Anmerkungen zur Transkription:

Die Rechtschreibung des Originaltextes wurde beibehalten, abgesehen von folgenden Änderungen:

  • [S. 9]: «die Dämone des Westens» wurde geändert in «die Dämonen des Westens»
  • [S. 12]: «fie drei Segel» wurde geändert in «die drei Segel»
  • [S. 12]: «dortgenommen» wurde geändert in «fortgenommen»
  • [S. 43]: «sitzen bleib» wurde geändert in «sitzen blieb»
  • [S. 84]: «eine Frau aus Amazu noch Ozu» wurde geändert in «eine Frau aus Amazu nach Ozu»
  • [S. 98]: «Und Oizo sucht inzwischen» wurde geändert in «Und Oizo suchte inzwischen»
  • [S. 144]: «Männern, Frauen und Kinder» wurde geändert in «Männer, Frauen und Kinder»
  • [S. 178]: «schäumendes und gurgelndes, Wasser» wurde geändert in «schäumendes und gurgelndes Wasser»

Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buches an den Anfang versetzt.

Max Dauthendey

Die acht Gesichter am Biwasee
Japanische Liebesgeschichten

Albert Langen / Georg Müller / München

Auflage 110 000
Copyright 1911 by Albert Langen, München
Printed in Germany

Inhalt

[Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen] 7
[Den Nachtregen regnen hören in Karasaki] 36
[Die Abendglocke vom Miideratempel hören] 65
[Sonniger Himmel und Brise von Amazu] 79
[Der Wildgänse Flug in Katata nachschauen] 96
[Von Ishiyama den Herbstmond aufgehen sehen] 115
[Das Abendrot zu Seta] 137
[Den Abendschnee am Hirayama sehen] 155

Die acht Gesichter am Biwasee

«Neue Brüder sind sichtbar geworden», riefen die Japaner schon vor hundert Jahren. «Bäume, die früher nur dazu da waren, Früchte und Holz zu tragen, Flüsse und Seen, die nur Fische und Seegras anboten, Hügel und Berge, welche Steine und Metalle den Menschen hinhielten, haben jetzt Seele und Gesicht.

Die Seelen der Landschaften sind uns herzliche Brüder geworden. Sie, die bisher unsichtbar waren, zeigen uns heute leidenschaftliche Gebärden.» –

Am Biwasee, der hinter den Bergen, nahe der uralten Kaiserstadt Kioto, liegt, haben die Japaner acht Landschaftsgesichter von unsterblicher Leidenschaft entdeckt.

Die acht Gesichter am Biwasee heißen: Erstens: Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen.

Die Dichter vergleichen die Seele dieses Landschaftsgesichtes mit dem Herannahen einer liebesseligen Schicksalswende.

Zweitens: Den Nachtregen regnen hören in Karasaki.

Dieses Gesicht beschwört die Sprache liebesseliger Vergangenheit und liebesseliger Zukunft.

Drittens: Die Abendglocke des Miideratempels hören.

Dieses Gesicht singt das Lachen einer liebenden Frauenstimme, das weiser macht als alle Weisheit.

Viertens: Sonnenschein und Brise von Amazu.

Dieses Gesicht spricht von Liebesberückung und Liebesbetörung.

Fünftens: Dem Flug der Wildgänse nachsehen in Katata.

Dieses Gesicht spricht von der Geheimschrift der Liebeserklärung.

Sechstens: Den Herbstmond aufgehen sehen in Ishiyama.

Beplaudert und rührt die Wunder der Liebe an.

Siebentens: Das fließende Abendrot zu Seta.

Dieses Gesicht spricht von seliger Blindheit hitziger Liebesleidenschaft.

Achtens: Den Abendschnee am Hirayama sehen.

Die Seele dieses Landschaftsgesichtes spricht vom erhabenen Wahn unglückseliger Liebe.

[Die Segelboote von Yabase im Abend heimkehren sehen]

Hanake hatte allen Körperschmuck, den ein japanisches Mädchen sitzend, trippelnd und liegend zeigen muß, um zu den göttlichen Schönheiten der Vergänglichkeit gezählt zu werden. Ihr Hals war biegsam wie eine Reiherfeder, ihre Arme kurz wie die Flügel eines noch nicht flüggen Sperlings. Saß sie auf der Matte und bereitete ihren Tee, so arbeitete sie vorsichtig wie unter einer Glasglocke. Ging sie abends mit ihrer Dienerin auf den hohen Holzschuhen zum Theater, so war sie unauffällig, als hätte sich ihr Körper mit der Sonne zur Ruhe gelegt, und als ginge nur ihr Schatten mit der Dienerin und der Papierlaterne den Weg zu den Schatten. Lag sie in der Nacht hinter den geschlossenen Papierwänden ihres Hauses mit frisiertem Kopf auf der Schlummerrolle und zog mit den Fingerspitzen den seidenen Schlafsack ans Kinn, so war ihr feines, vom Mond beschienenes Gesicht vornehm, als wäre es aus Jadestein geschnitten und erschien unzerbrechlich und unvergänglich.

Hanake war das reichste Mädchen am Biwasee, nicht bloß reich an der äußeren Schönheit, welche die Frauen ruhig und wunschlos macht, – auch reich an Besitz. Die Götter der Vergänglichkeit hatten sie mit ihren glänzendsten Geschenken, mit Schönheit und Geld, verwöhnt. Aber auch die Göttin der Unendlichkeit hatte ihr eine Seele in die Augen gegeben, so daß ihre Augen weinen konnten, denn die Wollust der Träne ist das höchste Geschenk dieser Göttin.

Lange, ehe der Krieg Japans mit Rußland begann, hörte Hanake in ihrem Hause am Biwasee von Freunden und Freundinnen, die im Sommer über die Berge von Kioto zum Besuch zu ihr an den See kamen, daß die Fremden vom Westen wie böse Heuschreckenschwärme in Japan erwartet würden, um die Männer zu töten, die Frauen zu verschleppen und sich in das Land zu teilen. Auf dem Biwasee würde man dann bald Schiffe sehen, die Rauch ausstießen und die Seetiefe mit Schrauben aufwühlten. Auf Eisen würden bald Eisenwagen, rasselnd wie Gewitterwolken, täglich durch Japan eilen. Diese Wagen würden die Fremden in Massen nach Kioto und an die Ufer des Biwasees bringen. Die leichten Vogelkäfige der Bambushäuser würden verschwinden, und Steinhäuser, wie man sie im Westen der Erde baut, würden zum Himmel wachsen, und überall würde dann Rauch und Eisenlärm sein. Denn die Fremden lieben das Eisenrasseln und können ohne die betäubende Stimme des Eisens nicht leben: sie lieben, das Leben als einen ewigen Krieg anzusehen. Sie sind wie Donnergötter ungeduldig und aufstampfend, und sie werden schlimmer als Wolkenbrüche und schlimmer als Taifun Japan verheeren, so sagte man.

Hanake, die keine Eltern hatte und nur mit ein paar Dienerinnen und Dienern noch das Haus ihres Vaters bewohnte, hörte gruselnd die Berichte ihrer Freunde und erfand mit ihren Freundinnen kleine Spottlieder, welche die Dämonen des Westens verhöhnten, Lieder, die sie abends bei den Bootfahrten in lampenerleuchteten Booten auf dem Biwasee sangen.

Eines Abends – die Sonne war eben untergegangen, der See war hell, als wäre er aus Porzellan, weiß und glänzend, der Himmel war golden, als hätte Hanake eine ihrer Truhen geöffnet, die aus Goldlack waren, und die Geheimfächer enthielten, – trat Hanake auf den Landungssteg, der vor ihrem Haus in den See reichte, und den links und rechts hohes Schilf umwiegte.

In der Richtung nach Yabase erschienen drei Segelboote. Die drei Segel glitten wie senkrechte Papierwände über das abendglatte Wasser. Man sah keine Menschen; denn jedes Segel reichte so tief, daß es das Boot verdeckte. Die aufgepflanzten Segel wurden größer und kamen näher: Hanake fühlte eine Bangigkeit, als kämen mit den drei Segeln drei weiße, unbeschriebene Blätter aus ihrem Schicksalsbuch geschwommen, und plötzlich las sie, als eine Sekunde von Windstille die Segel schlaff werden ließ, ein japanisches Schriftzeichen, zufällig entstanden aus den Falten jeder Segelleinwand. Das erste Boot sagte: «Ich grüße dich.» Das zweite Boot sagte: «Ich liebe dich.» Das dritte Boot sagte: «Ich töte dich.»

Nach der kurzen Windstille, die knappe Sekunden dauerte, wechselte der See seine Farbe; wie vergossene schwarze Tusche über weißes Papier lief eine Finsternis über die Seefläche, und ganz unvermittelt setzte ein trompetender Seesturm ein, der alle drei Segel fast flach auf das Wasser legte, als müßte die Leinwand den Seeschaum reiben; Hanake tat einen Schrei vor Entsetzen, da sie glaubte, die Segelboote müßten unter dem plötzlichen Wind und in den kreiselnden Wellen versinken.

Aber die drei Boote hoben sich wieder. Geschickte Hände regierten die Segel. Doch dieses sah Hanake nicht mehr. Sie hatte zugleich mit dem Schrei, als das aufgeregte Schilf ihr um den Nacken schlug, einen Sprung in die Luft gemacht wie eine elektrisierte Katze und war in das Wasser gefallen; und als sie die Augen öffnete, sah sie ein Rudel Fische und wußte, daß sie unter dem Wasser war, als wäre sie selbst ein Fisch. Dann verlor sie das Bewußtsein.

Als sie aufwachte, lag sie in ihrem Zimmer. Es war Nacht, eine Kerze brannte, und ihre Lieblingsmagd, welche «Singende Seemuschel» hieß, kniete neben ihr und weinte in beide Hände. Man hatte sie umgekleidet, aber sie roch noch das Seewasser, von dem ihr Haar naß war, und sie besann sich sofort wieder auf die drei Schiffe, und ihre erste Frage war: «Sind die drei Segelboote, die aus Yabase kamen, untergegangen?»

Die Magd antwortete nicht, hörte auf zu weinen und streichelte die Hände ihrer Herrin, entzückt, sie wieder lebend zu sehen.

«Sind die drei Segelboote untergegangen?» fragte Hanake beharrlich.

Aber die Singende Seemuschel hatte keine Segelboote gesehen. Die Magd hatte die Herrin auf dem Kies im Schilf gefunden und geglaubt, das junge Mädchen sei von der Landungsbrücke ins Wasser gefallen und habe sich durch einen Zufall selbst gerettet.

