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»Meine Brüder
im stillen Busch, in Luft
und Wasser«

von

Martin Braeß

4. Band der Heimatbücherei
des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz
Dresden 1923


Otto Wigand'sche
Buchdruckei in
Leipzig


Den Deutschen in Nordböhmen

als Dank für ihre
dem Landesverein »Sächsischer Heimatschutz«
in schwerer Zeit geleistete Hilfe


Inhalt

Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat [5]
Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln [41]
Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert [75]
Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos« [109]
Swinegel un sine Sippschaft [120]
Vogelnester [148]
Im Teichgebiet der sächsischen Lausitz [161]
Die heimatliche Vogelwelt im deutschen Volksglauben [179]
Schutz den schutzlosen Kriechtieren und Lurchen! [201]
Sechsbeinig, achtbeinig und ohne Beine [230]

Das Tier im Landschaftsbild unserer Heimat

Das Leben auf unserer Erde kennt keine Schranke, kein Grenzstein ist ihm gesetzt. Und es sind nicht nur die niedrigsten Lebewesen, einzellige Algen, Pilze, Infusorien, die sich sozusagen überall einstellen, nein, wenigstens von der Tierwelt gilt es, daß sich gerade ihre höchsten Vertreter, die Wirbeltiere, die ganze Welt erobert haben.

Aus den größten Tiefen der Ozeane, wo längst keine Pflanze mehr gedeiht, wo ewige Finsternis herrscht, bis auf die Flammen, die sich die Tiere selbst anzünden, hat man eine erstaunliche Artenzahl wohlorganisierter Fische ans Licht befördert, und hoch über der Waldgrenze der Gebirge, wo nur noch kurzrasiges Gras an dem Steilhang emporklettert und niedrige Alpenblumen ihre farbensatten Sterne dem Sonnenstrahl öffnen, ja noch höher droben, wohin keine blühende Pflanze mehr folgt, wo der zackige Felsengrat nackt und tot aus dem Firnschnee zum Himmel emporstarrt, da haftet der Fuß der flüchtigen Gemse, des Steinbocks, da pfeift im Steintrümmermeer das Murmeltier vor seiner Höhle. Über allem Irdischen aber, an der blauen Glocke des Himmels, schwebt in erhabener Ruhe der Adler, der König der Lüfte.

In solcher Einsamkeit herrscht dann das Tier als einzige Staffage der Landschaft: der nackten Felsenzinnen oder des einförmigen Wüstensandes, der weiten Meeresfläche oder des unermeßlichen Luftozeans, und nirgends sonst erreicht der Eindruck des Lebendigen solche Stärke.

Im übrigen aber vermag die Tierwelt nur in besonderen Ausnahmefällen der Landschaft einen bestimmten Wesenszug aufzuprägen; sie tritt in dieser Beziehung hinter der Pflanzenwelt weit zurück. Diese ist es, die das Bild beherrscht; an ihr haftet das Auge.

Düster, in blauschwärzlicher Färbung schaut der Nadelwald von den Höhen herab auf die Ebene, wo unter der weißen Decke das Samenkorn schlummert. Halbverschneite Hecken am Wege, ein einzelner Baum am Rain, ein kleines Feldgehölz, das seine kahlen Äste und Zweiglein zum bleigrauen Himmel erhebt, abgestorbene Stauden, deren Samenrispen zwischen den Schneewehen emporragen, erhöhen den Eindruck der Einsamkeit. Totenstille in der Natur.

Die freundliche Au, vom gewundenen Bächlein durchfeuchtet, hat der Frühling mit tausend Blüten geschmückt; lebensfroh schauen sie zum Lichte empor. Vergißmeinnicht: ihr Blau ein Abbild des Himmels; Löwenzahn, Ranunkulus, Dotterblume: goldenen Sonnen vergleichbar. Aus den alten Weidenstümpfen streben rötliche Triebe empor mit gelbgrünen Schmalblättern, während das Erlengestrüpp sein junges, glänzendes Laub über das plätschernde Wasser ausbreitet, in dem sein Spiegelbild zittert wie vor Erwartung seligster Lust.

Vom stahlblauen Himmelsgewölbe strahlt die Julisonne herab auf die Fruchtebene. Ein einziges Getreidefeld, wohin man nur schaut. Die braungoldenen Weizenähren wogen wellenförmig im heißen Lufthauch, der tosend über sie hinstreicht. Ein Bild der einförmigen Steppe; kein Baum, kein Strauch. Hier herrschen die Fruchtgräser, von der Hand des Landmanns angebaut. Nur am Rain glüht es rot, großblütiger Mohn, und tiefblau schaut die Zyane aus dem lichtgelben Halmenmeer hervor.

Der herbstliche Laubwald: in allen Farben und Tönen glänzt es und gleißt es, vom zartesten Rosa bis zum sattesten Rot, vom lichtesten Gelb bis zum tiefsten Bronzeton. Und wenn die goldne Oktobersonne vom wolkenfreien Himmel herab all die Farbenflecke mit einer Fülle von Licht, von brennender Glut überschüttet, wenn sie lange Schlaglichter tief in den Wald wirft und helle Zitterkringel auf den Boden malt, daß auch das abgestorbene Laub noch einmal aufleuchtet: ein Farbenbild von wunderbarem Reiz, ein Farbeneinklang, der nicht seinesgleichen hat.

Im Kreislauf des Jahres die Pflanzenwelt ist's, die unsern heimatlichen Landschaftsbildern ein ganz bestimmtes Gepräge verleiht. Ihr ordnet sich alles unter, selbst der geologische Aufbau des Bodens, der doch gleichfalls von allergrößter Bedeutung ist. Das Tier aber erscheint dem gegenüber als eine viel weniger wichtige Zugabe zum Landschaftsbild, mehr zufällig bloß; man achtet seiner, nur weil man's gerade bemerkt. Fehlte es, der Anblick, der ganze äußere Eindruck wäre dennoch der gleiche; nur in besonderen Fällen wird man sich der fehlenden Tierwelt als eines wirklichen Mangels der Landschaft bewußt.

Und doch, wo immer es sei: ob sich die Pflanzenwelt in Macht und Fülle aufbaut, daß die Baumriesen ihre Äste und Zweige zu gotischem Dach über dem Wanderer wölben, oder ob nur spärliche Gräser die weite Fläche dürftig bedecken; zu welcher Jahreszeit immer: ob der Winter seine Herrschaft führt, daß der Waldbach, in eisige Fesseln gebannt, nur leise plätschernd unter dem starren Panzer dahinmurmelt und der Stamm des Hochwaldes vor Frost tiefächzend zersplittert; zu welcher Stunde des Tages auch: ob die Mittagsglut auf der Flur liegt, drückend schwül, kein atmendes Lüftchen, ob der Mond sein silbernes Licht über den schlafenden Waldsee ergießt oder ob Morgennebel das Tal in dichte Schleier hüllen – nur ein einziges Tier in solchem Bild, ein einziger Schrei oder Ruf, die Strophe nur eines Vögleins, und sofort wird der Reiz der Landschaft erhöht, der ganze Eindruck in einer Weise gesteigert, daß wir das Bild vor uns wie mit einem Schlage in ganz anderem Lichte sehen.

Woher dieser Zauber? Wir sind nicht mehr allein, nicht mehr die einzig fühlende Brust; ein anderes Wesen nimmt teil an dem, was unsre Sinne schauen, unser Herz bewegt. Das Tier ist's, durch das Mutter Natur zu uns redet, das beseelte Geschöpf. Seine Erscheinung, sein Leben und Treiben, sein Ruf, seine Stimme: das ist der uns Menschen verständlichste Ausdruck im Reiche der Schöpfung.

Der nächtliche Sternenhimmel redet eine erhabene Sprache – ach, wie klein ist der Sterbliche doch, der andächtig zu den tausend und abertausend funkelnden Sonnen emporschaut! Das Meer braust heran, Woge auf Woge, ewig, gewaltig, unermeßlich, furchtbar im Sturm – eine Nußschale der riesige Dampfer, das Menschenleben ein Nichts. Der massige Fels erzählt uns seine Geschichte aus nebelhaft grauer Vorzeit, wie ihn die bebende Erde gebar, wie Jahrmillionen ihn formten, auch das Unvergänglichste wandelnd – wer versteht seine Sprache, die uns allen so fremd ist! Der Krystall funkelt und gleißt, in spiegelblanken Flächen bricht sich das Licht – aber er spricht von starren, toten Gesetzen.

Nur das Leben redet zum Leben in lebendiger Sprache, in unsrer Sprache, in der Muttersprache, die allen eignet, die niemand erlernt, keiner zu erlernen braucht, die man nicht begreift mit dem Verstande, sondern die uns von Anfang an innewohnt, tief im fühlenden Herzen. Der Wald spricht mit uns, die einsame Wettertanne auf erhabener Felsenwacht, die Blume am Bachesrand, das flüsternde Schilf, die Heckenrose am Wege – aber: »Fleisch von unserm Fleisch und Bein von unserm Bein«, das gilt doch noch in weit höherem Grade von den Tieren, von unsern »Brüdern«, wie sie Goethe in jenem bekannten Wort an den »erhabenen Geist« nennt:

»Du führst die Reiche der Lebendigen
Vor mir vorbei und lehrst mich meine Brüder
Im stillen Busch, in Luft und Wasser kennen.«

Die Sprache des Tieres, der Ausdruck seines Fühlens, seines Wollens ist unsrer Sprache verwandt; dem Tiere schreiben wir, wie uns selbst, eine Seele zu, die erkennt, die fürchtet und hofft, die liebt und haßt. Und wenn uns der Verstand auch immer wieder zuruft, daß das Geschöpf nicht anders handeln kann, als es handelt, daß es einem inneren Triebe folgt, einer Naturnotwendigkeit, und daß der Tierfreund in tausend Fällen die eignen Empfindungen und Gefühle erst in die Brust des Tieres hineinträgt und so das Tier bis zu gewissem Grade vermenschlicht – warum, so frage ich, sollen wir das, was wir sehen, nicht in unsre Sprache übersetzen? warum sollen wir absichtlich den Eindruck zerstören, den eine sinnige Naturbetrachtung auf jedes unverdorbene Gemüt ausübt? Der strengen Wissenschaft mag ihr Recht bleiben, aber auch dem schlichten Naturfreund, der es im Verkehr mit seinen Lieblingen alltäglich erfährt, daß wenigstens das höhere Tier keineswegs eine bloße Maschine ist, ebensowenig wie der Mensch ein willenloses Rädchen im Uhrwerk des Weltgetriebes.

Zwischen unserm eignen Leben und dem Leben der höheren Tiere bestehen innere Beziehungen, die schon das Kind, ja dieses vielleicht noch mehr als der Erwachsene empfindet, und diese Fäden, die wir hinüberspinnen zu jedem beseelten Wesen, sie sind, wenn mich mein Naturempfinden nicht täuscht, die eigentliche, die tiefste Ursache für die hohe Bedeutung des Tieres im Landschaftsbild – ganz gleich, ob das Lebewesen durch seine Bewegung das Auge auf sich lenkt, ob es durch seine Färbung uns ergötzt, durch seine Stimme unsre Aufmerksamkeit fesselt, ob es einzeln auftritt und so den Eindruck der Einsamkeit verstärkt, oder ob ganze Scharen das Bild beleben.

Ach, wieviel würde uns fehlen, wenn wir durch unsern deutschen Frühlingswald gingen und kein Vöglein würde sein Lied anstimmen, kein Kuckucksruf, kein Trommeln der Spechte, wenn am Sommerabend kein Reh zur Äsung auf die Waldwiese oder das Kleefeld träte, wenn die bunten Falter nicht mehr über den Wiesenblumen gaukelten, am schilfbewachsenen Teich der Chor der Frösche für immer verstummt wäre, wenn die wandernden Vogelscharen nicht mehr am herbstlichen Himmel gen Süden zögen, oder wieviel trauriger noch und öder unser nordischer Winter, wenn die schneebedeckten Felder und das Geäst des entblätterten Baumes nicht belebt wären von unsern gefiederten Freunden, die der Herrschaft des rauhen Gewalthabers trotzen!


Keine Klasse des Tierreichs vermag das Landschaftsbild auch nur annähernd so reizvoll zu beleben, wie die muntere Schar der Vögel. Der Flug durch die Lüfte – nicht an die Scholle gebunden wie Vierfüßler oder Kriechtiere, sondern frei und froh, Überwinder der irdischen Schwere – dazu die auffallende Stimme, von dem zweisilbigen Lockruf der Bachstelze oder dem einfachen Liedchen der Haubenlerche an bis zu dem seelenvollen Gesang der Nachtigall und dem jauchzenden Überschlag des Plattmönchs: das sind die Gaben, mit denen Mutter Natur ihre und unsre Lieblinge wie kein anderes ihrer Geschöpfe ausgezeichnet hat. Und durch diese beiden Eigenschaften tragen die Vögel an erster Stelle zur Belebung des Landschaftsbildes bei.

Der freie Flug! Fühlt nicht jeder das Walten der Schönheit, wenn die Möwenschwärme den meerumbrandeten Küstenfelsen umkreisen, wenn die Schwalbe niedrig über dem glitzernden Dorfteich dahinschießt, ihre Brust flüchtig ins Naß tauchend, um dann blitzschnell emporzusteigen, höher als die schlanken Pappeln am Uferrand, wenn die Dohlen das alte Gemäuer des Stadtturms umschwärmen, die Kiebitze über der feuchten Wiese ihre Flugkünste zeigen, wenn der Kuckuck falkenartig von einem Talhang zum andern hinüberwechselt, die langschwänzige Elster wie ein Bolzen die Luft durchschneidet, oder der kleine Baumpieper von einem Ästchen aus schief emporsteigt und sich dann in schön geschwungenem Bogen wieder zu seinem Lieblingsplätzchen herabläßt!

Und erst der Raubvogel, der König der Lüfte! Ob es ein Adler ist, der stolz wie ein Flugzeug auf ausgebreiteten Schwingen ohne jede Bewegung durch den Luftozean gleitet, oder ein niedliches Fälkchen, das im Morgenglanz rüttelnd sein Spiel treibt, ein Wanderfalk, der in rasendem Flug seiner sicheren Beute nachstürzt, der mächtige »Auf«, der im Mondlicht lautlos durch sein Revier zieht, daß sein riesiger Schatten gespensterhaft über die Geröllhalden und die waldumgrenzte Gebirgswiese gleitet, oder nur ein Schleierkauz, der am dämmernden Abend weichen Flugs über dem Sturzacker schwebt: der Anblick jedes Raubvogels in der freien Natur löst in uns immer ein besonders starkes Gefühl aus. Vielleicht weniger – ich gebe es zu – weil das Malerische der Landschaft durch solch stolze Erscheinung gesteigert wird, als vielmehr aus dem Grunde, weil wir uns dabei bewußt werden, noch einen Ausschnitt, einen letzten Rest urwüchsiger Natur in unsrer leider so verarmten Heimat vor uns zu haben. Ein Flugzeug – ein Adler, hoch, hoch im weiten Himmelsraum: vielleicht ist der Anblick ganz ähnlich, aber die Wirkung auf den Beschauer, der zu beiden emporblickt, im tiefsten Grunde verschieden! Dort stolze Bewunderung, daß es dem Menschen gelungen ist, seinen Fuß von der Scholle zu lösen und sich ins Reich der Lüfte zu schwingen; hier edle Freude an reiner, starker Natur, ein Gottseidank, daß sie doch noch nicht völlig aus unserm Lande, aus unsrer Zeit gewichen ist. Welcher Eindruck der stärkere ist, das hängt ganz vom Beschauer selbst ab.

Am sonnigen Frühlingsmorgen zwei Steinadler über der Ebene, aus der gegen Mittag die bayrischen Alpen aufsteigen. In schönen Spiralen schraubt sich das Paar höher und höher, ohne Flügelschlag einander umkreisend; bald schwebt dieser, bald jener über seinem Genossen. Den Hochzeitsreigen üben die mächtigen Vögel; er trägt sie in unermeßliche Höhen, daß sie dem Auge nur noch wie dunkle Punkte erscheinen. Schnell wie der Blitz dann herab; jetzt ruhiges Schweben, und jetzt so mächtiges Schlagen der stählernen Schwingen.

Vom Fels zum Meer! Auf niedriger Düne stehend, begrüß' ich die Ostsee. Nichts, nichts zu sehen als die unbegrenzte tiefgrüne See, deren weiße Wellenkämme in endloser Folge heranrollen, und der weite Himmel darüber – kein Dampfer, kein Segel. Schnurgerade streckt sich die Düne, mit Sandhafer nur dürftig bewachsen; hinter ihr Buchenwald und ein paar Strandkiefern. Eine einzelne Seeschwalbe, ein Krähenpaar, eine weiße Bachstelze am Strand – aber sie sind nicht imstande, das Gefühl der Einsamkeit und der endlosen Größe von Sand und Wasser zu mildern. Plötzlich ein Schrei, und gleich braust es heran, dicht über mir der gewaltige Seeadler. Er umkreist mich so niedrig, daß ich jede einzelne Schwinge, die goldgelben Augen, das spitze, weißliche Gefieder an Hals und Nacken, die orangefarbenen Fänge mit ihren schwarzen Krallen ganz deutlich erkenne. Weiß leuchtet der Stoß. Da, noch ein zweiter Adler, das etwas kleinere Männchen; mit hellem Schrei stürzt es herbei.

Ich bin in das Gebiet der Gewaltigen eingedrungen; eine hohe Kiefer trägt ihren Horst. Wo ich auch stehe, die Adler umkreisen mich, immer aufgeregt schreiend. Schwerfälliger ist ihr Flug als der des Steinadlers, aber mächtig der Eindruck, mächtig und kraftvoll wie das Astwerk der noch blattlosen Buchen, wie die rotbraunen Stämme der uralten Föhren, gewaltig wie die Wogen der brausenden See: ein Bild urwüchsiger Kraft.

Auf der Seenplatte, die Norddeutschland von Ostpreußen bis Holstein durchzieht, haust noch ein anderer Adler. Nicht zu den Größten gehört er unter den Großen, aber er ist der Edelsten einer des edlen Geschlechtes. Ein herrlicher Anblick, wenn der Fischadler über seinen Jagdgründen schwebt! Kaum hebt sich am Morgen der wallende Nebel über dem dunkeln Waldsee, so erscheint, langsam die Fittiche schwingend, der stolze Fischer über seinem Jagdgrund! Er senkt sich in schöner Schraubenlinie herab und umkreist dann den See. Jetzt hemmt er den Flug; wie ein Falke hängt er im Luftraum. Einen Fisch hat sein Adlerauge entdeckt. Plötzlich, mit vorgestreckten Fängen stürzt er ins Wasser; aber noch ehe die Wellenkreise das nahe Ufer erreicht haben, erscheint der kühne Taucher schon wieder, den Flossenträger in den wehrhaften Klauen. Die Wassertropfen schüttelt er vom Gefieder; dann fliegt er heim nach seinem Horst. Still ruht wieder der Waldsee.

Soll ich noch weiter Bilder entwerfen von dem gaukelnden Spiel der Turmfalken über den Steilwänden und zwischen den Felsenzinnen der Talschlucht, von dem reißenden Flug des beutegierigen Sperbers, der vom Gehölz her mitten in die Schar der Feldsperlinge stürzt, daß sie die rettende Hecke kaum noch erreichen, von dem sanften, ruhigen Schweben hoch über der Flur und noch höher über den Wipfeln des Waldes, wie es die Milane üben, der rote und der schwarzbraune, oder von dem lautlosen Dahingleiten der Rohrweihe, ganz niedrig über dem Schilf und dem im Sonnenstrahl glitzernden Wasser – wer nur einmal Zeuge solch eindrucksvoller Naturbilder ward, der denkt sein Lebtag daran.

Im Hochgebirge, wo die Felsenzinken zum tiefblauen Himmel emporstarren, in der Flachlandschaft, die den See grün umgibt, im Hochwald unsrer Mittelgebirge, oder draußen am Meeresgestade, wo die brandende Welle an den Klippen zerschellt: überall bildet die Erscheinung eines Raubvogels die wirkungsvollste Bereicherung des Landschaftsbildes, eine wertvolle Zugabe, die den Beschauer alles andere ringsum vergessen läßt.

Aber die Raubvögel sind nicht die einzigen Meister im Flug. Oft ist's die Wirkung der Massen, die zur Geltung kommt. Wie prächtig ist doch der Anblick eines nach Tausenden zählenden Schwarmes ziehender Stare im Herbste! Wahre Wolkenzüge, die fortwährend ihre Form ändern, bald breiter, bald schmäler werden, jetzt sich teilen und jetzt sich von neuem zu einem Riesenballe vereinen, der durch die Luft rollt. Oder der schier endlose Zug der Krähen, die in lockeren Gruppen am geröteten Abendhimmel nach ihren nächtlichen Ruheplätzen im Walde über der Schneelandschaft lautlos dahinstreichen – wie malerisch, wie stimmungsvoll dieser Anblick! Anders wieder der Zug der Kraniche, den man an hellen Herbsttagen bisweilen beobachten kann. Sie ziehen immer so, daß sie einen spitzen Winkel mit zwei ungleich langen Schenkeln bilden, jeder einzelne Vogel mit Hals und Beinen eine schnurgerade Linie darstellend. Ein ganz eigentümliches Bild, diese zwei dunkeln, in einem Punkt sich vereinigenden Striche, wie sie am Herbsthimmel gen Süden stürmen, im Verein mit dem fallenden Laub, den abgeernteten Feldern, der letzten Rose im Garten von stärkstem Eindruck auf unser Gemüt. Werden wir sie wiedersehen, die Boten des Frühlings, noch einmal die lieblichen Bilder erleben, die in trüben Wintertagen die Sehnsucht nach dem erwachenden Lenz uns vor die Seele zaubert? – –

Wenn die grünen Spitzen der Saat aus der leichten Schneedecke hervorschauen, wenn das Schneeglöckchen sein Köpfchen erhebt und an den Ruten der Haseln die Kätzchen den Blütenstaub ausstreuen, dann begrüßt vor seinem Bretterhäuschen Freund Star den aufgehenden Sonnenball mit jauchzenden Rufen. Von den bereiften Ästen herab schwatzt der muntere Bursche seine bescheidenen Strophen hinein in den goldenen Morgen. Nicht genug kann er sich tun vor Freude und Lust: daheim, wieder daheim! Im schönsten Farbenschmuck, metallisch grün und tief purpurn läßt die Sonne sein dunkles, weißbetropftes Gefieder erscheinen: ein liebliches Stimmungsbild, das die selige Hoffnung auf den bald einziehenden Lenz weckt – »Frühling, Frühling wird es nun bald!«

Nur wenig Wochen, und die Lerche steigt am Ostermorgen zum Himmel empor, als wollte sie mit ihrem Siegesruf auch die fernsten Fernen des Weltalls erfüllen. Höher und höher flattert das kleine Vöglein über der lenzfrohen Saat, bis es schließlich unserm Auge entschwindet. Aber der Lobgesang, mit dem die Sängerin dort oben die ersten Sonnenstrahlen begrüßt, bleibt noch immer vernehmbar. Bald hallt der ganze Himmel wider von den Jubelchören der singenden Lerchen. Nichts predigt so laut und eindringlich das Auferstehungsfest der Natur, wie das »melodisch gewirbelte Lied« der Lerchen, die hoch über dem sprossenden Grün oder dem samenauswerfenden Landmann, »im blauen Raum verloren«, jauchzen und jubilieren – ein Lied ohne Ende, »bei dem die Saaten lachen«.


Wohl ist das Auge der schärfste Sinn, aber die Pforte, die noch tiefer in unser Innerstes führt, noch unmittelbarer zu Herz und Gemüt, ist das Ohr. Und kein Zweifel, die Bedeutung der Vögel für das Landschaftsbild beruht noch weit mehr auf ihrer hervorragenden Stimmbegabung, als auf ihrer bloßen Erscheinung. Dabei wollen wir nicht nur an den jauchzenden Ruf der Singdrossel, an die Flötenstrophe ihrer Base, der Amsel, an Rotkehlchens sehnsuchtsvolles Lied, an die kecke Fanfare des Zaunkönigs oder an den unvergleichlichen Gesang der Nachtigall denken, sondern auch an andere anspruchslosere Lautäußerungen, zumal bisweilen ein einzelner Schrei oder ein ohrenbetäubendes Stimmengewirr, aber auch ein feiner Lockruf von der stärksten Wirkung ist und dem Landschaftsbild eine ganz bestimmte Färbung verleihen kann.

Vielleicht ist es nur Einbildung, nur eine schönklingende Redeweise, wenn man behauptet, eine Beziehung herstellen zu können zwischen den vielfältigen Stimmen der Natur und den verschiedenen Örtlichkeiten, die durch solche Lautäußerungen belebt werden, ein leeres Geschwätz, wenn man meint, der Lobgesang der Lerchen stimme zu der Frühlingssaat, da unaussprechlich innige Seufzen und Schluchzen der Philomele zu dem nächtlich dunkeln Gebüsch am Rande des Weihers; nur zu der Meereswoge, vom heulenden Sturm gegen die Klippen gepeitscht, passe der heisere Schrei der Möwe, und zu dem nächtlichen Hochwald der unheimliche Eulenruf; der liebliche Gesang des Rotkehlchens gehöre in den lichten, maiengrünen Laubwald und das Schackern der Elster auf die beschneite Flur. Möglich, daß Vogelstimme und Örtlichkeit wirklich nichts miteinander zu tun haben, obgleich ich darauf hinweisen könnte, wie z. B. der Lehrmeister der Wasseramsel ohne Zweifel das auf steinigem Grunde dahinplätschernde Gebirgsbächlein gewesen ist, mit dessen leisem Rieseln der Gesang des am Wasser aufgewachsenen Vogels verglichen werden kann, wie das bunte Allerlei der quecksilbernen Rohrsänger in seiner ganzen Färbung etwas vom Froschkonzert und vom Gurgeln des Wassers am unterwaschenen Uferrand hat; aber angenommen auch, es seien nur liebe Erinnerungsbilder – das jungbelaubte Eichen- oder Buchenwäldchen im Talgrund, das beim Pirolruf vor unsrer Seele auftaucht, der schneebedeckte Fichtenbestand, den die Strophe des Kreuzschnabels uns vorzaubert – soviel steht jedenfalls fest, daß unsre Einbildung, diese oder jene örtlichen und zeitlichen Verhältnisse harmonierten mit ganz bestimmten Vogelstimmen, durchaus lebendig ist und täglich neue Nahrung empfängt. Wo wir aber Harmonie empfinden, empfinden wir Schönheit. Nicht darauf kommt's an, ob solcher Einklang wirklich besteht, ob der Verstand ihn ablehnt oder begründet, sondern allein auf unsre Empfindung.

Nur ein paar Beispiele, die den tiefen Eindruck der Vogelstimmen auf unser Gemüt weit besser erläutern als viele Worte.

Den Ruf der Wachtel kennt jeder, und jedermann liebt ihn. Und doch anmutig und lieblich kann man ihn kaum nennen. Dazu ist er zu kurz und namentlich zu hart abgebrochen, in der Nähe sogar ziemlich gellend und scharf. Nur aus drei Silben besteht der Ruf, ein Daktylus, der stets wiederholt wird. Wie erklärt sich also der nachhaltige Eindruck des Wachtelschlags und unsere Vorliebe für ihn? Die Stimmung, die Färbung der ganzen Umgebung, das ist die Lösung des Rätsels.

Dem rastlosen Treiben der Stadt haben wir den Rücken gekehrt, der drückenden Schwüle in den staubigen Straßen sind wir entflohen. Die heiße Sommersonne ist untergegangen, ein erfrischender Abendhauch weht aus dem Saatgefilde. Vor uns das Dorf, in blaue Dämmerung gehüllt: ein Bild des Friedens. Der Lerche bunte Lieder sind verstummt; nur das gleichmäßige Zirpen der Grillen zittert einschläfernd durch die weite Flur. Das blühende Weizenfeld hat sich dem Schlaf überlassen; wie im Traum nickt die geschlossene Blüte des Mohns, und nur ein paar Abendfalter taumeln über der ruhenden Flur. Da steigt der Mond am östlichen Himmel auf, und nun tönt es vom Rande des Feldes »pickwerwick, pickwerwick,« zehn- oder zwölfmal, dann eine Pause. Eine zweite Wachtel gibt Antwort; in der Ferne schlägt eine dritte, und je mehr sich die Mitternacht nähert, um so hitziger schallt es. Erst in den frühesten Morgenstunden verstummt allmählich der muntere Schlag. Wenn aber dann der junge Tag den nordöstlichen Himmel zu röten beginnt, tönt es wieder gar eifrig durchs ganze Gelände, das freundliche »Pickwerwick«, und die ersten Lerchen in der Höhe stimmen mit ein in den Gesang des Feldes tief unter ihnen.

Schade, ewig schade, daß die vielen Wachteln, deren Schlag mich in meinen Jugendtagen zur Sommerszeit allabendlich erfreute, bis auf einzelne Ausnahmen in meiner Heimat verschwunden sind. Unersetzliche Stimmungswerte sind mit ihnen verloren gegangen; die friedlichen Feierabende des Dorfs haben eine schwere Einbuße erlitten, und das Leben des Landmanns ist ärmer geworden.

