The Project Gutenberg eBook, Novellen, by Melchior Meyr

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Novellen

von

Melchior Meyr.

Stuttgart.

Cotta’scher Verlag.

1863.

Buchdruckerei der J. G. Cotta’schen Buchhandlung
in Stuttgart und Augsburg.

[Inhalt.]

Seite
[Die zweite Liebhaberin.] 1
[Verlust und Gewinn.] 319

[Die zweite Liebhaberin.]

I.

An einem schönen Septemberabend fuhr der Personenzug in den Bahnhof der Residenz, um unter dem prächtigen Dache des Hauptgebäudes Halt zu machen. Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang, wo die Erwarteten von Bekannten und Verwandten begrüßt wurden, andere zum Packwagen, wo man das „Passagiergut“ zurück erhielt.

Unter den letzteren befand sich ein junger Mann von ungefähr achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen, in der vollen Kraft gesunder Jugend. Eine elegante Reisetasche, etwas größer als gewöhnlich, hing an seiner Schulter und das Haupt deckte ein hellbrauner Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die vielleicht um ihrer Schönheit willen etwas länger wachsen durften, den Hinterhals beschatteten. In anständig modischer Kleidung, die ihm gut, fast möchte man sagen flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedräng weiter, besorgte sein Gepäck in den Wagen des Gasthofs, wo er zu wohnen gedachte, und schickte sich an, zu Fuß nachzugehen.

Der Bahnhof lag am äußersten Ende der Vorstadt und der mildsonnige Abend hatte eine ungewöhnliche Zahl Spaziergänger auf die Straße und auf den schönen Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankömmling schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles betrachtend, was sich ihm darbot. Ihn schien Alles gleich lebhaft zu interessiren: die neuen Häuser der Vorstadt und die zierlichen Gärtchen, die davor oder dazwischen lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte, und die einzelnen Figuren, die sich ihm vorübergehend bemerklich machten. Er faßte mit demselben heitern Antheil das schmucke Dienstmädchen in’s Auge, die mit einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und die feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben Gemahl oder Papa nachlässig hingegossen saß; den Proletarier, der mit freiem Hals und nicht ganz reinlichem Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den Officier, der mit angenehmem Kriegerbewußtseyn ein Racepferd durch die Straße lenkte. Ja, wenn er hie und da zurückschaute, warf er auch in den leicht aufgewirbelten, von der Sonne vergoldeten Staub, der allerdings die schöne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden half, einen vergnügten Blick, um gemüthlich seinen Weg fortzusetzen.

Ein so lebendiges Gefallen an den Außendingen setzt eine wohlwollende Seele und gleicherweise ein begnügtes, zuversichtliches Herz voraus. In der That hätte sich dem schärferen Beobachter auch dieses in dem hübschen Gesicht gar wohl bemerklich gemacht. Mit der gutmüthigen Freude, die es zunächst verschönte, sah auch ein tiefes Selbstgefühl aus ihm, und zuweilen ging ein Stolz in ihm auf, mit dem er lächelnd auf die Menschen sah, die für ihn wieder zu einer „Masse“ zusammengeflossen waren.

Der Grund dieser Zuversicht war ein sehr triftiger, und der Leser wird ihn gewiß mit Vergnügen erfahren. In der Reisetasche des jungen Mannes befand sich nicht nur eine Anzahl von Kassenscheinen, womit einen Winter anständig zu leben war, sondern neben andern unschätzbaren Papieren auch das stattliche Manuscript eines Trauerspiels, das in seiner Heimath die günstigsten Urtheile erfahren hatte und das er nun auf der Hofbühne geben zu lassen gedachte, um sich mit einemmal den gefeiertsten Namen der gegenwärtigen Dramatik angereiht zu sehen. Die Wirkung, die er beim Vorlesen des Stückes erzielt hatte, war so entschieden, die Lobsprüche, die er von Männern und Frauen erhalten, waren so empfindungsvoll betont, daß er einen durchschlagenden Effekt auf dem Theater mit vollkommener Sicherheit erwarten zu dürfen glaubte. Manchmal, wenn er auf der Herfahrt, in die Ecke des Coupés gelehnt, über sein Vorhaben nachdachte, hatten ihn allerdings auch wohl Zweifel angewandelt und sein Herz in eine nicht unbedeutende Gährung versetzt; allein das Ueberdenken der ergreifenden Scenen, womit das Spiel ausgestattet war, hatte ihn wieder völlig beruhigt; und wie er nun an dem sonnigen Tag gegen die Residenz herfuhr, die ihm durch das Seitenfenster in all ihrer Gebäudepracht entgegenglänzte, da nahm das reinste Vertrauen in seiner Seele Platz.

Bei dem tief heitern Blick, den er über die Spaziergänger hingleiten ließ, schien er nun zu denken: „Ihr laßt mich jetzt unbeachtet vorübergehen, ihr guten Leute; ich bin euch nichts — ein junger Mensch wie jeder andere. Aber ihr werdet mich schon ansehen, wenn ich unter allgemeinem Applaus und Zurufen meines Namens auf die Bühne trete und euch für den Beifall danke, den ich euch durch die Gewalt meiner Tragödie entrissen habe. Dann werde ich ein Gesicht haben für euch und den Weg des literarischen Ruhmes fortsetzen können unter den herzerfreuenden, ermuthigenden Zeichen der Achtung meiner Nation.“

Wenn er diese Gedanken nicht wörtlich hatte, so gewannen seine Züge doch mehr und mehr einen Ausdruck, der ihnen entsprach. Er strahlte in einer Mischung von Zuversicht und Selbstgefühl, die von Selbstgefälligkeit nicht mehr zu unterscheiden war. Doch mit einemmal, nach einer Reflexion, wie es schien, gewann das Gesicht einen ernsteren, löblicheren Ausdruck: er sah aus wie einer, der sich freut um der Freude willen, die er geliebten Andern zu bereiten hofft.

In die Stadt selbst eingetreten setzte er seine Beobachtungen fort. Der Anblick, der sich ihm bot, war ihm nicht ganz neu, denn er hatte vor einem Jahrzehnt schon ein paar Tage hier verbracht, wirkte aber wegen verschönerter Häuser und Läden mit allem Reiz der Neuheit auf ihn. Da man ihn als Poeten kennt, so begreift man den Sinn für charakteristische Gegenstände, die er in seiner Auffassung gleich idealisirte und dichterisch empfand, indem ihn instinktmäßig dabei der Gedanke leitete, das so Geschaute als Zierde in einem seiner Werke verwenden zu können. Aus diesem Grund — um die Physiognomie der Residenz rein in sich aufzunehmen — hatte er den Weg vom Bahnhof eben zu Fuß gemacht; und die Bilder in ihrer Erfreulichkeit waren ihm jetzt nicht nur werthvoll an sich, er nahm sie auch behaglich als günstige Vorbedeutung. Auf einmal blieb er stehen und besann sich. Die Lage des ihm empfohlenen neuen Gasthofs hatte er sich zu Hause beschreiben lassen, wußte aber nun doch nicht, wie er dahin gelangen könne. Eben kamen indeß zwei Damen gegen ihn heran, und er beschloß die ältere zu fragen.

Es waren feine Gestalten und feine Gesichter, und die Familienähnlichkeit verrieth ihm sogleich, daß er Mutter und Tochter vor sich habe. Sie waren es in der That und auch abgesehen von seinem Anliegen gar sehr der Beachtung werth. Die Mutter hatte einen bräunlichen Teint und ihre Wangen erschienen ziemlich abgemagert; sie machte aber den Eindruck völligen Wohlbefindens und ihr braunes Aug zeigte anmuthig heitern Geist und alle Wärme der Herzensgüte. Das Antlitz der Tochter glänzte in gesunder Blässe, die ein klein wenig in’s Bräunliche spielte und auf den Wangen nur von sehr zartem Roth überflogen war. Aus ihrem gleichfalls braunen Auge leuchtete noch mehr und schöneres Feuer, und der ganze Ausdruck des Gesichts war eine reizende Mischung von Gutmüthigkeit, froher Ueberlegenheit und Schalkheit.

Während unser junger Mann die Aeltere fragte, den Weg sich bezeichnen ließ, wieder fragte, um eine nähere Explikation zu erlangen, sah ihn die Tochter mit großer Unbefangenheit an, und bald verschönte ein schelmisches Lächeln ihren Mund. Unser Poet verrieth den Mann der Provinz, der seine gesellige Bildung in einer mittleren Handelsstadt und zwei kleinen Universitätsstädten erlangt hatte, nicht nur durch den Dialekt, der aus seinem Hochdeutsch sehr merklich herausklang, sondern er stand auch vor der Mutter mit einer gewissen Verlegenheit, in der sein gutmüthiges Wesen so ziemlich den Charakter der Unbeholfenheit annahm. Gewandt und leicht auftretend, wenn er unter guten Bekannten oder unerkannt unter den Menschen sich bewegte, konnte er die schöne Sicherheit gar wohl verlieren, wenn er sich im geselligen Verkehr eine bestimmte Haltung zur Pflicht machen sollte; und das war ihm jetzt sichtlich begegnet. Der jungen Dame kam nun insbesondere noch das ergötzlich vor, daß der Fragende steif an dem Angesicht der Mutter hing und auf sie selber auch nicht einen Blick zu werfen sich getraute. Dieß verrieth ihr den Ungewohnten noch mehr als alles Bisherige, und der junge Mann begann sie zu interessiren.

Wenn sie glaubte, daß er in dieser ungalanten Theilnahmlosigkeit verharrend sich empfehlen werde, that sie ihm doch Unrecht. Sobald er hinlänglich unterrichtet war, sah er nach warm accentuirtem Danke rasch auf die jugendliche Gestalt; ihre Blicke begegneten sich, und da sie doch fühlte, daß sie ihn eigentlich auslächelte, so erröthete sie ein wenig; indeß erheiterte sie sich gleich wieder und dankte auf die Abschiedsverbeugung mit einer Freundlichkeit, die eben so viel Theilnahme wie Herablassung verrieth.

Geschmack und Galanterie des Dramatikers waren gerettet, wenn auch die Tournüre noch vieles zu wünschen übrig ließ. Hätte sie übrigens gewußt, wie reizend sie ihm erschienen war, so hätte sie mit einem noch günstigeren Begriff ihre Promenade fortgesetzt. Unser Poet wurde durch Gestalt und Miene — trotz einer entfernten Ahnung der Bedeutung ihres Lächelns — so lieblich getroffen, daß der Eindruck vielleicht ein tieferer geworden wäre, hätte nicht ein übermächtiges Bild von innen entgegengewirkt. Aber auf ihn konnte weibliche Liebenswürdigkeit nur mehr einen leichten, flüchtig angenehmen Effekt machen; denn in seinem Herzen thronte eine Königin, zu der er mit aller Verehrung eines Liebenden und Dichters empor sah und der allein zu huldigen das Glück und der Stolz seines Lebens war.

Im Gasthof erhielt er ein kleines Zimmer im dritten Stock und auf den Hof, was ihm gerade recht war. Er hätte allenfalls noch in’s Theater gehen können; aber man gab eine Oper von einem Meister zweiten Rangs, die ihn nicht reizen konnte, und er wußte sich zu Hause schöner zu unterhalten. Nachdem er einen leichten Hausrock angezogen hatte, setzte er sich auf das Sopha, öffnete die auf den Tisch gelegte Reisetasche und zog nicht nur das Bühnenmanuscript hervor, sondern auch eine Anzahl Briefe, mit denen eine noch nicht ganz getrocknete, halb offene Rose herausfiel. Sein blaues Auge leuchtete, als er diese theuren Gegenstände erblickte. Er sog den Duft der welken Rose ein und drückte sie an seine Lippen. Dann nahm er einen Brief, las, lächelte und las weiter, bis sein Gesicht in einem innig glücklichen Schein erglänzte.

Deutsch ausdrucksvolle, wohlgebildete Züge; mit einer nur wenig gebogenen Nase, gerade aufwärts gehender Stirn und stark ausgeprägtem Vorderkopf ähnelte er dem Bild Albrecht Dürers, wie es der Meister selbst gefertigt, nur daß aus seinem Gesicht eine subjektivere, weltlichere Seele hervor sah. Der Treuherzigkeit und Gutmüthigkeit, die den Grundton bildete, gesellte sich ein modern schwärmerisches Gefühl, worin er zwar die ganze Welt liebend umfangen konnte, mit specifischer Lust aber doch an sich selber, seinen eigensten Angelegenheiten und Aussichten hing.

Wer mochte es ihm verdenken, wenn er dermalen, in Ihren Briefen lesend, nur Sie vor Augen hatte und nur die Eine Hoffnung, als erfolggekrönter Autor vor ihre Eltern treten, ihre Hand erhalten und sie heimführen zu können? War er doch mit ihr so gut wie verlobt und bedurfte es zu seinem höchsten Glück nichts als des Beweises, daß er der Mann war, sie als glückliche, gefeierte, beneidenswerthe Frau durch’s Leben zu führen. Diesen Beweis hoffte er aber zu liefern; er hoffte sich zu legitimiren als Dramatiker, als produktiver Geist, dem auch bei den dermaligen Verhältnissen im deutschen Vaterlande Ruhm und Wohlfahrt genügend, wo nicht überflüssig in Aussicht ständen und dem kein verständiger Vater, keine gütige Mutter ihr Kind würde versagen wollen, um wie viel weniger mehrjährig befreundete Verwandte die geliebte und liebende Tochter. Die Erkorene war nämlich seine Cousine, und dieser Umstand brachte etwas Eigenthümliches in das Verhältniß, über das der Leser ohne Zweifel näher unterrichtet zu werden wünscht.

Heinrich Born war der Sohn eines braven Mannes, dem nach mühseligem Ringen und Streben nicht nur die Stelle eines Oberlehrers in einem Städtchen, sondern auch eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft zufiel, so daß er dem schönsten Wunsch seines Herzens nachkommen und den einzigen begabten Sohn studiren lassen konnte. Die Preise, die derselbe auf dem Gymnasium davon trug, erfreuten ihn außerordentlich; er schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, als ihm der Studiosus im dritten Semester erklärte, die begonnene Theologie unmöglich absolviren zu können, sondern sein Leben und seine Geisteskraft der Literatur — der Dichtkunst widmen zu wollen. Er machte alle Einwendungen eines praktischen Mannes; dem Jüngling stand aber in unbedingtem Selbstvertrauen eine unerschöpfliche Menge von Gegengründen zu Gebote, und als zu diesen noch Betheurungen und dringende Bitten hinzukamen, als der junge Poet die Unwiderstehlichkeit des Triebes hervorhob, dessen Nichtbefriedigung ihn zur Verzweiflung bringen würde, da gab der gute Vater nach und versöhnte sich, dem Talente des Einzigen selber vertrauend, endlich mit dem gewagten Lebensplan, indem die poetischen Versuche, die jener ihm mittheilte, die allenfalls gesunkene Hoffnung neu wieder anfachten.

Die dichterische Seele hatte unser Heinrich nicht von diesem schlichten Manne, sondern von der Mutter, der er auch viel ähnlicher sah und die ihn mit ihrer zärtlichen Liebe zum Poeten verderben half. Ihrer Beistimmung gewiß, konnte er seinen Weg nicht nur ungehindert, sondern auch immer wohl unterstützt fortsetzen, indem sie bei den ehelichen Berathungen über den „Wechsel“ immer einer verhältnißmäßigen Zulage das Wort redete. Er nährte sich nun von den Wissenschaften, die ihn reizten, machte Verse und Entwürfe zu Tragödien, die er zum Theil ausführte, und imponirte zuletzt auch dem Vater noch ganz ernstlich, indem er nach dem fünften Universitätsjahr mit dem Diplom eines Doktors der Philosophie heimkehrte.

Schon als Gymnasiast und angehender Student pflegte er in den Ferien einen Verwandten zu besuchen — Geschwisterkind seiner Mutter — der in einer nahe gelegenen größeren Stadt Kaufmann war. Die bemittelte Familie, die sich als solche fühlte, nahm den jungen hübschen Vetter um so lieber auf, als das poetische Gemüth sich für die erwiesenen Freundlichkeiten immer sehr dankbar zeigte und nach Kräften zur Unterhaltung beitrug. Er war für einen Theil der Herbstferien regelmäßig geladen, und wenn er einmal nicht kam, so erwartete man ihn um so bestimmter im folgenden Jahr. Bald ehrte er aber die Einladung des gastfreien Hauses so weit es schicklicherweise nur immer anging; denn unterdeß war die älteste Tochter, die sechs Jahre weniger zählte als er, zu einer so auffallenden Schönheit herangeblüht, daß sie beim ersten Wiedersehen sein Herz völlig in Besitz nahm und er das Loos seines Lebens für entschieden halten mußte.

Auguste Werthlieb war von stattlichem Wuchs, die Gestalt in allen Verhältnissen untadelig, das Gesicht regelmäßig schön und die Wangen sanft geröthet; Augen wie Haare schwarzbraun, und Hals, Nacken und Arme nicht von jener gerühmten „blendenden Weiße,“ sondern wie von einem ätherischen Goldton angehaucht, der ihnen eine holde Wärme gab und ihren Verehrern über alles bezaubernd erschien. Den Ausdruck der Züge konnte man sowohl vornehm als edel nennen. In ihrem Wesen lag etwas natürlich Selbstbewußtes, Sicheres und zum Herrschen Geneigtes; und da sie bald im Hause und in der Stadt gefeiert wurde, so gewöhnte sie sich etwas ruhig Gebietendes an und lernte die Artigkeiten entgegennehmen, als ob sie sich von selber verständen. Vor dem Mißbrauch der so rasch erlangten Macht schützte sie aber ein angeborener gesunder Sinn und klarer Blick in’s Leben, ein durch ihr Temperament begünstigter Gleichmuth der Seele, mit dem sie immer auch bedachte, was die andern wünschen mochten. Wenn ihre Thätigkeit im Hause eine mehr anordnende als dienende war, so sprach sie ihre Willensmeinung doch so freundlich aus, daß man ihr immer gern nachkam; und wenn sie von ihren Verehrern, alten und jungen, sich huldigen ließ wie eine Fürstin, so erwiederte sie die geleisteten Dienste mit so anmuthigem Dank, daß sich jeder belohnt, wenn auch nicht eben vor andern ausgezeichnet fühlte.

Ein alter Verwandter, der eine Zeitlang als Gast im Hause war und sie mit Interesse beobachtet hatte, sagte dem Vater, als er von ihm Abschied nahm: „Zu deiner Auguste kann ich dir nur gratuliren. Sie ist nicht nur sehr schön — und, nebenbei gesagt, von einer dauerhaften Schönheit — sondern eines der verständigsten Mädchen, die mir vorgekommen sind. Die laß nur immer gehen, und wenn’s zum Heirathen kommt, selber wählen! Ich verbürge mich dafür, sie trifft die beste Wahl, für sich und für dich.“

Heinrich hatte sich mit dem kleinen Bäschen von ihrer ersten Bekanntschaft an geduzt und außerdem herablassend mit ihr gespielt, wie sich dieß bei einem um so viel älteren Jüngling von selber versteht. Noch beim letzten Abschied von der eben Sechzehnjährigen, obwohl er für den Reiz der werdenden Schönheit nicht ganz unempfindlich war, blieb er ruhig und fühlte sich selbst als die höhere Persönlichkeit. Wie er sie aber nach einem Jahr in dem Glanz vollendeter jungfräulicher Schönheit wieder sah, da war’s um ihn geschehen. Er erschrack förmlich, als sie ihm den Willkomm bot; der Ausdruck ihres Gesichts hatte für ihn etwas so Ernstes und Feierliches, daß ihm die frühere Leichtigkeit der Begrüßung unmöglich wurde; seine Gedanken verwirrten sich, und erst nach einigen ungeschickten Versicherungen, die auf den Gesichtern der Anwesenden ein Lächeln hervorriefen, und nach erduldeter Beschämung stellte sich der alte Ton wieder bei ihm ein.

Er war gefangen, bezaubert, und hatte nun zu dem Einen Ziel ein zweites, das er mit jenem zusammen erreichen mußte. In dem Verkehr mit ihr, der sich weiterhin in heiterer Gemüthlichkeit herstellte, ward es ihm klar, daß sie die Seine werden müsse, werden sollte, daß er nur im Bunde mit ihr den Lorbeer erreichen könnte, nach dem seine Hand sich streckte. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn, und wenn er nicht erwarten durfte, daß sie ihn vor andern merkbar auszeichnete, so glaubte er ihr doch mehr als irgend ein anderer zu seyn und die völlige Gewinnung ihrer Liebe hoffen zu dürfen. Er wollte ihr dienen und sie verdienen auf seine Weise. War doch auch das jetzige Glück in ihrem Umgang schon unendlich; gingen doch die süßesten Gefühle durch sein Herz und gaben seinen poetischen Phantasien einen Glanz, der ihn selber entzückte. Er fühlte sich wie in einem Garten voll der mannigfaltigsten Blumen, die ihn in frischester Blüthe magisch anleuchteten und deren Wohlgerüche stromgleich in ihn einzogen. Es war eine Fülle des Lebens, der Lust und der Poesie, daß er nur bedauerte, den wunderreichen Gehalt nicht sogleich in die rechte Form bringen zu können, er hätte sich damit gewiß den ersten Dichtern an die Seite gestellt. Indessen was jetzt nicht möglich war, das geschah später — und am Ende noch besser als jetzt. Jetzt wollte er leben, lieben, der Wonne sich hingeben, die Zauberbilder des Liebelebens in sich aufnehmen, um sie später in reinen Kunstwerken zu unwiderstehlicher Wirkung vorzuführen.

Einen ganz besondern Reiz hatte es für ihn, aller Vorzüge, welche die Geliebte zierten, sich bewußt zu werden und sie in Versen und Prosa für sich wiederzugeben. Wie ein Künstler seine Geliebte immer wieder zeichnet und malt, so wurde er nicht müde, die Erwählte in ihrer Erscheinung, ihrem Benehmen, in dem gesteigerten Zauber besonders holder Momente wieder und wieder zu beschreiben. Er fühlte alles an ihr poetisch; jede Linie ihrer Gestalt, jeder Blick, jede Bewegung entzückte ihn. Die ruhige Anmuth ihres Benehmens erschien ihm edel im schönsten Sinne des Worts, das höhere Bewußtseyn, das nicht selten aus ihren Zügen sprach, für eine von der Natur so verschwenderisch ausgestattete Jungfrau durchaus geziemend; der sichere Takt und der Verstand, den sie im Gespräch mit ihm zeigte, verrieth ihm einen geradezu genialen Geist. Sie herrschte in ihrem Hause — das gebührte ihr. Nach Geist und Charakter war sie geartet, als Fürstin ein Volk zu regieren; und wenn ihr dieses Loos nicht zufallen konnte, so war es am Ende auch schön, als Gattin eines Dichters durch’s Leben zu gehen und als Urbild seiner schönsten Gestalten von einer Nation gefeiert zu werden.

Daß er zum Dichter bestimmt war im vollsten Sinne, konnte das eine Frage seyn? Wenn er bisher keine Gewißheit hatte, jetzt war sie gegeben: mit dem glühenden Gefühl, mit dem phantasievollen, hochstrebenden Geist, den er sich zusprechen durfte, hatte er Sie gefunden, die alle seine Kräfte belebte, steigerte, auf die höchsten Ziele lenkte, an der er die herrlichsten Eigenschaften des Weibes anschaute und die ihm zugleich die ausdauerndste Anstrengung, den reinsten Kunstfleiß zur frohen Pflicht machte, weil die Früchte davon sie erquicken sollten. Jetzt hatte das Schicksal seine Hoffnung, seinen Glauben feierlich bestätigt, ihm die Richtung und das Ziel seines Lebens im hellsten Sonnenlicht gezeigt. Alles stimmte zusammen. Zu der Leidenschaft und dem glühenden Ehrgeiz des Dichters kamen die lieblichsten Geschenke der Welt und der Natur; gute Geister halfen ihm und bereiteten ihm die Wege; ja es sollte in ihm wieder einmal ein Poet ausreifen, der, in eigenster Seele glücklich, auch die andern beglückte und den himmlischen Glanz der Liebe und Freude in die Seelen ergoß.

Jahre gingen hin. Das Verhältniß gedieh weiter, indem die beiden Herzen vertrauter und in Momenten schöner Erregung die liebenden Blicke des Dichters gar warm und hold erwiedert wurden; aber zur förmlichen Erklärung und zum festen Beschluß kam es dennoch nicht. Der Grund lag in der Zurückhaltung Auguste’s, die in ihrer Freundlichkeit, auch bei lebhafterer Wallung des Herzens, ein gewisses Maß nicht überschritt und auch den Liebenden in den Schranken des Verehrers zu halten oder doch wieder in sie zurückzuführen wußte. Außerdem war Heinrich so glücklich, sie immer wieder sehen, mit ihr verkehren und ihr die Aufmerksamkeit der Liebe erweisen zu können, daß er eine Aenderung, wäre es auch eine glückerhöhende gewesen, kaum wünschte. Was er hatte, war so hold, so voller Duft und Poesie! Und das Andere mußte ja kommen — in schönster Weise kommen, wenn sein Ruhm als Dichter nicht mehr eine bloße Verheißung, sondern eine vollendete Thatsache war!

Die Liebe macht jedes Wesen klug und — nach Möglichkeit — praktisch, sogar den poetischen Idealisten. Heinrich sah wohl, daß die Verwandten ihre Tochter nur einem wohlgestellten Manne geben würden; und wenn er sich nun durch Vorlesen klassischer Dichtungen und eigener Arbeiten angenehm und interessant machte; wenn er bei Gelegenheit ein wirksames, die betreffenden Personen schmeichelhaft berührendes Lied sang; wenn er hie und da auch eine der Kritiken mittheilte, die er in Journale zu liefern begann, so versäumte er nicht, bei natürlichen Anlässen die Vortheile jetzt lebender Schriftsteller vor ihren ehemaligen Genossen in’s Licht zu setzen und nachzuweisen, daß ein Mann der Feder, wenn er thätig sey, durch bloße Zeitungsartikel sich ein Einkommen zu beschaffen im Stande wäre, das dem eines gut besoldeten Staatsdieners gleich komme, ganz abgesehen von den möglichen Erfolgen als Lyriker und Erzähler, und nun gar als dramatischer Dichter, der erst von den deutschen Bühnen und dann von dem Verleger stattliche Ehrensolde zu erlangen vermöge.

