Land und Leute

Monographien zur Erdkunde

Land und Leute

Monographien zur Erdkunde

In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten

herausgegeben von

A. Scobel

IV.

Tirol

Bielefeld und Leipzig

Verlag von Velhagen & Klasing
1899

Tirol

Von

Prof. Dr. Max Haushofer

Mit 200 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen
und einer farbigen Karte.

Bielefeld und Leipzig
Verlag von Velhagen & Klasing
1899

Alle Rechte vorbehalten.

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

Inhalt.

Seite
I.Einleitung[3]
II.Geographische Übersicht[8]
III.Klima, Pflanzen- und Tierwelt[26]
IV.Geschichtliche Übersicht[38]
V.Bevölkerung[51]
VI.Das Unterinnthal und seine Nachbarschaft[76]
VII.Nordwesttirol[94]
VIII.Vorarlberg[115]
IX.Vintschgau[122]
X.Sillthal, Brenner und Bozen[140]
XI.Pusterthal und Tauern[153]
XII.Etschthal von Bozen bis Verona[170]
XIII.Die südlichen Thäler der Dolomitalpen[178]
XIV.Nonsberg und Judicarien[188]
Litteratur[192]
Register[193]
[Karte von Tirol.]

Abb. 1. Großglockner, von der Franz Josefshöhe gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Tirol.

I.
Einleitung.

Das Land Tirol!

Wer den Namen hört und die Augen schließt, dem ersteht vor dem inneren Blick ein großartiges Bild irdischer Meisterschönheit: grüne, von mächtigen, wilden Bergströmen durchrauschte Thäler mit alten Städtchen und mit friedsamen Dörfern, die sich an die Wiesenhänge lehnen; und über den Dörfern dunkele Waldung, aus deren schattigem Kranz weiße, graue und rote Felsmauern ragen; über diesen Felszinnen aber ein flimmerndes, funkelndes Dach von Eis und ewigem Schnee; ein Dach, über dessen schwindlig steile Schneiden und Hörner jahrhundertelang nur die Geister der Sage mit Elfenfüßen schritten, bis es seine Geheimnisse den kühnen Pfadfindern des XIX. Jahrhunderts erschloß.

Und in den Thälern ein Volk, schlicht und treu und heldenkühn; ein Volk, dessen Geschichte zurückreicht in die Zeit des gewaltigen römischen Kaiserreichs. Ein Volk, das in der Einsamkeit seiner Thäler lebt und stirbt, das fromm wie Kinder in seinen Dorfkirchen kniet, aber in Zeiten der Gefahr nicht bloß seine Männer, sondern auch seine Weiber und Knaben zum todbringenden Schießzeug greifen läßt für den Kampf um Heimat und Vaterland!

Ströme von Steintrümmern, Ströme von Wässern, Ströme von Eis und Ströme von Völkerschaften haben sich durch das Land ergossen, bis es zum Land Tirol von heute ward. Doch was diese Ströme auch mit sich rissen: seine große plastische Schönheit konnten sie dem Lande nicht entführen; auch nicht jene Tausende von heimlichen Winkeln und Ecken, in denen menschliches Leben und Geschichte sich eingeschmiegt haben mit ihren Häusern und Kirchen, Städtchen und Burgen.

Wir sehen das Land schon lange, ehe wir es betreten; wir sehen seine weißgrauen Felszinnen über die Voralpen emporschauen, wenn wir uns von Norden her nähern; und kommen wir von Süden, so grüßen uns auch nackte Bergmauern schon lange, während wir noch aus der lombardischen Ebene dahinrollen. Felsenthore nehmen uns auf, aus denen uns eiskalte, helle Ströme zwischen weißen Kiessäumen bergfrisch entgegenrauschen. Ein breites Thal liegt vor uns; an der Nordseite von kahlem, grauem Geschröffe vermauert, während an der Südseite grüne, bewaldete und bemattete Hänge sanfter hinansteigen. An Dörfern und Städten trägt uns das Rad auf der dröhnenden Schiene vorüber, auf Brücken den Strom übersetzend. Und bald erschließt sich in der südlichen, bald in der nördlichen Thalumwallung ein Spalt, der uns einen Einblick in irgend eine stille verträumte Nische dieser Bergwelt gestattet, wo abseits vom Lärm der großen Welt ein Häufchen Menschen lebt, das nichts kennt, als seine paar Häuser, seine weiße Kirche und die himmelhohen Berge, die seine Heimat umschließen.

Wir verlassen die Schienenstraße und wandern mittagwärts in eines jener Thäler hinein. Tiefe Einsamkeit umgibt uns bald; durch einen Erlenwald hören wir, manchmal näher, manchmal ferner, einen Bergstrom rauschen. Das erste Dorf, das in einer Thalweitung sich zeigt, ist groß und wohlhabend, von Obstgärten und Getreidefeldern umgeben. Dann verengert sich das Thal wieder; durch eine Wildnis von grauen und braunen Trümmerblöcken, die von den hohen, düster über uns starrenden Thalwänden niedergestürzt sind, windet sich ein schlechtes Sträßchen hinan, neben dem in grandioser Wildheit uns entgegenschäumenden Gletscherbach. Eine höhere Thalstufe wird erreicht; wieder breiten sich grüne Matten um uns aus, von riesenhaften Bergen überragt, über deren braune Wände Wasserfälle niederstäuben, die aus Schnee- und Eisfeldern entspringen. Hoch oben zwischen finsterem Zackengemäuer sieht man die blauen Gletscherzungen herabhängen, aus denen diese Sturzbäche kommen. Und wieder treten die Thalwände näher zusammen. Der einwärts führende Weg ist nun nicht mehr fahrbar; als steiniger Saumpfad nur zieht er sich steil empor, durch stundenlange Einöden, bald am rechten, bald am linken Ufer des tosenden Gletscherbachs, über schwankende Balkenbrücken, an schwindlig jähen Felswänden oder über wüste Schuttwälle hinweg. Dann öffnet sich das Thal noch einmal; sein letztes höchstes Dorf begrüßt uns: ein Haufen brauner Holzhäuser, zu Füßen einer schmucklosen grauen Steinkirche. Ringsum grünes Gehügel und über ihm ansteigend graue Bergflanken; wo sie etwa einen Durchblick gestatten, sieht man weiße Eismassen niedersteigen und im fernsten Hintergrunde einen in blinkendes Schneekleid gewandeten Hochgipfel aufragen. Das Dorf ist wie ausgestorben; nur ein paar Kinder, die an einem Zaune sitzen, schauen uns mit großen schwarzen Augen verwundert an.

Und weiter geht’s, wieder stundenlang, zu den letzten Thalstufen empor, durch Engen und Schluchten, an steinigen Hängen hinan. Noch einzelne Bäume zeigen sich an diesen Hängen: verwitterte seltsam geformte Zirbelkiefern, deren zähes Wurzelwerk im Felsboden sich einen rauhen Stand gesucht hat. Dann bleiben auch sie zurück; und wie der Thalgrund sich wieder öffnet, ist er zu einem riesigen Amphitheater von Fels und Eis geworden. Zwischen nackten Riffen und Hörnern, die nur am Fuße noch hier und da den Anflug spärlicher grüner Moosbekleidung zeigen, wälzen sich, von himmelblauen Spalten durchsetzt, breite Eisströme herab, deren Ursprung stundenweite Firnfelder sind. Und über diesen türmen sich noch in geisterhafter Schönheit die höchsten Zinnen und Zacken des Gebirges empor: blinkende Schneespitzen, nur an den Schultern unterbrochen von schwärzlichen Klippen oder blaugrünen Eisbrüchen. Der Boden dieses Hochthales aber ist ein Spielplatz der Gletscherbäche, die hier von allen Seiten her als weiße Fäden über die Moränenwälle und die letzten grünen Matten herabkommen. Hoch über einem dieser Moränenwälle, auf isoliertem Felshügel, schimmert noch ein kleiner Steinbau in der Abendsonne: eins von den Unterkunftshäusern, die der Alpenverein an den Enden der Hochthäler errichtet hat, dort, wo die letzten gebahnten Pfade enden, wo der Wanderer, der noch weiter will, sich den Steig durch die schreckhaften Eisgefilde selber bahnen muß.

So ist der Charakter der Landschaft in den Thälern, die zum mittelsten Eiskamm der Tiroler Alpen hinanführen, zu jenem Eiskamm, der von Westen nach Osten, nur an wenigen Stellen zu tieferen Pässen eingeschnitten, das Land durchzieht.

Abb. 2. Silvrettagruppe, vom Jamthal gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 3. Alt-Finstermünz.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Haben wir diesen Kamm überstiegen, so erschließen sich neue Gebirgsbilder. Aber sie sind von ganz anderer Art. Andere Gesteine bauen sich in abenteuerlichen Formen vor uns aus; statt des dunklen Fichtenwaldes, der auf der Mitternachtsseite der Alpen uns umrauschte, grüßen uns die saftigen Wipfel der Edelkastanie und des Weinstockes zierliches Blätterwerk in den Thälern und an den tieferen Thalwänden. Und wandern wir aus einer der großen Thalfurchen hinauf ins Gebirge, so staunen wir über die Mannigfaltigkeit der Gesteine, die dort aus den Tiefen der Erde emporgestiegen sind. Über rebenumrankte, rote Porphyrkuppen führt uns der Pfad empor; dann wieder an brüchigen Schieferwänden entlang, wo der verwitterte Steig unter den Füßen des Wanderers abglitscht. Und dann erreichen wir eine wellige grüne Hochfläche, aus der wie Trümmer fabelhafter Riesenbauwerke die weißen Kolosse der Dolomite aufragen. Türme, Hörner und Zähne von unglaublichster Gestalt. Wir wandern über die Hochfläche hin an Schlünden vorüber, die, von pechschwarzem Porphyr gebildet, wie Zugänge zur Unterwelt uns angähnen. Zwischen zwei unersteiglich scheinenden Naturburgen aus Dolomit überwandern wir ein grünes grasiges Joch und schauen jenseits in eine völlig rätselhafte Landschaft. Denn vor uns liegt eine Unzahl von einzelnen Berggruppen. bald steile Türme; dann wieder ausgedehnte breite Felsmassen; dazwischen öde steinige Gassen, die in eine ganz fremde Welt zu leiten scheinen. Hier ist alles überraschend; die Landschaftsbilder wechseln unaufhörlich. Und wenn wir, der Felsenwanderung müde, ein Gefährt besteigen, das uns ins Hauptthal zurückführen soll, rollen wir nach wenigen Stunden wieder auf prächtiger, vielfach gewundener Kunststraße thalabwärts in ein immer üppiger werdendes Gefilde, wo uralte Nußbäume und Kastanien ihren Schatten werfen, Schlinggewächs die Dächer der italienisch aussehenden Häuser überrankt und Reben über die Mauern hereinhangen. Und an den fruchtreichen Gehängen, nach der Tiefe des breiten Stromthales zu, sehen wir noch in meilenweiter Ferne Ortschaften, Kirchen und Burgen erglänzen, über denen sich rote Felsenberge mit grünen Hochflächen aufbauen. Aber selbst auf den Hochflächen, in schwindelnder Höhe über der Thalsohle, schimmern als weiße Pünktchen noch friedliche einsame Ansiedelungen, und in viel weiterer Ferne noch erscheinen wie Traumgestalten wieder die stolzen duftumflossenen Schneehäupter, die des Landes Marksteine bilden.

Abb. 4. Ortler, von der Dreisprachenspitze gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abermals nimmt uns die stählern dröhnende Maschine mit, thalabwärts, in die Sonnenglut südlicher Landschaft. Sie reißt uns an heißen Bergwänden entlang durch Gartengefilde, wo aus lichtem Grün schon einzelne dunkle Cypressen ragen. Und endlich landet sie uns am Strande eines großen blauen Wassers. Fremdartige Blumenschönheit nickt uns aus dieser Landschaft entgegen; welsche Laute schlagen an unser Ohr. Über die Felsenufer, an die azurne Wellen mit wunderbarem Glanze plätschern, wandern wir nach einem Hain von Ölbäumen, durch dessen schlanke Baumgestalten trauernde Griechengötter wandeln könnten. Noch sind wir im Land Tirol; aber seine südlichsten Felsenpfeiler leuchten im Abendgolde über unserem Haupt; und noch weiter südlich, wo unser Blick an einem fernen Vorgebirge vorüberfährt, liegen vor ihm, von grauem Gewitterdunst überlagert, als weites Flachland die vielumkämpften Schlachtfelder der Lombardei.

II.
Geographische Übersicht.

Gestalt und Flächeninhalt Tirols.

Tirol ist das am meisten nach Westen vorgeschobene Land der österreichisch-ungarischen Monarchie. Und es ist zugleich dasjenige Land, welches, von deutschen Volksstämmen besiedelt, am vollendetsten als Übergang aus Deutschland nach Italien erscheint. Die Lage Tirols ist nicht österreichisch — so gut österreichisch auch das Herz des Volkes schlägt.

Gestalt und Zugänglichkeit der Grenzen mußte vom größten Einfluß auf die Berührung mit den Nachbarländern und Nachbarvölkern sein. Am offensten erscheint die Grenze immer noch nach Norden hin.

Wohl bauen sich da die nördlichen Kalkalpen als riesiger Grenzwall gegen Bayern auf; aber dieser Grenzwall hat doch eine ganze Reihe von breiten Pforten: das Rheinthal, das Lechthal, den Fernpaß, das Loisachthal, die Achenseefurche, das Innthal und das Thal der Kitzbühler Ache. Durch diese Zugänge konnten jene Volksstämme, die jeweils die Hochebene südlich der Donau inne hatten, in das Herz des Berglandes eindringen. Weniger zugänglich erscheint die nach Südosten, gegen Salzburg, Kärnten und Venetien gerichtete Grenze und die Westgrenze, die an die Schweiz und an die Lombardei stößt.