Von stärkster Wirkung ist auch der Eulenruf. An sich unschön, ja häßlich, heulend und schreckhaft; aber wir glauben gleichfalls eine Harmonie mit Zeit und Ort zu fühlen, und so dürfen wir auch hier von einer ästhetischen Bedeutung solch seltsamer Lautäußerungen sprechen.

Der nächtliche Wald oder das einsame zerfallene Gemäuer weckt die Einbildungskraft, so daß auch der nüchternste Mensch sich nur schwer eines gewissen Grauens erwehren kann. Aus jedem größeren Wald, selbst aus manchem Park erschallt um die Zeit von Frühlings Tag- und Nachtgleiche der Ruf des Waldkauzes; oft wiederholt klingt er wie heulendes Hohngelächter. Was ist dieser Ruf aber gegen das schauerlich widerhallende »Buhu« des mächtigen »Aufs«, das der König der Nacht zur Paarungszeit fast ununterbrochen hören läßt. Wer in uhureicher Gegend, z. B. in den Waldgebirgen Bosniens nur einmal eine mondhelle Nacht erlebt hat, wird es begreifen, daß der Uhuruf im Aberglauben, in Märchen und Sagen eine große Rolle spielt. Unheimlich klifft und klafft es, heult und wiehert, lacht und jauchzt es durch den dunklen Gebirgswald.

In unsrer engeren Heimat finden sich die weitaus größten Vogelgesellschaften an den Teichen und Seen der Lausitz. Sie verleihen dem Landschaftsbild zu allen Jahreszeiten einen ganz besonderen Reiz, an dem sich Auge und Ohr des Naturfreundes immer von neuem ergötzen.

Schon aus der Ferne vernimmt man im zeitigen Frühling, wenn kaum die ersten grünen Spitzchen des jungen Schilfs über der Wasserfläche hervorschauen, ein vieltöniges Stimmengewirr. Enten der verschiedensten Art schreien und quälen; die Kiebitze, die eben von der Reise zurück sind und von denen einige uns umgaukeln, seltsamen, wuchtelnden Flugs, stoßen ihre zweisilbigen Klagerufe aus; Bläßhühner lassen ihre scharfe Lockstimme hören; mit tiefem »grök grök« melden sich die großen Haubentaucher, während ihre kleinen Vettern, die niedlichen Zwergtaucher, hell kichern und trillern, die Rothalstaucher aber, die lautesten ihrer Sippe, seltsam grunzen und quieken, daß man's weithin hört von einem Teich zu dem andern. Lachmöwen sind auch schon da; unruhig flattern sie durch die Luft. Aber noch vielmehr mögen sich in jener Bucht verbergen, die das abgestorbene Schilf unsern Blicken entzieht; denn hundertfach tönt das nimmermüde »Krrriäh« aus dem geschützten Winkel.

Wenn aber in ein paar Wochen Drossel- und Teichrohrsänger von der Reise zurück sein werden, dann geht's noch viel lauter zu; dann hat diese kleine quecksilberne Sängergesellschaft das Wort; »karrakiet, karrakiet,« den ganzen Tag fast, besonders am frühesten Morgen und am Abend bis spät in die Nacht. Kaum zur Geisterstunde gönnt man sich eine Pause. Es ist, als wollten sie wetteifern mit dem Gequak und Geknarr der Froschsänger, deren Stimmen die ganze Frühlingsnacht nicht müde werden.

Und nun treten wir durch das Röhricht ans Ufer. Da schwimmt es auf dem Gewässer, flattert empor, taucht unter, rennt flügelschlagend über den Wasserspiegel oder segelt hoch in der Luft. Lachmöwen wirbeln umher wie riesige Schneeflocken oder ruhen, weißen Seerosen zu vergleichen, in der lauschigen Bucht, die sie sich zur Brutstätte erkoren haben; einzelne Trauerseeschwalben schießen durch die Luft; Rotschenkel ziehen, unermüdlich rufend, ihre Kreise; hinter der Ente flattert der Erpel von einem Teich zu dem andern: Taucher und Tauchenten üben ihre Kunst: weg sind sie, mit einemmal verschwunden, um dann an anderer Stelle wieder aufzutauchen. Das grünfüßige Teichhühnchen macht seinem Weibchen den Hof; weißstirnige »Blässen« schlagen mit ihren Lappenfüßen das Wasser; neue Ankömmlinge – kleine Krikenten sind es – brausen mit seltsam schwingenden Flugtönen herbei, und ein paar Rothalsmännchen bekämpfen einander, bellende und quiekende eifersüchtige Kriegsgesänge ausstoßend. In der Tat, ich kann mir einen solchen Flachlandsee meiner Heimat kaum denken ohne das bunte, vielgestaltige Leben seiner gefiederten Bewohner, und ich weiß nicht zu entscheiden, ob es das Auge ist oder das Ohr, durch dessen Vermittlung uns dieses nimmermüde Treiben wirkungsvoller zum Bewußtsein kommt. Ach, wie wäre solch Teich- oder Seenlandschaft unsrer Heimat mit einem Schlage all ihres Reizes bar, wenn ihr plötzlich dies reiche Leben geraubt würde!

Und diese Gefahr liegt vielleicht nicht so fern, wie die meisten wohl glauben. Die Entenscharen haben schon hie und da in erschreckender Weise abgenommen; wie viele Lachmöwenkolonien sind bereits völlig verschwunden, wie viele in den letzten Jahrzehnten kleiner und kleiner geworden! Nicht ein einziges Reiherpaar horstet mehr auf sächsischem Boden, und der merkwürdigste Vogel unsrer Lausitzer Seenlandschaft, die große Rohrdommel, ist auch bereits so selten geworden, daß man sie für Sachsen heute schon als ein Naturdenkmal bezeichnen muß. Und gerade das tiefe »Prumb«, das dieser reiherartige Vogel in der Stille der Nacht ausstößt, daß man's wohl eine halbe Wegstunde weit hört, ist wie der Uhuruf im Hochwald oder das Orgeln und Röhren des Platzhirschs im Herbst von allergrößter Wirkung. Seltsam hört sich's an, und manches abergläubische Männlein und Weiblein meint, ein Gespenst treibe auf der schilfbewachsenen Insel im Teich sein unheimliches Wesen.

Auch Instrumentalmusik wird von einigen Vögeln geübt. Da sind zunächst die Spechte zu nennen. Ihr ganzes Dasein, von der Wiege bis zur Bahre, steht in innigster Beziehung zum Holz. Kein Wunder also, daß sich ihre musikalische Betätigung von Anfang an dem Xylophon zugewandt hat; sie spielen es meisterhaft. Man soll nur versuchen, es ihnen nachzumachen, man bringt's nicht. Unser Trommeln auf irgendeinen dürren Ast bleibt Stümperei gegenüber dem kräftigen Schnurren, wie es besonders der Schwarzspecht, aber auch die kleineren Buntspechte üben. Sobald der trommelnde Specht nach einem andern Baumzacken fliegt und mit seinem Instrument wechselt, gleich gibt's einen andern, d. h. höheren oder tieferen Ton. Dieses Lied ohne Worte ist auch ein Liebeslied. Es paßt zu der ganzen seligen Frühlingsstimmung im Wald und im Park und in der lenzgrünen Au, es paßt zu dem ersten Kuckucksruf und zu dem liebeflehenden Gurren der Wildtaube, zum süßen Lied des Fitis, wie zum kecken Reiterstückchen des Buchfinken. Den Frühlingstagen in der sonnigen Heide würde ein eigener Reiz fehlen, wenn sich die gefiederten Trommler nicht mehr hören ließen.

Und nun unsre Störche. Kein Vogel vermag dem Dorfbild so viel Stimmung und Reiz zu verleihen wie Adebar, unser Langbein; selbst die lieblichen Schwalben, deren Flug und Gezwitscher das Dorf so anmutig beleben, müssen in dieser Beziehung hinter ihm zurücktreten. Sie sind die Schützlinge jedes einzelnen Gehöfts, der Storch aber ist der Freund der ganzen Gemeinde, gewissermaßen ihr Vertreter innerhalb der gefiederten Welt. Ich bin so froh, daß wir in der sächsischen Lausitz noch eine kleine Anzahl besetzter Storchnester haben. Ist's nicht ein hübsches, gemütliches Bild, wenn die Störche kurz vor Sonnenuntergang zu ihrem Horst heimkehren und nun am First der strohgedeckten Scheune stehen, wo sie sich so gut vom geröteten Abendhimmel abheben! Jetzt vernimmt man auch ihr seltsames Klappern. Es klingt nicht schöner, als wenn ein Stock schnell über einen hölzernen Zaun hinfährt; aber Poesie ist's doch, Dorfpoesie, wie das Mühlengeklapper, das Dengeln der Sense, das Klipp-klapp der Dreschflegel auf harter Tenne. Urgemütlich hallt es von der Höhe herab durch die ganze Gemeinde zu jedermanns Freude. Wer es nicht fühlt, daß das Klappern der Störche mehr ist, als bloßes Geräusch, der hat keinen Sinn für die Reize des Landlebens, kein Verständnis für das friedliche Dorfbild des Niederlandes, ja es fehlt ihm die rechte Liebe zur Heimat.


Viel geringer in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild sind die hübschen Farben und Zeichnungen des Vogelkleides. Mutter Natur handelt gar fürsorglich; sie hat ihre Lieblinge so ausgestattet, daß selbst ein bunter Vogel, wenn er ruht, nicht besonders auffällt. Der weiße Bürzel des Eichelhähers oder der Hausschwalbe, der goldgelbe des Grünspechts, das Weiß und Schwarz der Kiebitze, selbst das buntschillernde Gewand des Eisvogels, das tropische Farbenkleid der Blaurake oder des Pirols: das alles kommt doch erst während des Flugs zur Geltung. Die Bewegung bleibt immer die Hauptsache.

Wie ein leuchtender Funken schießt der Eisvogel an uns vorüber, metallisch grün und seidig blau, ein blitzender Edelstein von unvergleichlicher Schönheit. Besonders in der Winterlandschaft, wenn der Gebirgsbach das schimmernde Eis, das ihn einzwängen will, mit weißem Gischt überschäumt und das Licht sich in den glänzenden Schneekristallen tausendfach bricht, dann ist der wunderbare Vogel eine geradezu märchenhafte, ich möchte sagen überirdische Erscheinung. Ist's Wirklichkeit oder ist es ein Traum, der unser Auge getäuscht hat?

Eine prächtige Zierde des winterlichen Waldes sind auch die Kreuzschnäbel, nordische Gäste, die uns freilich nicht in jedem Jahre reichlich besuchen. Ihr Kleid ist wundervoll johannisbeerfarben. Wenn auf jedem Zweig dichter Schnee liegt und nur hie und da zwischen dem reinen Weiß die schwarzgrünen Nadeln hervorschauen, dann kann man sich an dem Farbenreiz der kleinen roten Geschöpfe, wie sie an den Spitzen der Ästchen oder an den Zapfen herumklettern, nicht satt sehen. Natürlich wird die Wirkung der Farbe erhöht, wenn die geselligen Vögel in möglichst großer Zahl auftreten. Denn der einzelne dieser kleinen Gesellschaft ist ja nur ein Punkt in dem weiten Landschaftsbild; es müssen sich schon mehrere zu einem bunten Fleck vereinigen, ehe von einer Farbenwirkung gesprochen werden kann. Und Sonne gehört dazu, strahlende Sonne!

Ist's bei den Blumen nicht ebenso? Die einzelne Blüte des Mohns, des Windröschens, der Dotterblume, selbst ein einzelner Busch des blühenden Heidestrauchs, der Schlehe, des Ginsters geht trotz aller Farbenpracht in dem großen Gemälde verloren. Viele tausend gleichartige Blumen sind dazu nötig, auf der Wiese gelbe oder blaue Flecken zu malen, den Schlehdorn, den Obstbaum in duftigen Schnee zu hüllen, der sandigen Heide im Spätsommer das lichtviolette Kleid zu weben, den Berghang in Gelb oder Rosa zu tauchen, und nur wenn wir ganz nah an ein enger begrenztes Bild herantreten, da genügen auch einzelne Blumen, einen farbigen Eindruck hervorzurufen: ein paar Rosen am Gartenhaus, feurige Mohnblumen am Feldrain oder ein paar Schwertlilien am kleinen schilfumgrenzten Weiher.

Aber gerade den farbenprächtigsten Vögeln begegnet man nur selten in größerer Anzahl, wenigstens in unserer Heimat. Ich entsinne mich nur ein einziges Mal einen Trupp von zwölf oder fünfzehn Pirolen angetroffen zu haben. Sie flogen zwischen den Pappelreihen der Straße eine lange Strecke vor meinem Wagen her; dabei setzten sie sich in regelmäßigen Zwischenräumen auf die Bäume und warteten, bis das Gefährt herankam, um dann wogenden Flugs wieder voranzueilen. Ein bezaubernder Anblick war's, wie das goldgelbe Kleid dieser Vögel abwechselnd aufblitzte und verlöschte, je nachdem das grelle Sonnenlicht sie umflutete oder die schwarzen Schatten der hohen Pappeln auf sie fielen. Also auch hier Hand in Hand Bewegung und Farbe.

Bei der bunten Mandelkrähe habe ich einmal in der Lausitz ganz Ähnliches erlebt; aber es waren nur vier oder fünf, die mich durch die sandige Heide ein gut Stück begleiteten.

Im Gesamtbild der Landschaft tut's immer erst die Masse, und in dieser Beziehung wüßte ich keinen Vogel zu nennen, dessen Farbenkleid seinem Aufenthaltsort so zum Schmucke gereicht, wie der weiten Wasserfläche die schneeige Lachmöwe mit ihrem zartblauen Mantel. Den vollen Genuß gewährt aber auch hier erst die Bewegung, wenn die langflügligen Vögel zu Hunderten in der Luft wirbeln und ihre kreischenden Stimmen hören lassen. An der Meeresküste übertönen die Sturm- oder die Silbermöwen selbst die Wogen der brandenden See, so laut diese auch gegen die Klippen krachen und donnern. Wenn irgendein Vogel das Geschöpf einer bestimmten Landschaft genannt werden kann, so ist es die Möwe. Der Sturm hat ihr die bangen Armknochen und die starken Schäfte der Schwingen gegeben; die See hat die Ruder gebildet von höchster Vollendung: der kurze Lauf, seitlich zusammengedrückt, und Schwimmhäute zwischen den Zehen. Das Blau des Himmels, an dem die weißen Wolken dahinziehen, das Blau der See, mit dem Weiß der Wellenkämme geschmückt: die Möwe trägt die gleichen Farben auf ihrem Kleid. »Flatternd schwebt sie am Himmel, dicht fliegt sie über den Wellen; den lichten Seglern folgt sie hinaus übers Meer, mit den Wolken zieht sie ins Land. Wo ein See oder Teich des Himmels Bläue mit den schneeweißen Wolken wiederspiegelt, da erkennt sie die Heimat – die Mutter ist's, das unendliche Meer, das blauen Auges emporschaut – wo ein Schiff auf dem Rücken des Stromes langsam dahinzieht, da flattert die Möwe: Grüß mir das Meer und die felsigen Klippen am Strand und die Brandung im Sturm.« (Aus des Verf.s Abhandlung über die Möwen in den »Lebensbildern aus der Tierwelt«, R. Voigtländers Verlag.)

An Farbenpracht ihrer Geschöpfe wird unsre nördliche Heimat von südlicheren Zonen weit übertroffen. Man hat deshalb wiederholt versucht, diesem Mangel etwas abzuhelfen, indem man sich Mühe gab, fremdländische Vögel in Deutschland einzubürgern. Jäger und übereifrige Vogelfreunde nahmen sich der Sache an. Jene wollten sich in ihrer Lust an Hege und Jagd nicht genügen lassen mit unsern Feld- und Waldhühnern, mit Enten und andern Wasservögeln; diese dachten sich's so schön, die Farbenpracht fremder Zonen in unsre Parks, Gärten und Wälder zu verpflanzen. Beides Versuche, gegen die sich glücklicherweise die Natur selbst wehrt. Nur eine einzige Vogelart hat sich wirklich dankbar gezeigt, der Fasan, dessen Einbürgerung restlos gelungen ist, obgleich nicht nur das Prachtgefieder, sondern auch das ganze Gebaren des Tieres den Fremdling noch immer auf den ersten Blick verrät. Dagegen sind Schopf- und Baumwachtel, Rot- und Moorhuhn sehr bald wieder von der Bildfläche verschwunden, ebenso der amerikanische Wildputer. Und von den chinesischen Nachtigallen, Papageien, roten Kardinälen und andern Ausländern hat man nicht selten an dem Tage, da man sie aussetzte, das letzte bunte Federchen gesehen. Und das ist gut so. Diese Fremdlinge passen ebensowenig in die heimatliche Landschaft, wie Weymouthskiefer, Roßkastanie, Robinie, amerikanische Eiche in den deutschen Wald, während man in Gärten und Parks sich diese fremdländischen Bäume wohl kann gefallen lassen.

Anders das zahme Hofgeflügel, das ja, soweit es, zur artenreichen Familie der Hühner gehört, gleichfalls fremdländischen Ursprungs ist. Hier handelt es sich um Genossen des Menschen, die seine Wohnstätte mit ihm teilen und dieser tatsächlich zu hoher Zierde gereichen; zur freien, unberührten Natur aber würden sie gleichfalls im Widerspruch stehen. Einen Bauernhof, und sei er noch so klein, ohne die muntere Schar der Hühner, geführt vom farbenprächtigen Hahn, kann man sich ebensowenig denken, wie das herrschaftliche Gut ohne den kollernden Puter mit seinen Hennen, und wenn auf der Freitreppe vor dem Schloß der Pfau sein glänzendes Rad schlägt, so paßt solche Farbenpracht recht wohl zu dem Reichtum, von dem das Bild zu uns spricht. Tot ist die Dorfstraße, wenn nicht schillernde und buntscheckige Hühner umhertrippeln oder an den Hoftoren in den flachen Löchern ruhen, die sie sich im Schatten des blühenden Hollers ausgescharrt haben. Wie anmutig auch der Blick in die Höhe, wenn die Tauben ihre Flugkünste zeigen, in weiten schön geschwungenen Bogen die ganze Ortschaft umfliegend, bald sich trennen, bald sich wieder vereinen, um sich endlich flatternd auf dem Dach niederzulassen, unter dem sie wohnen.

Auch unser zahmes Wassergeflügel, dessen Stammväter und -mütter bei uns Heimatrecht genießen, die Gänse und Enten und vor allem die Schwäne, sind recht wohl imstande, das Landschaftsbild aufs reizvollste zu beleben. Die Enten am Bach oder Dorfteich – ach, wie gemütlich ihr eifriges Schnattern – die Gänseherde, die durch das Gras zieht, militärisch in langer Reihe, aber watschelnden Ganges, der stolze Schwan, gleich einem Schiff mit geblähten Segeln über den Spiegel des Schloßteichs gleitend: man erfreut sich doch immer wieder an solchem Anblick, so oft man's auch schon geschaut hat.


Hinter dem Vogel bleiben alle andern Tiere in ihrer Bedeutung für das Landschaftsbild weit zurück. Namentlich gilt das von den Säugetieren, in erster Reihe von den wildlebenden. Mäuse auf dem Felde, niedliche Spitzmäuse zwischen dem herbstlichen Buchenlaub am Boden, ein Wiesel, ein Igel – von einer Bereicherung des Landschaftsbildes kann man bei ihnen kaum sprechen, nicht einmal wenn ein paar Jungfüchse oder Karnickel vor ihrem Bau spielen, oder wenn Freund Lampe Fersengeld gibt, daß seine weiße Blume bei jedem Sprung im Krautacker hell aufleuchtet wie ein Fetzen Papier, mit dem der Wind sein lustiges Spiel treibt.

Mit mehr Berechtigung könnten wir schon das muntere Eichhorn anführen, an dessen Kletterkünsten alt und jung sich erfreut. Man kann dem netten, zierlichen Tierchen kaum gram sein, obgleich es viele Untugenden hat; wo es dem deutschen Walde fehlt, da vermissen wir's ungern. Auch die Fledermäuse beleben den dämmernden Abend, der sich über die Flußlandschaft senkt, in eigenartiger Weise. Viele Freunde haben sie nicht unter den Menschen, und doch im Vorfrühling ist mir die erste Fledermaus, die sich aus dem Winterversteck gewagt hat und deren Zickzackflug sich so seltsam vom geröteten Abendhimmel abhebt, eine gar liebe Erscheinung, ein Frühlingsbote, den ich ebenso freudig begrüße, wie den ersten Zitronenfalter, den ersten Flötenruf der Amsel, das erste Quaken der Frösche.

Von den wildlebenden Säugetieren kommt eigentlich nur das Hochwild für das Landschaftsbild in Betracht: Rot- und Rehwild, in manchem Herrschaftspark Damwild, weiter das Schwarzwild und im Hochgebirge das Krickelwild. Ein schmucker Sechserbock im Buchenwalde, mit dem geperlten Gehörn zwischen den Lauschern, wie er erhobenen Kopfes verhofft, um dann in weiten Fluchten leichtfüßig über Stock und Stein zu setzen, eine Ricke mit ihrem Kitzchen auf der Waldwiese äsend, Rotwild, das gegen Abend aus dem Dunkel des Hochwaldes tritt, oder halbzahmes Damwild, das sich im Schloßpark unter dem Schatten mächtiger Baumriesen gelagert hat: liebliche Bilder sind es, die keineswegs nur das Herz des Jägers entzücken, sondern jeden erfreuen, der im Verkehr mit der Natur Genuß und Befriedigung findet. Und wenn im Herbst der Brunfthirsch orgelt und schreit, in der Dämmerung abends oder frühmorgens, daß es dröhnend und röchelnd über die Waldblöße schallt, ich glaube, es kann sich niemand des Eindrucks solcher Laute entziehen. Ein Stück ursprünglicher, unverdorbener Natur tritt uns in ihnen entgegen, um so wertvoller, je seltener wir Großstadtmenschen uns dem unmittelbaren Verkehr mit der Natur hingeben können. Dankbar erkennen wir's dann an, daß allein einem streng durchgeführten Jagdschutz solch erhebende Stimmungsbilder auf unserm heimatlichen Boden zu verdanken sind. Der Uhuruf ist in unsern sächsischen Gebirgswäldern verhallt; möge nie die Zeit kommen, wo man nicht mehr den Schrei des Brunfthirsches vernimmt, der seinen Gegner zum Zweikampf fordert! Ein gut Stück urwüchsigen Waldeszaubers wäre für immer dahin.

Wie ein Recke aus vergangenen Tagen mutet uns das Wildschwein an. Seine ganze Erscheinung hat gewiß wenig Anziehendes an sich; ein rauher, borstiger Geselle ist solch ein Keiler, und auch sie, die Bache, ist eine ungemütliche Dame, aller Anmut, jedes Reizes bar. Aber im Winter, wenn der Forst tief verschneit ist und das Leben erstorben scheint, bis auf ein paar Krähen, die sich mit heiserem Schrei im Wipfel der hohen Föhren einschwingen, daß der Schnee, einer leichten Staubwolke gleich, dahinfliegt, dann vermögen zwei oder drei »Schwarzkittel« der Landschaft eine Stimmung von außerordentlicher Stärke zu verleihen. Die gedrungenen dunkeln Gestalten heben sich so gut von der weißen Schneedecke ab. Dampf hüllt sie ein, Rauhreif deckt ihr borstiges Kleid, und am Rüssel haftet der Schnee bis hinauf zu den Sehern. Sie verachten den eisbärtigen Herrscher des Nordens, der ihnen nichts anhaben kann; unter dem Schnee wühlen sie doch ihre Nahrung hervor. Selbst die härteste Schneekruste, die das Reh laufkrank macht, daß es leicht dem Fuchse zur Beute fällt, brechen sie auf, und die Kälte fürchten sie noch weniger; denn sie haben sich im Herbst, dank der Eichel- und Buchelmast, feist herangefressen.

Im Hochgebirge ist es die Gemse, welche die nackten Felsengrate und Steintrümmermeere, die Steilhänge und die höchsten Alpenmatten reizvoll belebt. Wem nur einmal das Glück geworden ist, vielleicht am frühen Morgen ein Rudel zu belauschen, das seinen Durst an dem schwarzblauen, goldumränderten Meerauge tief unten im starren Felsenzirkus löscht und dann den Menschen bemerkt und erschrickt – hei! wie schnell geht's in dem harten Gestein hinauf bis zum zackigen Grat, hinter dem eins nach dem andern verschwindet – der vergißt's sein Lebtag nicht wieder.

Im Gewänd kletternde Hausziegen mögen, aus weiter Ferne gesehen, einen ganz ähnlichen Anblick gewähren, wie ruhig äsendes Krickelwild, und so mancher Alpenbesucher, der nur das friedliche Haustier beobachtete, wird in dem Wahn, er habe Gemsen belauscht, hochbefriedigt aus den Bergen heimkehren. Gewiß, die äußere Erscheinung bietet viel Ähnliches, aber der Gefühlswert ist in beiden Fällen doch ganz verschieden. Dort ein Tier der freien Natur, hier ein vom Menschen abhängiges Geschöpf; dort Freiheit und Ursprünglichkeit, hier Zwang und Kultur. Wie grundverschieden die Stimmungen, die solcher Gegensatz im Beschauer auslöst! Wir sehen ja nicht nur mit unserm leiblichen Auge, sondern zugleich mit einem inneren Sinn. Damit soll jedoch nicht geleugnet werden, daß auch unsern vierfüßigen Haustieren eine große Bedeutung für das Landschaftsbild zukommt. Tausend Gemälde älterer und neuerer Maler führen es uns immer wieder vor Augen.

Wir brauchen nur an die buntscheckigen Rinder zu denken, die auf dem grünen sonnigen Plan weiden oder wiederkäuend im Schatten hoher Bäume ruhen, an die blökende Schafherde, die langsam am Berghange hinzieht, an die munteren Fohlen, die sich in der Koppel nach Herzenslust tummeln: anmutige Bilder, die den Frieden des Landlebens atmen. Aber selbst ein einzelnes Tier, ein einzelnes Gefährt kann der Landschaft einen bestimmten Stimmungsgehalt geben: der breitstirnige Stier vor dem Pflug, wie der Postwagen auf der Landstraße.


Den kaltblütigen Wirbeltieren, also Kriechtieren, Lurchen und Fischen, brauchen wir kaum unsre Aufmerksamkeit zu schenken. Ihr verstecktes Leben bringt es mit sich, daß sie auf das Landschaftsbild nicht bestimmend einwirken, wobei ich jedoch nicht leugnen will, daß kleine Ausschnitte der Landschaft, z. B. ein Tümpel im verlassenen Steinbruch durch Tritonen und Salamander, ein steiniger Hang durch schnelle Eidechsen, ein Gebirgssee oder ein Waldbach durch die hübsch gepunkteten, flinken Forellen, die hie und da emporschnellen, um nach Insekten zu schnappen, an Reiz gewinnt.

Aber in einer Hinsicht spielen doch auch ein paar Amphibien keine ganz unwichtige Rolle. Ich meine gewisse Froschlurche, den Wasserfrosch, den Laubfrosch und die Unke, deren Einzel- oder Chorgesang weithin durch die stille Landschaft schallt. Wenn wir auf der Stufenleiter der Tiere aufwärts steigen, so sind es diese Lurche, bei denen wir zuerst einer wirklichen Vokalmusik begegnen, einer Lautäußerung durch die Stimme, dem Uranfang einer Sprache. Alle andern tiefer stehenden Tiere, namentlich die Insekten, üben höchstens Instrumentalmusik aus[1]; der Frosch aber ist der erste Sänger. Kraftvoll versteht er seine Stimme zu gebrauchen; bestimmte melodische Sätze wechseln und kehren in regelmäßiger Folge wieder, und sein angeborenes Gefühl für die Zeitmaße ist hervorragend, man muß es ihm lassen.

[1] Wenn man auch bei den brummenden und summenden Insekten, den Bienen, Hummeln, Fliegen u. a., von Stimmorganen, wenn man vom »Singen« der Mücken redet, so ist nicht viel dagegen einzuwenden; denn in der Tat werden solche Lautäußerungen mit Hilfe der Atemluft hervorgerufen, die durch die Atemlöcher, die sog. »Stigmen« streicht. Aber die Art der Insektenatmung ist doch eine ganz andere, als die der höheren Tiere, bei denen die Stimmbildung in der Hauptsache der Luftröhre und dem Kehlkopf zukommt.