Da es galt, eine Kaufmannsfamilie zu überzeugen, so rechnete er genau vor, was man durch Lieferung so und so vieler Bogen in politische und literarische Journale sich erwerben könne, was Bücher einbringen, die Auflagen erleben, und was namentlich an Tantièmen und Honorar ein Stück abwerfe, das den Siegeszug über die Bühnen Deutschlands mache — der wackere Jüngling, der, während er diese Möglichkeiten sich und Andern vorhielt, auch von der ersten einen nur äußerst mäßigen Gebrauch machte und es für ehrenvoller und natürlicher hielt, seine Bezüge fortgehenden Anstrengungen des Vaters zu danken. Der Vetter indeß hörte die Darlegung mit Antheil, gewann von dem merkantilischen Sinn des Poeten einen vortheilhaften Begriff und sprach einmal seine ernstliche Freude darüber aus, daß nun doch auch die Schriftsteller und Dichter wie solide Menschen zu leben vermöchten. „Freilich,“ setzte er lächelnd hinzu, „müssen ihre Gedanken auch durchgehen!“ Der Jüngling, in seiner vollkommenen Sicherheit, stimmte mit so heiterer Miene bei, daß der Alte freundlich hinzufügte: „Nun, bei dir hoffen wir das Beste, nach den schönen Sachen, die du uns schon vorgelesen hast....“

Die instinktmäßige Beschwichtigung eines rechnenden, in Literaturverhältnissen aber nicht eben bewanderten Mannes diente dem jungen Mann nachhaltig. Seine dichterischen Arbeiten wurden mit größerem Antheil gehört, und als er am Geburtstag der Mutter ein kleines Festspiel aufführen ließ, in welchem Auguste die Hauptrolle gab und das einen sehr anmuthigen, deßgleichen rührenden Eindruck machte, gratulirte man ihm auf’s wärmste; Auguste dankte ihm zärtlich, die Eltern glaubten auch auf die dramatischen Projekte des Poeten Vertrauen setzen zu können und sagten sich, daß er am Ende doch der Mann wäre, ihre Tochter glücklich zu machen. Unser Musensohn durfte unter den Verehrern der gefeierten Schönheit nicht nur ungestört sich bemerklich machen, sondern es wurde in dem Kreise allmählich auch angenommen, daß er der Bevorzugte, der Erwählte sey, und daß man eines schönen Morgens die Verlobungsanzeige lesen könnte.

Während einer längeren Abwesenheit nach jenem poetischen Sieg drohte seinen Hoffnungen indeß einen Moment große Gefahr. Ein Anbeter Auguste’s bewarb sich um ihre Hand. Es war ein Beamter, der eine bedeutende Stelle inne hatte, noch in guten Jahren stand und sich einer ansehnlichen Gestalt erfreute. Die Eltern, geschmeichelt, wußten die Ehre sehr zu schätzen, gaben aber die Entscheidung der Tochter anheim; diese, in höflichen Ausdrücken, ertheilte dem Bewerber einen Korb. Heinrich war unendlich erfreut, als ihm das Ereigniß von einem Bekannten gemeldet wurde. Nun hatte er den vollen Beweis, daß ihr Herz ihm gehörte, auf ewig gehörte! Und nun wollte auch er nicht länger säumen, sondern in muthigem Anlauf sein Glück versuchen, um die Hauptentscheidung seines Lebens herbeizuführen.

Er hatte eine historisch romantische Tragödie begonnen, die ihn bald vor allen andern Arbeiten anzog, und wenn er sich an sie hingab, ihn anmuthete wie eine erhabene poetische Waldlandschaft. Der Kern der Handlung war ihm durch die sagenhafte Geschichte einer fürstlichen Familie gegeben, die wirksamsten Momente hatte er aber selber erfunden, indem er die Hauptpersonen zu gleicher Zeit romantisch idealisirte und den Sinn der historischen Vorgänge vertiefte. Jeder Act schien ihm Scenen zu enthalten, die, gut gespielt, auf die Zuschauer ergreifende, erschütternde Eindrücke hervorbringen mußten. Es gibt eine Poesie der Situation und der Sprache, der sich niemand entziehen kann; und diese Poesie schien ihm in den fertigen Theilen so gelungen, daß er über die gleichmäßige Hinausführung des Ganzen nicht mehr in Sorge zu seyn brauchte. Denn bei poetischen Kunstwerken kommt es auf den Entwurf und das richtige, farbensatte Treffen des Anfangs an; dieser führt dann zum entsprechenden Fortgang und Ende mit Nothwendigkeit, indem das Oberflächliche und Matte, das in schwächeren Augenblicken in das Gemälde kommt, von dem überwiegend Großen und Mächtigen immer selbst wieder ausgestoßen wird.

Reines Glück der jugendlichen Dichterseele, wenn ein wundersames, reiches, romantisch holdes und großes Bild vor ihr steht und sie dasselbe Zug für Zug, ja noch farbiger und mannigfaltiger, als sie es anschaut, auf’s Papier bringen zu können hofft! Wenn die Verse dem liebenden Sinn leuchten, würzig duften und das Herz an Alles, was erhaben, schaurig und süß in der Welt ist, dabei erinnert wird! In den beglücktesten Momenten ist es keinem zu verdenken, wenn er glaubt, etwas Hamlet- und Faustähnliches hervorgebracht zu haben. Und wenn das nun, prächtig ausgestattet, von ausgezeichneten Schauspielern dargestellt, auf die Herzen der Zuschauer eindringt? — Der Sieg ist unvermeidlich und die Ueberwundenen müssen Beifall jubeln!

Ein Jahr etwa vor dem Beginn unserer Erzählung brachte Heinrich das Stück zu Ende. Er ging es kritisch genau durch und opferte manchen Vers, der ihm an sich poetisch, aber den Gang der Handlung aufhaltend erschien, so wie er sich überhaupt immer fragte, welchen Effekt die wesentlichsten Scenen auf der Bühne zu machen im Stande wären. Durch Erfahrung belehrt, wie sehr Autoren sich täuschen können, theilte er das reingeschriebene Manuscript nacheinander zweien Freunden mit und ließ sich von diesen zu nicht unbedeutenden Aenderungen und Streichungen bestimmen. Endlich glaubte er einstweilen sicher zu seyn und wollte das Werk eine erste Probe bestehen lassen, indem er es im Hause der Geliebten vorlas.

An einem schönen Sommerabend, vor einer gewählten Versammlung, die den runden Theetisch im Gartenhaus umsaß, machte er den Versuch, der über Erwarten gelang. Die Einleitung, die er voranschicken zu müssen glaubte, wurde noch etwas befangen gegeben, aber die Verse weckten den Muth des Autors, und bald las er mit einer Wärme, die sich nach und nach zur Begeisterung steigerte. Er fand den Ton der Liebe, des innigen Ernstes, des pathetischen Schwunges, des schlagenden, zermalmenden Ausbruchs. Die Zuhörer, erst ruhig und schweigsam, dann erfreut, gerührt und nach den effektvollsten Stellen mit ihrem Beifall nicht karg, waren am Schluß höchlichst erregt, und die bei den letzten Acten nöthig gewordenen Lampen beleuchteten ernst ergriffene, gehobene, glückliche Gesichter. Am glücklichsten war freilich der Autor. Er empfing — wie das nach einem derartigen Sieg der Fall zu seyn pflegt — von allen Seiten Lobsprüche, die noch um ein Gutes mehr besagten, als es die Anerkennenden am andern Tage gutgeheißen hätten; sein Antlitz, mitten im Fluß bescheidener Ablehnungen, strahlte in beinahe mädchenhafter Wonne; und als er endlich einen Moment allein gelassen wurde, gestand er sich, wie viel von diesen Beifallsworten auch abgehen möchte, ein würdiger Erfolg seines Stücks auf der Bühne sey doch wohl ganz gesichert. „Ein würdiger Erfolg?“ rief eine Stimme aus den Tiefen seiner Seele. „Das ist nicht genug! Ein durchschlagender, ein hinreißender muß es seyn!“

Nach der Entfernung der Geladenen sahen ihn Eltern und Geliebte mit vertrauensvolleren Blicken an. Man gratulirte nochmals, der Vater namentlich mit bedeutungsvoller Miene, und endlich wünschte man sich mit einer so ruhigen Freude und Zufriedenheit Gutenacht, als ob schon Alles gewonnen, der Bund schon geschlossen wäre.

Andern Tages reiste der Glückliche nach Hause, um durch Schilderung seines Triumphs die Mutter zu entzücken, den Vater im Glauben zu stärken und ihn zu einer freilich bedeutenden, aber jetzt unzweifelhaft letzten Spendung zu vermögen. Der brave Herr, mit hoffendem Lächeln, aber auch wieder mit bedenklicher Miene, sorgte für das bereits erwähnte Päckchen Papiergeld, das dem Sohne Muße gab, den Bühnenerfolg an entscheidender Stelle vorzubereiten und gründlich zu erkämpfen. Mit dem elterlichen Segen ging dieser wieder zum Vetter zurück, um allerlei Einkäufe zu machen, ein paar Tage in der Familie zu verleben und dann auf Postwagen und Eisenbahn dem Wahlplatz zuzueilen.

Die Verwandten halfen ihm bei seinen Besorgungen mit heiterer Traulichkeit und einem Ausdruck von Achtung, der dem Dichter ganz besonders wohlthat. Am Abend wußte er die Geliebte allein im Garten und eilte, sie aufzusuchen.

Nach etwelchen alltäglichen Fragen und Antworten begann er mit einem gewissen Lächeln: „Morgen also, liebe Auguste, geht’s fort — in’s Feld.“ — „Ich wünsche dir alles Glück dazu, Heinrich,“ erwiederte sie mit ernster Empfindung; „von ganzem Herzen.“ — „Es gehört viel Muth zu dem Unternehmen,“ fuhr der junge Mann fort, indem er sie bedeutsam ansah; „denn für mich steht nicht weniger als Alles auf dem Spiel!“

Das Mädchen, zu Boden sehend, versetzte: „Mögest du gewinnen — Alles gewinnen — das ist mein Wunsch und meine Hoffnung!“ — Sie schaute auf, ihm in’s Auge; es war ein Blick der freundschaftlichsten Theilnahme — der Liebe, der ihn traf und entzückte.

Rasch faßte er ihre Hand und rief, sie zärtlich drückend mit überwallender Herzlichkeit: „Ich danke dir, Auguste — und gehe getrost. Es muß mir ja gelingen — wenn nicht um meinetwillen, so doch um deinetwillen, da du so lieb und so gut bist, es zu wünschen. Wenn nur,“ setzte er mit einem eigenen Ausdruck von Sorge und Hoffnung hinzu, „die Prinzessin gut gespielt wird!“

Auguste lächelte. Sie hatte wohl gemerkt, daß zu dieser Figur sie gesessen und der Dichter alles aufgeboten hatte, sie darin zu verherrlichen. „Wie mir der Doktor sagte,“ bemerkte sie, „haben sie in der Residenz gerade für diese Rolle eine sehr gute Schauspielerin!“ — „In Gottes Namen,“ versetzte der Autor. „Mir,“ fügte er halb lächelnd hinzu, „wird sie freilich nicht ganz genügen können, wie gut sie’s auch machen mag, aber dafür kann sie nicht! Wenn sie nur das Publikum ergreift und hinreißt; denn diese Rolle muß entscheiden. Nun, und wenn ich dann wiederkehre — mit dem Lorbeer wiederkehre —?“

Auguste war zu einem Strauch getreten, um eine eben aufbrechende Rose zu pflücken. Indem sie ihm dieselbe bot, sagte sie, mit einem leisen Hauch von Verlegenheit, gütig: „Zum Andenken — an unsern Garten, wo wir so schöne Stunden verlebten. Möge sie dir Glück — alles Glück bedeuten!“

Heinrich sah auf die Rose und die rosig Blühende, und wäre dieser gern um den Hals gefallen, wenn es auf dem häuser- und fensterumgebenen Platz nur irgend hätte gewagt werden können. Dafür ergriff er ihre Hand, preßte sie zärtlich und rief: „Dieser Rose wird der Kranz folgen, nach dem ich trachtete von Jugend auf; und dann, dann hoff’ ich auf deinem Haupt einen noch schöneren zu sehen —“ — Das Mädchen, unwillkürlich, erwiederte den Druck der Hand, erröthete tiefer und sah den schönen und liebenden Dichter mit dem reinsten Wohlwollen an. — —

Wird der Leser nun begreifen, daß Heinrich den ersten Abend in der Residenz ganz dem Cultus der Geliebten widmete? Er hatte ihr lange gedient, und ihr eigenartiges Wesen, ihr jungfräulicher Stolz hatte ihn in ihrer Neigung sichtlich nur langsame Fortschritte machen lassen; aber endlich hatte er das geliebte Herz gewonnen — gewonnen für Zeit und Ewigkeit.

Die Briefe, die er von ihr erhalten, waren aus verschiedenen Jahren. Er hatte den ersten, den ihm die noch nicht erwachsene Cousine schrieb, glücklicherweise nicht verloren und besaß also jede Zeile, die sie, anfragend oder antwortend, an ihn gerichtet hatte. Auch diese ihre Aeußerungen charakterisirte im Ganzen eine gewisse ruhige Zurückhaltung; in denen aus der letzten Zeit herrschte aber ein wärmerer Ton, und wenn die freundlichsten Stellen an hingebender Empfindung auch nicht den entsprechenden in seinen Briefen gleichkamen, so übten sie doch auch jetzt wieder eine beseligende Wirkung auf ihn. Im übrigen war ihm alles köstlich, was er las; alles war bezeichnend für sie und rief ihm ihr himmlisches Bild vor die Seele.

Er ging so ziemlich wieder alle ihre Briefe durch, indem er das schwindende Tageslicht durch Kerzenlicht ersetzte. Ein Ausspruch, auf den er traf, erinnerte ihn an eine Stelle in seiner Tragödie; er schlug sie auf und las, indem er vorwärts und rückwärts ging. Wieder konnte er nicht umhin, die Dichtung von Herzen zu approbiren. — Endlich legte er das Manuscript weg. Es waren ihm Ideen gekommen, die er sich nicht entgehen lassen durfte; er nahm ein Heft mit der Aufschrift: „Gedanken und Entwürfe,“ schrieb, sann weiter nach, schrieb wieder, und blickte zuletzt mit eben so innig vergnügten als selbstzufriedenen Mienen in dem kerzenhellen Zimmer umher.

Der Dichter, wie wir hier bemerken müssen, cultivirte eine Art Aberglauben; nicht ernstlich, vielmehr spielend und sich gelegentlich selbst darüber belustigend, ohne indeß den angenommenen Vorzeichen alle Einwirkung auf sein Gemüth rauben zu wollen. Früh schon wurde er sich mit angenehmer Empfindung seines Namens „Born“ bewußt, da er ihm in seiner Kunst eine unerschöpflich quellende Frische zu verheißen schien; und auch mit seinem Vornamen, den so gewaltige Männer, unter andern der größte deutsche Kaiser getragen, war er sehr zufrieden. Denn im Grunde, sollte im nomen nicht dennoch ein omen gegeben seyn können? Daß jedes Zeichen, dem eine Bedeutung beigelegt wird, in der That etwas bedeute, konnte man freilich nicht behaupten; aber das war auch noch nicht erwiesen, daß hier immer der blinde Zufall waltete. Vielleicht gefallen sich höhere Mächte doch darin, gewisse bevorzugte Naturen durch entsprechende sinnliche Erscheinungen auf ernstere Ereignisse vorzubereiten und zum Abwarten zu ermuthigen — wer weiß es?

Dermalen vergegenwärtigte sich nun der gute Freund unwillkürlich seinen Eintritt in die Residenz, den heitern Abend und die in ihm angeregten frohen Gefühle; die interessante und anziehende Begegnung der beiden Damen; das traute Zimmer im Gasthof und die seligen Eindrücke, welche Geschenk und Briefe der Geliebten auf ihn gemacht; die Tragödie, die ihm unwiderstehlich wieder imponirte, und endlich die Fülle neuer, schöner Ideen. Aber noch blieb etwas übrig.

Er schlug einen kleinen Kalender auf, den er bei sich führte, suchte den Namen des heutigen Tages, und las auf der katholischen Seite „Justinian,“ auf der protestantischen, zu seinem großen Vergnügen, „Herkules.“ Herkules! welch glorioser Patron! Und noch dazu bei wachsendem Mond! — Der folgende Tag war bezeichnet durch „Magnus,“ der dritte durch „Regina;“ bessere Tage zum Einzug in die Stadt, wo die große Entscheidung fallen sollte, hätte er sich offenbar nicht wünschen können.

Wundersam erheitert und kaum über sich selbst lächelnd, erhob er sich, um in’s Speisezimmer hinunterzugehen; denn bei der idealistischen Beschäftigung hatten sich endlich doch Hunger und Durst sehr merkbar eingestellt. Er vollendete nun die guten Auspicien, indem er eine bedeutende Portion Braten verzehrte, eine Flasche vom Besten ausstach, wobei er das erste Glas für sich auf das Wohl der Geliebten leerte, und endlich zu Bette gegangen rasch in tiefen Schlaf sank.

II.

Es gibt nicht leicht ein angenehmeres Gefühl, als wenn ein phantasiebegabter Mensch nach gesundem Schlaf in einem Zimmer erwacht, das dem überraschten Auge fremd erscheint und auf das er sich erst wieder besinnen muß. Sagt er sich dann auch, wo er ist, so wirkt der Zauber der Neuheit doch fort, und ein poetischer Dämmer webt vor seinen Blicken. Das ist recht die Zeit der wachen Träume, der beglückenden Vorstellungen, die dem hoffenden Gemüth in der wachsenden Morgenhelle wundersam, ungleich muthiger und frischer gelingen, als Abends zuvor.

Heinrich machte davon die lieblichste Erfahrung. Der Tag ließ sich so heiter an wie der gestrige. Ein goldener Reflex der Wetterfahne, die er von seinem Bett aus erblickte, verkündigte dem Liegenden die aufgegangene Sonne, und nun ließ es ihn doch nicht länger ruhen. Denn nicht zum Phantasiren und Träumen, sondern vielmehr zum klaren Ueberlegen und Handeln war er in die Residenz gekommen.

Er erhob sich, kleidete sich an und bestellte das Frühstück. Im Sopha zurückgelehnt überdachte er die Aufgaben des Tages. Er hatte ein Empfehlungsschreiben von einem Universitätsfreund an einen Schriftsteller, ein zweites von einem älteren Schauspieler, den er in der letzteren Zeit kennen gelernt, an eine junge Kunstgenossin, Mitglied der hiesigen Hofbühne, und eine Karte von einem Schulrektor der Handelsstadt an einen Gymnasialprofessor und namhaften Gelehrten. Sein Beschluß war, die Gänge gleich den Vormittag zu machen. Er wollte zuerst den Schriftsteller, dann den Professor und zu guter Letzt die Künstlerin aufsuchen.

Nach gemüthlichem Schlendern und Betrachten der Hauptstraßen und Plätze, wobei er sich am längsten vor dem Kunsttempel aufhielt, in dessen Innern die für ihn so wichtige Entscheidung fallen sollte, begab er sich in die Wohnung des Autors, der sich besonders in den Fächern der Erzählung und der Kritik bekannt gemacht hatte.

Er fand einen untersetzten, wohlgenährten, ruhig blickenden Mann von mittlerem Alter. Betroffen sah er ihn an; denn nach dem Feuer und der blühenden Sprache einer seiner Novellen hatte er sich ihn ganz anders vorgestellt. Dr. Willmann — so hieß der Schriftsteller — nahm das Empfehlungsschreiben, las es, warf auf den Empfohlenen einen prüfenden Blick und sagte dann: „Sie sind, wie ich aus dem Brief abnehme, Literat?“ — Man kennt den Begriff, den Heinrich von sich selbst erlangt hatte. Er trachtete nach der Wirksamkeit eines Dichters im hohen Styl, konnte sich eine ehrenvollere und segensreichere nicht denken, und wollte darum als Dichter auch gelten. Nun war aber für die Männer der Feder die Bezeichnung „Literat“ im Gebrauch, allgemein genug, um die besten und die schlechtesten in sich zu begreifen, und darum den Behörden und dem Publikum sehr handlich, dagegen für den Ehrgeizigen und Hochstrebenden, der so den schlimmsten seiner Metiergenossen gleichgestellt wurde, sehr übel anzuhören. An sich ein Ehrentitel, hatte der Name durch allzuweite Ausdehnung auf Solche, die sich mit literis fast nur im materiellsten Sinne zu thun machten, eine Zweideutigkeit erlangt, daß er auf gewisse Nerven geradezu peinlich wirkte; und zu diesen gehörten die Heinrichs. Das konnte jetzt freilich nichts helfen; nach einer augenblicklichen unangenehmen Empfindung und momentanem Zucken fühlte er, daß er in den sauern Apfel beißen müsse, und sagte dann, ohne indeß ein gewisses vornehmes Lächeln unterdrücken zu können: „Wenn Sie wollen, ja. Die Aufgabe meines Lebens ist aber die Poesie, und ich hoffe mit der Zeit das Prädikat eines Dichters verdienen zu können!“

Der Erfahrene lächelte. „Um so besser,“ erwiederte er. „Sie haben bis jetzt noch nichts Größeres veröffentlicht?“ — „Noch nicht. Allein ich will hier —“ — „Ein Stück aufführen lassen — das steht im Brief. Ist es ein Schauspiel? — ein Lustspiel?“

Heinrich schüttelte den Kopf, als ob er sagen wollte: „Bah!“ — „Eine historisch-romantische Tragödie“ erwiederte er. — „Ah!“ rief der Andere; und heiter setzte er hinzu: „In Versen?“ — „Das meiste: einzelne Scenen in Prosa.“ — „Wo Volk spricht — shakespearisch! — Ich bitte Sie, Platz zu nehmen.“

Heinrich setzte sich und theilte dem neuen Bekannten auf dessen Befragen Gegenstand und Verlauf des Stücks im Allgemeinen mit. Willmann horchte — bald mit Interesse. Wenn auch bei gewissen Versicherungen des Poeten, wie er dieß und jenes ausgeführt zu haben glaube, ein Schein von ironischer Beistimmung in dem runden Gesicht aufging, so verfehlte doch die ehrlich überzeugte, nach und nach begeisterte Art der Darstellung nicht, einen gewissen Eindruck auf ihn zu machen. Er fühlte, daß der junge Mann Talent habe — guten Willen obendrein — und im Grund verdiene, damit auf den rechten Weg gewiesen zu werden.

„Sehr interessant!“ rief er, nachdem Heinrich das Referat geschlossen; „und wenn das Alles gut und schön motivirt ist — darauf kommt freilich Alles an — dann kann’s auf der Bühne schon eine Wirkung machen. Indessen, mein lieber Herr Doctor, Trauerspiele sind eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Man will heutzutag erheitert, unterhalten seyn und wohlthuende Eindrücke empfangen, und man liebt daher vor allem den sogenannten guten Ausgang.“ — „Mag seyn,“ versetzte der Poet nach einem unwillkürlichen Mundverziehen. „Aber zur Abwechslung wird doch wohl auch eine Tragödie, wenn sie wirklich poetisch ist —“ — „Ihr Publikum finden?“ ergänzte der Andere; „allerdings; aber ein kleines und minder treues,“ fügte er lächelnd hinzu. „Sicherer werden Sie immer gehen, wenn Sie das Lustspiel und Schauspiel cultiviren und darin hauptsächlich moderne Gegenstände behandeln.“

„Am sichersten,“ versetzte Heinrich mit selbstgewissem Lächeln, „geht der Dichter, wenn er seinem Genius folgt. Das hab’ ich bei diesem Stücke gethan, und ich hoffe, es wird sich rechtfertigen.“ — „A la bonne heure,“ erwiederte der Doctor erheitert. „Wenn das ist, dann haben Sie freilich gewonnen und können Ihren Weg gehen nach Belieben. Der Erfolg entscheidet. Indessen,“ fuhr er nach momentanem Schweigen fort, „wie sehr er durch die Güte der Arbeit verbürgt seyn mag, der Erfolg auf der Bühne muß doch auch sonst noch vorbereitet werden. — Haben Sie das Stück schon eingereicht?“ — „Noch nicht. Ich möchte vorher noch eine Copie — der Sicherheit wegen —“ — „Ich begreife. Nun, wenn es die Intendanz hat, rathe ich Ihnen, die Herren Regisseure zu besuchen. Es sind meine Freunde, und Sie können sich bei jedem auf mich berufen.“ — „Sehr dankbar.“ — „Und dann — unnütz wär’s nicht, wenn Sie auch die persönliche Bekanntschaft der hiesigen Theaterkritiker bald zu machen suchten. Es ist immer besser, sich ihnen empfohlen zu haben.“

Hier sah ihn der Dramatiker zweifelnd an und sagte nach einigem Zögern: „Herr Doctor, wenn ich offen reden soll, das widersteht mir einigermaßen, und ich meine, ich kann’s überhaupt unterlassen. Macht mein Stück die Wirkung, die ich hoffe, dann werden die Kritiker schon gezwungen seyn —“ — „Es zu loben, meinen Sie? Da sind Sie doch wohl im Irrthum. Kritiker lassen sich zu nichts zwingen, am wenigsten zur Anerkennung. Ihr Urtheil steht mit dem des Publikums oft im direktesten Widerspruch.“ — „Womit sie sich dann aber nur selber schaden!“ versetzte der Poet mit Nachdruck.

