war, wie die Zeitungen sagten, ein Genie und das war doch nicht seine Schuld. Wir können nicht alle vernünftig sein und wie wir sind, so müssen wir eben verbraucht werden. Wenn ich die Sache recht verstehe, so meinen Genies, sie wissen alles, und hören darum nicht auf das, was andere Leute sagen, sondern gehen ihre eigenen Wege, und deshalb wenden sich denn alle von ihnen ab und sprechen verächtlich über sie, wie es ja ganz natürlich ist. Wenn sie bescheidener wären und auf andere Leute hörten und was zu lernen sich bemühten, so wären sie besser daran.

Das Ding, worin der Professor war, sah aus wie ’n Boot, groß und geräumig, und auf der Innenseite liefen rings herum wasserdichte Behälter, um alle möglichen Sachen aufzubewahren; man konnte auf ihnen sitzen und sie auch als Bettstellen benutzen, wenn man schlafen wollte. Wir gingen an Bord. Es waren ungefähr zwanzig Leute darin, die überall herumschnüffelten und sich alles ansahen, und der alte Nat Parsons war auch dabei. Der Professor machte sich eifrig mit den Vorbereitungen zum Aufstieg zu schaffen und die Besucher stiegen daher wieder aus, einer nach dem andern, und Nat Parsons war der letzte. Natürlich ging es nicht an, daß er nach uns das Luftschiff verließ, denn wir mußten unbedingt die Letzten sein, um Toms und seines Publikums willen. Deshalb blieben wir ganz ruhig in der Gondel.

Endlich aber war er draußen; es wurde daher auch für uns Zeit auszusteigen. Ich hörte ein lautes Geschrei und drehte mich um – die Stadt sank unter uns in die Tiefe als wäre sie aus einer Kanone geschossen! Mir wurde vor Angst ganz übel. Jim wurde grau und konnte kein Wort herausbringen und Tom sagte ebenfalls nichts, sah aber ganz aufgeregt aus. Die Stadt sank immer tiefer, tiefer, tiefer; wir selber aber schienen ganz still immer auf demselben Fleck in der Luft stehen zu bleiben. Die Häuser wurden kleiner und immer kleiner, und die Stadt schob sich zusammen, dicht und immer dichter, und Menschen und Fuhrwerke sahen aus wie herumkrabbelnde kleine Ameisen und Käfer und die Straßen wurden zu Fäden und feinen Spalten. Dann schmolz alles ineinander zusammen und es war überhaupt keine Stadt mehr da – nur ein großer Fleck auf der Erde, und es kam mir vor, als könnte man tausend Meilen stromaufwärts und tausend Meilen weit stromabwärts sehen – obwohl es natürlich nicht so viel war. Allmählich wurde die Erde zu einer Kugel von düsterer Färbung, die kreuz und quer von hellen Streifen durchgezogen – das waren Flüsse. Witwe Douglas hatte mir immer schon erzählt, die Erde sei rund wie ’ne Kugel, aber ich mochte auf ihren abergläubischen Kram nicht hören und hatte natürlich auch diesen Unsinn nicht weiter beachtet, denn ich sah ja selber, daß die Welt flach ist wie ’n Teller. Ich war sogar auf den Berg gegangen und hatte mich mit eigenen Augen umgeguckt, um mich zu überzeugen – denn ich bin der Meinung, man kriegt am besten ’nen richtigen Begriff von einer Sache, wenn man sie sich selbst ansieht, und sich nicht auf das verläßt, was andere Leute sagen. Aber nun mußte ich zugeben, daß Witwe Douglas recht gehabt hatte. Das heißt: sie hatte recht mit Bezug auf den übrigen Teil der Welt; aber der Teil, worauf unser Städtchen liegt, der ist und bleibt flach wie ’n Teller, darauf will ich ’nen Eid leisten! Der Professor war die ganze Zeit über ruhig gewesen, beinahe als ob er schliefe; aber auf einmal brach er los und rief in bitterem Zorn:

»Die Idioten! Sie sagten mein Schiff würde nicht fliegen, und wollten’s untersuchen und darauf herumspionieren und das Geheimnis aus mir herauslocken! Aber ich hab’ sie angeführt! Kein Mensch kennt das Geheimnis außer mir. Niemand außer mir weiß, was das Schiff treibt; ’s ist ’ne neue Kraft – ’ne ganz neue, tausendmal so stark als alles andere auf Erden. Dampf ist Kaff dagegen. Sie sagten, ich könnte nicht nach Europa fahren. Nach Europa! Bah, ich habe Kraft für fünf Jahre an Bord und Lebensmittel für drei Monate. Sie sind verrückt! Was verstehen sie davon? Und dann sagten sie, mein Schiff sei zerbrechlich! Zerbrechlich! Fünfzig Jahre lang kann’s aushalten. Ich kann mein ganzes Leben lang in den Lüften herumfahren, wenn ich Lust habe, und kann es steuern, wohin ich will. Und sie lachten mich aus und sagten, ich könnt’s nicht. Könnt’ nicht steuern! Komm her, Junge; das wollen wir gleich mal sehen. Du drückst bloß auf die Knöpfe, die ich dir bezeichne.«

Er ließ nun Tom das Schiff nach allen Richtungen hin steuern und Tom lernte es im Handumdrehen; er sagte uns, es ginge ganz leicht. Der Professor ließ ihn das Schiff beinahe ganz auf den Erdboden herunterbringen, und es strich so dicht über die Felder von Illinois hin, daß man mit den Landleuten hätte sprechen können, denn wir hörten ganz deutlich jedes Wort, das sie sagten. Und der Professor warf ihnen bedruckte Zettel zu, darin stand allerlei über den Ballon, und daß wir nach Europa segelten. Dann brachte der Professor Tom bei, wie er den Ballon zu landen hätte. Auch das lernte er famos, er setzte uns ganz sanft und leise auf die Wiese nieder. Aber sowie wir Miene machten auszusteigen, rief der Professor: »Nä, das nicht!« und ließ den Ballon wieder in die Lüfte emporschießen. Jim und ich begannen zu flehen, aber das machte den Mann bloß ärgerlich, er fing an zu toben und vor Wut die Augen zu verdrehen, und ich kriegte ’ne Höllenangst vor ihm. Dann fing er wieder von den bösen Menschen an und brummte und knurrte darüber, wie man ihn behandelt hätte; und besonders darüber, daß die Leute gesagt hatten, sein Schiff sei zerbrechlich, konnte er, wie’s scheint, nicht hinwegkommen. Und dann hatte man gesagt, das Luftschiff sei nicht einfach genug und werde fortwährend in Unordnung geraten. In Unordnung! Das regte ihn fürchterlich auf; er rief, der Ballon würde so wenig in Unordnung geraten wie ’ne Sonnenzisterne.[3]

[3] Eine kleine Verwechselung mit dem Sonnensystem.

Es wurde immer schlimmer mit ihm und ich habe niemals einen Menschen in solcher Wut gesehen. Beim bloßen Anblick überlief mich ’ne Gänsehaut und Jim ging’s nicht besser. Allmählich wurde sein Sprechen zu lautem Geschrei und Gekreisch; er schwor, die Welt sollte sein Geheimnis überhaupt nicht kennen lernen; man hätte ihn zu niederträchtig behandelt. Er wollte mit seinem Ballon um den ganzen Erdball herumfahren, um ihnen zu zeigen, was er damit leisten könnte, und dann wollte er den Ballon und sich selber und uns dazu ins Meer versenken. Es war ’ne verflucht ungemütliche Lage für uns, und dabei brach auch noch die Nacht herein.

Er gab uns was zu essen und befahl uns dann, nach dem hinteren Ende der Gondel zu gehen. Er selbst streckte sich auf einer von den Bänken aus, von wo aus er den ganzen Mechanismus hantieren konnte, legte seine alte Revolver-Pfefferbüchse unter seinen Kopf und sagte, wenn einer von uns so verrückt wäre, das Luftschiff landen zu wollen, den würde er totschießen.

