Geschichten aus den vier
Winden
Ein Verzeichnis
sämtlicher Bücher von
Max Dauthendey
findet sich am Schluß
dieses Buches
Max Dauthendey
Geschichten aus den
vier Winden
6. bis 8. Tausend
Albert Langen Verlag, München
1921
Copyright 1915 by Albert Langen, Munich
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung.
(Siehe auch Art. III der Übereinkunft zwischen
Deutschland und Rußland zum Schutze von Werken
der Literatur und Kunst vom August 1913.)
Albert Langen Max Dauthendey
Druck von Hesse & Becker in Leipzig
Einbände von E. Ä. Enders in Leipzig
Geschichten aus den vier Winden
| Seite | |
| Das Giftfläschchen | [7] |
| Himalayafinsternis | [41] |
| Hecksel und die Bergwerkflöhe | [77] |
| Zwei Reiter am Meer | [129] |
| Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen | [143] |
| Nächtliche Schaufenster | [173] |
| An eine Sechzehnjährige | [195] |
| Zur Stunde der Maus | [209] |
| Die Kurzsichtige und der Komet | [241] |
| Das Iguanodon | [281] |
Das Giftfläschchen
Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. Die Dächer der Häuser und die Fenster zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft über Steinwüsten zittert. Es war, als heizten die Scharen der Autos mit ihren Benzindämpfen die Straßen, wie fliegende Öfen. Und die Sonne schien an diesem heißen Junitag nicht von der Stelle zu wandern. Überall war Sonne, überall Höllenhitze.
Vom Stettiner Bahnhof in Berlin fuhr abends der Zug voll von Skandinaviern nach Saßnitz. Es war, als ob alle Menschen vor der deutschen Junihitze flüchteten. Das vornehme palastartige Fährboot, das in vier Stunden in der Nacht von Saßnitz übers Meer nach Trelleborg fährt, landete aber am Morgen in Schweden im flachen Schonen immer noch wie von der berliner Hitze begleitet.
Der Drang, möglichst rasch nach dem kühleren Norden zu kommen, ließ uns nirgends Halt machen. Wir, die Frau, die ich liebe, und ich, hatten uns vorgenommen, zuerst die Route an der Westküste von Trelleborg bis Strömstad zu fahren und dann nach Lappland zu reisen. Wir reisten die zwölf Stunden von Trelleborg bis zur nördlichen Grenze Schwedens an der Westküste ohne Aufenthalt, mit Ausnahme einer kurzen Mittagpause in Gothenburg, und wir waren am Abend um sieben Uhr am Ende unserer ersten Reiseroute in Strömstad angekommen.
Zweiundzwanzig Stunden trennten mich hier von Berlin, so sagte mir der Fahrplan. Aber meine Augen hatten mir unterwegs von Stunde zu Stunde gesagt: jede Stunde wird hier ein Jahrtausend, und in Strömstad trennen dich zweiundzwanzig Jahrtausende von Berlin.
Kaum stieg ich am Ende der Sackbahn in Strömstad aus, so versank ich in diese Jahrtausende wie ein Meteor, das von einem fremden Stern auf die Erde gefallen ist. Und nicht nur zwei kleine Stufen stieg ich vom Trittbrett der Eisenbahn bis zum Perron der schwedischen Erde, sondern ich war wie zweiundzwanzig Tausend Meilen tief in eine fremde Erde — bei einem fremden Meer, bei einem fremden Himmel, bei einer fremden Sonne — eingedrungen, als ich in Strömstad aus dem Waggon gestiegen war. Und ich kam nicht mehr los und saß dort bei Strömstad auf einer Insel im Meer und ließ mir neue Ohren wachsen, und soviel Haare ich sonst auf dem Kopf hatte, so viele Augen schien ich jetzt im Kopf zu haben. Mein Herz, das sonst in Deutschland im Gewohnten und Althergebrachten eingekapselt saß, flutete und löste sich und wurde wie das Herz Adams am Tag, da Gott ihm das Paradies zeigte und alle Bäume.
Die Insel, auf der ich saß, und wo ich die Reisebillette meiner anderen beiden großen Reiserouten in Schweden verfallen ließ, hieß Koster. Es ist eine Insel im Kattegat, und sie wird dreimal in der Woche von einem Dampfschiff angelaufen, das den Weg in dreiviertel Stunden von Strömstad zurücklegt und die Post bringt. Das macht aber nichts, wenn auch die Post dreimal in der Woche dorthin kommt, diese Insel ist und bleibt doch für mich immer und ewig ein Pünktchen am Ende der Welt.
Schon »am Ende der Welt« angekommen zu sein — nachdem man noch zweiundzwanzig Stunden vorher in Berlin die Automobile rasen sah —, das ist etwas Verblüffendes und Erstaunliches, und ich habe mir vorgenommen, ein ganzes dickes Buch über die Insel Koster zu schreiben. Aber mit dieser kleinen Erzählung hier will ich euch nur den Mund wässerig machen auf dieses Pünktchen am Ende der Welt, auf diese Insel, dieses Kopfkissen aller Seligkeit. Ob das Buch, das ich einmal über diese Insel schreiben will »die Königstöchter von Koster« heißen soll, oder »die Insel der heiligen Kühe«, oder »wilde Rosen, Wachholder und Urgestein«, oder »die Insel am Ende der Welt«, das weiß ich heute noch nicht genau zu sagen. Die Titel verrate ich aber hier nur deshalb, weil sie andeuten, was dort alles zu finden ist für den, der sich ein Billett nimmt und in zweiundzwanzig Stunden von Berlin hinreist und zweiundzwanzig Jahrtausende in der Zeit zurück, in der Urzeit dort ankommt.
Stellt euch meine Insel vor. Nachdem wir in Südschweden, in Schonen, aus dem Eisenbahnfenster zuerst weite Kornflächen gesehen hatten und grüne Waldzüge, aus denen die herrlichsten Buchen und die stämmigsten Eichen nah am Meer die Luft mit Blätter- und Rindenduft würzen und die reichen Gehöfte dort umwehen, verläßt uns plötzlich die weiche sinnliche Erde. Statt der runden Buchenwälder wachsen runde Granithügel auf, und von allen Bäumen bleiben nur noch die Tannen am Wege, die Birken und die Eichen. Aber der Buche, dem Ahorn, der Pappel, dem Nußbaum und der Kastanie, — allen diesen geht der Atem aus vor dem Granit, der mit rostroten Eisenadern gezeichnet ist. Das Land ist dort mit Granit gepanzert, und hinter Gothenburg beginnt eine Steinzone, wie sie sich kein Deutscher in keiner Ecke Deutschlands träumen kann, nicht in den Alpen, nicht im Riesengebirge, — nirgends; und auf meiner Reise um die ganze Erde, die ich vor fünf Jahren machte, bin ich niemals, selbst nicht am Himalaja, einer solch grotesken Steinwelt begegnet, wie die ist, die sich von Gothenburg bis nach Strömstad breitet. Am Meer ist die unterhaltendste Partie dieser Steinwelt die Station Fjellbacka, die nur eine Schiffstation ist und keine Eisenbahn hat. An der Eisenbahn aber, zwischen Gothenburg und Strömstad, ist es hauptsächlich der Umkreis um die Station Tanum; hier ist die Steinwelt derart furchtbar, daß das Land hier nicht mehr von Menschen bevölkert scheint, nicht von Tieren, nicht von Vögeln, nicht von Bäumen, sondern von gigantischen blauen und grauen Granitfiguren.
Das Meer, das vor Jahrhunderten noch hier in das Land hereinreichte, hat das Steinreich in ein Figurenreich verwandelt, durch urewige Waschungen. Die gerundeten Bergfiguren gleichen bald riesigen versteinerten Walrossen, bald meilenlangen Herdenzügen von Mammuttieren und den Rücken versteinerter Elefantenherden. Dazwischen lagern Schichten von versteinerten Urweltbäumen, von denen mancher eine Meile lang scheint; und von der Totenstille, die dieser blaugraue Granit ausströmt, macht sich kein Ohr, das bisher nur in Gebirgen, Feldern und in Wäldern gelebt hat, eine Vorstellung.
Hier und da sitzen eine Holzhütte, ein zwerghafter Baum, ein winziges Fleckchen Rasen wie verschollen zwischen diesen ungeschlachten grauen Granitungeheuern. Das graue Land dort am Meer scheint wie mit einer einzigen Rüstung voll Eisenbuckeln bedeckt. Und wo der Bahnweg den Granit mit Dynamit zersprengt hat, wirkt der Mensch im Vorbeifahren wie eine Ameise, vor der Geste eines einzigen gespaltenen Blockes, der auch nach der Sprengung seinen Starrsinn nicht aufgegeben hat und herausfordernd daliegt, wie ein Gigant, den das Dynamit nur ein bißchen auf die Seite gerollt hat, an dem aber das Dynamit wie machtlos verrauchte. Denn wenn auch der gigantische Riesenblock gespalten wurde, er ist ja nur ein Sandkorn, auf das das Dynamit hintrat, und auf Meilen liegt hier die Welt voll neuer Granitbuckel. Und der Gedanke kommt einem, daß es kein Zufall ist, daß in Schweden, dem Granitlande, Nobel, der Erfinder des Dynamits, geboren wurde. Schweden, dieses Stein- und Eisenland von ursprünglichster Kraft, forderte direkt das menschliche Gehirn dazu auf, dem Steintrotz einen Menschentrotz entgegenzustemmen und das Dynamit zu erfinden.
Ebenso steinig wie der Küstenlandstreifen von Gothenburg bis Strömstad sind auch die Inseln, die Schären, die dem Küstenstreifen vorgelagert sind. Und die Insel Koster ist ungefähr eine der letzten großen Schären im Norden, ehe das Meer in die Kristianiabucht einschneidet. Diese Steininseln und der Steinlandstreifen waren einst die eigentliche Heimat der alten Wikinger. Hier sind noch Inschriften, Runensteine, und bei Strömstad auf einem Hügel das berühmte steinerne Wikingschiff.
Auf der Insel Koster gibt es aber in den Talsenkungen einige Bäume: Erlen und kurze Eichen. Die ganze Insel wirkt durch ihre seltsamen Zwergbäume, Zwergeichen und Zwergwacholder, die in gedrungenen grünen Figuren auf dem manchmal himmelblauen Granitgestein wachsen, zwerghaft wie die Landschaft eines japanischen Gartens.
Zwischen dem Heidekraut auf dieser Insel und bei den reichen wilden Rosenbüschen, die ganz überschüttet von rosa Kelchen dastanden, als ich im Juni landete, liegen die seltsamsten Steine zerstreut; dort ein blendend weißer, wie ein großes Marmorei, dort ein gelber, wie ein harter Honigbrocken oder wie ein Stück Bernstein, dort ein rosenroter wie eine Fleischkeule von einem geschlachteten Tier, dort ein schwarzer flacher wie ein Rabenflügel oder ein runder wie ein Seehundkopf. Hinter den Wacholderfiguren und unter den schirmartigen kurzen Eichen, deren Kronen flach wie grüne Teller auf dem Stamm wachsen, von den Seewinden wie mit einem Messer beschnitten, — bei diesen kleinen Eichen und großen Wacholderbüschen weiden glänzende rothaarige Kühe und Kühe, weiß und schwarz gesprenkelt, als hätten sie sich von der Nacht bemalen lassen mit dunkeln Flecken und mit weißen Flecken vom Mond, mit gelben und roten Flecken von der Sonne. Und die wandernden Kühe mit ihren Flecken, auf der totstillen Insel bei den Flecken der fleischfarbenen schwarzen, weißen und blauen Steine, wandern in der feuerblauen Meerumrahmung, zwischen den grünen Sonnenflecken unter den Eichen, zwischen den rosa Flecken der Rosenbüsche und im Weihrauchgeruch der Wacholderbüsche, wie vierbeinige kauende Götzenbilder. Tags fressen sie immer alle nach einer Richtung hin gewendet, den Sonnenschein zwischen den geschweiften Hörnern auf der Stirne tragend, und hinter ihnen kreischen die silberweißen Flecken von Möwenscharen im indigoblauen Junihimmel. Nachts, in den Sommernächten, in denen die Sonne kaum für eine Viertelstunde um Mitternacht untergeht, liegen die Kühe draußen unter den Eichen und schlafen alle mit der Stirn nach Osten gerichtet und liegen beieinander in der lauen Dämmerung der hellen Nacht und unter den Schirmen der Eichen wie ein schwarzweißer Teppich von Hermelin.
Kleine Hütten sind überall zerstreut. In einer, bei einem großen Getreidefelde, wohnt der König von Koster. Es ist der älteste und der reichste Fischer und hat fast die ganze Insel mit seinen Söhnen und Töchtern bevölkert. Die Königstöchter waschen und bügeln, schlagen Gras und mähen Korn, melken die Kühe und singen abends. Die Königssöhne spielen abends auf Fideln und Mundharmonikas, nähen tags Fischernetze, fahren Mist, liegen draußen in den Booten, sehen nach ihren Hummerkästen und angeln Makrelen und Dorsche, drehen Taue und teeren Taue und ziehen im Winter hinunter nach Gothenburg auf den Heringsfang.