«Schiebe die Seefenster auf», sagte Hanake zur Magd. Diese tat, wie ihr befohlen. Draußen lagen der See und der Himmel wie ein einziges schwarzes Loch: kein Stern, kein Mond, kein Licht auf dem See. Hanakes Fenster schienen in einen Abgrund zu schauen, und dem jungen Mädchen war, als müsse sie zum zweitenmal ertrinken, so schmerzhaft wurde ihr die Finsternis draußen. Und in ihrer Brust war eine Leere, so unendlich wie die Nacht über dem Biwasee, als habe sie einen großen Verlust erlitten, als wäre mit den drei Booten ihr Herz fortgezogen; und totenstill war das kleine Bambushaus.

«Schließe die Fenster und hole mir den grauen Papagei, nicht den grünen und nicht den gelben, – den grauen, Singende Seemuschel, den mein Vetter mir vor ein paar Wochen mitgebracht hat aus Nagasaki.»

Die Magd gehorchte, brachte den grauen Papagei und wurde dann von ihrer Herrin schlafen geschickt. Aber sie hörte in der Nacht bis zum Morgen, wie Hanake ihrem grauen Papagei drei Sätze lehrte: Ich grüße dich! Ich liebe dich! Ich töte dich! Und sie sah an der weißen Papierwand den Schatten ihrer Herrin aufrecht neben dem Schatten des Vogels sitzen. Und immer, wenn der Vogel sagen sollte: Ich liebe dich!, dann lachte er so unheimlich knarrend, daß es der Magd gruselte. Während der ganzen Nacht lachten und sprachen Hanake und ihr Vogel zusammen. Und ganz früh rief Hanake zwei Dienerinnen, die sie frisierten, und Seemuschel, die Lieblingsmagd, die alle Verstecke des Hauses kannte, mußte aus dem ältesten Lackkasten zwei winzige kostbare Satsumavasen holen, die sich in der Familie seit Hunderten von Jahren vererbt hatten, und mußte am Seeufer zwei Schwertlilien abschneiden, eine blaue und eine gelbe. Die Vasen mit je einer Lilie wurden von Hanake in eine Nische gestellt und ein auf weiße Seide geschriebenes Gedicht eigenhändig an die Wand gehängt. Das Gedicht hieß:

Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot.
Mein Herz, mein leises,
Mein Auge, mein heißes, –
Die Menschen, die einsam sind,
Sind wie die Boote von Yabase,
Die blaß hintreiben im Abendwind.

Hanake hatte an diesem Tag allen ihren Freunden und Freundinnen absagen lassen und saß drei Stunden vor Sonnenuntergang schon am Fenster, das auf den See sah. Auf dem Seespiegel brannte die Sonne wie ein helles Herdfeuer, und Hanake hielt einen Fächer zwischen sich und das grelle Licht. Aber von Zeit zu Zeit strengte sie sich an, dem Licht zu trotzen, und suchte mit aufmerksamen Augen die funkelnde Seefläche ab und wünschte die drei Segel herbei, die gestern abend ihre Ruhe mit fortgenommen hatten. Auf Hanakes Kleid waren Schwertlilien gewebt, blaue und gelbe auf silbrigem Grund, und ihr Kopf sah aus der silbrigen Seide, als schaute er aus dem Kamm einer hellen Welle.

Sie hatte seit gestern abend noch nicht geschlafen, und das Schauen auf die sonnenfeurige Seefläche brannte ihr fast die Augen aus, so daß sie für einen Augenblick die Augenlider schloß und, ohne es zu wissen, einschlief.

Sie hatte vielleicht eine kleine Stunde geschlafen, da weckte sie der graue Papagei, der ihr auf die Schulter kletterte und ihr ins Ohr krächzte: «Ich liebe dich!» und dazu schnarrend lachte.

Hanake hob das Köpfchen aus der silbrigen Seide und sah am Landungssteg ein großes gerafftes Segel. Das war so nah an ihrem Fenster, daß sie die Segelleinwand an die Maststange klatschen hörte. Sie bog sich vorsichtig aus dem Fenster und sah, daß das Segelboot festgebunden war. Aber im Boot war kein Mensch zu sehen.

Das ist eines der drei Boote, sagte atemstockend ihr heimkehrendes Herz. Aber sie wußte nicht, war es das erste, das zweite oder das dritte Boot.

Da trat ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, herein und brachte einen zusammengerollten Brief.

«O Herrin, diesen Brief sollt Ihr lesen und Euch für einen hohen Besuch bereit halten», flüsterte die Magd.

Im Brief stand: «Gestern, als wir nach Sonnenuntergang bei Deinem Hause kreuzten, schöne Hanake, hatten wir das Unglück, Dich zu erschrecken, aber auch das Glück, Dir das Leben zu retten. Und das allergrößte Glück, Dich zu sehen, um Dich nie mehr zu vergessen, wurde mir zuteil. Ich sende Dir heute meinen treuesten Freund, der Dich gestern rettete, der Dich heute zu mir über den See bringen soll und in meine Arme, die Dich sehnsüchtig erwarten. Ich grüße Dich, Hanake.»

Der Brief war unterschrieben mit dem Namen eines jungen Prinzen aus dem kaiserlichen Hause. Und Hanake wußte als guterzogene Japanerin, daß es eine ungeheure Ehre bedeutete, daß ein kaiserlicher Prinz sie seiner Liebe würdigte, und sie ließ den Freund des Prinzen sogleich zu sich herein ins Zimmer bitten.

Die Diele zitterte, und ein prächtiger junger Mann trat ein. Hanake fiel vor ihm auf die Kniee und berührte mit der Stirn die Diele, wie es die japanische Begrüßungssitte vorschreibt. Aber es war nicht, als ob ein Mensch, sondern als ob ein stürmisches kleines Pferd ins Zimmer gekommen sei. Sie hörte den Mann mit beiden Füßen mehrmals kräftig aufstampfen, und aus seiner Brust drangen ein paar hohle seufzende Laute.

Hanake wartete mit gesenktem Angesicht lange Zeit auf die Anrede des kaiserlichen Gesandten, denn sie durfte sich erst erheben, wenn der Begrüßte sie dazu aufforderte.

Nach einer Weile, als immer noch keine Anrede erfolgte, hob Hanake leicht ihr Gesicht von der Diele, die noch unter den stampfenden Füßen des Mannes zitterte. Wie zwei Steine aus einer Schleuder geworfen, fielen des jungen Mannes starke Augen in des Mädchens blinzelnden Blick. «Ich liebe dich!» schrien ihr diese ungeduldigen Augen entgegen, und Hanake senkte von neuem ihr Gesicht, das abwechselnd weiß und rot wurde, von Blutfülle und Blutschwäche.

«Antworte!» sagte plötzlich der Mann laut.

«Ich liebe dich!» sagte Hanake, tief auf die Diele gebeugt, als wäre die Diele ein Ohr, in das sie hineinflüsterte. Zugleich fiel ihr ein, daß der Befehl «Antworte!» sich wahrscheinlich auf den Brief des Prinzen bezogen habe. Aber es war nicht mehr zurückzunehmen. Ihre Lippen hatten deutlich gesprochen: «Ich liebe dich!» und den zwei Männeraugen geantwortet, die sie gefragt hatten.

Dann fühlte sich das junge Mädchen von zwei hastigen Händen um den Leib gefaßt. Wie ein Häufchen Seide hob sie der ungeduldige Mann hoch und trug sie aus dem Hause, den Landungssteg entlang. In demselben Augenblick hatte sich der Abendwind erhoben, und der seidene Ärmel von Hanakes Kleid bauschte sich und fiel wie eine Kapuze über den Kopf des Mannes, der sie auf den Armen trug. Und als Hanake aufsah, und ehe sie noch den Ärmel zurückziehen konnte, erblickte sie ein zweites großes Segel, das eben an der Landungsbrücke vorbeizog. Ein Schauder, kälter als der Wind, rieselte ihr über die Haut. Denn in dem Boot stand ein Mann, der war kein Japaner. Er hatte keine schöne gelbe Elfenbeinhaut. Er war grau im Gesicht wie Moder, wie ein Stein, der lange auf dem Seegrund gelegen hat, und seine Haut war runzlig wie die Haut der Kröten. Er hatte ein erschreckend gelbes Haar. Das war hell wie Hobelspäne, und seine Augen waren fischblau, und eine unordentliche Seele blickte Hanake wirr an, als stürze ein surrendes häßliches Insekt auf Hanake los und wolle sie stechen. Sie wußte: es war der Amerikaner, der abends hier am Biwasee im Uferschilf Wildenten jagte. Morgens und abends hatte sie oft den Knall aus seiner Jagdbüchse gehört, und dann waren, zu Tode geängstigt, kreischend und entsetzt, Scharen von Wildenten über Hanakes Haus fortgeflogen.

Das junge Mädchen wartete eine Sekunde; es ließ das Boot des häßlichen Fremden vorübergleiten und zog dann erst den Ärmel vom Kopf des Geliebten. Denn daß der Mann, der sie trug, ihr Geliebter war, sagten ihr seine Hände, die beim Tragen Hanakes Blut anredeten und ihr von großen Zärtlichkeiten erzählten, die sie ihr glühend versprachen.

Nach einer Weile ging das Boot vor dem Wind, und drinnen lag Hanake mit dem Kopf zwischen den Knien des Mannes, der wie ein Feuerdrache in Hanakes Haus gestürzt war, und der wie ein großer Zauberer den Biwasee jetzt in ein riesiges Seidenbett verwandelt hatte, darinnen die beiden eingebettet lagen. Und Hanake sah das Wasser ohne Grenzen, den Himmel ohne Grenzen und die Liebe zu dem plötzlich erschienenen Mann ohne Grenzen.

Sie fragte nicht: «Wie heißt du?» Sein Name war ohne Namen. Sie fragte nicht: «Wohin fahren wir?» Ihre Fahrt war ohne Fahrt. Das Segel stand senkrecht zwischen Wasser und Himmel, und sie wußte, das Segel hatte ein Spiegelbild unten im See, so wie ihr Gesicht im Schoß des Mannes das Spiegelbild des geliebten Gesichtes geworden war.

Das Segelboot glitt nah am Schilfufer hin. Das Mädchen verstand: der Mann vermied es, auf die Höhe des Sees zu segeln, damit nicht Boote, die von Yabase kämen, ihnen begegneten.

Da knallte ein Schuß im Röhricht, und braune Wildenten strichen aus dem Schilf heraus aufkreischend über die Seefläche. Ein zweiter Schuß schallt, und Hanakes Geliebter wirft die Arme in die Luft, springt auf, wie von einem Strick in die Höhe gerissen, und stürzt kopfüber in den abenddunkeln See. Kein Schrei; nur das Aufklatschen des Wassers und der Hall der Schüsse am Ufer des Biwasees entlang springt durch die Stille. Hanake greift unwillkürlich mit beiden Händen über den Bootrand in das Wasser, wohin der Geliebte verschwand, und als sie die Hände aus dem Wasser zieht, sind sie blutig. Sie fällt lautlos auf den Boden des Bootes, das im Winde weitertreibt.