Ein lauwarmer Frühlingsabend hat sich über den schilfumsäumten Teich gesenkt. Wir sind ans Ufer getreten. Die Frösche, deren Chorgesang uns aus der Ferne entgegenschallte, schweigen jetzt, vergrämt durch die leisen Erschütterungen des Bodens infolge unserer Tritte. Nur die Wellen glucksen am Uferrand, und leise flüstert das Schilf im Abendhauche. Die Rohrsänger sind es, die zuerst die feierliche Stille unterbrechen: schnarrende, quietschende, pfeifende Töne, ein buntes Durcheinander, aber immer im Takt. Horch, jetzt auch ein paar gurgelnde Laute aus der Tiefe des Schilfs: »gluck, gluck«, und zwei oder drei knarrende Töne: »koax, koax«. Bald wagen's auch andere, hohe Tenöre und tiefe Baßstimmen, trillernd und volltönend, bis sich die ganze Gesellschaft an diesem Singsang beteiligt: »brekeke koax, brekekeke, tuu tuu«. Je mehr der Mond, der hinter den alten Weiden auftaucht, sein volles Licht über den Teich ergießt, um so eifriger schallt es: Frösche und Rohrsänger im Wettgesang, daß es weithin schallt über die schlafende Flur. Die Motive verschieden, die Stimmen höher und tiefer in seltsam wechselnden Sprüngen hinauf und hinab, ein musikalischer Mischmasch; aber es paßt alles zusammen, zumal das ganze Konzert von einem streng innegehaltenen Rhythmus beherrscht wird. Dieser wird noch besonders dadurch betont, daß einzelne Sängergruppen auf einmal ein Weilchen schweigen, um dann mit voller Kraft wieder einzufallen. Jetzt singt es hier, jetzt da; bald knarrt und quakt nur eine kleine Gesellschaft noch, bald singt wieder der ganze Chor, als sollte er das Versäumte nachholen. Solches Ab- und Anschwellen wirkt besonders in größerer Entfernung recht auffallend; es ist, als ob uns der Nachtwind bald mehr, bald weniger Tonwellen zutrüge, ein rhythmischer Wechsel, der den Reiz des Froschkonzerts wesentlich erhöht.

Fleißigere Sänger gibt's nicht, als Rohrsänger und Frösche. Selbst die Nachtigall macht 'mal eine längere Pause zu mitternächtiger Stunde; der Nachtschwalbe »Spinnen« schweigt mitunter ein Weilchen, und auch die verliebten Käuze im Kiefernwald gönnen sich hin und wieder ein wenig Ruhe. Nur der Singsang des Teichs verstummt nie völlig; seine Bewohner, so scheint es, bedürfen des Schlafs nicht. Das gilt besonders von den unermüdlich quakenden Fröschen. Kaltblüter nennen wir sie. Gewiß, ihre schlüpfrige Haut fühlt sich kalt an, ihr Fleisch und ihr Blut; aber drin im Herzen, da sitzt es, unsichtbar, das Herz im Herzen, glühend heiß, voll Sehnsucht, voll Liebe, und wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.

Zu allen Zeiten ist man sich des Reizes bewußt gewesen, der vom Froschgesang ausgeht, und es sind nur naturfremde oder krankhafte Menschen, die solchen Minnesang verwünschen. Wieviel ärmer wäre die Frühlingsnacht an unsern Teichen, wenn deren Bewohner, die grünen Wasserfrösche, ebenso stumm wären, wie ihre braunen Vettern im Grase, von denen man höchstens ein paar knurrende Laute vernimmt. Da ist mir der grüne Teichsänger doch hundertmal lieber. Sein Lied stimmt zu den andern Schilfliedern, bringt Leben in die Natur, und wo Leben und Stimmung, wo Bewegung und Einklang, da erkenne ich Schönheit.

Auch der Laubfrosch, unser Wetterprophet, läßt sich bisweilen die ganze Nacht hören. Er hat sich einen Sängerplatz in der Höhe, im Grün von Baum oder Strauch erkoren, von wo nun sein hastig hervorgestoßenes »äpp, äpp, äpp« durch die Frühlingsnacht hallt, seltsam anzuhören und lustig zugleich. Der kleine Kerl dünkt sich so wichtig.

Von tieferem Eindruck auf unser Gemüt ist der Einzelruf oder auch der melodische Rundgesang der Unken, die den Dorfweiher oder den Tümpel draußen im Wiesental bewohnen. Wie Glocken läutet's geheimnisvoll aus der Tiefe »ung, ung, ung …«, feierlich, ernst, schwermütig und traurig, fast immer derselbe Ton, von gleicher Stärke und Höhe. Zu dem dunkeln, ernsten Weiher mit den Wasserrosen, die im Mondlicht nur matt und unsicher leuchten, während die schwarzen Schatten der Pappeln auf der Wasserfläche erzittern, stimmen die melancholischen Glockentöne der Unken so wunderbar, daß jeder den Eindruck dieser Naturlaute empfindet.


Auch manche Insekten, namentlich wenn sie in größeren Scharen auftreten, sind für das ganze Landschaftsbild von Bedeutung. Wir brauchen nur an die graziösen Libellen zu denken, die jedem Gewässer, dem Fluß und Bach mit ihren erlenbestandenen Ufern, dem schilfumsäumten Teich, selbst dem reizlosen Mühlgraben zur Zierde gereichen. »Wasser-« oder auch »Schlankjungfern« hat sie das Volk getauft, um den bezaubernden Reiz dieser zarten Wesen zum Ausdruck zu bringen, im Flug wie im Sitzen von einer Anmut, die nicht ihresgleichen hat. Oder wer möchte sie missen, die Bienen und die andern Hautflügler, die mit Gesumm und Gebrumm im Mai den schneeigen Obstbaum, im Juli die duftende Linde, im August die blühende Heide besuchen! Ein zartes Getön, wie von Millionen silberner oder gläserner Glöckchen erfüllt die sonnige Luft. Oder soll ich an die Musik der Heupferde erinnern, die in der sommerlichen Mittagsglut die Blumen und Gräser zum Schlummer einlullt, oder an das Zirpen der Grillen, das so stimmungsvoll am Abend durch die Flur zittert. Das einzelne Tierchen leistet wohl wenig als Musikant, aber tausend und abertausend vereinigt erzeugen ein eindrucksvolles Getön, das leise über die Landschaft dahinschwebt, einem zarten Schleier aus gesponnenem Glas vergleichbar.

Von weit höherer Bedeutung ist die artenreiche Gruppe der Tagschmetterlinge. Wie stimmen doch diese leichtbeschwingten, zarten Geschöpfe, die Sinnbilder eines heiteren, frohen Lebensgenusses, zu dem sommerlichen Naturbilde mit der Fülle des Lichts und der Farben! In anmutigstem Spiel gaukeln sie von einer Blume zur andern, haschen und fliehen sich, bringen Bewegung und Leben. Möchtest du sie missen auf der sommerlichen Heimatflur? Oder denke an die Frühlingsboten, den ersten Zitronenfalter, das erste Pfauenauge! Ein trügerischer Sonnenblick hat den Winterschläfer geweckt, daß er sein sicheres Versteck verlassen hat und nun über der blumenleeren Erde ruhlos dahinflattert. Armes Tier, Schneewolken ziehen auf, hinter denen sich die Sonne versteckt; wie bald bist du erstarrt! Aber umsonst gelebt hast du nicht. Wir sind dem Frühling begegnet! so jubelt's in uns. Ein vorzeitig »Sommervöglein« nur, und doch etwas Großes!

Leider sind die schönen Falter in unsrer Heimat seit ein paar Jahrzehnten recht selten geworden, namentlich in der Nähe der großen Städte. Selbst die gewöhnlichsten Arten, wie Trauermantel, Admiral, Distelfalter u. a., haben in ganz auffallender Weise an Zahl abgenommen. Segelfaltern und Schwalbenschwänzen, die unser Jungenherz in der schönen Jahreszeit täglich erfreuten, begegnet man nur noch ausnahmsweise, und die selteneren Nachtschmetterlinge, wie rotes und blaues Ordensband, Wolfsmilch-, Ligusterschwärmer u. a., die auch vor einem halben Jahrhundert durchaus nicht häufig waren, scheinen heute fast schon ausgestorben zu sein. Gewiß tragen die Schmetterlingssammler einen Teil der Schuld; aber die Hauptursache dieser bedauerlichen Verarmung der Natur liegt in der fortgeschrittenen Kultivierung des Bodens, wodurch den Raupen vielfach ihre Nahrungspflanzen entzogen worden sind. Jedes Winkelchen wird ausgenutzt, alles Unkraut beseitigt; die Aussaat des Getreides ist reiner als ehemals, die Siedelungen der Menschen sind gewachsen und der Verkehr ist gestiegen.


Die Bedeutung der Tierwelt für das Landschaftsbild kommt uns vielfach erst dann so recht zum Bewußtsein, wenn dieser Reiz, der von dem beseelten Geschöpf ausgeht, irgendwo völlig fehlt. Das Tier bildet einen wesentlichen, zum Ganzen gehörigen Teil der Heimat. Die Harmonie, die Schönheit ist beeinträchtigt, sobald die dem Landschaftsbild eigentümlichen Vertreter der Tierwelt verschwunden sind. Der Reichtum, die Mannigfaltigkeit der Natur hat dann eine schwere Einbuße erlitten – schweigend steht der Wald, tot liegt der See, öde die Flur. Verarmt ist die Heimat und mit ihr unser Leben.

Alle, deren Beruf in Beziehung zur Natur steht, an erster Stelle der Landmann, der Förster, der Gärtner, der Fischer, sollten sich der vielfach hart bedrängten Tierwelt der Heimat annehmen. Nicht um klingende Münze, sondern um edlere Güter handelt es sich, um den unermeßlichen Wert einer reichen, unverdorbenen Natur.


Die volkstümlichsten Tiere der deutschen Märchen und Fabeln

Wenn ich mir als Kind das Paradies der Schöpfungsgeschichte vorstellte, da war es nicht etwa die oasenartige Landschaft mit ihren Palmen und Fruchtbäumen, mit ihren sprudelnden Quellen und Wasserbächen und mit all den unbekannten, üppig wuchernden Stauden und fremdartigen Blumen, wie sie die Bilderbibel mir zeigte, sondern das freundliche grüne Flußtal meiner sächsischen Heimat. Kein schöneres Fleckchen Erde konnte ich mir denken, als diese sanfte, von bewaldeten Höhenzügen umgrenzte Au, durch die mein lieber Heimatfluß zwischen sattgrünen Wiesen seinen Weg nimmt. Hier eine Gruppe mächtiger Eichen und silberstämmiger Buchen, dort dunkles Erlen- und lichtes Weidengestrüpp, das seine Arme weithin über das Wasser breitet; an anderer Stelle, inselartig abgegrenzt, ein dichtes Fichtenwäldchen, ein Laubholzbestand aus Ulmen und Ahornbäumen, mit Haseln und Wildrosen umsäumt, daneben ein Busch junger Birken; am Fuße der Talhänge aber große und kleine Felsblöcke in wirrem Durcheinander, über die das Grün des Adlerfarns schirmartig sich breitet und Weidenröschen ihre roten Blütentrauben erheben, während weißflockige Johanniswedel ihr Bild im Wasser schauen, das sich hier dicht an den Steilhang hinandrängt.

Mitten hinein in die Herrlichkeit dachte ich mir nun Adam und Eva gesetzt, und ich bevölkerte die liebliche Au mit dem »Gevögel, dem Vieh und Gewürm«, davon uns die Bibel erzählt. Aber nicht an die Riesen der Tierwelt dachte ich, Elefant, Giraffe und Nashorn, auch nicht an die Affen und Papageien, die der Bibelmaler auf dem Bilde so friedlich vereinigt hatte, die Tiere der Heimat waren es, die sich hier wirklich ein Stelldichein gaben. Und sie genügten mir, ich kannte sie aber auch alle.

Das Hochwild trat am Abend aus dem dunklen Tann zur Äsung auf die Wiese; die Fähe schnürte von ihrem Bau, vor dem die Jungfüchse spielten, nach dem andern Talhang hinüber; rote Eichkätzchen kletterten die glatten Stämme der Fichten empor und knapperten an den Jungtrieben; die Igelmutter führte ihre hoffnungsfrohe Schar durch das raschelnde Laub; auf dem feuchten Grund des Buchenwaldes gelbfleckige Erdsalamander; im Sumpf Ringelnattern und Frösche; in den Wassergräben gelbbauchige Unken, Kamm- und Teichmolche; auf der Wiese Schmetterlinge ohne Zahl, Heupferde, Maulwürfe und Schermäuse. Und erst im und am Flusse, welch fröhliches Leben: zierliche Wasserjungfern mit tiefblauen oder glasartigen Netzflügeln, Wasserläufer und kleine silberglänzende Fischchen in unendlicher Menge. Überall aber das fröhliche Heer der gefiederten Welt: Schwälbchen, die so hurtig über dem Wasser dahinschossen; von dem Eichenhain her lustiger Kuckucksruf, dem des Pfingstvogels Flöte Antwort gab; im Unterholz das geschwätzige Plauderliedchen der Gartengrasmücke oder der jubelnde Überschlag des Plattmönchs; im Hochwald das Gezeter zänkischer Eichelhäher, das Trommeln der Buntspechte, das Gurren der Ringeltauben; über allem aber, hoch am strahlenden Himmel ein Bussardpaar, einander umkreisend, ohne Flügelschlag schwimmend im Luftozean.

Aber auch Haustiere fanden ihren Weg nach meinem Garten Eden. Am Hange hütete Thomas, der alte Schäfer vom Rittergut, seine sanfte Herde; am Ufer Jungvieh auf eingekoppelter Weide, und auf dem Fluß schnatternde Gänse und Enten. Brauchte ich da noch andere Tiere aus fernen Zonen? Oh, es war eine große, eine unübersehbare Reihe, die da vor Adam in geordnetem Zuge vorbeimarschierte, hüpfte, schwamm oder kroch, als der Schöpfer all die Tiere zum Menschen brachte, »daß er sähe, wie er sie nennete«; denn wie jener sie nannte, so sollten sie heißen ihr Leben lang.

Da hüpfte die vorlaute Elster heran im schwarzweißen Kleid; wohlgefällig wippte sie ihre grün und purpurn schillernde Schleppe auf und ab und schaute neugierig zu dem ersten Menschen hinüber, wobei sie mit Markolf, dem Eichelhäher, fortgesetzt plauderte. »Plapperelster sollst du heißen dein Leben lang, du schwatzhaftes Wesen«, sagte Adam, und schackernd schwang sich der langschwänzige Vogel in die Wipfel der Bäume. Da nahten zögernd die sanften Wollenträger, der Bock mit den geringelten Hörnern und neben ihm seine hornlose Gattin. »Schaf sei euer Name hinfort!« entschied der Mensch, »denn ihr seht ebenso dumm aus, wie ihr in Wirklichkeit seid!« Schon trabte das Borstenvieh grunzend herbei, Füße und Rüssel vom schlammigen Boden besudelt, in dem es soeben noch gewühlt hatte. »Schwein nenne ich dich – frage nicht weiter; du weißt schon warum!« und so ging's vorüber in endlosem Zug: Adler und Gimpel, der stachlige Igel, der furchtsame Hase, Frosch und Unke, Käfer und Spinne, das Gewürm, das im Grase herankroch, und die Fische im Fluß, zwei-, vier-, sechs-, achtbeinig und ohne Beine, befiedert, bepelzt, beschuppt und nackthäutig; sie alle bekamen ihre Namen, die sie heute noch tragen. Was war doch der erste Mensch für ein weises Geschöpf!

Und von dieser Weisheit hatte auch ich kleines Menschenkind ein Stückchen geerbt. Denn in der kindlichen Phantasie liegt Weisheit und Wahrheit wie im kindlichen Spiel, Weisheit und Wahrheit wie in jenen köstlich-naiven Worten des biblischen Schöpfungsberichts. Nicht die leblose Welt ist's, nicht Erde, Wasser und Stein, nicht die blitzenden Krystalle sind's, die farbigen Kiesel, ja nicht 'mal die Bäume und Sträucher im Wald oder Garten, nicht die bunten duftenden Blumen, die das Interesse des ersten Menschen zuerst auf sich lenken, sondern die Tiere.

Und wie Adam, der erste Mensch, am Schöpfungsmorgen dem »Gevögel, dem Vieh und dem Gewürm« seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte und nichts von den andern Herrlichkeiten sah, die Gottvater um ihn aufgebaut hatte – die Tiere mußten erst ihre Namen haben, ehe er sich den Fruchtbäumen des Gartens Eden zuwandte – so bringt auch heute noch jedes Kind seine erste Teilnahme, seine erste Liebe den Tieren entgegen. Noch ehe unsre Kleinen Worte zu lallen beginnen, hören sie auf die Stimme des Vogels und beobachten die Bewegungen von Katze und Hund. Und sie geben, wie Johannes Fischart so reizend sagt, »nach jrer Notturfft Namen, brauchen den ererbt Adams gwalt, der jedem Geschöpff ein Nam' gab bald«. »Wauwau« der Hund und »Miau« die Katze, »Muh« die Kuh und »Piep-piep« das Spätzlein. Ja es kommt vor, daß solch kleines Menschenkind mit den genannten Tieren seiner Umgebung innigere Freundschaft geschlossen hat, als mit dem strengen Papa, den es nur selten sieht und vor dem es sich fürchtet. Es ist auch, als ob die Tiere diese Zuneigung der Kinder fühlen:

»Solch blüend alter frisch,
Vmbsonst so lieblich gstalt nit ist,
Auch offt das Wild vnd Vieh bewegt,
Da es, zu dem ein gfallen trägt.«

Und wenn dann der Kleine seine ersten Entdeckungsreisen in Hof und Garten unternimmt, wie weitet sich da der Kreis solcher Freundschaft! Das bunte Marienkäferchen, die Schnecke mit ihren spaßhaften Fühlhörnern, der summende Maikäfer oder der Schnellkäfer, das hüpfende Heupferd sind seine Lieblinge. Der Tag, an dem der Star das erstemal wieder vor seinem Bretterhäuschen sitzt, wird zum Festtag. Klopfenden Herzens lauschen die Kinder dem stillen Glück der Hausrotschwänzchen, die im verborgenen Winkel der Gartenlaube ihre Jungen aufziehen, bis endlich die Stunde kommt, wo die kleinen grauen Federbällchen den ersten Schritt in die Welt wagen.

Und dann die Geschichten und die Lieder, die unsre Kleinen am liebsten hören und singen, die Bilderbücher, die sie am liebsten besehen, handeln nicht die meisten von Tieren? Der böse Wolf, der Rotkäppchen verschlang, der Fuchs, der die Gans gestohlen hat, der Storch, der den Eltern die Kinder bringt, eins nach dem andern, bisweilen auch zwei auf einmal, der »gestiefelte Kater«, die »Bremer Stadtmusikanten«; ja auch in den Geschichten, in den Bilderbüchern, wo Tiere nicht gerade die Hauptrolle spielen: zur Vervollständigung und zum Schmuck der Erzählung oder des Bildes sind sie unentbehrlich für das Kind. Wäre es denkbar, das Märchen von Aschenbrödel ohne die Tauben, die beim Erbsenlesen helfen: »die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen«, das Märchen von der Gold- und der Pechmarie ohne den krähenden Haushahn? Und warum besehen die Kinder so gern die hübschen Bilder unsers Landsmanns Ludwig Richter? Weil er wie kaum ein anderer Maler die Kindesseele verstanden hat, und weil sich in jeder Familienstube, die er so anheimelnd zeichnet, ein Haustier findet, ein Hund, eine Katze. Und auch im Freien, wo sich die Kinder tummeln, da schaut auf jedem Bilde ein Spitz zu oder ein Spatz, ein Taubenpaar oder irgend ein Singvogel, und dieser scheinbar so geringfügige Umstand ist für den kleinen Beschauer von allergrößtem Reiz.

Als ich ein Kind war, da standen mir – ich muß es gestehen – die Tiere meiner Umgebung näher, und es verband mich mit ihnen ein innigeres Verhältnis als mit den Menschen, abgesehen natürlich von Eltern und Geschwistern. Lange ehe ich etwas von Darwins Abstammungslehre hörte, war ich schon unbewußt ein kleiner Darwinianer; denn mit dem Star und dem Finken, dem Hund und der Katze, der Ringelnatter und der Kröte, dem Marienkäferchen und der Schnecke verkehrte ich, als seien es meine Brüder und Schwestern. Und auch viel später noch, wenn man mir vom »unvernünftigen Vieh« sprach, habe ich nie so ganz die unüberbrückbare Kluft begriffen, den gähnenden Abgrund, der sich zwischen dem Menschen und dem höheren Tiere auftun soll.

Doch was rede ich von mir? Es haben's ja alle genau so oder ähnlich in den Tagen der Kindheit getrieben. Dem Hahnenschrei legen die Kinder die Worte unter: »Kikerikieh, ich bin das schönste Vieh«; der Goldammer versichert sie seiner Zuneigung: »Wie, wie hab' ich dich lieb!« und mit dem kecken Meislein spielt man Verstecken: »Sitz i da, sitz i da!« rufen sie beide einander zu, das Vöglein droben im grünen Baum und unten der Kleine, der zu ihm aufschaut.

Warum ich dies alles erzähle? Weil ich nicht eindringlich genug daran hinweisen kann, daß das innige Verhältnis des Menschen zur Tierwelt der Heimat etwas Ursprüngliches ist, etwas Angeborenes, daß es etwas Triebartiges an sich hat und sich am reinsten in der Kindheit offenbart, sowohl beim einzelnen Kind jeder Familie, jedes Volksstammes und aller Zeiten, wie bei der Kindheit des Menschengeschlechts in grauer Vergangenheit. Nur wenn wir dies wirklich erkannt haben, wird es uns klar, warum die Tiere eine so große Rolle in Sage und Märchen und Fabel spielen und warum der Aberglaube des Volks sie mit einem Kranz buntfarbiger Blumen umgeben hat.

In dieser Beziehung herrscht unter allen Völkern die größte Übereinstimmung, mögen wir an die dichtende Phantasie der uns verwandten Kulturnationen denken oder an die zum Teil unbeholfenen Erzählungen unzivilisierter Horden. Sie alle besitzen uralte Sagen und Märchen, die meisten auch Fabeln und Parabeln, in denen Tieren eine Hauptrolle zukommt. Und so sind »diese kleinen spielenden Kinder der allgegenwärtigen Muse der Poesie« Gemeingut der Menschheit. Ja die Gemeinsamkeit solches Besitzes geht so weit, daß einzelne Tiermärchen oder Tierfabeln in den entferntesten Zonen, wo eine Überlieferung oder auch nur mittelbare Beeinflussung völlig ausgeschlossen erscheint, durchaus miteinander übereinstimmen und vielen Tieren hier wie dort die gleichen Wesenszüge zugeschrieben werden. Selbst unsre lieben deutschen Märchen, die Großmütterchen am Herd ihren lauschenden Enkelkindern erzählt, haben ihre Wurzeln zumeist nicht in der grauen Vorzeit der germanischen Volksstämme, sondern sind im fernen Indien geboren, wie die Forschungen der vergleichenden Literaturwissenschaft überzeugend dargetan haben. Aber bei keinem andern Volke, das dürfen wir getrost behaupten, sind sie mit gleich gemütvollen Zügen, namentlich auch aus der Tierwelt, ausgestattet worden, wie bei uns Deutschen und höchstens noch bei den Slawen. Ihnen darf man mit Recht nachrühmen, im innigsten Verhältnis zur Tierwelt zu stehen. Die Kinder- und Hausmärchen – ich meine, so gemütvoll, wie sie von Gebrüder Grimm erzählt werden – kann kein anderes Volk aufweisen, und Fabeldichter haben gerade wir Deutschen in reichster Fülle von Ulrich Boner und Burkard Waldis an bis Leixner, Fulda, Bierbaum, Etzel, Ewers u. v. a.


Den freundlichen Leser, der mir bis hierher gefolgt ist, möchte ich nun einladen, sich auf dem bemoosten Felsblock niederzulassen, der einst unserm gemeinsamen Stammvater zum Sitz gedient hat, und möchte an seinem geistigen Auge einen kleinen Teil der Tiere vorüberführen, von denen unsre Märchen und Fabeln erzählen, die also unserm deutschen Volke am nächsten stehen, die volkstümlichsten sind. Dabei schalte ich aber alle fremdländischen Tiere, selbst den König des großen Reiches aus, ebenso unsre Haustiere. Denn ich möchte an erster Stelle unsre »Brüder«, die mit uns die Heimaterde bewohnen, allen Lesern recht warm an's Herz legen und Teilnahme für sie wecken. Gerade die volkstümlichsten unter ihnen, wenigstens eine große Zahl dieser Märchenhelden und Fabeltiere, wenn ich sie so nennen darf, bedürfen dringend des allgemeinen Schutzes, sollen sie nicht in längerer oder kürzerer Zeit spurlos aus der Heimat verschwinden.

Der Nutzen und Schaden, den die einzelnen Tiere dem Menschen bringen, ist bereits im Übermaß immer und immer wieder erörtert worden, und die Bestrebungen des Naturschutzes, solch einseitiges Urteil doch nicht als einzigen Maßstab unseres Verhaltens den Tieren gegenüber gelten zu lassen, sind bereits Allgemeingut geworden, so daß ich kein Wort hierüber zu verlieren brauche. Der Hinweis aber, daß eine reiche Tierwelt zur Belebung der Landschaft in erfreulichster Weise beiträgt, ist im vorigen Abschnitt behandelt worden, auch habe ich bereits an anderer Stelle betont, wie eine mannigfaltige, möglichst ursprüngliche Tierwelt für die Wissenschaft von hervorragender Bedeutung ist. Aber ich meine, auch die Volkstümlichkeit mancher Tiere – ich denke z. B. an den Fuchs und den Igel, den Storch, die Schwalbe, den Kuckuck, an alle Eulen – sollte ein recht wesentlicher Grund sein, für den unbedingten Schutz solcher Tiere einzutreten.

Der volkstümlichste Held des deutschen Märchens wie der deutschen Fabel ist entschieden der Fuchs. Schlauer und verschlagener als alle andern Geschöpfe, spielt er die Rolle des Betrügers. Er überlistet die Wildente und den Hasen, den Gockel und seine Hennen, die Gans, den Raben, den Igel, den Dachs, kurz alle Tiere in Feld und Wald, in Haus und Hof. Selbst seinen großen Vetter Isengrim mit dem gewaltigen Wolfsrachen, oder Braun, den Bär, der ihn mit einem Schlage seiner mächtigen Pranken zu Boden strecken könnte, fürchtet der Spitzbube nicht. Er kennt die Schwächen jedes einzelnen, weiß seine Gegner alle zu foppen und spielt ihnen aufs übelste mit; selbst den Jäger führt der Schlaue oftmals hinter's Licht. Soll es wirklich dahin kommen, daß solch volkstümliches Tier, von dem jedes Kind zu erzählen weiß, völlig aus unsrer Heimat verschwindet? Soll es dahin kommen, daß nie mehr ein Fuchs unsern Weg kreuzt in sandiger Heide und daß wir den Roten nur noch hinter den Gittern sehen im zoologischen Garten oder ausgestopft im Museum? Das wäre doch traurig.

Oder der Storch. Von ihm gilt dasselbe. Alle Kinder kennen ihn aus den Bilderbüchern, aus mancherlei Reimen, aus dem Märchen vom »Kalif Storch«. Daher die ganz unsagbare Freude, wenn man einen wirklich 'mal sieht droben am Strohdach der Scheune, oder einherstolzierend auf feuchter Wiese oder auf dem Rain zwischen den Äckern, wenn man sein gemütliches Klappern vernimmt und den ersten Flugübungen der drei oder vier Jungen zuschaut, die den Horst zaghaft verlassen. Soll wirklich die Zeit kommen, wo auch das letzte brütende Storchenpaar und der letzte Horst aus unserm engeren Vaterlande verschwunden sein wird, wie der Adler, der Reiher, der Kolkrabe und so manche andre. Wie viel Schönheit, wie viel Poesie wäre dahin, für alle Zeiten unwiederbringlich dahin! Mögen alle, die's angeht, dafür sorgen, daß diese gefährdeten Tiere vor dem drohenden Untergang bewahrt bleiben und daß sich auch noch unsre Enkelkinder an ihnen erfreuen können, wie unsre Altvordern, die so viele gemütvolle Märchen und unterhaltsame Fabeln von diesen Tieren zusammenreimten.

Freilich die großen Raubtiere sind längst aus unserm Lande gewichen. Sie passen nicht mehr in unsre heutigen Verhältnisse, und es wäre töricht, sie zurückzuwünschen. Braun, der Bär, der grobe, aber gutmütige Gesell, hat innerhalb der deutschen Grenzen seit etwa hundert Jahren das Heimatrecht verloren, und es vergeht bisweilen mehr als ein Jahrzehnt, ehe sich 'mal wieder einer, aus Tirol versprengt, in den bayrischen Alpen zeigt. Wie häufig aber ehemals auch in den deutschen Mittelgebirgen Meister Petz war, das beweisen die vielen mit »Bär« zusammengesetzten Ortsnamen, auch hier in Sachsen: Bärenfels, Bärenhecke, Bärenburg u. a.

