MAX BROD

DIE HÖHE
DES GEFÜHLS
EIN AKT

KURT WOLFF VERLAG, LEIPZIG

BÜCHEREI »DER JÜNGSTE TAG« BAND 57
GEDRUCKT BEI DIETSCH & BRÜCKNER IN WEIMAR

Den Bühnen und Vereinen gegenüber als Manuskript gedruckt. — Das Recht der Aufführung ist zu erwerben durch die Vereinigten Bühnenvertriebe des Drei Masken — Georg Müller — Kurt Wolff Verlages, Berlin W 30

WALTER BRUNO ILTZ
DEM AUSGEZEICHNETEN DARSTELLER DES
OROSMIN GEWIDMET

Geschrieben 1911
Erster Druck 1913

PERSONEN

Orosmin, ein edler Jüngling
Klügrian,
Kunstreich, Maler, Orosmins Freunde
Der Schenkwirt
Seine Tochter Marie
Drei Herren, die nichts zu tun haben
Ein Klavierspieler
Hofmarschall
Zwei livrierte Diener
Vorübergehende Leute

Die Szene ist in einem Wirtshaus »zum halbgoldenen Stern«, in beliebiger Zeit und Stadt.

(Gedeckte schattige Veranda vor dem Wirtshaus, eine weinumrankte Gatterwand mit rotbraunen Stangen schließt gegen das Freie ab. In der Mitte der Wand öffnet sich der breite Eingang, von dem mehrere Stufen auf den belebten und sonnigen Platz einer großen Stadt hinabführen. Viele Menschen gehen vorbei. Gebäude, Gassen, Reklamesäulen . . .
Rechts und links von der Türe je ein gedeckter Tisch. Links in der Ecke ein altes Klavier. Über der Türe Symbol und Name des Wirtshauses. An dem Tisch rechts spielen drei Herren, die nichts zu tun haben, in Hemdsärmeln Karten. Es ist ein heißer Nachmittag im Sommer.)

OROSMIN (erscheint auf dem Platz, er wendet sich um, ersteigt dann geradeaus mit großen Schritten die Stufen, auf der obersten bleibt er wieder stehn, halb dem Platz zurückgewendet, von der Sonne noch beschienen, an der Grenze des Schattens, — er nimmt seinen kleinen Strohhut vom Kopf und streckt die Hand, in der er ihn hält, weit aus, wie veranlaßt durch ein tiefes Einatmen, in ruhiger Begeisterung. Dann läßt er sie, gleichsam ausatmend, sinken, der Hut berührt mit Geräusch sein Knie, das er vorgebogen hat.
Die drei Herren blicken auf.)

EINER VON IHNEN (bewundert Orosmin):

Ein Prachtkerl! — (Sie spielen weiter.)

OROSMIN (hat sie nicht gehört. Er tritt ein, indem er grüßend den Kopf gegen den leeren Tisch links neigt . . . Er nimmt einen Sessel neben dem Eingang und setzt sich so, daß er den Platz im Auge behält.
Er spricht mit harmonischer Stimme, langem Atem, nicht leise):

Jetzt bin ich konzentriert. Hier! — Ich überblicke von hier aus den Platz, ich sehe die Gasse, die den Eingang zu ihrem Haus enthält. Es kann mir also nicht entgehn, wenn die Liebe aus dem Haus tritt. Ich werde ihre Schritte verfolgen können, mit denen sie sich mir nähert. Ich weiß es — denn es ist schon einigemal geschehn —, daß sie an jenem Brunnen noch jenseits des Gedränges zum erstenmal sich umschaun wird, um mich zu suchen und um auch auszuforschen, ob kein Störenfried in der Nähe ist. Ob sie heute kommen wird? Es ist nicht sicher. Uns halten so viele Hindernisse voneinander weg. Oft besucht man sie gerade, wenn sie schon mit erhobenen Händen zu mir läuft. Oft verlangt die Mutter schnelle Botengänge, der Vater von ihr, sie solle mit ihrer ausgezeichneten Schrift eine Nota kopieren. Nur eines ist gewiß. Sie liebt mich ebenso innig und treu wie ich sie liebe. Ihr Herz kennt keine Verstellung, keinen Verrat. Mutwillig läßt sie mich nicht warten, und wenn ich manchmal spät abends ungetaner Dinge von hier wegschleichen muß, so weiß ich, es geschieht wider ihren Willen mit derselben Kraft wie gegen den meinen . . . Oh, welch ein Glück ist solch eine gegenseitig erwiderte Leidenschaft!

(Pause. Die Kartenspieler lachen über einen Zwischenfall in ihrer Partie.
Der Wirt und seine Tochter kommen von rechts, wo das Wirtshauszimmer und die Küche gedacht sind.)

DER WIRT:

Marie, hier ist er schon wieder . . .

MARIE:

Wer? Der schöne junge Herr mit den rötlichbraunen Augen?

DER WIRT:

Derselbige. Er kommt nur deinethalb, ganz gewiß . . .

MARIE:

Wenn es wahr wäre! . . . Aber es ist gewiß nicht wahr . . .