Hanakes Diener sehen vom Fenster, daß das Boot, in dem die Herrin fortfuhr, draußen nicht weit vom Ufer steuerlos im Kreise treibt und daß ein anderes Boot aus dem Schilf heraus die Seewölbung ersteigt und hinter dem Wasser verschwindet. Ein paar der Diener schwimmen hinaus und bringen das Boot mit der ohnmächtigen Hanake an den Landungssteg.

Zur gleichen Stunde wie am vorhergehenden Abend liegt Hanake ohnmächtig in dem Zimmer, das auf den See geht, bei derselben Kerze, die gestern brannte, sitzt ihre Lieblingsmagd, die Singende Seemuschel, und wartet auf das Erwachen ihrer Herrin.

Als diese gar nicht zu sich kommen will, kommt die Magd auf den Einfall, den grauen Papagei zu holen, der von den drei Sätzen immer nur den einen gelernt hat: Ich liebe dich. Als sie den Vogel neben die Kerze in das Gemach bringt, schreit er sofort: «Ich liebe dich!» Da zuckt das Gesicht der ohnmächtigen Hanake zusammen, als habe ihr einer einen unendlichen Schmerz angetan. Ihre Lippen seufzen tief auf, ihr Gesicht verändert die Farbe und wird wie Asche im Aschentopf, der neben der Kerze steht. Die Magd beugt sich erschrocken über ihre Herrin, und wie sie noch zweifelt: Ist das der Tod, der Hanake so entfärbt?, da schüttelt der Papagei sein Gefieder, schlägt mit den Flügeln um sich und schreit plötzlich und unvermittelt: «Ich töte dich!»

Die Singende Seemuschel starrt entsetzt den Vogel an, dessen großer Schatten vor der Kerze wie der Schatten eines mächtigen, schwarzen Segels über die Wände des Gemaches fliegt.

Die Magd greift mit beiden Händen nach dem um sich schlagenden Papagei. Der Vogel schreit zum zweitenmal: «Ich töte dich!» Die Hände der Magd packen das Tier und drücken dem Papagei den Hals zu, damit er nicht zum drittenmal das schauerliche «Ich töte dich!» schreien kann. Der Vogel verdreht seine Augen, läßt mit einem Ruck die Flügel schlaff hängen, spreizt die Krallen und hängt als lebloser Vogelbalg in den Händen der Magd.

Hanake schlägt die Augen auf. Die Magd wirft die Vogelleiche auf die Diele und ruft:

«O Herrin, Ihr kommt wieder! Ihr wart weit fort!»

Hanake richtet sich auf, sitzt auf der Diele und sagt in Gedanken:

«Ich glaube, ich komme von den Toten.»

Dann sprach sie lange nicht mehr. Sie sah nicht den toten Papagei. Sie weinte nicht über den Tod ihres Geliebten. Sie ließ sich von der Magd umkleiden, und als ihr diese ein Hauskleid bringen wollte, sagte sie, und ihre Augen sahen durchdringend durch die geschlossenen Wände des Hauses:

«Ich sehe im Abend Boote von Yabase kommen. Ich sehe, man bringt mir ein rotes Scharlachkleid, wie es die Hofdamen tragen. Aber die hundert Segel, die jetzt von Yabase kommen, zeigen in den Segelfalten keine Schriftzeichen mehr. Jedes Segel ist glatt wie eine leere Hand. Hundert leere Hände kommen in mein Haus.

Bringe mir ein weißseidenes Unterkleid, Singende Seemuschel, damit ich das rote Scharlachkleid, das man mitbringt, darüber ziehen kann.»

Die Magd widersprach ihrer Herrin nicht. Sie öffnete nur ein wenig die Schiebewand nach dem See. Aber sie sah keine Lichter von Booten in der Nacht draußen, kein Bootskiel rauschte im Wasser, nur das Schilf zischte unten um das Haus und in der Ferne um den Landungssteg.

Hanake ist hellsehend geworden, dachte die Magd. Dann ging sie durch die Kammern des Hauses nach den Wandschränken, wo die Kleider gefaltet in großen Lacktruhen lagen. Sie ließ sich von zwei Mägden leuchten. Und die eine Magd erzählte halblaut:

«Wißt ihr schon, unsere Männer, die zur Nachtzeit aus Yabase herüberkamen, sagten, man erzählte sich in allen Teehäusern, daß der Freund eines kaiserlichen Prinzen von einem Europäer auf dem See erschossen worden sei. Der blutige Körper des Toten wurde in Yabase auf den Kies gespült, und heimkehrende Boote haben gesehen, wie der fliehende Europäer, der Wildenten im Schilf gejagt hat, durch einen Fehlschuß den Freund des Prinzen tötete. Der Prinz selbst kam dann an das Ufer, wo die Leiche seines Freundes lag. Der Prinz hat seinen Freund lange angesehen, aber nicht geweint, sagen die Leute. Er hat gefragt, ob in der Nacht noch jemand über den See fährt; und als er hörte, daß unsere Männer noch über den See fuhren, sandte er eine kleine Kleidertruhe und ließ sie in das Boot unserer Männer stellen. Die Truhe ist für Hanake. Morgen, ehe die Sonne im Mittag steht, wird der Prinz selbst zu Hanake kommen, sagte ein kaiserlicher Diener heimlich zu unsern Männern.»

«In der Truhe ist ein rotes Scharlachkleid für Hanake», sagte die Singende Seemuschel zu den Mägden.

«Woher weißt du das?» fragten beide Mägde erstaunt. «Niemand durfte bis jetzt in die Truhe sehen.»

«Wir wissen das bestimmt», nickte die Gefragte.

Sie nahm das weißseidene Unterkleid über den Arm und schickte die Mägde in die Küche. –

Am nächsten Tag um die Mittagstunde kam ein Segel auf Hanakes Haus zu.

Die Singende Seemuschel sagte zu Hanake, die im Purpurkleid auf der Altane saß und weiß und rosa geschminkt war, so dick gepudert und geschminkt, als verbärge sie das Gesicht hinter einer rot und weißen Maske:

«Das ist nicht der Prinz, der da kommt. Denn ich sehe nur ein Segel, Herrin, und Ihr sagtet gestern nacht voraus, es würden hundert Segel kommen. Alles, was Ihr sagtet, als Ihr von den Toten erwachtet, ist eingetroffen. Wenn aber der Prinz nur in einem Boot kommt, dann habt Ihr Euch geirrt, weil Ihr von hundert Booten gestern redetet.»

«Schweig und empfange den Prinzen», sagte Hanake mit einer fast männlichen Stimme, die die Magd nie an ihr gehört hatte. «Geh mit allen Mägden und allen Dienern dem Prinzen zur Landungsbrücke entgegen, denn ich kann noch nicht gehen, meine Füße zittern noch. Ich kann den Prinzen nur hier im Hause empfangen.

Als ich im Tode lag unter den Toten, aber mit meinem Geliebten nicht vereinigt war, fragte meine Seele alle Toten:

‚Was habe ich getan, daß ich meinen Geliebten nicht unter den Toten finde?‘

‚Du hast noch dem Leben verweigerten Gehorsam zu geben,‘ sagten die Toten, und ich erwachte wieder.

Ich weiß es, ich habe gefrevelt. Ich habe meinen Leib einem Prinzen, einem Sohn des Himmels, entziehen wollen und habe einen andern Mann umarmt. Aber der Geliebte konnte meinen Leib nicht mit in den Tod nehmen weil ich erst lernen mußte, dem Leben zu gehorchen.»

Die Magd weinte über Hanakes Worte. Aber Hanake verbot es ihr und sagte:

«Wir wollen nicht neuen Ungehorsam auf dies Haus laden. Ich darf nicht weinen, wenn ich auch bis an die Augen voll Trauer bin. Meine Füße aber zittern, und ich kann dem Prinzen nicht entgegen gehen. Ich kann meine Füße noch nicht zum Gehorsam zwingen.

Wenn der Prinz dich fragt: ‚Wo ist Hanake?‘, sage, und laß dir nichts merken, sage: ‚Verzeihung, Sohn des Himmels, meine Herrin trauert um ihren toten Lieblingspapagei. Aber wenn meine Herrin des Prinzen Angesicht sieht, wird ihre Trauer zur Freude werden und doppelt glänzen, wie dein weißes Segelboot, o Herr, im Biwasee.‘» –

Und wie der Schiller auf starrem, poliertem Porzellan glänzte Hanake bis zum Abend, so lange der Prinz in ihrem Hause war und mit ihr spielte. Und auch als sie ihr Scharlachkleid öffnete und ihren kleinen weißgepuderten Leib nackt in die Arme des Prinzen legte, sang sie Lieder und zwitscherte mit den Lippen. Der Prinz sagte am Abend:

«Dein Leib ist mir lieb, weil er kühl ist wie die Schneeflocken und mich aufweckt wie die Kälte am Wintermorgen.

Und nun singe mir noch zum Abschied das Lied vom Biwasee, das nur auf weiße Seide geschrieben werden darf.»

Die Singende Seemuschel saß hinter der Papierwand im Nebenzimmer, wo sie die Gitarre spielen mußte, so lange der Prinz die nackte Hanake umarmte. Aber als die treue Magd hörte, daß der Prinz das Lied von ihrer Herrin verlangte, das nur eine sehnsüchtig Liebende singen darf, da konnte sie sich nicht mehr des Schluchzens erwehren. Und während die Hände der Singenden Seemuschel auf der Gitarre spielten, wimmerte ihre schluchzende Brust.

Hanake, die in ihr Scharlachkleid schlüpfte, raschelte mit der Seide, damit der Prinz das Wimmern der Magd nicht höre. Dann wollte sie singen. Aber der Prinz fragte, ehe sie begann:

«Weint jemand hinter der Wand?»

«O nein», lächelte Hanake, «das sind nur Brieftauben, die ich in einem Käfig halte, und ihre Kröpfe glucksen, weil sie zu viel gefüttert wurden.»

«Singe jetzt!» sagte der Prinz.

Das Wimmern hinter der Papierwand verstummte, und Hanake sang das Lied:

Auf dem See steht ein weißes segelndes Boot.
Mein Herz, mein leises,
Mein Auge, mein heißes, –
Die Menschen, die einsam sind,
Sind wie die Boote von Yabase,
Die blaß hintreiben im Abendwind.

Hanake hatte während des Singens ihren Kopf in den Schoß des Prinzen gelegt und mit offenen Augen zur Decke gestarrt. Ihr Körper war in derselben Stellung wie an jenem Abend auf dem Biwasee im Boot, als sie mit dem Kopf im Schoß ihres Geliebten gelegen.

