Anmerkungen zur Transkription

Der Text wurde in Fraktur gesetzt, offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden. Die Schreibweise und Interpunktion wurden übernommen.

Worte in Antiquaschrift sind "kursiv" dargestellt.

Familiensklaven.

Roman

von

Max Kretzer.

Verlag Continent

(Theo Gutmann)

Berlin W. 50.


Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck verboten.


I.

Kandidat Fröhlich erlebte heute eine unangenehme Ueberraschung, die ihm gleich um zehn Uhr zu teil wurde, als er pünktlich wie immer im Hause Roderich erschienen war, um den täglichen Unterricht bei seinem elfjährigen Zögling mit erneuertem Feuer zu beginnen. »Fräulein« war plötzlich krank geworden und lag im Bette, und so hatte er das Vergnügen, den Beruf eines Kindergärtners zu erfüllen, der ihm von der Gnädigen mit einer so süßlichen Bitte aufgetragen worden war, daß er nicht hatte widerstehen können. Er war auch gar nicht zum Nachdenken gekommen über die Berechtigung zu dieser von ihm verlangten neuen Probe seiner Begabung, denn die beiden kleinsten Roderichs hatten ihn gleich derartig als Gegenstand ihrer phantasievollen Neigungen in Anspruch genommen, daß er sich mit seinem glücklichen Humor, dem einzigen Erbteil seines Vaters, sofort in diesen Ausnahmefall gefunden hatte.

An den Fenstern strich ein lauer Mairegen hernieder und tropfte schwerfällig auf das hängende Grün der Edelbirke, das wie durchsichtiges helles Glas unter den verirrten Sonnenstrahlen glänzte. Hinten war der Garten in einen nassen Dunst gehüllt, in den der Himmel allmählich erst sein Lächeln warf. Diesem Regentage hatte Kandidat Fröhlich es zu verdanken, daß seine geteilte Aufmerksamkeit zwischen Schulzimmer und Spielstube von einem erfreulichen Erfolge begleitet war. Er pendelte zwischen beiden hin und her, wobei er streng darauf hielt, daß der dazwischenliegende Raum, der gewöhnlich zum Hausschneidern benutzt wurde, der neutrale Ort blieb, über dessen Schwelle er allein nur gehen durfte. Da aber seine Gedanken sozusagen stets zwischen offenen Türen schwebten, und zweibeinige Spielratten alles zu verstehen vermögen, nur das eine nicht, daß man bei der Unterhaltung mit Puppen, beim Bauen und Kegelschieben den Mund halten solle, so hatte er den mündlichen Unterricht heute ganz aufgesteckt und seinem bevorzugten Schüler das Thema zu einem deutschen Aufsatz gegeben, der in der großen Frage bestand: »Welchem Tiere gibst Du den Vorzug, dem Hunde oder der Katze?« Diese Aufgabe hatte er selbst einmal als Sextaner mit Nummer Eins bewältigt, und so war die Erinnerung daran an diesem sorgenvollen Vormittag ganz besonders in ihm lebendig geworden.

Walter hatte seinen Lehrer fragend angeblickt, noch im Zweifel darüber, ob diese Zumutung auch ernst gemeint sei, denn bisher war die vaterländische Geschichte immer bevorzugt worden. Dann war es ihm zaghaft über die Lippen gekommen: »Soll ich wirklich, Herr Kandidat?«

»Aber natürlich, mein Junge, wir treiben doch keinen Scherz.« Als er aber sah, wie leichte Röte in die blassen Züge des stets Verträumten zog, trug die offene Zuneigung wieder den Sieg davon, die er diesem von der Natur so stiefmütterlich behandelten Knaben stets entgegengebracht hatte.

Walter war ein sogenannter Zurückgebliebener, »das liebe Schreckenskind«, wie Frau Roderich ihn stets mit einem Seufzer nannte. Mit verwachsenen Schultern auf die Welt gekommen, hatten zehrende Kinderkrankheiten ihn viele Jahre zu einem körperlichen Schwächling gemacht, so daß man ihn wie eine zarte Treibhauspflanze gehegt und gepflegt hatte, bevor man daran dachte, ihn endlich, nachdem das schulpflichtige Alter längst verstrichen war, den geistigen Bedürfnissen seiner Zeit anzupassen. Stets besorgt darum, es könnte etwas an ihm zerbrochen werden, sobald man ihn in die Klasse sende, hatte man ihm seit zwei Jahren einen Hauslehrer gegeben, der ihm die nötige Vorbereitung für die höhere Schule geben sollte. Und das Wunder war geschehen: wie aus einer lange verschlossen gebliebenen Menschenblume strömte der Geistesduft heraus und machte sich von Tag zu Tag immer stärker bemerkbar, zur Freude des Kandidaten, der dieses Ringen und Ahnen frühzeitig erkannte.

»Wenn Du die Aufgabe richtig erfaßt, wird sie Dir nicht schwer werden,« half er dem Sinnen seines Zöglings wohlwollend nach. »Denke doch an Aeffi und Mausi und an all die Eigenschaften, die Du schon an ihnen entdeckt hast! Daraus wird sich dann das Resultat ergeben.«

Aeffi war der Familienschoßhund, ein kleiner Affenpinscher von zarter, hellbrauner Färbung, der, stets wohlfrisiert, den ganzen Tag über in einem gepolsterten Staatskörbchen zu Füßen der Gnädigen lag; und Mausi hieß die getigerte Küchenkatze, die die Köchin als junges Tierchen geschenkt bekommen hatte, und die seitdem zum wertvollen Bestande der Küche gehörte. Ihr Reich ging nur bis zum Ende des hinteren Korridors, da sie die Gewohnheit hatte, sich zu ihrer Toilette die verschiedensten Winkel auszusuchen, und sich dadurch die gründliche Abneigung der Gnädigen zugezogen hatte, die überhaupt diese Tiergattung nicht leiden konnte.

Ueber Walters blasses Gesicht zuckte ein heiterer Strahl. »Von Mausi weiß ich schon, wie sie ist; sie leckt ihren Napf sauber ab, und es klingt rührend, wenn sie miaut. Sie hat auch neulich eine Maus gefangen, es war ganz possierlich. Wissen Sie, es war in der Speisekammer, ehe der Maurer das Loch zumachte. Aber was ich über Aeffi schreiben soll, das weiß ich wirklich nicht, Herr Kandidat. Er ist eigentlich ein recht faules Tier, ich kann ihn gar nicht leiden. Wissen Sie, weshalb nicht? Weil Rudi mir einmal gesagt hat, er sei wertvoller als ich!« Sein Kopf, der fast direkt auf den Schultern saß, erhob sich in dem Lichtkreis des Fensters, und in den merkwürdig klugen Augen schwamm es, wie ein Hauch von Feuchtigkeit.

Fröhlich erriet seine Gedanken und machte den Versuch, ihn aus dieser Stimmung zu reißen. »Daraus mußt Du Dir nichts machen, was Dein Herr Bruder sagt. Redensarten, mein Junge, Redensarten! Wenn's hoch kommt, unüberlegte Narrheiten. Wer weise ist, lächelt darüber, und gewöhne Dir das beizeiten an! Ich bin gewiß, daß er über mich auch schon so manches gesagt hat, ich möchte es sogar beinahe behaupten. Und Du siehst, ich fasse mich immer in Geduld und bin stets freundlich und höflich zu ihm. So trifft man seine Gegner am besten. Schreibe also mutig darauf los!«

»So werde ich es also dem Aeffi gehörig besorgen und die Mausi weit über ihn stellen.« Er hatte mit der Spitze des Federhalters die Lippen gestrichen und machte nun mit ihm einen großen Schwung, vorläufig in der Luft, um sich allmählich zur Arbeit zu bequemen.

Aber Fröhlich verdarb ihm sofort gründlich diese Meinung. »Um Himmels willen, mein Junge! Diese Deutlichkeit laß nur, so ist das nicht gemeint. Ich könnte es für ewig mit Deiner Mama verderben. Du weißt, sie liest alle Deine Aufsätze, und wenn dann Aeffi, ihr lieber Aeffi —. Nein, das geht nicht.«

»Ich sehe ein, Herr Kandidat, das geht nicht,« stimmte ihm Walter altklug bei. Dann lachte er vergnügt, denn diese Aussicht hatte ihn heiter gestimmt.

Fröhlich begann, ihm das Allgemeine der Aufgabe auseinanderzusetzen, wobei er die fünf Finger der rechten Hand spielen ließ, um dadurch seine Belehrungen zu unterstützen. »Nicht um das Tier an und für sich handelt es sich, mein Junge, sondern um die Gattung. Ich wollte Dir nur durch den Hinweis auf Aeffi und Mausi den Kern Deiner Aufgabe ermitteln helfen, Dir sozusagen die Sache demonstrieren. Was demonstrieren heißt, das weißt Du. Wenn man vom Menschen an und für sich spricht, so denkt man nicht an Müller und Schulze, nein, mein Junge. Und so ist es auch mit den Tieren. Also: mach Dir die Sache leicht! Ungefähr so: Die Katze maust gern und schläft viel. Sie ist zwar ein nützliches Tier, überall dort, wo es Mäuse gibt, aber zugleich auch ein träges Tier. Der Hund ist der Gesellschafter des Menschen, der treue Wächter von Haus und Hof. Er ersetzt dem armen Mann das Pferd, gibt dem Jahrmarktskünstler sein Brot, undsoweiter, undsoweiter. Laß Deine Empfindung darüber ganz frei spielen!«

Walter hatte allmählich begriffen, nickte freudig und sann nach. Dann aber fuhr er wieder auf, denn fortwährend hatte ihn die Bemerkung Fröhlichs über den ältesten Bruder beschäftigt.

»Herr Kandidat, ich möchte Ihnen gerne etwas sagen, aber Sie dürfen es mir nicht übelnehmen. Nein? Am liebsten möchte ich einen Aufsatz über Sie und Fräulein schreiben. Dann wüßte ich gleich, wem ich den Vorzug zu geben hätte.« Und als Fröhlich lachend diesen Einfall im Zusammenhang mit der gegebenen Aufgabe etwas sonderbar fand, bekam er auch gleich die Aufklärung, die die Gedankengemeinschaft über diesen Fall im Kopfe des Aufgeweckten erklärlich machte.

»Es kam mir gerade so in den Sinn, Herr Kandidat, weil Rudi Sie beide im geheimen immer Aeffi und Mausi nennt. Sie sind der Aeffi, und Fräulein die Mausi. Fräulein schnurrte auch gerne, und Sie würden von Mama verhätschelt. Und das ist doch nicht einmal wahr. Sie bellten mich auch öfters gerne an. Auch eine Lüge! Und wissen Sie, weshalb der Vergleich am besten auf Sie paßte? Fräulein gehörte mehr zum Gesinde, und Sie gehörten schon mehr nach vorn. Aber bester, liebster Herr Kandidat — denken Sie nur nicht, daß ich's böswillig meine! Nur gut meine ich es. Rudi ist doch auch so häßlich zu mir, und Sie und ich — wir müssen doch zusammenhalten.«

Lebhaft, fast erregt hatte er diese Wendung hervorgebracht und sich dabei leicht von seinem Stuhl erhoben, weil ihm dünkte, seinem Lehrer Weh bereitet zu haben. Denn dieser hatte den Gang durch das Zimmer plötzlich eingestellt und stand nun in straffer Haltung vor seinem Schüler, so daß sich der Oberkörper förmlich aus der schmalen Taille des langen, schwarzen Rockes reckte. Ein Zucken ging um seinen Mund, das verschieden gedeutet werden konnte. Aber sofort wich es wieder einem Lächeln, das nur noch den Rest seiner inneren Empörung zeigte.

»Nein, nein, mein Junge, gegen Dich habe ich nichts, beruhige Dich nur! Und gegen Deinen Bruder noch weniger. Ich danke Dir, wie immer, für Deine Offenheit. Aber den Rat gebe ich Dir ein für allemal: gib nichts auf solche Redensarten! Es kommt immer darauf an, wie man alles sagt, und das zu erfassen bist Du noch nicht imstande. Nun arbeite ruhig, ich werde zu den Kindern gehen.«

In der Spielstube waren bereits Wünsche nach ihm laut geworden, die sich durch Lärmen und Poltern äußerten. Er hatte diese zarte Andeutung heute bereits wiederholt empfangen, und so kam er gerade zur rechten Zeit, um die Unruhigen zu besänftigen und den elfjährigen Grübler auf der andern Seite vor Störung zu bewahren. Zu diesem Zwecke schloß er die Türe hinter sich, um nun abgeschlossen im Reiche der phantastischen Kindervorstellungen zu wirken.

»Onkel Fröhlich, bist Du da?« vernahm er die Stimme des Fünfjährigen aus irgend einem Winkel. Sie klang wie aus der Tiefe, halb zerquetscht und gedämpft durch eine drückende Last. »Such mich doch, komm doch hier herunter! Hier brennt ein Weihnachtsbaum, und ich sitze auf dem Schaukelpferd. Hopp, hopp!« Und er klatschte mit den Händchen auf die Diele und schlug mit den Stiefelchen wild auf, was unstreitig sein »reiten« bedeuten sollte. Dann erging er sich weiter in seiner Einbildung. »Komm doch! Alle Lichter brennen. Hörst Du, wie ich Pfefferkuchen esse?« Er machte ein schmatzendes Geräusch, als hätte er den ganzen Mund voll des süßen Gebäckes.

Endlich entdeckte ihn der Kandidat unter dem alten Ledersofa, das auf seiner schwarzen Fläche deutliche Spuren eines Kinderturnplatzes zeigte. Die Vorstellung, er könnte ebenfalls unter dieses alte Möbelstück kriechen, um im schönen Monat Mai noch einmal das Weihnachtsfest zwischen Diele und Roßhaar zu erleben, stimmte den Kandidaten zu lauter Heiterkeit. O köstliche Einbildung einer Kinderseele, die Dinge entstehen läßt, die dem Weisen große Rätsel sind! Fröhlich behandelte die Sache völlig ernst, denn wie bei den großen Narren, war es auch bei den kleinen ratsam, immer mitzutun. »Reite nur hervor, Hänschen, und bringe den Weihnachtsbaum mit!«

Und der Junge tat aufs neue seinen Bauchritt, wieherte nun förmlich vor Freude und kroch allmählich ans Tageslicht. Ein geknickter Grashalm vom vergangenen Tage, den er in seiner Rechten hielt, war der »Christbaum«, den er nun neckisch dem Lehrer in die Hand drückte, wobei er immer noch mit den Füßen trampelte, um das wilde Pferd unter sich zu kennzeichnen. Dann aber markierte er den abgeworfenen Reiter, warf sich zu Boden, strampelte mit den Füßen in der Luft und rollte sich schließlich über den Teppich, wobei er ein Indianergeheul ausstieß.

Währenddessen saß das dreijährige Trudchen ruhig auf ihrem Korbstühlchen, eine riesige Puppe auf dem Schoß, der sie laut allerlei Vorwürfe machte und die sie ab und zu auf dem dafür bestimmten Körperteil strafte, als wäre das eine übernommene Pflicht, die sie zugleich mit diesem Geschenk erhalten hätte. »Du, du, du!« und Schlag auf Schlag folgte.