Unsre Vorfahren, die alten Germanen, kannten den Bären recht gut, hatte er doch sein Heim in allen Dickungen aufgeschlagen, von wo er die mühsam dem Walde abgerungenen Felder heimsuchte und in die Viehherden einbrach. Mit dem Speer bewaffnet, die Hunde zur Seite, so zogen die germanischen Jäger auf die Bärenhatz. Das Wildbret des gewaltigen Tieres war ihnen ebenso willkommen wie das zottige Fell, auf dem sie, wie es im Liede heißt, lagen und – »immer noch eins« tranken. Mit der fortschreitenden Bodenkultur und der zunehmenden Bevölkerung aber mußte die Zahl des großen Raubtiers zurückgehen. Dazu kamen mancherlei Verbesserungen der Jagdwaffen und die Einführung besonderer Jagdarten, die eine Verringerung herbeiführten. In der Zeit von 1611 bis 1717, also innerhalb 106 Jahren, wurden in dem damaligen Sachsen, das allerdings wesentlich größer war als unser heutiges, nach den aufbewahrten Jagdverzeichnissen noch immer 709 Bären zur Strecke gebracht. Heute ist der Bär selbst in den österreichischen, den schweizer und italienischen Alpen recht selten geworden; dagegen beherbergt ihn noch so manches Hochtal der langen Karpatenkette, sowohl in der Slowakei wie in den rumänischen Südkarpaten. Die Bären unsrer zoologischen Gärten stammen zum größten Teil aus Siebenbürgen, das auch heute noch mit Recht als »Bärenland« bezeichnet wird. Ich habe die Spuren des mächtigen Herrn der dortigen Gebirgswelt auf meinen Reisen wiederholt beobachten können. In den ehemals ungarischen Karpaten wurden noch vor kurzer Zeit in einem einzigen Jahre – es steht mir die Zahl vom Jahre 1908 zur Verfügung – noch immer 245 Bären erlegt.

Mit dem Bären ist vielleicht der Dachs am nächsten verwandt. In Fabel und Märchen spielt er als Meister »Grimbart« eine große Rolle. Alle Waldgebirge Deutschlands beherbergen wohl noch den griesgrämigen Einsiedler; aber die letzten Jahrzehnte haben doch auch mit ihm stark aufgeräumt. Ich habe die meisten Gebirgswälder unsrer deutschen Heimat durchstreift, bin Reineke oftmals begegnet und habe mich an dessen hoffnungsfroher Jugend erfreut, selbst den Edel- und den Steinmarder habe ich in freier Natur angetroffen; aber alt bin ich geworden, ehe mir Grimbart über den Weg gelaufen ist. Das ist gewiß nur persönliches Mißgeschick gewesen; indessen, wenigstens für unsre engere Heimat, muß man einen besetzten Dachsbau doch bereits zu den Naturdenkmälern zählen. In andern Gegenden freilich ist Meister Grimbart etwas häufiger.

Der Dachs ist übrigens weit weniger Raubtier als seine entfernte Vetternschaft, die Sippe der Marder. Wohl verschmäht er einen Junghasen nicht, Fasanen und Hühner mögen sich vor ihm hüten; aber er vertilgt auch Mäuse, Kerbtiere, Schnecken und Würmer, und gern frißt er allerlei Beeren, worauf schon sein Gebiß mit den schwachen Reißzähnen hinweist. Und so ist die Schonzeit gerechtfertigt, die er bei uns vom 1. Februar bis zum 31. August genießt. Er ist leider das einzige Raubtier, das sich eines solchen Vorzugs erfreut.

Ein viel schlimmerer Geselle, mit dem Dachs gar nicht zu vergleichen, auch nicht mit dem Bär, ist oder war der Wolf. Wir hören noch gern die netten Geschichten, die das deutsche Märchen von Isengrim zu erzählen weiß, wie er von dem schlauen Reineke, dem er an Stärke weit überlegen ist, immer überlistet wird, wie ihn sein sprichwörtlich gewordener »Wolfshunger« in hundert Abenteuer verwickelt und an den Rand des Verderbens lockt; wir gedenken so gern noch der verschiedenen Rollen, die der Wolf in der Fabel spielt, wo er im Verein mit seinem Vetter, dem Hund, auftritt oder mit der Wildsau, dem Pferde, dem Lamm, der Gans, dem Löwen, wie er in den meisten Fällen tüchtig verprügelt wird oder wie er im Angesicht des Todes sein Testament macht; ja, wir gedenken seiner noch gern als eines der volkstümlichsten Tiere, aber wir trauern nicht um ihn und wünschen ihn nicht zurück.

Ehemals mag der Wolf fast überall in deutschen Landen in recht großen Scharen aufgetreten sein, in den Mittelgebirgen sowohl, wie namentlich in den weiten Ebenen des Ostens. Wurden doch in jenen 106 Jahren allein in Sachsen 6937 Wölfe zur Strecke gebracht, wobei die nur gelegentlich von einzelnen Bauern erlegten nicht mitgezählt sind. Man kann sich denken, welch furchtbare Geißel Isengrim damals für die Herden wie für das Wild war, daß die Bewohner von Einzelhöfen, ja ganze Dorfschaften sich zusammentaten und Treibjagden gegen den Bösen unternahmen oder ihn in Wolfsgruben fingen und erschlugen, und daß die fürstlichen wie geistlichen Jagdherren ihm nachstellten und Belohnungen auf seine Haut ausschrieben, i. J. 1614 z. B. nicht weniger als vier Taler, i. J. 1730 zehn Taler, ein schönes Stück Geld damals. Vielleicht hat der Wolf weniger der Kultur des Landes, als der fortgesetzten Verfolgung zwangsweise weichen müssen. Für seinen Wolfshunger gab es in unserm Vaterlande eben keinen Raum mehr. Nach Osten ist er verdrängt worden, von wo er gegenwärtig nur vereinzelt einmal in recht strengen Wintern über die deutsch-polnische Grenze wechselt. Im Wasgau, ebenso in der Eifel erscheint wohl auch noch ab und zu ein versprengter Isengrim, der dann gewöhnlich sehr schnell einer Kugel zum Opfer fällt. In Sachsen war es bereits um die Mitte des 18. Jahrhunderts mit den Wölfen vorbei; ja schon kurz vor dem Siebenjährigen Krieg können die Raubgesellen hier als ausgerottet bezeichnet werden, und nur einzelne Namen wie Wolfsgrün, Wolfsschlucht, Wolfsheim, Wolfsberg, Wolfshügel erinnern noch an die einstige Glanzzeit der mordgierigen Bande. Aus unsrer Dresdner Gegend scheint der Wolf schon recht frühzeitig gewichen zu sein; wenigstens galt er hier zu Anfang des 17. Jahrhunderts bereits als Seltenheit, sonst würde man ihm nicht i. J. 1618 eine sog. »Wolfssäule« im Friedewald, in der Nähe der Landstraße von Meißen nach Moritzburg, errichtet haben. Die Inschrift der 6 Meter hohen Steinsäule, auf der ein sitzender Wolf ruht, besagt, daß Kurfürst Johann Georg I. diesen Wolf »behetzet und beschossen« habe. Das Denkmal ist oftmals ausgebessert worden, zuletzt i. J. 1919.

Ein zweites Wolfsmal steht in der Heide zwischen Ottendorf und Laußnitz, seitwärts der Königsbrücker Landstraße, am Wolfsberg. Es erinnert an einen Wolf, der am Martinstag 1740 hier abgeschossen ward, der erste wieder in dieser Gegend seit 56 Jahren.

Bekannt ist auch die nur etwas über 2 Meter hohe, pyramidenförmig zugespitzte Wolfssäule in der Dippoldiswalder Heide, an dem Wege von Malter nach der Heidemühle. Sie zeigt in recht unbeholfenem Flachrelief einen Wolf, darunter die Inschrift mit der Zeitangabe 6. März 1802. Ohne Zweifel ist dieser »letzte« sächsische Wolf, wie ihn der Volksmund bezeichnet, nur ein Überläufer aus den böhmischen Wäldern gewesen. Dort, ebenso in Schlesien, hat sich der Wolf bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts erhalten. Oft hört man erzählen, daß die Wölfe i. J. 1813 der vernichteten Armee Napoleons in ganzen Rudeln nach Deutschland, insbesondere auch nach Sachsen, gefolgt seien; doch es fehlt der Beweis für solche recht wenig wahrscheinliche Annahme. Wenn im letztvergangenen Jahrhundert, ja noch 1904, in Sachsen oder nahe der sächsischen Grenze hier und da ein Wolf erlegt worden ist, so handelte es sich um gefangene, irgendeiner Menagerie entsprungene Tiere, falls nicht die Phantasie des glücklichen Schützen in einem wildernden wolfsähnlichen Hunde den leibhaftigen Isengrim erblickte. Ausführliches über die Geschichte des Wolfs in Sachsen enthält ein Aufsatz A. Klengels in den Mitteilungen des Sächsischen Heimatschutzes, Bd. 9, S. 97 ff.

Auch der kleinere Vetter, der Fuchs, hat viel unter der Feindschaft des Menschen zu leiden, der ihm mit Eisen und Blei und mit vergiftetem Köder nachstellt. Aber noch immer hat es der Erzschelm verstanden, sich zu behaupten. Jeden sucht er zu prellen, zu betrügen, der seinen Weg kreuzt. Eine Legion lustiger Geschichten und unterhaltsamer Späße, die sich die dichtende Phantasie zusammengereimt hat, von den Tagen Äsops an bis zu Goethes Tierepos und den Fabeldichtern unsrer Tage.

In jedem größeren Revier, auch bei uns im so stark bevölkerten Sachsen, gibt es noch Füchse. »Mehr als genug!« denkt mancher Grünrock, der seine Niederjagd liebt. Ja, in den vergangenen Kriegsjahren haben sich die Roten eher vermehrt als vermindert. »Das Raubzeug hat im deutschen Wald überhand genommen,« so klagte man mir, »ganz besonders die Füchse«. Das Versäumte, glaube ich, wird bald wieder nachgeholt sein. Der hohe Preis von Reinekes Winterbalg ist gewiß ein gewaltiger Ansporn für den Jagdberechtigten, den Fuchs zu schießen oder ihn im Eisen zu fangen – ein schönes Sümmchen, das solch ein Balg bringt, der Mühe schon wert, einmal zu nachtschlafender Zeit das warme Bett mit dem klirrenden Frost draußen am Hochsitz zu vertauschen, auch wenn's kein feiner »Silberfuchs« ist – andererseits wird solch hoher Preis den Wunsch stärken, den Fuchs im Revier nicht völlig zu missen. Heute wird es der Jäger wohl unterlassen, falls nicht besondere Gründe vorliegen, die Welpen mit dem noch wertlosen Balg aus ihrem Bau auszugraben, und so wird die Zeit hoffentlich recht fern sein, wo auch der Fuchs aus dem deutschen Walde verschwunden ist, wie Wolf, Luchs und Wildkatze.

In den Kreisen der Landwirte und Forstleute hat man schon seit einiger Zeit begonnen, die Bedeutung der Raubtiere mehr und mehr einzusehen, und wenn auch heute noch hie und da ein einzelner Jäger ein geschworener Feind alles »Raubgesindels« ist, so beweist er nur, daß er von der Lebensweise der Raubtiere, der bepelzten wie der gefiederten, keine rechte Vorstellung hat. Gerade der Fuchs vertilgt eine Unmenge von Mäusen, und er ist so lüstern auf dies winzige Wildbret, daß er sich trotz aller Vorsicht und Schlauheit durch leises »Mäuseln« des Jägers heranlocken läßt. Daneben aber frißt er auch Kerbtiere und deren Larven, namentlich Maikäfer, Saateulenraupen und Drahtwürmer. Daß er nur von Hühnern und Fasanen, von Hasen und Kaninchen lebe, ist eine böse Verleumdung. Natürlich, was er überlisten kann, nimmt er mit; selbst das Reh fällt ihm zum Opfer; aber doch nur, wenn es an den Läufen klagt, die die harte Schneekruste ihm zerschnitten hat, und wohl auch ohne Hilfe des Fuchses eingegangen wäre. Reineke, und das sollte man ihm nie vergessen, ist aber auch jagdlich insofern von Nutzen, als er an erster Stelle kümmernde, kranke und schwache Stücke erbeutet und dadurch der Ausbreitung von Seuchen vorbeugt, sowie durch solche Auslese den ganzen Stand des Wildes hebt und stärkt.

Bei Bekämpfung des Raubzeugs kennen einzelne Jäger keine Rücksicht, und es läuft ebenso häßliche wie unnötige Roheit und Tierquälerei da mit unter. Oder ist es keine Roheit, die Fähe in der Heckezeit abzuschießen, daß die Welpen im Bau elend verhungern müssen, oder das Habichtsweibchen am Horst wegzuknallen und so die Jungvögel einem elenden Tode preiszugeben? Ist's nicht Tierquälerei, den Fuchs vierundzwanzig Stunden im Eisen sich abquälen und Eulen oder Bussarde tagelang mit zerschmetterten Fängen in dem Marterinstrument hängen zu lassen? Wo der Jäger sich des »Raubgesindels«, wie er's nennt, nicht anders glaubt erwehren zu können, als daß er Fallen legt und Eisen stellt, da hat er die Pflicht und Schuldigkeit, am frühen Morgen nachzusehen, ob sich ein Tier gefangen hat. Wer es unterläßt, macht sich ebenso der Aasjägerei schuldig wie einer, der auf fünfzig Schritt Rehe oder Rotwild mit Schrot anspritzt oder ein angeschweißtes Stück Wild nicht nachsucht. Aber den Räubern gegenüber befinden sich die Jäger noch oft, wie Löns schreibt, in einem mittelalterlichen Irrwahn; »der Fuchs ist ihnen ein Dämon, der nachts umgeht und suchet, was er verschlinge«.

Von anderem Raubwild weiß das Märchen nur wenig. Den Luchs, der in Deutschland bereits völlig ausgestorben ist, kennt es kaum, und wo die Katze auftritt, da handelt es sich in den meisten Fällen um unsre Hausmiez, nicht um die Wildkatze. Diese ist bis auf wenig Reste aus den deutschen Forsten verschwunden; nur die zusammenhängenden Waldungen, die Dickungen und Felsenklüfte an der Mosel und im Südharz bieten Hinz, dem Kater, dem kraftstrotzenden, gelenkigen Räuber, noch gute Verstecke. In bewohnteren Gegenden kann man die Wildkatze nicht dulden; sie hat der Kultur weichen müssen. Aber noch recht häufig kommt sie in den Karpaten vor, wurden doch im Jahre 1908 noch 5045 Wildkatzen im damaligen Ungarn zur Strecke gebracht.

Und nun unser gemütlicher Igel. Wer kennt es nicht, das köstliche Märchen von »Swinegel un siner Fru«, wie sie beim Wettlauf den flüchtigen Lampe betrügen, und die lustige Lehre, die Gebrüder Grimm hinzufügen, »datt et gerahden is, wenn eener freet, datt he sick 'ne Fru ut sienem Stande nimmt, un de just so uutsäht es he sülwst. Wer also en Swinegel is, de mutt tosehn, datt siene Fro ook en Swinegel is«. Oder wer kennt sie nicht, die Fabel vom Igel und dem Hund, der sich an dem stachligen Gesellen die Nase blutig sticht, oder die Geschichte vom Igel, der auswandert, weil er von allen Tieren seiner Stacheln wegen mißachtet und beschimpft wird, und zufällig ins Land der Stachelschweine kommt, wo alle Einwohner ganz entzückt ausrufen:

»… welch schöne Augenweide!
Sieh nur den Fremdling mit dem Haar von Seide!«

Woran H. H. Ewers die Moral knüpft:

»Ja, also ist's! und schelten auch die einen
Voll Hohn dich eine Borstenkreatur,
Ein struppig Stacheltier – so mußt du wandern:
Als Seidenviehchen loben dich die andern.«

Ein köstliches Bild, wenn man 'mal im raschelnden Herbstlaub einer Igelmama mit ihren vier oder fünf »lütjen Kinners« begegnet, kleinen, spaßhaften Stachelkugeln, die man gern 'mal in die Hand nimmt. Und dieser Mäuse- und Insektenvertilger wird – man sollte es kaum glauben – gleichfalls von manchem Jäger verfolgt, da sein schnupperndes Näschen natürlich auch 'mal ein bodenständiges Nest findet und der Igel dann nicht lange danach fragt, ob es ein paar Regenwürmer sind oder Jungvögel, die er entdeckt hat. Ich kenne wenig Tiere, die als Mäusefänger so nützlich, zugleich aber in ihrer ganzen Erscheinung und in ihrem Gebaren so lustig und interessant sind wie der Igel, und ich möchte alle Leser bitten, Swinegel und seiner Familie das allergrößte Wohlwollen entgegenzubringen.

Lampe, der Hase, kommt gleichfalls oftmals in Märchen und Fabeln vor; er ist immer das arme, geplagte, verfolgte Tier: alles, alles will ihn fressen, zumal der Mensch. Um sein Aussterben brauchen wir aber kaum Sorge zu tragen. Der strenge Jagdschutz nimmt sich seiner an; denn der Hasenbestand ist meistens der Wertmesser des ganzen Reviers, wenigstens im Niederland. Freilich, wer in den letzten Jahren lediglich den Ladentischen unsrer Wildbrethandlungen seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, die fast immer »hasenrein« waren, der muß zu der Ansicht gekommen sein, daß man entweder Lampe neuerdings aus der Liste der jagdbaren Tiere gestrichen und ihm ewige Schonzeit zugebilligt habe, oder daß es mit dem Hasenfuß auf unsern Fluren für immer vorbei sei. Aber die Sache hat andere Gründe, die ich hier nicht erörtern will.

Allerdings mit der Jagd steht es heute schlimm genug. Überall Wilddiebe, die ihr dunkles Gewerbe treiben! In manchem Revier sind schon alle Rothirsche abgeschossen, in fast jedem ihre Zahl stark gezehntet worden. Und wie die fürstlichen Jagdherren gewiß manchmal in nicht gerechtfertigter Weise zum Schaden des Landwirts, auch der Forstwirtschaft, das Hochwild über die Maßen hegten und pflegten, so verfällt man jetzt ins Gegenteil. Man knallt alles nieder oder wenigstens weit mehr als nötig ist. Es erinnert dieser Vorgang ans Jahr 1848. Auch damals hat man den Rotwildstand, z. B. in unserm Sachsen, so arg abgeschossen, daß ernstlich die Frage erörtert wurde, ob damit nicht das Ende des Rotwilds für alle Zeiten gekommen sei. Und heute stehen Naturfreund und weidgerechter Jäger vor derselben bangen Frage. Nur ist keine Aussicht vorhanden, daß irgendein Jagdherr in Zukunft in der Lage sein wird, sein Wild so zu schützen, zu hegen und zu pflegen, wie es bisher der Fall war.

Es tut einem das Herz weh, wenn man bedenkt, daß der Hirsch, von dem die Tierfabel so manches zu berichten weiß, daß sogar das zierliche Reh, das in vielen Märchen eine besonders liebliche Rolle spielt, vielleicht in recht naher Zeit aus unsern heimatlichen Wäldern, wenn auch nicht völlig verschwinden, so doch hier immer seltener werden soll[2]. Die Freude an der Natur, an der Jagd, an dem Wild liegt unserm Volke im Blut, ein Erbgut aus Urväterzeit. Und wenn es gewiß auch eine falsche Vorstellung ist, daß die alten Germanen nur von der Jagd lebten – im Gegenteil, sie waren seßhafte Ackerbauern und hatten es schon zu Beginn unsrer Zeitrechnung in der Art, wie sie ihre Ländereien bestellten, weiter gebracht, selbst als die Römer – so war doch die Jagd von großer Bedeutung für sie.

[2] Bis vor kurzem wenigstens war das zu befürchten; erst in allerletzter Zeit scheint sich der Rehstand hier und da wieder erfreulich gehoben zu haben.

Aber ist sie es nicht auch noch in der Gegenwart? Es sind sich wenig Menschen, auch die nicht, die gern einmal einen Hasenbraten oder eine Rehkeule verzehren, darüber klar, welche ungeheuren Werte unser Wildbestand darstellt. Man hat berechnet, daß unmittelbar vor dem Kriege die jährliche Ausbeute an Wildbret im Deutschen Reiche 20 Millionen Kilogramm betrug, damals im Werte von wenigstens 25 Millionen Mark, daß die Decken, Schwarten, Bälge einen Marktpreis von gegen 1½ Millionen besaßen, daß der Erlös an Geweihen und Gehörnen etwa 1 Million betrug. Das Reich nahm beinahe 6 Millionen Mark aus den Jagdscheinen ein, die Gemeinden schlugen 40 Millionen aus den Jagdpachten heraus. Dazu kommen die Millionen, die Jagdaufseher, Treiber, Hundezüchter, Waffen-, Munitions-, Jagdbekleidungsfabrikanten u. a. verdienen. (Vgl. H. Löns, Kraut und Lot, S. 105 ff.)

Aber diese volkswirtschaftliche Bedeutung der Jagd ist nicht die Hauptsache. Der Jagdschutz, wenn er streng durchgeführt wird, erhält uns das Wild als ein wertvolles Stück der heimatlichen Natur zur Freude nicht nur des Jägers, sondern jedes Naturfreundes, und da sich die Wildhege mit Erfolg immer nur in einem Gelände ausüben läßt, das noch bis zu gewissem Grade das Gepräge der Urwüchsigkeit zeigt – ursprüngliche Wälder, Brüche, Moore, Heiden – so haben wir es zu nicht geringem Teil der Jagd zu verdanken, wenn noch nicht überall die Ackerbausteppe und der durchforstete Nutzwald in unserm Vaterland herrschen, sondern auch noch ab und zu ein Stück Land ein mehr oder weniger ursprüngliches Gepräge zeigt. Jagd und Jagdpflege sind der unbewußte Anfang des Naturschutzes und der Naturdenkmalpflege gewesen, und daher ist es die Pflicht des Heimatschutzes, die edle weidgerechte Jagd, deren Hauptaufgabe in der Hege und Pflege eines angemessenen Wildstandes besteht, hochzuhalten und alle jagdlichen Bestrebungen nach der gekennzeichneten Richtung hin zu unterstützen. »Jagdschutz« also auch in dem Sinne: »Schutz der Jagd!«


Ungleich zahlreicher noch als die Säugetiere sind die Vögel, die sich besonderer Volkstümlichkeit erfreuen und deshalb in vielen Märchen und Fabeln auftreten. Gleich jenen haben auch die Vögel ihren König, den Adler, nicht wie der Löwe ein Tier fremder Zonen, sondern ein Bewohner unsrer Heimat. Aber wie wenige meiner Leser werden den stolzen Vogel aus der freien Natur kennen! Bei uns in Deutschland stehen sämtliche Adler auf der Aussterbeliste. Der Steinadler horstet wohl noch in ein oder dem andern Paar in den bayrischen Alpen, während er in den Wäldern Ostpreußens seit Beginn unsers Jahrhunderts ausgerottet zu sein scheint. Und doch war dieser wahrhafte König der Lüfte noch vor hundert Jahren in manchem deutschen Mittelgebirge Brutvogel, ebenso weitverbreitet im Niederland, in Pommern, Westpreußen, der Mark so gut wie im Böhmer Wald oder im Riesengebirge.

Etwas besser steht es noch heute um See- und Fischadler; doch sind deren Horste an der Ostseeküste und auf der norddeutschen Seenplatte gleichfalls gezählt. Den Nachstellungen des Menschen ist der König der Vögel zum Opfer gefallen. Auch in den Alpen ist der Anfang vom Ende da, gezählt sind die Tage seiner Herrschaft. In Sachsen horstet schon längst kein Adler mehr. Aber der Wanderzug führt stets noch einige Seeadler, auch Fischadler durch unser Land. Sie kommen von der Wasserkante oder weit aus den russischen Wäldern. Ein gefährlicher Flug ist's. Es vergeht kein Jahr, wo nicht ein oder der andere der stolzen Vögel von einem Schießer heruntergeknallt wird, der sich dann als kühner »Adlerjäger« brüstet.

Mit den nächtlichen Raubvögeln, den Eulen, hat sich die Märchen- und Fabeldichtung gleichfalls viel beschäftigt; Und das ist kein Wunder. Erst wenn die Dämmerung eintritt, beginnen die Eulen ihre Streifzüge. Dank ihrem seidenweichen Gefieder gleiten sie geräuschlos und deshalb geisterhaft an dem nächtlichen Wanderer vorüber, und unheimlich klagend heult ihre Stimme aus dem dunklen Walde. Gleich glühenden Kohlen funkeln die Riesenaugen im nächtlichen Schatten – wieviele Spukgeschichten mögen ihnen ihr Dasein verdanken! Das Märchen verwendet, um die Stimmung recht gruselig zu machen, die funkelnden Eulenaugen außerordentlich oft.

Ich glaube, es gibt wenig Menschen, die eine besondere Vorliebe für diese unheimlichen Gespenstertiere besitzen. Das tut mir leid, einmal der Eulen wegen und dann auch um meiner selbst willen, da ich mich mit meiner ausgesprochenen Passion für Käuze und Eulen aller Art ziemlich vereinsamt fühle. Ein rechtes Verständnis für die Anmut der Eulen habe ich nur bei den Italienern gefunden; diese betrachten ihre Steinkäuzchen als wirkliche Hausfreunde und richten dunkle Brutplätze unter den Dächern mit bequemen Eingängen für sie her. Allerdings ist ihre Vorliebe für Käuze nicht frei von Eigennutz; denn der Italiener bedient sich seiner Freunde zum Fang von Kleinvögeln. Auch die alten Griechen, denen Verständnis und Gefühl für Schönheit doch wahrhaftig nicht abgesprochen werden kann, erkannten die eigenartige Eulenschönheit. Die Eule war der Pallas Athene heilig, die selbst als »eulenäugig« bezeichnet wird; zugleich war sie das Wappentier der Hauptstadt, das Sinnbild der Weisheit, und sogar als Glücksbotin findet sie Erwähnung.

Wieviel könnten wir Deutschen doch von den alten Griechen in dieser Beziehung lernen! Bei uns heißt es: »Häßlich wie eine Nachteul'«, und Eulenaugen gelten nicht gerade als Schönheit. Dazu ist die Eule in deutschen Landen so recht der Unglücksvogel, dessen nächtlicher Ruf Krankheit und Tod kündet. Auch im deutschen Märchen ist der Kauz viel weniger der Vogel der Weisheit, als der böse Geist, der Dämon, der Hüter verborgener Schätze, dem Menschen feindlich gesinnt, vertraut mit der schwarzen Kunst, mit Zauberei; in der Fabel aber ist er ein Griesgram und rechter Philister.

Ebenso bedauerlich wie auffallend ist der Rückgang der Eulen in unsrer Heimat. Von dem Uhu will ich nicht reden – das letzte Paar brütete noch um die Wende unsers Jahrhunderts in den Felswänden des Hohnsteiner Reviers. Ich fürchte, der Schutz, den man heute in allen Staatsforsten dem seltenen Räuber gern gewähren möchte, kommt bereits zu spät, um den »König der Nacht« zu retten. Aber auch die mittelgroßen Eulen, wie Wald- und Schleierkauz, Wald- und Sumpfohreule, selbst die kleinen Käuzchen sind heutzutage viel seltener geworden als zu meiner Jugendzeit. Man mag eine Eule aus dem Gehöft verjagen, wenn man den Mäusejäger durchaus glaubt entbehren zu können; aber eine Eule töten, bleibt eine Roheit und Gemeinheit, wenn auch vor unsern ganz unzureichenden sächsischen Gesetzen der Frevler frei ausgeht. Alles, was bewehrte Fänge und einen Krummschnabel trägt, gehört in Sachsen zu den jagdbaren Vögeln, und auf diese findet das deutsche Reichsgesetz keine Anwendung. Der Freibrief, den dieses mit Recht dem Turmfalken, dem Schrei- und Seeadler, dem Bussard, der Gabelweihe und sämtlichen Eulen, mit Ausnahme des Uhus, ausstellt, hat also für Sachsen keine Gültigkeit. Hierin endlich einmal Wandel zu schaffen, ist eine dringende Forderung des Naturschutzes an die Gesetzgebung.

Viel mehr als die lichtscheue Eule ist im deutschen Märchen der Rabe der Vogel der Weisheit. Er hat die Gabe, in die Zukunft zu schauen und wird so zum Verkünder kommender Ereignisse. Das hängt zweifellos damit zusammen, daß bei unsern Altvordern der Rabe der Vogel Wodans war, der Götterbote, der den Verkehr zwischen dem Herrscher des Himmels und den Bewohnern der Erde vermittelte. Seine Verwandten, die Krähen und Elstern, gelten als diebisches, zänkisches Gesindel, letztere als besonders schwatzhaft.

Ein anderer Götterbote war der Storch; doch spielt dieser in orientalischen Erzählungen und Märchen eine weit größere Rolle als in unserm deutschen Märchenschatz. Auch in der deutschen Fabel begegnet man dem klappernden Hausfreund nur selten. Dagegen hat unser Volk um Leben und Treiben des Storchs einen reichen Kranz abergläubischer Vorstellungen gewunden, deren Ursprung sich in graue Vorzeit verliert.