Plötzlich fährt Hanake, wie von einem Schuß getroffen, auf. Sie wirft die Arme in die Luft und fällt ohne Aufschrei auf die Diele, wo sie in tiefer Ohnmacht liegen bleibt.

Der Prinz wird blaß. Auf seinen Ruf kommt die Magd hinter der Papierwand vor. Der Prinz sieht die verweinten Augen derselben und denkt, daß Magd und Herrin wirklich in Trauer seien über den toten Papagei. Er ist erstaunt darüber und sagt: «Deine Herrin ist noch schwach von Trauer über ihren toten Papagei. Pflege deine Herrin; und wenn sie aufwacht, sage ihr, ich käme morgen abend und hundertmal wieder.»

Die Magd verneigt sich vor dem Prinzen, sie verbirgt ihre verweinten Augen und lügt:

«Sohn des Himmels, verzeiht meiner Herrin! Aber der Tod ihres Papageis ging ihr nicht so sehr zu Herzen wie jetzt der Abschied von Euch. Die Trauer darüber hat sie gleich einer Ohnmacht überfallen.» –

Als Hanake wieder zu sich kommt, sieht sie fern im Abend über dem Biwasee das verschwindende Segel des kaiserlichen Bootes, und das Kielwasser treibt eine lange schwarzlinige Welle von der Mitte des Sees bis an Hanakes Haus.

Hanake murmelt: «Die Magd sagt: hundertmal wird er wiederkommen! Ich will lieber hundert verschiedene Männer umarmen, ihr Götter! Erlaßt es mir, einem Mann Liebe heucheln zu müssen hundertmal hintereinander. Ich schwöre euch: ich will mich lieber auf dem Liebesmarkt zu Tokio hingeben, wo fünftausend Mädchen sich jede Nacht einem andern Mann anbieten. Aber erlaßt mir, o Götter, die Qual und bindet mich nicht hundert Nächte an den einen Mann, der sich einredet, daß ich ihn liebe.»

Die untergehende Sonne schminkte den Himmel wie das Gesicht eines Freudenmädchens. Karminrosig und violett silbrig färbten sich alle Wolken über dem Biwasee, wie die fünftausend Mädchengesichter auf dem Liebesmarkt zu Tokio.

Dann hörte Hanake lautes Gelächter, laute Männer- und Frauenstimmen, das Räderrasseln von kleinen Rikschawagen und das Geschrei von Kulis. Eine Schar ihrer Freunde und Freundinnen war in Wagen und Tragsesseln von der Landstraße hergekommen und rief jetzt von draußen ins Haus nach Hanake. Dann drängten die Gesichter ihrer Freunde und Freundinnen in das Nebenzimmer, und Hanakes Gesicht wurde wieder höflich und freundlich und unbeschrieben wie eine weiße Eierschale.

Sie warf noch rasch einen Blick aus dem Fenster. Das Segel des kaiserlichen Bootes war hinter der Seehöhe verschwunden. Der See lag gradlinig, und nur wie eine kleine, schwarze Schnur zog sich am Horizont das Kielwasser des verschwundenen Bootes hin. Die Kielwelle erreichte nicht mehr Hanakes Haus und verlor sich wie ein abgerissenes Band draußen auf der Seefläche.

Hanakes Herz war leichter. Sie trat aus dem Seegemach in das nebenanliegende Gemach, in das die Freunde hereindrängten. Das Haus war jetzt voll von zwitschernden Frauenstimmen und gurgelnden Männerkehlen, die den Atem auf japanische Sitte laut und achtungbezeugend einzogen.

Nachdem alle eine Weile voreinander auf den Knien gelegen hatten und sich verbeugt hatten, rutschten alle zusammen, bildeten einen Halbkreis um Hanake und hockten auf den Seidenkissen am Boden, und das Zimmer war laut wie ein Baum, in dem eine Sperlingschar plaudert.

Gerüchte, daß ein kaiserlicher Prinz sich nach Hanake umsähe, hatten sich bei den Freunden verbreitet; aber niemand wußte Genaues, und niemand wußte vom Besuch des Prinzen. Alle waren des Mordes wegen gekommen, der sich auf dem See in der Nähe von Hanakes Haus ereignet haben sollte. Sie wollten wissen, ob Hanake den Schuß gehört habe? Ob der Europäer fehlgeschossen oder auf den Japaner gezielt habe? Ob Hanake damals am Fenster gestanden habe? Und ob nach dem Schuß das Seewasser rot von Blut gewesen sei? –

Hanakes Gesicht verlor keinen Augenblick die starre Politur. Die Magd hatte ihr, als sie aus der Ohnmacht aufgewacht war, das Scharlachgewand ausgezogen und ihr ein blaues Gewand gereicht, auf dem nur Seewellen und Wolken eingewebt waren, und hatte die Schminke und den Puder erneuert und den klingenden Haarschmuck in ihrem Haar fester gesteckt, als man das Herannahen der Freunde hörte.

Jetzt reichten die Singende Seemuschel und die anderen Mägde den Gästen Tee und Pfefferminzzucker herum und kleine, winzige Kuchenwürfel.

Als die Schar der Fragen sich wie eine Dornenhecke um Hanake aufbaute, suchte die Singende Seemuschel nach einem rettenden Gedanken, um ihrer Herrin zu helfen. Sie lief fort, holte den toten Papagei, kam wehklagend herein und sagte:

«Ach, Herrin, seht, der Papagei liegt im Sterben!»

Aber wie war sie verblüfft, als Hanake sie abwies und lächelnd zu den Gästen sagte:

«Ich glaube, meine Magd ist irrsinnig geworden von der Ehre, die uns heute widerfuhr. Sie zeigt mir den Papagei, der seit gestern tot ist, und der uns heute schon helfen mußte, einen kaiserlichen Prinzen zu belügen.»

Im Zimmer wurde es still, wie wenn alle Spatzen aus einem Baum fortgeflogen sind.

Alle Gäste verstanden, daß der Prinz dagewesen war, alle verstanden, daß Hanake ihn nicht liebte; und daß man einen Prinzen belügen könnte, war ihnen auch noch verständlich. Aber welch ein Frevel, laut über den Sohn des Himmels zu spotten und einzugestehen, daß man ihn belogen hatte!

Als wären allen Gästen die Teetassen aus den Händen gefallen, und als wäre der Tee vergossen, so erschrocken saßen alle und starr. Keiner rührte mehr einen Teeschluck an. Und als Hanake mit kalten, glitzernden Augen sagte:

«Der Prinz wird nicht von dieser Lüge sterben. Ich bin auch nicht an seiner Liebe gestorben», – da schlossen die Freundinnen vor Schreck ihre Augen. Die Männer richteten sich auf, und wie eine Schar Krebse, die nach rückwärts krabbelt, verließ die Freundesschar das Gemach, teils aus Furcht, weil in diesem Haus gegen den Sohn des Himmels gefrevelt wurde, teils erschrocken, vor Hochachtung, weil die Luft hier noch voll sein mußte von der Leidenschaft und der Nähe des kaiserlichen Prinzen.

Unter kaum hörbar gewisperten Entschuldigungen verließen die letzten das Haus, bestürzt und eilfertig, als wären die Zimmer des Hauses voll Feuer, das sie alle verbrennen könnte.

Hanake aber ließ das Zimmer aufräumen, ließ sich von der Singenden Seemuschel eine Schlummerrolle unter das Genick schieben, streckte sich auf der Diele aus und schlief fest ein.

Am nächsten Abend erschien ein Segel auf der Seehöhe. Es kam wie ein selbstbewußter Schwan lautlos auf Hanakes Haus zugeschwommen. Aber die Landungsbrücke bei dem Hause blieb leer. Nur die Köpfe der Schilfblüten bewegten sich und verneigten sich vor dem kaiserlichen Boot und vor dem Prinzen, der ans Land stieg.

Die Papierfenster und die Bambustüren von Hanakes Haus waren geschlossen und öffneten sich nicht, als der Prinz klopfen ließ. Wie eine Laterne ohne Licht lag am See das gegitterte Holzhaus mit den weißen Papierscheiben. Ein vorüberfahrender Schiffer in seinem Boot sagte den Leuten des Prinzen, daß Hanake am Morgen alle ihre Dienstboten entlassen habe. Sie habe ihr Haus zugeschlossen und sei nur mit einer Magd auf ihrem Segelboot in den See hinausgefahren; aber niemand wußte, wohin die Fahrt gegangen.

Das kaiserliche Boot kreuzte die ganze Nacht auf der Seefläche in der Nähe von Hanakes Haus. Aber die Papierfenster des Hauses blieben dunkel, und das lautlose kaiserliche Boot verschwand gegen Morgen hinter der Seehöhe.

Am nächsten Abend kamen hundert kaiserliche Segelboote von Yabase. Sie kamen an wie hundert weiße Fächer, die sich über den See spannten. Sie kreuzten über den ganzen Biwasee, während der ganzen Nacht, von Ozu bis Yabase, von Karasaki bis Katata, von Seta bis Amazu. Und als leuchteten sie in die Unterwelt des Sees, so zogen sie die hellen Scheinbilder der hundert weißen Segel durch die Seetiefe nach sich.

Die nächsten Abende wiederholte sich das Schauspiel der hundert Segelboote, die Hanake suchen sollten, und die sich durch den Seenebel verteilten wie hundert weiße Seidenspinnerschmetterlinge, die in einem grauen, riesigen Spinnenwebnetz hängen geblieben wären. –

Jede kleine japanische Stadt eröffnet abends einen Liebesmarkt, der sich Yoshiwara nennt. Der Yoshiwara in Tokio ist einer der größten Liebesmärkte in Japan, wo die schönsten Mädchen vom Inland und aus allen Provinzen zusammenkommen, wo sich verwaiste Mädchen vom Ertrag der Liebe zu ernähren suchen, wo verarmte Mädchen mit dem Erlös der Liebe ihre alten Eltern zu erhalten suchen. Auf diesen Liebesmärkten verkauft sich die Liebe natürlich und schandlos.

Unschuldig und feurig, wie die Sterne der Milchstraße nachts am Himmel, beleuchten sich nach Sonnenuntergang die schöngepflegten, sauberen und breiten Straßen des Liebesmarktes. Das große eiserne Gitter, das den Stadtteil des Liebesmarktes von der Stadt trennt, steht, von Polizisten bewacht, weit offen. Hinter dem offenen Tor, in der Mitte der Eingangsstraße, zieht sich im Frühlingsabend eine rosige Wolke hin durch die Luft: die rosigen Blüten blühender Kirschbäume, welche in der Mitte der Straßenlinie eingehegt stehen.

Links und rechts von der Straße beleuchten die kleinen, einstöckigen Häuser mit milden, weißen, langen Lampionketten ihre Balkone.