Hans hatte den schönen Traum unter dem Sofa schnell vergessen und bewies sich als verzogenes Jüngelchen, das die Lebhaftigkeit von der Mutter hatte, während das breite Gesicht mit dem kleinen Näschen entschieden ein Erbteil des Vaters war, nicht zu vergessen die zu groß geratenen Ohren. »Etsch, Onkel, Du mußt heute unser Fräulein spielen! Mama hat es gesagt, und Rudi hat schon gestern gesagt, Du sollst Dir eine Schürze umbinden. Und nachmittag mußt Du mit uns spazieren gehen.«

Kandidat Fröhlichs Stimmung schwebte zwischen Lachen und Aerger. Er sah sein Bild gerade in dem alten Mahagonispiegel, der in der Ecke ziemlich hoch als ein Stück des zusammengetragenen Hausrats in diesem Zimmer thronte, und so erwog er, wie er sich etwa, mit einer Schürze angetan, ausnehmen würde, womöglich mit einer recht auffällig gemusterten. Sein männlich offenes, bärtiges Gesicht mit den feinen Zügen sah ihn wie sprechend an, und als er jetzt auch die gesunden Zähne sah, war jeder Groll verflogen. Nein, dieser älteste Schlingel, dessen Haß er sich aus irgend einer ihm unbekannten Ursache zugezogen hatte, konnte ihn nicht beleidigen, mochte er immerhin seinen Spott zu den Geschwistern auslassen in der sicheren Erwartung, er werde sein Opfer so auf Umwegen treffen. Uebrigens hatte er wohl unbewußt das Richtige getroffen: auch Gärtner trugen Schürzen, und wenn er heute schon einmal Fräulein zu vertreten hatte, so wollte er diesen Scherz in Gnaden aufnehmen.

Ein neuer Vorstoß des Jungen gab ihm vollends seine gute Stimmung wieder. Hans fand es plötzlich nötig, die glänzend gewichsten Stiefel des Lehrers als Sockel für seine Schuhe zu benutzen, und wischte zugleich den Dielenstaub an Fröhlichs schwarzen Beinkleidern ab. Und so diesen mit der ganzen Kraft seiner fünf Jahre umschlungen haltend, legte er sich aufs Bitten. »Onkel Fröhlich, geh Du doch einmal mit uns in den Zo (das war eine Abkürzung für »Zoologischer Garten«), Du zeigst mir dann die Tiere, ja? Das muß schön sein. Auch wenn Fräulein wieder gesund ist. Dann kommt Rudi wieder und spricht mit ihr und schickt uns zu der Fischotter.«

»So, also Rudi spricht öfters mit Fräulein, das ist nett.« Kandidat Fröhlich war zwar anderer Meinung, und sicher hätte er gerne etwas Näheres über diese Gespräche erfahren, aber er war nicht der Mann, der Kinder aushorchte, die ihm anvertraut waren. Als er sich aber jetzt wieder unwillkürlich im Spiegel erblickte, glaubte er sein Gesicht bedeutend länger zu sehen, worüber er übrigens gar nicht erstaunt war. Er hatte sich in diesem Hause schon an soviel gewöhnen müssen, daß seine eigene Verwunderung über eine Neuigkeit keinen Eindruck mehr auf ihn machte. Um seinem Gemüt aber selbst Ruhe zu geben, beruhigte er zugleich den Jungen. »Das machen wir einmal, mein Söhnchen. Wenn erst die schönen Tage kommen ... Nun aber wisch Dir Deine Schuhe wo anders ab, spiele recht artig und laß Dein Schwesterchen zufrieden! Ich will einmal sehen, was Walter macht.«

Hans trampelte vor Freuden, dann aber ergriff er eine Kugel und schob die letzten Kegel um, die er hatte stehen lassen, bevor er die Entdeckungsreise unter dem Sofa vornahm. Und sofort stürzte er sich in eine neue Beschäftigung. Vor der breiten, kahlen Wand zwischen Ofen und Fenstern stand ein langer Tisch, auf dem all die Herrlichkeiten ausgebreitet waren, über die Kinder reicher Eltern in ihren Spielstunden zu verfügen haben: Puppenstube und Küche, Burgen, Baukasten und eine Eisenbahn, die wirklich ging, sobald man die Lokomotive aufgezogen hatte. Hans schwang sich auf das große Schaukelpferd, und von hier aus besorgte er seinen täglichen Kladderadatsch: er peitschte so lange auf die Eisenbahn, auf die Burgen und auf das frisch zusammengesetzte Steinhaus, bis alles drunter und drüber auf den Boden fiel. Trudchen schrie auf und flüchtete mit ihrer Puppe, die sie dann aufs neue bestrafte, als wäre sie mitschuldig an dem Skandal.

»Aber, mein Söhnchen, was soll der Unsinn! Das nennt man doch nicht spielen!« ermahnte der Kandidat. »Wenn ich zurückkomme, wirst Du alles wieder schön aufgebaut haben.«

II.

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, die zum hinteren Flurgang führte, und »Fräulein« trat ein, hastig, wie von der Angst getrieben. Ihrem Aeußeren sah man es an, daß sie sich nur eilig angekleidet habe, um von ihrem Zimmer, das auf der anderen Seite des Korridors lag, rasch hier hineinzuhuschen. Das üppige, braune Haar war lose aufgesteckt, und einige Strähnen davon umspielten noch den freiliegenden Hals, der übrigens weiß und verlockend aussah. Sofort fuhr die Hand an den Verschluß des Kleides, und sie wollte die Tür von draußen wieder zuziehen, als sie empfand, daß sie ihr Erscheinen mit einigen Worten rechtfertigen müsse. Und so sagte sie, noch immer die Klinke in der Hand: »Ach, Sie sind hier, Herr Kandidat. Dann bin ich beruhigt. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich hörte den Lärm und glaubte, es sei etwas passiert. Ich bin gar nicht gewöhnt, am Tage zu liegen.«

»Aber so kommen Sie doch herein, Fräulein.«

»Ich kann mich ja gar nicht so zeigen.«

»Aber ich bitte Sie — das geniert mich doch nicht,« beruhigte er sie. »Sie gehören doch hier zum Hause.«

»Nein, nein, ich will mich nicht aufhalten,« entgegnete sie wieder. »Ich fühle mich wirklich nicht recht wohl, und wenn Frau Roderich es sieht, dann glaubt sie es wieder nicht. Ich hoffe, daß es bald vorübergehen wird.«

Der Junge hatte sich aber bereits an ihr Kleid geklammert und machte ein solches Hallo, daß sie rasch die Türe schloß, um den Lärm nicht weiter dringen zu lassen. »Mausi, Du kannst immer sterben, Onkel Fröhlich kommt mit nach dem Zo,« schrie Hans sie an, umschlang sie aber so innig mit seinen Aermchen, daß dieses Sterben jedenfalls für ihn sofortiges Auferstehen von den Toten bedeutete.

»Eine liebenswürdige Range, nicht wahr?« wandte sie sich an den Kandidaten, »was sagen Sie nur zu dem Katzennamen, den man mir gegeben hat?«

Fröhlich war rot geworden und wandte sich ab, denn er befürchtete, sie könnte auch seinen Lieblingsspitznamen bereits kennen und ihn dadurch in Verlegenheit bringen. Er sah sie erst wieder an, als sie sich mit Trudchen beschäftigte und er dabei die unsinnigen Worte vernahm, die ein derartiges Fräulein für ihre Schützlinge immer bereit haben muß. Dann bat er sie auf einige Augenblicke in das Nebenzimmer hinein, und als sie ihm überrascht gefolgt war, schloß er auch die zweite Tür, die zum Schulzimmer führte, so daß sie ungestört waren.

Sie wartete auf eine Neuigkeit, die mit häuslichen Dingen zusammenhinge und die vielleicht ganz plötzlich hinter ihrem Rücken emporgeschossen sein könnte. Um so erstaunter war sie, als er eine ganze Weile schweigend vor ihr auf- und abging, wobei er nicht vergaß, sie mit raschen Blicken zu streifen. Ihre süße Liederlichkeit gefiel ihm, und so wollte er sich erst allmählich daran berauschen, erst den Menschen in sich befriedigen, bevor er diesen hinter der Maske des Pädagogen verbarg. Bisher hatte er sie nur sozusagen frisch geplättet, frisch gestärkt und frisch frisiert gesehen, wie es einem netten Mädchen in einer großen Häuslichkeit geziemte, deren Herrscherin am liebsten ihre Leute auf dem Präsentierteller gehabt hätte. Nun jedoch sah er sie ohne Aufputz, weniger auf Draht gezogen, mehr weicher und schmiegsamer, ohne den Firnis des Zurechtgemachten.

Besonders ästhetisch veranlagt, hatte er immer eine Scheu vor der Kehrseite menschlicher Gewohnheiten, und so fühlte er sich um so angenehmer enttäuscht, sie auch in diesem Aufzuge ganz appetitlich zu finden. Sein kritisches Urteil blieb unvermindert das alte: Eine gut gezogene Familienblume, die, vom Daseinssturm verweht, aufs Geratewohl ins Leben hinausgetrieben war, aber immerhin genug Vorzüge hatte, sich über der Herde ihrer Mitschwestern zu erheben.

»Nun, was gibt's, Herr Kandidat? Aber recht schnell, wenn ich bitten darf. Man könnte kommen.«

»Frau Roderich liest die Zeitung,« beruhigte er sie und bewog sie, sich zu setzen.

Trotzdem sie noch nicht lange im Hause war, kannte sie ihn nur als einen ruhigen, besonnenen Mann. Nun aber wunderte sie sich, ihn so erregt zu sehen.

Er wagte nicht gleich, auf sein Ziel loszugehen, und so erkundigte er sich nach ihrem Leiden. »Frau Roderich sprach von Fieber, das sich entwickeln könnte. Man wird doch hoffentlich den Arzt holen.«

Sie zeigte ihre hübschen Zähne und schüttelte heftig mit dem Kopf. »Dann wäre ich doch nicht aufgestanden. Ein bißchen Erkältung. Ich werde nächste Nacht tüchtig schwitzen, und dann wird es wieder gut sein. Aber wissen Sie, hier sitzt es, in den Schläfen, mir ist ganz dumm im Kopf. Ueberhaupt in allen Gliedern liegt mir's. Ich hab's mir vorgestern geholt, am letzten kalten Tage.«

»Brennt denn Ihr Kopf?« fragte er besorgt, legte seine Hand auf ihre Stirn und fühlte dann an ihrem Puls. »Ich habe zwei Semester Medizin studiert, eh' ich umsattelte,« fügte er wie zur Entschuldigung hinzu. Dann aber, als sie dazu lachte, fand er sein Verhalten etwas läppisch, und so reckte er sich, zupfte an seinem Rock (eine Angewohnheit, die ihm besonders lieb war), und wurde wieder der ernste Kandidat Fröhlich, der vorzügliche Lehrer und Erzieher, von dem Frau Roderich das schöne Wort geprägt hatte, er sei korrekt wie ein armer Leutnant, bis auf die Taille sogar.

»Hauptzweck ist mir eigentlich, es Ihnen nahezulegen, unserem jungen Herrn Roderich soviel als möglich aus dem Wege zu gehen,« sagte er mit Nachdruck. »Vermeiden Sie seine Belästigungen, wehren Sie sich dagegen mit aller Macht, ja, ich würde es sogar für richtig finden, wenn Sie in dieser Beziehung eine Unterredung mit seiner Mama nicht scheuten, falls er gegen den guten Gebrauch unschicklich werden sollte. Ich habe durch reinen Zufall davon gehört — die Kinder plappern so manches, na, und dann macht man sich ein Bild.«

»Weiter ist es nichts, Herr Kandidat? Der Zoologische Garten ist groß, und ich kann mir doch nicht die Ohren zuhalten, wenn Herr Rudi sich vor mich hinstellt und mir was vorschwatzt. Mehr können Ihnen die Kinder doch auch nicht erzählt haben.«

Ihre Harmlosigkeit ärgerte ihn ein wenig. »Mein liebes Fräulein, — Sie sind jung, unerfahren, und ich möchte nicht gern, daß die Gnädige üble Deutungen daran knüpfe, wenn man aus einem vielleicht öfteren Zusammentreffen dort unwahre Schlüsse zu ziehen sich für berechtigt hielte. Wir kennen alle die leichte Lebensauffassung des jungen Herrn.«

Sie zeigte sich durchaus nicht böse. »Wissen Sie, Herr Kandidat, es ist mir wirklich nicht lustig zu Mute, aber am liebsten möchte ich laut lachen. Er ist ja noch ein dummer Junge.«

Plötzlich trat der, von dem sie sprachen, etwas unsanft aus dem Schulzimmer herein, und ganz in der Art eines Menschen, der den Verblüfften spielt, sagte er mit steifer Verbeugung: »O, bitte tausendmal um Verzeihung. Ich hatte keine Ahnung —.«

Sie stieß einen leichten Schrei aus, erhob sich und flüchtete durch das Spielzimmer hinaus. »Aber so bleiben Sie doch, Fräulein, was soll man denn davon denken,« rief Fröhlich ihr nach, aber sein Bemühen war vergebens. Die Korridortür klappte bereits. Der Kandidat war ärgerlich, denn sie hatte seiner Ueberzeugung nach etwas Unbegreifliches getan, was dazu geschaffen war, ihrem Beisammensein eine andere Deutung zu geben, wenigstens diesem jungen Herrn gegenüber, der seine neunzehn Jahre bereits mit der Wichtigkeit eines Lebegreises herumtrug, den nichts mehr überraschen kann. Aber sofort sich beherrschend, hielt er den anderen zurück: »Sie haben durchaus nicht gestört, Herr Rudi.«

»Herr Roderich, wenn ich bitten darf, Verehrtester,« schnitt ihm der Hausherrnsohn mit der gleichen Verbindlichkeit jede Annäherung ab. »Weshalb verfallen Sie eigentlich immer in den alten Fehler? Einmal muß man Ihrem Zauberbann doch entwachsen.«

Kandidat Fröhlich hielt es für besser, denselben leichten Ton anzuschlagen. Und so erwiderte er lächelnd: »Pardon für meine Rückfälligkeit, es soll gewiß nicht wieder vorkommen, Herr Roderich. (Diese beiden Worte waren gleich stark betont.) Ich werde mich jedenfalls sehr auf den Tag freuen, wo ich Ihnen noch einen besonderen Titel anhängen kann.«

»So lange wollen Sie noch bei uns aushalten? Beneidenswerte Courage.«

»Hängt das von Ihnen ab, oder von mir?«

»Na, Sie können doch nicht als ewiger Kandidat in die Unsterblichkeit gehen. Das würde ja meiner hohen Meinung von Ihnen den Todesstoß geben.«

»Ich werde mich bemühen, mir auch fernerhin Ihr gütiges Wohlwollen zu bewahren,« gab Fröhlich heiter zurück.