DER WIRT:

Was denn? Was sonst hätte er hier zu schaffen? . . . Seit einer Woche versitzt er jeden Nachmittag da, ganz allein . . . Meinst du, er ist verrückt? Sieht so ein Verrückter aus?

MARIE (senkt den Kopf):

Nein, das meine ich nicht.

DER WIRT:

Also sei heute einmal freundlich zu ihm, du wirst sehn, daß ich mich nicht täusche.

MARIE (läuft davon, obwohl der Wirt sie am Ärmel festhalten will. Er schüttelt den Kopf und stellt selbst das Glas Wein auf Orosmins Tisch.)

OROSMIN (aufgeschreckt):

. . . Nicht nur den Platz, ich sehe bis in ihre Wohnung. Was mag sie jetzt machen? . . . Sie kleidet sich schon an, um zu mir herunterzukommen, vielleicht nimmt sie gerade aus dem Spiegelschrank jenen Florentiner Hut, der immer so gelbe, wasserhelle Tönung über ihre rosa Wangen legt, und mit zarter Hand bringt sie seine Flächen, die sie zurückbiegt, in ein kleines Schaukeln . . . O komm doch, meine Freundin, es liegt nichts daran, laß den Hut verbogen, dir paßt ja alles . . . Sie ist eitel, ja, sie ist ein wenig eitel . . . (Er lacht leise, für sich.) . . . Man sieht es auch an ihrer sorgfältigen Schrift, nie wird sie einen ihrer mädchenhaften Schnörkel vergessen . . . (er zieht einen Brief hervor und küßt ihn. Sein Mund scheint von dem Papier angezogen, denn wie er das Papier wieder in die Tasche stecken will, folgt sein Gesicht ein Stückchen dieser Bewegung und reißt sich erst in ziemlicher Neigung los) . . . Ich habe es mir nie vorstellen können, daß es solch eine Lust ist, verliebt zu sein. Sonst pflegte ich verdrießlich, nachdenklich, zerstreut, sorgenvoll von meinen Büchern, meinen gemalten Tafeln aufzustehn. Was kümmern mich jetzt die Bücher, die Farben und die Linien . . . Hier dieser Platz, diese Gegend ist alles, was zu meiner Seele spricht. Hier bin ich bei mir, zu Hause, in meiner eigensten Laune, die durch nichts erklärt und verursacht wird als durch Dinge, die nur mich angehn und die nur ich verstehn kann. Ich bin stolz darauf, ich bin in einer Stimmung voll von Großartigkeit . . . Schöne Häuser! Schönes Gesumm und Lärmen! Schönes Fenster, das ihre! (Er streichelt den Tisch, das Weinglas, die Weinranken, in die er die Hände taucht wie in Wasser.) Schönes Glas, wie wohltuend bist du gearbeitet! Schöne Blumen! O großes überreiches Herz! . . .
Ein Wahnsinn, davon zu reden. Und doch treibt es mich, mein Glück mitzuteilen, mich mit aller Welt zu verständigen, wenn es geht . . . Wie reizend ist dieser Nachmittag, dieser Himmel über uns . . . Ich werde vielleicht diese Herren fragen, sie nehmen es mir wohl nicht übel . . .
(Er will gerade aufstehn, da tritt der Wirt an seinen Tisch und grüßt.)

DER WIRT:

Einen guten Tag wünsch ich . . .

OROSMIN (sieht ihn lange an, lächelnd, voll Freundlichkeit):

Sagen Sie es mir, lieber Herr . . . waren Sie einmal verliebt? Kennen Sie dieses Gefühl?

DER WIRT:

No ja . . . Man war auch einmal jung.

OROSMIN (gütig, doch ohne sich etwas zu vergeben, ohne lächerlich zu erscheinen):

Guter Freund, es ist eine schöne Zeit, nicht wahr? Ihr seid hier der Gastwirt? Es würde mich interessieren, mit Euch ein wenig zu plaudern, von dieser schönen vergangenen Zeit. Oder — Ihr seht zufrieden aus — vielleicht ist sie noch gar nicht vergangen . . .

DER WIRT:

No, das schon . . . Befehlen vielleicht der gnädige Herr etwas zu speisen? Ein frisches Rostbratl wär hier, ganz frisch, extra . . .
(er spitzt den Mund.)

OROSMIN (fein lächelnd):

Gut. Gemacht.

DER WIRT (geschäftsmäßig nach rechts hinter sich rufend):

Marie, ein Rostbratl . . .

OROSMIN (ruhig):

Um also wieder von dieser Zeit zu reden, von der Zeit der fröhlichen Liebe . . . wie ist es Euch damals ergangen? Wohl auch so, wie mir jetzt? Was? . . . (Der Wirt macht ein angestrengtes Gesicht, um höflich zuzuhören wie auf einen Auftrag.) Seid auch Ihr damals mit dem glücklichen Gefühl jeden Morgen aus dem Bett gesprungen, daß ein Tag voll von erhabenen, dringenden und wichtigen Gedanken Euch bevorsteht? Und obwohl der Stoff dieser Gedanken durch das Erwachen nicht im mindesten sich zu ändern pflegte, denn auch bei Nacht hattet Ihr natürlich die Geliebte in Euren Träumen gehegt, — frohlocktet Ihr nicht trotzdem darüber, daß diese immerhin verwirrten und lockern Gedanken nun in Eure feste Hand geraten seien, daß die Geliebte nun viel deutlicher, geordneter, wie in ruhigem Wasser in ihnen sich abspiegeln werde? Und wenn Ihr nun auf die Gasse ginget, wart Ihr nicht überglücklich, desselben Himmels Wirklichkeit zu sehen wie sie, dieselbe Luft zu durchwandern, zu durchsaugen wie sie? Und habt Ihr die Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit Eurer Schritte darnach bemessen, ob diese Euch zu ihrem Haus oder in der Richtung von ihrem Haus wegtrugen? Nun, war es so?