Manche Fischer wurden Kapitäne auf Last- und Personendampfern an der Steinküste, andere wurden Matrosen und fahren rund um die Erde. Andere wanderten nach Amerika aus und wollten Gold holen in Klondyke, und kamen heim statt mit Gold mit amerikanischen Zeitungspapieren in den Taschen und gingen wieder zurück zu ihren Hummerkästen und Angelschnüren.
Nie aber, solange die Könige, die Königstöchter und die Königssöhne von Koster zurückdenken können, hat es auf dieser Insel einen Diebstahl oder gar einen Totschlag gegeben. Niemals war eine Gerichtssitzung oder ein Polizist auf Koster gewesen. Die Menschen dieser Insel sind unschuldig wie der Mensch am ersten Tage der Schöpfung.
Dies alles muß man vorher wissen, um die winzige Geschichte von dem winzigen Giftfläschchen zu verstehen. —
Es war kurz nach Johanni, als das große Makrelenboot abfuhr, das die jungen Leute von Koster und von den umliegenden Inseln abgeholt hatte, um hinaus in die Nordsee zu fahren und draußen während des Makrelenfangs liegen zu bleiben, bis es Herbst wurde. Dieser war der wichtigste Sommertag für alle Bewohner der Insel: der Abfahrtstag des Makrelenbootes. Im kleinen Hafensund schwamm, als das große Boot mit seinen großen rotbraunen Segeln wie eine Riesenpflugschar im Meer um die Ecke der Insel verschwand, ein Dutzend Rudernachen. In jedem Boot saßen ein oder zwei Frauensleute und hielten ihre Schürzen vor das Gesicht und weinten. Es waren Frauen, die ihre Männer fortsegeln sahen, Bräute ihre Bräutigams und Mütter ihre Söhne.
Das ganze weibliche Königsgeschlecht von Koster saß dort auf dem Wasser und weinte, und auf dem Mammutrücken der blauen Granitklippen standen vereinzelt einige Hofhunde, die hinter ihren fortziehenden Herren herbellten, und neben den weinenden Frauen in den Booten bellten andere Hunde, so daß die Luft voll Schluchzen und Bellen war.
Ein älterer Mann, den alle den »Heiden« nannten, weil er fürchterlich fluchen konnte und seit Jahren niemals bei einer Kirchenversammlung auf einer der Inseln gesehen wurde, er, der früher Kapitän gewesen war und zwei Dampfschiffe verloren hatte, trat jetzt auf mich zu und reichte mir ein kleines Fläschchen mit einem zusammengefalteten kleinen Zettel. Der Alte war blaurot im Gesicht, und sein grauer Spitzbart saß ihm trotzig kurzgeschnitten am Kinn. Er hatte seinen guten blauen sonntäglichen Tuchanzug an und seine alte Kapitänsmütze auf, mit einer goldenen Borte daran.
»Sir,« sagte er, denn er sprach mit Vorliebe einige Brocken Englisch, um seine höhere Weltkenntnis vor den andern Bewohnern der Insel hervorzutun. Er untermischte immer seine Rede mit »Well« und »Allright« und verabschiedete sich nie, ohne »Goodbye« zu sagen.
»Sir, ich habe das gefunden,« sagte er und schob mir das kleine Fläschchen aufdringlich in die Hand, als wenn dieses mir eben erst aus der Tasche gefallen wäre. Und breitspurig wanderte er davon.
»Ich habe das nicht verloren,« rief ich ihm nach. Er aber sah sich nicht mehr um und stolperte über die Granitbuckel und über das Heidekraut und zeigte mir seinen breiten ungeheuren Rücken, der so viereckig war, als trüge er eine große Schulschiefertafel unter dem Rock.
Auf dem kleinen Zettel, den er mir mit dem Fläschchen gegeben hatte, und an welchem man noch den Abdruck des Fläschchens bemerkte, das in das Papier eingewickelt gewesen war, auf diesem Zettel stand mit vergilbter alter Tinte das Wort »Gift« geschrieben, dreimal unterstrichen und dann:
»Zehn Tropfen reizen die Sinnlichkeit (es war ein derberes Wort gebraucht, das ich hier nicht wiedergeben kann).
Zwanzig Tropfen bringen den Wahnsinn und
jeder Tropfen darüber — den Tod.« So stand auf dem Zettel. —
Ich betrachtete das Fläschchen verblüfft. Es war mit einer gelbwässerigen Flüssigkeit zur Hälfte gefüllt und mochte vielleicht vierzig Tropfen enthalten.
Da stand ich nun plötzlich mitten auf der großen unschuldigen Steininsel, umgeben von der Freudigkeit des Sommerhimmels, umgeben von der unendlichen Festlichkeit des durchdringend blauen Sommermeeres, sah die unschuldigen buntscheckigen Kühe ihre vollen Euter über das Heidekraut tragen, sah sie in friedlichen gutmütigen Reihen wildes Rosenlaub, Eichenlaub und Kräuter auf dem Granit abweiden, diese Kühe, die gutmütig wie die Erdgüte selber waren; ich hörte die wilden Bienen und die Hummeln, die sich über die Blüten des Heidekrauts summend verbreiteten, und sah sie Honig suchen, Sonnensüße für den Winter sammeln; ich sah dann über die Insel hin, auf welcher niemals noch eine böse Tat begangen worden war, wo man nicht Gefängnis, nicht Gericht und keine menschliche Niedertracht kennen gelernt hatte. Und ich, ich hatte da plötzlich ein schauderhaftes Gift in einem kleinen Fläschchen zwischen meinen Fingern, eine kleine Hölle von vierzig Tropfen. Mit diesen vierzig Tropfen konnte ich Selbstmord begehen und Mord. Ich schaute auf die weinenden Bräute hinunter, auf die jungen weinenden Frauen, die in den Booten neben den bellenden Hunden jetzt langsam wieder zum Ufer zurückruderten, und die von ihren Männern verlassen waren. Hier konnte ich Unheil stiften, ich konnte blindlings den Verführer spielen. Ein paar Tropfen in ein Glas Milch, ein paar Tropfen in einen Teller Suppe hätten die züchtigen, unschuldigen, aber zu derber Sinnlichkeit veranlagten Fischermädchen in geile, gierige, männertolle Furien verwandeln können. Ich schauderte vor diesen ekelhaften Gedanken, die mir von diesem Giftfläschchen aufgezwungen wurden, und wunderte mich. Ich schauderte vor dem winzigen Giftfläschchen, das da plötzlich in meine Hände gekommen war, hier fern von aller überreizten Kultur, fern von dem großen Menschentrubel Europas, fern von jener Welt, in der Abenteuer, Morde und Selbstmorde täglich die Zeilen der Zeitungen überschwemmten. Hier, sozusagen am Ende der Welt, wie kam hier, zweiundzwanzig Jahrtausende hinter Berlin, auf diese unschuldige Erde dieses rasend und liebestoll machende Gift?
Die Geschichte des Fläschchens war die:
Der Heide, der alte Kapitän, erzählte sie mir endlich notgezwungen nach ein paar Tagen. Ich traf ihn zufällig wieder, bei einem Besuch in einer Hütte, wo man seit ein paar Wochen einen plötzlich tobsüchtig gewordenen jungen Mann eingesperrt hielt. Die Leute sagten, der junge Mann hätte beim Fischen auf offener See einen Sonnenstich bekommen, und einige Männer, die nicht mit dem Makrelenboot auf den Nordseefang hinausgezogen waren, mußten abwechselnd bei dem Tobsüchtigen Wache halten, denn die Gemeinde hatte sich noch nicht entscheiden können, diesen als wahnsinnig in ein Spital einer der Städte an der Küste abzuliefern. Ich hatte bis jetzt noch nichts von dem geheimgehaltenen Wahnsinnigen der Insel gewußt und fand auf einem Spaziergang durch Zufall die Hütte, im Innern der Insel, wo der Tobsüchtige von seiner Wache von vier Männern, die sich täglich ablösten, festgehalten wurde.
Dort fand ich auch unter den Wachthabenden den alten Kapitän, der mir das Giftfläschchen gegeben hatte.
Er war besonders dort begehrt, da er, wie die Leute sagten, »feste Handschuhe anhabe«, womit sie seine straffen Fäuste meinten. Nach dem zufälligen Zusammentreffen am Makrelenbootstag mit dem Kapitän, hatte ich diesen täglich in seiner Hütte aufgesucht und ihn niemals daheim getroffen. Jetzt nahm ich ihn zur Seite und bestand darauf, daß er mir die genaue Herkunft des Giftfläschchens berichten sollte.
Da hörte ich endlich nach vielem unverständlichem Geknurre: wohl habe er die Flasche »gefunden«; aber das war schon ungefähr dreißig Jahre her. Er fand sie in der Kapitänskabine eines Dampfers, den er sich gekauft hatte, und der ihm dann gestrandet war. In einem Geheimfach des Schiffsbücherschrankes stand dies Fläschchen in Papier eingewickelt, und der Alte behauptete, er habe bis heute keinen Tropfen daraus vergossen. Ich glaubte es ihm.
Wir hockten einander gegenüber auf zwei Steinen im Heidekraut. In der Nähe bei uns rannte eine schwarze angepflockte Ziege, schwarz wie des Teufels Großmutter, meckernd hin und her. Und obwohl es schon gegen Abend war, wo sich die Kühle des Meeres mit der Granitwärme der Steine vermengt, wischte sich der alte Kapitän, während er mir erzählte, doch fortgesetzt die blaurote Stirn ab, auf welcher ihm ein steter Angstschweiß zu perlen schien.
Ich hatte in den paar Tagen vorher niemals richtig den Entschluß fassen können, das Fläschchen ins Meer zu schleudern oder an einem Steine zu zerschellen oder es zu öffnen und den Inhalt auszuschütten. Hundert Gründe spukten in meinem Hirn und sprachen dafür und dagegen, das Fläschchen los zu werden. Welches Unglück konnte es anrichten, wenn das Fläschchen, das fest verkittet war, im Meer weiterschwamm und von einem Fischernetz oder einem Hummerkasten aufgefischt wurde!
Oder wenn sein Inhalt, wenn ich es zerschellte, herumspritzte und vielleicht auf eine Erdbeere, eine Wacholderbeere oder irgend ein Teekraut fiel, welches Kinder sammelten. Ins Feuer werfen! Wer weiß ob das Fläschchen verbrannte und nicht in der Asche gefunden wurde. Irgendwo vergraben! Auch das war recht unzuverlässig. Ich durfte es nicht einmal mehr in meinem Zimmer stehen lassen, nicht in meinem Koffer. Seit ich dieses Giftfläschchen in die Hand bekommen hatte, lebte ich nicht mehr mein eigenes Leben. Ich lebte so wie die Wache, die einen Tobsüchtigen bewacht und ihre Aufmerksamkeit zersplittern muß zwischen Verstand und Irrsinn. Ich war nicht mehr harmloser Beobachter des Lebens. Ich trug mit dem Giftfläschchen wie ein Zauberer geheimnisvolle Kräfte der schwarzen Magie in der Tasche, ich erschien mir über alle menschlichen Begriffe einer dämonischen Kraft, einer Willkür, preisgegeben. Mit einem Wort, — ich war nicht mehr ich. Ich war der Sklave dieses Giftfläschchens geworden. Ich schrie nachts im Traum auf, träumte vom Vergiften und Morden; und so wie der Kapitän jetzt, hatte ich mir in den letzten drei Tagen, seit ich das Gift besaß, hundertmal den Angstschweiß von der Stirn wischen müssen.
»Dreißig Jahre,« hatte der Kapitän erzählt, »habe ich das Fläschchen mit mir getragen und habe es nicht los werden können. Jahrelang habe ich eine Lust gehabt, es zu behalten, jahrelang eine Lust, es zu vernichten. Mein ganzes Leben ist von diesem Fläschchen gelenkt worden. Bald fühlte ich mich übermütig allmächtig durch den Giftbesitz, bald unheimlich verfolgt. Die Leute nennen mich, seitdem ich das Gift besitze, den ›Heiden‹.«
Ich begriff den alten Mann. Ich war in den drei Tagen, in denen ich das Gift besaß, mir selbst fremd geworden. Aber ich hätte das Fläschchen um keinen Preis hergegeben, wenn man es von mir gefordert hätte. Und als der Alte sagte: »Was haben Sie mit dem Giftfläschchen getan?« log ich mitten im Sonnenschein, zwischen den gütig kauenden Kühen, umgeben vom himmelblauen Meer, log ich mich aus dem Paradies hinaus. »Ich habe es fortgeworfen,« sagte ich, damit es der Alte nicht zurückfordern konnte. —
Was wollte ich mit dem Fläschchen tun? Ich wollte es doch los sein! Warum gab ich es ihm nicht? Warum warf ich es ihm nicht vor die Füße? Ich fühlte, wie mich das viereckige Fläschchen in meinem weißen Flanellsommeranzug unbequem drückte, und ich fuhr seitdem ängstlich, oft mitten in den ruhigsten Stunden, plötzlich mit der Hand nach meiner Westentasche. Ich wich dem Kapitän von diesem Tage an aus, damit er nicht nach dem Fläschchen fragen sollte. —
Mitten in dem herrlichen Gesicht dieses Sommers 1910, mitten in dem herrlichen Gesicht dieser Insel am Ende der Welt, die nie eine Schuld, nie ein Verbrechen, nie eine Niedertracht kannte, trug ich nun diesen Ekelfleck mit mir in der Westentasche herum, diesen Giftfund, dieses Giftfläschchen. Täglich wünschte ich das Gift zu behalten und täglich, es los zu werden. —
Ein nordischer Sommer ist schnell verflogen, ist schnell abgekühlt. Schon ein paar Wochen nach Johanni, wenn die Nächte wieder die Dunkelheit wie eine schwarze Maske über das Land legen und die paar Wiesenflecken abgemäht sind, die es da gibt, und die paar Kornstrecken, und Ende Juli schon der Stillstand eines frühen Herbstes die Bäume aussehen läßt, als wären sie aus verblichenem grünem Papier angefertigt, dann werden all die Kühe in die Ställe zu den Hütten heimgetrieben, und eine Totenstille, Langweile und Leere sitzt bald an Stelle des Saftes und der Frische im Steingesicht dieser Insel. Die kleinen Hütten ertrinken abends im Nebel. An Stelle der Kühe laufen weiße Möwenscharen auf den abgemähten Wiesen herum, Wiesen, die nur jährlich einmal Gras geben, dann nicht mehr wachsen und sich mit den weißen Möwen bedecken, die des Morgens vor Sonnenaufgang anzusehen sind wie der Vorschein frühen Schnees.