Lautlos und feierlich und ruhig beleuchtet, liegt hier der Weg offen zu den fünftausend Mädchenschönheiten. In den weiten Seitenstraßen, welche die Eingangsstraße kreuzen, beginnt der Liebesmarkt. Hier stehen saubere, ebenfalls mit weißen Lampenketten erleuchtete Häuser. Die Erdgeschosse aller dieser Häuser zu beiden Seiten der Straße zeigen große, offene, vergoldete Gemächer. Die sind durch hölzerne Gitterstäbe wie goldene Käfige von der Straße getrennt und innen beleuchtet von elektrischen Glühbirnen.

In jedem langen Gemach sitzen in einer Reihe der Straße entlang dreißig bis fünfzig junge, schmalschultrige Mädchen, in blumige kostbare Seidengewänder gehüllt. Jede sitzt auf einem kleinen Seidenkissen, wie ein Schaustück in einem Schaufenster.

Die langen Reihen der weißgepuderten und rosageschminkten Gesichter, unter schwarzen, hohen Frisuren, die mit goldenen Nadeln bedeckt sind, enden nicht. Und Viertelstunde um Viertelstunde kannst du durch die Straßen gehen, vorüber an den Heeren der Tausende von jungen Mädchen.

Die Wände jedes Gittergemaches sind schwer geschnitzt. Aus Goldlack und rotem Lack stehen lebensgroße Bäume darin, springen lebensgroße Tiger und Drachen an den Lackwänden entlang, fliegen lebensgroße Kraniche und Paradiesvögel, größer als die kleinen Mädchen, an den Wänden der Gemächer hin.

Wie dreißig weiße Perlen, in einer Reihe aufbewahrt in einer goldenen oder roten Truhe, leuchten perlenweiß die eirunden gepuderten Mädchengesichter in jedem Gemach. Mal sitzen da dreißig in eisvogelblauen Gewändern, mit scharlachnen Blumen bestickt, mal dreißig in smaragdgrünen Gewändern, mit karmoisinroten Blumen bestickt, mal fünfzig in weißen Gewändern, mit regenbogenfarbigen Schmetterlingen bestickt, mal fünfzig in schwarzen Gewändern, darunter die Schleppen von rosa-, grün- und blauseidenen Gewändern abgestuft vorschauen.

Jedes Mädchen hat neben sich einen großen Porzellantopf, darin Holzasche um Kohlenglut liegt. Sie rauchen kleine silberne Pfeifen, in die nur eine Prise Tabak geht, nicht mehr, als Daumen und Zeigefinger zu einer kleinen Tabakkugel drehen können, und zünden diese mit einem Stückchen Kohle in feiner, silberner Zange an. Die eine frisiert sich vor ihrem kleinen Spiegel; die andere schreibt mit einem Tuschepinsel auf ihrem Schoß auf einem langen Reispapierstreifen einen Brief; die nächste trinkt Tee aus einer fingerhutgroßen Tasse; und wieder eine fächelt sich, und wieder eine andere liest in einem kleinen Büchlein einen Roman. Eine zupft eine Mandoline, und eine andere wispert ein Lied dazu. Eine kommt an das Gitter getrippelt, hebt vorsichtig ihre drei Schleppen, winkt vorsichtig ein paar Fremden; eine andere kommt an das Gitter und plaudert mit Mutter und Geschwistern, die zum Besuch auf der Straße stehen, freundlich und bescheiden.

Eine vielhundertköpfige Menschenmenge, Männer, Soldaten, Frauen und Kinder, ziehen gesittet, flüsternd und lächelnd, mit hell beschienenen Gesichtern, durch die erleuchteten Straßen, vorüber an den vergitterten Gemächern der Erdgeschosse. Und stundenlang bis nach Mitternacht wandern die Volksmengen jeden Abend vor den fünftausend Mädchen auf und ab, stehen als Besucher an den Gittern, treten als Besucher in die Häuser, kaufen sich Gesang, Musik, Tanz und Liebe, nachdem jeder Mann auf der Straße unter den Dreißig eines Gemaches seine Wahl getroffen hat.

Hier in eines der Häuser des Tokioyoshiwara trat Hanake mit ihrer Magd ein und blieb hundert Nächte, um hundertmal ihren Leib zu verkaufen, wie sie es den Göttern versprochen hatte, um sich dadurch frei zu kaufen von dem Gehorsam gegen den Sohn des Himmels.

Sie verkaufte sich jungen Männern, welche die Liebe kennen lernen wollten, und alten, von der Lebenssorge abgetöteten einsamen Männern, welche die Liebe noch einmal erleben wollten, ehe sie starben; sie verkaufte sich den in den Krieg gehenden Soldaten und den aus Schlachten heimgeschickten Invaliden; sie verkaufte sich Studenten, Handwerkern, Adeligen und Kulis. Nur den Ausländern, den Europäern und Amerikanern, verweigerte Hanake ihren Leib.

Aber eines Abends kam ein junger Amerikaner, ein hübscher Marineoffizier, in das Haus und forderte für sein gutes Geld vom Hausbesitzer Hanake. Es war in den Tagen, da die amerikanische Flotte im Hafen von Yokohama lag und die Amerikaner der japanischen Nation einen Ehrenbesuch machten. Vom Stadtgouverneur war der Befehl ergangen und an den Straßenecken angeschlagen: «Japaner! Ihr dürft nicht vor den Europäern ausspucken! Ihr dürft ihnen auch keine Stöcke in den Weg werfen, daß sie stolpern. Auf den Straßen sollt ihr nicht zu dicht neben den Europäern gehen, immer drei Schritte von ihnen weg. Ihr sollt alle europäischen Barbaren überhaupt höflich behandeln, als wenn sie gesittete Asiaten wären. In den Besuchstagen der amerikanischen Flotte soll kein Mädchen in den Yoshiwaras sich einem Ausländer verweigern dürfen.»

Hanake verweigerte sich trotzdem. Und da es gerade die hundertste Nacht war, in der sie den Göttern abgedient hatte, floh sie mitten in der Nacht samt ihrer Magd durch eine Hintertür aus dem Yoshiwarahause, ließ ihre Kleidung und ihren Schmuck zurück und eilte in ihren Alltagskleidern aus dem Yoshiwara. Verhüllt und unbemerkt, entkam sie im Gedränge der vielhundertköpfigen Menge. Sie trug nichts bei sich als einen kleinen Vogel in einem winzigen Käfig.

Eines der Mädchen in dem Yoshiwara hatte ihr eine Stunde vor der Flucht den Vogel verkauft, eben als der amerikanische Offizier in das Haus trat. Im Schreck der Flucht hatte Hanake den Vogelkäfig krampfhaft in der Hand behalten, ohne ihn loszulassen.

Der Vogel war ein Nachtigallenmännchen und saß verblüfft in dem kleinen Käfig, denn er war eben erst von seinem Weibchen, mit dem er einen andern Käfig geteilt hatte, getrennt worden.

Die beiden Frauen wollten den Vogel unterwegs füttern, aber er fraß nicht. Sie reisten beide mit dem wunderlichen Vogel in der Nacht mit dem nächsten Zug nach dem Biwasee und kamen am nächsten Mittag wieder in Hanakes Haus am See an.

Die Magd öffnete die Fenster und ließ frische Luft durch die Kammern streichen. Es war Herbst geworden, und mit jedem Luftzug flogen welke Blätter von den Uferbäumen herein.

Das Seewasser zeigte nicht mehr die blaue Sommerfarbe, es war tiefgrün. Die Sonne stand schräg und warf gespenstige Schatten. Das lebhafte Schilf war abgemäht, und die Stoppeln standen lautlos und tot.

Aber Hanake wurde von der Herbstwelt nicht traurig gestimmt. Das Leben im Yoshiwara ging noch in lauten Bildern durch ihr Blut. Sie war täglich hundertmal bewundert worden, hatte hundertmal gefallen, hatte hunderttausendmal lachen müssen, ohne lachen zu wollen, war hundertmal umarmt worden, ohne eine Umarmung zu ersehnen. Die Bewunderung war ihrem Körper zur Gewohnheit geworden. Hanake wußte jetzt fast nicht mehr, warum sie einst aus diesem Hause hier am See fortgegangen war. Sie hatte den Tag mit dem Prinzen beinah ganz vergessen, sie hatte kaum noch den Abend mit dem Geliebten in Erinnerung. Sie hörte nur noch den Schuß im Ohr und sah sich noch im Boot auf dem Schoße ihres Geliebten liegen, wenn sie wollte. Aber sie konnte sich nicht mehr des Gesichts ihres toten Geliebten erinnern, nicht mehr seine Stimme erinnernd zurückrufen. Die Hunderte von Gesichtern und Stimmen, die im Yoshiwara Hanake bewunderten, hatten das Gesicht und die Stimme des Geliebten aus ihrer Erinnerung verdrängt. Hanake war auch darüber nicht traurig, nur verwundert.

Es wurde Abend. Die Magd hatte das Haus bestellt. Da bemerkte Hanake das kleine halbtote Nachtigallenmännchen im Käfig und dachte: «Ich will dich fliegen lassen, kleiner Vogelmann. Vielleicht fliegst du zurück ins Yoshiwara nach Tokio zu deinem Weibchen.»

Sie öffnete den Käfig. Da schoß der kleine Vogel heraus. Aber anstatt aus dem offenen Fenster zu fliegen, warf er sich wie ein Wütender in Hanakes Frisur und riß wie wahnsinnig geworden mit den beiden kleinen Krallenfüßen in den Haaren des erschrockenen Mädchens und fiel dann wie tot an Hanake herunter auf die Diele.

Hanake zitterte vor Schreck und sank in die Knie. Sie verstand, daß das Vogelmännchen, das sie von dem Weibchen getrennt hatte, sich an ihr rächen wollte und vor wütender Aufregung gestorben war.

Hanake hielt die Finger an ihr schmerzendes Haar. Aber es war, als sei der Liebesschmerz des Vogels in ihr Herz gedrungen und habe auch in ihrer Seele wieder alle Liebeserinnerungen geweckt.

In der Ferne auf dem See tauchten drei Segel auf. Sie zogen der Seelinie entlang, langsam, und verschwanden. Hanake erkannte, als sie vom See weg auf die weiße Wand ihres Zimmers sah, plötzlich wieder in der Erinnerung das Gesicht ihres Geliebten. Sie schauderte vor Entzücken.

Sie wollte das Gesicht des Geliebten mit ihren Augen auf der weißen Wand festhalten. Aber die Gesichtszüge verschwanden, und die Erinnerung erlahmte wieder, und Hanake wurde verstört und tief traurig.

«Kleiner Vogel», seufzte Hanake, «zeige mir den Weg zu meinem Geliebten!»