Wir saßen aneinander geschmiegt und machten uns recht viele Gedanken, sprachen aber wenig – wir hatten zu große Angst. Allmählich senkte sich die Nacht hernieder. Wir segelten ziemlich niedrig, und im Mondschein sah alles so hübsch und lieblich aus; wir hörten die Geräusche, die von den Gehöften kamen, und wünschten, wir wären dort unten. Aber wie ein Geisterhauch schwebten wir über sie hin, ohne eine Spur zu hinterlassen. Spät in der Nacht – man hörte den Geräuschen von drunten an, daß es spät war, und man merkte es an der Luft, ja man roch es ihr sozusagen an – dem Gefühl und Geruch der Luft nach dachte ich, es müsse etwa zwei Uhr sein – spät in der Nacht also sagte Tom, der Professor wäre jetzt so still, er müßte wohl eingeschlafen sein, und darum sollten wir …

»Sollten wir … was?« fragte ich flüsternd. Und mir war ganz schlimm dabei zu Mute, denn ich wußte, woran Tom dachte.

»Wir sollten uns zu ihm heranschleichen und ihn binden und mit dem Luftschiff landen!« antwortete er.

Ich sagte: »Um Gottes willen nicht! Rühr’ dich nicht vom Fleck, Tom Sawyer!«

Und Jim – ja, dem blieb vor Angst einfach die Luft weg. Er sagte:

»O, Massa Tom, tu Sie ja nich! Wenn Sie ihn anrühren, es sein alle mit uns, warraftig alle mit uns! Ich tät’ ihm nich zu nah kommen, nich für nix auf die Welt! Er sein verrückt wie ’ne …«

»Eben drum!« flüsterte Tom. »Eben drum müssen wir das tun. Wäre er nicht verrückt, so gäbe ich, ich weiß nicht was, darum, um bloß hier auf dem Luftschiff zu sein; keine zehn Pferde sollten mich von hier wegkriegen, jetzt wo ich mit dem Ding umzugehen weiß und die erste Angst, als wir plötzlich den festen Grund unter den Füßen verloren, überwunden ist. Wenn er nur seinen rechten Verstand hätte! Aber mit so ’nem Menschen ’rumzugondeln, der ’ne Schraube verloren hat und sagt, er wolle um die Welt segeln und nachher uns alle ersäufen – nee, das geht nicht. Wir müssen was tun, sage ich euch, und zwar bevor er aufwacht, sonst haben wir vielleicht niemals wieder ’ne Gelegenheit dazu. Kommt!«

Aber uns überlief ’ne eiskalte Gänsehaut bei dem bloßen Gedanken daran, und wir rührten uns nicht von der Stelle. Tom sagte darauf, er wollte allein an den Professor herankriechen und versuchen, ob er nicht an den Steuerapparat herankommen und den Ballon landen könnte. Wir baten und flehten, er möchte es nicht tun, aber es half uns nichts. Er kroch auf Händen und Füßen Zoll um Zoll vorwärts, und uns stockte der Atem, als wir das mit ansahen. Als er in der Mitte der Gondel angekommen war, fing er an noch langsamer zu kriechen, und mir kam es vor, als vergingen Jahre darüber. Zuletzt aber sahen wir, wie er bei des Professors Kopf war; da richtete er sich halb auf und sah ihm ins Gesicht und lauschte. Dann kroch er wieder Zoll um Zoll zu des Professors Füßen herunter, wo die Steuerknöpfe waren. Er kam auch richtig an und griff langsam und bedächtig nach den Knöpfen; aber dabei stieß er an irgend etwas an. Es gab ein Geräusch, und plumps! lag er flach auf dem Boden der Gondel.

Der Professor fuhr empor und rief: »Was ist das?«

Aber wir hielten uns alle mäuschenstill; er brummte und gähnte und streckte sich wie jemand, der aus dem Schlaf aufwacht, und ich dachte, ich sollte vor Angst und Zagen umkommen.

Auf einmal schob sich eine Wolke vor den Mond, und ich hätte vor Freude beinahe laut aufgeschrieen. Der Mond verschwand immer tiefer in den Wolken und es wurde so dunkel, daß wir Tom nicht mehr sehen konnten. Dann begannen Regentropfen zu fallen und wir hörten, wie der Professor an seinen Stricken und Knöpfen herumbastelte und auf das Wetter fluchte. Wir fürchteten jede Minute, er könnte Tom entdecken – und dann wären wir alle rettungslos verloren gewesen. Aber Tom war schon auf dem Rückweg und auf einmal fühlten wir seine Hände auf unseren Knieen. Da ging mir vor Angst plötzlich die Luft aus und das Herz fiel mir in die Hosen; denn in der finsteren Nacht konnte ich nicht wissen, ob es nicht der Professor wäre; und ich dachte wirklich, er wär’s.

O je, die Freude, als wir ihn nun wirklich zurück hatten! So vergnügt kann bloß einer sein, der mit einem Verrückten in der Luft ’rumfährt! Im Dunkeln kann man mit einem Luftballon nicht landen; ich hoffte daher, der Regen möchte andauern, denn ich wünschte durchaus nicht, daß Tom noch ’mal sein Glück versuchte und uns wieder in die unbehagliche Angst versetzte. Na, mein Wunsch ging in Erfüllung. Den ganzen übrigen Teil der Nacht regnete es immer sachte weg; das war nun freilich keine sehr lange Zeit, uns aber kam sie endlos vor.

Mit Tagesanbruch heiterte der Himmel sich auf und die Welt sah über alle Maßen lieblich und hübsch aus in ihrem grauen Dunst, und was für’n schöner Anblick war’s, Felder und Wälder wieder zu sehen! Und Pferde und Ochsen standen so klar und deutlich da und sahen so nachdenklich aus. Dann kam in heiterer Pracht die Sonne herauf, und wir fühlten auf einmal wie müde und kaput wir waren, und ehe wir’s uns versahen, waren wir alle drei fest eingeschlafen.


Drittes Kapitel.

Als wir einschliefen, war es ungefähr vier Uhr und gegen acht wachten wir auf. Der Professor saß auf seinem Platz und machte ein verdrießliches Gesicht. Er warf uns etwas zum Frühstück zu und sagte uns, wir dürften nicht weiter gehen als bis zum Mittelschiffs-Kompaß; dieser befand sich ungefähr in der Mitte der Gondel.

Wenn man so einen rechten Hunger gehabt hat und dann auf einmal sich ordentlich satt essen kann, dann sieht man die Welt mit ganz anderen Augen an; es wird einem beinahe ganz behaglich zu Mute, selbst wenn man mit einem Genie sich in einem Ballon hoch oben in den Lüften befindet. Nach dem Essen rückten wir drei näher zusammen und begannen zu plaudern. Besonders ein Umstand war da, der mir gar nicht aus dem Kopf wollte, und im Lauf des Gesprächs bemerkte ich:

»Tom, fahren wir nicht nach Osten?«

»Ja.«

»Wie schnell sind wir gesegelt?«

»Na, du hörtest doch selber, was der Professor sagte, als er gestern so herumtobte. Manchmal, sagte er, machten wir in der Stunde fünfzig Meilen[4], manchmal neunzig, manchmal hundert; wenn er mit einem tüchtigen Sturm segelte, so könnte er jederzeit dreihundert machen, und wenn er einen Sturm haben wollte, so brauchte er bloß den Ballon höher steigen oder tiefer sinken zu lassen, bis er den Sturm und die gewünschte Richtung hätte.«

[4] englische.