DER WIRT:

Ich hab mein Weib recht lieb gehabt, das muß ich schon sagen . . . Ein braves Weib, das muß man ihr schon lassen . . . (er wischt sich die Augen.)

MARIE (ist schon vorher gekommen. Langsam dem Tisch, an dem Orosmin sitzt, sich nähernd, hört sie zu. Einer der Kartenspieler fordert sie auf, sich zu ihnen zu setzen. Er nimmt sie um die Taille. — Sie macht sich los, ohne zu schrein, ohne große Bewegung, immer Orosmins Reden lauschend, und stellt sich jetzt neben ihren Vater . . .)

OROSMIN:

Neulich stach ich mich mit der Spitze meines Messers, als ich mir einen Bleistift spitzen wollte. Eine Weile sah ich zu, wie der rote Tropfen sich immer üppig neu bildete, wenn ich ihn weggewischt hatte, wie das unversiegbar und ohne eigentlichen Schmerz aus der Haut heraufkam. Nachher besann ich mich und es fiel mir ein: Das war wirklich seit vielen Tagen, Orosmin, der erste Moment, die erste Weile, in der du an etwas anderes gedacht hast als an sie. Und von diesem Einfall an dachte ich natürlich wieder nur an sie. Welch ein Vergnügen das gibt, wie das anlockt! . . . Ist es mit Euch auch ähnlich bestellt gewesen, braver Mann? Habt auch Ihr zu Eurer eigenen Überraschung immer neue unaufschiebbare Überlegungen gefunden, die Euch das Mädchen von wieder andern Seiten zeigten? War sie für Euch die glänzende bläuliche Kugel im Garten Eures Gemüts, in der alles Vorübergehende auf der Erde und die Wolken des Himmels bildhaft dahinzogen, indes sie selbst blieb, eine ewige Erinnerung in sich festhaltend . . . an all das, was durch sie Wert und Schimmer erhalten hatte?

DER WIRT (immer gerührter):

Ja, eine Erinnerung hat sie mir zurückgelassen, eine gute Erinnerung . . . meine Tochter Marie . . .

OROSMIN (erhebt die Hand, um weiterzureden, MARIE mißversteht ihn und will ihm die Hand reichen. Verlegen läßt sie sie wieder fallen):

Immer bin ich ihr nahe. Ich bin so glücklich, daß mir nichts auf der Welt übrig bleibt zu wünschen. Hat man je einen solchen Menschen gesehn, auf der Höhe seiner natürlichen Vollkommenheit? . . . Doch gewiß wart Ihr ebenso, mein Teurer, gewiß geht es vielen Menschen ebenso. Es wäre zu traurig, wenn ich eine Ausnahme wäre . . . Gewiß habt auch Ihr diese dauernde Befriedigung in Euch herumgetragen, die nur dann noch gesteigert wurde, wenn Ihr mit Eurer Geliebten in Gegenwart beisammen wart, in unbegreiflicher Art gesteigert. Denn was könnte dem Bewußtsein, zu lieben und geliebt zu sein, eigentlich noch hinzukommen! Und doch kommt etwas hinzu, obwohl kein Platz mehr im Herzen frei scheint, doch sprengt ein Gefühl knapp an der Grenze des Erträglichen, so voll Süße, den schon geweiteten Busen. O diese Stunden der äußersten letzten Seligkeit, die Blicke voll des Unendlichen, die Wonne eines verschwimmenden sanften Streichelns, das uns gerade noch festhält, wo wir glauben, in Äther zu vergehn . . . Wunderbar ist das, und ebenso wunderbar ein Gefühl der Wehmut, das uns anfällt, wenn wir die Geliebte längere Zeit nicht gesehn haben. Nicht gleich, aber nach einiger Zeit gewiß. Nichts hat sich geändert, ich bin ja eigentlich zufrieden wie vorher, ich weiß, daß sie mein ist und daß ich ohne Abwechslung an sie denken darf, ohne Störung. Und warum also diese Unruhe, diese Sehnsucht, sie wieder leibhaftig vor mir zu haben, zu neuer Speisung und Zauberei, die Geliebte? Das ist sinnlos, das läßt sich nicht erklären. Eine Sehnsucht, die nicht quält, ein Wunsch, dessen Erfüllung man gar nicht wünscht; und doch ist etwas dabei, was quält und wünscht . . . und doch möchte man diesen Zustand nicht aufgeben . . . und doch ist man ungeduldig und glücklich wie ein junger Adler, der zu seinem ersten Flug ansetzt über Hochebenen und tiefe Meere. Ja, das alles ist eben mein Herz, so sehr mein Herz und nichts als mein Herz, daß jeder Sinn, diesen Gefühlen genähert, sich verfälschen muß . . . Wie gerne spreche ich davon. Das ist ein Vergnügen. Ich erkläre es Euch mit vielem Vergnügen, Herr Wirt. Ist es Euch auch so gegangen? Ja, die Liebe macht schwatzhaft.