Der gesamte Flächeninhalt der „gefürsteten Grafschaft“ Tirol beträgt 26683 qkm; hierzu kommt Vorarlberg mit 2602 qkm. Beide Länder bilden zusammen eines der Kronländer von Österreich, mit zusammen 928769 Seelen, die sich auf 1002 Gemeinden in 2140 Ortschaften verteilen.

In seiner Grundform erscheint das Land Tirol als ein etwas schräges Dreieck. Die Nordseite dieses Dreiecks legt sich an die Südgrenze von Bayern. Die Westfront stößt mit ihrer Nordwestecke an den Bodensee; in sie dringen der Schweizer Kanton Graubünden und das zur Lombardei gehörige Veltlinthal tief ein. Die Südspitze des Dreiecks ist stumpf und durch den Gardasee gespalten, die nach Südosten stehende Seite lehnt sich an die italienische Provinz Venetien und weiter nördlich an die österreichischen Alpenländer, wo der Paß Strub die nordöstliche Ecke des Dreiecks bildet.

Die nördliche breite Hälfte dieses Dreiecks, zwischen deutschen Ländern gelegen, trägt durchaus deutschen Charakter, obwohl die Orts- und Bergnamen romanischen Klang haben. Die Südspitze des Ländchens dagegen, die wie ein Keil zwischen die Lombardei und Venetien eindringt, ist italienisch; italienisch ist der Charakter der Landschaft, italienisch zum größten Teil die Bevölkerung.

Abb. 5. Königsspitze mit der Schaubachhütte.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Gliederung des Landes.

Erfaßt man das Land als Grundlage des menschlichen Lebens, so läßt Tirol deutlich zwei große Furchen erkennen, in denen dieses Leben gesät ist und wächst. Die eine dieser Furchen legt sich quer durch Nordtirol; sie beginnt im Westen in der Tiefe des Rheinthales und zieht über den Arlberg und Innsbruck nach Osten, bis ihr an der Ostgrenze Tirols das Steingebirge von Lofer einen Wall entgegenschiebt. Die andere dieser Furchen zieht in nordsüdlicher Richtung von Innsbruck über den Brenner nach Bozen und weiter über Trient nach Verona. Fast nur durch das, was in diesen Furchen atmet und sich regt, ist Tirol mit der Geschichte und den übrigen Völkern in Verbindung getreten. Wer freilich des Landes Wesen und Eigenart genauer prüft, findet leicht, daß diese Furchen durch ein Geäder von Seitenthälern mit dem ganzen Lande in lebendiger Verbindung sind und durch dieses Geäder Kraft und Lebensstoff aufnehmen.

Die Alpen erfüllen Tirol vollständig. So vollständig, daß nur das Dorf Erl im Unterinnthale und Bregenz am Bodensee in flacheres Land hinausschauen, wenn auch diese beiden Ortschaften noch selber an den Fuß der Alpen sich lehnen. Und im Süden — ja, vom Hafen von Torbole am Gardasee vermag man in die lombardische Ebene zu blicken; auch dort ist eins von den wenigen Fenstern, durch die der Blick ins Flache führt.

Sonst überall Berge, Berge, Berge!

Die Ketten der Alpen, welche Tirol in ostwestlicher Richtung durchziehen, lassen deutlich einen dreifachen Wall unterscheiden. In Mitte des Landes die in einer Reihe von Gruppen auftretende Kette der Centralalpen; nördlich und südlich von ihr die durch die Innfurche, sowie durch die Thaltiefen des Vintschgau und des Pusterthales abgegrenzten nördlichen und südlichen Kalkalpen. Die Centralalpen sind nicht bloß aus anderem Gestein aufgebaut, als die Kalkalpen; sie haben auch andere Berg- und Thalformen, anderes Natur- und Menschenleben. Der stärkeren Eisbedeckung der Centralalpen entspricht ein größerer Wasserreichtum; den anders ausgebauten Gehängen eine andere Form der Ansiedelung und des Verkehrs, als wir sie bei den Kalkalpen finden.

So leicht es erscheint, einen allgemeinen Einblick in den Aufbau des Landes zu erhalten; wenn man in die Einzelheiten eingeht, wird derselbe zu einem recht verwickelten Gefüge. Denn die Natur eines Berglandes hängt ja einerseits von der Art der die Erdrinde bildenden Gesteine ab und andererseits von Thatsachen, die mit der Mischung dieser Gesteine nur zum Teil im Zusammenhange stehen. Die Gesteinsarten verleihen der Landschaft gewisse eigenartige Gesichtszüge und Einflüsse auf das Menschenleben; aber neben diesen Gesichtszügen und Einflüssen wirken auch jene, welche die Berglandschaft von unten herauf in verschiedene Höhen gehoben, sie in ihren einzelnen Teilen gefaltet, hier zusammengedrückt, dort auseinander gespannt, hier sanftere, dort steilere Böschungen geschaffen haben. Die ungeheuren Naturrevolutionen, die vor unzähligen Jahrtausenden diese Landschaft schufen, sind nicht immer von den gleichen revoltierenden Naturmächten ausgegangen; darum findet sich hier Erklärliches und Unerklärliches, Verwandtes und Fremdestes hart aneinander gerückt und durcheinander geworfen.

Abb. 6. Adamellogruppe, von der Presenaspitze gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Die Centralalpen erscheinen bei näherer Betrachtung als eine zusammenhängende Reihe von Massenerhebungen. Jede einzelne dieser Massenerhebungen weist wieder ihre besondere Gliederung auf; sie zerfällt in Unterabteilungen, bei deren Aufbau bald ein strahlenförmiges Auseinandergehen der Bergkämme von einem gemeinsamen Mittelpunkte, bald die Erscheinung eines Hauptkammes zu beobachten ist, von welchem mehr oder weniger gekrümmte Seitenzweige auslaufen. Von Westen nach Osten gerechnet, lassen die Centralalpen in Tirol folgende Hauptgruppen unterscheiden:

Die Silvrettagruppe ([Abb. 2]), an der Grenze von Tirol und Graubünden, „ein aufgerissenes Gewölbe mit steil aufgerichteten Schalenstücken, die zu auffallend wilden Graten und Felshörnern verwitterten,“ besteht aus Gneis, Glimmerschiefer und Hornblendegestein. Letzteres verleiht ihren Felsgipfeln unheimlich dunkle Färbung; sie trägt ausgedehnte Eis- und Firnbedeckung und ist daher im Inneren wild und unwegsam. Ihr höchster Tiroler Gipfel ist das Fluchthorn (3408 m); von größeren Thälern entsendet sie nach Nordwesten und Nordosten das Montafon und Paznaun, westwärts zur Schweiz das Prättigau; im Süden stürzt sie mit kurzen Thälern zur tiefen Einsenkung des Innthales. Nordwestlich schließt sich an sie die geologisch und geographisch zu ihr gehörige Samnaungruppe, ein Vorbau, der im Muttler (3299 m) kulminiert; zur nördlichen Vorlage hat sie die schöne Fervallgruppe.

Abb. 7. Brentagebirge, vom Monte Spinale gesehen.
(Originalaufnahme von Hofphotograph B. Johannes in Partenkirchen und Meran.)

Durch die tiefe Innschlucht beim Passe Finstermünz ([Abb. 3]) ist von dieser Gruppe die nächst östliche getrennt: die Ötzthaler und Stubaier Gruppe. Diese gleicht einem ins Herz des Tiroler Landes geschleuderten doppelten Eisstern, von dessen Mittelpunkten ungleich lange Strahlen nach den verschiedenen Weltrichtungen hinabziehen. Der westlichere dieser beiden Eissterne hat nicht weniger als 550 qkm Bodenfläche unter seinen Gletschern begraben; er gipfelt in der Wildspitze (3774 m). Seine einzelnen Ausstrahlungen bilden fortlaufende Eiswälle, zwischen denen die Thäler hoch hinansteigen, so daß in ihnen die letzten Ansiedelungen in Höhen über 2000 m liegen. Der Kern des Gebirges besteht hier aus Granit und Gneis, aus großen Strecken überlagert von Glimmerschiefer, der die schärfsten, stark verwitterten Zacken und Riffe über die Eisfelder aufstreben läßt. Die Thäler sind, soweit sie sanftes Gehänge haben, hoch hinauf noch wohnlich; in der Umgebung der letzten Ansiedelungen endet der Baumwuchs; aber grüne, von Gletscherbächen übersprudelte Matten ziehen sich noch bis zu den ungeheuren Moränenwällen der Gletscher empor. Ihre größten Thäler sendet die Gruppe als Kaunserthal, Pitzthal, Ötzthal und Stubai nordwärts zum Innthale, als Passeier- und Schnalserthal südlich zum Vintschgau. An sie schließt sich im Südosten, als niedriger Vorbau, die Sarnthaler Gruppe, ein nach Süden offenes Hufeisen, ohne Eisbedeckung, mit viel geringeren Erhebungen, der zugänglichste und wohnlichste Teil der Centralalpen.

Der Hauptkamm der Centralalpen.

Mitten in ihrem Zuge durch Tirol wird die Kette der Centralalpen durch die tiefe Einsattelung des Brenners unterbrochen. Ostwärts von diesem erheben sich die Zillerthaler Alpen, aus drei Gruppen bestehend, nämlich aus dem zunächst am Brenner liegenden Tuxer Kamme, dem dann der Zillerthaler Hauptkamm mit dem Hochfeiler als Kulminationspunkt (3523 m) folgt; an ihn schließt sich nordöstlich die Reichenspitzgruppe. Die Zillerthaler Alpen weisen furchtbar wilde Gipfelformen, tiefe schluchtartig eingerissene Thäler mit grimmigen Steilwänden, scharf zerfurchte Gletscher auf. Sie sind reich an mannigfaltigen Mineralien, aber unwirtlich für die menschliche Ansiedelung. Nur zwei größere wohnliche Thäler ziehen sich nach der Gruppe empor, weiter einwärts gähnen nur noch menschenleere düstere Schlünde.

Südlich vom Zillerthaler Hauptkamm erhebt sich noch die kleine Rieserfernergruppe, gleichfalls in kühnen, scharfen Formen ansteigend, bis zum Hochgall (3440 m). An sie legt sich, weit nach Osten streichend, das zahme unbegletscherte Defereggergebirge.

Der Hauptkamm der Centralalpen aber setzt sich in der mächtigen Tauernkette fort, die von der Reichenspitzgruppe durch die tiefen Einsattelungen des Krimmler Tauern und der Birnlücke getrennt ist. Von der Tauernkette stehen nur zwei Gruppen, und auch sie nur teilweise, auf Tiroler Boden: die Venediger- und die Glocknergruppe.

Die Venedigergruppe ist eine bedeutende, mit riesigen Eismassen bedeckte Erhebung, im Großvenediger bis zu 3660 m ansteigend, größtenteils aus Granit bestehend. Von der Tiroler Seite ziehen sich das Ahrnthal, das Defereggenthal, das Virgenthal mit seinen Seitenschluchten, das Froßnitzthal und das Tauernthal in die Eisgefilde der Gruppe hinan. Die meisten dieser Thäler, sowie die von Norden in die Gruppe eingerissenen Schluchten sind arm an Ansiedelungen, so daß die ganze Gruppe als eine der vom Menschenleben am wenigsten angetasteten Hochburgen jungfräulicher Naturschönheit erscheint.

Abb. 8. Schlern, vom Ritten gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Östlich von der Venedigergruppe erreicht die Tauernkette in der Glocknergruppe ihre großartigste Massenentwickelung. Als nordöstlicher Grenzpfeiler Tirols schwingt sich hier der Großglockner bis zur Höhe von 3798 m empor ([Abb. 1]). Die Felsunterlage der Gruppe ist Gneis mit Glimmerschiefer, die Bergformen scharfe, ausgesägte Schneiden und Zähne. Aus Tirol zieht nur ein einziges Thal, das Kalser Thal, in das Herz der Gruppe, welche nach Süden zu noch einen Vorbau, die Schobergruppe, angehängt hat. Mit dem Großglockner findet der Zug der Centralalpen in Tirol sein östliches Ende.

Die nördlichen Kalkalpen.

Nördlich von der Centralkette erstreckt sich durch ganz Tirol die Kette der Kalkalpen. Sie hat ein ganz anderes landschaftliches Gesicht, als die Centralalpen. Wie die Centralalpen steigen auch die Kalkalpen von Norden her allmählich an, um nach Süden zu jäh abzubrechen. Aber das Kalkgestein ist bei der Entstehung der Gebirge in ganz anderer Weise geknickt und gebogen worden, als die Gesteine der Centralalpen. In den Kalkalpen finden wir steile weißgraue Mauern und Türme, die aus grünen Wald- und Wiesenthälern jäh und unvermittelt hervorbrechen. Wir finden da nicht selten mehrfache, parallel laufende Ketten nebeneinander; und die einzelnen Ketten sind nicht bloß durch Einsattelungen, sondern durch tiefe Thäler voneinander geschieden.