»Na ja, das hatte ich mir gedacht: der Professor log!«

»Warum?«

»Wenn wir so schnell gefahren wären, so hätten wir doch schon über Illinois hinaus sein müssen, nicht wahr?«

»Gewiß.«

»Na, so weit sind wir aber nicht!«

»Woher weißt du das?«

»Ich seh’s an der Farbe. Wir sind immer noch mitten über Illinois. Und du kannst selber sehen, daß Indiana noch nicht in Sicht ist.«

»Was ist denn bloß dir in die Krone gefahren, Huck? Du sagst, du siehst es an der Farbe?«

»Natürlich!«

»Was hat denn die Farbe damit zu tun?«

»’ne ganze Masse! Illinois ist grün, Indiana hellrot. Nun zeig mir mal da unten auch nur den kleinsten hellroten Fleck, wenn du kannst! Gibt’s gar nicht – ’s ist alles grün!«

»Indiana hellrot?! Donnerwetter, was bist du für ein Lügenbeutel!«

»Nichts von Lügen! Ich hab’s auf der Karte gesehen, und Indiana ist hellrot!«

Machte aber der Tom Sawyer ein ärgerliches Gesicht! Endlich sagte er:

»Weißt du, Huck Finn, wenn ich so dämlich wäre wie du, da spränge ich lieber gleich über Bord! Hat’s auf der Landkarte gesehen!! Huck Finn, meintest du wirklich, die Oberfläche jedes einzelnen Staates wäre von derselben Farbe, wie sie auf der Karte dargestellt ist?«

»Tom Sawyer, was hat ’ne Landkarte für ’nen Zweck? Man soll doch wohl Tatsachen draus ersehen können?«

»Natürlich.«

»Schön! Wie kann man aber das, wenn die Karte lügt? Das möcht’ ich wohl wissen!«

»Du bist ein Quatschkopf! Sie lügt ja gar nicht!«

»Ach nee! wirklich nicht? lügt sie nicht?«

»Natürlich nicht!«

»Sehr gut! Na, wenn die Landkarte nicht lügt, dann gibt’s keine zwei Staaten von derselben Farbe. Was sagst du dazu, Tom Sawyer?!«

Er sah, ich hatte ihn fest und Jim sah es auch; und ich muß sagen, ich war mächtig stolz darauf, denn Tom Sawyer war einer, mit dem man in einem Wortgefecht nicht so leicht fertig wurde. Jim schlug sich auf den Schenkel und rief:

»Donnawetta! Das is fermost! Das is einfach fermost! Da is nix zu sagen, Massa Tom; diesmal hat Huck Finn Sie fest! Jawoll!« Und dabei schlug er sich noch einmal auf den Schenkel und sagte: »Junge, Junge! Das war warraftig fermost!«

Nie in meinem Leben war ich innerlich so stolz gewesen, und dabei hatte ich gar kein Bewußtsein davon gehabt, daß ich so was Berühmtes sagte, als bis es heraus war. Ich plapperte eigentlich bloß so in den Tag hinein, aber auf einmal, paff!, da schoß es aus mir heraus!

Aber Tom war ärgerlich und sagte, Jim und ich wären zwei unwissende Windbeutel und es wäre besser, wenn wir unseren Mund hielten. Ich habe herausgefunden, daß fast jeder ärgerlich wird, wenn er auf einen guten Einwand nichts zu erwidern weiß.

Auf einmal bemerkte er ganz tief, tief unter uns einen Kirchturm; er nahm ein Fernrohr zur Hand und sah nach der Turmuhr, holte seine silberne Taschenuhr hervor und sah nach der Zeit, und dann wieder auf den Turm und nochmals auf die silberne Zwiebel und sagte schließlich:

»Das ist komisch! Die Uhr da geht beinahe ’ne Stunde vor!«

Er zog seine Taschenuhr auf; dann bemerkte er einen andern Kirchturm und sah wieder hin, und wieder ging die Uhr ’ne Stunde vor. Das machte ihn nachdenklich und er sagte:

»Die Geschichte ist wirklich sonderbar. Wie das zugeht, versteh’ ich nicht!«

Wieder nahm er das Fernrohr und suchte sich noch einen Kirchturm, und richtig – auch diese Uhr ging ’ne Stunde vor. Auf einmal riß er die Augen ganz weit auf und machte ein paarmal den Mund auf und zu, als müßte er nach Luft schnappen, und dann plötzlich rief er:

»Hei–li–ges – Don–nerr–wet–terrr! ’s ist der Längengrad!«

Ich kriegte einen ganz gehörigen Schreck und fragte:

»O je, o je, was ist denn nun wieder los?«

»Nichts weiter, als daß diese alte Blase ganz mir nichts dir nichts über Illinois und Indiana und Ohio weggesaust ist und daß wir da unter uns die Ostseite von Pennsylvanien oder New York oder so ’ne ähnliche Gegend haben!«

»Tom Sawyer, das ist doch nicht dein Ernst!«

»Jawohl, das ist es, und die Sache steht bombenfest! Seit wir gestern nachmittag aus St. Louis abfuhren, haben wir ungefähr fünfzehn Längengrade gekreuzt, und die Uhren da unten gehen richtig! Wir haben an die achthundert Meilen gemacht.«

Ich glaubte ihm das nicht, aber trotzdem lief mir eine eiskalte Gänsehaut über den Buckel. Ich wußte aus eigener Erfahrung, daß man zu einer solchen Strecke auf einem Floß den Mississippi herunter beinahe zwei Wochen gebraucht.

»Seht mal!« belehrte Tom uns. »Der Zeitunterschied beträgt für jeden Längengrad ungefähr vier Minuten. Fünfzehn Grade machen ’ne Stunde, dreißig zwei Stunden usw. Wenn sie in England Dienstag morgen um ein Uhr haben, so ist es in New York Montag abend um acht.«

Jim rückte auf seiner Bank ein Stück von Tom ab, und man konnte ihm ansehen, daß er beleidigt war, denn er schüttelte fortwährend den Kopf und brummte vor sich hin; ich schob mich darum nahe zu ihm heran und tätschelte ihn auf die Beine und gab ihm gute Worte und brachte ihn denn auch schließlich so weit, daß er seinen Gefühlen Luft machte.

»Massa Tom!« sagte er. »Quassel Sie nix sowas! Dingsdag auf’m einen Ort un Mondag auf’m annern, un beides auf’m selben Dag! Huck, hier is nix gut zu spaßen, hier ganz oben, oben in die Luft! Zwei Dage auf einen Dag?! So? Wie kriegt man denn zwei Dage in einen? Kann Sie zwei Stunden in eine kriegen, häh? Kann Sie zwei Nigger in eines Niggers Haut kriegen, häh? Kann Sie zwei Maß Whisky in ’ne Kruke kriegen, wo bloß ein Maß ringeht, häh? Nu, guckemal, Huck – wenn nu dieser Dingsdag Neujahrsdag wär’ – was dann? Will da einer behaupten, ’s wär am einen Ort Neujahr, un am annern Ort Altjahr, akkrat in dieselbigte Minute? Das is ja ’n vermaledeiter Unsinn! So was kann ich gar nix mit anhören, ach du lieber großer Gott, nä!«

Auf einmal fängt er an zu zittern und wird ganz grau und Tom sagt:

»Na, was ist denn nun los? Was hast du denn?«

Jim kann gar kein Wort hervorbringen, aber endlich sagt er:

»Massa Tom, Sie mach’ nix Spaß, un es is so?«

»Nein, ich denke nicht dran, und es ist wirklich so!«

Jim kriegt wieder das Zittern und sagt:

»Denn könnt’ ja der Dingsdag der Jüngste Dag sein, un denn hätten sie in England keinen Jüngsten Dag, un denn würden die Doten nix geruft. Da dürfen wir nix hingehn, Massa Tom! Bitte, krieg Sie ihm dazu, daß er umkehrt; ich will un muß dabei sein, wenn der Jüngste Dag …«

Auf einmal sahen wir was und sprangen alle miteinander auf unsere Füße und vergaßen alles und jedes und konnten bloß staunen und die Augen aufreißen. Und Tom rief:

»Ist das nicht …?« Ihm ging die Luft aus, aber dann fuhr er fort: »Jawohl, er ist’s! Sowahr ich lebe! ’s ist der Ozean!«