DER WIRT:

Ja, die Liebe macht schwatzhaft . . . Man muß aber auch diskret sein, darauf hielt man sehr viel zu meiner Zeit.

OROSMIN:

Diskret? Zurückhaltend? . . . Bin ich’s nicht? O glaubet nicht, indem ich Euch etwas von meinem hochgeliebten Mädchen anvertraue, daß ich Euch dann näher bin als ihr. O nein, ich bin ihr ja so nah, so verwandt, so lieb habe ich sie . . . und wenn ich von ihr zu Euch spreche, so ist es eigentlich nur, als spräche ich von Euch zu ihr. So ist das Verhältnis. Immer ist sie mir zur Seite, in allen Dingen. Sie kann sich auch einmal in irgendwen verwandeln, zu dem ich von ihr, von meiner Liebe rede, weil es mich so unwiderstehlich andrängt. Ich rede eigentlich immer nur mit ihr. Ihr, zum Beispiel, seid jetzt in sie verwandelt . . .

DER WIRT (mit einem dummen Gesicht):

Ich? . . . (Da seine Tochter gerade den Braten bringt, schiebt er sie vor) In meine Tochter? . . .

OROSMIN:

Und zumal an dieser Stelle der Welt. Hier laufen alle Wege zusammen, um ihr zu huldigen. Glaubt Ihr etwa, diese Leute seien Fremde (weist hinaus auf den lärmenden Platz), diese ernsten Mienen seien nicht in irgendeinem tieferen Zusammenhang mit der Einzigen, versteckt, abgeleugnet, spitzbübisch verkrochen, aber deshalb nicht weniger im Zusammenhang . . . O dieser Platz ist etwas ganz Besonderes, mit seinem Rauschen der tausend Füße, mit seinem Fuhrwerk. Deshalb sitze ich so gerne hier . . . Deshalb esse ich mit gutem Appetit (er schneidet ein tüchtiges Stück ab und spricht kauend), mit gesundem Appetit . . . Irgendeiner dieser Autobusse, so schwerfällig und stockhoch, wie sie auch wackeln mögen . . . wenn man ihn nun anhielte und einen der Passagiere nach dem andern geduldig fragte, abfragte, was er vorstellt und fühlt und worin er wurzelt . . . wäre es nicht lächerlich, ja undenkbar, anzunehmen, er könnte etwas anderes zur Antwort geben als: die Geliebte! . . . Was labt mich hier? Warum sitze ich hier, gerade hier, lieber als anderswo? Warum hat diese Formung der Häuser, diese Höhe und diese Tiefe und diese Witterung einen so zarten Einfluß auf mich, so etwas wie geheimen Trost und Holdseligkeit? Warum füllen sich meine Augen mit Tränen? Warum bin ich hier wie am rechten Fleck, wie mitten im mir Angepaßten, wie bei mir selbst zu Besuch, behütet, bemuttert, eingeschattet, reifend, fruchtend, geschwellt vor Heimat und Sicherheit, wohlbehaglich durch und durch? . . . Ja, wenn ich diesen Trunk ansetze und heruntertrinke, so fühle ich: ich habe sie selbst getrunken, ich habe mich mit ihr vereinigt . . .

DER WIRT:

Noch ein Glas gefällig?

OROSMIN (nickt):

. . . mit ihr vereinigt.

(Der Wirt geht mit dem leeren Glas, Marie nimmt seine Stelle ein.)

OROSMIN:

Fürwahr, ich bin unbeschreiblich glücklich!

MARIE (leise):

Ihr sprecht in einer Art, daß jedes Mädchen sich glücklich schätzen müßte, so geliebt zu werden . . .

OROSMIN:

Freundliches Geschöpf . . .

MARIE:

Ja, Ihr sprecht sehr lebhaft und zugleich sehr gefühlvoll. Manchmal klingt es wie ein Gedicht, ja, wie ein Gedicht, das man singt . . .

OROSMIN:

Du bist von ihrem Geschlecht, du bist reizend. Die Frau dieses guten Wirtes, nicht wahr . . .

MARIE:

Seine Tochter, Euch zu dienen.

OROSMIN:

Ich hoffe, du hast einen Mann oder einen Bräutigam, der dich liebt, wie du es verdienst.

MARIE:

Ich bin ledig. Ich habe auch keinen Freier.