Trotzdem er den Spott des andern jedesmal empfand, sobald sie in derartige Plänkeleien gerieten, fühlte er sich doch viel zu sehr als überlegener Mann, um seinen Gleichmut aufzugeben. Die kindische Herausforderung des andern erschien ihm immer nur als ein Mangel an guter Erziehung, dem er in Würde begegnen müsse.

»Mir angenehm zu hören,« schnarrte Roderich junior plötzlich von oben herab, indem er sich bemühte den Einwurf anders aufzufassen. Die Hände in den Hosentaschen, schlenderte er gemütlich im Zimmer umher. Er steckte bereits in der neuesten Frühjahrsmode: in ganz engen Beinkleidern, die nach englischer Art fast trikotartig über die gelben Strandschuhe fielen, in auffallend kurzem Jackett und in oben geschlossener Weste, aus der der Sezessionsumlegekragen so hoch über der roten Sportkrawatte ragte, daß man den Eindruck gewann, er hätte aus Versehen eine steife, umgekippte Halsmanschette um den Hals gewürgt, damit den etwas zu groß geratenen Ohren die Schaustellung nicht geschmälert würde. Nur mit Anstrengung konnte sich der Kopf daraus hervorschrauben, je nachdem das Bedürfnis vorlag, der Nase eine neue Richtung zu geben. Ein dünnes Uhrkettchen, das durch das Knopfloch gesteckt war, zog sich über die schmale Brust von einer der oberen Westentaschen zur andern, und so glich er einem stilvollen Gecken, der auch niemals vergaß, die linke Hand auffallend nach unten zu schütteln, damit man das silberne Armband klirren hören könne. Ein leichtes Gähnen hinter der vorgehaltenen rechten Hand folgte seinen Worten. Er gähnte selbst am lichten Tage sehr oft, und zwar mit einer gewissen Koketterie, weil er das zum guten Ton gehörig fand, wodurch Lebewesen seiner Art die ewige Langeweile ihres jungen Daseins andeuten müßten.

»Ich finde, Sie sind etwas erregt, Herr Kandidat,« begann er wieder und holte das lose Monocleglas aus der Westentasche, das er sich mit Grazie und schiefem Gesicht ins Auge klemmte. »Schwere Arbeit heute, was? So drei Rangen auf einmal in Raison halten zu müssen — wie? Auch kein Austernschlucken, was? Mama hat mir schon von Ihrer Opferfreudigkeit berichtet. Na, einmal ist ja keinmal. Aber trösten Sie sich mit den Paukern, die eine ganze Klasse über sich ergehen lassen müssen. Habe ich auch mal mitgemacht, natürlich aktiv. Bis Quarta ist man ja immer rauhbeinig. Wir hatten da einen Ordinarius, na —! In dessen Haut hätte ich nicht stecken mögen. Werden Sie ja auch mal erleben ... In den höheren Klassen wird man vernünftiger.«

»Sind Sie nicht aus Obertertia abgegangen?« fragte Fröhlich.

Roderich junior merkte die Absicht, aber blieb kalt. Sein Hochmut war jedoch unverkennbar, als er mit Daumen und Zeigefinger sein kaum sichtbares Bärtchen teilte und mit Betonung erwiderte: »Ich habe mein Einjähriges, Verehrtester. Das dürfte Ihnen doch nicht ganz unbekannt geblieben sein — bei der Regsamkeit, mit der Sie sich für alle Vorgänge im Hause interessieren.« Dann aber schlug er wieder einen leichten Ton an, um schneller über diese Gesprächsbrücke zu kommen, dem endlichen Ziele entgegen. »Was wollte denn eigentlich Mausi? Pardon — Fräulein wollte ich sagen. Ich denke, sie ist krank, liegt im Bett und konserviert ihre Schönheit durch Vermeiden jeder Aufregung? Und nun hat sie Ihnen hier Gesellschaft geleistet als mademoiselle sans gène? Erteilen Sie ihr etwa auch Lektionen? Herr Kandidat, Herr Kandidat!«

Im Bewußtsein seiner augenblicklichen Uebermacht drohte er Fröhlich lächelnd mit dem Finger. Dieser jedoch zeigte keine Neigung zum Scherzen, gab ihm vielmehr mit ernster Miene kurz die nötige Aufklärung. Rudi jedoch bückte sich plötzlich mit ungläubiger Miene vor dem Stuhle, auf dem Fanny Frank gesessen hatte, und hob lachend eine Haarnadel auf.

»Ei, sehen Sie doch — sie hat etwas verloren. Ihr Haar muß ja ordentlich ramponiert gewesen sein. Darf ich Ihnen das Ding zur Erinnerung an die genußreichen Minuten dedizieren?«

Eine Blutwelle schoß dem Kandidaten ins Gesicht, und sofort empfand er die Neigung, ihm die Haarnadel aus der Hand zu schlagen; aber indem er sich sofort beherrschte, sagte er mit erzwungener Verbindlichkeit: »Ich muß bedauernd verzichten. Vergrößern Sie nur Ihre Sammlung damit, die ja, wenn sie mit Ihrer Lebensauffassung gleichen Schritt gehalten hat, sehr reichlich sein muß!«

»Sie sind heute äußerst verschwenderisch in Anerkennung meiner Vorzüge,« erwiderte Rudi mit einem Kopfnicken und legte den Fund, den er zwischen den Fingerspitzen wie etwas Unangenehmes weit von sich hielt, auf ein Tischchen am Fenster. »Dann mag Mama sich den Kopf darüber zerbrechen. Die ist ja gleich bereit, sich aus allem einen Roman zu machen.«

»Vielleicht kann ich dabei mit einem Kapitel dienen, das sich hin und wieder im Zoologischen Garten abspielt.«

»Wie meinen Sie, Herr Kan—di—dat?«

Roderichs junior Lächeln war verschwunden, er erhob den Kopf aus der Kragenschraube, gab dem wackelnden Augenglas einen neuen Halt, machte einige Schritte und blieb herausfordernd vor seinem Gegner stehen.

Fröhlich empfand die Neigung im selben Tone zu erwidern, aber sogleich fiel ihm ein, daß sein Beruf in diesem Hause es mit sich bringe, auch diesem Jüngling gegenüber, der der Schule bereits entwachsen war, jene Milde zu bewahren, die die schönste Eigenschaft des Erziehers ist. Und so begann er mit seiner klangvollen Stimme:

»Herr Roderich, es ist den Kindern bereits aufgefallen, daß Sie merkwürdig oft im Zoologischen Garten zur Stelle sind, wenn Fräulein Frank ihrer Pflicht nachgeht. Sie ist jung und Sie sind jung, sie aber ist gänzlich unerfahren, während Sie in der ars amandi schon bedeutende Fortschritte gemacht haben. Ich höre darüber manchmal Andeutungen — Sie wissen ja, ich genieße das besondere Vertrauen Ihrer Frau Mama. Bleiben Sie meinetwegen hübsch bei Ihren Bar-Damen, poussieren Sie Ihre Konfektioneusen, mich soll's nicht genieren, mich geht's auch nichts an, — das ist Sache Ihrer Herren Eltern, sich darüber mit Ihnen abzufinden. Aber lassen Sie anständige Mädchen aus dem Spiel, die unerfahren in die Welt blicken und den Verführungskünsten der Männer nicht gewachsen sind! Solche jungen Dinger reißt ihr Blut leichter fort, weil sie sich impulsiv geben, ohne Berechnung, im Vertrauen auf den Anstand desjenigen, der da lockt und in der Leidenschaft unwürdige Beteuerungen nicht verschmäht. Die Erfahrung spricht dafür, daß diese Beteuerungen von Liebe um so williger Gehör finden, wenn die soziale Stellung des Lockenden dabei ins Gewicht fällt. Sie wissen, daß Fräulein Frank aus vortrefflicher Familie stammt; ihr Bruder ist aktiver Offizier, ihre Mutter ist eine reich mit Kindern gesegnete Witwe, deren jüngere Söhne noch im Kadettenkorps erzogen werden. Ein Vergnügen ist es für eine solche junge Dame wahrhaftig nicht, ein sogenanntes Fräulein zu spielen. Aber sie wollte zu Hause nicht länger zur Last liegen, da die älteste Schwester die Wirtschaft führt. Das sonst übliche Lehrerinnenexamen hat sie nicht gemacht, anders konnte sie sich nicht betätigen, und so verwertet sie hier ihre Kenntnisse und Liebe zu Kindern. Etwas, was heute hundert andere aus gleicher Familie tun. Ich möchte hinzufügen: tun müssen im Vertrauen auf die Diskretion der großen Welt, die in der Regel wenig von diesem Martyrium der armen, gebildeten Mädchen erfährt. Sie treiben eben mit in dem breiten Strom, in dem die Armee der Abhängigen und wirtschaftlich Gestraften schwimmt. Man sieht die tausend Köpfe der Schwimmenden und wundert sich nicht, bis plötzlich ein besonders hübscher auftaucht, der die Aufmerksamkeit erregt. Nehmen wir z. B. an, Ihre Aufmerksamkeit erregt, und fügen wir hinzu, daß dieses schöne und temperamentvolle Gesicht Fräulein Fanny Frank gehört. Sie sind zu reif in allen Dingen, Herr Rudi — Verzeihung, Herr Roderich, — als daß Sie meine kleine Warnung, die aus dem Herzen kommt, nicht verstehen sollten. Und also, nicht wahr? Sie werden der guten Freundin Ihrer kleinen Geschwister den Platz hier nicht verärgern wollen. Schließlich wird sie doch weichen müssen, denn Sie sind der Sohn des Hauses, der unter allen Umständen recht behalten wird.«

Rudi hatte ihn ruhig angehört, mit jener brutal-lächelnden Miene, die der frühreife junge Mann für die Lebensbelehrungen weiser Männer bereit hat. Nur hin und wieder hatte er ein kurzes »So?«, ein spöttelndes »Meinen Sie?« und ein ebensowenig ernstes »Hübsch, sehr hübsch von Ihnen!« eingeworfen. Und um seine Gleichgültigkeit noch mehr zu beweisen, mußte das Spielen mit der silbernen Zigarettenbüchse herhalten, der er schließlich eine der Marke »High life« entnahm und sie mit großartigem Getue anzündete. Noch das Schwenken des allmählich verglühenden Zündhölzchens sollte seine erhabene Stimmung andeuten. Und als er mit vollen Backen den Dampf gegen die Decke stieß, beinahe über den Kopf des Sprechers hinweg, war das unstreitig die Illustration zu dem Gedanken, daß ihm im Augenblick alles Luft sei. Dann nahm er einen Anlauf zu einer gewaltigen Zwischenbemerkung, um dem Redestrom ein Ende zu machen, aber das Wort erstarb ihm auf der Lippe. Das Augenfeuer des andern ließ ihn den Blick allmählich niederschlagen, und so sank er zur Kleinheit herab, während der Kandidat über ihn hinauswuchs. Es lag etwas in Fröhlichs Sprechweise, das ihn bezwang, am Ende seine Aufmerksamkeit erregte und das letzte dumme Lächeln verscheuchte.

»Hören Sie, Sie hätten eigentlich Pastor werden müssen,« sagte er endlich. »Verflucht, können Sie predigen! Das kann einem ja nahe gehen. Wenn Sie's nicht wären, ich hätte längst die Flucht ergriffen. Sie haben eben eine ganz bestimmte Diktion, um in Ihrem Jargon zu reden, Sie schmücken Ihre Sätze mit Gefühlsspitzen. Geistreich, was? Eigener Einfall von mir ... Der Meinung ist auch Mama, Papa nennt es anders. Der sagt einfach: Sie griffen an die geistige Niere, Sie fixten auf Moral-Aktien. Börsenton natürlich! Aber diese Aktien haben doch inneren Wert, Sie müssen sich nur hüten, zu überzeichnen, sonst haben Sie bei raschem Kursfall die Differenz allein zu tragen. Sie imputieren mir etwas, woran ich gar nicht gedacht habe. Man wird wohl noch ein bißchen techtel-mechteln können! Das wird wohl schließlich auch Ihre Gnade finden. Darf ich mir erlauben —?«

Er hielt ihm die offene Zigarettendose hin, in die hineinzugreifen Fröhlich aber keine Neigung zeigte. Innerlich erfreut darüber, diesen angenehmen Verkehrston wieder geschaffen zu haben, lehnte er doch dankend ab mit dem Bemerken, daß er nur wenig rauche.

Und einmal im Zuge, jede Meinungsverschiedenheit über den wunden Punkt zwischen beiden ein für allemal aus der Welt zu schaffen, warf der Kandidat angeregt ein: »Nicht wahr, Herr Rudi — ich nenne Sie diesmal mit guter Absicht so — Sie versprechen mir, auch das Techtel-mechteln zu unterlassen.«

Roderich junior lachte. »Töchtermöchteln möchte ich schon,« witzelte er. »Sie kennen doch diese neueste Scherzverdrehung?«

Der Kandidat glaubte, diese gute Laune festhalten zu müssen, und so drang er aufs neue in ihn: »Sie geben mir Ihr Ehrenwort darauf, nicht wahr?«

Sofort schlug die Stimmung des andern um. »Aber, Verehrtester, ich verstehe Sie nicht! Um Lappalien gibt man doch kein Ehrenwort. Ich weiß überhaupt nicht —. Sie trainieren mich ja förmlich.«

Fröhlich ging durch das Zimmer und blieb dann wieder erregt vor ihm stehen. »Fräulein ist doch keine Lappalie,« stieß er hervor.

»Für mich aber ein Begriff. Sagen wir besser eine Art, meinetwegen auch eine Gattung.«

»Herr Roderich!«

»Aber natürlich doch. Ich kenne weder die Schwester des Aktiven, noch die Tochter der Offizierswitwe, sondern nur das sogenannte ›Fräulein‹. Ich habe Ihre Pauke mit Würde über mich ergehen lassen, aber das Bild bekommt jetzt eine andere Beleuchtung. Sie muten mir zu, hier bindende Versprechungen zu geben ... Ja, worüber denn? Ueberhaupt, ich verstehe Sie gar nicht. Tun ja gerade, als handele es sich um eine große Dame. Mit Abzug von Manko. Pauken Sie doch Ihre Moral sich selbst! Weshalb wollte ich Ihnen denn die Haarnadel dezidieren? Herrgott, ich will ja gar nicht auf fremden Revieren jagen. Beruhigen Sie sich doch!«

Einige Augenblicke schwieg der Kandidat, völlig verblüfft über diese unerwartete Wendung; dann aber hob er sich leicht auf die Zehen, wie er es oft zu tun pflegte, wenn er ganz aus sich herausgehen wollte, und sagte scharf: »Ach, Sie sind ein kompletter Narr! Ich bitte, mich nicht weiter zu stören, ich bitte sehr darum!«

Roderich junior wurde blaß. »Sie werden das Wort sofort zurücknehmen, Herr Kandidat!« schrie er ihn an.

Fröhlich zuckte mit den Achseln. »Ich bin gern bereit, Ihnen den Vorzug in dieser Beziehung zu überlassen,« sagte er ruhig.

Beide gerieten in ein Wortgefecht darüber, wobei jeder dem andern den begonnenen Satz vom Munde abschnitt. Je erregter Rudi wurde, um so gelassener blieb der andere.