Abb. 9. Rosengarten.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Den Anfang der nördlichen Kalkalpen Tirols macht im Westen der Rhätikon mit der 2967 m ansteigenden Scesaplana. Dann sehen wir die Kette durch den tiefen Einschnitt des Illthals unterbrochen, jenseits desselben aber wieder emporsteigen zu den sanfteren Gehängen des Bregenzer Waldes und den höheren, schroffen und zerzackten Formen der Lechthaler Alpen. In diesen erreicht die Parseierspitze die stolze Höhe von 3038 m, als bedeutendste Erhebung der Nordkalkalpen. Diese werden dann von der Spalte des Fernpasses durchbrochen und setzen sich hierauf in mehreren Ketten fort, indem die bayerisch-tirolische Grenze durch die Wettersteinkette mit der 2964 m hohen Zugspitze gebildet wird, während südlicher die Mieminger Gruppe sich entlang zieht mit der hohen Griesspitze (2759 m). Es folgt nun wieder eine Unterbrechung durch die kleine Hochfläche von Seefeld und den Paß der Scharnitz; dann setzen sich die Hochkalkalpen in vier zerrissenen Parallelketten fort als Karwendelgebirge, mit der Birkkarspitze (2756 m) als höchster Erhebung. Das Karwendelgebirge verliert nach Osten zu bedeutend an Höhe und sinkt zur tiefen Furche des Achensees herab. Östlich von diesem baut sich die Rofangruppe noch stattlich empor (2299 m); dann aber sinken Gipfel und Kammhöhen mehr und mehr in die Tiefe; und erst jenseits des Inndurchbruchs bei Kufstein entwickelt der Kalk wieder seine künstlerische Plastik im Kaisergebirge, dessen furchtbar wilde Formen bis ins Flachland hinaus imponieren, obgleich es in seinem Kulminationspunkt, der Elmauer Haltspitze, nur 2344 m erreicht. Den östlichen Eckpfeiler der Nordkalkalpen in Tirol bilden die Loferer Steinberge (2634 m), als Grenze Tirols gegen Salzburg.

Abb. 10. St. Maria in Wolkenstein, gegen die Sellagruppe gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Ewigen Schnee tragen die Nordtiroler Kalkalpen genug in ihren höheren Runsen und Schluchten; kleine Gletscher nur im Rhätikon, in den Lechthaler Bergen und im Wettersteingebirge, wo aber der Plattachferner und Höllenthalferner auf bayerischem Gebiete liegen.

Im Nordosten von Tirol stoßen die Kalkgebirge nicht unmittelbar an die Centralalpen. Hier hat sich zwischen beide Hauptgebirgsglieder ein drittes eingeschoben: das aus Thonschiefer und älteren Kalkformationen bestehende Übergangsgebirge. Dieses Gebirge legt sich, sanft zum Innthal abgedacht, nördlich vor die Zillerthaler Alpen und vor die Tauernkette, von letzterer durch die Salzach getrennt. Einzelne seiner Gipfel steigen bis über 2500 m an. Das ganze Gebirge macht, zwischen den Eiskämmen der Centralalpen und den grotesken Zinnen der Hochkalkalpen, einen unscheinbaren Eindruck. Alle auffallenden Formen fehlen; langgestreckt ziehen sich die Bergprofile mit geringer Neigung empor, bis zu den Gipfeln hinauf mit Gras bewachsen. Nur in Höhen über 2000 m färbt das Grün sich bräunlich; der nackte Fels kommt mehr und mehr zum Vorschein. Die wertvollen Mineralschätze, die dieses Übergangsgebirge vor Zeiten in seinem Schoße barg, sind großenteils versiegt, aber seine ergiebigen Matten hat es behalten; seine Thäler und Almen sind Hauptsitze der Tiroler Viehzucht.

Die südlichen Alpen.

Die südlich von der Centralkette gelegenen, von ihr durch das obere Etschthal und das Pusterthal geschiedenen Alpen werden durch das untere Etschthal deutlich in eine westliche und eine östliche Hälfte geschieden. Die südwestlichen Alpen Tirols aber bestehen wieder aus drei Gruppen: der Ortlergruppe, der Adamellogruppe und der Brentagruppe.

Die erstere, aus Glimmerschiefer, Granit und Kalk aufgerichtet, bildet den gigantischen Grenzbau zwischen Tirol, der Schweiz und Italien. Im Ortler ([Abb. 4]) selbst erreicht sie die höchste Erhebung der österreichischen Alpen mit 3902 m, in der Königsspitze ([Abb. 5]) eine solche von 3857 m. Bei großer Massenerhebung zeigt die Gruppe imponierende Gletschermassen und tief eingeschnittene Thäler, während die von ihr nach Osten zu ausstrahlenden Nonsberger Alpen, aus Kalk und Porphyr bestehend, keine Vergletscherung mehr haben und zu den zugänglichsten, kulturfreundlichsten Strecken Tirols gehören.

Die einsame und entlegene Adamellogruppe ([Abb. 6]) stößt an die (italienischen) Bergamasker und Brescianer Alpen. Sie legt sich als mächtiges Hufeisen um den obersten Lauf der Sarca, nach Osten zu offen. Den nördlichen Arm dieses Hufeisens bildet die wilde Presanellagruppe, den südlichen, größeren, der Adamello (3548 m) mit seinen Trabanten: eine große Eisfläche, auf schönem, weißem Hornblendegranit aufliegend, von Glimmerschiefer umlagert, mit wilden und kühnen Formen.

Die Brentagruppe ist eine schöne, charakteristische Erhebung zwischen der Adamellogruppe und der Etsch, im Norden vom Thal des Nonsberges (Val di Non), im Süden vom Sarcathale begrenzt. Aus Dolomit bestehend, zeigt sie dessen mächtig zerrissene, kühn gestaltete Felsformen in auffallender Weise, trägt aber dabei auch noch einen gewaltigen Gletschermantel zwischen ihren Zinnen und Türmen ([Abb. 7]). Sie zerfällt in eine nördliche und südliche Hälfte und steigt in ihrem Hauptgipfel, der Cima Tosa, bis zu 3176 m an.

Noch ist das letzte Gebiet der Tiroler Alpen zu betrachten: jene ausgedehnten, mannigfachen und merkwürdigen Bergmassen, welche sich im Südosten des Landes, vom Pusterthal im Norden, vom Etschthal im Westen begrenzt, erheben und nach Ost und Süd über die Landesgrenze nach Kärnten und Italien hinüberziehen. Im Munde der Reisenden heißt diese Gebirgsmasse schlechtweg die Dolomiten. Sie verdient diesen Namen aber nur deshalb, weil ihre merkwürdigsten, auffallendsten Berggestalten aus Dolomit bestehen. Thatsächlich finden wir die mannigfaltigsten Gesteinsarten in dieser Gebirgsmasse vertreten: schwarzen und roten Porphyr, Dolomit und Glimmerschiefer, Sandstein und Granit. Die stolzesten Erhebungen aber gehören dem Dolomit an.

Abb. 11. Langkofel, von Nordost gesehen.
(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Südliche Landschaftsbilder.

Da findet man höchst eigenartige Landschaftsbilder: in der Tiefe der Thäler ein reich mit Grün überkleidetes, oft wohlangebautes, wellenförmiges Gehügel, aus Porphyr oder, im Norden, aus Glimmerschiefer bestehend, und darüber, in den verwegensten Formen aufragend, scharfkantig und der Verwitterung trotzend, Türme, Zacken und Zinnenmauern, die wie aus der Erde hervorgestoßen erscheinen, wie lauter Reste von zertrümmerten Riesenburgen. Und diese seltsamen Gebilde erscheinen, je nachdem sie von Regen benetzt, von der Sonne beglänzt oder von Wolken überschattet sind, bald rosenrot oder silberweiß, bald braun wie Asphalt, rot wie glühendes Eisen, aschgrau, tief indigoblau oder goldgelb.

Den reichsten Wechsel bieten die Landschaften der westlichen Dolomiten, schon wegen des merkwürdigen Übergangs aus der Tiefe des üppig-schönen Etschthals zu den unwirtbaren Felswüsten. Hier erheben sich die wundersamen Berggestalten des Schlern (2565 m, [Abb. 8]), des sagenreichen Rosengarten (3002 m, Abb. 9), der mächtigen plateauartigen Sellagruppe (3152 m, [Abb. 10]), der grimmig aufgetürmten Langkofelgruppe (3178 m, [Abb. 11]) und der die ganzen südöstlichen Alpen Tirols beherrschenden Marmolata (3360 m, [Abb. 12]). Zahlreiche, großenteils gut gangbare Joche führen zwischen diesen merkwürdigen Felsgestalten hindurch, die Thäler Gröden, Gaderthal und Fassa verbindend.

Südöstlich dieser Gruppe erheben sich die Trientiner Alpen in der Pala- oder Primörgruppe zu höchst abenteuerlichen Gipfelzacken, Felshörnern und klippigen Hochebenen ([Abb. 13]). In diesem Grenzwall gegen Italien steigt der furchtbare Cimon della Pala bis zu 3186 m, während eine zweite Hochburg, die Pala di San Martino, 2996 m und die Cima di Vezzana 3194 m erreicht.

Gleich großartig, vielleicht wegen des auffallenderen Gegensatzes zu fruchtbaren Thaltiefen noch malerischer, wirken die Dolomiten von Ampezzo und Cadore, zwischen dem Pusterthale, dem Gader- und Abteithale, dem Thale von Cordevole, dem Rienz- und Piavethal. Auch hier finden sich eine Reihe von einzelnen charakteristischen Gebirgsmassen, die durch gangbare Joche untereinander zusammenhängen. Die namhaftesten darunter sind der Monte Cristallo (3199 m, [Abb. 14]), Piz Popena (3143 m), Croda Rossa (3148 m), Tofana (3241 m), Sorapiß (3229 m).

Östlicher schließen sich an diese die Dolomiten von Sexten und Lienz; ebenfalls im Norden durch das Pusterthal begrenzt, bilden sie das letzte Gebiet der Südtiroler Alpen gegen Kärnten, nach Osten an Höhe bedeutend abnehmend. Ihre berühmtesten Gipfel sind die drei Zinnen (höchste 3003 m, [Abb. 15]) und die Dreischusterspitze (3162 m); nach Osten zu gehen sie in das Gebiet der Karnischen Alpen über.

Kleinere abgeschlossene Gruppen endlich legen sich noch im äußersten Süden Tirols an die vorgenannten an. So die im Westen des Gardasees gelegene Gruppe, die, vom Val Bona, vom mittleren und unteren Sarcathal umgrenzt, nach der lombardischen Ebene sich senkt. Ferner die Gruppen zwischen dem Sarcathale, dem Gardasee und dem Etschthale, wo der lang von Nord nach Süd gestreckte Monte Baldo den Grenzpfeiler gegen Italien bildet; endlich die durch das Etschthal und das Val Sugana vom übrigen Tirol abgeschnittenen Teile der Venetianischen Alpen.

Diese kleineren Gruppen sind wie Gartenterrassen oder Veranden, die aus der eisüberdachten Zauberburg der Alpen nach den Gartengefilden Italiens vorgeschoben sind.

Zwischen den einzelnen Gruppen der Tiroler Alpen findet sich kein Platz für eigentliche Ebenen. Da und dort erweitert sich wohl einmal ein Thalboden, wie das Rheinthal bei Bregenz und Feldkirch, das Innthal an einzelnen Stellen, das Etschthal bei Bozen. Aber das sind keine Ebenen; nur Weitungen, die dem Auge gestatten, nach einem Horizont zu suchen; aber sofort stößt der Blick wieder an die Mauern, die diese kleinen Höfchen der Zauberburg allerwärts umstarren.

Abb. 12. Marmolada, von der Seiser Alp gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 13. Palagruppe, von der Rosetta gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Gewässer Tirols.

Wasserreich, wie die Alpen überhaupt, sind auch die Tiroler Berge und Thäler. Regen, Schnee und Nebel werden von der Pflanzendecke der Thalwandungen aufgesogen und ergießen sich als Quellen und Bäche thalabwärts; die ewige Schnee- und Eisbedeckung der höheren Lagen, im Winter wachsend und im Frühjahr und Sommer unter dem Einfluß der Sonne und warmer Luftströmungen wieder abschmelzend, versieht die Bäche und Flüsse mit Nahrung. Als riesiges Dach sendet das Land seine Abflüsse durch den Rhein nach der Nordsee, durch die Donau nach dem Schwarzen Meere, durch die nach Venetien geneigten Thäler in das Adriatische Meer.

Die Quellenbildung ist in den Tiroler Bergen sehr verschieden nach der Natur des Gesteins. In den hoch hinauf mit Moos bewachsenen, aus Granit, Gneis und Glimmerschiefer bestehenden Urgebirgen rieseln überall Quellen; das Gestein nimmt die Wasser nicht in seine Tiefen auf, sondern leitet sie auf seinem Rücken fort. In den Kalkalpen dagegen, deren Gestein mannigfache Hohlräume hat, sickern die an der Oberfläche aufgenommen Wasser größtenteils in diese Hohlräume ein, um erst weiter unten gegen die Thaltiefe zu aus ihrer Felsennacht hervorzubrechen.

In den Centralalpen hat jedes Thal, von dem ein Ast bis in die Gletscherregion hinausreicht, seinen Gletscherbach. Diese Gletscherbäche sind weißgraue, undurchsichtige, wildschäumende Gewässer, an deren Ufern man oft genug das Poltern unsichtbarer Felstrümmer vernimmt, die von dem tobenden Wasser fortgewälzt werden. Jedes Thal läßt die unablässig nagende Wirkung des rinnenden Wassers erkennen. Bald haben die Thalbäche sich tiefe schluchtartige Rinnen in den Fels gefressen, bald werfen sie sich, mehrfach zerteilt über Trümmerfelder herab; bald schlängeln sie sich in Windungen durch grüne Wiesengründe, die aber nichts anderes sind, als grasbewachsene Schuttflächen, die auch vor undenklichen Zeiten vom Wasser hier abgelagert wurden. Ehe die Seitenthäler in ein Hauptthal einmünden, haben sehr häufig ihre Bäche flachere Niederungen gebildet.