Doctor Willmann zuckte die Achseln und schwieg. Nach einer Pause erhoben sich beide und jener sagte: „Mein lieber Herr College, Sie sind mir von einem guten Freunde empfohlen und ich glaubte Sie darum auf Alles aufmerksam machen zu müssen, was Ihnen nützlich seyn kann. Was Sie thun wollen, ist natürlich ganz Ihre Sache. Sollte ich Ihnen aber künftig in etwas dienen können, so bitte ich Sie, wenden Sie sich an mich. Unter allen Umständen ist es mir sehr angenehm, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“

Heinrich verließ den Schriftsteller mit gemischter Empfindung. Eine gewisse Höflichkeit in den Formen konnte er ihm nicht absprechen; indessen von einer höheren Gesinnung hatte er nicht sehr viel wahrgenommen und das gelegentliche sarkastische Lächeln, das ihm nicht entgangen war, konnte ihm nicht gefallen. „Ein Freund,“ sagte er sich, „wird das nicht werden, das ist klar. Allein dienstfertig scheint er doch zu seyn, und am Ende muß man jeden nehmen, wie er ist.“

Nach kurzem Luftschöpfen begab er sich zum Professor. Durch ein Dienstmädchen, dem er die Empfehlungskarte übergeben hatte, angemeldet, wurde er in der Wohnstube von der Frau empfangen, die ihm sagte, ihr Mann arbeite noch, werde aber bald fertig seyn und freue sich, den Herrn Doctor kennen zu lernen. Sie fragte ihn nach der Familie des Schulrektors, die sie kannte, ließ sich von ihm über seine Herfahrt und die ersten Eindrücke der Residenz berichten und schaute ihn bald mit offenem Wohlwollen an. Ein etwa siebzehnjähriges hageres und ziemlich bleichsüchtiges Mädchen trat von einem Seitenzimmer ein und wurde von der Frau als ihre älteste Tochter vorgestellt. Da sie mit der behaglich aussehenden Dame fast gar keine Aehnlichkeit hatte, so glaubte Heinrich von ihr einen Schluß auf den Vater ziehen zu können. Auch sie thaute bald auf und warf auf den stattlichen jungen Gelehrten, wofür sie ihn hielt, nach einer Weile, da er sich zur Mutter gewendet, verstohlenerweise einen sehr beifälligen Blick. Endlich wurden in dem entgegengesetzten Seitenzimmer Schritte hörbar, die Thüre ging auf und eine lange, hagere Figur mit gelblich braunem Gesicht rief: „Herr Doctor, darf ich bitten?“

Heinrich verfügte sich in das Studirzimmer, stellte sich vor und betrachtete die Züge, die er schon einigermaßen errathen hatte, während der ersten Begrüßungsreden mit Interesse. Professor Sartorius war Lehrer der obersten Gymnasialklasse und ein so leidenschaftlicher Pfleger der classischen Philologie, daß es ihn schwer ankam, diejenigen, die in der Sphäre derselben nicht heimisch waren, ernstlich zu schätzen. Er hatte sich durch zwei scharfsinnige Werke voll kühner Hypothesen einen Namen und Gegner gemacht, und dieß erfüllte ihn mit einem galligen Stolz, der für gewöhnlich mit richterlicher Strenge gepaart aus seinem raubvogelähnlichen Gesicht hervorsah. Freundlichkeit war ihm eine schwierige Sache; er mußte dazu ein gewichtiges Motiv haben oder einen besondern Anlauf nehmen. Dießmal war sie aber doch, nach Möglichkeit, vorhanden, und die eigenthümlichen Züge, welche lächelten, erschienen unserem jungen Mann sehr charakteristisch.

Die Antworten, die ihm Heinrich auf seine ersten Fragen gab, mußten ihm gefallen, denn er sah diesen mit dem humansten Blick an, dessen er fähig war, und sagte: „Ich irre mich wohl nicht, Sie wollen sich gleichfalls dem Lehrfach widmen?“ — Heinrich sah ihn überrascht an. — „Sind Sie nicht Philolog?“ fuhr jener fort. — „Nein,“ versetzte Heinrich. „Ich habe —“ — „Ah so,“ fiel der Professor ein; „ein anderes Fach. Nun, und was für eines? — Geschichte — Mathematik — Naturwissenschaft — Philosophie?“

Bei diesen schwerwiegenden Namen schüttelte unser Poet den Kopf, erwiederte aber, mit ahnender Seele, zögernd: „Ich habe — ich bin — Dichter.“ — „Dichter!“ wiederholte der Gelehrte, indem er ihn mit einer Betroffenheit ansah, die einem ruhigen Beobachter komisch erschienen wäre. „Dichter! — Und sonst nichts?“

Durch diese Frage, die dem Gelehrten unwillkürlich aus dem Munde kam, fühlte sich nun aber begreiflicherweise der Poet verletzt. „Ich meine, das wäre genug,“ entgegnete er mit einer gewissen Schärfe. „Wenn man’s recht ist —“ — „Allerdings,“ versetzte der Professor mit einem Ausdruck, der bezeugte, daß er den jungen Mann bereits völlig aufgegeben habe. Dieser sah, wie er mit dem Herrn daran war, und sann auf eine Form, hinwegzukommen. Aber der Schulmann sammelte sich wieder, da er bedachte, ein von seinem Collegen ihm Empfohlener müsse doch irgend eine Bedeutung haben; und indem er seinem Gesicht mit Anstrengung einen gewissen Schein von Höflichkeit zu geben suchte, fuhr er fort: „Ohne Zweifel haben Sie schon dichterische Werke der Oeffentlichkeit übergeben? Ich bin in der neuesten deutschen Literatur nicht sehr bewandert, wie ich Ihnen bekennen muß. Berufsgeschäfte und Fachstudien —“

„O,“ versetzte Heinrich, „wenn Sie die neuesten Werke auch alle angesehen hätten, von mir würden Sie doch keines darunter getroffen haben; denn ich habe bis jetzt noch keines herausgegeben.“ — „So?“ erwiederte der Professor, dem sein College nun ganz unbegreiflich wurde. — „Ich habe aber,“ fuhr Heinrich trotz allem wieder mit einem gewissen Bewußtseyn fort, „ein größeres Werk vollendet, eine historisch-romantische Tragödie, die ich bei dem hiesigen Hoftheater einreichen will.“

Der Professor nickte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. Heinrich, in seiner Zuversicht, fügte hinzu: „Wenn es gegeben wird und Sie der Aufführung beiwohnen —“ — Nun war aber die Geduld des Mannes zu Ende. Mit offenster Geringschätzung und gereizt scharfem Ton erwiederte er: „Ich gehe nie in’s Theater! — Finde keine Zeit dazu, Herr Doctor,“ setzte er etwas milder hinzu, indem er den gelehrten Titel ironisch accentuirte, „und muß also schon bedauern —“

Heinrich begriff die vollkommene Zwecklosigkeit weitern Hierseyns, „glaubte also die kostbare Zeit des Herrn Professors nicht länger in Anspruch nehmen zu dürfen,“ und empfahl sich mit dem ernsten Stolz eines Verletzten. Die Miene des Gelehrten, der sich einer Last überhoben sah, erhellte sich wieder einigermaßen; er trug dem Abgehenden seltsam lächelnd einen Gruß an den Schulrektor auf, geleitete ihn und zeigte ihm die Gangthüre, indem er sagte: „Wenn ich Ihnen sonst in etwas dienen kann —“ — Heinrich, seinerseits ironisch, verbeugte sich tief und entfernte sich.

Dem Rückkehrenden trat die Frau neugierig entgegen. „Nun,“ rief sie, „wie hat dir der junge Mann gefallen? Ist er wirklich —?“ — „Ein Literat!“ fiel der Gatte ein, indem er seiner Verachtung freien Lauf ließ; „ein Mensch, der noch nicht einmal Literat ist! Ich begreife nicht, wie mir der alte Krug so einen Gesellen in’s Haus schicken konnte. Es sieht beinahe aus, als ob er mich damit ärgern wollte. Nun,“ setzte er mit einem selbstzufriedenen grimmigen Lächeln hinzu, „er wird so bald nicht wiederkommen.“ — Die Frau stand überrascht, ja betrübt, und sagte endlich mit Bedauern: „Schade!“

Heinrich ging mit sehr ernstem Gesicht auf der Straße weiter. „Ein fataler Mensch!“ sagte er sich endlich, „und kein gutes Omen! Dieser Pedant, der seine Weisheit aus Büchern gezogen hat, glaubt ein großer Geist zu seyn, brüstet sich mit Verachtung der Kunst, und weiß nicht, daß er vor Gott und Menschen eine widerliche Figur ist. Ah, bah!“

Entschlossen zog er den Hut auf die Stirn, lächelte über sich selbst und schritt mit erneutem Muthe weiter. Körperlich fühlte er sich aber ziemlich ermattet und folgte daher der Einladung eines Schildes, der ihm eine Auffrischung versprach. Er ließ einen guten Jahrgang kommen, trank mit Bedacht und konnte nicht umhin, dankbar auf das Gewächs zu sehen, das es so gut mit ihm meinte und so poetisch duftete, während ihm die Menschen prosaisch erschienen oder gar ernstlich unangenehm wurden.

Der Wein versetzte ihn trotz allem bald in die Stimmung, seinen dritten und wichtigsten Gang zu unternehmen; und ein gewisses Gefühl sagte ihm, daß er damit besser fahren werde. Eine Schauspielerin konnte einen Dichter, der ihr Rollen zu schreiben verhieß, unmöglich anders als liebenswürdig empfangen; und sein Freund, der alte Schauspieler, hatte ihm die Betreffende zwar etwas zum Necken geneigt, sonst aber als durchaus verständig, edeldenkend und gutartig geschildert. Er machte sich auf den Weg und stand bald im zweiten Stock eines hübschen Hauses vor der gesuchten Thüre. Auf sein kräftiges Klingeln erschien eine alte Magd; er übergab ihr das Schreiben, nannte seinen Namen und wurde von der Wiederkehrenden in einen kleinen Salon geleitet: Fräulein Rosa werde sogleich erscheinen.

Heinrich, allein gelassen, schaute umher und mußte sich sagen, daß er nicht leicht ein reizender eingerichtetes Zimmer gesehen. Die Vertheilung der Möbeln, Wandbilder und sonstigen Zierden war so geschmackvoll, daß sich die Augen unmittelbar wohlthuend berührt fühlten, und eine kleine Epheulaube in der Ecke sah überaus traulich her. Die Bilder waren zum Theil Porträts berühmter Schauspielerinnen, und unser Dramatiker, der die wenigsten davon gesehen, begann sie zu mustern. Eben betrachtete er den genialen Kopf einer großen noch lebenden Tragödin, als die Thüre aufging und ein Kleid rauschte. Er sah hin und stand auf’s lebhafteste betroffen: es war die junge Dame von gestern. Auch sie hatte ihn erkannt. „Ah,“ rief sie nach momentan überraschtem Blick mit heiterer Freundlichkeit, „das ist ja ein alter Bekannter. Nun,“ fuhr sie fort, indem sie auf ihn zuging und ihm die Hand bot, „willkommen in der Residenz, willkommen im Namen des Theaters!“

Heinrich, etwas erröthet, drückte die zierliche Hand stärker, als er’s im Sinne gehabt, und dankte für den gütigen Empfang mit der Miene eines Glücklichen. Ein paar Minuten später saßen sie beisammen auf der Rohrbank in der Laube.

„Ein dramatischer Dichter,“ begann Rosa, indem sie ihn lächelnd ansah. „Etwas Poetisches hab’ ich gestern in Ihnen vermuthet; aber daß Sie dramatische Werke schreiben, für uns arbeiten, das hätte ich nicht zu hoffen gewagt. Nun, um so besser,“ fuhr sie fort. „Wir sehnen uns Alle wieder nach einem guten, effektvollen Stück; ich für meine Person wünschte dringend, eine neue hübsche Rolle zu bekommen, und würde mich sehr freuen, wenn in Ihrer Dichtung eine für mich vorkäme.“

Heinrich sah sie an, überlegte, und schaute zweifelhaft. Die Schauspielerin errieth ihn sogleich. „Ihr Stück hat keine Rolle für mich?“ entgegnete sie. — „Ich fürchte —“ — „Ah,“ rief sie bedauernd, „das ist ja ein Mangel! Was ist es denn aber für eine Gattung? Freund Holler hat mir darüber nichts geschrieben.“ — „Eine historisch-romantische Tragödie,“ versetzte der Poet. — „Eine historisch-romantische Tragödie!“ wiederholte sie. Und indem sie ihn ansah, fügte sie mit einem gutmüthigen, aber noch mehr schelmischen Lächeln hinzu: „Das hätt’ ich mir denken sollen.“

Heinrich, dem der Sinn dieser Rede nicht entging, wurde verlegen, oder, wie er meinte, ärgerlich. „Also die dritte Opposition gegen mein Streben!“ rief’s in ihm; „erneuerter Unglaube, und ein neuer unnützer Besuch!“

Die Künstlerin, seine Gedanken ahnend, fuhr fort: „Ja, ja, so machen es uns die ehrgeizigen Dichter heutiger Zeit! Nur das Erhabenste und Größte soll von ihnen über die Bretter gehen, damit sie sich gleich den ersten Classikern an die Seite stellen! Recht schön, aber es gibt ein Publikum, das auch etwas Anderes sehen, und Schauspieler, die etwas Anderes spielen wollen.“ Sie schwieg und betrachtete den Schweigenden. Dann, mit anmuthiger Laune, fuhr sie fort: „Also nicht einmal eine hübsche Nebenfigur haben Sie für mich? So eine Vertraute z. B., munter, fröhlich, schalkhaft, und doch vollkommen treu und anhänglich, ein leichteres, irdisches Wesen, das sich aber neben der idealen Hauptheldin noch recht gut ausnehmen kann?“

Der Poet, halb erheitert, schüttelte den Kopf. — „Wie?“ rief sie, „gar nichts?“ — „Leider!“ erwiederte der Poet. „Wie ich’s auch überlege, ich finde keine Rolle darin, die Ihrer würdig wäre. Die Hauptfigur ist Heroine, heroische Liebhaberin —“ — „Das begreift sich,“ warf die Schauspielerin dazwischen. — „Und von den übrigen keine so bedeutend, daß ich Sie Ihnen anbieten könnte; abgesehen davon, daß alle wesentlich ernsthafter Natur sind.“ — „Also die reine Tragödie! Gar kein Humor?“ — „Ausgenommen in den Volksscenen, denen ich eine naturwahre Derbheit zu geben suchte, die vielleicht belustigend wirkt.“

Die Künstlerin schwieg, dann sagte sie: „Wissen Sie, verehrter Herr Doctor, daß Sie im Grunde genommen sehr naiv sind? Sie wollen ein Stück aufführen lassen, in dem ich keine Rolle habe, und bringen mir einen Brief mit der Aufforderung, Ihnen dabei behülflich zu seyn! Kennen Sie das Theater? Kennen Sie die Leute vom Theater? Glauben Sie, daß eine zweite Liebhaberin — welches zu seyn ich die Ehre habe — sich berufen sehen kann, der ersten zu einem Triumph zu verhelfen? Wissen Sie, was Künstlereifersucht ist? — Ach, mein bester Herr, Sie sind Dichter und kennen das menschliche Herz im Allgemeinen gewiß vortrefflich, aber die Schauspielerherzen im Besondern haben Sie noch nicht kennen gelernt!“

Sie hatte das Letzte mit so ernst resignirtem Tone gesagt, daß der Poet fast wieder irre wurde. Jedenfalls nahm er sich zusammen und entgegnete: „Unter diesen Umständen muß ich dann freilich um Verzeihung bitten und meinen Wunsch zurücknehmen. Eigentlich hat aber den Fehler doch Herr Holler gemacht. Er, obwohl er mein Stück so weit kannte, hat mir Sie genannt —“ — „Weil er mich kennt,“ fiel Rosa heiter ein; „weil er weiß, daß ich ein gutes Herz habe, das sogar uneigennützig seyn kann.“ Und mit ernsterem Tone fuhr sie fort: „Keine Sorge, Herr Doctor, wir Schauspieler sind nicht so schlimm, wie man uns macht, wenigstens lange nicht alle. Eifersucht und Neid können wir allerdings fühlen, und ich wollte Ihnen große Künstler nennen, die auch darin nicht klein sind. Wir mögen auch wohl mehr Anfälle davon erleiden, als andere Sterbliche: das liegt im Handwerk; aber in der Regel bleiben sie auf der Oberfläche und sind bald wieder verflogen. Eigentlich und für gewöhnlich sind wir ein gutmüthiges Völkchen; wir versöhnen uns außerordentlich leicht, und wenn wir uns schön thun, sind wir dabei so ehrlich, wie andere gebildete Menschen.“

Der Poet, mit befreiter Seele, ließ auf die letzte Bemerkung ein bescheidenes Lachen hören, und die Schauspielerin fuhr fort: „Was mich betrifft, so kommt Ihnen eine Tugend zu statten, die ich habe, wenn Sie’s nicht lieber einen Mangel nennen wollen. Ich besitze keinen Ehrgeiz. Natürlich, wenn man, wie ich, seit Jahren zweite Liebhaberin ist und meist für Nebenfiguren lodern muß, da wird man nach und nach bescheiden, und das bischen höheres Streben, das man in seine Stellung noch mitgebracht hat, verfliegt einem gänzlich. In der Regel haben wir die Aufgabe, der hochgesinnten und tief fühlenden ersten Liebhaberin, die sich natürlich nicht zu rathen und zu helfen weiß, freundlichen Beistand zu leisten, und das gewöhnt man sich zuletzt förmlich an, so daß man sich auch außer dem Theater ein Vergnügen daraus macht, zu helfen, wenn’s eben geht. Sie sehen, so gar übel sind Sie bei mir doch nicht angekommen, und ich wünsche nur, daß es auch in meiner Macht steht, etwas für Sie zu thun.“

Die letzten Worte hatten einen verbindlichen, ja herzlichen Klang, in welchen die Künstlerin von dem scherzenden mit Anmuth übergegangen war; und Heinrich konnte nicht umhin, ihre Hand zu fassen und ihr mit Wärme zu danken. Sie antwortete mit einem Blick, der fast lauter Güte war und durch ein flüchtiges Licht von Schalkheit nur um so reizender wurde. Dem Poeten, unter dem Strahl desselben, ging das Herz auf; er ahnte, daß er verstanden wurde, empfand einen Drang, gegen die fühlende Seele sich vertrauensvoll über sein Streben auszusprechen, und sagte: „Es ist mir sehr lieb, verehrtes Fräulein, zu sehen, daß Sie die höhere dramatische Poesie nicht verwerfen. Ich bin nicht gegen das Schauspiel und die Darstellung des gewöhnlichen Lebens auf dem Theater; im Gegentheil, es können da recht gute Sachen entstehen, rührende und erheiternde, und man kann auch eine schöne poetische Wirkung herausbringen; aber die Hauptsache bleibt doch immer die Tragödie, die Tragödie, die uns in die tiefsten Abgründe des Herzens hinabführt, um uns zu den höchsten Höhen der Menschheit emporzutragen. Der Dichter soll uns über die gemeine Wirklichkeit hinwegheben und die Welt des Ungewöhnlichen, des Außerordentlichen erschließen. Wir wollen mit ihm eintreten in das Reich der Poesie, wo wir Alles, was wir im gewöhnlichen Leben entbehren, in erquickendster Schönheit und Fülle haben. Und dazu muß er sich den rechten Stoff wählen und den rechten Schauplatz der dramatischen Handlung. Die Menschen, die er schildert, müssen außerordentlich seyn dürfen — er muß durch sie nicht nur nicht gehindert, sondern selbst emporgehoben werden. Da sind nun Stoffe, die auf dem Grenzgebiet der Geschichte und der Sage liegen, besonders günstig; der Dichter hat volle Freiheit zum höchsten poetischen Ton und kann Alles herausgeben, was an Größe, Tiefsinn und romantischem Gefühl in ihm liegt. — Wollte Gott,“ setzte er mit herzlichem Ernst hinzu, „daß es mir mit meinem Versuch gelungen wäre! Ich würde gewiß das Publikum ergreifen, begeistern — und Sie, mein Fräulein, wie ich zuversichtlich hoffe — bekehren.“

Die Schauspielerin hatte mit wirklicher Theilnahme zugehört und erwiederte nun auf die artig betonten Schlußworte: „Sie haben nicht weit mehr dazu. Wer so gut über eine Sache reden kann und sie so lebendig vor Augen hat, dem muß es mit ihr auch gelingen. Und nehmen Sie das in vollem Ernst: Ihr Erfolg würde mir große Freude machen, denn ich sehe, Sie meinen es ehrlich mit Ihrer Kunst.“

Diese Worte erfüllten den Poeten mit tiefer Genugthuung. Seine Augen glänzten und sein männlich schönes Gesicht gewann so sehr den Ausdruck eines Dichters, daß es den von ihm geäußerten Hoffnungen förmlich zur Bestätigung diente. Die Künstlerin betrachtete ihn, und über ihre Wange floß eine Röthe froher Anerkennung. Heinrich, von ihrem Anblick seinerseits bewegt, rief: „Mein Fräulein, Sie werden nicht immer zweite Liebhaberin bleiben und nicht immer die bloß muntern oder bürgerlich rührenden Partien spielen! In Ihnen lebt ein höherer Geist, ein dichterisches Gemüth! Sie dürfen nur wollen, und Sie werden uns die poesievollsten Gestalten vor Augen stellen! Ja, je mehr ich Sie ansehe —“

Rosa hatte diese Rede betroffen angehört; nach den letzten Worten erheiterten sich indeß ihre Mienen plötzlich und der gemüthlich schelmische Ausdruck erlangte wieder die Oberhand. „Nicht weiter, mein begeisterter Freund!“ entgegnete sie; „es könnte Sie gereuen! Wollen Sie mir nicht gar Ihre Heroine antragen und gleich zum Einstand einen Rollenstreit veranlassen? Nein, mein lieber Herr: jedem das Seine, das ist ein guter Spruch. Ich bleibe, was ich bin; und wenn in der That einige Anlagen zum „Höheren“ in mir liegen, so will ich sie hervorsuchen, pflegen und ausbilden, um nach und nach einer passenden Rolle in einem Ihrer künftigen Stücke zuzureifen.“

Heinrich, auf eine galante Antwort sinnend, schwieg, und seine Miene hatte bereits eine kleine Wendung zur Verlegenheit gemacht, als man die äußere Thüre gehen hörte. Die junge Dame sah erheitert auf, und gleich nachher trat die Mutter in das Zimmer. Der Poet erhob sich rasch. Jene, die ihn erkannte, sah ihn verwundert, aber vergnügt an.

„Unsere gestrige Begegnung,“ rief die Tochter, zu ihr tretend. „Herr Doctor Born, dramatischer Dichter, der mir durch Freund Holler empfohlen ist und ein fertiges Stück mitgebracht hat.“ — „Ah,“ rief die Frau mit einem so wohlwollenden als feinen Lächeln; „seyen Sie doppelt willkommen!“ Sie reichte ihm die Hand, und der Poet schüttelte sie kräftig. — „Du siehst,“ bemerkte Rosa zu ihr, „wir haben gestern nicht weit davon gerathen: ein schöner Geist, Schriftsteller oder Maler, der in die Residenz kommt, um hier den Erfolg und die Ehren zu finden, die ihm gebühren.“

Die Mutter, nach einem freundlich verweisenden Blick auf sie, erkundigte sich bei dem jungen Mann theilnehmend nach seinem Vorhaben und der mitgebrachten Dichtung. Man setzte sich nochmal zusammen, und Heinrich gab den beiden Damen alle gewünschte Aufklärung. Unter Anleitung der Erfahrenen nahm das Gespräch eine praktische Wendung. Was ist zu thun? Was kann zur Annahme des Stücks beitragen? Dieß war die Frage, die man erwog. In seinem Vorsatz, die Regisseure zu besuchen, wurde Heinrich im Lauf der Unterredung bestärkt: seine erklärte Abneigung, den Herrn Kritikern sich zu empfehlen, hatte dagegen lächelndes Kopfschütteln zur Folge. „Vor der Aufführung,“ sagte Rosa, „sollten Sie doch mit einigen bekannt seyn. Aber die Sache geht ja ganz einfach, wofür habt ihr Herrn denn das Wirthshaus?“

„Es ist wahr,“ versetzte der Poet. „Und einen literarischen Fachgenossen, den man bei einem Glas Wein kennen gelernt hat, kann man am Ende besuchen.“ — „Ich sollt’s meinen,“ entgegnete die Schauspielerin, nicht ohne ein spöttisches Mundrümpfen.

Die Mutter sah ihn lächelnd an, dann sagte sie: „Was nun aber die Annahme betrifft —“ — „Ich hab’ einen Gedanken,“ rief hier die Tochter. „Da Sie uns,“ fuhr sie zu dem Autor gewendet fort, „das Stück zu lesen geben wollen —“ — „Sobald die Abschrift fertig ist.“ — „Und ich voraussetze, daß außer unserer Heroine auch unser heroischer Liebhaber, unser Heldenvater und unser Charakterspieler dankbare, sehr dankbare Rollen darin haben werden —“ — Heinrich, nach einem Moment der Erwägung, erwiederte zuversichtlich: „Ich meine.“ — „So will ich gelegentlich gegen diese Herrschaften ein Wort fallen lassen über das Stück, was sie ruhig vernehmen, dann über die verschiedenen Rollen und die Möglichkeit eines Triumphes, was sie mit großem Interesse hören werden. Sie können das Manuscript auch ihnen mittheilen; und wenn namentlich unsere Heroine gegen den Herrn Intendanten recht lebhaft den Wunsch ausspräche, die Rolle zu spielen, dann hätten wir Aussicht.“

Der Autor nickte vergnügt und dankte für die gütige Theilnahme und die freundlichen Rathschläge auf’s wärmste. Die Stockuhr belehrte ihn aber, daß die Essenszeit heran nahte, und er empfahl sich, indem er mit der Copie bald möglichst wiederzukommen versprach.

Durch den herzlichen Antheil, den ihm die beiden Frauen zugewendet, fühlte er sich in tiefster Seele ermuthigt; er sah die Angelegenheit in bester Einleitung begriffen und kehrte durchaus zufrieden in den Gasthof zurück.