Da blieb auch Jim und mir die Luft weg! Wie versteinert standen wir alle drei da, aber glücklich! Denn keiner von uns hatte je ’nen Ozean gesehen oder auch nur gedacht, daß uns mal so etwas beschieden sein könnte. Tom brummelte fortwährend vor sich hin:

»Atlantischer Ozean – Atlantischer! Herrgott, klingt das großartig! Und da unten ist er – und wir, wir sehen ihn mit unseren eigenen Augen – wir! Das ist ja so was Wundervolles, daß man sich gar nicht getraut, es zu glauben!«

Dann sahen wir ’ne dicke Wolke von schwarzem Rauch, und als wir näher kamen, da war’s ’ne Stadt, und zwar ein riesiges Ungetüm von einer Stadt, mit einem dicken Kranz von Schiffen an der einen Seite; und wir dachten, ob das wohl New York sein möchte, und stritten uns darüber herum und ehe wir’s uns versahen, da war die Stadt unter uns weggeglitten und lag weit, weit hinter uns – und da waren wir mitten über dem Ozean selber und fuhren dahin mit der Schnelligkeit einer Windsbraut. Da wurden wir aber mit einem Mal ganz hell wach, das kann ich versichern! Wir stürzten nach hinten und erhoben ein Jammergeheul und baten den Professor himmelhoch, er möchte doch umkehren und uns an Land setzen, aber er riß sein Pistol aus der Tasche und schrie uns an, wir sollten zurückgehen – und wir gingen, aber wie jämmerlich uns zu Mute war, davon wird kein Mensch je sich einen Begriff machen können.

Das Land war verschwunden, bloß noch ein kleiner Streif, so schmal wie ’ne Schlange, war am Rande des Wassers, und in der Tiefe unter uns, da war nichts als Ozean, Ozean, Ozean – Millionen Meilen von Ozean und das hob sich und warf sich und wirbelte, und weißer Gischt sprühte von den Wogenkämmen, und im ganzen Gesichtskreise waren bloß ein paar Schiffe, die wurden hin- und hergeschleudert und legten sich erst auf die eine Seite und dann auf die andere und fuhren bald mit dem Bug, bald mit dem Stern in die Tiefe. Und es dauerte nicht lange, dann waren überhaupt keine Schiffe mehr zu sehen und wir waren ganz mutterseelenallein zwischen dem hohen Himmel und dem endlosen Meere – und es war die weiteste Fläche, die ich je gesehen hatte, und die grenzenloseste Einsamkeit.


Viertes Kapitel.

Und einsamer wurde es und immer einsamer. Ueber uns war das riesige Himmelsgewölbe – leer und furchtbar tief; und unter uns war der Ozean, auf dem wir bloß die Wellenköpfe sahen. Rund um uns her war ein Ring, in welchem Himmel und Wasser zusammenliefen; ja ein riesengroßer Ring war es und wir waren genau in dessen Mitte. Wir sausten dahin mit der Schnelligkeit eines Prairiebrandes; aber das machte in der Entfernung keinen Unterschied, allem Anschein nach kamen wir über unseren Mittelpunkt nicht hinaus; so viel ich sah, konnten wir dem Ring nicht um Zollbreite näher kommen. Es wurde einem ganz seltsam dabei zu Mute; es war so eigentümlich und so unerklärlich.

Und dabei war alles so furchtbar still, daß wir unwillkürlich anfingen leise zu sprechen, und die Einsamkeit machte uns immer bänger und benahm uns die Lust zu plaudern und schließlich hörte das Gespräch ganz auf und wir saßen bloß da und ›denkten‹, wie Jim sich ausdrückt, und sagten kein Wort mehr.

Der Professor rührte sich nicht, bis die Sonne über unseren Köpfen stand; da richtete er sich auf und hielt eine Art Dreieck vor seine Augen, und Tom sagte, das wäre ein Sextant, und er nähme die Stellung der Sonne, um zu sehen, wo der Luftballon sich befände. Hierauf rechnete er ein bißchen und sah in einem Buche nach und dann kriegte er wieder seinen Anfall. Er sprach eine Menge wildes Zeug und sagte unter anderem, er wollte dieses Hundertmeilentempo bis zum nächsten Nachmittag beibehalten und dann würde er in London landen.

Wir sagten, dafür würden wir ihm in tiefster Seele dankbar sein.

Er hatte sich umgedreht, aber als wir das sagten, da sprang er auf einmal ganz wild wieder herum und warf uns einen ganz abscheulichen langen Blick zu – selten habe ich einen so boshaften und mißtrauischen Blick gesehen! Dann sagte er:

»Ihr wollt von mir gehen! Versucht nicht, das abzuleugnen.«

Wir wußten nicht, was wir antworten sollten, und hielten deshalb den Mund und sagten gar nichts.

Er ging nach hinten und setzte sich wieder hin, aber augenscheinlich konnte er diesen Gedanken nicht wieder los werden. Von Zeit zu Zeit rief er uns irgend etwas zu, was darauf Bezug hatte, und versuchte eine Antwort aus uns heraus zu bringen; aber wir wagten nicht zu sprechen.

Immer drückender wurde das Gefühl der Einsamkeit, und es kam mir vor, als könnte ich’s bald nicht länger aushalten. Als die Nacht hereinbrach, wurde es damit noch schlimmer. Auf einmal kneift mich Tom und flüstert: »Sieh mal hin!«

Ich gucke nach hinten und sehe, wie der Professor einen Schluck aus ’ner Flasche nimmt. Das gefiel mir ganz und gar nicht. Ab und zu nahm er wieder einen Schluck und es dauerte nicht lange, so fing er an zu singen. Es war jetzt dunkel – eine schwarze und stürmische Nacht. Er sang fortwährend, immer wilder und wilder, und der Donner begann zu grollen, und der Wind zu brausen und im Tauwerk zu heulen – und das alles zusammen war fürchterlich. Es wurde so dunkel, daß wir den Professor überhaupt nicht mehr sehen konnten, und wir wünschten, wir hätten ihn auch nicht hören können – aber da hätten wir keine Ohren haben müssen.

Dann wurde er still. Aber als er noch keine zehn Minuten still gewesen war, da wurde uns das noch unheimlicher, und wir wünschten, er möchte wieder mit seinem Spektakel anfangen, damit wir wenigstens wüßten, wo er wäre. Auf einmal zuckte ein Blitz und wir sahen, daß er aufzustehen versuchte, aber er stolperte und fiel wieder hin. Wir hörten ihn in die Finsternis hineinschreien:

»Sie mögen nicht nach England gehen? Auch recht; ich will den Kurs ändern. Sie wollen von mir gehen. Jawohl, ich weiß, sie wollen es! Schön, sie sollen’s – und zwar jetzt gleich

Ich kam vor Angst beinahe um, als er dies sagte. Dann war es wieder still – eine so lange Zeit, daß ich’s gar nicht mehr aushalten konnte, und es kam mir vor, als wollte der Blitz niemals wieder kommen. Aber schließlich da kam so ein ersehnter Blitz, und richtig, da war der Professor; er kroch auf Händen und Knieen und war keine vier Fuß weit von uns entfernt. O, was machte er für fürchterliche Augen! Er machte einen Satz auf Tom zu und rief:

»Ueber Bord mit dir!«

Aber es war schon wieder pechdunkel und ich konnte nicht sehen, ob er ihn kriegte oder nicht, und Tom war mäuschenstill.

Dann kam wieder ein langes gräßliches Warten! Dann wieder ein Blitz und ich sehe außerhalb des Bootes Tom seinen Kopf niederducken und verschwinden. Er war auf der Strickleiter, die vom Dollbord herunter frei in der Luft hing. Der Professor stieß einen Schrei aus und tat einen Satz, und im Nu war’s wieder pechfinster, und Jim stöhnte:

»Arme Massa Tom, er is hin!«

Damit wollte Jim sich auf den Professor stürzen, aber der Professor war nicht da.