Die Wasser Nordtirols finden ihren Abfluß größtenteils zum Inn. Er betritt, schon als ansehnlicher Bergstrom, aus Graubünden kommend, den Boden Tirols bei Finstermünz und verläßt ihn, in nordöstlicher Richtung fließend, bei Kufstein. Seine stärksten Zuflüsse erhält er in Tirol durch die Gletscherströme, die ihm aus dem Paznaunthale, aus dem Ötzthale, dem Stubai und dem Zillerthale zugehen. Außerhalb Tirols, schon in Bayern, empfängt der Inn aber noch die Wasser der Kitzbühler Ache, die ebenfalls den Tiroler Bergen ihren Ursprung verdankt.

Neben dem Inn sind es noch, aus westlicher gelegenen Thoren, die Isar mit der Loisach, die auch einen Teil der Wasser Nordtirols nach der Donau führen, sowie der Lech; während die östlichste Abdachung, die der südlichen Tauernthäler, ihren Abfluß durch die Drau nach der Donau zu findet.

Das Vorarlberger Land sendet seine Gewässer durch die Ill und die Bregenzer Ache zum Rhein. Während jedoch die erstere die Gletscherbäche des Montafonerthales aufnimmt und sich in den Rhein wirft, ehe derselbe den Bodensee erreicht, sucht sich die mildere Bregenzer Ache ihren Weg direkt zum Bodensee.

Abb. 14. Dürrensee mit Monte Cristallo.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Die Südabdachung Tirols schickt mit Ausnahme jener Gewässer, die sie durch die Drau zur Donau sendet, all’ ihre Abflüsse zum Adriatischen Meere. Und zwar teils durch den Po, der durch Chiese und Mincio die von den Adamelloalpen, von der Brentagruppe und vom Gardasee herstammenden Wasser empfängt, teils unmittelbar durch die Alpenströme Etsch, Brenta und Piave. Unter ihnen ist die Etsch entschieden am bedeutendsten. Von ihrem Ursprung aus der Malser Heide an nimmt sie die gewaltigen Gletscherbäche auf, die der West- und Südseite der Ötzthaler Alpen und dem Nordostgehäng der Ortlergruppe entstammen; durch die Passer empfängt sie abermals Zuflüsse aus den Ötzthaler und Stubaier Alpen; dann wieder aus diesen und aus der Zillerthaler Gruppe durch den wilden Eisack, der ihr auch die Wasser des Ahrnthals, des Pusterthals und die vom Nordabfall der Dolomitalpen zuführt. In ihrem Weiterlaufe nimmt sie noch den Nosbach auf mit Abflüssen der Ortler-, Presanella- und Brentagruppe; und endlich den langen Avisio, dessen oberste Quellbäche von den Eisfeldern der Marmolada sich nähren.

Abb. 15. Drei Zinnen, vom Toblinger Riedel gesehen.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Die Seen. Erdgeschichte Tirols.

Im Vergleich mit den Schweizer Alpen ist Tirol arm an Seebecken. Immerhin hat das Vorarlberger Land seinen Anteil am Bodensee, Südtirol den seinen am Gardasee. Nur ein einziger größerer Hochgebirgssee, der Achensee, hat sich zwischen die Steilwände der nördlichen Kalkalpen eingebettet; kleiner, aber mit den reichsten landschaftlichen Reizen ausgestattet sind der Molvener See und die Seen von Levico in Südtirol. Dagegen enthält Tirol eine stattliche Anzahl ganz kleiner, nicht selten unmittelbar von den Eiswänden seiner Gletscher überragter Seebecken, die ihren Hochthälern eigentümlichen Zauber verleihen. So der Lüner See unter den Wänden der Scesaplana, der prächtige Plansee an der Nordgrenze, die hochromantischen Seespiegel in der Nachbarschaft des Fernpasses und auf der Malser Heide, der Gurgler Eissee, der Antholzer See, der einsame Antermojasee oder der berühmte Dürrensee, in dem der Monte Cristallo sich spiegelt ([Abb. 14]), wie der Fedajasee unter den Eismauern der Marmolata, der stille grüne Brennersee, und noch mancher andere.

Abb. 16. Entlaubter Baum im Mühlwaldthal.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Entstehung der Alpen.

Unausdenkbar lange Zeiträume haben ihre Schleier über die Geschichte der großartigen Erdfaltungen gebreitet, die heute in den Alpen vor unseren Augen stehen. Aber man darf vermuten, daß da, wo jetzt die stolzen Gipfel aufsteigen, einst ein niedriges, aus Granit und Gneis bestehendes Hügelland sich ausdehnte. Dieses Hügelland war wohl unermeßlich lange Zeit von einem Meere bedeckt, auf dessen Boden sich durch Ablagerung mächtige Schieferschichten bildeten. Einzelne, aus Granit und Gneis bestehende Inselgruppen mochten über dieses Meer emporragen, das in der frühesten Zeit der Erdbildung noch keine organischen Wesen enthielt. Abermals nach unbestimmbar langen Zeiten mögen durch unterirdischen oder seitlichen Druck Hebungen einzelner Teile der Landmasse hervorgegangen sein; die Wasserbedeckung veränderte sich, und es entstand wohl ein lang gestrecktes Festland, etwa der heutigen Centralkette entsprechend. Während dieser Zeiträume bedeckte sich unter dem Einflusse eines heißfeuchten Klimas der über das Meer hervorragende Teil des Alpenlands mit der üppigen Pflanzenwelt der Steinkohlenformation. Hebungen und Senkungen des Landes setzten sich fort; ebenso die Ablagerungen auf dem Meeresgrunde. Wälder wurden überflutet und sanken in die Tiefe; über sie legten sich wieder dicke Schichten kalkigen Schlammes, der in dem Meere zu Boden sank und zur Felsdecke erstarrte. Zwischendurch brachen aus entfernteren Tiefen der Erde mit ungeheurem Drucke gewaltige Porphyrgesteine empor, zertrümmerten und zerrissen die Steinkohlenschichten und bildeten mit mächtigen Trümmermassen zusammen das große Porphyrplateau nördlich von Bozen. Die Alpen waren nun durch fortwährende Hebung trockenes Land geworden, von ungeheuren Waldungen bedeckt. Aber wieder senkte sich der Boden; aufs neue brandete das Meer an die noch niedrige Centralkette. Sand- und Thonlager, Schichten von muschelhaltigem Kalke legten sich neuerdings auf den Grund dieses Meeres hin; Korallen bildeten mächtige Bänke in demselben; immer reicher erscheint die Tierwelt, deren Reste in diesen Sand- und Schlammschichten versinken mußten. Und die unterirdischen Mächte hörten noch immer nicht auf, neue Massen fremdartigen Gesteins aus den Erdtiefen in die Höhe zu drängen. Und dann mochte wohl wieder eine Zeit kommen, in der fast die ganzen Tiroler Alpen unter den Spiegel des Meeres versanken. Aber es war ein neues Meer und eine neue Tierwelt, die in ihm lebte. Und neues Land wuchs wieder am Grunde dieses Meeres und an seinen Ufern. Noch immer mag dieses Land ein niedriges Plateau mit regelmäßig aufeinander gelagerten Schichten gewesen sein, ohne tief eingeschnittene Thäler. Dann aber erfolgten mehrere stärkere Erschütterungen des Alpenlandes und Hebung desselben, in seiner ganzen Breite, über das Meer. Die im Laufe von vielen Zeiträumen, von denen einzelne wohl Millionen von Jahren gewährt haben müssen, übereinander gelegten Schichten wurden gehoben, gespalten und durch den furchtbaren Druck der aufgestiegenen Centralmassen seitlich abgedrängt. Mächtige Schichten wurden dabei gebogen, verschoben, verworfen, ja geradezu umgestülpt; was früher horizontal lag, steil aufgerichtet. Es entstanden Gewölbe, die schließlich zerbarsten und deren Schalen dann als grausige Klippen den Kern, der sie emporgedrückt hatte, umstarrten. Mannigfache Spalten, die sich gebildet hatten, wurden zu Thälern, die dann vom fließenden Wasser weiter ausgewaschen wurden.

Abb. 17. Andreas Hofer.
(Nach einem 1810 erschienenen Stiche.)

Endlich hörten die großen Erschütterungen des Alpenbodens auf. Aber das Wasser, das Eis und die Verwitterung der hoch getürmten Felsmassen begannen nun an der Landschaft zu arbeiten. Nach der letzten Hebung des Bodens, nach der Bildung der Thäler sank die Temperatur des Alpenlandes tief; die Eiszeit brach herein. Ganz Tirol bedeckte ein ungeheures Gletschermeer, aus dem die einzelnen Gebirgszüge als nackte Felsenrisse hervorbrachen. Auf dem Rücken der meilenbreiten Gletscher wurden unermeßliche Schuttmassen thalab getragen, die Erzeugnisse der zusammenstürzenden Steilwände, welche unter dem Einflusse von Wasser und Eis barsten und brachen und den Halt verloren.

Abb. 18. Andreas Hofer-Denkmal in der Hofkirche zu Innsbruck.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Veränderung der Alpen. Klima.

Und dann, nachdem auch dies Jahrtausende gewährt hatte, kam endlich wieder ein Zeitalter tauender Lenze; die Gletscher zogen sich langsam zurück in die höheren und höchsten Gebirgswildnisse; die von ihnen befreiten Thäler, die Schutthalden und die glatt geschliffenen Wände bedeckten sich allmählich mit einer Schicht von Erde und Pflanzengrün, und schließlich wurden die Alpen so weit wohnlich, daß aus dem lombardischen Tieflande und von der Donauhochebene her der Mensch einwandern konnte in die Thäler von Tirol.

Abb. 19. Philippine Welser.
(Nach dem in Schloß Ambras befindlichen Bilde photogr. von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Die Naturvorgänge aber, die während der Eiszeit begannen, setzen sich unablässig fort. Immer wieder sprengt der Frost die Felsen auseinander; ihre Trümmer stürzen zerkrachend in die Tiefe und auf die Gletscher, wo sie als lange bewegliche Steinwälle weiter abwärts getragen werden. Immer wieder spülen die Regengüsse losen Schutt nach den Thälern; immerfort wälzen die Gletscherbäche polternde Blöcke mit sich. So wird das Land Tirol unmerklich, langsam hinausgespült aus sich selber, in die Adria und in das Schwarze Meer.

III.
Klima, Pflanzen- und Tierwelt.

Klimatische Verschiedenheiten in Tirol.

Tirol hat eine große lachende Sonnenseite: die Abdachung der Centralkette nach Süden. Und dieser entgegengesetzt das schattigere winterliche Nordgehäng gegen das Innthal und weiterhin gegen die bayerische Hochebene. Wie eine Riesenmauer trennen die Alpen das rauhere Klima Deutschlands von dem milderen Himmel Italiens. Schneestürme sausen um die Scharnitz, während man im Bozener Thalkessel unter blauem Sommerhimmel die Traube einheimst.

Und wie das ganze Land an seiner nördlichen und südlichen Abdachung die größten Gegensätze aufweist, so auch die einzelnen Thäler. Jedes in ostwestlicher Richtung verlaufende Thal hat seine nach Süden gekehrte sonnseitige Thalwand und seine Schattenseite. Den Bewohnern der Sonnenseite kommt der Frühling um Wochen früher, ihr Jahr ist wärmer und ihr Herbst weicht später dem Winter, als denen, die an der Schattenwand hausen. Und auch die von Süd nach Nord verlaufenden Thäler haben doch wieder ihre Biegungen, ihre Seitenschluchten und Mulden, wo nach Süden gewandte Gehänge kleine sonnseitige Winkel bilden. Man begreift, daß sich die menschliche Ansiedelung mit aller Macht nach der Sonnenseite gezogen hat. Wo freilich, wie im unteren Innthale, die nach Süden gewandten Thalwände ganz steile Felsenmauern sind, während die entgegengesetzten Gehänge sanft ansteigen: da mußte man eine Ausnahme von dieser Regel machen.

Wohl sind die hohen Lagen im ganzen kühler, als die tieferen. Aber die Gegensätze von Warm und Kalt werden nach oben zu nicht schärfer, sondern milder. So kommt’s, daß den zu höchst gelegenen Ansiedelungen nicht etwa der winterliche Frost ein besonders grimmiger Gegner ist, sondern mehr die furchtbaren Schneemassen, die sie oft wochenlang von der Thaltiefe völlig abschneiden. Die dauernden menschlichen Wohnsitze reichen in Tirol viel höher hinauf, als in den deutschen Mittelgebirgen. Das gilt schon für die Nordhälfte des Landes. Die südliche Hälfte aber erfreut sich eines Klimas, wie es, soweit die deutsche Zunge klingt, sonst nirgends vorkommt. Die gesegnetsten Lagen des Rheingaus werden weit übertroffen durch das Klima des Etschthales von Bozen abwärts. Während der Winter in Nordtirol ungefähr ebenso lang und so streng ist, wie in Deutschland, rechnet man seine Dauer im Bozener Gebiet nur nach Wochen; im unteren Sarcathale aber ist nur ein Schritt vom Spätherbste zum Vorfrühling. Der Sommer Nordtirols möchte wohl heißer sein, als der deutsche; aber er kommt nicht dazu, weil die Sonne hinter den Bergrücken später aufsteigt und früher versinkt. In Südtirol ist der Sommer durchaus italienisch, so daß die Bewohner genötigt sind, aus den heißen Thaltiefen herauf wochenlang in die frischere Luft der Berghöhen zu fliehen.