Noch am selben Tage schrieb er an die Geliebte. Aus dem langen Brief heben wir folgende Stellen aus: „Die persönliche Bekanntschaft mit Friedrich Willmann hat mich über diesen Autor einigermaßen enttäuscht. Im Grunde hat er mich gut aufgenommen und scheint mir nützlich werden zu wollen. In seiner Art liegt aber etwas Ironisches, das mir nicht recht gefallen kann. Er ist ein großer Verehrer der Klugheit — mehr als es sich für einen Dichter geziemen will — und scheint mir bei seinen Arbeiten doch hauptsächlich auf die Vortheile zu sehen, die sie ihm bringen sollen. — Mir ist die Poesie eine heilige Sache. Ich liebe sie um ihrer selbst und des Glückes willen, das man fühlenden Herzen damit bereiten kann. Wenn ja noch eine ihrer Folgen mich locken und reizend vor meiner Seele stehen mag, so ist es der Ruhm — der Lorbeer, der die Schläfe des Siegers krönen soll. An Weiteres denk’ ich kaum, wie ich dir, edle und große Seele, frei bekennen will. Aber der wahre Dichter steht unter dem Schutze der Götter und er hat die Verheißung, daß ihm alles Uebrige zufallen wird.

„Unserem Rektor kannst du sagen, daß er mich an einen sonderbaren Kauz empfohlen hat. Ich meinte bisher, die Stockphilologen im schlimmen Sinne seyen ausgestorben und die Männer der Erudition trachten darnach, dem Studium der Humaniora einige Humanität im wirklichen Leben beizugesellen; allein es gibt doch noch einzelne Exemplare und ich bin hier auf eines gestoßen. Ein Mensch, der sich sein gelerntes Wissen mühselig erworben hat, kann freilich einen andern, der sich das seine fröhlich selber producirt, nur geringschätzen! — Ich hab’ mich aber doch geärgert, als der Pedant seine Empfindung so deutlich merken ließ und sich mit der groben Ungerechtigkeit seines Vorurtheils sogar noch etwas zu wissen schien. Das Gute ist, daß nicht nur dem Gottseligen, sondern auch dem Poeten Alles zum Besten dienen muß. Jetzt, wo ich dieß schreibe, steht der Mann als ein Original vor meiner Seele, das mich ergötzt, und es wird höchstens so viel Groll in mir bleiben, daß ich ihn gelegentlich einmal satirisch verwenden kann.

„Ich bin vergnügt, meine geliebte Auguste, denn mein dritter Besuch — der eigentlich bedeutsame — ist über Erwarten gut ausgefallen. In der Schauspielerin, an die ich, wie du weißt, ein Schreiben hatte, und in ihrer Mutter, die ebenfalls beim Theater war, habe ich zwei außerordentlich theilnehmende, liebenswürdige Personen kennen lernen, und ich darf wohl sagen, Freundinnen gewonnen. Die junge Dame ist hübsch und könnte manchem Andern gefährlich werden — ich freilich bin gefeit und in mein Herz dringt kein anderes Bild, als das der Einen, die allmächtig in ihm regiert. Ein Wesen von heiterem Humor und einem Trieb, neckisch mit den Menschen zu spielen, aber dabei ein freundliches Gemüth, das es nicht beim bloßen Wünschen läßt, sondern für Andere auch zu handeln vermag. Der Weg des Stückes zur Bühne wird geebnet, und wenn nur dieses erste Ziel erreicht, die Annahme erfolgt ist, dann bin ich außer Sorge.

„Die Hauptrolle wird in sehr gute Hände gelangen, das hab’ ich schon erkundet, und wenn sie der Künstlerin, die das Stück lesen wird, einleuchtet, so wird dieß auch bei der Frage der Annahme von großem Gewicht seyn. — Du siehst, es läßt sich wirklich Alles gut an, und meine Zuversicht ist keine Thorheit.

„Wie unendlich gespannt bin ich darauf, das herrlichste Gebilde meiner Phantasie, das gleichwohl nur ein schwaches Nachbild der geliebtesten Wirklichkeit ist, auf der Bühne verwirklicht zu sehen! Wie höchst seltsam wird mir dabei zu Muthe seyn! — Zauberei! Blick in eine Welt voll unaussprechlicher, magischer Erscheinungen! — O Auguste! — ich hab immer nur dich vor Augen, ich beziehe Alles, was ich erfahre, schaue, denke, auf dich, und wenn dein Bild vor mir aufleuchtet, scheint mir alle Kraft und Kunst nur gegeben zu seyn, daß ich dich verherrliche und dir ein Leben der Ehre und Wonne bereite! — O Liebe — Poesie der Poesie! Das liebende Auge sieht nicht nur die Geliebte in wunderholdem Licht; von dem Glanz, den es in sich aufgenommen, bleibt auch so viel zurück, daß es die ganze Welt verklärt und jeden Winkel der Erde in süßem Scheine malt!

„Laßt mir’s gelingen, gute Geister! laßt mich den Sieg erstreiten, nur um der Einen Lust willen, Ihr ihn zu melden! Ich wollte ja gern entsagend warten und ausdauern in Verkanntheit und Undank der Welt! Aber um deinetwillen darf’s nicht seyn — um deinetwillen muß es, wird es glücken!

„Lebe wohl, Theuerste! Wenn du nur ein Tausendtheil der Freude empfindest, dieses zu lesen, die ich fühle, es zu schreiben, so bin ich glücklich!“

III.

Die Tragödie wurde einem Copisten übergeben, der langsam schrieb, aber eine deutliche, charaktervolle Hand nachgewiesen hatte. Der Autor wartete indeß zum Wiederbesuch seiner Gönnerinnen die Vollendung der Copie nicht ab. Man führte im Hoftheater Minna von Barnhelm auf und Rosa gab darin die Franziska. Es war eine ihrer besten Rollen und sie übertraf sich dießmal selber darin. Das Publikum war hingerissen und unser Poet außerordentlich erfreut. Zum erstenmal erkannte er die eigenthümliche Bedeutung eines wahren Schauspiels oder Lustspiels, wenn er auch den Mangel der Gattung und das Einseitige des Lessing’schen Stücks (was er dafür halten mußte) nicht übersah. Hauptsächlich überzeugte er sich aber, was in einer Partie wie Franziska geleistet werden kann, wenn die Schauspielerin mit reizender Laune sie völlig wieder zu beleben wußte, und er eilte daher gleich am andern Vormittag zu der Künstlerin, um ihr seine Freude, seinen Dank mit Enthusiasmus auszusprechen.

Rosa lächelte befriedigt, glücklich und antwortete von ihrer Seite mit dankendem Blick. Die Mutter trat aus dem Seitenzimmer und sie rief ihr heiter entgegen: „Ich hab’ ihm gestern gefallen, dem Tragödiendichter! und er ist gekommen, ein wahres Füllhorn des Lobes vor mir auszugießen!“

Vergnügt erwiederte die Frau: „Das ist freundlich. Aber du hast die Rolle gestern wirklich gut gespielt; ich habe sie noch nicht so von dir gesehen.“ — „Gott weiß, warum,“ entgegnete die Künstlerin. „Zuweilen ist man eben voller Lust und Uebermuth — und das ist die Hauptsache bei der Schauspielkunst.“ — „Bei jeder Kunst!“ versetzte Heinrich.

Die Schauspielerin sah für sich hin. „Nun,“ bemerkte sie dann etwas scheinheilig, „Sie haben sich also überzeugt, daß man in einer Rolle, die aus dem gewöhnlichen Leben genommen ist, doch auch eine Wirkung machen kann?“ — „Das habe ich nie bezweifelt,“ entgegnete Heinrich, „aber in dieser Ausdehnung allerdings nicht für möglich gehalten. Es war eben ein non plus ultra,“ fügte er lächelnd hinzu, „und die reißen immer hin.“

Die Künstlerin wiegte den Kopf. „Sie geben also zu, daß es auch gar keine so schlechte Aufgabe wäre, ein Schauspiel zu schreiben?“ — „Um so lieber,“ versetzte der Poet, „als ich’s nie geläugnet habe. Das Schauspiel in Prosa hat seine Vorzüge und seine Vortheile, obschon —“ — „Es natürlich tief unter der Tragödie in Versen steht,“ ergänzte Rosa, „das ist klar! Aber wenn es nun so ausfiele, wie Minna von Barnhelm —?“ — „Dieses Stück,“ erwiederte Heinrich nach einigem Besinnen ernsthaft, „ist vortrefflich in seiner Art; aber im Grunde ist doch zu viel bürgerliche Moral und Tugend darin, wodurch es einen etwas hausbackenen Charakter erhält, und die Sphäre, in die wir blicken, hat etwas Enges, ja hie und da Gequältes. — Das poetische Drama, die Schöpfung der idealisirenden Phantasie, die uns in eine große, weite, farbenreiche Welt führt, ist doch was ganz anderes.“

Die Schauspielerin, durch die Sicherheit, womit Heinrich dieses Urtheil fällte, betroffen, ja gereizt, schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Ei, ei,“ entgegnete sie, „das heißt leicht fertig werden mit einem Stück, das eine Probe bestanden hat, wie sie nicht viele bestehen! Diese Minna von Barnhelm ist seit ihrer ersten Aufführung überall auf dem Repertoire geblieben, und das muß doch seinen Grund in einem Werth haben, den wenige Dramatiker zu erreichen sich schmeicheln dürfen.“

Der Poet schwieg und die Mutter trat mit einer Querfrage dazwischen, um ihm über eine angehende Verlegenheit hinwegzuhelfen, die vielleicht eine empfindliche Replik zur Folge gehabt hätte. Während der Beantwortung sammelte sich der Getroffene und fühlte nun, daß er etwas gut zu machen habe. Er kam auf die Lessing’sche Komödie zurück, rühmte mit dem Ausdruck wahrer Achtung die Charakteristik, den ebenso kernigen wie zierlichen Dialog, und namentlich das Zuhauseseyn in den Regionen der Ethik und Aesthetik, die Geistesbildung des Dichters, vermöge deren er dem bürgerlichen Spiel einen ewigen Gehalt zu verleihen gewußt habe. Rosa hörte mit Vergnügen zu, und als er zum Schluß wieder auf die Franziska zu reden kam und über ihre Auffassung und Durchführung bestimmte ästhetische Urtheile fällte, die fast noch schmeichelhafter klangen als die Ausdrücke allgemeiner Bewunderung, da sah völlig wiederhergestelltes Vertrauen aus den braunen Augen.

Nach einer Weile begann sie: „Wann bekommen wir aber Ihre Schöpfung, die Tragödie zu lesen?“ — Der Poet versetzte: „In einer Woche soll ich die Abschrift erhalten. Diese wird in’s Bureau der Intendanz wandern, mein eigenes Manuscript werde ich Ihnen zu Füßen legen.“ — „Sehr viel Ehre,“ erwiederte sie heiter. — „Aber,“ fuhr sie nach einigem Besinnen fort, „können Sie uns nicht einstweilen andere Produkte mittheilen — oder selbst vorlesen? — Sie haben gewiß lyrische Gedichte gemacht.“ — „Allerdings.“ — „Liebeslieder!“ — „Auch solche,“ versetzte der Poet lächelnd. — „Natürlich,“ rief sie, indem sie ihn vergnügt ansah. „Nun, wissen Sie was? Kommen Sie übermorgen, wo ich frei bin, Abends zu uns und bringen Sie Ihre Gedichte mit. Wir lernen Sie dadurch näher kennen, auch als Vorleser, und wenn Sie hier die Probe bestehen, dann können Sie den Schauspielern vielleicht Ihr Stück selber vorlesen, was unter Umständen sehr nützlich seyn kann.“

Die Mutter stimmte bei, und Heinrich sagte mit Vergnügen zu. Man schied im besten Einvernehmen und gesteigerter wechselseitiger Theilnahme.

Als der Poet die Stube verlassen hatte, sagte Rosa zur Mutter: „Vornehm ist er sehr, ich meine poetisch vornehm, im Grund aber doch ein guter Mensch!“ — „Das erste,“ versetzte die Mutter, „hast du ihn vorhin beinahe zu deutlich fühlen lassen.“ — „Konnte nicht schaden,“ erwiederte sie. Und lächelnd fuhr sie fort: „Auf seine Liebesgedichte bin ich begierig; wird wohl viel Einbildungskraft dabei seyn.“ — „Wer weiß!“ bemerkte die Mutter. „Es ist ein hübscher Mann und die Poeten —“ — „Phantasiren und idealisiren. Nun, wenn es nur schön herauskommt, dann soll er doch Lob haben.“

Der Dichter machte mit allerlei Gedanken, aber im Grunde vergnügt den Gang in die kleine Wohnung, die er sich nicht allzuweit vom Theater gemiethet hatte. „Sie hat Recht,“ sagte er zu sich, „wenn sie das Stück von Lessing hoch hält; aber ich hab’ auch Recht. Wie geistreich und fein die Comödie seyn mag, das eigentliche Aroma der Poesie ist doch nicht darin. Und hier allein liegt der wahre Zauber, das überschwängliche holde Leben, und wir können uns baden in einem Meer von Wohlgerüchen.“

Am Abend des zweiten Tages stellte er sich bei den Damen mit zwei Heften ein, in die er seine Gedichte eingeschrieben hatte. Man setzte sich um den runden Tisch, auf welchem bald die Theekanne brodelte. Das Getränk durchduftete die Stube, und Heinrich, von Rosa ermuntert, begann zu lesen. Er hatte die Hefte vorher durchgegangen und genau bestimmt, was und in welcher Folge er vortragen wollte. Trotz der geistigen Zuversicht, die er mitgebracht, fing er nun doch mit unsicherer Stimme und rothem, ziemlich befangenem Gesicht an zu lesen. Glücklicherweise hatte er zum Eingang Lieder gewählt, die eben so anspruchslos wie hübsch waren; der aufrichtige Beifall der Hörerinnen entband ihn und gab auch seinen Sprachwerkzeugen die nöthige Freiheit. Bald war er in der höheren Stimmung, wo man im Schwunge des Gefühls gar nicht mehr weiß, daß es eine Befangenheit gibt.

Die Frauen konnten die Gedichte nicht immer gelungen finden. An den einen widersprachen Uebertreibungen ihrem Geschmack, an andern vermißten sie den wahrhaft schließenden Schluß. Der Dichter, jetzt durch herzliches Lob erfreut, mußte sich ein andermal mit einem ernsten Gesicht, das mehr Tadel zurückhalten als Anerkennung ausdrücken sollte, oder mit einem Ausruf begnügen, der etwa bedeutete: „Nun ja, lassen wir’s passiren!“ — In seinem Eifer machte er sich aber nicht viel daraus, wenn er’s auch richtig deutete, und im Ganzen war die Lobernte doch überwiegend. Endlich, beim Aufschlagen eines neuen Gedichts, wurde seine Miene ernst bis zur Feierlichkeit; er nahm eine entsprechende Haltung an und begann mit herz- und klangvollem Ton zu lesen. Es war eine begeisterte Schilderung der Geliebten und eine leidenschaftliche Erklärung völlig und ewig sich hingebender Liebe.

„Sehr schön!“ rief die Mutter, als er geendet hatte; und Rosa bemerkte mit Ernst: „Bei weitem das schönste! Das innigste Gefühl, edler Schwung, der wahrste, herzlichste Ausdruck! Das,“ setzte sie mit einem leisen Lächeln hinzu, „das ist Poesie!“ — Heinrich antwortete auf diese Anerkennung mit dem Ausdruck einer ernsten Freude. Er sah dann auf den Tisch und sagte: „Wenn mir dieses Gedicht gelungen ist, so ist’s auch nicht zu verwundern: es ist einfach aus meinem Herzen abgeschrieben, und an das Mädchen gerichtet, mit dem ich verlobt bin!“

Mutter und Tochter fuhren bei diesem Geständniß unwillkürlich zusammen und sahen sich an. Auf dem Gesicht Rosa’s folgte einer leichten Blässe rasch eine tiefere Röthe; aber schnell sich fassend rief sie mit der Miene und Stimme herzlicher Theilnahme: „Sie haben eine Braut? Und davon haben Sie uns noch nichts gesagt?“ — „Es fand sich noch kein Anlaß dazu,“ erwiederte Heinrich. — „Nun,“ rief das Mädchen, die sich völlig wieder in ihre Gewalt bekommen hatte, „davon müssen Sie uns mehr erzählen! — Das Idealbild,“ fuhr sie nach kurzem Innehalten mit Lächeln fort, „haben wir aus dem Gedicht kennen gelernt. Aber wer ist sie? Weihen Sie uns ein; das Original erweckt in uns noch viel größern Antheil.“

Heinrich befriedigte die erste Neugierde und gab dann Antworten auf weitere Fragen. Da die beiden Frauen das lebendigste Interesse zeigten, so glaubte er mit genauem Bericht über Entstehung und Gang des Verhältnisses und namentlich mit dem freudigen Lob Auguste’s ihnen eben die größte Freude zu machen, und that sich nun Genüge nach dem Bedürfniß eines Liebenden, ohne zu ahnen, welche Eindrücke er damit auf das geheime Innere der jungen Hörerin hervorbrachte.

Es wäre für den, der in dieses Innere zu schauen vermocht hätte, ein eigenes Schauspiel gewesen, das Mädchen zu beobachten, deren Herz, mehr als sie selber geahnt, sich dem jungen Mann zugewendet hatte. Die menschliche Seele ist reicher an Fähigkeiten und Affekten, als die meisten Menschen gewahr werden, und gute und schlimme Gedanken, liebe und leide Gefühle können in ihr so rasch wechseln, daß man an ein förmliches Zugleichseyn glauben möchte. In Rosa spielten sie wunderbar durcheinander, als der Poet sein Liebesleben schilderte, sein Glück ausmalte und seine Hoffnungen aussprach. Und sie ließ nicht nach mit Fragen, als ob es jetzt für sie nichts Süßeres gäbe, als die Antworten zu vernehmen. Doch ein geübter Wille und geübte Kunst standen ihr bei, und mit ihnen gelang es ihr, die Theilnahme einer Freundin zu beweisen, in nichts zu verrathen, daß sie den Verlobten der Andern liebgewonnen hatte, sondern zu thun, was ihr der Stolz des Weibes und ein im tiefsten Grunde zartes Gefühl eingab.

Als Heinrich seine Bekenntnisse geschlossen hatte, sagte die Mutter: „Unter diesen Umständen muß es Ihnen freilich doppelt lieb seyn, mit einem ausgezeichneten Erfolg heimzukehren, und wir müssen über alles wünschen, daß Sie ihn erringen.“ — „Allerdings,“ fügte Rosa hinzu, die ihn von der Seite mit einem Blick angesehen, wie man einen kindlich Glücklichen betrachtet; „und unsere Pflicht, Beistand zu leisten, wird immer ernsthafter. Hören Sie meinen Vorschlag! Sie können, was nicht von jedem Poeten zu sagen ist, Ihre eigenen Gedichte gut vorlesen: wenn Sie nämlich dreinkommen, und Sie kommen, wie es scheint, gerne drein, wenn gute Menschen Ihnen Vertrauen einflößen. Machen Sie nun, daß wir Ihre Tragödie erhalten. Wir laden dann die Darsteller der Hauptrollen ein, und Sie lesen ihnen das Stück. Tragen Sie es vor, wie Ihr letztes Gedicht, dann wird man die Rollen um so richtiger auffassen, um so lieber lernen und um so besser spielen.“

Heinrich dankte mit Herzlichkeit, indem in seiner natürlichen und poetisch eingenommenen Seele nun doch fast eine Ahnung aufstieg, daß die Schauspielerin ihm eine besondere Freundlichkeit zuwendete. Den eigentlichen Zustand ihres Herzens errieth er freilich nicht, und verließ darum das Haus mit vollkommen ruhigem, glücklichem Gemüth.

Mutter und Tochter, als sie allein waren, gingen schweigend hin und her. Die letztere that eine häusliche Frage und horchte auf die gewissenhafte Beantwortung mit halbgeschlossenen Augen und einem ernsten Schein von Aufmerksamkeit. Dann suchte sie eine ihrer Rollen hervor, setzte sich damit zur Lampe und fing an zu lesen. Unwillkürliche Zeichen von Ungeduld und Abwesenheit verriethen aber der Mutter deutlich, von welchen Gefühlen sie beherrscht war.

Rosa war sechs Jahre beim Theater und hatte ihr zweiundzwanzigstes Jahr hinter sich, ohne daß sie in eine ernstliche Herzensbeziehung wäre verflochten worden. Vor leichtsinnigem Vertrauen schützte sie nicht nur eine erfahrene, sorgsame Mutter, sondern ihr eigener heiter verständiger Sinn. Sie war durch Natur und Erziehung, was die Franzosen sage nennen, und ließ sich nun wohl huldigen, trat aber vor gewissen Annäherungen immer einen Schritt zurück, was dann die Folge hatte, daß sie als „kalt“ verschrieen wurde. Eigentlich war sie aber nur so klar, hinter gewissen Betheurungen die egoistische Absicht wahrzunehmen und darüber die entsprechende Geringschätzung zu empfinden. Sie sammelte sich daher in dieser Hinsicht keine „Erinnerungen,“ und ließ sich an ihrem Beruf, an geselligem Verkehr, an unterhaltender, unterrichtender Lektüre genügen. Auf der Bühne traf sie gleichwohl nicht nur den Ton einer fröhlichen und schalkhaften Liebhaberin, der ihr unmittelbar von Herzen ging, sondern auch den Ausdruck tieferer Neigung, worüber sich nur diejenigen wundern können, denen die Schöpferkraft der wahren Künstlernatur unbekannt ist. Um Liebe darzustellen, muß man nicht, was man sagt, geliebt haben, so daß man darnach seine eigenen Erfahrungen spielt, es genügt die Liebefähigkeit. Und diese besaß die Künstlerin, mächtiger als sie bis jetzt sich zugetraut hatte, wie sie nun zu ihrem Leide erfuhr.

Heinrich hatte schon einen freundlichen Eindruck in ihr hinterlassen nach der ersten Begegnung auf der Straße. Davon war die Ursache nicht nur seine jugendlich männliche Schönheit, sondern der Schein des Genius in seinem Gesicht und die Treuherzigkeit seines Wesens, der das lächelnerregende gelinde Ungeschick eher nützte als schadete. Als sie in dem ihr Empfohlenen den jungen Mann erkannte, der ihr so schnell interessant geworden war, hatte sie die angenehmste Empfindung, und die erste Unterredung ließ geradezu eine Neigung in ihr aufkeimen, wobei Streben und Vorhaben des Poeten heitere Bilder der Hoffnung vor ihre Seele riefen. Sein begeistertes Lob ihrer Franziska klang ihr um so wohlthuender, als sie darin ein Entgegenkommen sehen zu können glaubte; und wenn sie ihm bei zu geringer Schätzung des classischen Stücks mit einer empfindlichen Mahnung entgegen trat, so lag der Grund eben in der näheren Theilnahme, der an dem Liebgewordenen eine Schwäche ärgerlich war. Die leichten Lieder, die er heute gelesen, auch die ersten erotischen, aus denen kein natürlicher Ernst hervorsah, stimmten zu ihrer Hoffnung; und nun mußte die Erklärung des Verlobten die zarte Maienblüthe ihres Glücks mit einemmal hintilgen!

Die Mutter, als Rosa sich endlich in’s Lesen zu finden schien, ging in die Küche. Nach einer Weile kam sie wieder und jene, das Heft weglegend, bemerkte: „Da hab’ ich nächstens wieder ziemlich geschraubte Dinge zu sagen. Was doch die Poeten manchmal für Reden drechseln, die wir dann natürlich und zierlich vortragen sollen, mit einem Ernst, als ob sie uns just aus dem Herzen kämen!“ Die Mutter, ernst lächelnd, erwiederte: „Es wird so arg nicht seyn. Uebrigens gehört das eben zum Komödiespielen. Wenn die guten Dichter uns helfen, so müssen wir dagegen den mittelmäßigen beistehen.“ — „Eine Pflicht, die zuweilen sehr lästig werden kann,“ erwiederte Rosa mit einem Seufzer. Sie fuhr über ihre Stirn und sagte: „Ich bin müde und mein Kopf ist eingenommen. Am Ende,“ fuhr sie mit halbem Lächeln fort, „ist’s der Duft der Poesie, die wir heute vernommen haben. — Sey’s was es wolle, ich geh’ zu Bette.“ Sie reichte der Mutter die Hand und sagte mit weicher Stimme: „Gute Nacht, Mutter!“

Die gute Frau nahm sie in ihre Arme, küßte sie auf die Stirn und erwiederte herzlich: „Schlafe wohl, mein Kind!“ Beide sahen sich an und der feuchte Glanz ihrer Augen ließ sie wechselseits in ihren Herzen lesen. Die Mutter nickte mit dem Ausdruck ernsten Bedauerns. Da hob Rosa den Kopf empor, lächelte und rief: „Dummes Zeug! Gute Nacht, Mutter!“

Als sie das Zimmer verlassen hatte, stand die Frau eine Weile nachdenkend und sagte dann: „Ich hoffe, es wird vorüber gehen. Allerdings ist’s ihre erste Neigung und sie geht tiefer, als sie selber zu wissen scheint. Aber das Mädchen ist verständig und hat Charakter — sie wird’s überwinden.“

Nach Verfluß einiger Tage sah die wackere Frau den Liebling in einer Stimmung, die sie in ihrer Hoffnung bestärkte. Am andern Morgen nach jenem aufklärenden Abend hatte sie über Kopfweh geklagt und endlich unterbrochenen Schlaf bekannt; aber am folgenden zeigte sie ein heiteres Gesicht, scherzte zärtlich mit der Mutter und benahm sich fast ganz wie ehedem. Die Rolle, über deren Unnatur sie geklagt hatte, spielte sie mit mehr Leben und Beifall als früher, lächelte darnach über sich selber und kehrte mit zufriedenem Gemüth nach Hause zurück.