Oft habe ich des Morgens vor Sonnenaufgang, da ich Bayer bin und in dem katholischen Lande an Morgenläuten, Mittag- und Abendläuten gewöhnt bin, hinausgehorcht. Aber nichts rührte sich. Es gab auf der Insel keine Kirche, keine einzige Glocke, und die Leute fuhren ihre Kinder zur Taufe mit Kähnen auf andere Inseln. Ebenso mußten die Brautpaare und die Leichen oft tagelang auf guten Segelwind warten, um zur Hochzeit oder ins Grab auf die ferne Kircheninsel zu kommen.
Die Insel Koster selbst lag glockenlos in der großen blauen Glocke des Himmels, und der »Heide«, der alte Kapitän, hatte recht, wenn er einmal in der Handelsbude, in dem einzigen Kaufladen, den es auf der Insel gibt, dröhnend auf den Tisch schlug und ausrief:
»Was brauchen wir hier Christentum, wir auf Koster! In alter Zeit waren wir Heiden und Helden. Und jetzt ist uns das Heldentum verboten. Aber Heiden sind wir immer noch im Grunde. Wir zahlen unsere Steuern, und die Sonne scheint nicht schöner, ob wir Christen sind oder Heiden. Und die Makrelen und die Heringe lassen sich so gut fangen von den Heiden, wie von den Christen.«
Und das stämmige Königsgeschlecht von Koster lächelt gutmütig über seinen Stammheiden, über den Kapitän.
Der Sommer war hier früher zu Ende, als man sich in Deutschland vorstellen kann. Und in den ersten Tagen des August sahen die Frau, die ich liebe, und der ich noch nichts von dem Giftfläschchen in meiner Westentasche erzählt hatte, und ich, wir beide sahen mit Frösteln das schnelle Müdewerden der nordischen Sommersonne. Und eine unbändige Sehnsucht nach neuer Sonne wachte jeden Morgen mit uns auf und war jeden Abend unser letztes Gespräch.
Frauen, die sich sehr geliebt fühlen, fassen immer resoluteste Entschlüsse. So sagte diese Frau eines Tages:
»Wir wollen nach Italien. Dort ist es noch Hochsommer. Es ist viel zu spät für die lappländische Reise. Wir würden nur den schönen Eindruck von Koster verwischen. Schweden ist zu schön, als daß man es in einem Sommer flüchtig durchreisen kann. Man muß viele Sommer darauf verwenden, um alle seine Schönheiten zu erreisen. Damit wir den Norden recht verstehen, sollen wir jetzt als Kontrast den Süden aufsuchen.«
Ich deutete schwerfällig und gewissenhaft wie jeder Mann auf den großen Koffer, in welchem die Wintersachen für Lappland lagen, auf Pelz und Wolle. »Sollen die ganz umsonst hieher gewandert sein?« fragte ich.
Aber hartnäckig, weil sie meine Sehnsucht nach Sonne kannte, sagte die Frau:
»Wenn du soviel Respekt vor Koffern hast, möchte ich sie schon gleich ins Meer versenken.«
»Gerade so wie ich mein Giftfläschchen,« entfuhr es mir. Und nun mußte ich die ganze Geschichte vom Giftfläschchen, das mir wie ein Dämon in der Westentasche saß, und das den Kapitän wie ein Dämon dreißig Jahre lang gefoltert hatte, meiner Geliebten erzählen.
»Das ist ein neuer Grund,« rief diese erfinderisch aus. »Ich sehe, du und ich, wir werden dieses Giftfläschchen ebensowenig los wie der Heide, der Kapitän. Aber es fällt mir gar nicht ein, deine Liebe mit einer Giftflasche zu teilen. Wir müssen nach Rom und das Gift an der einzigen Stelle der Welt, wo es hingehört und keinen Schaden anrichtet, abliefern.«
»Ja, wenn noch in Rom die alten Römer leben würden,« meinte ich. »Aber dort sind ja nur Ruinen, wie du selbst immer sagst.«
»Dort ist der heilige Vater! Seiner Heiligkeit drückst du einfach das Fläschchen in die Hand, so wie es der Kapitän dir plötzlich in die Hand gedrückt hat.«
»Liebende Frauen sind weise Frauen,« sagte ich. Und indessen sie die Koffer packte und die Wolle für Lappland zu unterst stopfte und dabei italienische Lieder vor sich hinsang, reiste ich in sechzig Stunden von Strömstad direkt nach Rom, immer das Giftfläschchen in der Westentasche betastend, daß es mir nicht auskäme.
Als ich in Rom dann das Fläschchen Seiner Heiligkeit in die Hand drückte, wie es mir die weise und liebe Frau geraten hatte, lächelte Pius und sagte verständnisvoll:
»Das macht nichts, das kommt öfters vor.«
»Natürlich,« sagte ich eilfertig aus Verlegenheit. »Darf ich Eure Heiligkeit fragen, was Sie damit anfangen werden,« setzte ich neugierig hinzu.
»Das stellen wir zu den andern,« nickte der Papst. Und ebenso nickte Seine Eminenz, der Kardinal del Val, der bei meiner Audienz zugegen war: »Das stellen wir zu den andern.«
Das Gespräch wurde in den vatikanischen Gärten geführt, die mir durch ihre Regelmäßigkeit, regelrecht gestutzte Taxushecken, etwas pedantisch und langweilig vorkamen, mir, der ich gerade von der Insel der heiligen Kühe kam, vom Lande, wo die Steine sprechen, von Wacholder, wilden Rosen und Urgestein, von der schwedischen Heideninsel, wo in der blauen Glocke des Himmels die Sonne täglich zu einem Fest geglänzt hatte, wo das große freie Meer geläutet hatte, und wo die Fischerleute arm, bescheiden und ehrlich waren wie der Fischer Petrus und wie die Apostel, welche einst Fischer waren am See Genezareth.
»Und um die Erde sind Sie auch gereist?« meinte Seine Eminenz der Kardinal. »Und haben einen amerikanischen Bischof unterwegs getroffen, der von allen Göttern der Welt ein Probebild mit nach Philadelphia nahm! Der ganze Vatikan hat diesen Winter »die geflügelte Erde« studiert. Wenn die sündige Erde wirklich rundum so voll schöner Wunder ist, wie Sie da beschreiben, dann gibt sie uns hier vieles Nachdenken. Wir hatten wirklich nicht geglaubt, daß noch etwas irdisch Schönes an der Welt wäre. Wir dachten, wir hätten alles Verführerische mit heiliger Christenstrenge ausgemerzt.«
»O!« rief ich aus und machte meinen Mund größer auf, als in den vatikanischen Gärten erlaubt ist, »wenn Sie nur ›die geflügelte Erde‹ gelesen haben, dann haben Sie noch nicht vom Schönsten gehört, was ich gesehen habe.«
Seine Heiligkeit, welche wir auf den Wegen des Gartens zwischen uns gehen ließen, setzte sich auf das Stühlchen, das die Schweizer Wache, die hinter uns ging, ihm unterschob. Der Papst hielt immer noch mein Giftfläschchen zwischen den Fingern, obwohl es ihm der Kardinal öfters hatte abnehmen wollen. Der Papst hielt das Giftfläschchen gegen die Sonne:
»Wieviel Gifttropfen sind darin und wie wirken sie?«
Ah, dachte ich. Dem Papst geht es jetzt wie dem Heiden auf Koster. Der Kapitän hat das Fläschchen auch nicht mehr hergegeben, als er es einmal zwischen den Fingern hatte. Und obwohl ich vom Allerschönsten, was es auf der Welt gab, eben hatte erzählen wollen, hatte der Papst nicht zugehört, sondern immer an das Gift denken müssen.
Der Kardinal kam mir zuvor und beantwortete die Fragen, die das Gift betrafen, und ich bewunderte dabei des Kardinals scharfes Gedächtnis, der alles genau behalten hatte, was ich ihm über das Giftfläschchen vorher mitgeteilt hatte.
»Was gibt es Schöneres in der Welt als Rom,« fragte der Papst, schwärmerisch durch das Giftfläschchen den römischen Himmel betrachtend.
»Die Insel Koster,« sagte ich prompt. »Dort würden Eure Heiligkeit sich einmal recht von allem Glockengeläute erholen.«
Auch der Kardinal ließ sich jetzt von der Schweizer Wache, die auf seinen Wink herbei eilte, ein Stühlchen unterschieben.
Da saßen sie nun vor mir in dem Taxusheckengang, Seine milde Heiligkeit im weißen fleckenlosen Gewand und der Kardinal im Scharlachkleid.
Wenn jetzt nur die Frau, die ich liebe, und die ich auf Koster singend beim Kofferpacken zurückgelassen habe, aus der Taxushecke käme! Nur sie könnte mir jetzt aus der peinlichen Verlegenheit helfen, dachte ich. Denn dieses mit dem Glockengeläute habe ich verkehrt gesagt, das sah ich den beiden Italienern an den gelben Gesichtern an.
»Die Insel Koster, trotzdem sie keine Kirche und keine Glocken hat,« fuhr ich fort und eilte mich mit den Worten, um mich bei den Italienern wieder in Gunst zu reden, »diese Insel Koster ist nämlich heute noch der unschuldigste Platz der Welt. Dort gab es noch nie eine Lüge, nie einen Diebstahl, nie einen Mord; nie mußte dort jemals das Gericht einschreiten und keine Polizei. Die Menschen dort sind noch die reinsten unschuldigsten Heiden,« platzte ich heraus, weil mich die hochmütigen Gesichter der römischen Herren ärgerten.
Meine Worte mußten sehr gut gewirkt haben, denn Seine Heiligkeit lächelte Seine Eminenz an, und Seine Eminenz lächelte Seine Heiligkeit an. Und diese Lächeln gingen miteinander über die Taxushecken, über die Palmen und über die weißen Geländer der Terrassen des vatikanischen Gartens, versöhnlich hinauf bis in den üppigen blauen römischen Himmel.
Der Papst hob das Giftfläschchen, das zugleich mit dem großen Ring am Daumen seiner Hand funkelte, wieder ans Licht.
Die Allmacht dieses Siegelringes zuckte mir zu gleicher Zeit mit dem Schiller des Giftfläschchens entgegen. Ich verstand nicht sogleich, daß diese Geste des Papstes mir meine schöne unschuldige Insel Koster beleidigen wollte.
»Menschliches Gift kann lange im Verborgenen leben,« sagte der alte Mann mit den blassen Wangen, mit dem blassen Kinn, mit der blassen Nase und mit den blassen Augen, die mir plötzlich unheimlich lebensmüde aus dem dunkelgrünen schwülen Palmengarten entgegenleuchteten.
»Lieber Dichter, habt Ihr nicht dieses Gift, wie Ihr erzählet, von jener Barbareninsel gebracht?« tönte es ironisch von seinen blassen Lippen.
»Ja,« sagte ich eifrig, meine Insel Koster verteidigend. »Das Gift kam von der Welt dorthin. Aber jetzt ist kein Gifttropfen mehr dort. Ich habe alles Gift Eurer Heiligkeit gebracht, direkt nach einer Sechzigstundenfahrt, und das Giftfläschchen gleich übergeben, damit Eure Heiligkeit es aus der Welt schaffen.«
»Mein Lieber,« sagte die weiße Figur vor mir, die da unter dem blauen römischen Himmel im Garten zugleich mit dem Kardinal von dem Stühlchen aufstand, und deren weiße Lippen tief Atem holten, als wollten sie mir eine tiefe Wahrheit sagen, und ich dachte schon vorschnell:
Seine Heiligkeit wird sagen: nichts kann das Gift der Welt aus der Welt schaffen, nicht der Papst, nicht der Dichter, nicht die Christen, nicht die Heiden. Und ich dachte, daß ich mit dieser großen Weisheit dann entlassen würde.