Dann hörten wir zwei entsetzliche Schreie – dann noch einen, nicht ganz so laut – und noch einen, der kam ganz tief von unten her, und man konnte ihn gerade eben noch hören. Und Jim sagte:

»Arme Massa Tom!«

Dann wurde es grauenhaft still; man hätte, glaube ich, bis viertausend zählen können, bis der nächste Blitz kam. Als es blitzte, sah ich Jim auf den Knieen liegen; die Arme hatte er über die Bank gestreckt und sein Kopf lag auf seinen Armen und er weinte. Ehe ich über Bord sehen konnte, war alles wieder dunkel, und das war mir lieb, denn ich wollte nichts sehen. Aber als der nächste Blitz kam, da war ich mit meinem Kopf schon über’m Bootsrand, und da sehe ich unter mir jemanden auf der schaukelnden Strickleiter – und es ist Tom!

»Komm ’rauf!« schrei’ ich. »Komm ’rauf, Tom!«

Seine Stimme war so schwach und der Sturm brüllte so fürchterlich, daß ich nicht verstehen konnte, was er sagte; aber es kam mir vor, als fragte er, ob der Professor bei uns oben sei. Ich schrie:

»Nein! Der ist unten im Ozean! Komm ’rauf! Können wir dir helfen?«

Dies alles ging natürlich in düsterster Finsternis vor sich.

»Huck! wen rufst du da?« stöhnte auf einmal Jim.

»Ich rufe Tom.«

»O, Huck, wie kannst du? Du weißt doch, arme Massa Tom …«

Weiter kam er nicht; er stieß einen fürchterlichen Schrei aus und gleich darauf noch einen und warf seinen Kopf und seine Arme hintenüber – denn gerade in dem Augenblick kam ein weißer Blitz und über dem Dollbord hob sich Toms Gesicht, ganz schneeweiß, empor und sah ihm gerade in die Augen. Er dachte natürlich, es sei Toms Geist.

Tom kletterte an Bord, und als Jim merkte, daß er’s wirklich war und nicht sein Geist, da herzte er ihn und gab ihm alle möglichen Kosenamen und tat, als wäre er vor Freuden ganz verrückt geworden. Als schließlich ein bißchen Ruhe eintrat, fragte ich:

»Worauf wartetest du denn, Tom! Warum kamst du nicht gleich wieder herauf?«

»Durfte ich nicht, Huck! Ich merkte, daß jemand bei mir vorbei plumpste, aber in der Dunkelheit wußte ich nicht, wer es war. Es hätte Jim sein können oder auch du, Huck Finn!«

Das war der echte Tom Sawyer – immer vernünftig! Er kam nicht eher nach oben, als bis er wußte, wo der Professor war.

Der Sturm hatte sich inzwischen zu seiner höchsten Gewalt entwickelt; es war fürchterlich, wie der Donner brüllte, wie die Blitze blendend zuckten, wie der Wind im Tauwerk heulte und pfiff und wie der Regen herniederströmte. In der einen Sekunde konnte man nicht seine Hand vor Augen sehen und in der nächsten konnte man die Fäden im Rockärmel zählen und sah durch einen Regenschleier eine ganze weite Wüste von rollenden schäumenden Wellen. Ein solcher Sturm ist das Prächtigste, was es auf der Welt gibt – aber nicht wenn man oben unter dem Himmel fährt, wo man in der Einsamkeit den Weg nicht weiß, wenn man bis auf die Haut durchnäßt ist, und gerade eben einen Todesfall in der Familie gehabt hat!

Wir saßen am Bugspriet zusammen gedrängt und sprachen leise vom Professor; und uns allen tat er leid, der arme Mann, den die Welt verspottet und hart behandelt hatte, während er ihr doch sein Bestes gab; und dabei hatte er keinen Freund oder sonst einen Menschen gehabt, um ihn zu ermutigen und ihn aufzuheitern, wenn die trüben Gedanken über ihn kamen, die ihn schließlich verrückt machten.

Am andern Ende der Gondel waren Kleider und Decken und dergleichen in Hülle und Fülle; aber wir ließen uns lieber durchnaß regnen als daß wir in jener Nacht etwas davon angerührt hätten.


Fünftes Kapitel.

Wir versuchten irgend einen Plan aufzustellen, konnten aber nicht einig werden. Jim und ich waren dafür, umzukehren und wieder nach Hause zu fahren. Tom aber meinte, wir sollten lieber den Tagesanbruch abwarten, um ordentlich sehen zu können; bis dahin aber würden wir so nahe bei England sein, daß wir ebensogut dorthin fahren könnten; wir könnten dann zu Schiff zurückkehren, und was wäre das nicht für ein Ruhm, wenn wir später so etwas von uns sagen könnten!

Gegen Mitternacht legte sich der Sturm; der Mond kam hervor und beschien die Meeresfläche; uns wurde ganz behaglich zu Mute und der Schlaf kam über uns. Wir streckten uns auf den Bänken aus und schliefen ein und wachten nicht früher auf, als bis die Sonne am Himmel stand. Die See funkelte wie von lauter Diamanten und es war schönes Wetter und sehr bald waren alle unsere Sachen wieder trocken.

Wir gingen achter, um uns etwas zum Frühstück zu suchen, und das erste, was uns in die Augen fiel, war ein trübes Lichtchen, das in einem Kompaß unter ’nem Glasdeckel brannte. Tom machte sich sofort Gedanken darüber und sagte:

»Ihr könnt euch wohl denken, was das bedeutet! Nichts anderes, als daß hier jemand auf Wache stehen und dies Ding steuern muß, genau wie ein Schiff gesteuert wird. Denn wenn der Ballon nicht gesteuert wird, so treibt er sich in der Luft herum und segelt, wohin der Wind ihn führt.«

»Hm,« sagte ich, »was hat denn unsere Gondel gemacht, seit wir … eh … seit wir den Unfall hatten?«

»Sich herumgetrieben,« antwortete er, ein bißchen aus seiner Ruhe gebracht, »sich herumgetrieben – ohne allen Zweifel! Jetzt haben wir einen Wind, der uns südöstlich treibt; wir können nicht wissen, wie lange wir schon diesen Kurs halten.«

Er stellte das Steuer wieder auf Osten und sagte, er wolle so lange aufpassen, bis wir das Frühstück fertig gemacht hätten. Der Professor hatte sich so gut verproviantiert, wie man’s nur wünschen konnte. Da war alles in Hülle und Fülle vorhanden. Milch gab es allerdings nicht zum Kaffee, aber Wasser war vorhanden und alles, was man sonst nötig hatte, auch ein Kochofen mit Holzkohlenfeuerung und mit dem erforderlichen Geschirr, und Pfeifen und Zigarren und Zündhölzer. Ferner Weine und Liköre – wofür wir allerdings keine Verwendung hatten; dann Bücher und Land- und Seekarten und ’ne Ziehharmonika – und Pelze, Decken und eine unendliche Menge von allerlei Tand, wie Messingperlen und dergleichen Zierat. Das war, wie Tom bemerkte, ein sicheres Anzeichen, daß er darauf gerechnet hatte, mit Wilden zusammenzukommen. Auch Geld war da. Ja, der Professor war nicht schlecht ausgerüstet.

Nach dem Frühstück zeigte Tom mir und Jim, wie das Steuer gehandhabt wurde; dann verteilte er die Wachen, für jeden immer vier Stunden. Als er mit seiner Wache fertig war, löste ich ihn ab, und er holte des Professors Papier und Schreibzeug heraus, und setzte sich hin und schrieb einen Brief nach Hause an seine Tante Polly. Darin erzählte er ihr alles, was uns passiert war, und als er fertig war, datierte er den Brief:

›Im Firmament, in der Nähe von England‹, und faltete ihn säuberlich zusammen und versiegelte ihn mit einer roten Oblate. Dann adressierte er ihn und über der Adresse schrieb er mit dicken Buchstaben:

Von Tom Sawyer, dem Erronauter

und er sagte, wenn der Brief mit der Post ankäme, da würde der alte Nat Parsons, der Postmeister, einfach auf den Rücken fallen.