Als Heinrich einen Tag später mit der Tragödie kam, wurde er von Mutter und Tochter so heiter wie freundlich empfangen und das Manuscript von der Künstlerin mit einem Ausruf des Vergnügens begrüßt. „Endlich,“ rief sie, indem sie es mit beiden Händen faßte, „haben wir es! — Und das andere?“ fuhr sie nach einem Moment fort, „haben Sie’s eingereicht?“ — „Heute,“ erwiederte der Poet. „Der Herr Intendant war nicht zu sprechen, ich hatte mich aber vorgesehen, das Manuscript mit einem Schreiben eingesiegelt —“ „Gut,“ rief die Künstlerin. „Mögen unsere Geschicke sich nun erfüllen! — Ich bin sehr neugierig, besonders nach der Andeutung, die Ihnen letzthin entschlüpft ist — auf die Heldin.“

Heinrich lächelte mit einer gewissen Unruhe. „Ich bitte nur,“ sagte er dann, „das Stück im Zusammenhang, Scene für Scene, und da es denn doch eine Tragödie ist, mit ernster Hingebung lesen zu wollen.“ — „Mit dem günstigsten Vorurtheil, mit Liebe werde ich’s lesen,“ erwiederte Rosa lächelnd. — „Um so besser,“ versetzte Heinrich. „Eine Dichtung kann nur wirken, wenn ihr der Leser mit Vertrauen und Neigung entgegen kommt. Es ist natürlich, die Gaben des Poeten sind eine Art von Speise, die nur munden kann unter Voraussetzung des entsprechenden Appetits.“ — „Da haben Sie’s bei mir eben getroffen,“ versetzte die Schauspielerin. „Was ich vor Ihrem poetischen Mahl fühle, ist nicht nur Appetit, sondern geradezu Hunger zu nennen. Das ist aber bekanntlich der beste Koch und kann auch —“ Sie unterbrach sich selbst und fuhr mit zurückgehaltener, nur leise durchscheinender Laune fort: „Genug, ich glaube nicht nur in bester Stimmung zu seyn, Ihre Dichtung zu würdigen, sondern ich verspreche Ihnen auch, mit allem Ernst an die Lektüre zu gehen und mit aller Andacht dabei auszuharren.“ — „Und ich,“ versetzte der Poet mit glänzenden Augen, „glaube Ihnen und sage Ihnen dafür den besten Dank.“

Er sah von der Tochter auf die Mutter und fuhr fort: „Es ist ein großes Glück für mich, daß ich so liebenswürdige Gönnerinnen gefunden habe. Ich weiß es aber auch zu schätzen. Lassen Sie mir’s nur auch ferner angedeihen! Entziehen Sie mir Ihr Wohlwollen nicht! Ich werde Ihres Raths und Ihrer Hülfe nur immer mehr bedürfen — und sie mit der dankbarsten Verehrung erwiedern.“

Auf diese mit Herzlichkeit gesprochenen Worte versetzte die Mutter: „Rechnen Sie auf jeden Dienst, den wir ihnen leisten können. Sie sind uns von einem braven Mann und bewährten Freund empfohlen, und in der kurzen Zeit, wo wir Sie kennen, haben wir Sie liebgewonnen, erwarten von Ihnen das Beste —“ — „Nun,“ rief die Tochter mit gütigem Blick, „und wenn es Sie beruhigen kann — so lassen Sie uns Freundschaft schließen, treue Freundschaft! —“ Sie bot ihm die Hand, Heinrich ergriff und drückte sie, indem ein Strahl des Dankes ihm aus dem Auge ging.

„Sie sind verlobt und glücklich,“ fuhr das Mädchen mit edlem Ausdruck fort, „und wenn der Erfolg hinzu kommt, haben Sie kaum noch etwas zu wünschen. Aber eine Freundin beim Theater kann einem Dramatiker immer noch nützlich seyn, denn hier findet sich immer was zu thun.“ — Sie hielt ein wenig inne, und indem ihre Miene sich anmuthig aufheiterte, fügte sie hinzu: „Nun, und für alle Dienste, die ich Ihnen zu erweisen gedenke, verlange ich nichts, als daß Sie mir gelegentlich eine hübsche Rolle schreiben.“

„Oh,“ rief Heinrich, „mit dem größten Vergnügen! Seit ich Sie als Franziska gesehen, ist mir ein Licht aufgegangen über den bezaubernden Reiz einer ächten Lustspielfigur, und ich sage mir, wie schön es wäre, wenn mir auch auf diesem Felde etwas gelänge. Aber lassen wir den Vortheil; ich verehre Sie, mein Fräulein — Ihre Kunst, Ihren Charakter, Ihre Herzensgüte, und wenn ich Ihnen etwas zu Danke machen könnte, würde ich mich unendlich glücklich schätzen.“

Dieß war mit einer Wärme gesprochen, daß Rosa, beglückt, gerührt, ihm nochmal die Hand gab, und die ernstfreundliche Mutter deßgleichen.

Nachdem der Poet sich empfohlen und entfernt hatte, sagte Rosa zur Mutter: „Ich wünsche von Herzen, daß das Stück sich bewährt und auf dem Theater etwas macht. Es ist wirklich ein braver Mensch, voll des besten Willens und kein Falsch in ihm. Eine rührende Mischung von Geschick und Ungeschick, Verstand und Naivetät — von einer Naivetät, die andere vielleicht Blindheit nennen möchten —“ — „Ein Dichter,“ fiel die Mutter mit dem halb ironischen Lächeln des Wohlwollens ein, „der mehr in einer Welt der Träume als in der wirklichen zu Hause ist. Die Erfahrung wird ihn schon klüger machen, obwohl ich sehe, daß er auch schon mit seiner Naivetät gar sehr zu wirken und die Herzen für sich zu gewinnen vermag.“ — „Vielleicht,“ erwiederte Rosa, die nachdenklich dagestanden, „hilft sie ihm auch beim Publikum durch — es gelingt der erste Wurf, und wir haben einen Glücklichen mehr.“

Die Künstlerin hatte sich von dem ersten Schmerz, welcher nach dem plötzlichen Versinken einer lieblichen Hoffnung ihr Herz angefallen, in Wahrheit erholt. Es war still geworden in ihr, nachdem sie mit ausdauerndem Wollen den letzten Unmuth der Enttäuschung überwunden hatte, und da sie dem jungen Mann, für den eine Neigung in ihr entstanden war, doch eigentlich keinen Vorwurf machen konnte, so glaubte sie in dem erhebenden Gefühl der Genesung ganz zu seiner Freundin, seiner uneigennützigen Freundin geeignet zu seyn.

Nun mußte sie aber doch erfahren, daß eine Neigung, die, wie rasch immer, sich einmal in’s Herz gesenkt hat, nicht so leicht wieder vergeht oder in ein anderes Gefühl sich wandeln läßt. Das Bild des jungen Mannes stellte sich ihr vor die Seele, sie fühlte mehr und mehr einen Zug zu ihm hin, ein Hangen und Wohlgefallen, welches nicht das der Freundschaft war. Konnte sie nicht mehr hoffen, so war es doch immer noch Liebe, was sie empfand, und diese hatte nur einen andern Charakter. Es war die Liebe, die sich aus sich selber nährt und aus der stillen tiefen Freude an dem Geliebten; die Liebe, die sich mit Großmuth paart und im Bunde mit ihr auch die Entsagung versüßen kann. Es ist auch eine schöne Flamme, die heimlich im Herzen lodert und deren Strahlen geistig hold um den Geliebten spielen. Wenn sie unerwiedert bleibt, so ist eben damit ein eigenthümliches Glück verbunden; die liebende Seele kann sich dann des reinen Schenkens und Gebens bewußt seyn. Und wenn Geben, von Empfangen belohnt, seliger ist, Geben ohne Lohn ist edler und größer.

Rosa, der schmeichelnden Einladung folgend, wurde in einen Strom von Empfindungen getaucht, die ihr gänzlich neu waren und deren Schauer sie mit Staunen erfüllten. Wie oft hatte sie die Liebe schon gespielt, und mit Leben, ja mit Leidenschaft gespielt! Aber es war doch nur eine Leidenschaft der Phantasie, wobei das Herz nur in gewissem Sinn mitwirkte. Die Gefühle, die jetzt in ihr erstanden, waren That und Wahrheit, von Natur getränkt, und übten auf sie eine unwiderstehliche Anziehungskraft.

In diesen Tagen einer verhängnißvoll sich entwickelnder Neigung war das Mädchen durch ein Zusammentreffen von Umständen an der Bühne nicht beschäftigt. Sie brachte die meiste Zeit daheim zu, verkehrte mit der Mutter in alter Gemüthlichkeit, die jetzt nur einen stilleren, sanfteren Charakter hatte, und die Mutter konnte wohl an eine vollendete Heilung glauben. Aber die Krankheit war eine Liebe, die vielmehr gepflegt und genährt wurde.

Zuweilen, wenn die Neigung in der Liebenden zum Verlangen wurde und sich plötzlich die Hoffnungslosigkeit vor sie stellte, begann es freilich in ihr zu beben und zu glühen, und sie fühlte: wenn das dauerte, wär’ ich verloren! Aber sie riß sich heraus aus diesen Empfindungen, die Kraft der Entsagung überwog, ihr natürlich frischer Sinn half, und es blieb von dem Leidgefühl nichts zurück, als eine milde Trauer, die sie gleichfalls in sich zu verschließen wußte.

Sonderbare Gedanken gingen durch ihren Kopf. „Was ich jetzt habe,“ sagte sie sich einmal, „ist mir doch lieber, als meine frühere leichte Fröhlichkeit. Ich würde mir’s nicht mehr nehmen lassen! — Wer weiß? Vielleicht ist das eben recht für eine Schauspielerin! Die Andere ist glücklich in der Wirklichkeit, ich im Bilde, und vielleicht spielt nur die Entsagung mit wahrer Innigkeit und Leidenschaft, und ich gewinne an Ruhm auf dem Theater, was ich an Glück im Leben verliere.“

Eine Woche ging hin, ohne daß sie zum Lesen der Tragödie gekommen war. Wie stark erst ihre Neugierde gewesen, es erhob sich in ihr eine Scheu, das Manuscript anzusehen, die mächtiger wurde und sie immer wieder zögern ließ. War es die Besorgniß, die Dichtung möchte nicht gelungen seyn, der Geliebte möchte sich nicht rechtfertigen als dramatischer Poet und sie in die Lage kommen, ihn beklagen, mit ihm leiden zur müssen? Oder war es ein Zagen vor der Heldin, deren Urbild der Autor hatte errathen lassen? Die Furcht, sie möchte diesem Idealbild allzu unähnlich seyn, allzu tief unter ihm stehen, und schmerzlicher Demüthigung, unwiderstehlicher Eifersucht überliefert werden? Vielleicht alles zusammen. Nachdem sie diesem Gefühl indeß wieder und wieder nachgegeben, kam zu der innern Mahnung, ihr Versprechen zu halten, größeres Vertrauen zu dem Dichter und zu sich selber. Eines Abends, wo die Mutter ausgegangen war, nahm sie das Heft vor und las.

Das Verzeichniß der Personen mit den Namen und Titeln alter Zeiten ermangelte nicht, ein gewisses romantisches Verlangen in ihr zu erregen. Sie ging die erste, zweite, dritte Scene durch und fühlte sich angezogen. Warme Situationen, und ein warmer, inniger Ton, dem die Ueberschwänglichkeit, zu welcher sich einzelne Worte und Zeilen verstiegen, nicht eigentlich schadete; glühende, tiefe Liebe zweier Personen, die für einander geschaffen und einander werth waren; heroische, opferfreudige Kraft, mit feindlichen Mächten in Kampf zu treten und zu siegen in Triumph oder Untergang.

Die Schauspielerin, sich selbst vergessend, las weiter. Die geahnten, gefürchteten Wolken steigen am Horizont der sonnebeglänzten Landschaft, in welche das Liebespaar gestellt erscheint, rasch empor und entfalten sich drohend. Ein erster Zusammenstoß erfolgt, und die Liebe, die Treue siegt. Aber andere Menschen mit andern Leidenschaften und Zwecken treten auf, nähern sich der feindlichen Gewalt, sehen sich von ihr angezogen, beredet, und in Verflechtung selbstischer Interessen knüpft sich ein Bund, welcher dem Neid, der Eifersucht und dem giftigen Groll unwiderstehlich dienen zu können scheint.

Der erste Akt ist zu Ende. Für die Aufführung allerdings zu lang und einzelne Scenen in der zweiten Hälfte nicht klar, nicht schlagend genug. Aber beiden Uebelständen kann durch Streichen und theilweises Umarbeiten abgeholfen werden. Dann wird er nicht nur als Exposition seine Schuldigkeit thun, sondern bereits wirklich ergreifen, einen großen romantischen Prospekt eröffnen und durch die eigenthümliche dichterische Sprache das Publikum anziehen und erheben.

Die Künstlerin, die über ihre bisherige Rollensphäre hinaus begabt war, fühlte sich zufrieden und wahrhaft glücklich. Sie freute sich im Namen des Poeten, der sich als dramatischen, als Bühnendichter bewiesen; sie freute sich der Poesie, die aus dem Buch in ihre Seele strömte; und — sie freute sich über sich selber, daß die ihr allerdings nicht ähnliche Heldin, mit der sie aber dennoch fühlen konnte, ihr vielmehr lieb geworden war. Die Poesie ist heilig und heiligend. Wenn die Seele zu ihr sich erhoben hat, schweigen die irdischen Gefühle und Leidenschaften, und bewußt oder unbewußt sieht der Geist die Wirklichkeit vom Gesichtspunkt des Ewigen.

Rosa, wie gerührt sie war und wie sehr sie auf das Kommende sich freute, wollte für jetzt doch nicht weiter gehen. Sie fühlte sich durch das Bisherige schon eingenommen und gewissermaßen gesättigt. Es war ein guter, ein sehr guter Anfang; an ihm wollte sie sich ergötzen, ihn wollte sie in der Seele tragen und den Genuß des verheißenen guten Fortgangs auf die folgenden Tage sparen. War ihre Liebe zu dem Manne doch schon jetzt vertieft und erhöht — durch die Achtung, die er ihr eingeflößt! Wie schön, wenn er durchdrang mit seiner ersten Dichtung, um ihr immer bedeutendere, reifere nachfolgen zu lassen! — Sie stand auf, ernst und gehoben, mit dem Ausdruck eines guten und gut seyn wollenden Gemüths.

Unterdessen hatte sich Heinrich weiter in der Residenz umgesehen, neue Bekanntschaften gemacht und, da er nicht feiern konnte, sogar eine neue dramatische Arbeit begonnen — wieder ein Trauerspiel. Dieses freilich nicht aus Trotz gegen die Rathschläge der Klugheit und auf seinen Genius pochend, sondern einfach, weil er nur dazu einen Entwurf besaß und nicht zu einem Schauspiel oder Lustspiel. Er trat aber darin dem Schauspiel bereits etwas näher, und sehr schmeichelte ihm nun der Gedanke, die Vorzüge der Tragödie und des Dramas in der neuen Dichtung vereinigen und beide Parteien zufrieden stellen zu können. Das allein schien ihm auch die seiner in der That würdige Aufgabe, während er sich, ein Schauspiel fertigend, wie man es wünschte, von der Höhe, zu der er sich berufen halten mußte, doch einigermaßen herabzusteigen schien.

Doctor Willmann hatte ihm einen Gegenbesuch gemacht; er suchte ihn wieder auf, benahm sich schon freier, kameradschaftlicher gegen ihn, und der Schriftsteller nahm ihn eines Abends in eine Gesellschaft mit, die sich in einem Bierlokal zu versammeln pflegte. Es waren meist jüngere Männer, Beamte, Aerzte, ein paar Offiziere und mit Willmann drei Literaten. Heinrich wurde von seinem Einführer als Dramatiker vorgestellt und dann besonders mit einem der Schriftsteller bekannt gemacht, der ungefähr seine Jahre hatte. Doctor Dorn — so hieß derselbe — bot ihm einen Stuhl neben sich, und es zeigte sich bald, daß er, unter anderem, auch Theaterkritiker war. Als Heinrich dieß vernommen, konnte er nicht umhin, seine Freude darüber auszusprechen und in seiner Miene eben so viel Achtung wie Vergnügen an den Tag zu legen. Dem Kritiker gefiel dieß; er erkundigte sich nach dem Stück, und auf unsern Poeten hatte die Residenzluft schon so gut gewirkt, daß er unwillkürlich über die Aufgabe mit Wärme, über die Leistung aber bescheiden sich ausdrückte und dem andern dadurch als ein Mensch erschien, dem man seiner Bravheit wegen unter die Arme greifen könne. Das Bier, das man in dem Lokal erhielt, war schmackhaft, die neuen Bekannten stießen wiederholt an, tranken nach Durst und gingen um Mitternacht fast als gute Freunde nach Hause, indem sie unter dem dunkeln Nachthimmel mit Köpfen hinwandelten, die durch Getränk und Gesprächeslust hell erleuchtet waren.

Zwei Tage darauf las man in einer Zeitung, deren Feuilleton hauptsächlich der Feder Dorns offen stand: „An der hiesigen Hofbühne ist eine neue Tragödie eingereicht, welche durch effektvolle Scenen und durch eine edle, schwungvolle Diktion große Hoffnungen erweckt. Der Dichter, Heinrich Born, dem literarischen Publikum durch geistreiche Aufsätze und Kritiken bekannt, weilt hier und ist bereits wieder mit einem neuen Stück beschäftigt.“ — Heinrich, der das Blatt in einem Speisehaus arglos zur Hand genommen hatte, fühlte sich durch die öffentliche Hervorhebung so betroffen, daß er ordentlich zurückfuhr. Nach der ersten Ueberraschung wog aber das Vergnügen, mit so viel Ehren genannt zu seyn, als es zunächst irgend möglich erschien, doch bei weitem vor; er las die Notiz wiederholt, überlegte den wahrscheinlichen Effekt auf Publikum und Intendanz und verließ die Restauration mit den angenehmsten Empfindungen.

Zufällig kam ihm auf der Straße Willmann entgegen. Mit einem Lächeln, worin Bonhomie und gemüthliche Satire bis zur Liebenswürdigkeit gemischt waren, rief dieser: „Nun, ich gratulire! Sie haben doch gelesen?“ — „So eben,“ erwiederte Heinrich, indem er ihm die Hand reichte. „Es freut mich, und ich muß Ihnen für die Bekanntschaft nochmal herzlich danken.“

Der Doctor zuckte ablehnend die Achsel und bemerkte: „Er muß sehr für Sie eingenommen seyn; sonst ist er mit Lob und Empfehlung nicht so rasch bei der Hand.“ Heiter für sich hinsehend schwieg er einen Moment. „Apropos,“ setzte er dann hinzu, „haben Sie die beiden Herrn schon besucht?“ — „Besucht wohl,“ erwiederte der Dramatiker, die Regisseure verstehend, „aber nicht zu Hause getroffen.“ — „Ich habe vorgestern,“ sagte der Andere, „mit ihnen gesprochen. Gehen Sie morgen früh zu ihnen, beide werden zu Hause seyn.“

Sie trennten sich händeschüttelnd, und Heinrich sagte sich im Weitergehen, daß er, mit Ausnahme eines Einzigen, bis jetzt eigentlich doch lauter freundliche, liebenswürdige Leute hier getroffen habe und alles nur immer besser sich anlasse.

Andern Tages machte er sich bald auf den Weg und besuchte zuerst den Regisseur des ernsten Dramas. Er fand einen stattlichen Mann von reifem Alter, dessen bedeutendes, mit einigen Runzeln versehenes Gesicht eben so viel Würde als Wohlwollen ausdrückte. Man sah ihm an und fühlte auch durch seine Höflichkeit hindurch, daß er seit Jahren Heldenväter spielte und eben so auf dem Schlachtfeld wie im Thronsaal oder auf dem Throne selbst an seinem Platze war. Nach dem ersten Willkomm gestand er dem jungen Dramatiker, daß er sein Stück nur dem Titel und den Personen nach kenne, sich aber freuen würde, eine Tragödie im höheren Styl darin zu finden, die er zur Aufführung befürworten könnte. Denn man möge sagen was man wolle, das Trauerspiel bleibe immer die Hauptsache für das Theater und müsse namentlich an Hofbühnen, wie die hiesige, gepflegt werden.

Heinrich war damit freudig einverstanden und drückte die Hoffnung aus, daß seine Tragödie, für deren höhere Haltung er einstehen könne, auch als wirksames Theaterstück sich erproben möchte. Nur zu lang würde sie wohl noch seyn!

Der Regisseur, der bis jetzt ernst dagestanden, zeigte in seinem Gesicht den Ausdruck heiterer Ueberlegenheit. „Wenn das Stück nur sonst gut gebaut ist,“ sagte er dann, „den Uebelstand der Länge wollen wir schon beseitigen.“ Der Poet nickte begreifend, mit einem Lächeln, in das die Ahnung eines mörderischen Einbruchs in seine Verse einen leisen Zug von Schmerz und Verlegenheit brachte. Der Heldenvater, dieß gewahrend, fuhr fort: „Ich weiß wohl, daß wir den Herrn Dichtern an’s Herz greifen, wenn wir ihnen Stellen herausstreichen, die sie gern für ihre schönsten zu halten pflegen. Aber es geschieht doch nur zu ihrem Besten, und ich würde Ihnen rathen —“

Heinrich, nach einer heroischen Anstrengung, entgegnete: „Herr Regisseur, ich stelle Ihnen meine Tragödie zur Verfügung. Verfahren Sie damit ganz, wie es Ihnen gut dünkt; denn ich weiß, ein Künstler wie Sie, streicht nur das Ueberflüssige und wirklich Schädliche, damit das Aechte, Schöne und Reine um so besser wirke.“ — „Darauf,“ erwiederte der Regisseur, „können Sie sich verlassen! Das Theater und der Dichter haben Ein Interesse, und wir werden nichts aufgeben, womit man auf die Zuschauer Effekt machen kann. Ein Stück zum Lesen und ein Stück zum Aufführen ist zweierlei. Was beim Lesen charmant seyn kann, wird auf der Bühne, wenn es die Handlung aufhält, unangenehm, sehr unangenehm, und ohne die Streichfeder der Regie würden die meisten deutschen Bühnendichtungen an ihrer eigenen Poesie zu Grunde gehen. — Vertrauen Sie,“ fuhr er lächelnd fort, „in dieser Beziehung ganz den Schauspielern. Wenn Ihr Stück angenommen wird, so dürfen Sie später auch den Vorschlägen der einzelnen Darsteller unbedenklich folgen und noch mehr aufopfern; denn womit einer etwas machen kann, das läßt er sich nicht nehmen.“

Unser Poet, die Skrupel, die in ihm aufgestiegen waren, unterdrückend, gab seine Zustimmung mit Ernst und in so guter Manier, daß der Künstler geradezu für ihn eingenommen wurde. Er eignete sich für das Stück ein günstiges Vorurtheil hauptsächlich wegen der Einsicht an, die der junge Mann bewies, und sagte endlich, indem er ihm die Hand gab: „Was ich für Sie thun kann — natürlich in Uebereinstimmung mit den Interessen der Bühne — das geschieht, verlassen Sie sich darauf! Es sollte mir sehr lieb seyn, wenn wir aus Ihrer Dichtung mit einander ein rechtes Theaterstück herausarbeiten könnten. Ich bin jetzt um so neugieriger darauf und hoffe, ich werde es bald vornehmen können.“

Mit großer Beruhigung verließ Heinrich den einflußreichen Mann. Er fühlte, wie sich ihm der Boden unter den Füßen zusehends consolidirte, und freute sich nun auf den Besuch bei dem zweiten Regisseur, obwohl er in Folge der ihm gewordenen Charakteristik eine gewisse Scheu vor ihm empfunden hatte. Unmittelbar verfügte er sich zu ihm.