Aber nein, — Pius reichte mir nur die Hand, die das Giftfläschchen hielt, zum Abschiedskuß, und mit den Augen auf das Fläschchen deutend:
»Mein Lieber, wir werden es zu den andern stellen.« — — —
»Wenn das nur nicht großes Unglück anstiftet,« sagte später die Frau, die ich liebe, zu mir. »Das kann nicht gut sein, wenn man im Vatikan ein Giftfläschchen zum andern stellt. Der Kapitän auf Koster, der dreißig Jahre das Fläschchen aufbewahrt hatte, ist ganz wild davon geworden, und die Leute nannten ihn schließlich einen Heiden. Wenn nur nicht der ganze Vatikan von dem Kostergift wild wird!«
Und wirklich, die vielgeliebte Frau hatte wieder recht. Ein paar Wochen später schon begann die Geschichte mit den Modernisteneiden, und die Bannflüche fliegen seitdem wie Giftpfeile aus dem Vatikan über die Alpen.
»Das kommt davon,« sage ich zu meiner Frau (wenn ich die Bayerische Landeszeitung aus der Hand lege, worin der Memminger so genau die Zustände und die Aufregungen des Papstes schildert), — »das kommt davon, daß der Papst als Ratgeber nur Kardinäle und keine Frau hat. Die Liebe einer Frau ratet besser als alle Kardinäle.« —
Himalajafinsternis
Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und Erreichbarkeit zieht dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr los werden wirst.
Wenn sich deine Seele, ohne daß dein Leib reist, an einen Ort hin versetzt, in dem du nie warst, so kann sie an dem Ort bald im Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, bald im Frühling wandern, geisterleicht in einer Geisterlandschaft. Hast du aber den Ort einmal reisend mit deinem Leib erreicht und wirkliche Tage dort erlebt, so bist du dem Gefängnis der Wirklichkeit verfallen. Sobald du dich in späteren Jahren an den bereisten Ort im Geist zurückversetzt, kommst du nicht über die Grenzen der ehemaligen wirklichen Tage hinaus. Du siehst jenen Ort immer wieder, in ermüdender Wiederkehr, in derselben Tages- oder Jahreszeitstimmung, in der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn nicht willkürlich mehr verwandeln. Du bist verdammt, ihn ewig genau so zu sehen, wie er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies ist der Fluch, der die Seele des Reisenden belastet. Die Flügel der Geistigkeit werden ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der Vielgereiste haftet mehr an der Erde als der Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als die übrigen Sterblichen.
Es gibt eine einzige Möglichkeit, den Wirklichkeitsbann des Reisens zu durchbrechen und abzuschütteln. Das geschieht, wenn wir unsterbliche Erlebnisse heimbringen; wenn sich das Schicksal des Reisenden mit Menschenschicksalen fremder Orte so verknüpft, daß der Ort, die Landschaft, das Gesehene ganz an Bedeutung verlieren, ins Nichts sinken, und das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort und Wirklichkeit überragt.
Solche Erlebnisse sind selten, aber eins, zwei solcher Erlebnisse auf großen Reisen bleiben einem im Blut und Geist haften und überfallen einen zeitweise in der Erinnerung, und solche Erlebnisse können uns modernen Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und die Erhebung ersetzen, die die früheren naiven Menschen in Gotteshäusern vor ihren Altären und Göttern empfanden, vor Göttern, die wir Modernen längst zum alten Eisen gelegt haben.
Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge gewesen, konnte ich mir diese höchsten Erdzinken immer nur tief in weißem Schnee und unter ewig eisigblauem Himmel vorstellen, ähnlich den Erinnerungsbildern, die ich vom Montblanc, von den Dolomiten und den Schweizer Alpen mit mir trug. Jetzt aber, nachdem ich vor Jahren am Himalaja war, sehe ich dort im Geist keine ehernen Gletscher, keinen eisblauen Himmel mehr. Ich sehe dort die Erde grau in grau wandern, denn es war im Februar, als die Nebel aus der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen, Nebel in allen Schattierungen, in Schatten und Beleuchtungen wechselnd. Es war, als flögen die Berge; dann wieder versanken sie. In den Sternennächten wirbelten diese Nebel im Mondschein. Der riesige Himalaja schien sich fortzuwälzen. Bald stellten sich die Nebel wie Riesentreppen auf, schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten sich um ihre Achsen wie ungeheuere Windmühlenflügel. Es blieb kein Oben, kein Unten, kein Links und kein Rechts mehr bestehen, als wäre der Himalaja eine Gedankenwelt geworden, in der sich fluchtartig Bilder und Eindrücke, Wirklichkeit und Unwirklichkeit jagten.
Siebentausend Fuß hoch oben in Darjeeling, dem weltbekannten Erholungsort der englisch-indischen Beamten, Offiziere und reichen Kaufleute, waren im Februar die meisten Villen geschlossen. Sie liegen mit ihren Glaswänden und Glasveranden wie aus Bergkristall aufgebaut an der Berglehne der hohen Gelände von Darjeeling. Dazwischen ziehen sich Teegärten mit niedrigem Teegebüsch hin, denn der Tropenbrodem, der vom großen indischen Reiche am Fuße des Himalaja zu den Höhen von Darjeeling heraufraucht, bringt einen Atem von Fruchtbarkeit über diese Südabhänge des Himalaja.
Heimgekehrt nach Europa, wäre ich jetzt, wenn ich an den Himalaja zurückdenke, ewig dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den unendlichen, lautlosen, träufelnden Februarregen zu sehen, der aus den Nebelschwaden niedertroff, und ich müßte immer in die nebelwandernden Berge schauen, die mir nie mehr stillstehen würden, wäre mir nicht dort jenes Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos ansieht, nicht gebunden an Tag und Jahreszeiten, sondern nur gebunden an die Allmenschlichkeit, an das Menschenherz, das rund um die Erde, an allen Orten gleich handelnd liebt und leidet, als wäre es ein einziges Herz.
Eines Nachmittags hatten mich die fünf Tibetaner, die meine Rikscha schoben, nach dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren, der an einem Ende des Bergdorfes Darjeeling, nach langen Fahrten, auf verschlungenen Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach wie ein weißgekalktes Scheunenhaus und unterschied sich fast in nichts von tibetanischen Bauernhäusern. Er lag am senkrechten Abhang, von einigen verwilderten Bäumen umstanden, ein wenig einfach, und man hätte ihn ebensogut von weitem für einen kleinen Gasthof halten können.
Ich mußte einen nassen Vorgarten durchschreiten und hörte von weitem einen regelmäßig klingenden Ton. Es war der Laut der Gebetsmühlen, die nach jeder Umdrehung antönen. Unter dem Vordach des Tempelhauses stand eine mannshohe und mannsdicke gelbe Röhre aufgerichtet. Sie war von oben bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein Tempelknabe in gelber Kutte drehte mit der Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem Gestell rund um eine Achse bewegte. Jede Umdrehung des Zylinders galt soviel als das vollständige Ablesen der tausend Gebete, die eingedrängt auf ihr geschrieben waren.
Drinnen im Tempel war es dunkel wie in einem Stall. Hinter dicken Holzgittern standen die geschnitzten Götter, deren alte gebräunte Vergoldung kaum noch glänzte. Da war kein friedlicher Gott darunter. Alle Götter standen oder hockten in wilden verrenkten Stellungen, als wären sie den verzerrten Nebeln draußen nachgebildet.
Aus unzähligen Ölnäpfchen, voll kleiner Nachtlichter, flimmerten winzige Flämmchen. Wie die Futtertröge der Götter, so standen sie da vor den Gittern und nährten die speckigen Goldgesichter mit ihrem Ruß und belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden Flämmchen.
Nicht an allen Wänden standen Götterbilder. Es waren da Lücken, und dort am berußten und schmutzigen Wandkalk entdeckte ich Photographien, Ansichtspostkarten und Holzschnitte aus illustrierten englischen Zeitungen. Es waren Bilder von englischen, deutschen, französischen, russischen Prinzen und Generälen und Abbildungen von neuerfundenen Maschinen, Bilder, welche von den tibetanischen Priestern heilig gesprochen waren, vielleicht um den Europäern zu schmeicheln, vielleicht auch aus abergläubischer Furcht vor unbekannten fremden Seelenkräften.
Am Fußboden in einer Ecke bemerkte ich geleerte englische Bierflaschen. Ein paar tibetanische Priester mit glattrasierten kahlen Köpfen, in schmutziggelben Kutten, hockten am Boden und rauchten, lehnten mit dem Rücken an der Wand und stierten zur offenen Tür hinaus, zu der ein wenig Tageslicht in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig auf den Augäpfeln der Priester glänzte.
Die knisternden Reihen von Nachtlichtern, die blöden Augen der Priester und hie und da hinter den Gittern ein Götterbauch, an dessen abgenütztem Gold sich die Ölflämmchen spiegelten, der süßliche Tabakrauch aus den Priesterpfeifen und ein noch süßlicherer Geruch von erkaltetem Räucherwerk, die grotesken Papierfetzen aus illustrierten europäischen Zeitschriften, — dieser Wirrwarr von zeitlosem Spuk —, und draußen im Türviereck die ewig im Nebel fortwandernden Himalajaberge wie Spuklandschaften, die bald in den Himmel stiegen, bald zur Erde fielen, ein Nebelgekröse, das plötzlich bis zur Tür herankroch; die gelben Ungeheuer der Gebetmühlen, die sich einförmig drehten und in regelmäßigen Zwischenräumen mit einem dünnen Metallton anschlugen, — all das sah abenteuerlich aus, einfältig und ungeheuerlich zu gleicher Zeit. Denn es bestand schon seit Tausenden von Jahren und schien unvergänglich wie die Götter der Dummheit, die neben den Göttern des Verstandes und des Gefühls ewig die Erde beherrschen.
Aber wie die Abgründe draußen vor der Tempeltür, an deren Rändern das Schwindelgefühl saß, das Menschen, Tiere und Steinmassen in die Himalajaschluchten reißen konnte, so lag hinter dem Gefühl der dumpfen Dummheit, die in dieser stallartigen Tempelstube hockte, zugleich eine kaltblütige Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch aus den stieren Augen der kahlköpfigen tibetanischen Priester und grinste grotesk freundlich aus den lachenden Mäulern der Gesichtsmasken der im Halbdunkel hockenden Götterfiguren.
Meine fünf tibetanischen Wagenschieber, die wie Eskimos in sackartigen Kleidern vermummt steckten und von hünenhaften Kräften waren, fuhren mich dann im Rikschawagen zurück, an fast senkrechten Bergwegen hinauf. Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten wie Geißböcke und prusteten wie Walrosse. Zugleich verfolgten meinen Wagen drei tibetanische Riesenweiber, die ihre Schmuckketten aus kleinen blauen Türkisen, Brocken Bergkristall und Stücken ungereinigter Silberbronze, mit rötlichem Carneol verarbeitet, vom Hals und von den Armgelenken rissen und mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten. Immer gestikulierend sprangen die Tibetfrauen neben meinen Wagenrädern hin und her, umgeben von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde.
Eine der Frauen nahm sich während des Springens die Türkisenohrringe ab, eine andere drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring mit rotem Carneolstein, die dritte zog sich bronzene Haarpfeile aus ihrem ungekämmten, verwilderten und vom Regen nassen Haarknoten. Einige Worte Englisch und hundert geschnatterte tibetanische Worte, durchsetzt mit Hundegebell und begleitet vom Gelächter und Geschnauf meiner schwitzenden Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor den Ohren.
Endlich kaufte ich dem einen Weib einen Ring ab, und da der Rikschawagen an den Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick halten konnte, wurde der bewegte Handel durch Zuwerfen des Ringes und Zurückwerfen des Geldes abgeschlossen.
Zwei der Frauen blieben jetzt zurück. Nur das dritte Weib, das immer noch ihre Haarpfeile verkaufslustig in der Luft schwang, haftete noch an der Seite meines Wagens, vom Gekläff der Hunde umgeben.
Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah, lockte sie mit den Augen, so daß ihr die Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen, gegen die sie sich eifrig verteidigte. Da mich die Haarpfeile nicht reizten und des Weibes Augen mich nicht überreden konnten, fuhr sie immer neben dem Wagen herspringend, mit den Händen in die Falten ihres sackgroben Mantelkleides und fand in irgend einer Tasche eine kleine Silberkette, die mir aber ebensowenig gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette in der Luft schüttelte, flog, zwischen ihren Fingern durch, ein kleines Bronzeamulett, das an einer Darmseite angebunden gewesen, und flog zu mir in den Wagen auf meinen Schoß.
Mit einem Blick sah ich, daß das Amulett ein echtes kleines Bronze-Götzenbild war, nicht größer als ein Fingerglied. Es stellte in viereckigen primitiven Formen zwei winzige Menschen dar, einen nackten Mann, an welchem eine nackte Frau emporkletterte.