Im Kinderzimmer, aus dem während der ganzen Zeit Rollen der Kugeln und das Klappern der Kegel hereingeschallt war, ertönte das laute Schreien Trudchens. Fröhlich erinnerte sich sofort wieder der übernommenen Verpflichtung und blickte besorgt hinein. Zu gleicher Zeit wurde die Tür zum Schulzimmer geöffnet, ohne daß man jemand sehen konnte. Dafür erschallte aber Walters Stimme, die schon in einem der Vorderzimmer laut wurde. »Mama, komm doch nur! Rasch! Rudi beschimpft den Herrn Kandidaten!«

»Ach, Du bist nicht recht gescheit,« ließ sich eine volle weibliche Stimme vernehmen.

Es folgte noch die heftige Gegenrede Walters; dann, nach kaum einer halben Minute, kam die Gerufene herangerauscht und füllte mit ihrer imposanten Figur fast ganz den Türrahmen aus.

III.

»Aber Rudi —! Herr Kandidat —! Wie kann man sich nur so hinreißen lassen!«

Vorwurfsvoll ging ihr Blick von einem zum andern, aber doch mit einem gewissen ungleichen Ausdruck. Rudi wurde ziemlich streng bedacht. Fröhlich jedoch empfing ein sanftes Lächeln, aus dem die Gnade zu lesen war, die sie ihm schon vorher auf alle Fälle zu teil werden lassen würde.

Die Frau Bankdirektor steckte in einem duftigen, spitzenbesetzten Morgengewand, dessen lange Schleppe, weite Aermel und kurzer loser Halsverschluß eigentlich nur dazu dienten, ihrer häuslichen Koketterie erhöhten Zauber zu geben. Denn trotzdem sie über das Mittelmaß hinausging und stark zur Ueppigkeit neigte, war sie von seltener Beweglichkeit, was mit ihren nervösen Zuständen zusammenhing, die merkwürdigerweise dann am meisten auftauchten, wenn sie die Absicht hatte, ihren äußerst ruhigen und seßhaften Gatten darunter leiden zu lassen. Reich gesegnet mit einer ganzen Auswahl dieser luxuriösen Morgenkleider, von denen sie mit Stolz behauptete, daß sie die meisten aus Paris beziehe, war es ihr ein Vergnügen, an Tagen, wo sie nicht auszufahren hatte und keinen offiziellen Besuch erwartete, bis zur Dinerzeit in diesen zarten Stoffwogen im Hause herumzufegen und sich in loser körperlicher Fülle wohl darin zu fühlen; auch dann noch, wenn die Friseuse bereits ihre umständliche Arbeit verrichtet hatte. Gleich nach dem Aufstehen steckte sie sich sämtliche Brillantringe an, und auch der tiefe Kleidverschluß über der Büste strahlte verlockend seinen Diamantglanz aus.

Die weniger Eingeweihten des Hauses, die behaupteten, über alles Wissenswerte berichten zu können, tuschelten sich in Verschwiegenheit zu, daß Frau Agathe Roderich in früheren Jahren vorübergehend als Sängerin der Bühne angehört habe, und so war es wohl nur eine liebe alte Angewohnheit, wenn sie jeden Morgen etwas stark Rot auftrug, den kühn geschwungenen Augenbrauen nachhalf und auch sonst jene feinen Touchierarbeiten vornahm, die scheinbar eine ewige Frische verleihen, in Wahrheit aber der künstliche Aufputz für verblühtes Fleisch sind.

Sie trat ins Zimmer und brachte den starken Duft von Rosen mit herein, in dem sie sich jeden Morgen förmlich badete, um den trockenen Geruch des Puders zu ertöten, der noch in feinen Andeutungen auf Hals und Armen lag.

»Herr Kandidat, wollen Sie mir, bitte, erklären —?« fuhr sie fort. Ohne erst die Antwort abzuwarten, wandte sie sich vorwurfsvoll an ihren Sohn. »Rudi, ich begreife Dich manchmal nicht! Du mußt doch immer etwas haben! Wie kommst Du dazu, den Unterricht zu stören? Aber das passiert jedesmal, wenn Du nicht ausgeschlafen hast. Heute war es wieder drei, als Du nach Hause kamst. Still! Ich habe Dich kommen hören. Ich werde noch ernstlich mit Papa sprechen müssen.«

»Aber, Mama, ich bitte Dich —. Das sind doch rein private Dinge.«

Ihre Lebhaftigkeit steigerte sich. »Der Herr Kandidat kann alles wissen, er gehört zum Hause. Sei so liebenswürdig und verziehe Dich!«

Schon aber war Fröhlich, der sich dankend verneigt hatte, bereit, für den andern einzutreten und eine passende Erklärung abzugeben. »O, es ist durchaus nichts von Bedeutung, Frau Roderich,« sagte er und hielt sich den Jüngsten von den Beinen, der durch die offene Tür getobt war und aus Gründen des bösen Gewissens sich sofort schmeichelnd an ihn herangemacht hatte. »Eine kleine Meinungsverschiedenheit, die — ich bin überzeugt — Herr Rudi ebenso gern als beigelegt betrachten wird, wie ich.«

Die Frau vom Hause lächelte ihn diesmal stark an, so daß die zwei niedlichen Goldplomben der Vorderzähne sichtbar wurden. Denn es freute sie, daß er endlich einmal in diesem engeren Verkehr das steife »Frau Bankdirektor« fortgelassen hatte, wie sie ihm erst kürzlich nahegelegt.

Rudi jedoch fiel es nicht ein, zu gehen. Er hatte rasch seine pomadige Stimmung wiederbekommen, nahm die Haarnadel vom Tisch und hielt sie seiner Mutter mit den Worten entgegen: »Ein kleines süßes Andenken, Mama, das Fräulein, unser schwer krankes Fräulein soeben hier in Gesellschaft des Herrn Fröhlich verloren hat. Natürlich wunderte ich mich darüber. Das wird man doch noch dürfen.«

Das Gesicht der Gnädigen wurde starr. »Wie, Fräulein war auf?« stieß sie verwundert hervor. »Wie kam denn das? Davon weiß ich ja gar nichts.«

Fröhlich gab abermals mit einigen Worten die Aufklärung, sie jedoch behielt ihr langes Gesicht, in dem unschwer Mißtrauen und Ungläubigkeit zu lesen waren. Sie sagte nichts mehr, aber ihr Blick ging wie fragend von einem zum andern, blieb auf der Haarnadel haften, die nun wieder auf dem Tischchen lag, und kehrte dann zu Rudi zurück, der mit beiden Händen eine Bewegung machte, die soviel heißen sollte, als: »Nun ja, so ist es, nun rede Du!«

Ihre Gedanken wurden durch Trudchen abgelenkt. Hans hatte das Kegelaufsetzen schlecht belohnt und ihr zuletzt eine ungeübte Kugel gegen das Schienbein gerollt, was Veranlassung zu dem Skandal vorher gegeben hatte. Als kleine Komödiantin hatte sie beim Lautwerden der Mutter rasch ihren Schmerz verbissen, weil sie gewöhnt daran war, stets die Strafe zur gleichen Hälfte mit dem Bruder zu tragen. Nun aber, da sie die Luft rein wähnte, kam sie mit entsetzlichem Geheul hereingestürmt. Frau Roderich zog ihr kleines Ebenbild zu sich empor und liebkoste es, indem sie sorgsam darauf achtete, daß weder die Patschen noch die tränenreiche Wange ihrem Gesicht zu nahe kamen. »Ich sehe schon, es geht heut alles verkehrt, mein Kind,« flötete sie ärgerlich, »daß auch Fräulein gerade krank werden mußte! Es scheint aber gar nicht so gefährlich zu sein mit ihr. Vielleicht hat sie sich nur verstellt .... Rudi, meinst Du, daß sie mich belügt?« rief sie ihrem Sohne plötzlich zu. »Ich wäre ja außer mir!«

»Das ist ganz ausgeschlossen, Frau Roderich,« warf Fröhlich höflich ein, innerlich empört über diese Offenheit in Gegenwart der Kinder.

Aber sie beachtete diesmal seinen Einwurf nicht, blickte vielmehr an ihm vorbei, in der Art einer Gebieterin, die sich verletzt fühlt, ihre Gedanken jedoch nicht verraten möchte. Was sie aber verschwieg, sagte ihre heftig arbeitende Brust und die plötzlich hereinbrechende Unruhe, die der Bankdirektor immer dann am unangenehmsten zu empfinden pflegte, wenn er am wenigsten darauf vorbereitet war.

Rudi hob aufs neue die Schultern. »Das kann ich wirklich nicht sagen.« Er sah die Erregung Fröhlichs, und so hielt er es für besser, sich so vorsichtig als möglich auszudrücken.

Aeffi kam auf seinen kurzen Beinen herangesprengt und kläffte vergnügt die Herrin an. Mit seinen hervorstehenden Zähnen, die langen, weichen Strähnen kokett über die Augen gestrichen, ein himmelblaues Bändchen um den Hals, nahm er sich fast wie ein reizendes Spielzeug aus, das man aufgezogen hatte und das nun lustig herumschnurrte. Alle achteten darauf, ihn nicht zu treten, denn er schlüpfte jedem unter den Beinen hindurch, glatt wie ein Wiesel.

»Natürlich, da bist du auch!« sagte Rudi wieder. »Jetzt fehlt nur noch Mausi.«

Dieser Name, der sehr bezeichnend gesprochen wurde, erinnerte Fröhlich daran, daß er das letzte Wort noch nicht gesprochen habe. »Ich hatte durchaus nicht die Empfindung, Frau Bankdirektor, daß Fräulein sich verstellt habe!« sagte er mit Eifer. »Im Gegenteil — sie schien mir noch ein wenig zu fiebern. Schließlich ist sie doch auch ein Mensch, der das Recht des guten Glaubens für sich in Anspruch nehmen darf.«

Frau Roderichs Lippen zuckten, denn die rasche Wandlung in seiner Anrede bestärkte sie in ihrer Vermutung, daß diese Parteinahme eine tiefere Bedeutung haben müsse. »Herr Kandidat, Sie wissen, daß in unserem Hause den Menschenrechten stets nach Bedürfnis Rechnung getragen wird,« sagte sie mit wallendem Busen. »Sie lassen sich zu sehr von Ihren Gefühlen fortreißen. Wir hatten früher ein Fräulein, das allwöchentlich seinen Faulenzertag hatte. Aber es ist müßig, darüber zu streiten, ich werde sie selbst fragen. Immerhin scheint es mir unpassend von Fräulein, aus dem Bett zu springen und in einem wenig repräsentablen Zustand hier zu erscheinen und Sie vielleicht zu belästigen.«

In diesem Augenblick, wo Fröhlich ganz gegen seine Gewohnheit schon zu heftigen Worten greifen wollte, kam ihm von unerwarteter Seite Beistand. Walter hatte während dieser ganzen Zeit unbeweglich in der offenen Tür hinter seiner Mutter gestanden, wie ein blasses Häufchen Unglück, das von Spitzen und Seide erdrückt wird. Den Kopf tief zwischen den Schultern, waren seine großen Augen hin und her gegangen, während er die Hände wiederholt emporgehoben hatte, als wollte er sich zur Rede melden. Nun trat er vor und fuhr ohne weiteres dazwischen. »Aber, Ma'chen, ich habe ja alles gehört, wie es zuging. Der Herr Kandidat spricht ja immer laut und verständlich. Es ist so, wie er es erzählt hat. Fräulein ängstigte sich um Trudchen, und da bat er sie gleich, nicht auf Rudi zu hören, wenn er immer nach dem Zoologischen Garten geht, um sie dort zu treffen. Der Herr Kandidat meint es immer gut. Rudi, Du mußt es doch auch gehört haben. Verstell Dich doch nicht! Du hast ja an der Tür gehorcht! Fräulein hat Dich einen »dummen Jungen« genannt. Es ist so, ich kann nicht lügen.«

»Ach so,« kam es gedehnt über der Gnädigen Lippen, aber mehr zweideutig, mehr zu ungunsten Fröhlichs.

Rudi drehte sich mit einem Ruck herum, und es war, als wollte er die Hand nach seinem unglücklichen Bruder ausstrecken. »Ach, Du Fex,« knirschte er hervor. »Du träumst wieder, Du Gnom!«

Walter trat zurück und lachte, mehr fröhlich als boshaft, wie erfreut über eine gute Tat. »Siehst Du, ich habe wahr gesprochen. Du nennst mich wieder Gnom, das tust Du immer, wenn Du Dich getroffen fühlst.« Sein Lachen verschwand. »Schlage mich doch, Du kannst es ja, Du bist stärker. Aber denkst Du, ich fürchte mich vor Dir? Der Herr Kandidat ist bei mir, der duldet das nicht. Und wenn Du ihn auch im geheimen ›Aeffi‹ nennst und Fräulein ›Mausi‹, er spricht doch nur Gutes über Dich. Und ich habe auch gehört, was er Dir selbst alles gesagt hat. Du solltest Fräulein nicht belästigen und daran denken, daß sie sich hier im Hause ihr Brot verdienen müsse. Es war so schön gesprochen. Der Herr Kandidat spricht immer schön. Und nun kannst Du mich noch zehnmal Gnom nennen, ich hab's Dir doch gegeben, und das freut mich. Ma'chen sollte es wissen.«

»Ach, Du langweiliger Peter, Du.« Rudi hob verachtungsvoll die Schultern und ging hinaus wie ein hochmütiger Prinz, der sich seines Wertes bewußt ist.

Frau Roderich sah ein, daß sie etwas gut zu machen habe, und so reichte sie Fröhlich die Fingerspitzen ihrer Rechten und sagte mit einem leichten Lächeln: »Ich danke Ihnen sehr, Herr Kandidat, für Ihre gute Meinung von uns allen. Aber mit neunzehn Jahren ist man manchmal ungezogen. Rudi soll das einsehen. Aber seien Sie ganz beruhigt! —: Das sind Jünglingsflausen, wie sie bei hundert andern vorkommen.«

Sie nickte gnädig, trieb die Kinder in ihr Zimmer, nahm Aeffi auf den Arm und rauschte ebenso majestätisch hinweg, wie sie gekommen war.

IV.

Frau Roderich war »geladen«, wie man zu sagen pflegt, wenn die Explosion der Gefühle nur noch auf den Zündstoff wartet. Eine ästhetisch veranlagte Natur, die seit Jahren behauptete, von ihrem Manne nicht mehr verstanden zu werden, und das in um so größerem Maße, je mehr der Bankdirektor von seinen Kurszetteln in Anspruch genommen wurde, und je weniger sie sich dazu verstehen konnte, ihr nach künstlerischen Genüssen lechzendes Sonderleben aufzugeben, glaubte sie seit einiger Zeit in dem Hauslehrer den großen Geistesverwandten gefunden zu haben, der die erschütterte Harmonie ihrer Seele wiederherstellen könnte. Alles natürlich in Andeutungen, rosenrot hingehaucht, aber manchmal doch so feurig, das Fröhlich es hätte merken müssen; namentlich an Tagen, wo sie ihrer schon bedenklich eingerosteten Stimme zu neuem Glanze verhelfen wollte, nachdem sie ihn förmlich zur Klavierbegleitung kommandiert hatte. Dann äugelte sie ihn bezeichnend an, wählte mit Vorliebe Lieder, deren Text er ihrer Meinung nach unbedingt als Aussprache ihrer Gefühle erkennen mußte, und näherte sich verwegen seiner Wange, wenn ihre gemachte Kurzsichtigkeit es erheischte, über seine Schulter hinweg auf die Noten zu blicken.