Eingetreten in eine Stube, die eine ziemlich malerische Unordnung verrieth, wurde er von einem länglichen, hageren Mann willkommen geheißen, in dessen Gesicht und Accent ein sarkastischer Ausdruck stehend geworden war, so daß nun auch die Versicherung seiner Freude, den Autor des eingegangenen Theaterstücks kennen zu lernen, einen unverkennbar ironischen Klang hatte. Heinrich, dem sich dieß aufdrängte, fühlte sich etwas aus der Fassung gebracht, und es wurde ihm noch unheimlicher, als der Regisseur ihn mit einer Miene betrachtete, welche, durch alle äußere Freundlichkeit hindurch, zu sagen schien: „Der sieht mir auch aus, als ob er uns Zeug brächte, das niemand genießen kann!“

Seiner anderweitigen Protektionen gedenkend, faßte sich aber der Poet und empfahl seine Dichtung mit Würde, indem er hinzufügte: die Urtheile, die er schon darüber vernommen, berechtigten ihn zu der Hoffnung, daß sie auch dem Herrn Regisseur nicht ganz mißfallen werde. — „O,“ rief dieser mit Emphase, „davon bin ich überzeugt! — Auch die Presse,“ fuhr er nach einem Schweigen mit bedeutsamem Blick fort, „hat auf das Stück bereits aufmerksam gemacht —“ — „Aber ohne daß ich dazu Veranlassung gegeben,“ fiel Heinrich ein. „Ich wurde selber davon überrascht.“

Mit einem Gesicht, welches vergnügten Unglauben ausdrückte, entgegnete der Schauspieler: „Fällt mir nicht ein, das anzunehmen! Man kennt ja die Herrn Feuilletonisten und ihre Art voreilig zu protegiren, um hinterdrein — Nun, ich bin auf Ihre Dichtung gespannt und zweifle nicht, daß sie vortrefflich seyn wird. Aber ich muß Ihnen doch gestehen: Tragödien sind eigentlich nicht mein Fach, und, um Alles zu sagen — auch nicht meine Passion. Sie sind schwierig zu lernen, kostspielig in Scene zu setzen und lohnen sich selten.“

„Wenn aber eine einschlägt,“ warf Heinrich ein, „dürfte sie doch —“ — „Ein Gewinn seyn?“ ergänzte der Andere, indem er ihn heiter fixirte, „ja. Und wenn ich das der Ihrigen ansehe, ist Ihnen meine Empfehlung gewiß.“

„Tragödien,“ fuhr der Poet nach leichtem Kopfneigen mit halbem Lächeln fort, „können am Ende doch nicht ganz vom Repertoire ausgeschlossen werden.“ — „Natürlich nicht,“ erwiederte der Regisseur. „Was würden wir da mit unsern Tragikern — unsern Heldenspielern und Heroinen anfangen? Und sogar das Publikum will hie und da noch ein neues Trauerspiel sehen.“ — „Zur Abwechslung,“ setzte der Poet hinzu, der auf die Manier des Mannes einzugehen anfing. — „Ja wohl,“ versetzte der Andere, „und am Ende aus alter Gewohnheit. Aber sie müssen selten kommen — immer seltener —“ — „Bis sie endlich ganz verschwinden können!“ setzte der Poet halb fragend hinzu. — „Ich meinerseits,“ entgegnete der Schauspieler, „würde mich zu trösten wissen.“

Heinrich, der im Regisseur nun deutlich die lustige Person erkannte, lachte und jener schien das wohl aufzunehmen. Er sah den Poeten freundlicher an und fuhr dann mit einer gewissen Bonhomie fort: „Sie dürfen diese Aeußerungen nicht so schlimm aufnehmen, Herr Doctor. Jeder liebt am Ende, was er kann und womit er Ehre einzulegen hofft, und meine Sphäre ist die Komödie, das Conversationsstück, und was so drum herum liegt. In Tragödien kommt höchstens einmal ein Bösewicht an mich, der mehr drolliger Schuft als erhabener Verbrecher ist, und größere Ansprüche kann ich auch nicht erheben. Abgesehen davon, daß das Erhabene nicht mein Fach ist, so besitzen wir hier für die große Gattung einen Mimen, der schon durch sein Auftreten und den Schauerblick seines rollenden Auges dem Publikum Grauen einflößt, und wenn dieser in Ihrem Stück eine Rolle hat, gratulire ich Ihnen im voraus. Eine edle, tugendhafte Partie in einem Trauerspiel ist für mich geradezu ein saurer Apfel, in den ich nur beiße, wenn’s eben nicht anders geht. So ist mir der Sinn für die Tragödie, den ich in meiner Jugend wohl auch gehabt habe, fast gänzlich entschwunden, und ich fühle leider, daß ich auch die hochpoetischen nicht ganz so schätzen kann, wie sie’s verdienen. Indessen,“ fügte er mit einer Miene hinzu, die es fast bis zum Ernst brachte, „meine Pflicht verlangt, den ehrenvollen Ruf und den Vortheil der Bühne im Auge zu haben, und wenn sich dieß mit Ihren Wünschen vereinigen läßt — zählen Sie auf mich!“

Der Dramatiker, durch das launige Bekenntniß ergötzt und die ernstliche Zusage ermuthigt, reichte dem Künstler dankend die Hand und beide schieden mit beinahe freundlichen Empfindungen, jedenfalls unter cordialen Betheurungen.

„Auch das,“ sagte der Poet auf der Straße zu sich, „ist besser gegangen, als es zuerst das Aussehen hatte. Nun, der Poesie kann am Ende niemand widerstehen, und wenn er sich dem Stück hingibt —“ Er sah geradeaus und seine Miene erhellte sich froh: in einer jungen Dame, die auf ihn zukam, hatte er Rosa erkannt. Grüßend trat er zu ihr und betrachtete sie verwundert. Aus ihrem Gesicht sprach eine Freude und eine Güte, die es glänzend verschönten, und zugleich ein höherer Ernst, als er je an ihr wahrgenommen hatte.

„Es freut mich sehr,“ antwortete sie auf den Gruß, „daß ich Sie treffe! Ich hab’ Ihre Tragödie gelesen — anderthalb Acte —“ — „Nun?“ rief Heinrich, dessen Herz zu pochen anfing. — „Ich wünsche Ihnen Glück von ganzem Herzen! Was ich bis jetzt kenne, hat mich außerordentlich angezogen; es ist ein förmlicher Zauber, und wenn das so fortgeht —“ — „O,“ rief Heinrich, an weitere Scenen denkend, mit inniger Ueberzeugung, „es muß noch besser kommen!“ — „Nun,“ versetzte sie, „dann kann ich wenigstens nur an einen vollständigen Erfolg auf dem Theater glauben. — „Ah,“ rief der Autor, dem ein Strom der Wonne durch die Brust ging, „das ist heute ein glücklicher Tag!“

Er berichtete ihr in Kürze über seine Besuche und ließ deren Ergebniß unbewußt im besten Licht erscheinen. Rosa’s Gesicht erheiterte sich und sie rief: „Das geht ja gut über Erwarten! Vor Berger (so hieß der Regisseur des Lustspiels) brauchen Sie nicht bange zu seyn. Wenn ein Trauerspiel wirklich ergreift und fortreißt, hat auch er Respekt davor, und überhaupt ist er nicht so schlimm, wie er aussieht. Ich gestehe Ihnen, ich freue mich außerordentlich, das Stück zu Ende zu lesen und dann mit Ihnen darüber zu sprechen. Diese Woche bin ich freilich sehr beschäftigt, aber in der nächsten hoffe ich damit fertig zu werden.“ Sie grüßte den Autor mit dem Blick einer Schwester und ging dem Theater zu, wohin sie eine Probe rief.

Heinrich sah ihr nach und wandte sich nur zögernd um. „Eine wahre Freundin!“ rief er weitergehend. „Sie nimmt wirklichen Antheil an mir und meinem Schicksal. Wie schön, daß ich sie gefunden habe!“

Das Glück des Poeten war aber heute im Zug und die Fülle seiner Gaben noch nicht erschöpft. Als er nach Hause kam, fand er ein Schreiben von Auguste. Er erbrach es mit hastigem Finger, las und seine Mienen sagten: das ist mehr, als ich verdiene! Die Stellen, die ihn am meisten erfreuten, lauteten:

„Auf deinen lieben, schönen, poetischen Brief hätt’ ich dir schon früher geantwortet, wenn ich nicht mit der Mutter acht Tage auf Besuch bei Vetter Kronfeld gewesen wäre, der, wie du weißt, seine Fabrik eine halbe Tagereise von uns hat. Die Leute sind reich, gastfrei und waren gegen uns besonders freundlich. Der alte Herr, der mich längere Zeit nicht sah, hat mich förmlich in Affektion genommen, und ich mußte ihm beim Abschied versprechen, nächstes Frühjahr auf längere Zeit wiederzukehren, um, wie er sich ausdrückte, seiner Tochter (die der Mutter nachschlägt und etwas in sich gekehrt und kopfhängerisch ist) zum Vorbild zu dienen. Wie viel Vergnügen wir aber dort hatten, ich bin jetzt doch auch wieder herzlich froh, zu Hause zu seyn, und benutze die erste freie Stunde, um dir zu schreiben.

„O Heinrich, du bist gut, und ich wünsche über Alles, daß es dir auch gut gehe und du für dein Streben, deinen Fleiß und deine Ausdauer nach Verdienst belohnt werdest. Gewiß, niemand in der Welt kann sich mehr über dein Fortkommen und das Gelingen deiner Pläne freuen. Wie schön wäre es, wenn du unsern rechnenden Kaufleuten beweisen könntest, daß man sich auch durch poetische Arbeiten eine ehrenvolle Existenz zu schaffen vermag — von dem Ruhm des Namens zu schweigen. Und warum sollte es nicht möglich seyn? Dir trau’ ich zu, daß du alle Zweifler beschämen wirst.

„Die Schilderung der Bekanntschaften, die du gemacht hast, war von großem Interesse für mich; das Benehmen des Professors hat mich aber in deinem Namen recht geärgert. Unser guter Rektor, dem ich’s vorhielt, lachte und sagte zu seiner Entschuldigung nur: „Ich meinte, er hätte sich gebessert; nun scheint es aber nach den Angriffen, die sein letztes Buch erfahren hat, mit ihm noch ärger geworden zu seyn. Es schadet nichts. Unser Dichter wird Freunde genug finden und den Zopf entbehren können.“

Daß sich die Schauspielerin für dich interessirt, ist sehr gut. Mache dir nur Freunde und cultivire alle Bekanntschaften, die dir nützlich werden können, denn der Werth der Leistungen reicht allein noch nicht aus, man muß auch die Gunst der Menschen dazu gewinnen, und da darf uns kein Gang und keine Artigkeit reuen. Aber, aber! — die schöne Künstlerin, die „einem andern gefährlich werden könnte,“ läßt mich doch auch für dich nicht ganz ohne Sorge! Wirst du immer so „gefeit“ seyn, wie du mir schreibst? Bist du deines poetischen Herzens so ganz sicher? Doch, es ist mir eigentlich nicht ernst mit diesen Reden. Du bist die treueste, ehrlichste Seele, ich kenne dich und ich vertraue dir. Lebe wohl! Versäume nichts, was deinem Unternehmen dienlich seyn kann. Dein Stück, wenn es nur gegeben wird, muß dem Publikum gefallen. Schreibe mir bald wieder.“

IV.

Die nächsten Tage verflossen unserem Dichter auf’s angenehmste. Es ist gar schön, auf ein Ziel hinzublicken, das uns, nicht allzufern, in reizendem Lichte winkt und dessen Erreichen vernünftigerweise nicht mehr bezweifelt werden kann. Das Verlangen darnach wird ruhiger und in Ruhe lieblicher als vor erweckter Zuversicht: die Freude des Gelingens wird im sichern Herzen voraus empfunden.

Heinrich füllte seine Stunden mit Arbeit und Genuß in wohlthuendem Verhältniß. Die Kunstschätze der Residenz hatte er bisher nur theilweise und flüchtig gesehen; jetzt widmete er ihnen eine ernstere Betrachtung und erhielt unter Ergötzungen aller Art eine Fülle poetischer Anregungen. Das Theater, in das ihm der Intendant freien Eintritt gewährt hatte, besuchte er fast regelmäßig, und während er sich dem Vergnügen hingab, das die Handlung in ihm erweckte, lernte er immer mehr einsehen, worauf es hier eigentlich ankam. Gewöhnlich war er ganz Empfänglichkeit und der Kritik völlig unfähig beim Beginn eines Stückes; er freute sich schon, daß es nur das gab, was ihm geboten wurde. Nach und nach trat aber das Urtheil in ihm hervor und wurde nur um so strenger und kühner. Er sah manches, was ihm vorbildlich erschien, noch mehr aber, was ihm unrichtig und schwach dünkte und was er besser zu machen den Beruf hatte.

Sehr anziehend war es für ihn, die Darsteller zu beobachten, welchen er die Hauptrollen in seinem eigenen Werke zudachte. Mit dem Heldenvater und dem Charakterspieler war er sehr zufrieden. Der letztere schien ihm zwar an die Grenze des ästhetisch Erlaubten zu gehen; allein die dämonische Persönlichkeit in seinem Stück war auch ungewöhnlich scharf gezeichnet und eine frappante Entfaltung mimischer Kräfte vielleicht eben in seinem Interesse. — Die heroische Liebhaberin, die ihm schon als Maria Stuart imponirt hatte, sah er auch als Jungfrau von Orleans, und nach beiden Rollen mußte er sie für seine Heldin wie geschaffen halten, da diese mit den Schillerschen Charakteren eine gewisse Verwandtschaft hatte, obwohl sie durch eine Reinheit und Hoheit, womit sie alle Prüfungen bestand, über beide hinausragte. Bei dem Applaus, den die Künstlerin errang, konnte er nicht umhin, kräftig mitzuwirken und nebenbei an denjenigen zu denken, den er bescheiden hinzunehmen hatte.

Sein neues Drama rückte vor. Der Entwurf war genau und erlaubte ihm stetiges Fortarbeiten. Die fertigen Auftritte schienen ihm anziehend und spannend, er freute sich von einem Tag zum andern auf die Fortsetzung, und ein Gefühl sagte ihm: es muß werden!

Eine Mahnung des Dankes bewog ihn, Doctor Dorn zu besuchen. Er wurde freundlich empfangen und die Art, wie er seine Erkenntlichkeit ausdrückte, heiter vernommen. Nach einer Weile fragte ihn der Journalist, welche Blätter ihm dermalen offen ständen. Als Heinrich ihm bekannte, daß er in Journale seit längerer Zeit nichts geschrieben, weil er ganz und gar von seinen dramatischen Arbeiten in Anspruch genommen werde, schüttelte Dorn mißbilligend den Kopf und sagte: „Da haben Sie sehr unrecht gethan, mein lieber Freund! Zeitungen müssen einem immer zur Verfügung stehen, damit man Freundlichkeiten nicht nur in Empfang nehmen, sondern auch erwiedern kann. Wenn Sie als Dichter bekannt werden wollen, müssen Sie nothwendig auch als Referent und Kritiker thätig seyn; denn wer seine Hand nicht in einigen Blättern hat, also weder nützen noch schaden kann, auf den wird man bald keine Rücksicht mehr nehmen.“

Heinrich konnte die Bündigkeit des Schlusses nicht läugnen — unter gewöhnlichen Verhältnissen. Daß er aber sein Streben und sein Talent für eine Ausnahme hielt, die solche Vorsorge gar nicht nöthig haben würde, durfte er dem Andern doch auch nicht gestehen. Er nickte daher bedeutsam, lächelte ein wenig und schien die gute Lehre begriffen zu haben.

Dorn betrachtete ihn mit Vergnügen und mit einem schelmischen Zug um den Mund, wie einen, den man auf den rechten Weg zu leiten im Begriff ist. Nach etwelchen Fragen, die sich auf Heinrichs jüngste Erfahrungen bezogen, legte er diesem ein broschirtes Buch vor und fragte ihn, ob er es schon gelesen habe. Jener verneinte es und setzte hinzu, daß ihm auch der Name des Autors noch nicht vorgekommen sey.

Dorn schmunzelte. „Das ist nicht zu wundern,“ sagte er. „Das Buch ist von mir. Ich wollte aber in einem satirischen Roman ganz ungenirt seyn, und so hab’ ich’s pseudonym herausgegeben.“ — „Ah,“ rief unser Poet, „das muß pikant seyn!“ — „Ich meine schon,“ erwiederte der Autor mit gemüthlicher Selbstgefälligkeit. „Aber bis jetzt hat es doch noch nicht die Beachtung gefunden, die ich mir versprochen habe. Es ist freilich noch nicht lang heraus und muß eigentlich erst bekannt werden. — Interessirt Sie’s?“ fuhr er nach einem Moment fort, „wollen Sie’s lesen?“ — „Wäre mir allerdings sehr lieb —“ — „So nehmen Sie’s mit nach Hause.“

Heinrich fühlte wohl, daß er damit eine Verpflichtung auf sich nahm. Allein er konnte schicklicherweise nicht zurück, steckte das Buch ein und verließ den guten Freund mit dem Entschluß, das Opus zu lesen, und wenn es irgend anging, in einem Journal zu empfehlen.

Im Theater war ihm eine eigene Genugthuung vorbehalten. Rosa trat in einem neuen Familienstück auf und führte die Partie eines Mädchens, die mit aller Munterkeit eines fröhlichen Herzens auftrat, aber nach hereingebrochenem Unglück unerwartete, rührende Festigkeit und Hingebung bewies, in so ergreifender Weise durch, daß sie in den letzten Akten den rauschendsten Beifall erntete. Die Theaterkenner schauten sich verwundert an und gestanden sich, daß sie ihr das nicht zugetraut hätten; Heinrich, dem Thränen in die Augen getreten waren, fühlte sich überaus glücklich und namentlich auch dadurch befriedigt, daß er ihr Talent so richtig begriffen, sie auf die besondere Fähigkeit schon aufmerksam gemacht hatte.

Am andern Tage trieb es ihn zu ihr, um zu gratuliren und ihr sein früheres Wort in’s Gedächtniß zurückzurufen. Das letztere gerieth ihm etwas mentorartig und die Künstlerin zuckte unwillkürlich die Achseln. „Nun,“ sagte sie, „ich muß am Ende doch daran glauben, daß noch etwas mehr in mir steckt, als ich bis jetzt selber gedacht habe. Wenn das Publikum mit seinem Beifall sich irren kann, so geben mir doch Kenner und Aesthetiker, wie Sie, die vollste Bürgschaft. Eigentlich,“ fuhr sie nach kurzem Innehalten leichter und gutmüthiger fort, „kommt es wohl nur auf die Rolle an, die man erhält. Der Dichter schreibt vor, wir müssen ausführen, und — es wächst der Mensch mit seinen größern Zwecken.“

Heinrich erwiederte, dieser Schillersche Spruch sey allerdings richtig, aber das Wachsen setze die Kraft selber voraus, und die Freundin thäte wohl daran, von der gestern Abend glänzend erwiesenen Gabe der Rührung und Erhebung öfteren und umfassenderen Gebrauch zu machen. Die freundschaftliche Besorgtheit um ihr Talent und dessen Ausbildung zog dem Poeten einen Blick zu, den er zu deuten nicht in der Lage war, obwohl ihn ein neues Achselzucken begleitete. Seine Vermuthung ging auf eine geringere Schätzung eben dieser Gabe von Seiten der Künstlerin, und er suchte nun zu beweisen, wie sehr sie durch die entsprechende Pflege derselben sich steigern, ergänzen, und welch vollkommene Genugthuung sie dann empfinden würde.

Rosa hörte stumm zu. Als er mit seiner Argumentation fertig war, sagte sie: „In Ihrer Tragödie hab’ ich noch nicht weiter lesen können; ich muß dazu ganz ruhig und gesammelt seyn.“ — „Ich dränge durchaus nicht,“ erwiederte Heinrich. — „Das ist mir lieb. Auch für die nächsten Tage geht’s noch nicht. Sie wissen, das Theater ist unberechenbar, und ich soll übermorgen gegen alles Erwarten eine Rolle spielen, die ich fast ganz vergessen habe.“ — „Das verträgt sich allerdings nicht mit der Lektüre meines Stücks,“ versetzte der Poet, „und ich würde selber bitten, daß Sie sich von jetzt an möglichst im Zusammenhang erhalten möchten.“

Es wurde ausgemacht, daß Rosa, wenn sie fertig wäre — in acht, höchstens zehn Tagen glaubte sie es zu seyn —, den Dichter zu sich bitten lasse. Heinrich meinte lächelnd: es sey vielleicht gut, wenn er sich noch etliche Zeit in süßer Täuschung wiegen könne, und empfahl sich, „des Rufes gewärtig.“

Acht Tage vergingen, ohne daß dieser erfolgte. Der Poet brachte den ersten Akt seines neuen Stücks zu Ende und machte sich rüstig an den zweiten. Im Eifer des Schaffens kam in ihm die Neugierde, das Urtheil der Künstlerin zu vernehmen, so wenig empor, daß er drei fernere Tage ruhig hingehen ließ. Als aber noch zwei verstrichen, ohne daß Botschaft an ihn ergangen wäre, da fing er doch an bedenklich zu werden; eine dumpfe Aufregung störte sein Denken und Schaffen, und er beschloß, unaufgefordert anzufragen. Im Grunde war Verschiedenes möglich, er brauchte noch gar nichts Uebles zu fürchten bei einer so geringen Hinausschiebung, die ein kleiner Zwischenfall beim Theater erklärte; aber eben darum wollte er nachsehen, um durch Kenntniß des wirklichen Motivs den Gedanken ein Ende zu machen, die ihn zu belästigen anfingen.

Es war ein Operntag; Heinrich begab sich in die ihm so trauliche Wohnung, die er nun doch mit Herzklopfen betrat, gegen Abend und wurde von den beiden Frauen, obschon er sie ernster als gewöhnlich traf, so herzlich, so gütig empfangen, daß er sofort leichter zu athmen begann.

Nach einer Weile sagte Rosa: „Sie kommen heute gelegen; ich hätte Sie morgen zu uns eingeladen.“ — „Sie sind also fertig?“ entgegnete der Poet lebhaft. — „Seit gestern, obwohl ich manche Scenen wiederholt gelesen habe.“

Heinrich, dankend, sah die Künstlerin an. Aus ihrer gehaltenen Miene war ihr Urtheil nicht abzunehmen, obwohl dem Autor so viel klar wurde, daß er unbedingte Beistimmung, wie die ersten Akte sie gefunden, in Bezug auf das Ganze nicht wohl erwarten durfte. Etwas zögernd fragte er daher: „Und Ihre Ansicht?“

Rosa schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Ich habe das ganze Stück mit dem größten Interesse gelesen.“ Heinrich nickte, indem seine Miene unwillkürliches Bedenken verrieth. „Und die Poesie, die Sie in den ersten Acten fanden,“ fragte er dann, „ist sie Ihnen auch in den folgenden erschienen?“ — „O, allerdings,“ erwiederte sie. „Es sind reizende Scenen darin, ergreifende, erschütternde Momente!“ — „Nun,“ versetzte der Autor, wieder beruhigt, „das ist schon etwas! Wie lautet aber Ihr Urtheil im Ganzen? und namentlich, was hab’ ich auf der Bühne zu hoffen?“

Das Mädchen sah ihn an und schien über die Antwort nicht mit sich in’s Reine zu kommen; dann, mit einer gewissen Entschlossenheit, aber doch zugleich mit bescheidener Zurückhaltung im Ton, versetzte sie: „Was den Bühnenerfolg betrifft, so getrau’ ich mir, offen gestanden, nicht, Ihnen etwas Bestimmtes vorherzusagen.“

Der Poet war betroffen, ja bestürzt. „Ah,“ rief er, „das hätt’ ich nicht erwartet! — Sie glauben also, daß es auf der Bühne keine Wirkung machen wird?“ — „Das ist nicht meine Meinung,“ entgegnete Rosa lebhaft, indem sie eine gewisse Verwirrung nicht verbergen konnte.

Die Mutter, die bisher still vor einer weiblichen Arbeit gesessen hatte, bemerkte nun: „Rosa will nichts weiter sagen, als daß sie Ihnen einen Erfolg, wie wir ihn alle wünschen, nur nicht verbürgen kann. Die Möglichkeit will sie keineswegs bestreiten.“ — „Durchaus nicht!“ fuhr die Schauspielerin fort. „Bei einer gewagten Handlung, und die Ihrige ist gewagt, kömmt’s auf eine Linie an. Wird das, was man den Zuschauern bietet, ihnen eben noch recht, oder wird’s ihnen schon zu viel, zu stark seyn? Das ist die Frage, auf die sich namentlich bei Tragödien vor der Aufführung niemand eine sichere Antwort gestatten wird.“

Der Dichter war sehr betreten. Nach der schönen und reinen Anerkennung der ersten Akte hatte er eine Ausdehnung dieses Urtheils auf das Ganze um so mehr erwartet, als nach seiner Meinung das Hauptgewicht der Handlung durchaus in der zweiten Hälfte lag. Zuletzt etwas bedenklich geworden, hatte er sich doch höchstens auf Beanstandung einer und der andern Einzelnheit gefaßt gemacht. Daß das Ganze, die scenische Wirksamkeit der Tragödie überhaupt, eine Frage werden könnte, das hatte er nicht für möglich gehalten; es überraschte ihn schmerzlich, er konnte noch nicht daran glauben.

„Aber,“ begann er, indem sein verdüstertes Gesicht sich wieder zu einem Ausdruck von Selbstgefühl erhob, „die Sprache, wie Sie selber zugeben, ist doch poetisch, die Handlung anziehend, fesselnd, und in allen Akten, besonders in den letzten, kommen Auftritte vor, von denen Andere gemeint haben, daß sie bedeutenden Effekt machen müßten.“ — „Gerade über diese Auftritte in den letzten Akten,“ entgegnete die Künstlerin, „und über die Wirkung derselben auf’s Publikum traue ich mir kein bestimmtes Urtheil zu. Effektvoll sind sie, das ist keine Frage. Aber wenn sie nun — wehe thäten?“ — „Sie meinen, daß sie vielmehr peinlich als tragisch wirken könnten? Aber meine Hauptpersonen sind durch ihren Geist und Charakter innerlich so reich und so erhaben, sie triumphiren im Leid, gewinnen im Untergang —“ — „Das ist Ihre Absicht mit ihnen gewesen,“ versetzte Rosa, „man sieht das wohl. Nun, und in Rücksicht darauf möcht’ ich allerdings das Gelingen für eben so möglich halten.“

„Meine Tochter,“ begann die Frau wieder, „ist nur so ehrlich, Ihnen keine Hoffnung machen zu wollen, die sich nachher nicht erfüllen könnte; und darin, mein lieber Herr Doctor, muß ich ihr Recht geben. Ich habe Ihre Dichtung auch gelesen und stimme mit Rosa darin überein, daß sie große Vorzüge besitzt und großes Talent verräth; wenn aber die letzten Auftritte, worauf Sie alles angelegt haben, nicht den beabsichtigten Effekt machen, dann kann doch, trotz aller Schönheiten, der Erfolg nicht so ganz herauskommen, wie Ihre Freunde ihn wünschen, und niemand herzlicher als wir.“

Heinrich sah von einer auf die andere, nickte wie einer, der zu begreifen anfängt, und sagte mit trauriger Miene: „Das ist schlimm! Das Vertrauen, das ich auf diese Tragödie gesetzt habe, ist durch diese Urtheile erschüttert; ich kann nicht mehr daran glauben und bin in großer Verlegenheit.“

Die Schauspielerin, die einen Blick herzlichen Bedauerns auf ihn geworfen, sagte nun: „An dem ist es noch nicht, mein lieber Freund! Wir haben Ihre Dichtung als Theaterstück beurtheilt in ihrer jetzigen Gestalt, aber die braucht sie ja nicht zu behalten. Sie können ja ändern und was bedenklich erscheint, herausbringen.“ — Das Gesicht des Autors erhellte sich wieder und er erwiederte: „Das ist wahr.“

Rosa, mit einem gutmüthigen Lächeln, fuhr fort: „Lassen Sie nur erst die Regisseure drüber kommen und das Stück „einrichten!“ So eine Einrichtung hat schon oft Wunder gethan, und wie sollte sie nicht einem Stück zu Gute kommen können, das an Schönheiten so reich ist? Vielleicht schlägt man Ihnen auch vor, einzelne Partien ganz umzuarbeiten —“

Heinrich stand nachdenklich. „Und dazu,“ sagte er dann, „müßte ich mich wohl verstehen?“ — „Gewiß,“ rief das Mädchen. „Ein Theaterstück ist noch ganz was anderes, als eine dramatische Dichtung; und wohl dem Autor, wenn man aus einer solchen überhaupt ein wirksames Stück herausschneiden kann! Es lohnt sich darum schon der Mühe, noch ein paar Wochen daran zu setzen.“

Heinrich lächelte mit Ergebung. „Ich sehe schon,“ erwiederte er, „ich muß wieder von vorn anfangen!“ — „Theilweise,“ versetzte Rosa, „und das thut nichts! Hören Sie überhaupt erst das Urtheil der Regisseure. Ich muß Ihnen bekennen, ich habe mich Ihrer Dichtung gegenüber auf etwas eingelassen, dem ich doch eigentlich nicht gewachsen bin. Einer im höheren Styl gearbeiteten Tragödie es anzusehen, welchen Erfolg sie auf der Bühne haben werde, mein lieber Freund, das ist sehr schwer, und da können noch ganz andere Leute daneben treffen, als eine junge Schauspielerin, die in diesem Fach wirklich nicht zu Hause ist. Nun,“ fuhr sie nach einem Moment fort, „zuletzt muß man’s eben darauf ankommen lassen. Ich weiß, daß Stücke, denen noch auf der Leseprobe der beste Erfolg prophezeit wurde, so ziemlich durchgefallen sind, während andere, über die man die Achseln zuckte, angesprochen haben. Auf den Brettern ändern sich die Verhältnisse oft ganz unerwartet, und wir Schauspieler bringen mit einander heraus, was wir vorher selber nicht wissen können. Das Publikum, das die Eindrücke empfängt, hat zu urtheilen, und urtheilt auch; bei ihm ist der letzte und entscheidende Spruch, und darauf hin muß man’s wagen.“ — „In Gottes Namen!“ rief Heinrich; „wagen wir’s! Und wenn Männer von Einsicht vorher Aenderungen verlangen — ändern wir!“

Nach diesen kräftig betonten Worten erheiterten sich die Mienen. Man war zu einem Resultat gekommen und ließ die Sache für jetzt auf sich beruhen, indem Heinrich sich vorbehielt, an einem der nächsten Tage mit den Freundinnen über Einzelnheiten des Stücks zu berathen. Eine Unterhaltung über andere Gegenstände konnte nicht lang dauern. Die Frauen waren ausgebeten, und Heinrich verabschiedete sich. Er hatte zu seinem Opus wieder Vertrauen gewonnen und war entschlossen, es auf das „Glück der Schlachten“ ankommen zu lassen.