Abb. 20. Trachten in Taufers-Sand.
(Liebhaber-Aufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Die Eisregion.

Während im Flachlande Schnee und Eis nur durch einige Winterwochen eine Rolle im Landschaftsbilde, in den klimatischen und wirtschaftlichen Zuständen spielen, behaupten sie diese Rolle in einem Hochgebirgslande das ganze Jahr hindurch. Von der gesamten Grundfläche Tirols sind 4764 qkm unproduktives Land: Felsenflächen, die entweder für immer mit einer dicken Last von Schnee und Eis bedeckt sind oder doch wegen ihrer hohen Lage und ihrem gänzlichen Mangel an Erdbedeckung nur Spiel- und Tummelplätze des ewigen Winters bilden. Ungefähr der sechste Teil des Landes ist nicht bloß allem Anbau unzugänglich, sondern geradezu eine Hochburg, von der aus Stürme, Eis- und Schneelawinen, Steinströme, Schlammfluten und Wildwasser die menschlichen Ansiedelungen und landwirtschaftlichen Werkplätze heimsuchen. Die Firn- und Eismassen, welche in meilenbreiter Ausdehnung die höchsten Kämme und Gipfel decken, nehmen einen dauernden Einfluß auf die Natur des ganzen Landes und durch sie auch auf die Menschen. Der Natur der Hochthäler verleihen sie einen starren gewaltthätigen und menschenfeindlichen Hintergrund; den Menschen nötigen sie zu Kämpfen und Sorgen, von denen sich die Bewohner der Flach- und Hügelländer keine Vorstellung machen. Nicht als ob diese Firn- und Eismassen eine bedenkliche Abkühlung der Thäler bewirkten. Es ist keine Eiskellerluft, die sie erzeugen, sondern eine wohl mitunter eisige, dabei aber kräftige und überaus reine Luft, die aus ihnen zu den menschlichen Ansiedelungen herabweht.

Abb. 21. Zillerthaler.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Geradezu verwüstend wirkt die Welt des ewigen Eises nur ausnahmsweise, wenn sich unter besonderen Verhältnissen Eisseen bilden, die dann, wie es im Ötzthale und im Martellthale schon geschah, plötzlich ihre Umdämmung durchbrechen und die tiefer liegenden Thalgründe verheeren. Viel gefährlicher sind die nicht perennierenden Schneemassen, die sich an steileren Gehängen lagern und, wenn sie von wärmeren Luftströmungen zerweicht werden, von ihrer Unterlage gleiten, um als Lawinen mit unwiderstehlicher, zermalmender Wucht niederzugehen. Diesen Schrecken kennt jedes Hochthal in Tirol; an allen Gebirgspfaden sieht man die hölzernen Gedenktäfelchen, die vom Tode eines Menschen in der eisigen zerdrückenden Umarmung einer Lawine reden.

Abb. 22. Zillerthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Für die Thäler sind die in flimmernder Höhe über ihnen lagernden Firn- und Eismassen beständige Behälter ergiebiger Wassermassen. Da sammelt sich nicht bloß während des Winters, sondern auch während des Frühlings und Herbstes das krystallisierte Wasser in riesigen dicken Lagern an, um dann als Schmelzwasser niederzugehen. Man muß an einem Sommertage zur Mittagszeit über einen großen Gletscher gewandert sein, um zu sehen, wie da meilenlange Eisfelder auf einmal in Bewegung geraten, wie ihre Oberfläche zu tausend und abertausend Rinnsalen wird, in denen das geschmolzene Eis thalabwärts rieselt und gurgelt und rauscht, um am unteren Ende des Gletschers jene mächtigen Bäche zu speisen, die da mit wütender Kraft unter dem Eise hervorbrechen. Und je heißer der Sommer, um so reicher die Wassermenge, die er liefert. Aber nicht bloß in der wärmeren Jahreszeit schmelzen die Gletscher ab. Mitten im Winter kommen Tage, wo plötzlich eine warme Luftströmung die Eiswelt der Höhen zum Tauen bringt. Diese Föhnwinde kennt man in Tirol, wie man sie in der Schweiz kennt. Aber während man ihre Wärme früher dadurch erklärte, daß man meinte, sie kämen aus der Sahara über das Mittelländische Meer geflogen, kennt man sie jetzt als Fallströmungen, die durch ihren Sturz aus der Höhe zu ihrem Wärmegrad kommen. An solchen Wintertagen fangen die sonst zu Krystall gefrorenen Bäche plötzlich zu sprudeln und zu schäumen an, jeder Berg wird zum riesigen Dache, von dem Tausende von Wassern niederrieseln; die Firnfelder dampfen, und die stürzenden Lawinen lassen ihren Donner vernehmen.

Abb. 23. Pusterthalerinnen.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Die Bodenbenutzung.

Von den 29288 qkm Bodenfläche, welche Tirol enthält, sind: 1491 Äcker, 1964 Wiesen, 50 Gärten, 128 Weingärten, 1394 Hutweiden, 7778 Almen, 11049 Wald, 68 Seen, Sümpfe, 55 Haus- und Hofräume, 4764 unproduktive Wüstenflächen. Man ersieht daraus, daß die mit Pflanzen angebaute Fläche nur den siebzehnten Teil der Gesamtfläche beträgt; alles, was sonst dem Boden entsproßt, ist mehr oder weniger wild wachsendes Naturprodukt. Freilich wird dieses Wachstum der Natur noch geleitet und überwacht; aber Leitung und Überwachung wird um so lockerer und weniger eindringlich, je höher die Lage.

Abb. 24. Passeierin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Auf den Äckern der Thalsohle wird zumeist Mais gebaut; an den Berghängen Roggen, Weizen, Gerste und Hafer. Der Getreidebau reicht bis zur Höhe von 1700 m hinan; doch erzeugt das Land nicht seinen vollen Bedarf an Brotgetreide. Neben dem Getreide wird auch Flachs gebaut; der Ötzthaler und Innthaler Flachs ist weitberühmt.

Abb. 25. Meraner.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Wein- und Obstbau.

Südlich vom Brenner ist neben dem Mais der Weinstock die wichtigste Kulturpflanze. Er reicht vom Süden herein bis Brixen, zu einer Meereshöhe von 600 m; im Vintschgau bis über 700 m. Der Wein wird in Tirol nicht an Stöcken gezogen, sondern in „Berglen“. Das sind Laubengänge von 2 m Höhe, aus Holzsäulen bestehend, auf welchen Träger, „Staleinen“ ruhen. Doch finden sich Weinpfähle im Pusterthale und bei Brixen, während in Welschtirol die Reben sich an und zwischen den Maulbeerbäumen emporranken müssen. Diese Art des Anbaues wie die in Laubengängen ist landschaftlich weit reizvoller, als die an Pfählen; die letztere aber ermöglicht eine viel sorgfältigere Kultur. Die berühmtesten Tiroler Weine sind die von Terlan, Kaltern und Tramin; auch der Isera und Vino Santo von Arco.

Abb. 26. Meraner Saltner.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Neben der Weinrebe sind’s edle Obstbäume, die der Landschaft Südtirols einen stellenweise paradiesischen Zug verleihen. Vom herrlichen Bozener Boden hinüber nach Meran und etschabwärts bis nach Arco gedeihen vorzügliche Äpfel, Pfirsiche, Aprikosen, Mispeln, Quitten; in den südlicheren Lagen auch Feigen, Mandeln und Granatäpfel. Und wenn in Deutschland noch überall der Schnee die Erde deckt, dann blüht und duftet es hier in jedem Thalwinkel, und Blüten regnen durch kosende Luft, während aus der Höhe noch tief beschneit die Felsenhäupter der Thalumwallung starren. Der schönste unter den fruchttragenden Bäumen Tirols aber ist die Edelkastanie. Sie hat das gleiche Verbreitungsgebiet, wie der Weinstock, wächst in ganzen Wäldern und bildet mit ihrem reichen dunkelgrünen Laube einen prachtvollen Schmuck der Landschaft. Auch die Nußbäume, die etwas höher gegen das Gebirge hinansteigen und auch in Nordtirol sich finden, wachsen zu mächtigen Baumgebilden heran. Nur im südlichsten Teile Tirols, im unteren Sarcathale und an den Ufern des Gardasees gedeiht der Ölbaum, der mit seinem blassen graugrünen Blätterwerk und seinem unvergleichlich stilvollen Geäst der Landschaft einen hellenischen Zug verleiht. Weniger können die unschönen Maulbeerbäume gelobt werden, die für Welschtirol charakteristisch sind. Aber weil sie die notwendige Bedingung der Südtiroler Seidenzucht sind, verzeiht man ihren Mangel an Baumschönheit. In ihrer landschaftlichen Wirkung sind die deutschen Nutzpflanzen den welschen entschieden überlegen. Auch die Mais- und Tabakfelder des Etschlandes reichen nicht an die Schönheit eines sommerlichen Roggenfeldes.

Abb. 27. Meranerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Pflanzenverbreitung.

In Südtirol ist die Stufenreihe der charakteristischen Pflanzen von den Thaltiefen nach den Höhen zu eine etwas andere, als im Norden. Dort sind für die unteren Lagen bis zu 700–800 m Seehöhe bezeichnend die Pappel, Felder von Reis und Mais, Tabak, Maulbeerbäume, Reben, Nußbäume und Kastanien. Von 700–1600 m Getreidearten und Obstbäume; höher hinauf Wiesen und Buchenwald; dann beginnt erst der Fichtenwald und die Alpenweide.

So stark sind die Gegensätze zwischen den nördlichen und südlichen Abdachungen, daß man an der Nordseite eines Joches, wie etwa am Pfitscher Joche, stundenlang durch völlig pflanzenleeres Gestein emporsteigt und, kaum auf die Südseite getreten, schon einen weichen Rasenteppich unter sich hat. Auch auf dem Kalser und Velber Tauern, auf dem Venter Hochjoch kann man die gleiche Beobachtung machen. Da kommt man mit einem Schritt aus dem Norden nach Süden.

Die auffallenden Unterschiede in der Pflanzenwelt des Landes hängen teils von den großen klimatischen Unterschieden, teils auch von denen der Bewässerung und der geognostischen Bodenverhältnisse ab. Die heutige Pflanzenwelt Tirols ist, mit dem Rückgange der Gletscher zur schwindenden Eiszeit, allmählich von Norden und von Süden her ins Land gewandert, soweit nach der Centralkette und nach den höheren Berglagen zu, als es die Natur der einzelnen Pflanzen gestattete. Aber längst ehe der Brenner und die Malser Heide vom ewigen Eise befreit waren, trugen schon Stürme die Keime südlicher Pflanzen über die Centralkette nach Norden und umgekehrt.

Abb. 28. Sarnthaler.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Der Waldbestand Tirols.

Bei den großen Höhenunterschieden ist es erklärlich, daß das Bild der Pflanzenbekleidung des Landes ein so mannigfaches ist. Während einzelne Charakterpflanzen, wie die Weinrebe, der Ölbaum, die Edelkastanie, die Cypresse, die Kakteen, nur in den Thälern Südtirols gedeihen, finden sich die deutschen Waldbäume sowohl in Süd- wie in Nordtirol. Die Pflanzenbekleidung der Erdrinde steigt in Tirol sogar höher hinan, als in der Schweiz; der Getreidebau reicht bis 1700 m über dem Meere. Unter den Waldbäumen liebt die Erle am meisten die tieferen Lagen. Sie findet sich in ausgedehnten Beständen auf den Thalsohlen, in den durch Überschwemmungen der Bergströme gebildeten übersandeten Auen. Solche Erlenauen, unerfreuliche Landschaftsbilder, zeigen große Strecken des Unterinnthals; sie finden sich auch im Zillerthal, am Ausgange des Ötzthals, in Ridnaun, Pfitsch und anderwärts.

Die Eiche liebt den Boden Nordtirols nicht. In Südtirol dagegen findet man sie häufig, aber nur in zwerghafter Form, als Gestrüppwald an den Bergen emporkletternd. Höher hinauf wagt sich die Buche, in Nordtirol bis zu 1300, im Süden bis zu 1800 m Seehöhe, oft ganze Waldungen bildend.

Abb. 29. Defereggerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Einer der edelsten Waldbäume, der Ahorn, gereicht hauptsächlich den Thälern der nördlichen Kalkalpen zur Zierde, wo er sowohl vereinzelt als in kleinen offenen Hainen erscheint; in unvergleichlicher Schönheit auf dem „Ahornboden“ im Karwendelgebirge.