OROSMIN:

Deine Haare sind reich und braun. Es scheint, daß braune Haare vollkommener und gleichsam verbundener aus dem Menschen hervorblühn als Haare aller anderen Arten. Sie passen besser zu menschlichen Wangen, zum menschlichen Nacken, und namentlich, wenn ein zartes Gelb dieser Wangen am Rand den Übergang aus dem Rosa und Weiß des Antlitzes zu den unerforschlichen dunklen Haarmassen bildet, wenn die letzten Locken am Hals einen bräunlichen Streifen überwölben. (Er zeigt mit den Fingern auf die Stellen, von denen er spricht) . . . Das sieht natürlich und gutgewachsen aus. Auch sie hat solche Haare und so ähnlich gehn sie in ihre Wangen über. (MARIE neigt mit geschlossenen Augen, sanft lächelnd, ihre Wange fest an seine Hand, die ihr Ohr berührt, sie preßt diese Hand zwischen Wange und Schulter ein.)

OROSMIN:

An euch Mädchen ist vieles zu bewundern.

MARIE (steht ihm jetzt so nahe, daß sie die Aussicht auf den Platz verdeckt. Er schiebt sie mit der freien Hand sanft zurück.)

OROSMIN:

Das nicht. Hier geradeaus muß ich sehn . . .

MARIE:

Wohin denn, gnädiger Herr?

OROSMIN (will seine Hand losmachen, die sie mit dem Gewicht ihres Kopfes festhält):

Du bist sehr schön. Ich wünsche dir jemanden, der dich sehr lieben kann und der gar nicht bemerkt, wie glücklich er dich macht: so glücklich machst du ihn . . . (reißt seine Hände los.)

MARIE (traurig):

Ihr kränkt mich. Was habe ich Euch getan?

OROSMIN:

Ich will dich nicht kränken, keinen Menschen, kein Mädchen ganz besonders. Kann ich mehr für dich tun, als dir sagen, daß dieser Kopf, diese Brust, diese Hüften . . . (Er lacht plötzlich laut auf.)

MARIE:

Warum lacht Ihr so plötzlich? Und immer noch?

OROSMIN:

Du mußt verzeihn. Aber während ich so mit dir sprach und dich ansah, neigte sich urplötzlich aus deinem Leib heraus ein anderer, neigte sich zur Seite hervor, verdeckte die Gasse neben dir, borgte vielleicht seinen Stoff aus dem Dunkel dieser Vorübergehenden, du hattest da zwei Köpfe, zwei Gestalten bis an die Hüfte, und das deutlichere dieser beiden Schattenbilder, ja, es war das deutlichere, stellte meine Geliebte dar. Ich sah sie ganz deutlich. Es ist vorbei . . . Das war aber komisch (lacht wieder) ein Traum, am hellen Tag . . .

MARIE (weint):

Warum lacht Ihr? Warum lacht Ihr mich aus?

DER WIRT (tritt mit dem Wein dazwischen.)

OROSMIN (zurückgelehnt):

Das alles ist höchst wunderbar. Und in meinem Herzen ist ein so seliges Gemisch von Abspannung und Frische zugleich, daß ich meine, ich könnte gleich einem guten Dutzend solcher Phantasien jetzt das Leben zeugen . . . Gute Sonne, gewiß bin ich ein Sonntagskind, ich habe eine Kraft und einen Frieden in mir, daß ich bald anfangen werde, mich zu schämen, wenn nicht ein Unglück mit mir geschieht. Ich laure hier, ich warte, aber das stärkt mich nur, statt zu ermüden . . . (Leise Klänge werden aus der Wirtsstube vernommen.) Ach, Musik, das kommt zur rechten Zeit. Man sagte mir, daß sie das Dunkelste in der Brust aufzulösen versteht und in etwas Neues, in Kristalle ihrer eigenen Art überführt. So wie der galvanische Strom Stoffe entkettet und am andern Pol nach seiner Idee zusammenkettet. Die Gebilde sind gleich unverständlich vorher und nachher, aber in der Bewegung und Veränderung mag etwas liegen, was unserer Klarheit näher kommt als das Trübe vorher, das Trübe nachher . . . Was für eine Art Musik ist das?

DER WIRT:

Euch zu dienen, es ist ein Klavierspieler, ein Bursch, der meine Gäste belustigt. Er spielt und singt.

OROSMIN:

Heiß ihn näher kommen und vor mir singen.

(DER KRÜPPEL, vom Wirt gerufen, kommt aus dem Lokal, geht über die Bühne und setzt sich ans Klavier. Er spricht zu seinem Spiel):

DER KRÜPPEL:

Was galt je und heute

Mir der Erde Pracht!

Nur für reiche Leute

Ist das Licht gemacht.

Manchmal hör ich Töne,

Goldne Melodien,

Ahnungsreiche, schöne,

Fern vorüberziehn.

Ach, wer näher hörte,

Wär ein froher Held.

Doch mein Hören störte

Schon wie Lärm die Welt

Und in meinen Strudel

Feucht ins Bettlertum

Paßt nur ein Gehudel

Und ich dudle drum, —

Paßt nur mein Gedudel

Klägliches Gebrumm.

(Er spielt weiter. Die Melodie ändert sich allmählich, bis)

OROSMIN (sich erhebt und einfällt):

Wenn dein Schicksal auch arm gefallen ist,

Mußt du nicht verzagen, —

Etwas, was in uns allen ist,

Wird dich höher tragen.