Der kleine Vogelkörper zuckte plötzlich auf der Diele zusammen und flatterte taumelnd an die Papierwand. Dort stand in einer Nische neben einer Blumenvase ein winziger Lackkasten. Der um sich schlagende Vogel warf das Lackkästchen aus der Nische. Die winzige perlmutterbeschlagene Schublade des Kästchens fiel heraus, und der Vogel stürzte dann tot zur Diele. Aus der offenen Schublade aber flatterten im Windzug ein paar Seidenpapiere zu Hanake hin.

Zwischen den Seidenpapieren lagen kleine Stückchen des platten Schaumgoldes, womit die Japaner ihr Briefpapier schmücken. Aber Hanake verstand auch den tödlichen Wert, den das Schaumgold für den Lebensmüden hat. Rasch entschlossen, legte sie sich ein paar Blättchen des dünngefalzten Rauschgoldes auf die Lippen, tat ein paar Atemzüge und hüllte ihr Gesicht in die Ärmel ihres Kleides. Dann sank sie erstickt auf die Diele am offenen Fenster hin.

[Den Nachtregen regnen hören in Karasaki]

Kiri war der einzige Sohn der «Wolke vor dem Mond», – so hieß seine Mutter. Sein Vater war Fischer, und außer einem Kahn und den Fischfanggeräten und einer kleinen, struppigen Strandhütte besaßen Kiris Eltern nichts.

«Doch wir sind reicher», sagte Kiri immer, «reicher als die Reisfelderbesitzer in den Bergen am Biwasee, reicher als die Kaufleute von Ozu. Unser Besitz ist größer als die Hauptstadt Kioto. Denn uns Fischersleuten gehört der ganze Biwasee und alles was darin ist; der Biwasee ist unser Königreich.»

In Karasaki verspotteten die Mädchen den Kiri, der stets den Biwasee als sein Eigentum aufzählte, wenn man von Geld und Vermögen sprach; und sie nannten ihn den Fischkönig von Karasaki.

Aber immer am ersten April, wenn alle Häuser eine Bambusstange aufs Dach oder vor die Tür stellten und der Hausvater meterlange Papierfische an der Stangenspitze befestigte, so viel Fische, wie ihm seine Frau in der Ehe Knaben geboren hatte, dann war immer Kiris trostlosester Tag gewesen. Auf ihrer Strandhütte zappelte nur ein einziger Fisch, während drinnen über den Dächern von Karasaki Hunderte von Fischen wie Fahnen die Luft füllten. Kiri fand sein Vaterhaus dann sehr traurig; und das Wort Fischkönig, das ihn sonst gar nicht ärgerte, schien am ersten April gar nicht auf Kiri zu passen. So lange er Knabe war, hatte er sich an diesem Tag versteckt und sich fern von Kindern gehalten, weil er sich für seinen Vater und seine Mutter schämte, die ihn als einziges Kind im Hause hatten und am großen Fischfesttage nur einen einzigen Fisch auf der Bambusstange vor der Haustür waagrecht im Winde flattern ließen.

Kiri war jetzt siebzehn Jahre und dachte ans Heiraten. Zwei Mädchen kamen für ihn in Betracht: eine kleine Teehaustänzerin, die nicht mehr jung war, aber etwas Geld beiseite gelegt hatte, da sie einmal sehr schön gewesen und gewisse Liebesumarmungen besser verstanden hatte als andere Teehausmädchen. Sie hieß «Perlmutterfüßchen» und war Kiri besonders von seiner Mutter und von seinem Vater dringend zur Ehe empfohlen.

Die andere war eine Traumerscheinung, ein Mädchen, von dem er immer träumte, wenn er den Nachtregen über Karasaki regnen hörte.

Diese Auserwählte war sein persönliches Geheimnis. Kein Bewohner von Karasaki hatte sie je gesehen. Keiner der Menschen, die rings um den Biwasee wohnen, war ihr je begegnet. Nur Kiri allein wußte, wie sie aussah; aber weder seinem Vater noch seiner Mutter, «der Wolke vor dem Mond», erzählte er jemals von diesem Mädchen. Jetzt im März, im Vorfrühling, lag Kiri in einer Nacht allein draußen auf dem See, hatte eine Kienfackel am Kiel des Bootes befestigt, das große Netz ausgeworfen und ruderte langsam, vom rötlichen Feuerschein umgeben, über das Wasser, das schwarz wie Nachtluft war, und das ihm vertraut war wie die Diele seiner Elternhütte. In dieser Nacht rauschte der See nicht, und soviel Kiri auch horchte, kein Fisch rührte sich und schnellte auf. Es war, als sei der See drunten fischleer wie der Himmel droben. Trotzdem kein Nebel war, verwunderte sich der junge Fischer allmählich, daß ihm nicht ein einziges Fischerboot begegnete, und daß auffallenderweise nicht ein einziges Fackellicht von anderen fischenden Booten in der dunkeln Runde zu bemerken war. Nur Kiris Kienspan knisterte und paffte. Aber keine Welle funkelte, und zum ersten Male wurde es Kiri unheimlich auf dem altbekannten, treuen, guten See. Die Ruder ruderten widerstandslos, als zerteilten sie gar kein Wasser. Kiri zog zuletzt die Ruder ein und getraute sich nicht mehr, den See zu berühren. So oft er auch das Fischnetz hob, – es war leer, und nicht die kleinste Seemuschel und nicht der kleinste Fisch, – nichts hing in den nassen Maschen.

Wie Kiri noch lag und nach allen Richtungen horchte, um Geräusche von fernen Ufern aufzufangen, da er nicht mehr wußte, ob sein Boot auf der Seehöhe oder in Landnähe sei, da tauchte im roten Schein seiner Kienfackel am Kiel ein ovaler Fleck auf, ähnlich dem aufgehenden Mond über der Seelinie. Kiri griff erleichtert zu den Rudern und wollte dem blassen Fleck entgegenfahren. Aber sein Boot schien sich nicht mehr vom Fleck zu rühren, soviel er auch ruderte.

Nun wußte Kiri, daß eine der Seeverzauberungen über ihn und sein Boot gekommen war, daß der Seebann, vor dem sich alle Bewohner von Karasaki fürchten, sein Boot festhielt, und daß das blasse Licht, das durch den rotbraunen Fackelschein ihm entgegensah, das Gesicht eines Seedämons war, dem er nicht mehr ausweichen konnte.

Die Kienfackel hörte auf zu paffen, brannte eine Weile lautlos; dann schrumpfte ihr Licht ein, als wäre die Fackel ins Wasser gefallen. Und das alte vertraute Boot, in dem Kiri von Kindheit an geatmet, gearbeitet, gegessen und geschlafen hatte, war schwarz geworden wie die Nachtluft und wie das Seewasser. Kiri fühlte nicht mehr den Bootrand. Vielleicht war auch sein Körper jetzt Luft, bezaubert von dem fahlen Gesicht des Dämons, der nun erscheinen sollte. Kiri erwartete eine Schreckensgestalt, einen Seedrachen mit zackigen Flügeln, einen Riesen, der den Kopf nicht auf den Schultern trüge, sondern dem er aus dem Bauch wüchse, dort, wo sonst bei den Menschen der Nabel ist.

«Guten Abend, Kiri», sagte ganz einfach eine Stimme im Dunkel. «Warum hast du kein Licht an deinem Boot?» sagte die Stimme eines Mädchens. «Kannst du nicht etwas Licht anzünden? Ich habe meinen Feuerstein ins Wasser fallen lassen und bin auf dein Boot zugerudert, ehe deine Fackel auslöschte. Kiri, schläfst du? Höre doch und mache Licht!»

«Wer bist du?» getraute sich Kiri erleichtert zu fragen.

«Mach Licht, dann wirst du mich sehen. Du kennst mich gut, Kiri. Verstell dich nicht und erkenne mich! Erinnerst du dich nicht mehr», sagte die Stimme im Dunkel, «weißt du nicht mehr, wo wir uns zum letzten Mal verließen?»

«Nein, ich kenne dich noch nicht», gab Kiri zurück. Und sein Herz suchte in allen seinen Erinnerungen. Und wie er grübelte, wurde es seltsamerweise Tag, und Kiri sah keinen See, keine Ufer, – er lag auf der Altane eines Hauses, das er gut kannte, aber in dem er lange nicht gewesen war; neben ihm auf einem flachen Seidenkissen saß ein schönes junges Mädchen und sagte: «Samurai, kennst du mich jetzt?» Und er sah sie an und grübelte wieder in seinen Erinnerungen und sah über das Altanengeländer einen Zwerggarten mit kleinen Brücken und kleinen Felsen. Und unter einer der kleinsten Brücken ging eben das letzte Stückchen der Abendsonne unter. Und Kiri grübelte, und der erste Stern erschien über dem lautlosen Zwerggarten. Aber der junge Mann erkannte das Mädchen nicht, und er erkannte auch das Haus noch nicht, trotzdem er wußte, daß es sein Haus war. Doch es lag nicht am See, und es war kein Fischerhaus. Es war das Haus eines Samurai, eines reichen Adeligen aus der Kriegerkaste.

Kiri betrachtete seine rechte Hand und sah, daß sie nicht mehr die grobe Hand eines Fischers war. Und Kiri grübelte und hörte plötzlich einen Laut, wie wenn aus vielen Tempeln viele Gongs andröhnen. Er fragte das Mädchen neben sich auf der Altane: «Welches Fest ist heute, weil alle Tempel rufen?»

«Es ist kein Fest», sagte das Mädchen und war rot und leuchtete wie eine Fackel, trotzdem kein Licht auf dem Altan brannte.

Und Kiri grübelte wieder. Aber die Tempelgongs schwiegen nicht, und auch die Erde unter ihm dröhnte wie ein Tempelgong und schien Kiri zu wecken und zu rufen.

«Es ist kein Fest, es ist ein Krieg», sagte Kiri plötzlich. «Was ist das für ein Krieg um die Tempel und auf der Erde?» fragte er von neuem das Mädchen.

Dieses wurde blaß und leuchtete weiß wie ein Metallspiegel und sagte: «Es ist kein Krieg, Kiri. Kein Krieg um die Tempel und kein Krieg auf der Erde.» Dabei bog sie sich über ihn, legte ihre Wange an Kiris Ohr und ihre Hand auf sein Herz.