Unter den Wasservögeln ist wohl der Schwan das vornehmste Märchen- und Sagentier. Wir denken an das lustige Märchen »Schwan, kleb an!«, an die reizende Geschichte vom kleinen »häßlichen Entlein«, das aber einem Schwanenei entschlüpft war und bald zum bildschönen Schwan heranwuchs; wir denken an Lohengrins Schwan und an die Schwanenritter oder an die Schwanenjungfrauen, die auf der Donau den Nibelungen erschienen und sie vor der Fahrt warnten, die allen den Untergang bringe. In Sachsen brütet der Wildschwan leider nirgends; dazu sind unsre Teiche zu klein und unsre Elbe mit ihren gemauerten Ufern viel zu nahrungsarm und zu unruhig. Wer aber die ostpreußischen Seen kennt, der wird sich mit Freude der anmutigen Schwimmvögel erinnern, die so manchem dieser Gewässer einen besonderen Schmuck verleihen. Auch Seen in Brandenburg und Mecklenburg oder der Unterlauf der Warnow unterhalb Rostock beherbergen noch immer eine erfreuliche Anzahl der stolzen Geschöpfe. Freilich haben die bösen Verhältnisse der Nachkriegszeit auch in ihre Reihen starke Lücken gerissen, so daß es ernstlich an der Zeit ist, für den Schutz dieser Tiere zu sorgen. Besonders lieblich sind die Familienbilder, die sie zu Sommers Anfang dem Beschauer bieten, wenn die Schwanenmutter ihre Kleinen das erstemal durchs Schilf auf die freie Wasserfläche führt oder die grauen Dunenbällchen auf den Rücken nimmt und mit dieser leichten Bürde zurück zum Neste gleitet.

An zweiter Stelle wäre auch der Gänse zu gedenken. Unsre geliebte Hausgans, deren Braten alljährlich an meinem Namenstage so manchen Mittagstisch verschönt – im vorigen Jahre nach längerer Pause auch den meinen, da eine freundliche Fee den köstlichen Vogel in mein Haus flattern ließ – stammt von der Graugans her, die gleichfalls noch in Norddeutschland brütet und gelegentlich ihrer Herbstreisen auch an unsre sächsischen Gewässer kommt. Sie ist eleganter in der Figur, als unsre Haus- und Hofgenossin, auch leichter im Flug, gewandter im Schwimmen; denn das Gänsefett belästigt sie nicht so stark wie jene. Auch die Ente mit dem goldnen Krönchen erscheint im Märchen, und in der Fabel tritt sie zumeist mit dem Fuchs auf, der ihr den Kragen umdrehen möchte.

Unter den Singvögeln sind vielleicht die volkstümlichsten Nachtigall und Lerche. Ihr Gesang hat von jeher den Menschen begeistert. In hundert Volksliedern wird die Nachtigall erwähnt, ja bei den Minnesingern, die sich nicht genug tun können, die kleinen Waldvöglein zu preisen, ist die Sängerin der Nacht so ziemlich der einzige Vogel, der mit Namen genannt wird. Die Lerche aber ist die Sängerin des Tages, die zum Licht emporsteigt, die mit der Morgenröte sich erhebt, um den ganzen Himmelsraum mit ihrem Jubel zu erfüllen, zum Preise des Schöpfers. Neben ihnen spielen in Märchen und Fabeln die andern Kleinvögel, wie Zeisig, Rotkehlchen, Zaunkönig und Star, nur bescheidene Rollen; sie treten in der Regel nicht allein auf, sondern in Begleitung jener Sänger. Ich erinnere an die Fabeln vom Zeisig, vom Kuckuck oder auch vom Wiedehopf und der Nachtigall, von der Schwalbe und der Lerche.

Die Schwalbe ist der Vogel, der das innigste Bündnis mit dem Menschen geschlossen hat; denn während recht viele zutrauliche Vögel wohl die Nähe menschlicher Siedlungen aufsuchen und ihre Wohnung an unsern Häusern, auf und unter dem Dach, am Gesims, auf einem Balkenkopf oder in irgendeinem versteckten Winkel aufschlagen, sind es die niedlichen Rauchschwälbchen mit dem gabelartig verlängerten Schwanz und der rostroten Stirn, die fast ausnahmslos im Innern der Gebäude Herberge nehmen. Dem Tragbalken des Vorhauses, der Decke des Kuh- oder Pferdestalles, wohl auch dem Schirm einer elektrischen Lampe vertrauen sie ihr Nestchen an. Und solche Anhänglichkeit an uns Menschen verdient Gegenliebe, wie man sie allgemein in deutschen Landen den lieblichen Vögelchen entgegenbringt. Eine Schwalbe zu töten oder auch nur ihr Nest zu zerstören, ist ein schwerer Frevel, der von der rächenden Gottheit mit langem Siechtum bestraft wird. Wo die glückverheißenden Vögel den Hof verlassen haben und im kommenden Frühjahr nicht wieder Einkehr halten, da zieht Unfrieden im Haus ein oder es stirbt ein Bewohner. Wer möchte es wünschen, daß solch frommer Aberglaube doch endlich in die Rumpelkammer längst überlebter mittelalterlicher Vorstellungen, die nicht mehr in unsre aufgeklärte Zeit passen, geworfen werde!

Sinnig sind manche Sagen, die von der Schwalbe berichten. Bei der Vertreibung der ersten Menschen aus dem Paradies flog eine Schwalbe blitzschnell an dem Flammenschwerte des zürnenden Engels vorüber, um das arme, verstoßene Menschenpaar in seine neue unbekannte Heimat zu begleiten. Hier ward sie ihm zur treuesten Freundin im Glück und im Unglück. Eine andere Sage erzählt: Als Christus am Kreuze hing und, vom Durst gequält, um Wasser flehte, da hörte eine Schwalbe des Heilands Bitte: »Mich dürstet«. Schnell eilte sie an eine Quelle, küßte dann des Sterbenden Lippen und träufelte einige Tropfen Wasser auf sie. Hierauf umflog sie das Haupt des Heilands, mit ihren langen Schwingen ihm Kühlung zufächelnd. Dabei streifte sie die blutenden Wunden, so daß sich Stirn und Kehle rot färbten. Ähnliches weiß die Sage auch vom Kreuzschnabel zu erzählen. Bei dem Versuch, die Nägel aus dem Kreuzesstamm zu zerren, hat sich sein Schnabel verbogen, sein Gefieder gerötet.

Nur ein Wort noch vom Wiedehopf. Er steht nicht im besten Geruch und ist doch mit seiner Federholle und dem ansprechenden Farbenkleid ein wunderhübscher Vogel. Heute kenne ich den Wiedehopf als sächsischen Brutvogel nur aus der Lausitz, wo er allerdings außerordentlich selten ist. In meiner Jugendzeit aber brüteten alljährlich mehrere Paare in den alten Kirschbäumen, die die Viehweide des Rittergutes meiner Heimat umgaben. Ein ganz abscheulicher Gestank, wenn man die Nase in den Eingang solcher Kinderstube bringt; selbst die ausgeflogenen Jungen müssen sich noch tagelang gewissermaßen auslüften, ehe sie den Geruch verlieren, so fest sitzt er ihnen im Gefieder. In der Fabel ist der Wiedehopf seines gekrönten Hauptes wegen der eitle Vogel, dessen armseliger Ruf sich mit dem Gesang der unscheinbaren Nachtigall nicht messen kann.

Die Zahl der Vögel, die das Märchen, ganz besonders aber die deutsche Fabel auftreten läßt, ist so groß, daß man leichter die Arten aufzählen könnte, von denen das Volk nichts zu erzählen weiß. Kuckuck und Pfau, Hahn und Sperling, Wachtel und Taube, Kranich und Reiher, Gimpel und Zeisig müßte ich nennen, und ich würde noch keineswegs allen gerecht werden. Gerade der Vogel ist von jeher der Liebling des Menschen gewesen; seine anmutige Gestalt, sein hübsches Farbenkleid, vor allem aber seine Stimme haben von Anfang an die Aufmerksamkeit eines jeden auf ihn gelenkt.


Die kaltblütigen Wirbeltiere stehen unserm Volke nicht so nahe; das Verhältnis zu ihnen ist weniger innig. Ganz besonders gilt das von den Fischen. In dem deutschen Märchen spielen sie eine nur sehr bescheidene Rolle, und auch in den Fabeln tritt nur hie und da mal der gefräßige Hecht oder der stumpfsinnige Karpfen auf. Die Fische haben wenig zu sagen, sie sind stumm; daraus erklärt sich wohl solche Vernachlässigung.

Aber unter den Lurchen gibt es ausgezeichnete Sänger, die mit ihrem Lied die ganze Frühlingsnacht erfüllen: die Frösche sind es. Unsern Seen- und Teichlandschaften verleiht ihr Chorgesang einen ganz eigentümlichen Reiz. Freilich handelt es sich dabei nur um die eine Art, den grünen Wasserfrosch, während man von dem andern, dem braunen Grasfrosch, der auf der feuchten Wiese oft in großer Anzahl vor unsern Schritten aufspringt, nur selten einen knurrenden Laut vernimmt; rana muta, d. i. der Stumme, nannte ihn deshalb der Zoolog. Um so lebhafter der andere, der Wasserfrosch. Er ist es, von dem das Märchen so viel zu erzählen weiß, von seinem Schloß tief unten im feuchten Element, wo der Froschkönig sein Reich aufgeschlagen hat und seine Herrschaft über die ganze pausbäckige Gesellschaft ausübt. Meist handelt es sich um Verwandlungsmärchen, um einen Fürstensohn, der in einen Frosch verzaubert ward und dann durch die Guttat eines Menschenkindes erlöst wird. Oder ich erinnere an Georg Rollenhagens »Froschmäuseler« aus dem Jahre 1595, ein langatmiges Reimwerk, dem Homers »Froschmäusekrieg« zur Grundlage diente. Die ganze wunderliche Hofhaltung der Frösche und Mäuse wird uns hier geschildert und die blutige Schlacht zwischen den Bewohnern des Wassers und den kleinen graufelligen Nagern des Feldes. Und dann, wieviel alte und neue Fabeln handeln doch von dem kaltblütigen Sänger, der bald mit der Nachtigall, bald mit dem Kuckuck den Wettgesang anstimmt!

Auch die Kröte mit der goldenen Krone ist eine Märchengestalt, die auf Erlösung harrt. Ich glaube, ihr schönes goldenes Auge, das treuherzig blickt, voll Wehmut und Sehnsucht, hat es dem Menschen angetan. Wer es fertig bringt, eine Kröte in roher Weise zu töten, muß bar jedes Gemüts sein.

Von den Schlangen ist im Märchen manchmal die Rede. Sie sind die Behüterinnen verborgener Schätze oder werden nur nebenbei erwähnt, um die gruselige Stimmung, die einsame, dunkle Orte dem Menschen einflößen, noch zu erhöhen. Selten wird eine bestimmte heimische Schlangenart genannt, auch die giftige Kreuzotter nicht. Dagegen tritt unter dem Namen »Hausunke« die Ringelnatter auf; ihre gelblichen oder weißen Halbmondflecken am Hinterkopf und Hals werden als Krone gedeutet.

Es würde zu weit führen, auch den wirbellosen Tieren unsre Aufmerksamkeit zu widmen. Auch von ihnen gibt es recht viele, die wahrhaft volkstümlich geworden sind und besonders in der deutschen Fabel häufig auftreten. Ich erinnere nur an Ameise, Biene, Feldgrille, Heupferd, Leuchtkäfer oder an die Schnecke.


Schutz der Tierwelt! Es wird so viel darüber geklagt, daß die großen Tiere der Tropen und der Polarzonen durch die unsinnige Jagdleidenschaft der weißen Rasse ihrem Untergang mit Riesenschritten entgegeneilen, daß die Elefanten, Giraffen und Flußpferde, ebenso die großen Walsäugetiere oder die Büffel, die einst in ungeheuren Scharen die weiten Ebenen Nordamerikas belebten, recht bald der Vergangenheit angehören werden. Und nicht etwa nur die wirtschaftliche Einbuße und der Verlust, den die Wissenschaft dadurch erleidet, rechtfertigen diese Klage und Anklage, sondern der Frevel an der Natur ist es, der das Herz eines jeden mit Bitterkeit und Trauer erfüllt. Aber näher doch als jene Tiere ferner Zonen sollte uns die heimatliche Tierwelt stehen. An ihrer Erhaltung ist nicht etwa nur dem einzelnen Naturfreund gelegen, sondern unserm ganzen Volk im allerweitesten Sinne. Wir dürfen nicht engherzig nach Nutzen und Schaden fragen, sondern die höheren Tiere sind mit ganz wenig Ausnahmen – ich denke z. B. an die Kreuzotter oder an kleine Säugetiere, die namentlich auf den Feldern als verheerende Landplage auftreten können – um ihrer selbst willen des allgemeinen Schutzes wert. Wenn wir aber aus der großen Masse einige besonders hervorheben wollen, deren Untergang am meisten beklagenswert wäre, ein unersetzlicher Verlust nicht nur für die deutsche Landschaft, sondern für unser ganzes Volk, so sind es die volkstümlichen Tiere der deutschen Märchen und Fabeln.


Allerlei Fischräuber, bepelzt und befiedert

Die Ziele und Bestrebungen der Menschen sind verschieden und müssen es sein. Was bringt mir Nutzen und Gewinn? was ist für mich persönlich von Vorteil? was kann mir schaden? was steht mir im Wege, mein Ziel zu erreichen? Das sind die täglichen Fragen des einzelnen.

Aber der einzelne vermag wenig. Gleichgesinnte haben sich deshalb zu Verbänden zusammengeschlossen, um mit vereinten Kräften das gemeinsame Ziel zu verfolgen. Solcher Vereine oder Verbände gibt es unzählige, und wo sie lediglich äußere Vorteile im Auge haben, wo die Frage nach Nutzen und Schaden im Vordergrund steht, da kreuzen sich ihre Interessen vielfach, und es treten Gegensätze hervor, die oftmals zu erbitterten Kämpfen führen.

Der Landwirt, der Jäger, der Fischzüchter, der Obstgärtner, der Imker u. a., sie glauben ein Recht zu haben, mit allen Mitteln die Ziele zu verfolgen, die ihnen ihr Beruf setzt. Sie vergessen aber nur zu leicht dabei die Rücksichtnahme, die sie ihren Mitmenschen schuldig sind, und nicht nur diesen, sondern unserer gemeinsamen Mutter, der Natur, der wir alles verdanken.

Der Jäger sucht die Feinde seines sorgsam gehegten Wildstandes unschädlich zu machen; er stellt also auch den Raubvögeln nach, deren herrlicher Flug das Auge und Herz des Naturfreundes erfreut, und er fragt wenig danach, ob er dadurch den Landwirt schädigt, zu dessen treuesten Verbündeten im Kampfe gegen die Mäuse gerade sehr viele Raubvögel gehören. Der Fischereiberechtigte leidet den farbenprächtigen Eisvogel nicht und fängt ihn in kleinen Tellereisen, obgleich die Vogelfreunde sich bemühen, diesen herrlichen Edelstein der heimatlichen Vogelwelt vor völligem Untergang zu bewahren, oder er setzt Prämien für die Erlegung des Fischadlers und anderer Fischfeinde aus, bepelzt und befiedert, deren Vernichtung auch die Wissenschaft beklagen muß, sobald es sich um seltene Naturdenkmäler handelt. Der Bienenzüchter ist den Meisen und Rotschwänzchen feindlich gesinnt, die ihm manche Biene wegschnappen; er vergißt dabei, daß gerade diese Vögel dem deutschen Forstmann wie dem Obstgärtner von allergrößtem Nutzen sind. Der Pächter von Kirschplantagen klagt darüber, daß der Vogelfreund den Star durch Aushängen von Nistkästen in mancher Gegend unseres Vaterlandes in einer Weise vermehrt habe, daß die Kirschenernte durch diesen Vogel arg geschmälert werde. Die Katze, die dem Gutsbesitzer unentbehrlich ist, wird geschossen, wenn sie sich am Waldrande zeigt, oder der Vogelschützler fängt sie in der Falle, die er in seinem Garten aufgestellt hat. Und so geht es weiter: überall Gegensätze, überall Meinungsverschiedenheiten zwischen den Jagdschutz-, Fischereischutz-, Vogelschutz-, Obstbau-, Bienenzüchter-, Gärtner-, Naturschutzvereinen und ihren einzelnen Vertretern, und jeder glaubt im Recht zu sein, wenn er sich über die Handlungsweise des Nachbarn bitter beklagt.

Und doch, nur ein klein wenig gegenseitiges Verständnis, ein wenig Rücksichtnahme, freundliches Entgegenkommen von der einen Seite wie von der andern: wahrhaftig, mancher Streit könnte beigelegt, mancher Zusammenstoß gemildert werden. Wir wollen doch nicht ganz aufgehen in unsern persönlichen Interessen, nicht immer nur nach Nutzen und Schaden fragen, nach eignem Vorteil und Gewinn. Auf eine höhere Warte müssen wir uns stellen und das große Ganze überblicken, nicht den einzelnen im Auge haben, sondern die Gesamtheit. So verschieden die Bestrebungen und Ziele auch sein mögen: in dem einen großen und idealen Ziele finden wir uns schließlich doch alle zusammen: die Natur unsrer Heimat möchten wir so gern in ihrer heiligen, unverletzlichen Schönheit erhalten wissen, soweit es ohne wesentliche Schädigungen berechtigter Sonderinteressen nur irgend möglich ist. Schutz unsrer Heimat! das muß unsre Losung sein; alles andre hat sich diesem allgemeinen Ziel unterzuordnen.

Wer den großen, gar nicht hoch genug einzuschätzenden Vorzug besitzt, daß ihn sein Beruf in die innigste Berührung mit der Natur bringt, der darf nie vergessen, daß er dieser unsrer Allmutter, wie seinen weniger begünstigten Mitmenschen gegenüber Verpflichtungen schuldet, die den eignen persönlichen Interessen vorangehen. Und so sollten sich all diese Begünstigten die Hand zum Bunde reichen und sich zusammenfinden in der Idee des Heimatschutzes, der kein kleinliches Partei-, kein einzelnes Berufsinteresse kennt. Die gefährdeten Geschöpfe unsrer Heimat gilt es zu erhalten, nicht zu vernichten! Wir haben kein Recht, die Natur zu verstümmeln. Wir wollen uns nicht nur der nützlichen und harmlosen Tiere annehmen, sondern auch derjenigen, die sich in vielen Einzelfällen als schädlich erweisen, und wollen diese wenigstens soweit dulden, daß sie nicht völlig von der Bildfläche des Lebens schwinden – unrettbar, unwiederbringbar!


Die Fischerei hat über die Menge der tierischen Feinde vielleicht noch mehr zu klagen als die Jagd. Dabei wollen wir die kleineren Räuber, die den Kerbtieren angehören, ganz unberücksichtigt lassen: den Gelbrand und seine Larve, die nicht nur die junge Brut überfallen, sondern sich auch nicht scheuen, mit ihren scharfen Freßwerkzeugen selbst größere Fische anzubeißen, oder den Rückenschwimmer, auch Wasserwanzen und Wasserskorpion, ebenso die äußerst räuberischen Larven mancher anmutigen Libellen, die als fertige Insekten zu den harmlosesten Tieren gehören. Wir wollen nur an die vielen Fischfeinde oder, besser gesagt, an die Fischliebhaber denken, die dem Fischereiberechtigten aus der Reihe der Wirbeltiere mancherlei Schaden verursachen.

Ein wirkliches Raubtier, der Fischotter, der Familie der Marder angehörend, ist wohl am meisten gefürchtet. Töricht und ungerechtfertigt wäre es, vom Fischereiberechtigten zu verlangen, diesen bösen Fischräuber unbehelligt zu lassen. Wo er sich in unsern Teichgebieten zeigt, die vornehmlich der Karpfen- und Schleienzucht dienen, da bleibt dem Besitzer oder Pächter gar nichts anderes übrig, als den Otter im Eisen zu fangen oder auf dem Anstand zu schießen oder auch durch scharfe Otterhunde und Teckel ihn in seinem Bau aufzustöbern; denn der Schaden, den der gewandte Schwimmer hier anrichtet, ist unberechenbar groß, zumal der Fischotter ungleich mehr Fische vernichtet, als er zu verzehren vermag. Auch den Möweneiern, der Kiebitzbrut, jungen Gänsen und Enten, zahmen wie wilden, stellt der mordgierige Räuber nach. Aber es gibt doch auch Gewässer in unserm Vaterland, Flüsse und Bäche, wo von größerem Fischreichtum nie die Rede sein kann. Wenn sich hier 'mal ein Fischotter zeigt und der Fischereiberechtigte fängt nun an zu rechnen: 6 Pfund Fische täglich zum Fraß und noch doppelt so viel aus reiner Mordlust, macht 18 Pfund auf den Tag oder 65 Zentner im Jahre; alles halbpfündige Forellen vielleicht – mir schwindelt der Kopf, wenn ich dran denke, wieviel Tausende Papiermark das ausmacht: so ist solches Rechenwerk einfach lächerlich; denn so viel Fische beherbergt der ganze Fluß nicht, selbst wenn man die winzigsten Schneider mitrechnet. Oder hofft der Fischer etwa, wenn er den Übeltäter erst 'mal hat nun die 65 Zentner Fische selbst einheimsen zu können? Vergebliche Hoffnung! Zu fischreichen Gründen, wie sie es vielleicht ehemals waren, als die Fabriken durch ihre Abwässer den Flußlauf noch nicht verunreinigt hatten, werden derartige Gewässer niemals wieder sich umwandeln, ob man den Otter gewähren läßt oder ihn wegfängt.

Zum Glück ist der Herr der Seen und Flüsse ein kluges Geschöpf, vorsichtig, mißtrauisch; die geringste Veränderung in der Nähe seines Baues und Ausstieges bemerkt er sofort, und so müht sich der Fänger in vielen Fällen vergeblich ab, den Fischräuber zu überlisten. Wir dürfen hoffen, daß das interessante »Fischsäugetier« unserer Heimat trotz aller Nachstellungen, wenn auch in verschwindend geringer Anzahl, erhalten bleibt.

Auch die Verwandten, die Mitglieder der eigentlichen Marderfamilie, stellen gelegentlich den Karpfen und Schleien und selbst den flinken Forellen nach. Gute Schwimmer sind sie alle, und was sie erreichen können zu Land und zu Wasser, wird erbarmungslos gemordet. Aber gerade die Vielseitigkeit ihres Speisezettels – Eichkatzen, Wildtauben, Häher, Krähen, allerlei Kleinvögel und ihre Eier, Mäuse und Frösche, Ratten, Junghasen, Kaninchen, Fasanen, Eidechsen, Fische, Maikäfer usw. – beweist, daß sowohl die größeren Arten, Baum-, Hausmarder und Iltis, als auch die kleineren, Hermelin und Mauswiesel, neben beträchtlichem Schaden, den sie vor allem der Niederjagd zufügen, doch auch manchen Nutzen stiften. Wo sie sich zu stark vermehren, da soll man ihnen Einhalt gebieten; aber sie auszurotten, wäre eine sehr bedenkliche Maßnahme. Mäusefraß und Rattenschaden, übermäßige Vermehrung der Eichhörnchen oder auch der Krähen und Wildtauben würden solchen Weltverbesserern beweisen, daß sie auf dem Holzwege sind.

Auch die kleine Wasserspitzmaus wird des Fischraubes beschuldigt, und gewiß mag ihr manche Elritze, mancher Stichling zum Opfer fallen; aber wenn man bedenkt, daß die flinken, ewig hungrigen Spitzmäuse jedes Tier auffressen, das sie überwältigen können, Schnecken, Egel, Libellen- und Schwimmkäferlarven, Flohkrebse, Uferwanzen, Heuschrecken, Regenwürmer, Raupen, Larven von Köcherfliegen u. a., wird der Fischpächter versöhnlicher gestimmt werden und den kleinen muntern Schwimmern auch 'mal ein Fischchen gönnen.

Über die Wasserratte, die im Gegensatz zu den bisher genannten Fleisch- und Insektenfressern zu den Nagetieren zählt, sind die Ansichten geteilt. Die einen meinen, die Wasserratte rühre kein Fischlein an; andere dagegen behaupten, kleine Fische fielen ihr häufig zum Opfer, und wo Fischzucht getrieben wird, dürfe es daher keine Wasserratten geben. Allzugroß wird der Schaden jedenfalls nicht sein, zumal der Nager durch den Fang fischfeindlicher Wasserinsekten manchen Verlust wieder auszugleichen mag.


Aber gefiederte Fischräuber gibt es viel mehr als bepelzte – leider, leider! Man kann es den Fischereiberechtigten wirklich nicht verargen, wenn sie sich gegen die Konkurrenz, die ihnen von dieser Seite zweifellos in oft recht empfindlicher Weise gemacht wird, zur Wehr setzen. Auf der andern Seite sind gerade unter diesen gefiederten Fischliebhabern einige, die zu den schönsten Mitgliedern der Vogelwelt gehören und unsern Teich- und Seenlandschaften zum reizvollsten Schmuck gereichen, so daß deren Verfolgung den Naturfreund außerordentlich schmerzlich berühren muß. Hier ist eine Verständigung sehr schwierig. Es muß der Fischer dem Vogelfreund ein wenig entgegenkommen, und dieser jenem. Schon wenn jeder sich bemüht, den Standpunkt des andern zu verstehen und zu würdigen, wird viel gewonnen sein.

Ich denke, man sollte zunächst einmal unterscheiden, ob es sich um einzeln lebende Fischräuber handelt, z. B. den Fischadler, den Schwarzstorch, den Eisvogel, die also mehr oder weniger als Einsiedler hausen und ein weites Revier für sich beanspruchen, oder um solche Vögel, die in größerer Menge auftreten, wie Reiher, Möwen, Taucher u. a. Bei jenen darf man wohl erwarten, daß der einsichtsvolle Fischer, dem doch auch die Erhaltung der heimatlichen Natur am Herzen liegt, ein Auge zudrückt, falls die Verhältnisse nicht besonders ungünstig sind; es kann ja hier höchstens von einem örtlichen, nicht aber von einem allgemeinen Schaden die Rede sein. Bei den in größerer Anzahl auftretenden Schädlingen aber sollte man sich damit begnügen, sie auf ein gewisses Maß zu beschränken. Und dieses Maß, das nicht überschritten werden darf, scheint mir allerdings für manche Gegend bereits erreicht zu sein. Indessen allgemeine Regeln, die in jedem Einzelfall zu beachten sind, lassen sich nicht aufstellen.

Wer den Eisvogel aus dem Bereich der Fischzuchtanstalten vertreibt, dem wird man es nicht verargen können; denn wo diese gefiederten Fischer in größerer Anzahl regelmäßig bestimmte Setzteiche besuchen, da wird der Schaden nicht unerheblich sein, obgleich sie nur kleinfingerlange Fischchen erbeuten. Solche Fälle aber sind Ausnahmen. Jedes Pärchen beansprucht ein großes Gebiet und duldet kein zweites in unmittelbarer Nähe. Und gerade in unserer Heimat sind die Eisvögel bereits so selten geworden, daß ich nicht weiß, ob jeder meiner Leser schon einmal in freier Natur den leuchtenden Funken, rotgoldig glänzend und seidig blau, an sich hat vorüberschießen sehen, oder ob er ihn nur im ausgestopften Zustande kennt. Jedenfalls ist es selbst für den, der mit der gefiederten Welt der Heimat vertraut ist, immer ein Ereignis, wenn er dem Eisvogel an unsern Bächen, Flüssen und Teichen begegnet. Ihn überall, wo er sich zeigt, wegzuknallen oder in kleinen Tellereisen zu fangen, ist eine Versündigung an der Natur. An unsern Gebirgsbächen, an unsern Flüssen, an allen Teichen, die nicht gerade der Fischzucht dienen, sollte man den einsamen Fischer ruhig gewähren lassen. Oder ist wirklich jemand der Meinung, der Eisvogel trage die Schuld, daß die heimatlichen Gewässer so arm an Fischen sind?

In dem überaus heißen und regenarmen Sommer des Jahres 1911, wo bei uns alle Quellen versiegten, jedes Bächlein, jeder Graben austrocknete, da sammelten sich einige Eisvögel an dem einzigen größeren Bach meiner Heimat, der noch etwas Wasser führte; der Hunger trieb sie hierher. Aber dem Tode entging vielleicht keiner; man schoß ab, so viel man erreichte. Wozu? Hier, wo von gewinnbringender Fischerei nicht die Rede sein kann, wo nur gelegentlich ein paar Forellen gefangen werden, hätte man doch wahrhaftig den schönen Vögeln den kleinen Tribut gönnen können, den sie beanspruchten; nach kurzer Zeit würden sie sich wieder über ein weites Gebiet, aus dem sie die Trockenheit vertrieben hatte, verstreut haben. Ist der Fischereiberechtigte der sogenannten wilden Fischereien wirklich in so bedrängten Verhältnissen, daß es ihm auf ein paar winzige Fischchen ankommt? so fragt man sich. Nimmt er lieber den Unwillen der vielen Naturfreunde, die solche Handlungsweise mit Recht verurteilen, auf sich, als daß er auf eine kleine Anzahl zum Teil fast wertloser Schuppenträger verzichtet? Man möchte solch engherzigem Pfennigrechner den geringen Verlust gern aus eigner Tasche ersetzen.