Ich äußerte meine Meinung, wir wären ja doch nicht im Firmament, sondern in einem Luftballon; aber über so etwas war mit Tom nun einmal nicht zu diskutieren. Im Grunde wußte ich auch nicht so recht, was eigentlich ein Firmament ist; Tom wollte es mir erklären, aber Jim und ich bekamen trotzdem keinen rechten Begriff davon, und schließlich ließen wir es sein und sprachen davon, was ein Erronauter sei.

Ein Erronauter, sagte Tom, wäre ein Mensch, der in Luftballons ’rumführe, und es wäre ganz was Anderes und viel was Feineres, wenn er sich ›Tom Sawyer, den Erronauter‹ nennen könnte, als wenn er bloß ›Tom Sawyer, der Reisende‹ wäre. Man würde überall auf der ganzen Welt von uns sprechen, wenn wir nur das Ding zum rechten Ende brächten, und darum hustete er von jetzt an was drauf, ›Tom Sawyer, der Reisende‹ zu heißen.

Als die Mitte des Nachmittags herankam, machten wir alles zum Landen fertig, und uns war recht leicht ums Herz und wir fühlten einen mächtigen Stolz in uns. Wir guckten fortwährend durch unsere Ferngläser, wie Kolumbus, als er Amerika entdecken wollte. Aber wir sahen nichts als lauter Ozean und Ozean. Der Nachmittag verstrich, die Sonne ging unter und immer noch war nirgendwo Land zu sehen. Die Sache kam uns sonderbar vor, aber wir dachten, sie würde schon in Ordnung kommen. Wir blieben also dabei, ostwärts zu steuern, nur stiegen wir etwas höher hinauf, damit wir nicht im Dunkel gegen einen Berg oder sonstige Hindernisse anstoßen möchten.

Von acht Uhr abends bis Mitternacht hatte ich die Wache, dann löste Jim mich ab; aber Tom blieb auf, weil Schiffskapitäne, wie er sagte, das immer täten, wenn sie dicht beim Lande wären.

Als es nun Tag wurde, da stieß auf einmal Jim ein lautes Geschrei aus und wir sprangen auf und guckten über den Rand der Gondel und richtig! da war das Land – rund um uns herum nichts als Land, soweit das Auge reichte, und vollkommen flach und ganz gelb! Wir wußten nicht, wie lange wir schon über dem Land gewesen waren, denn da waren weder Bäume, noch Berge, noch Felsen, noch Städte, und Tom und Jim hatten gedacht, es sei das Meer, das spiegelglatt unter ihnen daläge; übrigens hätte es von der Höhe aus, in der wir uns befanden, spiegelglatt ausgesehen, selbst wenn die Wellen haushoch gegangen wären.

Wir waren jetzt alle riesig aufgeregt und nahmen schnell die Ferngläser vor die Augen und suchten überall nach London, aber da war nicht das geringste weder von London noch überhaupt von einer menschlichen Niederlassung zu sehen – nicht ’mal ein See oder ein Fluß war zu erblicken. Tom war ganz kleinlaut geworden. Er sagte, so einen Begriff hätte er sich von England nicht gemacht; er hätte immer gemeint, England sähe genau so aus wie Amerika. Er schlug schließlich vor, wir wollten lieber unser Frühstück essen und dann den Ballon herunterlassen und uns erkundigen, wie wir auf dem kürzesten Wege nach London kämen. Mit dem Frühstück waren wir sehr schnell fertig – unsere Ungeduld war zu groß. Als wir nachher uns in niedrigere Regionen herabließen, begann das Wetter milde zu werden, und sehr bald zogen wir unsere Pelze aus. Aber es wurde immer noch milder, und im Nu war’s beinahe zu milde. Wir waren nämlich jetzt dicht über dem Erdboden und da herrschte geradezu eine Backofenhitze.

Ungefähr dreißig Fuß über dem Lande machten wir Halt; ich sage ›Land‹, indem ich annehme, daß man so etwas Land nennen darf; denn da gab es nichts als reinen Sand! Tom und ich kletterten die Leiter herunter und fingen an zu laufen, um unsere Beine wieder ein bißchen geschmeidig zu machen; den Beinen tat denn auch die Bewegung wunderbar gut – aber den Füßen weniger, denn der Sand verbrannte uns die Sohlen, als wären wir auf glühende Kohlen getreten. Nicht lange, so sahen wir jemanden herankommen, und sofort liefen wir ihm entgegen; aber wir hörten Jim schreien und drehten uns nach ihm um und sahen, daß er wie ein Besessener herumsprang und Zeichen machte und schrie. Was er sagte, konnten wir nicht verstehen, aber wir kriegten es doch mit der Angst und liefen so schnell wir konnten nach dem Luftschiff zurück. Als wir nahe genug gekommen waren, unterschieden wir seine Worte, und mir wurde ganz übel zumute, als ich sie hörte:

»Rennt!« schrie er. »Rennt, wenn euch euer Leben lieb is. Das is ’n Löwe! Ich seh ihm durch die Fernglas! Rennt Jungens! Rennt, was das Zeug halten will! Er is gewiß aus die Menascherie gelaufen un da is niemand, der ihn wieder kriegen kann!«

Tom flog wie ein Pfeil dahin, aber mir schlotterten die Beine, als wenn ich gar keine Knochen mehr drin gehabt hätte. Ich konnte mich bloß so hinschleppen, wie’s einem im Traum manchmal passiert, wenn ein Gespenst hinter einem her ist.

Tom war natürlich der Erste bei der Leiter; er kletterte ein Stück hinauf und wartete auf mich; sobald ich glücklich auf der untersten Stufe stand, rief er Jim zu, er sollte losrutschen. Aber Jim hatte völlig den Kopf verloren und sagte, er wüßte nicht mehr, wie’s gemacht würde. Tom kletterte daher weiter hinauf und sagte, ich sollte nachkommen; aber der Löwe war schon ganz in der Nähe und stieß bei jedem Sprung ein ganz fürchterliches Gebrüll aus; davon zitterten mir die Beine dermaßen, daß ich nicht wagte, mich von der Sprosse zu rühren, denn ich dachte, wenn ich den einen Fuß hochhöbe, so würde der andere allein mich nicht mehr tragen können.

Inzwischen aber hatte Tom sich in die Gondel hineingeschwungen; er ließ den Ballon ein Stück in die Höhe gehen, hielt aber sofort wieder an, als das Ende der Strickleiter zehn oder zwölf Fuß über dem Boden war.

Und da war auch schon der Löwe. Wie tobte er unter mir herum, wie brüllte er, wie sprang er in die Höhe und schnappte nach der Leiter! Es sah aus als verfehlte er sie nur um Viertelszollbreite. Es war ja köstlich, wirklich köstlich, außer seinem Bereich zu sein, und ich empfand dies als ein ungeheuer angenehmes Gefühl, wofür ich herzlich dankbar war; andererseits aber hing ich hilflos da und konnte nicht hochklettern, und dabei wurde mir denn wieder sterbensübel zu Mute. Es kommt wohl sehr selten vor, daß jemand derartig gemischte Gefühle empfindet, und im großen und ganzen kann ich eine derartige Situation nicht für empfehlenswert erklären.

Tom fragte mich, was er anfangen sollte, aber ich konnte ihm daraufhin keinen Bescheid geben. Er meinte, ich könnte mich vielleicht so lange festhalten, bis er nach einem sicheren Platz gesegelt wäre, wohin der Löwe nicht so schnell mitlaufen könnte. Ich antwortete, es würde mir wahrscheinlich möglich sein, wenn er den Ballon nicht höher steigen ließe; aber wenn er höher ginge, so würde ich ganz gewiß schwindlig werden und herunterfallen.

»Halt dich nur ordentlich fest!« rief Tom, und damit segelte er los.