Da wurde es still draußen um die Tempel, und auch die Erde schwieg. Die Sterne über dem Garten verschwanden, und Kiri hörte, wie ein leiser Regen begann. Es regnete ein Nachtregen. Und er sah mit offenen Augen, daß das Mädchen neben ihm aufstand, Diener hereinwinkte, ihn in eine Sänfte legen ließ und sich selbst zu ihm hinein in die Sänfte kauerte. Und der Regen regnete leise auf das Dach der Sänfte, wie das Getrippel einer tanzenden Frau. Dann standen die Diener, nach Stunden, schien es ihm, still. Man hob Kiri aus der Sänfte heraus. Er ließ alles geschehen und sah nur mit offenen Augen zu, daß man ihn in ein Boot legte. Es war ein vornehmes, großes Boot, ein Samuraiboot. Ein Goldlackhaus stand inmitten des Bootes. Eine große rote Laterne brannte am Kiel, und die Diener legten ihn auf die Diele des Goldlackhauses. Und Kiri hörte wieder den Regen auf das Dach trippeln, wie die Füße von hundert Tänzerinnen. Neben ihm saß das junge Mädchen, dessen Arme ließen seinen Nacken nicht los. Nur durch die offene Tür des Bootshauses sah Kiri an der roten Laterne, die ausgelöscht wurde und wieder angezündet, daß es Tag und Nacht wurde. Aber wie viele Tage und Nächte vergingen, das wußte er nicht.

Immer regnete der Regen, dieser seltsame Regen, der auch regnete, wenn die Sonne am Tage hereinschien, und auch nachts, wenn die Sterne an der Tür des Goldlackhauses standen, und der nur dann aufhörte, wenn das Mädchen neben ihm für einen Augenblick die Wange an seine Wange legte, die Lippen an seine Lippen und die Zungenspitze an seine Zungenspitze.

Allmählich aber wurde Kiri den Regen gewohnt, und eines Tages übte er keinen Bann mehr auf seine Glieder. Aber er sah an dem erschrockenen Gesicht des jungen Mädchens: es gefiel ihr nicht, daß er den Regen vergessen, daß er sich aufrichten und sich umsehen konnte.

Da fragte Kiri sie: «Wo sind wir?»

«In Japan, Samurai», sagte das Mädchen ausweichend.

Achtmal wurde die Laterne draußen ausgelöscht und achtmal wieder angezündet, und Kiri hatte wieder zählen gelernt. Am neunten Tag fragte er abermals das Mädchen: «Wo sind wir in Japan?»

«Auf dem Biwasee, Samurai», sagte das Mädchen.

«Sind viele Menschen auf dem See?» fragte Kiri.

«Samurai, nur ich und du und die Ruderer und ein paar Diener deines Hauses.»

«Aber ich höre viele Menschen auf dem See.»

«O Herr, es sind nicht Menschen, die du hörst. Das sind die vielen Füße des Regens.»

Kiri schwieg noch einmal eine Nacht lang. Aber als die rote Laterne am Morgen ausgelöscht wurde und der letzte Stern aus der offenen Tür ging, richtete er sich auf und fragte: «Wo sind wir auf dem Biwasee?»

«Wir sind auf der Höhe von Karasaki, Herr», antwortete das Mädchen. Aber ihre Stimme war vor Schreck nicht mehr ihre Stimme, und das Rascheln der Seide ihrer Ärmel war lauter als ihre Sprache. Kiri mußte noch einmal fragen, um sie zu verstehen, und er richtete sich auf und befahl mit seinen Augen dem Mädchen, zu bleiben und ihn nicht mehr anzurühren. Aber er hatte ihr nicht befohlen zu schweigen.

«Bleib doch bei mir, Samurai», sagte sie lauter und flehend. «Sieh, es wird bald wieder Nacht draußen!» Und sie hob ihre weißen Händchen aus den Ärmeln und langte nach den Zipfeln von Kiris Ärmeln und hielt sie mit ihren kleinen Händen fester als ein Dornbusch.

Da lachte Kiri über die Kraft der kleinen Finger, blieb aufrecht sitzen und hörte für eine Weile wieder den Regen.

Das Mädchen schmeichelte ihm und legte die Wange an seine Wange und sagte: «Was willst du draußen, Samurai, wo es immer regnet?»

Und ihre Hände und ihre Stimme brachten es noch einmal fertig, daß Kiri nicht aufstand und bei dem Mädchen sitzen blieb und sich schmeicheln ließ und sie liebkoste.

Aber in derselben Nacht noch, gegen Mitternacht, als die rote Laterne vom Kiel die Diele des Goldlackhauses rot beleuchtete, sah Kiri eine zweite Laterne, eine gelbe, neben dem Kiel aufsteigen, und er erkannte, daß es der gelbe Vollmond war.

«Wie kann es regnen», sagte Kiri zu dem Mädchen, «wenn der Vollmond draußen neben der roten Laterne scheint?»

«Es regnet immer nachts über Karasaki», sagte das Mädchen und war zwiefach von der Laterne und dem Mond beschienen.

«Du hast zwei Farben im Gesicht, als ob du lögest. Ich höre keinen Regen mehr.»

«O, hörst du nicht mehr den Nachtregen über Karasaki?» sagte das Mädchen, öffnete den großen Fächer und hielt ihn gegen den Mond und gegen die Laterne, so daß ihr Gesicht dunkel war.

«Ich höre keinen Regen mehr. Laß uns aufstehen, ich will den See und die Ufer im Vollmond sehen.»

«O, höre doch den Regen!» flehte das Mädchen. «Bleib!» Und sie hob wieder ihre kleinen Hände, um ihn zu halten.

Da befahl Kiri ihr, die Hände in die Ärmel zu verstecken, und sagte: «Schweig!»

Zum erstenmal seit vielen, vielen Tagen und Nächten stand Kiri auf und fühlte wieder, daß er Füße, Knie, Schultern, Ellenbogen und eine atmende Brust hatte. Und aus dem schwülen Räucherwerk, das in dem Lackhaus brannte, trat er durch die offene Tür hinaus in das Boot, das sich bei Kiris aufstampfendem Gang tiefer ins Wasser drückte.

«Ich will nach Karasaki fahren!» rief er den Ruderern zu. Und als er sich gegen das Goldlackhaus umwandte, sah er oben auf der kleinen Altane des Daches sechs Frauen sitzen. Drei hatten kleine Holztrommeln, und drei hatten Mandolinen im Arm. Ihre Finger bewegten sich im Mondschein. Sie schienen zu musizieren. Aber seltsamerweise hörte Kiri keinen Ton mehr im Ohr, weder von den Trommeln, noch von den Mandolinen.

Kiri beachtete die Musikantinnen nicht lange, denn das Boot schoß jetzt auf Karasaki zu. Und ganz Karasaki schien ihn zu erwarten.

Auf vielen Masten am Ufer waren Laternen aufgezogen, und lange Ketten von farbigen Papierlaternen schillerten in der Luft und glitzerten im Wasser. Je näher sie kamen, desto festlicher hob sich das erleuchtete Karasaki aus der Nacht.

Kiri staunte eine Weile. Dann winkte er dem Mädchen, das drinnen noch immer auf der Diele des Boothauses hockte und sich nicht rührte.

«Komm und sieh, wie Karasaki uns empfängt!»

Ganz schwach hörte Kiri des Mädchens Stimme zurück:

«O, komm wieder herein, Geliebtester! Komm herein zu mir! Das ist der Nachtregen von Karasaki, der draußen im Mondschein glänzt. Es sind die Ketten der Regentropfen, die im Vollmond glitzern. Hörst und siehst du nicht den Nachtregen?»

Da stampfte Kiri ungeduldig, daß das Boot sich unter seinen Füßen noch tiefer ins Wasser senkte, und rief:

«Stehe ich nicht auf meinen zwei Füßen? Sehe ich nicht mit meinen zwei Augen? Fühle ich nicht mit meinen zwei Händen, daß die Luft trocken ist!?»

Da kam das Mädchen aus dem Boothaus und rief rasch zu den Musikantinnen auf das Dach hinauf:

«Spielt lauter! Bei allen Göttinnen bitte ich euch: spielt lauter!»

«Spielen die dort oben, oder spielen sie nicht?» fragte plötzlich Kiri.

«Zwei von ihnen spielten immer, Herr. Jetzt spielen aber alle sechs. Hörst du nicht, Geliebter? Höre doch! Komm in das Haus! Du hörst vor dem Ruderrauschen hier draußen nichts. Komm in das Haus!»

«Nein, ich höre nichts. Aber welches Lied spielen sie?»

«O Herr, sie spielen das Regenlied. Verzeiht! Sie spielen das Lied schon seit Wochen, um dich einzuschläfern, Herr. Ich habe gelogen, Herr.» Das Mädchen warf sich vor Kiri nieder. «O Geliebter, ich habe dich nicht von mir lassen wollen. Das ganze Land war voll Krieg. Die Samurais aus dem ganzen Land zogen in den Krieg. Seit Wochen tobt der Krieg. Als die Tempel den Krieg verkündeten, habe ich dein Schwert verstecken lassen und habe dich einschläfern lassen mit dem Regenlied und habe dich im Arm gehalten und habe dich in eine Sänfte bringen lassen. Und die Musikanten, die das Regenlied spielten, haben dich begleitet bis an den Biwasee, und ich habe ihnen befohlen, sich auf das Dach zu setzen, und zwei von ihnen mußten immer spielen, Tag und Nacht. Und ich habe dich nicht von meiner Seite lassen können Tag und Nacht, vor Furcht, daß dich der Krieg töte, wenn du ans Land gingest, und vor Furcht, daß der Tod dann mein Geliebter würde.

Jetzt aber sehe ich, daß Friede am Land ist. Deshalb glänzt Karasaki festlich beleuchtet in der Nacht. Und ich bin froh, daß Friede wurde, denn dein Ohr wollte nicht mehr auf die Musik des Regenliedes hören, und ich fühlte seit Tagen, daß ich dich nicht mehr aufhalten könnte, wenn du die Musik nicht mehr hörtest und an den Regen nicht mehr glaubtest.

Sieh, Geliebter, jetzt kann ich dich nicht mehr verlieren. Jetzt können wir in unser Haus zurückkehren. Ich habe dein und mein Leben gerettet. Denn die Toten können sich nicht küssen, nur die Lebenden.

Was hast du, Geliebter? Blendet dich das Mondlicht? O, bei den Göttern, ich hatte doch kein Gift auf meinen Lippen, als ich dich küßte! Warum wirfst du dich auf deine Knie? Warum schüttelst du die Fäuste in die Luft? Warum wird dein Haar lebendig und sträubt sich wie bei einer Katze?

O Götter! Deine Augen quellen dir aus dem Kopf! Samurai, bist du vergiftet? Suchen deine Hände dein Schwert an den Hüften? Ich will dir's bringen. Verzeih, wenn ich dein Eigentum versteckte. Dein Schwert ist hier im Lackhaus, im Wandschrank.»

Während das junge Mädchen noch flehte, hatte sich der Mond bedeckt. Aber Kiris Gesicht leuchtete, als wäre es aus Phosphor. Seine Armmuskeln wölbten sich, seine Fäuste schlugen in die Luft, seine Brust keuchte:

«Mein Schwert!»