Und nun die weitere Frage: Hat der Fischereipächter ein gesetzliches Recht, den Eisvogel zu töten? Nach dem deutschen Vogelschutzgesetz ist der Eisvogel ebenso geschützt wie jeder Singvogel. Bei uns in Sachsen wird er laut eines Beschlusses des Finanzministeriums vom 3. Juni 1912 als jagdbar angesehen, »da er wirtschaftlich wesentlich schädlich« sei[3]; doch soll er die allgemeine Schonzeit vom 1. Februar bis mit 31. August genießen. Die Dienststellen der Forstverwaltung sind angewiesen, ihn durchaus zu schonen. In Preußen dürfen die Fischereiberechtigten den Eisvogel ohne Anwendung von Schußwaffen fangen und töten, in Sachsen nicht. In Bayern aber, in Württemberg, Baden, Mecklenburg und in fast allen andern deutschen Einzelländern ist der Eisvogel unbedingt geschützt. Man ist sich in vielen Kreisen über diese rechtliche Stellung unseres Vogels noch gar nicht im klaren.

[3] Nach meiner persönlichen Auffassung ist dieser Beschluß nicht haltbar. Alle »kleinen Feld-, Wald- und Singvögel« sind vom Jagdrecht ausgenommen. Zugegeben auch, daß der Eisvogel unter diesen Begriff nicht recht zu bringen ist, ein »Wasservogel« – und als solcher nur wäre er jagdbar – ist er aber gleich der Bachstelze und der Wasseramsel doch nur im biologischen, nicht im systematischen Sinne. Und daß Nutzen oder Schaden bei der Beurteilung, ob jagdbar oder nicht jagdbar, berücksichtigt werden sollen, davon sagt das Gesetz nichts.

Sehr bedauerlich ist es auch, daß oftmals lediglich die hervorragende Schönheit des Vogels den Anreiz zu seiner Verfolgung gibt, wie es auch von der Mandelkrähe, dem Pirol und andern auffallend gefärbten Vögeln gilt, die man doch gerade ihrer Schönheit wegen besonders schonen sollte – »Schönheit« und »schonen« sind sprachlich verwandte Wörter! Jede Schule ist stolz darauf, wenn sie unter ihren Anschauungsobjekten auch einen Eisvogel besitzt, und als vor einigen Jahren die Mode aufkam, die Schüler im Zeichenunterricht ausgestopfte Vögel zeichnen und malen zu lassen – wie kann ein ausgestopfter Vogelbalg das Leben in freier Natur ersetzen! – da war die Nachfrage nach Eisvögeln besonders stark, und trotz aller Schongesetze wurde unter den prächtigen Vogelgestalten tüchtig aufgeräumt. Wenn der Bestand der gefiederten Fischer weiter in dem Maße abnimmt, wie innerhalb der letzten 30 bis 40 Jahre, so wird der schöne Vogel in kurzer Frist, bei uns wenigstens, nur noch der Sage angehören, und die Enkel, die vielleicht in der »guten Stube« der Großeltern den ausgestopften Eisvogel bewundern, wie er da zwischen den goldumrandeten Tellern und Tassen im Glasschrank seinen Platz gefunden hat, werden es nicht glauben wollen, daß solch herrliche, tropisch gefärbte Vögel einstmals in unsrer Heimat gelebt haben. »Warum schoß man sie ab?« so fragen die Enkel dann, »was taten sie den bösen Menschen zuleide?« »»So manches Fischlein holten sie sich aus Bächen und Flüssen; da ließ man keinen am Leben!««

Es nützt wenig, den Fischpächter darauf hinzuweisen, wie doch auch der Eisvogel gerade für ihn, den Fischer, einigen Nutzen stiftet, indem er allerlei Kerbtiere und deren Larven wegfängt, die der Fischerei großen Schaden zufügen; man denkt immer nur an die Konkurrenz durch den gefiederten Fischer. Gewiß, seine Hauptkost bilden die kleinen Flossenträger, die er, von seinem Sitzplatz aus eräugt und nun, ins Wasser hinabstürzend, zu fassen sucht. Aber nicht immer wird ihm ein Fisch zur Beute; oft ist's nur ein grauer Rückenschwimmer oder die Larve einer Wasserjungfer, einer Köcherfliege, die er erwischt; noch öfter aber geht der Stoß fehl. Sehr genaue Forschungen über die Nahrung der Eisvögel hat Liebe angestellt. Die Untersuchung des Kropfinhaltes ergab, daß bei 78 v. Hdt. Fischreste, bei 22 aber die Reste von Kerbtieren überwogen. Damit stimmen auch die Magenuntersuchungen Ecksteins überein, der in 34 Magen Fischreste, in 12 Magen Insektenteile fand. Namentlich wenn der Eisvogel Junge im Nest hat, treibt er eifrig Kerbtierfang; denn zunächst füttert er die Kleinen mit Insekten und deren Brut, erst später mit Fischen aller Art. Daß er mit Vorliebe kleine Forellen fange, ist eine grundlose Behauptung.

Wirklich nachweisbaren Schaden wird der Eisvogel nur dort anrichten, wo künstliche Fischzucht getrieben wird, außerdem wo er an reichen Fischgewässern ausnahmsweise einmal in größerer Anzahl auftreten sollte. Wenn ihn der Fischereiberechtigte, namentlich der Forellenzüchter, an solchen Stellen zu vertreiben sucht, wird kein verständig Urteilender etwas einzuwenden haben, und wir sollten meinen, wie in Weinbergen und Kirschplantagen der Gebrauch des Schießgewehrs zur Abwehr der Vögel gestattet werden kann, so dürfte es zweckmäßig sein, wenn die Polizeibehörde – der Stadtrat bzw. die Amtshauptmannschaft – ermächtigt würde, die gleiche Erlaubnis den Besitzern von Forellenzuchtanstalten in bezug auf den Eisvogel zu erteilen, natürlich nur nach gründlicher Prüfung jedes Einzelfalles und bloß auf eine bestimmte kurze Zeit. Ganz verwerflich aber ist es, den herrlichen und bei uns in Sachsen schon recht seltenen Vögeln an jedem Orte, wo man sie antrifft, nachzustellen.

Und was vom Eisvogel gilt, das gilt in noch erhöhtem Maße von der Wasseramsel. Zwar entbehrt dieser Vogel der tropischen Farbenpracht, aber er ist trotzdem eine der anmutigsten, lieblichsten Erscheinungen an unsern Gebirgsbächen, und ein hübsches Kleid besitzt er auch. Das weiße Vorhemd, das sich wirkungsvoll von der rostbraunen Unterbrust abhebt, steht ihm ganz allerliebst. In den Bewegungen, besonders dem fortwährenden Zucken des kurzen Schwänzchens, hat die Wasseramsel etwas vom Zaunkönig, mit dem sie auch verwandt ist. Sie gehört zu den Singvögeln und besitzt einen zwitschernden, grasmückenartigen Gesang. Dem Rieseln des Wassers, das auf steinigem Grunde dahinfließt, ist das plaudernde Lied zu vergleichen. Und wer je das Glück gehabt hat, die Wasseramsel beim Schwimmen und Tauchen zu beobachten, der wird immer mit Vergnügen an sie denken.

Mit dem feuchten Element ist die Wasseramsel von frühester Jugend an vertraut. Ihre Kinderwiege stand in einem Felsenloch am Ufer des Gebirgsbachs oder in einem ausgehöhlten Pfahl am Wehr, hinter dem sich das Wasser staut, vielleicht auch in dem Schaufelrad der alten verfallenen Mühle, die längst das Klappern verlernt hat. Hier verträumte das Vögelchen die ersten Tage seiner Kindheit. Es hörte das Rauschen des Bächleins; es sah, wie der Sonnenstrahl in dem rieselnden Naß unruhig glitzerte, wie die Mutter mit tropfenden Flügeln aus dem Wässerlein auftauchte, allerlei Leckerbissen im Schnabel, den Kindern zur willkommenen Speise. Und dem Bächlein bleibt der Vogel nun auch sein lebenlang treu. Gewissenhaft folgt er, talab oder talauf fliegend, all seinen Krümmungen; es ist, als müsse die Wasseramsel das rieselnde Wasser stets unter sich haben, auf das immer ihr schöner, großer Augenstern gerichtet ist. Und Furcht vor dem Wasser kennt unser Vögelchen nicht. Auf einem Stein sitzt es, mitten im Strudel; dann läuft es hinein in den schäumenden Gischt. Bis zur weißen Hemdbrust schon reicht ihm das Wasser, jetzt bis zu den Augen, und jetzt ist das ganze Persönchen in dem klaren Waldbach verschwunden. Mit Flügeln und Füßen arbeitet der Vogel kräftig gegen die Strömung; dann taucht er wieder empor und surrt, die Tropfen vom Gefieder abschüttelnd, nach einem Ästchen, das niedrig über dem Bächlein herabhängt. Aber nur kurz ist die Ruhe. Dicht über dem Wasser fliegt das Vöglein weiter talaufwärts, wo es von einem andern Stein aus das Spiel von neuem beginnt. Selbst den kleinen Wasserfall fürchtet es nicht; im Flug durchschneidet es ihn und sucht hinter der herabstürzenden Flut nach Nahrung, die ihm der Bach allezeit spendet. Auch im härtesten Winter bleiben einige Stellen des lustig von Stufe zu Stufe hüpfenden Wässerchens eisfrei, daß der niedliche Vogel auch dann keine Not leidet. Ja mitunter läßt er schon mitten im Winter, wenn die Bäume ringsum unter der Schneelast sich neigen und über vereistem Grund das Bächlein talab hüpft, sein kleines Lied hören, und der kleinste der Kleinen, Zaunkönigs Majestät, gibt ihm Antwort: »Winter, wir fürchten dich nicht!«

Die Nahrung der Wasseramsel besteht aus allerlei Kleingetier, wie es jedes klare fließende Wasser am Grunde zwischen und unter den Steinen reichlich bietet: Larven und Puppen der Wasserkäfer, der Ufer- und Eintagsfliegen, Wassermotten, Wasserwanzen, Flohkrebschen, wohl auch eine Wasserschnecke, gelegentlich eine Elritze oder ein Stichling. An Forellenteichen wird es natürlich auch vorkommen, daß sich die Wasseramsel an Forellenbrut vergreift. Aber der Schaden, den der hauptsächlich auf Insektenkost angewiesene Vogel der Fischerei zufügt, ist so geringfügig, daß wirklich kein Grund vorliegt, ihn zu verfolgen, wie es noch manchmal geschieht, obgleich das Gesetz ihn unter seinen Schutz nimmt.

Die Talgründe unserer Heimat, z. B. die anmutigen Seitentäler der Elbe, namentlich aber auch droben im Gebirge, wo nur immer ein klarer Bach zu Tal rinnt, beherbergen noch immer den reizvollen Vogel. Möge er uns erhalten bleiben, damit wir uns auch in Zukunft an dem anmutigen Leben und Treiben des Vögleins erfreuen können! Gleich dem Eisvogel gereicht es jedem Gebirgsbach zum lieblichsten Schmuck.


Einer der seltensten Brutvögel im Deutschen Reiche ist der Schwarzstorch. Bis auf einige Paare ist er aus unserm Vaterlande verschwunden. Unsre engere Heimat kennt ihn überhaupt nicht, höchstens daß er ausnahmsweise einmal an einem unsrer Gewässer auf seiner Herbst- oder Frühjahrsreise Rast macht. Ich habe den schönen Vogel wiederholt in Bosnien und in der Herzegowina angetroffen, während ich in Deutschland seinen Horst nur im Hannöverschen und am Darß (i. J. 1913) gesehen habe. In Ostpreußen soll es noch mehrere besetzte Horste geben, auch im Kreise Neu-Ruppin zählte man vor einigen Jahren noch drei Stück.

Wenn wir wünschen, daß dieses Naturdenkmal uns wenigstens in seinen spärlichen Resten erhalten bleibe, so werden uns sicher alle Verständigen zustimmen, obwohl der Schwarzstorch ein großer Liebhaber von Fischen ist.

Unser gemütlicher Hausfreund, der weiße Storch treibt gelegentlich auch Fischfang. Sollen wir ihm deshalb böse sein? In Sachsen brütet der Storch fast nur noch in der Lausitz, wo sich aber heute nicht einmal ein Dutzend besetzter Horste befinden. Die Gemeinde, die ein Storchenpaar besitzt, ist stolz auf den gefiederten Kinderfreund, und mit Teilnahme beobachtet groß und klein alle Vorgänge, die sich am Horst abspielen. Wer den Vögeln ein Leid antut, setzt sich dem allgemeinen Unwillen der Bevölkerung aus. Trotzdem kommt es bisweilen noch immer vor, daß ein Storch abgeschossen wird; man findet einen solchen mitunter verendet im Teichgebiet. Wer ihn auf dem Gewissen hat, weiß man nicht. Man sollte aufhören, die wenigen Störche, die unser Sachsen noch beherbergt, mit Pulver und Schrot zu verfolgen. Sind wir wirklich so arm geworden, daß unsre sächsischen Gewässer nicht einmal mehr ein paar Dutzend Störchen eine kleine Zubuße zu ihrer täglichen Nahrung spenden können? Aber auch in noch storchreichen Gegenden Mecklenburgs, Pommerns usw. hat die Anzahl der Störche in erschreckender Weise abgenommen. Es ist höchste Zeit, daß wir alle unsre schützende Hand über diesen Vogel halten, der, wie die Schwalben, zu den volkstümlichsten Erscheinungen der gefiederten Welt gehört, lieb und wert schon unsern Voreltern in längst vergangenen Tagen.

Auch für den Fischadler, der besonders das norddeutsche Seengebiet bewohnt, habe ich schon manches gute Wort eingelegt und freundliches Gehör gefunden. Für unser Sachsen ist der stolze Fischer als Brutvogel schon längst verschwunden; aber auf dem Zuge weilt er gern ein paar Tage an unsern stehenden Gewässern. Hoch über dem See zieht er dann seine Kreise; in Spiralen schraubt er sich tiefer. Plötzlich steht er, wie ein Falke rüttelnd, im Luftraum. Da stürzt er mit angezogenen Schwingen hinab. Das Wasser schlägt über ihm zusammen; aber im Nu taucht er wieder empor, einen Fisch in den Fängen. Ist es wirklich nötig, daß man diesen herrlichen Vogel sofort, wenn er sich zeigt, mit Pulver und Schrot empfängt? Ein paar Fische mag sein Besuch dem Teichpächter kosten; aber wie bald ist der edle Vogel wieder verschwunden!


Neben den bisher angeführten nur einzeln auftretenden Fischräubern gibt es aber auch Fischerei-Schädlinge, die kolonienweise brüten. Ihre Anzahl auf ein gewisses Maß zu beschränken, sie »kurz zu halten«, wie der Jäger sagt, das ist das unveräußerliche Recht aller, die ein unmittelbares Interesse an dem Blühen und Gedeihen der Fischerei haben. Freilich sind dabei große Unterschiede zu machen, und ein Kampf bis zur Vernichtung ist unter allen Umständen verwerflich.

Die Möwen, die nur ganz geringen Schaden anrichten, da sie zu wenig Taucher sind, um sich im tiefen Wasser der schnellen Flossenträger bemächtigen zu können und nur an ganz seichten Stellen oder dort, wo kleine Fische in Pfützen geraten sind, dem Fischfang obliegen, sollte man als herrliche Zierde unsrer Gewässer ruhig gewähren lassen. Bei uns im Binnenland handelt es sich lediglich um die Lachmöwe, an der schokoladebraunen Gesichtsmaske kenntlich, die sie im Sommer trägt. Manche Kolonie an unsern Teichen ist eingegangen, fast alle sind schwächer geworden; der Rückgang seit zehn oder zwanzig Jahren ist ganz auffallend. Er hängt wohl weniger damit zusammen, daß übereifrige Fischer die Vögel beim Brutgeschäft stören, um sie zu vertreiben, als mit dem Eierraub, der oft in rücksichtslosester Weise Jahr für Jahr ausgeübt wird, bis die Vögel den unwirtlichen Ort verlassen und der Besitzer der Kolonie das Nachsehen hat.

Der Nutzen, den die Möwen für den Landwirt haben, ist unbestreitbar. Hinter dem pflügenden Landmann flattern und schreiten sie einher, die Insekten auflesend, die die Pflugschar freigelegt hat; ja, man kann beobachten, wie sie selbst der Mäusejagd auf den Feldern obliegen. Ihre Jungen füttern sie ausschließlich mit Kerbtieren, unter denen sich viele Fischereischädlinge befinden; ich habe niemals Fischreste an ihren Brutplätzen entdeckt. Auch an der Wasserkante macht sich der Rückgang aller Möwenarten von Jahr zu Jahr immer mehr bemerkbar. Früher sah man besonders bei stürmischer Witterung in den deutschen Seestädten viele Tausende von Möwen an und über den Hafengewässern, heute nur eine geringe Zahl. Jedenfalls hat der Fischer keinen stichhaltigen Grund, die Möwen zu verfolgen, und wenn Badegäste am Strand und vom Boot aus die anmutigen Segler der Lüfte, lediglich aus Übermut und um der Schießlust zu frönen, wegknallen, so sollte die dortige Bevölkerung den Frevlern solch verächtliches Handwerk gründlich legen. Den Schießern als Ziel zu dienen, dazu sind die Möwen, die so recht ein Gottesgeschenk für unsre Küstengewässer wie Binnenseen bedeuten, wahrhaftig nicht da.

Auf und an fast allen größeren Teichen brüten, meist in mehreren Paaren, unsre vier Taucher, von denen der stattliche schöne Haubentaucher der seltenste ist. Er beansprucht eine größere Wasserfläche als die andern und kommt deshalb, namentlich auf den kleineren Gewässern unsrer Heimat, gewöhnlich nur vereinzelt oder in wenigen Paaren vor. Der Fischer ist sehr schlecht auf ihn zu sprechen; er betrachtet ihn als einen argen Räuber. Leider kann man diese Anklage nicht widerlegen. Selbst der Hinweis darauf, daß der Vogel doch auch viele Insekten vertilge, wird den Fischereiberechtigten kaum milder stimmen. »Insekten?« so entgegnet er uns, »die hätten ja auch den Fischen zur Nahrung dienen können; die Taucher verkürzen also auch noch jenen das tägliche Brot und schädigen mich so auf doppelte Weise.« Es ist schwer, dagegen etwas zu sagen, wenn man nicht immer wieder an die vielen räuberischen Insektenlarven erinnern will. Das Eine aber steht fest: bei solch einseitiger Betonung ganz bestimmter Interessen dürfte es bald aus sein mit dem Reichtum und der Mannigfaltigkeit der Natur. Mit demselben Recht würde der Brieftaubenzüchter fordern, daß er alle Raubvögel, der Imker, daß er Meisen und Fliegenschnäpper, der Obstzüchter, daß er Stare und Pirole abschießen dürfe. Wohin sollte das führen? Die kleineren Taucher, die Rot- und die Schwarzhälse, namentlich aber der winzige Zwergtaucher, tun der Fischerei wenig Abbruch; man sollte sie ruhig gewähren lassen. Den großen Haubentaucher aber sollte man gleichfalls schonen, weil er selten ist, nur vereinzelt vorkommt und dem Gewässer zur schönsten Zierde gereicht. Freilich von Brut- und Streckteichen muß er ferngehalten werden.

Viel schlimmere Fischräuber sind die Kormorane. Aber für die deutsche Fischerei kommen diese Vögel nicht mehr in Betracht, da sie auf deutschem Gebiet sehr stark gezehntet worden sind. Sie waren bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts für ganz Norddeutschland ziemlich selten. Um 1810 legten sie aber auf Fünen eine große Kolonie an; hier wurden sie von den Fischern vertrieben. Ein Teil ließ sich auf Rügen nieder, wo die Vögel das gleiche Schicksal ereilte. Dann wanderten sie südwärts nach der Odermündung, und da man ihnen auch hier keine Ruhe gönnte, zogen sie weiter die Oder hinan bis in die Spreegegend. Pulver und Blei haben ihnen hier ein Ende bereitet. Es gab noch vor 50 Jahren an den verschiedensten Örtlichkeiten Deutschlands kleinere Kolonien dieser gefräßigen Fischer, z. B. an der Müritz, am Pinnower See bei Schwerin, am Mecklenburger Strand, an der Ostseeküste Schleswig-Holsteins, im Oderbruch oberhalb Stettins, auf der Danziger Nehrung, am Frischen und am Kurischen Haff, am Mauersee in Masuren u. a. O. Heute ist das alles vorbei, und wenn wir von ein paar vereinzelten und unsicheren Brutstätten dieser Ruderfüßler absehen, so ist die Kormorankolonie im Kreise Schlochau in Westpreußen die letzte des Landes. Obgleich die Kormorane großen Schaden anrichten, so werden sie hier doch nicht vertilgt, »weil der Besitzer an den schönen interessanten Vögeln seine Freude hat«. (Vgl. Naumann, »Die Vögel Mitteleuropas«.)


Viel allgemeiner und auch viel gerechtfertigter sind die Klagen der Fischer über die Schädigungen durch den Fischreiher, gehört doch dieser stattliche Vogel auch heute noch vielen deutschen Ländern als Brutvogel an. Freilich auch seine Zahl ist, wie die aller größeren Vögel, außerordentlich zurückgegangen, und die wirklich reichbesetzten Reiherkolonien oder Reiherstände, welche Hunderte von Horsten vereinigen, gehören bereits zu den Seltenheiten. Viele Reiherstände sind völlig verschwunden. Nichts erinnert mehr daran, daß einst in den hohen Buchen und Eichen zahlreiche Horste standen; andere wieder, erst vor kurzem erloschen, zeigen noch in den Wipfeln der Bäume die verlassenen Brutstätten, bis schließlich ein Wintersturm die ineinander geflochtenen Reiser zerstreut. Jedenfalls sind die Zeiten vorbei, wo man sicher sein konnte, im Frühling und Sommer an jedem Fluß, an jedem See wenigstens einige dieser schönen Vögel anzutreffen.

Im Mittelalter und auch später noch, bis ins 17. Jahrhundert, erfreuten sich edle Herren und Damen an der Reiherbeize. In frohem Zuge ritt man von der Burg herab, gefolgt von Jagdgästen, Falkonieren und der bellenden Meute. Zeigte sich ein Reiher, so ließ der Jagdherr und gleich darauf eine der Damen die schnell entkappten Falken steigen, die nun versuchten, das immer höher gehende Beutetier gemeinsam unter sich zu bringen. »Wie auf der Fuchshatz sausen Reiter und Reiterinnen durch dick und dünn, den sich in der Ferne fast verlierenden Kämpfern nach. Endlich hat ein Falk die Fänge in die dicken Schwingen des Reihers gehakt, und beide Partner wirbeln zur Erde. Der erste Reiter packt sie, bekappt den Falken und stellt den Reiher der Dame vor.« Die unbeschädigten Reiher, denen man nur ein paar Schmuckfedern nahm, ließ man dann oft wieder fliegen; doch tötete man sie auch bisweilen, weil ihr Wildbret auf vornehmen Tafeln sehr geschätzt war.

Der Reiher gehörte damals zur »hohen Jagd«, deren Ausübung das Vorrecht hochstehender Personen, geistlicher und weltlicher Würdenträger, war. Die Strafen, mit denen die unbefugte Tötung eines Reihers bedroht ward, waren äußerst hart. Kein Reiherhorst durfte zerstört, kein Ei genommen werden, und nur dem Fischereiberechtigten war es allergnädigst gestattet – Scheuchen aufzustellen. In Sachsen erreichte die Falknerei unter August dem Starken ihren Höhepunkt; es wurden stattliche Summen für diesen Jagdsport ausgegeben, und wenn die Falken auch auf das verschiedenste Federwild, z. B. Trappen, Gänse, Schwäne, Rebhühner, Wachteln, losgelassen wurden, die Beizjagd des Reihers blieb doch immer die Hauptsache.

Wie haben sich die Zeiten gewandelt! Das deutsche Vogelschutzgesetz hat die Reiher, sowohl den grauen Fischreiher, wie den Nachtreiher und die Rohrdommel, auf die Liste der Geächteten gesetzt; es gewährt ihnen in keiner Weise irgendwelchen Schutz, und die preußische Jagdordnung vom 15. Juli 1907, die doch alle Sumpf- und Wasservögel als jagdbare Tiere bezeichnet, schließt die grauen Reiher – ebenso die Taucher, Säger, Kormorane und Bläßhühner – von diesem Vorrecht aus. In Preußen entbehren also die Fischreiher des Jagdschutzes, während die andern Reiherarten, eingeschlossen die Rohrdommeln, jagdbar sind. Der Fischreiher unterliegt somit in Preußen dem freien Tierfang, d. h. er darf auch vom Nichtjagdberechtigten allezeit gefangen, getötet und seiner Brut beraubt werden; er ist völlig schutzlos, der Willkür eines jeden preisgegeben.

Bei uns in Sachsen liegen die Verhältnisse insofern etwas anders, als die Reiher jagdbar sind. Es hat also nur der Jagdberechtigte ein Anrecht auf sie. Irgendwelche Schon- und Hegezeit ist den Reihern freilich versagt. Das Gesetz über die Ausübung der Fischerei vom 15. Oktober 1868 gestattet aber auch den Fischereiberechtigten, den Fischreiher – ebenso den Fischotter – zu fangen und ohne Benutzung des Schießgewehrs zu töten. Innerhalb 24 Stunden sind die auf diese Weise erbeuteten Vögel an den Jagdberechtigten auszuliefern. Auf die andern Reiherarten steht dem Fischer kein Anrecht zu. Ähnlich lauten die Bestimmungen in den meisten deutschen Einzelländern. In Bayern, Sachsen-Weimar, Hessen ist der Fischreiher wie bei uns jagdbar, in Württemberg, Baden, Mecklenburg, Oldenburg vogelfrei wie in Preußen.

Ich wüßte keinen einheimischen Vogel zu nennen, dessen Geschlecht in den letzten 150 bis 200 Jahren so blutigen Verfolgungen ausgesetzt gewesen wäre, wie der Fischreiher, und wenn diese Verfolgungen heute auf ein geringeres Maß zurückgegangen sind, so liegt der Grund hierfür nur in der Tatsache, daß die Reiher an Zahl außerordentlich stark abgenommen haben. Der Haß, mit dem man dem Fischräuber begegnet, ist der gleiche geblieben. Wo sich der schöne, schon durch seine Größe auffallende Vogel zeigt, und sei es auch nur auf der Wanderung, wenn er ein wenig rastet, da sucht man seiner habhaft zu werden; an den Horstplätzen aber wird zur Brutzeit unter den Alten sowohl, wie namentlich unter den bald flugbaren Jungen, die auf dem Horstrand hocken, oftmals das furchtbarste Blutbad angerichtet. Am Wasser stellt der Fischer versteckte Fangeisen auf; tollkühne Burschen klettern an den hohen Horstbäumen empor und wagen sich bis zu den Nestern, die häufig auf den schwankenden Enden der Äste ihren Platz haben; sie rauben die licht-grünlichblauen Eier, deren das volle Gelege meist 4 bis 5 Stück zählt. Prämien, von Fischereivereinen gewährt, locken immer mehr zu rücksichtsloser Vertilgung. In der Tat, man muß sich wundern, daß es auch heute noch im Deutschen Reiche eine Anzahl von Reiherhalden gibt – gegen früher allerdings nur spärliche Reste. Ich fürchte sehr, daß auch diese in einem halben Jahrhundert fast völlig verschwunden sein werden, und daß dann der Reiher für Deutschland als Brutvogel ebenso selten sein wird, wie heute schwarzer Storch, Kolkrabe, Uhu oder Wanderfalk.

In Süddeutschland, d. h. südlich des Mains, gibt es schon jetzt kaum noch ein paar kleinere Kolonien; sie sind fast alle in den letzten 30 oder 50 Jahren vernichtet oder versprengt worden, so daß sich nur noch hie und da einzelne Reiherhorste finden. Als fast einzige Ausnahme ist die Kolonie bei Schloß Morstein an der Jagst, auf der Besitzung des Freiherrn von Crailsheim, hervorzuheben; aber auch sie ist stark zurückgegangen, und von den 200 Horsten, die sie vor einigen Jahren zählte, wird wohl kaum noch die Hälfte besetzt sein, obgleich die Besitzer von jeher den schönen Tieren Schutz gewährten und auf manche Vorteile verzichteten. Es ist leicht möglich, daß diese Kolonie das ehrwürdige Alter von mehr als einem halben Jahrtausend erreicht hat; denn eine Nachricht aus dem Jahre 1586 besagt, daß die Reiher hier schon »seit vielen hundert Jahren« horsten. Die Maingegend zählt noch einige Reiherstände; in Mittelfranken beherbergte z. B. der Windheimer Stadtwald Schoßbach im Forstamte Ipsheim noch vor einiger Zeit eine Kolonie von 20 bis 25 Horsten; wie es heute um sie steht, weiß ich nicht. Auch im Hessischen gibt es noch einige kleine Reiherhalden, während die Kolonien bei Nürnberg, Neuhaus in der Fränkischen Schweiz u. v. a. der Vergangenheit angehören. In ganz Elsaß-Lothringen scheint der Fischreiher nur als Strichvogel und auch nur ausnahmsweise vorzukommen, und in der Rheinprovinz ist sein Brutgebiet ganz beschränkt.