Aber der in dieser Art Ausgezeichnete zeigte sich merkwürdig verständnislos und wurde um so schweigsamer, je redseliger sie in solchen Minuten wurde. Stets blieb er der zwar liebenswürdige und angenehme Gesellschafter, der gern bereit war, auf jede Unterhaltung einzugehen, aber doch in jenem gehörigen Abstande, der den Menschen von Grundsätzen und Erziehung auszeichnet, noch dazu in dem Hause seines Brotgebers.

Frau Agathe gehörte nicht zu den Vollweibern, die sich über alle Schranken hinwegsetzen und gleich mit großen Bissen auf die verbotene Frucht zuschnappen. Sie naschte nur gern davon, mehr aus Zerstreuung als aus Genußsucht, und so gab es ihr schon Befriedigung, diese verbotene Frucht stets in ihrer Nähe zu wissen, reif nur für sie, wenn sie es wagen würde, einmal wirklich Sehnsucht danach zu empfinden. Stark eingenommen von sich, wäre es ihr wie eine Auflehnung gegen ihre Herrscherinstellung im Hause erschienen, beinahe wie ein Verbrechen an dem guten Geschmack, wenn Kandidat Fröhlich im Ernste ihr Widerstand geleistet haben würde, sobald sie ihm einmal ihre Neigung offen zu erkennen gegeben hätte. Aber als Mutter großer Kinder war sie weit davon entfernt, sich zu vergessen; sie spielte vielmehr nur mit ihren Gefühlen, um ihre Seelenöde auszufüllen, wie sie sich selbst gestand, und so war ihr später Johannistrieb mehr eine stille platonische Neigung, die immer auf den Zufall wartete, der ihr endlich das Wunderbare bringen sollte.

Nun aber hatte ihre Zuversicht eine starke Erschütterung erhalten, denn mit dem feinen Empfinden der verliebten Frau hatte sie sofort bemerkt, daß Fanny Frank dem Kandidaten nicht gleichgültig war. Ein sogenanntes »Fräulein«, ihr eigenes sogar, drohte, sich im Herzen ihres Günstlings einzunisten — des studierten, klassisch gebildeten Mannes, der ohne Zweifel eine große Zukunft hatte und durch seine Persönlichkeit sicher große Erfolge bei ganz andern Frauen (sie rechnete sich bescheidenerweise zu dieser Gattung) gehabt hätte, wenn er aus seiner Schüchternheit hervorgetreten wäre! Es war einfach shocking! Ihre Eigenliebe war tief verletzt, und nur mit Mühe hatte sie ihre offene Erregung unterdrückt. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre sich wie eine gedemütigte Frau vorgekommen, die eine Schlange an ihrem Busen genährt hat. Denn bilderreich, wie ihre Phantasie war, suchte sie auch stets nach romanhaften Ausdrücken für ihr eingebildetes Leid.

Sie brachte Aeffi in seinem Körbchen unter, strich zärtlich über seine seidenen Flocken und besichtigte sich dann rasch in einem kleinen Stellspiegel, um sich zu überzeugen, ob die Aufregung ihrem künstlichen Teint nicht geschadet habe. Dieses Kristallglas in Palettenform stand auf einem kleinen Fenstertischchen, gerade ihrem Lieblingssitz gegenüber, so daß sie, wenn sie in ihrem Faulenzer lag, nur die Hand auszustrecken brauchte, um ihr holdes Antlitz mustern zu können. Die Krähenfüße um die Augen machten ihr stets Sorge, und so war es nicht zu verwundern, wenn diese Bespiegelung während des Tages in gewissen Abständen mit jener liebevollen Angewohnheit vorgenommen wurde, von der nervöse Menschen nun einmal nicht lassen können.

Der Bankdirektor bewohnte ein villenartiges zweistöckiges Haus am unteren Kurfürstendamm, das an der einen Seite eine breite Einfahrt hatte. Im Parterre lagen die Gesellschaftsräume, dessen Hauptzierde der riesige Verandasaal war, aus dem man über wenige Stufen hinab in den vorderen Schmuckgarten gelangen konnte, der im Sommer durch seinen riesigen gewölbten Blumenstern die Augenweide der Vorübergehenden war. Das erste Stockwerk war im Innern durch eine reich geschnitzte Wendeltreppe mit dem Erdgeschoß verbunden. Oben führte man das bequeme häusliche Leben, in dem nur der Hausherr fehlte, der sich stets nach unten flüchtete, um ungestört zu sein. In der schönsten Ecke, Straße und Nebengarten zu, hatte Frau Agathe ihr Boudoir aufgeschlagen, in dem es stark nach »Orient« roch, wie Roderich zu sagen pflegte, wenn er bei schlechter Laune einmal die übliche Spitze austeilte, worauf er dann regelmäßig den leichten Dämpfer bekam, daß es nicht jedermanns Geschmack sei, mit Aktien die Wände zu tapezieren. Er lachte dann gemütlich und verzieh mit Laune seiner Frau die kleine Bosheit. Er war nun einmal für Licht und Luft, wogegen die holde Agathe mehr für die geschlossene, wohlige Dämmerung zeigende Bühnenkulisse war.

Theatralischer Aufputz verschönte ihr das Leben, und so hatte sie sich ihr Boudoir danach eingerichtet. Türkische Teppiche an den Wänden, mit bunten Fächern besteckt, die Decke mit einem Seidenplan bezogen, aus dessen Ecken Baldachine herabhingen, die als luftige Behänge von Statuen und Büsten dienten. Auf jedem Wandbrettchen Vasen, Flaschen und Teller in allen möglichen Formen, die chinesische und türkische bevorzugt, und darüber Stoffgirlanden, farbig wie das Morgenland, mit lang herabwallenden Enden. Das Himmelblau herrschte vor, hauptsächlich an der Decke, wo goldene Sternchen sich in der hängenden Seide wiegten. Auch die Tische waren damit überspannt, und nur die Füße hatten den Vorzug, ihr weißlackiertes Holz zu zeigen. Ueberall ein seltsames Gemisch von bunten Fetzen und Troddeln, durch das die stumme Farbensymphonie wie etwas Verwirrendes ging, das auch die Sinne berauschte. Und aus allem drang ein Geruch von zersetztem Rosenöl und all dem Toilettenduft, den eine launische und verwöhnte Frau und ihr weiblicher Besuch aus der großen Welt hier hineingetragen hatte.

Nebenan lag ein kleines Kabinett, dessen offene Tür mit einem Rohrvorhang verhängt war. Frau Roderich raste hindurch, daß es laut knisterte, und eilte in das große Balkonzimmer, in dem zumeist die Hausmusik getrieben wurde. Die breite Glastür stand auf, und so zog die Würze dieses Maienregentages in breiten Luftwellen herein. Draußen strahlte wieder die helle Sonne, welche die letzten Regenstriche in flüssige Silberfäden verwandelte, die nur noch schwerfällig zur Erde strebten.

»Rudi, bist Du da?« Ihre Molltöne klangen laut zum Balkon hinaus, auf dem aber nur der Gärtner beschäftigt war, die Brüstung mit Blumentöpfen zu schmücken. Aber ihr Auge hatte in diesen Minuten keine Freude daran, wie all das lachende Grün draußen samt dem frischen Erdgeruch ihre Verdrießlichkeit nicht verscheuchen konnte. Sie fegte weiter mit ihrer Schleppe, durch die übrigen Zimmer, und schließlich die Wendeltreppe hinunter in den Verandasaal. Hier fand sie ihn, wie er, den Hut auf dem Kopf, ein dünnes Stöckchen schwingend, zwischen den Säulen stand, wie jemand, der nicht weiß, ob er gehen soll, oder nicht. Selbst der Pfiff, der ihm über die Lippen kam, klang wenig unternehmungslustig.

»Ich denke, Du bist geknickt, und Du pfeifst?« stieß sie hervor.

Er kam herein und nahm den Hut ab. »Aber Ma'chen, weshalb soll ich nicht lustig sein? Wenn man so etwas sieht, was ich soeben gesehen habe. — Ist Neli schon oben?«

Kornelia war die älteste Tochter der Roderichs, die vor einer Stunde ausgegangen war, um sich Zeichenmaterial zu holen.

Frau Agathe schüttelte nur mit dem Kopf, weil ihr diese Frage nebensächlich erschien. »Na, was hast Du denn gesehen — gar nichts,« fuhr sie fort, in Gedanken immer bei dem Fräulein, während er etwas anderes im Sinne hatte.

»Haha,« kam es ihm lachend über die Lippen.

»Eine Haarnadel hast Du gefunden und dafür den dummen Jungen eingesteckt.«

Er wurde rot. »Hat sie ja gar nicht gesagt.« Aber sein Aussehen verriet, daß er log.

»Was hast Du nötig, den Unterricht zu stören!« sprach sie erregt weiter. »Wenn Papa das erfährt, brennt das Haus. Du weißt, wie er Herrn Fröhlich schätzt, um Walters wegen. Und der Junge vergöttert ihn. Der Kandidat ist eben ein großer Mensch, und Du bist noch nichts, rein gar nichts. Vorläufig liegst Du uns nur in der Tasche. Rudi, wann wirst Du Dich endlich zu etwas entschließen?«

Er spitzte den Mund zu einem unhörbaren Pfeifen, dann warf er gewichtig ein: »Große Ziele erfordern große Vorbereitungen, Mama.«

»Darüber kannst Du alt werden.«

»Ich sehe schon, Du bist heute schlecht gelaunt,« fuhr er fort.

»Mit Recht auch. Deinetwegen. Die Zusammenkünfte im Zoologischen wirst Du hübsch lassen, das sage ich Dir, sonst gibt's 'n Krach!«

»Aber, Mama, zu was sind wir denn Aktionäre? Der Eintritt kostet ja nichts. Na, und wenn man sich dann zufällig begegnet —. Man kann doch ein paar Worte wechseln. Ich kann doch auch Hans und Trudchen nicht aus dem Wege gehen!«

»Ich kenne Dich schon. Poussiere mit andern, aber nicht mit unserem Fräulein!«

»Das hat der Kandidat auch gesagt,« warf er trocken ein.

»Schäme Dich. Halt' das Haus rein!«

»Das hat er allerdings nicht gesagt,« erwiderte er gleichgültig, während er mit leise knarrenden Stiefeln auf dem persischen Teppich auf- und abging.

»Du bist frivol, wie immer,« fuhr sie fort und tat dasselbe.

»Du nimmst Fröhlich immer in Schutz,« begann er nach einem Weilchen wieder, diesmal mit einer so sonderbaren Betonung, daß sie befürchtete, er könnte noch etwas Unangenehmes hinzufügen.

Leicht erregt schwieg sie sich aus, während der Hoffnungsvolle die Gelegenheit benutzte, gleich weiter seinen Groll zu entladen. »Soll ich Dir etwas sagen, Mama? Das alles ist nur blutige Eifersucht von Fröhlich. Am liebsten möchte er mit ihr im Zoologischen schäkern. Kann er ja auch. Aber er hat keine Traute. So sind nun einmal die Schulmeister. Aber ich seh's kommen — da entwickelt sich noch was! Etwas Reelles. Paßt nur lieber auf die beiden auf! Sind ja auch im Hause.«

»Meinst Du?« Gedehnt kam es über ihre Lippen, nicht aus Erstaunen über eine ihr mitgeteilte Entdeckung, sondern mehr aus Gewohnheit. Aber merkwürdig fand sie es doch, daß er ihre eigene Empfindung teilte. Und plötzlich war sie nicht mehr so schroff zu ihm, denn es schoß ihr etwas durch den Kopf, was ihrer Stimmung eine andere Wendung gab.

»Natürlich ist es so, keine Frage,« wandte Rudi überlegen ein.

Sie hörte nicht mehr darauf, sondern lenkte milde in andere Richtung ein. »Na, wenn das alles so harmlos ist mit Dir, dann soll's mich freuen. Den Stolzen gegen Fräulein brauchst Du nicht gerade zu spielen.«

Er hob verwegen die Schultern. »Aber natürlich ist es harmlos, Ma'chen. Was denn sonst? Ich hätte ja auch nicht mal Chancen. Und dann bitte ich Dich, Mama —: Rudi, und ein Hausfräulein! Hübsche Geschmacklosigkeit von mir. Mal 'n bißchen plaudern, das ist ja was anderes. Sie trägt sich übrigens ganz nett. Beinahe höhere Tochter. Ich glaube, man könnte sich sogar mit ihr sehen lassen.«

Frau Roderich achtete nicht mehr auf seine Worte, denn ihre Gedanken waren bereits wo anders. Und auch er verbarg die seinigen nur unter den leeren Worten, die ihr zur Beruhigung dienen sollten. Plötzlich wandte er sich mit einem Ruck ihr wieder zu. »Wenn Du wüßtest, was ich gesehen habe, Ma'chen! ... Sage mal, kannst Du mir nicht zwanzig Mark pumpen — bis morgen? Ich muß dann Papa wieder breit schlagen.«

Sie erschrak, denn sofort dachte sie daran, sie könnte am vergangenen Nachmittag etwas unvorsichtig zu Fröhlich gewesen sein. Seit einiger Zeit steckte Rudi auffallenderweise oft den Kopf ins Musikzimmer, und gerade immer dann, wenn die Wogen ihrer Seelenwallungen besonders hoch gingen. Die regelmäßige Folge davon war eine Anleihe bei ihr.

»Ist Dein Taschengeld schon wieder alle? Ich möchte wissen, was Du manchmal so an einer Nacht läßt!« Aber schon hatte sie ihr silbernes Netztäschchen hervorgeholt und reichte ihm das Goldstück hin, mehr aus Angst als aus gutem Willen.

»Meine Zuckermama!«

»Na, na, na! Ich kenne Deine Schmeicheleien schon, die sich immer nach meiner offenen Hand richten. Von wiedergeben ist ja doch keine Rede.«

Stets besorgt um ihre Frisur und um ihre sonstigen Toilettenkünste, wehrte sie ihn mit beiden Händen ab.