Dann stürzte er an dem Mädchen vorüber in das Lackhaus und zerbrach die Wandschranktür, die sich nicht sofort öffnete. Aber kaum berührten seine Finger das Schwert, das dort in seidenem Futteral lag, da fiel der Mann weich wie Schaum zusammen und warf sich schluchzend und weinend auf die Diele und preßte sein Schwert an seine Brust, als wäre es seine wiedergefundene Geliebte.

Eine Weile noch tobte sein Stöhnen, sein Schluchzen. Dann hob er sein tränenüberströmtes Gesicht, setzte sich mit gekreuzten Beinen ruhig auf den Boden, löste den Seidengürtel seines Obergewandes, zog das kurze Schwert aus der dicken geschnitzten Elfenbeinscheide, strich mit der äußerst feinen Schneide des Schwertes über den Haarbüschel an seiner nackten Brust, schnitt ihn glatt ab und lächelte eine Sekunde zufrieden über die gute, treue Schärfe des Stahls. Dann sagte er ruhig, beherrscht zu dem Mädchen, mit einem Tonfall und einer Stimme, als wäre nichts geschehen:

«Mach dich bereit! Wir müssen jetzt sterben!»

Das Mädchen, das ihm in das Haus gefolgt war, kauerte neben ihm, willenlos und bleich wie eine hingewehte weiße Feder. Sie antwortete ihm nur mit dem einen Wort:

«Geliebter!»

Aber diese Antwort brachte wieder den alten Sturm in Kiri herauf. Alle Muskeln an seinem Leibe zuckten, als würden sie von Zangen zerrissen. Darf je ein Samurai sein Schwert verlassen? Hatten nicht die Gongs der Tempel und selbst der große Kriegsgong, der tief in der Erde begraben ist, Kiri und sein Schwert vor Wochen gerufen? Die Erde hätte ihn mit ihrem Feuer verschlungen, wenn er nicht in den Krieg gegangen wäre; denn jeder Samurai ist der Sohn der Erde und der Sohn des Feuers. Beide Gewalten haben ihn geboren. Nur das Wasser hat nichts mit seiner Geburt zu schaffen. Dem Wasser ist er fremd, und es erkennt den Samurai nicht an, nicht den Krieger, denn das Wasser ist sanft und ausweichend. Und das Wasser ist der Tod des kriegerischen Feuers.

Nur auf dem Wasser konnte ein japanischer Samurai einen Krieg versäumen. Nur eingelullt vom Regen und fern von allen Ufern, konnten die Ohren eines Samurai den Kriegsgesang der japanischen Erde nicht mehr hören.

Aber hat ein Krieger einen Kampf ausweichend versäumt, so ist seine adlige Seele erniedrigt, seine Unsterblichkeit, die ihm als Held angeboren ist, wird ihm dann für immer genommen, und sein nächstes Leben ist das eines gemeinen Mannes aus dem Volke.

Doch das Schicksal gewährt dem Entehrten noch eine Gunst, wenn es der Zufall geben will und sein Mut, daß er im nächsten Leben als gemeiner Mann einen Heldentod stirbt, – dann erlangt seine Seele wieder die alte Unsterblichkeit und den alten Adel seiner Vergangenheit zurück. Bis dahin aber muß er niedrig denken, niedrig handeln und ist nicht zu unterscheiden von den niedersten des Volkes.

Kiri sprach: «Weib, deine Liebe zu mir wurde der Tod meines Adels und aller meiner vergangenen adligen Leben. Aber du hast aus Liebe gehandelt, und Liebe ist vor den Göttern unstrafbar. Darum hoffe ich, daß mich die Götter begünstigen und dich und mich im nächsten Leben aus der Erniedrigung wieder zum alten Adel erheben.

Ich hasse dich nicht. Ich muß dich lieben trotz des Todes, den du uns antust.

Ich will zwei Fragen an das Schicksal stellen, ehe wir beide sterben:

Ihr Götter, könnt ihr durch einen Zufall drüben in Karasaki alle Lampen des Friedensfestes auslöschen, dann will ich euch glauben, daß ihr mir im nächsten Leben eine Gelegenheit gebt, durch Krieg ein Held zu werden. Trotzdem ich heute noch nicht verstehen kann, wie ihr dazu helfen wollt, da ich als niedriger Mann wieder geboren werde und dann nicht zum Kriegerstand gehöre und kein Schwert besitzen darf. Aber ihr Götter, euch ist nichts unmöglich. Gebt mir das Zeichen!» –

Die rote Laterne draußen am Kiel hob und senkte sich jetzt auf den Strandwellen von Karasaki. Bei jeder Senkung tauchten die Lichterketten des festlichen Ufers wie feurige Girlanden über die rote Laterne des Kiels und senkten sich wieder und verschwanden hinter den Bootrand.

Nach einer Weile tauchten die Lichter von Karasaki plötzlich nicht mehr auf.

Kiri wartete und wartete und sagte mit gedämpfter und bewundernder Stimme zu dem Mädchen:

«Geh und frage die Bootsleute, warum sie die Richtung geändert haben und nicht mehr auf Karasaki zufahren, wie ich befohlen habe. Denn du siehst: die hellen Ufer sind verschwunden, und der Kiel fährt in die Dunkelheit.»

Das Mädchen wollte gehorchen und zu den Bootsleuten gehen und fragen. Aber sie blieb unter der Türe stehen und sagte:

«Herr, ich sehe: es regnet. Der Regen hat die Festlichter von Karasaki ausgelöscht.»

Da fragte Kiri lachend:

«Ist es ein lauter Regen?»

Das Mädchen beteuerte:

«O, Samurai, es regnet wirklich dieses Mal. Es regnet laut.»

«Das ist der Regen der Götter. Aber ich höre ihn nicht», sagte Kiri feierlich und hielt den Atem an.

Das Mädchen setzte sich wieder zu Kiri, und beide lauschten. Von Zeit zu Zeit fragte der Mann das Mädchen:

«Wird der Regen lauter? Ich höre ihn nicht.»

Dann hüllte das Weib sein Gesicht in die seidenen Ärmel und schluchzte.

Kiri fragte:

«Fürchtest du dich vor dem Tode?»

«O Herr, mit dir zu sterben, ist kein Tod. Aber ich fürchte mich vor der Ungewißheit, ob die Götter mich im nächsten Leben mit dir leben lassen. Wenn du wenigstens den Nachtregen über Karasaki wieder hören würdest, dann würde ich das als Zeichen nehmen, daß die Götter mir verzeihen und mich im nächsten Leben wieder mit dir leben lassen.»

Und das Mädchen legte seine Wange an Kiris Wange. Da war es dem Samurai, als ob ihm die Ohren auftauten, und er sagte:

«Ich höre den Nachtregen über Karasaki. Und ich höre, daß wir uns wieder sehen und wieder lieben werden.»

«O, Dank allen Göttern, und Dank auch dir, daß du mir verziehen hast, Samurai. O, könnte ich dir im nächsten Leben den Weg zum Krieg zeigen und dir dein Schwert wieder schenken.»

«Auch dieses werden die Götter erfüllen», antwortete Kiri, «denn wenn sie zwei Lebenden zwei Wünsche erfüllt haben, so legen sie die Erfüllung des dritten Wunsches als Göttergabe dazu.» –

Die beiden umarmten sich nicht mehr. Und der Samurai nahm sein Schwert, stellte es senkrecht gegen seinen eigenen Leib, drückte es an seine Eingeweide und zog den Harakirischnitt waagrecht durch seine Gedärme …

Das Mädchen war leise aufgestanden und hatte sich hinter den Mann gestellt; als er umsank, fiel sein Kopf an ihre Knie und glitt sanft auf den Boden. Sie nahm das vom Blut verdunkelte Schwert dem Toten aus der Hand, stemmte es an ihr Herz und stürzte sich in die Schwertspitze.

Draußen tönte der Nachtregen auf das Dach des Bootgemaches, und der Kahn fuhr schurrend auf den Kiesstrand von Karasaki. Und die rote Kiellaterne stand still wie angemauert im Regen.


Dieses alles erlebte Kiri, der junge Fischer, jetzt, als er das Mädchen, das ihn auf dem See anredete, gefragt hatte: «Wer bist du?»

«Kennst du mich nun?» fragte die Stimme wieder aus dem Dunkel.

«Ich kenne dich wieder. Aber zeige dich nicht. Gib mir mein Schwert! Gib mir den Krieg! Ich bin ein armer Fischer jetzt.»

«Wirf dein Netz aus!» sagte des Mädchens Stimme.

«Es sind keine Fische heute nacht im See, und ich will nicht länger ein Fischer sein, seit ich weiß, daß ich einst ein Samurai war.»

«Wirf dein Netz aus!» sagte die Stimme wieder.

«Ich kann im Dunkeln nicht sehen», sagte der junge Fischer, «und ich habe keinen Feuerstein da, meine Fackel anzuzünden. Wie soll ich im Dunkeln wissen, wohin ich mein Netz werfe!»

«Wirf dein Netz aus und vertraue mir!» sagte noch einmal die Stimme.

Unwillig griff der junge Bursche nach dem Netz. Aber er warf es nicht mit gewohntem Griff über den Bootrand, sondern er schleuderte es in die Luft und sagte zu dem Netz:

«Geh zu den Göttern! Ich will kein Fischer mehr sein, seit ich weiß, daß ich ein Samurai war.»

Plötzlich begannen alle Netzmaschen wie ein Sternschnuppenfall in der Luft zu leuchten. Das fortgeschleuderte Netz wurde zu vielen elektrischen Blitzen und fiel wie ein blaues Maschengewebe aus elektrischem Feuer in den See.

«Gut, du bist ein gutes Netz und hast gehorcht», sagte Kiri stolz in die Luft. «Du hast Feuer gefangen, so wie ich Feuer gefangen habe, seit ich weiß, wer ich bin.»

«Greife ins Wasser und ziehe dein Netz wieder über den Bootrand! Dann will ich dir zeigen, was deine Arbeit sein wird, Samurai.»

Kiri griff aufs Geratewohl ins Wasser und zog einen blauglühenden Strick aus der Tiefe. Aber er fühlte, daß er keine Kraft besaß, den Strick nur um das kleinste höher zu ziehen. Es war, als lägen steinerne Berge in seinem Netz: der Strick rückte nicht von der Stelle.

«Deine Kraft wird über dich kommen zu deiner Stunde», sagte das Mädchen.

Aber Kiri war unwillig und schüttelte den Strick, verzweifelt über seine Ohnmacht.

«Binde den Strick am Bug des Schiffes fest und nimm deine Ruder und rudere!» befahl ihm die Stimme, und der junge Fischer tat so.