Ich schloß meine Hand, in die das Amulett gefallen war, griff mit der andern Hand in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld trug, und warf dem Weib ein paar große Silbermünzen zu. Sie sah mich erstaunt an, fing blitzschnell das Geld auf und blieb zurück. Zufällig bog der Wagen um eine Wegecke. Ich konnte jetzt das Weib, das in dem Haufen der bellenden Hunde stillstand, noch einmal von weitem sehen. Sie schüttelte fortwährend den Kopf, als verstünde sie nicht, wie sie zu dem Gelde gekommen sei. Sie hielt die Haarpfeile im Mund zwischen den Zähnen und wickelte die Geldstücke in ein kleines Stückchen gelben Tuches. Vielleicht war es dasselbe Stückchen Tuch, in welchem vorher die Silberkette und das Amulett eingewickelt gewesen.
Ich vergaß die Begebenheit, denn es ereignete sich jeden Augenblick viel Neues in der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne mich nur, daß, als ich eine halbe Stunde später im Hotel das Amulett betrachtete, mir nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung kam, sondern die zwei anderen, die zurückgeblieben waren, und deren Wangen mit einer roten Masse eingerieben waren. Ich fragte einen der tibetanischen Fellverkäufer, die in der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit was sich die Weiber hier die Wangen einrieben, daß sie so braunrot würden. Er sagte, daß die Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die Witwen bestreichen sich die Wangen mit Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen, die den Männern zeigen möchten, daß sie wieder heiraten wollen.
Während ich noch sprach, läutete die erste Dinnerglocke im Stiegenhaus des Hotels, die Glocke, welche die reisenden Damen und Herren darauf aufmerksam macht, daß es an der Zeit ist, sich für das Mittagessen, daß um 7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch hoch oben im Himalaja erscheinen die englischen Herren abends in Frack und Smoking und die Damen in Schleppkleidern, tief ausgeschnitten und frisiert, als wären sie für eine Galaoper geschmückt.
Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein tibetanischer Zimmerbursche das Kaminfeuer angezündet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, welcher zum Zimmer gehörte, Wasser in die Badewanne schleppte.
Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang durch einen Balkon, der an der Rückseite des Hauses entlang lief. Nachdem das Bad hergerichtet war, murmelte der tibetanische Diener sein »all right Sir« und verschwand durch die Hintertür des Badezimmers.
Nachdem ich ins Bad gestiegen war und aufrecht im dampfenden Wasser stand und einige Turnübungen ausführte, fühlte ich im Rücken einen eiskalten Luftstrom, als ob jemand die Hintertür des Baderaumes zum Balkon geöffnet habe. Ich rufe auf Englisch: »Tür zu!« Und um mich vor dem eisigen Luftstrom zu schützen, tauche ich im heißen Wasser der Badewanne bis zum Hals unter. Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der das Zimmer füllte, den Schatten einer Gestalt und frage: »Wer ist da?«
Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von meinem Schlafzimmer in den Baderaum herein, und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß die kleine Lampe, welche der Diener in eine Fensternische gestellt hatte, die aber vorher kaum leuchtete, jetzt vollständig ausgegangen war.
Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine Antwort bekam, erhob ich mich wieder aus dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick fühlte ich wieder den Eishauch von der Türe her, die wahrscheinlich wieder hinter dem Dampfnebel geöffnet worden war. Der menschliche Schatten, den ich vorher gesehen hatte, war aber verschwunden.
Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwärtigte, als wäre es eine Frau gewesen, die vorher eingetreten und die jetzt wieder verschwunden war.
Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch ein paar Mal, beendete dann mein Bad schneller, als ich es sonst getan hätte, wickelte mich ins Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer und leuchtete in den Baderaum, fand aber niemand. Dann kleidete ich mich an, klingelte und fragte den Diener, ob man jemand hereingelassen, während ich im Bad war.
Dieser schüttelte den Kopf und wußte von nichts.
Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als ich mich zu Bett legte, schloß ich vorsichtig alle Türen.
Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der Darmseite zu schließen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr abgenützt war, konnte ich mir vorstellen, daß das Amulett wohl schon mehrere Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen und auf der Brust verschiedener Leute geruht haben mußte. Bis diese starke Darmseite sich abnützen und durchwetzen konnte, mußten manche Menschenleben dahingegangen sein.
Die an der Männergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von geschwärzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein.
Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße Figurengruppe zusammengeschweißt, wahrscheinlich in irgend einer Bergschmiede tief im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klöster, die an unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und Bergseen zerstreut liegen auf der Straße nach Lassa hin, jener Straße, die zu der geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt führt.
Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten im Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das gelbe Tuch gewickelt hatte.
Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schließen, hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht gewußt, daß sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette in der Hand geschüttelt, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so schien es mir, als wäre ihr unbewußt das Amulett aus den Fingern geglitten, denn ihr Gesicht war verblüfft und nachdenklich, als sie meine Silbermünzen auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich das Amulett mit meinem Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir und legte mich beruhigt zu Bett.
Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und hörte ein Geräusch wie von flatternden Flügelschlägen.
Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, und der kleine Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an die Wände, von wo aus das klatschende Flügelschlagen herkam.
Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, groß wie eine Eule, von Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, daß es eine große Vampirfledermaus war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre, die nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter, indessen ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer saßen immer einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von den Männern kam nun herauf, riß die Bettdecke von meinem Bett und schlug mit dem Tuch nach dem Tier in die Luft und scheuchte die Riesenfledermaus durchs geöffnete Fenster in die Nacht hinaus.
Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoßen. Doch unerklärlich war es mir, wie die weiche und zartknochige Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe einzustoßen.
In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich ließ das Licht brennen und befahl dem Diener, das Kaminfeuer zu schüren. Ich setzte mich dann an den Kamin und las, das heißt, ich wollte lesen, um nicht einzuschlafen. Aber mehrmals mußte ich aufhorchen. Es war mir, als hörte ich Schritte auf dem Balkon, auf welchen das zerbrochene Fenster führte.
Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte mir, es wird einer der Diener sein, der sich überzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch brennt, und der mich nicht zu stören wagt und deshalb auf dem Balkon herumschleicht und hereinsieht.
Nach einer Stunde war mir, als verbreite sich ein durchdringender Blumengeruch im Zimmer. Ich schloß die Augen, lehnte meinen Kopf im Ledersessel zurück und überlegte, ob die Nachtnebel, die aus den Himalajateegärten und aus der indischen Tiefebene heraufstiegen, solch einen betäubenden Blütengeruch mit sich führen können. Durch das zerbrochene Fenster schien der Geruch mit dem Nebelrauch hereinzuziehen, denn ich sah einen feinen bläulichen Dampf, der vom zerbrochenen Fenster her das Zimmer erfüllte. Ich wollte aufstehen, ein Handtuch oder einen Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke zustopfen, um den betäubenden Nebel abzuwehren.
Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn sich immer wiederholenden Wunsch, aufzustehen. Meine Augen fielen zu. Einige Zeit hielt ich das Buch noch in der einen Hand fest. Aber das Buch schien immer größer und schwerer zu werden. Das Buch wuchs und stand vor mir wie die Wand so groß. Und immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand vor mir das aufgerichtete wandgroße Buch. Es war mir, als wohne ich nicht mehr in einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch. Und ich hatte das Gefühl, dieses Riesenbuch könnte zuklappen und mich zwischen seinen Seiten erdrücken. Das Buch roch so süß wie die Süße aus einem alten Schrank, in welchem getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit diesem gemischten Gefühl von Süße und drückender Bangigkeit verbrachte ich, wie es mir schien, Jahre, ohne daß sich etwas in meinem Zustande änderte.
Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es klopfte irgendwo jemand auf meinen Schädel. Es wurde lange und heftig geklopft. Bald war es mir auch wieder, als klopfe man schon jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen öffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. Draußen war es immer noch Nacht. Das Klopfen kam von den verschiedenen Zimmertüren im Korridor. Die Hotelgäste wurden geweckt.
Ich erinnerte mich jetzt, daß unsere Reisegesellschaft, die zehn Damen und Herren, die sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden, verabredet hatten, um drei Uhr morgens bei Mondschein aufzubrechen, um auf Paßwegen zu dem zweitausend Fuß höher gelegenen »Tigerhill« zu reiten, wo man den Sonnenaufgang über dem Mont Everest und anderen Riesen des Himalaja erwarten wollte.
Im Zimmer war noch immer der süßliche Dunst. Ich kleidete mich im halbtrunkenen Zustand an. Ein Diener brachte mir dann den Morgentee und sagte, daß die Pferde gesattelt seien und unten an der Veranda warten.
Als ich ein paar Minuten später aufs Pferd stieg, freute ich mich über die klare Bergluft, über den eisklaren Halbmond, der am Himmel hing, und über den reinen Neuschnee, der gefallen war, und ich hatte bald ganz und gar den Blumendunst vergessen und die letzten Stunden jenes schweren Schlafes, der mehr einem Alpdruck als einem gesunden Schlaf ähnlich gewesen.
Auf den schmalen Paßwegen, auf denen die Pferde hintereinander schreiten mußten, schwiegen das Geplauder und Gelächter der Damen und Herren. Es war, als ritten wir nicht auf der Erde, sondern auf Wolken, an Wolkenrändern entlang. Die Mondsichel hatte nicht Kraft genug, die Himalajagründe auszuleuchten. Meere von Finsternis lagen an den Rändern der Paßwege, die nur einige Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang zogen. Bäume, die so alt waren, daß sie kein Blatt mehr trieben und nur wie moosbehangene Skelette ragten, waren durch Nebel und Schnee wie vom Erdboden abgeschnitten und hingen in der Luft wie vom Himmel herab. Einige waren wie hausgroße Skelette ungeheuerlicher Fledermäuse. Diese Gespensterbäume und der jasminweiße Mond auf dem grünlichen Nachtäther erinnerten mich wieder an mein Nachterlebnis. Aber die großen geöffneten unergründlichen Himalajaabgründe, die den Eindruck gaben, als könnte man so tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief wie in den Nachthimmel, diese Abgründe, an denen die Pferde zagend und tastend und lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend zwischen Leben und Tod entlang gingen, verschluckten Rückerinnerungen und Gedanken, diese Abgründe wollten mich einschläfern, stärker noch als der Blumengeruch es vorher getan hatte.
Der warme, schweißdampfende Pferderücken, der mich trug und der mich rüttelte, war das einzige Stück Wirklichkeit, das ich noch fühlte, denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft wollte sich mit dem Traumzustand meiner noch nicht völlig wachen Gedanken vermischen und mich in die Abgründe ziehen.
Endlich verflüchtete sich die Nacht, und wir erreichten in der blaugrauen Dämmerung, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Höhe des Tigerhills.
Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt worden. Ein großer Holzstoß war angezündet worden, aber das Holz war naß und rauchte mehr als es brannte. Der Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen. Wir versuchten, unsere vom Reiten erstarrten Füße beim Feuer zu wärmen, umwanderten stampfend den qualmenden Holzstoß, vertrieben uns die Zeit mit Teetrinken und warteten auf die ersten Zeichen des Sonnenaufgangs.
Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das ist der Schmetterlingshändler!« Der Genannte war ein Deutsch-Engländer aus Darjeeling, der einen tibetanischen Antiquitätenladen dort hatte und zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen trieb, von denen er die schönsten Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte.
Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, ob er uns auf einer Nachtreise aus dem Inneren des Gebirges begegnet war, oder ob er die Reisegesellschaft von Darjeeling aus begleitet hatte, wußte ich nicht. Ich dachte nur im selben Augenblick, wie ich das Wort »Schmetterlingshändler« hörte, an die seltsame Trommel, die ich in seinem Laden zwei Tage vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt aus den Hirnschalen zweier Menschen, aus der Hirnschale eines Mannes und aus der eines Weibes. Jede Schalenhöhle war mit einer Membrane überzogen; an der Wölbung aber waren die beiden Gehirnschalen zusammengeschweißt, so daß sie zwei kleine Trommeln bildeten. Schüttelte man diese, so schlug in jeder Schädelhöhle eine kleine, hinter der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an die Schädelwand und an die Membrane und trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingshändler hatte mir erzählt:
»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen Priester in einem tibetanischen Tempel gekauft. Es sind die Schädelschalen eines treulosen Mannes und eines treulosen Weibes. Diese Trommel wurde täglich zur Gebetstunde angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe haben. Der Priester, der auf dem Leichenstein beim Tempel die Leichen zu zerschneiden und den Vögeln hinzuwerfen hat, hat das Recht, die Schädelschalen zweier, die die Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu solchen Trommeln zu verarbeiten.« —
Mit großer Mühe hatte der Schmetterlingshändler die Trommel aus dem Tempel erhalten.
Machte es die dünne hohe Gebirgsluft, daß meine Ohren jetzt plötzlich aus allen finstern Himalajaabgründen ein Donnern hörten, als seien die Bergschlünde trommelnde Schädelhöhlen von Ungetreuen?
»Hören Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang sich von den Gletschern lösen und in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben mir zu einer Dame. Dann war tiefe Stille. Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im Schnee knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren und schnupperten. Drüben im Nebel, über einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige Arm eines Riesen, die rosige fleischige Brust einer Frau, Nacken, Schultern, Hüften in gigantischen Dimensionen. Es waren die Umrisse des Mount Everest und des Kantschindschanga, die wie ein nacktes Riesenpaar höher als der Mond im Himmel lagen.
»Die Sonne,« flüsterte eine Dame.