»Denk' Dir nur, ich habe Neli mit einem Leutnant gesehen. Sie standen drüben und sprachen zusammen. Um sie nicht in Verlegenheit zu setzen, verzog ich mich, denn ich dachte, sie würden hier vorüberkommen.«

Frau Roderich atmete auf, aber sofort taten ihr die zwanzig Mark leid. »Dabei ist doch nichts Besonderes zu finden. Ich glaubte wunder, was Du mir sagen würdest,« stieß sie ärgerlich hervor. »Das wird der kleine Sanden gewesen sein. Der ist ja schon lange in sie verschossen, sie mag ihn aber nicht.«

»Nein, der war es nicht. Auch keiner von den anderen Bekannten. Ein ganz Fremder. Sie tat ungemein freundlich. Wer weiß, wer da wieder nach dem Kommißgeld gampelt. Hoffentlich tanzt nun endlich einmal der richtige an. Meinen Segen hat er schon vorher.«

»Daraus wird sie sich gerade etwas machen. Zerbrich Dir nur nicht immer über uns andere den Kopf. Laß nur Neli tun, was sie will! Sie ist selbständig genug, ein ganz anderer Schlag als Du.«

»Na hör' mal —! Die hat ja auch Fischblut«.

Sie ließ ihn stehen und rauschte wieder die Treppe hinauf, dann, oben angelangt, durch den langen Korridor, der sich wie eine Kegelbahn tief nach hinten zog. Sie klopfte flüchtig an Fräuleins Zimmer und trat schon hinein, ehe das Herein ertönte.

Es war ein nettes kleines Stübchen, das nach dem hinteren Garten hinaus lag, einfach, aber reichlich ausgestattet. Selbst ein ausgedientes Sofa hatte man noch an die Wand gequetscht, so daß die Schranktür zur Notdurft aufgehen konnte. Das Bett stand dicht an der Tür. Auf dem Tischchen am Fenster prangte im Glase ein Strauß duftiger Maiblumen, der mit seinem frischen Geruch den ganzen Raum erfüllte. Ein kleines Brettergehänge an der Wand war mit Büchern gefüllt, und auf dem Tischchen hinter den Blumen standen verschiedene Photographien in einfachen Rähmchen.

Sofort lockerte sich die schlechte Stimmung Frau Agathes. »Aber Kindchen, was für eine Luft! Haben Sie gar nicht daran gedacht, das Fenster zu öffnen? Sie waren doch auf!« Trotzdem sie stundenlang in ihrem Boudoir wie eingekapselt saß, schrie sie bei anderen stets nach frischer Luft, und gerade jetzt mit besonderer Betonung, um eine Schleuse für ihren Groll zu finden. Noch vor wenigen Tagen hatte sie zu ihrem Manne Fanny Frank ganz besonders darin gelobt, daß sie stets das Zimmer lange lüfte.

Die Leidende richtete sich empor. Bisher gewöhnt daran, stets höflich begrüßt zu werden, hatte sie sich freudig überrascht beim Eintritt der Gebieterin gezeigt, nun aber schwand rasch das Lächeln. »Das Fenster war eine ganze Zeit lang offen, gnädige Frau,« gab sie betroffen zurück. »Ich wollte es nicht zu lange auflassen. — Mir war nicht gut zu Mute.«

Frau Roderich wurde um einen Grad freundlicher. »Wie geht's Ihnen denn jetzt? Muß zum Arzt geschickt werden?«

Fräulein schüttelte mit dem Kopf. »Ich danke für gütige Sorge um mich. Morgen wird's wohl besser sein.«

»Haben Sie sich auch nicht den Magen überladen? Manchmal kommt's davon, und Sie essen ziemlich stark.«

Fräulein lächelte: »Ich esse doch nicht stark, gnädige Frau.«

Da das der Tatsache entsprach, so vermochte Frau Roderich darauf nichts zu erwidern, aber der Widerspruch reizte ihre schlechte Laune, und so fuhr sie schroff fort: »Sind die Blumen dort aus unserm Garten?«

»Ich weiß es nicht, gnädige Frau. Der Herr Kandidat schickte sie heute morgen mit dem Wunsche zur Besserung herein.«

»So werden sie wohl aus unserem Garten sein.«

»Es kann wohl sein, gnädige Frau.«

Diese Aufmerksamkeit Fröhlichs wühlte Frau Roderichs Groll noch stärker auf. »Ich begreife nur nicht, wie man aufstehen kann, wenn man so krank ist, wie Sie es heute früh sein wollten,« platzte es ihr heraus. »Ich weiß schon, was Sie sagen wollen. Der Skandal der Kinder, nicht wahr? Es war Ihnen doch hauptsächlich darum zu tun, sich dem Herrn Kandidaten zu zeigen.«

»Aber gnädige Frau!«

Fanny Frank gab ihrem Oberkörper einen erneuten Ruck und stützte sich auf die Ellbogen. Ihre Röte wurde um einen Schimmer blasser, und ihr Atem ging heftiger, während sie mit leicht geöffneten Lippen die großen Augen auf die Gestrenge richtete.

»Schon gut, ich denke mir mein Teil,« sagte Frau Roderich mit lebhafter Handbewegung. »Ich liebe es nicht, wenn mein Fräulein ihre Stellung vergißt.«

»Aber das tue ich doch nicht, gnädige Frau — niemals.« Um ihre Lippen zuckte es leise, und sie hatte die Empfindung, als müßte sie weinen über eine ihr angetane Schmach.

»Sich selbst vergißt,« ging Frau Roderichs Redestrom weiter, während sie nun nervös beide Hände in den Gelenken drehte, als wollte sie die Finger von sich schütteln. »Denn das geschieht doch, wenn Sie sich vor dem Hauslehrer in einem Zustande zeigen, daß die Haarnadeln nur so herumfliegen. Bitte, keine Widerrede, es ist wahr! Mein Sohn hat sich sogar darüber aufgehalten. Ich schätze durchaus Ihre Vorzüge, denn sonst hätte ich Sie nicht in mein Haus genommen und Ihnen die Kleinen anvertraut. Das ist ja auch selbstverständlich, daß Sie Ihre Pflicht tun. Aber ich muß sehr darum bitten, — ich betone das ausdrücklich, Fräulein —, daß Sie sich bei mir in denjenigen Grenzen halten, die die Schicklichkeit verlangt! Nach jeder Richtung hin. Vor allen Dingen dulde ich keine Anbändeleien mit dem männlichen Personal, sollte sich das auch nur in stillen Wünschen zeigen. Deutlicher vermag ich nicht zu werden. Ueberdies muß ich Ihnen sagen —«

Sie wollte noch auf Rudi und den Zoologischen Garten zu sprechen kommen, unterbrach sich aber und verbesserte sich mit den Worten: »Aber das lassen wir lieber.«

Als sie aber sah, wie sich die ersten großen Tränen aus den Augen Fräuleins stahlen, wurde sie milder. Und so sagte sie: »Aber deshalb brauchen Sie nicht zu weinen. Ueber solche Dinge muß man sich aussprechen. Regen Sie sich nicht auf! Bleiben Sie ruhig liegen, man soll Ihnen alles ans Bett bringen. Und fehlt Ihnen etwas, so klingeln Sie nur.«

Fanny Frank fand nur noch die Kraft, abwehrend eine Bewegung mit dem Kopf zu machen, dann, als die Türe von draußen geschlossen wurde, weinte sie heiß in das Kopfkissen hinein, wie in grenzenloser Verlassenheit, in der die Tränen wohl Erleichterung, aber nicht Erlösung bedeuten.

Auf dem Korridor verhallte ein Triller des Frohlockens, der sich aber wie gequält aus der Kehle rang. Das knisternde Rauschen des schleppenden Gewandes war der Text dazu, der dann über die weichen Teppiche der Zimmer sich nur noch verschwommen hervorwagte, während die Härte der Kehllaute dieselbe blieb.

V.

Mit geröteten Wangen war Kornelia nach Hause gekommen und unbemerkt in ihr Zimmer gelangt, das durch eine verbaute Tür getrennt, neben dem Boudoir der Mutter lag. Von hier aus konnte sie gleich in ihr »Atelier« gehen, in einen kahlen, nur mit Zeichnungen und Oelskizzen beklebten Raum, dessen untere Fensterteile mit Wachsleinewand verhängt waren, der durch die oberen Scheiben ruhiges Nordlicht empfing, und von dem aus man überdies einen schönen Blick nach dem benachbarten Garten hatte.

Seitdem die »stolze Kornelia«, wie sie ohne jeden Grund von mißgünstigen Freunden und abgefallenen Verehrern genannt wurde, im vorigen Jahre ihren zweiundzwanzigsten Geburtstag gefeiert hatte, war sie plötzlich von der Einbildung erfaßt worden, sie werde alte Jungfer bleiben, und so hatte sie sich mit Eifer auf die Malerei geworfen, zu der sie ein hübsches Talent mitbrachte, namentlich für Landschaft und Genre. Nach einem Lehrjahr bei Skarbina, dem sie viel zu verdanken hatte, trieb sie auf eigene Faust Studien und füllte ihre Zeit nett damit aus, ganz in der Weise eines klugen und gebildeten Mädchens, das sich früh gereift vorkommt und für ihren frühzeitigen Weltschmerz die nötige Ablenkung haben möchte. Denn Neli hatte bereits eine sogenannte unglückliche Liebe hinter sich; sie bildete es sich wenigstens ein, während ihre Nächsten durchaus nicht dieser Ueberzeugung waren, allerdings in grundverschiedener Ansicht. Der Bankdirektor, der die Aelteste als sein Ebenbild besonders ins Herz geschlossen hatte, sprach von einer »Selbsttäuschung des Herzens«, Frau Agathe jedoch maß ihrem Stolze allein die Schuld bei und redete so andauernd von »unverständlichen Mädchenlaunen«, daß sie ihrer Tochter dadurch heimlich Tränen entpreßte. Und was Rudi betraf, der bei jeder Gelegenheit seine kleinen Unausstehlichkeiten zum besten gab, so hatte er für Neli das schöne Wort »lackierte Schachtel« erfunden, die man stets mit Glacéhandschuhen anfassen müsse, um den Glanz nicht zu verwischen.

Kornelia ertrug alles mit stiller Duldung, denn sie glaubte ihre Gefühle besser zu kennen.

Sie war noch nicht zwanzig Jahre, als sie auf einem Balle den betreffenden »Richtigen« kennen gelernt hatte, einen sehr schneidigen Gutsbesitzer in der Nähe Berlins, dessen kranke Braut sich andauernd im Süden aufhalten mußte. Er sprach ganz offen zu ihr darüber, daß an eine Gesundung nicht zu denken sei, und daß er sich nur verlobt habe, um den Wunsch seiner alten Mutter zu erfüllen. Sie kam aber über die kranke Braut nicht hinweg, deren Bild ihr immer vor Augen schwebte, und was Zartgefühl an ihr war, hielt der andere, der ihr keck den Hof machte, für absichtliche Kälte. Als dann wirklich die Braut starb, der er nur Brudertränen nachweinte, war sein Herz bereits von einer dritten mit Beschlag belegt worden. Nun war es zu spät, denn niemals hätte Kornelia den Anschein erwecken wollen, sie gönnte der neuen Braut nicht ihr Glück.

So entwickelte sie sich allmählich zu einem »unverstandenen Mädchen«, zu dem Typus einer Tochter in gutem und reichem Hause, die in allen Dingen verwöhnt ist, nur die Hand auszustrecken brauchte, um an jedem Finger einen Zukünftigen zu haben, und die sich doch einsam und verlassen vorkommt. Schuld daran waren hauptsächlich die Familienverhältnisse. Bei Roderichs lebte jeder für sich. Der Vater hatte nur das Geschäft im Kopf, die Mutter ihren falschen Theaterglanz, Rudi ging seinen Lebejungenpassionen nach, und die Jüngsten verstimmten Kornelia durch ihre Unarten. Dem aufgeweckten Walter fühlte sie sich geistesverwandt, aber ihr Schönheitssinn litt unter seinem Anblick, so sehr sie sich auch innerlich dieser Auffassung schämte. Er war doch immer noch ein Junge, ein Kind, mit dem sie ernste Dinge nicht besprechen konnte.

Trotz alledem pulsierte fröhliches Leben in ihr, denn frisch und gesund, wie sie war, drängte es sie zu den Genüssen der Welt. Ihre kräftige Natur sträubte sich bei dem Gedanken an ein frühzeitiges Versauern, und so machte sie alles mit, was gut erzogenen Mädchen in der Gesellschaft erlaubt ist. Sie war als Verkäuferin in den Wohltätigkeitsbazaren zu finden, lockte in Eß- und Trinkbuden die gutmütigen Spender bei ähnlichen Festen an, ließ ihre schöne Figur bei lebenden Bildern hinausstellen und nahm das meiste Geld für die Programme ein, wenn an menschheitsbeglückenden Konzertabenden die jungen Damen aus der Gesellschaft die Berufsleute ersetzten. Kornelia Roderich war überall zu finden: auf den Tierschutzfesten der Fürstin Lwoff, an den Abenden, wenn zugunsten der Suppenanstalten, der Kindervolksküchen und der Rettungswachen musiziert wurde, bei dem Mummenschanz im Künstlerhaus und nicht zuletzt an den berühmten Freitagnachmittagen im Konzertsaal des Zoologischen Gartens, wo sogar ein richtiger lebender Prinz sich nicht scheute, seine Kompositionen zum besten zu geben und sich in eigener Person von den höheren Töchtern gewöhnlichen bürgerlichen Schlages anschwärmen zu lassen.

In der ersten Zeit hatte sie sich in dieser Beziehung ganz den Anordnungen der Mutter gefügt, dann aber war sie über sie hinausgewachsen und betrachtete sie nur noch als das bekannte Schicklichkeitsanhängsel, das nun einmal da sein muß, um den gesellschaftlichen Aufzug zu vervollständigen. Der gute Ton verlangte es so, was die Frau Bankdirektor noch dahin ergänzte, daß die »jungen Herren mit reellen Absichten« es eigentlich wünschten.

Neli lachte dazu: »Die jungen Herren von heute? Du lieber Himmel, wie schlecht kennst Du die. Die möchten am liebsten mit uns Mädchen allein dahintollen und ziehen schon eine Nase, wenn die Herren Eltern im Hintergrunde drohen.«

Frau Agathe ging diese Anschauung sehr gegen den Strich, und stets bereit, gute Lehren zu geben, ohne dabei an ihre eigenen Gefühlsabweichungen zu denken, gab sie frostig zurück: »Das sind nur alles so Deine Phantasieen. Manchmal möchten es allerdings die jungen Mädchen so haben, namentlich die ganz modernen, die schon Nietzsche besser kennen als das Kochbuch. Die namentlich mit den Sezessionslinien. Soweit bist Du ja noch nicht, Gott sei Dank!«

Neli lachte abermals: »Nein, Mama. Sei nur ganz beruhigt! Dazu bin ich doch ein zu gesunder Kerl, wie Papa immer sagt. Der kennt mich eigentlich besser als Du. Verlaß Dich nur ganz auf meine Selbständigkeit!«

Allmählich gewöhnte sich Frau Roderich auch daran, und als sie sah, daß nie etwas passierte, ließ sie Neli tun, was sie wollte und bewegte sich nur noch sanft als fünftes Rad hinterdrein, sobald die Vergnügungen in später Stunde es erforderten. Sonst hatte die Aelteste völlige Freiheit der Bewegung, konnte Besuche machen, soviel sie wollte, und durfte nach Herzenslust herumflirten, was sie gern tat, um die Männer aufzuziehen. Denn ein bißchen Freude im Unglück mußte sein.