Wenn Heinrich die Erklärungen der beiden Schauspielerinnen überdachte und eins in’s andere rechnete, brauchte er den Muth in der That noch nicht zu verlieren. Der Geschmack beider neigte sich zum Genre, zum Angenehmen und Reizenden, zur leichten Rührung. Das Große, das Erschütternde und eigentlich Tragische war ihnen — zu stark. Darum das enthusiastische Lob des ersten Drittheils seines Stücks, das in milder und höchstens ahnungsvoller Beleuchtung stand, und das zweifelnde Zurückscheuen vor den Schlägen des endlich sich entladenden Gewitters. Männer, zumal solche, deren Fach die Tragödie war, mußten nothwendig anders urtheilen und gaben wohl umgekehrt der zweiten Hälfte den Vorzug vor der ersten.

Unter solchen Gedanken kam er nach Hause. Als er in seine Stube eintrat, sah er, trotz des nächtlichen Dunkels, auf seinem Schreibtisch ein Paket liegen, das er mit einem zufriedenen Ausruf begrüßte. Er hatte seinen Vater um Uebersendung eines Collegienheftes gebeten, das er zu Hause gelassen, freute sich nun der schnellen Besorgung, deßgleichen auf Nachrichten von Hause, und machte eilig Licht. Im Schein der brennenden Kerze warf er einen Blick auf die Adresse: die Hand war fremd. Er betrachtete das Siegel und ein Schauer überlief ihn: die Sendung kam von der Intendanz, es war die Abschrift seiner Tragödie.

In der That enthüllte sich diese aus dem aufgerissenen Umschlag. Ein beigelegtes Schreiben, das der Poet mit einer heftigen Bewegung entfaltete, lautete kurz:

„Ew. Wohlgeboren stelle ich das eingereichte Manuscript Ihrer historisch-romantischen Tragödie hiemit ergebenst wieder zurück, indem ich lebhaft bedaure, daß dieselbe zur Darstellung auf hiesiger Hofbühne nicht geeignet befunden wurde. Mit Hochachtung — von Dachburg.“

Heinrich, nachdem er das Blatt auf den Tisch fallen lassen, stand und rang mit der Verzweiflung, die unaufhaltsam in ihm empor drang. Nun war Alles verloren — Alles! Wenn die erste Bühne seines Landes — sie, die vor allen berufen war, höherer Dichtung entgegen zu kommen, ihm ein Werk, das er mit seinem Herzblut geschrieben, so verachtungsvoll zurückschicken konnte, dann hatte er bisher im Traum eines Thoren gelebt; er hatte sich über die Welt und sich selber gänzlich getäuscht — er war Nichts! Der Grund, auf dem er vorwärts zu gehen meinte, wich, und er sank in’s Bodenlose!

Welche Liebe hatte er seiner Dichtung zugewendet! welch liebenden Fleiß, Jahre hindurch! — Was hatte er in sie hineingearbeitet von edlen Gedanken, holden Gefühlen, großen Vorstellungen, erhabenen Phantasiebildern! Wie hatte er sich gefreut, wenn ihm das Unaussprechliche doch auszusprechen gelungen war und es in wohllautendem Vers, in blühendem Bild ihm selber wohlgefallen mußte! Und nun war Alles nichts — Alles umsonst! Mit tödtlich kühler Phrase wies man die Frucht ausdauernder Begeisterung von der Schwelle des Lebens und rief ihm zu: „Fort in die Finsterniß — und vergehe!“ Nicht einmal einen Versuch machen mit einer Schöpfung, deren poetischer Gehalt über allen Zweifel erhaben war! Nicht einmal einen Vorschlag, die Fülle des Schönen darin für die Bühne zu retten! Verworfen ohne Weiteres!

So kurzer Proceß wird mit dem Ernsten und groß Angelegten gemacht, während man das Seichte, das kindisch Ergötzliche begierig ergreift, ja sogar dem Verderblichen die Hallen des Kunsttempels öffnet! Wahr ist also, was geklagt wird: die Poesie ist in die Acht erklärt! Die Menge will das Gemeine, und das Theater bietet es ihr, um für die hingeworfene Ehre das Geld in Empfang zu nehmen!

Und nun, was soll geschehen? Er dachte an Auguste, an ihre, an seine Eltern — und es war ihm, als ob eisige Messer ihm die Brust zerschnitten. An derselben Vorstellung aber, die ihm noch die bitterste Qual verursachte, erhob er sich wieder. Es ist eine Prüfung für uns — Auguste wird sie bestehen — und ich muß sie auch bestehen! Die Meinigen müssen sich ergeben! Was daraus werden mag — genug der Verzweiflung!

Er nahm das Manuscript nebst dem Schreiben der Intendanz und verschloß es in seinen Schrank. Dann schlug er ein ästhetisches Werk auf, an dem er eben studirte, las und suchte sich mit Gewalt in den Inhalt zu vertiefen. Was aber schon so mancher erfuhr, der in ähnlicher Lage war, das mußte nun auch Heinrich erfahren. Die schmerzlich getroffene Seele kann, so lange die Wunde brennt, sich nicht in der Fassung erhalten, die sie sich auferlegt. In demselben Augenblick, in dem der kämpfende Wille schon gesiegt zu haben meint, bricht die Leidenschaft wieder durch und vernichtet mit Einem Aufsturm die mühsam errungene stolze Haltung. Die Motive des Zorns dringen gegen die Gründe des Trostes an, vertreiben sie mit unwiderstehlicher Gewalt und behaupten das Feld, das gepeinigte Menschenherz!

Heinrich, matt an Leib und Seele, warf sich endlich auf’s Lager und suchte die erlösende Wohlthat des Schlafes; aber vergeblich. In erneuerter Aufregung und neuem Kampf dagegen, in tief ödem Gefühl, der Frucht klarster Anschauung seiner Niederlage, und wüstem Durcheinander weher Empfindungen ging — langsam genug — Stunde um Stunde dahin, und erst gegen Morgen ließ ihn die Erschöpfung in einen dumpfen Schlummer sinken.

Wie kurz dieser währte und wie unruhig er war, der rüstige junge Mann fühlte sich beim Erwachen doch wieder gekräftigt. Die Pflege des Leibes erwies sich auch für ihn als abziehend von den Leiden der Seele. Durch ein substantielles Frühstück wurde die Restauration so weit geführt, daß wieder förmlicher Unternehmungsgeist in ihm aufkam. Er eilte zu Willmann, ihm sein Unglück mitzutheilen und wo möglich etwas Näheres über die Gründe der Ablehnung zu erfahren, wornach er jetzt die größte Neugier empfand.

Der praktische Literat empfing ihn mit ernstem Gesicht, in dem nur ein viel feinerer Beobachter, als unser Poet jetzt war, auch noch den Ausdruck einer gewissen Zurückhaltung hätte bemerken können. Wie Heinrich den Bericht anfangen wollte, entgegnete er ihm: „Ich weiß schon, was Sie zu mir führt. Die Intendanz hat Ihnen die Tragödie zurückgeschickt —“ — „Mit den geringsten Umständen von der Welt! Und ich habe nun das Vergnügen, für die Aussaat des Besten, was ich besaß, und für die treueste Pflege desselben Verdruß und Schmach zu ernten!“

Der Doctor nickte mit Ernst. „Ich kenne diese Empfindungen aus eigener Erfahrung,“ erwiederte er dann, „und bedaure Sie von Herzen. Zu thun ist aber nichts mehr in dieser Sache, denn beide Regisseure haben sich gegen die Aufführung erklärt.“ — „Beide!“ rief Heinrich, indem eine leichte Blässe über seine Wangen flog. „Aber,“ fuhr er nach einer Pause sich wieder ermannend fort, „was haben sie denn für Gründe, das Stück für ganz und gar unbrauchbar zu erklären? Ich resignire natürlich, das versteht sich von selbst; aber diese Gründe kennen zu lernen, hab’ ich wirklich ein großes Verlangen.“

„Dieses,“ versetzte Willmann, „glaube ich befriedigen zu können. Ich habe mit den Herren gesprochen. Es thut beiden leid, daß sie das Stück nicht zur Annahme empfehlen konnten — ja, ja, auch dem Komiker, er hat mir’s wenigstens ernstlich versichert — und ich glaube nun, daß es ihnen selber lieb seyn wird, die Motive, die sie zu ihrem Votum bestimmt haben, Ihnen bekannt werden zu lassen. Vielleicht kann ich Ihnen die Abschriften heute noch zuschicken.“ Heinrich ergriff seine Hand und rief: „Sie würden mich außerordentlich verbinden! Da ich nun doch einmal nichts kann, so möcht’ ich wenigstens erfahren, woran’s liegt, um allenfalls, wenn’s unvermeidlich wird, bei Zeiten mich auf ein anderes Metier zu werfen.“

Willmann schüttelte den Kopf. „Nicht so desperat, mein Freund!“ entgegnete er. „Ich kenne Ihr Stück nicht und kann also eigentlich über Ihr Talent nicht urtheilen; aber zum Aufgeben Ihrer Bestrebungen scheint mir noch durchaus kein Grund vorhanden. Lesen Sie zunächst die Urtheile der Regisseure, die ich selbst noch nicht kenne und auf die ich ebenfalls gehörig neugierig bin.“

Als unser Poet Abends in seiner Stube brütend saß, kam die zugesagte Sendung an. Mit begreiflicher Hast öffnete er das Couvert, nahm die Papiere heraus und griff zuerst nach dem Votum des tragischen Künstlers. Dasselbe lautete:

„Das historisch-romantische Trauerspiel ist ein Erstlingswerk und erweckt als solches schöne Hoffnungen für die Zukunft. Der Dichter gebietet über einen nicht gewöhnlichen Schatz von Empfindung und Phantasie, besitzt auch einen natürlichen poetischen Takt, und wo diese mit einander ausreichen, wie in den ersten Akten, da gelingen ihm anziehende und darstellbare Scenen. Noch im dritten Akt glaubte ich das Stück zur Annahme vorschlagen zu können, aber gegen das Ende desselben zeigt sich ein Mangel an Klarheit des Baus und an Motivirung, der in den letzten Akten immer fühlbarer wird, so daß wir von dem Ganzen einen wüsten und peinlichen Eindruck mit hinwegnehmen. Der Dichter malt zu sehr in extremen Farben, und nicht nur die bösen, sondern auch die edlen Charaktere des Stücks machen endlich den Eindruck von Carikaturen. Das Liebespaar drängt sich ordentlich zum Märtyrthum, unter übertriebenen und prunkenden Deklamationen; wo aber nicht mehr natürlich und menschlich empfunden wird, da können wir nicht mitfühlen und finden daher auch keine Befriedigung. Ich habe reiflich erwogen, ob dem Stück durch Streichen zu helfen wäre, aber bald gesehen, daß es einer völligen Umarbeitung bedürfte. Die Tragödie ist trotz des poetischen Talents, das der Verfasser in allen Akten beweist, als Theaterstück verfehlt, und die Aufführung in seinem eigenen Interesse nicht zu wünschen.“

Heinrich hatte die Lektüre mit einem gewissen Trotz begonnen und glaubte mit ihm das Schlimmste bestehen zu können; aber der Trank, den er zu verschlucken bekam, wurde gegen das Ende doch gar zu bitter; unter unwillkürlichem Schaudern leerte er den Kelch und empfand auf’s neue die ganze Pein der Niederlage. Für den einseitigen Beifall, den ihm gute Freunde gespendet und den er sich selber zugesprochen hatte, mußte er nun in der That grausam büßen. Mit einem Lächeln, welches die Gefaßtheit auf eine noch stärkere und abschmeckendere Mixtur ausdrückte, nahm er das zweite Blatt zur Hand und las:

„Das fünfaktige Trauerspiel von Heinrich Born habe ich mit großem Interesse gelesen; zur Darstellung auf unserer Hofbühne konnte ich es aber mit dem besten Willen nicht empfehlen. Die Schwärmerei der Liebe, die im ersten Akt und theilweise noch im zweiten herrscht, ist zwar noch recht jugendlich; aber wenn der Dialog gehörig beschnitten würde, möchte sich unser Publikum davon doch erwärmt und erbaut fühlen. Die Aussicht, die uns durch die Exposition eröffnet wird, ist ahnungsvoll; indem wir aber gespannt in eine großartige Scenerie vorschreiten wollen, versinken wir plötzlich in Moorgrund. Von dem dritten Akt an bietet uns das Stück ein Interesse, das der Autor gewiß nicht beabsichtigt hat. Daß uns hier überlange pathetische Reden Seufzer auspressen, dort eine Reihe kleiner Scenen wie Hagelschauer auf uns herstürzen, bemerke ich nur beiläufig; obwohl dieß, und wie Tugend und Laster meistens consequent nach Vorschrift sich aussprechen, eines komischen Eindrucks nicht verfehlen würde. Das Schlimmste ist aber die Verletzung der poetischen Gerechtigkeit im Ausgang. Die Hauptpersonen erliegen im Kampf und finden den Tod, obwohl sie ihn in keiner Art verdient haben. Uebertriebenes Pathos und ein auf die Länge schwer zu ertragender Adel der Gesinnung muß ihnen freilich zur Last gelegt werden; aber wie streng dieß auch der gelangweilte Zuschauer beurtheilen mag, als Todsünden können sie am Ende doch nicht gelten; und so würde sich das schwergeprüfte Publikum zuletzt auch noch darüber ärgern müssen, daß das überedle Paar untergeht, während von den Missethätern nur Einer mit in den Abgrund gerissen wird und die übrigen, die auch noch erkleckliche Bösewichter sind, aus ihrer Betäubung sich wieder erholen und ihr Metier fortsetzen können. — Sey mir zum Schluß noch erlaubt zu bemerken, daß der junge Dichter, trotz aller dieser Mißgriffe, nicht nur poetische, sondern auch dramatische Begabung verräth und darum in aller Weise verdient, daß die Hofbühne durch Nichtaufführung dieser seiner Tragödie ihm eine große Beschämung erspart.“

Es gibt ein gewisses Maß von Widerwärtigkeit, das die menschliche Seele in sich aufnehmen kann; was darüber in sie eindringen will, das findet sie entweder fühllos oder entschlossen zur vollkommenen Entsagung, kann daher nicht mehr auf sie wirken. Unser Poet hatte zur Verurtheilung eines Werkes, daß er mit aller Begeisterung der Liebe geschaffen und das ihm theuer, ja heilig geworden war, jetzt auch noch den Hohn zu kosten bekommen. Was konnte weiter geschehen? Welche Anklage, welche Schande gab es noch für ihn? Vorderhand schien der Köcher des Unheils erschöpft zu seyn.

Ruhiger las er die beiden Absprüche wieder. Ihm fiel jetzt namentlich die Rücksichtslosigkeit auf, womit die Herren ihren Tadel ausdrückten. Von der Achtung, die nach seiner Ansicht ein Dichter unter allen Umständen ansprechen konnte, war in diesen Erklärungen sehr wenig zu bemerken, ja es ließ sich nicht läugnen, daß die zweite das Gegentheil davon recht vergnüglich zur Schau trug.

Er war bereit, Vorschläge zu Streichungen und Aenderungen, wie weit sie gehen mochten, anzunehmen und auszuführen. Und wenn dieß geschah, wie sollte eine Dichtung, die schon beim Vorlesen Begeisterung erweckt hatte, von der Bühne herab nicht vielmehr noch gewaltiger ergreifen? Aber freilich: gespielt mußte sie werden, und dazu mußte sie verstanden seyn! Die Hauptcharaktere mußten Darsteller finden, welche den Adel derselben als Natur erscheinen ließen; und auf diese Bedingung scheint man im Gefühl der Ohnmacht hier stillschweigend verzichtet zu haben! Den Seelenadel zu verspotten, war freilich leichter!

Nun war aber in der That alles aus. Das Gebilde, das hier zum wahren Leben gelangen sollte, war hingetilgt und auch als Schatten vernichtet. Der Autor, welcher Märtyrer der höchsten menschlichen Tugenden geschildert hatte, war selbst Märtyrer seines Strebens; er erlag den Streichen, die — ein Philister und ein Spaßmacher gegen ihn geführt hatten! Der Unmuth, den er über die Ungerechtigkeit empfand, und der Stolz, der sich in ihm regte, erhoben ihn wieder zur vollen Kraft des Trotzes gegen die Welt; und dieses Gefühl gab ihm endlich auch die Stimmung zu einem Bericht seines Mißgeschicks an die Geliebte. Er setzte sich an den Pult, überlegte, wie sie und ihre Eltern das Erlebniß auffassen müßten, und schrieb:

„In meiner Tragödie hab’ ich große Seelen geschildert, welche den Prüfungen des Lebens unbeugsamen Muth entgegenstellen und, vom wahren Standpunkt angesehen, aus allen siegreich hervorgehen. Nun, meine geliebte Auguste, mir selber ist jetzt eine Prüfung auferlegt, die ich zu bestehen habe. Aus Gründen, die ich durchaus unstatthaft finden muß, hat die hiesige Intendanz die Annahme meines Stückes verweigert. Man gesteht mir poetische und speciell dramatisch poetische Begabung zu, man findet Anmuth und Schönheit in dem Werke; aber man behauptet, die Effekte in den letzten Akten wären zu stark, könnten eher den gegentheiligen als den beabsichtigten Eindruck machen, und glaubt nun die Aufführung nicht wagen zu dürfen. Ich kann das in keiner Art zugeben, bin vielmehr überzeugt, daß durch gewisse Kürzungen und Abänderungen eben das wirksamste Bühnenstück daraus zu machen wäre. Allein die Ablehnung ist nun einmal erfolgt, und ich halte es unter meiner Würde, mich damit wieder aufzudrängen. Der Ersatz und Trost ist jedoch schon da. Ich arbeite an einem neuen Stück, worin das, was man am ersten getadelt hat, aus allen Gründen gar nicht vorkommen kann; ich bin schon im zweiten Akt, und hoffe mit ihm noch entschiedener zu erreichen, was mit unserer Tragödie anzustreben mir versagt wird, indem ich mir vorbehalte, auch diese noch zu den Ehren durchgreifender Bühnenwirkung zu bringen. Der Erfolg, den zu holen ich hieher gekommen bin, ist nur vertagt.

„Sehr verdrießlich ist mir diese Erfahrung dennoch, und im ersten Moment, wie ich nicht läugnen will, übte sie eine entmuthigende Wirkung auf mich. Ich besann mich aber wieder auf meinen Beruf, meine Kraft, und halte den Kopf oben. Laß mich du nun die Stimme der Liebe hören, die Trostworte einer edeln und gütigen Seele! Mein Selbstgefühl und meine Thatkraft hab’ ich wieder; aber dein liebender Zuruf wird mir auch die Freude, die schöne Begeisterung wieder bringen, womit die Poesie von selbst aus der Seele fließt. Ich verlange sehnlich nach einem Wort von dir. Grüße die Eltern und laß ihnen die Sache in einem Licht erscheinen, das sie am wenigsten verletzt. Schreibe mir bald, liebe Auguste, sobald als möglich!“

Heinrich trug diesen Brief selber auf die Post. Nachdem dieß aber geschehen, fühlte er sich matt an Leib und Seele, und da er in der gegenwärtigen Situation durchaus kein Interesse hatte, mit Bekannten zusammenzutreffen, so begab er sich in ein Gasthaus. Das preiswürdige Getränk durch die Kehle gießend, empfand er bald seine zugleich stärkende und besänftigende Wirkung. Es war eine eigene, in ihrer Art auch poetische Lust, nach der eben so großen als unerwarteten Niederlage melancholisch den Gaumen zu erquicken und im Herzen allgemach die Hoffnung wieder aufleben zu lassen; ein wundersames Durcheinander von Gefühlen. Nachdem er dem gewöhnlichen Maß des Abendtrunkes noch einen Zusatz gegeben, fand er die Kraft in sich, die beiden Regisseure mitsammt der Theaterintendanz tief unter sich zu erblicken und ihnen mit allem Vergnügen die Titel zu geben, die sie nach seiner Ansicht gründlich verdient hatten. Schlag gegen Schlag und Hohn gegen Hohn — das thut der männlichen Seele wohl, und der Geist erhebt sich wieder zu der ihm gebührenden Höhe.

Es war Mitternacht, als Heinrich nach Hause kam. Die Schmähmonologe laut fortsetzend und damit sein Herz inniglich ergötzend, legte er sich zu Bette und fiel bald in tiefen Schlaf.

V.

Heinrich, als Dichter, war sehr empfindlich für üble Eindrücke; aber wie tief sie im ersten Moment gehen mochten, ihre Dauer war kurz, da seine elastische, vorwärts gehende Natur sich nach Möglichkeit immer wieder davon befreite. Am folgenden Morgen, nach einem Schlummer, in welchem er das in voriger Nacht Versäumte gründlich hereinbrachte, hatte er seine Gefaßtheit wieder und genoß einer wohlthuenden Stille des Herzens. Freudlos war er allerdings und nicht gehoben durch das schöne Leben der Hoffnung, aber doch vorläufig getröstet. Im tiefsten Innern war noch ein unerschütterlicher Rest von Zuversicht, und mit ihm gedachte er das gefallene Gebäude seines Glücks aufzurichten.

Als er in der warmen Stube hin und her wandelte, ging ein humoristisches Licht über seine Züge. Er nahm den Kalender, suchte den Tag, an welchem die Intendanz ihm seine Tragödie zurückgeschickt hatte und lächelte seltsam. Er las den Namen Jonas. — Konnte es (wenn es nicht am Ende mehr war) ein auffallenderes Spiel des Zufalls geben? Ein aus dem Bauch eines Wallfisches an’s Land gespuckter Prophet! Welche Aehnlichkeit mit seinem Fall, wenn man, wie das bei Vergleichungen geschehen muß, von der Unähnlichkeit Umgang nahm! Unser Poet sah sich in seiner Ansicht bestärkt, daß man hier als ungenießbar ausgeworfen habe, was für den betreffenden Rachen nur viel zu gut, weil viel zu ätherisch war; und man findet nun gewiß natürlich, daß er auf das Erlebniß Reflexionen gründete, die ganz darnach angethan waren, ihn weiter zu beruhigen.

Eine Widerwärtigkeit, auch wenn das Aergste überstanden ist, hat aber doch immer noch ihre Folgen. Am nächsten Tage stand in dem verbreitetsten Blatte der Residenz folgender Passus: „Die historisch-romantische Tragödie, die nach der pomphaften Ankündigung eines hiesigen Journals ganz ungewöhnliche Hoffnungen erregen sollte, ist dem Autor, Heinrich Born, von der Intendanz als für die Darstellung unbrauchbar wieder zugestellt worden. So hat also auch dießmal voreiliges Lob einem jungen sogenannten Talent nicht zum Fortkommen, sondern nur zur Beschämung verholfen!“

Heinrich, als er diese Zeilen beim Mittagessen, und zwar gänzlich unvorbereitet las, fuhr zurück wie von einer Schlange gebissen: er fühlte in dem Einen Stich alle Pein literarischen Prangerstehens. Hastig sah er in dem Lokal sich um und pries sein Geschick, daß wenigstens kein Bekannter da war, der ihn hätte beobachten können. Allerdings ein sehr fataler Beginn des öffentlichen Genanntwerdens, nach dem er so großes Verlangen getragen und das er sich so schön vorgestellt hatte! — Der Appetit war ihm verdorben; er eilte fertig zu werden, da immerhin Ein und der Andere eintreten mochte, dem er bekannt war, und verließ die Restauration in kürzester Zeit.