Ich sah über meine Schulter von den Bergen fort und entdeckte eine rote glühende Lawine, die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte und größer und röter wurde, — die Sonne. Wie eine große rote Sintflut gab sie den Gletschern Blut und machte den Schnee zu Fleisch.
Im selben Augenblick, mitten in diesem feierlichsten Augenblick des Sonnenaufgangs, nahm jemand meine Hand, führte meine Finger in eine Westentasche und sagte: Wo ist das Amulett, das du gestern kauftest? Sehen die großen fleischfarbenen Gletscher dort nicht aus wie die Männer- und die Frauenfigur deines Amuletts, das du der Tibetfrau gestern abkauftest?
Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. Aber das Geld, das ich dafür bezahlt hatte, die drei großen Silberstücke, befand sich wieder in meiner Westentasche.
Der Gedanke an das Amulett hatte meine Hand in die Westentasche geschoben.
Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter sahen sich nach mir um. Es wurde mir unheimlich vor mir selbst. Wie ich meinen Pelzrock geöffnet hatte, um das Amulett zu suchen, stieg mir aus der Kleiderwärme wieder jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. Aber jetzt bei der aufgehenden Sonne, in der Schneefrische des Morgens, erkannte ich in dem Geruch ein betäubendes tibetanisches Tempelräucherwerk, das, in großen Massen eingeatmet, einschläfert und Visionen verschafft, und dieser Geruch steckte noch von der Nacht her in meinen Kleidern.
Auf dem Pferderücken vorhin war mir schon der Geruch stark in die Nase gestiegen. Ich selbst war aber noch zu sehr von der Schlafzimmerluft betäubt gewesen, um seinen Ursprung zu erkennen.
Jetzt wandte ich mich mit einem energischen Ruck an den Schmetterlingshändler, um ihn zu fragen: »Glauben Sie, daß es Amulette gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, daß sie sie für nichts verkaufen würden? Glauben Sie, daß, wenn ein tibetanisches Weib ein solches Amulett zufällig von sich geschleudert hätte, es alle Listen seiner listigen Natur anwenden würde, um das Amulett wieder zu erhalten? Glauben Sie, daß es durch Hintertüren in die Häuser eindringen würde und sich nicht scheuen würde ein Fenster einzustoßen, um das Amulett zu erhalten?
Sie werden mir sagen: ›Das zerbrechende Fenster würde jedermann wecken!‹ Aber ich sage Ihnen: Man kann zugleich durch das zerbrochene Fenster eine lebende Fledermaus ins Zimmer werfen, die die Aufmerksamkeit auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen läßt, daß ein Mensch mit Absicht das Fenster zerschlagen hätte. Betäubt man dann noch durch eine Räucherstange den im Zimmer Anwesenden, so ist es ein leichtes, nachher mit dem Arm durch die zerbrochene Fensterscheibe in das Zimmer zu langen, den Fensterknopf von innen aufzudrücken, durchs geöffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen, das verlorene Amulett zu suchen, zu finden und, wenn eine Kaufsumme dafür hergegeben war, das Geld wieder hinzulegen und das Amulett mitzunehmen.«
Alles dieses wollte ich mit energischem Entschluß den Schmetterlingshändler jetzt fragen. Ich öffnete den Mund. Aber die Worte, die ich sprechen wollte, verwandelten sich in Atemrauch, und ich hörte in meinen Ohren, daß ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene Exemplare von Himalajaschmetterlingen haben, können Sie mir dieselben an meine Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm ich aus meiner Westentasche dasselbe Silbergeld, womit ich gestern schon das Amulett bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den Preis für drei Schmetterlinge.
Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne war bald wieder in Nebeln verschwunden, und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr dem Mondlicht glich, an den nebelnden Abgründen zurück nach Darjeeling.
Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war nicht auf meinem Tisch zu Hause im Hotelzimmer, nicht in meinen Taschen, nicht in meinen Koffern.
Ich erinnerte mich jetzt, daß, als ich gestern abend nach dem Diner durch die Billardsäle zu den Spielzimmern gegangen war, wo die befrackten Herren und die dekolletierten Damen an den grünen Spieltischen vor den lodernden Kaminen saßen, mich einen Augenblick eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen aus den europäischen Sälen, die man hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja für verwöhnte Millionäre und Milliardäre hingestellt hat.
Ich war dann auf die breite Hotelterrasse hinausgetreten und hatte dem Hexenspiel der rollenden Bergnebel über den Schluchten zugesehen und den Sternen, die über den bewegten Nebeln zu tanzen schienen. Dann fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken untermischt, aus fortflüchtenden Nebelwellen, die um den Mond kreiselten.
Als ich wieder ins Hotel zurückgehen wollte, war mir, als sähe ich ein großes Tier unter der Terrassenbrüstung um die Hausecke laufen. Gestern abend hatte ich gedacht, es sei ein Hund. Jetzt wußte ich aber, daß es ein Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, eine Frau, wahrscheinlich die Frau, deren Amulett ich besaß, die während der ganzen Nacht um das Hotel geschlichen war, und die sich mit aller List das Amulett aus meinem Zimmer von meinem Tisch geholt hatte.
Dies bedachte ich jetzt nach der Rückkunft vom Mondscheinritt im Hotel und sehnte mich, mit jemandem darüber zu sprechen. Aber meine europäischen Reisegefährten schienen mir alle zu banal, als daß ich Lust gehabt hätte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses einzuweihen.
Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich zum Abend wieder hinunter in die Kaffeegärten und Zuckerrohrpflanzungen Indiens bringen würde, und der am nächsten Morgen mit mir in Kalkutta eintreffen sollte.
Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte ich mich nicht enthalten, die Rikscha am Laden des Schmetterlingshändlers warten zu lassen. Ich stieg aus. Als ich die Ladentüre öffnen will, wird seltsamerweise dieselbe schon von Innen aufgemacht, und an mir vorbei läuft ein tibetanisches Weib heraus. Ich hätte aber die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle Tibetanerinnen untereinander so ähnlich schienen, sowie auch die Neger und Chinesen für den Europäer immer einander ähnlich sehen, hätte die Frau nicht mit einer heftig erschrockenen Bewegung in die Brustfalten ihres Mantelrockes gegriffen, als wolle sie dort etwas beschützen, was ich ihr hätte entreißen können. Mir schien, als ob sie hohläugiger und blasser wäre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst sprechend und mit den Ellenbogen in die Luft fuchtelnd, als müßte sie hundert Hände abwehren, die sich nach ihr streckten, stürzte sie die Bergstraße hinunter fort, begleitet vom Gelächter meiner Rikschaschieber, welche das Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden als ich.
Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshändler vom Amulett zu sprechen, denn ehe ich noch den Mund öffnen konnte, zeigte er mir in einem geschnitzten Kästchen einen aufgespießten sogenannten Handflächenschmetterling. Jene Frau hatte ihm eben den seltenen Schmetterling verkauft. Er wurde in einem Kästchen aus Kampferholz aufbewahrt, denn der Geruch dieses Holzes schützt die Schmetterlinge gegen zerstörende Witterungseinflüsse. Durch Generationen hindurch kann man einen solchen Schmetterling im Kampferholz bei vollem Glanz erhalten. Auch diese Frau hatte den Schmetterling schon lange als ein Erbstück ihrer Familie besessen. Warum sie ihn verkaufen wollte, da er doch unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshändler nicht begreifen, denn ein Handflächenschmetterling wird alle hundert Jahre einmal im Gebirge gefunden. Auf seinen Flügeln sind dunkle Linien, deren Zeichnung den Linien in der Handfläche einer Menschenhand gleichen.
»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingshändler, »muß vielleicht für irgendeine eingebildete Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit einem solchen Schmetterling ihren besten Familienschatz verkauft, um Opfergeld zu erlangen.«
Ich erstand den Schmetterling. Und kaum hatte ich ihn in Händen, so wurde mir auch, ohne daß ich fragte, eine Erklärung über meinen Amulettverlust zuteil.
Der Schmetterlingshändler erzählte mir, daß jene Frau eine sogenannte »ewige Witwe« sei, eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit Ochsenblut bemalen und nicht mehr das Verlangen haben, einen anderen Mann als den Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des Toten sicher zu sein, daß dieser ihr im nächsten Leben treu wird, wie sie ihm treu sein will, trägt eine solche Frau an einer unzerreißbaren Darmseite ein Amulett an der Brust, welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn die Witwe aber dieses Amulett verliert, — denn ein Amulett wird eine Frau nie verkaufen, — hat sie damit die Treue des Toten verloren und wird ihren Geliebten im nächsten Leben nicht wieder finden.
Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren gehen, so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das kostbare Amulett der Treue wieder zu erhalten. —
Während dieses Nachmittags, als ich im Zug saß und in die finsteren Abgründe des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der Lokomotive kam, und der in den Dschungelwäldern und an den Urwaldästen hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie bald gebückt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte über die Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drückte und nach dem Amulett fühlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im nächsten Leben versprach.
Dann, als es dunkel wurde und ich draußen keinen Wald und keinen Dampf mehr sah, betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe den großen Handflächenschmetterling in dem Kampferkästchen, dessen Linien so verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflächen der Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, die voll Finsternis und Aberglauben draußen dicht bei den Schienengeleisen der Bergbahn drohten.
Häcksel und die Bergwerkflöhe
Häcksel war der Sohn des Finsterer, und der war Bergmann im Annaschacht gewesen. Und Finsterer war der Sohn des Labemann, und der war Bergmann im Annaschacht gewesen. Und Labemann war der Sohn des Flegels, und Flegel war Bergmann im Annaschacht gewesen. Keiner von denen war ehelich geboren. Dieses aber ist der Stammbaum der Geliebten der Mütter jener Bergmänner.
Häcksel war, was alle seine außerehelichen Vorfahren gewesen, Bergmann, und er war mehr unter der Erde als auf der Erde zu Hause.
Der junge Bursch von fünfundzwanzig Jahren war, solange er sich unter der Erde befand, höflich, friedlich und zufrieden. Aber oben auf der Erdoberfläche, beim Tageslicht besehen, schien Häcksel das Gegenteil zu sein, störrisch, unfreundlich und ungemütlich. Teils war es das Licht und die laute Welt, die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille und traulichen Dunkelheit, an die er unter der Erde gewöhnt war, immer wieder von neuem reizten. Aber Licht und Lärm waren es nicht allein, die den stillen harmlosen Burschen in ein widerhaariges Ekel verwandelten. Wenn Häcksel sichs klar gemacht hätte, warum er sich oben auf der Erde, außerhalb des Schachtes, verwandelte, so würde er erzählt haben, daß ihm draußen im Leben, außerhalb der Kohlengrube, seine liebsten Unterhalter fehlten, die Bergwerkflöhe, denen er zugetan war, und die neben der Arbeit seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.
Die Bergwerkflöhe aber lieben nur die laue Wärme, die im Erdinnern herrscht, und sind nicht zu bewegen, jemals an die Oberfläche zu kommen. Sie begleiten den Bergmann, den sie sich als Nahrungsfeld ausersehen haben, nie ans Licht. Sie springen immer im letzten Augenblick ab, ehe der Förderkorb den Schacht verläßt.
Häcksel hatte sich durch nichts als durch sein süßes Blut bei den Flöhen des Annaschachtes beliebt gemacht. Vielleicht war er deshalb beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern außerehelich, also wildsüß, gezeugt worden war.
Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte, Häcksel hatte immer einen zur Unterhaltung bereit, und dieses verschaffte ihm manchen wahren Freund im Bergwerk. Denn die Bergleute rechnen in ihrem unterirdischen Dasein die Anregung und Unterhaltung, die ihnen die Bergwerkflöhe bieten, als eine Erhöhung ihrer lahmgelegten Lebenslust.
Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen zur Erhöhung der Geselligkeit ein Floh fehlte, schickten die Leute hin zu Häcksel und erhielten auch schon für einen Schluck kalten Kaffee einen schönen ausgewachsenen Floh von Häcksel geliefert.
Man weiß aber, daß durch fortgesetzte Inzucht auch die lebhaftesten Flöhe allmählich verblöden können, und das geschah, — nachdem aus den Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, die, solange das Bergwerk bestand, drei Menschengeschlechter hindurch, immer nur untereinander gelebt und sich fortgezeugt hatten, — zur Zeit, da Häcksel fünfundzwanzig Jahre alt wurde und von Schwächezuständen befallen war. Die Bergleute stellten fest, daß die heutigen Flöhe ihres Geschlechtes nicht mehr so hoch springen konnten, daß sie sich auch nicht mehr so lebhaft untereinander angezogen fühlten, nicht mehr dieselben Tänze vollführten, die vorher die halbnackten Bergleute auf Brust und Rücken ihrer Kameraden bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz nicht mehr vertrauen. Sie ließen sich von jeder täppischen Hand fangen. Sie versimpelten so sehr, daß es eine Schande für das ganze Bergwerk war.
Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat, der die Erde aufweckt und auch die Triebe der Bergwerkflöhe in der Erde beleben kann, fühlte sich Häcksel, der eben Feierabend machen wollte und seinen Pickel, womit er Kohlen gehackt hatte, an die Flötzmauer stellte, besonders lebhaft hinterm linken Ohr gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht mehr. Häcksel glaubte, es sei Stänker, sein Leibfloh, der frühlingslustig geworden wäre. Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger hinters Ohr fühlte, merkte er, daß ein kleiner, zierlicher, weiblicher Floh dasaß, und er erkannte auch bald, daß es Zinnoberchen war, eine Flöhin, die so genannt wurde, weil sie am rötesten von allen Flohdamen leuchtete, wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken hatte und man sie auf der Hand vor das Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, daß das Menschenblut aus ihrem Körper einen rötlichen Schatten neben sie legte, wo sie gerade saß.