In letzter Zeit standen Mutter und Tochter noch schlechter zueinander. Neli war das Anhimmeln des Kandidaten nicht entgangen, und so zog sie sich jetzt immer mehr in ihre zwei Räume zurück, wo sie sich wie losgetrennt von den übrigen vorkam.

Kornelia hatte kaum die kleinen Einkäufe auseinandergelegt, als Rudi sich meldete. »Bist Du da, Neli?«

»Komm nur herein, was gibt's denn? Du hast mir ja lange nicht Deine Visite gemacht.«

Noch immer fertig zum Ausgehen, trat er so ins Zimmer, wie seine Mutter ihn unten verlassen hatte. Den Hut behielt er diesmal auf, weil er große Höflichkeitsbezeugung seiner Schwester gegenüber nicht für nötig hielt. »Ich sah Dich schon hinaufgehen. Du bist ja mehr geflitzt als gegangen. Es war doch niemand hinter Dir her.«

»Du weißt, ich habe es immer eilig.« Da sie aber fühlte, daß sie rot wurde, blieb sie ihm abgewandt stehen. »Willst Du mich wieder anpumpen? Dann muß ich bedauern, bin jetzt selbst klamm.«

»Im Gegenteil, Neli, ich möchte gern meine Schulden bei Dir tilgen, sonst bist Du vielleicht nächstens hart wie eine afrikanische Nuß. Ich kenne Dich ja.«

Sie lachte vergnügt auf. »Du kennst mich am wenigsten ... Aber hübsch von Dir, gib nur her! Ich habe mein letztes Taschengeld ausgegeben. Sind's die ganzen zwanzig Mark?«

»Natürlich, sieh mal.« Er klemmte sich das Goldstück an Stelle seines Monokels ein, was ihm erst nach verschiedenem Gesichterschneiden gelang.

»Du bist ja wieder sehr witzig.«

»Weißt Du, Neli, was ein raffiniertes Pumpgeschäft ist? Wenn man dem gutmütigen Gläubiger das Geld gleich wieder abnimmt.«

»In Dir steckt ein Finanzgenie.«

»Das sag' ich ja zu Papa auch immer. Aber will er's denn glauben? ... Streich doch die zwanzig Emmchen zu wohltätigen Zwecken — für mich nämlich!«

»Das sollte mir einfallen! Verkneip doch nicht soviel! Her mit dem Gelde!«

»Neli, ich will Dir einen Vorschlag machen. Pump mir noch zwanzig Mark zu, bitte nachmittag Papa darum, aber nicht für mich! Du erreichst ja alles bei ihm. Ich brauche nämlich heute abend dringend vierzig Mark. Laß Dich erweichen, stolzes Mädchen!«

»Ach, Du bist nicht recht gescheit.«

»Ich verspreche Dir auch noch als Zinsgenuß ein Pfund feinste Sarotti-Schokolade.«

»Zieht alles nicht. Heute bin ich hartherzig.«

Er verfiel in einen tragischen Ton. »Dann, liebe Neli, muß ich zum äußersten schreiten! Das Schicksal will es so. Ich habe nichts unversucht gelassen, um Deine Milde zu erlangen. Mein Gewissen ist mein Zeuge.« Er erhob den Arm wie zur Anklage und ging mit großen Schritten vor ihr auf und ab.

Sie lachte aufs neue: »Du bereitest Dich wohl zur Bühne vor? Neuer Trick, wie? Vererbung von Mama. Vielleicht singst Du nächstens noch ... Macht aber alles keinen Eindruck auf mich.«

Er blieb vor ihr stehen. »Nun denn, Neli, dann muß ich alle Rücksicht fallen lassen,« sagte er wieder mit gut gemachter Drohung. »Ich verrate Dich samt Deinem Leutnant. Ich weiß alles!«

Natürlich wußte er nichts weiter, als was er gesehen hatte, aber er wollte durchaus an sein Ziel kommen.

»Jetzt wirst Du unverschämt.« Trotzdem sie einen leichten Schreck bekommen hatte und glühend rot geworden war, beherrschte sie sich sofort. »Weißt Du — bekümmere Dich lieber um Dich! Meine Bekanntschaften gehen Dich gar nichts an, die sind alle durchaus faire. Dein Spionieren paßt mir schon lange nicht. Ich werde es Papa sagen. Oder lieber nicht; denn das widerspricht meinem Charakter. Den Beweis dafür habe ich Dir ja schon mehrmals gegeben. Behalte die zwanzig Mark und laß mich ungeschoren. Damit Du meine schwesterliche Liebe erkennst, will ich Dir die andern heute noch zugeben. Aber denke nicht, daß es aus »muß« geschieht! Uebrigens kann ich Dir ja auch sagen, wer der Offizier war. — Aber nein, Du brauchst nicht alles zu wissen. Aber raten möchte ich Dir, sei in anderer Beziehung etwas vorsichtig. Schießen hast Du ja nicht gelernt!«

»Brrr — wie grausig!« Er schüttelte sich komisch, und ohne auf ihre Andeutungen weiter einzugehen, fuhr er fort: »Meinen Dank, stolze Neli! Ich werde mich glänzend revanchieren. Die Schokolade bekommst Du doch!« Aus Dankbarkeit wollte er ihr seine brüderliche Zärtlichkeit beweisen. Sie aber schüttelte ihn von sich ab, und so verließ er sie denn mit der Zusage, um sechs Uhr wieder anklopfen zu wollen.

Kornelia sah durch das Fenster, wie er das Haus verließ, dann ging sie durch die Ateliertür geradeswegs zu Fanny Frank. Beide Mädchen fühlten sich zueinander hingezogen durch jene Anziehungskraft, die manchmal unerklärlich erscheint und doch nur ihre natürliche Lösung in dem Wesen zweier Menschen findet. Beide ergänzten sich in ihren Eigenschaften. Was Kornelia an Klugheit und scharfem Verstande dem Fräulein voraus hatte, das ersetzte diese durch Weichheit des Gemüts, durch Milde und durch fromme Engelsgeduld. Das letztere hatte sich besonders gezeigt, als Kornelia eines Sonntagsnachmittags Fanny gebeten hatte, ihr einmal zu einer Porträtstudie zu sitzen. Sie saß drei volle Stunden mit einer Ruhe und Andacht, daß jeder nervöse Künstler seine Freude daran gehabt hätte. Sie plauderten gemütlich zusammen, Fanny erzählte von ihrer Familie, und das Hauptergebnis dieser Sitzung war, daß Kornelia das einfache »Fräulein« nicht mehr kannte, sondern jetzt regelmäßig den Namen hinzufügte, wogegen sie zu Fanny den Wunsch aussprach, das Wort »gnädig« auf sich selbst nicht mehr angewendet zu sehen.

Sie hatte eine kleine Seelenreise gemacht und soviel aus dem Gemüt der hübschen Frank geschöpft, daß sie noch lange davon zehrte. Sie fand plötzlich, daß sie von der Gesellschafterin ihrer kleinen Geschwister eigentlich nur durch eine soziale Kluft getrennt war, rein äußerlich durch teures Parfüm, durch modische Hüte, durch seidene Röcke und Blusen, durch wertvolles Geschmeide und durch die ganze Lebensweise ihrer Familie; daß sie sich aber, was Abkunft und Erziehung betraf, keineswegs höher stellen dürfe. Und das gab ihr zu denken.

Als die Frau Bankdirektor diese Anschauung hörte, setzte sie sich, unterstützt von Rudi, sofort zur Wehr, indem sie einwarf: »Kindchen, es muß gewisse Unterschiede geben. Wir würden nicht miteinander auskommen, wenn wir die nicht aufrecht erhielten. Man kann freundlich zu seinen Angestellten sein, muß aber immer die gewisse Schranke wahren.«

»Aber natürlich doch. Ein sogenanntes Fräulein ist ein bloßer Begriff, deshalb läßt man auch immer den Namen fort,« mischte sich Rudi altklug hinein, der auf Fanny schon lange ein Auge geworfen hatte und sie in Gedanken durchaus »mollig« fand.

»Ein Taugenichts ist auch ein Begriff,« gab Kornelia so eindeutig zurück, daß er hinter ihr herlärmte, als sie, des Widerspruchs müde, beide allein gelassen hatte.

Kornelia tat weder der Mutter noch dem Bruder den Gefallen, steifer gegen die Frank zu sein; im Gegenteil wurde sie dadurch in ihrem Trotz nur bestärkt.

»Sie haben ja ganz verweinte Augen, was ist denn los?« war Kornelias erste Frage, als sie am Bette Platz genommen hatte.

»Ach, es ist nichts Besonderes; ich ärgere mich, daß ich hier liegen muß,« log Fanny tapfer. »Es ist wieder so gut von Ihnen, sich nach meinem Befinden zu erkundigen.« Dabei streichelte sie Nelis Hand, die sie ihr lächelnd überlassen hatte.

»Hören Sie mal, das kann nicht stimmen. Dahinter steckt etwas anderes. Hat Mama gezankt? Sie wissen ja, sie hat ihre Launen.«

Fanny wollte nicht zum zweiten Male lügen, und so schüttelte sie nur mit dem Kopfe.

Das Toben der Kinder drang wieder herein, wodurch sich Kornelia veranlaßt fühlte, nach einem Weilchen zu sagen: »Sie müßten sich eigentlich freuen, einmal Ruhe vor den Rangen zu haben. Hans kann sehr ungezogen sein. Manchmal bewundere ich Ihre Geduld. Wissen Sie — ich könnte mich nicht immer so in die Launen der Kleinen fügen.«

»O, mir macht's Freude,« gab Fanny lebhaft zurück. »Ich kann Ihnen sagen — ich habe ihre Eigenheiten förmlich studiert. Mit einem bißchen Ruhe und Güte kann man schon etwas erreichen. Ich hatte von jeher Kinder gern. Mein Bruder Kurt neckte mich immer damit und meinte, ich hätte Lehrerin werden müssen. Aber ich war zu dumm, das Examen zu machen.«

»Ihr Bruder Kurt? Ach was!« Kornelia sagte es anscheinend harmlos, aber da sie ihre Verlegenheit empfand, gab sie dem Gespräch eine andere Wendung. »Ihre Hand brennt aber noch ordentlich, und der Kopf auch. Hat man denn den Arzt nicht geholt, nein? Das ist aber doch stark! Und er wohnt drei Häuser weiter. Ich werde ordentlich mit Mama schelten. Lassen Sie nur, das nehme ich auf meine Kappe!«

Widerspruch und Bitten Fannys halfen nichts. Kornelia eilte in die Küche und gab dem Kutscher, der dort herumlungerte, den Befehl, sofort zum Sanitätsrat Siebert zu gehen. Sie bebte noch, als sie zurückkehrte. »Nun will ich Ihnen noch eine kleine Freude bereiten,« begann sie, als sie rasch das Kühltuch naß gemacht und auf Fannys Stirn gelegt hatte, wofür sie einen warmen Händedruck empfing. »Ich soll einen Gruß bestellen von Ihrem Bruder, von dem besagten Kurt nämlich. Ja, sehen Sie mich nur nicht so erstaunt an, wir kennen uns. Ich erzähle Ihnen alles, wenn Sie wieder auf sind. Und denken Sie, ich sprach ihn vorhin erst, ganz zufällig. Er war von Spandau herübergekommen, ich weiß nicht, zu welchem Zweck. Ich fragte auch gar nicht danach, ich freute mich zu sehr. Er begleitete mich ein Stückchen. Wir haben nämlich unser kleines Geheimnis. Sie dürfen kein Wort darüber sagen, hören Sie?«

»Aber wo werde ich denn! Ich freue mich ja diebisch. Er ist ein so guter Junge. Glauben Sie — das macht mich ganz gesund. Ich will auch sogleich auf.« Sie richtete sich auch wirklich empor, mit einem so glücklichen Gesicht, daß es wie Sonnenschein aus ihren Augen sprach.

Neli jedoch duckte sie sanft nieder. »Still, Kleine, Sie bleiben ganz ruhig liegen, sonst schick' ich die Mama!«

Es war in der Art einer fürchterlichen Drohung gesprochen, so daß Fanny ihr abwehrend die Hände entgegenstreckte. »Nein, kommen Sie lieber wieder, Sie sind ein Engel!«

Neli lachte. »Aber ein ganz derber.« Dann wurde sie ernst. »Sehen Sie, nun haben Sie sich verraten, es ist doch etwas vorgefallen. Bei uns fällt ja immer etwas vor. Wo so verschieden getafelt wird, gibt's auch verschiedene Launen. Manchmal das reine Irrenhaus! Bleiben wir beide wenigstens vernünftig! Nun werde ich weiter für Sie sorgen.«

Ohne auf die Gegenrede zu achten, eilte sie hinaus.

VI.

Pünktlich um zwei Uhr nahm man bei Roderichs im großen Balkonzimmer das Mittagessen ein, an dem die ganze Familie teilnahm, mit Ausnahme des Bankdirektors und Fräuleins und der beiden Jüngsten, für die im Kinderzimmer besonders gedeckt wurde. Auch der Kandidat war ständiger Teilnehmer, trotzdem er hier nicht wohnte, vielmehr den täglichen Unterricht um diese Zeit schon beendet hatte. Er war in sehr gedrückter Lage ins Haus gekommen, und so hatte er diese Vergünstigung, die ihm übrigens nicht angerechnet wurde, mit Freude angenommen. Und es war wohl nur ein Zeichen der Dankbarkeit, wenn er sich noch über die Zeit hinaus mit seinem Schüler beschäftigte und dann später sein musikalisches Talent zum besten gab.

Heute war die Unterhaltung sehr frostig, denn jeder war auf seinen eigenen Ton gestimmt. Zwischen Mutter und Tochter hatte es vorher einen kleinen Krach gegeben, in dem die Grundverschiedenheit ihrer Naturen stark hervorgekehrt worden war. Frau Roderich hatte sich Korneliens Einmischung in das häusliche Regiment verbeten, was sie um so unfreundlicher tat, als der Hausarzt wirklich einen Influenza-Anfall bei Fräulein feststellte und sofort die nötigen Verordnungen erließ. Trotzdem nichts zu befürchten war, schüttelte sich Frau Agathe vor Angst, denn schon das bloße Wort »Influenza« erweckte stilles Grauen in ihr. Natürlich war sie der Meinung, daß Fräulein ihren Zustand unbedingt hätte wissen müssen und daß sie allein schuld an der anfänglichen Vernachlässigung sei. Sie malte sich bereits mit Schrecken eine Ansteckung des ganzen Hauses aus und erwog eine völlige Absperrung, nachdem man sofort die Umbettung der Kinder beschlossen hatte. Sogar das Krankenhaus tauchte dafür als winkender Schatten im Hintergrunde auf. Sie redete soviel darüber, daß selbst Rudi diesmal ihre Fahne verließ und ihre Furcht »etwas komisch« fand.