Auch ich war von vielem Gram verhängt

Wie ein schlechtes Wetter,

Nun hat sich die Liebe durchgedrängt

Mit hellem Strahlengekletter.

Selig, wie guter Geister einer,

Schweb ich durchs Tal,

Nichts ist kräftiger, nichts ist reiner;

In mir badet der Wasserstrahl.

Der morgennasse Wald, von Feuchtigkeit gekämmt,

Jeder Zweig, geordnet zum Strauß —

Ich fliege entlang; nichts, was mich hemmt,

Bis ins Försterhaus.

Der Sonnenaufgang ist mein Spiegelbild,

Mein Blick der tauige Berg.

Jedes nützliche Tier trägt mein Siegelbild,

Ich führe das fromme Werk.

Ich habe die hohen Viadukte gebaut,

Lange Beine aus Eisennetz,

Darunter Dörfer, wohlriechendes Kraut

Gestreut nach meinem Gesetz.

Was kann man mehr genießen

Als erfüllter Liebe Glück!

Sie duftet mehr als Wiesen,

Strahlt schöner als Tau zurück.

Nur an Eine entzückt im Denken gehn,

Von ihr abhangen —

Was befällt mich? Was will mir geschehn?

Wohin will es gelangen?

(Er macht einen Schritt, bleibt so stehn. Die Melodie ändert sich nochmals.)

MARIE (schmachtend):

Ich versteh ihn nicht.

Wüßt gerne, was er spricht.

Besondres sicherlich

Ist es. Doch nichts für mich.

Es freut mich doch.

Aber es hat ein Loch . . .

Er ist ein schöner Mann,

Und wie er blicken kann!

Schaut’ er auf mich sich um,

Ich wär ihm dankbar drum.

DER WIRT (starrend):

Bequem ist’s, so zu stehn

Und in die Welt hinsehn.

Man hört so allerlei,

Und ist so frei

Und denkt sich nichts dabei.

Ist es auch nichts zum Leben,

So ist’s was andres eben. —

Was steh ich hier herum,

Es wird mir schon zu dumm. (ab.)

MARIE (im Abgehn):

O dreh dich noch herum,

Ich liebte dich darum. (ab.)

KRÜPPEL:

Ich hudle, sudle dumm

Mein klägliches Gebrumm.

OROSMIN (setzt sich ruhig wieder in seinen Sessel):

Mir winkt aus dem Gesumm

Die eine Stimme — stumm.

(Die Musik ist zu Ende.)

(Auf dem Platze erscheinen, unter allen bemerklich, KLÜGRIAN und KUNSTREICH, zwei junge Maler, Orosmins Freunde.)

KLÜGRIAN:

Welche Auszeichnung! —

KUNSTREICH:

Welche Katastrophe! —

BEIDE (die Stufen herauf):

Da haben wir ihn — Orosmin, Freund!

OROSMIN (ihnen entgegen):

Ah willkommen — Klügrian, Kunstreich!

KLÜGRIAN (atemlos):

Daß ich es nur gleich sage: Wir kommen in der wichtigsten Angelegenheit von der Welt. Du mußt dich entscheiden, jetzt, sofort . . . Du stehst an diesem einen Punkte, der nur einmal im Leben jedes Menschen kommt, der ausgenutzt . . . kurz, du weißt: Shakespeare »There is a tide in the affairs of men . . .«

KUNSTREICH (bescheiden):

Stören wir nicht etwa?

OROSMIN:

Mich stören? Kann mich jemand stören? (trunkenen Blickes.)

KLÜGRIAN:

Setzen wir uns. Sprechen wir bequem, aber bündig . . . wie Indianer in ihrem Kriegsrat. Die Indianer, ein herrliches Volk. Ich wollte einmal ein Bild machen. (Er spricht schnell, kann gleichsam seiner Einfälle und Analogien nicht Herr werden. Seine Augen leuchten gescheit und angenehm. Durch Handbewegungen versichert er sich der Zustimmung des schweigsamen Kunstreich. — Bei seinem Eintritt aber hat sich die Veranda in ein gewöhnliches Wirtshaus verwandelt. Die Herren, die pausiert haben, um den Liedern zuzuhören, peitschen wieder ihre Karten auf den Tisch. Wirt und Marie bedienen in der üblichen Weise.)

OROSMIN:

Oh, daß ihr hier seid, ihr lieben Freunde! Ihr werdet mich in meinem Glück sehn . . . ihr werdet sehn . . . Nein, nichts von Störung . . .

KLÜGRIAN:

Und wenn wir dich auch stören! Dies ist jedenfalls wichtiger, größer, was wir bringen. Nichts kann für dich heute und von heut an mehr Bedeutung haben. Also denke nur, der Fürst . . .

KUNSTREICH (sich erinnernd):

O dieses Unglück!

KLÜGRIAN:

Dieses Glück, dieses Glück! . . . In einigen Minuten wird der Hofmarschall erscheinen, er selbst, er folgt uns auf dem Fuße. O der Glanz, die große Welt. Ich sage dir, wie Rubens, wie Tizian . . . Es soll der Künstler mit dem Kaiser gehn . . . Er holt dich ab . . . Verstehst du, verstehst du es? . . . Doch ich muß von vorn beginnen. — Verstehst du?