Aber niemand entgeht seinem Schicksal. Als er durch eine Straße wandelte, in der die Möglichkeit einer unangenehmen Begegnung sehr gering war, sah er plötzlich eine Figur auf sich zukommen, der er jetzt von allen am wenigsten sich darstellen mochte — den Professor Sartorius. Ausweichen konnte er nicht mehr, es wäre auch feige gewesen, und so ging er gerade vorwärts, zog instinktmäßig den Hut und rief mit gebührender socialer Achtung den Gruß des Tages. Der Professor lüpfte seinen Hut schweigend, sah mit einem Gesicht für sich hin, das in Spott und Schadenfreude die feinste Genugthuung verrieth, und ging an ihm vorüber. Er hatte den Passus nicht nur auch gelesen, sondern ihn seiner Frau gezeigt und ihr die Anerkennung abgenöthigt, wie gänzlich er seinen Mann gleich beim ersten Gespräch erkannt habe.

Als der Poet sechs Schritte über ihn hinaus war, drehte er sich um und sah ihm nach. „Vermaledeiter Pedant!“ rief er für sich und setzte innerlich murrend seinen Weg fort.

Eine halbe Stunde unbehelligt, hatte er doch noch ein Zusammentreffen zu bestehen. Um eine Ecke biegend, stand er vor Doctor Dorn, der einen leichten Ausruf der Ueberraschung hören ließ und ihn dann mit einem höchst eigenthümlichen Lächeln begrüßte. Es war eine Complication von Schadenfreude, eigener Beschämung und trotziger Geringschätzung derselben, wozu noch ein Zug spottender Anklage kam. „Nun,“ fragte er den gleichfalls Ueberraschten und ziemlich Verlegenen, „haben Sie schon gelesen?“ Der Poet machte eine Bewegung des Bedauerns, die zugleich verachtende Erhebung über den Unfall ausdrücken sollte.

„Da haben wir uns eine saubere Geschichte eingebrockt!“ fuhr jener fort. „Ich habe Ihr Stück nach Ihrem Referat und nach den Versen, die Sie mir vordeklamirten, empfohlen, und bin nun im Grund mit Ihnen blamirt!“ — Heinrich zuckte die Achsel. „Es thut mir leid,“ entgegnete er. „Indessen,“ setzte er etwas spöttisch hinzu, „Sie werden es wohl verschmerzen.“

Dorn strich sich mit der Miene eines erprobten Kämpfers den Bart. „Nun,“ versetzte er, „das hoff’ ich auch. Morgen ist der Bettel vergessen! — Für Sie,“ fuhr er spielend fort, „ist die Sache etwas unangenehmer; aber bilden Sie sich darum noch keinen Kummer ein! Solche kleine Unglücksfälle kommen so oft vor, daß sie eigentlich gar nicht der Rede werth sind. Auch schaden sie nichts; im Gegentheil: ein von Vielen gelobter und Vielen geschmähter Mann ist eben eine Celebrität; und was kann man sich Besseres wünschen?“

Der Poet antwortete auf diese richtige, aber mitten im Verdruß des Bloßgestelltseyns doch nicht völlig tröstende Bemerkung mit einem nur halb erheiterten Gesicht. „Diese Veröffentlichung einer Niederlage,“ sagte er dann, „und der Ton, worin sie gehalten ist, verräth doch eigentlich eine große Feindseligkeit. Was hat das Blatt gegen mich?“

„Das Blatt hat nichts gegen Sie,“ versetzte Dorn. „Aber der Feuilletonist — Emil Schilf — ist Autor von zwei Stücken, die hier mit Glanz durchgefallen sind. Die Hervorhebung Ihrer Tragödie hat ihn geärgert, das wirkliche Reüssiren derselben hätte ihn mit giftigem Neid erfüllt; was ist also natürlicher, als daß er bei Ihrem Unglück inniges Vergnügen empfindet und sich die Freude macht, es an die große Glocke zu hängen?“ — „Verächtlich!“ rief Heinrich.

„Begreiflich,“ entgegnete Dorn, „und sehr gewöhnlich!“ Er schwieg, sah ihn freundlich an und sagte: „Wie steht’s mit Ihrem neuen Stück? Rückt’s vor?“

„Der zweite Akt ist zur Hälfte gediehen, und ich hoffe darin alles vermeiden zu können, was man am ersten Drama gerügt hat.“ — „Bravo! Nur immer lustig vorwärts!“ Nach kurzem Innehalten sah er ihn von der Seite an und fuhr fort: „Haben Sie zufällig auch schon Zeit gefunden, einen Blick in mein Buch zu werfen?“ — „Noch nicht. Die Aufregung und der Verdruß der letzten Tage —“ — „Natürlich,“ fiel Dorn ein. „Aber nehmen Sie’s nun doch gelegentlich zur Hand! Sie werden manches darin finden, was Ihnen eben jetzt wohlthut — auch über Theater und Theaterleute.“ — „Ah,“ rief der Poet, „dafür hätt’ ich gegenwärtig allerdings die Stimmung!“ — „So lesen Sie,“ erwiederte der Autor, indem er ihm die Hand reichte; „amüsiren Sie sich und spitzen Sie Ihre Feder! Es wird alles noch gut werden.“

Unser Dichter hatte wiederholt die Mahnung empfunden, seine Freundinnen zu besuchen, aber nicht die Scheu bezwingen können, jetzt vor sie zu treten. Er war gar zu sehr gedemüthigt, und der Gedanke, den Frauen, denen er Achtung abgewonnen hatte, nun ein Gegenstand des Mitleids und vielleicht gar einer Art von Geringschätzung zu werden, hatte etwas außerordentlich Unangenehmes für ihn. Endlich aber faßte er sich doch; er wollte auch dieses Verhältniß in’s Reine bringen, wenn auch um den Preis eines vielleicht sehr fatalen Moments, und begab sich stehenden Fußes zu ihnen.

Mutter und Tochter begrüßten ihn sehr herzlich. Rosa ergriff seine Hand, sprach ihr Bedauern in ernster, achtungsvoller Art aus und fügte die sachgemäßen Tröstungen so freundlich hinzu, daß sie wahrhaft erquickend wirkten. Heinrich, sich selbst wiedergegeben, versetzte: „Seyen Sie außer Sorge! Ich bin noch immer ein Poet, und hänge nicht von Einem Stücke ab.“

„Bravo!“ rief das Mädchen erfreut, und die Mutter setzte hinzu: „Ein Unglück beim Anfang ist oft eher ein Glück; man hat um so mehr Hoffnung, mit Glück aufzuhören.“ — „Wenn man’s erlebt!“ erwiederte der Poet mit etwas bitterem Humor. „Indessen, das hängt nicht von uns ab. Thun wir das Unsere und erwarten wir die Folgen!“

Rosa, die aus dem Accent und der Miene Heinrichs abnahm, daß er im Innern von seinem Mißgeschick doch noch sehr bedrückt war, sagte für sich hinsehend: „Wer weiß, ob diese Zurücksendung Ihrer Tragödie nicht schon selber ein Glück war!“

Der Autor, der sie augenblicklich verstand, entgegnete: „Sie meinen, daß mir dieses kleine Unglück das noch viel größere eines eclatanten Falles erspart haben könnte?“ — Rosa, leicht erröthend, machte eine Bewegung mit den Armen, welche die Möglichkeit nicht läugnen wollte. — „Also auch Sie!“ fuhr Heinrich mit einem Ausdruck von Anklage und Kümmerniß fort, „auch Sie geben das Stück unrettbar verloren!“ Er sah sie an und brach unwillkürlich in die Frage aus: „Ist es denn aber so gar schlecht?“

Die Frauen konnten sich bei der Naivetät dieses Ausrufs einer Anwandlung von Lachen nicht erwehren und Rosa beeilte sich zu erwiedern: „Durchaus nicht — an sich selbst, aber für die Aufführung höchst bedenklich!“ — „Höchst bedenklich!“ wiederholte der Poet, wie einer, der betroffen die Stärke eines Ausdrucks erwägt. „Und das sogenannte Einrichten konnte dem nicht abhelfen?“ — „Vielleicht,“ erwiederte Rosa. „Aber es gab so viel Kopfzerbrechens und so viel Arbeit, daß Sie leichter und sicherer ein neues Stück ausführten.“

Der Poet, nach momentanem Besinnen, machte eine entschlossene Bewegung und rief: „In Gottes Namen! Das neue Stück, wie Sie wissen, ist angefangen, und ich werde es zu Ende bringen. Die Lust, zu schaffen, ist noch die alte, und der Muth deßgleichen!“ — Die Künstlerin schwieg und ihre Miene verrieth keine Zustimmung. — „Sie zweifeln am Gelingen?“ rief Heinrich. „Wie! Haben Sie gar kein Vertrauen zu mir?“ — „Zu Ihnen,“ erwiederte Rosa mit herzlichem Ernst, „alles, zu Ihrem neuen Stück wenig. Es ist wieder ein Trauerspiel!“

„Nun,“ versetzte Heinrich nicht ohne Unmuth, „das ist doch wohl an sich kein Verbrechen! Oder soll das Trauerspiel ganz in die Acht erklärt seyn? Darf jetzt überhaupt keines mehr geschrieben werden?“ — „Das,“ versetzte Rosa, „will ich durchaus nicht sagen. Aber der Gegenstand Ihres neuen Stücks hat seine Gefahren; ich wünsche Ihnen sicheren und wo möglich allgemeinen Erfolg, und der ist jetzt nur mit einem gelungenen Schauspiel oder Lustspiel zu hoffen.“

Heinrich, durch die freundschaftliche Theilnahme begütigt, entgegnete: „Es mag seyn; ein rein realistisches Drama kann, wie der Geschmack jetzt ist, am sichersten durchschlagen. Aber was hilft mich das? Ich habe keinen Entwurf. Mir einen abzuquälen, ist nicht meine Art und würde auch zu nichts führen. Es mag ein Unglück seyn, aber es ist nun einmal so.“

Rosa hatte bei dieser Entgegnung für sich hingesehen. Jetzt, mit Lächeln den Kopf erhebend, fragte sie: „Würden Sie eins ausführen, wenn man Ihnen den Stoff dazu gäbe?“ — Heinrich, nachdem er sie forschend betrachtet, erwiederte: „Das kommt darauf an. Wenn mich die Aufgabe in die Seele träfe, Liebe und Leidenschaft in mir erweckte —“

Während dem hatte die Mutter den Kopf geschüttelt und einen Blick der Verwunderung auf die Tochter geworfen, der sich aber bald in einen Blick der Zärtlichkeit wandelte. Rosa, mit einem Ausdruck ernster Freude, entgegnete dem Poeten: „Nun, ich glaube einen solchen Stoff zu haben und will ihn an Sie abtreten!“

Heinrich schaute betroffen, fast gerührt auf sie. „Ist’s möglich?“ rief er. — „Ja, ja,“ versetzte die Mutter. „Sie hat nicht nur einen Stoff, sondern einen genauen Plan, und schon einzelne ausgeführte Scenen!“

Heinrich wußte nicht, was er sagen sollte. Sein Auge hing an der Künstlerin, die erröthet war, und mit einem Ton liebenden Interesses rief er endlich: „Wie! Sie sind dramatische Dichterin? — Und das erfahr’ ich erst jetzt?“ — „Ein gutes Sujet,“ erwiederte das Mädchen, „und ein harmloser Versuch, es zu dramatisiren, macht noch lange keine Poetin. Ich hab’ im Gegentheil bei der Ausführung gefunden, daß mir just die Poesie abgeht, und da ich den Gegenstand für sehr günstig halte und ganz dafür eingenommen bin, so würden Sie mich geradezu glücklich machen, wenn Sie sich seiner annehmen wollten.“

Heinrich schüttelte den Kopf mit einer Miene des Widerstrebens. „Das geht nicht,“ rief er, „das darf ich nicht! Ich Sie berauben? Unmöglich!“ — „Wenn ich mich nun aber berauben lassen will?“ entgegnete das Mädchen nicht ohne Ungeduld. „Soll man Ihnen nicht einmal etwas schenken dürfen, Sie großartigster aller Sterblichen? Seyen Sie doch nicht gar zu gewissenhaft! Es kleidet niemand gut, am wenigsten die Poeten!“ Nach einer Pause, in der sie ihn lächelnd ansah, fuhr sie fort: „Nun? — Sie thun mir wirklich einen Gefallen. Ich bin der Aufgabe nicht gewachsen und würde Gott weiß wie lange daran herum arbeiten; aber Sie können etwas daraus machen. Ich gönne Ihnen den Stoff, und meinem Stoff den Poeten.“ — Das Gesicht Heinrichs klärte sich auf. „Nun,“ rief er, „wenn es Ihnen ernst ist —“ — „Vollkommen! Hier meine Hand und meinen Dank.“

Der Poet schüttelte die dargebotene Rechte und Rosa fuhr mit wahrer Genugthuung fort: „Der Handel ist abgeschlossen. Ich will die Blätter nochmal durchgehen und Ihnen das Ganze dann säuberlich vorlegen. Prüfen Sie und machen Sie daraus, was Sie wollen.“

Der Poet war von diesem Beweis theilnehmendster Güte wahrhaft gerührt. Er dankte und pries das Glück, eine so treffliche Freundin gefunden zu haben, in so warmen Ausdrücken, daß ihn beim Abschied auch die Mutter bewegt lächelnd und mit einer Miene ansah, als ob sie entschlossen wäre, sich in etwas Unvermeidliches zu fügen.

Heinrich war von der neuen Aufgabe — obwohl sie ihm noch eine bloß allgemeine war — sofort ergriffen. Er brachte die nächsten zwei Tage in Ueberlegungen und Phantasien zu, die sich fast alle auf sie bezogen, versetzte sich in moderne bürgerliche Menschen, rief sich die Erfahrungen in’s Gedächtniß, die er selber gemacht, und suchte Reden und Gesprächsfragmente auszudenken, die zugleich richtig und pikant waren. Er bildete ein förmliches Schauspielwollen in sich aus und kam zu den Freundinnen am dritten Tage voller Begierde, auf diesem Feld einen Versuch zu machen.

Rosa theilte ihm das Sujet in Kürze mit, las ihm dann ihren Plan und endlich, von ihm ermuthigt, sogar die ausgeführten Scenen vor.

Die Handlung gründete sich auf ein thatsächliches Ereigniß in einem früheren Bekanntenkreise der beiden Künstlerinnen, was dem Conflikt und dem Ausgang etwas lebendig Eigenthümliches gab. Im Wesentlichen eine „alte Geschichte,“ aber durch die neuen Beziehungen, in welchen sie verlief, neu und charakteristisch für die gegenwärtige Zeit. Menschliche Charaktere; die guten mit Schwächen und natürlichen Beweggründen, ihre Gegner neben begreiflicher Selbstsucht mit honetten Elementen ausgestattet; der Zusammenstoß und der Gang der Intrigue von der Art, daß die Hauptpersonen die verschiedenen Seiten ihres Wesens herauswenden konnten, die edleren Charaktere im Moment der Entscheidung siegreich die bessere Wahl trafen, sich erprobten und steigerten, die Vertreter der Intrigue, der Lockung anfänglichen Gelingens nachgebend, sich verstrickten und selber fingen, um zuletzt der Beschämung überliefert, zur Entsagung und Unterwerfung gezwungen zu werden. Alles das verlief im Plane so natürlich zusammenhängend, daß die Organisation im Wesentlichen gegeben war und die Phantasie nur auf poetische Begründung und Bereicherung zu denken hatte.

In Heinrich, als er den Entwurf übersah und die Anschauung, was man daraus machen könnte, ihn erhob, regte sich die erfindende Kraft. Was jenes Votum des ersten Regisseurs an ihm als natürlichen poetischen Takt gerühmt hatte, das zeigte er jetzt auf eine die Künstlerin angenehm überraschende Weise, indem er mit Sicherheit die Punkte markirte, wo Angelegtes wirksamer entwickelt, neue Effekte angebracht und mit dem Vorhandenen lebendig verbunden werden konnten. Sogar für ein paar komische Auftritte ersah er den Platz und mehrte die Zahl der Personen durch die Figur eines drolligen Gesellen, den er auf der Universität kennen gelernt hatte und jetzt der Freundin als Einlage sehr plausibel zu machen wußte.

Nachdem man, unter Assistenz der Mutter, ein paar Stunden lang erwogen, debattirt und sich verständigt hatte, konnte man sich rühmen, einen Plan zu besitzen, den man für höchst versprechend halten mußte. Heinrich war voller Freude. Das Thema begann vor seiner Seele zu leuchten, und er sehnte sich innig nach der Gestaltung.

Eines erschien ihm daran besonders reizend. Die Heldin, die im Plan Rosas Antonie hieß, zeigte eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit Auguste. Wie diese mußte er Antonie sich vorstellen, und gleich Antonie würde Auguste gehandelt haben, wenn sie durch Schickungen in dieselbe Lage gekommen wäre. Eine Freundin dagegen war in einer Weise gedacht, daß er bei Zeichnung des Bildes mit Glück Züge von Rosa selber verwenden konnte, unter welcher Voraussetzung er einen sehr anmuthigen Charakter zu schaffen gewiß war. — Welche Lust nun, in Ausführung dieser Gestalten seiner Zärtlichkeit als Liebender und Freund zu gleicher Zeit genügen, die Geliebte verherrlichen, der edeln Freundin aber eine Rolle schreiben zu können, worin sie den Lohn des reichsten, beglückendsten Beifalls ernten mußte!

Dieser Gedanke entzückte ihn so sehr, daß er dem lieben Mädchen zum Abschied mit einer Herzlichkeit und Innigkeit in’s Auge sah und die Hand drückte, daß seine Haltung von der eines Liebenden kaum mehr zu unterscheiden war. Hätte sie bei der wohlwollenden Ueberlassung an Lohn gedacht, in diesem Moment erhielt sie ihn.

„Das muß gelingen!“ rief der Poet noch mit frohem Pathos. „Ich werde das Meinige — das Meinigste thun, Sie werden helfen, verbessern, zurechtweisen — und mit einander werden wir ein Werk hervorbringen, das dem Publikum Thränen entlocken und es zu begeistertem Dank hinreißen soll! Adieu für jetzt! In acht Tagen sehen Sie den ersten Akt!“

Mit strahlenden Blicken empfahl er sich, um selbstbewußt und stattlich seiner Wohnung zuzuwandern.

Er war voller Zuversicht, er anticipirte den Sieg, und hatte doch das Gefühl, daß er dadurch nicht die Nemesis reizte. Der Erfolg lag dießmal in der Sache. Charaktere, Beziehungen, Conflict und Lösung, Alles war natürlich, menschlich ansprechend und befriedigend. Die ehrenwerthen Personen hatten so viel Schwäche, daß man an ihre Tugend glaubte und sich ihrer freute, die andern so viel Gutes, daß man ihr Vergehen begriff und ertrug. In dichterischer Ausführung konnte er für alle interessiren, und der Schluß mußte nothwendig beglückend, erhebend wirken. Die Lebenswahrheit, die freundliche Mäßigung und die labende Frische der Natur, das war es, was dem neuen Gemälde die Herzen gewinnen mußte. Er stellte sich’s recht lebhaft vor und erquickte sich innig an diesen Eigenschaften.

Auf einmal zuckte er, wie erschreckt. Eine peinliche Empfindung malte sich auf seinen Zügen und das schöne Roth der Freude wandelte sich in das düsterdunkle der Scham. Er hatte an seine Tragödie gedacht, mit dem klaren Blick des Moments die Gestalten derselben prüfend überschaut: und wie durch einen Zauberschlag war der täuschende Flor gefallen, durch den er sie bis jetzt gesehen; sie standen vor ihm in all ihrer Einseitigkeit, Unnatur, Uebertreibung, und Qualgefühle gingen durch sein Inneres.

So vollzieht sich der Fortschritt in gewissen Naturen. Man denkt Ideale, prägt sie mit Lust aus und sieht die Bilder mit aller Liebe und Freude des Schöpfers. Der untersuchende Verstand Anderer entdeckt die Gebrechen daran und hebt sie hervor; man ist dagegen gewaffnet. Das Mißurtheil hat Mangel an Auffassung oder böser Wille gefällt; es wäre Thorheit, ja Verrath, sich ihm zu unterwerfen! — Neue, schärfere Angriffe rütteln an dem Werk und dringen schmerzend in das Herz des Urhebers. Die Stimme der Freundschaft spricht das Wort der Rüge und wirkt Bedenken, Zweifel. Zweifel! Das Herz wird beunruhigt, aber noch lebt in ihm die Hoffnung. Da sieht der Geist in reiner Gestalt das Aechte, Gute, wenn auch bescheiden Gute; er ist genöthigt, es als Maßstab anzulegen an die so hochgehaltenen Gebilde; und wie in der Sage Zauberinnen, welche durch eine magische Zierrath als Musterbilder der Schönheit die Sinne bestrickten, nach Hinwegnahme derselben plötzlich durch eben so große Häßlichkeit erschrecken, so grinst den Unglücklichen die Kehrseite des Bildes in aller Grellheit an; er sieht, im Innersten verwirrt, nur die Ungestalt und diese noch übertrieben, er gesellt sich zu den Feinden seines Produkts und tobt gegen sich selber.

Noch vor einer Stunde hatte die Freundin die Personen ihres Entwurfs mit Seitenblicken auf die Figuren der abgewiesenen Tragödie charakterisirt und den Autor an diesen den Mangel an Natur und Wahrheit fühlen lassen. Aber dadurch wurde er noch nicht besiegt. Die Schauspielfiguren hatten vor jenen Idealen allerdings etwas voraus, aber diese noch mehr vor jenen; beide hatten ihren Werth, ihre Schönheit, ihre Sphäre des Wirkens. Jetzt aber, nachdem es ihm wie Schuppen vom Auge gefallen, wurde er selbst Richter, um nicht zu sagen Rächer; die Angriffe der Andern, die er früher abgewiesen, verbanden sich mit ihm und drangen mit ihm vereint gegen das Werk an, und es ging in Trümmer.

Es war ein sehr schmerzliches Gefühl, das völlige Aufgebenmüssen einer so unendlich geliebten und unwillkürlich bewunderten Schöpfung! Die Selbstverdammung gab dem Urheber eine Art Genugthuung, verlief sich aber in tiefe Oede des Herzens, und die Verzweiflung begann ihre schwarzen Fittige wieder um sein Haupt zu schlagen.

Doch jetzt konnte sie ihn wohl anfallen, nicht bezwingen. Gottlob! gottlob! sein Werk lag zu Boden, er selber stand! Der Ersatz für den schmerzlichen Verlust war gegeben, er täuschte sich nicht. Die neue Dichtung mußte gelingen und ihm halten, was er sich von jener allzuhoch gespannten nur trügerisch versprochen hatte. War es doch auch eine schlichte Aufgabe, die er ergriff, der er sich fügte! Uebte er doch in der That, wenn er ihr sich hingab, die Tugend der Selbstbezwingung und Selbstbescheidung! Er hatte durch die Sirenenstimme der Einbildung sich verlocken lassen zur Selbstüberschätzung, Selbstüberhebung. Aber er war vollauf gestraft, er erkannte sein Unrecht, er wollte das Bessere — und nun mußte es ihm auch gelingen.

Die neue Arbeit stand vor ihm in täuschungsloser Klarheit. Denn freilich seit Langem kannte er die Aufgabe der Dichtung: die Natur zu verklären, die Menschen aufzufassen, wie sie sind, und sie mit ihren wirklichen Eigenschaften zu idealisiren. Wie oft hatte er sich das gesagt! Auch geschrieben hatte er’s und drucken lassen für Andere! Dennoch ließ er sich auf einen Irrweg verlocken, weil ihn eben der Wahn blendete, in reinen Musterbildern des Guten und Bösen, deren jedes leidenschaftlich und in diesem Sinn auch lebensvoll nach seinem Ziele ging, das überschwänglich Poetische zu leisten. Nun aber, nachdem er den Wahn als Wahn erkannt, war ihm jenes natürliche Ideal der Dichtung nicht mehr bloßer Gedanke, sondern historisch erprobte, durch Erfahrung bestätigte Wahrheit. Nun hatte er’s im Wollen, und nun mußte er’s auch haben im Vollbringen!

Unter diesen Gedanken war er nach Hause gekommen. Er trat in seine Stube als ein verwandelter Mensch: gedemüthigt, aber auch wieder erhoben und festen, freudigen Sinnes. Auf dem Tisch lag ein Schreiben: es war von Auguste. Der Liebende erbrach es mit dem Vorgefühl, daß es herzlich Gewünschtes bringen werde — und er täuschte sich nicht. Das Schreiben lautete:

„Mit dem größten Leidwesen, mein lieber, guter Heinrich, hab’ ich deine letzte Meldung gelesen. Ist es denn möglich? Eine Dichtung, die uns Alle begeisterte, von der wir noch lange nachher mit Bewunderung gesprochen haben, sie soll nicht einmal der Aufführung werth seyn? Man schickt sie dir wieder zurück, als wäre sie ein schlechtes Machwerk! O wie unendlich bedaure ich dich! Ich kann an meiner eigenen Entrüstung abnehmen, wie groß die deine gewesen ist, und bewundere jetzt deine Fassung und deinen neuen Muth. Das Genie und die Liebe und der Fleiß, den du auf diese Dichtung gewendet hast, Alles soll vergebens gewesen seyn? Bist du denn nicht verzweifelt?

„Ich muß mir dein poetisches Talent recht vergegenwärtigen und lebhaft daran denken, daß man eben so eigene und ungewöhnliche Zwecke, wie du sie hast, in dieser Welt nicht auf den ersten Anlauf erreicht, wenn ich nicht selbst verzweifeln soll. Wie schwierig ist es — ich hab’ es ja von dir gehört und mit dir erlebt! — ein dramatisches Werk zu schreiben! Damit ist aber noch nichts gethan. Nun soll es die Prüfung bestehen von Menschen, die vielleicht gar nicht gerecht urtheilen mögen, und wenn es diese bestanden hat, dann soll es auf der Bühne nach dem Geschmack des Publikums seyn, den man nicht berechnen kann. Welche Gefahren, welche Sorgen liegen auf diesem Weg! Ja wahrlich, die Ehren und das Glück, die man im günstigen Fall gewinnt, dürfen sehr groß seyn, wenn sie diese Anstrengungen und Aufregungen irgend belohnen sollen!