Abb. 30. Schützenkönig.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Der Massenbaum des Tiroler Waldes ist nördlich von der Centralkette durchgängig die Fichte; südlich bleibt sie die herrschende Baumgattung, neben der Buche, wenigstens in den höheren Lagen. Ganze Strecken sind aber auch mit der hellgrünen Lärche bestanden. Die eigenartigsten Erscheinungen des Tiroler Bergwaldes sind die Zirbelkiefern. Sie steigen höher in die Felswüsten hinan, als die Fichte, noch über 2000 m, wachsen langsamer, aber mit wertvollem, köstlich duftendem Holze von feuriger Lachsfarbe. Es sind knorrige, seltsam geästete düstere Erscheinungen, durch deren buschiges Nadelkleid der Bergwind rauscht. So sehr auch die Äxte der Holzschläger unter den Tiroler Zirbelbeständen gewütet haben, gibt es doch noch eine Unzahl von prächtigen vereinzelten Stämmen, die sich an der oberen Grenze des Baumwuchses, in unzugänglichen Felswüsten, eines gesicherten Daseins freuen. Noch höher als die Zirbelkiefer steigt die Krummholzkiefer oder Legföhre hinan, jenes dunkle, krause, an den Bergwänden hinkriechende strauchartige Gewächs, das so zäh und überaus genügsam die Klippen und Schutthalden überzieht, noch in Höhen von mehr als 2600 m, abwechselnd mit einem aus Alpenrosensträuchern, Zwergbirken, Wacholder bestehenden niedrigen Gestrüppwalde, und mit den ausgedehnten Alpenmatten, die sich in diesen Höhen finden.

Abb. 31. Alte Wippthaler Tracht.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Alpenpflanzen. Bergwald.

Je höher man emporsteigt, um so gedrängter, kleiner werden die Pflanzen. Aber auf ihren kurzen Stengeln wiegen sich Blumen von großer Farbenpracht. Bis zu Höhen von 3000 m reicht die Pflanzenwelt der Phanerogamen hinan, zuletzt freilich nur in den geschütztesten Lagen, wo auf dem steinigen Boden, soweit ihn die Sonne für ein paar Monate vom Schnee befreit, noch Edelweiß und Edelraute, die Eisgentiane, die Primel, die Eisnelke und andere prächtige Hochgebirgsblümchen um ihr Dasein kämpfen. Über 3000 m sind’s nur Flechten mehr, die mit ihrer überaus zähen Lebenskraft an die verwitternden Felsen der Gipfel sich anheften.

Abb. 32. Wippthaler.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Der Bergwald ist in vielen Thälern Tirols arg mißhandelt. Mancherlei Arten der Nutzung sind es, die ihm schweren Schaden bringen: die Kahlschläge, die Ziegen- und Schafweide und die Waldstreugewinnung. Und bei der letzteren insbesondere die verderbliche „Schneitelwirtschaft“. Bei dieser Wirtschaft werden die Tannen- und Fichtenbestände unter Zuhilfenahme von Steigeisen und Axt ihrer Äste beraubt, bis gegen den Gipfel hinauf. Solch’ ein geschundener Wald gewährt dann einen trostlosen Anblick: ein Feld von traurigen dürren Stangen, deren jede am Gipfel noch ein armseliges Büschelchen Grün zeigt, während ihr an den unteren Teilen nur hier und da kümmerliche Ästchen entwachsen. Solche Waldungen kann man in vielen Seitenthälern des Unterinnthales sehen: im Brixenthal und Zillerthal, um Brandenberg; aber auch im Pusterthale ([Abb. 16]). Am stärksten ist diese Waldschinderei dort, wo sie als Nutzung im Gemeindewalde oder auf Grund von Einforstungsrechten im Staatswalde ausgeübt wird. Glücklicherweise hat sie doch gewisse Grenzen; denn aus allzu großer Entfernung von den Gehöften will der Bauer seine Streu nicht holen. Und manche Thäler haben sich überhaupt diese Art von Wirtschaft nicht angewöhnt.

Abb. 33. Bozenerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Wald und Almen.

Während so die den landwirtschaftlichen Ansiedelungen benachbarten Wälder oft einer verderblichen Nutzungsweise, die zugleich das Landschaftsbild arg beeinträchtigt, ausgesetzt sind, wird der oberste Waldgürtel in seinem Bestande durch die Viehweide gefährdet. Der junge Nachwuchs wird vom Vieh mit Hufen zertreten und angenagt, so daß es ihm schwer wird, emporzukommen. Da findet man an den höheren Berghängen nur mehr einzelne alte Bäume als Waldreste; der Nachwuchs fehlt. Streckenweise hat die Ziegenweide ehemalige Waldhänge geradezu in Steinwüsten verwandelt. In Südtirol aber haben die Holzhändler ganze Landschaften entwaldet. Nur wo die menschlichen Ansiedelungen fern sind und wo zugleich die Beschwerlichkeit des Transportes den Holzhandel nicht mehr als gewinnbringend erscheinen läßt: da erscheint der Bergwald noch in seiner ganzen urwüchsigen Pracht und Kraft. So in einzelnen der hinteren Gründe des Zillerthales, vielfach auch im Oberinnthal und dessen Seitenthälern. Und welch’ wunderbare Kontraste zeigt der Tiroler Wald, von den sonnendurchleuchteten Ahornhainen des oberen Isargebietes bis hinauf zu den gespenstig finsteren Zirbelkiefern der Alpe Grawand im Zemmgrunde und wieder hinab zu den tiefschattigen Kastanienforsten des Valsugana und dem süß-melancholischen Olivenwäldchen von Torbole!

Abb. 34. Alte Grödener Tracht.
(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Almen.

Über der oberen Grenze der Waldungen erstrecken sich die mit Rasen und Kräutern überwachsenen „Almen“ noch stundenweit empor. Der Bergbewohner gebraucht den Ausdruck Alpe oder Alm nie von dem ganzen Gebirge, sondern immer nur von den Weidelandschaften in den höheren Berglagen. Man darf nicht glauben, daß ein gleichmäßig breiter Gürtel von Wäldern und über ihm von Almen die Berge umgebe. Diese Gürtel sind in den einzelnen Landschaften von sehr ungleicher Ausdehnung. In manchen Gegenden stoßen die Wälder mit ihren oberen Ausläufern unmittelbar an die pflanzenleeren Steinwüsten, an denen höher droben noch, wie hingeklebt, kleine steile Grasflächen hangen. Anderwärts fehlt die Zone der Wälder ganz; dort ist sie ausgerodet, und das Ackerland der Thalsohle und der untersten Berghänge geht in Weideland über. Da sind dann Bergrücken, auf denen man vier bis fünf Stunden lang immerfort über Rasen emporsteigen kann, wie im Kitzbühler Thonschiefergebirge oder in der nördlichen Vorlage des Tuxer Kammes. Häufig ist auch, daß über den zusammenhängenden Waldungen noch eine abwechselnd aus Felswänden, kahlen Schutthalden, dünner Waldung, Rasenflächen und Gestrüppstrecken bestehende Zone den Übergang zur pflanzenleeren Wildnis bildet.

Abb. 35. Alte Grödener Trachten.
(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Die Tierwelt.

Ungefähr der vierte Teil der ganzen Bodenfläche von Tirol besteht aus Alpenweiden. Je nach der Höhenlage, nach der Steilheit der Hänge und nach der Bodenart sind diese Alpenweiden entweder aus einer zusammenhängenden Schicht von Erdkruste gebildet; oder die pflanzentragende Schicht ist von Felsklippen durchsetzt oder von Geröll teilweise überschüttet, von kiesigen Wassergräben gefurcht. Gras und Kräuter, die auf diesen Alpenwiesen wachsen, sind zwar kurz, aber ungleich aromatischer und reicher an Nahrungsstoff als das auf der Thalsohle wachsende Gras. Als Viehfutter dienen die Gewächse dieser Matten teils, indem man es den Tieren selbst überläßt, sich ihre Nahrung zu suchen, teils, indem man einzelne Strecken, die „Mähder“, abmäht und das Heu zur Überwinterung der Tiere benützt. Das oft mit Lebensgefahr an den Hängen gemähte Heu wird entweder im Freien oder in zahllosen kleinen Heustadeln aufgespeichert, bis man sich die Zeit nehmen kann, es zu den Bauernhöfen herabzubringen. Das geschieht meist im Winter auf der Schlittenbahn; über steile Hänge kann das Heu auch als „Grasbären“ herabgerollt werden, nachdem man es in Bündel zusammengeschnürt hat. Die höchste Zone der Pflanzenwelt, jene spärlichen Kräuter und Gräser, die zwischen den riesigen Moränen der Gletscher und als kleine grüne Päckchen an steilen Felshängen noch unmittelbar neben ewigen Schneefeldern sprossen, werden nicht mehr gemäht; sie dienen den Schafen und Ziegen zur Nahrung.

Abb. 36. Grödenerin.
(Nach einer Photographie von Emil Terschak in St. Ulrich-Gröden.)

Die Tierwelt all’ dieser Thäler ist heute größtenteils eine zahme: Rinder und Pferde auf der Thalsohle und den niederen Almen; höher droben Rinder und in den obersten Weidegebieten Schafe und Ziegen. Die Pferdezucht ist zumeist in den an das Salzburgische angrenzenden Gegenden vertreten; hier wächst ein tüchtiges, etwas schwerfälliges Arbeitspferd. Das Rindvieh zählt mancherlei Rassen; aber auch dem Laien muß ein Hauptunterschied auffallen: der Unterschied zwischen dem von Norden und Osten her in die Alpenthäler gekommenen Rinde, das die germanischen Einwanderer mitgebracht haben und das kurzgehörnte, braune oder scheckige Tiere zeigt, und den graugelben, einfarbigen, langhörnigen Rindern, die romanischer Einwanderung ihr Dasein verdanken und hauptsächlich im Westen und Süden heimisch sind. Unter dem zahmen Geflügel sind Hühner wegen des starken einheimischen Eierverbrauches bevorzugt, weniger Enten, Gänse und Tauben.

Abb. 37. Grödenerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Die Haustiere, welche in Tirol zumeist auf Wanderungen angewiesen sind, zeichnen sich vor den beständig im Stalle lebenden durch mehr Feuer und Behendigkeit aus. Sie sind der größte wirtschaftliche Schatz des Volkes und fast das einzige, was zur Ausfuhr gebracht werden kann.

Abb. 38. Bauernhaus aus dem XIV. Jahrhundert.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Abb. 39. Häuser im Mühlwaldthal.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Die Jagd ist in Tirol nicht bedeutend. Sie war so lange frei gegeben, und die Tiroler waren stets so gute Schützen, daß das jagdbare Wild recht zusammengeschmolzen ist. Noch gibt es in den höchsten Steinwildnissen Gemsen und Murmeltiere, Adler, Geier, Stein- und Schneehühner; auch wandert wohl alle zehn Jahre einmal ein Bär aus den Wäldern Graubündens nach Tirol herein. Aber der eigene Waldgürtel Tirols ist arm an Jagdwild, mit Ausnahme jener Thäler, wo sorgfältig gehegt wird, wie etwa in einzelnen Seitenschluchten des Zillerthales oder im Karwendelgebirge. An der Nordgrenze, die sich an die wildreichen bayerischen Staatsforsten lehnt, blüht die Jagd noch am lustigsten; und die Tiroler Wildschützen streifen wohl nicht selten auf bayerischen Jagdgrund hinüber. Sie sind aber gutartiger als die vom Nachbarlande; jene todbringenden Zweikämpfe zwischen Wilderern und Jägern, die in Bayern an der Tagesordnung sind, kommen in Tirol nicht vor. Jene ausgedehnten, mancherorts äußerst selten betretenen Steingefilde, welche zwischen der Grasregion und der ewigen Schneeregion liegen, sind die Heimat zahlreicher Schnee- und Steinhühner, die auf den Tiroler Tischen sehr häufig zu finden sind. Auch die Schneelerche läßt in den Gletscherhöhen noch einsam ihre zarten Triller erschallen; in den Trümmern der alten Burgen und in den Klüften der tieferen Thäler nisten zahlreiche Uhus, in Tirol Buhin genannt. Um die höchsten Felstürme und Eisgrate tummelt sich noch in kleinen Schwärmen die Alpenkrähe, deren goldgelbe Füßchen oft im Schnee ihre Spuren lassen; aber die stolzesten Bewohner der wilden Höhe sind der Steinadler und der Lämmergeier oder Gemsgeier. Die Gewässer Tirols sind nicht sehr fischreich; doch finden sich häufig in den kleinen Hochseen und in den weniger wilden Abschnitten der Thalbäche die edelsten Süßwasserfische: der Saibling und die Steinforelle, die auch mit zu den regelmäßigen Leckerbissen der Tiroler Tafel gehören. Die Mannigfaltigkeit der Insekten ist bei der großen Verschiedenheit der Pflanzenwelt erklärlich, namentlich in Südtirol, wo auch Spinnentiere vorkommen, die in Deutschland völlig fremd sind, wie der Skorpion. Weit verbreitet ist in den sonnseitigen Einzelgehöften die Bienenzucht.

Abb. 40. Bauernhaus bei Taufers-Sand.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Während in Deutschtirol der kleine Singvogel unbehelligt seine Lieder zwitschert, sieht man in den südlicheren Teilen Welschtirols überall die verabscheuungswürdigen Anstalten zum Fang der armen Vögel. Dieser grausame und herzlose Sport vergällt dem Deutschen jeden Spaziergang an den herrlichen Ufern des Gardasees.

Abb. 41. Zimmer in Schloß Uttenheim (Tauferer Thal).
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

IV.
Geschichtliche Übersicht.

Älteste Geschichte Tirols.

Die Geschichtsforschung hat über die Urbewohner Tirols widerstreitende Ansichten aufgestellt, die aber doch darin übereinstimmen, daß vor der jetzigen Bevölkerung ganz Tirol vom Stamme der Rhätier oder Rhasener, der den Etruskern verwandt war, besiedelt gewesen sei.