Häcksel war über den unerwarteten Besuch ein wenig erstaunt. Denn um die Feierabendstunde, die die Flöhe gut kannten, war meistens jede Unterhaltung zwischen den Bergleuten und ihren lieben Leibtierchen zu Ende. Die kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend unaufgefordert in den Pferdestall des Bergwerks zurück. Dieser Stall lag neben den Kohlenschachten und befand sich ebenso wie diese viele Hundert Fuß unter der Erde. Die alten Gäule, die dort fern vom Tageslicht in der Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten wurden, bekamen niemals die Sonne zu sehen und wurden mit der Zeit blind. Im Mähnenhaar der Blinden, auf den Rückenwirbeln und in den Schwanzhaaren übernachteten die Bergwerkflöhe mit Vorliebe. Dorthin eilten sie, wenn die Feierabendstunde nahte.
»Ich dachte, du wärest schon schlafen gegangen,« sagte Häcksel, als er Zinnoberchen auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. »Du bist ja ganz abgehärmt, liebes Kind,« fuhr er in Gedanken lautlos zu reden fort. »Ich weiß, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte und hüstelte.
Der junge Häcksel war nicht stark. Er war schwer lungenleidend. Seine Vorfahren, die da unter der Erde in der weichlichen Luft seit einem Jahrhundert Kohlenstaub schluckten, hatten ihm keine starke Lunge vererben können. Der Bergwerksarzt hatte zu dem schwindsüchtigen Häcksel gesagt, ein schwacher Mann wie er dürfe nicht heiraten, und er dürfe auch keine Frau küssen, da er mit Kuß und Umarmung nur Unheil anstiften könne. Ein Schwindsüchtiger müsse nicht daran denken, Kinder zu zeugen. Durch ihn würden nur armselige kranke Menschen entstehen, die ihm und der Welt zur Last fallen würden.
Häcksel hatte es am Feierabend darum nie so eilig wie seine Kameraden, um hinauf ans Licht der Welt zurückzukehren. Ihm war im Bauch der Erde wohl, wo es in Dunkel und Einsamkeit keine Wünsche gab. Nichts erwartete ihn außerhalb des Bergwerkes als ein Strohsack in seiner Kammer, und es lockte ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein Geheimnis verbarg. Häcksel hatte im Stroh seit Jahren eine alte Geldtasche verborgen. Die war voll alter Silbergulden. Die hatte er in einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, in einem Gang des Bergwerks, der nur ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch als vor Jahren von einem schlagenden Wetter verschüttet aus dem Bergwerkplan ausgestrichen und nur als blinder Stollen bezeichnet stand.
Häcksel hatte von jenem Unglück von seinem Vater öfters erzählen hören. Der Alte hatte behauptet, bei den Verschütteten dort in dem blinden Stollen müsse sich auch Geld befinden, denn es war bei den Verunglückten damals ein zufälliger Besucher des Bergwerks mit umgekommen. Man hatte wohl versucht, nachzugraben, hatte aber die mühsamen Arbeiten bald eingestellt und den Stollen verlassen.
Häcksel strolchte dort gern im Bergwerk herum und klopfte mit seinem Pickel jahraus jahrein nach Feierabend in dem verschütteten Gang das Gestein zur Seite. Eines Tages stieß er auf ein Gerippe, bald auf ein zweites und drittes Gerippe, und dort fand er auch die alte Geldkatze voll alter Silbergulden bei den Gebeinen liegen.
Häcksel konnte gut schweigen. Wenn ihn manchmal der Gedanke lockte, seinen Kameraden von dem Fund zu erzählen, so hustete er sich schnell und heftig den Sprechreiz aus Brust und Kehle fort.
Das Bergwerk lag in der Nähe eines oberbayrischen Sees, in den Vorbergen der Alpen, und eine kleine Bummelbahn führte von dort an den Dörfern vorüber bis München. In mancher Nacht, wenn Häcksel daheim in seiner Hütte die alten Silbergulden mit gepulverter Kreide blankputzte, nahm er sich vor, am nächsten Tag hinein nach München zu fahren und das Geld bei einem Wechsler in Markstücke umzutauschen. Aber er hatte sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er nichts von diesem Geld ausgeben. Das Geld sollte nur für sein Begräbnis ausgegeben werden. Denn der Todesgedanke war Häcksels Lieblingsgedanke. Er sagte sich immer, vom Tod könne er nur das Beste erwarten. Vor allem erwartete er vom Tod Gesundheit. Wenn er diesen kranken, elenden, ewig hüstelnden Körper abgelegt hätte, dann würde er gesund auferstehn, meinte Häcksel. Es stand fest und klar in ihm, daß er mit seinem Tod ein neues und gesundes Dasein beginnen würde. Darum war sein Sterben sein schönstes und stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und er wünschte sich, um diese Verwandlung von Krankheit zur Gesundheit würdig zu begehen, ein würdiges Begräbnis, eine teuere Seelenmesse, mit Orgel, Musik und Glockengeläute, ebenso wie das, das unlängst der Hauptmann der Feuerwehr des Bauernortes, in welchem Häcksel wohnte, bekommen hatte, welches ein erstklassiges Begräbnis gewesen war. Ob nun das Silbergeld im Berg bei den Gerippen lag, untätig und unnütz, oder ob es für ein schönes Grab und einen schönen Sarg Verwendung finden würde, das konnte den Gebeinen des Kaufmanns, den der Kohlenschutt deckte, wohl gleich sein.
An diesem Feierabend, an welchem Häcksel auf seinem Zeigefinger die kleine Flöhin Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte er eben lebhaft daran, einen Tag festzusetzen, um endlich die Silbergulden in der Stadt in Markstücke umzuwandeln, als ihm die Flöhin lebhaft hinter das linke Ohr gebissen hatte. Dann ging er mit dem Tierchen nach dem Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf einen Pferderücken zu setzen. Aber auf halbem Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft vom Finger verschwunden. Er glaubte, sie habe allein den Weg zum Pferdestall gesucht. Der Floh aber war auf seine Bergwerkmütze gesprungen. Dort saß er zwischen Hutschirm und Band, und in der Nacht in Häcksels Kammer blieb er beharrlich auf Häcksels Mütze sitzen, und als es ganz still im Zimmer war, hörte der Bursch den Floh auf der flachen Mütze leise springen.
»Ah,« sagte Häcksel zu sich, »Zinnoberchen hat meinen Entschluß gehört! Vielleicht habe ich laut vor mich hingesprochen im Bergwerk unten? Zinnoberchen will mit nach München.«
»Ja, das will ich,« gab der fröhlich hüpfende Floh durch Tanzlaute auf der Mütze kund.
In der Nacht noch band sich Häcksel die alte Geldtasche voll Silbergulden um den Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine Mütze auf, auf der der Floh Sprünge machte, die, wenn man sie in Töne umgesetzt hätte, Juchzer gewesen wären.
Der Bursch ging durch den Wald zur nächsten Bahnstation. Es war Sonntagmorgen, und er wollte nicht vom Bahnhof des Heimatortes abreisen, damit man seine Reise nicht bemerken sollte. Am nächsten Tag wollte Häcksel wieder zurückkehren und wollte eine Ausrede gebrauchen. Er wollte sich im Bergwerk entschuldigen und sagen, er habe sich zwei Tage im Walde verirrt und verlaufen.
Der Floh, den morgens im kalten Februarwald fror, setzte sich hinter Häcksels linke Ohrmuschel unter das warme Haar des Burschen und betrachtete von dort die Gegend. Bald merkte Häcksel, daß alle Gedanken, die er im linken Ohr hörte, ihm von Zinnoberchen eingegeben waren, und nur die Gedanken im rechten Ohr waren seine eigenen. So schritt er mit den zweierlei Gedanken wie im Frage- und Antwortspiel über den holprigen Waldweg, wo der Schnee getaut war und fast laues Vorfrühlingswetter herrschte.
»Ich bin der erste Bergwerkfloh der Welt, der an das Tageslicht kommt,« sagte Zinnoberchen zum linken Ohre Häcksels.
»Nun weiß ich, warum ich so zufrieden bin,« meinte das rechte Ohr zum linken Ohr, »weil ich Bergwerkgesellschaft habe am hellen Tag.«
Zinnoberchen hing sich an einem Schläfenhaar fest und schaukelte an diesem Haar im Winde hin und her, denn es war ihm kreuzwohl.
Plötzlich aber fuhr dem Häcksel ein schrecklicher Gedanke durch das rechte Ohr, und fuhr ihm vom Ohr in Hals und Brust, so daß er heftig und schmerzhaft husten mußte.
Die Flöhin sprang bei der Erschütterung aus dem Haar fort und rasch hinter Häcksels Ohr, kam aber gleich wieder zurück, unerschrocken, und hing sich wieder fest an das Schläfenhaar und schaukelte weiter.
Der wilde Gedanke schoß aber in Häcksel kreuz und quer und rief:
»Vielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh zum erstenmal ans Tageslicht gefolgt, weil es heute in der Grube ein Unglück gibt. Denn man sagt, die Bergwerkflöhe verlassen nur dann die tiefen Stollen, wenn sie schlagende Wetter vorauswittern.«
Dieses wußte Häcksel aus dem Munde seines seligen, außerehelichen Vaters.
»Nein, nein und nochmals nein,« antwortete aber darauf das linke Ohr, das von Zinnoberchen beraten war. »Es ist eine höhere Notwendigkeit, warum ich das Bergwerk heute verließ.«
»Eine höhere Notwendigkeit?« echote es in Häcksel erstaunt.
»Jawohl,« rief die Flöhin auf Häcksels Kopf von links. »Daß ich heute reise, geschieht aus allerhöchster Notwendigkeit. Ich bin eine Abgesandte. Ich muß Flohmänner ins Bergwerk herbeiholen, frische kräftige gesunde starke Flohkerle.«
»Warum ist Stänker, mein Leibfloh, zu diesem Auftrag nicht gut genug gewesen,« fragte Häcksel ein wenig verletzt die Flöhin.
»Hat man je gehört, daß ein Flohkerl so reizend ist, daß seinetwegen andere Flohkerle einen Sprung machen? Es muß schon eine Flöhin kommen, wenn Flohmänner sich holen lassen sollen.«
»Und da hat man dich also, die Zarteste, mit mir nach München geschickt?«
»Ach was! Man hat nicht mich mit dir geschickt. Sondern du bist von mir und uns allen ausersehen worden, mich nach München zu bringen,« behauptete die Abgesandte hinter Häcksels Ohr.
»Ich gehe meinethalben und nicht deinethalben, nicht in Flohangelegenheiten, sondern in meinen gesunden Todesangelegenheiten gehe ich nach München,« meinte Häcksel störrisch, als eben das Morgenlicht aus den Waldbäumen grell auf seine Nase schien. »Licht und Lärm kommen immer zusammen,« fügte er mürrisch und gereizt hinzu. »Wenn ich nun aber umkehre?« setzte er fort. »Was dann?«
»Dann lassen wir dir irgend etwas Schlechtes geschehen. Unsere Art zu erhalten, dazu ist uns kein Ausweg zu ungeheuer. Und ein Menschenleben ist noch lange kein Flohleben wert, noch dazu ein so wackeliges Menschenleben wie deines, das nur noch an einem Faden, sagen wir lieber, nur noch an einem Fädchen hängt.«
»Ich wußte es ja,« schmunzelte Häcksel plötzlich aufgeräumt. »Ich sterbe bald. Ich habe es auch nur deshalb so eilig, weil ich die alten Gulden umwechseln will, um Geld zu einem schönen Begräbnis bereit zu haben.«
»Den Glauben will ich dir gern lassen,« meinte die Flöhin zweideutig.
»Wie meinst du das?« fuhr Häcksel auf. »Werde ich am Ende doch nicht bald sterben? Oder werde ich das Geld am Ende gar nicht zum Begräbnis verwenden dürfen?«
»Das kommt darauf an. Versprechungen oder gar Belehrungen teilen wir Flöhe eigentlich selten aus. Wir denken zuerst an uns. Und da du als Mensch in unserer Flohgewalt bist, mußt du gehorchen.«
»Hoho!« hustete Häcksel und hustete sich blaurot vor Eifer. »Ich bin in niemandes Gewalt. Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter. Nicht mal der Grubenherr hat mir außerhalb des Bergwerkes etwas zu sagen. Heutzutage herrscht Freiheit im Arbeitervolk. Wir sind keine altmodischen Knechte mehr.«
»Daß ich nicht lach,« kicherte Zinnoberchen und ließ das schaukelnde Schläfenhaar los, sprang zurück und biß herzhaft dem Häcksel in das linke Ohrwatschel, so daß ein Blutstropfen, groß wie der dickste Floh, dem Burschen aus der Haut quoll.