OROSMIN (nickt langsam):

Ja . . .

KLÜGRIAN:

Ja? . . . (erstaunt) Er versteht es . . . Aber . . .

OROSMIN (spricht viellangsamer als Klügrian):

Alles verstehe ich jetzt. Nichts kann sich mir entziehn . . . Siehst du, ich sitze hier den ganzen Nachmittag. Das ist mein Glas (zeigt es ihm), das ist mein Tisch . . . (Er legt beide Ellbogen auf.) Aber bemerke nur du, genau so wie ich hier jetzt mit meinen Armen eine Fläche auf den Tisch abgrenze und einschließe, ganz für mich, da kann jetzt niemand herein ohne meine Erlaubnis, da bewegt sich nichts als der Schatten, den die Höhe meines Ärmels wirft und den ich ausbreiten oder schmälern kann, das ist mein, nur mein . . . so ist von mir eingeschlossen dieser ganze Platz vor uns, ja die Gasse, die Brücke, ebenso alle Leute, die wandeln, wie die beständigen Bäume dort; ja die ganze Welt . . . Da kann nichts geschehn als kraft meines einzigen Gedankens, im Steigen und Fallen dieses Gedankens, alles ist abhängig von mir, also um so mehr mir verständlich . . .

KLÜGRIAN:

Keine Dummheiten, bitte . . . Sind wir nicht heutige Menschen? (Die Hand auf Kunstreich ausgestreckt; dieser stimmt bei.)

OROSMIN (gedankenlos, verbindlich):

Sehr gut, bravo, sehr gut . . .

KLÜGRIAN:

Gewiß, wir sind ja eine Partei! Also rede nicht wie ein Impressionist, blamiere mich nicht . . .

KUNSTREICH:

Du wolltest erzählen . . . (zaghaft.)

KLÜGRIAN (ohne Übergang, gleichsam aus sich heraus):

Der Fürst ist in der Sternburg eingekehrt, bei deinem Vater, Orosmin, dem er ja schon einige Male die Ehre seines Besuches . . . Ich bin kein Fürstenknecht, ihr wißt. Aber die Macht, die Macht. Was kann es Herrlicheres für einen großen Künstler geben als die Macht. Nietzsche (bricht ab) . . . Diesmal kam der Fürst mit allem Gefolg. In der Nacht sollte zur Jagd aufgebrochen werden.

KUNSTREICH:

O die schönen Bilder (verbirgt sein Gesicht in Händen.)

KLÜGRIAN:

Wie es geschah, weiß niemand. Die einen sagen, ein unvorsichtiger Sattelknecht, der seine brennende Pfeife ausklopfte. Kurz und gut, plötzlich steht das ganze Schloß in Flammen. Im Hof wartet die edle Gesellschaft, die Pferde kaum mehr zu halten. Auf einmal Vernichtung, Feuersäulen, Glocken im Dorf. Wer nur kann, hilft mit. Der Fürst hetzt seine Hofleute an die Spritzen, ein tätiger, energischer Mann . . . er verspricht Bestrafung des Schuldigen, Ersatz für alles . . .

KUNSTREICH:

Aber kann man das ersetzen! Denk dir nur, Orosmin, dein Atelier ist verbrannt, alle Gemälde von dir, deine Skizzen und Studien, . . . oh, ich ertrag es nicht . . . die Arbeit von so vielen Jahren, so viel Blut und Kampf und Glück . . . (er weint) auch deine Tagebücher sind mit verloren und dein Hauptwerk: Jesus im Tempel . . .

KLÜGRIAN:

Laß ihn, rege ihn nicht unnütz auf . . .

KUNSTREICH:

Und die »östliche Landschaft«, die »Springenden zwischen Klippen«, die »besonnten Schilfe« . . .

KLÜGRIAN:

Es ist ein arger Verlust, aber hör nur, wie er aufgewogen wird . . . du bist ja noch jung . . .

KUNSTREICH:

Nein, bleiben wir dabei. Es ist das Wichtigste. Armer Kamerad! (er nähert sich ihm, fast knieend.)

OROSMIN (streicht über sein Haar):

Erzählt nur ruhig weiter.

KUNSTREICH (entsetzt):

Er ist untröstlich . . .

KLÜGRIAN (beginnt schon gefühllos):

Der Fürst läßt hierauf . . .

OROSMIN:

Nein, ich bin ja so namenlos froh und zufrieden. Nicht, daß deine Nachricht meinen guten Zustand noch erhöhen könnte . . . er ist ja so von innen an meine Schädeldecke gepreßt, daß es höher hinauf gar nicht mehr geht (Geste dazu) . . . aber doch fühl ich mich erleichtert, meines Ballasts befreit. Wie ein göttliches Zeichen ist das . . . Alle Tagebücher sagst du, alle Gemälde . . .

KLÜGRIAN:

Er übertreibt. Einiges wurde gerettet, ein Buch mit Entwürfen . . .

OROSMIN:

Schade!

KUNSTREICH (weicht von ihm zurück):

Wie sprichst du? Was meinst du eigentlich?