»Nicht so schnell!« schrie ich. »Mir wird schon gelb und grün vor den Augen!«

Er war nämlich mit Blitzzugsgeschwindigkeit abgefahren. Tom mäßigte die Schnelligkeit und wir glitten langsamer über den Sand hin; aber es ist und bleibt doch im höchsten Grade ungemütlich, wenn man in lautloser Stille den Boden so unter sich weggleiten sieht.

Mit der Lautlosigkeit nahm es indessen sehr bald ein Ende, denn der Löwe kam uns nachgesprungen. Und sein Gebrüll wurde beantwortet. Wir sahen die Bestien aus allen Himmelsrichtungen herangehopst kommen und im Nu waren ein paar Dutzend unter mir. Sie sprangen nach der Leiter und fauchten sich gegenseitig an und schnappten nacheinander. So rutschten wir übers Land hin und die braven Löwen taten, was in ihren Kräften stand, um uns das Erlebnis unvergeßlich zu machen; und es kamen immer mehr Bestien – sie schienen es nicht für nötig zu halten, eine Einladung von uns abzuwarten – und das Getümmel unter uns wurde unbeschreiblich.

Wir sahen ein, so konnte es nicht weiter gehen. Wenn wir nicht schneller segelten, wurden wir die Löwen nicht los, und ich konnte mich nicht ewig an der Strickleiter festhalten, denn dazu reichten meine Kräfte nicht.

Tom dachte über den Fall nach und kam auf eine andere Idee: einer von den Löwen mußte mit des Professors Revolver totgeschossen werden, und während die anderen Halt machten, um ihren Kameraden zu verspeisen, konnten wir verschwinden.

Gedacht, getan! Tom hielt den Ballon an, schoß eine von den Bestien über den Haufen und der Spektakel ging los, ganz wie wir’s erwartet hatten. Wir segelten eine Viertelmeile weiter und Tom und Jim halfen mir in die Gondel hinein.

Kaum waren wir damit fertig, so war auch die Löwenbande wieder da. Aber es war zu spät für sie. Und als sie sahen, daß sie uns nicht mehr kriegen konnten, da setzten sie sich auf ihre Hinterbacken und sahen uns mit so schmerzlich enttäuschten Gesichtern nach, daß die armen hungrigen Löwen uns wirklich leid taten.


Sechstes Kapitel.

Ich war so angegriffen, daß ich an gar nichts weiter dachte, als mich schnell hinzulegen. Ich streckte mich daher auf meiner Bank aus, aber in solcher Backofenhitze war nicht daran zu denken, wieder zu Kräften zu kommen; Tom befahl daher, das Luftschiff höher steigen zu lassen, und Jim führte seine Weisungen sofort aus.

Wir mußten eine volle Meile aufsteigen, bis wir in eine angenehme Luftschicht kamen, wo eine erfrischende Brise wehte und es weder zu kalt noch zu warm war. Bald war ich wieder völlig bei Kräften. Tom hatte die ganze Zeit über still und nachdenklich dagesessen, aber auf einmal sprang er auf und sagte:

»Ich will tausend gegen eins wetten: ich weiß, wo wir sind! Wir sind in der Großen Sahara – das ist bombensicher!«

Er war so aufgeregt, daß er weder Arme noch Beine still halten konnte; mich regte seine Mitteilung weniger auf; ich fragte bloß:

»So? Na, wo ist denn die Große Sahara? In England oder in Schottland?«

»Weder da noch dort – sie ist in Afrika.«

Da riß aber Jim die Augen auf! Mit riesiger Neugierde sah er sich das Land an; und das war auch kein Wunder, denn da waren ja seine Vorfahren hergekommen. Aber ich selber konnte es nur so halb und halb glauben; mir schien denn doch, eine so kolossale Reise könnten wir unmöglich gemacht haben.

Tom indessen war voll von seiner ›Entdeckung‹, wie er es nannte. Die Löwen und der Sand, sagte er, das bedeutete ganz bestimmt die große Wüste.

Jim sah immer noch durch das Fernrohr auf den Sand herunter. Auf einmal schüttelte er den Kopf und sagte:

»Massa Tom, da muß woll was nix richtig sein! Ich hab noch gar keine Nigger nix gesehen!«

»Das will nichts sagen! Sie leben nicht in der Wüste. Aber was ist denn das? Da hinten ganz in der Ferne? Gebt mir ’mal ’n Fernrohr!«

Er sah lange durch das Glas und sagte, es sähe aus wie ein langer schwarzer Strich, der sich über den Sand hinzöge, aber er könnte nicht begreifen, was es wohl sein möchte.

»Na,« sagte ich, »vielleicht hast du jetzt ’ne Möglichkeit, genau festzustellen, wo der Luftballon ist. Denn höchstwahrscheinlich ist das doch eine von den Linien, die auf der Karte verzeichnet sind, und die du Meridianlängen nanntest; wir brauchen bloß ’runterzugehen und uns die Nummer anzusehen und …«

»O, Huck Finn! Was für ein Blödsinn! So einen Quatschkopf wie du bist habe ich noch nie gesehen! Meinst du im Ernst, die Längenmeridiane sind auf der Erde

»Tom Sawyer, sie sind auf der Karte abgebildet, das weißt du recht gut, und hier ist ja eine, das kannst du doch mit deinen eigenen Augen sehen!«

»Natürlich stehen sie auf der Karte; aber das beweist noch nichts! Auf dem Erdboden gibt es selbstverständlich keinen.«

»Tom, weißt du das gewiß?«

»Natürlich!«

»Nun, dann hat die Landkarte wieder mal gelogen. So eine Lügerei wie auf der Karte ist mir noch gar nicht vorgekommen!«

Das brachte nun wieder Tom in hellen Eifer; aber ich wußte ihm mit Worten zu dienen und Jim, der ganz meiner Meinung war, kam auch in Hitze, und es ist gar nicht unmöglich, daß unsere Beweisführungen ein bißchen handgreiflich geworden wären – aber auf einmal warf Tom das Fernrohr hin und klatschte in die Hände, wie wenn er den Verstand verloren hätte, und schrie aus vollem Halse:

»Kamele! Kamele!«

Ich nahm schnell ein Fernrohr und Jim guckte auch darnach; aber ich war enttäuscht und sagte: »Deine Großmutter hat wohl Kamele! Das sind ja Spinnen!«

»Spinnen in ’ner Wüste, du Schafskopf? Spinnen, die in einer langen Reihe marschieren? Streng’ mal ’n bißchen deinen verehrlichen Schädel an, Huck Finn, – aber es kommt mir allerdings fast so vor, als hättest du nichts drin! Du denkst wohl gar nicht dran, daß wir ’ne volle Meile hoch oben in der Luft sind und daß der Streifen von Krabbeltieren zwei oder drei Meilen entfernt ist. Spinnen – heiliger Bimbam! Spinnen so groß wie ’ne Kuh? Willst du nicht vielleicht runtergehen und eine von ihnen melken? Aber verlaß dich nur darauf, was ich sage: es sind und bleiben Kamele. ’s ist ’ne Karawane, ganz einfach ’ne Karawane, und sie ist ’ne Meile lang!«

»Na, denn wollen wir doch runtergehen und sie uns ansehen! Ich glaube es nun ’mal nicht und werde nicht eher dran glauben, als bis ich’s genau und deutlich selber sehe!«

»Meinetwegen!« rief Tom und kommandierte: »Tiefer mit dem Ballon!«

Als wir in die heiße Luftschicht kamen, da konnten wir denn sehen, daß es wirklich Kamele waren – eine endlose Reihe von bedächtig schreitenden Tieren, die große Ballen auf ihren Rücken trugen. Auch mehrere hundert Männer waren dabei, die hatten lange weiße Gewänder an und um ihre Köpfe trugen sie lange Binden gewickelt, von denen Troddeln und Fransen herniederhingen. Einige von ihnen hatten lange Flinten und andere hatten keine; einige ritten und andere gingen zu Fuß. Und die Hitze – na, wir kamen uns vor, wie wenn wir auf ’nem Bratrost lägen. Und wie langsam krochen sie durch die Wüste hin! Wir ließen uns nun plötzlich hernieder und stoppten, als wir ungefähr hundert Meter über ihnen waren.