Häcksel hielt wie immer still, wenn ihn ein Floh biß, teils um seiner Gesellschaft nicht verlustig zu gehen, teils weil er es so seit Väterszeiten im Bergwerk gewöhnt war.
Zinnoberchen setzte sich an den Blutstropfen, sagte nichts mehr und frühstückte lebhaft beschäftigt, während der arme Bursche unter den kahlen Waldbäumen ging, manchmal von Husten geschüttelt und von Hunger gekrümmt.
Als die Flöhin von Menschenblut satt war, sagte sie nicht einmal »danke«, sondern kroch unter dem Mützenrand unten durch auf Häcksels Kopf, wo die Luft zwischen Haar und Mützenfutter gemütlich warm war. Dort machte sie sich's bequem. Zuerst putzte sie ihre furchtbaren Beißwerkzeuge, strich dann ihre gewaltigen Springbeine glatt, dehnte sich und streckte sich auf dem weichen fettigen Haarboden zu einem Verdauungsschläfchen aus. Sie hüstelte nicht, sie dachte nicht an den Tod. Sie dachte nur an Lebensfortsetzung und Lebensgenuß. Sie murmelte im Einschlafen, indem sie mit den Hinterbeinen zum Vergnügen ein wenig auf den Haarboden trommelte: »Dummkopf! Dummkopf! Du meinst, du bist der Stärkere! Du, der mir doch zum Frühstück dienen muß!« Dann schlief die altadlige Flöhin aus dem vornehmen Bergwerkgeschlecht sanft ein, indessen der hungrige Bergmann unter ihr wie ein Kamel weitertrabte und hungernd und hustend den Bahnhof des nächsten Dorfes erreichte.
Häcksel hatte auf der letzten Strecke zum Bahnhof stark nachgegrübelt, wie er unauffällig mit dem nächsten Zug nach München kommen könnte. Niemand sollte seine Abwesenheit oder seine Reise bemerken. Da war ihm eingefallen, daß immer ein langer Kohlengüterzug um diese Morgenstunde nach München fuhr. Er kannte aber den Bremser des Zuges, und dieses schien ihm gefährlich, denn er wollte sich niemandem anvertrauen, um seine Silbergulden ungestört umwechseln zu können. Er beschloß, sich unter einem Kohlenwagen anzuklammern und dort in dem Versteck sich nach München fahren zu lassen.
Der Kohlenzug kam immer langsam und gemächlich daher und hielt einen Augenblick draußen vor dem Bahnhof, bis die Weiche gestellt wurde und er dann ebenso gemächlich weitertrotten konnte. Dieses hatte Häcksel früher beobachtet, und diesen Augenblick wollte er benutzen und sich unter den Wagen an den Ketten dort anhängen. Der Platz war schrecklich unheimlich und grauenhaft qualvoll, und der Güterzug würde erst in der Nacht in München ankommen. Aber was machte das dem Burschen, der so dringend ein reiches Begräbnis erster Klasse haben wollte. Für die Ehren, die seinen Leichnam später dann einmal erwarten würden, hätte er gern noch Schlimmeres ertragen.
Indessen nun der junge Bergmann eingeklemmt und gemartert zwischen Rädern, Ketten und Eisenstangen hing und in ewiger Todesgefahr schwebte und der furchtbare Eisenlärm, das Schütteln und Rasseln und Stampfen des Wagens, unter dem er schweißtriefend angeklammert war, ihn zu betäuben drohte, schlief die Flöhin im Kopfhaar des Burschen köstlich, und wenn sie hungrig wurde, krabbelte sie an Häcksels Nacken entlang und suchte sich eine möglichst zarte Stelle seines Rückens oder seiner Brust aus, biß herzhaft zu und sog das süße heiße Menschenblut in sich ein.
So kamen beide, jedes auf seine Art, vorwärts. Der Mensch geplagt, geängstigt und verliebt in seinen Tod, der Floh zufrieden, gesättigt und verliebt in Blut und Leben.
Spät in der Nacht fuhr der Güterzug langsam in den Bahngeleisen von München ein. Unbemerkt machte der erschöpfte blinde Mitreisende sich unter dem Wagen los und schlich sich im Güterbahnhof auf Seitenwegen über Schienen, über einen Stachelzaun und eine Plankenwand kletternd davon.
Der Güterbahnhof lag abseits, und in dem Stadtviertel in nächster Nähe standen einfache schweigende Häuserreihen, und in weiten Abständen brannten einsame Laternen. Häcksel wollte einen Gasthof aufsuchen und am nächsten Morgen die alten Guldenstücke umwechseln und dann mit der Bahn gemächlich auf einem Sitzplatz zurückfahren und auf einer Haltestelle, etwas entfernt vom Heimatdorf, aussteigen. So würde dann die Reise unbemerkt geblieben sein, er wäre dann nur als Waldverirrter in die Kohlengrube zurückgekehrt und hätte ohne viel Worte seine Arbeit im Stollen aufgenommen, nachdem das gewechselte Geld im Strohsack versteckt und eingenäht worden wäre.
Aber es sind immer bei Entschlüssen mehrere Mächte mitbeteiligt, und niemand führt einen Entschluß allein aus. Das sollte jeder bedenken, ehe er Heimliches tun will. Unser Alleinsein ist immer nur ein scheinbares, in Wirklichkeit ist jedes Handeln unsichtbar mit tausend Mithandelnden verknüpft.
So hatte Häcksel nicht daran gedacht, daß nach der langen Fahrt unter dem Kohlenwagen sein Kopf betäubt, seine Kräfte erschöpft, sein Herz schreckhaft und gedankenlos sein würde, wie es nicht am Morgen, da er frisch ausgeschlafen die Reise angetreten, gewesen war.
Außerdem hatte er vergessen, daß es Fastnachtsonntag war. Der Fastnachttrubel in der Großstadt München war ihm ganz unbekannt. Häcksel lebte jahraus, jahrein menschenscheu und ins Bergwerkleben versunken, so daß er ganz abseits stand von allen Lebenserfahrungen. Nie war er in einer Stadt gewesen, nichts wußte er von Faschingstagen, nichts vom närrischen Treiben einer Maskenwelt, die er nie gesehen oder erlebt hatte.
So ging er, in München angekommen, mit schwankenden müden Knien unter den dunkeln Vorstadthäusern hin, die ihn mit ihren vielen Stockwerken und ihren vielen dunkeln Fenstern einschüchterten. Als seine Schritte in der Nacht so einsam auf dem leeren Vorstadtpflaster hallten, wurde ihm schwindlig vor Hunger, Schwäche und Aufregung. Und ängstlich gemacht, weil er glaubte, die stillen Häuserbewohner wecken zu können, zog er seine harten Stiefel aus und ging auf lautlosen Socken weiter.
Er hatte keine Ahnung, daß in den leeren Häusern, die meistens Neubauten waren, noch gar keine Menschen wohnten, und so schlich er an den unbewohnten frischweißen Häusern stumm und behutsam und lautlos wie ein Nachtvogel hin und wußte nicht, daß er wie ein ertappter Dieb aussah.
Zinnoberchen aber, seine Flohherrin, war längst wach und aufmerksam und witterte mit Begierde, von Häcksels linker Schläfe aus, die tausend Flöhe der Stadt München, die jetzt in der Nacht alle auf waren und springend bei Tanz und Leibesfreuden wacher als die Sterne am kalten Februarhimmel lebten. Trotzdem die Häuser hier unbewohnt waren, witterte die eifrige Flöhin den menschlichen Blutgeruch aus den nächsten bewohnten Stadtteilen, und Häcksels Beine gingen ihr viel zu langsam vorwärts; sie wäre am liebsten in großen Sprüngen über die nächsten Dächer dem vor Schwäche taumelnden Häcksel vorausgeeilt.
Und nun stieß Häcksel gar mit dem Kopf an einen Laternenpfahl, wankte und fiel, von Hunger und Überanstrengung geschwächt, besinnungslos neben der Laterne nieder.
Das brachte die Flöhin ganz aus ihrer Ruhe, und sie stieß einen jener Pfiffe aus, den nur die feinen Flohohren hören können, der aber weiter zu hören ist als jeder Menschenruf. Dem groben Menschenohr aber ist ein Flohpfiff zu fein, das menschliche Trommelfell steht wie eine Mauer tot dort, wo ein Flohohr noch Laute hört. Sofort antwortete der Flöhin ein Antwortpfiff. Es war aber kein Floh, sondern auch eine Flöhin, die sich aus einem Neubau bemerkbar machte. Im dunkeln Bau brannte ein rotglühender Trockenofen und dort bei dem Arbeiter, der den Ofen bewachte, saß ein Mädchen auf ein paar aufgeschichteten Backsteinen. Das hatte die Flöhin, die Häcksels Flöhin zupfiff, im Nacken sitzen. Der Arbeiter vor dem Ofen hatte eine Teufelsmaske auf seine Stirn hinaufgerückt, so zeigte er zwei Gesichter übereinander. Der Mann war gerade von einem Maskenball in der Nacht auf den Bau gekommen, und seine Tänzerin, die eine »Königin der Nacht« vorstellte, hatte ihn begleitet. Beide stritten eben, wer von ihnen das meiste seiner Habe zum Pfandhaus getragen habe. Das Mädchen behauptete, sie habe nur noch einen Sonnenschirm bei einer Tante vergessen, den könne sie morgen noch versetzen. Der Arbeiter aber behauptete, das Mädchen habe ihn betrogen, weil sie bei einer Freundin noch ein Bügeleisen verborgen halte, das sie nicht versetzen wolle. Er sagte, er wolle morgen nicht mehr mit ihr zum Tanzen gehen, sie solle sich einen andern Tänzer suchen.
»Ich habe auch noch einen Floh, den ich nicht versetzt habe,« lachte das Mädchen übermütig und sagte frech, sie werde sich nicht erst morgen, sondern gleich für diese Karnevalsnacht noch einen neuen Tänzer suchen.
Der Arbeiter gab ihr einen Tritt, daß sie von den Backsteinen aufflog und es an der Zeit fand zu verschwinden. Aber ehe sie ging, warf sie noch einen Backstein hinter sich in den Trockenofen, so daß Funken und Feuer dem fluchenden Mann um seine zwei Gesichter flogen.
Die Königin der Nacht öffnete rasch die Plankenzauntüre und wollte nochmals dem Arbeiter eine rohe Antwort zurückrufen, als sie nahe bei sich unter der nächsten Laterne den ohnmächtigen Häcksel liegen sah.
Inzwischen hatten sich aber die beiden Flohweiber schon laut verständigt und verstanden.
»Ich habe da einen Esel von einem Kerl,« rief Zinnoberchen der andern Flöhin, die sich »Vielliebchen« nannte, zu. »Ich will nicht in der Nacht mit dem Dickschädel zusammen erfrieren. Wissen Sie nicht, wie man einen solchen Tölpel zur Besinnung zurückruft? Ich habe nämlich Eile und will auf ihm weiterreiten. Nein, was einen doch manchmal die Menschentiere ärgern können! Ich habe ihn schon in den Augendeckel gebissen, aber er schlägt die Augen nicht auf.«
»Guten Abend,« rief Vielliebchen vom Nacken des Mädchens. »Ist Ihnen Ihr Mensch gestürzt? Ach Gott, springen Sie doch lieber ab und kommen Sie herüber zu mir. Ich nehme Sie auf meinem Vieh mit zur Stadt.«
»Ach, nein, das geht nicht,« pfiff Zinnoberchen, »ich würde den Schwächling schon gern verlassen, da er doch bald krepiert, der Kerl. Aber erst muß er mich doch noch nach unserem Bergwerk zurücktragen.«
»Ah, ah, Sie sind aus einem Bergwerk,« wunderte sich die Stadtflöhin laut. »Sie sind wohl zum Tanzvergnügen in die Stadt gekommen?«
»Ja, hm, hm,« meinte die Flöhin Häcksels, welche sich ärgerte, daß die Rednerin kein Floh war, den sie hätte ins Bergwerk einladen können. Doch ihren Auftrag, Männer zu suchen, wollte sie nicht gleich verraten.
Der Kopf der »Königin der Nacht« bog sich eben ganz nah über Häcksels Kopf, und die beiden Flohfrauen konnten sich schweigend betrachten, indessen die maskierte Menschenfrau die Westentaschen des besinnungslosen Bergmannes nach Geld durchsuchte. Als sie nichts fand, nahm sie die Stiefel, die neben Häcksel lagen, und warf den einen über den Bretterzaun dem Arbeiter am Ofen an den Kopf.
»Das geht nicht. Den Stiefel her, sie muß sofort den Stiefel wieder holen,« begehrte heftig ärgerlich Zinnoberchen. »Wir brauchen den Stiefel zum Heimweg.«
»Den Stiefel her,« rief jetzt auch Vielliebchen.
»Er kommt schon,« antwortete ein dritter weiblicher Floh fernher vom Bauch des Arbeiters am Trockenofen. Und zugleich warf der erboste Arbeiter, der das Wurfgeschoß im Eifer für einen zweiten Backstein gehalten hatte, den Stiefel über den Zaun zurück, und er fiel Häcksel auf die Stirn, so daß der Besinnungslose erwachte, als eben die Maskierte seine Hosentasche nach Geld durchsuchen wollte.