OROSMIN:

Oh, mögt ihr mich nicht mißverstehn, meine Guten . . . Ich will ja durchaus mein früheres Treiben nicht schelten, es waren schöne Tage, manchmal ist es mir auch vorgekommen, als gelinge mir etwas, und vor allem: sie haben mich hierher geführt . . . Aber sagt selbst, wie wertlos muß das alles einem erscheinen, der weiß, daß er jetzt so ganz, so unbändig im Rechten ist! So wertlos, daß es dem Glücklichen beinahe schon schädlich dünkt . . . Böse Erinnerungen, die einzigen Fesseln, die mich noch hielten . . . Dank euch, ihr Götter, daß ihr auch die von mir genommen habt . . .

KLÜGRIAN:

Bravo! Die Zukunft, das ist alles . . .

OROSMIN:

O süße Gegenwart . . .

KLÜGRIAN (überhört ihn):

Und was steht nun alles vor dir, du Glücklicher, welche Pracht des starken Mannes . . . Nun laßt mich zu Worte kommen, die Freude überwältigt mich . . . Der Fürst also besichtigt das Gerettete, die Ballen und Möbel, er bemerkt deine Skizzenbücher, er interessiert sich für sie . . . Kurz, er fragt deinen Vater nach dir, er hört von deinem Leben, deinen strengen Grundsätzen . . . Man bringt ihm dein Werkchen »Sentenzen«, das der Vater mit seinen Juwelen im Panzerkästchen aufgehoben hatte. Der Fürst bittet es sich zur ausführlicheren Lektüre aus . . . Und am andern Morgen dringt er geradenwegs zu deinem Vater, voll Entzücken: er möchte dich selbst kennen lernen, einen so ausgezeichneten jungen Mann, ja er wünsche, dich beständig am Hof zu haben. Man berät sich. Der Sohn des Fürsten soll jetzt einen Erzieher bekommen, einen Begleiter auf seinen Reisen. Niemand scheint geeigneter als du, niemand würdiger. Mit einem Wort: du bist zum Lehrer des Prinzen ausersehn . . .

OROSMIN (als sei von einem Fremden die Rede):

Nein, wie das Schicksal spielt . . .

KLÜGRIAN:

Nebenbei Zeichenlehrer, doch vor allem Leiter der gesamten Einführung, der ganzen Kultur dieses Jünglings — mit andern Worten, wenn du dich behauptest, und das wirst du, der erste Mann in Kunstsachen am fürstlichen Hof. Kannst du fassen, was das bedeutet! Für dich vor allem — und dann für unsere Richtung. Wie man uns bisher aus allen großstädtischen Ausstellungen verbannt hat, wie die alte Clique auf allen Subventionen, allen Staatsaufträgen ihre Hand hielt. Und nun plötzlich, endlich anerkannt, in der Morgenröte fürstlicher Huld, alle offiziellen Wege uns geöffnet — was werden wir da leisten, wie werden wir zeigen, was in uns steckt, in der Jugend, wie werden wir steigen und die Welt umgestalten . . . Das war ja dein einziger Wunsch, Orosmin, erinnerst du dich noch an unser letztes Gespräch im Park, das war unser aller Wunsch. Und nun — erfüllt ist er mit einem Schlag . . . Oh, ich bin ganz außer mir . . . Und dazu trifft es sich so gut, daß ich jetzt gerade in Paris war. Ja, ich komme aus Paris, gefestigt, bestärkt . . .

OROSMIN:

Aus Paris?

KLÜGRIAN:

Ich habe mit den Indépendants gesprochen. Es herrscht nur eine Stimme unter den jüngern Malern: unsere Gruppe gehört zu ihnen . . . Oh, ich bin reif geworden, ich bin auf der Höhe . . . Synthetisch denken, das ist alles. Unsere Zeit hat keine Lyrik. Die Impressionisten waren Lyriker. Das Licht, die Luft sind lyrische Elemente in der Malerei, wie die Linie das epische Moment darstellt, die Fläche das pathetische, die Form das tragische . . .

OROSMIN:

Ich habe schon lange an diese Dinge nicht mehr gedacht. Aber sie machen dir Freude, nicht wahr . . .

KLÜGRIAN:

Ich weiß jetzt alles. Ich bin ganz klar. Jetzt, genau jetzt ist der Moment für unsere großen Taten gekommen . . . Und du am Hofe, das haben die Götter geschickt! . . . Ich habe in Paris mit Matisse, mit Delaunay gesprochen, wir waren sofort einig . . .

OROSMIN (interessiert, ohne Hohn):

Worüber denn? Über das Tragische der Form? . . .

KLÜGRIAN:

Ja, die Form ist Tragik, Distanz zu den Dingen. Das konstruktive Prinzip der Bilder . . . Alle Großen haben es befolgt. Rembrandt, Greco. Man kann direkt die schematischen Linien ihrer Kompositionen nachweisen, bald sind es Ellipsen, bald Kreise oder Systeme von Geraden . . . Lionardo . . . Ich habe fünfhundert Bilder von Rembrandt daraufhin durchgearbeitet, nachgemessen . . .

OROSMIN:

Du bist fleißig . . .

KLÜGRIAN (wirklich erhaben):