»Das kann ich Dir sagen,« fuhr sie Kornelia unsanft an, »geh' Du hinein, soviel Du willst, die Hand gebe ich Dir nicht, so lange ich nicht sehe, daß Du gesund bleibst.«

Zuletzt wagte auch Fröhlich einen sanften Einspruch. »Gnädige Frau brauchen sich aber wirklich nicht zu ängstigen. Der Herr Sanitätsrat sagte mir ausdrücklich, daß morgen eventuell schon alles vorüber sein könne.«

Sie säuselte streng: »So! Also Sie haben ihn auch noch gesprochen, Herr Kandidat? Ihre Anteilnahme für Fräulein ist ja rührend.«

»Gnädige Frau werden verzeihen, aber das ist doch rein menschlich,« wandte er etwas schüchtern ein. Er hätte ungern diese Stellung aufgegeben, und so hatte er nach dem kleinen Auftritt am Vormittag sich im stillen gelobt, alles zu vermeiden, was zu einem Zerwürfnis führen könne.

»Das ist es allerdings,« kam es gedehnt über ihre Lippen. Das weitere erstickte sie in einem Räuspern, aber ihr Unbehagen verriet sich deutlich aus ihrer sauren Miene. Ueberdies hatte sie seine Förmlichkeit noch mehr verschnupft, und so trug sie sich mit dem Gedanken, den Nachtischgenuß für heute ganz aufzugeben. Strafe mußte eben sein!

Am meisten aber war ihr Aerger darüber rege geworden, daß Kornelia sich hinter Walter gesteckt hatte und mit ihrer ungeschminkten Meinung über die schändliche Verdächtigung Fannys hervorgerückt war. Sie werde es Papa sagen, der einmal gehörig herumleuchten solle, namentlich bei dem lieben Brüderlein.

Zum Glück für sie konnte sie das hinter Rudis Rücken sagen, denn seit dem Geldhandel heute vormittag fürchtete sie die Doppelzüngigkeit des Frühreifen. Frau Roderich wurde auffallend still, da sie befürchtete, das »Herumleuchten« könne sich auch auf sie ausdehnen. Es gab Tage, wo ihr sonst gutmütiger Mann eine schlechte Laune mit nach Hause brachte und dann Dinge auskramte, an die kein Mensch mehr dachte.

So verschluckte sie denn bei Tisch ihren Groll stumm mit dem Essen und sprach nur gerade soviel, als nötig war, um den täglichen Gast nicht zu verletzen. Lautes Leben brachten nur die Kleinen hervor, die heute ausnahmsweise an der Tafel sitzen durften, rechts und links von Kornelia, die es sich nicht nehmen ließ, sie eigenhändig zu bedienen. Diese Arbeit machte ihr plötzlich Freude, denn Fanny hatte sich schon bei dem Gedanken geängstigt, wer sich nun bei den Mahlzeiten mit Hans und Trudchen beschäftigen würde. Es ging ganz gut: sie band ihnen die Serviette vor, teilte ihnen die Suppe zu, gab ihnen ein wenig von dem Fisch und zerschnitt ihnen auch den Braten mundgerecht. Als sie schließlich der Jüngsten auch das Näschen putzte, konnte Rudi nicht mehr länger schweigen.

»Na,« begann er kühn, »alles was recht ist, Neli, — Fräulein kann sich bei Dir bedanken. Eine bessere Vertretung gibt's ja gar nicht. Mama kann ganz beruhigt sein. Ersatz hätte sie auf Wochen. Als wenn Du zum Familiensklaven geboren wärest.«

Zum ersten Male war dieses Wort gefallen, das seinem augenblicklichen Einfall entsprang, und fast kindisch erfreut darüber gab er dem Mädchen, das gerade mit einer garnierten Zwischenspeise hereingetreten war, einen ablehnenden Wink und wandte sich schnodderig an die Hausherrin: »Familiensklaven ist gut, was Mamachen? Erschöpft so recht alles. Ganz neue Wortbildung von mir.«

»Ach, Dummheit, behalte so was für Dich!« fiel Frau Roderich ihm ins Wort und deutete ihm stumm an, daß sie eine derartige Bemerkung nicht verstände. Unwillkürlich hatte sie auf Fröhlich geblickt, der Rudi gegenüber saß an der anderen Schmalseite der Tafel.

Beide hatten sich bis jetzt nur mit dem Essen beschäftigt und sich mit den Blicken wie zwei Menschen gemieden, deren Beisammensein nur dem Zwange unterliegt. Da einer dem andern seine Meinung gesagt hatte, so betrachteten sie die Beleidigungen als ausgeglichen, trotzdem der Kandidat eigentlich der Ansicht war, der andere habe eine gute Hälfte zuviel eingesteckt, was mit dem »dummen Jungen« von Fräulein gut anderthalb gäbe. Nun konnte er ja hübsch den Abwartenden spielen und sich inzwischen auf den nötigen Formenverkehr beschränken.

»Ich möchte auch darum gebeten haben,« ergänzte Kornelia den Hinweis. »Man muß das wirklich Deiner Jugend zugute halten.«

»Stolze Schwester, damit kannst Du mich nicht ärgern. Es gibt Mädchen, die neidisch auf diesen Vorzug sind, ich meine nur so im allgemeinen.« Sein spöttischer Ausdruck, der von einer großen Handbewegung begleitet war, sollte aber das Gegenteil bedeuten.

Neli blieb ruhig. »Du kannst mich durchaus nicht kränken,« hielt sie ihm entgegen. »Schon aus dem Grunde nicht, weil der Herr Kandidat mein Alter genau kennt.«

Fröhlich, der mit einem gewissen rührenden Anstand Messer und Gabel handhabte, mit beinahe automatischer Bewegung der Ellbogen, drückte die Nase tiefer auf den Teller, was sich wie eine rasche Verbeugung ausnehmen sollte, und warf bedauernd-höflich ein: »Aber, mein gnädiges Fräulein —«

»Ich werde dreiundzwanzig Jahre,« fuhr Kornelia unbeirrt fort, »und ich möchte wünschen, daß Du in diesem Alter ebenso vernünftig würdest, wie ich es heute bin.«

»Darin muß ich Neli schon recht geben,« mischte sich Frau Roderich beschwichtigend ein.

Rudi glaubte über Fröhlichs Gesicht ein leises Lächeln der Anerkennung huschen zu sehen, und so platzten ihm die Worte heraus: »Wenn's bei den Mädchen zweimal genullt hat, sollen die Jahre ja doppelt zählen.«

»Rudi, ich bitte Dich —!« Strafend traf ihn der Blick der Mutter, die, wie immer, alles bereits kommen sah.

Roderich junior aber lachte, denn derartige Schraubereien erweckten stets sein Behagen.

»Aber laß ihn doch, Mama,« sagte Kornelia wieder. »Ich fühle mich nicht beleidigt. Und weil's etwa unser Hauslehrer hört? Der Herr Kandidat wird derartige Bemerkungen richtig zu würdigen wissen.«

Trotzdem Fröhlich die Empfindung hatte, zwischen zwei Feuern zu sitzen, vermochte er auch diesmal nicht, ein kurzes Nicken zu unterdrücken, wobei er in Verlegenheit immer noch an einem winzigen Stückchen Braten herumschnitt, das dieser Bearbeitung kaum noch wert war. Er empfand innere Freude über diese mutige Abwehr der Tischnachbarin und bedauerte nur lebhaft, daß Fräulein das nicht hören konnte, um eine kleine Genugtuung zu erleben. Sicher aber würde er die erste Gelegenheit benutzen, ihr eingehend diese interessante Tischunterhaltung zu übermitteln.

»Die meinigen jedenfalls auch, bei welcher Gelegenheit sie auch fallen mögen,« stieß Rudi blasiert hervor und kniff nun wieder das Monocle ein, das er beim Essen vorsichtig in der Westentasche trug, nachdem es ihm einmal in die Suppe gefallen war. Gesättigt blähte er sich in der Manier eines Menschen, der stark zu essen pflegt und plötzlich genug im Leibe hat. Vor Tisch hatte er die modefarbene Weste mit einer bordeauxroten vertauscht, in deren Armöffnungen er nun die Daumen der Hände steckte und die Finger vergnügt auf dem Brustkasten spielen ließ. Und so kam er sich wie ein junger Gott vor, der durch verhaltenes Gähnen die Langeweile auf seinem Thron andeutet. Trotzdem spitzte er die Ohren, als sein Blick zur Decke ging, denn er erwartete endlich ein Herausgehen Fröhlichs aus seiner Verschlossenheit.

Der Kandidat jedoch, der die Absicht des andern wohl merkte, tat ihm nicht den Gefallen, sondern naschte eifrig von der warmen Kuchenspeise, die er sich als letzter auf den Teller gelegt hatte. Dabei sprach er leise und eindringlich mit seinem Schüler, der ihm zur Linken saß und wiederholt schon die Neigung gezeigt hatte, sich in das Gespräch zu mischen. Ersichtlich wollte er ihn davon abhalten, worauf sein andauerndes Kopfschütteln und die Sprache seiner Augen hinwies.

Auch Frau Roderich hatte bereits das silberne Löffelchen hingelegt und zupfte nur noch an einigen getrockneten Weintrauben, mehr aus Gewohnheit als aus Appetit. Sie war mit dem Essen rasch fertig, weil sie von allem sehr wenig nahm, um nicht zu fett zu werden, wie sie sagte. Beim Nachmittagskaffee, der spießbürgerlich erst um vier Uhr eingenommen wurde, holte sie dann das Versäumte nach und vertilgte eine Unmenge Kuchen, wobei die Schlagsahne nicht fehlen durfte. Für feine Konditorware schwärmte sie ganz besonders.

Es war warm im Zimmer, denn die Maisonne hatte mit ihren kräftigen Strahlen den Weg hineingefunden, weil man versäumt hatte, die Markise über dem freiliegenden Balkon frühzeitig anzubringen. Die Glastür stand noch immer offen, und so hatten die Luftwellen freie Bewegung, die den starken Geruch der Nelken mit hereinbrachten, die in Töpfen nun draußen auf der Brüstung prangten. Auf der Tafel stand der erste Flieder, und sein frischer Duft übertäubte zeitweilig den Bratengeruch, der noch über den Tellern lag und erst langsam verdunstete. Wenn das Hausmädchen die Tür öffnete, dann durchwehte der Luftzug vom hinteren Korridor den großen Raum, trieb den Geruch der Speisereste hinaus und ließ den Duft des Flieders besonders stark erstehen.

Hin und wieder zog Frau Roderich die Majolikavase an sich und roch an dem riesigen Strauß, jedoch nur oberflächlich, ohne Berührung. Aber das starke Parfüm, das heute ihrer Seidenbluse entströmte, verdrängte den natürlichen Duft des Flieders, der wie vor etwas Unangenehmem floh. Namentlich die feine Nase des Kandidaten hatte unter diesen Anspritzungen sehr zu leiden, besonders dann, wenn der Fettgeruch der Schminke sich ihm bedenklich näherte. Ueberhaupt waren die Launen der Gnädigen in dieser Beziehung unberechenbar; dann hatte Fröhlich die Empfindung, ein Parfümerieladen habe sich aufgetan und sende seine unzähligen künstlichen Gerüche ihm entgegen.

Man trank bei Tisch nur wenig. Frau Agathe genoß schluckweise ihren Sauerbrunnen, Rudi bekam seine Flasche Bier, der Kandidat jedoch begnügte sich mit frischem Wasser. Anfangs hatte man ihm Wein vorgesetzt, den er aber verschmähte; denn, ein Feind aller alkoholischen Genüsse, behauptete er, geistige Getränke nicht vertragen zu können. Nur des Sonntags, wo er auch geladen wurde, nippte er von der dünnen Bowle, die man zusammenbraute, um wenigstens den Unterschied der Tage zu kennzeichnen.

»Wer wird denn nun heute mit den Kindern in den Zo gehen?« fragte Rudi, immer von dem bestimmten Gedanken geleitet, Fröhlich zu einer Unvorsichtigkeit zu bewegen. Durch die offene Tür sah man von drüben die Bäume des Zoologischen Gartens winken, und so war er auf diese Frage gekommen. Die Kleinen schrieen sofort durcheinander und deuteten, die Löffelchen noch in der Hand, auf den Kandidaten. »Onkel Fröhlich soll mit uns gehen, er setzt sich Fräuleins Hut auf,« sagte Hans und strampelte mit den Beinen vergnügt unter dem Tisch.

»Dann kommt Rudi zu ihm,« plapperte Trudchen und schlug mit dem Löffel vor Freude laut auf den leeren Teller.

Kornelia gab jedem einen Klaps auf den Mund, und auch die Mutter forderte sie zum Ruhigsein auf. Roderich junior aber vergnügte sich darüber im stillen, verstohlen den Blick auf Fröhlich gerichtet. Dieser jedoch zeigte sich keineswegs beschämt, er lachte vielmehr und meinte dann mit Humor, daß er den Versuch ja einmal machen könne; er habe sich vormittags ganz gut in dieser Rolle geübt. Es sollte ein kleiner Stich gegen die Gebieterin sein, aber Frau Roderich empfand das nicht, sondern lachte laut mit. Ihr Groll war schon halb verpufft, und so sagte sie beinahe herzlich: »Ich danke Ihnen sehr dafür, Herr Kandidat, daß Sie sich heute so aufgeopfert haben, aber ich wußte im Augenblick keinen anderen Rat; morgen kann sich das Stubenmädchen mit den Kindern beschäftigen.«

»Seid nur still!« rief Kornelia den Kindern aufs neue zu. »Emma kann Euch heute in den Zoologischen bringen, und dann komme ich später nach. Euer lieber Rudi soll doch sehen, daß ich auch mit Euch umzugehen verstehe. Mich wird er ja nicht belästigen. Ich bin eben keine Familiensklavin ... Sage mal, hast Du denn wirklich Fräulein damit gemeint?«

Rudi nickte gleichmütig. »Alles, was so in besserer Stellung ist.«

»Schäme Dich!«

Der Kandidat erhob sich mit einem Ruck, so daß die Frauen erschreckt aufblickten. Kerzengerade stand er da. »Verzeihung für die voreilige Störung, gnädige Frau,« sagte er mit bebenden Lippen. »Ich bitte um die Vergünstigung, mich etwas früher mit meinem Schüler zurückziehen zu dürfen. Ich möchte den Aufsatz noch durchsehen.«

Frau Roderich verstand ihn und hob sogleich die Tafel auf. Wie immer, verneigte er sich höflich vor den Damen, machte auch einen Kopfnicker zu dem jungen Herrn hinüber und ging dann hinaus, untergefaßt von seinem Schüler, der sich liebevoll an ihn geklammert hatte.

»Nun bist Du wirklich einmal beschämt,« sagte Kornelia zu ihrem Bruder, der diese Wendung nicht erwartet hatte. »Vornehmer kann man gar nicht abgeführt werden.«

Rudis Verblüffung wich. Breit lachte er auf. »Was sollte er auch erwidern?« gab er spöttisch zurück. »Er hat doch nur bewiesen, daß ich recht habe. Sklaven ducken sich, weil sie stets die Herrschaft fühlen.«

Kornelia maß ihn mit einem Blick des Mitleids. »Du möchtest am liebsten die Peitsche noch schwingen.«