In den übrigen Ländern Mittel- und namentlich Norddeutschlands ist der Reiher noch häufiger; er fehlt als Brutvogel wohl keiner preußischen Provinz völlig und tritt ebenso in Oldenburg und in Mecklenburg in mehreren Kolonien auf. Aber es gibt doch auch weite Gebiete, wo man heute vergeblich selbst nach nur einzelnen Reiherhorsten suchen würde. Unserm Sachsen fehlt der Reiher als Brutvogel völlig, nachdem die letzte Kolonie auf den alten Eichen einer Insel im »Horstsee« bei Schloß Hubertusburg durch Fällen der Bäume i. J. 1888 vernichtet worden ist. Einige Reiher zogen sich wohl nach dem Wermsdorfer Wald zurück, sind aber auch dort schon längst völlig verschwunden.

Die letzte Kolonie ganz in der Nähe der sächsischen Grenze, nur 10 oder 11 km von ihr entfernt, nördlich von Königswartha, die ich i. J. 1912 besuchte, stand in einem öden Kiefernwald bei Weißkollm. Ich konnte im ganzen 16 Horste zählen, die bis auf einen sämtlich besetzt waren: mächtige Bauwerke aus starken Reisern, 1½ bis gegen 2 m im Durchmesser, mit weißem Kot übertüncht. Generationen haben an diesen Horsten gebaut, die seit Menschengedenken von den schönen Vögeln bewohnt wurden. In jedem Jahr die gleiche Anzahl von Reiherfamilien, nicht mehr und nicht weniger. Ein herrlicher Anblick, wenn die stolzen Segler der Lüfte ruhigen Flugs über den uralten Föhren, die ihre Nester tragen, in schwindelnder Höhe kreisen! Kopf und Hals sind auf den Rücken gelegt, daß nur der lange Schnabel hervorschaut; die Ständer werden weit nach hinten gestreckt, und in dem schönen Federbusch am Kropf spielt lustig der Wind. Dann läßt sich ein oder der andere Reiher auf dem Horstrand nieder und füttert die Jungen mit Fischen, die er ihnen aus weiter Ferne im Kehlsack bringt; denn ein Gewässer findet sich nicht in der Nähe. Wie ich mit großem Bedauern höre, ist in den letzten Jahren die Kolonie stark zurückgegangen, vielleicht ganz verschwunden.

Hannover, Schleswig-Holstein, Pommern, West- und Ostpreußen beherbergen noch immer eine stattliche Anzahl von Reiherhorsten; Posen, Schlesien, Brandenburg, die Provinz Sachsen sind schon ärmer daran. Man sieht, der Reiher bevorzugt im allgemeinen die Niederungen mit ihren ruhig fließenden oder stehenden Gewässern, dazu die Meeresküste. Ob das Jagdgebiet mehr oder weniger im freien Gelände liegt, ob dichtes Gebüsch die Ufer besetzt oder ob finsterer Wald den See von allen Seiten umgibt, das ist den Reihern gleich, sobald sich nur seichte Uferstellen finden, wo sie, im flachen Wasser stehend, dem Fischfang ungestört obliegen können.

Die größte Reiherkolonie habe ich vor ein paar Jahren – es war in der zweiten Hälfte des Mai – an der deutschen Ostseeküste besucht. Den Ort verschweige ich; ebenso verrate ich nicht, wieviel besetzte Horste hier auf den hohen Eichen stehen mögen. Sonst fangen die pommerschen Boddenfischer, wenn sie's hören, sofort an zu multiplizieren, erst die Anzahl der Reiherpaare mal zwei bis drei Dutzend spannenlanger Fische, das Produkt mal 180 – so viele Tage ungefähr weilt der Reiher an seinem Brutplatz – dann wird dividiert, nun weiß man die Kilo, und wieder multipliziert – man hört ganz deutlich die Goldstücke klimpern, die man ohne die Reiher einheimsen könnte. Aber von dem Schaden, den die Fischer sich selbst dadurch zufügen, daß auch sie so oft alles kleine Fischgewürm, das sich in den Netzen gefangen hat, mit zu Gelde machen, davon wollen die Leute nichts hören.

Wenigstens 20 bis 25 m schätzte ich die Höhe der Horste. Manche Eiche trug deren fünf oder sechs. Die Alten fütterten eifrigst, viele brüteten aber auch noch. Die großen Vögel kreisten schreiend über den Horstbäumen. Ihre riesigen Schatten huschten ganz eigentümlich zwischen den Eichen, deren Kronen noch ziemlich unbelaubt waren, dahin. Es sah noch leidlich reinlich im Nistrevier aus: ein paar Eierschalen, etwas weißer Kot und nur ausnahmsweise ein verwesender Fisch. Wie anders, wenn man später kommt! Da muß man in solchem Unrat förmlich waten, wie es mir erging, als ich vor vielen Jahren einmal im Sommer eine große Reiherkolonie an der Elbe, unterhalb Wittenberg, besuchte.

An einem der folgenden Tage sollten einige Reiher abgeschossen werden. Auf höheren Befehl mußte sich der Oberforstmeister dazu bequemen; denn die Fischer hatten sich schon ein paarmal bei der Regierung beklagt, daß man hier die Reiher, die doch so grenzenlosen Schaden anrichten, ruhig gewähren lasse, ja sie geradezu hege und züchte. »Zwölf Stück, nicht mehr!« so lautete die strenge Weisung, die der Oberforstmeister uns gab, »und nicht zwei von demselben Horstbaum abschießen, damit der Überlebende des Paares die Brut weiter aufzieht, auch peinlich darauf achten, daß kein Reiher dabei in den Horst fällt, wodurch die Jungen elend umkommen müssen, also nicht schießen, wenn der Reiher gerade über seinem Nest schwebt!« Wir hatten das Dutzend schnell zusammen; denn wenn auch nach jedem Schuß die Vögel abstreichen, sie kommen doch recht bald wieder, falls man sich nur ein wenig hinter den Stämmen versteckt. Die Mutterliebe läßt sie die Gefahr nicht achten.

Die armen zwölf Stück! Für die andern hatten sie das Leben gelassen – Opfer des Vogelschutzes, so seltsam es klingt. Ein mäßiger Abschuß war eben unbedingt nötig, um den Klagen der Fischer etwas gerecht zu werden. Nur auf diese Weise läßt sich die Brutkolonie dauernd erhalten. Wir banden die prächtigen Tiere, damit sie von allen Dorfbewohnern gesehen würden, an den Jagdwagen und fuhren durch ein paar Dörfer mehr, als nötig gewesen wäre, wieder heimwärts. Schaut, ihr Fischer, wie man sorgt, daß ihr die Fischräuber los werdet, und haltet den Mund nun!

An unsern sächsischen Teichen, ja sogar an Gebirgsbächen halten sich die Reiher, namentlich auf ihrer Wanderung, gern auf; es findet sich überall ein Plätzchen, wo selbst das schnellfließende Wasser seinen eiligen Lauf unterbricht. Den Hals niedergebogen, den Schnabel gesenkt, den spähenden Blick auf den Wasserspiegel gerichtet, so schleichen die schlanken Gestalten mit behutsamem Tritt am Ufer entlang; sie gehen nur so weit ins Wasser, daß es ihnen höchstens an die Fersen reicht. Bisweilen verharren sie auch stundenlang unbeweglich fast auf demselben Fleck. Nur von Zeit zu Zeit schnellt blitzartig der Hals vor, so daß der Schnabel, oft auch zugleich der Kopf unter der Wasserfläche verschwindet. Selten nur geht der Stoß fehl; das Bajonett trifft sein Ziel mit großer Sicherheit. Der zappelnde Fisch wandert sofort in den unersättlichen Schlund.

Außer Fischen fängt der Reiher auch Frösche, Kaulquappen, größere Wasserkäfer, Libellen und ihre Larven, Regenwürmer; selbst den Mäusen stellt er nach, ebenso jungen Sumpf- und Wasservögeln, und manchmal muß er seinen Hunger mit dünnschaligen Teichmuscheln stillen. Aber Fische, von den kleinsten angefangen bis zur Größe von etwa 20 cm, daß er sie gerade noch hinabzuwürgen vermag, sind ihm doch die liebste Kost. Nach der Art der Flossenträger fragt der Reiher dabei nicht im geringsten. Kleine Karpfen, Hechte, Forellen, Karauschen, die verschiedenen Weißfischarten, Aale, Schleien, selbst Barsche und Stichlinge – es ist ihm alles willkommen, mehr auf die Menge sieht er als auf die Güte.

Unter solchen Umständen kann man es dem Fischereiberechtigten nicht verdenken, wenn er auf den hochbeinigen Mitbewerber sehr schlecht zu sprechen ist, und es wäre jeder Versuch, diesen weißwaschen und seine Diebereien beschönigen oder gar leugnen zu wollen, von vornherein lächerlich. An ganz fischarmen Gewässern richtet der Räuber natürlich keinen Schaden an, schon aus dem Grunde nicht, weil er sich dort nie lange aufhalten wird; ebenso meidet er alle Gewässer, die sofort am Ufer so tief einsetzen, daß er darin nicht waten kann. Auch wo regerer Menschenverkehr Unruhe bringt, zeigen sich nur ausnahmsweise einmal ein paar Reiher. Der Vogel findet es sehr schnell heraus, wo eine reiche Beute seiner wartet, und sein regelmäßiges Vorkommen in einer bestimmten Gegend ist – ich möchte sagen, der erfreuliche Beweis dafür, daß die Gewässer der Umgebung sehr fischreich sind.

Naturfreunde haben zur Ehrenrettung des Reihers darauf hingewiesen, daß dort, wo »wilde Fischerei« betrieben wird, wie vielfach in den Gräben der Elb- und Wesermarsch, der Fischer dem Vogel nichts vorzuwerfen habe: Raubfischerei üben sie beide, indem sie ernten, wo sie nicht säten. Ist aber die Konkurrenz deswegen weniger ärgerlich? Zur Brutzeit, so hat man weiter gesagt, fange der Reiher nur kleine Fische, »Seitenschwimmer«, wie sie sich massenhaft in der Nähe der Ufer herumtummeln. Indessen, die Horstjungen entwickeln sich schnell und bedürfen sehr bald größerer Bissen, und außerdem aus der Unmenge kleiner Fischlein würden doch im Laufe der Zeit wenigstens einige große wertvolle Fische heranwachsen. Viele Flüsse und namentlich die Boddengewässer am Meer, hat man gemeint, seien so reich an Fischen, daß der Abbruch, den die Reiher zufügen, nicht der Rede wert wäre. Wer so urteilt, der hat sich's sicher noch nicht klar gemacht, daß eine größere Reiherkolonie von hundert Horsten und mehr gewiß auch gegen hundert Zentner alljährlich an Nahrung bedarf. Freilich gefangen werden müßte diese Menge auch erst von den Fischern, eine Arbeit, die ihnen die Reiher abnehmen.

Nur das eine wird man bis zu gewissem Grade gelten lassen: es fallen mehr die Raubfische im weitesten Sinne, wie Aale, die dem Fischlaich nachstellen, Hechte und Barsche, die den Jungfischen verderblich werden, und minderwertige Weißfische den Reihern zur Beute, weil sich die genannten mehr an jenen Örtlichkeiten aufhalten, wo die Vögel mit Erfolg zu fischen vermögen, während andere, z. B. Karpfen und Schleien, die Tiefen vorziehen und die Nähe der Ufer gewöhnlich meiden. Auch die Forelle, die sich mit Vorliebe an steilen Ufern aufhält und unter Steinen und Wurzeln gern Deckung sucht oder in starker Strömung auf dem Anstand steht, ist dadurch vor den Reihern einigermaßen gesichert. Wo aber künstliche Fischzucht getrieben wird, wo ein nach vielen Tausenden zählendes Kapital sich verzinsen muß, da kann man den regelmäßigen Besuch der Reiher unter keinen Umständen dulden.

Wie bei so vielen Fragen, muß auch hier immer von Fall zu Fall entschieden werden. Es gibt sicher unzählige Gewässer im Deutschen Reich, wo man nicht sofort jeden Fischreiher zu fangen oder niederzuknallen braucht, wenn sich mal einer zeigt, und ich kenne manchen Fischereiberechtigten, der gern eine kleine Einbuße erleidet, weil auch er an dem herrlichen Vogel, der die Landschaft belebt, seine Freude hat. Es gibt aber auch genug Besitzer oder Pächter, die selbst mit geringen Summen rechnen müssen. Könnte hier nicht – natürlich nur von Fall zu Fall – der Staat eintreten und den Schaden ersetzen, oder sollten sich bei der großen Naturschutzbewegung unsrer Tage nicht einige begeisterte Vogelfreunde finden, die bereit wären, ein Scherflein zu opfern, um ein paar Reiher, vielleicht die einzigen in einer weiten Landschaft, zu retten? Unwirtschaftlich, so wird man diesen Vorschlag nennen. Mag sein – aber ich frage: Läßt sich der Nutzen und Schaden eines Tieres immer nur berechnen nach Geld und Geldeswert?

Soviel steht fest: durch die maßlose Verfolgung ist der schöne Vogel für viele Gegenden unseres Vaterlandes dem Aussterben nahegebracht. Mag man ihn dort, wo er noch in größerer Zahl auftritt und empfindlichen Schaden anrichtet, auch weiter kurz halten, ein paar Reiherhorste sollte man doch zu erhalten suchen, auch ein paar größere Kolonien unter staatlichen Schutz stellen.


Zu der Familie der Reiher gehört auch die große Rohrdommel. Sie ist selbst in unserer sächsischen Lausitz, wo ich ihrem unheimlichen nächtlichen Liebeslied oft und oft gelauscht habe, recht selten geworden. Zum Glück führt sie ein verstecktes Leben, sonst wäre wohl auch der letzte dieser interessanten Vögel schon längst verschwunden; denn der Fischer ist auch auf die große Rohrdommel schlecht zu sprechen. Gewiß, ihre Hauptnahrung mag in Fischen und Fischbrut bestehen, wenn sie daneben auch viele schädliche Insekten frißt; aber sie ist im Gegensatz zum Fischreiher ein ungesellig lebender Vogel, der schon aus diesem Grunde nicht allzuviel Schaden anrichten wird. Dazu kommt, daß die eigentlichen Brutteiche von der Rohrdommel gemieden werden, weil dort gewöhnlich nicht so viel Rohr und Schilf wächst, daß sich der scheue Vogel gut verstecken kann. Wo die große Rohrdommel so selten ist, wie in unserer Lausitz, da sollte man sie schonen und ihr den kleinen Tribut an Fischen gönnen. Namentlich möchte ich alle Jäger bitten, den seltenen Vogel, wenn er gelegentlich der Entenjagd sein Versteck verläßt, nicht abzuschießen. Es wäre doch schön, wenn er unsrer Heimat erhalten werden könnte! Die seltene kleine Rohrdommel, ein allerliebstes Zwergreiherchen, das behend im Rohrwald auf- und abklettert, wird noch viel weniger schädlich sein; solch kleiner Magen bedarf nicht viel. Die andern Reiher aber, Nacht- und Purpurreiher, sind so seltene Gäste unsrer Gewässer, daß es die Pflicht jedes Jagdberechtigten sein muß, das Gastrecht diesen Fremdlingen gegenüber zu wahren.

Außer den genannten mögen auch wilde Enten, Gänse und Schwäne, dazu an der Meeresküste der mächtige Seeadler manchen Schaden anrichten, besonders wenn man bedenkt, daß doch neben den Fischen selbst auch deren Laich für viele an und auf den Gewässern lebende Vögel einen Leckerbissen bildet. Schließlich ist vielleicht kein einziger Sumpf- und Wasservogel ganz freizusprechen. Wollte man sie alle ihre gelegentlichen Übergriffe büßen lassen, so wäre es bald vorbei mit dem reichen Leben, das die meisten Teiche und Seen noch immer beherbergen.

Nur einen Fischereischädling aus der Klasse der Kriechtiere wollen wir noch erwähnen, die Ringelnatter. Sie ist bekanntlich eine vorzügliche Schwimmerin. Ein wahres Vergnügen, ihr zuzusehen, wie der schlanke, geschmeidige Schlangenleib in auserlesen schönen Windungen an der Oberfläche des Wassers dahingleitet, den breiten Teich durchquerend oder die Strömung des Flusses überwindend. Selbst weit hinaus ins Meer schwimmt sie, habe ich doch einmal eine Ringelnatter im Barther Bodden, wohl 5 km weit vom Land, vom Fischerboot aus beobachtet und gefangen; ein fingerlanges Fischchen erbrach sie vor Schreck. An und in unsern Fischteichen in der Lausitz gibt's Ringelnattern genug, und ich verstehe es, daß die Fischereiberechtigten ihnen recht feind sind, wenn es sich auch nur um kleine Flossenträger handelt, denen die Nattern nachstellen. Im übrigen aber sind diese Schlangen ganz unschuldige Geschöpfe, die man an jedem Gewässer, das nicht gerade der Fischwirtschaft dient, ruhig gewähren lassen sollte.

Wenn jeder, den es angeht, erkennen wollte, daß die allgemeinen Interessen höher stehen als die besonderen des einzelnen, dann würde uns die Sorge um den Fortbestand der sogenannten »Fischräuber« von der Seele genommen.


Malepartus, die Raubburg und Kinderstube von »Reinke de Vos«

Fröhlichen Ringelreihen tanzen Buben und Mädel auf maigrünem Anger. »Fuchs, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her«, singen die hellen Kinderstimmen dazu, und dann folgt ein anderes ausgelassenes Spiel mit tüchtigem Rennen und Jagen; »der Fuchs kommt«, nennen sie's, jeder spielt es so gern.

Ja, in aller Munde ist er und allen vertraut, Freund Reineke mit der buschigen Lunte und dem ergötzlichsten Schelmengesichtchen der Welt; selbst das kleine Nesthäkchen auf Mutters Schoße kennt das Konterfei des schlauen Betrügers im Bilderbuch ganz genau, und die älteren Geschwister wissen manche Geschichte von ihm: wie er dem eitlen Raben den Käse abschmeichelt, die unschuldigen Tauben berückt, den stolzen »Gockelmann« packt, wie er seinem größeren Vetter, dem Wolf, so arg mitspielt, den Hasen um seinen Schwanz bringt, wie er aber bisweilen auch selbst genarrt wird, von der Katze und vom Hahn, ja sogar vom harmlosen Häschen. Das Lesebuch enthält all diese schönen Geschichten, die Brüder Grimm, Ludwig Bechstein, Hagedorn, Simrock und besonders Robert Reinick – es liegt schon im Namen – den Kindern erzählt haben; sie werden nicht müde, die hübschen Märchen und Fabeln immer von neuem zu lesen. Und dann das plattdeutsche Epos »Reinke de Vos«, das 1498 zu Lübeck gedruckt ward, und endlich der ganz große Dichter, hat er nicht auch dem Fuchs ein Denkmal gesetzt, seine lustigen Streiche für alle Zeiten verewigt!

Ein Denkmal – ach ja, das ist der richtige Ausdruck! Als Goethe sein Tierepos schrieb, da galt es noch einem Lebenden; heute ist der Fuchs aus manchem deutschen Gau verschwunden, und wenn man ihm weiter so rücksichtslos nachstellt mit Gift und Fangeisen und tödlichem Blei, wenn der Jäger im Frühling jeden Bau seines Reviers ausgräbt und die niedlichen Jungfüchse den mordlustigen Hunden erbarmungslos preisgibt, so wird es auch über kurz oder lang von Reineke heißen, wie vom Wolf, vom Luchs und von der Wildkatze: vergangen, vorbei! Wohl lebt er dann noch weiter im Bild, im Lied und im Märchen – »es war einmal …«, aber draußen in freier Natur auf sonniger Heide läuft dem Wanderer nie ein Fuchs mehr über den Weg, und Malepartus, die Raubburg, liegt tot und verlassen. Höchstens hoppeln Karnickel vor ihren Eingängen; die haben jetzt gute Zeit, wie die Mäuse im Haus, wenn die Katze vom bösen Nachbar in der Kastenfalle gefangen und dann grausam ersäuft ward. Vielleicht sehe ich zu schwarz. Der schlaue Betrüger hat es ja noch immer verstanden, dem Jäger ein Schnippchen zu schlagen, und in den größeren waldreichen Revieren, im Gebirge wie im Niederland, haust Reineke auch heute noch und fristet sein Leben, so gut er's vermag. Ja, während der Kriegszeit haben die Füchse, so sagte man mir, hier und da stark an Zahl zugenommen; die Männer vom grünen Tuch standen an der Front und hatten wichtigere Arbeit, als Jungfüchse zu graben oder den alten Rüden und Fähen nachzustellen. Aber seit der Preis eines guten Winterbalgs eine schwindelnde Höhe erreicht hat, ist auch die Gefahr für den Roten, dem Jäger zum Opfer zu fallen, erheblich gestiegen.

's ist doch gar ein lieber Kerl trotz aller bösen Ränke und Schliche, und erst seine hoffnungsvollen Sprößlinge – ergötzlichere Kinder, allezeit lustig, übermütig, flink und täppisch zugleich, gibt es weit und breit in keiner andern Familie.

Ich weiß einen Fuchsbau, der liegt mitten drin in der einsamen Heide. Außer mir weiß nur noch der Förster davon, und der ist mein Freund. Er hat mir versprochen, in diesem Jahr die alte Fähe und ihre Jungen zu schonen, weil es der einzige Fuchsbau in dem ganzen Revier ist. Die Karnickel unterwühlen den lockeren Boden in entsetzlicher Weise und benagen die jungen Bäumchen der Schonung, daß man wirklich nur froh sein kann, wenn sie jemand in Schach hält.

Folgt mir hinaus an die Stelle! Jetzt im April ist's am lustigsten dort. Die Birken am Weg haben ihr duftiges Brautkleid angezogen, das sich so schön von den dunkeln Nadeln der ernsten Föhren abhebt; die Singdrossel jubelt im Wipfel des einsamen Überständers; der Specht ist an seiner Arbeit, und richtig – der erste Kuckuck! Wohl hundertmal ruft er; man freut sich doch in jedem jungen Lenz wie ein Kind, wenn man den lieben Ruf von neuem vernimmt.

An einem sanften Hang zwischen niedrigen Kiefern ist eine Lichtung. Dornige Sträucher, Heidekraut, allerhand Gräser und Stauden bedecken den Boden, auch ein Paar Bäumchen mit gelbbraunen vertrockneten Nadeln liegen, die Stämmchen gekreuzt, wirr umher; der Herbststurm im vorigen Jahre entwurzelte sie, denn der unterhöhlte Boden gab ihnen keinen sicheren Halt. Ja, an zwei Stellen ist das lockere Erdreich in die Tiefe gesunken, unregelmäßige Löcher, etwa einen Meter im Durchmesser. Früher hauste der Dachs hier; jetzt sind es die Eingänge von Reinekes Wohnung, zu der enge »Röhren« hinabführen. Weiter oben ist noch ein ähnliches Loch, nicht ganz so groß, und etwas abseits ein viertes; das ist aber verschüttet.

Daß der Bau wirklich bewohnt ist, erkennt man sofort. Die Einfahrten sind glatt getreten, und aus dem Innern dringt uns ein unangenehmer Geruch entgegen, daß wir den Atem anhalten. Diesen Fuchsgeruch zu beschreiben, ist nicht möglich; wer aber das durchdringende Parfüm nur ein einziges Mal frisch an der Quelle eingesogen hat, der bringt's so leicht nicht wieder aus der Nase, und unverlierbar bewahrt er's in seinem Gedächtnis. Auch die Reste der Mahlzeiten, die hier und da vor dem Bau liegen, verpesten mit ihren Verwesungsdüften die Luft, und nur die vielen Schmeißfliegen, die sie umschwärmen, haben ihre Freude daran. Hier der Flügel einer Krähe, dort eine angefressene Ratte, daneben der Lauf eines Rehs, unter dem Kieferngestrüpp der Kopf eines Karnickels, verschieden große Fetzen vom Fell eines Hasen, mit Blut besudelte Federn der Ringeltaube und ganz nah an der einen Einfahrt sogar der bleiche Schädel einer Hirschkuh; irgendwo hat die Füchsin das verendete Tier aufgefunden und dann den abgebissenen Kopf mühsam hierhergeschleppt. Dies alles bildet ein Stilleben eigentümlicher Art; es redet eine deutliche Sprache von List und Gewalt, von Mordgier und – Mutterliebe!

Die Sonne neigt sich zur Rüste, die Wipfel der einzelnen hohen Föhren, die auf das Jungholz herabschauen, in purpurnes Licht tauchend. Da wird es lebendig vor dem Fuchsbau. Ein verschmitztes Gesichtchen erscheint in einem der Eingänge; es blinzelt nach links und nach rechts und hinauf zu dem tiefblauen Himmel. Dann mit einemmal ist der kleine Kerl draußen. Auf den Hinterbeinen hockend, richtet er sein Köpfchen altklug empor, als wollte er schauen, was für Wetter es heut abend gibt und wie für morgen die Aussichten sind. Das feine Näschen schnuppert dabei nach allen Richtungen, und das dichte Wollkleidchen an der Brust zittert; so heftig und schnell atmet die Lunge die Luft ein und aus. Das Füchslein sichert, es »wittert«, ob sich etwa eine Gefahr in der Nähe versteckt hält; von der Frau Mutter hat's der Kleine gelernt und macht es nun auch so wie sie – oder liegt ihm diese Vorsicht von Haus aus im Blut? Nun schüttelt das Füchslein sein licht gelblichgraues Kinderkleid, das beim langen Schlaf in dem engen Raum etwas verdrückt ward, fährt mit dem einen, dann mit dem andern schwärzlichen Pfötchen über die Lauscher und über's Gesicht; aber plötzlich mit einem Hops ist es wieder am Röhreneingang und äugt scharf in die Tiefe, ob die Geschwister nicht nachkommen. Alle Muskeln gespannt, ohne jede Bewegung; nur der horizontal ausgestreckte Wollschwanz schwingt ganz leise nach rechts und nach links.

Ein täppischer Satz zur Seite – da ist schon der erwartete Bruder. Er blinzelt gegen die untergehende Sonne, deren letzter Strahl sein grau-grünliches Auge trifft. Nun kann es beginnen, das fröhliche, ausgelassene Spiel. Mit den Perlenzähnchen haben sie einander gepackt, jetzt im dichtwolligen Nacken, jetzt an den Pfoten, dann an der Lunte oder am Ohr. Sie zerren ganz tüchtig, balgen und kollern sich mutwillig am Boden umher, richten sich gegenseitig auf, mit den Vorderpfoten einander umarmend, überschlagen sich und kugeln den Hang ein Stückchen hinunter; doch mit raschen Sprüngen geht's wieder hinauf. In geduckter Haltung kauern sie jetzt einander gegenüber, jeder zu neuem Angriff bereit und einer vom andern erhoffend, daß er das hübsche Spiel wieder beginne. Da springt der eine Partner plötzlich empor: Brüderchen hasch' mich! Keuchend mit hängender Zunge geht es rings um den Bau, bis sie sich wieder gepackt haben.

Erst wenn die ausgelassenen Füchslein müde und ganz außer Atem sind, rasten sie ein wenig in hockender oder in liegender Stellung, »alle Viere« weit ausgestreckt. Aber während die Lunge noch keucht, daß Brust und Weichen sich heftig bewegen, sinnt das kluge Gesichtchen mit den listigen Augen und den aufrecht gestellten Lauschern schon wieder nach neuem, noch tollerem Spiel. Sie zerren am Krähenflügel, machen sich jeden Fetzen vom Hasenbalg streitig – was der eine packt, das will der andre gerade auch haben, »man weiß, wie Kinder sind« – dann suchen sie den schwirrenden Roßkäfer täppisch mit den dunkeln Pfoten zu erwischen oder schnappen nach dem Abendfalter, der ihnen um die Nase herumfliegt. Unterdessen sind auch die drei andern Geschwister auf der Bildfläche erschienen, und nun geht es noch lustiger zu. »Der Jäger kommt!« spielen sie gern. Das machen sie so: keins darf sich rühren, nicht mit den Ohren zucken, keinen Muskel bewegen. Plötzlich springt eins in die Höhe; einen Haken schlagend, rennt der kleine Kobold davon, so schnell er nur kann. Im Nu stieben die andern ebenso auseinander, und in wenig Augenblicken haben sie sich dann alle fünf auf ihrem Tummelplatz wieder vereinigt, um das hübsche Spiel von neuem zu beginnen.

Die Sonne ist untergegangen; grau senkt sich die Dämmerung über die Heide. Da erscheint der Kopf der alten Füchsin im Höhleneingang; mit Lauschern und Windfang prüft sie vorsichtig, ob alles ganz sicher sei, fährt knurrend wieder zurück, weil etwas im Kieferngeäst raschelt – ein Vogel, der sein Schlafplätzchen sucht – doch endlich steht sie im Freien. Sie streckt sich, schüttelt den Sand und den Staub aus ihrem rothaarigen Wams, leckt und liebkost die Kinder, die sich herandrängen, und beteiligt sich schließlich auch ein wenig an dem muntern Spiel, da die Kleinen gar so sehr betteln.