Abb. 42. Wengalpe (Mühlwaldthal).
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Frühzeitig schon hatten die Römer den eroberungslustigen Blick auf Südtirol gerichtet; aber erst im Jahre 36 v. Chr. konnte der Konsul Munatius Plancus das Trentino erobern, und im Jahre 12 v. Chr. drangen Drusus und Tiberius mit ihren Legionen bis in das Innthal vor. Die Kolonisation begann; Tridentum, Pons Drusi (Bozen), Sabiona (Säben), Vipitenum (Sterzing), Matrejum (Matrei) und Veldidena (Innsbruck) wurden Festungen und Pflanzstädte, durch Heerstraßen mit Italien und, über Scharnitz und Partenkirchen, auch mit Augusta Vindelicorum (Augsburg) verbunden. Von Sterzing führte auch eine wichtige Heerstraße über Loncium (Lienz) nach Aquileja; eine andere von Veldidena durch das Innthal herab nach den Kolonialstädten Bojodurum (Passau) und Laureacum (Lorch). Schon frühzeitig läßt die Legende Südtirol christlich werden; nachweisbar aber ist das Eindringen des Christentumes erst gegen das Ende der Römerherrschaft, im IV. und V. Jahrhundert.

Tirol bis ins XI. Jahrhundert.

Den Sturm der Völkerwanderung konnten die Bergwälle des Landes nicht aufhalten. Wie schon frühzeitig, wenn auch nur vorübergehend, die Cimbern durch Tirol bis nach Italien vorgedrungen waren, so fielen im III. Jahrhundert, von Nordwesten her, die Alemannen in das Land. Nach dem Sturze der Römerherrschaft wurde Rhätien eine Provinz des Gotenreiches unter König Theoderich; aus seiner Zeit rühren noch zum Teile die alten Mauerwerke von Trient her. Nach dem Untergange der glanzvollen, aber kurzen Gotenherrschaft verklingt auch der Name Rhätien; das Land wird die Beute zweier Germanenstämme: der Longobarden, die von Süden her das jetzige Welschtirol in Besitz nahmen, und der Bajuwarier, die von Norden aus das jetzige Deutschtirol, bis in die Gegend von Bozen, zu ihrem Eigentume machten. Die Longobarden gaben rasch ihre germanische Stammeseigentümlichkeit auf; sie wurden verwelscht; die Bajuwarier aber verbreiteten deutsche Mundart und Sitte im größten Teil des Landes, nur im Westen mit den stammesverwandten Alemannen rivalisierend. Das währte während der Herrschaft der Agilolfinger in Bayern. In dieser Zeit gelang es dem kriegerischen Herzog Tassilo II. nicht nur, die am Anfange des VII. Jahrhunderts an der Drau bis in das Pusterthal vorgedrungenen Südslaven zurückzuwerfen, sondern noch das benachbarte Kärntnerland seinem bayerischen Herzogtume einzufügen.

Abb. 43. Sennhütten auf der Seiser Alp.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Karls des Großen Staats- und Kriegskunst zertrümmerte das Reich der Longobarden und jenes der Bayernherzoge. Tirol zerfiel zunächst in eine Anzahl von Grafschaften, die von Grafen verwaltet wurden. Sie gehörten zum Herzogtume Bayern, das aber zunächst nicht mehr von einer eigenen Dynastie, sondern von den Karolingern regiert ward. In Trient dagegen ward im Jahre 1027 der dortige Bischof politischer Herrscher und deutscher Reichsfürst; seine Stellung als solcher wurde durch Kaiser Barbarossa gefestigt und gesichert.

Unter den schwächeren Nachfolgern Karls des Großen gelang es indessen in Tirol dem dortigen Adel, sich rasch eine größere politische Gewalt und Selbständigkeit zu verschaffen. Namentlich waren es die mächtigen Geschlechter der Grafen von Tirol, von Eppan und von Andechs, die nach und nach den größten Teil des Landes unter ihre Herrschaft brachten.

Besitz der Bischöfe.

Für die Deutschen Kaiser mußte Tirol, als kürzester und bequemster Durchgang nach Italien, wertvoll sein. Ihnen mußte daran gelegen sein, die Alpenthäler in ganz zuverlässige Hände zu bringen. Die sächsischen und fränkischen Kaiser suchten sich als politische Stützen namentlich die Bischöfe. So Konrad II. den Bischof von Trient, dem er die Grafschaften Trient, Bozen und Vintschgau verlieh; Heinrich IV. den Bischof von Brixen, dessen Besitzungen, mit denen ihn der Kaiser belehnte, von Klausen über den Brenner bis ins Unterinnthal und durch das Pusterthal bis zur Freisingschen Herrschaft Innichen reichten.

Abb. 44. Schloß Tratzberg (Unterinnthal).
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 45. Königszimmer in Schloß Tratzberg.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Tirol im XII. Jahrhundert.

Die Tiroler Bischöfe aber behielten diese Gebiete nicht lang in eigener Verwaltung, sondern belehnten mit denselben weltliche Große. So in Südtirol ein mächtiges, dem Welfenhause verwandtes Geschlecht, das seit 1116 unter dem Namen der Grafen von Eppan auftrat und bald eine Stellung errang, die weit über die von bischöflichen Beamten hinausging. Größere Bedeutung noch gewannen die Grafen von Tirol. Sie stammen vermutlich von Adalbert, einem ehemaligen Dienstmann des Hochstiftes Brixen, der mit ausgedehnten bischöflichen Ländereien belehnt ward und dessen Söhne Albert und Berthold seit 1140 sich Grafen von Tirol nannten. Albert von Tirol war’s, der im Jahre 1158 den Feldzug des Kaisers nach der Lombardei mitmachte und, ungepanzert, nur mit Schild und Speer bewehrt, im Zweikampf einen mailändischen Ritter niederwarf.

Abb. 46. Fuggerzimmer in Schloß Tratzberg.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 47. Zimmer in der neuen Post zu Pians (Stanzer Thal).
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Tirol im XIII. und XIV. Jahrhundert.

Die Grafen von Andechs, vordem von Dießen und Wolfratshausen benannt, ein mächtiges bayerisches Rittergeschlecht, erhielten 1165 vom Bischofe von Brixen ausgedehnte Grafschaften im Pusterthal und Unterinnthal zum Lehen. Die Besitzungen der Andechser reichten bald aus Franken und von Passau bis nach Istrien und Krain, sieben reiche Grafschaften. So waren bis zum XIII. Jahrhundert die meisten Tiroler Grafschaften in den Händen der Grafen von Tirol und der Grafen von Andechs vereint. Und als der Mannesstamm der Andechser im Jahre 1248 ausstarb, gelang es dem thatkräftigen Grafen Albert von Tirol, teils mit geharnischter Faust, teils durch diplomatische Schachzüge, so ziemlich den größten Teil des heutigen Landes Tirol seiner Herrschaft zu unterwerfen. Alberts Schwiegersöhne, die Grafen von Hirschberg und von Görz, teilten nach seinem Tode das Land; aber dem Sohne des letzteren, Meinhard II. von Görz, gelang es, das Ganze wieder in seiner Hand zu vereinen. Dieser einsichtsvolle und thatkräftige Herrscher, der auch im Jahre 1286 mit dem Herzogtum Kärnten belehnt ward, wurde der erste Landesfürst in Tirol. Seine Enkelin, Margareta, die Maultasche zubenannt, wurde für die Geschichte Tirols entscheidend, indem sie nach mannigfachen Schicksalen, kinderlos, Land und Herrschaft an ihren österreichischen Vetter, Herzog Rudolph IV., abtrat (im Jahre 1363).

Abb. 48. Holzknechte.
(Liebhaberaufnahme von Gustav Schulze in Leipzig.)

Abb. 49. Bauer aus Leutasch.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

So war Tirol an das Haus Habsburg gekommen. Rudolfs IV. Erbe ward sein Bruder Leopold und, als derselbe in der Schlacht bei Sempach 1386 gefallen war, dessen jüngster Sohn, Herzog Friedrich mit der leeren Tasche: eine der lichtesten und edelsten Erscheinungen seiner Zeit. Schon am Anfange seiner Herrschaft ein entschiedener Freund von Bürger und Bauer gegenüber dem Adel, ward er von schweren Schicksalen heimgesucht, als er wegen seines Verhaltens auf dem Konzil zu Konstanz in die Reichsacht fiel und eingekerkert ward, aus dem Kerker entfloh, auf den Rofner Höfen im Ötzthal Zuflucht fand, bis er, der Treue seines Volkes sicher, in Landeck seine Verkleidung von sich werfen und unter seine Tiroler treten konnte, die ihn jauchzend empfingen. Als endlich Reichsacht und Kirchenbann von ihm genommen waren, schuf er durch den Erlaß der landständischen Verfassung Tirols, den Fürsten des Mittelalters um Jahrhunderte voraus, seinem Volk einen freien Bauern- und Bürgerstand. Die ganze heldenhafte Treue, die das Volk der Tiroler späterhin seinen Herrschern erwies, ist wohl zum größten Teile herausgewachsen aus dem Verhältnis, das unter Herzog Friedrich zwischen Fürst und Volk entstand.

Tirol vom XVI. bis XVIII. Jahrhundert.

Friedrichs kinderloser Sohn Sigismund trat die Herrschaft über Tirol an seinen Vetter, den nachmaligen Kaiser Maximilian I., ab. Dieser liebte das Land, verbesserte dessen Verwaltung und Wehrverfassung und vergrößerte es durch Hinzufügung des Pusterthales aus der Erbschaft der Grafen von Görz; ferner durch die Herrschaften von Kufstein, Rattenberg und Kitzbühel, die ihm von den bayerischen Herzogen abgetreten wurden; ein siegreich gegen die Venetianer 1508–1513 geführter Krieg vermehrte das Land um südtirolischen Besitz: insbesondere Riva, Rovereto, Peutelstein und Ampezzo.

Maximilians Enkel, Kaiser Karl V., brachte dem Lande weniger Segen. Er überließ die Regierung von Tirol und den österreichischen Erbländern seinem Bruder Ferdinand I. Als während des Schmalkaldischen Krieges Karl in Innsbruck weilte und seine Gegner über die Ehrenberger Klause in Tirol eingefallen waren, war der Kaiser genötigt, durchs Pusterthal nach Kärnten zu entfliehen. Unter Ferdinands Herrschaft hatte auch die Reformationsbewegung angefangen, in Tirol ihre Wellen zu schlagen; Kirchen- und socialpolitische Bewegungen wurden aber im Keim erstickt. Ferdinands Nachfolger ward dessen Sohn, Ferdinand II., seit 1563. Er unterdrückte die Reste der reformatorischen Bewegung, ließ die Jesuiten in Tirol ein und gestaltete die Verfassung des Landes um. Mit seiner durch ihre Schönheit berühmten Gemahlin, Philippine Welser ([Abb. 19]), einer Augsburger Patricierstochter, die er zuerst in heimlicher Ehe geheiratet hatte, residierte er zumeist auf Schloß Ambras bei Innsbruck.

Unter den späteren Herrschern Tirols aus dem Hause Österreich gerät die Geschichte des Landes in ruhigen Fluß; Zwistigkeiten der Landesherren mit den Bischöfen, mit den unruhigen Italienern im Süden und den Graubündnern im Westen hören auf. Seit 1665 hat Tirol keine eigenen Landesherren mehr, sondern ist Bestandteil der österreichischen Länder.

Abb. 50. Gemsjäger.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Erst im Jahre 1703, während des spanischen Erbfolgekrieges, tritt Tirol wieder in den Rahmen der Weltereignisse. Der zum Kampfe gegen Österreich mit den Franzosen verbündete bayerische Kurfürst Max Emanuel war über Kufstein und über Ehrenberg in Tirol eingefallen und hatte sich Innsbrucks bemächtigt, während Marschall Vendome aus Südtirol vordringen sollte. Da erhob sich wie ein Löwe der Tiroler Landsturm, warf die Bayern auf dem Brenner und im Innthal aus ihren Stellungen, vernichtete an der Pontlatzer Brücke eine bayerische Abteilung in mörderischem Kampfe und zwang den Kurfürsten zum Rückzug. Auch Vendome, der vergeblich Trient belagerte, mußte sich zurückziehen.

Tiefe Ruhe kehrte wieder in Tirol ein, das sich in der Folgezeit den Reformversuchen Kaiser Josephs II. völlig abgeneigt erwies.

Abb. 51. Vor dem Tanz.
(Nach einer Originalphotographie von Franz Hanfstaengl in München.)

Den ganzen Heldenmut und die unvergleichliche Treue der Tiroler aber sehen wir wieder während der Napoleonischen Kriege erwachen. Das geschah schon im Jahre 1797, als in der Schlacht von Spinges der Tiroler Landsturm ein französisches Heer unter General Joubert in die Flucht geschlagen hatte. Aber das Größere sollte erst zwölf Jahre später kommen.

Abb. 52. Der Vogelweidhof.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Tiroler Unabhängigkeitskampf.

Im Jahre 1805 war Tirol durch den für Oesterreich so unglücklichen Preßburger Frieden an Bayern abgetreten worden; bayerische Behörden hatten die Verwaltung übernommen. Mancherlei Maßregeln der bayerischen Regierung standen im Widerspruch mit den alten Gewohnheiten des Volkes, dessen religiöser Eifer auch durch seine Geistlichen gegen die aufgedrungene Herrschaft entflammt ward. So konnten, als im Jahre 1809 der Krieg zwischen Österreich und Napoleon wieder ausbrach, in Tirol sofort die Flammen des Aufstandes hoch emporschlagen. Andreas Hofer, der Sandwirt von Passeier (Abb. [17] u. [18]), ward zum begeisterten Führer der Tiroler Landesverteidiger, Joseph Speckbacher, ein Bauer aus Rinn im Unterinnthal, zum geistigen Leiter der kriegerischen Thaten, dessen Adlerblick und verwegener Mut die schwersten Situationen beherrschte. Der Kapuziner Haspinger half mit entflammender Rede. Im Pusterthal entbrannte der Aufstand zuerst; dort ward schon im April eine kleine bayerische Abteilung zurückgedrängt nach Sterzing, wo sie von Hofer gefangen ward. Am 12. April ward die Besatzung von Innsbruck durch Speckbacher überwältigt; die Hauptmacht der Bayern und Franzosen, die sich, 4600 Mann stark, über den Brenner gegen Innsbruck zurückgezogen hatte, mußte bei Wilten kapitulieren.