Die Männer schrieen alle miteinander plötzlich laut auf, und einige warfen sich platt auf den Bauch, andere fingen an, mit ihren Flinten nach uns zu schießen, und der Rest stob nach allen Windrichtungen auseinander – Menschen, Pferde und Kamele.

Wir sahen, daß wir Wirrwarr anrichteten, und stiegen deshalb wieder auf, bis wir ungefähr in der alten Höhe von einer Meile uns befanden, wo die kühle Luftschicht war; von dort aus sahen wir uns alles an. Sie brauchten beinahe eine Stunde, bis sie wieder alle zusammen und in der richtigen Marschordnung waren; dann brachen sie wieder auf, aber wir konnten durch unsere Fernrohre beobachten, daß sie bloß für unseren Luftballon Augen hatten. Wir fuhren in ihrer Richtung weiter, indem wir sie durch unsere Gläser genau betrachteten; das war ein sehr interessanter Anblick. Auf einmal sahen wir einen großen Sandhügel und jenseits desselben eine Menge Gestalten, die wir für Menschen hielten; und oben auf dem Hügel lag etwas – dem Anschein nach ein Mann; der hob alle Augenblicke mal den Kopf in die Höhe und sah sich um – ob nach uns oder nach der Karawane, das konnten wir nicht unterscheiden. Als die Karawane näher gekommen war, rutschte er auf der anderen Seite des Hügels herunter und lief schnell zu den anderen Menschen – wir sahen jetzt, daß es solche waren – die neben ihren Pferden hinter dem Sandberg auf der Lauer gelegen hatten. Im Nu waren sie im Sattel und wie ein Donnerwetter kamen sie hervorgesprengt, einige mit Lanzen bewaffnet und andere mit langen Flinten, und alle miteinander schrieen und heulten sie aus vollem Halse.

Eins, zwei, drei waren sie bei der Karawane und in der nächsten Minute prallten die beiden Parteien aufeinander. Dann folgte ein wildes Durcheinander und ein Flintengeknatter, wie wir’s nie gehört hatten, und die Luft war so voll von Pulverdampf, daß wir nur ab und zu einen schnellen Blick auf das Handgemenge werfen konnten.

Es müssen wohl mindestens sechshundert Mann an der Schlacht beteiligt gewesen sein, und der Anblick war fürchterlich. Allmählich lösten sie sich in einzelne kleine Abteilungen und Gruppen auf, die in verzweifelter Wut miteinander kämpften und nicht abließen, wie wenn sie sich ineinander verbissen hätten. Wenn der Pulverqualm sich auf kurze Augenblicke ein wenig verzog, konnten wir tote und verwundete Menschen und Kamele überall auf dem Boden verstreut liegen sehen, und die Tiere liefen wie toll nach allen Richtungen davon.

Schließlich sahen die Räuber ein, daß sie nichts ausrichten konnten; ihr Hauptmann blies ein Signal und was von ihnen noch am Leben war, sprengte über die Wüste davon. Der Letzte von den Räubern riß noch ein Kind an sich und warf es vor seinem Sattel über das Pferd, und ein Weib rannte schreiend und flehend hinter ihm her, bis sie eine weite Strecke von ihren Leuten entfernt war. Sie konnte ihn nicht einholen und schließlich gingen ihr die Kräfte aus und wir sahen, wie sie auf dem Sande zusammenbrach und das Gesicht mit den Händen bedeckte.

Da sprang Tom ans Steuer; wie der Sturmwind sausten wir auf den Schurken los und unsere Gondel traf ihn, daß das Pferd niederfiel und Räuber und Kind aus dem Sattel flogen. Er hatte eine ganz gehörige Schramme gekriegt, aber das Kind war heil und ganz und lag mit Armen und Beinen strampelnd da, wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist und nicht wieder hoch kommen kann. Der Mann humpelte davon, um wieder sein Pferd zu besteigen; er machte ein ganz verblüfftes Gesicht, weil er nicht wußte, was ihn umgeschmissen hatte, denn wir waren inzwischen schon wieder drei- bis vierhundert Meter hoch oben in der Luft.

Wir dachten, das Weib wäre nun hingegangen und hätte sich ihr Kind geholt; aber das tat sie nicht. Wir sahen durch unsere Ferngläser, wie sie noch immer auf derselben Stelle saß, den Kopf auf die Kniee gesenkt. Sie hatte deshalb natürlich von dem ganzen Vorgange nichts bemerkt und glaubte, ihr Kind wäre ihr von dem Mann für ewig geraubt. Sie mochte eine halbe Meile von der Karawane entfernt sein und das Kind lag etwa eine Viertelmeile von ihr auf dem Sand. Wir beschlossen daher, es aufzuheben, denn vor den Leuten der Karawane brauchten wir keine Angst zu haben; sie konnten nicht so schnell zu uns herankommen; außerdem hatten sie noch für eine gute Weile alle Hände voll zu tun, um für ihre Verwundeten zu sorgen. Deshalb beschlossen wir, das Wagnis zu unternehmen.

Wir gingen bis auf den Grund herab; Jim kletterte die Leiter herunter und hob das kleine Kindchen auf; es war ein hübscher dicker Bengel und er jauchzte und kreischte vor Vergnügen, was in Anbetracht der Umstände eine anerkennenswerte Leistung war – denn er hatte doch gerade eben eine große Schlacht mitgemacht und war von einem Pferde abgeworfen worden.

Darauf segelten wir an die Mutter heran; wir hielten dicht hinter ihrem Rücken und Jim kletterte wieder heraus und ging leise mit dem Kind auf dem Arm zu ihr heran, und das Kleinchen lallte und quiekte und sie hörte es und fuhr mit einem Freudenschrei herum. Dann nahm sie ihr Kind und herzte und küßte es und setzte es wieder hin und herzte und küßte Jim und hing ihm eine goldene Kette um, und fiel ihm wieder um den Hals. Und dann riß sie wieder ihr Kind an sich und drückte es gegen ihren Busen und schluchzte und jauchzte immer durcheinander. Jim sprang schnell nach der Strickleiter und war im Nu oben bei uns in der Gondel. Eine Minute darauf waren wir wieder hoch oben unterm Himmel, und da stand das Weib und sah uns nach, den Kopf ganz tief in den Nacken zurückgeworfen, und das Kind hatte die Aermchen um ihren Hals geschlungen.

Und so stand sie und sah uns nach, bis wir vor ihren Blicken tief im Himmel verschwunden waren.


Siebentes Kapitel.

»Mittag!« sagte Tom. Und so mußte es wohl sein, denn sein Schatten bildete nur einen kleinen Fleck um seinen Fuß herum.

Wir hatten in unserer Gondel zwei Uhren, die nebeneinander befestigt waren und ganz verschiedene Zeiten anzeigten. Tom sagte, es wären Chronometer, und der eine zeigte die Zeit von St. Louis, der andere die von Grinnitsch. Wir sahen nun auf diesen nach und es war beinahe aufs Haar zwölf Uhr. So sagte denn Tom, Grinnitsch – oder London, denn das wäre ein und dasselbe – wäre entweder direkt nördlich oder direkt südlich von uns; aus der Hitze aber und dem Sand und den Kamelen schlösse er, daß London wohl eher nördlich läge und zwar ’ne ganz gehörige Anzahl Meilen – etwa soweit wie von New York nach der Stadt Mexiko.

Jim meinte, ein Luftballon wäre doch wohl das schnellste Ding auf der Welt; wenn nicht etwa irgend ein Vogel noch schneller wäre – vielleicht ’ne wilde Taube oder ’ne Eisenbahn.