Eine gute Figur macht die Alte um diese Jahreszeit nicht; sie ist dürr und hager am ganzen Leib, und der Pelz ist verdrückt, am Bauche sehr schütter und nicht mehr so frisch in den Farben. Das ist kein Wunder; fünf Kinder auf einmal! Sie wollen alle gesäugt und gewärmt sein, da kommt man schrecklich herunter. Wochenlang konnte die Füchsin nur auf Stunden den dunkeln Bau verlassen, um den nagenden Hunger zu stillen. Und wenn sie nichts anderes fand, als nur ein paar Mäuschen oder irgendeinen Kleinvogel, so mußte sie kaum halbgesättigt zu den ungeduldigen Kindern zurück; die verlangten nach Speise und fragten nicht, ob auch der Mutter eine Mahlzeit geworden. Seit acht oder vierzehn Tagen sind nun die Kleinen entwöhnt. Das war nicht so leicht; immer und immer wieder suchten sie nach dem Milchquell, wenn auch die Mutter ärgerlich knurrend sie gar unsanft zurückstieß. Die von Tag zu Tag fester zupackenden Zähnchen konnte die Fähe an dem zarten Gesäuge aber nicht länger ertragen, und so gab's manchen Klaps mit den Pfoten, und das Fell wurde den Kindern oftmals ganz tüchtig geschüttelt, bis sie schließlich begriffen, daß die Tauben und Hühner, die jungen Karnickel oder die Mäuschen, die die Mutter mit heimbrachte, den Hunger ebenso stillen.

Jetzt gießt der aufgehende Mond sein silbernes Licht über die schlafende Heide; da denkt die Alte: nun ist's Zeit für den Pirschgang! Sie wittert nochmals nach allen Seiten; dann schleicht sie davon, zwischen dem Pflanzengestrüpp leise dahinkriechend, daß der Bauch fast den Boden berührt. Ein paarmal fährt sie knurrend zurück, wenn eins der Kleinen ihr zu folgen versucht, aber bald ist sie unter den Ästen der jungen Kiefern verschwunden. Nun seid auf der Hut, ihr Bewohner des Feldes, ihr Mäuse, Hamster und Maulwürfe, die ihr gleichfalls so gern zur nächtlichen Stunde aus eurer Wohnung hervorkommt: der böse Feind ist hinter euch her! Oder ihr Fasanen- und Rebhuhnmütter, wie wird's euch ergehen! Der Fuchs schleicht leise heran, die Nase immer gegen den Wind, daß er die Beute von fern schon wittert – ein Sprung, ein fester Griff, und ihr seid in seiner Gewalt! Dem Junghäschen, das in einer Feldfurche schläft, dem unerfahrenen Karnickel, das draußen am Waldrand noch im Mondschein äst, der Ratte, die am Schweinekoben des Bauernhofs sich zu schaffen macht, ergeht es nicht besser, und wehe den Hühnern und Gänsen, wenn der Geflügelstall nicht ganz gut verwahrt ist!

Sobald die Füchsin eine Beute gemacht hat, kehrt sie zu ihrer Wohnung zurück; an ihre Kinder denkt sie immer zuerst; meist wird es Morgen, ehe sie den eignen Magen befriedigt. Aber wie vorsichtig ist die Fähe, wenn sie sich dem Bau nähert! Nie wird sie den geraden Weg nehmen; sie umkreist vielmehr, oft stehenbleibend und lauschend, in weitem Bogen ihr Heim. Wittert sie irgend etwas Verdächtiges, so kläfft sie, ähnlich wie ein Hund, doch mit verhaltener Stimme, daß sich die Füchslein in den schützenden Bau flüchten; erst wenn ihr alles ganz sicher erscheint, schleicht sie heran. Das ist dann eine Freude! Die hungrigen Kinder fallen über die leckere Beute her, balgen und beißen sich drum, und jedes sucht das beste Stück zu erwischen.

Ein Weilchen schaut die Mutter ihrer munteren Schar zu, hilft wohl auch beim Zerlegen des Bratens; aber dann tritt sie von neuem den nächtlichen Pirschgang an. Sind alle gesättigt, daß sie mit den Resten der Mahlzeit nur noch ihr ausgelassenes Spiel treiben, so holt die Füchsin vom Felde vielleicht noch ein lebendes Mäuschen, und nun geht es dem graufelligen Tierchen nicht anders, als wenn eine Katze es erwischt und ihren Jungen gebracht hätte.

So kommt der Morgen heran. Schon jubelt die Drossel, Rotkehlchens Lied, die weiche Stimme des Fitis durchzittert die Luft, und hell schmettert der Fink seine Fanfare – da zieht sich die ganze Gesellschaft, eins nach dem andern, still in die Höhle zurück; sie schlafen hier bis gegen Abend. Nur manchmal währt die Ruhe ein oder dem andern vorwitzigen Fuchskind zu lang. Es schaut dann zu dem Höhleneingang sehnsuchtsvoll hinaus, blinzelt mit den listigen Augen – die Sonne scheint ihm auch gar zu hell ins Gesicht – und schließlich versucht es ein Schläfchen, mitten im Toreingang zur unterirdischen Burg, wie sein zahmer Vetter, der Hofhund, der die Vorderpfoten zur Tür seiner Hütte herausgestreckt hat und nun gemütlich schlafend mit Schnauze und Kopf auf diesem natürlichen Kissen ruht. Bisweilen wagen sich die Jungfüchse auch schon mittags auf ihren Spielplatz, wenn die Maisonne hoch vom Himmel zwischen den schlanken Stämmen auf den Fuchsbau herabscheint; aber wirklich lustig wird's doch immer erst gegen Abend.

Sind die Füchslein ein paar Monate alt, so dürfen sie die Mutter auf ihren nächtlichen Streifzügen begleiten, zuerst bis zum Waldrand, später weiter hinaus ins Saatfeld, ins Röhricht am Weiher, oder gar bis zu den ersten Bauerngehöften des Dorfes.

Wie man das Karnickel beschleicht, einen Junghasen würgt, den schlafenden Vogel erwischt, zeigt ihnen die Alte. Sie begreifen gar schnell; denn es liegt ihnen im Blut, sich mäuschenstill heranzupirschen, jede Deckung zu benutzen und selbst in der Freude über den gelungenen Raub keinen Augenblick die eigene Sicherheit aus dem Auge zu lassen.

Ein Vierteljahr mögen die Geschwister alt sein oder wenig darüber, da unternehmen sie bereits auf eigene Faust kleine Streifzüge. Sie stellen sich gegen Morgen gewöhnlich in der gemeinsamen Kinderstube wieder ein; aber gelegentlich suchen sie auch ein anderes Versteck auf.

So lösen sich ganz allmählich die Beziehungen zwischen Mutter und Kind und zwischen den Spielkameraden. Wenn der Herbststurm durch die kahle Heide braust, kennt keins das andere mehr, jedes geht nun seine eigenen Wege und schlägt sich selbständig durchs Leben, das ihm der Gefahren so viele bringt.

Und der Vater?

Er kümmert sich um seine Familie fast gar nicht und ist selten zu Hause; kommt er einmal, gleich gibt's Zank, Beißen und Kläffen zwischen den Eltern, und die Mutter ruht nicht eher, als bis Vater Reineke wieder »verduftet«, in des Worts vollster Bedeutung.

Die Erziehung der Kinder liegt allein auf den Schultern der Fähe; der Rüde hält von Pädagogik nicht das geringste. Seine Losung heißt: »Selber essen macht fett«; darum sieht er auch im Frühjahr wohlgenährt aus, und tadellos ist sein rotbrauner Pelz. Nur wenn die Alte durch ein herbes, Geschick den Jungen geraubt ward, mag es bisweilen vorkommen, daß sich die Väter der vor Hunger kläffenden Kinder erbarmen und ihnen Futter zuschleppen.

Zur Osterzeit gibt's immer junge Füchslein im bewohnten Bau, meist fünf bis sechs, einmal waren es sogar acht.

Möge sich dieser Kreislauf des Lebens mit jedem Lenz, wenigstens hie und da, in unsern deutschen Forsten erneuern!

Es wäre traurig, wenn man ihn ganz ausrottete, den listigen, Ränke schmiedenden Schelm! Dann würde wohl der Förster unsre Enkel an eine Stelle im Wald führen und ihnen erzählen: »Hier färbte die rote Tinte den letzten Fuchs im Revier; man hat ihm das hübsche Denkmal gesetzt wie drüben im Nachbarrevier seinem Vetter, dem Wolf!« Aber mit dem fröhlichen Leben, dem ausgelassenen Spiel vor Malepartus, der Raubburg, wär's dann für immer vorbei.


Swinegel un sine Sippschaft

Ob wohl ein oder der andere meiner Leser schon einmal junge Igel gesehen hat, so im Alter von fünf oder sechs Wochen? Das sind die niedlichsten Dinger der Welt, die man sich denken kann, und es lohnt schon der Mühe, im Spätsommer Gärten und Hecken, Parkanlagen, lichte Laubwälder und namentlich Feldgehölze ein bißchen zu durchstöbern, um – wenn man Glück hat – die reizendste Familienidylle zu belauschen: eine Igelmutter, die ihre vier oder fünf Kinder spazieren führt.

Wie das im Laub raschelt von all den trippelnden Füßchen, und wie schnell die kleinen, kurzen Beinchen laufen können, wenn die stachlige Mutter einen Regenwurm entdeckt hat und ihn aus dem Versteck hervorzieht, um die kleine Beute den lüsternen Kindern zu überlassen. An jedem Ende des Unglücklichen zerrt eine der niedlichen Stachelkugeln – zusammengerollt ist sie nicht größer als ein Billardball – während ein drittes Igelchen den straff gespannten, in die Länge gezerrten Wurm mit den weißen Zähnchen zerbeißt, um schließlich für seine Mühe nichts zu erhalten als ein Tröpfchen Saft, das sich der Kleine wohlgefällig von dem dunkeln Schnäuzchen ableckt.

Da ist ein Mäusebraten schon eine standfestere Grundlage der Mahlzeit, von der doch jedes der Kinder ein Stückchen bekommt. Man muß es selbst gesehen haben, wie schnell die Igelmutter hinter dem kleinen Nager her ist, wenn sie dessen leises Pfeifen oder das fast unhörbare Rascheln im Bodengestrüpp gemerkt hat. Einen Augenblick verharrt die Alte in gestreckter Haltung; die Kopfstacheln sträuben sich ein wenig, senken sich und sträuben sich wieder. Ein paar Schritte schleicht sie vorwärts, und jetzt ein kleiner Satz ins Gestrüpp. Mit sicherem Griff ist das Mäuschen gepackt; ein kurzer Aufschrei, und das Genick des kleinen Nagers ist zerbissen. Hurtig wird das Wildbret von der schnaufenden Mutter in mehrere Teile zerlegt, und bald sitzt jedes der Kinder knuspernd und leise schmatzend vor seinem Stückchen, während die Alte weiter trippelt, nach neuer Beute zu schauen. Ein Maulwurf wäre kein schlechter Fang; aber den erwischt man nur am dämmernden Abend. Eine Schermaus wäre gleichfalls willkommen; aber schließlich tun's auch ein paar Mist- oder Brachkäfer, Ackerschnecken, Schmetterlingspuppen, eine fette Werre, und wohlgenährte Regenwürmer fehlen fast nirgends.

Nichts Trolligeres gibt es, als zu sehen, wie es die kleinen naseweisen Igelchen der Mutter nachmachen – was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. Überall kratzen und scharren sie mit ihren krallenbewehrten Pfötchen; in jedes Loch am Boden, in jeden Winkel zwischen dem Wurzelgeflecht und Pflanzengewirr stecken sie schnuppernd ihr Schnäuzchen, hängen der Mutter am Rock, wenn sie glauben, jetzt hat sie 'was Gutes gefunden, oder sie gehen auch schon ihre eignen Wege, den Steilhang hinauf, von dem eins der Kindchen wieder herabkugelt, trinken vom Wasser, das sich zwischen den Baumwurzeln angesammelt hat, und schauen verdutzt dem Roßkäfer nach, der vor ihrem Näschen vorbeisurrt. Wenn es noch heutzutage irgendwo, wie im Märchen, eine Prinzessin gibt, die niemals in ihrem Leben gelacht hat, ich würde sie zu solch kleiner Igelgesellschaft führen; da lernte sie aus Herzenslust lachen.

Einst beobachtete ich eine Igelfamilie an einem Wiesenhang, wo ein vom Baum gefallener Apfel die Aufmerksamkeit der stachligen Gesellschaft auf sich lenkte; von Obst aller Art sind ja die Igel große Freunde. Durch einen unvorsichtigen Stoß kam der Apfel ins Rollen; sofort sausten die Kleinen hinter ihm her, überstürzten sich aber und kugelten lustig den Hang hinab, wie wir's als Kinder auch so gern taten. Unten lag dann der Apfel im Graben am Wege und drei Igelchen neben ihm. Schnell rollten sich diese auf und hatten bereits tüchtige Löcher in die süße Frucht gefressen, als endlich auch die Mutter mit den beiden Geschwistern ankam, die von oben her dem lustigen Treiben zugeschaut hatten.

Man sagt, der Igel trage abgefallenes Obst in der Weise in sein Versteck, daß er es auf seine Stacheln spieße; wo viel Birnen oder Pflaumen im Obstgarten liegen, da wälze er sich am Boden, und mit der willkommenen Last trolle er heim. Natürlich ist das Ganze ein nett ersonnenes Märchen. Weder mit dem Schnäuzchen, noch mit den Füßen kann der Igel seinen Rücken erreichen; wie sollte er also das Obst fressen oder auch nur abstreifen können? Als Junge habe ich einmal mit den grünen Früchten der Kartoffel – wir nannten sie »Kartoffelschneller« – nach einem Igel geworfen. Eins der ungefährlichen Geschosse blieb an seinem Stachelkleid hängen. Das machte mir solchen Spaß, daß ich mir den Igel fing und ihm im Übermut seinen ganzen Rücken mit dem seltsamen Zierrat besteckte. Dann ließ ich ihn laufen. Am folgenden Tag sah ich ihn wieder, und da trug er noch immer eine Anzahl der grünen Beeren auf seinem borstigen Kleid. Nicht den geringsten Versuch machte er, sich von dem aufgedrungenen Schmuck zu befreien.

Das Volk fabelt ferner, der Igel trage, wenn er sich sein Winterlager zurechtmache, auf seinen Stacheln all die Stoffe zusammen, die ihn wärmen sollen, Stroh, Laub, Moos u. dgl. Das ist auch nicht wahr. In die natürliche oder selbstgegrabene Höhlung kratzt und schiebt er diese Dinge mit Füßen und Schnäuzchen hinein und verwahrt besonders den Eingang. Aber solch fester Winterschläfer, wie Bilch oder Haselmaus, ist der Igel durchaus nicht, habe ich ihn doch mehr als einmal mitten im Schnee angetroffen, wo er ganz lustig einhertrippelte.

In einem unterirdischen oder wenigstens gut versteckten Lager zwischen trockenem Laub, Gräsern und sonstigem Pflanzenwust werden die Swinegelchen geboren. Anfangs sind es kleine, rosige Dinger, blind und zahnlos und die winzigen weißlichen Stacheln ganz weich – es wäre auch sonst bei der Geburt höchst unangenehm gewesen für Mutter und Kind. Die Alte muß auf der Hut sein, daß sie die vier oder fünf zarten Jungen mit ihren nadelspitzen Stacheln nicht verletzt; sie deckt die Kleinen mit den ziemlich weichen, rötlichgelben Haaren ihrer Bauchseite, zwischen denen die Milchdrüsen liegen. Tagsüber ist säugen ihr Geschäft; in der Nacht geht sie jagen. Die ganze Last der Kindererziehung liegt auf ihren Schultern; der Papa lebt getrennt von der Familie, ein rechter Einsiedler und Griesgram, und von Erziehung will er nichts wissen. In dem warmen Lager, von der zärtlichsten Mutter behütet, wachsen die Kleinen sehr schnell heran. Schon sind sie mit spitzen Stacheln und scharfen Zähnchen bewaffnet, hell blicken die Äuglein, die Füße trippeln so hurtig: bereits ganz Papa und Mama, nur klein noch und zierlich. Wir können der Versuchung nicht widerstehen und nehmen eins der Tierchen in die Hand – eine Roßkastanie in stachliger Hülle. So leicht ist die Kugel, daß wir uns an den Spitzen nicht verletzen können. Wie wenig schüchtern der kleine Kerl doch ist! Es dauert nicht lange, so rollt er sich auf, beschnüffelt unsre Finger und verschwindet schließlich im Rockärmel. Wart', Kleiner, du sollst belohnt werden! Etwas lauwarme Milch, in ein Näpfchen gegossen, wird sofort gierig geschlürft. Dann trollt unser Igelchen weiter. Sie werden's schon wiederfinden hier an der Hecke oder dort im Gestrüpp des Unterholzes zwischen den Bäumen.

Unter den freilebenden Vierfüßlern unsrer Heimat gibt es kaum ein anderes Tier, das ich so gern habe wie den Igel, keine interessantere Gesellschaft als eine Igelfamilie. Gesetzt, die Natur hätte den stachligen Gesellen nicht geschaffen, die kühnste Phantasie des Menschen würde sich solch' abenteuerliche Gestalt niemals ausgedacht haben. Zwei besondere Eigenschaften sind es, die der Igel vereinigt: das stachlige Kleid und die Kunst, sich zusammenzurollen. Und diese beiden Eigenschaften machen ihn zu einem der merkwürdigsten, seltsamsten, ja wunderlichsten Geschöpfe.

Erfindungsreich ist der Mensch, in unserer Zeit namentlich auch auf sozialem Gebiete. Aber alle Erfindungen haben wir doch schließlich der Natur abgelauscht: die Ruder und das Steuer des Bootes den Flossenträgern, die Bereitung des Holzpapiers den Wespen, und das Neueste, mehr auf geistigem Gebiete gelegen, die »passive Resistenz« dem Igel. Kein anderes Tier bringt diese moderne Methode der Abwehr, der Verteidigung besser zum Ausdruck, und der Erfolg lehrt ihre Berechtigung. Den Stärkeren angreifen? nein. Oder sich mit Krallen und Zähnen verteidigen? warum denn? Kann man es wissen, wie's endet? Ich ziehe mich lieber in mein Innerstes zurück, schließe mich von der rauhen Außenwelt ab. Ich bin die Welt, ich allein; mein Wille regiert. Schau du zu, wie du mich faßt! Deine Sache ist's, wenn du dir die Finger blutig stößt oder die Schnauze, Gesicht, Nase und Augen! Mach' mit mir, was du willst, ich habe Zeit und Geduld; wollen mal sehen, wer's länger aushält, ich oder du?

Vor uns liegt der kuglige Ballen auf dem Tisch der herbstlichen Laube. Hei, wie das springt von winzigen Flöhen zwischen den Stacheln und hoch in die Luft hinauf, ein Dunstkreis fröhlichen Lebens! Glaube nicht, daß er's fühlt, all das Gekribbel, Gekrabbel. Ein schrecklicher Zustand wär's, wie ihn wohl die mittelalterlichen Ritter in der schweren Eisenrüstung gekannt haben: jetzt zwickt es hier, und jetzt juckt es da, und man kann sich nicht kratzen! Unbeweglich die Kugel, nur leise atmet's im Innern, sanft hebt und senkt sich die Wölbung – kreuz und quer stehen die Stacheln, durchaus nicht in der Richtung der Radien. Bald legt sich einer nieder, ein anderer richtet sich steiler empor, von unsichtbarer Kraft bewegt; denn es treten mehrere Hautmuskeln an jeden einzelnen Stachel heran. Auf der Mitte des Rückens sind die nadelspitzen Gebilde am längsten, 2 cm etwa oder noch etwas mehr. Hübsch gezeichnet sind sie: in der Mitte lichter, am Grund und namentlich an der Spitze viel dunkler; doch gibt's auch hellere Igel mit gelblichen Stachelspitzen, also Brünette und Blonde, wie unter uns Menschen. Vollkommen stielrund sind die Stacheln nicht; sie zeigen Längsfurchen, den Blutrinnen an den Säbeln und Seitengewehren zu vergleichen. Aber so fein sind diese Furchen, daß wir genau zusehen und den Kopf drehen und wenden müssen, um sie bei verschieden auffallendem Lichte zu erkennen. An einem Querschnitt kann man mittels der Lupe leicht feststellen, daß etwa 25 Längsrinnen an jedem Stachel hinziehen, bald mehr, bald weniger. Zwischen den Stacheln stehen weißgraue bis rostgelbe Borsten, besonders nach den Seiten zu; ja am Bauche und im Gesicht, an den Schenkeln und Füßen, wovon freilich jetzt nichts zu sehen ist, haben diese borstigen Haare die Alleinherrschaft. Stacheln wären dort nur vom Übel.

Schon währt's uns zu lange. Willst du dich nicht endlich in deiner natürlichen Gestalt zeigen, du Trotzkopf? Wir drehen die Kugel vorsichtig um, daß sie auf dem Rücken liegt. Aber nur enger und fester zieht sich der Igel zusammen. Mit Gewalt ist auch nichts zu erreichen. Der mächtige Hautmuskel, der wie ein Mantel oder eine Kapuze vom Rücken her das ganze Tier umgibt, ist kräftiger als unsre Hand; je mehr wir uns mühen, auch mit Nichtachtung der stechenden Stacheln die Kugel auseinander zu bringen, um so fester schließt sie sich. Biegsam wie eine Weidenrute muß die Wirbelsäule unsres Freundes sein, und auch dafür, daß sie bei dieser Zusammenrollung nicht zu stark auf das Rückenmark drückt, hat die Natur gesorgt. Schon in den Brustwirbeln löst sich dieses in Einzelstränge auf, die den Druck leichter vertragen.

Aber jetzt greifen wir zu einem teuflischen Mittel, denn erschöpft ist unsre Geduld. Tabak und Stummelpfeife kommt her! Blaue Wolken steigen empor, die Luft mit Wohlgeruch füllend; denn Pfälzer ist's, edles Gewächs. Wie sie springen, die Flöhe! Wirst uns noch dankbar sein für die Entlausung! Lebhafter bewegen sich jetzt die einzelnen Stacheln; wie eine Welle läuft's dann ganz leise über die Rundung. Die Kugel dreht sich allmählich und löst sich ein wenig; der Rücken zeigt wieder nach oben. Der ambrosische Duft, an den der Nichtraucher so gar nicht gewöhnt ist, scheint ihm nicht zu behagen. Noch ein kräftiger Gasangriff von unten her, tief hinein zwischen die borstigen Haare, und unser Igelchen streckt sich ganz sacht und verstohlen; niemand soll's merken, daß es endlich nachgeben will. Schon schaut ein Füßchen hervor mit fünf starken Nägeln, zum Graben und Scharren geschaffen, jetzt ein zweites und vorn ein niedliches Schnäuzchen; schnuppernd hebt sich's aus der stachligen Kugel. Jetzt zeigt sich schon das Gesichtchen. Prächtige Physiognomie! So naseweis und verschmitzt, und so lustig blitzende Äuglein, wie schwarze Perlen auf lichtem, graubaunem Grunde. Fein sind die Ohren gebildet, alles niedlich und spitz: das Näschen, die dunklen Schnurren, die feinen Stichelhaare im Antlitz, darüber ein Wall längerer Borsten, einem Helm zu vergleichen. Aber das Hübscheste bleibt doch das verlängerte, vorn etwas aufgeworfene Schnäuzchen, das sich schnüffelnd bald aufwärts wendet, bald abwärts, bald nach links, bald nach rechts. Es bildet die verlängerte und freibewegliche Nase, zugleich ein Tastorgan von höchster Vollkommenheit. In der Haut der beweglichen Rüsselscheibe drängen sich nämlich unzählige Tastkörperchen zusammen, mit denen der nächtliche Jäger die Gegenwart oder die Nähe seiner Beute unter dem Laube, im feuchten Boden, im Mull von Baumhöhlen gewissermaßen »schmeckt«, noch ehe er sie erreicht hat, gleich der Waldschnepfe, die mit ihrem Stecher würmt, an dessen empfindlicher Spitze ebenfalls Hunderte von Nervenendkörperchen sitzen, die dem Vogel die leichteste Erschütterung des Erdbodens anzeigen.

Von meinem Pfälzer, das kann ich mir denken, ist die feine Nase des Igels nicht begeistert; er trippelt deswegen auf seinen niedrigen Beinen an die andre Seite des Tisches, um frische Luft zu schöpfen, wobei er uns den Genuß gewährt, auch sein winziges Schwänzchen zu bewundern, das steif schräg nach unten gerichtet ist, wie das kurze, fest zusammengedrehte Zöpfchen eines kleinen Mädels. Über den Geschmack ist nicht zu streiten und über den Geruch ebensowenig. Und ob dem unverbesserlichen Nikotinverächter der Rauch meines edlen Krautes noch unangenehmer ist als uns der Bisamduft, den er im zeitigen Frühjahr ausströmt, wenn er der Gattin den Hof zu machen pflegt, das können wir nicht entscheiden. Der Igelin freilich scheint der parfümierte Ritter zu gefallen; ihr ist's lieber, als wenn er sich ein Sträußchen Parmaveilchen angesteckt hätte. »Wat dem einen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall«. Aber nun komm wieder ins Tuch, in dem wir dich hergebracht haben! Wir klopfen mit dem Stock auf den Tisch, sofort rollt sich die Kugel zusammen. Wir bringen sie nun zurück zur Hecke, von wo wir sie holten. Ein paar Minuten noch, und der Igel trollt ab.

Schade, daß wir ihm nicht in den Mund sehen konnten; dort stehen perlenartig aneinandergereiht 36 der niedlichsten Zähne. Denk ich sie mir zu den Maßen eines Löwengebisses vergrößert, ein schauderhaft mächtiges Zerstörungswerk würde es sein, obgleich die Eckzähne fehlen. Oben und unten 6 Schneidezähne, schräg nach vorn gerichtet, dann jederseits oben 2 Lückenzähnchen, unten nur eins, scharf wie ein Meißel, und endlich die Backzähne, 5 oben, 4 unten auf jeder Seite, mit scharfspitzigen Höckern versehen, so recht zum Zermalmen der Beute. Die stärksten Knochen der Maus und der Ratte, des Frosches, der Eidechse, die Chitinringe der Insekten, selbst Brustharnisch und Flügeldecken des Hirschkäfers zersplittern wie Glas zwischen dem festen Gebiß, und auch größeren Schlangen zerbeißt der stachlige Räuber im Nu die Wirbel.

Es ist bekannt, daß sich der Igel selbst vor der Kreuzotter nicht fürchtet und die bösartige Schlange sehr schnell bewältigt und auffrißt. Man sagt, er sei gefeit gegen ihr Gift, genau wie der Storch. Beides ist nicht ganz richtig. Unser Hausfreund, der Storch, frißt die Kreuzotter nur deshalb ungestraft, weil er es versteht, ihr mit dem Bajonettschnabel den Kopf zu zermalmen, bevor sie imstande ist, ihren Feind mit den Giftzähnen zu verletzen. Wohin sollte sie ihn auch beißen? In die Ständer, den Schnabel? Die Haut dieser Glieder führt wenig Blutgefäße, und die Gefahr einer Vergiftung wäre gering. Ähnlich wie der Storch macht es der Igel. Flink und gewandt zerbeißt er dem unheimlichen Kriechtier Kopf und Genick. Freilich muß er schon etwas Erfahrung besitzen, wenigstens fallen junge Igel, wenn man sie zu einer Kreuzotter bringt, dieser gewöhnlich zum Opfer, nicht aber alte, erfahrene Herren. Die getötete Schlange zu fressen, ist ungefährlich, kein Fakirkunststück; denn im Verdauungskanal ist das Gift ganz unschädlich. Es wirkt nur, wenn es ins Blut kommt. Gewiß ist die Widerstandskraft gegen das Schlangengift beim Igel größer als bei andern Warmblütern. Der Jahrtausende währende Kampf, den er gegen die Otter führt, hat ihn ziemlich giftfest gemacht; aber wirklich gefeit, wie manche wohl glauben, ist er durchaus nicht. Igel, die man von Kreuzottern in Zunge und Mundwinkel beißen ließ, wurden ziemlich krank und litten tagelang an den Folgen der Vergiftung; sie gesundeten aber später wieder vollkommen. Auch unmittelbaren Gifteinspritzungen setzten sie großen Widerstand entgegen. Die Dosis, die ein Meerschweinchen schnell tötet, muß verzehnfacht werden, ehe ein Igel nur vorübergehend erkrankt. Auch andere natürliche Gifte verträgt unser Stachelträger sehr tapfer; so macht er sich gar nichts daraus, auch einmal ein paar grüne Spanische Fliegen zu fressen, deren Genuß bei andern Tieren den Tod, wenigstens fürchterliche Schmerzen im Rachen und in der Speiseröhre verursacht.