Abb. 53. M. Schmid: Abgestürzt.
(Nach einer Photographie von Fr. Hanfstaengl in München: Buchdruckrecht der Illustrierten Zeitung in Leipzig.)

Tirols Befreiung.

So war Tirol wiederum frei. Aber nur für kurze Zeit. Schon im Mai brach der bayerische General Wrede wiederum in Tirol ein, erkämpfte sich den tapfer verteidigten Paß Strub an der Salzburg-Tiroler Grenze, schlug die Tiroler bei Wörgl und bemächtigte sich Innsbrucks. Indessen hatte sich am Berge Isel der Tiroler Landsturm versammelt; wiederum kam es hier zur Schlacht, und abermals wurden die Bayern geschlagen und zum Rückzug aus Tirol gezwungen. Nur Kufstein, aufs tapferste verteidigt, blieb in ihren Händen. In Südtirol hatte eine österreichische Heeresabteilung die Franzosen vertrieben.

Abb. 54. St. Johann in Tirol.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Aber nur kurze Zeit währte dies. Österreich hatte nach der unglücklichen Schlacht bei Wagram seine Truppen aus Tirol zurückgezogen und die Tiroler zur Ruhe aufgefordert, Napoleon den Marschall Lefebvre mit einem 50000 Mann starken bayerisch-sächsisch-französischen Heer nach Tirol geschickt. Nordtirol war entwaffnet. Aber in Südtirol rief Andreas Hofer zum drittenmal den Landsturm auf, der die Truppen des Marschalls in wiederholten Gefechten, insbesondere in einer blutigen Schlacht an der Pontlatzer Brücke, wiederum zurückdrängte nach Innsbruck. Das war in den ersten Tagen des August. Am 13. August ward die dritte und größte Schlacht am Berge Isel geschlagen; die Tiroler blieben siegreich; der Marschall verließ mit seinem Heere das Land. Der Sandwirt von Passeier aber saß in der Hofburg zu Innsbruck und regierte das Land als Oberkommandant.

Abb. 55. Kitzbühel, gegen das Kaisergebirge.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Andreas Hofers Tod.

Erst im Oktober rückte wieder eine bayerische Armee in Tirol ein und erfocht einen Sieg gegen Speckbacher bei Melleck. Aller Heldenmut des Landsturms war umsonst. Am 14. Oktober schloß Kaiser Franz mit Napoleon den Wiener Frieden; Tirol ward abermals an Bayern abgetreten. Nun verließ auch den Sandwirt die Widerstandskraft; er ließ am Berge Isel den Landsturm auseinander gehen, da die Franzosen mittlerweile auch durchs Pusterthal eingerückt waren, und nahm die von Eugen Beauharnais den Tirolern gebotene Amnestie an, während Speckbacher nach Österreich entfloh. Falsche Nachrichten von österreichischen Siegen und vom Einmarsch eines österreichischen Heeres aber täuschten den tapferen Hofer, der vom Passeierthale zum letztenmal seinen treuen Landsturm aufbot. Ein paar Häuflein fanden sich noch zusammen und errangen einige Erfolge gegen kleine französische Abteilungen im Süden. Aber die Kraft des Tiroler Volkes war doch zu sehr erschöpft; neue französische Truppen rückten ins Land; Hofer mußte die Waffen niederlegen und ins Gebirge fliehen. Verrat lieferte ihn in die Hände der Franzosen; und am 20. Februar 1810 ward er zu Mantua erschossen. Tirol blieb bayerisch.

Abb. 56. Hinterbärenbad (Kaiserthal).
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

In schweigendem Grimm erduldeten die Tiroler ihr Schicksal, bis im Jahre 1814 ihr Land nach dem Sturze Napoleons von Bayern an Österreich zurückgegeben ward. Das Volk von Tirol hatte während seines Befreiungskampfes viel Kraft verausgabt, vielleicht mehr, als es ohne Schaden für seine Zukunft ausgeben konnte. So war’s nicht zu verwundern, daß die mächtigen Fortschritte des XIX. Jahrhunderts in den einsamen Bergthälern nur langsam eindrangen, daß nach dem großen Kriege mancherlei schwer begreifliches Sektenwesen in den Köpfen der Unterinnthaler und Zillerthaler seinen Spuk zu treiben begann, daß die schlichten Bauern sich oft zu widerstandslos der Führung durch die Bureaukratie und die Geistlichkeit, und den eigenen althergebrachten Vorurteilen überließen. Und was am meisten in der jüngsten Geschichte Tirols zu beklagen ist: daß das deutsch-tirolische Volk nicht die Kraft besitzt, der fortwährenden Italianisierung Südtirols genügenden Widerstand entgegenzusetzen.

Abb. 57. Vorderthiersee.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

V.
Bevölkerung.

Bestandteile der Bevölkerung.

Die Bevölkerung Tirols besteht zum größten Teile aus den deutsch redenden Nachkommen des bayerischen Volksstammes, der sich während der Völkerwanderung Tirols bemächtigt hatte. Im Oberinnthal aber und in Vorarlberg ist die dortige durchaus deutsche Bevölkerung aus dem Stamme der Schwaben und Alemannen.

Unter dieser heutigen Schicht des Tiroler Volkstums erkennt man teils aus einzelnen Dialektformen und Ausdrücken, teils aus Orts- und Bergnamen Reste der früheren Volksunterlage: der Rhätier und der römischen Kolonisation, in einem kleinen östlichen Landstrich auch der vordem eingedrungenen Südslaven. So ist die Tiroler deutsche Mundart keine einheitliche. Sie fließt an der Nordgrenze vollständig mit der bayerischen, an der Ostgrenze mit der Salzburger und Kärntner Mundart zusammen, während sie in Vorarlberg an die der Ostschweiz anklingt. Vom nächstverwandten bayerischen Dialekt unterscheidet sich der Tiroler durch die tiefen, ihm eigenen Kehllaute. Von den Vokalen klingt das A häufig wie O, das E und I wie Ö und Ü; die Konsonanten rollen dem Tiroler wie aus tiefen Bergschlünden hervor.

Sprache und Ortsnamen.

Neben der deutsch redenden Bevölkerung gibt es in Tirol auch eine romanische und italienische. Die romanische (altromanische, ladinische) ist wohl auf römische Niederlassungen mit beigemischten rhätischen Elementen zurückzuführen; sie wohnt in den Thälern Gröden und Enneberg, im Thal des Avisio und des Cordevole. Ihre Sprache ist ein fast zur Unkenntlichkeit verwildertes Latein. Von der Gesamtbevölkerung haben 60 Prozent die deutsche, 40 Prozent die italienische oder ladinische Umgangssprache. Übrigens verstehen und sprechen in den ladinischen Thälern die Männer alle auch deutsch.

Abb. 58. Unterinnthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Im allgemeinen kann man den Satz gelten lassen, daß in Tirol die Sprachgrenze auch eine Grenze verschiedener Lebensformen und socialer Zustände bedeutet. Aber im einzelnen erleidet dieser Satz viele Ausnahmen. Insbesondere bilden die Ladiner in mancher Hinsicht Übergänge. Sprachlich sind sie den Deutschtirolern ebenso fremd, wie die Italiener; an Bauart, Ansiedelungs- und Wirtschaftsweise, äußerer Erscheinung, Nahrung und Kleidung haben sie mehr Ähnlichkeit mit den Deutschtirolern. Die Bau- und Ansiedelungsweise der Deutschtiroler reicht weiter nach Süden, als ihre Sprache.

Gemeinsam haben die deutschen und welschen Thäler, daß im allgemeinen Wohlstand und Annehmlichkeit des Daseins am bedeutendsten in den untersten Gegenden der Thäler sind und von da nach aufwärts stufenweise abnehmen, so daß die höchstgelegenen Ansiedelungen die ärmsten und rückständigsten sind. Von dieser Thatsache, die zu naturgemäß ist, gibt es nur wenig Ausnahmen, wie etwa die Rofner Höfe im Ötzthal. Aber die Armut und Einfachheit der höchsten Ansiedelungen ist sehr ungleichartig; in manchen Thälern wirkt sie edel und würdig, in anderen abschreckend und bettelhaft.

Von den ehemaligen Rhätiern sind fast nur noch Ortsnamen übriggeblieben; diese aber reichen vom Zillerthal bis nach Trient und nach Vorarlberg. Im Unterinnthal grüßen uns als rhätisch schon Ortsnamen wie Schwaz, Terfens, Volders; sie finden sich sehr zahlreich im Oberinnthal, im Vintschgau, am Eisack. In den höher gelegenen Seitenthälern werden sie seltener; von den Bergnamen sind wohl nur die wenigsten rhätischen Ursprungs. Daraus schließt man mit Recht, daß die rhätische Ansiedelung sich so ziemlich auf die Hauptthäler beschränkt haben muß.

Abb. 59. Alpbacher.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Auf die Rhätier folgte die Romanisierung des Landes. Und die Rhätoromanen scheinen viel weiter in die entlegeneren Thäler und nach den Höhen zu vorgedrungen zu sein. Die romanischen Ortsnamen sind sehr zahlreich; sie zählen nach Tausenden, sind ohne Schwierigkeit zu deuten und hängen mit dem landschaftlichen Charakter der Gegend zusammen. So wird jeder Lateiner Campiglio mit campus, Vals mit vallis, Vill mit villa, Pontigl mit ponticulum in Zusammenhang bringen.

Abb. 60. Kufstein.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)

Germanisierung Tirols.

Der rhäto-romanischen Zeit folgte endlich die bajuwarische Einwanderung, im Oberinnthal die der Alemannen. Die Germanisierung des Landes begann; aber nur langsam. Unter die romanischen Ortsnamen mischten sich immer mehr deutsche, wie Hall, Innsbruck, Landeck, Steinach u. a. Im Vintschgau hielt sich das Romanische zäher, als im Innthal; am zähesten in Enneberg und Gröden. Der slavische Zuzug von Osten her ward durch die Bajuwarier zurückgedrängt; an ihn erinnern nur einzelne Ortsnamen im Iselthale: vor allem Windisch-Matrei; auch das Frosnitz- und Teischnitzthal, der Mulwitz- und Laberwitz-Gletscher; wohl auch der Name des Pusterthales (früher pustrizza, bystrica). So liegen die Schichten der Bevölkerung übereinander, Verdrängtes, Verschollenes und Neugewordenes; mancherlei Mischung. Das Ladinische wird wohl immer weniger gesprochen werden; an seiner Stelle muß entweder italienisch oder deutsch gelernt werden; aber die ladinischen Namen werden sich erhalten.

Abb. 61. Achenthalerin.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

Abb. 62. Hochzeitslader.
(Nach einer Photographie von Fritz Gratl in Innsbruck.)

In ihrer äußeren Erscheinung sind die Tiroler ein prächtiger Menschenschlag, an körperlicher Schönheit von keinem deutschen Volksstamm übertroffen, ja kaum erreicht. Selten wird man bei einer Bevölkerung so viele athletisch gewachsene Männer mit klassisch-ernsten Zügen, so viele Mädchen von überraschender Eleganz des Gesichtsschnittes finden, als in den Tiroler Thälern. Hervorragende Männererscheinungen finden sich im Pusterthale und dessen nördlichen Seitenthälern, im Zillerthale und in Passeier wohl am häufigsten; da kann man im Bauerkittel Männer mit lockigen Häuptern und wehenden Bärten sehen, germanischen Helden gleich; und mancher Schafhirte auf einsamer Hochalm erinnert an ein hellenisches Götterbild. Die Tiroler Mädchen sind teils, wie im Zillerthal, wahre Walkürengestalten; man findet aber auch viele feingliederige und zart gebaute; durchweg aber haben sie sehr lebhafte Augen, deren Glanz selbst im Alter nicht verlischt, und in der Jugend eine entschieden vornehme und graziöse Haltung. Und die Körperschönheit scheint um so hervorragender zu werden, je höher man in die einsamsten Thäler hinauskommt. Am wenigsten bevorzugt in körperlicher Hinsicht zeigen sich die alemannischen Volksbestandteile im Nordwesten. Im Süden findet man sehr häufig schon ausgeprägt italienische Typen.

Volkscharakter.

Den äußeren Zügen entsprechen die des inneren Volkscharakters. Genügsamkeit, Einfachheit der Sitten, Frömmigkeit, Heimatliebe, Unterthanentreue, heldenmütige Tapferkeit: das sind des Tirolervolkes Haupttugenden. Die Fehler, die diesen Vorzügen gegenüber stehen, werden erklärlich durch die Natur des Landes. Die Abgeschlossenheit vieler Landschaften bedingt auch einen Abschluß der Geister gegen außen. Daher die unschwer zum Fanatismus zu steigernde Leidenschaftlichkeit in religiösen Fragen, Einseitigkeit des Urteils und Argwohn gegen das, was von außen kommt.

Abb. 63. Rattenberg.
(Nach einer Photographie von Würthle & Sohn in Salzburg.)